Wien – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de Tue, 06 Jun 2023 12:11:44 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.0 https://ansch.4lima.de/wp-content/uploads/2024/10/cropped-favicon-32x32.png Wien – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de 32 32 „Alarmismus ist angebracht“ https://ansch.4lima.de/alarmismus-ist-angebracht/ https://ansch.4lima.de/alarmismus-ist-angebracht/#respond Fri, 26 May 2023 04:42:32 +0000 https://anschlaege.at/?p=109778 Die Zeit, die Folgen der Klimakrise zu bremsen, wird immer knapper, politisch gibt es aktuell mehr Rückschläge als Erfolge. Wie kann eine Klimabewegung die Wende schaffen? Lea Susemichel und Brigitte Theißl haben bei Aktivistin Lena Schilling nachgefragt. an.schläge: Deutschland hat mit der Unterstützung Österreichs in letzter Minute das umfassende Aus für den Verbrennungsmotor verhindert und […]]]>

Die Zeit, die Folgen der Klimakrise zu bremsen, wird immer knapper, politisch gibt es aktuell mehr Rückschläge als Erfolge. Wie kann eine Klimabewegung die Wende schaffen? Lea Susemichel und Brigitte Theißl haben bei Aktivistin Lena Schilling nachgefragt.

an.schläge: Deutschland hat mit der Unterstützung Österreichs in letzter Minute das umfassende Aus für den Verbrennungsmotor verhindert und will auch auf E-Fuels setzen. Wie schwer ist dieser Rückschlag?

Lena Schilling: Die klimaschädliche Verkehrspolitik ist ein Mitgrund dafür, warum wir die Klimaziele nicht erreichen werden. Der Verkehr ist in Österreich der Sektor, in dem die Emissionen in den letzten dreißig Jahren am stärksten angestiegen sind. Jedes Jahr haben wir einen Höchststand an neu zugelassen Autos in Österreich, und das liegt nicht an der Unwilligkeit von Menschen, zur Lösung der Klimakrise beizutragen, sondern an politischen Entscheidungen. Zwischen 2000 und 2020 wurden 500 Kilometer an Schienen abgebaut und über 300 Kilometer Autobahnen zugebaut. Wenn Nehammer sagt, Österreich sei ein Autoland, dann nur, weil die ÖVP es dazu gemacht hat.

Wo sehen Sie angesichts solcher Rückschläge die zentralen Herausforderungen? Welche politischen Forderungen sollten klimapolitisch aktuell im Vordergrund stehen?
Solche Rückschläge dürfen nicht hingenommen werden! Wir müssen die Politiker*innen zur Verantwortung ziehen und öffentlich konfrontieren. Die Zeit des Appellierens ist vorbei! Ganz konkret gibt zwei Bereiche, in denen vorgestern schon notwendige Transformationen hätten passieren müssen, nämlich in der Frage der Mobilität und der Energie. Einerseits fehlen in Österreich dringend notwendige Gesetze wie das Klimaschutzgesetz und das Erneuerbare-Wärme-Gesetz, aber vor allem fehlt es an Transparenz darüber, wie unsere Klimaziele überhaupt eingehalten werden sollen. Wir hören seit Jahren schöne Worte und leere Versprechen, was fehlt, ist ein effektiver Plan.

Der politische Kampf um die Klimakrise ist vor allem auch ein Kommunikationskampf, in dem „die Klimakleber“ skandalisiert werden statt die Klimakatastrophe. Was lässt sich dem entgegensetzen? Geht es vor allem um gute PR und das richtige Framing, um politisch etwas bewirken zu können? Von den erschreckenden Fakten lassen sich viele offenbar nicht beeindrucken.

Wir brauchen Aktionen, die diejenigen, die tatsächlich an den Krisen schuld sind, adressieren. Wir haben das gerade aktuell bei der European Gas Conference gesehen. Es gibt Lobbyisten von fossilen Großkonzernen, die hinter verschlossenen Türen, also unter Ausschluss der Öffentlichkeit, über die Zukunft der Energieversorgung diskutieren. Während sie unsere Zukunft verscherbeln wollten, haben hunderte Aktivist*innen die OMV blockiert, demonstriert und sogar das Dinner der Lobbyisten gesprengt. Nur deshalb gab es überhaupt eine Debatte darüber. Framing und Kommunikation sind leider essentielle Tools, um in medialen Debatten überhaupt durchzukommen. Davon können die Scientists for Future vermutlich ein Lied singen. Wenn seit über dreißig Jahren Wissenschafter*innen warnen, rufen und appellieren, fehlt uns nicht das Wissen, sondern der politische Wille.

Die Letzte Generation hat sehr viel Medienaufmerksamkeit bekommen – aber auch sehr viel Häme und Aggression. Klimaaktivist*innen taugen Konservativen zum idealen Feindbild, während die großen Demos von Fridays for Future freundlichen Applaus erhielten. Sind die Strategien der Letzten Generation vielleicht sogar kontraproduktiv für die Bewegung?
Das lässt sich nicht so einfach sagen. Ziviler Ungehorsam war schon immer ein wichtiges Mittel, um gesellschaftliche Errungenschaften zu erkämpfen. Erinnern wir uns an die Suffragetten, die Bilder nicht nur mit Tomatensuppe beschüttet, sondern zerhackt haben. Ich finde, die Frage ist: Wer wird durch die Aktionen adressiert und gegen wen richten sie sich? Die Chef-Blockierer kleben sich an ihre Sitze im Nationalrat, in der WKO und in der Industriellenvereinigung – sie müssen wir konfrontieren. Wir müssen Politik für die Vielen machen, gegen die Wenigen, die vom fossilen System profitieren, und wir müssen dabei die Menschen mitnehmen.

Was muss guter Klimajournalismus leisten? Wie viel Alarmismus braucht es? Oder sollte er besser lösungsorientiert und mutmachend sein?
Wo es um eine Krise in diesem Ausmaß geht, ist auch Alarmismus angebracht. Aber nicht, um den Menschen Angst zu machen, sondern um politischen Druck zu erzeugen. Noch ist viel zu gewinnen, aber nur, wenn sich die gesellschaftlichen Verhältnisse so verändern, dass nicht mehr der Profit der Konzerne das Ziel ist, sondern eine lebenswerte Zukunft für alle.

Die Grünen sind sowohl in Österreich als auch Deutschland längst etablierte Parteien und in der Regierung – die klimapolitischen Maßnahmen werden von Klimaaktivist*innen häufig als viel zu vorsichtig kritisiert. Braucht es eine eigene Klimapartei?

Ich weiß nicht, ob eine Partei die Lösung der Klimafrage ist. Wir brauchen Mehrheiten in einer Demokratie und müssen um Verschiebungen der Meinungen kämpfen. Es waren Bewegungen, die ausschlaggebend waren für Errungenschaften wie den Acht-Stunden-Tag, bezahlten Urlaub oder sogar das Frauenwahlrecht.

Wie lassen sich aus Ihrer Sicht Klassenkämpfe und der Kampf gegen die Klimakatastrophe verbinden?

Die Klimakrise ist die soziale Frage unserer Zeit und damit auch die Frage eines Klassenkampfs. Die Reichsten tragen am meisten zur Klimakrise bei, während die Ärmsten am meisten unter der Krise leiden werden. Konkret haben wir bei der Energiekrise gesehen, was es heißt, wenn sich manche Menschen das Heizen nicht mehr leisten können. In Städten sind auch heute schon die dicht besiedelten Gebiete ohne genügend Grünflächen die Orte, an denen die Menschen am meisten unter Hitze leiden. Seit 2018 haben wir in Österreich mehr Hitzetote als Verkehrstote. Wer sich keine neue Dämmung der Wohnung oder eine Klimaanlage leisten kann, hat halt Pech gehabt. Deshalb müssen Umverteilung und Arbeitszeitverkürzung auch Forderungen der Klimabewegung sein. Aber vor allem müssen Erbschaftssteuern, Vermögenssteuern und Reichensteuern dazu genutzt werden, die ökosoziale Transformation auch zu finanzieren.

Auswirkungen des Klimawandels sind bereits spürbar und werden sich in den kommenden Jahrzehnten verstärken: Tun wir aktuell genug, um uns vor den unausweichlichen Folgen zu schützen?

Nein, das tun wir definitiv nicht. Wir werden unsere Klimaziele mit dem heutigen Kurs sicherlich nicht erreichen und steuern zur Zeit auf eine Welt mit drei bis vier Grad Erhitzung zu. Was das bedeutet, will ich mir gar nicht vorstellen. In aller Deutlichkeit wird das in einer humanitäre Katastrophe enden. Man kann das Gefühl bekommen, viele Politikerinnen richten gerade schon die Konten ein, um die Strafzahlungen wegen des Nichterfüllens der Klimaziele zu begleichen. Es gibt einen Klimagipfel nach dem anderen, aber Entscheidungsträger*innen auf der ganzen Welt sind nicht bereit zu tun, was notwendig wäre. •

Lena Schilling ist 22 Jahre alt, Klimaaktivistin, Sprecherin von LobauBleibt, Autorin und studiert Politikwissenschaften.

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„Ohne Fett und Zucker kommt kein Kuchen aus“ https://ansch.4lima.de/ohne-fett-und-zucker-kommt-kein-kuchen-aus/ https://ansch.4lima.de/ohne-fett-und-zucker-kommt-kein-kuchen-aus/#respond Sun, 03 Jul 2011 08:35:23 +0000 https://anschlaege.at/?p=346 Am 1. Juli erhält Wien seinen ersten Kuchenladen nach Berliner Vorbild: Das „Fett+Zucker“ wird eröffnet. SYLVIA KÖCHL bekam zwar keine Torte, dafür aber die Entstehungsgeschichte aus erster Hand erzählt.

 

Erst muss sie noch rasch am Handy mit einem ihrer Handwerker ein Detail wegen des Fußbodens klären, aber dann widmet sich Eva Trimmel, genannt IiF, bei einem Kaffee am Wiener Karmelitermarkt ganz entspannt meinen Fragen. Es geht dabei immerhin um die in der ganzen Stadt schon heiß ersehnte Eröffnung ihres Lokals „Fett+Zucker“, die für den 1. Juli festgesetzt ist. „Fett+Zucker“ steht bereits jetzt für leckere Kuchenkreationen, die IiF seit etwa einem halben Jahr bei Special Events, wie aktuell beim Filmfestival „Identities“, anbietet. Und die mehr als 400 Fans auf ihrer Facebook-Seite können es nun kaum noch erwarten, endlich einen fixen Ort für die Schlemmereien zu bekommen.

Brownies mit Erdnussbutter. Vor etwa drei Jahren hat die Vorstellung, einen eigenen Kuchenladen zu eröffnen, für IiF langsam Gestalt angenommen. Seit einigen Monaten werden nun Nägel mit Köpfen gemacht: IiF fand ein geeignetes Lokal im 2. Bezirk, stellte die Finanzierung und die notwendigen Bewilligungen auf und begann mit Umbau, Sanierung und Renovierung. Auch die Speisekarte hat sie schon im Kopf: Sie wird zunächst täglich fünf verschiedene Kuchen anbieten – Brownies mit Erdnussbutter, Banana Bread, veganer Apfelstreusel, Mohnkuchen mit Vanillecreme und Cheesecake –, vor allem in Letzterem „ist alles drin, was böse ist“, verrät IiF grinsend.

Wer „Fett+Zucker“ googelt landet gleich in einem Forum mit der Frage: „Was ist schlimmer: Fett oder Zucker?“ Beides sei gleich schlimm, lacht IiF, und auch ihr Lokalname sei bewusst provokant gewählt, um diesen beiden wesentlichsten Kuchenzutaten ihr schlechtes Image zu nehmen. Beim „Untertitel“ des Lokals „Kuchen macht glücklich!“ sei ihr aber auch schon vorgeworfen worden, er entschärfe die Kritik an Essver- und geboten, die durch den Namen „Fett+Zucker“ ja implizit ausgesprochen wird.

IiF ist es aber durchaus wichtig, dass ihre Kund_innen selbst einen verantwortungsvollen Umgang mit den Kalorienbomben pflegen, während sie sich diese positiv aneignen. Und ihre zukünftigen Kund_innen, die wie sie aus queer-feministischen Szenen kommen, werden außerdem, so ist sie überzeugt, gemeinsam mit ihr das „Fett+Zucker“ zu einem Ort machen, an dem Sexismus und Homophobie keinen Platz haben: „Dafür werden alle sorgen, die sich bei mir wohlfühlen wollen.“

Banana Bread & veganer Apfelstreusel. Für die D.I.Y.-Note, die das Lokal statt dem üblichen In-Styling erhalten soll, sorgen schon jetzt einige Freund_innen, die beim Renovieren helfen. Und apropos D.I.Y.: IiF ist gelernte Architektin, nicht Bäckerin, und ist auch erst über Umwege zum Backen gekommen. „Ich koche schon lange sehr gern, habe aber das Backen vermieden, weil man sich dabei immer an bestimmte Mengen bei den Zutaten halten muss.“ In der Küche experimentiert sie nämlich lieber. Bei ihren vielen Berlinbesuchen ist ihr aber aufgefallen, dass es dort eine richtig feine Kuchenkultur mit unzähligen kleinen Kuchenläden gibt, die sie in Wien vermisste. So begann sie zunächst für sich und ihre Freund_innen zu backen, verwendete teilweise Rezepte ihrer Mutter, versuchte, Variationen herzustellen, die z.B. vegan oder laktosefrei sind, weil das immer mehr gewünscht ist. „Leicht ist das nicht, denn ohne Fett und Zucker kommt kein Kuchen aus.“ Und das Ziel sei immer ein guter Geschmack.

Als Ladeninhaberin und Bäckerin ist IiF also komplette Quereinsteigerin und sie appelliert „an die p.t. Gäst_innen, am Anfang Nachsicht zu üben“. Aus finanziellen Gründen wird sie sich nämlich zunächst ganz allein in den Laden stellen. Manche der Kuchen können zwar am Vortag vorgebacken werden, andere aber wird sie während der Öffnungszeiten herstellen. Zudem will sie „als Abwechslung zu dem ganzen süßen Zeug“ auch Quiche anbieten. Für die Zeit, wenn der Laden dann mal läuft und Routine einkehrt, hat IiF schon Erweiterungspläne: ein veganer Mittagstisch, Frühstück am Wochenende oder auch kleine Events wie Buchpräsentationen oder Ausstellungen.

Aus persönlichem Interesse habe ich dann noch eine letzte Frage, nämlich ob „Fett+Zucker“ ein Raucher_innen- oder ein Nichtraucher_innen-Lokal wird. „Es wird nicht geraucht, vor allem weil der Geruch von kaltem Rauch nicht mit Kuchengeruch harmoniert“, stellt IiF kategorisch fest. Aber sie hat bereits um die Genehmigung für einen Schanigarten auf der Gasse vor dem Lokal angesucht. Und damit wäre dann der Sommer auch für die mehrfach Süchtigen – nach Nikotin und nach Zucker – gerettet.

Fett+Zucker Hollandstraße 16 1020 Wien
Mi bis So 11.00 bis 19.00, www.fettundzucker.at

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Werkbank, E-Gitarre und rote Nägel https://ansch.4lima.de/werkbank-e-gitarre-und-rote-nagel/ https://ansch.4lima.de/werkbank-e-gitarre-und-rote-nagel/#respond Tue, 03 May 2011 08:05:12 +0000 https://anschlaege.at/?p=324 Im geschlechtssensiblen Kindergarten gibt es keine Puppen- und Bauecke, sondern das ganze Programm für alle. Von LEA SUSEMICHEL

 

„Mein Papa rasiert sich, damit es beim Kuscheln nicht kratzt“, steht auf einem Plakat aus bunter Pappe. Direkt darunter: „Mein Papa rasiert sich die Achseln, damit er nicht stinkt.“ Das Pappschild hängt in einem Wiener Kindergarten und fasst die Ergebnisse eines „Bubentags“ zusammen, bei dem es um das Thema Körperpflege ging. Und weil es ein geschlechtssensibler Kindergarten ist, lernen die Buben hier eben auch, dass es bei der Körperrasur keine strikten Geschlechtergrenzen geben muss. Oder entdecken, dass ein Bad ein sinnliches Vergnügen sein kann und Duschgel z.B. nach Apfel, Kokosnuss oder „scharfem Zuckerl“ riecht. Einmal in der Woche gibt es im „fun & care“-Kindergarten im 15. Wiener Gemeindebezirk sogenannte geschlechtshomogene Gruppen, in denen Jungs und Mädchen jeweils unter sich sind, um Dinge auszuprobieren, die für ihr Geschlecht immer noch eher untypisch sind. Die Jungs pflegen dann eben zum Beispiel ihren Körper und trainieren beim Riechen und Spüren ihre sensitiven Fähigkeiten. Oder sie spielen mit Herbstlaub, malen nach Musik oder mit Kreide auf der Straße. Die Mädchen fahren derweil Skateboard und üben E-Gitarre. Oder machen einen Ausflug ins Naturhistorische Museum, um sich dort Wassertropfen unterm Mikroskop anzuschauen.

Den ganzen Topf. „Geschlechtssensible Pädagogik bedeutet, die Kinder nicht dem Geschlecht nach, sondern individuell zu fördern, und allen Kindern den ganzen Topf an Möglichkeiten anzubieten“, erklärt die Leiterin Sandra Haas. Das bedeutet, dass es dasselbe Programm unterschiedslos für beide Geschlechter gibt. „Natürlich schlage ich keinem Mädchen die Puppe aus der Hand und entreiße keinem Buben das Auto“, so Haas, „aber wenn wir beispielsweise ein Technikangebot machen und wieder nur die Buben hinstürmen, greifen wir schon steuernd ein und ermuntern die Mädchen bzw. beginnen erst mal mit ihnen.“ Für deren Technikbegeisterung wird überhaupt viel getan: Es gibt eine Werkbank mit echtem Werkzeug, und regelmäßig wird diverser Elektromüll gemeinsam zerlegt.

Auch Kristina Botka, die seit über drei Jahren als Pädagogin bei fun & care angestellt ist, hat dabei die Erfahrung gemacht, dass die nach Geschlecht getrennten Gruppen zwischendurch wichtig sind und es nicht genügt, „einen Workshop anzubieten und zu schauen, wer kommt“. Im Nu säße dann nämlich eine rosarote Mädchenrunde um den Maltisch und mache, „was sie in der Welt draußen gelernt hat: feinmotorisch arbeiten und – möglichst leise – schöne Dinge tun“. Deswegen werden die Malsachen für eine Woche auch einmal ganz weggeräumt, ein andermal alle Konstruktionsmaterialien wie Legosteine.

Das Spielzeug ist sowieso mobil und darf vermischt werden, die klassische Puppen- und Bauecke anderer Kindergärten fehlt völlig. Es wird auf geschlechtergerechte Sprache geachtet, in den Bilderbüchern rettet die Prinzessin den Prinzen vor dem Drachen, und die Geschichten erzählen auch mal von Kindern mit zwei Mamas.

Doch im Verbund mit Hello Kitty- und Hannah Montana-Outfit machen rigide Vorstellungen zum richtigen Rollenverhalten der Geschlechter leider trotzdem auch an der Tür zum geschlechtssensiblen Kindergarten nicht Halt. Dass Jungs mal in einen Rock schlüpfen, gelingt deshalb trotz bunt bestückter Verkleidungskiste eher selten, und auch „Farbtage“, an denen alle Kinder einheitlich zum Beispiel im gelben Shirt kommen sollen, helfen nur vorübergehend gegen die monochrome Geschlechtertrennung, die schon Kinder im Krippenalter dazu bringt, bestimmte Kleidungsstücke entschieden abzulehnen. Wichtig sei es, den Mädchen aber zumindest zu zeigen, dass sie auch in Zartrosé im Matsch wühlen und sich richtig dreckig machen dürfen, so Botka. Und auch Sandra Haas ist der Ansicht, dass es vor allem darum gehe, Mädchen zu vermitteln, dass sie stark, selbstbewusst und selbstbestimmt sein dürfen – auch im Blümchenkleid und mit Glitzerhaarspange.

Den Buben hingegen müsse immer wieder klargemacht werden, dass sie nicht genauso mutig und cool wie Spiderman sein müssen. Hilflosigkeit zulassen und zugeben ist oft schon für ganz kleine Jungs ein Problem, weshalb das Sprechen über Gefühle eine große Rolle spielt. Auch weil männliche Kinder häufig einen viel kleineren Wortschatz haben, um Emotionen auszudrücken.
Während mit Mädchen also eine Fotoserie geschossen wird, für die sie ihre wütendsten Gesichter machen sollen, lernen in Gesprächsrunden vor allem Buben, die eigenen Stimmungen genau zu benennen.

Role-Models. Dass sie hierfür männliche Vorbilder haben, ist eine wichtige Säule geschlechtsensibler Pädagogik. Bei fun & care ist es deshalb alltäglich, dass ein männliches Role-Model die Mahlzeiten vorbereitet, wickelt, tröstet und beim Handarbeiten hilft. Die Personalpolitik sieht vor, dass das Zweierteam mit BetreuerIn und PädagogIn jeder Gruppe aus einem Mann und einer Frau besteht. Da es aber so wenige ausgebildete Männer gibt – nur zwei Prozent der SchülerInnen der Bildungsanstalten für Kindergartenpädagogik (BAKIPs) sind männlich, viele Absolventen üben den Beruf aufgrund der schlechten Arbeitsbedingungen dann aber gar nicht aus –, lässt sich das allerdings nicht durchgängig realisieren. Denn kompetent und feministisch sensibilisiert sollen sie schließlich auch sein: „Nur des Geschlechts wegen stelle ich einen Mann nicht ein“, so Haas.

Vorbilder haben die Kinder jedoch nicht nur im Kindergarten, sondern vor allem auch zu Hause. Eine weitere wichtige pädagogische Säule ist deshalb die Elternarbeit. Zumal der geschlechtssensible Schwerpunkt nur für einen kleinen Prozentsatz der Eltern der ausschlaggebende Grund war, ihr Kind in diesen Kindergarten zu schicken. „Oft ist es einfach der nächstgelegene“, sagt die Pädagogin Barbara Tinhofer, die ebenfalls seit 2008 im 15. Bezirk arbeitet. Manche Eltern hätten sich jedoch auch sehr bewusst für diesen Kindergarten entschieden, nachdem sie sich zuvor andere angesehen haben und dort mit vielen Dingen nicht einverstanden waren, so Tinhofer. Mütter und Väter werden über Projekte mittels Aushängen und Wandzeitungen informiert sowie immer wieder auch in Aktivitäten einbezogen. Außerdem werden die Frauen alljährlich zum „Werktag“, die Männer hingegen zum „Backtag“ oder zwischendurch auch mal für Näharbeiten eingeladen.

Grundsätzlich würden Väter kontinuierlich in die Verantwortung genommen, erklärt Tinhofer. Wenn ein Kind erkrankt, wird zuerst der Vater verständigt und gebeten, es abzuholen. Fehlt Wäsche, wendet man sich ebenfalls an ihn. Kristina Botka: „Natürlich kommt es dabei vor, dass wir die Antwort erhalten: ‚Ich werde es meiner Frau sagen …‘“

Obwohl sich viele Eltern zumindest sehr interessiert an dem Konzept zeigen, gebe es aber auch immer wieder Abwehrhaltungen, erzählt Sandra Haas. Wenn dann beispielsweise auf einem Fragebogen angekreuzt wird, „dass dem Sohn im Fasching die Fingernägel bitte nicht lackiert werden sollen, fragen wir aber nach, ob er an Allergien leidet oder die Entscheidung einen anderen Grund hat“. Oft gelinge es durch solches Nachbohren, Widerstände zu überwinden, und auch manche Buben selbst zeigen nach anfänglicher Skepsis schließlich doch ganz stolz ihre roten Nägel.

Schlecht bezahlte Schwerstarbeit. Auch wenn vieles anders ist bei fun & care: An die Richtlinien zu Gruppengröße und Personalschlüssel muss man sich auch hier halten. Pro Krippengruppe (Eineinhalb- bis Dreijährige) sind es 15, in den anderen Gruppen je 25 Kinder, die von nur zwei Personen betreut werden. Eine davon muss pädagogisch ausgebildet sein, die andere arbeitet als BetreuerIn und ist quasi Hilfskraft. Mehr Personal und kleinere Gruppen gehörten deshalb überall zu den wichtigsten Forderungen von KindergartenpädagogInnen, sagt Barbara Tinhofer. Emanzipatorische Pädagogik lasse sich bei dieser Anzahl schwer verwirklichen, kritisiert auch Botka. „Ich kann bei 25 Kindern nicht auf die individuellen Bedürfnisse jedes einzelnen eingehen.“ Mehr Vorbereitungszeit wäre außerdem wichtig. Derzeit sind es vier Stunden von vierzig, in denen dann auch noch die Wochenprotokolle und Evaluationen erledigt werden müssen. Die Forderung nach mehr Lohn komme oft erst zum Schluss, obwohl der Job miserabel bezahlt ist und es nicht einmal einen Kollektivvertrag gibt. In Österreich sei die Berufsgruppe für die Gewerkschaft offensichtlich nicht wichtig genug, so Tinhofer. Anders in Deutschland, wo die Gewerkschaft sogar Studien finanzierte, mit denen nachgewiesen wurde, dass die Tätigkeit – etwa hinsichtlich der Lärmbelastung – die Kriterien von Schwerstarbeit erfüllt.

Fußnoten:
(1) EFEU. Verein zur Erarbeitung feministischer Erziehungs- und Unterrichtsmodelle,
www.efeu.or.at
(2) Claudia Schneider ist außerdem Autorin eines Leitfadens für LehrerInnen zum Thema geschlechtssensible Kindergartenpädagogik. Online unter: www.bmukk.gv.at/medienpool/15545/leitfaden_bakip_09.pdf

Auch die Ausbildung gibt Anlass zu Kritik, insbesondere was Gendersensibilität anbelangt. „Ich kann die Stunden während meiner gesamten Ausbildungsjahre an einer Hand abzählen, in denen Geschlecht ein Thema war. Und dann ging es meist darum, dass Buben ruhig auch mal mit Puppen spielen dürfen“, erinnert sich Botka.

Claudia Schneider vom Verein EFEU(1) war gemeinsam mit der ersten Leiterin von fun & care für die gendersensible Qualifizierung des Personals vor der Eröffnung 1999 zuständig. Gemeinsam haben die beiden außerdem eine Gender-Expertise für den aktuellen Lehrplan der BAKIPs verfasst(2). Schneider hält geschlechtssensible Pädagogik bereits im Kleinkindalter für elementar wichtig, u.a. „weil sie gegen Diskriminierungen wirkt und die persönlichen Entwicklungspotenziale des Kindes unabhängig vom Geschlecht fördert“. Inzwischen sei einiges in den Lehrplan implementiert worden. Kristina Botka kritisiert jedoch, dass explizit emanzipatorische Lehrinhalte weiterhin rar seien.

Für die Umsetzung einer weiteren wichtigen Forderung sollte sich das jedenfalls dringend ändern. „Denn alle Kindergärten sollten geschlechtssensibel sein“, verlangt Barbara Tinhofer.

www.fun-and-care.at

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