Rezension – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de Tue, 20 Sep 2011 19:39:17 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.0 https://ansch.4lima.de/wp-content/uploads/2024/10/cropped-favicon-32x32.png Rezension – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de 32 32 an.lesen: Kapitalismus und Königsberger Klopse https://ansch.4lima.de/an-lesen-kapitalismus-und-konigsberger-klopse/ https://ansch.4lima.de/an-lesen-kapitalismus-und-konigsberger-klopse/#respond Tue, 20 Sep 2011 19:39:17 +0000 https://anschlaege.at/?p=1320 Hip-Sein auf Hartz IV. KATJA KULLMANN hat ein Buch über die Kreativszene geschrieben. Von LEA SUSEMICHEL

 

Über die neue Bürgerlichkeit des „Bionade-Biedermeier“ ist zuletzt viel geschrieben und gelästert worden. Denn der Hang zu Retro ist bei den längst nicht mehr nur im Prenzlauer Berg lebenden „Neo-Kons“ bei Brille und Bogenlampe nicht stehengeblieben, auch sonst lässt sich eine Rückkehr zu Altbewährtem beobachten. Die wieder in Mode gekommenen Kinder werden in den Klavierunterricht geschickt, und der große Holztisch in der Küche rückt erneut ins Lebenszentrum. 

Einiges geschrieben wurde auch über das neue Prekariat. Es ist nicht mehr ausschließlich proletarisch, armutsgefährdetsind inzwischen auch viele Gutausgebildete. Doch obwohl Christiane Rösinger schon fragte: „Ist das noch Bohème oder schon Unterschicht?“, wurde die nicht unerhebliche Schnittmenge zwischen Kulturprekariat und den freien Kreativen bislang außerhalb der Mayday-Bewegung wenig zur Kenntnis genommen. Auch Katja Kullmann zitiert die Zeile von Rösinger in ihrem Buch, das sie nun über diese Schnittmenge geschrieben hat. Kullmann war als freiberufliche Journalistin und Autorin durchaus erfolgreich, bevor sie zur Hartz IV-Empfängerin wurde. Damit ist sie nicht die einzige in ihrem Umfeld, und auch die mitfühlende Sachbearbeiterin auf dem Amt bestätigt ihr, dass es mittlerweile sogar Tatort-Schauspieler treffen kann.

In „Echtleben“ – das ausgerechnet beim gerade pleite gegangenen Eichborn-Verlag erschienen ist – erzählt Kullmann davon, wie sich die freelancenden Kreativen, Intellektuellen und Alternativen einst ihr Leben und ihre Arbeit vorgestellt hatten: „Im Karl Marx’schen Sinne nicht zu weit entfremdet, aber im Norbert Blüm’schen Sinne noch halbwegs abgesichert.“ Um dann mit spätestens Vierzig die zur Warenform gewordene Konformität des eigenen Lebensstils und die finanzielle Prekarität der Projektarbeit erkennen zu müssen.

Das aus einzelnen essayartigen Kapiteln bestehende und deshalb nicht immer ganz stringent erzählte und argumentierte Buch liefert über weite Strecken launige Milieustudien und ein pittoreskes Panorama der unterschiedlichsten ProtagonistInnen urbaner (Sub-)Kultur. Die anekdotischen Analysen jener, die „augenzwinkernd Königsberger Klopse kochen“ oder militant vegan leben („Hanf-Mode, Holundersaft, Heimat-Tourismus“) sind durchwegs sehr unterhaltsam. Doch die eigentliche Stärke des Buchs liegt darin, dass Kullmann es bei diesen Szeneschilderungen nicht belässt. Immer wieder sind ihre Beobachtungen auch soziologische Mikrostudien von fast Bourdieuscher Schärfe. Popliterarisch pointiert wird erklärt, wie soziale Distinktion in Zeiten funktioniert, in denen Fußkettchen sowohl von Hippies als auch von der Schickeria getragen werden, oder was das Üble an Gentrifizierung ist. Und es wird vor allem deutlich gemacht, was die neoliberale Politik von Rot-Grün und Agenda 2010 in Deutschland angerichtet haben. Denn obwohl der Untertitel lautet: „Warum es heute so kompliziert ist, eine Haltung zu haben“, positioniert sich die Autorin erfreulich eindeutig. Gegen eine Politik, die wenige reich und viele andere immer ärmer werden lässt, die das Solidarprinzip aufkündigt und für die Hartz IV-BezieherInnen und MigrantInnen Leistungs- oder Integrationsverweigerer sind.

Dass Kullmann, die 2002 „Generation Ally. Warum es heute so kompliziert ist, eine Frau zu sein“ veröffentlicht hat, auch bekennende Feministin ist, wird dabei leider weniger explizit. Denn inwieweit neoliberale Prekarisierung Frauen in besonderer Weise trifft, wird zwar manchmal auf subjektiver, selten aber auf struktureller Ebene zum Thema gemacht. Letztendlich zeigt sich in Kullmanns Kampf für ein gutes Leben und ein gutes Gewissen aber doch auch eine klar feministische Haltung. Und trotz der Schonungslosigkeit, mit der sie ihre Szene seziert, sind ihr die, die weiter nach Alternativen suchen, allemal lieber als die anderen: „Die Leute sind doch eigentlich ganz in Ordnung.“
 

Katja Kullmann: Echtleben.
Warum es heute so kompliziert ist, eine Haltung zu haben.
Eichborn 2011, 17,95 Euro

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an.klang: Touch Yourself! https://ansch.4lima.de/touch-yourself/ https://ansch.4lima.de/touch-yourself/#respond Fri, 26 Aug 2011 11:52:12 +0000 https://anschlaege.at/?p=715 Über den Sommer hat sich einiges angesammelt – zwar nicht unbedingt die ersehnte Hitze, dafür aber eine Menge spannender Platten. Ein Schnelldurchlauf im Tauchsieder. Von SONJA EISMANN

 

Dass das schwedische Trio Little Dragon prominente Fans von TV On The Radio bis zu Outkast hat, verwundert bei ihrer dritten Platte Ritual Union (Peacefrog/Rough Trade) wirklich niemanden mehr. Sängerin Yukimi Nagano singt ihren Electro-R’n’B mit cooler und doch schmelzender Stimme über verzerrt pluckernde Dance Beats, die mit ihren weirden, oft merkwürdig eiernden Sounds absolut eingängig sind. Wenn zwischendurch immer wieder das Tempo lustvoll rausgenommen wird, klingt das so sensual, dass sogar Prince ein wohliger Seufzer entweichen dürfte.

Auch irgendwie sinnlich und weird, dafür aber noch mit einer Extra-Portion Humor geht Aérea Negrot ihre außergewöhnlichen Kompositionen für ihren ersten Longplayer Arabxilla (Bpitch Control/Rough Trade) an. Zu Negrot, die in Venezuela aufwuchs und über Stationen in Caracas, Porto, Den Haag und London letztendlich in Berlin landete, passt die etwas dämliche Bezeichnung des „Paradiesvogels“ nun endlich tatsächlich mal. Die Avantgarde-Tänzerin, die für ihre Gesangs- und Tanzeinlagen für Hercules & Love Affair bekannt wurde, fusioniert Oper, Disco, Clubsounds und Spoken Word in eine englisch-spanisch-deutsche Sprachmischung mit einer überkandidelten Eleganz, die auch Grace Jones gut zu Gesicht stehen würde.

T-INA Darling aka Ina Wudtke, die umtriebige DJ, Producerin, Künstlerin, Autorin und Kuratorin – die Ausstellung zu ihrem Buch „Black Sound White Cube“ geht gerade im Berliner Bethanien zu Ende – stellt mit einem neuen Werk ihre Vielseitigkeit ein weiteres Mal unter Beweis: Auf The Fine Art of Living (Rudel Records) trifft Spoken Word auf Tanzstücke mit Elementen aus Swing, Broken Beats, R’n’B, Bar Piano, Slow Raps und Dub. In zwei Teilen – Seite A ist englisch-, Seite B deutschsprachig – greift T-INA unter dem übergeordneten Thema kapitalistischer Bauspekulation und prekärer Lebensumstände u.a. auf Gedichte von Langston Hughes zurück, die genau diese Form der Unterdrückung, gepaart mit rassistischer Diskriminerung, schon in den 1920er Jahren thematisierten. Auf der B-Seite kommt, in T-INA’s Voice, auch May Ayim zu Wort, und natürlich geht es um die Zustände im schicken, prekären Berlin.

Was prekäres Leben bedeutet, weiß Mamani Keita nur zu genau. In einem Interview erinnert sich die aus Mali stammende Musikerin, die als Backgroundsängerin für Salif Keita Ende der 1980er nach Paris kam und dort jahrelang ohne Papiere lebte, wie sie an einem Morgen vor sieben Jahren nicht einmal zwei Euro für ein Essen für ihre kleine Tochter auftreiben konnte. Auch ihre NachbarInnen, denen es ähnlich beschissen ging, konnten mit der erbetenen Summe nicht aushelfen. Da wurde ihr klar: nicht nur sie war am Ende, sondern auch dieses Frankreich, in dem sie miserabel von Transferleistungen lebte. Aus dieser Erfahrung entwickelte sich der Refrain, der als eine Art Schlachtruf der illegalisierten EinwanderInnen in Frankreich gelten kann und titelgebend für ihr neues, bereits drittes Soloalbum wurde: „Pas facile gagner l’argent français, bosser bosser“. Zum zweiten Mal mit dem Multiinstrumentalisten Nicolas Repac erarbeitet, steht auf Gagner l’argent français (No Format!/Because Music/Al!ve) wieder die Vermischung traditioneller malischer Instrumente mit globalen Samples, Afrobeat- und Rock-Gitarren sowie vor allem Keitas ausdrucksvoller, so klarer wie kehliger Stimme im Vordergrund, mit der sie in ihrer Muttersprache Bambara mit zahllosen Background-Chören dialogisiert. Sentimental und euphorisierend zugleich.

Die zwei jungen Frauen vom Duo Jolly Goods hat es aus dem beschaulichen Odenwald mittlerweile nach Berlin verschlagen, doch die zweite Platte, von Hans Unstern und Dirk von Lowtzow produziert, hat nichts von ihrer grungigen Wut eingebüßt. Das Walrus (Staatsakt/Rough Trade), das hier eindeutig gequeert auftritt, ist ein dickes Rockbrett, wie aus der Zeit gefallen, bei dessen gequält-zornig nach hinten überkippender Stimme es sich durchaus an die frühe PJ Harvey oder Godmother Patti Smith denken lässt.

Und zu guter Letzt noch one for the dancehall: Jamaikas selbst ernanntes „Bad Gyal“ Ce’Cile ist mit einem neuen Album zurück und macht sich an die Jamaicanization (Kingstone/Groove Attack) der Welt. Wenn das mit ihren eingängigen Tunes zwischen Reggae, Dancehall und Pop, die auch heiße Eisen wie „Touch Yourself“ oder „Nah Stress Over Man“ anfasst, nicht funktioniert, müsste es doch mit der Teufelin zugehen.

Links:
www.little-dragon.se
www.myspace.com/aereanegrot
www.djt-ina.com
http://mamani.keita.free.fr
www.jollygoods.net
www.myspace.com/cecile

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an.klang: Achtziger Achterbahn https://ansch.4lima.de/an-klang-achtziger-achterbahn/ https://ansch.4lima.de/an-klang-achtziger-achterbahn/#respond Sat, 02 Jul 2011 08:32:10 +0000 https://anschlaege.at/?p=344 Experimentelle Soundkaskaden statt Soundfolter, Beats wie Peitschenschläge. CHRISTINA MOHR hat ihren Sound für den Sommer gefunden.

 

Man kann es kurz machen: Lady Gagas zweieinhalbtes Album (die EP „Fame Monster“ mitgezählt) Born This Way (Interscope/Universal) ist die reine Soundfolter. Okay, Soundfolter mit ein paar guten Momenten, wie der von Gagas Berlinaufenthalten inspirierten Verballhornung der deutschen Sprache „Scheiße“, dem zähfließenden Dance-Groove auf „Bloody Mary“ und dem Supertext von „Hair“. Der Hit „Born This Way“ erinnert frappierend an Madonnas „Express Yourself“, das sich ebenfalls an Madonna abarbeitende „Judas“ klingt wie ein mittelmäßiger Beitrag für den Eurovision Song Contest. Der Rest ist eine unbarmherzig ballernde Mixtur aus Achtzigerjahre-Rock und trashigem Euro-Techno. Da sich Gaga und ihre Entourage wohl kaum nur zum Rumalbern im Studio einfinden, muss man von Vorsatz und voller Absicht ausgehen. Bleibt die Frage: Warum?

Sie wird mit Grace Jones verglichen, mit Björk und Billie Holiday. Dabei ist die in Ruanda geborene und in Berlin lebende Barbara Panther so einzigartig wie nur wenige andere Künstlerinnen. Sie liebt spektakuläre Verkleidungen, ihre Auftritte bleiben allen im Gedächtnis, die sie jemals live erlebt haben. Die vergangenen Herbst veröffentlichte EP machte neugierig auf ihr Album Barbara Panther (CitySlang), das von Matthew Herbert produziert wurde – der aber zu Panthers Tracks außer ein paar Soundideen nicht viel beizusteuern hatte. Barbara Panther hat nicht nur eine unverwechselbare Stimme, sie schreibt auch tolle Songs im Spannungsfeld von Elektro, Soul und Hip-Hop. Die Single „Empire“ ist eine wütende Abrechnung mit kirchlichem Machtmissbrauch, „Rise Up“ ist ein Weckruf an alle, die es sich in ihren Verhältnissen gemütlich eingerichtet haben. Auf „Voodoo“ fahren die Beats Achterbahn und im romantisch angehauchten „Moonlight People“ kann man sich zu sanften Calypso-Rhythmen wiegen. Barbara Panther ist lustig, gefährlich und unerschrocken: Unsere Frau für diesen Sommer – mindestens!

Der Sound der 1980er-Jahre geistert so stilecht durch viele neue Platten, dass man zuweilen aufs Produktionsdatum gucken muss, um sich nicht zu blamieren. Hurts aus Manchester sind mit ihrem eklektischen Elektropop irre erfolgreich, Acts wie Zola Jesus orientieren sich eher an der Indie-Variante der Achtziger. Auch Katie Stelmanis, Sängerin der queeren kanadischen Band Austra, schöpft aus dem Erbe von Wave und Gothic: Feel It Break (Good To Go / Domino) zeichnet sich durch hypnotische Synthie-Melodien, brummelnde Bässe, Beats wie Peitschenschläge und verzögertes Tempo aus. Stelmanis engelsgleiche Opernstimme macht das Album zur Séance, Austra gehen mit heiligem Ernst zur Sache. Songs wie „Spellwork“ und „Lose It“ klingen, als sänge Joni Mitchell 1982 im Londoner Club Bat Cave. Die Single „Beat and the Pulse“ bleibt das beste Stück der Platte, die Mischung aus spooky Atmosphäre und verführerischer Coolness gelingt Austra nur hier besonders packend.

Wer die amerikanische Musikerin Erika M. Anderson alias EMA von ihren ehemaligen Bands Amps for Christ und Gowns kennt, könnte ihr Solodebüt beinah gefällig finden. Das ist es natürlich nicht, aber durchaus zugänglicher als der Riot-Grrrl-Noise-Folk früherer Tage. Der sieben Minuten lange Opener „The Grey Ship“ ist ein Prüfstein: Entweder man bleibt fasziniert dabei oder verabschiedet sich danach, weil man ahnt, dass Past Martyred Saints (Souterrain Transmissions / Rough Trade) zu viel von einem verlangt. Eventuelle Vergleiche mit Cat Power und PJ Harvey sind nicht falsch, aber EMA ist keine Epigonin. Dass EMA nach Los Angeles zog, weil sie „Welcome to the Jungle“ von Guns’n’Roses wirklich mochte und dass sie unlängst Supportact für Throbbing Gristle war, sind wichtige Puzzleteile im Gesamtbild EMA. Sie verknüpft grungy Gitarren-Feedbackorgien mit bittersüßem Girlpop, experimentelle Soundkaskaden mit minimalistischem Folk. „Breakfast“ ist bis aufs Gerippe ausgezogener Gospel, zum psychedelischen „Marked“ kann man – mit den richtigen Drogen – sogar tanzen. EMA ist eine grandiose Songwriterin, die kein Interesse daran hat, dass man ihre Lieder mitsingt.

Links:
www.lady-gaga.de
www.myspace.com/barbarapanther
www.myspace.com/austra
www.cameouttanowhere.com (EMA)

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an.sehen: Kicken für Kim https://ansch.4lima.de/an-sehen-kicken-fur-kim/ https://ansch.4lima.de/an-sehen-kicken-fur-kim/#respond Fri, 01 Jul 2011 08:29:30 +0000 https://anschlaege.at/?p=342 Frauen, Fußball, Führerstaat: Der Doku-Film „Hana, dul, sed …“ ist alles andere als sensationslüstern. Von VINA YUN

 

„Wenn man das Spielfeld betritt, dann ist es, als ob das Herz weit wird und als ob man in jede Welt eintreten könnte“, beschreibt Hyang-Ok Ri das Hochgefühl, mit dem sie ins Stadion einläuft. Bis 2004 war Ri Mittelfeldspielerin des nordkoreanischen Fußballnationalteams, heute ist sie als eine von vier FIFA-Schiedsrichterinnen Nordkoreas aktiv. Sie und drei weitere Ex-Profi-Kickerinnen sind die Protagonistinnen der Dokumentation „Hana, dul, sed …“ (Koreanisch für „Eins, zwei, drei“), dem Erstlingswerk von Regisseurin Brigitte Weich. Die anderen drei: Mi-Ae Ra, ehemalige Verteidigerin und glühender Maradona-Fan („Er ist kaum größer als ich und wird weltberühmt? Okay, das kann ich auch!“), die frühere Goalkeeperin Jong-Hi Ri, die für ihre Baby-Tochter schon mal das Fußball-Trikot herrichtet („Vielleicht wächst sie da hinein und wird eine Torfrau“), sowie Pyol-Hi Jin, vormals Stürmerin und Top-Torjägerin („Mir war es immer das Wichtigste, dem General Freude zu bereiten“).

In Sachen Frauenfußball gehört Nordkorea zur internationalen Spitze. Nach ihren Erfolgen bei den Asienmeisterschaften 2001 und 2003 wurden die nordkoreanischen Fußballerinnen in ihrer Heimat als Superstars gefeiert, die für ausverkaufte Stadien sorgten – anderswo alles andere als eine Selbstverständlichkeit, wie Co-Regisseurin Karin Macher in den Produktionsnotizen anmerkt: „Die deutschen Fußballerinnen, die Weltmeister sind, machen Werbung für Damenbinden.“ Die verpatzte Olympia-Qualifikation 2004 in Athen (mit einer 0:3-Niederlage gegen die einstige Kolonialmacht Japan) beendete die Laufbahn der Fußball-Profis jedoch jäh: Umgehend wurden sie gegen jüngere Spielerinnen ausgetauscht.

„Chefsache“ Frauenfußball. Gleich in der Eröffnungssequenz verdeutlichen zwei Zitate das von Widersprüchen durchzogene gesellschaftliche Kräftefeld, in dem sich die Sportlerinnen bewegen. Kim Il-Sungs Satz „Große Ideologie erschafft große Zeiten“ wird der berühmte Ausspruch von Simone de Beauvoir gegenübergestellt: „Man wird nicht als Frau geboren, man wird es.“ Denn im nordkoreanischen Frauenfußball, der in den 1980ern „von oben“ verordnet wurde, manifestiert sich nicht nur absolute Regimetreue, wie sie sich in der Verehrung für den derzeitigen „Geliebten Führer“ Kim Jong-Il äußert. Ebenso lässt sich an ihm die wandelbare Interpretation der Geschlechterrollen exemplarisch festhalten: Während Nordkoreas Propaganda Frauen als „Blumen“ besingt darf am Spielfeld sehr wohl geschwitzt und gespuckt werden – solange der Körpereinsatz im Namen der Nation erfolgt.

Trotzdem: Um ganz sicher zu gehen, lässt der Coach die Spielerinnen nicht nur am Rasen, sondern auch am Herd trainieren – auf dass sie sich nach ihrer Fußball-Karriere zu guten Hausfrauen wandeln mögen.

Auch wenn einige Rezensionen behaupten, „Hana, dul, sed …“ sei kein Fußball-Film – er ist es wohl: Schließlich fungiert gerade das Fußballfeld auch als Bühne, auf der Politik mit den Mitteln des Sports gemacht wird, sei es im Namen der Nation oder, wie in diesem Fall, als eine Form der persönlichen Befreiung aus gesellschaftlichen Konventionen.

Vertrautes und Fremdes. Die Bilder über Nordkorea, wie sie in den hiesigen Medien kursieren, illustrieren mit den Aufnahmen von Massenchoreografien, sozialistischen Prestigebauten und monumentalen Statuen vor allem den patriarchalen Führerkult im Land. Auch „Hana, dul, sed …“ kommt nicht gänzlich ohne diese visuellen Inszenierungen aus, jedoch überlässt der Film das Kinopublikum nicht, wie sonst üblich, der bloßen Faszination und dem Befremden. Die Kamera (wunderbar geführt von Judith Benedikt) begleitet die Frauen auf dem Weg zur Arbeit, beim Zoo-Besuch, im Kindergarten, beim Friseur. Es ist der mehr oder weniger „normale“ Alltag der vier Genossinnen, über den sich die Regisseurin der Realität in Nordkorea annähert. Armut ist – wenig überraschend – keine zu sehen, und doch lässt sie sich zwischen dem Gezeigten erahnen. Für ihre Dokumentation war Brigitte Weich auf die Kooperation mit Korfilm, der staatlichen Filmagentur Nordkoreas, angewiesen – was ihr auch die Kritik einbrachte, sich von der dortigen Propagandamaschinerie einspannen zu lassen. In ihrem Regie-Statement erklärt Weich: „Für mich waren die Restriktionen bereits ein Teil der Geschichte: Wir wollten nicht zeigen, was wir in Nordkorea sehen, wir wollten sehen, was diese Frauen uns zeigen.“

„Hana, dul, sed …“ (A 2009) läuft derzeit in den österreichischen und deutschen Kinos. www.hanadulsed.com

WM-Tipp: Am 28. Juni spielt Nordkorea bei der Fußball-WM gegen den „Erzfeind“ USA in Dresden.

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Vergnügt verwegen https://ansch.4lima.de/vergnugt-verwegen/ https://ansch.4lima.de/vergnugt-verwegen/#respond Thu, 02 Jun 2011 08:17:32 +0000 https://anschlaege.at/?p=333 Am 29. April starb JOANNA RUSS im Alter von 74 Jahren. DAGMAR FINK vermisst die Pionier_in der queeren Science Fiction jedoch schon länger, denn Russ hat in den letzten Jahren nicht mehr viel veröffentlicht. Ein Nachruf.

 

1937 in New York geboren, graduierte Russ 1960 an der Yale Drama School. Nachdem sie mehrere Jahre an verschiedenen US-amerikanischen Universitäten unterrichtet hatte, war sie bis zu ihrer Pensionierung Professor_in an der University of Washington in Seattle. Anschließend lebte sie bis zu ihrem Tod in Tucson, Arizona.

Joanna Russ begann in den späten 1950er Jahren, Science Fiction (SF) zu veröffentlichen, ihre erste feministische Figur schuf sie zwischen 1967 und 1970 mit „Alyx“ (Picnic on Paradise, The Adventures of Alyx). Alyx ist klug, intelligent, hart, abgebrüht und sinnlich. Sie ist außerdem Agentin, Mörderin und nicht hübsch. Alyx zu erschaffen, beschreibt Russ selbst als Durchbruch. Es ging nicht nur darum, eine Figur zu kreieren, die den vorherrschenden Stereotypen in der SF etwas entgegensetzt, sondern zuallererst darum, die eigene Vorstellungskraft von weiblichen Figuren aus den Fesseln eben jener Stereotype zu befreien.

The Inner Space. Russ’ Erzählungen und Romane sind für die queer-feministische Strömung wie auch für die New Wave in der SF von zentraler Bedeutung. Die New Wave, zu der Russ gerechnet wird, verstand SF weniger als „Science“ denn als „Speculative Fiction“. So ging es auch nicht so sehr darum, den Weltraum zu explorieren, sondern vielmehr den „inner space“ – also Charaktere und Gesellschaftsstrukturen. Die New Wave zeichnet sich außerdem durch ihr Experimentieren mit komplexen Plots, Erzählstrukturen, Stil und Sprache aus.

Russ’ Arbeit ist von der Auseinandersetzung mit Geschlecht, Sexualität und heteronormativen Strukturen geprägt. Dabei zeichnen sich sowohl ihre literarischen wie auch ihre theoretischen Texte durch sprachliche und analytische Brillanz, Ironie und Witz aus. Mich beeindruckt immer wieder aufs Neue, wie es ihr gelungen ist, die Grenzen dessen, was überhaupt an Weiblichkeiten denkbar ist, einerseits präzise auszuloten und andererseits beständig, unerschütterlich und humorvoll zu verschieben. In „The Image of Women in Science Fiction“ (1) weist Russ darauf hin, dass SF als spekulatives Genre sich nicht damit beschäftigt, was ist, sondern damit „was wäre, wenn“. In der SF geht es nicht darum, wie die Dinge sind, sondern wie sie sein könnten.

Bibliographie:

Romane:
Picnic on Paradise (1968; deutsch: Alyx, 1983)
And Chaos Died (1970; deutsch: Und das Chaos starb, 1974)
The Female Man (1975; deutsch: Planet der Frauen, 1979 und: Eine Weile entfernt, 2000)
We Who Are About To… (1977; deutsch: Wir, die wir geweiht sind …, 1984)
Kittatinny: A Tale of Magic (1978; Kinderbuch)
The Two of Them (1978; deutsch: Die Frauenstehlerin, 1982 und: Zwei von ihnen, 1990)
On Strike Against God (1980; deutsch: Aufstand gegen Gott, 1983; keine SF, sondern Geschichte über Coming-Out und gesellschaftliche Vorurteile gegenüber Lesben)

Gesammelte Erzählungen:
The Adventures of Alyx (1976; 1986)
The Zanzibar Cat (1983)
Extra(Ordinary) People (1985)
The Hidden Side of the Moon (1987)

Fachliteratur:
Speculations on the Subjunctivity of Science Fiction (1973)
Somebody’s Trying to Kill Me and I Think It’s My Husband: The Modern Gothic (1973)
How to Suppress Women’s Writing (1983)
Magic Mommas, Trembling Sisters, Puritans & Perverts: Feminist Essays (1985)
To Write Like a Woman: Essays in Feminism and Science Fiction (1995)
What Are We Fighting For? Sex, Race, Class, and the Future of Feminism (1998)
The Country You Have Never Seen (2008)

Auszeichnungen und Ehrungen:
1972 Nebula Award für die Kurzgeschichte „When It Changed“, auf der „The Female Man“ basiert
1983 Hugo Award und Locus Award für die Erzählung „Souls“
1988 Pilgrim Award
1996 James Tiptree, Jr. Award

What Can a Heroine Do? Tatsächlich bleiben die Spekulationen über Geschlecht, Geschlechterverhältnisse, Sexualität, soziale Beziehungen und generative wie gesellschaftliche Reproduktion in der SF jedoch weit hinter Spekulationen über Technologie-Entwicklungen zurück. Vielmehr werden, so Russ in „The Image of Women in Science Fiction“, vorwiegend intergalaktische Vororte beschrieben, d.h. Geschlechterverhältnisse, wie sie für „weiße“ Mittelklasse-Vororte in den USA charakteristisch sind bzw. waren. Alternativ beschreiben weniger anspruchsvolle Werke eine Rückkehr in eine idealisierte und vereinfachte Vergangenheit, in der ökonomisch und sozial feudale Strukturen mit Geschichten über richtige Kerle und deren kosmische Rivalitäten und Eroberungen einhergehen. Frauenfiguren erfüllten in diesen Geschichten wichtige Funktionen als Preis oder als Motiv (Prinzessinnen, die gerettet oder erobert werden müssen), aktive und ehrgeizige Frauenfiguren hingegen seien immer böse.

Darüber hinaus gebe es dann noch Erzählungen, in denen Gleichsein bedeute, das gleiche zu tun: Sowohl weibliche als auch männliche Figuren gehen kompetent ihrer Arbeit nach. Das sei jedoch lediglich eine Reflexion der Wirklichkeit, keine Spekulation über eine mögliche Zukunft. Interessanterweise, so Russ, lassen diese Erzählungen die persönlichen und erotischen Beziehungen der Charaktere aus, ebenso wenig wird beschrieben, wie und von wem Kinder groß gezogen werden. Damit – so Russ – stellen sich diese Erzählungen nicht dem wirklichen Problem, sich eine Gesellschaft vorzustellen, in der Geschlecht keine Rolle spielt: „Das ist die ganze Schwierigkeit der Science Fiction, der echten Kreativität: Wie entkommt man den traditionellen Gegebenheiten, die nicht mehr sind als traditionelle Zwangsjacken.“ (2)

In „What Can a Heroine Do? or Why Women Can’t Write“ beschreibt Russ, dass Held_innen in der Literatur im Wesentlichen zwei Optionen haben: heiraten oder wahnsinnig werden. Um den zwei zur Verfügung stehenden Geschichten – „How She Fell in Love (the Love Story)“ und „How She Went Mad“ – zu entgehen, schlägt sie vor, es mit neuen Mythen in anderen Genres, wie Krimis und SF, zu probieren. „The Clichés from Outer Space“ (1984) ist ein weiteres Beispiel dafür, wie Russ auch in der Literaturkritik mit literarischen Mitteln arbeitet, beispielsweise wenn sie Überschriften für typische SF-Plots findet, wie „The Weird Ways of Getting Pregnant Story“ oder „The Talking About It Story“, in der sich alle versichern, wie furchtbar es wäre, in einer rassistischen, patriarchalen und heteronormativen Welt zu leben, während sie ebendies tun.

Jael, Jeannine, Janet und Joanna. Das mit Sicherheit meist gelesene und besprochene Werk von Joanna Russ ist zugleich auch mein Lieblingsroman von ihr: „The Female Man“ von 1975. Die vier Protagonist_innen haben den gleichen Genotyp, leben jedoch in unterschiedlichen Welten und sind entsprechend auch unterschiedliche Personen. Jeannine und Joanna leben in zwei verschiedenen Varianten der gegenwärtigen USA (also der siebziger Jahre), in denen patriarchale Strukturen wahlweise unangefochten vorherrschen bzw. (noch) wenig erfolgreich von der Zweiten Frauenbewegung bekämpft werden. Janet lebt im utopischen Whileaway, einer Welt, in der nur Weiblichkeiten friedlich und harmonisch miteinander leben. Jael schließlich kommt aus einer nahen Zukunft, in der Männer und Frauen in getrennten Ländern leben und sich gegenseitig bekriegen. Jael von Jeannine, Janet und Joanna zu trennen, ist ein Kunstgriff des Romans, denn die vier Jots gehören zusammen, bilden aber dennoch kein Ganzes. Vielmehr stellt jede eine Möglichkeit des Lebens als „weiblicher Mensch“ in einer spezifischen Gesellschaft dar bzw. die Unmöglichkeit, in der zeitgenössischen Gesellschaft ein „weiblicher Mensch“ zu sein. Fasziniert hat mich weniger die Schilderung des lesbischen Utopia auf Whileaway als vielmehr die Darstellung der kriegerischen und aggressiven Jael. Während es (1975) unmöglich erscheint, weibliche Figuren zu denken, die geschäftsmäßig morden, sexuell aggressiv sind, penetrieren, ohne Männer auskommen, sich selbst genug sind, beschreibt Russ nicht nur guten lesbischen Sex (den hat Janet), sondern auch eine Frauenfigur, die eine Männerfigur fickt.

Fußnoten:
(1) „The Image of Women in Science Fiction“; in: Susan Koppelman Cornillon (Hg.in): Images of Women in Fiction: Feminist Perspectives.“ . 1972, S. 79-94 (dt. „Das Frauenbild in der Science Fiction“; in: Barbara Holland-Cunz (Hg.in): „Feministische Utopien – Aufbruch in die postpatriarchale Gesellschaft“. 1986, S. 13-29.
(2) Joanna Russ, „Das Frauenbild in der Science Fiction“, S. 24f.

In Russ‘ ausgiebiger Schilderung einer Sexszene wird kein verwundbarer weiblicher Körper penetriert, eine aggressive Amazone spielt mit ihrem niedlichen Lustobjekt, ihre Vagina schluckt dessen Schwanz, während sie – als besondere Zugabe – den Anus ihres Geliebten mit dem Finger penetriert. Das habe ich vermisst und werde ich nun weiterhin schmerzlich vermissen: diese beharrliche, wütende, ironische Arbeit an Geschlechterstereotypen, deren analytisch brillante, scharfzüngige Herausarbeitung sowie die vergnügt verwegene, kühne Erweiterung dessen, was wir uns überhaupt an weiblichen Figuren und anderen Geschlechterrepräsentationen vorstellen können. Das konsequente Denken der Verwobenheit von Geschlecht, Sexualität, Klasse und Rassisierung und das Insistieren auf der zentralen politischen Bedeutung von intimen, erotischen und Reproduktionsverhältnissen werden mir fehlen.

Dagmar Fink ist Literatur- und Kulturwissenschafter_in mit Arbeitsschwerpunkten auf Queer Theory, Cyborg-Konzepte, queere Populärkulturen u.v.m. Außerdem Übersetzer_in im queer_feministischen Kollektiv „gender et alia“ (http://genderetalia.sil.at).

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