Musik – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de Wed, 28 Jun 2023 13:05:49 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.0 https://ansch.4lima.de/wp-content/uploads/2024/10/cropped-favicon-32x32.png Musik – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de 32 32 Wir glauben euch https://ansch.4lima.de/wir-glauben-euch/ https://ansch.4lima.de/wir-glauben-euch/#respond Fri, 23 Jun 2023 06:13:52 +0000 https://anschlaege.at/?p=110379 Macht mich bankrott. Ist mir egal. Bringt mich vor Gericht. Ich habe keine Angst“, so Shelby Lynn in einem Interview mit dem NDR. Die 24-jährige Irin hat die Berichterstattung über Till Lindemann und Rammstein losgetreten. Auf Instagram schilderte sie ihre Erlebnisse auf einem Konzert in Vilnius, berichtete von Erinnerungslücken und zeigte ihre Hämatome – und […]]]>

Macht mich bankrott. Ist mir egal. Bringt mich vor Gericht. Ich habe keine Angst“, so Shelby Lynn in einem Interview mit dem NDR. Die 24-jährige Irin hat die Berichterstattung über Till Lindemann und Rammstein losgetreten. Auf Instagram schilderte sie ihre Erlebnisse auf einem Konzert in Vilnius, berichtete von Erinnerungslücken und zeigte ihre Hämatome – und gab damit auch anderen mutmaßlich Betroffenen eine Stimme.

Die Vorwürfe gegen die Band, ihr Umfeld und besonders Lindemann wiegen schwer: Bei Konzerten der Band sollen Mitarbeiter*innen zahlreiche junge Frauen gezielt für Sex mit Lindemann rekrutiert haben. Auch Drogen oder K.O.-Tropfen könnten im Spiel gewesen sein, was Lindemanns Anwälte in einer Aussendung als „ausnahmslos unwahr“ bezeichnen. Die Berichte über nicht-konsensuale sexuelle Handlungen häufen sich.

Misogyne Inhalte hat Lindemann zumindest in den vergangenen Jahren ganz offen publiziert. Gedichte über einen Ich-Erzähler, der sich an schlafenden Frauen vergeht, ihnen Rohypnol in ihren Wein tropft, „kein Erbarmen“ hat, wenn diese „leise ‚Nein’ hauchten“.

In einem seiner Musikvideos schleppt Tillmann bewusstlose Frauen durch Backstagebereiche und singt dazu „alle Frauen, alles meins“, in sein Werk reiht sich auch ein gewalttätiger Porno ein, in dem offenbar keine professionellen Pornodarstellerinnen zu sehen sind. Mit Frauen könne er nur befreundet sein, wenn er sie vorher „gepoppt“ habe, erzählte er dem „Playboy“. Die Aufführung seines nicht-jugendfreien Solo-Projekts „Lindemann“ im Februar 2020 im Wiener Gasometer beendete Lindemann mit dem Screening eines Clips, der den Musiker zeigt, wie er in einen Raum unter der Bühne verschwindet und dort groben Sex mit zwei jungen Frauen hat – unterlegt mit komödiantisch anmutender Klaviermusik.

Auch wenn bisher Lindemann im Zentrum der Berichterstattung steht, ist klar, dass eine ganze Maschinerie dieses System am Laufen gehalten haben muss. Von Streit um eine Frau mit Gitarrist Kruspe berichtet etwa der „Spiegel“, von Backstage-Assistenten und der „Schlampenparade“, wie die zum Teil gerade einmal 18-Jährigen intern genannt würden. Dass die Frauen Backstage eingeschüchtert und unter Druck gesetzt würden, davon erzählte auch Influencerin Kayla Shyx auf YouTube.

Die Berichterstattung setzte aber auch eine andere, allzu bekannte Maschinerie in Gang: Tagelang versuchten Menschen, Shelby Lynn als psychisch krank darzustellen und ihre Glaubwürdigkeit zu untergraben, viele traumatisierte Betroffene vertrauen sich nur anonym Reporter*innen an – aus Angst vor der Welle an Aggression, die sonst über sie hereinbrechen würde. Statt Verantwortung zu übernehmen, engagierte Rammstein die Anwaltskanzlei Schertz-Bergmann, die schon den wegen sexualisierter Gewalt angezeigten Comedian Luke Mockridge vertrat und nun Klagsdrohungen verteilt.

Was der Begriff Rape Culture meint, demonstrieren indes jene Kommentator*innen, die sich auf Selbstverantwortung von Betroffenen berufen. Wer Backstage zu Rammstein gehe, müsse schon wissen, worauf sie sich da einlasse. Sexualisierte Gewalt, die zum größten Teil von cis Männern ausgeht, in einer diskursiven Verdrehung zu einem Frauenproblem zu machen, ist eine zentrale Strategie des Patriarchats. Sie beschämt Betroffene und bildet das Schmieröl in einem System, das Täter schützt.

Entsprechend entspannt zeigt sich auch Till Lindemann, der beim Konzert in München Anfang Juni sagte, auch dieses Unwetter werde vorbeiziehen. Vielleicht hat er recht. Standing Ovations für Johnny Depp in Cannes, Comeback-Pläne von Marilyn Manson und Musiker, die K.O.-Tropfen auf der Bühne verwitzeln und unter dem Deckmantel der Provokation männliche Gewalt feiern, schüren wenig Hoffnung auf nachhaltige Änderungen. Auch im patriarchal-kapitalistisch geprägten Musikbusiness zählt am Ende vor allem eines: Cash. Marken wie Rammstein sind geradezu Gelddruckmaschinen.

Und doch: Der Widerstand gegen ein patriarchales System des Machtmissbrauchs ist nicht mehr aufzuhalten. Dutzende Investigativ-Journalist*innen arbeiten noch immer am Fall, viele von ihnen akribisch und unter strenger Einhaltung des Opferschutzes. Feminist*innen solidarisieren sich und schicken jene Botschaft an Betroffene, die es so dringend braucht: Wir glauben euch. Rammstein mag nur ein Fall in einem System sein, das Machtmissbrauch und misogyne Übergriffe normalisiert. Doch mit jedem neuen Fall wird es schwieriger, ihm ein bloßes Schulterzucken entgegenzusetzen. Der Mut von Shelby Lynn kann dafür als Symbol gelesen werden. •

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Die Wut in die Welt https://ansch.4lima.de/die-wut-in-die-welt/ https://ansch.4lima.de/die-wut-in-die-welt/#respond Fri, 26 May 2023 15:16:08 +0000 https://anschlaege.at/?p=109804 Golnar Shahyar verbindet verschiedenste Traditionen zwischen Jazz, Kammermusik, Pop, nordwest-afrikanischer Folklore und Mikroton-Musik – und ist Aktivistin für die feministische Revolution im Iran. Von Sonja Eismann „Bitte sagt meiner Mutter, dass sie keine Tochter mehr hat“ ist eine der Parolen der feministischen Revolution im Iran. Protestierende rufen sie immer wieder, um daran zu erinnern, dass […]]]>

Golnar Shahyar verbindet verschiedenste Traditionen zwischen Jazz, Kammermusik, Pop, nordwest-afrikanischer Folklore und Mikroton-Musik – und ist Aktivistin für die feministische Revolution im Iran. Von Sonja Eismann

„Bitte sagt meiner Mutter, dass sie keine Tochter mehr hat“ ist eine der Parolen der feministischen Revolution im Iran. Protestierende rufen sie immer wieder, um daran zu erinnern, dass die Angst vor den Kanonen, Panzern und Gewehren des Regimes jetzt keine Macht mehr über sie hat. Dass sie sogar ihr eigenes Leben riskieren, um für die Freiheit anderer zu kämpfen. Die Musikerin Golnar Shahyar hat diese Zeilen in einen Song gegossen. Es ist ein Song, den alle, die ihn jemals gehört haben, schwerlich wieder vergessen werden. In einer Live-Aufnahme aus dem Jazzclub Porgy & Bess in Wien, wo die 1985 in Teheran geborene Multi-Instrumentalistin und Sängerin seit 2008 lebt, sieht man Golnar am Flügel sitzen. Sie beginnt, auf Farsi, mit der ruhigen Aufforderung, das Recht auf Zärtlichkeit, auf das Küssen zurückzuerobern – um sich dann immer lauter, immer leidenschaftlicher bis zu der revolutionären Vision zu steigern, dass der Iran von all den protestierenden Mädchen und Jungen, von den Müttern und Vätern von Baluchistan bis Kurdistan zurückerobert werden wird. Und wie sie da singt, mit erhobenem Kopf und von Schmerz und Hoffnung gleichzeitig gezeichnetem Gesicht, scheint sie wirklich mit der Kraft der Stimmen aller Demonstrierenden gemeinsam zu singen, ihre Wut in die gesamte Welt zu tragen. Als könnte sie mit der Intensität ihres Gesangs die Wände des Gefängnisses, in das sich der Iran verwandelt hat, zum Einsturz bringen.

Auch im Interview ist Shahyar, die bis zu ihrem 17. Lebensjahr in Teheran lebte und dann nach einigen Jahren in Kanada mit 23 zum Musikstudium nach Wien kam, deutlich anzumerken, wie sehr allein das Sprechen über dieses Lied sie bewegt. Denn neben ihrer unfassbar umtriebigen Tätigkeit als Musikerin – sie ist neben ihrer Solokarriere in mehreren Bands wie Choub und Gabbeh aktiv und hat schon an prestigereichen Orten wie der Royal Festival Hall oder dem Wiener Musikverein performt – sieht sie sich immer auch als Aktivistin, die mit ihrer Kunst den Anliegen von Marginalisierten eine Stimme geben will. Das hat sicherlich auch mit ihrer eigenen Geschichte zu tun, denn an eine Karriere als Sängerin war im Iran, wo Frauen das öffentliche Singen verboten ist, nicht zu denken. „Ich komme aus einer iranischen Mittelklassefamilie, wo es damals ganz normal war, die Töchter Musikinstrumente lernen zu lassen. Ich habe mich für Klavier, meine Schwester für Geige entschieden, wir waren auch in einer Orff-Gruppe. Ich hatte schon immer diese tiefe Sehnsucht danach zu singen, aber diese Vision war für mich im Iran unmöglich. Ich halte Singen nach wie vor für einen inhärent politischen Akt, und für mich sind Kunst und Politik ohnehin nie zu trennen. Natürlich braucht es für konkreten politischen Aktivismus noch ein anderes Level von Engagement. Für mich war das durch meine Familiengeschichte gegeben, wo immer schon viel politisch diskutiert und analysiert wurde. Die Folgen der islamischen Revolution haben meine Familie von Grund auf erschüttert und wir haben einige Mitglieder verloren“, erzählt Shahyar im an.schläge-Gespräch.

Ihr Leben auf drei Kontinenten, ihr stetes Unterwegssein hat nicht nur den vielfältigen musikalischen Stil der Komponistin und Performerin geprägt, es ist der Motor für ihr Schaffen. Denn Musik ist für sie immer Sprache, und all die verschiedenen Einflüsse, von denen sie nach eigener Aussage nie genug bekommen kann, erweitern kontinuierlich ihr Vokabular. Kein Wunder, dass Shahyars Musik in kein vorgefertigtes Genre passt und dadurch vollkommen einzigartig wirkt: Sie ist genauso vom klassischen europäischen Kanon und seiner Kammermusik geprägt wie von Musiken aus dem nordwestlichen Afrika, von alten iranischen Revolutionsliedern wie von Folklore und MTV, von Jazzimprovisation ebenso wie von mikrotonaler oder elektronischer Musik. Die Energie, die aus ihren Kompositionen sprudelt, setzt sich auch in ihrem Leben fort. Entsprechend energisch fordert sie auch, dass die weltweite Unterstützung für die feministische Revolution im Iran auf keinen Fall abreißen darf: „Wir im Westen müssen unser Bewusstsein und unsere Augen für diesen völlig neuen Feminismus aus dem Iran öffnen. Denn er ist auf ganz neue Weise intersektional und dabei auch auf fürsorgliche Weise mütterlich – wir alle können davon lernen.“ •

Sonja Eismann lebt als Mitherausgeberin des „Missy Magazine“ in Berlin und ist immer noch überwältigt von Golnar Shahyars Power – und von der iranischen feministischen Revolution, für die weltweit erstmalig alle Genders gemeinsam kämpfen.

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an.klang: Touch Yourself! https://ansch.4lima.de/touch-yourself/ https://ansch.4lima.de/touch-yourself/#respond Fri, 26 Aug 2011 11:52:12 +0000 https://anschlaege.at/?p=715 Über den Sommer hat sich einiges angesammelt – zwar nicht unbedingt die ersehnte Hitze, dafür aber eine Menge spannender Platten. Ein Schnelldurchlauf im Tauchsieder. Von SONJA EISMANN

 

Dass das schwedische Trio Little Dragon prominente Fans von TV On The Radio bis zu Outkast hat, verwundert bei ihrer dritten Platte Ritual Union (Peacefrog/Rough Trade) wirklich niemanden mehr. Sängerin Yukimi Nagano singt ihren Electro-R’n’B mit cooler und doch schmelzender Stimme über verzerrt pluckernde Dance Beats, die mit ihren weirden, oft merkwürdig eiernden Sounds absolut eingängig sind. Wenn zwischendurch immer wieder das Tempo lustvoll rausgenommen wird, klingt das so sensual, dass sogar Prince ein wohliger Seufzer entweichen dürfte.

Auch irgendwie sinnlich und weird, dafür aber noch mit einer Extra-Portion Humor geht Aérea Negrot ihre außergewöhnlichen Kompositionen für ihren ersten Longplayer Arabxilla (Bpitch Control/Rough Trade) an. Zu Negrot, die in Venezuela aufwuchs und über Stationen in Caracas, Porto, Den Haag und London letztendlich in Berlin landete, passt die etwas dämliche Bezeichnung des „Paradiesvogels“ nun endlich tatsächlich mal. Die Avantgarde-Tänzerin, die für ihre Gesangs- und Tanzeinlagen für Hercules & Love Affair bekannt wurde, fusioniert Oper, Disco, Clubsounds und Spoken Word in eine englisch-spanisch-deutsche Sprachmischung mit einer überkandidelten Eleganz, die auch Grace Jones gut zu Gesicht stehen würde.

T-INA Darling aka Ina Wudtke, die umtriebige DJ, Producerin, Künstlerin, Autorin und Kuratorin – die Ausstellung zu ihrem Buch „Black Sound White Cube“ geht gerade im Berliner Bethanien zu Ende – stellt mit einem neuen Werk ihre Vielseitigkeit ein weiteres Mal unter Beweis: Auf The Fine Art of Living (Rudel Records) trifft Spoken Word auf Tanzstücke mit Elementen aus Swing, Broken Beats, R’n’B, Bar Piano, Slow Raps und Dub. In zwei Teilen – Seite A ist englisch-, Seite B deutschsprachig – greift T-INA unter dem übergeordneten Thema kapitalistischer Bauspekulation und prekärer Lebensumstände u.a. auf Gedichte von Langston Hughes zurück, die genau diese Form der Unterdrückung, gepaart mit rassistischer Diskriminerung, schon in den 1920er Jahren thematisierten. Auf der B-Seite kommt, in T-INA’s Voice, auch May Ayim zu Wort, und natürlich geht es um die Zustände im schicken, prekären Berlin.

Was prekäres Leben bedeutet, weiß Mamani Keita nur zu genau. In einem Interview erinnert sich die aus Mali stammende Musikerin, die als Backgroundsängerin für Salif Keita Ende der 1980er nach Paris kam und dort jahrelang ohne Papiere lebte, wie sie an einem Morgen vor sieben Jahren nicht einmal zwei Euro für ein Essen für ihre kleine Tochter auftreiben konnte. Auch ihre NachbarInnen, denen es ähnlich beschissen ging, konnten mit der erbetenen Summe nicht aushelfen. Da wurde ihr klar: nicht nur sie war am Ende, sondern auch dieses Frankreich, in dem sie miserabel von Transferleistungen lebte. Aus dieser Erfahrung entwickelte sich der Refrain, der als eine Art Schlachtruf der illegalisierten EinwanderInnen in Frankreich gelten kann und titelgebend für ihr neues, bereits drittes Soloalbum wurde: „Pas facile gagner l’argent français, bosser bosser“. Zum zweiten Mal mit dem Multiinstrumentalisten Nicolas Repac erarbeitet, steht auf Gagner l’argent français (No Format!/Because Music/Al!ve) wieder die Vermischung traditioneller malischer Instrumente mit globalen Samples, Afrobeat- und Rock-Gitarren sowie vor allem Keitas ausdrucksvoller, so klarer wie kehliger Stimme im Vordergrund, mit der sie in ihrer Muttersprache Bambara mit zahllosen Background-Chören dialogisiert. Sentimental und euphorisierend zugleich.

Die zwei jungen Frauen vom Duo Jolly Goods hat es aus dem beschaulichen Odenwald mittlerweile nach Berlin verschlagen, doch die zweite Platte, von Hans Unstern und Dirk von Lowtzow produziert, hat nichts von ihrer grungigen Wut eingebüßt. Das Walrus (Staatsakt/Rough Trade), das hier eindeutig gequeert auftritt, ist ein dickes Rockbrett, wie aus der Zeit gefallen, bei dessen gequält-zornig nach hinten überkippender Stimme es sich durchaus an die frühe PJ Harvey oder Godmother Patti Smith denken lässt.

Und zu guter Letzt noch one for the dancehall: Jamaikas selbst ernanntes „Bad Gyal“ Ce’Cile ist mit einem neuen Album zurück und macht sich an die Jamaicanization (Kingstone/Groove Attack) der Welt. Wenn das mit ihren eingängigen Tunes zwischen Reggae, Dancehall und Pop, die auch heiße Eisen wie „Touch Yourself“ oder „Nah Stress Over Man“ anfasst, nicht funktioniert, müsste es doch mit der Teufelin zugehen.

Links:
www.little-dragon.se
www.myspace.com/aereanegrot
www.djt-ina.com
http://mamani.keita.free.fr
www.jollygoods.net
www.myspace.com/cecile

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Ich will ein Glanz sein* https://ansch.4lima.de/ich-will-ein-glanz-sein/ https://ansch.4lima.de/ich-will-ein-glanz-sein/#respond Fri, 26 Aug 2011 11:19:52 +0000 https://anschlaege.at/?p=683 AMY WINEHOUSE hatte ihren Kindheitstraum in die Tat umgesetzt. Sie wollte berühmt werden, singen – und sie wurde eine große Soulsängerin. Mit einem Hang zum Schmerz, zur leidenschaftlichen Liebe und zu diversen Drogen, die sie das Leben kosteten. Ein Nachruf von KENDRA ECKHORST

 

Sie zuppelt die Haarsträhne wieder über die linke Schulter, schwankt unentschlossen vor dem Mikrofon und hebt dann doch die Stimme. Mit einer kleinen Verzögerung. Sie rollt die Augen nach oben, die Mundwinkel gehen gleichzeitig nach unten, sie fährt sich mit dem Finger im Auge herum. Geschafft. Applaus. Sie bückt sich zu ihrem Glas, nimmt einen Schluck und hält eine Ansprache. Wie ist es, abgefuckt zu sein? Die Band setzt zur nächsten Nummer an, die Backgroundsänger stimmen gutgelaunt ein. Amy Winehouse setzt das Glas an.

Dieser Konzertmitschnitt aus dem Jahre 2006 bei den BBC One Sessions wurde nun, in Gedenken an Amy Winehouse, erneut ausgestrahlt. Damals stellte sie ihre zweite Platte „Back to black“ mit dem Erfolgshit „I don’t go to rehab“ vor, mit dem sie sich in die Liga der internationalen Pop-Größen sang. Die Künstlerin mit der rauchigen, tiefen Stimme, die vielen als Ausnahmetalent einer weißen Soulsängerin gilt, starb am 23. Juli mit 27 Jahren in ihrer Londoner Wohnung. Und fast alle haben gewusst, dass es so mit ihr enden würde. Eine Mischung aus Exzess, Krankheit und Genialität wurde Amy Winehouse attestiert, die sie neben der Ausnahmeerscheinung zu einer tragischen Figur, aufgrund ihres Drogenkonsums zu einem zunehmenden Desaster in der Popwelt stilisierte, wenn sie ihre Auftritte nicht mehr über die Bühne bekam. Einer Figur, deren Essverhalten, Liebesleben und „Ausrutscher“ in den letzten Jahren peinlich akkurat von den Medien dokumentiert wurden.

Im Scheinwerferlicht wollte sie schon als Mädchen stehen und besuchte mit neun Jahren eine Theaterschule für Begabte. Mit dem Satz: „Ich will berühmt werden und Lieder singen, die die Menschen für fünf Minuten ihren Ärger vergessen lassen“, ebnete sie sich mit zwölf Jahren den Weg an die renommierte Sylvia Young Theatre School, von der sie später wieder flog. Weil sie sich „nicht anpassen konnte“ oder wegen einem Piercing, besagen unterschiedliche Gerüchte. Vorerst als Autodidaktin blieb sie der Musik treu, einer Musik, die sie aus ihrem Elternhaus kannte und mitnahm. Die Musik von Frank Sinatra und Ella Fitzgerald.

„Fuck me pumps.“ Die Geschichte ihres „Ich will ein Glanz sein“ nahm vorerst einen klassischen Verlauf. Mit 13 bekam sie eine Gitarre, komponierte erste Songs und spielte in diversen Bands und Jazzorchestern mit. Ein Freund ging mit den Aufnahmen bei einigen Plattenfirmen hausieren und schlug umgehend einen Vertrag heraus. Mit gerade 20 veröffentlichte Amy Winehouse ihr erstes Album „Frank“ mit jazzigen Pop-Stücken, das ihr die ersehnte Berühmtheit einbrachte und einigen Glanz verlieh. Die Themen der Songs sind weniger glanzvoll, so werden etwa in „Fuck me pumps“ die missglückten Versuche von Frauen besungen, die in der Bar den Richtigen, den Millionär fürs Leben aufreißen wollen. Winehouse macht sich darin lustig über die verzweifelten Anstrengungen, die doch nur zu One-Night-Stands führen. Sie selbst hält es eher mit den Statements und dem Soul von TLC und Salt’N’Pepa, die für eine selbstbestimmte Sexualität eintraten. Das inszeniert sie auch in aller Öffentlichkeit, erzählt von ihren Abenteuern und lässt die Welt daran teilhaben – auch an ihrer Beziehung mit Blake Fielder-Civil, an den Prügeleien, den Trennungen, Knastaufenthalten und Liebesschwüren. Nach der ersten Trennung entstand ihr zweites Album, in dem sie den Liebeskummer wie in „Love is a loosing game“ verarbeitet. Aber in dem sie auch den Exzess musikalisch abfeiert. Sie und Blake Fielder-Civil kommen wieder zusammen, heiraten sogar und geben für eine Zeit lang ein Paar wie Bonny und Clyde oder Sailor und Lula aus „Wild at heart“ von David Lynch. Der Drogenkonsum steigt, die Tattoos vermehren sich, die Haare türmen sich zu dem bekannten Bienenkorb und die Eigentumssignatur „Blake’s“ prangt über den geboosteten Brüsten. Die Figur einer Diva aus den sechziger Jahren, mit Rock’n’Roll-Attitüde nebst Pin-up-Tattos und einer Vorliebe für 80er-Drogen wie Heroin, wirbelt durch die Boulevardpresse und immer seltener über die Bühnen. Zusammenbrüche, Entzugsaufenthalte und „Katerstimmungen“ lassen jedes Konzert und jede Tour unkalkulierbar werden.

„… das geht allen Frauen so.“ Zugleich steigt ihre Bekanntheit rasant, ihre musikalische Professionalität jedoch nicht immer in gleichem Maße. Amy Winehouse wollte und musste auf die Bühnen dieser Welt, Preise entgegennehmen und sich den Anforderungen des gegenwärtigen Musikgeschäfts stellen. Eines Geschäfts, das sie auch in desolatem Zustand ans Mikro schickte und das Risiko ihres Versagens in Kauf nahm. Wie bei ihrem letzten Auftritt im Juni in Belgrad. Auch ihre Band und das Lächeln der Backgroundsänger, die die Show noch zusammenhalten, können über das Desaster nicht hinwegtäuschen. Sich ständig kratzend, torkelnd und mit entrücktem Blick verpatzt sie die meisten Einsätze, bricht zwischendurch ab. Hin und wieder versucht sie mit dem Publikum in Kontakt zu kommen, sich zu erklären, um dann wieder in ihre Welt abzudriften. Die Geduld des Publikums ist überstrapaziert, solch unglamouröse Folgen der Drogensucht werden nicht toleriert. Amy Winehouse befindet sich jenseits des akzeptablen Mythos der drogenbefeuerten Kreativität. Der Glanz ist verschwunden. Stumpfe Stellen gab es schon vorher, aber dazwischen schimmerte es. Wenn sie klare Momente hatte, wenn sie sich musikalisch mit ihrem Schmerz auseinandersetzte und mit ihrer intensiven Stimme bezauberte. Denn ein wenig hatte sie sich dem Schmerz verschrieben, wie sie in Interviews zu Protokoll gab. Der Umgang damit, das Leid und die Erfahrung, gerade auch von Sänger_innen der 1960er Jahre, faszinierten und inspirierten sie. Ein Schmerz, den sie mit Drogen sowohl schuf als auch aushielt und mit dem sie trotz ihrer Musik allein blieb.

Nicht von ungefähr zitiert Angela McRobbie in ihrem Buch „Top Girls“ einen Satz aus einem Interview, das Amy Winehouse 2006 dem „Daily Mirror“ gab. „Ein bisschen Magersucht, ein bisschen Bulimie. Es geht mir nicht total gut gerade, aber ich denke, das geht allen Frauen so.“ Symptomatisch ist für McRobbie diese Aussage, denn sie macht die Verschiebungen eines neoliberalen Geschlechterverhältnisses deutlich. Gesellschaftliche Anforderungen an Frauen werden darin als individuelle Herausforderungen interpretiert. McRobbie spricht von postfeministischen Störungen, in denen Autoaggressionen oft als Krankheiten umgedeutet werden und ein gangbarerer Weg sind, statt sich offen zu verweigern oder gar kollektiv zu agieren. Und beispielhaft für diese schizophrene Anspannung zwischen selbstverletzender Wut und dem Lächeln im Schweinwerferlicht sei eben Amy Winehouse.
Eine, die in den Star-Olymp gelangt war und den Ruhm sichtlich genoss, die Angst vor der Ruhe nach dem Applaus hatte und auch unwirsch vor Langeweile werden konnte.

„I don’t go to rehab.“ Die Anforderungen an die Art ihrer Selbstpräsentation waren zwar enorm, räumten ihr aber zugleich einen Spielraum für Skandale ein, wenn diese ein mediales Echo erzeugten. Sie hat diesen Spielraum, genutzt, führte ein – vielleicht immer wieder auch ungewollt – öffentliches Leben als Musikerin, Frau und Drogenabhängige und pflegte einen offensiven Umgang mit den Zumutungen dieses Lebens. Wild und verletzt. Diva und Wrack. Rausch und Abhängigkeit. Immer weniger gelang es ihr, die Balance zwischen diesen extremen Polen zu halten und gemäß den Regeln des Musikbusiness zu funktionieren. Ganz unglamourös verstarb sie an den Folgen ihrer Drogensucht. 


Kendra Eckhorst lebt als freie Journalistin in Hamburg.

* Aus: „Das kunstseidene Mädchen“ von Irmgard Keun (Berlin 1932)

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an.klang: Achtziger Achterbahn https://ansch.4lima.de/an-klang-achtziger-achterbahn/ https://ansch.4lima.de/an-klang-achtziger-achterbahn/#respond Sat, 02 Jul 2011 08:32:10 +0000 https://anschlaege.at/?p=344 Experimentelle Soundkaskaden statt Soundfolter, Beats wie Peitschenschläge. CHRISTINA MOHR hat ihren Sound für den Sommer gefunden.

 

Man kann es kurz machen: Lady Gagas zweieinhalbtes Album (die EP „Fame Monster“ mitgezählt) Born This Way (Interscope/Universal) ist die reine Soundfolter. Okay, Soundfolter mit ein paar guten Momenten, wie der von Gagas Berlinaufenthalten inspirierten Verballhornung der deutschen Sprache „Scheiße“, dem zähfließenden Dance-Groove auf „Bloody Mary“ und dem Supertext von „Hair“. Der Hit „Born This Way“ erinnert frappierend an Madonnas „Express Yourself“, das sich ebenfalls an Madonna abarbeitende „Judas“ klingt wie ein mittelmäßiger Beitrag für den Eurovision Song Contest. Der Rest ist eine unbarmherzig ballernde Mixtur aus Achtzigerjahre-Rock und trashigem Euro-Techno. Da sich Gaga und ihre Entourage wohl kaum nur zum Rumalbern im Studio einfinden, muss man von Vorsatz und voller Absicht ausgehen. Bleibt die Frage: Warum?

Sie wird mit Grace Jones verglichen, mit Björk und Billie Holiday. Dabei ist die in Ruanda geborene und in Berlin lebende Barbara Panther so einzigartig wie nur wenige andere Künstlerinnen. Sie liebt spektakuläre Verkleidungen, ihre Auftritte bleiben allen im Gedächtnis, die sie jemals live erlebt haben. Die vergangenen Herbst veröffentlichte EP machte neugierig auf ihr Album Barbara Panther (CitySlang), das von Matthew Herbert produziert wurde – der aber zu Panthers Tracks außer ein paar Soundideen nicht viel beizusteuern hatte. Barbara Panther hat nicht nur eine unverwechselbare Stimme, sie schreibt auch tolle Songs im Spannungsfeld von Elektro, Soul und Hip-Hop. Die Single „Empire“ ist eine wütende Abrechnung mit kirchlichem Machtmissbrauch, „Rise Up“ ist ein Weckruf an alle, die es sich in ihren Verhältnissen gemütlich eingerichtet haben. Auf „Voodoo“ fahren die Beats Achterbahn und im romantisch angehauchten „Moonlight People“ kann man sich zu sanften Calypso-Rhythmen wiegen. Barbara Panther ist lustig, gefährlich und unerschrocken: Unsere Frau für diesen Sommer – mindestens!

Der Sound der 1980er-Jahre geistert so stilecht durch viele neue Platten, dass man zuweilen aufs Produktionsdatum gucken muss, um sich nicht zu blamieren. Hurts aus Manchester sind mit ihrem eklektischen Elektropop irre erfolgreich, Acts wie Zola Jesus orientieren sich eher an der Indie-Variante der Achtziger. Auch Katie Stelmanis, Sängerin der queeren kanadischen Band Austra, schöpft aus dem Erbe von Wave und Gothic: Feel It Break (Good To Go / Domino) zeichnet sich durch hypnotische Synthie-Melodien, brummelnde Bässe, Beats wie Peitschenschläge und verzögertes Tempo aus. Stelmanis engelsgleiche Opernstimme macht das Album zur Séance, Austra gehen mit heiligem Ernst zur Sache. Songs wie „Spellwork“ und „Lose It“ klingen, als sänge Joni Mitchell 1982 im Londoner Club Bat Cave. Die Single „Beat and the Pulse“ bleibt das beste Stück der Platte, die Mischung aus spooky Atmosphäre und verführerischer Coolness gelingt Austra nur hier besonders packend.

Wer die amerikanische Musikerin Erika M. Anderson alias EMA von ihren ehemaligen Bands Amps for Christ und Gowns kennt, könnte ihr Solodebüt beinah gefällig finden. Das ist es natürlich nicht, aber durchaus zugänglicher als der Riot-Grrrl-Noise-Folk früherer Tage. Der sieben Minuten lange Opener „The Grey Ship“ ist ein Prüfstein: Entweder man bleibt fasziniert dabei oder verabschiedet sich danach, weil man ahnt, dass Past Martyred Saints (Souterrain Transmissions / Rough Trade) zu viel von einem verlangt. Eventuelle Vergleiche mit Cat Power und PJ Harvey sind nicht falsch, aber EMA ist keine Epigonin. Dass EMA nach Los Angeles zog, weil sie „Welcome to the Jungle“ von Guns’n’Roses wirklich mochte und dass sie unlängst Supportact für Throbbing Gristle war, sind wichtige Puzzleteile im Gesamtbild EMA. Sie verknüpft grungy Gitarren-Feedbackorgien mit bittersüßem Girlpop, experimentelle Soundkaskaden mit minimalistischem Folk. „Breakfast“ ist bis aufs Gerippe ausgezogener Gospel, zum psychedelischen „Marked“ kann man – mit den richtigen Drogen – sogar tanzen. EMA ist eine grandiose Songwriterin, die kein Interesse daran hat, dass man ihre Lieder mitsingt.

Links:
www.lady-gaga.de
www.myspace.com/barbarapanther
www.myspace.com/austra
www.cameouttanowhere.com (EMA)

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Gegen Sexualisierung anquietschen https://ansch.4lima.de/gegen-sexualisierung-anquietschen/ Wed, 01 Jun 2011 08:14:14 +0000 https://anschlaege.at/?p=330 POLY STYRENE, die Sängerin von X-Ray Spex, war ihrer Zeit voraus: ein Punk unter Punx und Vorreiterin der Riot-Grrrl-Bewegung. Von KENDRA ECKHORST
   

Ihre Stimme war eine Waffe, erinnern sich einige ihrer ZeitgenossInnen. Schrill, kreischend und zugleich melodisch. Sie nistete sich im Kopf ein und gab der Band X-Ray Spex ihren unverwechselbaren Sound. Poly Styrene, die Frau mit und hinter dieser Stimme, verstarb im April an Brustkrebs. Mit 53 Jahren.

Als Punk-Ikone, Neon-Queen oder feministische Avantgardistin wird die Sängerin tituliert, die 1978 mit ihrer Band das legendäre Album „Germ Free Adolescents“ herausbrachte. Hits wie „Oh Bondage Up Yours“ oder „Identity“ gehören heute zu den Punk-Klassikern. Gegen Plastikwelten, Rollenklischees und identitäre Fesseln quietschte sie an – einer Alarm-Sirene nicht unähnlich. Und eroberte sich so ihren Platz in der Punkszene der 1970er Jahre.

„Das kann ich auch.“ Als Marianne Joan Elliot-Said kam sie 1957 in Südostengland als Tochter einer Britin und eines Somaliers zur Welt. In Interviews erinnert sie sich, dass sie schon mit fünf Jahren Protestsongs schrieb, weil sie Fleisch essen sollte. Mit 15 ging sie nach London und wollte Opernsängerin werden. Zum Glück kam alles anders, und sie landete bei einem schlecht besuchten Konzert der Sex Pistols. „Das kann ich auch“, sollen ihre paradigmatischen Gedanken gewesen sein. Sie setzte eine Anzeige in ein Musikmagazin und suchte „young punx who want to stick together“.

X-Ray Spex war geboren, eine Punkband mit Sängerin, Saxofon und ohne Nieten und Lederjacken. Dafür mit einer legendären Zahnspange, die jahrelang aus dem Mund von Poly Styrene blitzte, hellblauen Strickjacken und rosa Söckchen. Ein nettes Mädchen von nebenan, das dieses Bild mit den ersten Tönen jedoch zerstörte. Nicht rotzig abwehrend mit erhobenem Mittelfinger, eher überzogen, gefährlich süß und dadaistisch, wie die Songtexte von „I am a cliché“ oder „Art-I-Ficial“ zeigen. Glatte und künstliche Welten, wie vom Fließband, kamen zum Vorschein, die ihrem Künstlerinnennamen, in Anlehnung an Polystyren, einem Kunst- und Schaumstoff, alle Ehre machten.
Mit ihrer Stimme kratzte sie an den Fassaden, schmirgelte die Plastikbilder ab. Rollenerwartungen wie Sexyness erteilte sie eine Abfuhr und hätte sich lieber die Haare abrasiert, als dieses zweifelhafte Kompliment zu bekommen. In einem ihrer letzten Interviews, das sie dem „Missy Magazine“ gab, stellte sie aber auch nüchtern fest: „Wir waren mit X-Ray Spex Ende des 1970er genau an der Schnittstelle, eine der letzten Bands, die sich ein nicht sexualisiertes Image noch erlauben konnten. Nach uns kamen dann schon Acts wie Madonna.“

„Überlass nicht Kylie Minogue das Feld.“ Trotzdem oder deswegen stiegen X-Ray Spex schnell zu Sternen im britischen Punkhimmel auf, leuchteten auch in den USA und spielten im legendären New Yorker Punk-Club CBGBs. Schon 1979 löste die Band sich auf. Styrene spielte daraufhin das Soloalbum „Translucence“ ein und schloss sich der Hare-Krishna-Bewegung an, verließ diese aber aufgrund der dortigen Frauenfeindlichkeit wieder. Im Jahre 1995 gab es eine erste Wiedervereinigung der Band, zu der wohl eine Krankenschwester Anlass gab. Mit den Worten „Geh raus hier. Überlass nicht Kylie Minogue das Feld“, schob sie Styrene aus der Klinik, in der sie wegen angeblicher Persönlichkeitsstörungen behandelt wurde.

Das zweite Album „Conscious Consumer“, das erst 2005 erschien, konnte nicht an den Erfolg des Debüts anknüpfen. Eine Platte, die im Zuge der Riot Grrrl-Bewegung erneute Popularität und Vorbildstatus genoss. Für Kathleen Hannah von „Bikini Kill“ und „LeTigre“ war Styrene die Sängerin, die den Weg ebnete. Auch Beth Ditto von „Gossip“ führt sie als musikalischen Einfluss an, der ihr zum Selbstvertrauen verhalf, sie selbst zu sein.

Nach ihrem letzten Auftritt 2008 mit X-Ray Spex widmete sich Poly Styrene einer erneuten Soloplatte namens „Generation Indigo“, die im März diesen Jahres erschienen ist. Poppiger kommen die Songs daher, wenden sich aber immer noch, wie in „Kitsch“, gegen starre und sexualisierte Bilder von Frauen. Bis zum Schluss kritisierte sie diese Zurschaustellung, auch noch im Hospiz, wo sie weiterhin Interviews gab. Am Abend des 25. April schied sie aus dem Leben. Ihre Stimme bleibt uns auf den Tonträgern jedoch erhalten.

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