Gesellschaft – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de Thu, 29 Jun 2023 07:17:27 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.0 https://ansch.4lima.de/wp-content/uploads/2024/10/cropped-favicon-32x32.png Gesellschaft – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de 32 32 Anbaden zum Abgewöhnen https://ansch.4lima.de/anbaden-zum-abgewoehnen/ https://ansch.4lima.de/anbaden-zum-abgewoehnen/#respond Fri, 23 Jun 2023 06:17:16 +0000 https://anschlaege.at/?p=110381 Wien bietet wunderbare Bademöglichkeiten –die einem Spanner und Exhibitionisten regelmäßig vermiesen. Von Laura Kroth. Es gibt eine sportliche Disziplin in Wien, die alljährlich ihren Saison­start feiert, wenn das Thermometer über 25 Grad klettert. In diesem Sport sind mir an den städtischen Gewässern bisher ausschließlich männliche Athleten begegnet. Es handelt sich um das Bespannen von Frauen, […]]]>

Wien bietet wunderbare Bademöglichkeiten –
die einem Spanner und Exhibitionisten regelmäßig vermiesen. Von Laura Kroth.

Es gibt eine sportliche Disziplin in Wien, die alljährlich ihren Saison­start feiert, wenn das Thermometer über 25 Grad klettert. In diesem Sport sind mir an den städtischen Gewässern bisher ausschließlich männliche Athleten begegnet. Es handelt sich um das Bespannen von Frauen, vorzugsweise nackt, inklusive Zurschaustellung des Genitals, wahlweise in erigiertem Zustand.

Mittwoch am späten Nachmittag: Zweieinhalb Stunden habe ich Zeit für mich, am frühen Abend muss ich zu Hause sein, um mein Kind wieder in Empfang zu nehmen. Gemeinsam mit einer Freundin will ich nur mal kurz ins Wasser hüpfen, den Sommer begrüßen, unsere Kinder sind bei ihren Vätern. Wir freuen uns über eine kurze Auszeit. Was wir hätten ahnen können: Eine Pause davon, ein sexualisiertes Objekt zu sein, ist uns nicht vergönnt.

Wir finden ein idyllisches Plätzchen gleich am Wasser. Außer uns nur eine weitere Sonnenanbeterin. Wir grüßen ihr freundlich zu, als wir in einiger Entfernung unsere Handtücher ins Gras legen, bevor wir in den See steigen.

Das Wasser reicht uns bis zum Nabel, unsere Beine werden von ein paar Pflanzen gestreichelt, das weiche Wasser der Lobau ist wärmer als gedacht und fühlt sich gut an. Zurück am Ufer, legen wir uns tropfend auf unsere Handtücher.

In unmittelbarer Nähe lässt sich ein Mann nieder, gefühlt ein bisschen nah, aber gerade nicht so nah, als dass wir ihn bitten, sich einen anderen Platz zu suchen. Schon zieht er sich nackt aus und präsentiert sich breitbeinig.

Wir üben uns darin, ihm so wenig Aufmerksamkeit wie möglich zu schenken. Doch ich spüre, wie unser zuvor offenes, unbeschwertes Gespräch kippt, unsere Stimmen leiser werden, wie allmählich und unweigerlich ein Unwohlsein in uns aufsteigt, das sich genauso wenig ignorieren lässt wie der breitbeinige Typ neben uns.

„Jetzt kriegt er auch noch eine Erektion‘‘, bemerkt Lilith augenrollend und beschließt: „Komm, wir gehen!“ Sie springt auf und packt hastig ihre Sachen zusammen. Ich winde mich, in ein Handtuch gewickelt, aus meinem Badeanzug. Auch die Sonnenanbeterin hat er in die Flucht geschlagen.

„Unnötig!“, ruft Lilith in seine Richtung.
„Ein bisschen Spaß muss sein“, antwortet er.
In Windeseile hat sich mein Unwohlsein in eine bebende Wut verwandelt. Ich zittere, während ich auf einem Bein balancierend in meine Sandale schlüpfe.
„Wir sind nicht hier, damit Sie sich an uns aufgeilen!“, schreie ich ihn an. „Mein Körper gehört mir!“ Ich bin überrascht, dass mir dieser Spruch so spontan über die Lippen kommt.

Wir sitzen im Auto, atmen durch. In zwanzig Minuten müssen wir zurück in der Stadt sein, die Polizei zu rufen, geht sich nicht aus, außerdem hätten wir ihn filmen oder zumindest fotografieren müssen. Nacktbaden ist hier ja kein Strafdelikt. Nachdem ich vor ein paar Jahren am Wienerberg ähnliche Erfahrungen gemacht habe, gehe ich nicht mehr alleine baden.

Auf dem Rückweg erzählt mir Lilith von einem Vorfall sexueller Belästigung, den sie zur Anzeige gebracht hat. In einer fast leeren S-Bahn hat sich ein Typ einen runtergeholt. Als sie ihn ein paar Wochen später bei der Polizei aus einem Stapel dutzender Fotos identifiziert, sagt die Polizistin: „Ach der! Der tut nix!“

Ein bisschen Spaß darf also offenbar wirklich sein. Ich finde es allerdings gar nicht lustig, dass drei Frauen ihr erstes Badevergnügen des Jahres abbrechen müssen, weil das ein Mann spaßig findet. Noch weniger Verständnis habe ich dafür, dass die Polizei sexualisierte Gewalt, die von dem Spanner oder einem übergriffigen Typen in der S-Bahn ausgeht, als harmlose Bagatelle abtut.

Das nächste Mal, so beschließen wir auf der Heimfahrt, werden wir jeden Spanner sofort in seine Schranken weisen, sobald er uns nur einen Zentimeter zu nah kommt. I will grab him by his Spatzi. Ein bisschen Spaß muss sein. •

Laura Kroth arbeitet als Organisationsentwicklerin bei einer großen sozialen Trägerin, hat ein Kind und ist alleinerziehend. Eigentlich will sie die Revolution, ein Care-Streik scheint ihr dazu ein legitimes Mittel.

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Salzburger Herdprämie https://ansch.4lima.de/salzburger-herdpraemie/ https://ansch.4lima.de/salzburger-herdpraemie/#respond Fri, 23 Jun 2023 06:16:04 +0000 https://anschlaege.at/?p=110378 Trotz Überraschungserfolg der KPÖ regiert in Salzburg nun eine Koalition aus ÖVP und FPÖ – Angriffe auf Gleichstellung und reproduktive Rechte inklusive. Sophia Krauss hat bei Pamela Huck von Pro Choice Austria nachgefragt. Die Salzburger Regierung setzt auf eine rechtskonservative Frauenpolitik. Welche Inhalte finden Sie besonders alarmierend? Mit Blick auf die reproduktiven Rechte ist an […]]]>

Trotz Überraschungserfolg der KPÖ regiert in Salzburg nun eine Koalition aus ÖVP und FPÖ – Angriffe auf Gleichstellung und reproduktive Rechte inklusive. Sophia Krauss hat bei Pamela Huck von Pro Choice Austria nachgefragt.

Die Salzburger Regierung setzt auf eine rechtskonservative Frauenpolitik. Welche Inhalte finden Sie besonders alarmierend?

Mit Blick auf die reproduktiven Rechte ist an erster Stelle die geplante Kampagne zu nennen, die Adoption als „Alternative“ zum Schwangerschaftsabbruch darstellen soll. Das ist zutiefst sexistisch, stellt die Entscheidungsfähigkeit von Schwangeren in Frage und vermittelt, dass ein Abbruch etwas Schlechtes sei, für das „Alternativen“ gefunden werden müssten. Außerdem ist eine Studie vorgesehen, um die (längst erforschten) Gründe für Schwangerschaftsabbrüche zu erheben und das „Beratungsangebot anzupassen“. Hier gilt es, extrem wachsam zu sein. Derzeit ist vor einem Abbruch nur eine ärztliche Beratung vorgeschrieben. Wir müssen sicherstellen, dass psychosoziale Beratung auch in Zukunft freiwillig und anonym ist. Außerdem soll mit einer „Herdprämie“ der Verzicht auf öffentliche Kinderbetreuung abgegolten werden – ein großer Rückschritt für die finanzielle Unabhängigkeit von Müttern.

Welche Auswirkungen werden die geplanten Vorhaben auf Schwangere haben, die einen Abbruch in Salzburg durchführen wollen?

Im Detail wird es auf die konkrete Ausgestaltung der Vorhaben ankommen. Das Regierungsprogramm lässt hier viel Spielraum. Sicher ist, dass die geplanten Kampagnen den ohnehin schon hohen moralischen Druck, ungewollte Schwangerschaften fortzusetzen, weiter steigern. Ein Schwangerschaftsabbruch ist nicht egoistisch oder verwerflich, sondern ein normales medizinisches Verfahren, das sehr viele Menschen einmal oder mehrmals in ihrem Leben benötigen und das sie daher möglichst einfach und ohne Stigmatisierung in Anspruch nehmen können sollten.

ÖVP und FPÖ könnten laut Umfragen in Österreich auch auf Bundesebene eine Regierung bilden. Welches Signal setzt Salzburg für den Bund und wie können Feminist*innen jetzt aktiv werden?

Wer ÖVP wählt, bekommt die FPÖ dazu, das sollte spätestens jetzt allen klar sein. Außerdem ist die Strategie offenbar, reproduktive Rechte nicht pauschal anzugreifen, sondern scheibchenweise abzutragen. Als Feminist*innen müssen wir uns dessen bewusst sein und dürfen keinerlei Einschränkungen zulassen, mögen sie auch noch so klein wirken. Mehr noch: Der Status quo ist bei Weitem nicht gut genug, deshalb müssen wir einfordern, was uns beim Schwangerschaftsabbruch zusteht: flächendeckende Versorgung, volle Kostenübernahme und vollständige Entkriminalisierung.

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Wir glauben euch https://ansch.4lima.de/wir-glauben-euch/ https://ansch.4lima.de/wir-glauben-euch/#respond Fri, 23 Jun 2023 06:13:52 +0000 https://anschlaege.at/?p=110379 Macht mich bankrott. Ist mir egal. Bringt mich vor Gericht. Ich habe keine Angst“, so Shelby Lynn in einem Interview mit dem NDR. Die 24-jährige Irin hat die Berichterstattung über Till Lindemann und Rammstein losgetreten. Auf Instagram schilderte sie ihre Erlebnisse auf einem Konzert in Vilnius, berichtete von Erinnerungslücken und zeigte ihre Hämatome – und […]]]>

Macht mich bankrott. Ist mir egal. Bringt mich vor Gericht. Ich habe keine Angst“, so Shelby Lynn in einem Interview mit dem NDR. Die 24-jährige Irin hat die Berichterstattung über Till Lindemann und Rammstein losgetreten. Auf Instagram schilderte sie ihre Erlebnisse auf einem Konzert in Vilnius, berichtete von Erinnerungslücken und zeigte ihre Hämatome – und gab damit auch anderen mutmaßlich Betroffenen eine Stimme.

Die Vorwürfe gegen die Band, ihr Umfeld und besonders Lindemann wiegen schwer: Bei Konzerten der Band sollen Mitarbeiter*innen zahlreiche junge Frauen gezielt für Sex mit Lindemann rekrutiert haben. Auch Drogen oder K.O.-Tropfen könnten im Spiel gewesen sein, was Lindemanns Anwälte in einer Aussendung als „ausnahmslos unwahr“ bezeichnen. Die Berichte über nicht-konsensuale sexuelle Handlungen häufen sich.

Misogyne Inhalte hat Lindemann zumindest in den vergangenen Jahren ganz offen publiziert. Gedichte über einen Ich-Erzähler, der sich an schlafenden Frauen vergeht, ihnen Rohypnol in ihren Wein tropft, „kein Erbarmen“ hat, wenn diese „leise ‚Nein’ hauchten“.

In einem seiner Musikvideos schleppt Tillmann bewusstlose Frauen durch Backstagebereiche und singt dazu „alle Frauen, alles meins“, in sein Werk reiht sich auch ein gewalttätiger Porno ein, in dem offenbar keine professionellen Pornodarstellerinnen zu sehen sind. Mit Frauen könne er nur befreundet sein, wenn er sie vorher „gepoppt“ habe, erzählte er dem „Playboy“. Die Aufführung seines nicht-jugendfreien Solo-Projekts „Lindemann“ im Februar 2020 im Wiener Gasometer beendete Lindemann mit dem Screening eines Clips, der den Musiker zeigt, wie er in einen Raum unter der Bühne verschwindet und dort groben Sex mit zwei jungen Frauen hat – unterlegt mit komödiantisch anmutender Klaviermusik.

Auch wenn bisher Lindemann im Zentrum der Berichterstattung steht, ist klar, dass eine ganze Maschinerie dieses System am Laufen gehalten haben muss. Von Streit um eine Frau mit Gitarrist Kruspe berichtet etwa der „Spiegel“, von Backstage-Assistenten und der „Schlampenparade“, wie die zum Teil gerade einmal 18-Jährigen intern genannt würden. Dass die Frauen Backstage eingeschüchtert und unter Druck gesetzt würden, davon erzählte auch Influencerin Kayla Shyx auf YouTube.

Die Berichterstattung setzte aber auch eine andere, allzu bekannte Maschinerie in Gang: Tagelang versuchten Menschen, Shelby Lynn als psychisch krank darzustellen und ihre Glaubwürdigkeit zu untergraben, viele traumatisierte Betroffene vertrauen sich nur anonym Reporter*innen an – aus Angst vor der Welle an Aggression, die sonst über sie hereinbrechen würde. Statt Verantwortung zu übernehmen, engagierte Rammstein die Anwaltskanzlei Schertz-Bergmann, die schon den wegen sexualisierter Gewalt angezeigten Comedian Luke Mockridge vertrat und nun Klagsdrohungen verteilt.

Was der Begriff Rape Culture meint, demonstrieren indes jene Kommentator*innen, die sich auf Selbstverantwortung von Betroffenen berufen. Wer Backstage zu Rammstein gehe, müsse schon wissen, worauf sie sich da einlasse. Sexualisierte Gewalt, die zum größten Teil von cis Männern ausgeht, in einer diskursiven Verdrehung zu einem Frauenproblem zu machen, ist eine zentrale Strategie des Patriarchats. Sie beschämt Betroffene und bildet das Schmieröl in einem System, das Täter schützt.

Entsprechend entspannt zeigt sich auch Till Lindemann, der beim Konzert in München Anfang Juni sagte, auch dieses Unwetter werde vorbeiziehen. Vielleicht hat er recht. Standing Ovations für Johnny Depp in Cannes, Comeback-Pläne von Marilyn Manson und Musiker, die K.O.-Tropfen auf der Bühne verwitzeln und unter dem Deckmantel der Provokation männliche Gewalt feiern, schüren wenig Hoffnung auf nachhaltige Änderungen. Auch im patriarchal-kapitalistisch geprägten Musikbusiness zählt am Ende vor allem eines: Cash. Marken wie Rammstein sind geradezu Gelddruckmaschinen.

Und doch: Der Widerstand gegen ein patriarchales System des Machtmissbrauchs ist nicht mehr aufzuhalten. Dutzende Investigativ-Journalist*innen arbeiten noch immer am Fall, viele von ihnen akribisch und unter strenger Einhaltung des Opferschutzes. Feminist*innen solidarisieren sich und schicken jene Botschaft an Betroffene, die es so dringend braucht: Wir glauben euch. Rammstein mag nur ein Fall in einem System sein, das Machtmissbrauch und misogyne Übergriffe normalisiert. Doch mit jedem neuen Fall wird es schwieriger, ihm ein bloßes Schulterzucken entgegenzusetzen. Der Mut von Shelby Lynn kann dafür als Symbol gelesen werden. •

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Alt werden, wie geht das? https://ansch.4lima.de/alt-werden-wie-geht-das/ https://ansch.4lima.de/alt-werden-wie-geht-das/#respond Fri, 23 Jun 2023 05:51:07 +0000 https://anschlaege.at/?p=110374 Illustration: Sabrina WegererZum Thema Alter fallen mir immer wieder dieselben Sätze ein. Nervige Binsenweisheiten, aber sie bleiben hängen.„Altern ist nichts für Feiglinge“ soll uns darauf vorbereiten, dass es richtig hart werden könnte. Wir wissen zwar, dass wir alle irgendwann alt werden, trotzdem können wir es nicht so richtig glauben. Dass es tatsächlich auch uns selbst passieren wird. […]]]> Illustration: Sabrina Wegerer

Zum Thema Alter fallen mir immer wieder dieselben Sätze ein. Nervige Binsenweisheiten, aber sie bleiben hängen.
„Altern ist nichts für Feiglinge“ soll uns darauf vorbereiten, dass es richtig hart werden könnte. Wir wissen zwar, dass wir alle irgendwann alt werden, trotzdem können wir es nicht so richtig glauben. Dass es tatsächlich auch uns selbst passieren wird.

Aber dann: Die Zeit verfliegt und plötzlich ist es auch für dich so weit. Das Ringen um die innere Akzeptanz von Lesebrille, Knieschmerzen, Arthrose, Haarausfall und Mundwinkelfalten beginnt. Da musst du durch. Eben, nichts für Feiglinge.
Der Spruch vom „Altern in Würde“ ist auch nicht ohne. Er lässt mich mit der vagen Vorstellung zurück, dass altern durchaus in Ordnung ist, also sein könnte.
Sofern wir uns altersgerecht verhalten. Und nicht mehr verlangen, nicht mehr fordern, nicht mehr wünschen und begehren als den Alten – und im Besonderen den alten Frauen – zugestanden wird.

Eine befreundete Schriftstellerin sagte mal: „Für Frauen gibt es kein Altern in Würde. Du kannst es nur falsch machen. Punkt.“
Klingt hart. Aber mit dem Verlust jugendlicher Attraktivität setzt automatisch die gesellschaftliche Abwertung älterer Frauen ein. Der hübsche Ausdruck Fuckability bringt es recht klar auf den Punkt. But don’t panic! Das heißt keinesfalls, dass niemand mehr mit euch ins Bett möchte. Es handelt sich eher um eine Art Platzverweis. Damit die alten Weiber nicht zu selbstbewusst werden.
Das offizielle künftige Rollenangebot hat Oma, Ehrenamt und Fürsorge für die noch älteren Eltern oder den Ehemann im Programm. Und sich mit allen Mitteln fit, gesund und in Form halten. Dem System nicht auf der Tasche liegen. Nicht sonderlich glamourös.

Es sei denn, du hast genug Geld. Es ist viel einfacher, in Würde zu altern, wenn du über ausreichend Kohle verfügst. Geld ist wirtschaftliche Macht und Menschen mit Macht werden respektiert und besser behandelt – egal wie sie aussehen.
Wie hoch ist noch mal die durchschnittliche Frauenpension in Österreich?
Gabi Schweiger setzt sich in ihren feministischen Dokumentarfilmen mit Rollenbildern, diversen Lebensrealitäten, Vulva, Penis und toxischer Männlichkeit auseinander.

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Feminist Superheroines: Kamla Bhasin https://ansch.4lima.de/feminist-superheroines-4/ https://ansch.4lima.de/feminist-superheroines-4/#respond Tue, 30 May 2023 02:26:59 +0000 https://anschlaege.at/?p=110061 Kamla Bhasin, geboren am 24. April 1946 im heutigen Pakistan, gilt als eine der bekanntesten, wenn nicht als die bekannteste Feministin Südasiens. Nach ihren Studien in Indien und Deutschland zu Entwicklungssoziologie und Sozialarbeit sowie ihrem Engagement bei mehreren Hilfseinsätzen der UNO, gründete sie das feministische Netzwerk Sangat. Es unterstützt vor allem Frauen in ländlichen Regionen […]]]>

Kamla Bhasin, geboren am 24. April 1946 im heutigen Pakistan, gilt als eine der bekanntesten, wenn nicht als die bekannteste Feministin Südasiens. Nach ihren Studien in Indien und Deutschland zu Entwicklungssoziologie und Sozialarbeit sowie ihrem Engagement bei mehreren Hilfseinsätzen der UNO, gründete sie das feministische Netzwerk Sangat. Es unterstützt vor allem Frauen in ländlichen Regionen dabei, sich auszutauschen, zu vernetzen und zu organisieren. Im Zentrum von Kamla Bhasins Arbeit steht der Kampf gegen sexualisierte Gewalt. Sie ist auch Autorin des Kinderbuchs „If Only Someone Had Broken The Silence“. Darin macht sie den Missbrauch von Kindern zum Thema. phi

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Batty… Nächstenliebe https://ansch.4lima.de/batty-naechstenliebe/ https://ansch.4lima.de/batty-naechstenliebe/#respond Fri, 26 May 2023 15:17:33 +0000 https://anschlaege.at/?p=109814 Illustration: Alma WeberNächstenliebe]]> Illustration: Alma Weber

Nächstenliebe

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So laut wir können! https://ansch.4lima.de/so-laut-wir-koennen/ https://ansch.4lima.de/so-laut-wir-koennen/#respond Fri, 26 May 2023 15:17:03 +0000 https://anschlaege.at/?p=109785 Künstliche Intelligenz soll mehr Diversität bringen, etwa durch den Einsatz KI-generierter statt menschlicher Models. Beendet wird die Diskriminierung marginalisierter Körper dadurch aber nicht – im Gegenteil. Warum wir uns gegen den digitalen Schönheitsterror lautstark wehren müssen, erklärt Elisabeth Lechner. Algorithmen machen ihre Arbeit, ohne dass wir es merken. Sie bestimmen auf Basis riesiger Datenmengen und […]]]>

Künstliche Intelligenz soll mehr Diversität bringen, etwa durch den Einsatz KI-generierter statt menschlicher Models. Beendet wird die Diskriminierung marginalisierter Körper dadurch aber nicht – im Gegenteil. Warum wir uns gegen den digitalen Schönheitsterror lautstark wehren müssen, erklärt Elisabeth Lechner.

Algorithmen machen ihre Arbeit, ohne dass wir es merken. Sie bestimmen auf Basis riesiger Datenmengen und mathematischer Vorhersagemodelle, was wir in unseren Social-Media-Feeds angezeigt bekommen oder was uns beim Online-Shopping neben bereits ausgewählten Produkten noch gefallen könnte. Sie haben Einfluss auf unsere Gesundheit (von der bildgebenden Diagnostik in der Medizin bis hin zu FitBits und Wearables im Sport, die unsere Körperdaten erfassen) und entscheiden (mit) darüber, wer Unterstützung vom Staat bekommt (Spoiler: Frauen, Mütter, Menschen mit Behinderung und über Fünfzigjährige waren es beim viel diskutierten AMS-Algorithmus nicht).

Automated Equality? Obwohl die Grenzen zwischen digital und analog bereits seit Jahren immer mehr verschwimmen und computergenerierte Entscheidungen schon jetzt konkreten Einfluss auf unser Leben nehmen, waren die Wirkweisen dieser Anwendungen bisher nur Expert*innen und einem Fachpublikum bekannt. Doch im November 2022 hat Open AI den KI-Chatbot Chat GPT veröffentlicht, der durch Unmengen Daten und maschinelles Lernen auf Anfragen (sogenannte „Prompts“) von User*innen erstaunlich hochwertige Texte produzieren kann. Dazu kam der Aufruhr rund um den glitch-freien, superrealistischen TikTok-Filter „Bold Glamour“, der aus durchschnittlichen Selfies „alienhafte“ gleichförmige „Schönheit“ macht – seither ist das Thema nun auch in der breiten Öffentlichkeit angekommen. Immer mehr Menschen probieren die neuen Anwendungen aus, erleben mit einer Mischung aus Neugier, Freude und Angst, was digital (Körper er-)leben heute bedeutet.

KI-generierte Models. Immer mehr Menschen fragen sich aber auch: Welche Daten sind die Basis für algorithmische Entscheidungen? Ist künstliche Intelligenz gerecht? Und wer profitiert? Glaubt man den Firmen, die diese KI-Anwendungen auf den Markt bringen, stehen wir vor einer Revolution der Arbeitswelt, einem
„alles-wird-anders-iPhone-Moment“ für unser gesellschaftliches Miteinander, und auch vor einer schönen, neuen, diskriminierungsfreien Welt. Der amerikanische Jeans-Hersteller Levi’s beispielsweise möchte künftig „die Diversität seiner Kampagnen erhöhen“, indem diese nicht nur echte Menschen, sondern auch KI-generierte Models der Firma Lalaland.ai zeigen, „alle Hautfarben, Alter und Körpergrößen“ inklusive. In einer Welt, in der Schwarze Menschen und People of Color sich viel zu selten repräsentiert sehen, in der dicke Menschen und jene mit Behinderungen sich selbst vorstellen müssen, wie Kleidung an ihrem Körper wohl aussieht, klingt das erstmal nach einer guten Nachricht.

Kapitalistische Mogelpackung. Bei näherer Betrachtung wird jedoch schnell klar, dass dieser Fast Track zur Inklusion eine kapitalistische Mogelpackung ist. Die KI-generierten Models sind nicht wirklich divers – scheinbar graust es der KI, genau wie sie es von den eingespielten Datensets gelernt hat, vor Körperbehaarung, überschüssiger Haut, Falten und Narben, denn all diese Elemente unserer Körperlichkeit sucht man vergebens. Wir werden echte Vielfalt und Inklusion über solch einen Zeit und Kosten sparenden, Profite maximierenden Quick Fix nicht erreichen, der es Unternehmen wie Levi Strauss und Co. ermöglicht, Personal zu entlassen und auf Models, Make-Up-Artists und all die teuren, aufwändigen Anpassungen zu verzichten, die das bewusste Raumschaffen für vielfältige Körper nun mal erfordert. Kleidung in anderen Schnitten entwerfen? Make-Up in verschiedenen Schattierungen und Afro-Haar-Stylists für Schwarze Frauen und Women of Colour anbieten? Andere Sehgewohnheiten und Posen für dicke, queere und behinderte Körper erdenken und durchsetzen gegen Redaktionen, die immer noch dünne, weiße cis Frauen für heterosexuelle Männerblicke stylen? Fragen von gestern. Vielfalt liefert billig und schnell die KI!

Unzeigbar. Egal wie schön und optimiert die Bilder sind, die wir im Digitalen von- und miteinander teilen, ob wir uns nun konform mit den Vorstellungen der Schönheitsindustrie geben, indem wir lächelnde, durch den „Bold Glamour“-Filter gejagte Selfies erstellen; egal, ob wir versuchen, unser Gesicht mit teurer Schönheitsarbeit und Skalpellen (beim gerade angesagten „Buccal Fat Removal“ werden Teile der Wange „exzisiert“, also herausgeschnitten) dem digitalen Avatar anzupassen; egal, ob wir uns aktivistisch einbringen und mit „natürlichen“ Fotos von uns „für mehr Realness auf Instagram“ genau dagegen protestieren: Immer teilen wir diese Bilder auf Plattformen, die maximale Daten- und Profitakquise zum Ziel haben und nicht – wie in cyberfeministischen Utopien der 1990er-Jahre formuliert – einen möglichst transparenten, egalitären Zugang zum Internet für alle. In einer kapitalistischen, patriarchalen digitalen Umwelt, in der der Schönheitsdruck stetig zunimmt und sich intensiviert, bleibt der sichtbare, normschöne, weibliche Körper der kommerzialisierbare Körper; mit ihm werden Produkte und Dienstleistungen verkauft. Was abseits von Werbung und Klicks in der Aufmerksamkeitsökonomie „nicht funktioniert“ – das Eklige, das Abstoßende, das Hässliche, das Tropfende und schwer Kontrollierbare – bleibt auch im Digitalen unzeigbar. Wie die Doku „Coded Bias“ rund um MIT-Forscherin
Joy Buolamwini eindrucksvoll vor Augen führt: Marginalisierte Körper werden in allen Lebensbereichen über neueste, vermeintlich progressive Technologien weiterhin herabgesetzt, kontrolliert und ausgegrenzt.

Rohstoff für die Selbstoptimierung. Wo stehen wir also in Sachen digitaler Körperpolitiken im Jahr 2023? Müssen wir lautstark fordern, unser digitales Miteinander rechtlich neu zu regulieren und plattformkapitalistische Monopole zu zerschlagen? Eindringlich auf die psychologischen und gesellschaftlichen Folgen verzerrter Körperideale hinweisen und gegen schädliche Geschäftsmodelle auftreten? Ja, so laut wir können! Aber dabei dürfen wir nicht auf unsere gelebten Körper vergessen. Ohne sie wird die Schönheitsrevolution nicht erfolgreich sein. Wir führen unsere Leben in fühlenden Körpern, die Freude, Lust und Bewegung spüren, die Schmerz empfinden, krank oder schwanger werden und gerade in ihrer mit anderen geteilten Verletzlichkeit ein enormes Potenzial für politischen Protest entfalten. Auch wenn wir das oft nicht wahrhaben wollen, weil wir Verwundbarkeit und Sterblichkeit durch digitales Optimieren aus dem Blickfeld verbannen: Auch hinter KI-generierten Bildern stellen sich Fragen von Leiblichkeit und Körpern, die einer feministischen Kritik folgend mehr sein müssen als Projektionsflächen für Werbebotschaften und Rohstoff für die Selbstoptimierung gefilterter Realitäten. Gleichstellung wird also weiterhin nicht aus der Dose oder am KI-generierten Silbertablett einer Firma daherkommen. Sie muss – auch im Digitalen – weiterhin erkämpft werden, mit unseren schwitzenden, imperfekten, unendlich vielfältigen Körpern. •

Elisabeth Lechner ist Kulturwissenschafterin und Autorin des Buchs „Riot Don’t Diet – Aufstand der widerspenstigen Körper“, in dem sie Diskriminierung aufgrund des Äußeren auseinandernimmt und eine intersektionale, feministische Schönheitsrevolution anzettelt.

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heimspiel: leben mit kindern https://ansch.4lima.de/heimspiel-leben-mit-kindern/ https://ansch.4lima.de/heimspiel-leben-mit-kindern/#respond Fri, 26 May 2023 15:16:34 +0000 https://anschlaege.at/?p=109811 Illustration: Sabrina WegererBeate Hausbichler Zurück in die 50er-Jahre. Ich hasse Autofahren. Das ist angesichts der Klimakatastrophe und des längst überfälligen Umbruchs der Automobilindustrie nun wirklich kein Problem. Es ist auch ziemlich 1980er zu glauben, man müsse sich eines liberal-feministischen Ansatzes wegen mit allem beschäftigen, was unzähligen Männern unfassbar wichtig ist. Allein, um in sämtlichen Bereichen des Hirnverbrannten […]]]> Illustration: Sabrina Wegerer

Beate Hausbichler

Zurück in die 50er-Jahre.

Ich hasse Autofahren. Das ist angesichts der Klimakatastrophe und des längst überfälligen Umbruchs der Automobilindustrie nun wirklich kein Problem. Es ist auch ziemlich 1980er zu glauben, man müsse sich eines liberal-feministischen Ansatzes wegen mit allem beschäftigen, was unzähligen Männern unfassbar wichtig ist. Allein, um in sämtlichen Bereichen des Hirnverbrannten gleichziehen zu können. Eine Frau, und – huch! – eine schlechte Autofahrerin? Wenig ist mir egaler.

Aber Auto haben wir eines. Einen Hybrid, sei zu meiner Ehrenrettung gesagt. Dass das nicht meine Idee war, muss ich wohl nicht dazusagen. Fahren? Wenn es nicht unbedingt sein muss: lieber nicht. Das entgeht der Anwesenden im Kindersitz natürlich nicht: Mama ist meistens Beifahrerin, Papa meistens der am Steuer. Meine Güte, es gibt schlimmere Schieflagen bei Hetero-Paaren. Alles cool. Jedenfalls bis die Sechsjährige ein Gespräch darüber beginnt. Ob ich denn einen Führerschein habe, fragt sie auf dem Nachhauseweg, zu Fuß. Ja, habe ich. Dass ich trotzdem kaum fahre, gell? Wieder ja, ich mags einfach nicht. Ihre Conclusio: Sie macht keinen Führerschein. Voll okay, so meine noch zurückgelehnte Reaktion. Fall erledigt? Nun ja, nicht ganz. Ich such mir einen Mann mit Führerschein – der soll mich dann herumführen, präsentiert sie mir ihr Mobilitätskonzept.

Was folgt, ist ein widersprüchliches Dahinstottern meinerseits, im Schweiße meines Angesichts. Zwischen klimafreundlichem Anti-Führerschein-Diskurs und Ablehnung dieses 50er-Jahre-Modells, dass ich ihr – zumindest beim Autofahren – vorlebe.

Hm, vielleicht doch nicht so gescheit, wenn du dich da von einem Mann abhängig machst, oder? Wie wäre es außerdem mit einem autofreien Leben zu zweit? Und überhaupt, muss ja auch nicht ein Mann sein, schaust einfach mal, hm? Die Vorschläge für Alternativen sollen locker daherkommen, tun sie offenbar nicht. Zu gestresst klingt das alles wohl. Das darf doch wohl ich selbst entscheiden, faucht sich mich schließlich an, das bestimme ich, nicht du! Tja, mit Choice-Feminismus kennt sie sich zumindest schon ganz gut aus.

Beate Hausbichler ist Redakteurin bei „dieStandard“.

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„Ich bin weder besonders tech-utopischnoch tech-dystopisch“ https://ansch.4lima.de/ich-bin-weder-besonders-tech-utopischnoch-tech-dystopisch/ https://ansch.4lima.de/ich-bin-weder-besonders-tech-utopischnoch-tech-dystopisch/#respond Fri, 26 May 2023 15:15:16 +0000 https://anschlaege.at/?p=109797 Die Bilder für unseren Schwerpunkt wurden von der KI Bluewillow erstellt. Die Qualität von KI-generierten Bildern hat sich innerhalb kürzester Zeit gewaltig verbessert. Die polisitischen Folgen sind kaum abschätzbar, schon jetzt ist oft nicht mehr unterscheidbar, was eine echte Foto- bzw. Video-Aufnahme und was computergeneriert ist. Die Vorurteile, die diesen KIs algorithmisch einprogrammiert wurden lassen sich leider nicht beheben. Wie die Bildstrecke zeigt, (re-)produziert BlueWillow ohne Ausnahme Stereotype. Andere Bild-KIs sind zwar schon ein bisschen weiter und filtern ihre Resultate mit Algorithmen, um so für ein bisschen mehr Diversität zu sorgen. Doch die Diskriminierung ist den Daten tief eingeschrieben, mit denen sie alle gefüttert werden. Die Bildergebnisse spiegeln das nur: Weiße Männer sind CEOs, Women of Color machen Care-Work, ein Liebespaar besteht aus Mann und Frau.]]>

Sarah Ciston ist Künstlerin, Wissenschafterin und kritische Programmiererin und versucht die Welt der künstlichen Intelligenz intersektionaler zu gestalten. Anika Haider hat nachgefragt, warum die Technik ein „Intersectional AI Toolkit“ braucht.

an.schläge: Du hast ursprünglich kreatives Schreiben studiert. Warum hast du zu programmieren begonnen?
Sarah Ciston: Ich wollte schon immer Texte schreiben, die über die Textform hinausgehen. Bücher machen, die nicht in Bücher passen. Ich begann zu programmieren, weil ich nach anderen Kunstformen suchte. Anfangs gab es kaum Menschen, an denen ich mir ein Beispiel hätte nehmen können, und ich scheiterte oft. Doch die Faszination für das Thema, also für die Beziehung, die wir zu Technik haben und wie sehr diese die Beziehungen ändert, die wir Menschen zueinander haben, war so groß, dass ich dranblieb.

Hatte dein Unbehagen auch damit zu tun, wie hetero-cis-männlich-dominiert die Branche ist?
Ja, bestimmt. Aber diese Annahme ist eigentlich falsch. Das Narrativ hat sich auf diese spezielle Geschichte verengt. Das sind die Typen, die das Geld haben, die das ganze Interesse auf sich ziehen und über die all die Geschichten erzählt werden. Es wird oft so dargestellt, als wären sie die einzigen, die etwas von Technik verstehen. Aber es gibt auch viele queere Menschen und Frauen in der Tech-Branche. Global gesehen sind in verschiedenen Arbeitsbereichen Menschen in der Mehrheit, die keine weißen Silicon-Valley-Tech-Bros sind.

Willst du diese Fehlwahrnehmung mit dem „Intersectional AI Toolkit“ ändern?
Ja, genau. Als ich begonnen habe, mehr in der Tech-Branche zu arbeiten, merkte ich schnell, dass das alles doch gar nicht so schwer ist, wie gedacht. Es gibt einen immensen Hype um diese Systeme und wie sie funktionieren und eine sehr einschränkende Sicht darauf, für wen sie gemacht sind. Doch auch wenn das gerne verschleiert wird: Man kann diese Technologien auch ohne obskure Sprache erklären und ohne mathematische Begriffe. Es gäbe durchaus Wege, um viele Menschen in die Auseinandersetzung einzubeziehen. Mich interessiert, wie wir die Technologie mit und für mehr Menschen erweitern oder neu denken können.

Warum ist ein diverseres Spektrum an Menschen in der Tech-Branche so wichtig?
Ich denke, dass die Art und Weise, wie Technik derzeit funktioniert, einigen Menschen aktiv schadet. Ihre Perspektiven einzubeziehen, kann dabei helfen, das zu ändern. Wir sollten das Wissen, das über Themen wie Gleichheit und Partizipation, Fairness und Zugänglichkeit außerhalb digitaler Systeme gesammelt wurde, auch in die technische Entwicklung einbeziehen. Das ist aus ethischer Perspektive richtig, aber es wird auch die Technik für alle besser machen.

Wie soll das „Intersectional AI Toolkit“ funktionieren?
Es ist ein lebendes Dokument, ein ständiger „Work in Progress“ und für Menschen gedacht, die sich für AI interessieren, sich aber ausgeschlossen fühlen. Für sie habe ich einige Zines, also kleine Magazine gemacht, die ausgedruckt und – ganz analog – weitergegeben werden können. Sie sind eine Einführung in verschiedene Aspekte von AI und Intersektionalität. Die Zines kann man auch anpassen oder eigene gestalten. So soll ein Ort für verschiedene Menschen geschaffen werden, um über AI ins Gespräch zu kommen.

Was fehlt dir in der aktuellen Diskussion um AI-Ethik am meisten?
Diskussionen sollten über dieses gut/schlecht, voreingenommen/nicht-voreingenommen hinausgehen. Wir sollten uns eher fragen: Wie kann man das System ändern? Wie können wir andere Ziele definieren? Wie können wir langsamer werden? Das Problem ist, dass die Auseinandersetzungen nach den Regeln jener, die gerade an der Macht sind, passieren und einem ständigen Wettrennen untergeordnet sind. Es wäre spannend, zu sehen, was möglich wäre, wenn sich alles verlangsamen würde und sich die Diskussionen erweitern könnten.

Kann AI auf dem Weg hin zu einer besseren Gesellschaft helfen?
Ja, ich glaube, dass das möglich ist. Es wird, so wie mit jeder Technologie, immer gewisse Spannungen geben – zwischen dem, wie wir sie gerne verwenden würden, und wie sie tatsächlich verwendet wird. Ich bin weder besonders tech-utopisch noch tech-dystopisch. Aber es wird hoffentlich immer Menschen geben, die die Technologien innovativ nutzen und sich Machtstrukturen widersetzen. Ich bin jedenfalls sehr begeistert von all den künstlerischen, subversiven und queeren Ansätzen, die versuchen, die bestehenden Paradigmen infrage zu stellen. •

Anika Haider ist von der queerfeministischen Coding-Bewegung fasziniert und würde jetzt am liebsten auch Hackerin werden.

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„Sperrt mal eure Lauscherchen auf“ https://ansch.4lima.de/sperrt-mal-eure-lauscherchen-auf/ Sun, 04 Dec 2011 09:17:36 +0000 https://anschlaege.at/?p=72 Mit ihrem Buch „Muslim Girls” stellt SINEB EL MASRAR dem klischeehaften Opfer-Diskurs über deutsche Muslimas ein differenziertes Bild von deren Lebensrealität entgegen. Im Interview mit SYLVIA KÖCHL und VINA YUN spricht sie über die Legitimität der aktuellen Integrationsdebatte und den Klassenkampf im „deutsch-deutschen” Feminismus.

 

Unterdrückt, zwangsverheiratet und gegen ihren Willen verhüllt – mit solchen und anderen hartnäckigen Stereotypen von Muslimas, die die derzeitige deutschsprachige Debatte über „Integration” beherrschen, räumt Sineb El Masrar in „Muslim Girls” gründlich auf. Ihre Kritik verbindet die Berliner Journalistin, die auch das Frauenmagazin „Gazelle” herausgibt und Teilnehmerin der „Deutschen Islam Konferenz” ist, mit Hard-Facts der jüngeren politischen Geschichte, Medienanalyse und persönlichen Erfahrungen. Was junge muslimische Frauen behindere, ihr Leben ebenso selbstbewusst und selbstbestimmt zu gestalten wie „deutsch-deutsche” Girls, sei eben nicht „das Kopftuch” oder „die Tradition”, sondern die diskriminierenden Ausgangsbedingungen, mit denen insbesondere Muslimas der Zweiten und Dritten Generation noch immer konfrontiert sind.

an.schläge: Was war für dich der Anlass, dieses Buch zu schreiben?

Sineb El Masrar: Wie bei meinem Frauenmagazin „Gazelle” gingen dem jahrelange Beobachtungen darüber voran, dass die mediale Darstellung von MigrantInnen – und im Besonderen von Frauen – nicht die tatsächliche Lebensrealität wiedergibt. Bei „Muslim Girls” habe ich jene Frauen in den Fokus genommen, die auch in den Leitmedien tagtäglich für Schlagzeilen und hohe Auflagen sorgen dürfen. Wer Frauen begegnet, die Aische oder Fatma heißen, der hat meistens schon eine Meinung über sie. Nämlich, dass sie kein freies Leben leben können. Damit muss endlich Schluss sein.

Dein Buch erscheint wohl nicht zufällig zu einem Zeitpunkt, als die deutschsprachige „Integrationsdebatte“ eine Renaissance erfährt. Willst du es als Gegengewicht zu den Positionen von Thilo Sarazzin, Alice Schwarzer & Co. verstanden wissen?

Mein Buch zeigt vor allem, wie nötig es nach wie vor ist, die Realitäten, in denen MuslimInnen leben, darzustellen. MuslimInnen – gläubig oder nicht – müssen mehr denn je ihren selbstverständlichen Platz in dieser Gesellschaft einfordern. Diese Debatte und auch die Bücher von Sarazzin und Schwarzer zeigen, wie wenig Ahnung die nicht-muslimische Bevölkerung – besonders das Bildungsbürgertum – von unseren Werten, Wünschen und Bedürfnissen hat. Wie sehr wir mit diesem Land schon verbunden sind und es eigentlich schätzen, wissen noch zu wenige. Und die Debatte zeigt vor allem auch, wie sich das Bildungsbürgertum seiner Ressourcen beraubt und bedroht fühlt. Und das ist erschreckend.

Du betonst, dass es nicht das Muslim Girl gibt, sondern beschreibst viele unterschiedliche Typen von Muslim Girls. Gibt es in diesem heterogenen Entwurf auch das feministische Muslim Girl?

Na klar! Und sie sind womöglich oftmals viel feministischer als es einigen von ihnen bewusst sein dürfte. Wer mein Buch liest, wird feststellen, wie die Mädchen und jungen Frauen Schritt für Schritt nicht nur ihre persönlichen Freiheiten erlangen, sondern auch, wie sie dabei ihre Elterngeneration und die Jungen- und Männergenerationen durch ihr neues Selbstbewusstsein langfristig verändern. Nur die Frauen selbst können verkrustete und patriarchalische Traditionen aufbrechen. Leider gibt es unter ihnen – jung wie alt – noch zu viele, die diese nicht nur weiterleben, sondern sogar entschieden einfordern.

Wie stehst du zu Äußerungen konservativer „deutsch-deutscher“ Feministinnen à la Alice Schwarzer oder auch Feministinnen mit Migrationshintergrund wie Necla Kelek, die „die muslimische Frau“ vom Kopftuch und von der Burka „befreien“ wollen?

Ich kann, ehrlich gesagt, keine aufrichtigen Bemühungen seitens der beiden Damen feststellen. Und da geht es Millionen Frauen so, die in irgendeiner Form der islamischen Kultur oder dem Glauben angehören, und selbst Frauen, die nicht mal gläubig sind. Denn die Probleme der Frauen liegen woanders. Das Kopftuch behindert weder beim eigenständigen Denken und Lernen noch beim Handeln. Statt zu befreien, stigmatisieren Feministinnen wie Schwarzer oder Kelek ausschließlich. All diese Frauen, die sie „befreien” wollen, können sehr gut für sich selbst sprechen. Vielleicht sollten sie einfach mal ihre Lauscherchen für sie aufsperren. Vorausgesetzt, es interessiert sie überhaupt, was sie zu sagen haben.

Wie attraktiv sind der „deutsch-deutsche“ Feminismus und die Frauenbewegung für Muslim Girls?

Wenn es um gleichberechtigte Teilhabe auf dem Berufsmarkt oder Bildung geht sowie um gesetzliche Rechte für Frauen – dann wird man sich hier gerne einreihen. Doch vieles, was hierzulande Frauen erst mühsam durchsetzen mussten, stand ihnen gesetzlich schon in ihren Herkunftsländern oder gar nach dem islamischen Recht zu, wie Erb- und Sorgerecht, Lohnarbeit etc., wenn auch noch nicht für die heutige Zeit optimiert. Doch dies ändert sich auch in den Herkunftsländern und wirkt sich auch auf hier lebende Muslimas aus. Statt sich mit anderen Feministinnen zusammentun zu können, müssen sich Migrantinnen zuerst gegen Stigmatisierungen durchsetzen. Und zwar im Alltag. Im Bildungs- und Berufsleben. Also hinken wir wegen einseitiger Debatten eher dem gemeinsamen Kampf hinterher. Man könnte sagen, dass es aufgrund dieser unsäglichen Ehrenmord-, Zwangsheirat- und Genitalverstümmlungs-Debatte einen Klassenkampf im deutschen Feminismus gibt. Die einen müssen sich zunächst Grundrechte sichern und verteidigen, die anderen wollen weiter hinaus.

Allerorts ist von „Integration“ die Rede – auch du sprichst von den erfolgreich integrierten Muslim Girls, die allerdings nur verzerrt wahrgenommen würden. Lässt sich der viel strapazierte und vor allem von rechts besetzte Begriff „Integration“ tatsächlich noch mit neuer Bedeutung füllen?

Vor allem wäre es mal gut zu wissen, was Integration denn für diese Herrschaften bedeutet. Die Mehrheit und nicht die Minderheit der hier lebenden EinwandererInnen und ihre Nachkommen lebt nämlich wie die deutsch-deutsche Ur-Bevölkerung. Und trotzdem reicht das anscheinend nicht aus. Da muss man sich mal fragen, ob diese Debatte überhaupt legitim ist und was eigentlich das wirkliche Problem dieser Akteure ist. Ich denke, das wäre viel interessanter und würde uns einige neue Erkenntnisse bringen, wenngleich auch einige erschreckende. Aber dann wüsste man endlich, woran man ist in diesem Land, statt hier weiter Zeit in unsinnigen Debatten zu verlieren.

Mit „Muslim Girls“ bedienst du dich einer Sprache, die sich stark an Pop- und Alltagsdiskursen anlehnt. Interessanterweise sprichst du aber nie von „Rassismus“ gegen Muslimas. Warum?

MuslimInnen und besonders Frauen, die mit dieser Religion in Zusammenhang gebracht werden, begegnet in ihrem Leben sehr oft Rassismus. Die Mehrheit hat gelernt, die Wut darüber in Produktivität und Kreativität umzuwandeln. Das möchte ich in erster Linie im Buch transportieren. Wer das Buch aufmerksam liest, wird feststellen, wie viel Rassismus im Leben dieser Frauen stattfindet. Ich wollte aber auch unterhalten, weil man damit die meisten Menschen eher erreicht als mit erhobenem Zeigefinger. Das schafft auch eher Eingeständnisse bei einigen Menschen. Nichtsdestotrotz kommt man natürlich im allgemeinen Diskurs nicht umhin, die Missstände, die durch sehr gezielten Rassismus stattfinden, auch anzusprechen.

Vor kurzem wurde das 20-jährige Jubiläum der „Wiedervereinigung“ Deutschlands gefeiert. Welche Bedeutung hat deiner Meinung nach die „deutsche Einheit“ aus der Perspektive deutscher Muslimas?

Sie zeigt vor allem, dass auch 20 Jahre nach dem Mauerfall noch einige Gräben innerhalb der deutschen Bevölkerung existieren. Da wundert es manchmal nicht, dass man mit Menschen anderer Herkunft noch größere Schwierigkeiten hat, wenn schon innerhalb der deutsch-deutschen Bevölkerung solche Ressentiments vorherrschen. Da sollten sich mal einige in diesem Land Gedanken darüber machen, warum das wohl so ist.

Du hast das „multikulturelle Frauenmagazin“ namens „Gazelle“ gegründet, u.a. um die vorwiegend negativen Repräsentationen von Muslimas in den deutschen Medien zurechtzurücken. Wie wird „Gazelle“ angenommen?

Bei „Gazelle” geht es vor allem darum, die deutsche Normalität abzubilden. Die Menschen in diesem Land sind nicht ausschließlich Ur-Deutsche. Medien, die für und von Nachkommen von EinwandererInnen gemacht werden, sind keine verträumten Multikulti- oder Nischenhefte. Sie sind die Zukunft auf dem Medienmarkt, auch wenn das hierzulande so mancher Marketing- und Verlagsfachmann noch nicht begriffen hat. Die künftigen MedienkonsumentInnen werden jene sein, die sich mehr Vielfalt bei AutorInnen und Themen erwarten als das, was jetzt geboten wird. Mit abgrenzenden und hetzerischen Kampagnen und Artikeln verscheucht man stattdessen zukünftige LeserInnen und AbonnentInnen.

Sineb El Masrar: Muslim Girls. Wer wir sind, wie wir leben.
Eichborn 2010, 15,40 Euro

„Gazelle – Das multikulturelle Frauenmagazin” im Web: www.gazelle-magazin.de

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an.sprüche: „As we go marching, marching…“ https://ansch.4lima.de/an-spruche-as-we-go-marching-marching/ Sat, 03 Dec 2011 10:49:05 +0000 https://anschlaege.at/?p=203 Bianca Tschaikner Feminismus Frauentag Österreich DemonstrationWer darf bei der Jubiläumsdemonstration zum 100. Frauentag mitmarschieren? Kommentare von ULLI WEISH und dem KOLLEKTIV des FrauenLesbenMädchenZentrum. ]]> Bianca Tschaikner Feminismus Frauentag Österreich Demonstration

Der Frauentag wird hundert – auch in Wien wird anlässlich des runden Jubiläums zur Großdemo aufgerufen. Wer dort mitdemonstrieren darf, ist unter Feministinnen allerdings umstritten. Das KOLLEKTIV des Wiener FrauenLesbenMädchenZentrums (FZ) und ULLI WEISH von der Plattform „20.000 Frauen“ erklären, warum.
 

FrauenLesbenMädchenZentrum: Wir haben uns als autonome Feministinnen bei den ersten Treffen an der Vorbereitung zur diesjährigen Frauendemonstration am 19. März beteiligt, weil der 8. März als internationaler Frauenkampftag und das Jubiläum „100 Jahre Frauentag“ Teil unserer Frauenbewegungsgeschichte sind. Wir wollen eine große Frauendemonstration mit vielen Frauen. Darin waren wir uns alle einig. Aber einige in der Vorbereitung begreifen „etablierte Frauenorganisationen“, Parteien, Gewerkschaften und „prominente“ Frauen als Ausdruck von (eigener) gesellschaftlicher „Stärke“ und „Breite“ und sehen eine Frauendemonstration nicht als „wichtige“, „große“ Demo. Wir betrachten es aber als notwendig, uns selbst ernst zu nehmen, die eigenen Kräfte aufzubauen und mit dem gemeinsamen Wunsch nach Veränderung zusammenzukommen – für eine starke feministische Bewegung „von unten“. Wir verstehen eine Frauendemonstration als einen wichtigen Bestandteil einer Selbstorganisierung von Frauen. Dafür braucht es einen kämpferischer Bruch mit dem patriarchalen System und seinen (hetero-) sexistischen Lebensbedingungen. Die autonome Selbstorganisierung von Frauen ist eine wichtige Kraft für Frauenbefreiung – für alle Frauen! Nach der Abstimmung im Vorbereitungsplenum (zehn waren für eine gemischte Demo, sechs für eine Frauendemo, einige haben sich der Stimme enthalten) haben autonome Feministinnen vom FZ die Vorbereitungsgruppe verlassen. Am 8. März 2011 wird es eine FrauenLesben-Demonstration zum Internationalen Frauenkampftag geben; nicht weil es „in den letzten Jahren immer schon so war“, sondern weil uns die Selbstorganisierung wichtig ist und weil wir wollen, dass am 8.3. feministische Aktionen regional – mit internationaler Verbundenheit – stattfinden. Über die Beteiligung an der bundesweiten Demonstration am 19.3. mit einem Frauenblock und Aktionen diskutieren wir weiter. Es lebe der internationale Frauenbefreiungskampf!

Das FrauenLesbenMädchenZentrum Wien versteht sich als Teil der autonomen FrauenLesbenbewegung.

8. März-Demo: Treffpunkt 14.00 Europaplatz, Innere Mariahilferstraße/Ecke Gürtel, Kontakt: lesbenfrauennachrichten@gmx.at, T. 01/408 50 57

Bianca Tschaikner  Feminismus Frauentag Österreich Demonstration
Illustration: Bianca Tschaikner

 

Ulli Weish: Die 8. März-Demos sind Frauendemos, und das finde ich auch – fast – völlig richtig. In der Demonstrationspraxis jedoch stellen sich alte Fragen immer wieder neu: Ist Solidarität ausschließlich von persönlicher Betroffenheit getragen? Wenn Frausein allein das Kriterium für Solidarisierung ist, dann können wir die Gender- und Queer-Diskurse kübeln, uns häuslich auf die biologischen Geschlechterzugehörigkeiten zurückziehen und Dichotomien beklatschen – doch genau dagegen sind wir doch angetreten, oder? Am 19.3.1911 fand in Wien die erste Großdemonstration für Frauenrechte am Ring statt, 20.000 Menschen gingen damals auf die Straße, vorwiegend Frauen, aber auch einige männliche Gewerkschafter, Liberale und Linke. Am 19. März 2011 hat die Initiative AUS! das Ziel, wieder 20.000 Menschen für Frauenrechte auf die Straße zu bringen, die mit dem aktuellen Stillstand im Land in Fragen der Geschlechterdemokratie nicht einverstanden sind. Uns geht es um maximale Sichtbarkeit an einem Tag, der ein symbolischer Auftakt einer sich wieder formierenden feministischen Bewegung wird, die sich hörbar einmischt, öffentliche Räume besetzt, Themen bestimmt, radikale Forderungen stellt und in wechselseitiger Unterstützung Kooperationen schmiedet – u.a. mit der Frauenministerin wie es Johanna Dohnal vorgeführt hat und dabei einen Demokratisierungsschub erreichen konnte, von dem wir heute alle noch immer profitieren. Heute geht es vor allem um eine dringliche wirtschaftspolitische Einmischung, eine Repräsentationserneuerung und eine nicht müde werdende Infragestellung der Arbeits- und Lohnverhältnisse. Es geht um eine Fundamentalkritik an der völligen Kommerzialisierung des (vorwiegend) weiblichen Körpers und an den krassen Differenzen, die sich zwischen Herkunft, Klasse und Ethnizität in einer neoliberalen Ära tief eingegraben haben. All das klingt vertraut, nichts ist neu, unzählige Forderungen sind seit 100 Jahren und mehr auf dem Tisch. Deshalb: AUS. Aktion Umsetzung. Sofort! Frauen, meldet Euch! Frauen, beteiligt Euch! Frauen, bewegt!

Ulli Weish, Medien- und Kommunikationswissenschaftlerin, Moderatorin, Universitätslektorin, ist im Vernetzungsteam der Plattform „20.000 Frauen“ aktiv.

AUS! Aktion. Umsetzung. Sofort. Demonstration für Frauenrechte.
19.3., ab 14.00, Treffpunkt Schwarzenbergplatz, Abschlusskundgebung, 16.00 Parlament.
www.plattform20000frauen.at

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an.sprüche: Fair oder gar nicht https://ansch.4lima.de/fair-oder-gar-nicht/ Sat, 03 Dec 2011 09:08:58 +0000 https://anschlaege.at/?p=63 KonsumverweigerungWie geht das, immer nur „faire“ Waren zu kaufen oder es mal ganz sein zu lassen? Von VANESSA REDAK und LEONIE KAPFER]]> Konsumverweigerung

Wie geht das, immer nur fair hergestellte und gehandelte Waren zu kaufen? Und was bringt ein ganzer Tag ohne jeglichen Konsum? VANESSA REDAK bemüht sich nach Kräften, die fairen Kinderstiefel doch noch zu ergattern, und LEONIE KAPFER kennt die Tücken des „Kauf-Nix-Tages”.

 

Vanessa Redak: Der perfekte Kinderstiefel – endlich gefunden: aus Naturmaterial, mit Lammfell gefüttert, regenundurchlässig und gemäß Prospekt fair produziert. Aber das Beste: Er sieht gut aus und es gibt ihn nicht in der Farbe Rosa. Der Stiefel ist in zwei Läden in Wien erhältlich.
16.57 Uhr: Ich hetze in den Kindergarten. Um 18 Uhr schließt der Laden mit dem Stiefel. Als Vollzeit berufstätige Frau mit Kind habe ich zwar Geld, aber nie Zeit. 17.26 Uhr: Wir stecken mit dem Bus im Innenstadtstau. 17.41 Uhr: Wir erreichen das Geschäft. Schlechtes Gewissen, dass ich jetzt erst komme, denn die Angestellten wollen sicher pünktlich schließen. 17.44 Uhr: „Ich möchte diesen Stiefel hier aus dem Prospekt in Größe 26 und meine Tochter möchte sich die Farbe aussuchen. Es gibt ihn ja in vier Farben.” Es gibt den Stiefel nur in grau und braun. Die Angestellte bietet mir noch Stiefel anderer Firmen an, aber irgendwie schaffe ich es nicht, mein ästhetisches Bedürfnis ökologischen Interessen zu opfern. Noch dazu, wo es ihn ja gäbe, den Stiefel, der auf wundersame Weise beiden Ansprüchen gerecht wird. 17.56 Uhr: Die Angestellte ruft in der anderen Filiale an, und tatsächlich gibt es ihn dort in Rot. Hervorragend. Da der Laden in der Nähe der Mariahilfer Straße ist, hat er auch bis 18.30 Uhr offen. 17.59 Uhr: Auf der Straße überlege ich kurz, das Ganze doch abzubrechen. Vielleicht doch lieber online italienische Designer-Kinderstiefel bestellen, die mit Sicherheit von chinesischen Sweatshop-ArbeiterInnen im Textilring um Florenz produziert wurden? Nein, es muss den Versuch wert sein. 
18.03 Uhr: Wir sitzen im Taxi. Kein Hybrid-Auto. Aber sind Hybrid-Autos überhaupt korrekt? Ich habe keine Ahnung. 18.14 Uhr: Wir erreichen das Geschäft. Die Angestellte ist informiert und bringt sofort den Stiefel 26 in Rot. Das entzückendste Kind der Welt zieht ohne Murren Schuhe aus und setzt sich ohne zu zappeln auf die Bank. Sie rückt mit dem Fuß ein Stück rein, wir zerren und pressen und drücken, dann meint die Angestellte: „Dieser Stiefel ist für Ihre Tochter nicht geeignet. Ihr Rist ist zu hoch.”

Vanessa Redak ist Bankangestellte und lebt in Wien.

 

Konsumverweigerung
Bianca Tschaikner

 

Leonie Kapfer: Wenn man beim Gang durch die Konsumtempel unserer Zivilisation wieder auf Lichterketten, Christbäume und übertrieben gut gelaunte Weihnachtsmänner stößt, weiß man, es ist Vorweihnachtszeit. Der Konsum-Höhepunkt des Jahres. „Shop ’til you drop” lautet von nun an die Devise, und das alles nur, um die Liebsten glücklich zu machen.

Wem sich bei der Vorstellung an diese Jahreszeit schon die Nackenhaare aufstellen, für die oder den ist der „Kauf-Nix-Tag” genau das Richtige. 1992 vom kanadischen Künstler Ted Dave ins Leben gerufen, erfreut sich dieser Tag seither in der linksalternativen Szene großer Beliebtheit. Mit dem 24-stündigen Kaufverzicht soll das eigene Konsumverhalten reflektiert und gegen die ausbeuterischen Produktions- und Handelsstrategien der internationalen Konzerne protestiert werden. Dabei wurde das Datum des „Kauf-Nix-Tages” bewusst auf die konsumintensivste Jahreszeit gelegt. In den USA und Kanada findet der „Buy Nothing Day” immer am Freitag nach Thanksgiving statt, in Europa zu Beginn des Weihnachtsgeschäftes.

Jetzt kann man sich über die Effektivität eines solchen Tages sicher streiten, und Sinn der Sache ist es natürlich nicht, das ganze Jahr über wie verrückt zu konsumieren und sich dann mit einem eintägigen Kaufverzicht reinzuwaschen. Aber wenn wir uns der unschönen Wahrheit bewusst werden, dass wir unseren Planeten kaputt konsumieren, wird ein nachhaltiges Konsumverhalten unabdingbar. Momentan verbrauchen 20 Prozent der Erdbevölkerung 80 Prozent aller Ressourcen! Ein solcher Tag kann also sicher zum Nachdenken anregen, und einmal bewusst etwas nicht zu kaufen, was sonst zum alltäglichen Überleben angeblich unabdingbar ist, kann eine sehr erleichternde Erfahrung sein – man merkt, dass man doch gar nicht so abhängig von Dingen ist, wie man dachte.

Zumindest von manchen: Die leere Packung Zigaretten an meinem „Kauf-Nix-Tag” hat mich doch kurz verzweifeln lassen, und ich hab begonnen mich zu fragen, ob „Kauf-Nix” auch „Schnorr-Nix” bedeutet?

Leonie Kapfer lebt in Wien und shoppt am liebsten Second-Hand.

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Blog Busters? https://ansch.4lima.de/blog-busters/ Fri, 02 Dec 2011 10:44:50 +0000 https://anschlaege.at/?p=200 Während die EU-Kommission ihre samtweiche Kritik am ungarischen Mediengesetz durchzusetzen versucht, verweisen Demonstrant_innen mit verklebten Mündern auf das drohende Ende der Pressefreiheit im Land. Welche Folgen hat das umstrittene Regelwerk für eine feministische Medienöffentlichkeit? ROSEMARIE ORTNER hat sich bei ungarischen Medienaktivist_innen umgehört.

„Eigentlich habe ich noch nicht ganz verstanden, wie das Gesetz unsere Webseite betreffen wird.“ Rita Antoni, eine der Gründer_innen der feministischen Internetplattform „N´´okért“ („Für Frauen“), hält sich zurück mit einer schnellen Einschätzung. Zu vieles ist noch unklar, das Gesetzespaket eine komplexe Materie, die unterschiedlich interpretiert wird. In einem Punkt stimmen die meisten Kritiker_innen jedoch überein: Die Machtkonzentration bei der neuen „Nationalen Medien- und Infokommunikationsbehörde“ (NMHH) ist äußerst problematisch. Registrierte Medien werden von ihr kontrolliert und bei Verstößen mit Geldstrafen bis zu 720.000 Euro belegt, was kleinere Medienunternehmen finanziell leicht in den Ruin treiben kann. Die inhaltlichen Kriterien wurden zum Großteil bereits in der im Herbst beschlossenen „Medienverfassung“ festgelegt, jedoch nur äußerst vage formuliert. Die NMHH ist ausschließlich mit Mitgliedern der nationalkonservativen Fidesz-Partei besetzt. Annamária Szalai etwa war bisher Fidesz-Delegierte im Medienrat, gilt als Vertraute von Ministerpräsidenten Viktor Orbán und wurde – wie gesetzlich vorgesehen – direkt von ihm und auf neun Jahre als Leiterin der neuen Medienbehörde bestellt. Der große Spielraum, den die neue Behörde bei der Beurteilung hat, könnte zu einer Fidesz-konformen Auslegungspraxis führen, wird befürchtet. Und solange keine tatsächliche Praxis etabliert ist, regiert Unsicherheit in den Redaktionen und führt zu vorauseilendem Gehorsam. Gerade diesen zentralen Punkt, nämlich die Etablierung einer Fidesz-Kontrollbehörde, hat die EU-Kommission in ihrer Kritik jedoch nicht angetastet.

Kurzer Kuss. Die Stoßrichtung der künftigen Praxis dieser Behörde ist für Tamás Dombos, Mitglied der Schwulenorganisation Háttér („Hintergrund“), offensichtlich. In einem offenen Brief an Abgeordnete des Europäischen Parlaments verweist er auf Annámaria Szalais bisherige Haltung zu Gender-Fragen. Artikel 83 des neuen Gesetzes legt die „Förderung und Stärkung des nationalen Zusammenhalts und der sozialen Integration, und den Respekt der Institution Ehe und des Wertes der Familie“ als Aufgaben des öffentlichen Rundfunks fest. Tamás Dombos erinnert auch an frühere Aktivitäten von Annamária Szalai: Nach einer Beschwerde wurde 2009 vom damaligen Medienrat (der mit weniger weitreichenden Kompetenzen ausgestattet und von allen Parlamentsparteien beschickt war) eine nachmittägliche Talkshow untersucht. Diese berichtete über eine inoffizielle Partnerschaftszeremonie, die mit einem kurzen Kuss der beiden Männer endete. Die Behörde verwarf die Beschwerde mehrheitlich, Szalai allerdings distanzierte sich in einer Presseaussendung von der Mehrheitsentscheidung, denn die „imitierte Hochzeit zweier Männer“ hätte „die Institution der Ehe entweiht“.

feminist public sphere 2.0. Könnte auch feministische Berichterstattung mit der mediengesetzlichen Regelung über Familienwerte und die Institution Ehe in Konflikt geraten? Eine feministische Medienöffentlichkeit in Ungarn findet vor allem im Internet statt, in Form von privaten Seiten und Blogs. Feministische Printmedien existieren nicht, Radiosendungen nur wenige, etwa beim Community-Sender „Tilos Rádio“. Auf „N´´okért“, „Meger´´oszakoltak“ (nennt sich auf Englisch: „Rape Recovery“) und „Tüsarok“ („Bleistiftabsatz“) schreiben Medienaktivist_innen gegen Gender-Stereotype an, kommentieren und moderieren Foren und vernetzen sich. Derart ist eine lebendige virtuelle Community entstanden, deren Aktivist_innen einander zwar nicht allzu oft außerhalb des Netzes treffen, aber vieles teilen, vor allem ihre aktivistische Motivation. Rita Antoni von „N´´okért“ ist an der Uni auf Gender Studies und feministische Kritik gestoßen: „Das hat mein Leben und meine Sichtweise grundlegend verändert, und mir wurde klar, wie wichtig es ist, diese Ansichten außerhalb des akademischen Diskurses zu verbreiten. Ich dachte mir, wissenschaftliche Artikel zu schreiben ist nicht genug.“ Die Gründer_innen von „N´´okért“ lernten sich auf „T´´usarok“ kennen, fanden die lockere Moderation dort bei sexistischen Kommentaren zu nachsichtig und starteten 2009 ihre eigene Seite, wo Provokateur_innen aus dem Forum ausgeschlossen werden können.

Für Selkt-sa, eine Aktivistin, die unter Pseudonym auf „Rape Recovery“ schreibt, ist „Bloggen die Basis der feministischen Community, weil es so wenige Feminist_innen gibt, und so verstreut. Wir haben sehr wenige Möglichkeiten, unsere Ansichten unter uns zu besprechen. So gehen wir in die Anonymität und suchen Genoss_innen im Netz.“ Seit einiger Zeit pausiert sie allerdings mit dem Schreiben, angesichts der Unklarheiten des neuen Gesetzes. Sie befürchtet Probleme für feministische Blogs: „Es wird natürlich nicht offen nach ‚Familienwerten’ oder z.B. Pro-Abtreibung zensuriert werden, sondern der Medienrat wird fragen, warum ein Blog, der als Medium funktioniert, keine gründliche Redaktion hat, warum wir keine GmbH gegründet haben, warum wir keine Steuer zahlen, woher wir das Geld haben, um den Blog zu betreiben, und so weiter.“

Behördlich beaufsichtigtes Bloggen. Wie weit das Gesetz private Blogs und Internetseiten tatsächlich betreffen wird, ist weiterhin relativ unklar. Ein Kriterium, ab wann man als registrierungspflichtiges Medium gilt und somit der Kontrolle der neuen Behörde untersteht, ist Kommerzialität: Wer keine Einnahmen generiert, muss sich nicht als Medium registrieren. Aber fallen darunter auch Blogs, die zum Beispiel mit Google-Ads ein wenig Geld lukrieren? Diese Frage betrifft auch feministische Seiten. In ihren Brief vom 21. Jänner an die ungarische Regierung äußerte die zuständige EU-Kommissarin Neelie Kroes unter anderem die Befürchtung, die Anforderung „ausgewogener Berichterstattung“ könnte bis in die Blogger_innen-Szene hineinreichen.

Die ungarische Regierung zeigte sich als Musterschüler und versprach nun Änderungen zu den von der Kommission kritisierten Punkten: Unter anderem würden Blogs von der „ausgewogenen Berichterstattung“ ausgenommen werden. Ob diese aber zur Gänze aus der Registrierungspflicht und dem Zugriff des Gesetzes entlassen werden, bleibt ungewiss. Und da die EU das grundlegende Konzept einer parteipolitischen besetzten Kontrollbehörde nicht anzugreifen wagt, werden im adaptierten Gesetz, das bereits in den nächsten Wochen vorliegen soll, wohl bloß technische Neuerungen zu finden sein.

Nur ein Ablenkungsmanöver? Aber nicht alle Aktivist_innen sehen das neue Mediengesetz als ernsthafte Bedrohung. Móni Pál, Autorin verschiedener Plattformen, die bis vor kurzem auch einen eigenen Blog betrieben hat, interpretiert die Aufregungen um das Gesetz mehr als Ablenkungsmanöver: „Die Leute beschäftigen sich mit dem Gesetz, anstatt mit wirklichen Problemen, z.B. damit, was die Menschen in Ungarn über Feminismus denken.“ Und die Freiheit der Presse sei mit oder ohne neuem Gesetz eine Schimäre: „Wir können natürlich Artikel aus feministischer Perspektive schreiben, es ist nicht verboten. Aber diese Artikel erscheinen nur schwer in großen Zeitungen. Die Unternehmen, die in Frauenzeitungen ihre Waren bewerben und dafür zahlen, möchten nicht, dass Frauen lesen, wie sie z.B. ohne Make-up oder plastische Chirurgie schön sein können. Und die zum großen Teil konservativen Menschen möchten nichts über Gleichheit lesen, oder darüber, wie sie ihr Leben verändern sollten.“

Auch Rita Antoni ist derzeit noch nicht allzu beunruhigt, dennoch denkt sie über mögliche Strategien nach: „Ich bin auf jeden Fall bereit, auf einen ausländischen Server auszuweichen, wenn es hart auf hart kommt.“ Eine Maßnahme, die etwa Indymedia Ungarn schon zu Jahresbeginn umgesetzt hat.
 

Rosemarie Ortner lebt in Wien mit Blick nach Budapest, wo sie die letzten vier Jahre verbrachte.

Feministische Plattformen und Blogs in Ungarn:
http://www.tusarok.org
http://www.nokert.hu
http://megeroszakoltak.blog.hu

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an.lesen: Kapitalismus und Königsberger Klopse https://ansch.4lima.de/an-lesen-kapitalismus-und-konigsberger-klopse/ https://ansch.4lima.de/an-lesen-kapitalismus-und-konigsberger-klopse/#respond Tue, 20 Sep 2011 19:39:17 +0000 https://anschlaege.at/?p=1320 Hip-Sein auf Hartz IV. KATJA KULLMANN hat ein Buch über die Kreativszene geschrieben. Von LEA SUSEMICHEL

 

Über die neue Bürgerlichkeit des „Bionade-Biedermeier“ ist zuletzt viel geschrieben und gelästert worden. Denn der Hang zu Retro ist bei den längst nicht mehr nur im Prenzlauer Berg lebenden „Neo-Kons“ bei Brille und Bogenlampe nicht stehengeblieben, auch sonst lässt sich eine Rückkehr zu Altbewährtem beobachten. Die wieder in Mode gekommenen Kinder werden in den Klavierunterricht geschickt, und der große Holztisch in der Küche rückt erneut ins Lebenszentrum. 

Einiges geschrieben wurde auch über das neue Prekariat. Es ist nicht mehr ausschließlich proletarisch, armutsgefährdetsind inzwischen auch viele Gutausgebildete. Doch obwohl Christiane Rösinger schon fragte: „Ist das noch Bohème oder schon Unterschicht?“, wurde die nicht unerhebliche Schnittmenge zwischen Kulturprekariat und den freien Kreativen bislang außerhalb der Mayday-Bewegung wenig zur Kenntnis genommen. Auch Katja Kullmann zitiert die Zeile von Rösinger in ihrem Buch, das sie nun über diese Schnittmenge geschrieben hat. Kullmann war als freiberufliche Journalistin und Autorin durchaus erfolgreich, bevor sie zur Hartz IV-Empfängerin wurde. Damit ist sie nicht die einzige in ihrem Umfeld, und auch die mitfühlende Sachbearbeiterin auf dem Amt bestätigt ihr, dass es mittlerweile sogar Tatort-Schauspieler treffen kann.

In „Echtleben“ – das ausgerechnet beim gerade pleite gegangenen Eichborn-Verlag erschienen ist – erzählt Kullmann davon, wie sich die freelancenden Kreativen, Intellektuellen und Alternativen einst ihr Leben und ihre Arbeit vorgestellt hatten: „Im Karl Marx’schen Sinne nicht zu weit entfremdet, aber im Norbert Blüm’schen Sinne noch halbwegs abgesichert.“ Um dann mit spätestens Vierzig die zur Warenform gewordene Konformität des eigenen Lebensstils und die finanzielle Prekarität der Projektarbeit erkennen zu müssen.

Das aus einzelnen essayartigen Kapiteln bestehende und deshalb nicht immer ganz stringent erzählte und argumentierte Buch liefert über weite Strecken launige Milieustudien und ein pittoreskes Panorama der unterschiedlichsten ProtagonistInnen urbaner (Sub-)Kultur. Die anekdotischen Analysen jener, die „augenzwinkernd Königsberger Klopse kochen“ oder militant vegan leben („Hanf-Mode, Holundersaft, Heimat-Tourismus“) sind durchwegs sehr unterhaltsam. Doch die eigentliche Stärke des Buchs liegt darin, dass Kullmann es bei diesen Szeneschilderungen nicht belässt. Immer wieder sind ihre Beobachtungen auch soziologische Mikrostudien von fast Bourdieuscher Schärfe. Popliterarisch pointiert wird erklärt, wie soziale Distinktion in Zeiten funktioniert, in denen Fußkettchen sowohl von Hippies als auch von der Schickeria getragen werden, oder was das Üble an Gentrifizierung ist. Und es wird vor allem deutlich gemacht, was die neoliberale Politik von Rot-Grün und Agenda 2010 in Deutschland angerichtet haben. Denn obwohl der Untertitel lautet: „Warum es heute so kompliziert ist, eine Haltung zu haben“, positioniert sich die Autorin erfreulich eindeutig. Gegen eine Politik, die wenige reich und viele andere immer ärmer werden lässt, die das Solidarprinzip aufkündigt und für die Hartz IV-BezieherInnen und MigrantInnen Leistungs- oder Integrationsverweigerer sind.

Dass Kullmann, die 2002 „Generation Ally. Warum es heute so kompliziert ist, eine Frau zu sein“ veröffentlicht hat, auch bekennende Feministin ist, wird dabei leider weniger explizit. Denn inwieweit neoliberale Prekarisierung Frauen in besonderer Weise trifft, wird zwar manchmal auf subjektiver, selten aber auf struktureller Ebene zum Thema gemacht. Letztendlich zeigt sich in Kullmanns Kampf für ein gutes Leben und ein gutes Gewissen aber doch auch eine klar feministische Haltung. Und trotz der Schonungslosigkeit, mit der sie ihre Szene seziert, sind ihr die, die weiter nach Alternativen suchen, allemal lieber als die anderen: „Die Leute sind doch eigentlich ganz in Ordnung.“
 

Katja Kullmann: Echtleben.
Warum es heute so kompliziert ist, eine Haltung zu haben.
Eichborn 2011, 17,95 Euro

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Ich will ein Glanz sein* https://ansch.4lima.de/ich-will-ein-glanz-sein/ https://ansch.4lima.de/ich-will-ein-glanz-sein/#respond Fri, 26 Aug 2011 11:19:52 +0000 https://anschlaege.at/?p=683 AMY WINEHOUSE hatte ihren Kindheitstraum in die Tat umgesetzt. Sie wollte berühmt werden, singen – und sie wurde eine große Soulsängerin. Mit einem Hang zum Schmerz, zur leidenschaftlichen Liebe und zu diversen Drogen, die sie das Leben kosteten. Ein Nachruf von KENDRA ECKHORST

 

Sie zuppelt die Haarsträhne wieder über die linke Schulter, schwankt unentschlossen vor dem Mikrofon und hebt dann doch die Stimme. Mit einer kleinen Verzögerung. Sie rollt die Augen nach oben, die Mundwinkel gehen gleichzeitig nach unten, sie fährt sich mit dem Finger im Auge herum. Geschafft. Applaus. Sie bückt sich zu ihrem Glas, nimmt einen Schluck und hält eine Ansprache. Wie ist es, abgefuckt zu sein? Die Band setzt zur nächsten Nummer an, die Backgroundsänger stimmen gutgelaunt ein. Amy Winehouse setzt das Glas an.

Dieser Konzertmitschnitt aus dem Jahre 2006 bei den BBC One Sessions wurde nun, in Gedenken an Amy Winehouse, erneut ausgestrahlt. Damals stellte sie ihre zweite Platte „Back to black“ mit dem Erfolgshit „I don’t go to rehab“ vor, mit dem sie sich in die Liga der internationalen Pop-Größen sang. Die Künstlerin mit der rauchigen, tiefen Stimme, die vielen als Ausnahmetalent einer weißen Soulsängerin gilt, starb am 23. Juli mit 27 Jahren in ihrer Londoner Wohnung. Und fast alle haben gewusst, dass es so mit ihr enden würde. Eine Mischung aus Exzess, Krankheit und Genialität wurde Amy Winehouse attestiert, die sie neben der Ausnahmeerscheinung zu einer tragischen Figur, aufgrund ihres Drogenkonsums zu einem zunehmenden Desaster in der Popwelt stilisierte, wenn sie ihre Auftritte nicht mehr über die Bühne bekam. Einer Figur, deren Essverhalten, Liebesleben und „Ausrutscher“ in den letzten Jahren peinlich akkurat von den Medien dokumentiert wurden.

Im Scheinwerferlicht wollte sie schon als Mädchen stehen und besuchte mit neun Jahren eine Theaterschule für Begabte. Mit dem Satz: „Ich will berühmt werden und Lieder singen, die die Menschen für fünf Minuten ihren Ärger vergessen lassen“, ebnete sie sich mit zwölf Jahren den Weg an die renommierte Sylvia Young Theatre School, von der sie später wieder flog. Weil sie sich „nicht anpassen konnte“ oder wegen einem Piercing, besagen unterschiedliche Gerüchte. Vorerst als Autodidaktin blieb sie der Musik treu, einer Musik, die sie aus ihrem Elternhaus kannte und mitnahm. Die Musik von Frank Sinatra und Ella Fitzgerald.

„Fuck me pumps.“ Die Geschichte ihres „Ich will ein Glanz sein“ nahm vorerst einen klassischen Verlauf. Mit 13 bekam sie eine Gitarre, komponierte erste Songs und spielte in diversen Bands und Jazzorchestern mit. Ein Freund ging mit den Aufnahmen bei einigen Plattenfirmen hausieren und schlug umgehend einen Vertrag heraus. Mit gerade 20 veröffentlichte Amy Winehouse ihr erstes Album „Frank“ mit jazzigen Pop-Stücken, das ihr die ersehnte Berühmtheit einbrachte und einigen Glanz verlieh. Die Themen der Songs sind weniger glanzvoll, so werden etwa in „Fuck me pumps“ die missglückten Versuche von Frauen besungen, die in der Bar den Richtigen, den Millionär fürs Leben aufreißen wollen. Winehouse macht sich darin lustig über die verzweifelten Anstrengungen, die doch nur zu One-Night-Stands führen. Sie selbst hält es eher mit den Statements und dem Soul von TLC und Salt’N’Pepa, die für eine selbstbestimmte Sexualität eintraten. Das inszeniert sie auch in aller Öffentlichkeit, erzählt von ihren Abenteuern und lässt die Welt daran teilhaben – auch an ihrer Beziehung mit Blake Fielder-Civil, an den Prügeleien, den Trennungen, Knastaufenthalten und Liebesschwüren. Nach der ersten Trennung entstand ihr zweites Album, in dem sie den Liebeskummer wie in „Love is a loosing game“ verarbeitet. Aber in dem sie auch den Exzess musikalisch abfeiert. Sie und Blake Fielder-Civil kommen wieder zusammen, heiraten sogar und geben für eine Zeit lang ein Paar wie Bonny und Clyde oder Sailor und Lula aus „Wild at heart“ von David Lynch. Der Drogenkonsum steigt, die Tattoos vermehren sich, die Haare türmen sich zu dem bekannten Bienenkorb und die Eigentumssignatur „Blake’s“ prangt über den geboosteten Brüsten. Die Figur einer Diva aus den sechziger Jahren, mit Rock’n’Roll-Attitüde nebst Pin-up-Tattos und einer Vorliebe für 80er-Drogen wie Heroin, wirbelt durch die Boulevardpresse und immer seltener über die Bühnen. Zusammenbrüche, Entzugsaufenthalte und „Katerstimmungen“ lassen jedes Konzert und jede Tour unkalkulierbar werden.

„… das geht allen Frauen so.“ Zugleich steigt ihre Bekanntheit rasant, ihre musikalische Professionalität jedoch nicht immer in gleichem Maße. Amy Winehouse wollte und musste auf die Bühnen dieser Welt, Preise entgegennehmen und sich den Anforderungen des gegenwärtigen Musikgeschäfts stellen. Eines Geschäfts, das sie auch in desolatem Zustand ans Mikro schickte und das Risiko ihres Versagens in Kauf nahm. Wie bei ihrem letzten Auftritt im Juni in Belgrad. Auch ihre Band und das Lächeln der Backgroundsänger, die die Show noch zusammenhalten, können über das Desaster nicht hinwegtäuschen. Sich ständig kratzend, torkelnd und mit entrücktem Blick verpatzt sie die meisten Einsätze, bricht zwischendurch ab. Hin und wieder versucht sie mit dem Publikum in Kontakt zu kommen, sich zu erklären, um dann wieder in ihre Welt abzudriften. Die Geduld des Publikums ist überstrapaziert, solch unglamouröse Folgen der Drogensucht werden nicht toleriert. Amy Winehouse befindet sich jenseits des akzeptablen Mythos der drogenbefeuerten Kreativität. Der Glanz ist verschwunden. Stumpfe Stellen gab es schon vorher, aber dazwischen schimmerte es. Wenn sie klare Momente hatte, wenn sie sich musikalisch mit ihrem Schmerz auseinandersetzte und mit ihrer intensiven Stimme bezauberte. Denn ein wenig hatte sie sich dem Schmerz verschrieben, wie sie in Interviews zu Protokoll gab. Der Umgang damit, das Leid und die Erfahrung, gerade auch von Sänger_innen der 1960er Jahre, faszinierten und inspirierten sie. Ein Schmerz, den sie mit Drogen sowohl schuf als auch aushielt und mit dem sie trotz ihrer Musik allein blieb.

Nicht von ungefähr zitiert Angela McRobbie in ihrem Buch „Top Girls“ einen Satz aus einem Interview, das Amy Winehouse 2006 dem „Daily Mirror“ gab. „Ein bisschen Magersucht, ein bisschen Bulimie. Es geht mir nicht total gut gerade, aber ich denke, das geht allen Frauen so.“ Symptomatisch ist für McRobbie diese Aussage, denn sie macht die Verschiebungen eines neoliberalen Geschlechterverhältnisses deutlich. Gesellschaftliche Anforderungen an Frauen werden darin als individuelle Herausforderungen interpretiert. McRobbie spricht von postfeministischen Störungen, in denen Autoaggressionen oft als Krankheiten umgedeutet werden und ein gangbarerer Weg sind, statt sich offen zu verweigern oder gar kollektiv zu agieren. Und beispielhaft für diese schizophrene Anspannung zwischen selbstverletzender Wut und dem Lächeln im Schweinwerferlicht sei eben Amy Winehouse.
Eine, die in den Star-Olymp gelangt war und den Ruhm sichtlich genoss, die Angst vor der Ruhe nach dem Applaus hatte und auch unwirsch vor Langeweile werden konnte.

„I don’t go to rehab.“ Die Anforderungen an die Art ihrer Selbstpräsentation waren zwar enorm, räumten ihr aber zugleich einen Spielraum für Skandale ein, wenn diese ein mediales Echo erzeugten. Sie hat diesen Spielraum, genutzt, führte ein – vielleicht immer wieder auch ungewollt – öffentliches Leben als Musikerin, Frau und Drogenabhängige und pflegte einen offensiven Umgang mit den Zumutungen dieses Lebens. Wild und verletzt. Diva und Wrack. Rausch und Abhängigkeit. Immer weniger gelang es ihr, die Balance zwischen diesen extremen Polen zu halten und gemäß den Regeln des Musikbusiness zu funktionieren. Ganz unglamourös verstarb sie an den Folgen ihrer Drogensucht. 


Kendra Eckhorst lebt als freie Journalistin in Hamburg.

* Aus: „Das kunstseidene Mädchen“ von Irmgard Keun (Berlin 1932)

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an.sehen: Kicken für Kim https://ansch.4lima.de/an-sehen-kicken-fur-kim/ https://ansch.4lima.de/an-sehen-kicken-fur-kim/#respond Fri, 01 Jul 2011 08:29:30 +0000 https://anschlaege.at/?p=342 Frauen, Fußball, Führerstaat: Der Doku-Film „Hana, dul, sed …“ ist alles andere als sensationslüstern. Von VINA YUN

 

„Wenn man das Spielfeld betritt, dann ist es, als ob das Herz weit wird und als ob man in jede Welt eintreten könnte“, beschreibt Hyang-Ok Ri das Hochgefühl, mit dem sie ins Stadion einläuft. Bis 2004 war Ri Mittelfeldspielerin des nordkoreanischen Fußballnationalteams, heute ist sie als eine von vier FIFA-Schiedsrichterinnen Nordkoreas aktiv. Sie und drei weitere Ex-Profi-Kickerinnen sind die Protagonistinnen der Dokumentation „Hana, dul, sed …“ (Koreanisch für „Eins, zwei, drei“), dem Erstlingswerk von Regisseurin Brigitte Weich. Die anderen drei: Mi-Ae Ra, ehemalige Verteidigerin und glühender Maradona-Fan („Er ist kaum größer als ich und wird weltberühmt? Okay, das kann ich auch!“), die frühere Goalkeeperin Jong-Hi Ri, die für ihre Baby-Tochter schon mal das Fußball-Trikot herrichtet („Vielleicht wächst sie da hinein und wird eine Torfrau“), sowie Pyol-Hi Jin, vormals Stürmerin und Top-Torjägerin („Mir war es immer das Wichtigste, dem General Freude zu bereiten“).

In Sachen Frauenfußball gehört Nordkorea zur internationalen Spitze. Nach ihren Erfolgen bei den Asienmeisterschaften 2001 und 2003 wurden die nordkoreanischen Fußballerinnen in ihrer Heimat als Superstars gefeiert, die für ausverkaufte Stadien sorgten – anderswo alles andere als eine Selbstverständlichkeit, wie Co-Regisseurin Karin Macher in den Produktionsnotizen anmerkt: „Die deutschen Fußballerinnen, die Weltmeister sind, machen Werbung für Damenbinden.“ Die verpatzte Olympia-Qualifikation 2004 in Athen (mit einer 0:3-Niederlage gegen die einstige Kolonialmacht Japan) beendete die Laufbahn der Fußball-Profis jedoch jäh: Umgehend wurden sie gegen jüngere Spielerinnen ausgetauscht.

„Chefsache“ Frauenfußball. Gleich in der Eröffnungssequenz verdeutlichen zwei Zitate das von Widersprüchen durchzogene gesellschaftliche Kräftefeld, in dem sich die Sportlerinnen bewegen. Kim Il-Sungs Satz „Große Ideologie erschafft große Zeiten“ wird der berühmte Ausspruch von Simone de Beauvoir gegenübergestellt: „Man wird nicht als Frau geboren, man wird es.“ Denn im nordkoreanischen Frauenfußball, der in den 1980ern „von oben“ verordnet wurde, manifestiert sich nicht nur absolute Regimetreue, wie sie sich in der Verehrung für den derzeitigen „Geliebten Führer“ Kim Jong-Il äußert. Ebenso lässt sich an ihm die wandelbare Interpretation der Geschlechterrollen exemplarisch festhalten: Während Nordkoreas Propaganda Frauen als „Blumen“ besingt darf am Spielfeld sehr wohl geschwitzt und gespuckt werden – solange der Körpereinsatz im Namen der Nation erfolgt.

Trotzdem: Um ganz sicher zu gehen, lässt der Coach die Spielerinnen nicht nur am Rasen, sondern auch am Herd trainieren – auf dass sie sich nach ihrer Fußball-Karriere zu guten Hausfrauen wandeln mögen.

Auch wenn einige Rezensionen behaupten, „Hana, dul, sed …“ sei kein Fußball-Film – er ist es wohl: Schließlich fungiert gerade das Fußballfeld auch als Bühne, auf der Politik mit den Mitteln des Sports gemacht wird, sei es im Namen der Nation oder, wie in diesem Fall, als eine Form der persönlichen Befreiung aus gesellschaftlichen Konventionen.

Vertrautes und Fremdes. Die Bilder über Nordkorea, wie sie in den hiesigen Medien kursieren, illustrieren mit den Aufnahmen von Massenchoreografien, sozialistischen Prestigebauten und monumentalen Statuen vor allem den patriarchalen Führerkult im Land. Auch „Hana, dul, sed …“ kommt nicht gänzlich ohne diese visuellen Inszenierungen aus, jedoch überlässt der Film das Kinopublikum nicht, wie sonst üblich, der bloßen Faszination und dem Befremden. Die Kamera (wunderbar geführt von Judith Benedikt) begleitet die Frauen auf dem Weg zur Arbeit, beim Zoo-Besuch, im Kindergarten, beim Friseur. Es ist der mehr oder weniger „normale“ Alltag der vier Genossinnen, über den sich die Regisseurin der Realität in Nordkorea annähert. Armut ist – wenig überraschend – keine zu sehen, und doch lässt sie sich zwischen dem Gezeigten erahnen. Für ihre Dokumentation war Brigitte Weich auf die Kooperation mit Korfilm, der staatlichen Filmagentur Nordkoreas, angewiesen – was ihr auch die Kritik einbrachte, sich von der dortigen Propagandamaschinerie einspannen zu lassen. In ihrem Regie-Statement erklärt Weich: „Für mich waren die Restriktionen bereits ein Teil der Geschichte: Wir wollten nicht zeigen, was wir in Nordkorea sehen, wir wollten sehen, was diese Frauen uns zeigen.“

„Hana, dul, sed …“ (A 2009) läuft derzeit in den österreichischen und deutschen Kinos. www.hanadulsed.com

WM-Tipp: Am 28. Juni spielt Nordkorea bei der Fußball-WM gegen den „Erzfeind“ USA in Dresden.

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Werkbank, E-Gitarre und rote Nägel https://ansch.4lima.de/werkbank-e-gitarre-und-rote-nagel/ https://ansch.4lima.de/werkbank-e-gitarre-und-rote-nagel/#respond Tue, 03 May 2011 08:05:12 +0000 https://anschlaege.at/?p=324 Im geschlechtssensiblen Kindergarten gibt es keine Puppen- und Bauecke, sondern das ganze Programm für alle. Von LEA SUSEMICHEL

 

„Mein Papa rasiert sich, damit es beim Kuscheln nicht kratzt“, steht auf einem Plakat aus bunter Pappe. Direkt darunter: „Mein Papa rasiert sich die Achseln, damit er nicht stinkt.“ Das Pappschild hängt in einem Wiener Kindergarten und fasst die Ergebnisse eines „Bubentags“ zusammen, bei dem es um das Thema Körperpflege ging. Und weil es ein geschlechtssensibler Kindergarten ist, lernen die Buben hier eben auch, dass es bei der Körperrasur keine strikten Geschlechtergrenzen geben muss. Oder entdecken, dass ein Bad ein sinnliches Vergnügen sein kann und Duschgel z.B. nach Apfel, Kokosnuss oder „scharfem Zuckerl“ riecht. Einmal in der Woche gibt es im „fun & care“-Kindergarten im 15. Wiener Gemeindebezirk sogenannte geschlechtshomogene Gruppen, in denen Jungs und Mädchen jeweils unter sich sind, um Dinge auszuprobieren, die für ihr Geschlecht immer noch eher untypisch sind. Die Jungs pflegen dann eben zum Beispiel ihren Körper und trainieren beim Riechen und Spüren ihre sensitiven Fähigkeiten. Oder sie spielen mit Herbstlaub, malen nach Musik oder mit Kreide auf der Straße. Die Mädchen fahren derweil Skateboard und üben E-Gitarre. Oder machen einen Ausflug ins Naturhistorische Museum, um sich dort Wassertropfen unterm Mikroskop anzuschauen.

Den ganzen Topf. „Geschlechtssensible Pädagogik bedeutet, die Kinder nicht dem Geschlecht nach, sondern individuell zu fördern, und allen Kindern den ganzen Topf an Möglichkeiten anzubieten“, erklärt die Leiterin Sandra Haas. Das bedeutet, dass es dasselbe Programm unterschiedslos für beide Geschlechter gibt. „Natürlich schlage ich keinem Mädchen die Puppe aus der Hand und entreiße keinem Buben das Auto“, so Haas, „aber wenn wir beispielsweise ein Technikangebot machen und wieder nur die Buben hinstürmen, greifen wir schon steuernd ein und ermuntern die Mädchen bzw. beginnen erst mal mit ihnen.“ Für deren Technikbegeisterung wird überhaupt viel getan: Es gibt eine Werkbank mit echtem Werkzeug, und regelmäßig wird diverser Elektromüll gemeinsam zerlegt.

Auch Kristina Botka, die seit über drei Jahren als Pädagogin bei fun & care angestellt ist, hat dabei die Erfahrung gemacht, dass die nach Geschlecht getrennten Gruppen zwischendurch wichtig sind und es nicht genügt, „einen Workshop anzubieten und zu schauen, wer kommt“. Im Nu säße dann nämlich eine rosarote Mädchenrunde um den Maltisch und mache, „was sie in der Welt draußen gelernt hat: feinmotorisch arbeiten und – möglichst leise – schöne Dinge tun“. Deswegen werden die Malsachen für eine Woche auch einmal ganz weggeräumt, ein andermal alle Konstruktionsmaterialien wie Legosteine.

Das Spielzeug ist sowieso mobil und darf vermischt werden, die klassische Puppen- und Bauecke anderer Kindergärten fehlt völlig. Es wird auf geschlechtergerechte Sprache geachtet, in den Bilderbüchern rettet die Prinzessin den Prinzen vor dem Drachen, und die Geschichten erzählen auch mal von Kindern mit zwei Mamas.

Doch im Verbund mit Hello Kitty- und Hannah Montana-Outfit machen rigide Vorstellungen zum richtigen Rollenverhalten der Geschlechter leider trotzdem auch an der Tür zum geschlechtssensiblen Kindergarten nicht Halt. Dass Jungs mal in einen Rock schlüpfen, gelingt deshalb trotz bunt bestückter Verkleidungskiste eher selten, und auch „Farbtage“, an denen alle Kinder einheitlich zum Beispiel im gelben Shirt kommen sollen, helfen nur vorübergehend gegen die monochrome Geschlechtertrennung, die schon Kinder im Krippenalter dazu bringt, bestimmte Kleidungsstücke entschieden abzulehnen. Wichtig sei es, den Mädchen aber zumindest zu zeigen, dass sie auch in Zartrosé im Matsch wühlen und sich richtig dreckig machen dürfen, so Botka. Und auch Sandra Haas ist der Ansicht, dass es vor allem darum gehe, Mädchen zu vermitteln, dass sie stark, selbstbewusst und selbstbestimmt sein dürfen – auch im Blümchenkleid und mit Glitzerhaarspange.

Den Buben hingegen müsse immer wieder klargemacht werden, dass sie nicht genauso mutig und cool wie Spiderman sein müssen. Hilflosigkeit zulassen und zugeben ist oft schon für ganz kleine Jungs ein Problem, weshalb das Sprechen über Gefühle eine große Rolle spielt. Auch weil männliche Kinder häufig einen viel kleineren Wortschatz haben, um Emotionen auszudrücken.
Während mit Mädchen also eine Fotoserie geschossen wird, für die sie ihre wütendsten Gesichter machen sollen, lernen in Gesprächsrunden vor allem Buben, die eigenen Stimmungen genau zu benennen.

Role-Models. Dass sie hierfür männliche Vorbilder haben, ist eine wichtige Säule geschlechtsensibler Pädagogik. Bei fun & care ist es deshalb alltäglich, dass ein männliches Role-Model die Mahlzeiten vorbereitet, wickelt, tröstet und beim Handarbeiten hilft. Die Personalpolitik sieht vor, dass das Zweierteam mit BetreuerIn und PädagogIn jeder Gruppe aus einem Mann und einer Frau besteht. Da es aber so wenige ausgebildete Männer gibt – nur zwei Prozent der SchülerInnen der Bildungsanstalten für Kindergartenpädagogik (BAKIPs) sind männlich, viele Absolventen üben den Beruf aufgrund der schlechten Arbeitsbedingungen dann aber gar nicht aus –, lässt sich das allerdings nicht durchgängig realisieren. Denn kompetent und feministisch sensibilisiert sollen sie schließlich auch sein: „Nur des Geschlechts wegen stelle ich einen Mann nicht ein“, so Haas.

Vorbilder haben die Kinder jedoch nicht nur im Kindergarten, sondern vor allem auch zu Hause. Eine weitere wichtige pädagogische Säule ist deshalb die Elternarbeit. Zumal der geschlechtssensible Schwerpunkt nur für einen kleinen Prozentsatz der Eltern der ausschlaggebende Grund war, ihr Kind in diesen Kindergarten zu schicken. „Oft ist es einfach der nächstgelegene“, sagt die Pädagogin Barbara Tinhofer, die ebenfalls seit 2008 im 15. Bezirk arbeitet. Manche Eltern hätten sich jedoch auch sehr bewusst für diesen Kindergarten entschieden, nachdem sie sich zuvor andere angesehen haben und dort mit vielen Dingen nicht einverstanden waren, so Tinhofer. Mütter und Väter werden über Projekte mittels Aushängen und Wandzeitungen informiert sowie immer wieder auch in Aktivitäten einbezogen. Außerdem werden die Frauen alljährlich zum „Werktag“, die Männer hingegen zum „Backtag“ oder zwischendurch auch mal für Näharbeiten eingeladen.

Grundsätzlich würden Väter kontinuierlich in die Verantwortung genommen, erklärt Tinhofer. Wenn ein Kind erkrankt, wird zuerst der Vater verständigt und gebeten, es abzuholen. Fehlt Wäsche, wendet man sich ebenfalls an ihn. Kristina Botka: „Natürlich kommt es dabei vor, dass wir die Antwort erhalten: ‚Ich werde es meiner Frau sagen …‘“

Obwohl sich viele Eltern zumindest sehr interessiert an dem Konzept zeigen, gebe es aber auch immer wieder Abwehrhaltungen, erzählt Sandra Haas. Wenn dann beispielsweise auf einem Fragebogen angekreuzt wird, „dass dem Sohn im Fasching die Fingernägel bitte nicht lackiert werden sollen, fragen wir aber nach, ob er an Allergien leidet oder die Entscheidung einen anderen Grund hat“. Oft gelinge es durch solches Nachbohren, Widerstände zu überwinden, und auch manche Buben selbst zeigen nach anfänglicher Skepsis schließlich doch ganz stolz ihre roten Nägel.

Schlecht bezahlte Schwerstarbeit. Auch wenn vieles anders ist bei fun & care: An die Richtlinien zu Gruppengröße und Personalschlüssel muss man sich auch hier halten. Pro Krippengruppe (Eineinhalb- bis Dreijährige) sind es 15, in den anderen Gruppen je 25 Kinder, die von nur zwei Personen betreut werden. Eine davon muss pädagogisch ausgebildet sein, die andere arbeitet als BetreuerIn und ist quasi Hilfskraft. Mehr Personal und kleinere Gruppen gehörten deshalb überall zu den wichtigsten Forderungen von KindergartenpädagogInnen, sagt Barbara Tinhofer. Emanzipatorische Pädagogik lasse sich bei dieser Anzahl schwer verwirklichen, kritisiert auch Botka. „Ich kann bei 25 Kindern nicht auf die individuellen Bedürfnisse jedes einzelnen eingehen.“ Mehr Vorbereitungszeit wäre außerdem wichtig. Derzeit sind es vier Stunden von vierzig, in denen dann auch noch die Wochenprotokolle und Evaluationen erledigt werden müssen. Die Forderung nach mehr Lohn komme oft erst zum Schluss, obwohl der Job miserabel bezahlt ist und es nicht einmal einen Kollektivvertrag gibt. In Österreich sei die Berufsgruppe für die Gewerkschaft offensichtlich nicht wichtig genug, so Tinhofer. Anders in Deutschland, wo die Gewerkschaft sogar Studien finanzierte, mit denen nachgewiesen wurde, dass die Tätigkeit – etwa hinsichtlich der Lärmbelastung – die Kriterien von Schwerstarbeit erfüllt.

Fußnoten:
(1) EFEU. Verein zur Erarbeitung feministischer Erziehungs- und Unterrichtsmodelle,
www.efeu.or.at
(2) Claudia Schneider ist außerdem Autorin eines Leitfadens für LehrerInnen zum Thema geschlechtssensible Kindergartenpädagogik. Online unter: www.bmukk.gv.at/medienpool/15545/leitfaden_bakip_09.pdf

Auch die Ausbildung gibt Anlass zu Kritik, insbesondere was Gendersensibilität anbelangt. „Ich kann die Stunden während meiner gesamten Ausbildungsjahre an einer Hand abzählen, in denen Geschlecht ein Thema war. Und dann ging es meist darum, dass Buben ruhig auch mal mit Puppen spielen dürfen“, erinnert sich Botka.

Claudia Schneider vom Verein EFEU(1) war gemeinsam mit der ersten Leiterin von fun & care für die gendersensible Qualifizierung des Personals vor der Eröffnung 1999 zuständig. Gemeinsam haben die beiden außerdem eine Gender-Expertise für den aktuellen Lehrplan der BAKIPs verfasst(2). Schneider hält geschlechtssensible Pädagogik bereits im Kleinkindalter für elementar wichtig, u.a. „weil sie gegen Diskriminierungen wirkt und die persönlichen Entwicklungspotenziale des Kindes unabhängig vom Geschlecht fördert“. Inzwischen sei einiges in den Lehrplan implementiert worden. Kristina Botka kritisiert jedoch, dass explizit emanzipatorische Lehrinhalte weiterhin rar seien.

Für die Umsetzung einer weiteren wichtigen Forderung sollte sich das jedenfalls dringend ändern. „Denn alle Kindergärten sollten geschlechtssensibel sein“, verlangt Barbara Tinhofer.

www.fun-and-care.at

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