Frauentag – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de Mon, 05 Dec 2011 10:55:00 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.0 https://ansch.4lima.de/wp-content/uploads/2024/10/cropped-favicon-32x32.png Frauentag – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de 32 32 „Die Frauen kommen! Die Frauen!“ https://ansch.4lima.de/die-frauen-kommen-die-frauen/ Mon, 05 Dec 2011 10:55:00 +0000 https://anschlaege.at/?p=208 Der Internationale Frauentag wird hundert. Und blickt auf eine aufregende Geschichte zurück. Von GABI HORAK und LEA SUSEMICHEL

„Eine neue, ungewohnte Erscheinung. Frauen ziehen hinter roten Fahnen her! Ernst und schweigsam. Der ganze Zug atmet die Würde des Augenblicks. Dieser große, gewaltige Zug und doch erst im Anfang – ein Anfang freilich von eindrucksvoller Größe. Tausende, viele Tausende sind es, die im Sonnenglanz des warmen Vorfrühlingstages dahinschreiten (…). ‚Die Frauen kommen!‘ Man sagte nicht: ‚Die Demonstration kommt!‘, nicht: ‚Der Zug ist da!‘ Nein, man raunte sich nur zu: ‚Die Frauen kommen! Die Frauen!‘“

So steht es am 20. März 1911 in der österreichischen „Arbeiter-Zeitung“. Am Tag zuvor, dem 19. März 1911, wurde in einigen europäischen Ländern und den USA erstmals der Internationale Frauentag begangen. Auch in Wien zogen 20.000 Menschen den Ring entlang bis zum Rathausplatz. Es waren großteils Arbeiterinnen, die sich zu diesem Aufsehen erregenden Aufmarsch zusammengeschlossen hatten, um für die politische Gleichberechtigung von Frauen und Männern auf die Straße zu gehen.

Das Datum jährt sich heuer zum hundertsten Mal. Anlässlich dieses Jubiläums wieder die Massen zu mobilisieren, das hat sich die „Plattform 20.000 Frauen“ zum Ziel gesetzt. Sie ruft Frauen* und feministische Initiativen zu einer breiten Allianz und gemeinsamen Demonstration auf, „ohne Differenzen und Vielfalt zu leugnen“. „AUS. Aktion.Umsetzung.Sofort“ nennt sich die Aktion, die auf ihrer Homepage außerdem aktuelle Forderungen von Feminist_innen und Frauenorganisationen sammelt und veröffentlicht.(1) Denn auch wenn das zentrale Anliegen von 1911 – „Heraus mit dem Frauenwahlrecht!“ – inzwischen erfüllt ist, andere Forderungen sind es bis heute nicht: „Gleicher Lohn für gleiche Arbeit“ etwa war schon vor 100 Jahren auf den Plakaten zu lesen.

Politik der Geschichtsschreibung. Manche Slogans hätten sich überhaupt nicht geändert, bestätigt auch die Historikerin Johanna Zechner, die gemeinsam mit Heidi Niederkofler und Maria Mesner ein Forschungsprojekt des Wiener Kreisky-Archivs zum Frauentag in Österreich durchgeführt hat. Eine wichtige Motivation für den Start des Projekts vor drei Jahren war, dass „es bisher ganz wenig Wissenschaftliches zum Frauentag gibt, sowohl in Österreich als auch international. Es gibt sehr wenige Publikationen“, so Heidi Niederkofler. Das Forschungsinteresse: „Den Frauentag als Institution zu erforschen, seine Veränderungen und seine Akteurinnen. Was waren die wichtigen Themen, wie wurde er gefeiert und warum?“
Eine erste wesentliche Frage dabei ist wohl: Feiern wir 2011 wirklich 100 Jahre Frauentag? Und wieso wurde der feministische Feiertag schlussendlich auf den 8. März gelegt? „Wir stützen uns auf die Jahreszahl 1911, sagen aber gleichzeitig, dass sie umstritten ist“, erklärt Niederkofler. Weshalb sie strittig ist, ist auch Thema der Publikation zum Forschungsprojekt, die pünktlich zum diesjährigen Frauentag erscheinen wird und einen Betrag leisten soll, die Forschungslücke zu schließen. In der Einleitung heißt es: „Es gibt kaum einen Zeitungsartikel zum Frauentag oder eine Fernsehsendung, die nicht seine Gründung im Jahr 1911 erwähnen. Wie darauf Bezug genommen wird, sagt wiederum viel über die politische Position derer aus, die da sprechen: Berufen sie sich auf die Sozialdemokratin, die Kommunistin oder die Feministin Clara Zetkin als Initiatorin des Frauentags? Wird sie als alt-ehrwürdige oder als junge Frau dargestellt? Soll der Textilarbeiterinnenstreik, an den mit dem Frauentag angeknüpft wurde, in St. Petersburg oder in New York stattgefunden haben? Wird das Datum des 8. März mit den kommunistischen Frauen verknüpft oder mit der UNO? (…) Anlässlich des Frauentags wird also oft die Geschichte angerufen. Wie das geschieht, sagt viel über die jeweilige Gegenwart.“(2)

Ursprungsmythen. Der 19. März 1911 war zweifellos ein wichtiges Datum: An diesem Tag wurde erstmals gemeinsam in vielen europäischen Ländern der Frauentag als politische Veranstaltung begangen, und nicht nur in Wien gingen tausende Frauen und Männer auf die Straße. Allerdings wurde in Österreich schon 1893 der erste „Frauentag“ gefeiert, getragen von bürgerlich-liberalen Frauen. Um 1900 wurden oft „Frauentage“ veranstaltet, wenn auch nicht mit der politischen Bedeutung, die diese heute haben – die Bezeichnung umfasste alles vom „Hausfrauen-Frauentag“ bis zum „katholischen Frauentag“. „Es war einfach eine gängige Bezeichnung für Veranstaltungen für Frauen“, erläutert Heidi Niederkofler.

International gibt es noch weitere Ursprungsmythen wie etwa den 8. März 1857, als in New York eine spontane Demo von Textilarbeiterinnen gegen niedrige Löhne und Ausbeutung von der Polizei blutig niedergeschlagen worden sein soll. Gesichert ist, dass der 19. März 1911 auf Initiative von Clara Zetkin entstand, die auf der 2. Sozialistischen Frauenkonferenz 1910 in Kopenhagen die Einführung eines internationalen Frauentages vorschlug. Doch in der Zeit des starken Antikommunismus in den 1950er Jahren berief man sich beispielsweise weit lieber auf den erwähnten Textilarbeiterinnenstreik in den USA. 1921 legten die Kommunistinnen bei ihrer internationalen Frauenkonferenz den 8. März als ihren Frauentag fest. Schließlich erklärten die Vereinten Nationen 1977 den 8. März zum Internationalen Frauentag. So war es nun auch den bürgerlichen Frauen in Österreich möglich, den Frauentag zu begehen, „weil er nicht mehr im kommunistischen, sozialistischen Eck war, sondern von der UNO abgesegnet“, berichtet Heidi Niederkofler. Auch für die autonome Frauenbewegung war diese Festlegung von großer Bedeutung, weil der Frauentag damit endgültig von jeglicher parteipolitischen Vereinnahmung befreit war.

FACTBOX: Kunst zum 8.3.

Einen Monat lang wird entlang der Route der ersten Frauentagsdemonstration täglich demonstriert. Auf einer Straßenbahn-Garnitur der Linie 2 werden Fotografien der Künstlerin Lisl Ponger zu sehen sein, die inszenierte Demonstrationsszenen zeigen. In der Arbeit „Repair Democracy. Ein Demonstrationszug zu 100 Jahre Frauentag“ sind es nun aber vor allem Migrant_innen, die noch offene Forderungen haben.

Pongers Beitrag ist einer von insgesamt drei künstlerischen Projekten, die parallel zur Ausstellung im Wiener Volkskundemuseum realisiert werden und auch in den öffentlichen Raum und auf die Straße vordringen sollen. Stefanie Seibold entwirft eine Gratiszeitung, die Bildmaterial der Ausstellung enthält und am 8. März in einer Auflage von 100.000 Stück verteilt wird.

Magda Tóthová hat mit einer Schulklasse ein Jahr lang zu den Themen Feminismus und Frauenbewegung gearbeitet. Ein Film zeigt die Ergebnisse dieser Auseinandersetzungen, zur Ausstellungseröffnung gibt es außerdem eine Performance mit den Schüler_innen. (les)

Ausstellung:
4.3.–30.6., „FESTE. KÄMPFE. 100 Jahre Frauentag“, Eröffnung 3.3., 18.00, Österreichisches Museum für Volkskunde, 1080 Wien, Laudongasse 15–19,
Di-So, 10-17.00, Mo geschlossen außer an Feiertagen, www.volkskundemuseum.at. Führungen mit den Kuratorinnen: 6.3., 15.00; 8.3., 16.00; 20.3., 15.00.

Buchpräsentation:
18.3., 18.00, „Frauentag! Erfindung und Karriere einer Tradition“ von Heidi Niederkofler, Maria Mesner, Johanna Zechner (Hg. innen), Österreichisches Museum für Volkskunde, 1080 Wien, Laudongasse 15–19, www.volkskundemuseum.at

Demos:
8.3., Treffpunkt 14.00 Europaplatz, Innere Mariahilferstraße/Ecke Gürtel
19.3., AUS! Aktion. Umsetzung. Sofort. Demonstration für Frauenrechte am Wiener Ring, Treffpunkt 14.00 Schwarzenbergplatz, Abschlusskundgebung 16.00 Parlament, http://zwanzigtausendfrauen.at

Frauentage in Österreich. Seit der Großdemonstration am 19.3.1911 war es in Österreich Tradition, dass Sozialdemokratinnen und bürgerlich-liberale Frauen (und Männer) gemeinsam den Frauentag begingen. Die zentrale Forderung war das Frauenwahlrecht, seine Einführung im Jahr 1918 führte allerdings auch zur ersten großen Lücke in der Geschichte der Frauentage in Österreich. Erst im Laufe der Zwischenkriegszeit wurde die politische Arbeit auf der Straße wieder aufgenommen – mit neuen Forderungen wie etwa jener nach sozialer Absicherung in allen Lebensbereichen oder der Abwehr faschistischer Tendenzen. Von da an gingen auch die Akteurinnen unterschiedliche Wege: Während die Kommunistinnen den 8. März als „ihren“ Frauentag fixiert hatten, feierten die Sozialdemokratinnen jedes Jahr zu einem anderen Termin, irgendwann im ersten Halbjahr. Bald musste die nächste große Hürde genommen werden: der Austrofaschismus und das nationalsozialistische Regime. Von 1933 bis 1945 waren die sozialistische und die kommunistische Partei verboten.
Höchstwahrscheinlich wurde der Frauentag weiter gefeiert, jedoch im Untergrund und nur vereinzelt, wenn sich die Gelegenheit bot. Es gibt schriftliche Erinnerungen an den Frauentag 1939, als kommunistische Spanien-Kämpferinnen in Frankreich im Lager feierten, ebenso wie an den Frauentag 1941, als sich in London Sozialdemokratinnen aus ganz Europa zu einer Feier versammelten, und an den Frauentag 1945 im KZ Ravensbrück.
Nach 1945 wurden die Frauentage rasch wieder aufgenommen, und zu den bestehenden Forderungen kam eine weitere zentrale dazu: Frieden. Die von der größten und (an Ressourcen) stärksten Trägerorganisation SPÖ veranstalteten Frauendemos waren bis in die 1960er Jahre regelrechte Massenveranstaltungen. Zehntausende Frauen und Männer wurden jährlich mobilisiert und mit Bussen aus den übrigen Bundesländern nach Wien gebracht, wo der Frauentag zunächst noch zentral abgehalten wurde. Ähnlich wie am 1. Mai marschierten die Bezirksorganisationen auf, sämtliche Teilnehmer_innen bekamen Abzeichen. Johanna Zechner wundert sich: „Diese Massenveranstaltungen sind aus dem öffentlichen Gedächtnis erstaunlicherweise fast völlig verschwunden.“

Allianzen und Spaltungen. Ab den 1980ern nahm sich die autonome Frauenbewegung des Frauentags an, teilweise wurde gemeinsam mit den Kommunistinnen gefeiert, die ihrerseits auf Bündnisse angewiesen waren. Die Sozialdemokratinnen bewerben weiterhin und zusätzlich ihre eigenen Veranstaltungen – nicht zuletzt, um Mitglieder und WählerInnen zu mobilisieren. Die längste Zeit waren bei den Frauentags-Demos Männer dabei. Erst seit der jüngsten Vergangenheit gilt bei der autonomen Frauendemo die Regel: women only. Rückblickend waren die frühen 1980er die bislang einzige Phase, in der unterschiedlichste Akteur_innen gemeinsam auf die Strasse gingen. Später kam es wieder zu stärkeren Fragmentierungen. Wiederholt gab es Solidarisierungen auch über Parteigrenzen hinweg, daraufhin folgten unweigerlich neue Spaltungen. Innerhalb der autonomen Frauenbewegung etwa entlang der Frage, ob Transgender-Personen oder gar Männer mitdemonstrieren dürfen, oder ob breite Bündnisse auch mit konservativeren Frauenorganisatorinnen gewünscht sind.. Auch diese Teilungen zeichnen die Geschichte des Frauentages aus.
Die ÖVP-Frauen tauchen übrigens erst in den 1990er Jahren als Akteurinnen bei Frauentagen auf, mit vereinzelten Pressekonferenzen und Veranstaltungen. Auch sie wollen auf den „Markt“ rund um den Frauentag nicht verzichten.

„Viel Flachware“. Die konkrete Arbeit für das Forschungsprojekt des Kreisky-Archivs bestand häufig aus mühevoller Recherche: Zeitungen und andere Medien wurden durchforstet, die unterschiedlichsten Organisationen abgeklappert und deren Archive gesichtet. Eine Auswahl des dabei angehäuften Materials wird nun in der Ausstellung „Feste. Kämpfe. 100 Jahre Frauentag“ zu sehen sein, die im Rahmen des Projekts organisiert wurde. In der Schau im Museum für Volkskunde in Wien werden beispielsweise Frauentagsplakate, die nahezu für den gesamten Zeitraum vorhanden sind, zu einer Timeline arrangiert, die durch das letzte Jahrhundert führt. „Das Material der Parteien besteht hauptsächlich aus Schriftstücken. Es gibt also viel ‚Flachware‘. Die Aussendungen zur Mobilisierung haben aber oft auch grafischen Charakter und sind deshalb gut ausstellbar“, sagt Johanna Zechner.
Prinzipiell war es den Kuratorinnen ein Anliegen, Dokumente der autonomen Frauenbewegung und der Parteien möglichst ausgewogen zu präsentieren, „was aber nicht leicht war, weil die Unterlagen von den Parteien einfach besser – wenn auch ebenfalls nicht lückenlos – archiviert wurden“. Trotzdem kam es immer wieder zu Überraschungen, „wo und wie die Dinge auftauchen. Wir hätten nicht gedacht, dass es oftmals Privatpersonen sind, von denen wir die interessantesten Objekte bekommen“, so Zechner. Neben Flugblättern, Transparenten oder Demoschutzmasken sind das kuriose Artefakte wie etwa „Mehlstäuberinnen“, mit deren Hilfe Männer, die stören wollten, bestäubt und so markiert wurden. Ein T-Shirt, dessen Aufschrift den Ausschluss von Trans-Personen anprangert, findet sich ebenso im Fundus wie eine Frauentags-Petition zur Überwindung der geschlechtlichen Zwangsordnung oder eine lila Strickmütze mit Frauenzeichen, die extra zum feministischen Feiertag angefertigt wurde.

Vor allem von den Sozialdemokrat_innen ist viel Fotomaterial erhalten. So gehören alljährlich angelegte SPÖ-Frauentagsalben mit Bildern, Abzeichen und Eintragungen zu den wenigen „Objekten“, die in der Ausstellung zu sehen sind. Sie vermitteln einen guten Eindruck, welch ungeheuer aufwändige Organisation der Frauentag in seiner Blütezeit erfordert hat. Auch Filme, die zwischen 1947 und 1960 von den Frauentagsaufmärschen gemacht wurden, dokumentieren die Massenveranstaltungen dieser Periode eindrücklich.

Fußnoten:

(1) Siehe auch Kommentarseite „an.sprüche“
(2) Heidi Niederkofler, Maria Mesner, Johanna Zechner (Hg.innen): Frauentag! Erfindung und Karriere einer Tradition, Löcker Verlag 2011 Frauentagsdemonstration am 19. März 1911 in Wien © Kreisky Archiv

Initiationsritus. Heidi Niederkofler hat für die Ausstellung auch einen eigenen Dokumentarfilm produziert, für den sie Zeitzeug_innen und Akteur_innen der österreichischen Frauenbewegung aus unterschiedlichen Kontexten und Generationen interviewt hat. Zwei der darin Porträtierten sind mittlerweile tot: die legendäre österreichische Frauenministerin Johanna Dohnal und die Sozialistin und Antifaschistin Jenny Strasser.

So unterschiedlich der Frauentag im Laufe des letzten Jahrhunderts auch begangen wurde, eines hat sich nicht verändert, er war zu allen Zeiten für viele Feminist_innen ein zentrales Initiationserlebnis, erinnert Niederkofler: „Am Frauentag manifestiert sich ganz konkret Frauenbewegung. Aber der Frauentag war auch immer total aufregend und belebend für ganz viele Frauen – und ist es auch in der Gegenwart.“

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Der Frauentag auf dem Tahrirplatz https://ansch.4lima.de/der-frauentag-auf-dem-tahrirplatz/ Sun, 04 Dec 2011 08:50:52 +0000 https://anschlaege.at/?p=309 Arabische Frauen zwischen Partizipation und Exklusion. Von CILJA HARDERS und HEBA AMR 

 

8. März 2011: Der 100. Frauentag soll auch in Kairo angemessen gefeiert werden. Mit einer Kundgebung auf dem Platz der Freiheit, berühmt geworden durch die Proteste, die seit dem 25. Januar 2011 Ägypten erschüttern und eine politische Transition in Gang gebracht haben. Die soziale und politische Veränderung tief in der Gesellschaft verwurzelter Strukturen jedoch wird einen langen Atem brauchen. Das mussten die, die sich an diesem Dienstag mit dem Slogan „Nein zur Einschränkung von Frauenrechten“ in Kairo für Gleichstellung einsetzten, schmerzhaft erfahren. AktivistInnen sahen sich auf dem Tahrir verbalen Angriffen und Drohungen durch Männer-Mobs ausgesetzt.

Wie ist das zu verstehen? Drei Vorbemerkungen sind nötig, um sich der Situation von Frauen in der arabischen Welt angemessen anzunähern. Erstens: Im Gebiet zwischen Marokko und Saudi-Arabien gibt es viele Unterschiede. „Die“ arabisch-islamische Frau gibt es nicht. Klasse, ethnische und religiöse Zugehörigkeit, Alter und Sexualität sind ebenso wichtig wie die politischen Systeme und nationalen Traditionen, in denen Frauen leben.

Zweitens: Diese Differenzen geraten angesichts der hier häufig sehr stereotypen Wahrnehmung von Frauen dieser Region aus dem Blick. Zudem erleben wir in unseren eigenen Gesellschaften derzeit eine hitzige und oft rassistische Debatte über Islam und Muslime, in der die Frage der Frauenrechte zur symbolischen und faktischen Trennlinie zwischen „ihren“ und „unseren“ Werten stilisiert wird. Gerade verschleierte Frauen werden darin in höchst problematischer Weise zum Sinnbild der Rückständigkeit und damit zur orientalischen „Anderen“ der aufgeklärten westlichen Feministin. Feministisch-orientalistischer Maternalismus ist also bei der Analyse der Rolle von Frauen in den aktuellen Umbrüchen in der arabischen Welt ebenso fehl am Platze wie kulturalistische Beschönigungen.

Drittens: Zugleich befinden sich die Aktivistinnen vor Ort schon lange in dem Dilemma, dass ihr Einsatz für Frauenrechte als „westlich“ und „un-islamisch“ diffamiert wird. Der sogenannte Krieg gegen den Terror, der die 2000er Jahre durch Militarisierung und Kulturalisierung internationaler Politik prägte, hat mit seinem höchst instrumentellen Bezug auf Frauenrechte, etwa im Kontext des Einmarsches in Afghanistan, die Situation von AktivistInnen vor Ort verschärft.

„Alle haben für das Gleiche gekämpft“. Die etablierten Geschlechterverhältnisse in der arabischen Welt sind schon länger unter Druck, aber politische Reformen und gesellschaftlicher Wandel müssen mühsam erkämpft werden. Konservative gesellschaftliche Werte, politischer Autoritarismus, aber auch rassistische Stereotypen im Westen schränkten und schränken die Handlungsmöglichkeiten von AktivistInnen erheblich ein. Mit dem politischen Autoritarismus ist es in Ägypten und Tunesien nun hoffentlich vorbei. Erreicht haben diesen Wandel Männer und Frauen – junge und alte, verschleierte und nicht-verschleierte, arme und reiche, linke, liberale und konservative Frauen. „Während der Revolution war Tahrir der sicherste Platz für mich als Frau. Ich wurde nie angemacht. Alle haben für das Gleiche gekämpft“, berichtet eine der Protestierenden. „Was dann bei der Demonstration am 8. März passiert ist, hat mich geschockt. Als Frauen für ihre Rechte und besonders für strengere Strafen gegen sexuelle Belästigung aufgestanden sind, fühlten sich die Männer angegriffen und provoziert.“ Verfassungsrichterin Tahani al-Gebali sagte dazu in einem Interview mit der Oppositionszeitung „Al-masry al-yaum“: „Einige rückwärtsgewandte Kräfte versuchen sogar diejenigen Rechte infrage zu stellen, die Frauen in Ägypten seit langem genießen.“ Doch was sei falsch an Frauenforderungen, wenn Arbeiter-Innen und alle anderen, die sich an der Revolution beteiligt haben, jetzt ihre Ideen in den politischen Prozess einbringen?

Zwischen Staatsfeminismus und Autoritarismus. Der autoritäre post-koloniale Staat hat eine sehr ambivalente Rolle für Frauen gespielt. In den zunächst reformorientierten, links-nationalistischen Republiken wie Ägypten, Algerien, Libyen, Syrien, Irak und Süd-Yemen begann mit der Unabhängigkeit in den 1950er Jahren auch ein beeindruckender Aufbruch der Frauen im Bereich von Politik, Bildung, Gesundheit, Erwerbsarbeit. 1980 konnten nur 40 Prozent der erwachsenen ÄgypterInnen lesen und schreiben, 2005 waren es 71 Prozent. Die Alphabetisierungsrate der Frauen stieg in derselben Zeit von 25 auf 59 Prozent, ist damit im arabischen Vergleich aber weiterhin eher niedrig. Gleichzeitig stieg die Frauen-Erwerbsquote in allen arabischen Staaten rasant, aber auch sie fällt im internationalen Vergleich (55,8%) mit durchschnittlich 33,4 Prozent zurück.

Der Staat nahm sich der Frauen an und schrieb sich ihre (begrenzte) Gleichstellung auf die Fahnen. Der Preis dafür war das Verbot der seit der Wende zum 20. Jahrhundert in vielen arabischen Staaten entstehenden unabhängigen Frauenbewegungen, der Beschränkung der Frauenpresse und die Einschüchterung von Schriftstellerinnen und Intellektuellen.

Obwohl die meisten Verfassungen Gleichberechtigung garantieren, sieht die politische und soziale Praxis oft anders aus. Einige arabische Staaten wie Ägypten, Marokko, Jordanien, Tunesien und die palästinensischen Gebiete haben deshalb Quotenregelungen für Parlamente oder Parteien eingeführt. Doch was nützt die Frauenquote, wenn die Wahlergebnisse so wie jene in Ägypten im November 2010 gefälscht sind und die Opposition weitgehend ausgeschlossen wird? „Einziges Ziel der Quotenregelung bei den letzten Wahlen war es, Sitze für die Regierungspartei zu gewinnen. Es war egal, ob die Frauen kompetent waren oder nicht“, betont eine Demonstrantin am Tahrir-Platz.

Durchschnittlich sitzen in arabischen Parlamenten elf Prozent Frauen, der Weltdurchschnitt liegt bei 19 Prozent. Frauen sind ebenso in allen politischen Parteien vertreten wie auch in den neuen sozialen Bewegungen, wie sich derzeit eindrücklich zeigt. Sie sind aktiver Teil auch konservativer Bewegungen wie die der Muslimschwestern. Doch im Gremium, das die ägyptische Verfassung überarbeitet, um so den Weg zur Demokratie zu bereiten, sitzt keine einzige Frau. Tahani Al-Gebali, die erste Verfassungsrichterin Ägyptens, ist eine der schärfsten Gegnerinnen des geplanten Referendums zu den Verfassungsänderungen. Sie gehen ihr nicht weit genug. Die streitbare Richterin fordert die Erarbeitung einer komplett neuen Verfassung, die den Präsidialismus verabschiedet und ein parlamentarisches System verankert.

„Das ist doch alles aus dem Westen.“ Viele arabische Verfassungen enthalten Gleichstellungs- und Antidiskriminierungsartikel, ebenso wie Hinweise auf traditionelles islamisches Recht. Dies fußt vor allem in den sehr konservativen Auslegungen der Idee der grundsätzlichen Unterschiedlichkeit und Komplementarität der Geschlechter, woraus die unterschiedliche Behandlung von Männern und Frauen resultiert. Dies macht sich besonders im Familienrecht (Scheidung, Polygamie, Sorgerecht, Heiratsalter) und im Strafrecht zu Ungunsten von Frauen bemerkbar. Die rechtlichen Bestimmungen und die soziale Praxis in der arabischen Welt sind dabei sehr unterschiedlich: So sind die Regelungen in Tunesien und Marokko fortschrittlich, während die Situation in Saudi-Arabien sehr restriktiv ist.

Frauenrechtsaktivistinnen haben sich in allen arabischen Staaten für Verbesserungen eingesetzt und zum Teil auch erreicht: ein neues Familienrecht in Marokko (2004), ein verbessertes Scheidungsrecht (2000) und ein geändertes Nationalitätenrecht (2004) in Ägypten. In Jordanien konnten Frauen eine Erhöhung des Heiratsalters erreichen, doch die Änderung des Familienrechts wurde durch das Parlament blockiert. In Marokko gingen der Reform des Familienrechts breite öffentliche Debatten einschließlich Massenprotesten von GegnerInnen und BefürworterInnen voraus.

Auch auf dem Tahrir wird heftig debattiert. Nein, Frauen können und sollen keine hohen politischen Ämter innehaben, sie seien zu emotional. Außerdem sollten sie sich um die Kinder kümmern. Die Aktivistin Riem hält dagegen: „Frauen sind nicht nur für Kinder zuständig. Ich fordere nur das Recht der Frauen, jedes politische Amt bekleiden zu dürfen. Wenn eine Frau bei den Präsidentschaftswahlen kandidiert und du als Mann dagegen bist, dann stimm’ halt dagegen ab.“

Noch erhitzter werden die Debatten, wenn religiöse Argumente fallen – was fordert nun „der Islam“ von den Geschlechtern und was nicht? Darüber gehen die Meinungen auseinander: „Klar sollten auch Frauen einen einfacheren Zugang zur Scheidung haben“, so eine Demonstrantin. Doch eine andere widerspricht: „Scheidungsrecht soll sich nach dem islamischen Recht orientieren. Dies sichert auch meine Rechte.“ Über die politischen und sozialen Differenzen unter Frauen, die sich hier auftun, wird auf dem Tahrir nicht ausführlich geredet. Es dominiert die Auseinandersetzung zwischen den Geschlechtern.

Und die wird zumindest vom Teeverkäufer am Rande des Platzes auch ganz deutlich als Grenze zwischen Arm und Reich wahrgenommen. Er weist auf die Plakate zum Frauentag: „Schau dir an, wie teuer das ist. Wir hatten nicht einmal Pappe, um unsere Forderungen darauf zu schreiben! Das ist doch alles aus dem Westen.“ Ahmed, der die Frauen-Demo mitorganisiert hat, nimmt diese Kritik ernst: „Auf jeden Fall hätten wir die Demo viel einfacher organisieren müssen, damit wir die Leute erreichen können.“ Seine Mitstreiterin Suzi ergänzt: „Wir müssen uns eine Strategie überlegen, um die zu erreichen, die vor allem religiös argumentieren.“

Initiiert wurde die Demonstration von eher säkularen AkteurInnen wie der Facebook-Gruppe „Milioneyet al-mar’a – Eine Million für die Frau“. Dem Aufruf folgten mehrere Organisationen wie „Egyptian Women for Change“,„UN-Women“, „Verein der neuen Frau“ oder das „Ägyptische Zentrum für Frauenrechte“. Sie lassen sich nicht entmutigen und blicken nach vorn: Für den nationalen Tag der ägyptischen Frau, den 16.3, sind weitere Aktionen geplant.

Cilja Harders ist Politologin und leitet die Arbeitsstelle Politik des Vorderen Orients an der Freien Universität Berlin.
Heba Amr hat Politikwissenschaft an der Freien Universität Berlin studiert.

Quellen:
UNDP and The League of Arab States 2009: Development Challenges For The Arab Region: A Human Development Approach: http://content.undp.org/go/newsroom/2009/december/development-challenges-outlined-in-new-arab-states-report.en
Mohammed bin Rashid Al Maktoum Foundation and UNDP 2009: Arab Knowledge Report, Dubai: www.mbrfoundation.ae/English/Knowledge/Pages/AKR.aspx
UNDP 2006: „Towards the rise of Arab Women“, Arab Human Development Report No. 3 (2005), New York: www.arab-hdr.org/contents/index.aspx?rid=5
UNDP: Programm on Governance in the Arab Region (POGAR): www.undp-pogar.org
Inter-Parliamentary Union, Geneva: www.ipu.org

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an.sprüche: „As we go marching, marching…“ https://ansch.4lima.de/an-spruche-as-we-go-marching-marching/ Sat, 03 Dec 2011 10:49:05 +0000 https://anschlaege.at/?p=203 Bianca Tschaikner Feminismus Frauentag Österreich DemonstrationWer darf bei der Jubiläumsdemonstration zum 100. Frauentag mitmarschieren? Kommentare von ULLI WEISH und dem KOLLEKTIV des FrauenLesbenMädchenZentrum. ]]> Bianca Tschaikner Feminismus Frauentag Österreich Demonstration

Der Frauentag wird hundert – auch in Wien wird anlässlich des runden Jubiläums zur Großdemo aufgerufen. Wer dort mitdemonstrieren darf, ist unter Feministinnen allerdings umstritten. Das KOLLEKTIV des Wiener FrauenLesbenMädchenZentrums (FZ) und ULLI WEISH von der Plattform „20.000 Frauen“ erklären, warum.
 

FrauenLesbenMädchenZentrum: Wir haben uns als autonome Feministinnen bei den ersten Treffen an der Vorbereitung zur diesjährigen Frauendemonstration am 19. März beteiligt, weil der 8. März als internationaler Frauenkampftag und das Jubiläum „100 Jahre Frauentag“ Teil unserer Frauenbewegungsgeschichte sind. Wir wollen eine große Frauendemonstration mit vielen Frauen. Darin waren wir uns alle einig. Aber einige in der Vorbereitung begreifen „etablierte Frauenorganisationen“, Parteien, Gewerkschaften und „prominente“ Frauen als Ausdruck von (eigener) gesellschaftlicher „Stärke“ und „Breite“ und sehen eine Frauendemonstration nicht als „wichtige“, „große“ Demo. Wir betrachten es aber als notwendig, uns selbst ernst zu nehmen, die eigenen Kräfte aufzubauen und mit dem gemeinsamen Wunsch nach Veränderung zusammenzukommen – für eine starke feministische Bewegung „von unten“. Wir verstehen eine Frauendemonstration als einen wichtigen Bestandteil einer Selbstorganisierung von Frauen. Dafür braucht es einen kämpferischer Bruch mit dem patriarchalen System und seinen (hetero-) sexistischen Lebensbedingungen. Die autonome Selbstorganisierung von Frauen ist eine wichtige Kraft für Frauenbefreiung – für alle Frauen! Nach der Abstimmung im Vorbereitungsplenum (zehn waren für eine gemischte Demo, sechs für eine Frauendemo, einige haben sich der Stimme enthalten) haben autonome Feministinnen vom FZ die Vorbereitungsgruppe verlassen. Am 8. März 2011 wird es eine FrauenLesben-Demonstration zum Internationalen Frauenkampftag geben; nicht weil es „in den letzten Jahren immer schon so war“, sondern weil uns die Selbstorganisierung wichtig ist und weil wir wollen, dass am 8.3. feministische Aktionen regional – mit internationaler Verbundenheit – stattfinden. Über die Beteiligung an der bundesweiten Demonstration am 19.3. mit einem Frauenblock und Aktionen diskutieren wir weiter. Es lebe der internationale Frauenbefreiungskampf!

Das FrauenLesbenMädchenZentrum Wien versteht sich als Teil der autonomen FrauenLesbenbewegung.

8. März-Demo: Treffpunkt 14.00 Europaplatz, Innere Mariahilferstraße/Ecke Gürtel, Kontakt: lesbenfrauennachrichten@gmx.at, T. 01/408 50 57

Bianca Tschaikner  Feminismus Frauentag Österreich Demonstration
Illustration: Bianca Tschaikner

 

Ulli Weish: Die 8. März-Demos sind Frauendemos, und das finde ich auch – fast – völlig richtig. In der Demonstrationspraxis jedoch stellen sich alte Fragen immer wieder neu: Ist Solidarität ausschließlich von persönlicher Betroffenheit getragen? Wenn Frausein allein das Kriterium für Solidarisierung ist, dann können wir die Gender- und Queer-Diskurse kübeln, uns häuslich auf die biologischen Geschlechterzugehörigkeiten zurückziehen und Dichotomien beklatschen – doch genau dagegen sind wir doch angetreten, oder? Am 19.3.1911 fand in Wien die erste Großdemonstration für Frauenrechte am Ring statt, 20.000 Menschen gingen damals auf die Straße, vorwiegend Frauen, aber auch einige männliche Gewerkschafter, Liberale und Linke. Am 19. März 2011 hat die Initiative AUS! das Ziel, wieder 20.000 Menschen für Frauenrechte auf die Straße zu bringen, die mit dem aktuellen Stillstand im Land in Fragen der Geschlechterdemokratie nicht einverstanden sind. Uns geht es um maximale Sichtbarkeit an einem Tag, der ein symbolischer Auftakt einer sich wieder formierenden feministischen Bewegung wird, die sich hörbar einmischt, öffentliche Räume besetzt, Themen bestimmt, radikale Forderungen stellt und in wechselseitiger Unterstützung Kooperationen schmiedet – u.a. mit der Frauenministerin wie es Johanna Dohnal vorgeführt hat und dabei einen Demokratisierungsschub erreichen konnte, von dem wir heute alle noch immer profitieren. Heute geht es vor allem um eine dringliche wirtschaftspolitische Einmischung, eine Repräsentationserneuerung und eine nicht müde werdende Infragestellung der Arbeits- und Lohnverhältnisse. Es geht um eine Fundamentalkritik an der völligen Kommerzialisierung des (vorwiegend) weiblichen Körpers und an den krassen Differenzen, die sich zwischen Herkunft, Klasse und Ethnizität in einer neoliberalen Ära tief eingegraben haben. All das klingt vertraut, nichts ist neu, unzählige Forderungen sind seit 100 Jahren und mehr auf dem Tisch. Deshalb: AUS. Aktion Umsetzung. Sofort! Frauen, meldet Euch! Frauen, beteiligt Euch! Frauen, bewegt!

Ulli Weish, Medien- und Kommunikationswissenschaftlerin, Moderatorin, Universitätslektorin, ist im Vernetzungsteam der Plattform „20.000 Frauen“ aktiv.

AUS! Aktion. Umsetzung. Sofort. Demonstration für Frauenrechte.
19.3., ab 14.00, Treffpunkt Schwarzenbergplatz, Abschlusskundgebung, 16.00 Parlament.
www.plattform20000frauen.at

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