Film – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de Fri, 01 Jul 2011 08:29:30 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.0 https://ansch.4lima.de/wp-content/uploads/2024/10/cropped-favicon-32x32.png Film – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de 32 32 an.sehen: Kicken für Kim https://ansch.4lima.de/an-sehen-kicken-fur-kim/ https://ansch.4lima.de/an-sehen-kicken-fur-kim/#respond Fri, 01 Jul 2011 08:29:30 +0000 https://anschlaege.at/?p=342 Frauen, Fußball, Führerstaat: Der Doku-Film „Hana, dul, sed …“ ist alles andere als sensationslüstern. Von VINA YUN

 

„Wenn man das Spielfeld betritt, dann ist es, als ob das Herz weit wird und als ob man in jede Welt eintreten könnte“, beschreibt Hyang-Ok Ri das Hochgefühl, mit dem sie ins Stadion einläuft. Bis 2004 war Ri Mittelfeldspielerin des nordkoreanischen Fußballnationalteams, heute ist sie als eine von vier FIFA-Schiedsrichterinnen Nordkoreas aktiv. Sie und drei weitere Ex-Profi-Kickerinnen sind die Protagonistinnen der Dokumentation „Hana, dul, sed …“ (Koreanisch für „Eins, zwei, drei“), dem Erstlingswerk von Regisseurin Brigitte Weich. Die anderen drei: Mi-Ae Ra, ehemalige Verteidigerin und glühender Maradona-Fan („Er ist kaum größer als ich und wird weltberühmt? Okay, das kann ich auch!“), die frühere Goalkeeperin Jong-Hi Ri, die für ihre Baby-Tochter schon mal das Fußball-Trikot herrichtet („Vielleicht wächst sie da hinein und wird eine Torfrau“), sowie Pyol-Hi Jin, vormals Stürmerin und Top-Torjägerin („Mir war es immer das Wichtigste, dem General Freude zu bereiten“).

In Sachen Frauenfußball gehört Nordkorea zur internationalen Spitze. Nach ihren Erfolgen bei den Asienmeisterschaften 2001 und 2003 wurden die nordkoreanischen Fußballerinnen in ihrer Heimat als Superstars gefeiert, die für ausverkaufte Stadien sorgten – anderswo alles andere als eine Selbstverständlichkeit, wie Co-Regisseurin Karin Macher in den Produktionsnotizen anmerkt: „Die deutschen Fußballerinnen, die Weltmeister sind, machen Werbung für Damenbinden.“ Die verpatzte Olympia-Qualifikation 2004 in Athen (mit einer 0:3-Niederlage gegen die einstige Kolonialmacht Japan) beendete die Laufbahn der Fußball-Profis jedoch jäh: Umgehend wurden sie gegen jüngere Spielerinnen ausgetauscht.

„Chefsache“ Frauenfußball. Gleich in der Eröffnungssequenz verdeutlichen zwei Zitate das von Widersprüchen durchzogene gesellschaftliche Kräftefeld, in dem sich die Sportlerinnen bewegen. Kim Il-Sungs Satz „Große Ideologie erschafft große Zeiten“ wird der berühmte Ausspruch von Simone de Beauvoir gegenübergestellt: „Man wird nicht als Frau geboren, man wird es.“ Denn im nordkoreanischen Frauenfußball, der in den 1980ern „von oben“ verordnet wurde, manifestiert sich nicht nur absolute Regimetreue, wie sie sich in der Verehrung für den derzeitigen „Geliebten Führer“ Kim Jong-Il äußert. Ebenso lässt sich an ihm die wandelbare Interpretation der Geschlechterrollen exemplarisch festhalten: Während Nordkoreas Propaganda Frauen als „Blumen“ besingt darf am Spielfeld sehr wohl geschwitzt und gespuckt werden – solange der Körpereinsatz im Namen der Nation erfolgt.

Trotzdem: Um ganz sicher zu gehen, lässt der Coach die Spielerinnen nicht nur am Rasen, sondern auch am Herd trainieren – auf dass sie sich nach ihrer Fußball-Karriere zu guten Hausfrauen wandeln mögen.

Auch wenn einige Rezensionen behaupten, „Hana, dul, sed …“ sei kein Fußball-Film – er ist es wohl: Schließlich fungiert gerade das Fußballfeld auch als Bühne, auf der Politik mit den Mitteln des Sports gemacht wird, sei es im Namen der Nation oder, wie in diesem Fall, als eine Form der persönlichen Befreiung aus gesellschaftlichen Konventionen.

Vertrautes und Fremdes. Die Bilder über Nordkorea, wie sie in den hiesigen Medien kursieren, illustrieren mit den Aufnahmen von Massenchoreografien, sozialistischen Prestigebauten und monumentalen Statuen vor allem den patriarchalen Führerkult im Land. Auch „Hana, dul, sed …“ kommt nicht gänzlich ohne diese visuellen Inszenierungen aus, jedoch überlässt der Film das Kinopublikum nicht, wie sonst üblich, der bloßen Faszination und dem Befremden. Die Kamera (wunderbar geführt von Judith Benedikt) begleitet die Frauen auf dem Weg zur Arbeit, beim Zoo-Besuch, im Kindergarten, beim Friseur. Es ist der mehr oder weniger „normale“ Alltag der vier Genossinnen, über den sich die Regisseurin der Realität in Nordkorea annähert. Armut ist – wenig überraschend – keine zu sehen, und doch lässt sie sich zwischen dem Gezeigten erahnen. Für ihre Dokumentation war Brigitte Weich auf die Kooperation mit Korfilm, der staatlichen Filmagentur Nordkoreas, angewiesen – was ihr auch die Kritik einbrachte, sich von der dortigen Propagandamaschinerie einspannen zu lassen. In ihrem Regie-Statement erklärt Weich: „Für mich waren die Restriktionen bereits ein Teil der Geschichte: Wir wollten nicht zeigen, was wir in Nordkorea sehen, wir wollten sehen, was diese Frauen uns zeigen.“

„Hana, dul, sed …“ (A 2009) läuft derzeit in den österreichischen und deutschen Kinos. www.hanadulsed.com

WM-Tipp: Am 28. Juni spielt Nordkorea bei der Fußball-WM gegen den „Erzfeind“ USA in Dresden.

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Leave her to heaven https://ansch.4lima.de/leave-her-to-heaven/ Mon, 02 May 2011 08:02:32 +0000 https://anschlaege.at/?p=322 Der ikonische Auftritt von TURA SATANA als Varla in „Faster, Pussycat! Kill! Kill!“ ist für die Ewigkeit. Ein Nachruf von ELISABETH STREIT

 

Aufblende: Schwarzbild. Wir sehen nur die Tonspur im Bild und hören: „Ladies and Gentlemen, welcome to violence.“ Die weiteren Sätze der Einführung beschreiben die Formen von Gewalt, ihre perfiden Arten der Verkleidung und ihre perfekte Tarnung. Genauer gesagt, geht es um die Angst vor der unverstandenen, unheimlichen, schlimmer noch: der befreiten und selbstbestimmten weiblichen Libido. Überall könne sie, als weibliches Wesen getarnt, unerkannt unter uns weilen, warnt die Stimme. Mittlerweile hat sich das ganze Bild mit Tonspuren gefüllt, die beim Klang der männlichen Stimme vor sich hin vibrieren. Aber wer sind diese Frauen? Die eigene Sekretärin könnte das Unheil in sich tragen, die Sprechstundenhilfe beim Arzt, und selbst in diesen Go-Go-Tänzerinnen könne besagte „Gewalt“ schlummern. Die aufgeregt zitternden Tonspuren verschwinden, und wir sind mitten in einem Nachtclub, in dem sich drei Frauen, zwei schwarzhaarig und eine blond, zur Beatmusik und den immer frenetischer werdenden Schreien der Männer: „Go baby, go“ bewegen.

On the Road. Das ist der fulminant geschnittene Auftakt von „Faster, Pussycat! Kill! Kill!“(1), herrlich schmierig, in weinerlich-bigottem Tonfall von John Furlong, einem Stammschauspieler von Russ Meyer, gesprochen. Die Close-ups von den immer verzerrteren Männergesichtern hin zu den Close-ups der Busen und schwingenden Unterleibern der Tänzerinnen münden in das Bild einer im Auto sitzenden Frau. Wir erkennen sie als eine der Tänzerinnen wieder, die – welch herrlich erfrischendes Bild für den weiblichen Orgasmus – während einer rasanten Autofahrt den Kopf lauthals lachend in den Nacken fallen lässt. Das ist der erste Eindruck, den wir von Tura Satana (als Varla in der Hauptrolle) in ihrem berühmtesten Film bekommen. Er handelt von drei Frauen, Varla, Rosie und Billie, in schnellen Autos „on the road“ und ihrer sehr eigenwilligen, politisch herrlich unkorrekten Interpretation eines freien, wilden Lebens. Es wird die einzige Regiearbeit Satanas mit Russ Meyer bleiben, der für sie hier einen ikonischen Auftritt geschaffen hat, als wäre er für die Ewigkeit gemacht.

Tura Satana wird als Tura Luna Pascual Yamaguchi am 10. Juli 1938 in Hokkaido/Japan geboren. Der Vater ist ein japanisch-philippinischer Stummfilmdarsteller, die Mutter eine amerikanische Zirkusartistin mit indigenen-irischen Wurzeln. Nach dem 2. Weltkrieg wird die Familie in einem kalifornischen Lager interniert und dann nach Chicago übersiedelt. Früh lernt Satana die Härten des Lebens kennen, denn Menschen mit asiatischer Herkunft sind im Amerika der späten 1940er Jahre nicht gern gesehen und ständigen Attacken und Demütigungen ausgesetzt. Als Jugendliche wird sie von fünf Männern vergewaltigt, die nie für ihre Tat zur Rechenschaft gezogen werden. Der Richter sieht in ihr die Hauptschuldige und lässt sie in eine Besserungsanstalt einweisen. Wieder zurück gründet sie eine Mädchengang, damit ihr und anderen jungen Frauen so etwas nie mehr wieder passieren kann. Um sich besser verteidigen zu können, lernt sie Aikido und Karate.

Into the Movies. Noch minderjährig geht sie nach Los Angeles, verdient ihr erstes eigenes Geld als Bademodenmodell und posiert nackt für Harald Lloyd(2), der (angeblich) nichts von ihrer Minderjährigkeit wusste. Zumindest erkennt er Satanas starke Ausstrahlung und empfiehlt ihr, zum Film zu gehen. Während ihrer Zeit als Fotomodell bekommt sie eine schwere Kosmetikallergie und kehrt daraufhin nach Chicago zurück. Sie beginnt als Tänzerin, arbeitet später fürs Fernsehen und gibt als Suzette Wong an der Seite von Shirley McLaine und Jack Lemmon in dem Streifen „Irma la Douce“ (USA 1963) von Billy Wilder ihr Leinwanddebüt. Zwischendurch soll sie auch noch einen Heiratsantrag von Elvis Presley abgelehnt haben.

Angry Women. Als 1966 der Film „Faster, Pussycat! Kill! Kill!“ in den USA in die Kinos kommt, attestiert das Branchenblatt „Variety“ dem Regisseur und dem Kameramann zwar ein nicht zu übersehendes Talent und lobt den ungewöhnlichen Schnitt, misst den schauspielerischen Leistungen der Frauen aber so gut wie keine Bedeutung bei. Entgegen den herkömmlichen Darstellungen von Frauen im Kino steht dieser Film in seiner Erzählweise dem zehn Jahre zuvor gedrehten „The Fast and the Furious“(3) nahe. Auch hier handelt es sich um Figuren beiderlei Geschlechts, die aus Konventionen auszubrechen beginnen und die Abweichung von der Norm um jeden Preis suchen.

Der 1965 von Meyer fertiggestellte „Motor Psycho“(4) nimmt das „Frauen als Rächerinnen“-Motiv bereits vorweg. Die Erzählung des Films kreist um eine Männer-Motorrad-Gang, die auf ihrem Weg Morde und Vergewaltigungen begeht, aber von zwei mutigen Frauen schlussendlich zur Strecke gebracht wird. Tura Satanas Darstellung der selbstbewussten, kämpfenden und brutalen Varla lässt gängige Frauenbilder weit hinter sich: Sie ist stets hauteng in schwarz gekleidet und stellt ihre üppige Oberweite tief dekolletiert zur Schau. Ihre fordernde Sexualität, ihre Aggression versteckt sie nicht hinter ihrer üppigen Weiblichkeit. Sie ist ihre beste Waffe. Das Trio in „Faster, Pussycat! Kill! Kill!“ kämpft sich mit schier unermüdlichem Körpereinsatz durch ein bigottes, verlogenes, sexuell verklemmtes, rassistisches und zutiefst misogynes Amerika. Beklemmend und unangenehm sind die Begegnungen von Varla, Rosie und Billie mit drei Söhnen und deren Vater im Rollstuhl (die Frauen wollen eigentlich nur das Geld des Alten) auf einer Ranch im Nirgendwo, auf der der Film endet und die Frauen zugrundegehen.

Riot Lady. Später galt der Film als Kultklassiker, doch an den Kinokassen in den 1960ern war er ein totaler Flop. Zu brutal und zu selbstsicher waren die dargestellten Frauen, und von den lesbischen Untertönen, dem eifersüchtigen Verhalten Rosies Varla gegenüber, war das Publikum nicht sonderlich angetan. Der eigentliche Siegeszug begann erst durch die Fürsprache John Waters(5) in den 1980er Jahren, woraufhin der Film als Re-Release in den europäischen Arthouse-Kinos zu sehen war.

Fußnoten:
(1) R: Russ Meyer (USA 1966)
(2) US-amerikanischer Stummfilmkomiker und Regisseur
(3) R: John Ireland, Edward Sampson (USA 1955). Ein Car-Racer-Film: Remake USA 2001
(4) R: Russ Meyer (USA 1965)
(5) US-amerikanischer Underground- und Trashfilm-Regisseur

Varla kann als popkulturelles Role-Model für unzählige Filme, u.a. für die stumme Thana (Zoë Lund) in „Ms.45“ von Abel Ferrara (USA 1981), gesehen werden. Zu diesem Zeitpunkt hatte Tura Satana schon lange keine Filme mehr gedreht. 1973 überlebte sie einen Mordanschlag durch einen ehemaligen Liebhaber, nach einem schweren Autounfall 1981 war sie lange Zeit im Spital, und in den 1990ern kehrte sie sporadisch auf die Leinwand zurück. Sie konnte an die Darstellung der Varla nie mehr anknüpfen, fand aber doch noch eine späte Würdigung und wunderbare Entsprechung durch die Stunt-Frau und Schauspielerin Zoë Bell als Zoë the Cat in Quentin Tarantinos Grindhouse-Projekt „Death Proof“. In Tarantinos Film gerät ein Frauentrio an Stuntman Mike (Kurt Russell), der im Laufe des Films nicht nur einen notorischen Frauenhass an den Tag legt, sondern auch ein Serienkiller ist. Bevor sie ihn zur Strecke bringen, testet Zoë einen Wagen und legt sich bei hoher Geschwindigkeit auf die Kühlerhaube des Dodge Challenger.

Wie sie sich dabei im Fahrtwind genüsslich räkelt und windet, lässt uns unwillkürlich an das Autorennen mit den lachenden Gesichtern der drei Go-Go-Tänzerinnen und ihren im Wind wehenden Haaren am Anfang von „Faster, Pussycat! Kill! Kill!“ denken.
In zahlreichen Interviews erwähnte Tura Satana immer wieder Russ Meyers Qualitäten als Mensch und Regisseur, der ihr die Möglichkeit gab, sich wenigstens im Film an „den Männern“ und dem an ihr begangenen Verbrechen zu rächen. Diese wunderbare, in Gesprächen stets gut gelaunte Riot Lady ist am 4. Februar 2011 in Reno/Nevada gestorben.


Elisabeth Streit ist Bibliothekarin und Filmvermittlerin im Österreichischen Filmmuseum und Mitarbeiterin bei kinoki/Verein für audiovisuelle Selbstbestimmung.

* Der Titel ist dem gleichnamigen Film von John M. Stahl (USA 1945) entliehen.

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