Kommentare zu: Diagnose: dick https://ansch.4lima.de/diagnose-dick/ Tue, 08 Oct 2019 10:52:32 +0000 hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.0 Von: Kai https://ansch.4lima.de/diagnose-dick/#comment-769 Wed, 15 May 2019 06:54:14 +0000 https://www.anschlaege.at/feminismus/?p=10175#comment-769 Ich persönlich denke, dass das angesprochene Problem noch weitaus vielschichtiger ist, als aus dem Artikel – der natürlich nur einen begrenzten Bereich abdecken kann – hervorgeht:
Die Berufe der Mediziner_in und beispielsweise auch der Lehrer_in benötigen ein hohes Maß an Empathie und psychologischer Vorsicht. Auch wenn in den Studiengängen teilweise darauf hingearbeitet wird, ist schlussendlich nicht jeder Mensch für diese Aufgabe charakterlich und mental gleich gut geeignet.
Die Grundproblematik der Fehldiagnose durch zu wenig Untersuchungszeit, Voreingenommenheit durch äußere Erscheinung, Alter oder sonstiges Gesundheitsbild zieht sich durch alle Patient_innengruppen in nahezu gleichem Maße. Problematisch wird dies jedoch erst, wenn diese Fehldiagnosen mit einem permanenten Unwohlsein der Patient_innen kombiniert werden. Der oben geschriebene Abschnitt beschreibt dieses Phänomen sehr schön:
„Die Kehrseite der Medaille ist jedoch: Dicke und fette Menschen gehen aufgrund ihrer Erfahrungen im Behandlungszimmer, die oft von Abwertung geprägt sind, weniger häufig zu Vorsorgeuntersuchungen, wodurch Diagnosen oft stark verspätet erfolgen.“
Die Medaille hat in diesem Fall allerdings noch einen Rand und auch dieser sollte angesprochen werden. Der Übergang von beiden Seiten der Medaille ist nämlich wunderbar fließend und in der Realität unschärfer als man zunächst annehmen möchte. Es klingt im Artikel teilweise an, ich möchte es hier jedoch etwas deutlicher hervorheben:
„Übergewicht gilt als Risikofaktor für viele Krankheiten, das soll den Patient_innen vermittelt werden.“
Übergewicht gilt nicht nur als Risikofaktor, es ist neben Stress der Hauptrisikofaktor vieler heutigen Zivilisationskrankheiten, die nicht über einen spezifischen Erreger ausgelöst werden. Wer deultich mehr Fetttzellen besitzt, hat es im Leben buchstäblich (körperlich wie mental) schwerer. Das dies von einer Zucker-strotzenden Industrie gewollt ist, brauchen wir nicht von der Hand zu weisen, es führt jedoch medizinisch zu einer Unschönen Thematik:
Bei der überwiegenden Mehrheit der Patient_innen ist genau dieses Übergewicht die Hauptursache ihrer Beschwerden. Alle anderen Diagnosen von Menschen in einer ähnlichen Situation – aber mit speziellen Krankheitsbildern – werden so auf Dauer verzerrt.
Ist das von Seiten der Mediziner richtig? Selbstverständlich nicht. Natürlich entbindet den Arzt das Gewicht der Patient_in nicht von einer korrekten Diagnose, allerdings wird man von einer Ärzt_in nicht erwarten können, dass sie einem Menschen mit 150kg Körpermasse nicht auf desen Lebensweise anspricht:
Die Frage ist vielmehr, wie läuft ein solches Gespräch ab und wie gehen beide Seiten miteinander um. Aus meiner Sicht muss der Weg hin zu positiver Aufklärung, weg von Shaming und Vorwürfen.
Ein übergewichtiger Mensch weiß, dass er ungesund lebt, aber es gibt immer mehrer Möglichkeiten dies zu vermitteln. Insbesondere in den USA und den westeuropäischen Ländern wird dieses Thema in der Zukunft aktueller werden als wir wollen. Schätzungen der WHO gehen davon aus, das bald jede 2. Amerikaner_in und bald 2/3 der Bevölkerung an Diabetis Typ 2 leiden werden. Als dirkete Folge eine vollkommen ungesunden Lebensmittelindustrie, die mit Zucker, Fett und Geschmacksverstärkern fast süchtige Menschen bedienen möchte.
Ich erwarte mir von Patient_innen und Mediziner_innen ein gemeinsames miteinander, um Schranken, besonders auf dem Gebiet des Übergewichtes zu überwinden und in einen klaren Dialog zu treten. Tagungen in Krankenhäusern oder zwischen Fachärzten, bei den Patient_innen eingeladen werden oder ganz selbstverständlich mit in einem Gremium sitzen und von ihren Erfahrungen berichten. Vertrauenspersonen beim Arzt, denen man schildern kann, was einem wiederfahren ist und inwiefern die Behandlung nicht so abgelaufen ist, wie sie sollte und ja natürlich gerne auch staatlich finazierte Aufklärungsarbeit (Schulungen, Tagungen, vielleicht ein Fach im Studium?).
Schlussendlich hilft es uns allen nur weiter wenn wir voneinander lernen und miteinander sprechen und dabei ehrlich mit unserem Gegenüber umgehen: Was bewegt mich? inwiefern fühle ich mich unwohl?
Nur so kommt auf Dauer Akzeptanz statt Ignoranz und Flucht zustande. Diese Akzeptanz gilt aber meines Erachtens nicht nur für die Mediziner_in, sondern auch für ihre Patient_innen und zwar genau dann, wenn die Diagnose: „Übergewicht ist die Ursache“ lautet.
Beide Seiten müssen sich in Selbst- und Fremdreflexion fragen ob sie sich gegenüber sich selbst und dem anderen korrekt und respektvoll verhalten.

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