zeitausgleich – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de Wed, 04 Sep 2024 16:06:53 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.0 https://ansch.4lima.de/wp-content/uploads/2024/10/cropped-favicon-32x32.png zeitausgleich – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de 32 32 Frauen effektiv ausbeuten https://ansch.4lima.de/frauen-effektiv-ausbeuten/ https://ansch.4lima.de/frauen-effektiv-ausbeuten/#respond Mon, 02 Sep 2024 11:33:03 +0000 https://anschlaege.at/?p=120028 Anstatt endlich dafür zu sorgen, dass es kostenfreie, ganztägige und ganzjährige Kinderbetreuung gibt, hat sich die ÖVP wieder einmal ein Modell ausgedacht, wie man Frauen in diesem Land ausbeuten kann. Wir wissen: Care-Arbeit machen überwiegend Frauen. Auch wenn es darum geht, die Enkelkinder zu betreuen. Das heißt: Die angedachte Großelternkarenz der ÖVP ist eigentlich eine […]]]>

Anstatt endlich dafür zu sorgen, dass es kostenfreie, ganztägige und ganzjährige Kinderbetreuung gibt, hat sich die ÖVP wieder einmal ein Modell ausgedacht, wie man Frauen in diesem Land ausbeuten kann.

Wir wissen: Care-Arbeit machen überwiegend Frauen. Auch wenn es darum geht, die Enkelkinder zu betreuen. Das heißt: Die angedachte Großelternkarenz der ÖVP ist eigentlich eine Omakarenz.

Schon jetzt kämpfen ältere Frauen mit Nachteilen am Arbeitsmarkt, die Jobsuche ab fünfzig ist nicht einfach. Zudem kommen fehlende Pensionsansprüche hinzu. Denn Betreuungszeiten und Teilzeitarbeit führen dazu, dass Pensionistinnen im Monat deutlich weniger Geld zur Verfügung haben.

Mit der Omakarenz werden also Frauen erneut in Care-Arbeit gedrängt, die schlechter bezahlt ist. Das bedeutet weniger Geld pro Monat als bei einer Anstellung und es bedeutet langfristig weitere Einbußen bei der Pension.
Der Staat kommt indes bei der Kinderbetreuung seiner Verantwortung nicht nach. Und das Zynische an der Situation ist: Dafür ist die ÖVP verantwortlich. Stichwort Sebastian Kurz, der ein „Bundesland aufhetzen“ wollte, um ja zu verhindern, dass die Kinderbetreuung flächendeckend ausgebaut wird.

Auch bei der Karenz gäbe es noch viel zu tun: Nur ein Prozent (!) der Väter geht in Österreich länger als sechs Monate in Karenz. Zehn Prozent der Väter gehen bis zu drei Monate in Elternkarenz. Wie wäre es also endlich mit verpflichtender Väterkarenz? In Skandinavien funktioniert das sehr gut.

Die Frauen sollen mal wieder richten, wo bei der fehlenden öffentlichen Infrastruktur, bei Kinderbetreuung und Altenpflege gespart wird. Wir Feminist*innen kämpfen schon lange gegen Altersarmut bei Frauen. Darum ist es so wichtig, die Fallstricke der Omakarenz aufzuzeigen und der ÖVP ihr reaktionäres Modell um die Ohren zu hauen.

Karin Stanger lebt und liebt in Wien.

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»DDR von unten« statt Verklärung https://ansch.4lima.de/ddr-von-unten-statt-verklaerung/ https://ansch.4lima.de/ddr-von-unten-statt-verklaerung/#respond Tue, 18 Jun 2024 10:20:18 +0000 https://anschlaege.at/?p=118768 Die Debatte um den Osten liegt voll im Trend. So auch das Buch „Diesseits der Mauer. Eine neue Geschichte der DDR 1949-90“ von Katja Hoyer, die in England lebt. Sie ist Jahrgang 1985 und Kind eines NVA-Offiziers, der wohl zwei (!) Tage im Knast saß. Katja Hoyer will uns die DDR neu erklären. Leider bedeuten […]]]>

Die Debatte um den Osten liegt voll im Trend. So auch das Buch „Diesseits der Mauer. Eine neue Geschichte der DDR 1949-90“ von Katja Hoyer, die in England lebt. Sie ist Jahrgang 1985 und Kind eines NVA-Offiziers, der wohl zwei (!) Tage im Knast saß. Katja Hoyer will uns die DDR neu erklären. Leider bedeuten solche Neuerzählungen meist eine Beschönigung der Verhältnisse in der DDR, auch Hoyer muss sich Kritik an der Auswahl der Zeitzeug*innen und den Leerstellen im Buch gefallen lassen sowie den Fehlern, die ihr Historiker*innen nachgewiesen haben. Dank Marketings ist das Buch trotzdem ein Bestseller. Man sollte sich lieber den neuen Film „Schleimkeim – Otze und die DDR von unten“ ansehen, dort ist zu erfahren, wie die Staatsmacht zum Beispiel mit dem Punkmusiker Dieter „Otze“ Ehrlich umging. Wer erfahren will, wie die Punks mittels Musik dem Staat trotzten, greift am besten zum Buch „Tanz den Kommunismus“.

In der Linken habe ich einiges zu dem Thema erlebt. Eine Frau, die die DDR nur als kleines Kind erlebt hat und dazu auch noch im Ostberliner Nikolaiviertel – dem DDR-Vorzeigeviertel – aufgewachsen ist, sagte mir einmal: „Was hast du gegen die DDR? Mir hat sie nicht geschadet.“ In einer Kulturkneipe wurde uns ein Dokumentarfilm gezeigt, in dem die privilegierten DEFA-Filmleute genüsslich das Scheitern von proletarischen Übersiedler*innen im Westen vorführen, diese finden keine Wohnung und keine Arbeit. Man stelle sich solch eine Lächerlichmachung bei Migrant*innen vor? Einmal war ich während einer Feier empört, als wieder alle DDR-Übersiedler*innen als „Konsumidioten“ bezeichnet wurden. Sein Leben lang innerhalb einer Mauer verbringen zu müssen, wird hingegen normalisiert. Der Höhepunkt aber war, als ich im Zug einem Westlinken meine lange, komplizierte Geschichte mit Ausreiseantrag und Übersiedlung erzählte. Im Westen studierte ich dann zwar, war aber zunächst mit Kind in der Wohnungslosigkeit gelandet. Nachdem er sich alles angehört hatte, reagierte er eiskalt: Wir DDR-Übersiedler*innen seien doch privilegiert gewesen, hätten die deutsche Staatsbürgerschaft und Sozialleistungen bekommen. Warum übernehmen Linke die Sichtweise der DDR-Privilegierten und nicht die der Unterdrückten?

Anne Seeck hat 27 Jahre die DDR erlebt und wird von Linken des Öfteren als Antikommunistin gebrandmarkt.

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Anarchie von damals https://ansch.4lima.de/anarchie-von-damals/ https://ansch.4lima.de/anarchie-von-damals/#respond Fri, 02 Feb 2024 04:49:03 +0000 https://anschlaege.at/?p=115343 Vor ein paar Jahren war ich bei den libertären Tagen in Dresden, um dort einen Vortrag zu halten. Die Veranstalter*innen brachten mich bei einer jungen, akademischen Anarchistin unter. Als ich ihre schicke Wohnung in Dresden-Neustadt sah, dachte ich an die Zeit zwischen 1983 und 1985, als ich in dem Stadtteil wohnte und als Postbotin, bei der Altenhilfe und am Fließband arbeitete. Der Kontrast war enorm. Ich lebte dort zu DDR-Zeiten ganz oben unterm Dach mit Außenklo und Blech-Waschbecken im Hausflur. Ein Zimmer hatte eine Ofenheizung, eins war unbeheizt. Einen Gang musste ich als Küche nutzen und mir dafür selbst eine Herdplatte besorgen. Meine Nachbar*innen waren ein Punk, ein Hippie und eine zukünftige Theologie-Studentin, was bei ihr mit einer Protesthaltung zu tun hatte. Der sogenannte Hausbuchführer, der in der DDR die Daten aller Mieter*innen protokollieren sollte, sagte einmal zu uns: „Unter Hitler hätten sie euch vergast.“

Die Alaunstraße, in der wir damals wohnten, ist heute die Ausgehmeile eines gentrifizierten Stadtteils, in dem ich mir keine Wohnung mehr leisten könnte. Zu DDR-Zeiten zahlte ich dort eine Miete von 21,60 DDR-Mark. Wir hatten keine Angst vor Wohnungslosigkeit, denn es gab ein Recht auf Wohnen, zugleich verfiel allerdings die Altbausubstanz. Wir waren meilenweit entfernt vom heutigen Lebensstandard vieler akademischer Linker bürgerlicher Herkunft.

Am aktuellen Anarchismus begann ich zu zweifeln, als jemand in der Bibliothek der Freien in Berlin seine Doktorarbeit zu Hölderlin vorstellte. Er stilisierte Hölderlin zum Anarchisten, verschwieg aber peinlichst, dass dieser lange im Wahn lebte. Warum? Weil der anarchistische Vortragende auch nur bürgerliche Normen verinnerlicht hatte?

Ich bin froh, zwei Gesellschaftssysteme erlebt zu haben und vergleichen zu können. Aber mit der Rückwärtsgewandtheit, nicht nur bei den Rechten, sondern auch bei Linken, kann ich nichts anfangen. In Zeiten der Gefahr einer dystopischen Zukunft reden sich viele die Vergangenheit schön. Wir brauchen aber neue Alternativen und Utopien für eine bessere Welt. Anarchismus kann hilfreich sein, wenn die Anarchist*innen nicht in der Vergangenheit stecken bleiben

Anne Seeck ist aktive Rentnerin.

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zeitausgleich: Recht auf Urlaub! https://ansch.4lima.de/zeitausgleich-recht-auf-urlaub/ https://ansch.4lima.de/zeitausgleich-recht-auf-urlaub/#respond Fri, 20 May 2022 09:42:19 +0000 https://anschlaege.at/?p=71662 Illustration: Sabrina WegererKarin Stanger Gefälschte Diplomarbeiten, Korruptionsverdacht – Rücktrittsgründe in der Politik. Auf manche Rücktritte wartet man vergebens. Von einem Rücktritt wegen eines Urlaubs aber habe ich noch nie gehört. Anne Spiegel, die ehemalige Familienministerin in Deutschland, begründet ihn in ihrer Rücktrittsrede aber genau so: „Das war ein Fehler, dass wir auch so lange in Urlaub gefahren […]]]> Illustration: Sabrina Wegerer

Karin Stanger

Gefälschte Diplomarbeiten, Korruptionsverdacht – Rücktrittsgründe in der Politik. Auf manche Rücktritte wartet man vergebens. Von einem Rücktritt wegen eines Urlaubs aber habe ich noch nie gehört. Anne Spiegel, die ehemalige Familienministerin in Deutschland, begründet ihn in ihrer Rücktrittsrede aber genau so: „Das war ein Fehler, dass wir auch so lange in Urlaub gefahren sind. Und dass wir in Urlaub gefahren sind. Und ich bitte für diesen Fehler um Entschuldigung.“

Da stellt es mir alle Haare auf. Gerade als Familienministerin solche Worte über die Lippen zu bringen, ist für mich völlig kurios. Wo kommen wir denn hin, wenn man sich für Urlaub entschuldigen muss? Denn ein Recht auf Urlaub hat jede*r! Das ist sogar im Artikel 24 der Menschenrechte festgeschrieben: „Jeder Mensch hat das Recht auf Erholung und Freizeit und insbesondere auf eine vernünftige Begrenzung der Arbeitszeit und regelmäßigen bezahlten Urlaub.“

Klar, wir kennen im Arbeitsrecht Zeiten für Urlaubssperren, beispielsweise in Saisonbetrieben. Es muss der Urlaub auch zwischen Arbeitgeber- und Arbeitnehmerseite ausgemacht werden. Oft spielt beim Urlaubszeitpunkt die Familie eine große Rolle. Genauso wie der Erholungsbedarf. Das ist immer eine Interessensabwägung.

Auf alle Fälle kann es doch kein Problem sein, dass eine Ministerin einen Urlaub macht. Noch dazu, wenn sie Kinder und einen Mann hat, der sich gerade von einem Schlaganfall erholt. Die Gleichzeitigkeit von Dingen – wie eine Flutkatastrophe und ein Familienurlaub – sind in dieser Welt immanent. Daraus Anne Spiegel einen Strick zu drehen, ist vermessen. Zudem: Der Kopf (eines Ministeriums) zu sein bedeutet, vorbereitet zu sein, sich ein gutes Team einzurichten, an das man delegiert, das einspringt und übernimmt. Gerade in einer Demokratie dürfen einzelne Personen nicht derart unverzichtbar sein, dass ein kurzfristiger Ausfall nicht möglich ist. Das ist nicht gesund. Weder für die Einzelperson noch für eine moderne Demokratie.

Karin Stanger ist Gewerkschafterin und lebt in Wien.

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zeitausgleich: Emotionale Arbeit ist Arbeit https://ansch.4lima.de/zeitausgleich-emotionale-arbeit-ist-arbeit/ https://ansch.4lima.de/zeitausgleich-emotionale-arbeit-ist-arbeit/#respond Fri, 03 Dec 2021 15:50:38 +0000 https://anschlaege.at/?p=55439 Illustration: Sabrina WegererKarin Stanger „Karin – geh, redest du dann bitte noch mit ihm!“ „Ja klar, hatte ich eh vor!“ Ich bin in meinen Dreißigern und schon einige Jahre politisch aktiv. Im Ehrenamt, in NGOs, in den Gewerkschaften – überall das gleiche Phänomen. Wenn es darum geht, das Gruppengefüge zusammenzuhalten, Konflikte zu lösen, jemanden wieder aufzufangen, auszugleichen, […]]]> Illustration: Sabrina Wegerer

Karin Stanger

„Karin – geh, redest du dann bitte noch mit ihm!“ „Ja klar, hatte ich eh vor!“

Ich bin in meinen Dreißigern und schon einige Jahre politisch aktiv. Im Ehrenamt, in NGOs, in den Gewerkschaften – überall das gleiche Phänomen. Wenn es darum geht, das Gruppengefüge zusammenzuhalten, Konflikte zu lösen, jemanden wieder aufzufangen, auszugleichen, dann werden meist sie losgeschickt. Wer? Na, die Frauen.

Selbstverständlich, dass sie es sind, die nach der geplatzten Sitzung nachtelefonieren. Die beordert werden, um mit dem Kollegen die heikle Situation noch mal zu besprechen. Oder die in einem Gremium ausgleichend wirken und die Wogen glätten.

Oft auf Kosten der eigenen Emotionen, der eigenen Zeit, der eigenen Ressourcen. Und manchmal auch auf Kosten der eigenen Positionen.

Das ist „emotionale Arbeit“. Der Begriff ist weit gefasst, meint alles vom Trösten der eigenen Partnerin bis hin zum einfühlsamen Gespräch mit dem Kollegen im Büro. Für die Arbeiterin mag es sich gleich anfühlen, ob sie diese Arbeit zu Hause oder im Job macht. Aber im marxistischen Sinne verändert der Lohn natürlich die Situation. Denn die geleistete Arbeit hat damit nicht nur einen Gebrauchswert, sondern auch einen Tauschwert. Dessen (Wert) sollten sich Frauen bewusst sein und ihre Arbeit nicht als Selbstverständlichkeit betrachten.

„Das muss dann einfach bezahlt werden!“, könnte jetzt angeführt werden. Doch finanzielle Kompensation alleine würde die vergeschlechtlichte emotionale Arbeitsteilung weiter festschreiben. Es muss stattdessen darum gehen, Stereotype aufzubrechen und Verantwortung zu teilen.

Zudem braucht es eine Neubewertung von Arbeit. Dringend nötig ist auch eine höhere Anerkennung für Berufe, in denen permanent emotionale Arbeit geleistet werden muss. Die Anerkennung dafür, dass emotionale Arbeit oft auch mit Belastung und Selbstentfremdung einhergeht, sollte sich im Lohn ebenso widerspiegeln wie in der Ausbildung, in der Berufskrankheitenliste oder bei den Schwerarbeiterregelungen.

Karin Stanger ist Gewerkschafterin und lebt in Wien.

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zeitausgleich: Wenig ausgeglichen https://ansch.4lima.de/zeitausgleich-wenig-ausgeglichen/ https://ansch.4lima.de/zeitausgleich-wenig-ausgeglichen/#respond Sat, 26 May 2018 13:11:59 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=9744 © Sabrina WegererDie Flexibilität des Gleitzeitmodells. Von ANNA HERZ]]> © Sabrina Wegerer

arbeitsfragen in allen lebenslagen

 

Zeitausgleich. Schönes Thema. In meinem Brot-Job arbeiten wir im Gleitzeitmodell, wir können also an einzelnen Tagen Mehrstunden machen, die wir an anderen Tagen über „Zeitausgleich“ wieder zurückholen. Das Modell hat Vorteile. Ich bin nicht nur Teilzeit-Angestellte, sondern auch Teilzeit-Alleinerziehende. Drei Tage die Woche muss ich nach der Arbeit gleich in den Hort hasten, um das Kind abzuholen. Das Kind ist nicht gern im Hort. Darum bemühe ich mich, möglichst früh zu hasten. Das Kind weiß, dass ich ein bisschen flexibel bin in der Arbeit, und fordert die Mehrzeit auch selbstbewusst ein. Ich verbrauche also Mehrstunden aus meinen zwei langen Arbeitstagen für den Zeitausgleich an den drei kurzen Tagen. Wofür ich den Zeitausgleich sonst noch brauche: Elternsprechtage, Adventkonzert in der Schule, Familienausflug im Hort und so weiter und so weiter. De facto kämpfe ich (gegen meine eigene Erschöpfung) um jede halbe Stunde, die ich an langen Tagen mehr arbeiten kann, weil ich weiß, dass ich die Mehrstunden brauche. Die Flexibilität des Zeitausgleich-Modells macht es mir überhaupt erst möglich, trotz Betreuungspflichten doch relativ viele Stunden zu arbeiten. Zeitausgleich ist doch was Schönes. Ausgeglichener macht er mich aber nicht. Ich bin die flexible Komponente in diesem System. Ich reagiere flexibel auf Schulveranstaltungen, springe flexibel ein, wenn der Vater ausfällt und sowieso fast immer, wenn das Kind krank ist. Ganz flexibel schieb ich Termine herum und kümmere mich um Ersatzbetreuung, wenn dann doch mal mehr zu arbeiten ist. Das sind dann Mehrstunden selbstverständlich, für die es 1:1 Zeitausgleich gibt, keine höher bewerteten Überstunden. Ganz flexibel arbeite ich schon im Jänner stundenlang an einem Plan für die neun Wochen schulfrei im Sommer. Trotz aller Vorteile: An manchen Tagen wünsch ich mir einen vollbezahlten Vollzeit-Job mit starren Arbeitszeiten und eine Familie und Schule, die sich darauf einstellen, dass ich pünktlich gehe. Oder vielleicht auch mal länger bleibe und Überstunden mache, so mit Überbezahlung. Und damit nehme ich mir dann echten Zeitausgleich und buche ein Wochenende im Wellness-Hotel.

 

Anna Herz ist kurzfristig als Gastautorin eingesprungen, flexibel sein hat sie ja gelernt.

 

© Sabrina Wegerer
© Sabrina Wegerer

 

 

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zeitausgleich: Wessen Schutz? https://ansch.4lima.de/zeitausgleich-wessen-schutz/ https://ansch.4lima.de/zeitausgleich-wessen-schutz/#respond Wed, 25 Apr 2018 10:03:46 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=9654 Illustration: Sabrina WegererÜber die Verantwortung für die Einhaltung der Mutterschutzvorschriften. Von ANNA-KATHARINA LEDWA]]> Illustration: Sabrina Wegerer

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Jetzt, wo ich schwanger bin und mein Chef sich damit abgefunden hat, will ich ihm nicht zu sehr zur Last fallen und ihm möglichst keine Unannehmlichkeiten bereiten. Irgendwie fühle ich mich doch auch schuldig. Ein schlechtes Gewissen, weil ich schwanger bin?! So weit ist es schon gekommen.
Immer noch fahre ich jeden Tag in die Werkstatt, wusele im Staub rum, säge Kanthölzer, stehe an lärmenden Maschinen und schleife Eichenholz. Das Problem ist: Eigentlich darf ich das nicht! So sagt es zumindest das Mutterschutzgesetz. Also versuche ich meinen Chef langsam aber sicher und mit viel Gefühl zu einem Beschäftigungsverbot zu bringen. So sagt es das Gesetz. Mein Arbeitsplatz kann nicht umgestaltet werden und ich somit nicht vor den Gefahren geschützt werden. Wenn man es genau nimmt, dann hätte ich ab dem Zeitpunkt der Bekanntgabe der Schwangerschaft zu Hause bleiben müssen. Aber des guten Betriebsklimas willen mache ich das nicht. Ich bin, neben einem Auszubildenden, die einzige Angestellte in unserem Betrieb. Mein Chef kennt sich mit dem ganzen rechtlichen Kram rund um Schwangerschaft und Mutterschutz nicht aus und zeigt auch keinen Willen, dies zu ändern.
Bevor ich also ab dem fünften Monat wirklich ins Beschäftigungsverbot gehe, arbeite ich noch etwa zwanzig Stunden die Woche auf Montagen mit. Immer noch in lauter und staubiger Umgebung, immer noch auf dem Boden hockend oder auf Leitern stehend.
Ich bin sehr ausgeglichen und strebe nach zwischenmenschlicher Harmonie. Wenn man es genau nimmt, dann ziehe ich hier die Beziehung zu meinem Chef meiner Gesundheit und der des ungeborenen Kindes vor. Ist das in Ordnung? Ich denke Tag und Nacht darüber nach und hoffe, dass am Ende alles gut wird.
„Danke, dass du noch so lange durchgehalten hast, Anna. Nun bin ich nicht ganz so sauer auf dich“, gibt mein Chef mir am letzten Arbeitstag mit auf den Weg.
Ich bin sprachlos.

 

Anna-Katharina Ledwa weiß, dass nicht die schwangere Arbeitnehmerin, sondern ihr Chef für die Einhaltung der Mutterschutzvorschriften zuständig ist. Sie wünscht sich, dass alle Arbeitgeber von werdenden Müttern diese, so gut es geht, unterstützen und ihnen nicht noch mehr Sorgen bereiten.

 

 

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zeitausgleich: Feminismus in der Schule https://ansch.4lima.de/zeitausgleich-feminismus-in-der-schule/ https://ansch.4lima.de/zeitausgleich-feminismus-in-der-schule/#respond Wed, 22 Nov 2017 17:39:45 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=9164 Illustration: Sabrina WegererDas Thema „Gender und Diversity“ ist bei Teenagern sehr beliebt. Von HANNA GERBER]]> Illustration: Sabrina Wegerer

arbeitsfragen in allen lebenslagen

 

Feminismus ist bekanntlich leider kein Schulfach, dafür gibt es bei uns an der Schule zumindest ein sogenanntes „Gender und Diversity“-Modul, im Rahmen von Projektwochen. Es soll Schülerinnen* mit den letzten Gender-Diskursen vertraut machen: Butler für Fünfzehnjährige sozusagen, vermengt mit einem Schuss Kulturimperialismus. Also mal eben schnell die angloamerikanische Unterscheidung zwischen biologischem und sozialem Geschlecht vermittelt, die Sexualitäten und sexuellen Orientierungen erläutert, den Unterschied zwischen intersexuellen, transgender und transsexuellen Personen, zwischen hetero, homo, bi, asexuell … Dazu gibt es das Bild einer Person zu sehen, die einen Bart trägt und schwanger ist, aber ihre Brüste wegoperieren hat lassen. Oder das Bild einer Soldatin irgendeiner Armee auf dieser Welt oder eines Vaters, der seine Tochter auf den Schultern trägt. Was ist das jeweilige biologische, das jeweilige soziale Geschlecht der dargestellten Personen, lautet die Frage. Es soll auch sichtbar werden, dass die Vorstellungen von akzeptiertem Genderverhalten historischen und kulturellen Veränderungen unterliegen. Es werden zudem kurze Einblicke in Frauenleben und Männerrechte vor der Zeit der Familienrechtsreform und der Legalisierung des Schwangerschaftsabbruchs eröffnet. Und jedes Mal entspinnen sich interessante Diskussionen, die u. a. zeigen, wie weit die Gender-Debatten bereits im Mainstream angekommen sind – dieser ist an meiner Schule überwiegend migrantisch, zu siebzig Prozent weiblich und massiv in der pubertären Identitätsfindung steckend. In den Diskussionen zeigt sich aber auch, was Mädchen alles nicht über die Frauenbewegung(en) und ihre politischen Folgen wissen – und dass einige unter ihnen Abtreibung für Mord halten. Es dauert eine Weile, ihnen zu vermitteln, dass zwischen einer Wahlmöglichkeit, die das Gesetz bietet, und einem Zwang zum Schwangerschaftsabbruch ein entscheidender Unterschied besteht.
Für große Heiterkeit sorgen jedes Mal Übungen zur Körpersprache, in denen die Schülerinnen lernen, wie das jeweils andere Geschlecht zu gehen oder zu sitzen hat. Und oh – Überraschung –, es zeigt sich, dass es männliche und weibliche Machos ebenso wie Softies gibt, woraus frau schlussfolgern kann, dass das Geschlecht nicht die alles bestimmende Kategorie ist.
Eine weitere, wichtige Erkenntnis: Das Thema „Gender und Diversity“ ist bei Teenagern sehr beliebt und nur ein einziges Modul bei Weitem nicht ausreichend, um das vorhandene Interesse zu stillen.

 

Hanna Gerber ist Lehrerin an einer BMS in Wien.

 

*Die Verwendung des generischen Femininums meint alle Geschlechter.

 

Zeitausgleich
Illustration: Nadine Kappacher

 

 

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zeitausgleich: Miras* unglaubliche Geschichte https://ansch.4lima.de/zeitausgleich-miras-unglaubliche-geschichte/ https://ansch.4lima.de/zeitausgleich-miras-unglaubliche-geschichte/#respond Tue, 23 May 2017 15:18:31 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=8693 Illustration: Nadine Kappacher„Eine Frau mit Kopftuch und Selbstständigkeit – das geht nicht zusammen!“ Von HANNA GERBER]]> Illustration: Nadine Kappacher

arbeitsfragen in allen lebenslagen

 

Mira* ist 29, sie hat vier Kinder plus einen 17-jährigen Sohn aus erster Ehe ihres Mannes. Sie besitzt exzellente Deutschkenntnisse, die sie in ihrer Schulzeit in der Ukraine erworben hat, und sie ist ausgebildete Gynäkologin. Bis vor zwei Jahren lebte sie in der Nähe von Aleppo, wohin sie ihrem Ehemann gefolgt war. Mira konvertierte zum Islam und trägt jetzt ein Kopftuch. Ihr Mann hält sich aktuell irgendwo in einer türkischen Stadt in der Nähe der syrischen Grenze auf, wo er seinem todkranken Vater eine letzte Stütze ist. Es ist ungewiss, ob er überhaupt je nach Österreich zurückkommt, er hat hier keine Perspektive.
Auch Mira kann hier nicht arbeiten. Die Nostrifikation ihrer Ausbildung würde ein zwei Jahre dauerndes intensives Studium erfordern, das ihrer Meinung nach mit vier Kindern nicht zu bewältigen ist, zusätzlich ist eine Prüfung über Deutsch für Mediziner_innen verpflichtend. Danach entscheidet die Ärztekammer, wo sie eingesetzt wird: Die erlernte Facharztausbildung ist dabei nicht relevant. Mira schätzt, dass in ihrem Fall an die zehn Jahre verstreichen würden, bis sie diesen Prozess durchlaufen hätte. Nur: Wovon leben sie und die Kinder in der Zwischenzeit? Sozialbeihilfe gibt es ja nicht ewig. Darauf gibt der österreichische Sozialstaat keine Antwort. Was also tun?
Mira geht zum WAFF. Ihr Anliegen: Gemeinsam mit einer ukrainischen Freundin will sie ein Kosmetikstudio eröffnen und sich selbstständig machen. Antwort: „Das ist lächerlich! Sie sind doch Gynäkologin. Wir können Sie nicht unterstützen!“.
Nächste Erfahrung: Sie beantragt beim AMS dieselbe Unterstützung. Antwort: „Eine Frau mit Kopftuch und Selbstständigkeit – das geht nicht zusammen!“
So versäumt es der österreichische Staat mit seiner rassistisch und sexistisch geprägten Gesetzgebung, das ihm quasi gratis zur Verfügung gestellte, hochqualifizierte „Humankapital“ zu nutzen. Eigentlich sollte Miras Ausbildung als Gynäkologin anerkannt werden, eigentlich sollte der österreichische Staat froh sein, dass ihre Ausbildung schon ein anderer Staat übernommen hat, eigentlich sollte Österreich an die Ukraine dafür Entschädigungszahlungen leisten. Im Idealfall würde Mira die Nostrifikation ihrer Ausbildung ermöglicht, indem ihr eine Kinderbetreuung finanziert wird. Eigentlich!

 

*Name der Redaktion bekannt

 

Hanna Gerber ist Lehrerin an einer BMS in Wien.

 

Zeitausgleich
Illustration: Nadine Kappacher

 

 

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zeitausgleich: Ich bin schwanger https://ansch.4lima.de/zeitausgleich-ich-bin-schwanger/ https://ansch.4lima.de/zeitausgleich-ich-bin-schwanger/#respond Fri, 21 Apr 2017 21:26:26 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=8581 Illustration: Nadine KappacherWegen Schwangerschaft vom Chef diskriminiert. Von ANNA-KATHARINA LEDWA]]> Illustration: Nadine Kappacher

arbeitsfragen in allen lebenslagen

 

Meine Beine zittern, als ich die Werkstatt aufschließe. Mein Chef ist noch nicht da. Vor zwei Tagen hielt ich den positiven Schwangerschaftstest in der Hand, und heute muss ich es meinem Chef sagen. In einer Tischlerei kann man leider nicht drei Monate warten, bis man damit rausrückt. Zu viele Gefahrenquellen.
Dann ist es so weit. Mein Chef steht in der Tür und sieht ziemlich übermüdet aus: „Ich konnte das ganze Wochenende nicht richtig schlafen, weil ich mich entscheiden musste, ob wir den großen Auftrag annehmen oder nicht. Gerade habe ich die Zusage abgeschickt. Ich habe schon etwas Angst davor.“
Oh nein! Auch das noch!
Und jetzt ich: „Ich habe auch Angst. Ich bin schwanger.“
Mein Chef starrt mich an: „Das ist zu viel für mich!“ Seine Hände zittern und er geht in sein Büro. So hatte ich mir das jetzt nicht vorgestellt. Verdammt.
Der Arbeitstag endet mit einer Auseinandersetzung, bei der wir uns gegenseitig Dinge an den Kopf werfen, die jemals zu äußern uns zuvor nicht im Traum eingefallen wäre.
„Du hättest mal Rücksicht auf mich nehmen können! Das ist ganz schön egoistisch von dir! Wer soll denn jetzt die Aufträge bearbeiten? Das mit dem Sexverbot für die nächsten drei Monate, was ich letztens im Auto gesagt habe, war kein Witz! Soll jede Firma ihre Interessen hinter die der Frauen stellen, die Kinder wollen? Da muss man sich auch nicht mehr wundern, wenn ich keine Frau mehr einstelle!“
„Ja, so sieht es wohl aus“, sage ich nur.
Bis zu diesem Tag hatte ich ein sehr enges und vertrautes Verhältnis zu meinem Chef. Ich hätte ihm diese Art von Reaktion auf meine Schwangerschaft nie im Leben zugetraut. Gerade ihm, der gerne mit Frauen zusammenarbeitet. Heute reden wir zwar noch gut miteinander, aber für mich ist nun alles anders als vorher. Die gute Beziehung zwischen uns, die mal da war, hat einen ganz gewaltigen Knacks bekommen.

 

Anna-Katharina hat im Dezember ihr erstes Kind bekommen und erwartet, dass Frauen für ihre Entscheidung, Mutter zu werden, nicht diskriminiert werden. Sie glaubt daran, dass Job und Familie vereinbar sind.

 

Zeitausgleich
Illustration: Nadine Kappacher

 

 

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zeitausgleich: „Angstschweiß?“ https://ansch.4lima.de/zeitausgleich-angstschweiss/ https://ansch.4lima.de/zeitausgleich-angstschweiss/#respond Fri, 29 Jan 2016 16:12:41 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=6936 Illustration: Nadine KappacherMein erster richtiger Arbeitstag als Tischlergesellin. Von ANNA-KATHARINA LEDWA]]> Illustration: Nadine Kappacher

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Es ist Anfang September, sommerlich heiß und mein erster richtiger Arbeitstag als Tischlergesellin. Ich betrete eine Werkstatt, die nicht meine Ausbildungsstätte ist, in einer neuen Stadt. Mein T-Shirt ist nass und klebt am Rücken. „Angstschweiß?“, fragt der neue Kollege. Nein, Angstschweiß ist das nicht – oder doch ein kleines bisschen? „Ich bin mit dem Rad gekommen und es ist warm draußen“, erkläre ich. „Aha.“
Was für eine Begrüßung. Ich bin neu hier. Die einzige Frau unter drei Männern – dazu der Chef. Fängt es also schon so an, mit dummen Sprüchen, obwohl man sich gerade erst begegnet ist? Wer ist der Typ überhaupt, der das von sich gegeben hat? Gesehen haben wir uns nicht, als ich zum Vorstellen und Probearbeiten hier war.
Nicht beeindrucken lassen, los geht’s! „Das ist Anna, Anna, das sind Matthias, Torben und Karl.“ Die erste und einzige montägliche „Mitarbeiterbesprechung“, die ich je miterleben durfte.
„Anna, du baust heute mit Karl Türen ein.“ Habe ich das schon mal gemacht? Ich kann mich nicht erinnern. Ich will lernen, lernen, lernen. Und dabei Profi werden! Das habe ich mir fest vorgenommen. Doch was lernt man schon in seiner Ausbildung? Von jedem etwas und nichts richtig. Sagt man das nicht so? Ich habe eigentlich sehr viel gelernt. Doch dabei wurde ich immer angeleitet und begleitet, die Verantwortung lastete nicht auf meinen Schultern.
„Eine Auszubildende – das ist ja toll! Man sieht selten Mädchen, die Tischlerin werden.“ Jaja, weiß ich, habe ich schon tausendmal gehört und werde ich auch noch weitere tausend Male hören. Leck mich am Arsch, denke ich dann meistens. Aber sagen muss man: „Ja, der Beruf gefällt mir sehr gut, die Arbeit mit Holz ist großartig, und tatsächlich habe ich auch gedacht, dass es mittlerweile mehr Tischlerinnen gibt.“ Oder ich sage gar nichts und lächle nur schüchtern. Schüchtern, reserviert und unsicher, das bin ich nach außen hin. Doch das wird sich in den folgenden Monaten noch stark ändern.

 

Anna-Katharina Ledwa hat seit dem ersten Tag gelernt, sich durchzusetzen und Selbstbewusstsein zu zeigen. Sie wünscht sich, dass sich keine Auszubildende von ihren Kollegen unterbuttern lässt.

 

Zeitausgleich
Illustration: Nadine Kappacher

 

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zeitausgleich: What´s my name? Say my name! https://ansch.4lima.de/zeitausgleich-whats-my-name-say-my-name/ https://ansch.4lima.de/zeitausgleich-whats-my-name-say-my-name/#respond Sun, 30 Nov 2014 20:48:40 +0000 https://anschlaege.at/?p=5786 Illustration: Nadine KappacherWieder ist es mir gelungen, die Kolumne rechtzeitig zu schicken. Von MIEZE MEDUSA]]> Illustration: Nadine Kappacher

arbeitsfragen in allen lebenslagen

Wieder ist es mir gelungen, die Kolumne rechtzeitig zu schicken und Feedback zu bekommen. Mit rechtzeitig meine ich zu spät und mit Feedback meine ich die gut gelaunten Nachfragen der werten an.schläge-Redaktion, wann denn bitte der Text endlich käme. Kommt. Genau wie die überfällige Beförderung, die Gehaltserhöhung und der Weltruhm. Es ist nur eine Frage der Zeit. Zeit hab ich ja. Wobei! Die wird ja auch weniger. Fiel mir auf, als meine Kreditkarte kam und das Ablaufdatum im Jahre Schnee mir gar nicht so weit weg zu sein schien. Mit im Jahre Schnee meine ich 2019 und mit gar nicht so weit weg meine ich: kann ich mir vorstellen. Wie die Zeit vergeht, wenn ich mich amüsier. Plötzlich denke ich an meine letzte nichtselbstständige Beschäftigung und daran, dass mein Chef mir eine Gehaltserhöhung angeboten hat. Da kam mir zum ersten Mal der Gedanke, dass meine männlichen Kollegen womöglich jedes Jahr fragen. Über Geld spricht man bei uns nicht. Außer in Schweden. Dort kann man im Grundbuch nachschauen, was der Nachbar verdient. Oder ob der neue Schwarm mit einer Ehefrau, die er verschweigt, zusammenlebt. Die nennen das Öffentlichkeitsprinzip und haben gerade eine feministische Partei ins EU-Parlament gewählt. Keine Ahnung, ob es da einen Zusammenhang gibt.
Apropos, in die Jahre gekommen. Die Tage haben wir uns selbst gefeiert. Wir sind alt. Und mit wir meine ich die großartige an.schläge-Redaktion, die die Arbeit macht, und mit alt meine ich 30 Jahre! Weil wir alle zu bescheiden sind, um so eine Party so großkotzig zu planen, wie wir verdienen, wurde der kleinere Raum gebucht und die Party ist aus allen Nähten geplatzt. Großartig!
Und ich durfte die Redakteurinnen endlich mal kennenlernen. Weil wir ja sonst immer Mails hin und her schicken. Jetzt natürlich meine Angst, sie nicht sofort wiederzuerkennen, wenn wir uns in einer der tollen Nischen der Stadt über den Weg laufen. Aber die Party und die Gesichter merk ich mir wohl. Weil es eine Nacht war, groß wie unsere Ambitionen.

Mieze Medusa ist Pionierin der österreichischen Poetry- Slam- und Rap-Szene. www.miezemedusa.com

Zeitausgleich
Illustration: Nadine Kappacher

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zeitausgleich: Club der Abgrenzungsproblemfälle https://ansch.4lima.de/zeitausgleich-club-der-abgrenzungsproblemfaelle/ https://ansch.4lima.de/zeitausgleich-club-der-abgrenzungsproblemfaelle/#respond Thu, 30 Oct 2014 10:27:59 +0000 https://anschlaege.at/?p=5611 Illustration: Nadine Kappacher Wir sind verstreut über alle Flure und Familienverhältnisse. Von ELISABETH GOLLACKNER]]> Illustration: Nadine Kappacher

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Wir sind verstreut über alle Flure und Familienverhältnisse, wir wissen noch gar nicht, dass es uns als Gruppe gibt. Doch bei jedem weiteren Gespräch, in dem das Wort „Abgrenzungsproblem“ auf­ taucht, bin ich erneut versucht, uns ein staubiges Hinterzimmer anzumieten, uns ein Logo zu verpassen und es vorne an der Straße ganz prominent zu platzieren: Folgen Sie dem Pfeil, keine Scheu, hier geht’s zum Club der Abgrenzungsproblemfälle! Sudern ist gra­ tis, Schnaps gibt’s umsonst.
Es beginnt am Morgen, wenn unter der Dusche der Bürostreit des vergangenen Tages wieder und wieder durchgespielt wird. Taucht tagsüber auf, anhand gekränkter KollegInnen oder Kritik an der eigenen Arbeit. Und endet mit dem kleinen Stapel Arbeit, der mit nach Hause genommen wird, um nichts unerledigt zu lassen. Beschweren wir uns, kommt als Antwort nur: „Du musst wirklich lernen, dich besser abzugrenzen.“ Zum Teufel nochmal, wie ich, wie E. und S. und B. und S. und all die anderen, wie wir diesen Satz hassen!
Verlässlich. Aufmerksam. Verantwortungsbewusst. Mit diesem Vokabular wurden wir in leitenden Positionen gelobt. (Zwischen­ ebenen, wohlgemerkt, nicht ganz oben.) Um jetzt gesagt zu bekom­ men, dass es genau diese Eigenschaften sind, die uns direttissima ins Burnout katapultieren werden. Es ist paradox.
Und natürlich wissen wir, jede Einzelne von uns, dass nur wir selbst die Situation ändern können. Die logische Präsidentin unseres Clubs hat deshalb die Notbremse gezogen und verkündet, am Wochenende und nach 23 Uhr jetzt aber wirklich keine Anrufe aus dem Büro mehr entgegenzunehmen. B. erzählt, dass sie nach niederschmetternd negativem Feedback gerne Nachrichten über Krisenregionen schaut, das relativiere alles. Und bei S. landen E­Mails, die nur aus Großbuchstaben und Rufzeichen bestehen, ab sofort im Papierkorb, ungelesen. Dann noch einen Schnaps drauf, und die Sache hat sich.

Elisabeth Gollackner übt als Journalistin in Wien die Gratwanderung zwischen Leidenschaft und Pragmatismus.

Zeitausgleich
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zeitausgleich: Zahlen https://ansch.4lima.de/zeitausgleich-zahlen/ https://ansch.4lima.de/zeitausgleich-zahlen/#respond Thu, 05 Jun 2014 13:56:43 +0000 https://anschlaege.at/?p=5317 Illustration: Nadine KappacherIch habe einen kleinen Spleen: Ich betrachte manchmal gerne die Zahlen auf meinem Sparkonto. So Dagobert-Duck-mäßig beruhigen sie mich irgendwie. Von IRMI WUTSCHER]]> Illustration: Nadine Kappacher

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Ich habe einen kleinen Spleen: Ich betrachte manchmal gerne die Zahlen auf meinem Sparkonto. So Dagobert-Duck-mäßig beruhigen sie mich irgendwie. Nicht dass ich jetzt einen Geldspeicher voll Geld hätte: Seitdem ich arbeite, und das sind mittlerweile acht Jahre, habe ich, wenn es irgendwie ging, Geld auf die Seite gelegt. Nicht weil ich Sparsamkeit als eine Tugend ansehe, sondern als Sicherheit. Im alljährlichen Sommerloch, das vor allem Freelancer_innen betrifft und wo am Ende des Monats manchmal doch nur 300 Euro heraus gekommen sind, ist der Polster dann auch regelmäßig wieder zusammengeschmolzen. Ebenso bei Krankheiten oder wenn die Steuer was von mir haben wollte. Derzeit verdiene ich einen fixen Betrag, der regelmäßig auf meinem Konto einlangt. Somit gibt es weniger Schmelzzeiten. Aber immer noch verschiebe ich Beträge, die mir entbehrlich erscheinen, auf das Sparkonto.

Illustration: Nadine Kappacher
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Meine paar Zahlen geben mir ein Gefühl der Sicherheit. Was lächerlich ist, denn sollte ich länger arbeitslos sein oder krank, wäre das Geld in kürzester Zeit weg. Ich kann auch nicht viel damit machen: So viel, um zum Beispiel eine Wohnung zu kaufen, werde ich in hundert Jahren nicht verdienen. Vielleicht könnte ich mir ein Auto gebraucht kaufen – aber ich brauche keins, und die fortlaufenden Kosten würden den Betrag auffressen, den ich pro Monat verschieben kann. Fonds und Veranlagung? Pfff – nein danke. Dann lieber Zahlen anschauen und wissen: Im Notfall kann ich sofort darauf zugreifen.

Die Seite binichreich.at verrät, wie man im Vergleich zu anderen finanziell so dasteht. Meine Selbsteinschätzung war: regelmäßiges Einkommen, bisschen was gespart, keine Schulden – ich lebe sicher so knapp in der Mitte der Reichen und Armen in Österreich. Aber siehe da: Ich befinde mich im unteren Drittel. Denn hast du kein Haus, keinen Schmuck, keine Wertanlage oder kein Auto, dann hast du nichts. Und da bewegt sich auch wenig: Denn Vermögen wird in Österreich extrem niedrig besteuert. Arbeit dafür sehr hoch.

Irmi Wutscher empfiehlt www.binichreich.at (internationale Version) und das Youtube-Video „Wie reich ist Österreich“.

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zeitausgleich: And many more!! https://ansch.4lima.de/zeitausgleich-and-many-more/ https://ansch.4lima.de/zeitausgleich-and-many-more/#respond Sun, 23 Feb 2014 16:53:09 +0000 https://anschlaege.at/?p=4802 Illustration: Nadine KappacherBeim Gründerinnen-Interview vor ein paar Wochen hat mich Kollegin Denise als an.schläge-Urgestein vorgestellt. Von IRMI WUTSCHER]]> Illustration: Nadine Kappacher

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Beim Gründerinnen-Interview vor ein paar Wochen hat mich Kollegin Denise als an.schläge-Urgestein vorgestellt. So lange dabei, dass ich dreißig Jahre zurückblicken könnte, bin ich noch nicht! Aber sieben Jahre in die Vergangenheit – das geht. Meine eigene an.schläge-herstory:
Es war mein erster Job nach dem Studium. Ich habe mich in meiner Diplomarbeit unter anderem mit den an.schlägen beschäftigt. Dabei den „Mach-ein-Akademikerinnen-Training“-Button auf der Website gesehen und mir gedacht: Das passt! Einige Jahre zuvor hatte ich in Utrecht ein Erasmus-Semester Women’s Studies studiert, die Anbindung an die feministische Szene hat mir in Wien gefehlt und so hatte ich hohe Erwartungen an, nennen wir es, die soziale Seite des Jobs. Ehrlich gesagt war es am Anfang gar nicht so leicht. Wie in allen eingespielten Gruppen, in denen man Codes oder Dynamiken noch nicht durchschaut, kam ich mir oft falsch vor, unpassend. Vielen Praktikantinnen geht es wohl bis heute so. Die gute Nachricht: Frau lebt sich ein!

Illustration: Nadine Kappacher
Illustration: Nadine Kappacher

2007 waren die an.schläge auf einer Art popkulturellem Expansionskurs: Fernsehproduktion für „OKTO“, Screenings im Frauencafé, Interviews mit queer/feministischen Superstars. Ungefähr monatlich eine Party, wo die an.schläge aufgelegt oder copräsentiert haben. Eine PR-Initiative, die uns zu Studiogästinnen in der damaligen Nachmittagssendung „Metro“ auf „Puls TV“ (wer erinnert sich?) machte. Inklusive Wutausbruch vom Regisseur, als Lea und Saskya auf irgendeine blöde Frage à la „Warum sind Frauen in Medien unterrepräsentiert?“ mit der Gegenfrage antworteten, warum „Puls TV“ denn nicht mehr feministische Themen bringe.
Es war eine wilde und interessante Zeit. Ich denke, die an.schläge sind immer noch Ausprobierfeld und Anknüpfungspunkt für junge Feministinnen. Deswegen brauchen wir sie, für noch mindestens dreißig Jahre. Mein Geburtstagswunsch: mehr Geld für die an.schläge, damit eine faire Bezahlung möglich wird. Dann wäre es der beste Job der Welt.

Ihr müsst euch Irmi Wutscher jetzt wie eine abgeklärte Feministinnen-Oma im Schaukelstuhl vorstellen. Jaja, damals …

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zeitausgleich: Ninetofive https://ansch.4lima.de/zeitausgleich-ninetofive/ https://ansch.4lima.de/zeitausgleich-ninetofive/#respond Mon, 04 Nov 2013 12:28:52 +0000 https://anschlaege.at/?p=4563 Illustration: Nadine KappacherIch erinnere mich: Es war vor ein paar Jahren. Von IRMI WUTSCHER]]> Illustration: Nadine Kappacher

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Ich erinnere mich: Es war vor ein paar Jahren. Da spricht der Arbeitsminister anlässlich Ausbildungspflicht und „verschwundener“ Jugendlicher (also solche, die weder in Ausbildung sind noch arbeiten) davon, dass man diesen Jugendlichen Disziplin beibringen müsse. Und dass die halt auch lernen müssten, jeden Tag um sechs oder sieben aufzustehen, um einen Job zu behalten. Kollege B und ich stellen dazu grinsend fest, dass wir mit unseren 32 respektive vierzig Jahren noch immer nicht in der Lage sind, täglich um eine bestimmte Uhrzeit irgendwo geschnäuzt und gekampelt auf der Matte zu stehen. Wir coolen Hunde der arbeitszeitlichen Selbstbestimmung, wir Unkonventionellen.
9-to-5-Job, das ist ein Synonym für einen fremdbestimmten, eher durchschnittlichen bis langweiligen Job. Ein 9-to-5-Trottel (in Österreich vielleicht eher: einE 8-bis-16-Uhr-BeamtIn), sowas wollte man früher nicht werden – wie beige-grau-unsexy, wie nervtötend!
Bei jungen Menschen, die gerade jetzt kurz vor ihrem Eintritt in die Arbeitswelt stehen, ist das anders. Jugendliche haben sehr klare Wünsche an die zukünftige Arbeitswelt, erklärt mir Jugendkulturforscherin Beate Großegger in einem Interview. Sie wollen fixe Arbeitszeiten und eine klare Trennung von Arbeit und Freizeit. Keine Lust auf Überstunden, keine Lust auf Herumflexibilisieren. Die jungen Menschen wollen die Zeit haben, sich FreundInnen und eventuell sogar der Familie zu widmen. Und sie haben bei ihren Eltern gesehen, dass das oft untergeht.
Man kann die Einstellung auch so zusammenfassen: Arbeit ist nicht alles. Ein fast schon frivoler Anspruch in der Leistungsgesellschaft. Vielleicht haben sich die jungen Menschen vom neoliberalen Leistungszwang emanzipiert. Vielleicht sehen sie aber nur, wie ihnen die Felle davonschwimmen: Angenehme oder einfache Zeiten erwarten sie in ihrem Arbeitsleben nicht. Angeblich hat das „europäische“ Modell der niedrigen Arbeitszeit im globalen Wettbewerb bald ausgedient. Düstere Aussichten.

Irmi Wutscher steht meistens zwischen acht und neun Uhr auf, manchmal auch schon um sieben. Manchmal gar nicht.  

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zeitausgleich: Midlife-Crisis https://ansch.4lima.de/zeitausgleich-midlife-crisis/ https://ansch.4lima.de/zeitausgleich-midlife-crisis/#respond Sat, 30 Mar 2013 12:21:18 +0000 https://anschlaege.at/?p=4035 Illustration: Nadine KappacherEigentlich sollte ich sie haben. Vom Alter her. Von MIEZE MEDUSA]]> Illustration: Nadine Kappacher

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Eigentlich sollte ich sie haben. Vom Alter her. Und wegen den getroffenen Entscheidungen. Weil, sicher ist gar nichts und Garantien gibt es keine. Aber in einem umgekehrten „picture-of-Dorian-Gray“-Spielchen trägt zur Zeit die Umwelt die Spuren der Schwerkraft im Gesicht. Ich rede hier nicht von Falten, die nennen wir sowieso Linien und die tun hier nichts zur Sache. Nicht um die Sorgen geht es mir, sondern um das andere S-Wort: die Sinnfrage.

Und die liefert sich im Umfeld gerade einen Grabenkampf. Was mache ich? Wie? Mache ich es gut? Mache ich genug? Soll ich nicht doch lieber …?

Manchmal geht es ums Geld. Vielleicht doch lieber einen Fulltimejob …?

Manchmal um Anerkennung. Vielleicht sollte ich doch mal inserieren, damit eine Rezension …?

Manchmal um Kunst. Vielleicht sollte ich mich doch in die Theorie konkreter Poesie unter Einbeziehung raumtheoretischer Modelle nach Bachtin und der Diathese deutscher Verben vertiefen? (Ach, Quatsch.)

Manchmal um die biologische Uhrzeit. Vielleicht doch ein Kind …?

Manchmal um die gesellschaftliche Uhrzeit. Vielleicht doch Karriere …? (Mist, das Kind schreit.)

Manchmal um Macht. Vielleicht sollte ich doch auf soziokulturelle Projekte setzen, damit ich was bewegen kann?

Und ja. Die Fragen sind alle richtig und die individuellen Antworten darauf können so falsch gar nicht sein. Ein bisschen Glück brauchen wir doch für dieses Ding, das wir Leben nennen. Und eine ordentliche Portion Mut, Einsatz, Freude und Durchhaltevermögen. Und den Willen, uns nochmal neu auszurichten, wenn es uns nötig erscheint.

Trotzdem bin ich dankbar dafür, dass ich von der S-Frage zur Zeit verschont bin. Denn: Antworten hab ich keine. Schon gar keine allgemeingültigen. Außer vielleicht die: Was ist das Midlife, wenn nicht das Aufbäumen gegen die Schwerkraft der Traumwelt. Es ist so weit. Wir fangen nicht mehr nur an, wir probieren uns nicht mehr nur aus. Wir haben gewählt und jetzt haben wir einen bunten Salat aus Bemühungen, Ehrgeiz, Zwischenschritten, Wirrwarr und Gewusel. Nennen wir es Leben.

Mieze Medusa legt ihren neuen Roman ans Herz: Mia Messer (Milena 2012), www.miezemedusa.com

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zeitausgleich: Teambuilding https://ansch.4lima.de/zeitausgleich-teambuilding/ https://ansch.4lima.de/zeitausgleich-teambuilding/#respond Tue, 02 Oct 2012 12:28:18 +0000 https://anschlaege.at/?p=3505 Illustration: Nadine KappacherG. muss mit seiner Firma zwei Tage auf Teambuilding-Seminar. Von IRMI WUTSCHER ]]> Illustration: Nadine Kappacher

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G. muss mit seiner Firma zwei Tage auf Teambuilding-Seminar. Er ist nicht begeistert. Die dort gerne praktizierten Wir-reden-uns-alles-von-der-Seele-und-können-uns-dann-mit-allen-Schwächen-und-Stärken-annehmen-Sitzungen werden in Wahrheit ja gerne dazu verwendet, die Schwächen anderer auszuspionieren und sie später unbarmherzig gegen sie zu verwenden. Mein Lieblingssatz zu diesem Thema von einem Kollegen nach einer Mediation ist: „Was früher ein schwelender Konflikt war, ist jetzt erbitterter Krieg.“ Teambuilding-Seminare sollte man also nicht auf die leichte Schulter nehmen.
G. soll für den ersten Tag eine Power-Point-Präsentation über sich selbst vorbereiten, genauer: über seine Aufgaben und seine Schwachpunkte. Ganz klar: In so einem Fall können nur Schwächen aufgeschrieben werden, die eigentlich Stärken sind. Ich schlage ihm vor: „Ich bin zu engagiert und opfere mich immer zu sehr für die Firma und die KundInnen auf.“ Mir würde das gut gefallen, gemeinsam mit einer Clipart oder einem lustigen Comic, in dem ein Männchen fröhlich Aktenberge schupft o.Ä. Das Ganze in einer effektbeladenen Präsentation, in der alles mit einem „Wuuusch“-Geräusch auf den Folien erscheint. G. will aber nicht so dick auftragen. Schade. Aber dann schreibt er als Schwäche „KundInnenzufriedenheit vs. Effizienz“ auf. Soll signalisieren: Ich würde gerne ALLES für die KundInnen tun, gleichzeitig für die Firma möglichst viel in kurzer Zeit leisten und dieses Dilemma ist mein großer Schwachpunkt. Gar nicht schlecht. Zurück vom Teambuilding erzählt G., dass sich seine KollegInnen gar nicht so geziert hätten, was Schwächen betrifft. Angeführt wurde etwa „Ich kann mir gar nix merken“ genauso wie: „Ich stinke“. Wobei bei letzterem Geständnis ein Bravourstück der Schwäche-zu-Stärke-Umdeutung demonstriert wurde: „Ein Kunde hat mir gesagt, ich stinke“, berichtete der Seminarteilnehmer, der im Verkauf tätig ist. „Das beweist, dass ich schon so eine Nähe zu den KundInnen aufgebaut habe, dass sie mir so etwas Intimes sagen können!“

Irmi Wutscher hat für diese Kolumne mit G. ein Team gebildet, indem sie schamlos Geschichten aus seinem Arbeitsleben geklaut hat.

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zeitausgleich: Boulevard https://ansch.4lima.de/zeitausgleich-boulevard/ https://ansch.4lima.de/zeitausgleich-boulevard/#respond Tue, 24 Jan 2012 11:38:36 +0000 https://anschlaege.at/?p=2578 Die österreichische Region, für deren Regionalausgabe ich arbeite, ist mehrere hundert Kilometer von meinem Arbeitsort entfernt. Von IRMI WUTSCHER]]>

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Die österreichische Region, für deren Regionalausgabe ich arbeite, ist mehrere hundert Kilometer von meinem Arbeitsort entfernt. Viele Orte, über deren Unfälle, Feuerwehreinsätze, Volksfeste oder Krimi­nalfälle ich schreibe, kenne ich nicht einmal vom Namen her. Die erste Tat in der Früh besteht bei diesem Job daher darin, Polizeimeldungen durchzugehen. Erscheint eine interessant, heißt es möglichst schnell bei der entsprechenden Dienststelle anrufen, um den diensthabenden Beamten noch zu erwischen – das heißt ihn möglichst unvorbereitet zu erwischen, damit er etwas über die Geschehnisse erzählt, das über die offizielle Meldung hinausgeht. Etwas, was die BeamtInnen eigentlich nicht dürfen.
Neben Chronikalem und Menschelndem (Weinköniginnen, hundertjähri­ge Mütterchen, Familien mit zwölf Kindern …) ist das wichtigste The­ma das Wetter. Wird es schneien, und wenn ja, wie viel? Wird die Son­ne scheinen, und wie lang noch? Denn wenn es schneit, gibt es vielleicht Unfälle und Stau, und das gibt wieder Geschichten für die Chronik. Und außerdem hängt einer der wichtigsten heimischen Wirtschaftszweige am Wetter: der Tourismus. Einen Sprecher eines Tourismusverbandes rufe ich wöchentlich an, um mich nach Buchungs- und Nächtigungszah­len zu erkundigen. Bis der entnervt sagt: „Frau Wutscher, wir aktuali­sieren nicht täglich unsere Statistik. Abgerechnet wird zu Saisonende.“ Mir ist das glasklar, nur der rotgesichtige, rundbäuchige Choleriker in der Redaktionsmitte sieht das nicht so. Auskunftspersonen kooperieren nicht? Na dann machen wir uns unsere Zahlen halt selber! Sagen wir, wir wissen, dass in einem Skiort bereits soundso viele Nächtigungen ge­meldet wurden. Na, dann rechnen wir das halt Pi mal Schnauze für alle anderen Orte in dem Bundesland hoch und schon haben wir eine prima Zahl. Und die Überschrift, die ohnehin schon genau wie der Inhalt vor der Recherche feststand (nämlich von oben diktiert), lautet: „Gastwirte jubeln über Nächtigungsplus“.

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Irmi Wutscher hat ein paar Monate lang bei einer Boulevardzeitung gearbeitet – und viel dabei gelernt.

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zeitausgleich: Krank https://ansch.4lima.de/zeitausgleich_krank/ https://ansch.4lima.de/zeitausgleich_krank/#respond Mon, 31 Oct 2011 10:57:30 +0000 https://anschlaege.at/?p=2175 Krankheit, die schlimmste Feindin der Prekären. Von IRMI WUTSCHER]]>

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Krankheit, die schlimmste Feindin der Prekären. Jetzt hat sie auch mich wieder einmal erwischt. Ich tippe diese Zeilen schnupfig, im Pyjama und in die Decke eingewickelt, mit Kräuterteekanne auf dem Schreibtisch. Gestern habe ich noch mit Aspirin aufgeputscht einen Radio-Schwerpunkt über Drogen (wie passend) finalisiert und auf Schiene gebracht. Das musste noch sein, und auch diese Kolumne will rechtzeitig an Redaktion und Grafikerin geschickt werden.
Zu Hause bzw. im Bett bleiben und nicht arbeiten, ist immer die allerallerletzte Option. Ich hatte zuvor schon vier Tage lang versucht, Schnupfen und Halsweh mit Kräutertees, Tropfen u.Ä. loszuwerden. Die Erkältung bleibt aber leider hartnäckig. Trotzdem wäge ich immer noch ab: „Wenn ich morgen zu Hause bleibe, kann ich übermorgen dann vielleicht drei Artikel fertig kriegen“ (nicht sehr wahrscheinlich); „Vielleicht halte ich noch ein, zwei Tage durch, mach die Sachen alle fertig und bleib dann gegen Ende der Woche daheim“ (genauso unwahrscheinlich); oder „Vielleicht ist morgen der Schupfen eh schon vorbei“. So verlaufen die Verhandlungen mit mir selbst, bis irgendwann die Erkenntnis reift: Es geht nicht. Ich muss kürzer treten. Es muss sich halt irgendwie ausgehen mit der Kohle.
Ob und was ich für diese zwei Tage bezahlt bekomme, weiß ich nicht so genau. Vielleicht ein Abschlagshonorar für geplante Beiträge oder Artikel, vielleicht einen Durchschnittswert der letzten Monate, vielleicht nichts. Das ist ein Ermessensspielraum von ich weiß nicht welchen Faktoren. Der wichtigste dabei ist: Krankengeld oder Abschlagshonorar bekommt nur, wer sich aufregt. Da bin ich, ich weiß, tausenden anderen Freien, die einfach gar nichts bekommen und für die jede Krankheit, die mehr als eine Woche dauert, zur Existenzkrise wird, schon einen Schritt voraus. Aber eigentlich sollte die Möglichkeit einer Existenzsicherung über Krankheitstage hinweg selbstverständlich sein – nicht Aushandlungssache oder gar Privileg.

Illustration: Nadine Kappacher

Irmi Wutscher kann es sich selten leisten, krank zu sein.

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