VII / 2016 – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de Wed, 29 Jul 2020 20:13:52 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.0 https://ansch.4lima.de/wp-content/uploads/2024/10/cropped-favicon-32x32.png VII / 2016 – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de 32 32 Pensionspanikmache https://ansch.4lima.de/pensionspanikmache/ https://ansch.4lima.de/pensionspanikmache/#respond Tue, 15 Nov 2016 18:28:18 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=8033 Was bleibt Frauen im Alter? Von BRIGITTE THEIßL]]>

Dass unser Pensionssystem kurz vor dem Zusammenbruch steht, ist Unsinn. Gründe für feministischen Protest gibt es dennoch zur Genüge. BRIGITTE THEIßL hat bei renommierten Expertinnen nachgefragt, was Sache ist.

 

Die Pension ist für viele Frauen ein nervenaufreibendes Thema – wie können wir damit umgehen?

Im Rahmen meiner Tätigkeit in einer Frauenberatungsstelle spreche ich vorwiegend mit Frauen, die sich in schwierigen Lebensumständen befinden. Viele von ihnen haben massive finanzielle Probleme, da ist das Thema Geld an und für sich schon sehr nervenaufreibend. Im Mittelpunkt der Gespräche steht der akut vorherrschende Mangel, weniger die Altersvorsorge. Die Aussicht auf eine niedrige Pension ist für viele nur mehr das Tüpfelchen auf dem I und die schriftliche Bestätigung einer wahrgenommenen Ungerechtigkeit. Der Umgang mit Geld wird von verschiedenen Einflussgrößen bestimmt: Ein existenzsicherndes Einkommen und ein gutes soziales Netzwerk wirken sich positiv auf Vorsorgevorhaben aus. Der Umstand, ob eine Frau Kinder hat, alleinerziehend und/oder Migrantin ist bzw. eine bestimmte Altersgrenze überschritten hat, erhöht das Armutsrisiko. Das Pensionskonto beziffert nun diese Lebensumstände, Handlungsoptionen sehen viele Frauen nicht.
Ein erster Schritt ist immer übers Geld zu reden, die Scham zu überwinden und der eigenen (unbezahlten) Arbeit einen Wert zu geben. In der Beratung sehe ich zum einen eine strukturelle Handlungsebene, verdeutlicht durch den Gender Pay Gap, schlecht bezahlte „Frauenbranchen“ und die ungleich verteilte Care-Arbeit. Zum anderen ist der Umgang mit Geld auch erlernt bzw. durch Sozialisation geprägt. Auf beiden Ebenen gilt es anzusetzen: den Frauen Lust aufs Geld zu machen und gleichzeitig politische AkteurInnen in die Pflicht zu nehmen.
Claudia Prudic, Verein Wendepunkt

 

ÖsterreicherInnen wurden jüngst per Brief über ihren Pensionskontostand informiert, das Frauenministerium weist auf die Nachteile von Teilzeitarbeit hin. Was halten Sie von diesen Maßnahmen?

Grundsätzlich ist es gut, wenn Frauen darüber Bescheid wissen bzw. informiert werden, dass sich Teilzeitbeschäftigung negativ auf ihre Pensionen auswirkt. Gleichzeitig wird diese Information den wenigsten Frauen helfen, da sich dadurch die Situation auf dem Arbeitsmarkt nicht ändert – also deshalb nicht mehr Vollzeitstellen angeboten werden. Weiters werden viele Frauen auch ihre persönliche Situation nicht so einfach ändern können, weil es entweder keinen geeigneten Kinderbetreuungsplatz in der Nähe gibt, Väter nicht zur Verfügung stehen oder die Angehörigenpflege maximal mit einer Teilzeitbeschäftigung vereinbar ist. Frauenpolitik müsste hier nicht nur informieren, sondern die entsprechenden Rahmenbedingungen schaffen – und, solange diese nicht gegeben sind, für ein Pensionssystem eintreten, das nicht zulasten der Frauen geht.
Ingrid Mairhuber, Forschungs- und Beratungsstelle Arbeitswelt (FORBA)

 

Die NEOS haben das österreichische Pensionssystem für „schrottreif“ erklärt. Immer wieder ist zu hören, dass aufgrund der demografischen Entwicklungen das Pensionssystem zusammenbrechen wird. Stimmt das?

Ein Alterssicherungssystem hängt weniger von der Demografie als von der Ökonomie ab. Im Jahr 1950 kamen auf 1.000 Personen im Alter zwischen 15 und 64 Jahren 159 Personen, die älter als 64 Jahre sind, 2016 sind es 274. Dennoch ist heute der Wohlstand sowohl der Personen im Erwerbsalter als auch der Personen im Pensionsalter deutlich höher, als er es im Jahr 1950 war. Anderes Beispiel: 1950 kamen auf 1.000 pensionsversicherte unselbstständig Beschäftigte 345 Pensionen, heute sind es 601 Pensionen. Auch hier ist in beiden Gruppen der Wohlstand heute um ein Vielfaches höher als 1950.
Wenn vom Zusammenbruch des Pensionssystems in Österreich (dem viertreichsten Land in Europa) gesprochen wird, werden zwei Tatbestände systematisch ausgeblendet.
Erstens: Die Pensionen sind in Österreich in erster Linie über die Beschäftigten finanziert: Diese leisten die Pensionsversicherungsbeiträge, die unmittelbar für die Pensionsauszahlungen verwendet werden, und produzieren auch das Güter- und Dienstleistungsvolumen, das wir zum täglichen Leben brauchen. Vorhandene Finanzierungsengpässe resultieren damit sowohl aus der hohen Arbeitslosigkeit als auch aus der Zunahme der Niedriglohnjobs.
Zweitens: Bewegt sich das österreichische Wohlstandsniveau (gemessen am BIP pro Kopf ) in Zukunft in etwa auf dem gegenwärtigen Niveau, ist die Frage der Pensionsfinanzierung in erster Linie eine Frage der Verteilung: Wie wird das jährlich in Österreich erstellte Dienstleistungs- und Gütervolumen zwischen den aktiv Erwerbstätigen und jenen, die es noch nicht bzw. nicht mehr sind, verteilt?
Christine Mayrhuber, Österreichisches Institut für Wirtschaftsforschung (WIFO)

 

Sujet des Netzwerk Frauenberatung im Rahmen des EU PROGRESS Projekts „Fair Income, Fair Pension“ © Bettina Frenzel / Netzwerk österreichischer Frauen- und Mädchenberatungsstellen
Sujet des Netzwerk Frauenberatung im Rahmen des EU PROGRESS Projekts „Fair Income, Fair Pension“ © Bettina Frenzel / Netzwerk österreichischer Frauen- und Mädchenberatungsstellen

 

Warum sind so viele Frauen von Altersarmut betroffen?

Frauenarmut, auch und gerade im Alter, hat weitgehende strukturelle Gründe. In erster Linie geht es um die ungleiche Bewertung und Verteilung von Arbeit. Frauen übernehmen ungleich mehr un- oder schlecht bezahlte Tätigkeiten, einen großen Teil davon in ganz existenziellen Lebensbereichen, z. B. in der Sorge um Kinder und der Versorgung und Pflege von Angehörigen. All das schlägt sich in mangelnden Pensionszeiten und -höhen nieder. Frauen zahlen also einen hohen Preis fürs Sorgen. Natürlich wirken sich auch die nach wie vor bestehenden Lohnungleichheiten auf die Pensionen aus.
Wir brauchen eine Neudefinition und -bewertung von unterschiedlichen Arbeiten und deren Umverteilung. Konkret ist neben Alternativen in der Berechnung und Finanzierung von Pensionen vor allem eine deutlich verkürzte Vollarbeitszeit für alle bei gleichzeitigen Maßnahmen zur Sicherung adäquater Einkommen (Lohnausgleich, Grundeinkommen, Steuerreform) und besserer Bedingungen für Sorgearbeit längst überfällig. Feministinnen haben schon vor Jahrzehnten fundierte und praktikable Konzepte dafür erarbeitet. Zur Umsetzung fehlt allein politischer Wille.
Michaela Moser, Armutskonferenz

 

Im Zuge der Pensionsreform 2004 wurde ein neuer Durchrechnungszeitraum beschlossen. Die Pensionshöhe bemisst sich nicht mehr anhand der fünfzehn besten Einkommensjahre, sondern der gesamten Erwerbskarriere. Was bedeutet das für Frauen?
Für Frauen, deren Erwerbsleben immer noch sehr stark durch Erwerbsunterbrechungen und Teilzeitarbeit aufgrund von Kinderbetreuung und Angehörigenpflege geprägt ist, bedeutet eine Pensionsberechnung auf Basis des gesamten Erwerbsverlaufes in jedem Falle eine massive Verschlechterung. Denn damit fließen auch alle Teilzeitjahre in die Pensionsberechnung mit ein und selbst die bessere Anrechnung der Kindererziehungszeit kann diesen Verlust nicht wettmachen.
Ingrid Mairhuber, Forschungs- und Beratungsstelle Arbeitswelt (FORBA)

 

Verschiedene Parteien und Verbände fordern eine vorzeitige Anhebung des Pensionsantrittsalters für Frauen auf 65 (für alle nach dem 2.6.1968 geborenen Frauen gilt das bereits) – das sei gerecht und bedeute für Frauen höhere Pensionen. Ist das richtig?

Eine Veränderung des Rechtssystems alleine reicht lange nicht aus, um eine reale ökonomische Verbesserung für Frauen zu erreichen. Der Arbeitsmarkt ist derzeit sehr angespannt, wie sich unter anderem in der überdurchschnittlich hohen Arbeitslosenquote bei Älteren (Frauen wie Männer) zeigt. Schon gegenwärtig sind zwei Fünftel der Alterspensionistinnen vor ihrer Pensionierung nicht beschäftigt, sondern arbeitslos oder krank. Gerade diese Frauen haben aufgrund ihrer schwachen Arbeitsmarktintegration geringe Pensionshöhen. Für sie würde alleine die pensionsrechtliche Änderung nicht automatisch zu mehr Erwerbsjahren und damit höheren Pensionen führen. Hier besteht sogar die Gefahr einer Kostenverschiebung weg von der Pensionsversicherung hin zur Arbeitslosen- und/oder Krankenversicherung.
Aus heutiger Sicht steigt bis 2022 die Zahl der Personen im Erwerbsalter 15 bis 64 weiter an, in dem Zeitraum wird auch mit einer weiterhin hohen Arbeitslosigkeit gerechnet. Eine Anhebung der Altersgrenze in dieser Zeit trifft auf eine ungünstige Arbeitsmarktlage. Eine höhere Altersgrenze führt nur dann zu einem positiven (Gesamt-)Beschäftigungseffekt, wenn Betriebe tatsächlich mehr Arbeitskräfte nachfragen. Geringe Absatzerwartungen und schlechte Wirtschaftsaussichten bremsen die Arbeitskräftenachfrage der Betriebe. Ein Beschäftigungsimpuls braucht damit weit mehr als nur eine höhere Altersgrenze für die Alterspension.
Christine Mayrhuber, Österreichisches Institut für Wirtschaftsforschung (WIFO)

 

Das Netzwerk der österreichischen Frauen- und Mädchenberatungsstellen war Teil des Projekts „Fair Income – Fair Pension“, das in mehreren EUStaaten durchgeführt wurde. Was sind Ihre wichtigsten Erkenntnisse?

Im Rahmen des Projekts haben wir festgestellt: Für den Gender Pay Gap gibt es mittlerweile schon eine breitere Sensibilität und auch ein gewisses Handlungsrepertoire, von Equal Pay Days über verpflichtende Einkommensberichte bis hin zu Kampagnen und Gehaltsrechner. Allerdings gibt es wenig Bewusstsein darüber, wie krass sich diese Lohnunterschiede auf die Pensionen von Frauen auswirken, gerade in Ländern wie Österreich mit einem Pensionssystem, das sich so stark aus dem Einkommen aus der Erwerbsarbeit ableitet. Im EU-Durchschnitt liegt der Gender Pension Gap bei fast vierzig Prozent. Unsere Hauptaussage war daher, dass der Gender Pay Gap nicht die Wurzel des Problems ist, sondern das Ergebnis einer lebenslangen Benachteiligung von Frauen, die spätestens mit der Ausbildungs- und Berufswahl beginnt und sich fortsetzt in der schlechteren Bewertung von typisch weiblichen Berufsfeldern und der Hauptverantwortung von Frauen für die Sorgearbeit. Es werden zwar einzelne Maßnahmen gesetzt, um manche Benachteiligungen auszugleichen, allerdings fehlt eine umfassende Strategie zum Abbau des Gender Pension Gap – eine solche würden wir uns wünschen, auf EU-Ebene und auch für Österreich!
Hannah Steiner, Netzwerk österreichischer Frauen- und Mädchenberatungsstellen

 

Mitarbeit: Denise Beer

Weiterführende Anlaufstellen:
http://pensionsrechner.arbeiterkammer.at
www.frauenberatenfrauen.at
www.pensionsversicherung.at (Service -> Sprechtage)
www.bmgf.gv.at/home/Frauen_Gleichstellung/Publikationen/Erwerbstaetigkeit_und_Arbeitsmarkt

 

 

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„Weich wie Regenwasser“ https://ansch.4lima.de/weich-wie-regenwasser/ https://ansch.4lima.de/weich-wie-regenwasser/#respond Mon, 14 Nov 2016 09:17:11 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=8025 Reinheit im Wandel der Zeit: Fundstücke der Redaktion aus Putz- und Waschmittelwerbung

 

Strahlend weiße Wäsche – nur mit den guten Tipps der Nachbarin!

 

Dieses Waschmittel haben sich fluglahme Möwen und Mutterhände verdient

 

Als Matrosen noch am Waschtrog dienten


 

Klementine und die pingeligste Kundin 

 

Nur weiße Wäsche macht dich liebenswert!


 

Mansplaining mit Persil

 

Wenn Muttis Wäsche weicher ist

 

Tilly badet ihre Hände in Spüli-Glibber

 

Wuschelig weich mit Otto

 

Ich verlange heute mehr von mir – Jazzgynmastik!

 

 

 

Glasklar unsichtbar & das Malheur von Hausfrau und Skistar Annemarie Pröll


 

Meister Propper, was für ein Mann („Meinst du etwa mich?!)

 

Aller wieder auf der Reihe dank Öko-Säckchen

 

Crazy Kinder und der Schmutzmagnet


 

Bärchen wegen harter Wäsche verletzt


 

Öl geht runter wie Öl


 

Wettkampf im Spülen – da dürfen auch Männer ran

 

Die stressigen 1990er-Jahre und Dates mit dem Nachbarn

 

Vollkommen verstrahlt dank Mottenkiste

 

Bademantel im Sturm


 

 

Videos, die in unserem Schwerpunkt zum Thema REINHEIT erwähnt werden:

 

Zur „Purity“-Bewegung in den USA: „Our Lives: The Virgin Daughters – Real Stories“ 

 

Achtung, wirklich nur für ganz Hartgesottene:
Die Hautärztin „Dr. Pimple“ führt ihr Handwerk an besonders schweren Fällen vor

(Wir haben euch gewarnt!)

 

Bonustrack: Der Soundtrack zu unserem Großputz 

 

 

 

 

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an.künden: Bildet Banden! https://ansch.4lima.de/an-kuenden-bildet-banden/ https://ansch.4lima.de/an-kuenden-bildet-banden/#respond Wed, 12 Oct 2016 18:29:14 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=7917 © Ovarian PsycosDie 27. Ausgabe der „Lesbisch Schwulen Filmtage“ in Hamburg.]]> © Ovarian Psycos

Seit den 1990er-Jahren präsentieren die „Lesbisch Schwulen Filmtage“ in Hamburg möglichst vielfältige und aktuelle internationale Filmproduktionen. Schwerpunkte der 27. Ausgabe sind Safe Spaces und Verbündete in LGBTIQ-Communitys, Bestandsaufnahmen zum Leben mit HIV/Aids sowie politische Aspekte von Porno. Die Ausstellung „Material, Grrrl!“ bildet eine Plattform für aktuelle queere Videokunstprojekte außerhalb des Kinos.

 

18.–23.10.: „Lesbisch Schwule Filmtage – International Queer Film Festival“
diverse Veranstaltungsorte in Hamburg
www.lsf-hamburg.de

 

© Ovarian Psycos
© Ovarian Psycos

 

 

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an.künden: Schmökern & Vernetzen https://ansch.4lima.de/an-kuenden-schmoekern-vernetzen/ https://ansch.4lima.de/an-kuenden-schmoekern-vernetzen/#respond Wed, 12 Oct 2016 18:27:30 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=7919 © Queeres VerlegenIn Berlin findet die Buchmesse „Queeres Verlegen“ statt.]]> © Queeres Verlegen

Zum zweiten Mal lädt die Berliner Buchmesse „Queeres Verlegen“ unabhängige, queer-feministische Verlage und Publizierende ein, um sich gemeinsam einen Tag lang zu vernetzen und mit Leser_innen in Kontakt zu treten. Neben ca. dreißig Ständen mit Projekten aus Brasilien, Deutschland, Österreich (inklusive an.schläge & fiber!), der Türkei und Kurdistan sind Gesprächsrunden zu Themen wie Archivarbeit sowie Lesungen geplant.

 

26.11.: „Queeres Verlegen“
aquarium, 10999 Berlin, Skalitzer Str. 6
www.queeres-verlegen.org

 

© Queeres Verlegen
© Queeres Verlegen

 

 

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an.künden: Testkörper https://ansch.4lima.de/an-kuenden-testkoerper/ https://ansch.4lima.de/an-kuenden-testkoerper/#respond Wed, 12 Oct 2016 18:19:43 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=7921 © Andrew Phelps, Salzburger KunstvereinDarstellung von queeren Körpern in der Ausstellung „I Surrender, Dear“.]]> © Andrew Phelps, Salzburger Kunstverein

Die Ausstellung „I Surrender, Dear“ dient in Salzburg drei Künstlerinnen* aus drei Städten als offenes Testfeld. In einem geteilten Raum zeigen Anna-Sophie Berger, Hayley Silverman (Foto) und Flaka Haliti ihre unterschiedlichen Arbeitsweisen: großformatige siebgedruckte Fotografien, Skulpturen aus Stoff und Beton sowie Grenzsteine als Barrieren. Ihnen geht es um die Darstellung von queeren Körpern in Bewegung und um Körper, die an bestimmten Orten nicht erwünscht sind.

 

bis 27.11.: Anna-Sophie Berger, Hayley Silverman & Flaka Haliti „I Surrender, Dear“
Kunstverein, 5020 Salzburg, Hellbrunner Str. 3
www.salzburger-kunstverein.at
Eintritt frei

 

© Andrew Phelps, Salzburger Kunstverein
© Andrew Phelps, Salzburger Kunstverein

 

 

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an.sehen: Frau mit Haltung https://ansch.4lima.de/an-sehen-frau-mit-haltung/ https://ansch.4lima.de/an-sehen-frau-mit-haltung/#respond Wed, 12 Oct 2016 18:10:01 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=7933 Philosophieren mit ISABELLE HUPPERT. Von FIONA SARA SCHMIDT]]>

Das beschauliche Leben einer Pariser Intellektuellen gerät plötzlich aus den Fugen. Die große ISABELLE HUPPERT macht in „Alles was kommt“ vor, wie ein lässiger Neuanfang gelingt. Von FIONA SARA SCHMIDT

 

Nathalie liebt ihren Beruf als Philosophielehrerin an einem Lycée, hat zwei erwachsene Kinder, ein schönes Heim sowie ein Ferienhaus, gibt eine Buchreihe heraus, kümmert sich um ihre dramatisch veranlagte Mutter und führt seit 25 Jahren eine stabile Ehe mit einem Universitätsprofessor. So könnte das immer weitergehen – aber es kommt natürlich ganz anders.

Bürgerlicher Alltag. Zu viel wurde in der deutschen Presse von den alltäglichen Katastrophen, die Nathalies Leben um 180 Grad drehen, schon verraten. Denn bis die alle geschehen sind, dauert es fast die Hälfe des Films – direkt mit dem großen Knall einzusteigen, ist nicht der Stil der Regisseurin und Autorin Mia Hansen-Løve. Die 1981 geborene Französin beschreibt zunächst lieber aufmerksam den Alltag der Lehrerin. Diese liebt ihren Beruf und brennt für die Philosophie, Bücher sind in ihrer Wohnung und für ihre Identität zentrales Element. Mit ihren Schüler_innen diskutiert Nathalie leidenschaftlich, auch wenn ihr die politischen Ansichten der Teenager nicht immer nachvollziehbar erscheinen, mit den alarmistischen Anrufen ihrer depressiven Mutter (Edith Scob) hat sie sich arrangiert. Doch der Umstand, dass ihre Schulbuchreihe modernisiert und flippiger gestaltet werden soll, bringt die selbstbewusste Autorin erstmals etwas aus der Fassung.

 

© Ludovic Bergery
© Ludovic Bergery

 

Klassenfrage. Die Trennung vom Ehemann und andere Schicksalsschläge erfolgen trotz aller persönlichen Verluste aus relativ geringer Fallhöhe: Hier streitet man sich um die Schopenhauer-Ausgabe, nicht um Haus oder Auto. Daran, dass Nathalie einen wunderschönen, teuren Blumenstrauß wegwirft, anstatt ihn ihrer kranken Mutter mitzubringen, ist die Bourgeoisie zu erkennen. Nathalie war während ihres Studiums drei Jahre lang Kommunistin. Trotzdem will sie einfach den Unterricht fortsetzen, als ihre Schüler_innen streiken und eine kurze Diskussion darüber anfangen, was man auf dem Gymnasium schon von Arbeiter_innenrechten wisse. Sie will nichts davon wissen, dass die jungen Leute für ihre Eltern und deren Pension auf die Straße gehen. Die Geschichte ist etwa 2007/2008 angesiedelt, Sarkozy ist Präsident und das Erscheinen eines linken Essays wird von Nathalies Lieblingsschüler (Roman Kolinka) in seiner Kommune mit vorbereitet, die auch Nathalie mehrfach besucht. Es könnte sich dabei um „Der kommende Aufstand“ des „Unsichtbaren Komitees“ handeln, das zu dieser Zeit für viel Aufsehen sorgte. Ihr Zögling wirft Nathalie trotz all seiner Bewunderung für sie vor, ihre Ideale verraten zu haben. Der Film spiegelt Nathalies politische Angepasstheit – die Unruhen der Banlieues von 2005 sind kein Thema und das Paris des Films wirkt sogar idyllisch. Die Natur und der Lauf der Jahreszeiten spielen eine zentrale Rolle. Die Erkenntnis, dass die Erde sich weiterdreht, hilft Nathalie, nicht im Selbstmitleid zu versinken. Rationale Distanz und Schwere, trotzige Freiheit und tiefe Traurigkeit: Eine Paraderolle für Isabelle Huppert, die einfach nur auf einem Berg stehen muss, um all das auszudrücken.

Hommage. Es ist ein Verdienst der 68erinnen, dass eine Scheidung kein Drama mehr ist, und Nathalie sieht auch keinen rationalen Sinn in dramatischen Gesten. Die Philosophie gibt ihr Halt, genau wie die schwarze Katze Pandora. Der Film ist auch eine Würdigung von Hansen-Løves geschiedenen Eltern, die ebenfalls Philosophie lehrten, Milieu und Stimmung sind daher glaubwürdig ausbuchstabiert. Die Regisseurin lässt aber durchaus Raum für selbstironische Momente und Absurditäten des Alterns und führt ihre Protagonistin mit Gespür für Rhythmus und Musikalität durch ihren fünften Film. Auf die Elterngeneration blickt das Buch nicht unkritisch, aber verständnisvoll. Die Regie erlaubt Nathalie, sich aus manchen Szenen bewusst herauszuziehen und die Grabenkämpfe den Jungen zu überlassen. „Manchmal habe ich das Gefühl, uns Frauen ab vierzig kann man einfach auf den Müll werfen“, stellt sie trocken fest, um darauf einfach elegant zum nächsten Programmpunkt weiterzustöckeln. Eine Frau mit Haltung eben.

 

Alles was kommt
Regie: Mia Hansen-Løve
F/D 2016, 98 Min.
ab 4.11. in den österreichischen Kinos

 

 

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positionswechsel: Petting mit Dr. Sommer https://ansch.4lima.de/positionswechsel-petting-mit-dr-sommer/ https://ansch.4lima.de/positionswechsel-petting-mit-dr-sommer/#respond Wed, 12 Oct 2016 18:00:08 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=7938 Sexual-Aufklärung in der „Bravo“. Von LOTTA LUISE]]>

eine lady genießt und schreibt

 

Die „Bravo“ ist vor Kurzem sechzig geworden. Mit geschrumpfter Auflage hält sie sich auch im Internet-Zeitalter über Wasser, doch ihren eigentlichen Auftrag hat sie wohl verloren: die Sexual-Aufklärung. Für Teenager wie mich, die in einem Dorf ohne Internetanschluss aufwuchsen (das könnt ihr Millennials euch doch gar nicht mehr vorstellen!), war die „Bravo“ (abseits von schlüpfrigen Reportagen zu später Stunde auf RTL 2 und einer hin und wieder ergatterten „Praline“) der Zugang zur Welt des Pettings und des frühzeitigen Samenergusses. Von Dr. Sommer lernte ich wirklich Fundiertes. Akribisch sammelte ich die Informationen über alle möglichen Wege, schwanger zu werden oder sich mit sexuell übertragbaren Krankheiten anzustecken. Geduldig beantwortete indes das Ratgeber-Team gefühlte 5.000 Mal die Fragen „Kann ich im Badewasser schwanger werden?“ und „Ist mein Penis zu klein?“ und erklärte, dass es völlig normal sei, sich gleichgeschlechtlich zu verlieben. Gut möglich, dass ich meinen „Bravo“-Aufklärungsunterricht im Rückblick verkläre, aber in meiner Erinnerung ist er unter der Kategorie „pädagogisch wertvoll“ abgespeichert. Entsprechend schockiert hat mich ein Blick auf die aktuelle Website mit Themen wie: „Auf welche Sexstellung stehen Jungs am meisten?“ und „Bei welcher Sexstellung verbrennt man am meisten Kalorien?“. Es kommt noch schlimmer: „Zögerst Du seinen Einsatz ein bisschen heraus, indem du ihn nicht sofort ranlässt, ist ihm bald jede Stellung Recht“, ist in einem Text zu lesen. Der Backlash hat bei der „Bravo“ voll zugeschlagen. Da passt der Shitstorm, den im vergangenen Jahr ein Artikel mit hundert Tipps, um Jungs aufzufallen, zum Glück ausgelöst hat, gut ins Bild. Höchste Zeit, beim Kult-Jugendmagazin wieder Alt-68er für den Sex-Content zu beschäftigen – oder besser noch: Mich zu rekrutieren! Wer könnte besser über Sex aufklären als eine Feministin?

 

Lotta Luise fragt sich immer noch, ob das Bild in der „Praline“ von zwei Typen mit Penissen bis zu den Kniescheiben echt war.

 

Illustration: Nadine Kappacher
Illustration: Nadine Kappacher

 

 

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an.lesen: Rape kommt von Raub https://ansch.4lima.de/an-lesen-rape-kommt-von-raub/ https://ansch.4lima.de/an-lesen-rape-kommt-von-raub/#respond Wed, 12 Oct 2016 17:52:12 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=7931 Eine kühne Streitschrift zum Thema Vergewaltigung. Von LEA SUSEMICHEL]]>

Vergewaltigung ist nicht per se männlich und sexuelle Gewalt muss nicht zwangsläufig folgenschwerer sein als andere Gewaltformen: MITHU M. SANYAL hat eine provokante Streitschrift verfasst. Von LEA SUSEMICHEL

 

Leider gibt es keine adäquate deutsche Übersetzung für den englischen Begriff mind-blowing, doch genau das ist Mithu M. Sanyals neues Buch mit dem Titel „Vergewaltigung“: Es rüttelt an den Grundfesten unserer Überzeugungen. Die kulturwissenschaftliche Studie, die unter Feministinnen für sehr kontroverse Debatten sorgen dürfte, breitet die These aus, dass Vergewaltigung „das gegendertste Verbrechen überhaupt“ ist. Denn eine unserer felsenfesten Überzeugungen sei es, dass der Täter zwangsläufig männlich und das Opfer weiblich ist, eine Aufteilung, die sich der uralten und bis heute weitgehend unangefochtenen Vorstellung des triebgesteuerten Mannes und der sexuell zurückhaltenden Frau verdankt.
Der Penis wird dabei mit einer „Waffe“ gleichgesetzt, was laut Sanyal eine „erhebliche linguistische Leistung ist angesichts der Tatsache, dass männliche Genitalien keinesfalls die ganze Zeit drohend aufgerichtet stehen, sondern fragil den Gezeiten der Erektion ausgeliefert – und überhaupt empfindlicher sind als weibliche Genitalien, wenn man beispielsweise an die Hoden denkt“.
Doch die Angst vor dieser Waffe ist für Mädchen und Frauen allgegenwärtig, die elterliche Warnung vor Vergewaltigung kommt beinahe einer Initiation gleich, nach der Mädchen mit dem Gefühl ständiger Bedrohung zurückbleiben. Daran ändern auch die Statistiken nichts, wonach Männer ein 150 Prozent höheres Risiko haben, Opfer von Gewaltverbrechen zu werden (nicht-weiße Männer ein noch höheres) und Frauen statistisch gesehen zudem im öffentlichen Raum weit sicherer sind als zu Hause.

 

Mithu M. Sanyal © regentaucher.com
Mithu M. Sanyal © regentaucher.com

 

Vergewaltigungsmythen. Auch Feministinnen griffen diese Vorstellung des „Triebtäters“ auf und verlangten, Männer müssen ihre Sexbesessenheit in den Griff bekommen. Die Anti-Rape-Bewegung wurde zu einem wichtigen Motor der Zweiten Frauenbewegung und der Kampf gegen Vergewaltigung avancierte zum symbolischen Schlachtfeld gegen gewaltvolle Männermacht generell. Feministinnen traten nun vehement gegen die allgegenwärtigen Strategien der gesellschaftlichen Schuldumkehr (Victim Blaming) auf: Wenn eine Frau Nein sagt, meint sie eigentlich Ja; sie ist meist sowieso selbst schuld (etwa wegen ihrer aufreizenden Kleidung) oder lügt, um sich zu rächen; Vergewaltiger sind wilde Psychopathen, die hinter Büschen lauern, und nicht der Mann zu Hause im Ehebett und so fort.
Die Frauenbewegung erklärte alle diese Aussagen zu „Vergewaltigungsmythen“ und verkehrte sie kurzerhand in ihr Gegenteil. Hieß es vorher, fast alle Vergewaltigungsvorwürfe seien Falschanzeigen, sollten Frauen fortan uneingeschränkte Definitionsmacht haben, und alle Grau- und Grenzbereiche im Bereich sexueller Gewalt wurden negiert, denn: Nein heißt Nein!
Damit will Sanyal jedoch keinesfalls nahelegen, dass an diesen Mythen vielleicht doch etwas dran sei (obgleich sie die Möglichkeit von Falschbezichtigungen durchaus einräumt und allein damit einen feministischen Tabubruch begeht). Sie will stattdessen zeigen, wie wirkmächtig diese weiterhin sind, weil diese Vergewaltigungsmythen in ihr Gegenteil verkehrt den feministischen Diskurs immer noch bestimmen.

„Faust in die Fresse“. Als fatale Überzeugung erwies sich laut Sanyal die Idee, eine Vergewaltigung sei das Schlimmste, was einer Frau passieren könne. Doch „ob man jemand seine Faust in die Fresse oder seinen Penis ins Geschlechtsteil schlägt, bezeichnet keinen Unterschied“, zitiert Sanyal Foucault, der für diese Aussage schon damals scharf kritisiert wurde. Sanyal erklärt sich diesen Sonderstatus, den sexuelle Gewalt einnimmt, durch die früher vorherrschende Annahme, die „Ehre“ einer Frau würde dadurch geraubt (rape kommt von Raub), eine Schande, auf die Betroffene unbedingt mit tiefer Scham zu reagieren hatten. Doch obwohl Scham keineswegs ein natürliches, sondern ein zutiefst kulturell erzeugtes Gefühl ist, existiere die Erwartung von Scham bis heute und präge unsere Idee davon, wie sich „richtige Opfer“ zu verhalten haben und dass sie ihr ganzes Leben „gezeichnet“ bleiben. Andernfalls werden sie entweder – auch von Polizei und Justiz – nicht ernst genommen oder pathologisiert.

Heilung. Man kann Sanyal (und Foucault) entgegenhalten, dass eine gewaltsame Penetration durchaus eine besonders grausame Grenzverletzung darstellt. Auch andere Zuspitzungen des Buches sind zumindest diskussionswürdig. Doch die Autorin kann glaubhaft machen, dass sie keineswegs eine Bagatellisierung oder Relativierung von Vergewaltigung anstrebt. Sondern eine veränderte Sichtweise, die auch für Betroffene von sexueller Gewalt befreiend sein kann. Denn gegenwärtig würde von ihnen quasi „erwartet“, dass sie an einer Vergewaltigung dauerhaft zerbrechen und für ihr ganzes Leben gezeichnet sind. Doch genau dadurch würde Heilung erschwert, sagt Sanyal in einem Interview.

 

Mithu M. Sanyal: Vergewaltigung
Nautilus 2016, 16,50 Euro

 

 

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heimspiel: Zugfahren https://ansch.4lima.de/heimspiel-zugfahren/ https://ansch.4lima.de/heimspiel-zugfahren/#respond Wed, 12 Oct 2016 17:24:08 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=7936 Wie das Abteil über familiäre Details informiert wird. THEO HOFFNUNGSTHAL]]>

leben mit kindern

 

Meine Tochter T., damals sieben Jahre alt, stellt sich, Schuhe ausgezogen, auf ihr Sitzpolster am Fenster und lehnt sich lässig über ihre Lehne, um so das ganze Großraumabteil zu überblicken. Ich sitze neben ihr auf dem Gangplatz. Im Sesselpaar hinter uns positioniert sich nun ein Mädchen genauso, es ist etwas älter als T.. Die beiden beginnen schräg über meinen Kopf hinweg eine Konversation. Bald höre ich ein entsetztes „WAS? Du ARME! Du hast keinen Papa? Das geht doch gar nicht!“ „Doch. Der kam aus der Fabrik, also der Samen von dem.“ Dabei wirft mir T. ein verschmitztes Lächeln zu, was ich als „Da kennt sich eine mal wieder nicht aus“ interpretiere. „WAS? Ich kapier’ gar nichts!“ T. erläutert daraufhin ausführlichst für das gesamte Abteil, wie das Sperma aus der Fabrik in den Bauch ihrer Mutter kam, und ergänzt abschließend fast ein bisschen altklug: „Und es gibt so einen Vertrag (1), dass ich meinen Papa kennenlernen kann, wenn ich achtzehn Jahre alt bin.“ „WAS? Vertrag?! Was für einen Vertrag? Du ARME! Wie schrecklich! Du kennst deinen Papa nicht!“ „Aber in elf Jahren.“ Mittlerweile ist das Abteil über alle familiären Details informiert, ganz still ist es geworden, niemand anderes unterhält sich mehr; verstohlene Blicke lugen hinter Zeitungen und Laptops hervor.
Das Mädchen deutet verwirrt auf mich: „Und das ist deine Mama?“ „Nein, das ist meine Mami, die hat mich adoptiert.“ „WAS? Wieso das denn?“ „Weiß ich auch nicht so genau.“
Jetzt möchte ich auch mal was zum Thema sagen, aber T. wirft mir ihren strengen Blick zu und rollt dann mit den Augen, soll heißen: Halt dich da raus! – Mach ich. „Du ARME!“ (Meine Finger krallen sich jetzt in die Seitenlehne) „Das ist so schlimm, dass du keinen Papa hast!“ Meine Tochter wird ernster und sagt – nicht vorwurfsvoll, eher enttäuscht: „Das hast du jetzt aber schon sehr oft gesagt.“

 

(1) Spermien deutscher Samenbanken sind sogenannte Yes-Spenden. Volljährige Kinder erhalten die Kontaktdaten des Spenders und können ihn kennenlernen.

 

Theo Hoffnungsthal und ihre Tochter leben in unterschiedlichen Ländern und fahren deshalb oft gemeinsam Zug. Manchmal haben sie bunte Knete dabei und formen sich unterwegs eine Queer-Community, um in guter Gesellschaft zu sein.

 

Heimspiel. Leben mit Kindern
Illustration: Nadine Kappacher

 

 

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an.sprüche: Zeichen von Respekt https://ansch.4lima.de/an-sprueche-zeichen-von-respekt/ https://ansch.4lima.de/an-sprueche-zeichen-von-respekt/#respond Wed, 12 Oct 2016 17:20:57 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=7942 Illustration: Sabrina WegererBraucht es eine linke Islamkritik? Von MAHSA ABDOLZADEH und HANNAH SCHULTES]]> Illustration: Sabrina Wegerer

Die Frage, die nicht nur Feministinnen spaltet: Braucht es eine linke Islamkritik? MAHSA ABDOLZADEH fordert sie, HANNAH SCHULTES warnt vor Rassismus.

 

Wenn manche westliche Feministinnen sich gegen jegliche Kritik am Islam aussprechen und Islamkritik mit Islamfeindschaft gleichsetzen, sind sie dann noch solidarisch mit Frauen in Afghanistan, Iran, Pakistan und Somalia? Nein, denn Feminismus ist universell.
Es sind die Überreste eines kolonialistischen Geistes, der diese FeministInnen zu KulturrelativistInnen macht. Denn in ihrer Welt sind westlich orientierte Frauen aufgeklärte Frauen und somit „wertvoller“. Der Status der aufgeklärten Frau schließt ihre Unterwerfung unter eine religiöse Gewalt – sei sie gesellschaftlich oder institutionell – aus. Sie soll vollkommen gleichgestellt sein und selbstbestimmt leben. Bei Musliminnen verkehrt sich dieser Grundsatz: Plötzlich ist die männliche Verweigerung des Handschlags ein Zeichen von Respekt gegenüber Frauen statt Ausdruck der Diskriminierung. Religiös motivierte Gewalt gegen Musliminnen wird als deren „selbstbestimmte“ Tradition oder Kultur angesehen. Musliminnen sind aber keine Opfer, sondern auch Kämpferinnen, die mit allen Mitteln für ihre Rechte streiten. Gerade sie brauchen unsere Solidarität! Wenn wir aufhören, patriarchal strukturierte Religionen zu kritisieren, verraten wir die Frauen, die seit jeher für ihre Befreiung aus diesen Strukturen kämpfen.
In Europa wird die „Islamkritik“ vornehmlich den RechtspopulistInnen überlassen. Viele FeministInnen solidarisieren sich aus Protest gegen die rechte rassistische Hetze gegenüber MuslimInnen mit „dem Islam“, statt sich mit der Realität von Musliminnen auseinanderzusetzen. Wir müssen uns aber sowohl mit rassistischer Hetze als auch mit dem Gedankengut, das jede Islamkritik als Rassismus abstempelt, befassen. Wer sich wirklich für Musliminnen einsetzt, nimmt nicht nur die Freiheitsbewegungen in islamischen Ländern wahr, sondern auch rebellierende, junge Musliminnen in Europa, die sich jenseits patriarchaler Strukturen emanzipieren.

 

Mahsa Abdolzadeh ist Politologin, Autorin und Aktivistin für Frauen-, LGBTIQ- und Minderheitenrechte.

 

Illustration: Sabrina Wegerer
Illustration: Sabrina Wegerer

 

„Es gibt keine rechte Islamkritik. Islamkritik ist in ihrem Wesen emanzipatorisch und herrschaftskritisch.“ Solche Sätze gelten für ihre linken VerfasserInnen anscheinend unabhängig vom gesellschaftlichen Kontext, der am Wahrheitswert dieser Aussage doch stark zweifeln lässt. Dieser Kontext sind ein antimuslimischer Rassismus und rechte Bewegungen in Europa, die sich in den letzten Jahren vor allem über die „Kritik am Islam“ formiert haben. Vollkommen unabhängig davon, was sich die linke Islamkritikerin wünscht, taugt die Kritik „am Islam“ den meisten christlichen EuropäerInnen weniger zur Herrschaftskritik als zur Herrschaftsausübung. Wie lässt sich den ehemals als „Gastarbeiter“ und „Ausländer“ klassifizierten Personen der Zugang zu vernünftigen Jobs, Wohnungen, Bankkrediten und Bildung sowie Glaubwürdigkeit und Anerkennung weiterhin erschweren oder verwehren? Der Verweis auf „den Islam“ oder auf scheinbar religiös oder kulturell begründete reaktionäre Tendenzen in migrantischen Communitys macht’s möglich. Um da nicht von Rassismus zu sprechen, blendet die „linke Islamkritik“ diese Ausschlüsse meistens aus oder greift auf Ausweichbegriffe wie „antimuslimisches Ressentiment“ zurück.
Eine Kritik an den Organisationen des politischen Islams, ein Verständnis von Verhältnissen zwischen Minderheiten und Mehrheiten unter MuslimInnen und Solidarität mit jenen, die unter religiösem Chauvinismus am meisten leiden, sollte für Linke selbstverständlich sein. Das geht auch ganz gut ohne die „universellen Werte der Aufklärung“, die linke IslamkritikerInnen gerne bemühen.
Wenn die Religion Marx zufolge das Opium des Volkes ist, dann muss der Religionskritiker es verbrennen. So oder so ähnlich denken viele linke IslamkritikerInnen und liberale AtheistInnen. Marx schrieb aber auch: „Die Forderung, die Illusionen über seinen Zustand aufzugeben, ist die Forderung, einen Zustand aufzugeben, der der Illusionen bedarf.“ Statt sich mit der „Irrationalität“ religiöser Denksysteme auseinanderzusetzen, sollten Feministinnen und Linke vor allem die Zustände bekämpfen, die die Illusionen über diese erst hervorbringen und plausibel erscheinen lassen.

 

Hannah Schultes ist Sozialwissenschaftlerin und Redakteurin bei „ak – analyse & kritik“.

 

 

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Liddy, die Tochter der Bettelgräfin https://ansch.4lima.de/liddy-die-tochter-der-bettelgraefin/ https://ansch.4lima.de/liddy-die-tochter-der-bettelgraefin/#respond Wed, 12 Oct 2016 16:57:13 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=7929 Ein Streifzug durch literarischen Schund. Von FIONA SARA SCHMIDT]]>

Ein Streifzug durch fünfhundert Jahre Kitsch, Trash und triviale Unterhaltung von FIONA SARA SCHMIDT

 

Einst fürchteten Moralwächter negative Auswirkungen auf die Jugend durch zu viel Lesen von Abenteuer- oder Liebesromanen unter der Decke, heute sind es kleine Monster im Smartphone oder B-Promis im überwachten Container, die als Zeichen für den Untergang der Zivilisation gedeutet werden. Schund, Schrott oder brain candy sind zugleich verpönt und heiß geliebt.

Schlechte Hefte. Bereits im 15. Jahrhundert machten Einblattdrucke mit religiösen Belehrungen in einfacher Sprache die Runde. Die Inhalte wurden ab dem späten Mittelalter zunehmend boulevardesker und weltlicher – Sensationen mit sex and crime waren die bestimmenden Themen. Im 17. und 18. Jahrhundert wurden Wandkalender mit kurzen Geschichten, Alltagstipps und Rätseln beliebter. Mit der zunehmenden Alphabetisierung und dem technischen Fortschritt wurde das Lesen von Liebes- und Schauerromanen und historischen Werken, oft auch von Autorinnen unter Pseudonym geschrieben, zum beliebten Hobby. Unter dem Verdacht, der „Lesesucht“ anheimzufallen, standen freilich immer jene, die eigentlich arbeiten sollten: Bedienstete und Hausfrauen, die durch den Sog einer spannenden Geschichte ihre eigentlichen Aufgaben zu vernachlässigen drohten.
Auf einer Liste mit verbotenen Schriften in Österreich-Ungarn, die 1916 in der „Wiener Zeitung“ erschien, finden sich zahlreiche interessante weibliche Heldinnen, die Groschenhefte tragen Titel wie: „Ethel King – Ein weiblicher Sherlock Holmes“, „Else, das schöne Fabriksmädchen – Aus der Fabrik ins Fürstenschloß“, „Erika, die Heideprinzeß – Dunkle Lebenswege einer Dulderin“ und „Liddy, die Tochter der Bettelgräfin“. Zwischen den Weltkriegen erlebten die auf dünnem Papier ohne Bindung gedruckten Romane ihre Blütezeit. Das 1926 in der Weimarer Republik erlassene „Gesetz zur Bewahrung der Jugend vor Schund- und Schmutzschriften“ verbot sogar den Verkauf indizierter Schriften an Jugendliche. Es waren meist Groschenromane und pornografische Literatur, die fortan unter der Ladentheke gehandelt wurden. Nach den Bücherverbrennungen und der Zensur des Nationalsozialismus wurde 1953 „angesichts der die deutsche Jugend und die öffentliche Sicherheit bedrohenden Entwicklung gewisser Auswüchse des Zeitschriftenmarktes“ ein Gesetz gegen die Verbreitung jugendgefährdender Schriften verabschiedet. Auch fürchtete man wegen der Popularität des Rundfunks eine drohende „Bücher-Krise“. Schmöker und Comics konnten bei Umtauschaktionen sogar gegen „gute Jugendhefte“ ersetzt werden. Aber auch das war keine Waffe gegen Superhelden: Es war die Zeit, in der sich amerikanische Comics im deutschsprachigen Raum etablierten.

 

Illustration: Lina Walde
Illustration: Lina Walde

 

Romantausch. Nicht nur konservative Parteien hatten Probleme mit der Trivialliteratur: In der DDR war sentimentaler Schrott ebenso verrufen wie die bunten Bilder des Klassenfeinds. Und in Österreich, wo Läden zum „Romantausch“ bis heute im Stadtbild zu entdecken sind, erschien zum Beispiel das beliebte „Zorro“-Plagiat „El Coyote“. Der „Kampf gegen Schmutz und Schund“ wurde aufgrund des unpolitischen Charakters der Heftchen (statt linientreuer Parteiorgane) und gegen Jugendkulturen insgesamt geführt. „Die Schund- oder Revolverhefte haben schon viel Unheil und Unglück gebracht. Die Zeitungen berichten, dass junge Menschen sogar zu Verbrechen verleitet wurden. Aber auch, wer das Schlechte nicht nachahmt, wird durch diese minderwertige Lektüre Schaden nehmen. Er wird erleben, dass er keine Geduld mehr für ein schönes Buch hat. Er kann nicht mehr Umgang mit seinem Freund, dem wertvollen Buch, pflegen“, schreibt der „Buchklub der Jugend“ 1958. (1) Der KPÖ-Politiker und Schriftsteller Ernst Fischer argumentierte in einer Parlamentssitzung den schädlichen Einfluss auf die Jugend am Beispiel des Groschenheftes „Kapuzenmänner von Stammersdorf “.
Fortsetzungsromane bedienen den Erwartungshorizont ihrer LeserInnenschaft nach Schema F, appellieren an sentimentale Gefühle und sind wie Fast Food nebenbei konsumierbar. So einfach ist es allerdings nicht immer: In Israel waren Anfang der 1960er die sogenannten Stalag-Hefte mit Titeln wie „Ich war Oberst Schultzes Hündin“ ein Kassenschlager voller Sado-Maso und nationalsozialistischer Ästhetik. Vollbusige weibliche SS-Offiziere foltern darin britische oder amerikanische Soldaten in Gefangenenlagern, dann werden die Rollen getauscht. Die meist junge männliche Leserschaft bestand aus Kindern und Enkeln von Holocaustüberlebenden, die nicht über das Erlittene sprachen.

Mitten im Leben. Bis heute findet man im deutschsprachigen Raum Serien wie „Jerry Cotton“, aber auch „Kinderlachen“ oder „Alpengold“ am Kiosk, im Supermarkt oder in Bahnhofsbuchhandlungen – laut Bastei-Verlag „Balsam für die Seele“. Die Reihe „Silvia-Schicksal“ wird präsentiert, als wolle sie Kritik vorwegnehmen: „Das sind neue, mitreißende Liebesgeschichten von heute – für Leserinnen von heute! Die Protagonisten sind Menschen, die mitten im Leben stehen, für die aber die große, einmalige Liebe von höchster Bedeutung ist.“ Die Verkaufszahlen sinken zwar, doch „wir sorgen Jahr für Jahr für mehr als 15 Millionen Happy Ends“, sagt der Verlag Cora. Daher gibt es auch junge AutorInnen, die solche Geschichten unter thematisch passendem Pseudonym in einer Woche runterrocken, für ein Publikum aus allen Schichten. Der Dünkel gegenüber Romanheften bleibt jedoch bis heute klassenspezifisch – seichte Unterhaltung ist der Eskapismus des Prekariats, so das Klischee. Auch die Genderrollen der KäuferInnen sind genau wie in den Geschichten selbst klar verteilt, möchte man meinen: Männer lesen Krimis, Kriegsabenteuer, Western und Science-Fiction, Frauen bevorzugen Adelige, Heimat oder medizinisches Fachpersonal. Weit gefehlt. „Der Großteil der Leser sind Frauen, die nicht nur Liebesromane, sondern auch Fantasy- und Horrorgeschichten lesen. Allein der Western ist eine Männerdomäne“, berichtet ein Verlagsmanager gegenüber der „Zeit“.
Bis heute versteht man wenig Spaß, was die Freude an der seichten Unterhaltung angeht, was sich auch in der Verachtung populärwissenschaftlicher Werke widerspiegelt. Nur im angloamerikanischen Raum ist eine gute Story einem weniger strengen Wertekanon unterworfen – hier werden die rosa Ecken mit „Frecher Frauenliteratur“ in Buchhandelsketten verspottet. Doch Frauen sind die wichtigste Zielgruppe, sie kaufen laut einer deutschen Studie im Jahr 1,7 Bücher mehr als Männer. Freilich, die Welt, die in den Werken mit Schuhen oder Fenstern auf dem Cover vermittelt wird, ist weichgespült und Geschlechterrollen schrecklich heteronormativ. Allerdings sorgt der Schnulz auch für Kreativität: Fan Fiction ist vor allem bei jungen Frauen beliebt, dabei werden vorhandene Werke im Internet umgeschrieben oder weitergesponnen und eigene Communitys über die entsprechenden Buchreihen gepflegt.

 

Illustration: Lina Walde
Illustration: Lina Walde

 

Geliebte Täuschung. Den Kulturwissenschaften ist es gelungen, populäre Literatur in den universitären Kanon zu befördern und der „Pulp Fiction“ mehr als Unterhaltungswert zuzuerkennen. Seit die Graphic Novel das Feuilleton erobert hat, ist es für die Bildungseliten nicht mehr die Trivialliteratur, die den Zerfall der Kultur vorantreibt, sondern jetzt sind es nur noch Computerspiele oder Chatprogramme.
Doch Märchen bleiben faszinierend, sei es der Klatsch um Brangelinas Scheidung oder Vampir-Sex. Marlene Streeruwitz hat Märchen in ihren Tübinger Poetikvorlesungen als System charakterisiert, das durch die ewige Wiederholung am Leben bleibt: „Das Märchen bereitete auf die Unerbittlichkeit patriarchal gelenkten Schicksals vor.“ In ihrem Romansammelband „Lisas’s Liebe“ (1997), in dem Streeruwitz ironisch mit den Strickmustern des Genres bricht, fordert sie zu Auseinandersetzung mit Erwartungen und Täuschungen auf. Lisas Happy End: Sie wird Autorin in Hollywood.
Platz eins der deutschen E-Books auf Amazon belegt derzeit für 99 Cent übrigens Mia B. Myers’ „Strange memories: Verhängnisvolle Entscheidung“, ein erotischer Liebesroman über einen Unternehmensberater und seine „temperamentvolle Sekretärin Amber, die ihr Herz auf der Zunge trägt und neben ihrem losen Mundwerk eine offensichtliche Schwäche hat: Essen.“ Wirkt doch eigentlich sehr sympathisch.

 

(1) www.zeitlupe.co.at/romanhefte.html

 

 

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Beißendes Weiß https://ansch.4lima.de/beissendes-weiss/ https://ansch.4lima.de/beissendes-weiss/#respond Wed, 12 Oct 2016 16:36:54 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=7927 Schmutz als weibliches Tabu. Von OLJA ALVIR]]>

110 Jahre nach der ersten Putzmittelwerbung sind es immer noch die Frauen, die in den TV-Spots lächelnd die Drecksarbeit machen. OLJA ALVIR über Ekel, Saubermachen und Geschlecht.

 

„In einer perfekten Welt könnte man den Schmutz wie eine Folie abziehen“, sagt die lächelnde, brünett-adrette, in fast beißendes Weiß gekleidete Frau im Putzmittel-Werbespot, während sie braune Flecken von der Badewanne abzieht. Wirklich? Das kommt Werbefuzzis als erstes in den Sinn, wenn sie an „eine perfekte Welt“ denken? Nicht Frieden, Gleichberechtigung, genug zu essen für alle und die Beseitigung aller Krankheiten? Nun gut. Wäre es aber zumindest nicht logischer , dann gleich überhaupt keinen Schmutz zu haben in einer „perfekten Welt“? Doch dann, denken die Executives vermutlich, hätte ja die Frau in der Bluse, deren Zähne mit ihren Knöpfen um die Wette blitzen, nichts mehr zu tun.
Einen Mann habe ich in einer Putzoder Waschmittelwerbung überhaupt noch nie gesehen. Außer vielleicht beim Herumtollen mit den Kindern im Garten, bevor sich die Familienmitglieder befleckt und besorgt im Haus an die Mami wenden, die zum Glück gerade eben das neueste Mittelchen entdeckt hat, mit dem die Wäsche wieder strahlend weiß, bunt oder schwarz wird – je nachdem, in welchem Farbspektrum die Verkaufszahlen gerade gesunken sind. Nie wendet sich eine Putzmittelwerbung an eine Männer-WG, an drei junge Studis, die im Altbau darüber rätseln, wie man die verschimmelte Dusche wieder sauber bekommt. Auch der selbstbewusste Single-Mann wird nicht mit einer in dunkelblau und schwarz gehaltenen „For Men“-Putzmittelreihe beglückt, wie es im Kosmetikmarketing seit der Erfindung des Wortes „metrosexuell“ üblich ist. Nein, das Putzen und Waschen ist, wenn man sich die Werbung ansieht, eine reine (pun intended!) Frauensache. Genauer gesagt, eine Familienmütter- und Hausfrauensache.

 

Illustration: Lina Walde
Illustration: Lina Walde

 

Mutter-Vater-Kind. Existierende Lebensrealitäten werden ignoriert und ein Familien- und Frauenbild aus den 1950ern transportiert: Die einer imaginierten weißen Mittelklasse angehörende Familie hat immer zwei bis drei Kinder und lebt in einem Vorstadthaus mit großem Bad und großer, heller Küche und Garten, der Mann ist abwesend. Es kommt beizeiten zu brenzligen Situationen wie zum Beispiel zum Besuch anderer Frauen (Schwiegermutter, Nachbarin), die die Putzkünste der Lächelprotagonistin womöglich kritisieren, bestimmt aber begutachten werden. Von Patchwork-Familie, WG- oder Studiheim-Leben, gleichgeschlechtlichen Eltern, People of Color oder kinderlosen Menschen ist in dieser gleißenden Welt nichts zu sehen.
Abgesehen davon, an wen sich diese Werbungen wenden, ist auch interessant, wie Schmutz und Reinheit personalisiert werden: beide nämlich männlich – man denke nur an „der General“ oder „Meister Propper“. Es kommt zu einem Kampf zwischen weißen („dem Saubermann“) und braunen beziehungsweise schwarzen Männlichkeiten („dem Schmutz“), die Verbindung zwischen Weißheit, Reinheit, Gesundheit und Schönheit beziehungsweise „dem Guten“ und „dem Erwünschten“ wird bestärkt.

Keine Arbeit. Die in TV-Spots porträtierten Frauen jedenfalls sind vor der Entdeckung des neuen Putzmittels immer verzweifelt und am Schuften. Nach der Erleuchtung durch die Werbung wird die Reinigung des Haushalts „ein Leichtes“, das Mittelchen wirkt wie ein Zauber – ein kluger Trick, und schon hat frau sich Arbeit erspart. Wer jemals geputzt hat, weiß, dass das mitnichten so ist und dass vielleicht gerade solche Werbungen Reproduktionsarbeit ihren Arbeitsaspekt absprechen. Jedenfalls sind Frauen immer die – sorry – Angeschissenen. Wenn sie schrubben, wird es ihnen als Dummheit angelastet – (schließlich nähme ihnen das richtige Mittel die Arbeit ab) – wenn sie nicht putzen, ist es auch nicht recht. Denn wer sich nicht ordentlich um den Haushalt kümmert, ist automatisch eine schlechte Mutter. Von der Auslagerung der Putzarbeit an externe DienstleisterInnen ist (vielleicht auch deshalb) in der Strahlewelt der Werbung ebenfalls keine Spur. Schließlich ist Putzkraft ein Beruf niedrigen Prestiges, den oft Frauen ausüben, die nicht gerade aussehen, sprechen und agieren wie unsere Normschönheit. Da müsste man sonst noch die Existenz von PoC oder Armut in unserer Gesellschaft zur Kenntnis nehmen.
Spannend sind im Bezug auf Reinheit und Gender die verschiedenen Diskurse, die beim Thema Putzen verquickt werden. Einerseits ist Weiblichkeit historisch gesehen unter anderem wegen der Menstruation von vornherein als „unrein“ gebrandmarkt. Andererseits ist die Reinheit im Haushalt aber ihre Aufgabe. Zwei Schlussfolgerungen sind denkbar: Da Weiblichkeit etwas Schmutziges ist, muss Putzen Frauensache sein. Gleichzeitig gibt es jedoch das dieser Logik widersprechende Stereotyp, wonach Frauen im Haushalt per se sauberer sind als Männer. Also was jetzt: Sind wir schmutzig und müssen deshalb putzen? Oder sind wir sowieso reinlicher und können das deshalb eh gleich übernehmen?

 

Illustration: Lina Walde
Illustration: Lina Walde

 

Tabu Schmutz. In meinen literarischen Texten schreibe ich sehr gerne über vermeintlich „Ekliges“ und „Schmutziges“; ich habe eine generelle Faszination für die Dinge, die noch unausgesprochen und unausgedrückt (auch hier, pun intended) sind. Noch wurde mir diesbezüglich nicht billige Effekthascherei unterstellt, allerdings merke ich bei Lesungen oder an Feedback von LeserInnen, dass Themen wie Stuhlgang, Pickel, Eiter oder Blut und „Keime“ – auch unter jüngerem Publikum – weitaus größere Tabus sind, als man im Jahre 2016 annehmen würde. Es gibt fixe Normen, die selten hinterfragt werden. Warum muss ich zum Beispiel meine Hände waschen, wenn ich bei mir zu Hause auf dem Klo war? Da war ja nur ich! Wieso sind öffentliche Toiletten derart verhasste Orte, obwohl sich auf jeder Bürotastatur und jeder Straßenbahn-Haltestange nachgewiesenermaßen mehr Keime finden als auf einer Klobrille? Und warum ist es eigentlich so schlimm, einen Fleck auf der Kleidung zu haben – sei es vom Essen, Schweiß oder Sport? Rational ist das nicht.
Die Bilder, die ich gerne in meiner Literatur erzeuge oder vors innere Auge zerre, finden ihren Weg nie in Magazine oder ins Fernsehen. Sogar der Schmutz muss halbwegs ansehnlich sein, wenn er im Rampenlicht steht, So wird Ungeliebtes durch blaue Flüssigkeit, braune gleichmäßige Paste oder gar farbenfrohe, fröhliche Flecken dargestellt. Oft denke ich mir, eine offene Diskussion über Sauberkeitsstandards könnte gesellschaftlich zu viel Aufklärung und Abbau negativer Stereotype führen. Bis dahin werde selbst ich brav so tun, als würde ich mir nach dem Klo die Hände waschen – wenn Besuch da ist, versteht sich.

 

Olja Alvir ist freie Autorin und Journalistin.

 

 

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Außen behaart, innen verschlackt https://ansch.4lima.de/aussen-behaart-innen-verschlackt/ https://ansch.4lima.de/aussen-behaart-innen-verschlackt/#comments Wed, 12 Oct 2016 16:19:43 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=7925 Entgiftung als lukrativer Hype. Von LEA SUSEMICHEL]]>

Der Erfolg von Detox und Clean Eating verdankt sich vor allem der irrwitzigen Vorstellung innerer Verschmutzung. Von LEA SUSEMICHEL

„Black is the new Green“: Der neueste heiße Scheiß sind kohlrabenschwarze Detox-Drinks mit Aktivkohle. Während grüne Smoothies nur tonnenweise Vitamine und Mikronährstoffe versprechen und neben „Energetisierung“ durch die vielen pflanzlichen Antioxidantien sogar „Anti-Aging“ bewirken sollen, will die Kohle im schwarzen Smoothie dabei noch Giftstoffe binden und aus dem Körper leiten. Doch ob Kohle oder nicht: Entschlacken und entgiften sollen freilich sämtliche „Detox“-Maßnahmen, verdankt der Trend, der einen gigantischen Markt der Nahrungs- und Wellnessindustrie geschaffen hat, doch genau diesem Versprechen seinen Namen, denn „Detoxifikation“ bedeutet Entgiftung. Die zugrundeliegende Überzeugung ist, dass sich durch ungesunde Ernährung, industriell verarbeitete Lebensmittel mit vielen Konservierungs- und Zusatzstoffen sowie durch Umweltgifte sogenannte „Schlacken“ in unserem Körper ansammeln, die uns im Laufe der Zeit dick, schlapp und schließlich krank machen. Durch einen Verzicht auf Fleisch, Eier, Milch, Mehl, Alkohol, Kaffee, Zigaretten und Zucker soll unserem Körper eine heilsame Auszeit gegönnt werden, in der er sich – so das vollmundige Versprechen – von allem giftigen Ballast befreien kann. Vom Grundprinzip ist Detoxing also nicht anderes als das altbekannte Heilfasten, das als modifizierte Form des strengen Wasserfastens die Aufnahme moderater Kalorienmengen in Form von Suppen und verdünnten Säften erlaubt.

Healthy und happy. Doch mit völligem Konsumverzicht lässt sich bekanntlich schlecht Geld verdienen und strenge Askese ist wohl für die meisten auch keine ausreichend verlockende Sache, um daraus einen lukrativen Mega-Hype zu entwickeln. Sämige Saftshakes oder Super-Food-Salate sind da schon deutlich attraktiver, und Basenpulver in Mandelmilch kann beinahe als Cocktail durchgehen. Seit der schon vor Jahrzehnten als Turbodiät angepriesenen „Master Cleanse“, bei der es tagein, tagaus nur Limo aus Zitronensaft und Ahornsirup gibt, hat die umtriebige Detox-Industrie inzwischen unzählige solcher „Cleanses“, also „Reinigungen“ hervorgebracht, die nicht nur Glück, Gewichtsverlust und Gesundheit, sondern auch den speziellen „Glow“ versprechen (für angehende Bräute gibt’s sogar ein Detox-Programm für den besonderen „Bridal Glow“ zum Hochzeitstag).
„Detox macht sexy, gesund und happy“, versprechen nicht nur von der Kosmetikindustrie finanzierte Frauenzeitschriften, sondern auch Abertausende Blogs und Instagram-Accounts, die so klingende Namen wie „Healthy-HappySteffi“ haben.
Für alle ist etwas dabei, selbst auf Süßes muss nicht verzichtet werden, denn dafür gibt es Chia-Pudding und zuckerfreie „Nicecream“ statt Eiscreme. Wer etwas Warmes braucht, für die (weit häufiger als für den) gibt es statt „Juicing“ jetzt auch „Souping“, und absolute AnfängerInnen dürfen es derweil auch bloß mit einem Detox-Duschgel oder -Fußbad versuchen. Während sich das Angebot bis vor Kurzem noch auf die Saftkur aus dem Reformhaus beschränkte, schießen jetzt die Anbieter von Detox-Säften und -Suppen aus dem Boden, denn das Geschäft ist lukrativ. So liefert das Münchner Start-up „Detox Delight“ zum Schnäppchenpreis von 400 Euro sieben Tage lang „Cleanse“-Säfte nach Hause.

Illustration: Lina Walde
Illustration: Lina Walde

Verschmutzt und vermüllt. Alles rausgeschmissenes Geld, glaubt man der seriösen Ernährungswissenschaft und der großen Mehrheit der MedizinerInnen. Denn Schlacken gebe es nur in der Schwerindustrie, nicht aber im menschlichen Körper, stattdessen werden schädliche Stoffe von den Entgiftungsorganen wie Niere und Leber ausgeschieden. Wer sich tatsächlich einmal ernsthaft vergiften sollte, greift besser nicht zum Grünkohl-Smoothie, sondern zum Telefon, um den Krankenwagen zu rufen.
„Abwechslungsreiche Ernährung, ausreichend Trinken, Bewegung und es Darm, Nieren und Leber nicht extra schwer machen, ihre Aufgabe als Entgiftungsorgane zu erfüllen. Das reicht“, sagt auch Felice Gallé vom Frauengesundheitszentrum Graz: „Wir sind nämlich nicht ‚innerlich schmutzig‘.“
Doch genau um diese Vorstellung innerer Verschmutzung und Vermüllung scheint es zu gehen, denn der immense Drang nach Reinigung, nach „Purification“, zeigt sich von solchen ExpertInnenmeinungen unbeeindruckt. Neben Detox-Cleanses boomt auch das „Clean Eating“, das die Sauberkeit schon im Namen trägt und bei dem nur unverarbeitete naturbelassene Lebensmittel konsumiert werden. Angeblich hochwertige und sündteure „Super Foods“ wie Gojibeeren oder Chia-Samen werden dafür unter irrsinnigem Energieaufwand um die halbe Welt exportiert, obwohl heimische Beeren und Getreidesorten beim Vitamin- und Mineralstoffgehalt durchaus mithalten können.
Unter dem Motto „Detox Your Life“ ist bei Essen und Kosmetik zudem längst nicht Schluss. Die aktuelle Ausgabe des Designmagazins „Home“ etwa empfiehlt „Anti-Age Living“: „Wieder Clean: Warum Weiß jung macht.“ Social-Media-Abstinenz und Zeiten ohne Handy firmieren jetzt unter „Digital Detoxing“, und neben der körperlichen ist auch die seelische und geistige Reinigung etwas, um das man sich tunlichst kümmern sollte. Sogenanntes Detox-Yoga soll nicht nur der physischen, sondern auch der psychischen Entgiftung dienen: Durch bestimmte yogische Drehpositionen sollen Schadstoffe und „schlechte Energien“ aus den Organen förmlich „herausgepresst“ werden.

Läuterung. Fastentraditionen, die mit innerer und äußerer Reinigung assoziiert sind, finden sich in nahezu allen Religionen. Der Drang nach Läuterung und innerer Reinigung scheint also eine gewisse historische Kontinuität zu haben. Während der gesundheitliche Nutzen von Fastenkuren generell nicht unumstritten ist und sie manche ÄrztInnen sogar für sehr schädlich halten, gibt es immer wieder Studien, die positive Auswirkungen auf Blutdruck, Blutzucker- und Blutfettwerte bestätigen und auch Besserung bei psychischen Erkrankungen oder sogar Krebs belegen. Erstaunliche Heilungserfolge zeigte vor allem ein großangelegtes Forschungsprojekt aus den 1950er-Jahren in Russland, wo Fasten eine lange Tradition hat und etablierter Teil der staatlichen Gesundheitsvorsorge ist. Sämtliche Fastenrituale als alternativmedizinische Spinnerei oder bloße Geldmacherei abzutun, zeugt also nicht nur von schulmedizinischer Ignoranz, sondern ist eventuell selbst aus vermeintlich „aufgeklärter“ Perspektive falsch.
Dem gegenwärtigen Clean-Eating-Detox-Superfood-Wahn sollte man aber dennoch kritisch begegnen. Nicht zuletzt deshalb, weil es wieder einmal Frauen sind, die ihre vermeintlich unsauberen Körper in Schuss zu bringen versuchen. Und egal ob beim Nacheifern von Madonnas makrobiotischer Ernährung oder beim Veganismus für die eigene Fitness: Wer aus vermeintlich gesundheitlichen Gründen statt aus politisch-moralischen oder religiösen seine Ernährung umstellt, entwickelt leichter eine Essstörung, sagen Studien. So ist die neue Erkrankung „Orthorexie“ auf dem Vormarsch, eine zwanghafte Fixierung auf gesundes Essen, bei der die Beschäftigung mit dem Thema Ernährung zum zentralen Lebensinhalt und zur Ersatzreligion wird.

„Liebe & Grünkohl“. „Man kann den Detox-Trend als Teil des Schönheitsmythos verstehen, wie ihn Naomi Wolf beschreibt“, sagt Felice Gallé. „Das Entschlacken um jeden Preis ist das Pendant zum Enthaarungszwang. Außen behaart, innen verschlackt – pfui! Außen und innen hui sollen wir werden, es ist ein Teil unserer Selbstoptimierung. Dafür müssen wir arbeiten und investieren. Das nützt auf jeden Fall – nämlich denen, die an Detox-Produkten verdienen.“
Eine von jenen, die viel daran verdienen, ist die 25-jährige Ella Woodward, eine Millionärstochter, die durch ihren Food-Blog „Deliciously Ella“ selbst zu einer unfassbar erfolgreichen Unternehmerin geworden ist, obwohl sie neben Kochbüchern mit Süßkartoffelpuffern und Grünkohl-Avocado-Shakes nur Yoga-Shirts verkauft, auf denen „Peace, Love & Kale“ steht.
„Deliciously Stella“ nennt sich die Parodie auf diese Clean-Eating-Päpstin, die auf Instagram erfreulicherweise ebenfalls ungeheuer populär ist. Statt Nudeln aus Zucchini postet Deliciously Stella aka Bella Younger tausendfach gelikte Bilder von Kinderüberraschungseiern auf Avocado-Toast oder Obstsalat aus Fruchtgummi („Dieser Obstsalat ist so einfach! Er macht fast überhaupt keine Arbeit!“). Younger richtet sich damit vor allem gegen die unkritische und unhinterfragte Verbreitung solcher Ernährungstrends: „Wie lang hast du keine richtige Pizza mehr gegessen, wenn du denkst, Pizza aus Blumenkohlteig sei lecker?“
Damit leistet auch sie einen wichtigen Beitrag für gesunde Ernährung. Denn ständige Selbstkasteiung und fehlender Genuss beim Essen ist auf Dauer wohl ziemlich ungesund. Man könnte auch sagen: geradezu giftig.

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853 Euro https://ansch.4lima.de/853-euro/ https://ansch.4lima.de/853-euro/#respond Wed, 12 Oct 2016 15:58:59 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=7923 Gründe gegen die Ignoranz. Von BRIGITTE THEIßL]]>

Der Gender Pension Gap beträgt in Österreich fast fünfzig Prozent, dennoch fällt das Thema medial wie politisch unter den Tisch. Gründe gegen die Ignoranz von BRIGITTE THEIßL

Das Thema Pensionen ist bei vielen – vor allem jungen Menschen und Frauen – in etwa so beliebt wie die jährliche Steuererklärung oder der Zahnarztbesuch. „Wir bekommen ohnehin keine staatliche Pension mehr“, hört man häufig von Leuten unter dreißig. Eine Botschaft, die Banken und Versicherungsunternehmen in den vergangenen Jahrzehnten geschickt in ihr Marketing integriert haben. Auch wenn sie faktisch nicht richtig ist (siehe Seite 8), hat sich die Erzählung von der überalterten Bevölkerung, leeren Staatskassen und gierigen BeamtInnen fest in den Köpfen verankert. Als ich vor Kurzem eine 59-jährige arbeitslose Frau beim Interview fragte, ob sie über ihre Pensionshöhe Bescheid wisse, antwortete sie: „Nein, darüber habe ich mich nicht informiert, ich wollte nicht noch tiefer in die Depression rutschen.“

Schwarz-Blaue Verschärfung. Ihre Sorge ist nicht ganz unbegründet: Im Dezember 2014 lag die Median-Alterspension von Frauen in Österreich monatlich bei 853 Euro, jene von Männern bei 1.608 Euro. In der Pension wird die Frauenrolle der „Zuverdienerin“ besonders deutlich und die Abhängigkeit vom (Ehe-)Partner einzementiert. Eine „Mindestpension“ existiert in Österreich gar nicht, die sogenannte Ausgleichszulage auf einen Richtwert von aktuell 882,78 Euro erhalten nur alleinstehende Personen. Wer 45 Jahre lang ohne jegliche Unterbrechung Vollzeit arbeitet und dabei 1.500 Euro brutto verdient, kann derzeit mit einer Alterspension von rund 1.200 Euro brutto rechnen. 2003/04 wurde von der Schwarz-Blauen Koalition eine große Pensionsreform umgesetzt, sie leitete einen massiven Umbau der sozialen Sicherung ein, der vor allem Frauen und Menschen ohne eine konstante Erwerbsbiografie hart trifft. Gefordert sind nun 45 Versicherungsjahre, das Pensionsantrittsalter von 65 Jahren gilt längst für einen großen Teil der Frauen (auch wenn medial vermittelte Debatten einen anderen Eindruck vermitteln). Relevant für die Pensionshöhe sind nicht mehr wie zuvor die besten fünfzehn Einkommensjahre, sondern die gesamte Erwerbsbiografie. Die Regierung unter Kanzler Schüssel setzte außerdem auf ein sogenanntes Drei-Säulen-Modell, betriebliche und (steuerbegünstigte) private Vorsorge sollten gefördert werden. Dass private Vorsorge freilich nur für jene Menschen eine Option ist, die über ein ausreichend hohes Erwerbseinkommen verfügen, bereitete der rechtskonservativen Koalition nicht weiter Kopfzerbrechen. Die beste Altersvorsorge ist ohnehin die in Österreich steuerfreie Erbschaft. Auch Ausbildungszeiten wie Studienjahre können in Österreich „nachgekauft“ werden, wodurch die Alterspension steigt. Benötigt wird dafür wiederum Kapital, über das AkademikerInnen zur Genüge verfügen – so zumindest die Annahme. Wer ein Studium abgeschlossen hat und dies nicht in eine Vollzeitbeschäftigung mit einem Netto-Einkommen von 2.000 Euro aufwärts umwandeln kann, ist ein Fehler im System.

Aktion der Initiative Femme Fiscale vor dem Ministerrat 2015 © Attac Austria
Aktion der Initiative Femme Fiscale vor dem Ministerrat 2015 © Attac Austria

Lückenlos. Soziale Sicherung beruht in Österreich auf Erwerbsarbeit, ausgegangen wird dabei von einem Modell, das seit den 1970er-Jahren stetig an Bedeutung verloren hat: lückenlose Erwerbskarrieren ohne Arbeitslosigkeit, Teilzeit, Krankheit, freie Dienstverträge und stagnierende Löhne. Atypische Beschäftigungsformen nehmen allerdings zu, auch eine lebenslange Anstellung bei einem Unternehmen ist längst nicht mehr die Regel, „illegal“ Beschäftigte – etwa in der Hauspflege – haben keinen Zugang zum Pensionssystem. Selbstständigen wie Ein-Personen-Unternehmen, die über die Hälfte der heimischen Firmen ausmachen, werden durch die hohe Grenzbelastung bei Steuer und Sozialversicherung indirekt Anreize geboten, möglichst wenig in die Sozialversicherung einzuzahlen – zusätzlich müssen sie einen höheren Anteil ihres Einkommens für Unfall-, Kranken- und Pensionsversicherung abgeben als unselbstständig Beschäftigte. Und da wäre noch der riesige Komplex der Sorgearbeit, der in Österreich nach wie vor Frauensache ist. Zwar können Auszeiten etwa nach der Geburt eines Kindes im System geltend gemacht werden, aber auch Teilzeitarbeit bei Frauen ist häufig auf familiäre Aufgaben zurückzuführen. Einzig Wien bietet in Österreich eine sehr gute Infrastruktur in Sachen Kinderbetreuung, in anderen Bundesländern ist eine Vollzeitarbeit beider Elternteile häufig gar nicht möglich.

Realitätsschock. Über all die Auswirkungen, die Teilzeitarbeit, prekäre Beschäftigung und Karenzzeiten auf die Pensionshöhe haben, informieren Institutionen wie die Arbeiterkammer, Frauenabteilungen in den Bundesländern und das Frauenministerium seit geraumer Zeit. Wer sich die Broschüren durchblättert, wird auf den harten Boden der Realität zurückgeholt – was durchaus sinnvoll ist. Denn nur wer gut darüber informiert ist, wie viele Schwachstellen und Ungerechtigkeiten das österreichische Sozialsystem beinhaltet, kann auch informierte Kritik üben. Diese Kritik ist allerdings schnell verstummt. Während sich zu Zeiten von Schwarz-Blau breiter Protest gegen neoliberale Reformen formierte, ist das Pensionssystem als frauenpolitisches Thema – abgesehen vom Pensionsantrittsalter – weitgehend aus dem öffentlichen Diskurs verschwunden. Auch im feministischen Umfeld, wo sich ohnehin nur ein engagierter, eingeschworener Zirkel mit Fragen der Ökonomie auseinandersetzt, taugt die Pension nicht zur Mobilisierung. Dabei eröffnet sich gerade hier wie in kaum einem anderen Bereich ein ganzes Feld an zentralen gesellschaftspolitischen Fragen. Die Frauen- bzw. Sozialpolitik hat sich in den vergangenen Jahrzehnten darauf beschränkt, innerhalb des bestehenden Systems zu denken. Über die Auswirkungen von Teilzeitarbeit wird informiert, grundlegende Reformen werden jedoch nicht angedacht. Fragen nach der Bewertung von Arbeit, nach sozialer Sicherung unabhängig von Erwerbsarbeit und sozialem Zusammenleben, das nicht nur als erwerbsmindernder Faktor betrachtet wird, bleiben unbeantwortet bzw. werden erst gar nicht gestellt. Es liegt also an der Zivilgesellschaft, an engagierten Feministinnen und AktivistInnen, soziale Gerechtigkeit zum Thema zu machen – und damit auch einzelnen engagierten PolitikerInnen Rückenwind zu verschaffen. Ein Blick auf das persönliche Pensionskonto könnte für die nötige Motivation sorgen.

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neuland: Everyday Longing https://ansch.4lima.de/neuland-everyday-longing/ https://ansch.4lima.de/neuland-everyday-longing/#respond Wed, 12 Oct 2016 15:48:10 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=7935 NeulandEstrangement teaches you the meaning of human dignity. Von KAWKAB ALGAITH]]> Neuland

alltägliche grenzerfahrungen

 

Estrangement, longing and pain, are words of both bitter and painful taste. These harsh words reflect the difficult experience endured by many of us in different ways and for multiple reasons. Some of us were born to find themselves in a country where their parents had emigrated to in search of a better job opportunity, while some others found themselves forced to leave their warm homes in which they grew up for the sake of studying or to escape the imminent death that attacked their country and its people.
Estrangement can be fun for a few months as you reach your hopes to travel and to live a new life that has been your dream, but with the passage of time while being away from your warm roots, a lethal feeling of loneliness away from friends and family starts to ignite inside, the feeling of dissociation from the loved ones, the fear that your heart may get used to their absence.
It is this painful stage when your feelings and emotions start to be truly affected by estrangement. It is the cruelty of every day longing to the streets and places where you left a lot of beautiful memories. Estrangement is not only to be far from homeland but feeling of dissociation from the loved ones, the fear that your heart may get used to their absence.
Unfortunately, when you find someone of your own people in expatriation, you cannot express such feelings of longing and nostalgia that you feel simple because they may suffer the same or more.
Nevertheless, estrangement teaches you the meaning of human dignity and the dignity of the homeland despite all its problems and difficulties. Estrangement teaches us that homeland is just like the mother, whom you cannot deny nor desert. Oh, my small heart and my wandering mind cannot forget that moment when I packed my bags and headed towards an unknown. My heart is still clinging to the sun of my homeland, to its plains and hills. My emotions are still wandering between a broken heart living safely now in the country of expatriation, and the heart full of love and hope in my country which is suffering from murder, devastation and destruction. So, when will my heart and mind unfailingly agree together?

 

Kawkab Algaith is a translator from Damascus in Syria. Since February she lives in Vienna.

 

 

 

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an.sage: Stürmt die Bilder! https://ansch.4lima.de/an-sage-stuermt-die-bilder/ https://ansch.4lima.de/an-sage-stuermt-die-bilder/#respond Wed, 12 Oct 2016 15:40:08 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=7940 Frauenpolitik & Medien. Von LEONIE KAPFER]]>

Ein Kommentar von LEONIE KAPFER

 

Seit 2012 übernimmt die Medienanalytikerin Maria Pernegger eine ebenso wichtige wie wohl auch frustrierende Aufgabe: Sie untersucht die österreichische Medienlandschaft hinsichtlich ihrer Frauenbilder und frauenpolitischer Themen. Zur Studie herangezogen wurden „Standard“, „Presse“, „Kurier“, „Kronen Zeitung“ sowie „Heute“ und „Österreich“. Im Zeitraum von 2012 bis 2015 konnte Pernegger in diesen Medien einen Rückgang frauenpolitischer Themen feststellen. Auffällig ist dabei, dass dieser Rückgang auch mit einer antifeministischen Vereinnahmung dieser Themen einhergeht. Vor allem die Kommentare der ewiggestrigen Obermachos Marcus Franz und HC Strache zu Frauenpolitik erhielten große Resonanz in den Zeitungen – sie belegen Platz drei und vier im Ranking der Personen, die sich im letzten Jahr am häufigsten zu frauenpolitischen Themen äußerten. Natürlich waren hierfür vor allem die Boulevardmedien ausschlaggebend, die in der Studie aufgrund ihrer enormen Verbreitung auch stärker gewichtet werden. Auf Platz eins landete immerhin die ehemalige Frauenministerin Heinisch-Hosek, gefolgt von Familienministerin Sophie Karmasin.

 

Leonie Karpfer
Leonie Karpfer

 

Doch wie ist es möglich, dass so wichtige Themen wie sexuelle Belästigung, Gehaltsschere oder Quotenregelungen vor allem von den verbalen Querschlägen offenkundig antifeministischer Männer dominiert werden? Wie kann es sein, dass die große Zahl feministischer Politiker_innen und Aktivist_innen in der Medienlandschaft keinen Platz findet? Österreichs feministische Landschaft hat so viele kompetente Köpfe, die mediale Vertretung verdient hätten! Besonders brisant ist das Ergebnis, dass frauenpolitische Themen in den wichtigsten Nachrichtensendungen des ORF – ZIB 1 und ZIB 2 – kaum vorkommen. Das zeugt nicht nur von Ignoranz den Gebührenzahler_innen gegenüber, hier wird schlicht der öffentliche Auftrag nicht erfüllt. Damit sind wir gleich beim nächsten großen Thema der Studie, den medialen Frauenbildern. Pernegger kommt dabei zu dem Schluss, dass Frauen in Politik, Wirtschaft, Sport sowie als Expert_innen unterrepräsentiert sind. Hier zeigt sich, dass Frauen auch im 21. Jahrhundert die Sichtbarkeit in der öffentlichen Sphäre verwehrt bleibt. Sie werden im Boulevard (Qualitätsmedien wie der „Standard“ schneiden deutlich besser ab) vor allem dann gezeigt, wenn Erotik vermittelt oder Dinge präsentiert werden sollen. Eine Frau bietet sich demnach bestens an, um eine „Bohrmaschine oder einen Weihnachtsstriezel“ an den Mann zu bringen.
Erfreulich ist einzig die Tatsache, dass es nun eine Studie gibt, die unsere schlimmsten Befürchtungen mit Fakten belegt: Wir leben im Patriarchat! Teil dieser gesellschaftlichen Ordnung ist die permanente Unsichtbarmachung von Frauen und frauenpolitischer Themen. Die mediale Verweigerung, Frauen Repräsentanz in Politik, Wirtschaft, Wissenschaft et cetera zuzugestehen, wirkt dabei wie eines der letzten Bollwerke des Patriarchats. Und Repräsentation, in Form von Sichtbarkeit, hängt immer mit Macht zusammen. Nur wer sichtbar ist, kann Macht im Sinne von gesellschaftlicher Einflussnahme gewinnen. Der kompetenzlose sexy Frauenkörper stellt dabei keine Bedrohung der dominanten Ordnung dar, sondern reproduziert sie. Eine echte Unterwanderung des etablierten Herrschaftssystems würde auch eine radikale Neuordnung der visuellen Ebene bedeuten. Angesichts Perneggers Studie ist es nicht verwunderlich, dass auch der tatsächliche Anteil von Frauen, die politische Ämter innehaben, abnimmt. Medien könnten hier mit ihren Bildpolitiken entgegensteuern und für eine gerechtere Gesellschaftsordnung eintreten. Warum sie es nicht tun, bleibt das große Fragezeichen.

 

 

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