VII / 2015 – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de Wed, 29 Jul 2020 20:53:46 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.0 https://ansch.4lima.de/wp-content/uploads/2024/10/cropped-favicon-32x32.png VII / 2015 – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de 32 32 Mutterwitz & Lachkampf https://ansch.4lima.de/mutterwitz-lachkampf/ https://ansch.4lima.de/mutterwitz-lachkampf/#respond Wed, 18 Nov 2015 09:50:44 +0000 https://anschlaege.at/?p=6780 MARGARET CHOS politisch-obszöne Stand-up-Comedy. Von LEA SUSEMICHEL]]>

MARGARET CHO macht Stand-up-Comedy über schwulen Sex, ihre Mutter und asiatischen Hühnchensalat. Von LEA SUSEMICHEL

 

Margaret Cho ist wahnsinnig witzig, ganz egal ob sie in einer Stand-up-Show pantomimisch den Weg durch die Sitzreihe im Flugzeug nachstellt („Put your ass in my face. Do it now!“) oder ob sie dreckige Witze über Darmspülungen und über nach exzessivem Dildogebrauch ausgeleierte Vaginas macht. Letzteres ist aber eindeutig das Spezialgebiet der 1968 geborenen Komikerin, die seit ihrem vierzehnten Lebensjahr auf der Bühne steht. Fäkalhumor und Obszönität waren immer ihre Leib- und Lieblingsthemen, lange bevor Vulgarität generell zum Gütesiegel erfolgreicher weiblicher Comedy – wie aktuell etwa der von Amy Schumer – avanciert ist. Wieso aber funktioniert das so verlässlich, ist es tatsächlich immer noch ein Tabubruch, wenn Frauen ordinär sind?
„Männer sind auch krass obszön, werden aber nicht so wahrgenommen“, sagt Margaret Cho im an.schläge-Interview. „Vulgarität verleiht zudem eine Art Stärke. Ich bin vulgär, weil ich das einerseits sehr lustig finde. Als ich jünger war, nutzte ich es aber auch, um älter und erfahrener zu wirken.“ Über sämtliche Spielarten von Sex zu sprechen, sei zudem definitiv feministisch und queer, so Cho weiter. Denn sexuell explizit zu sein, stehe in der Tradition der sexpositiven Bewegung der 1990er, als deren Teil sich die feministische „Fag Hag“ begreift.

© Pixie Vision
© Pixie Vision

Chicken salad. Chos Comedy war deshalb immer politisch, auch wenn ihr die Welt des politischen Humors lange als eine Domäne weißer Männer erschien. „Zu politischem Humor muss man sich befugt fühlen, das habe ich lange Zeit nicht getan. Ich musste mir dieses Recht erst nehmen, niemand hat es mir verliehen. Weibliche Comedians sind oft unsichtbar, deshalb müssen wir darum kämpfen, gesehen zu werden. Aus diesem Grund glaube ich, dass politisches Engagement auch auf der Bühne sehr wichtig ist, denn allein die Tatsache, dass wir Comedians sind, ist bereits politisch.“
Politisch betroffen ist die US-Amerikanerin mit koreanischem Background auch von einem Phänomen, das sie „SARS – Severe Asian Racism Syndrome“ nennt. Die Hass-Mails, die sie erhält, sind ausnahmslos offen rassistisch, doch der Rassismus, mit dem sie beständig konfrontiert ist, kann viele Formen annehmen. „Er ist barbarisch oder auch sehr subtil. Es sind zum Beispiel weiße, akademische besserwisserische Belehrungen, es sind durch und durch rassistische Beschimpfungen oder irgendwelche Geschichten über hundeessende AsiatInnen. Ich weiß inzwischen, dass es auf keinen Fall etwas bringt, mit Argumenten dagegenzuhalten. Ich habe gelernt, es einfach als Kapitulation zu akzeptieren.”
Cho setzte sich in ihren Büchern zur Wehr und auf der Bühne begegnet sie Diskriminierungen, indem sie ihre gar nicht immer bösartigen, sondern mitunter einfach nur absurd-komischen Alltagserfahrungen reinszeniert: „I was on a plane, and the steward was coming down the aisle: ‚Asian chicken salad … Asian chicken salad … Asian chicken salad …‘ And he gets to me and he’s like: ‚chicken salad!‘ What does he think I’m gonna say? This is not the salad of my people! In my homeland, they use mandarin orange slices! And crispy wonton crunches!“

Die Mutter. Doch es gibt auch schonungslose Witze über die asiatische Community, insbesondere wenn Cho mit zurückgeschobenem Kinn ihre Mutter gibt, nach der mit „Mother“ auch ein ganzes Programm benannt ist. „Meine Mutter ist eine wichtige Figur meiner Stand-up-Comedy, weil sie auch die Stimme meiner ‚Asianness‘ ist. Gleichzeitig ist sie auch eine reale Person meines Lebens, die sehr wahrhaftig und sehr komisch ist. Ich habe immer wieder wirklich wahnsinnige Diskussionen mit ihr, weil sie sich weigert, sich von den Ansichten ihrer Generation zu verabschieden. Sie ist nicht bodypositiv, sie ist nicht direkt feministisch, aber ihre Stärke kommt von woanders, das versuche ich auf der Bühne zu vermitteln.“
Die Figur der Mutter ist besonders aus feministischer Perspektive sehr ambivalent: Sie muss einerseits wertgeschätzt und gegen eine patriarchale Welt verteidigt, andererseits aber von der Tochter auch herausgefordert werden. Dieser schwierige Spagat gelingt Cho und das hochkomische und dennoch liebevolle Vorführen ihrer Mutter macht diese Bühnenfigur beim Publikum wohl so beliebt.

© Pixie Vision
© Pixie Vision

Speck sales. Auch Feminismus ist für Cho „ein täglicher Kampf “, der sich für sie noch immer vor allem um Körperpolitik dreht, um „Sexpositivity“ wie um „Bodypositivity“. Für ihre Rolle in der US-Fernsehserie „All-American Girl“, eine Sitcom über eine amerikanisch-koreanische Familie mit Margaret Cho in der Hauptrolle, hatte man ihr bereits 1994 nahegelegt, abzunehmen: „Ich verstand es einfach nicht. Ich war zu fett, um mich selbst zu spielen?“
Cho, die früher massiv unter Essstörungen litt, stellt sich vehement gegen „Fatshaming“ und rigide Körperideale, die gerade für Frauen im Showbusiness weiterhin ein riesengroßes Thema seien. Dicksein allein ist deshalb bereits witzig und weibliche Comedians wie etwa auch Melissa McCarthy oder Amy Schumer nutzen diesen Normbruch als komödiantisches Mittel und lassen selbst noch das kleinste Speckröllchen zur Lachnummer werden.

Tough und stolz. Doch der Zugriff auf den eigenen Körper macht beim Gewicht nicht Halt. Vor Kurzem machte Margaret Cho öffentlich, dass sie von ihrem fünften Lebensjahr an bis in ihre Jugend sexuell missbraucht wurde. „Ich flüchtete mich in die Stand-up-Comedy, um dem Täter zu entkommen. Auf der Bühne war ich sicher, denn dort gab es Zeuginnen“, sagt sie im an.schläge-Interview. „Als Comedian hatte ich die Macht, die ich dringend brauchte, um zu überleben.“
Anfang November initiierte Cho die Social-Media-Kampagne #12daysofrage, um Vergewaltigungen öffentlich anzuklagen. Die Veröffentlichung ihres Video „(I Want to) Kill My Rapist“ bildete den Abschluss der Kampagne. Im Zuge von #12daysofrage sprach Cho auch erstmals offen über ihre Vergangenheit als Sexarbeiterin. „We were tough and proud!“, entgegnet sie auf Twitter, wenn es um die scheinheilige Stigmatisierung von Sexarbeit geht, die auch sie selbst erlebt hat.
Solche Erfahrungen im wahrsten Sinne mit Humor zu nehmen, das scheint fast zynisch. Doch Cho ist überzeugt: „Unsere Fähigkeit zu lachen geht direkt mit unserer Fähigkeit zu kämpfen einher. Wenn wir uns über etwas lustig machen können, können wir es auch verändern.“
Und das gilt ihr zufolge nicht nur für den politischen Kampf gegen Diskriminierungen, sondern auch für den ganz persönlichen. „Lachen bringt augenblicklich Erleichterung, Schmerzen werden gelindert, es ist ein magischer Vorgang. Ich habe selbst noch nicht herausgefunden, wie genau das funktioniert, aber wenn ich über etwas lache, beginnt die Heilung.“

Margaret Cho: The Psycho Tour
1.12.2015, 20.00 im Wiener Metropol

 

 

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Heimat bist du großer Söhne https://ansch.4lima.de/heimat-bist-du-grosser-soehne/ https://ansch.4lima.de/heimat-bist-du-grosser-soehne/#respond Tue, 20 Oct 2015 09:55:03 +0000 https://anschlaege.at/?p=6734 Bubenmusik und unsichtbare Frauen. Ein Rant von JULIA PREINERSTORFER

 

In den letzten Monaten überschlugen sich die Zeitungen und Magazine vor Begeisterung: Österreich hat sein neues Austropop-Wunder! Eines hörte man allerdings nur in den seltensten Fällen: die Namen von Musikerinnen. Austropop ist in den heimischen und anderen deutschsprachigen Medien ein rein männliches Phänomen, derzeit durchexerziert an den Bands Bilderbuch und Wanda – beide männlich besetzt. Und sie machen es einem auch nicht leichter, vor allem Wanda, die immer wieder durch gar nicht so hart am Sexismus vorbeischrammende Äußerungen und Inszenierung auffallen. Bekanntlich wirkte Ronja von Rönne – „mich ekelt Feminismus an“ – in einem ihrer Videos mit. Klar ist das Kalkül, macht es aber auch nicht sympathischer.

Schulterklopfen. Auch beim einzigen größeren Musikpreis des Landes, dem Amadeus, bleibt oft nur Kopfschütteln. Nicht, dass dieser Preis irgendjemanden ernsthaft interessieren würde außer die Wiener „Szene“, die sich jährlich dort einfindet, um sich gegenseitig zu versichern, wie geil alle sind. Aber er zeigt ein gröberes strukturelles Problem auf.
Denn natürlich hat 2015 keine einzige Solokünstlerin oder weiblich dominierte Formation einen Preis gewonnen. Man kennt die Argumente schon im Vorhinein: „Hat halt keine Frau was Gescheites rausgebracht dieses Jahr.“ Zur Verteidigung: In der Kategorie Künstlerin des Jahres waren schon Frauen nominiert. Gewonnen hat übrigens Conchita Wurst. Selbiges Problem gibt es bei der Programmierung heimischer Festivals. Beim Booking von weiblichen DJs in Wiener Clubs dasselbe: Man muss sie immer noch mit der Lupe suchen.

„Muschihouse“. Der Musikjournalismus tut ein Übriges dazu, Frauen unsichtbar zu machen. Mit schöner Regelmäßigkeit erscheinen Texte, die schlichtweg dämlich sexistisch sind. Da gibt es etwa die Beschreibung einer jungen Frauenband, in der Äußerlichkeiten und technische Unzulänglichkeiten überbetont werden. Und was bei Männern vermutlich als DIY oder Schrammel-Charme gelobt würde, bedeutet bei „Mädchen“, dass sie schlichtweg nicht ordentlich Gitarre spielen können und von Technik halt nicht so viel Ahnung haben. Oder aber ein plattes und fades populäres elektronisches Genre wird tatsächlich zu „Muschihouse“ abgestempelt.

Speckige Lederjacken. Auch das beliebte Gegensatzpaar Mädchen- und Bubenmusik stellt einem die Haare auf. Mädchenmusik ist selten positiv konnotiert. Sie meint immer das Poppige, das Seichte und Dümmliche. So ziemlich genau das Gegenteil ist gemeint, wenn man von Bubenmusik spricht. Sie ist die „harte“ Musik mit Gitarren und Lederjacken, mit Rock’n’Roll und allen Klischees, die einem dazu einfallen. Musik für Biertrinker. Oder Musik für Nerds, die selbstverständlich immer männlich sind. Weil Frauen interessieren sich ja höchstens dann für Musik, wenn sie einen Mann beeindrucken wollen.
Es gibt allerdings auch den umgekehrten Fall, dass Journalistinnen von (männlichen) Musikern herablassend behandelt werden. Dass ihre Erfahrung und ihre Expertise infrage gestellt werden. Sie sich Fragen gefallen lassen müssen, die männlichen Kollegen einfach nie gestellt werden würden. Sie öffentlich bloßgestellt werden.
Überflüssig zu erwähnen, dass es auch in Österreich tolle Musikerinnen gibt, wie zum Beispiel das Duo Fijuka, das gerade ein neues Album veröffentlicht hat. Und auch fantastische Musikjournalistinnen, ob Nachwuchstalente oder schon etablierte Autorinnen. Wie Katharina Seidler zum Beispiel, die hauptsächlich für FM4 und Falter arbeitet und super Geschichten macht. Ich kann mich nicht erinnern, einmal den Begriff Mädchen- oder Bubenmusik aus ihrem Mund gehört zu haben.

Julia Preinerstorfer regt sich gerne auf. Auf Twitter kann man sie unter @superwichtig finden.

 

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„Carrying Other Women In My Mouth“ https://ansch.4lima.de/carrying-other-women-in-my-mouth/ https://ansch.4lima.de/carrying-other-women-in-my-mouth/#respond Fri, 16 Oct 2015 10:38:23 +0000 https://anschlaege.at/?p=6631 Polizeigewalt an Schwarzen Frauen in den USA. Von LEA SUSEMICHEL]]>

Brutale Polizeigewalt gegen Schwarze Menschen in den USA trifft auch Schwarze Frauen. Sie kamen in den öffentlichen Diskursen über Rassismus bei der Polizei aber bislang kaum vor. Von LEA SUSEMICHEL

 

Tarika Wilson wird bei einer Razzia erschossen, zu Hause, während sie ihren 14 Monate alten Sohn auf dem Arm hält. Das Kind wird ebenfalls getroffen, überlebt den Polizeieinsatz im Gegensatz zu seiner Mutter jedoch. Eigentlich war die Polizei auf der Suche nach Wilsons Lebensgefährten gewesen.
Auch die einjährige Tochter von Miriam Carey überlebt auf dem Autorücksitz die tödlichen Schüsse auf ihre Mutter, die Sicherheitsbeamten abfeuern, weil Carey einen Checkpoint beim Weißen Haus überfahren hat und nicht auf Zurufe reagierte.
Beide Todesopfer sind Schwarz. Beide Namen stehen auf einer Liste aller bislang bekannter Afroamerikanerinnen, die in den vergangenen Jahren durch Polizeigewalt zu Tode gekommen sind. Erstellt wurde diese Namensliste im Rahmen der Kampagne #SayHerName (vgl. an.schläge V & VI). Erklärtes Ziel der Initiative ist, dass der Tod dieser Frauen bekannt und öffentlich betrauert wird, genauso wie der Tod des von einem Wachmann erschossenen 17-jährigen Trayvon Martin oder der des in Ferguson getöteten 18-jährigen Mike Brown, deren Gesichter und Geschichten sich tief ins kollektive Gedächtnis der USA gegraben haben.
„Wenn wir eine Kapuzenjacke tragen, wissen wir, dass wir Trayvon verkörpern. Wenn wir unsere Hände hochhalten, wissen wir, dass wir tun, was Mike Brown tat, bevor er erschossen wurde. Wenn wir sagen ‚Ich kann nicht atmen‘, dann wiederholen wir Eric Garners letzte Worte“, sagt die Mitinitiatorin von #SayHerName, Rachel Gilmer, gegenüber der „Huffington Post“. „Doch wir waren nicht in der Lage, all das für Schwarze Mädchen und Frauen zu tun. Ihre Geschichten haben wir nicht in derselben Weise weitergetragen.“

Black Lives Matter. Denn auch wenn die gesellschaftliche Aufmerksamkeit für brutale und meist straffreie Polizeiübergriffe gegen Schwarze Menschen in den USA in jüngster Zeit glücklicherweise gestiegen ist: Dass auch Frauen massiv von Polizeigewalt betroffen sind, ist dabei bislang wenig bekannt. Initiativen wie Black Lives Matter, die sich nach der Ermordung von Trayvon bildeten, richteten ihren Fokus lange auf männliche Schwarze Todesopfer. Auch das gerade erschienene, viel beachtete Buch des bekannten Schwarzen US-Journalisten Ta-Nehisi Coates adressiert einen Jungen. „Between the World and Me“ hat die Form eines berührenden Briefes, den der Autor an seinen fünfzehn Jahre alten Sohn Samori schreibt. Als es in den Nachrichten hieß, dass gegen den Polizisten, der Mike Brown getötet hat, nicht ermittelt wird, war Samori wortlos aufgestanden und in sein Zimmer verschwunden, sein Vater hörte ihn dort weinen. Nun schreibt Coates seinem Sohn vom allgegenwärtigen Alltagsrassismus und davon, dass sein eigener Vater ihn verprügelt hat, um so sicherzustellen, dass er nie mit dem Gesetz und der Polizei in Konflikt geraten würde. Denn die Angst Schwarzer Eltern vor der Polizei ist bis heute groß, häufig wird den Kindern eingebläut, sich bei einer Polizeikontrolle nur ja so defensiv wie möglich zu verhalten und ihr Leben zu schützen. Die Angst ist sehr begründet: 891 Menschen wurden in diesem Jahr in den USA bislang von der Polizei getötet, ein überproportional großer Teil von ihnen war Schwarz. Offizielle Statistiken zu tödlichen Polizeieinsätzen gibt es allerdings nicht, diese Zahl wird von „The Guardian“ recherchiert und auf der Zeitungshomepage tagesaktuell veröffentlicht. (1)

© Stephen Melkisethian / flickr
© Stephen Melkisethian / flickr

Black female lives matter too. „Sandra Bland. Tanisha Anderson. Rekia Boyd. Miriam Carey. Michelle Cusseaux. Shelly Frey. Kayla Moore. Es ist zwar nicht überraschend, wenn einige dieser Namen nicht vertraut klingen – aber wir finden es trotzdem inakzeptabel“, so das Statement von #SayHerName. Weiterhin würden die Erfahrungen Schwarzer Frauen in der öffentlichen Debatte um Rassismus bei der Polizei weitgehend ausgeblendet. Doch die „Körper von Schwarzen Frauen sind die am stärksten kontrollierten Körper in diesem Land“, sagt die Dichterin Aja Monet, die für die Kampagne wirbt. Monet hat das Gedicht „The first time (I hated a cop)“ geschrieben: Ein Mädchen wird Zeugin, wie ihr geliebter großer Bruder von Polizisten gedemütigt und geschlagen –„policed“ – wird. „I am a woman carrying other women in my mouth“ beginnt ein Gedicht,
das sie nun auch für #SayHerName verfasst hat und das die Namen aller bekannter toten Frauen nennt.
Der neueste auf dieser Liste ist der von Sandra Bland, einer Black-Lives-Matter-Aktivistin, die nach einer Verkehrskontrolle in Haft kam und drei Tage später tot in ihrer Zelle aufgefunden wurde. Weil sie den Blinker nicht gesetzt hatte, riss sie ein Polizist aus ihrem Wagen und knallte ihren Kopf auf den Boden, wie ein millionenfach geteiltes Amateurvideo zeigt. Die Polizei spricht von Selbstmord. Die feministische Juristin Kimberlé Crenshaw hingegen nennt Sandra Bland das jüngste Opfer brutaler Polizeigewalt.
Crenshaw war es, die den Begriff Intersektionalität Ende der 1980er eingeführt hat, um die Verschränkungen verschiedener Diskriminierungsformen zu benennen. Ihre Forschungen zeigen, wie tief Gesetz und Gesellschaft in den USA von Rassismus und Sexismus geprägt sind. Doch während in der öffentlichen Debatte um Polizeibrutalität endlich auch der tiefverwurzelte Rassismus und die „White Supremacy“ als Ursachen zur Sprache kommen, ist von den spezifischen Konsequenzen für Schwarze Frauen wenig die Rede. Diese Auswirkungen aber sind dramatisch: Die unheilvolle Verbindung von Rassismus und Frauenhass (bzw. auch Homo- und Transphobie) bedingt, dass Polizeigewalt oft mit sexualisierter Gewalt einhergeht. So stehen sexuelle Übergriffe an zweiter Stelle der gemeldeten Polizeivergehen, gleich hinter unverhältnismäßig brutalem Gewalteinsatz. (2)

Waffenschulung und Selbstverteidigung. Im Juni sorgte ein Video für Entrüstung, das einen Einsatz bei einem zunächst harmlosen Poolparty-Tumult zeigt. Darin ist ein Polizist zu sehen, der sich auf ein Mädchen im Bikini stürzt und es mit den Knien brutal auf dem Boden fixiert, während die Fünfzehnjährige weinend nach ihrer Mutter ruft. Ganz offensichtlich nimmt der Polizist kein Kind wahr, sondern eine sexualisierte Schwarze Frau, zu der ein weißer Blick afroamerikanische Mädchen oft schon vor ihrer Pubertät macht.
Vor diesem Übergriff war der Cop bei einer actionfilmreifen Seitwärtsrolle zu sehen gewesen, die zum Lachen reizen könnte, würde sie nicht von solch skandalösen Missständen zeugen. Dass US-PolizistInnen aus Actionfilmen lernen, ist gar nicht so abwegig. Für ihre Ausbildung gibt es keine einheitlichen Standards, zwischen gerade einmal acht Wochen und sechs Monaten dauert sie je nach Bundesstaat. Für Deeskalationstraining, für soziale und politische Schulungen bleibt nirgendwo viel Zeit, das Hauptaugenmerk liegt stattdessen auf Schusswaffengebrauch und Selbstverteidigung. Die Auszubildenden werden mit zahllosen Videos von Hinterhalten, erschossenen Polizisten und brutalen Verbrechern konfrontiert. Zu langes Zögern kann dich selbst den Kopf kosten, also schieße lieber zuerst, so die unmissverständliche Botschaft.
Der Polizist, der Tarika Wilson tötete, gab an, eine schemenhafte Bewegung wahrgenommen und in Notwehr gehandelt zu haben. De facto gab es damals nicht die geringste Bedrohung. Nur eine junge Frau mit Baby auf dem Arm.

 

(1) www.theguardian.com/usnews/ng-interactive/2015/jun/01/the-counted-police-killings-usdatabase

(2) graphs.net/police-brutality-statistics.html

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„Fuck it, das kann ich auch!“ https://ansch.4lima.de/fuck-it-das-kann-ich-auch/ https://ansch.4lima.de/fuck-it-das-kann-ich-auch/#respond Fri, 16 Oct 2015 10:37:45 +0000 https://anschlaege.at/?p=6633 Interview: VIV ALBERTINE von The Slits über Stehvermögen und furchteinflößende Positionen. Von IRMI WUTSCHER]]>
VIV ALBERTINE, Musikerin, Autorin und Gitarristin der feministischen Ikonen The Slits, war in Wien zu Gast. IRMI WUTSCHER traf sie zum Gespräch über weibliche Breitbeinigkeit, verängstigte Männer und ihren proletarischen Stolz.
an.schläge: Das Thema dieser Ausgabe ist: Wie ist es als Frau im Musikbusiness? Ich bin beim Stellen der Frage immer zwiegespalten. Einerseits müssen sich Musikerinnen im Gegensatz zu Männern immer erklären. Andererseits gibt es sexistische Strukturen in der Popkultur und die sollte man ansprechen. Wird Ihnen diese Frage oft gestellt?
Viv Albertine: Ja. Meine Antwort ist immer: Ich habe das Musikbusiness aufgegeben. Aus einem feministischen Grund: Als ich vor ein paar Jahren mit fünfzig zum ersten Mal wieder eine Gitarre in die Hand nahm, wusste ich, dass keine Plattenfirma an mir und meiner Musik interessiert sein würde. Selbst wenn meine Musik besser ist als alles, was sie auf ihren Indielabels vertreiben – von den Majors gar nicht zu reden. Ich halte die Musikindustrie mittlerweile für komplett belanglos. In den Siebzigern war Rock’n’Roll noch einer der wenigen Wege für arme, gewöhnliche Leute, sich auszudrücken. Und damit auch für arme Frauen. Aber das ist heute nicht mehr so. Ich habe also gespart und innerhalb von drei Jahren Schritt für Schritt mein Album selbst aufgenommen. Das mag ich an der heutigen Zeit, am Internet: In gewisser Weise ist es egal, ob du eine Frau bist, arm oder die „falsche“ Hautfarbe hast. Du kannst dein Sachen selbst produzieren. Ohne bezahlt zu werden natürlich. Aber gut bezahlt wurden immer nur die ganz oben. Und die Leute ganz oben, die machen keine Kunst, die machen Unterhaltung.
Eine Kollegin von mir ist überzeugt, dass heute nur noch reiche Kinder im Pop erfolgreich sind. Und auch in anderen Künsten …
Das sehe ich auch so, ich habe gerade einen Artikel darüber geschrieben. Ich habe das Gefühl, im Westen sind die Künste tot! Sie wurden von den Kindern der herrschenden Klasse eingenommen. Mittelklasse-Menschen regieren also die – westliche – Welt und deren Kinder die Künste. Denn die hatten Musikstunden, Geld um Equipment zu kaufen und Festivals zu besuchen, Zeit zu spielen und zu üben. Das Ergebnis ist keine radikale Kunst. Rock’n’Roll gehörte den Armen – das wurde ihnen genommen.
Gehen wir einen Schritt zurück. Warum haben Sie sich eine Gitarre gekauft und in Bands gespielt?
Darauf gibt es nicht die eine sexy Antwort, den Aha-Moment. Sondern viele Fäden, die zusammengelaufen sind. Als ich jung war, war ich verrückt nach Musik, verliebt in Popkultur. Ich begann mir die Rückseiten von Plattencovern durchzulesen, auf der Suche nach Frauennamen, und versuchte herauszufinden, wie ich ein Teil dieser Welt werden könnte. Ich habe nie gedacht, dass ich Musikerin werden könnte, denn ich war arm, hatte nie Musikstunden. Und in diesen Plattentexten tauchten Frauen immer nur bei so was wie „Danke an meine Freundin“ auf oder „Danke an soundso, die uns Tee gemacht hat“.
Später habe ich dann in Bars gearbeitet, mich langsam an die Musikszene herangetastet. Ein wichtiger Moment war, als ich das Cover der Patti-Smith-Platte „Horses“ zum ersten Mal sah, noch ohne die Musik zu kennen. Diese junge Frau sah aus, wie ich mich fühlte: halb Junge, halb Mädchen! Das war eine Offenbarung. Dann hörte ich das Album und darauf geht sie so richtig ab, das war sehr sexuell! Dazu muss man sagen: Als Mädchen war es in den Siebzigern fast wie in den Fünfzigern. Man sollte als junge Lady Sex nicht genießen, keine Geräusche machen. Pattis Musik war dagegen so, als würden wir ihr beim Ficken zuhören! Solche Geräusche konntest du vorher nur hören, wenn du in Soho in eines dieser kleinen Kinos gingst, wo alte Männer in Regenmänteln saßen – beim Wichsen! Patti Smith so loslegen zu hören, war schockierend und fantastisch und befreiend.
Und dann kamen die Sex Pistols. Das war das erste Mal, dass ich mir dachte: „Fuck it, das kann ich auch!“ Johnny Rotten vor allem, der konnte nicht spielen, nicht singen. Und alles, wofür ich mich schämte: arm zu sein, aus dem Sozialbau zu kommen, keine gute Bildung zu haben – darauf war er stolz! Das hat mir geholfen, nicht Suzie Quattro oder Joni Mitchell. Du musst dich selbst da oben sehen!
Als „The Slits“ wollten Sie sich aber nicht männlichen Standards in der Rockmusik anpassen, Sie wollten eigene schaffen. Wie?
Wir haben viel nachgedacht. Zum Beispiel: Ich will nicht wie die Jungs breitbeinig dastehen, als hätte ich dicke Eier. Ich möchte so stehen, wie ich mich wohlfühle. Aber was sieht gut aus? Wir hatten noch nie jemanden mit Minirock und Gitarre gesehen. Wir sprachen darüber, wie wir stehen, spielen, in welcher Höhe wir die Gitarre halten, was für eine Haltung wir einnehmen … Alles war neu und wir haben monatelang diskutiert!
© faber & faber
© faber & faber
Welche Rolle hat Mode für Sie gespielt? In der Punkszene, als Band?
Ein wichtiger Teil davon, eine junge Frau im Punk zu sein, war, deine Haltung auf dem Körper zu tragen. Wir kauften nur bei einem Shop: Vivienne Westwoods „Sex“. Die Sachen hatten eine politische Aussage. Für den Rest nahm ich lauter Mädchenkram, ein Tutu zum Beispiel oder eine Pfadfinderinnen-Uniform. Dazu trug ich schwarze Latexstrümpfe von „Sex“ und eine Lederjacke. Wir schmissen alles zusammen, wie Frauen sein sollten, und machten uns darüber lustig. Wenn wir in diesem Aufzug auf die Straße gingen, griesgrämig und spuckend, waren die Männer komplett verängstigt! Sie hassten es so sehr, dass wir angegriffen wurden. SM-Kleidung hat man vorher nie auf der Straße gesehen, nur in Männermagazinen. Heute kannst du in jedem Geschäft ein Hundehalsband mit Nieten kaufen. Aber damals ein T-Shirt mit Titten drauf zu tragen, das war unerhört! Es sagte: „Ich hole mir meinen Körper zurück, du Wichser.“ Die Männer glaubten damals, du gehörst ihnen, deine Sexualität gehört ihnen. Mit uns konfrontiert wussten sie nicht, was sie tun sollten. Sie wussten nicht, ob sie uns töten oder ficken wollten.
Die Slits sind wie eine Straßengang aufgetreten. Was können Sie über Freundschaft oder vielleicht sogar weibliche Solidarität in der Band berichten?
Ich würde ja gerne sagen, wir waren wie Schwestern … naja, so ähnlich: Wir haben uns gestritten wie Schwestern! Wir hätten es nicht durchziehen können, wenn wir vier nicht eine Gang gewesen wären. Wir haben immer beieinander übernachtet, denn in unserem Aufzug konnten wir nicht alleine nach Hause gehen, wir wären attackiert oder vergewaltigt worden. Aber es war auch schwierig, weil wir vier sehr starke Persönlichkeiten mit großen Egos waren und es viel Streit gab.
Weswegen?
Zum Beispiel darüber, ob unsere Drummerin Palmolive auf der Bühne einen BH tragen sollte. Sie spielte so wild, dass ihre Brüste herumhüpften. Und die Typen starrten darauf. Damals sah man keine Frauen in Aktion. Jetzt joggen alle, aber damals machte niemand irgendwas Körperliches! Ich sagte ihr also, sie solle sie ein bisschen einfangen. Sie sagte: Ich bin Feministin, ich trage keinen BH! Mein Argument war: Wegen deiner Titten geht die Tatsache unter, dass du richtig gut Drums spielst. Wir stritten ständig – außer, wenn jemand uns attackierte. Das passierte bei jedem Gig: Wenn Typen, meistens Skinheads, versuchten, Ari von der Bühne zu zerren oder sie zu schlagen, zogen wir denen die Gitarre über den Kopf. Wenn man das heute machen würde, käme man ins Gefängnis! Wir wurden attackiert, auch mit Messern. Aber damals ging man nicht zur Polizei.
Gab es auch Angriffe von Frauen?
Ja, aber wenig körperliche Gewalt. Ältere Frauen waren sehr missbilligend, auch die ganzen jamaikanischen Mädchen aus der Reggaeszene. Eigentlich mochte uns niemand, auch die Feministinnen nicht. Wir bekamen einen Brief von schwedischen Feministinnen, die mochten das Plattencover von „Cut“ nicht. (Anm.: die Slits sind darauf nackt, in Lendenschurzen und mit Schlamm beschmiert) Wir begannen uns damals mit Tribal Music auseinanderzusetzen. Wir dachten: Warum schämen wir uns so für unsere Nacktheit? Holen wir sie uns zurück! Für uns war das eindeutig ein aggressives Cover. Jungs sagten, sie hätten Angst vor uns. Und als junges Mädchen nackt und furchteinflößend sein zu können, ist eine fantastische Leistung! Aber niemand hat das kapiert. Die Feministinnen nicht, die Journalistinnen nicht. Dreißig Jahre später beginnen die Leute, es zu verstehen.
Hatten Sie sonst etwas mit feministischen Bewegungen zu tun?
Ich hatte schon ein feministisches Bewusstsein. Aber grundsätzlich waren wir sehr gegen Zuschreibungen. Weil niemand vorher etwas wie die Slits gesehen hatte, wollte uns die Presse zu einer feministischen Band machen. Doch wir verweigerten das, weil wir wussten: Sobald sie uns in eine Schublade gesteckt haben, brauchen sie sich nicht mehr mit uns auseinanderzusetzen. Wir wollten nicht Punks genannt werden, nicht Feministinnen, nicht Rock’n’Roll. Wir versuchten diese ganzen Labels zu bekämpfen.
Würden Sie jungen Frauen raten, eine Band zu gründen?
Als ich in den Siebziger Jahren mit der Musik anfing, gab es keine weiblichen Vorbilder. Bei meiner Tochter, sie ist jetzt fast 17, ist das anders. Sie denkt: Ich könnte in einer Band spielen oder ich werde Architektin oder vielleicht lebe ich ein Jahr lang am Strand! Sie hat so viel mehr Möglichkeiten als ich damals. Mit diesen Optionen hätte ich mich vielleicht gar nicht dazu entschieden in einer Band zu spielen! Um heutzutage als Frau etwas Radikales zu machen, würde ich mich nicht auf eine Bühne stellen und etwas singen, das drei Minuten dauert und sich ständig wiederholt. Daran ist nichts Rebellisches. Bei den Slits war es rebellisch, weil es noch keine Frau vorher gemacht hatte. Aber heute finde ich eine Frau, die Menschenrechtsanwältin oder Aktivistin ist, wesentlich interessanter, als eine, die breitbeinig auf der Bühne steht.
Viv Albertine ist Musikerin, Autorin, Regisseurin und Schauspielerin. Sie war von 1976 bis 1982 Mitglied von „The Slits“. Seit 2009 macht sie wieder Musik. Ihre Autobiografie „Clothes, Clothes, Clothes. Music, Music, Music. Boys, Boys, Boys“ erschien 2014, sie lebt mit ihrer Tochter in London.
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an.sprüche: Tina Turners Beine https://ansch.4lima.de/an-spruch-tina-turners-beine/ https://ansch.4lima.de/an-spruch-tina-turners-beine/#comments Fri, 16 Oct 2015 10:37:27 +0000 https://anschlaege.at/?p=6643 Nacktheit im Popgeschäft. Von CHRISTINA MOHR und NADIA SHEHADEH]]>

Sexistische Vermarktungsstrategie oder selbstbewusstes Statement? CHRISTINA MOHR und NADIA SHEHADEH diskutieren die Sexyness der Stars.

 

Seit ich zurückdenken kann, schwärmt meine Mutter von den sexy Beinen Tina Turners – für den Hintern von Nicki Minaj hat sie indes nur Verachtung übrig, Minaj sei doch ordinär. Ich persönlich finde die Performances von Peaches, Madonna und J. Lo cool, die Auftritte von Miley Cyrus dagegen peinlich. Viel Haut zeigen alle der Genannten, aber offensichtlich werden höchst diverse Signale gesendet. Woran liegt das? Warum beurteilen wir Feministinnen die Körper weiblicher Popstars so unterschiedlich, warum gilt die eine Künstlerin als stark, selbstbewusst und integer, die andere als pornoverdächtig, billig und indiskutabel?
Nacktheit ist einerseits „natürlich“ und keine Frau sollte Teile ihres Körpers verdecken müssen, wenn sie das nicht will – andererseits ist es verabscheuungswürdig, wenn mit dicken Titten Autoreifen verkauft werden. Im Popgeschäft bekommt dieses Thema einen zusätzlichen Dreh: Die KünstlerInnen verkaufen ja tatsächlich etwas, nämlich ihre Musik. Aber im Pop geht es niemals nur um Musik allein, im Showbusiness kommt der optische/performative Aspekt automatisch hinzu. Und die allgemein gültige Währung heißt: Sexyness!
Niemand wird bestreiten, dass es in einer Peaches-Show explizit um Sex geht – wie bei Miley Cyrus, oder? Doch niemand wird beide Künstlerinnen direkt miteinander vergleichen wollen. Wo liegt also der Unterschied in der Rezeption? Ist es Peaches’ Queerness, ihr bewusster Bruch mit Sex-Konventionen, der ihre Performance feministisch macht? Spricht man Cyrus von vornherein jegliche Selbstbestimmung ab, weil sie in einem mainstreamigeren, also umsatzstärkeren Segment agiert als Peaches? Und wie feministisch ist es, wenn Beyonce in Netzstrümpfen vor dem leuchtenden Schriftzug „Feminist“ posiert? Sollte sie sich dabei nicht besser was anziehen? Wir dürfen da mitreden, denn schließlich gehört dem Popstar sein Körper ja nicht allein, sondern auch uns, den KonsumentInnen – oder? Sieht so aus, als bliebe der weibliche Popstarkörper noch eine ganze Weile vermintes Gelände. Der Blick auf Tina Turners Beine hilft vielleicht beim Finden von Antworten …

Christina Mohr verdient Miete und Brötchen bei einem seriösen Frankfurter Sachbuchverlag. Nach Feierabend schreibt sie Musikrezensionen für verschiedene Magazine.

 

Illustration: Bianca Tschaikner
Illustration: Bianca Tschaikner

 

Sexyness im Musikbusiness wird seit eh und je kontrovers diskutiert: Handelt es sich um sexualisierte (Selbst-)Vermarktung? Oder um freiwillige und starke Sexyness, die subversiv und empowernd sein kann?
Kritisch zu hinterfragen ist jedenfalls eine feministische Lesart, die Frauen, die vermeintlich unsexy sind, lobt und gleichzeitig das „Rückständige“ bei den Vertreterinnen von Sexyness diskreditiert. Hier spiegelt sich oft eine weiß-feministische Denkweise wider. Madonnas fast schon ikonenhafte Sexyness, die ich persönlich als sehr selbstkontrolliert und selbstbewusst wahrnehme, wird harsch kritisiert: Das sei kein „Altern in Würde“. Habe sie das nach all ihren Errungenschaften noch „nötig“? Solche Fragen werden eher gestellt, als dass ihr lascher Umgang mit rassistischen Ausfällen kritisiert wird – so vergleicht sie sich etwa mit Nelson Mandela und Martin Luther King. Außerdem führt solch eine Rezeption zur Reproduktion von -Ismen: Etwa dann, wenn Ageism und Femme-Shaming die vermeintlich konstruktive Kritik an Madonnas Sexualität und Körperlichkeit durchziehen.
Als Adele die Chartspitze eroberte, wurde das als Sieg der „normalen Mädchen“ gefeiert, die nicht den Erwartungen von Norm-Schönheit entsprechen und lieber erwachsen-divenhaft als sexy auftreten. Adele habe allein mit großer Stimme (also: Talent) den Olymp des Pop erklommen – und nicht wie andere erfolgreiche Pop-Soul-R’n’B-Künstlerinnen mit Körperlichkeit, Sexyness und deren aggressiver Vermarktung. Dass viele der geschassten Kolleginnen of Color sind und Adele sich bei ihrem musikalischen Schaffen großflächig an dem Erbe nicht-weißer Musik bedient, wird dabei oft außer Acht gelassen.
Wenn ich daran denke, dass Pop-Sängerin Kesha derzeit aufgrund des Rechtsstreits um die sexuellen Übergriffe ihres Managers von ihrem Label daran gehindert wird zu arbeiten, und die Essenz der Amy-Winehouse-Dokumentation war, dass es für Künstlerinnen extrem belastend ist, in das Dreieck aus patriarchalen Strukturen, männlichem Besitz- und Anspruchsdenken und Kapitalismus passen zu müssen – dann fangen die Probleme im Pop nicht mit einem Glitzer-BH auf der Bühne an. Vor allem dann nicht, wenn Beth Ditto ihn trägt.

Nadia Shehadeh ist Soziologin, Bloggerin und Autorin beim feministischen Blog „maedchenmannschaft.net“.

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an.sage: Schutzlos in Europa https://ansch.4lima.de/an-sage-schutzlos-in-europa/ https://ansch.4lima.de/an-sage-schutzlos-in-europa/#respond Fri, 16 Oct 2015 10:37:06 +0000 https://anschlaege.at/?p=6641 Geschlechtsspezifische Gewalt an Frauen und Mädchen auf der Flucht. Von GABI HORAK]]>

Ein Kommentar von GABI HORAK

 

Wir haben keine „Flüchtlingskrise“, wir haben eine Krise der Menschlichkeit. Die europäische Ignoranz ist das Problem, nicht die Hunderttausenden Menschen, die völlig zu Recht vor dem Krieg fliehen. Seit September 1997 gilt in der Europäischen Union das „Dubliner Übereinkommen“: Der EU-Staat, in den AsylwerberInnen nachweislich zuerst eingereist sind, muss das Asylverfahren durchführen.
Diese Regelung war bereits vor 18 Jahren völliger Schwachsinn. Schon in den vergangenen Jahren haben die Grenzstaaten Flüchtlinge durchreisen lassen, ohne sie zu registrieren – weil sie mit der Aufgabe, alle zu versorgen, überfordert waren.
Es gibt derzeit keinen legalen und sicheren Weg, nach Europa zu flüchten. Kein EU-Land erlaubt Asylanträge in lokalen Botschaften in Krisenländern. Die Menschen dürfen auch nicht in ein Flugzeug steigen. Sie müssen SchlepperInnen bezahlen, auf Booten und in Lkws ihr Leben riskieren, Frauen müssen ihre Körper verkaufen und auf der Flucht sexuelle Gewalt erleiden. Nur um in Europa wieder vor Zäunen und Mauern zu stehen.

© Hendrik K. & Roots of Compassion
© Hendrik K. & Roots of Compassion

Was Berichte von Hilfsorganisationen und Amnesty International bereits vor Wochen skizzierten, wird immer konkreter: Frauen und Mädchen, die vor Vergewaltigung und Unterdrückung in ihrer Heimat fliehen, haben auch auf der Flucht massiv mit sexueller Gewalt und Repressionen zu kämpfen. UNICEF rechnet vor, dass zwölf Prozent der Frauen, die Mazedonien erreichen, schwanger sind – viele verlieren ihr Kind aufgrund der katastrophalen hygienischen Zustände in den Flüchtlingslagern, der mangelhaften Ernährung und der Strapazen der Flucht. Es gibt zahllose Berichte von Vergewaltigungen durch Beamte, Schlepper oder andere Flüchtlinge – angezeigt werden diese natürlich kaum. Eine Studie des deutschen Familienministeriums ergab bereits 2004, dass 25 Prozent der weiblichen Flüchtlinge von sexueller Gewalt in Deutschland betroffen waren. Dass sich die Zustände in den überfüllten Unterkünften der vergangenen Wochen und Monate kaum gebessert haben werden, liegt auf der Hand. Erstaufnahmeeinrichtungen seien schlichtweg ungeeignet, um Frauen, Kindern und LGBTI-Personen Schutz vor Übergriffen zu bieten, kritisiert das Deutsche Institut für Menschenrechte. Ein Beschwerdemanagement für geschlechtsspezifische Gewalt gegen Frauen fehlt ebenso wie kurz- und längerfristige Schutzanordnungen – also die örtliche Trennung von Opfern und Tätern –, wie es die Istanbul-Konvention fordert.
Wer die Zustände im österreichischen Erstaufnahmezentrum Traiskirchen gesehen hat, weiß: Frauen und Kinder sind hier nicht nur medizinisch unterversorgt, sondern auch völlig schutzlos. Dass die von Freiwilligen eilig errichteten Notunterkünfte in der Nähe der Bahnhöfe ebenso wenig entsprechende Schutzvorkehrungen bieten können, ist klar. Zu kritisieren ist das Fehlen solcher Strukturen trotzdem scharf. Denn die Ankunft der Tausenden Refugees kam nicht unerwartet. Österreich und Deutschland hatten Zeit, sich Gedanken über adäquate Quartiere zu machen. Dabei wäre es Aufgabe des Staates, Versorgung und räumliche Ressourcen inklusive Schutzzonen zu gewährleisten. Dass entsprechende Forderungen seit Wochen an den Zuständigen abprallen, ist einfach unfassbar.
Vor genau 15 Jahren, am 31. Oktober 2000, wurde im UN-Sicherheitsrat einstimmig die UN-Resolution „Frauen, Frieden und Sicherheit“ verabschiedet. Darin wird hervorgehoben, wie wichtig es sei, die Rechte von Frauen in Krisengebieten zu schützen und sie bei Friedensverhandlungen und beim Wiederaufbau aktiv miteinzubeziehen. Dass wir 2015 dabei zusehen, wie Frauen auf der Flucht vor dem Krieg im Mittelmeer ertrinken, vergewaltigt werden, Schlepper durch Prostitution bezahlen müssen und die europäischen Grenzen erreichen, nur um dort erneut sexualisierter Gewalt ausgesetzt zu sein und völlig unzureichend mit Nahrung, Medizin und Wohnraum versorgt zu werden – das tut mir in Herz und Seele weh.

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neuland: „Dreckige Auslända“ https://ansch.4lima.de/neuland-dreckige-auslaenda/ https://ansch.4lima.de/neuland-dreckige-auslaenda/#respond Fri, 16 Oct 2015 10:36:00 +0000 https://anschlaege.at/?p=6637 NeulandAmüsant, wie der „schmutzige, stinkende Auslända“ konstruiert wird. Von HENGAMEH YAGHOOBIFARAH]]> Neuland

alltägliche grenzerfahrungen

 

Amüsant, wie der „schmutzige, stinkende Auslända“ und die reinliche weiße Person konstruiert werden. Amüsant finde ich es nicht deshalb, weil ich auf rassistische Punchlines stehe, sondern weil diese Lüge schamloser nicht sein könnte. Zum ersten Mal hörte ich sexistisch-klassistische Beleidigungen in der ersten Klasse, als ein weißer Mitschüler mich wegen eines kleinen Flecks auf meinem T-Shirt „dreckige N*tte“ nannte. Seine Reaktion auf meinen Körper kam mir schon damals gewaltvoll vor – auf so vielen Ebenen. Zehn Jahre später: Ich erinnere mich an einen Nachmittag, an dem meine Mutter einer weißen Bekannten Urlaubsfotos aus dem Iran zeigte. Die Kartoffel-Lady fragte meine Mutter zwischen Familienfoto und Dichtergrab ganz rabiat, ob es „dort“ eigentlich Duschen gäbe. Selten habe ich meine Mutter in Anwesenheit weißer Deutscher so wütend erlebt. Während Europäer_innen im Mittelalter an der Pest verreckten, chillten meine nach Rosen duftenden Vorfahr_innen im damaligen Persien in Hamams. Nur als kleine Erinnerung. Die Anzahl weißer Linker (meist Typen), die mit „Hygienenormen brechen“, ist heute unüberschaubar. Kein Deo, kein regelmäßiges Duschen, vernachlässigte Nägel und von ihren Hinternabwisch-Gepflogenheiten will ich gar nicht erst anfangen. Neulich las ich in einem Riot-Grrrl-Roman, der gar kein Roman ist, von Michelle Tea. Bei den Beschreibungen der salzigen Schweißgerüche und Bierfahnen rollten meine Augen in einer 180°-Drehung nach hinten. Diese Hygieneverweigerungen sind nicht edgy, sondern nur ein weiteres Beispiel für weiße Klassenprivilegien. Und jedes Mal, wenn Leute mich fragen, warum neben dem Klo eine kleine Gießkanne steht, denke ich: Sorry Girl, aber über den Zustand deines Polochs will ich gar nicht erst nachdenken.

Früher dachte Hengameh Yaghoobifarah, sie sei komisch, weil sie sich nach jedem Klogang mit Wasser wusch. Nach Gesprächen mit anderen Kanack_innen und einem Proktologen weiß sie, dass sie in dieser Hinsicht alles richtig gemacht hat.

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an.künden: Kinematografien https://ansch.4lima.de/an-kuenden-kinematografien/ https://ansch.4lima.de/an-kuenden-kinematografien/#respond Fri, 16 Oct 2015 08:55:14 +0000 https://anschlaege.at/?p=6649 „Aufbruch der Autorinnen“: Festival, kommentierte Spielreihe und Tagung zugleich.]]>

Mit dreißig Veranstaltungen mit teils unbekannten, neu restaurierten und untertitelten Spielfilmen mit weiblichen Heldinnen versteht sich „Aufbruch der Autorinnen“ als Festival, kommentierte Spielreihe und Tagung zugleich. Auf die Leinwand gebracht werden in Berlin die Geschichten und Ästhetiken von Regisseurinnen der europäischen 1960er-Jahre. Die Filmemacherinnen Nelly Kaplan und Ula Stöckl präsentieren und kommentieren ihre Werke persönlich.

bis 15.11.: Aufbruch der Autorinnen – Die Regisseurinnen der 60er Jahre in Europa und die Heldinnen ihrer Filme,
Zeughauskino im Deutschen Historischen Museum, 10117 Berlin, Unter den Linden 2, www.aufbruch-der-autorinnen.eu

© Mai Zetterling
© Mai Zetterling
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an.künden: Aus dem Archiv https://ansch.4lima.de/an-kuenden-aus-dem-archiv/ https://ansch.4lima.de/an-kuenden-aus-dem-archiv/#respond Fri, 16 Oct 2015 08:54:42 +0000 https://anschlaege.at/?p=6647 Die Sammlung des mumok unter dem Aspekt der „Critical Studies“.]]>

Studierende und Lehrende des Studiengangs „Critical Studies“ an der Akademie der bildenden Künste Wien werden zu Kurator_innen: Sie haben die Sammlung des mumok durchforstet und zu fünf einander überlagernden Ausstellungsteilen zusammengestellt. Es werden Leerstellen und
Ausschlüsse aufgezeigt und die Institution Museum feministisch kritisch hinterfragt. Am 4. und 11.11. sind außerdem filmische Arbeiten zu sehen, die auf die Sammlung Bezug nehmen.

bis 24.4.: Blühendes Gift. Zur feministischen Appropriation des österreichischen Unbewussten, mumok, Museumspl.1, 1070 Wien, www.mumok.at

© mumok / Laurent Ziegler
© mumok / Laurent Ziegler
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an.künden: Feminizm https://ansch.4lima.de/an-kuenden-feminizm/ https://ansch.4lima.de/an-kuenden-feminizm/#respond Fri, 16 Oct 2015 08:54:09 +0000 https://anschlaege.at/?p=6645 Filme aus anatolischen Programmkinos bei den türkisch-kurdischen Filmtagen „CiNEMA“ in Graz.]]>

Schon zum zweiten Mal präsentieren die türkisch-kurdischen Filmtage „CiNEMA“ in Graz Filme aus anatolischen Programmkinos. Dabei sollen dem Publikum gesellschaftspolitische Hintergründe und das soziokulturelle Leben nähergebracht und so Vorurteile abgebaut werden. Dieses Jahr wird ein besonderes Augenmerk auf Filme mit feministischem Inhalt gelegt, in denen das facettenreiche Leben türkischer und kurdischer Frauen beleuchtet wird. Außerdem kann mit Regisseur_innen diskutiert werden.

28.10.–1.11.: CiNEMA, UCI Annenhof, 8020 Graz, Annenstr. 29, www.jukus.at

© Verein JUKUS / flickr
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positionswechsel: 300 PS https://ansch.4lima.de/positionswechsel-300-ps/ https://ansch.4lima.de/positionswechsel-300-ps/#comments Fri, 16 Oct 2015 08:47:42 +0000 https://anschlaege.at/?p=6639 „La- la- la- la- la- lass mich nicht los, le- le- le- le- le- leg dich zu mir“. Von LOTTA LUISE]]>

eine lady genießt und schreibt

 

„La- la- la- la- la- lass mich nicht los, le- le- le- le- le- leg dich zu mir“ – kennt ihr, ne? Das trällern die postpubertären Burschen von Bilderbuch in ihrem Song „Maschin“, dem eine besonders subtile Performance sexueller Inhalte attestiert wird. Aber seien wir mal ehrlich: So subtil ist das nicht. Und es geht dabei nicht um Maurice Ernst, der am Fensterheber herumfummelt, sondern um den Protagonisten des dazugehörigen Musikvideos: den gelben Lamborghini.
Der Grund, warum ich hier unter Pseudonym unterwegs bin, ist folgendes Geständnis, das mir einen sofortigen Verweis aus der Interessensgemeinschaft Feminismus und der Grünen Partei (wäre ich denn Mitglied) bescheren würde: Ich finde Autos sexy. Schlimmer noch: Ich weiß, wie der V8-Motor eines Maserati Gran-Turismo klingt (wie purer Sex), wer 2006 Formel-1-Weltmeister wurde, und ich habe die Vorzüge deutscher Autobahnen bereits mit mehreren Leihwagen erfahren (da darf es auch mal ein Audi sein). Schuld an dieser Fixierung ist vermutlich mein provinziell-proletarisches Aufwachsen: Umgeben von Jugendlichen, die auf ihren ersten tiefergelegten Honda Civic mit Sportauspuffsparten, erwartete ich nichts sehnlicher als den Führerschein, um meinen um zwei Jahre jüngeren Boyfriend und die damit verbundenen sexuellen Abenteuer zu erreichen. Das Ergebnis waren postkoital-berauschte Fahrten durch die Nacht und die Erkenntnis, dass Autofahren nach dem Orgasmus ebenso bedenklich ist wie nach drei Bier.
Mit dem bildungsbürgerlichen Aufstieg veränderten sich auch meine Vorlieben: Eine schnelle Testfahrt in einem Mazda MX5 befriedigte mich nicht mehr, der Traum vom Mercedes SLK Roadster erwachte. Nicht, dass ich jemals so viel Geld (das ich nicht habe) für diese pervers teure Karre ausgeben würde. Aber noch heute ziehe ich mir gelegentlich nachts diese kleinen schmutzigen Filmchen rein, die Marketing-Menschen der Autoindustrie auf ihre Websites stellen. Und lösche danach beschämt den Browserverlauf. Maschiiin.

Lotta Luise findet – wenig überraschend – „Bad Girls“ von M.I.A. ziemlich gut.

 

Illustration: Nadine Kappacher
Illustration: Nadine Kappacher
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Es war nicht Cabral https://ansch.4lima.de/es-war-nicht-cabral/ https://ansch.4lima.de/es-war-nicht-cabral/#respond Fri, 16 Oct 2015 08:44:39 +0000 https://anschlaege.at/?p=6635 MC CAROL aus Rio macht gefeierten Baile Funk Von CAREN MIESENBERGER]]>

Die brasilianische Sängerin MC CAROL identifiziert sich als Schwarz, fett, Favelada und Feministin – Attribute, die im Mainstream-Musikbusiness eher nicht zu einer erfolgreichen Karriere führen. Doch die 21-Jährige beweist das Gegenteil. Ein Porträt von CAREN MIESENBERGER

 

Wer Inspiration sucht, um Street Harassment in etwas Kreatives umzuwandeln, findet diese in Preventório, einer Favela im brasilianischen Niterói, der Nachbarstadt Rio de Janeiros. Hier lebt die Sängerin MC Carol, deren Musik heute in Brasilien Körper und Hirne gleichermaßen bewegt.
Begonnen hat ihre Karriere mit einem verbalen Übergriff . Ein Taxifahrer rief der damals 17-Jährigen im Jahr 2011 auf ihrem Heimweg „Vou largar de barriga“ (deutsch: Ich werde dich schwängern und mich dann verpissen) hinterher. Carol war so aufgebracht, dass sie sich zu Hause eine Antwort überlegte. Als ihr der Mann bei der nächsten Begegnung am Taxistand wieder den gleichen Spruch hinterherrief, entgegnete sie: „Ich schicke dich hinter Gitter und zerstöre dein Leben, wenn du mich schwängerst und dich verpisst.“ Der Vers saß, alle lachten und Carols Demütigung verwandelte sich in einen Triumph. Ihre Freund*innen animierten sie daraufhin, diese Antwort zu einem Baile-Funk-Lied zu machen. Eine Woche nach ihrem Sieg über den Taxifahrer stieg Carol bei einer Party in einer Nachbarfavela auf die Bühne und sang ihren neuen Song. Das Publikum feierte sie so frenetisch, dass sie wöchentlich wiederkam. Ihre Fangemeinde begann, Geld zu sammeln, um ihr die Fahrtkosten zu bezahlen. MC Carol war geboren. Sie schrieb neue Songs, kam auf eine Funk-DVD und 2011 auch ins Lokalfernsehen.

Favela Funk. Baile Funk ist ein Musikgenre, das in den 1970ern in Rio de Janeiro entstand und dessen heutiger Sound auf Miami Bass (Hip-Hop mit schnellen Elektro-Beats) aus den USA basiert. Seine Geschichte ist grob vergleichbar mit der von Rap: Urbane Musik, gemacht von Schwarzen, die in den USA wie in Brasilien marginalisiert sind. Brasilien hat nach Nigeria die zweitgrößte Schwarze Community der Welt. Die strukturelle Diskriminierung von Schwarzen Brasilianer*innen ist allgegenwärtig.
Baile Funk verhandelt die kulturelle Realität derjenigen, die in Favelas leben, er wurde aber im Laufe der Zeit auch von Nichtfaveladas gefeiert und mitunter angeeignet. International ist das Genre durch M.I.A. und Diplo berühmt geworden. Frauen sind als MCs im Funk sehr präsent – allerdings vereint keine die Verstrickung verschiedener Diskriminierungsformen so drastisch wie MC Carol.

© Marcella Zamith
© Marcella Zamith

Schmutzige Wäsche. 2012 gewann sie mit der Single „Meu namorado é o maior otário“ (zu Deutsch: Mein Freund ist der größte Trottel) die Herzen brasilianischer Feministinnen. In dem durch soziale Netzwerke auch über das klassische Funk-Publikum hinaus populär gewordenen Song verarbeitet sie eine von Gewalt begleitete Liebesbeziehung und singt: „Mein Freund ist der größte Trottel, er wäscht meine Unterhosen. Wenn er sich arrogant benimmt, schicke ich ihn in die Küche.“ Die Lyrics sind die humorvolle Umkehr einer bitteren Realität: Drei von fünf jungen Brasilianerinnen geben an, bereits Opfer von Gewalt in Beziehungen geworden zu sein.
Ihr in dem Song zur Schau gestelltes Selbstbewusstsein ist ein Schlag ins Gesicht einer Gesellschaft, die ihr als Schwarzer Frau aus der Favela jeden Respekt verweigert. Dass Carol einmal als Sängerin groß herauskommt, hätte sie selbst nicht gedacht. „Für eine Person aus der Favela ist es sehr ungewöhnlich, in den Medien anzukommen. Meine Karriere ist ganz und gar nicht typisch für eine Favelada“, sagt sie im an.schläge-Gespräch. Sie positioniert sich klar als Feministin und plädiert dafür, dass „Frauen unabhängig sein und sich Männern gegenüber nicht kleiner machen sollen“.

Lucky Ladies. Der Durchbruch in den Mainstream gelang MC Carol dieses Jahr durch ihre Teilnahme an der Realityshow „Lucky Ladies“. In der Sendung lebte sie gemeinsam mit vier anderen, allesamt mehr dem Schönheitsideal entsprechenden Funk-Sängerinnen für zwei Monate in einer Luxuswohnung am berühmten Strand von Copacabana. Ziel von „Lucky Ladies“ war es offiziell, aus den Teilnehmerinnen erfolgreiche Funkeiras zu machen. Als einzige verweigerte Carol in der Show das Tanztraining und lehnte Ernährungseinschränkungen strikt ab.
Dafür erntete sie nicht nur Applaus, sondern war auch der gesamten Breitseite gesellschaftlicher Objektifizierung und Diskriminierung ausgesetzt. So finden sich am laufenden Band Hasskommentare unter den Fotos, die sie in soziale Netzwerke postet, insbesondere, wenn sie darauf in knapper Bekleidung zu sehen ist.
Keine Spur jedoch davon, dass sie das Bodyshaming trifft: „Ehrlich gesagt interessiert mich das überhaupt nicht. Mir ist gar nichts von dem, was die Leute sagen, wichtig. Alle haben Schwachstellen und ich liebe und akzeptiere meine eigenen. Ich bin fett und halte mich für die heißeste Frau der Welt“, sagt sie im Interview.
Ihr nonkonformes Verhalten in „Lucky Ladies“ füllte monatelang die Klatschspalten brasilianischer Medien und verlieh ihrer Karriere einen ordentlichen Auftrieb.
„Ich dachte immer, dass ich irgendwann in meiner Favela sterbe und nur dort Funk gemacht hätte. Aber heute ist Funk sehr viel größer geworden und mein größtes Publikum sind Schwule“, sagt Carol in einem Fernsehinterview im August diesen Jahres. Gegenüber an.schläge präzisiert sie: „Früher habe ich vor allem Bailes in den Favelas gemacht, mittlerweile performe ich eher in Schwulenclubs. Das liegt daran, dass das schwule Publikum gut bezahlt. Sie sind organisiert, es gibt eine vertragliche Vereinbarung. So kann ich mein Geld sicher verdienen. Das sind dann keine Schwulen aus den Favelas, sondern welche aus der Mittelklasse.“

Wahre Geschichte. Mit wachsender Popularität wagt sich MC Carol auch an neue Themen in ihrer Musik. Während sie bisher hauptsächlich Genderverhältnisse und ihre eigene Sexualität thematisierte, schlägt sie mit ihrer aktuellen Single eine inhaltlich ganz andere Richtung ein. „Não foi o Cabral“ (Es war nicht Cabral) kritisiert die im schulischen Geschichtsunterricht vermittelte Idee, dass Brasilien vom Portugiesen Pedro Álvares Cabral „entdeckt“ wurde, obgleich vor dessen Ankunft bereits mindestens vier Millionen Menschen dort lebten.
Über die Entstehungsgeschichte des Songs erzählt MC Carol im Gespräch: „In einem Interview wurde ich zu meiner Schulzeit befragt. Ich sagte, dass ich sehr rebellisch war und vor allem viel mit meiner Geschichtslehrerin über die vermeintliche „Entdeckung“ Brasiliens diskutiert habe. Die Interviewerinnen fragten dann, warum ich nicht ein Lied darüber schreibe. Ich dachte erst, dass das nichts mit dem zu tun hat, was ich vorher gemacht hatte. Kaum zu Hause angekommen, hatte ich aber erste Ideen dazu im Kopf, habe sie niedergeschrieben, in die sozialen Netzwerke
gestellt und innerhalb eines Monats wurde ich dann quasi in ganz Brasilien gebucht.“

Caren Miesenberger lebt, studiert und arbeitet in Hamburg, tat dies aber bis vor Kurzem für ein Jahr in Rio de Janeiro. Sie hat viel journalistisch, an der Uni und im Filmbereich gearbeitet.

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