VI / 2016 – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de Wed, 29 Jul 2020 20:17:20 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.0 https://ansch.4lima.de/wp-content/uploads/2024/10/cropped-favicon-32x32.png VI / 2016 – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de 32 32 „Arbeitszeitverkürzung ist das Thema der Zeit“ https://ansch.4lima.de/arbeitszeitverkuerzung-ist-das-thema-der-zeit/ https://ansch.4lima.de/arbeitszeitverkuerzung-ist-das-thema-der-zeit/#respond Sun, 05 Mar 2017 13:26:47 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=8433 Sabine Oberhauser © Denise BeerInterview: Die Pläne der neuen Frauenministerin SABINE OBERHAUSER. Von DENISE BEER und GABI HORAK]]> Sabine Oberhauser © Denise Beer

SABINE OBERHAUSER ist neue Frauenministerin in Österreich. DENISE BEER und GABI HORAK trafen sie zum Interview. Mitarbeit: BETTINA ENZENHOFER

 

Erst seit wenigen Tagen ist Sabine Oberhauser offiziell für die Frauenagenden zuständig, aber Türschilder und Logos sind bereits im ganzen Haus ausgetauscht. „Ministerium Frauen Gesundheit“ steht hier – diese Reihenfolge war der neuen Frauenministerin wichtig. Sabine Oberhauser spricht sehr offen darüber, was ihrer Meinung nach in der Realpolitik möglich ist und was nicht. Auf so manche Detailfrage kommt ein ehrliches „Das weiß ich nicht“ als Antwort, und ihre Sprecherin notiert das Thema für spätere Recherchen. Wir werden darauf zurückkommen …

an.schläge: Frau Oberhauser, bräuchte es nicht ein eigenständiges Frauenministerium?

Sabine Oberhauser: Es ist zeitlich schwierig, aber aus der täglichen politischen Arbeit weiß ich, dass es kein Fehler ist, zwei Bereiche zu haben. Mehr Spielmasse erleichtert das Verhandeln. Ausschlaggebend ist die finanzielle Ausgestaltung. Im Herbst bei den Budgetverhandlungen können wir Bundeskanzler Kern daran messen, ob er sein Vorhaben durchsetzt, das Frauenbudget anzuheben.

Welche Schwerpunkte wollen Sie setzen?

Meine Schwerpunkte liegen einerseits beim Arbeitsmarkt, Weiterentwicklung bei der Einkommensschere, Einkommensberichte, Teilzeitquote. Im Herbst werden wir einen Aktionsplan Frauengesundheit vorstellen, den Gabi Heinisch-Hosek und ich noch gemeinsam entworfen haben. Ein weiterer Schwerpunkt sind Maßnahmen gegen Gewalt. Wir werden zunächst versuchen, den Frauennotruf vermehrt ins Spiel zu bringen, außerdem ist eine Homepage als Meldestelle geplant. Ich denke, dass wir hier sehr rasch aktiv werden müssen. Mir wird berichtet, dass die Distanzlosigkeit gegenüber Frauen, das Begrapschen und Beschimpfen, eine völlig neue Dimension bekommt. Da ändert sich etwas – nicht nur bei Migranten, da ziehen unsere österreichischen Machos gut mit. Wir müssen in Aufklärungskampagnen und Unterstützung investieren. Man muss vermehrt auf verbale Konfliktlösungen hinweisen. Das aktuelle Gewaltschutzprogramm zu Cyber-Gewalt haben Innenminister, Justizminister, Staatssekretärin Muna Duzdar und ich gemeinsam in den Ministerrat eingebracht. Wir wollen das zum Thema der gesamten Bundesregierung machen.

Ist auch daran gedacht, sich die gesetzlichen Regelungen zum Gewaltschutz genauer anzusehen?

Ich bin keine Juristin, aber es versichern mir alle Juristinnen und auch das Justizministerium, dass das österreichische Strafgesetz relativ viel hergibt. Da sind wir in Europa Vorreiter.

Die Teilzeitquote bei Frauen liegt derzeit bei 48 Prozent. Haben Sie konkrete Pläne, um die Vollzeitbeschäftigung bei Frauen zu erhöhen?

Nein. Denn wenn es diese konkreten Pläne gäbe, dann hätte die schon jemand vor mir entwickelt. Ich glaube, man muss differenzieren: Um welche Art von Teilzeit handelt es sich? Das wird in den Statistiken kaum ausgewiesen – alles was unter vierzig Stunden fällt, gilt als Teilzeit. Und es fehlt qualifizierte Kinderbetreuung, gerade bei den Unter-Dreijährigen.

Braucht es hier nicht langsam einen mutigen, großen Schritt, damit jedes Kind in jedem Bundesland gleich qualifizierte Kinderbetreuung vorfindet?

Und wer zahlt? Kinderbetreuung ist Ländersache. Was der Bund tun kann, geht über den Finanzausgleich. Das Gratis-Kindergartenjahr wurde so durchgesetzt. Es wird vom Bund Geld in die Hand genommen, aber es scheitert, wie so viele Dinge in Österreich, an der Frage der Zuständigkeiten.

Würden Sie eine allgemeine Reduzierung der Arbeitszeit unterstützen?

Ja, natürlich. Eine Arbeitszeitverkürzung und neue Aufteilung der Arbeitszeit ist das Thema der Zeit. Alleine die Überstunden: Wenn wir uns überlegen, wie viele Männer vierzig Stunden plus und Überstunden arbeiten, weiß man, dass genug Arbeit da wäre, man müsste sie nur anders verteilen.

Der Koalitionspartner möchte das Frauenpensionsalter lieber heute als morgen anheben. Sind Sie dafür zu haben?

Nein.

 

Sabine Oberhauser © Denise Beer
Sabine Oberhauser © Denise Beer

 

Die diskutierte Kürzung/Deckelung der Mindestsicherung träfe fast ausschließlich Kinder und Alleinerziehende. Würden Sie Ihre Unterschrift unter so eine Gesetzesänderung setzen?

Nein. Auch andere im Ministerrat würden das nicht tun.

Für den Ausbau der Ganztagsschule wurden 750 Millionen lockergemacht. Aus der ÖVP gibt es unterschiedliche Signale, ob damit Nachmittagsbetreuung in der Schule oder eine echte, verschränkte Ganztagsschule gemeint ist.

Der Ideologiestreit ist nicht beendet, den kann man auch mit einer Milliarde Euro nicht beenden. Es ist ein Kompromiss in einer Regierung, in der zwei Parteien sehr unterschiedlich denken. Ich glaube, dass mit der flächendeckenden, verschränkten Schulform zunächst nicht alle glücklich wären. Aber ich bin felsenfest von den Vorteilen überzeugt. Es macht die Unterschiede der Herkunftsfamilien wett.

Ist es ihr Ziel, den Schwangerschaftsabbruch auf Krankenschein durchzusetzen?

Nein. Es ist ganz klar definiert, was Krankenbehandlung ist. Die Krankenkasse kommt weder für Prävention von Schwangerschaft noch für einen Schwangerschaftsabbruch auf. Außer bei Gefahr für Mutter oder Kind – dann ist es eine Therapie. Was aber wichtig ist: darauf zu drängen, in allen Bundesländern Möglichkeiten zu schaffen, dass Frauen Zugang zum Schwangerschaftsabbruch haben. Was man sich möglicherweise überlegen müsste, ist eine soziale Staffelung bei den Preisen.

Die Forderung, dass es in allen Bundesländern Krankenhäuser geben muss, die einen Abbruch vornehmen, gibt es schon lange …

Ja, aber wir haben keinen Durchgriff.

Auch in der Ausbildung der ÄrztInnen gibt es Lücken, manche lernen gar nicht, wie ein Schwangerschaftsabbruch durchgeführt wird.

Weil dieser immer noch strafbar und nur bis zur zwölften Woche straffrei gestellt ist. Und weil auch nur jene Ärzte darin ausgebildet werden, die das auch wollen. Das ist geübte Praxis und ich halte das nicht für schlecht. Ärzte können sagen, dass sie es aus moralisch-ethischen Gründen nicht wollen. Dieses Recht steht ihnen zu. Es liegt dann auch in der Verantwortung des Spitalsträgers, ausgebildete Ärzte anzustellen. Wenn der Spitalsträger keine Abbrüche anbieten will, kann ich das nicht beeinflussen.

Soll der Schwangerschaftsabbruch aus dem Strafgesetz gestrichen werden?

Das ist in der derzeitigen politischen Situation nicht durchsetzbar. Mit allen Parteien, außer den Grünen – und auch da bin ich mir nicht sicher. Im Umgang mit dem Schwangerschaftsabbruch habe ich gelernt: Am besten man belässt es, wie es ist. Es wird nicht besser! Dann kommen nur noch mehr Entschließungsanträge zu Verschärfungen als jetzt schon.

Im Mai 2013 hat die SPÖ ein Positionspapier zu Intersexualität veröffentlicht. Warum sind in Österreich immer noch geschlechtsanpassende Eingriffe an Kindern erlaubt?

Die Frage des dritten Geschlechts, wie es das in vielen Ländern schon gibt, muss man sich anschauen. Wie entscheide ich als Eltern, wenn das Kind nicht entscheiden kann? Kann und darf man Eltern dazu bringen, ihr Kind bis zum 16. Lebensjahr ohne geschlechtliche Zuordnung großzuziehen? Wie hält eine Familie das aus? Man muss auch immer den ländlichen Raum mitbedenken, der sehr konservative Strukturen hat. Deshalb verstehe ich Eltern, die das möglichst rasch entscheiden wollen.

Die Frage ist: Hat das Recht des Kindes auf körperliche Unversehrtheit Vorrang?

Ja, aber es gibt auch das Recht des Kindes auf ein Leben in der Familie. Und wenn eine Familie so etwas nicht aushält, ist die Frage, wie die Unversehrtheit des Kindes zwar körperlich besteht, aber dafür seelisch nicht.

Es gibt nur rund sieben Prozent Bürgermeisterinnen. Wie können wir das ändern?

Indem wir versuchen, langsam die männliche Definition von Arbeit und Politik in eine weibliche Definition umzuwandeln. Die Frage ist, ob es notwendig ist, dass der Bürgermeister am Wochenende bei jedem Festl sitzt. Viele Frauen kennen nur die männliche Art der Führung: Sitzungen bis in die Nacht, ständige Verfügbarkeit. Es gibt Firmen, da finden Meetings nur zwischen 9 und 16 Uhr statt. Das würde schon viel Druck wegnehmen.

Schließen Sie als Frauenministerin eine Koalition mit der FPÖ aus?

Wir erarbeiten Kriterien, nach denen wir entscheiden, mit wem die Sozialdemokratie in eine Koalition geht. Und wenn jemand Frauen nicht als gleichwertige Partner im System betrachtet, Frauenhäuser als das Ende der Ehe bezeichnet und von Genderwahnsinn spricht, dann glaub ich nicht, dass die SPÖ mit so einer Partei im Bund koalieren sollte. Mit der derzeitigen FPÖ gibt es keine Berührungspunkte in der Frauenpolitik.

 

Sabine Oberhauser (SPÖ) ist seit 2014 Gesundheitsministerin, zusätzlich übernahm sie am 1. Juli im Zuge eines größeren Umbaus im Regierungsteam durch den neuen Bundeskanzler Christian Kern auch die Frauenagenden.

 

 

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an.sage: Macht und Ohnmacht https://ansch.4lima.de/an-sage-macht-und-ohnmacht/ https://ansch.4lima.de/an-sage-macht-und-ohnmacht/#comments Sat, 03 Sep 2016 11:19:05 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=7804 Fiona Sara Schmidt © www.fotoweinwurm.atAmok und Männergewalt. Von FIONA SARA SCHMIDT]]> Fiona Sara Schmidt © www.fotoweinwurm.at

Ein Kommentar von FIONA SARA SCHMIDT

 

„Es ist ein Tagebuch des Schreckens. 36 Vorfälle hat die 45-jährige Architektin allein in den acht Wochen zwischen Mitte August und Anfang September vergangenen Jahres minutengenau dokumentiert“, berichtet die „Süddeutsche Zeitung“. Nun wurde sie in München erstochen. Der mutmaßliche Mörder ist ein ehemaliger Kollege, mit dem sie vor Jahren eine Beziehung hatte. Sechs Jahre lang stellt er ihr nach, sie zieht mehrfach um, wechselt die Nummer, es gibt ein gerichtliches Kontakt- und Näherungsverbot. Zwei Tage vor dem Gerichtstermin, bei dem das Nachstellen und Bedrohen verhandelt werden sollte, ist sie tot. „Nicht das Opfer soll sein Verhalten ändern müssen, sondern der Täter“, sagte Justizminister Heiko Maas, als er kürzlich eine Gesetzesänderung des sogenannten Stalking-Paragrafen ankündigte.
2014 tötete ein 22-jähriger Student an einer Universität in Kalifornien sechs Menschen. Vorab hatte er einen „Krieg gegen die Frauen“ angekündigt: „Wenn ich euch Mädchen nicht haben kann, werde ich euch vernichten.“ Der Mann, der 2015 mit dem Auto durch die Grazer Innenstadt raste und drei Menschen tötete, war wegen Gewalt gegen seine Partnerin polizeibekannt, sie lebte im Frauenhaus. Auch der Attentäter von Nizza wurde mehrfach von seiner Frau angezeigt.
Häufig sind es junge Männer, die morden, und häufig haben ihre Motive mit massiven narzisstischen Kränkungen zu tun. Machtdemonstration mittels Waffengewalt soll ihre Handlungsfähigkeit wiederherstellen. Der Sozialwissenschaftler und Geschlechterforscher Paul Scheibelhofer sagte im Interview mit dem „Kurier“: „Das hat wohl auch damit zu tun, dass Männer unter herrschenden Bedingungen vermittelt bekommen, dass sie Anspruch haben. Auf Macht. Auf Frauen. Auf Erfolg. Auf Kontrolle. Viele Männer profitieren tagtäglich von diesen Versprechen und beziehen daraus auch Handlungssicherheit als Mann. Wenn es im realen Leben aber nicht gelingt, diese Ansprüche einzulösen, kann dadurch ebendiese Sicherheit infrage gestellt werden.“ Ob es sich um Gewalt gegen die eigene Partnerin, Selbstmordattentate, sogenannte School Shootings oder Amokläufe handelt: Viele Täter sind schon lange vorher als aggressiv aufgefallen, waren in therapeutischer Behandlung und nahmen teilweise Medikamente, sie waren einsam, schlecht integriert und hingen offen neonazistischen oder islamistischen Ideologien an.

 

Fiona Sara Schmidt
Fiona Sara Schmidt

 

Gewalt gegen Frauen und Kinder, Terrorismus und Amok weisen Überschneidungen auf, zusätzlich dazu, dass die Täter in der Regel männlich sind. Es geht um Machtdemonstration und Rache gegen jene Gruppe von Personen, die für das eigene Scheitern verantwortlich gemacht wird. „Die von Amok und Terror heimgesuchten Gesellschaften haben sich inzwischen darauf geeinigt, die Täter in zwei Kategorien einzuteilen: den ‚religiös motivierten Terroristen‘ und den ‚psychisch gestörten Einzeltäter‘“, schreibt der Sozialwissenschaftler Götz Eisenberg in der „Jungen Welt“. Diese Etikettierung habe den unschätzbaren Vorteil, dass die herrschenden gesellschaftlichen Zustände nicht mit diesen Taten in Zusammenhang gebracht werden. Die unbegreifliche Tat wird individualisiert oder der Täter als krank pathologisiert und damit außerhalb des gesellschaftlichen Systems verhandelt. Wie der Männlichkeitsforscher Scheibelhofer glaubt auch Eisenberg, dass die Grenzen von Amok und politisch motiviertem Terror in Zukunft verschwimmen. Die IS-Ideologie diene manchen dazu, die eigene Tat zu legitimieren und den eigenen unbestimmten Hass in einen größeren Zusammenhang einzubetten.
Präventionsangebote wie das Berliner Leaking-Projekt der Freien Universität, das eine Schulstudie zu Tatfantasien durchführt, die „durchsickern“, können ein Anfang sein, denn Amokläufe geschehen meist angekündigt. Und auch viele Morde wie zuletzt in München haben eine Vorgeschichte. Etwa dreißig Frauen werden jährlich in Österreich vom (Ex-)Partner ermordet. In Deutschland sind die Hälfte der Mörder von Frauen deren Lebenspartner. Die Morde sind Hassverbrechen, es ist immer noch viel zu oft die Rede von „Erweitertem Suizid“ oder einer „Familientragödie“. Wir brauchen eine Kultur der Prävention – mit mehr Geld für Beratungsstellen und Frauenhäuser.

 

 

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Feminist Superheroines: Margaret Hamilton https://ansch.4lima.de/feminist-superheroines-margaret-hamilton/ https://ansch.4lima.de/feminist-superheroines-margaret-hamilton/#respond Sat, 03 Sep 2016 11:17:09 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=7802 Illustration: Lina Walde, http://linawalde.tumblr.comEine radikale Revolutionärin der Raketentechnologie. Von VERENA KETTNER]]> Illustration: Lina Walde, http://linawalde.tumblr.com

Programmiererin, Mutter, Pionierin. Margaret Hamilton (* 17.8.1936) wählte einen für eine junge Frau in den 1960er-Jahren sehr ungewöhnlichen Lebensweg: Anstatt zu Hause den Ehemann und die kleine Tochter zu versorgen, nahm sie einen Job am MIT an und arbeitete für das „Apollo Space Program“. Im Labor entwickelte sie Software, während ihre Tochter spielte oder schlief. Hamiltons radikaler Revolution der Raketentechnologie ist es zu verdanken, dass die Apollo-Mission glückte und Neil Armstrong als erster Mensch 1969 heil den Mond betreten konnte.

 

Illustration: Lina Walde, http://linawalde.tumblr.com
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Mind the Gap! https://ansch.4lima.de/mind-the-gap/ https://ansch.4lima.de/mind-the-gap/#respond Sat, 03 Sep 2016 10:56:50 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=7808 „Body“ von Malgorz- ata Szumowska © Nowhere SP.Z.o.o.Für eine (geschlechter-)gerechte Kulturpolitik. Von DANIELA KOWEINDL]]> „Body“ von Malgorz- ata Szumowska © Nowhere SP.Z.o.o.

60.000 Euro für alle! Für eine (geschlechter-)gerechte Kulturpolitik. Von DANIELA KOWEINDL

 

Wieder einmal ein Gender Pay Gap festgestellt. Gähnen? Augenverdrehen? Ärger! Der Deutsche Kulturrat hat im Juni eine 500 Seiten starke Studie zu Frauen* in Kultur und Medien veröffentlicht. Ernüchterndes Fazit: Im Schnitt erhalten Frauen* 24 Prozent weniger Geld für die gleiche Arbeit. Positiv entwickelt habe sich in den vergangenen zwanzig Jahren immerhin die Präsenz von Frauen* in so gut wie allen Bereichen – wenn auch weiterhin ganz klassische Frauen*- und Männerdomänen existieren und in hierarchisch strukturierten Institutionen bedeutend weniger Frauen* an der Spitze stehen. Damit das anders wird, fehlen in der Studie auch Lösungsvorschläge nicht. Deutschlands Kulturstaatsministerin Monika Grütters hat hierzu einen runden Tisch angekündigt.

5.000 Euro Jahresgehalt. In Österreich gibt es keine vergleichbare Studie, keine topaktuellen Zahlen – von zwei jüngst veröffentlichten Untersuchungen im Filmbereich einmal abgesehen. Aber was ergab noch mal die letzte Studie zur sozialen Lage der Künstler_innen aus dem Jahr 2008? Die Armutsgefährdung von Kunstschaffenden ist fünfmal so hoch wie die der Erwerbstätigen insgesamt. Künstler_innen, insbesondere kunstschaffenden Frauen*, fehlt besonders oft eine Pflichtversicherung in der Krankenversicherung (22,2 Prozent der Künstlerinnen gegenüber 13,6 Prozent der Künstler) – eine Folge davon, dass ihr Erwerbseinkommen noch geringer ist als das ihrer Kollegen. Sie haben deutlich seltener einen eigenen Arbeitsraum und seltener Kinder als Künstler. Sie haben häufiger eine kunstspezifische Ausbildung abgeschlossen und absolvieren markant öfter Weiterbildungen. Doch das hilft ihnen ökonomisch nicht: Der Median des Jahreseinkommens von Künstlerinnen lag bei 10.700 Euro netto, Gender Pay Gap 26 Prozent. In der freien Kulturarbeit wiederum fällt auf: 52 Prozent der bezahlten Mitarbeiterinnen und 59 Prozent der bezahlten Mitarbeiter verdienen mit freier Kulturarbeit unter 5.000 Euro pro Jahr (!) – von prekären Zuständen ist dort auch angesichts der vorherrschenden prekarisierten Beschäftigungsverhältnisse zu sprechen.

Was tun? So weit, so reformbedürftig. Was also muss gute Kulturpolitik leisten? Reichtum für alle ermöglichen? Eindeutig mehr. Sie muss unmittelbaren und mittelbaren Ausschlussmechanismen und Diskriminierungen entgegenwirken, soziale Sicherheiten schaffen, Vielfalt zulassen, die Einbeziehung von Kunst- und Kulturschaffenden in kulturpolitische Entscheidungsprozesse ermöglichen, eine transparente Mittelverwendung und Fördersymmetrien verwirklichen usw. usf. Konsequente Auseinandersetzung mit den Akteur_innen im Kunst- und Kulturfeld und ihren Rahmenbedingungen inklusive.
Apropos Auseinandersetzung: Die erwähnte Studie aus dem Jahr 2008 und die daraufhin unter der damaligen Kulturministerin Claudia Schmied einberufenen interministeriellen Arbeitsgruppen (die sogenannten IMAGs) haben bei den Interessenvertretungen der Kunst-, Kultur- und Medienschaffenden in Österreich zur Produktion von Forderungspapieren am laufenden Band geführt. 42 Monate IMAG und siebzig Sitzungen später resümierte der Kulturrat Österreich: „Leider sind die bisher erzielten Ergebnisse des großangelegten Prozesses kleinteilig und schmal. In einigen Themenbereichen wurden überhaupt keine Maßnahmen gesetzt und in anderen konnten nicht einmal gemeinsame Ziele definiert werden, sodass es insgesamt zu keiner grundlegenden Veränderung der Rahmenbedingungen künstlerischer Arbeit gekommen ist.“ Eine Broschüre hielt im Dezember 2012 den Status quo des zum Stillstand gekommenen Arbeitsprozesses und das dabei erworbene Knowhow fest. Sich diese Baustellen (einmal mehr) auf die Agenda zu setzen, täte nicht nur Kulturpolitiker_innen richtig gut. Die Materien betreffen auch andere Ressorts, auch neue Erfordernisse und Themen sind hinzugekommen: von A wie Arbeitslosenversicherung bis U wie Urheber_innenrecht.

 

„Body“ von Malgorz- ata Szumowska © Nowhere SP.Z.o.o.
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A bis U. Arbeitslos ist, wer eine Erwerbstätigkeit oder Beschäftigung beendet hat, keine weitere ausübt und nicht mehr einer Pflichtversicherung unterliegt. Warum aber muss jeder Zuverdienst zum existenziellen Damoklesschwert fürs Arbeitslosgeld werden? Wo bleiben endlich Handhabungen, die sinnvoll auf Mehrfachbeschäftigung reagieren, und Regelungen, die bei regelmäßigen Kurz- und Kürzestbeschäftigungen überhaupt ein Erreichen eines Anspruchs auf Arbeitslosengeld erwirken?
Für die freie Szene und zeitgenössische Kunst stehen lediglich ein Bruchteil des Kunst- und Kulturbudgets zur Verfügung. Wieso ist nicht selbstverständlich, dass Subventionen angemessene Honorare und Gehälter abdecken können müssen? Schon mal von Kollektivverträgen und Honorarrichtlinien gehört?
Österreich hat 2006 das UNESCO-Übereinkommen über den Schutz und die Förderung der Vielfalt kultureller Ausdrucksformen unterzeichnet und sich damit zur Förderung des internationalen Kulturaustausches durch Erleichterung der Mobilität von Künstler_innen, Kulturschaffenden und anderen im Kulturbereich Tätigen verpflichtet – insbesondere durch bevorzugte Behandlung von Künstler_innen aus den Ländern des globalen Südens. Warum also verhindern rassistische Fremdenrechtsgesetze noch immer regelmäßig Einreise und Aufenthalt von Künstler_innen ohne EU-Pass? Wie kann es sein, dass die im Verfassungsrang stehende Freiheit der Kunst – die auch das Recht umfasst, den Ort des künstlerischen Schaffens frei zu wählen – von Sicherheitspolizei- und Fremdenrechtsgesetzen ausgehebelt wird?!
Ein weiteres heißes Eisen bleibt das Urheber_innenrecht. Wie steht es um die angemessene Vergütung, den Ausgleich der finanziellen Interessen zwischen Produzent_innen und Künstler_innen sowie die Verbesserung der Verhandlungsposition der Urheber_innen gegenüber den Verwerter_innen? Urheber_innenvertragsrecht und Ausstellungsvergütung sowie Streichung der cessio legis (wonach bei Filmen sämtliche Verwertungsrechte automatisch bei der Produzent_in liegen) warten noch immer auf entsprechende Gesetzesadaptierungen.

Gender und Geld. Und Frauenpolitik? „In der österreichischen Kunst- und Kulturszene können Frauen* noch immer nicht den Platz einnehmen, der ihnen gebührt. Die Arbeit von Künstlerinnen und Kulturarbeiterinnen findet weder die entsprechende Beachtung noch die adäquate monetäre Abgeltung“, konstatierte vor zehn Jahren die damalige Bundesvernetzung kunst- und kulturschaffender Frauen*. Hat sich das etwa geändert? Ist die Dominanz von alten weißen Männern in Spitzenpositionen gebrochen? Wo bleibt eine offensive Förderung von feministischen Projekten und Strukturen, wo die bindenden Gender-Kriterien für Fördernehmer_innen öffentlicher Subventionen? Und wo – so simpel, so wunderbar budgetneutral – der konsequente, geschlechtersensible Sprachgebrauch? By the way: Im Künstler(!)sozialversicherungsfondsgesetz haben die Künstler im Zuge einer Novelle 2008 erstmals ein angehängtes „Innen“ verpasst bekommen. Beim Geschäftsführer wiederum ist der geschlechtersensible Sprachgebrauch im selben Gesetzestext bis heute nicht angekommen. Immerhin hat die Praxis dennoch Realitäten geschafft. Seit 2015 ist erstmals eine Frau in dieser Position.
Wer findet schließlich überhaupt den (beruflichen) Weg in das weite Feld von Kunst, Kultur und auch Medien? Die Mehrzahl der Künstler_innen ordnet ihre soziale Herkunft der Mittelschicht zu. Fast jede_r dritte Künstler_in hat mindestens ein Elternteil, das selbst Künstler_in ist. Lediglich 6,8 Prozent haben einen Hilfsarbeiter zum Vater. Fragen der Teilhabe betreffen nicht nur diejenigen, die sie produzieren, sondern genauso jene, die Kunst und Kultur rezipieren. Wenn der Zugang zu Kunst und Kultur aber am Geld scheitert, sind mitunter schon die Jüngsten ausgeschlossen. Warum also ist beispielsweise die Teilnahme an der Initiative „Freier Eintritt bis 19“ der Kultursektion im Bundeskanzleramt nicht Subventionsbedingung?
Und da ist sie wieder, die Sache mit dem Geld, denn: „Etwas Geld brauchen wir alle. 60.000 Euro im Jahr reichen“, um es mit den Worten von Hanzej Butchovski jüngst bei einer Performance anlässlich einer Buchpräsentation in Wien zu sagen. Eine Reichtumsstudie aus dem Jahr 2010 bestätigt das, denn mehr Geld bedeute weder mehr Glück noch weniger Stress, ab 60.000 Euro würde die Lebensqualität schlicht nicht mehr steigen. Insofern: 60.000 Euro für alle! Ein Anfang.

 

Daniela Koweindl ist kulturpolitische Sprecherin der IG Bildende Kunst und im Rahmen dessen auch im Vorstand des Kulturrat Österreich aktiv.

 

Workshop „Gemeinsam handeln: und zwar feministisch! Ungleichheiten benennen und bekämpfen. Wie kann feministisches Handeln zu (Selbst-)Ermächtigung betragen? Welche Forderungen und Wünsche haben wir?“ am 29.9., IG Bildende Kunst Wien.
Anmeldung: office@igbildendekunst.at,
www.igbildendekunst.at/politik/feminismus

 

www.igbildendekunst.at

www.frauenkultur.at

www.kulturrat.at

www.kulturrat.de

 

 

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30 Euro pro Führung https://ansch.4lima.de/30-euro-pro-fuehrung/ https://ansch.4lima.de/30-euro-pro-fuehrung/#comments Sat, 03 Sep 2016 10:14:43 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=7812 Komponistin Olga Neuwirth © Harald Hofmann.com / Olga NeuwirthPrekäre Beschäftigung im Kassahäuschen. Von GABI HORAK]]> Komponistin Olga Neuwirth © Harald Hofmann.com / Olga Neuwirth

Sie verkaufen Karten, machen Museumsführungen, verwalten und organisieren unsichtbar im Hintergrund, damit die Kunst strahlend präsentiert werden kann. Doch die Arbeitsbedingungen in Kunst- und Kulturbetrieben sind oft mies. GABI HORAK hat mit Kulturarbeiterinnen gesprochen.

 

MitarbeiterInnen der Tate Gallery in London haben kürzlich in einer losen Kommentar-Reihe im „Guardian“ (1) über ihre Arbeitsbedingungen berichtet. Nullstundenverträge (also Bezahlung nur dann, wenn die Leistung gerade gebraucht wird), unregelmäßige Arbeitszeiten ohne Anspruch auf Krankenstand, Fixanstellung oder bezahlten Urlaub sind hier Standard. Die Menschen müssen ihr gesamtes Privatleben den Bedürfnissen und Bedingungen des Unternehmens unterordnen. Auch in Österreich ist das große Aushängeschild Kultur ein in weiten Teilen prekäres Arbeitsfeld, in dem gut und oft akademisch ausgebildete Arbeitskräfte unter oder gerade noch auf Mindestlohnniveau arbeiten. Der Grund dafür ist einerseits, dass es im Kulturbereich viele Jobs gibt, die in keinen Kollektivvertrag fallen. Andererseits kämpfen viele Institutionen, vor allem in der freien Szene oder in privat geführten Vereinen, mit finanziellen Problemen. Da ist die gesetzlich vorgeschriebene halbe Stunde Mittagspause ebenso wenig selbstverständlich wie die Duldung eines Betriebsrates. Betroffene klagen über chronische, stressbedingte Krankheiten und Rechtfertigungsdruck bei Krankenständen oder Urlaub.

Lebenslang prekär. Leider sind miserable Arbeitsbedingungen nicht nur in der freien Szene gang und gäbe. „Eigentlich habe ich einen Abschluss in Geschichte und Theaterwissenschaft, aber nachdem ich schon während des Studiums angefangen habe, nebenbei in einem Kulturbetrieb zu arbeiten, bin ich letztendlich hängengeblieben. Eigentlich unterscheidet sich die Arbeit an der Kassa in einer Kultureinrichtung nicht sehr von der Tätigkeit einer Supermarktverkäuferin, mit dem Unterschied, dass wir hier Kunst und keine Lebensmittel verkaufen“, erzählt Katrin (2), die seit einigen Jahren in einer renommierten Kulturinstitution tätig ist. Von vielen Ideen und Zukunftsvisionen beseelt, bleiben viele Studierende der Geisteswissenschaften auch nach Abschluss des Studiums, weil es einfach keinen Arbeitsmarkt für sie gibt. „Die Bezahlung ist bescheiden und der Dienstplan teilweise so unregelmäßig, dass man sich das Privatleben um den Job herum bauen muss“, sagt Katrin. „Während andere am Wochenende frei haben, sitzt man hier teilweise auch an Samstagen und/oder Sonntagen zusätzlich zu den obligatorischen Wochenstunden in der Arbeit.“
Auch in der Kulturvermittlung arbeiten bestens ausgebildete Akademikerinnen, viele von ihnen machen den Job auf Werkvertrag oder als freie Dienstnehmerinnen und oftmals als Zuverdienst zu Arbeitslosengeld oder Notstandshilfe. Ulli Fuchs ist fünfzig Jahre alt, studierte und renommierte Volkskundlerin. Sie hat die IG Kultur Wien als Interessensgemeinschaft für autonome Kulturarbeit mitgegründet und aufgebaut und sich für Verbesserungen der Arbeitsbedingungen eingesetzt. Derzeit lebt sie – wie viele bisherige Jahre ihres Berufslebens – von der Notstandshilfe und geringfügigen Honoraren. „Ich werde wohl keine adäquate Anstellung mehr finden – auch weil ich zu unbequem bin.“ Ulli Fuchs war als unabhängige Gewerkschafterin aktiv und hat sich für prekär Beschäftigte eingesetzt. Die hohe Arbeitslosenquote bei AkademikerInnen sei unter anderem auf die Aufnahmesperre im öffentlichen Dienst zurückzuführen, ist sie überzeugt: „Da wird auch nach Pensionierungen nicht nachbesetzt, sondern das Team muss die Arbeit auffangen. So werden überarbeitete ArbeitnehmerInnen produziert und gleichzeitig finden die Jungen keinen Job.“
In den 1980ern haben oft Studierende und PensionistInnen Führungen in den Museen geleitet, „das war ein willkommener Zuverdienst“, erzählt Fuchs. „Heute werden wieder vermehrt junge Praktikantinnen und Seniorinnen für die Vermittlung herangezogen – allerdings völlig unbezahlt.“

Unterbezahlt und krank. Charlotte (2) war für zwanzig Stunden in einem kleinen Theaterbetrieb angestellt, „aber das Gehalt war schlechter als bei einem Praktikum“, erzählt sie. „Meine Kernaufgaben, zumindest auf dem Papier, waren Assistenz der Geschäftsführung im Sinne von Akquirieren neuer Geldgeber und allgemeine Unterstützung in den täglichen Arbeitsabläufen. Mir wurde versprochen, als Regieassistentin an neuen Stücken mitarbeiten zu dürfen.“ Tatsächlich hatte ihre Arbeitswoche oft sechzig Stunden und in dieser Zeit hat sie Buchhaltungsaufgaben übernommen, Newsletter geschrieben, Kaffee gekocht und Brötchen geschmiert, wenn Regisseure eingeladen waren. An den Gesprächen aktiv teilnehmen durfte sie aber nicht. „Da meine Chefin sehr jähzornig war, hab ich mich, teilweise wegen Kleinigkeiten wie einer kaputten Glühbirne, drei Jahre lang anschreien und teilweise demütigen lassen, weil ich immer gehofft habe, dass es irgendwann besser wird.“
Auch Irina (2) war begeistert, als sie nach dem Abschluss an der Angewandten für das Bühnenbild bei einer kleinen Operntruppe engagiert wurde. Das Gehalt war „ein Witz“, doch der Verein versicherte, bald kämen Subventionen. Irina bezahlte ihre Materialien für die Bühne vorerst aus der eigenen Tasche. „Dann hieß es, das Geld kommt doch nicht in der Höhe wie erwartet und ich solle mir Alternativen bezüglich der Materialkosten überlegen. Da hab ich mich über Baustellen und Mülldeponien hergemacht, auf der Suche nach geeignetem Schrott für meine Bühnenkonstruktionen.“ Auf den anfänglichen Kosten blieb sie sitzen, doch „mein Honorar hat nicht einmal die Hälfte davon abgedeckt“.
„Wenn ich noch mal anfangen könnte, würde ich nicht wieder im Kulturbereich anfangen zu arbeiten“, sagt Katrin, die für viele Häuser in mehreren Städten gearbeitet hat. Die Arbeit sei nicht nur schlecht bezahlt, sie mache mitunter auch krank. Katrin erzählt von einem Job an der Kassa eines großen Museums, der im Winter besonders unangenehm war: „Die Türen schlossen nicht automatisch und die meisten Gäste ließen sie offen stehen. Ich bin im Anorak dagesessen und hatte trotzdem vier Jahre lang den ganzen Winter Blasenentzündungen.“ Für kurze Zeit wurde ein kleiner Heizstrahler zur Kassa gestellt, der ging aber kaputt und wurde nicht ersetzt. Der Museumsleiter äußerte sich stets abschätzig über die Bediensteten an der Kassa und selbst der Betriebsrat hatte wenig Interesse, die Situation zu verbessern. „Niemand wollte sich um die Belange der Belegschaft kümmern, alle meinten nur: ‚Das müssen Sie selbst lösen‘.“

Fehlende Lobby. „Die Gewerkschaft, wie sie derzeit aufgestellt ist, vertritt in erster Linie angestellte Gutverdiener. Ich hab jahrelang versucht für prekär Beschäftigte etwas zu erreichen, aber das ist chancenlos.“ Ulli Fuchs war in ihrer Zeit als freiberufliche Vermittlerin Kandidatin für die unabhängige Gewerkschaftsfraktion KIV. Sie hat vier Jahre lang im WienMuseum und zehn Jahre im Volkskundemuseum als Vermittlerin gearbeitet. In dem von einem privaten Verein betriebenen Volkskundemuseum wurde sie 2002 auf Werkvertrag engagiert. Dreißig Euro war der Stundenlohn. Zehn Jahre später waren es immer noch dreißig Euro, allerdings mittlerweile pro Führung, ohne Vor- und Nachbereitungszeit. „Dann haben mehr und mehr unbezahlte Praktikantinnen die Führungen übernommen und ich hatte nur mehr fünf Führungen im Monat. Es wurde immer schlimmer und es gab keine Bereitschaft der Leitung, hier eine gute Lösung zu finden, darum musste ich gehen.“ Im öffentlich betriebenen WienMuseum war die Situation nicht wesentlich besser, auch hier begann sie 2004 auf Werkvertragsbasis. Weil die Krankenkassen wegen der fehlenden Arbeitgeberbeiträge vermehrt geprüft und auch gestraft haben, musste das Museum wie viele andere Kulturbetriebe auf freie Dienstverträge umstellen – aber nur im Geringfügigkeitsrahmen. „Das ist für die Betroffenen nicht wirklich besser, nur eine fixe Anstellung wäre besser.“ Denn der Stundenlohn für Freie sei sehr niedrig, obwohl sie davon noch selbst Versicherung und Steuern zahlen müssen. Der „Verband für KulturvermittlerInnen“ veröffentlicht zwar jährlich eine „Empfehlung“ für Honorarsätze. „Aber die sind meilenweit von der Realität entfernt“, so Fuchs.
Doch es gibt auch einige wenige positive Entwicklungen. Das Technische Museum in Wien hat alle KulturvermittlerInnen fix angestellt, erzählt Ulli Fuchs. Teamwork stehe im Vordergrund und der Betriebsrat arbeite gut. „Vielleicht liegt es daran, dass dort im Gegensatz zu allen anderen Häusern die VermittlerInnen zur Hälfte Männer sind.“

 

(1) www.theguardian.com/public-leaders-network/series/public-servant-my-letter-to-the-public

(2) Name von der Redaktion geändert

 

 

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„Die Kunst der Frau“ https://ansch.4lima.de/die-kunst-der-frau/ https://ansch.4lima.de/die-kunst-der-frau/#respond Sat, 03 Sep 2016 09:46:11 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=7814 Frauenmuseen Hittisau © Kevin Case/flickrInterview: Die Vereinigung bildender Künstlerinnen Österreichs über feministischen Kunstraum. Von FIONA SARA SCHMIDT]]> Frauenmuseen Hittisau © Kevin Case/flickr

NINA HÖCHTL und JULIA WIEGER von der Vereinigung bildender Künstlerinnen Österreichs (VBKÖ) befragen die Geschichte eines feministischen Kunstraums. Interview: FIONA SARA SCHMIDT

 

an.schläge: Wie wird die Vereinigung bildender Künstlerinnen Österreichs (VBKÖ) finanziert und wie ist sie im Vergleich zu anderen Kunstinstitutionen aufgestellt?

Nina Höchtl & Julia Wieger: Die Vereinigung bildender Künstlerinnen Österreichs (VBKÖ) ist ein selbstorganisierter Kunstraum, der vor allem durch ehrenamtliche Arbeit getragen wird. Unser Ausstellungs- und Veranstaltungsprogramm wird zum größten Teil durch einen Jahresförderung der Kunst- und Kulturabteilung des Bundeskanzleramts finanziert, 2016 unterstützt uns auch die Arbeiterkammer Wien. Trotzdem sind unsere Förderungen so niedrig, dass die organisatorische Arbeit rund um das Programm nicht bezahlt werden kann. Das sind zum Beispiel Öffentlichkeitsarbeit, die Instandhaltung der Räume, aber auch das Schreiben von Anträgen.
In der Ausstellung „Die Kunst der Frau“ ging es zuletzt genau darum. Sie ist Teil einer Serie, die sich mit den wirtschaftlichen Verhältnissen von drei historischen Künstler*innenvereinigung auseinandersetzt (Künstlerhaus, Secession und VBKÖ). Obwohl die VBKÖ aus einer ähnlichen Motivation gegründet wurde, nämlich für die künstlerische und ökonomische Förderung von Künstlerinnen in Österreich, ist sie nicht mit den beiden „großen“ Häusern vergleichbar. Während unsere Jahresförderung 24.000 Euro vom Bund und 4.000 Euro von der Stadt beträgt, bekommen Secession (220.000 Euro vom Bund und 310.000 Euro von der Stadt) und Künstlerhaus (180.000 Euro vom Bund und 380.000 Euro von der Stadt) etwa die zwanzigfache Summe an Förderungen.
Für die VBKÖ ist zur Zeit die wichtigste Frage, wie wir es schaffen könnten, eine halbe oder besser eine voll bezahlte Stelle zu finanzieren, die sich um die grundlegende Organisation kümmern kann. Dafür müsste sich unser Jahresbudget jedoch mindestens verdoppeln.

Spiegelt Ihre prekäre Situation strukturelle Schieflagen im Bereich Kunst insgesamt wider? Wie bewerten Sie die Ressourcenverteilung und Repräsentation von Frauen*?

Ja, kein Zweifel! Dazu gibt es auch immer wieder Studien und Statistiken, die die ungleiche Stellung von Frauen im Arbeitsfeld des österreichischen Kunst- und Kulturbetriebs und die Unterrepräsentation von Künstlerinnen bei internationalen Biennalen und in großen Kunstinstitutionen eindeutig aufzeigen. Diese ungleiche Situation wird durch Diskurse und Ökonomien hergestellt, die beeinflussen, welche Positionen un/sichtbar gemacht werden, welche Arbeit (gut) bezahlt wird und wer somit Zugang zu Mitteln hat.
In einer breiteren Öffentlichkeit geht es in Diskussionen über ungleiche Möglichkeiten im Kunst- und Kulturkontext sehr oft „nur“ um das Geschlecht – dabei werden die Bedingungen immer schlechter, wenn eine Person mit mehreren Diskriminierungen konfrontiert ist, wie etwa eine Diversitätsstudie der Stadt New York aufzeigt. In der VBKÖ versuchen wir unsere eigenen Privilegien im Blick zu behalten und darauf zu reagieren, dass die strukturelle Schieflage durch eine ganze Reihe von Diskriminierungen entsteht. Denn auch die Arbeit der VBKÖ ist unweigerlich in einen strukturell klassistischen und rassistischen Alltag eingebettet, mit dem eine*r umgehen muss.

 

„Dinner Party“ von Judy Chicago im Elizabeth A. Sackler Center for Feminist Art in New York © Kevin Case/flickr
„Dinner Party“ von Judy Chicago im Elizabeth A. Sackler Center for Feminist Art in New York
© Kevin Case/flickr

 

Was bedeutet für Sie, kritisch zu kuratieren?

Eine kritische Reflexion beginnt für uns wahrscheinlich mit der Frage, wie eine*r heute einen feministischen Kunstraum organisieren kann. Wir sind acht bis neun Personen im Vorstand, gemeinsam konzipieren und organisieren wir das Programm. Kritisches arbeiten heißt, die Strukturen und Machtverhältnisse immer mitzudenken – den Kunstmarkt genauso wie die eigenen Strukturen, etwa unsere Einladungspolitik. Dabei sollte die eigene Arbeit immer wieder nach Marginalisierungen befragt werden. Es ist uns zum Beispiel wichtig, dass sich der Vorstand aus Personen mit unterschiedlichen Erfahrungen und Herangehensweisen zusammensetzt, die unterschiedlichen Ideen von queerfeministischer und antirassistischer Arbeit im Kunst- und Kulturfeld haben.
Vom 30.9 bis 18.10. wird in der Hauptbücherei Wien das Projekt „A(r)mando vo(i)ces“ der Künstlerin Verena Melgarejo Weinandt stattfinden. Dort werden Zeichnungen von Gloria Anzaldúa gezeigt, die sie in den 1990er-Jahren in ihren Workshops und Vorträgen anfertigte. Sie bezeichnete sich selbst als „Chicana [eine politische Identitätsbezeichnung für aus Mexiko ab- oder stammenden Menschen, die in den USA leben], tejana [Person aus Texas], Arbeiterin*, dyke-feministische Poetin*, Autorin*-Theoretikerin*“ und navigierte als eine* nepantlera (grob übersetzt: im Zwischenraum Lebende) zwischen Welten, Identitäten, und Arten des Wissens. Anzaldúas Zeichnungen präsentiert Melgarejo Weinandt gemeinsam mit den Ergebnissen mehrerer Workshops und einem Vortrag von Yuderkys Espinosa Miñoso und einer Mini-Bibliothek.
Wir machen keine Einzelausstellungen, weil die vor allem der Logik des Kunstmarkts entsprechen. Wir arbeiten gerne mit anderen, wenn möglich kritischen feministischen Organisationen zusammen und finden es wichtig, mit Ausstellungs- und Veranstaltungsformaten offen umzugehen.

Wie wird das Thema Klasse innerhalb der VBKÖ verhandelt?

Klasse war von Anfang an ein Thema, weil ihre Gründerinnen Teil des Adels und der oberen Schichten waren. Das Gebäude, in das sich die VBKÖ 1912 einmietete (und wo sie sich noch heute befindet), gehörte den Schwestern Wittgenstein, die als Stifterinnen der VBKÖ genannt werden. Heute sind Klassen und die Ober- und Unterschichten vielleicht nicht mehr ganz so einfach zu fassen und Ausbeutung hat viele Gesichter.
In unserem Fall können wir von Selbstausbeutung sprechen. Niemand im Vorstand ist finanziell besonders gut abgesichert und manchmal stoßen wir mit der Arbeit für die VBKÖ unsere eigenen Grenzen. Es steht trotzdem die Frage im Raum, wer es sich überhaupt leisten kann, hier unbezahlt zu arbeiten. Wie können wir die Ressourcen der VBKÖ (den tollen Raum, die lange feministische Geschichte, die Netzwerke) solidarisch und verantwortlich anbieten?

Das Sekretariat für Geister, Archivpolitiken und Lücken (SKGAL) kümmert sich um „blinde Flecken“ der eigenen Geschichtsschreibung. Was passiert dabei?

Das SKGAL setzt sich seit vier Jahren mit der*n Geschichte*n und der Geschichtsschreibung der Vereinigung auseinander. Die VBKÖ wurde 1910 gegründet und hat eine lange, komplexe – teilweise sehr problematische – Geschichte. Sie war zu Beginn sehr progressiv und hat sich für die Rechte von Künstlerinnen und Frauen allgemein eingesetzt, die damals weder auf der Akademie studieren noch Mitglieder der Secession werden konnten.
In den späten 1920er-Jahren war die VBKÖ aber schon wesentlich konservativer und hat sich 1938 dazu entschieden, unter dem nationalsozialistischen Regime weiterzuarbeiten. Sie schloss ihre jüdischen Mitglieder aus und passte ihr Programm der Nazi-Ideologie an. Einen richtigen Bruch mit der nationalsozialistischen Periode gab es bis in die 1980er-Jahre eigentlich nicht.
Als Sekretariat arbeiten wir in unterschiedlichen Formaten (Lecture Performances, Workshops, Essay-Film) mit dem Archiv der VBKÖ. Wir setzen uns vor allem mit diesen unheimlichen Kontinuitäten nach 1945 auseinander. Aber auch mit dem Verhältnis zur feministischen Kunst in Wien in den 1960er- und 70er-Jahren – das es so gut wie nicht gegeben hat. Wir wollen uns selbst künstlerisch mit dieser*n Geschichte*n auseinandersetzen. Auch wenn wir uns dezidiert von den Dingen abgrenzen, gehören sie zur Frauen*geschichtsschreibung. Wir lernen mit den Gespenstern zu leben.

Können diese Strategien auch auf größere Institutionen angewandt werden, wird heute feministischer kuratiert?

Feministische Strategien treffen in großen Institutionen wahrscheinlich auf komplett andere Widerstände als wir bei uns. Über die eigenen Strukturen nachzudenken, kann nie schaden – aber davon scheinen die großen Institutionen weit entfernt! Juliane Saupe hat kürzlich die online verfügbare Diskussionsveranstaltung mit den Titel „Feministisches Kuratieren“ organisiert. (1) Ivana Marjanovic und Nataša Mackuljak arbeiten etwa beim Kulturfestival Wienwoche vor allem mit kollektiven und partizipatorischen Projekten (s. S. 17). Dabei ist ihnen wichtig, Orte in Wien mit transnationalem und transkulturellem Wissen zu involvieren.

 

Nina Höchtl ist Künstlerin und arbeitet häufig mit Künstler*innen zusammen, um Projekte zu realisieren, die versuchen neue Strategien der Kollaboration und der künstlerischen Forschung zu entwickeln.

Julia Wieger ist Architektin, arbeitet an der Akademie der bildenden Künste Wien und in selbstorganisierten, kollektiven Zusammenhängen, in denen sie sich mit den Politiken von Raumproduktion auseinandersetzt.

Im Herbst 2012 gründeten sie die Arbeitsgruppe Sekretariat für Geister, Archivpolitken und Lücken (SKGAL), mit sechs anderen bilden sie den Vorstand der VBKÖ.

 

(1) Diskussion auf Youtube: Juliane Saupe, Feministisches Kuratieren

 

 

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Die Hälfte der Leinwand https://ansch.4lima.de/die-haelfte-der-leinwand/ https://ansch.4lima.de/die-haelfte-der-leinwand/#respond Sat, 03 Sep 2016 09:33:18 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=7816 Frauen hinter der Kamera begehren auf. Von FIONA SARA SCHMIDT]]>

Branchenverbände wie FC Gloria setzen sich dafür ein, dass filmschaffende Frauen auch hinter den Kulissen gefördert werden. Von FIONA SARA SCHMIDT

 

Gibt es in dem Film mehr als eine Frau? Haben sie Namen? Und sprechen sie miteinander über etwas anderes als Männer? Der „Bechdel-Test“ ist ein praktisches Mittel, um stereotype Rollenmodelle in Spielfilmen nachzuweisen – unabhängig von ihrer sonstigen Qualität und dem Geschlechterverhältnis auf der Produktionsseite. Die meisten Blockbuster, aber auch viele Indie-Produktionen, fallen durch. In Schweden wird seit 2013 ein Sticker auf das Filmplakat geklebt, wenn ein Film den von der Comiczeichnerin Alison Bechdel erdachten Test besteht, dreißig Kinos sind dabei. Die Auswirkungen sind enorm: Acht von zehn schwedischen Filmen bekamen letztes Jahr die A-Wertung. Zwei Jahre vorher waren es lediglich zwei von zehn.

1,50 pro Stunde. Nicht nur auf der Leinwand, auch hinter der Kamera müssten sich die Verhältnisse hierzulande ändern, meint die Regisseurin Katharina Mückstein: „Wie in anderen Sparten auch, ist beim Film in allen Bereichen, die mit großer, künstlerischer und monetärer Anerkennung (Regie, Produktion) und mit Technik (Kamera, Ton, Licht) verbunden sind, das Geschlechterverhältnis im Argen. Dazu kommt noch, dass im Bereich von Kurz- Experimental- und Dokumentarfilm, wo mit kleineren Budgets gearbeitet wird, Frauen viel eher arbeiten als im hochbudgetierten Spielfilm.“
Die Verwertungsgesellschaft der Filmschaffenden hat eine aktuelle Studie zur Arbeits- und Lebenssituation ihrer Mitglieder in Österreich beauftragt. Ein Drittel der Befragten ist demnach armutsgefährdet, Dieser Anteil ist viermal so hoch wie bei der gesamten erwerbstätigen Bevölkerung. Der Gender Pay Gap wird darin auf 17 Prozent beziffert. Viele Befragte leben allein und ohne Kinder, „die Vereinbarkeit beruflicher und privater Anforderungen ist für viele Befragte ein belastendes Thema“, heißt es in der Studie. Im Juni berichtete die „Wiener Zeitung“ von Stundenlöhnen von 1,50 Euro für eine Assistentin bei einer großen Produktionsfirma, die Aussicht auf Folgeprojekte lässt viele Einsteiger_innen bei derartigen Praktiken mitspielen, die Konkurrenz ist groß und bekannte Namen im Portfolio wichtig.
Den Trend zum unbezahlten Praktikum kann auch Maria Macic bestätigen: „Ich habe kaum von einer Branche gehört, in der das so prekär ist und gleichzeitig als legitim verteidigt wird. Produktionsassistent_innen arbeiten oftmals ganztags bei einer kollektivvertragswidrigen Bezahlung oder sogar teilweise ohne Bezahlung, und das bei Projekten, bei denen ausreichend Budget vorhanden wäre.“ Sie selbst ist erst seit einem Jahr hauptberuflich in der Filmbranche tätig und beim Startup Ringeck Film als Produktionsleiterin und Assistentin der Geschäftsführung angestellt. Zwar gebe es mehr Produzenten als Produzentinnen, dennoch sei es im Bereich der Produktion leichter einen Einstieg zu finden als in manch anderen Bereichen, berichtet Macic.
Geschlechterklischees spiegeln sich in den Abteilungen wider: „Frauen haben es im technischen Bereich (z. B. Kamera, Schnitt) schwerer als im gestalterischen und organisatorischen Bereich (z. B. Ausstattung, Produktion, Maske, Kostüm).“ Die Preise fallen wegen der vielen Einsteigerinnen in der Medienbranche weiter, ihnen steht eine geringe Nachfrage gegenüber: Nur fünf Prozent der Kinobesucher_innen gehen ins Kino, um einen österreichischen Film anzusehen.

 

Aktivistin und Schauspielerin Neele Buchholz © Daniela Buchholz/tanzbild
Aktivistin und Schauspielerin Neele Buchholz © Daniela Buchholz/tanzbild

 

Sichtbare Vorbilder. In Deutschland wird jeder zehnte Primetime-Fernsehfilm und jeder fünfte Kinofilm von einer Frau inszeniert. Der Verein Pro Quote Regie will das ändern, er kann prominente Unterstützerinnen vorweisen. In Schweden funktioniert eine Förderung über die Quote gut, der Verein FC Gloria fordert ein ähnliches Modell, er setzt sich für „die Wahrnehmung und Förderung der künstlerischen, wirtschaftlichen, rechtlichen und kulturellen Interessen aller Frauen, die in der Filmbranche tätig sind“, ein. Regisseurin Mückstein, die sich bei FC Gloria engagiert, hätte nicht erwartet, dass ihr Geschlecht im Beruf einen so hohen Stellenwert haben würde: „Als Kinoregisseurin wird man aber ständig darauf hingewiesen, dass man sich als Frau in der Minderheit befindet. Ich hatte keine Rolemodels, kannte nach dem Studium keine Regisseurinnen. Im Kanon der Filme, die in meinem Studium besprochen wurden, kamen Filme von Regisseurinnen nicht vor.“ Von den Erfahrungen von Kolleginnen zu profitieren, erlebt sie als sehr bestärkend, derzeit werden Sponsor_innen für einen eigenen Filmpreis gesucht. Österreich hat eigentlich eine gute Ausgangsposition: „Das Standing österreichischer Filmemacherinnen ist gemessen an der Überschaubarkeit der Produktionslandschaft und der Mittel international herausragend“, sagt Isabella Reicher, Filmkritikerin und Mitarbeiterin des Experimentalfilmvertriebs Sixpackfilm. Das gelte für den Kinospielfilm (Jessica Hausner oder Veronika Franz) oder die Dokumentaristin Ruth Beckermann, „vor allem und am längsten aber für den experimentellen Film: Da gibt es mit VALIE EXPORT oder Maria Lassnig Weltstars.“

Angebot und Nachfrage. Sophie Charlotte Rieger betreibt in Berlin das feministische Online-Magazin „Filmlöwin“. Quoten und reine Frauenfilmfestivals und selbst die Idee ihres Blogs sieht sie durchaus kritisch, schreibt Rieger. „Doch ist eine Phase der dezidierten Förderung und Sichtbarmachung der ‚Filmfrauen‘ notwendig, um zu demonstrieren, welche Vielfalt an Erfahrungen und Perspektiven uns verloren geht, wenn wir weiterhin mehrheitlich Filme von und über Männer ansehen.“ Katharina Mückstein sieht das ähnlich: „Mir geht es weniger darum, dass eine strenge Quote durchgesetzt wird. Viel eher sehe ich, wie die Quotendiskussion Problembewusstsein schafft und zum Nachdenken anregt, ob es wirklich okay sein soll, wenn das kraftvolle Medium Film so stark männer- und stereotypendominiert ist.“ Wien hat mit dem zweijährigen Festival Identities seit etwas mehr als zwanzig Jahren ein queer-feministisches Forum, an dem auch Isabella Reicher die filmhistorischen Funde schätzt, „ebenso wichtig finde ich, dass bei großen heimischen Festivals wie Crossing Europe oder der Diagonale selbstverständlich ein großer Teil der Filme von Regisseurinnen stammt und regelmäßig europäische weibliche Filmschaffende unterschiedlicher Generationen mit Retrospektiven gewürdigt werden, etwa Elfi Mikesch, Agnès Godard, Helena Trestikova, Ursula Meier“, sagt Reicher. Hierzulande erleben wir bei den Festivals gerade einen Generationenwechsel, „Transition – Das International Queer Minorities Film Festival“, das unter diesem Namen zum zweiten Mal im November stattfindet, und „this human world“ mit den beiden jungen Leiterinnen Djamila Grandits und Julia Sternthal setzen neue Impulse. Solche Initiativen sorgen nicht nur für eine Diskussion über den Frauenanteil in der Branche, sondern schaffen ein Bewusstsein dafür, dass es insgesamt mehr Diversität vor und hinter der Kamera braucht. In den USA wurde zuletzt nach jahrelanger Kritik von Schwarzen Filmschaffenden die Academy neu besetzt, die die „Oscars“ vergibt. Online-Anbieter wie Netflix, aber auch Fernsehsender können heute schneller auf das Sehverhalten ihrer Nutzer_innen reagieren. Nicht nur der Weg ins Kino, auch das Glotzen auf dem eigenen Sofa hat also Einfluss auf Produktionsbedingungen und die Geschichten, die wir uns erzählen lassen.

 

www.fc-gloria.at

www.proquote-regie.de

www.filmloewin.de

 

 

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Prostori migracije: Orte der Migration https://ansch.4lima.de/prostori-migracije-orte-der-migration/ https://ansch.4lima.de/prostori-migracije-orte-der-migration/#respond Sat, 03 Sep 2016 09:13:54 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=7810 Was haben Kunst und Kultur mit Liebe und Freundschaft zu tun? LEA SUSEMICHEL sprach mit NATAŠA MACKULJAK und IVANA MARJANOVIĆ, den beiden Kuratorinnen des Kunstfestivals Wienwoche, das dieses Jahr den Titel „forever together – eine Politik von Verbundenheit, Liebe und Freundschaft“ trägt.

 

an.schläge: Was bedeutet für Sie kritisches Kuratieren? Was muss emanzipatorische Kulturarbeit Ihrer Meinung nach leisten?

Nataša Mackuljak: Es bedeutet, immer wieder zu fragen, wer gegenwärtig politische Subjektivierung konstituiert, und dafür Sorge zu tragen, dass diese Frage nicht aus der Kunst und dem kulturellen Feld verschwindet. Es heißt aufmerksam dafür zu sein, wer in der Kunst Raum braucht, damit empowernde Ideen und Formen öffentlich werden können. Es bedeutet aber auch, Menschen den Zugang zu Jobs zu verschaffen, die die Kunst anzubieten hat. Außerdem, nicht starr und elitär in Hinblick auf Kunstformen und kulturelle Praxen zu sein. Wichtig auch: Sich um neue Allianzen zwischen Gruppen zu bemühen, die in verschiedene, aber nicht voneinander zu trennende Kämpfe involviert sind. Das ist es, was wir als Politik von Verbundenheit, Liebe und Freundschaft bezeichnen.

Obwohl sich das Kunst- und Kulturfeld gerne mit „Radical Chic“ schmückt, ist Radikal- und Fundamentalkritik, die auch die eigenen Institutionen und Regeln miteinbezieht, im kulturellen Mainstream selten. Dabei gäbe es etwa an klassistischen, rassistischen und sexistischen Ausschlüssen und der Marktförmigkeit des Kunst- und Kulturbetriebs jede Menge zu kritisieren. Wieso passiert das so verhalten?

Ivana Marjanović: Das kritische Potenzial von Kunst darf aber auch nicht unterschätzt werden! Eine Menge ist passiert und vieles ist im Gange. Soziale Bewegungen haben das Kunstfeld seit Jahrzehnten beeinflusst. Aber ja, es ist noch nicht genug. Warum nicht? Weil die Idee von Fundamentalkritik nicht mit der dominanten Ideologie übereinstimmt, die Regulierungen, Grenzregime, Vermögensverteilung, Geschlechterrollen und Normierungen von Sexualität hervorbringt.

Offenbar sind Kunst und Kultur für Sie dennoch geeignete Felder, um Gesellschaftskritik zu formulieren. Was macht sie dafür geeignet? Was kann Kunst, was andere Formen der Kritik nicht leisten?

Marjanović: Wie gesagt gibt es auch im künstlerischen Feld viel zu tun, um gewaltsames Denken und Handeln zu beenden. Kunst kann Kritik auf eine Weise formulieren, die Menschen aufmerksamer hinhören und -sehen lässt, denn ihre Kommunikationsformen und -strategien sind andere als zum Beispiel die der Mainstreammedien. Das kann verführen. Kunst kann jedoch auch zu Blindheit verleiten, deshalb ist es so wichtig, auch hier politische Räume einzurichten.

Mackuljak: Bei der Wienwoche geht es nicht allein um Kunst. Wir als Kuratorinnenteam wurden auch wegen unseres Hintergrunds (Kunst und Aktivismus) ausgewählt. Ich bin zum Beispiel seit zwanzig Jahren in feministischen Aktivismus involviert, von der feministischen Antikriegsbewegung in Jugoslawien in den 1990ern über Feminismus und Anarchismus im Zuge der Antiglobalisierungsbewegung (Genua usw.) und hier in Wien nun in Verbindung mit Migration, das prägt unsere kuratorische Arbeit.

Die diesjährige Wienwoche widmet sich dem Thema Politiken der Freundschaft. Was ist Ihr Zugang zum Thema?

Mackuljak: Wir haben als Freundinnen und Kolleginnen gemeinsam Hochs und Tiefs durchgestanden, unsere eigenen, aber auch die anderer. Angefangen bei der fehlenden Arbeitserlaubnis hier, dem Zugang zum Privileg StaatsbürgerInnenschaft, bei manchen ging es sogar um das Bleiberecht. Von den „kleinen“ Dingen gar nicht zu reden, wie dem Teilen unserer (gebrochenen) Deutschkenntnisse oder der Wohnung, wenn du selbst gerade keine hast. Die Erfahrung, füreinander da zu sein, hat uns sehr gestärkt. Aber wir wurden auch von feministischen, queeren und anderen Büchern und künstlerischen Arbeiten zum Thema Solidarität beeinflusst. Und wir wollten hören, was andere dazu zu sagen haben. Wir konnten eine Menge interessanter Perspektiven gewinnen und einige davon sind nun auf dem Festival zu sehen.

Die Wienwoche ist ein gelungenes Beispiel für kritische Kulturpolitik. Welche Anstrengungen bräuchte es ganz grundsätzlich, damit es nicht bei einzelnen partizipativen Projekten bleibt, sondern sich der Kunst- und Kulturbetrieb insgesamt ändert?

Marjanović: Fundamentale Änderungen erfordern auch eine Änderung des politisch-ökonomischen Modells. Wir leben in einem sehr reichen Teil der Welt, in „Westeuropa”, das seinen Reichtum in der Vergangenheit unter anderem durch die Herrschaft über andere erlangt hat (durch Imperialismus, Kolonialismus), was im Neoliberalismus als Neo-Imperialismus und Neo-Kolonialismus in neuen Formen erscheint. Einige Ideen für den Anfang wären: Kunst und Kultur mehr zu öffnen für diejenigen, denen der Zugang aufgrund von Sprache, Klasse, „Race“, Geschlecht, Staatsangehörigkeit verwehrt ist, um Wien und Österreich weiter zu fördern und nicht zu ignorieren, was sie wirklich sind: „prostori migracije“, Orte der Migration, Orte, die geteilt und gemeinsam genutzt werden sollen.

 

Übersetzung aus dem Englischen: Lea Susemichel

 

Nataša Mackuljak ist Performerin, Multimedia-Künstlerin, Sozialarbeiterin und Aktivistin.

Ivana Marjanović ist Kunsthistorikerin, Forscherin, Autorin, Kuratorin und Kulturproduzentin.

 

Die diesjährige Wienwoche findet vom 16.–25. September statt. www.wienwoche.org

 

 

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Kulturkritik https://ansch.4lima.de/kulturkritik/ https://ansch.4lima.de/kulturkritik/#respond Sat, 03 Sep 2016 09:07:38 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=7806 Nicht nur Kunst und Kultur, auch der Kulturbegriff selbst hat eine sexistische Tradition. Von LEA SUSEMICHEL

 

Kultur ist nicht nur Schwanensee und Shakespeare. Denn Kultur bringt nicht nur künstlerische Werke und Praktiken hervor, in diesem Feld werden auch Gemeinschaften gestiftet und Werte und Bedeutungen (neu) verhandelt. Es wird „kulturelle Hegemonie“ hergestellt, wie es Antonio Gramsci nannte. Aus diesem Grund dienten Kunst und Kultur auch den Avantgarden stets dazu, überkommene Traditionen herauszufordern und Revolutionen zu proben, die sich nicht immer nur gegen das Kunstestablishment, sondern mitunter auch gegen die politische Ordnung richteten. Auch feministische Kunst hat diese emanzipatorische Funktion weidlich genutzt und mit künstlerischen Mitteln Geschlechterdiskriminierung zum Thema gemacht und für Gerechtigkeit gekämpft – und tut das noch immer.

Natur vs. Kultur. Doch gleichzeitig ist der Begriff der Kultur nicht alleine aus feministischer Perspektive ein zutiefst ambivalenter. Kultur galt in der abendländischen Denktradition als dichotomes Gegenstück zum Bereich der Natur, beide Pole waren klar geschlechtlich zugeordnet: Weiblichkeit der Natur, Männlichkeit der Kultur. Analog zur neuzeitlichen technokratischen Ideologie der Naturbeherrschung verhielt sich männliche Dominanz demnach wie zivilisatorischer Fortschritt gegenüber roher Naturgewalt: Kultur diente als gewaltvolles Mittel der Unterdrückung. Patriarchale und rassistische Gewalt galt damit quasi als Kulturleistung. Denn in Analogie zum Geschlechterverhältnis wurden über diesen Kulturbegriff jahrhundertelang auch andere Ungleichheitsverhältnisse legitimiert: Während des Kolonialismus „zivilisierte“ der vermeintlich kultivierte Westen die kulturlosen „Barbaren“. Die feinsinnige Bourgeoisie rümpfte über die Massenkultur des proletarischen Pöbels die Nase (und bekanntlich bildete da auch der Marxist Adorno keine Ausnahme). Erst die Cultural Studies machten sich daran, den Klassismus ästhetischer Urteile aufzuzeigen und die stark mit Pop- und Subkultur verbundene ArbeiterInnenkultur zu würdigen. Später rückten auch Rassismus, Eurozentrismus und Sexismus des klassischen Kulturbegriffs in den Fokus der WissenschaftlerInnen. Feministinnen befragten fortan nicht nur die Popkultur auf ihr subversives Potenzial, sondern zeigten auch, wie ausschließend die traditionelle Kunstund Kulturdefinition auf allen Ebenen gewirkt hatte, die beispielsweise viele traditionell weibliche Techniken, wie etwa das Weben, dem Kunsthandwerk zuordnete oder außereuropäische Kunst als „primitiv“ abwertete.

Nackte Frauen. Über die vergangenen Jahrzehnte ist postkoloniale und feministische Kritik selbst im kulturellen Mainstream angekommen – erledigt hat sie sich aber deshalb keineswegs. Statistiken zum Kunstmarkt und zu Museumssammlungen zeigen: Frauen*, insbesondere Künstler_innen of Color sind weiterhin extrem marginalisiert – fast immer und überall sind also weiterhin deutlich mehr (weiße) Männer zu sehen. Die feministische Künstlerinnengruppe Guerrilla Girls veranschaulicht das eingängig mit ihrer immer wieder aktualisierten und adaptierten Arbeit „Do Women have to be naked to get into the Met. Museum“: Nur vier Prozent der KünstlerInnen sind weiblich, aber 76 Prozent der Nackten sind es, ergab ihre letzte Erhebung. (1985 waren es noch fünf Prozent Künstlerinnen gewesen!) Ähnliche Schieflagen gibt es in sämtlichen Bereichen der sogenannten „Hochkultur“, in klassischer Musik und Oper ebenso wie im Theater oder bei der Bildhauerei.

Kulturarbeit. Emanzipatorische Kulturarbeit muss also nicht nur Repräsentationsverhältnisse ändern (wessen Name steht unter einem Bild, wer ist nackt darauf zu sehen?), sondern auch die Regeln des Kunst- und Kulturbetriebes selbst. Sie muss die Frage stellen, wer überhaupt Zugang zu diesem elitären Zirkel hat, schaut man sich etwa die oft weiterhin sehr privilegierte Herkunft der Studierenden von Kunstuniversitäten und Akademien an. Und: Was gilt als Kunst und Kultur, wie politisch darf sie sein, welchen Fragen und Themen widmet sie sich? Was wird gefördert und was verkauft sich? Warum ist das so und wer entscheidet darüber?
Nicht zuletzt sollte kritische Kulturarbeit zudem bedeuten, sich dem Aspekt der Arbeit selbst zu widmen, denn die Arbeitsbedingungen im Kulturbetrieb sind hochprekär. Und damit ist nicht nur die Arbeit im Atelier, sondern auch jene in der Theaterschneiderei oder an der Museumskasse gemeint. Denn hier endlich gibt es Frauen zuhauf.

 

 

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Kunst und Kind https://ansch.4lima.de/kunst-und-kind/ https://ansch.4lima.de/kunst-und-kind/#respond Sat, 03 Sep 2016 08:59:17 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=7820 „An Aufgaben wachse ich“: LORE HEUERMANN im Gespräch mit SASKYA RUDIGIER über ihr herausforderndes Künstlerinnenleben mit drei kleinen Kindern (darunter die heutige Starköchin Sarah Wiener) in den 1960er- und 70er-Jahren.

 

an.schläge: Wie haben Sie Ihre künstlerische Arbeit und die Verantwortung als Alleinerziehende ab den 1960er-Jahren unter einen Hut gebracht?

Lore Heuermann: Ich kam 1956 aus der deutschen Provinz nach Wien, ohne die Unterstützung meiner Eltern, und war an der Akademie. Mit 22 Jahren habe ich Oswald Wiener geheiratet. Zwei Jahre später, 1961, wurde das erste Kind, 1962 das zweite und 1963 das dritte Kind geboren. Die Kinder waren nicht geplant, aber ich habe sie sofort angenommen. Mit 27 habe ich mich scheiden lassen, weil der Kindsvater das bürgerliche Leben mit Kindern nicht ausgehalten hat. Das konnte ich verstehen. Meine Mutter hat nur gesagt: „Du hast dir diesen Mann ausgesucht, jetzt schau’, wie du das machst.“
Damals hatte ich nach dem Gesetz auch noch nicht die Vormundschaft für meine Kinder. Ich durfte ohne schriftliche Erlaubnis meines Ex-Mannes u. a. nicht die Schulen aussuchen oder mit ihnen zu meinen Eltern nach Deutschland fahren.
Von der Kunst kann ich nicht leben, habe ich mir gedacht. Um zu überleben, habe ich Batik-Lampen und Tücher für die Österreichischen Werkstätten gemacht, alte Möbel verkauft und überhaupt allerlei gemacht, um zu Geld zu kommen. Auch Kurse für Werbung und Verkauf habe ich abgeschlossen, aber eine Anstellung hätte ich nur bekommen, wenn ich meine Kinder ins Heim gegeben hätte.
Künstlerisch zu arbeiten habe ich erst wieder begonnen, als meine drei Kinder aus dem Gröbsten raus waren und der Jüngste in die Schule kam, gegen Ende der 1960er-Jahre. Meine Kinder sind nicht sehr behütet aufgewachsen, ich hatte nicht viele Regeln und sie große Freiheiten. Aber auf eines habe ich bestanden: dass sie um 19 Uhr ins Bett gehen und bis 21 Uhr lesen, damit ich ein bisschen arbeiten kann und Ruhe habe.
Da das Geld immer knapp war, habe ich in dieser Zeit auch viel getauscht. Einmal konnte ich vier Räder von Steyr-Puch gegen Arbeiten von mir tauschen, damit wir im Sommer in die Lobau oder ins Stadionbad fahren konnten.
1972 hatte ich eine große Ausstellung im Museum für Angewandte Kunst: Lore Heuermann – Bildbatiken. Die Kinder haben sich geweigert hinzugehen. Ich kann es verstehen, sie haben schon stark an der wenigen Aufmerksamkeit gelitten. Später sind sie aber auch zu den Ausstellungen gekommen. Es war die Zeit, wo dir in den Galerien gesagt wurde, sie stellen keine Frauen aus, und einmal im Jahr eine Frau ausstellen, das reicht. Oder mir wurde empfohlen, doch lieber einen reichen Mann zu suchen.

Kommen Sie aus einer Künstler_innenfamilie?

Meine Mutter war immer berufstätig und Lehrerin, mein Großvater Arzt. Mein Vater war nicht autoritär, im Gegenteil. Er hat geschaut, dass meine Mutter keine Arbeit mit ihm hat und ihr immer das Frühstück ans Bett gebracht. Im bürgerlichen Programm sind der schöne Schein und das Äußere sehr wichtig – was gefühlt oder gedacht wird, ist im Allgemeinen nicht von Interesse. Mich haben die vielen Bücher zu Hause gerettet, die ich gelesen habe und der Aufenthalt in der nicht kultivierten Natur.

Haben Ihre Kinder Ihr Leben und Ihre Arbeit positiv beeinflusst?

Erfahrungen machen ist „ein“ Sinn des Lebens. Ich will nicht sagen, dass das nicht auch sehr anstrengend war. Aber bestimmte Situationen haben nicht nur Nachteile, sie bringen dir auch Erkenntnisse, Wissen, Unabhängigkeit und Kraft. Ich habe es nie bereut Kinder zu haben. Mich hat es wach gemacht und für die Entwicklung meiner Persönlichkeit war es wichtig. Ich war ein sehr zurückhaltender Mensch und ein sehr verträumtes Kind und Mädchen. Die Verantwortung für die Kinder hat mich gezwungen, rauszugehen und zu kämpfen. Sie hat mich autonom und selbstständig gemacht.

Welche Wünsche und Forderungen für die Vereinbarkeit von Kunst und Kind hätten Sie?

Ich war neulich bei einer Veranstaltung von jungen Filmemacherinnen im Parlament (1), die sich bitter beklagt haben, nicht die gleichen Förderungen wir ihre Kollegen zu erhalten. Und da habe ich mir gedacht, dieselben Argumente wie vor vierzig Jahren! Frauen sollten sich viel stärker solidarisieren und Netzwerke bilden. Das machen Männer oft besser, die empfehlen sich alle weiter, wurscht wie mies jemand ist.

 

Lore Heuermann arbeitet als Installations- und Performancekünstlerin und publiziert Bücher mit eigenen Texten und Fotografien. Sie hat drei Kinder (Sarah 55, Una 54, Adam 2015 gestorben), lebt und arbeitet in Wien.

 

Saskya Rudigier arbeitet mit Text, Bild, an.schläge-Abos und Zahlen. Zuletzt organisierte sie das „Leise Art Festival: unerhört unverstärkt“ für Familien und Freund_innen.

 

 

(1) FC Gloria: Because it’s 2015 – Braucht die Filmbranche eine Geschlechterquote?

 

Dieses Interview bildete den Auftakt der fünfteiligen Serie „Kunst und Kind“ der IG Bildende Kunst und wurde leicht gekürzt. Alle Texte: www.igbildendekunst.at/politik/kind/interviewserie2016.htm

 

 

 

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an.künden: Monstergang https://ansch.4lima.de/an-kuenden-monstergang/ https://ansch.4lima.de/an-kuenden-monstergang/#respond Sat, 03 Sep 2016 08:53:14 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=7883 Half Girl © Siluh RecordsHalf Girl sind mit ihrem Debutalbum „All Tomorrow’s Monsters“ auf Tour.]]> Half Girl © Siluh Records

„Lemmy, I’m a feminist“, bekundet Julie Miess, Sängerin der All-Girls-Band Half Girl, lautstark im gleichnamigen Song und widmet dem Motörhead-Sänger Lemmy Kilmister eine kritische Hommage. Hier werden Ohrwurm-Melodien der Sixties mit Sing-along-Punkrock rund um Werwölfe, Herzschmerz und der Schönheit des Normbruchs gepaart. Ihr Debutalbum „All Tomorrow’s Monsters“ präsentiert die Berliner Supergroup im Herbst in Deutschland, weitere Termine im Jänner in Österreich.

 

Half Girl © Siluh Records
Half Girl © Siluh Records

 

Half Girl
20.9. Druckluft Oberhausen
21.9. Anna und Arthur Lüneburg
22.9. Hafenklang Hamburg
23.9. Ausland Berlin
29.9. Kohi Karlsruhe
30.9. K4 Nürnberg
1.10. Handstand und Moral Leipzig
12.10. Club Manufaktur Schorndorf
13.10. Slowclub Freiburg
14.10. Goldgrube Kassel
15.10. Privat Köln
16.10. Hafen 2 Offenbach
www.siluh.com

 

 

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an.künden: Prekäre Sorge https://ansch.4lima.de/an-kuenden-prekaere-sorge/ https://ansch.4lima.de/an-kuenden-prekaere-sorge/#respond Sat, 03 Sep 2016 08:48:36 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=7885 Frigga Haug © Rosa Luxemburg-Stiftung/flickrFeministische Perspektiven auf die Ambivalenzen der Selbstsorge.]]> Frigga Haug © Rosa Luxemburg-Stiftung/flickr

Wer sorgt für die Frauen, wenn deren unbezahlte Arbeit für andere nach wie vor die heimliche Ressource im Generationen- und Geschlechtervertrag der Gesellschaft ist? Müssen sie sich um sich selbst sorgen? Aber wie? Bei der wissenschaftlichen Fachtagung „Ambiva- lenzen der Selbstsorge“ in Innsbruck werden diverse Perspektiven, Diskurse und Praxen kritisch diskutiert. Ziel ist eine Artikulierung und Weiterentwicklung feministischer Perspektiven im Feld der Care-Forschung. Mit Vorträgen von Frigga Haug (Foto) und Tove Soiland.

 

14.10., 14:00–20:00: Ambivalenzen der Selbstsorge. Feministische Perspektiven,
Universität, 6020 Innsbruck, Innrain 52,
Teilnahme kostenlos, Anmeldung bis 13.10. auf www.uibk.ac.at

 

Frigga Haug © Rosa Luxemburg-Stiftung/flickr
Frigga Haug © Rosa Luxemburg-Stiftung/flickr

 

 

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Best Friends Forever https://ansch.4lima.de/best-friends-forever/ https://ansch.4lima.de/best-friends-forever/#respond Sat, 03 Sep 2016 08:44:54 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=7822 Illustration: Alma WeberFür eine Politik der Freundinnenschaft. Von LEA SUSEMICHEL]]> Illustration: Alma Weber

Frauen sind doppelzüngige Lästerbacken, wahre Freundschaft ist männlich, lautet ein bis heute wirkmächtiges uraltes Vorurteil. Stimmt natürlich nicht, sagt LEA SUSEMICHEL. Für eine Politik der Freundinnenschaft.

 

„Friends“ heißt die Lego-Serie in Pink und Lila, die es eigens für Mädchen gibt. Für gewöhnlich sind es auch Mädchen und nicht Jungs, die zueinander zärtlich „BFF“ (Best Friends Forever) sagen. Danach knüpfen sie Freundschaftsbänder nach Anleitung der „Bravo“, in der es für sie obendrein Ratschläge gibt, wie innige Mädchenfreundschaften die Konkurrenz durch den ersten Boyfriend überleben. Eine seit Jahrzehnten bestehende deutsche Frauenzeitschrift nennt sich „Freundin“ und verkauft damit ebenfalls erfolgreich das Gefühl von Vertrauen, Vertrautheit und Verbundenheit. Romane wie Ratgeberliteratur reproduzieren begleitend das zugrundeliegende Klischee, wonach Mädchen und Frauen fürs Gefühl zuständig seien und deshalb die intensiveren Freundschaftsbeziehungen leben würden, während Männer sich zwischenmenschlich weiterhin einfach nicht richtig öffnen könnten. Pop- und Alltagskultur liefern also scheinbar jede Menge Vorlagen, um weibliche Freundinnenschaft zu feiern. Doch bei näherer Betrachtung stellt sich überraschenderweise heraus: Freundschaft ist dennoch ein kulturell zutiefst männliches Konzept.

Barbie statt Buddy. Was die Popkultur neben einem Freundinnenmodell wie jenem von „Sex and the City“ nämlich nicht nur in Blockbustern und Fernsehserien tatsächlich anbietet, sind vor allem Stereotype rivalisierender Nachbarinnen und zänkischer „Vorstadtweiber“, die in gehässiger Weise übereinander herziehen und sich miteinander ausschließlich über Männer unterhalten oder gar um sie streiten. Der sogenannte Bechdel-Test zeigt: Filme, in denen es erstens mindestens zwei Frauenrollen mit Namen gibt, diese Figuren zweitens miteinander sprechen und drittens sogar über etwas anderes als einen Mann, sind weiterhin die Ausnahme. Die klassischen Buddy-Movies hingegen, in denen zwei Menschen miteinander durch dick und dünn gehen, sind meist rein männlich besetzt. (Rare Gegenbeispiele sind etwa der grandiose Roadmovie „Thelma und Louise“ und die herzzerreißende 1980er-Schmonzette „Freundinnen“ mit Bette Middler.) Bereits Kinder werden deshalb paradoxerweise parallel zum Glitzerherzchen-Freundinnenkult früh an die perfide Bedeutung des vielbeschworenen „Zickenkriegs“ herangeführt und ins Biestigsein eingeübt: Schon in der Barbie-Zeichentrickserie werden Mädchen und Frauen als intrigante Schlangen inszeniert.

Freundschaft! Das Motiv von Missgunst unter Frauen hält sich hartnäckig. Ende des 19. Jahrhunderts schrieb Friedrich Nietzsche: „Noch ist das Weib nicht der Freundschaft fähig“, und an dieser Einschätzung scheint sich offenbar wenig geändert zu haben. Historisch waren Treue, Loyalität und Pflichtbewusstsein traditionell assoziierte Attribute von Freundschaft, die dementsprechend männlich entworfen wurde. Gefühle standen dabei lange nur an zweiter Stelle. So unterscheidet auch Siegfried Kracauer in seinem Werk „Über die Freundschaft“ die reine „Gemütsfreundschaft“ streng von geistiger Verbundenheit, die für ihn wahre Freundschaft auszeichnet. Wir ahnen es: Frauenfreundschaften rechnet Kracauer zur ersten Kategorie.
Auch der seit Ende des 19. Jahrhunderts gebräuchliche sozialistische „Freundschaftsgruß“ weist in diese Richtung. Wer sich mit einem gebrüllten „Freundschaft!“ begrüßt, appelliert nicht ans zärtliche Gefühl, sondern an politisches Gewissen und Gesinnung. Von der Männerfreundschaft zum Männerbund ist es dann kein weiter Weg mehr.

Üble Nachrede. Der Vorwurf weiblicher Gefühlsduselei statt Brüderlichkeit und guter Kameradschaft erscheint jedoch fast harmlos im Vergleich mit dem wirkmächtigsten Vorurteil zur Beziehung zwischen Frauen: Frauen seien einander die größten Feindinnen. Trotz des vordergründigen Freundinnenfetischs könne es loyale, solidarische und stabile freundschaftliche Beziehungen zwischen Frauen folglich nicht geben, unweigerlich käme ihnen ihre Intriganz, Lästersucht und der ständige Konkurrenzkampf dazwischen.
Soll dies entkräftet werden, muss zunächst klargestellt werden, dass es selbstverständlich Frauen gibt, die sich bösartig das Maul zerreißen, kaum ist die Tür hinter der vermeintlichen Freundin ins Schloss gefallen. „Klatsch ist das Opium der Unterdrückten“, schreibt Erika Jong im feministischen Klassiker „Angst vorm Fliegen“. Schließlich dient das Lästern den sonst Wehrlosen auch als vielfältig einsetzbare Waffe.
Doch grundsätzlich muss dem Klischee vom „Zickenkrieg“ entschieden entgegengehalten werden: Strukturell ist Konkurrenzkampf ein Problem (oder mitunter auch ein Privileg), das vorrangig Männer miteinander haben – und das auch die Form ihrer Freundschaft prägt. Frauen sind auf Konfliktlösung und nicht auf offenen Krieg konditioniert. Psychologisch wie soziologisch lässt sich daher zeigen, dass es eher Männer sind, die ein tiefsitzendes Misstrauen gegen Geschlechtsgenossen hegen und sich im ständigen Konkurrenzkampf mit ihnen wähnen. „Freundschaft scheint für einige Männer ein Ort zu sein, der analog zur Geschäftswelt und zu einer Welt des Kampfes strukturiert ist“, stellen Renate Valtin und Reinhard Fatke in ihrer geschlechtssensiblen Studie zu Freundschaft und Liebe (1) fest: „Frauen stellen im Vergleich zu Männern höhere Ansprüche an Bindung, Intimität, Selbstenthüllung und emotionale Unterstützung in ihren Freundschaftsbeziehungen.“ In männlichen Freundschaftsmodellen scheint Offenheit hingegen häufig mit der Angst verbunden zu sein, die Preisgabe intimer Details könne gegen sie verwendet werden.
Sieht man sich die klassisch männliche Beziehungspflege an, werden Freundschaften häufig eher zur Erhöhung des eigenen Sozialprestiges oder als Karrierenetzwerk gepflegt. Ein Balanceakt, denn ein großer Erfolg im Freundeskreis schmückt zwar auch mich selbst, kann aber gleichzeitig das Ego empfindlich treffen. „Erfolgreiche Freunde, Geißel der Menschheit …“, heißt es bei Tocotronic.

Seite an Seite? Empirische Studien der „Social-Support“- und Freundschaftsforschung zeigen, dass Frauenfreundschaften verbreiteter, intensiver und beglückender sind als Männerfreundschaften, Frauen ihre Freundschaften wichtiger nehmen und diese auch mehr konkreten Beistand bedeuten als zwischen Männern, so der Psychologe Horst Heidbrink (2). Heidbrink unterteilt freundschaftliche Beziehungen in häufig von Frauen geführte „Face-to-Face-Freundschaften“, in denen es um aufmerksamen, intensiven Austausch geht, sowie die von Männern bevorzugten „Side-by-Side-Freundschaften“, in denen nicht Gespräche, sondern gemeinsame Aktivitäten wie Sport im Vordergrund stehen.
Ein veritables Hindernis für innige Männerfreundschaft ist außerdem Homophobie. Denn während auch Freundinnen durch die Stigmatisierung als Lesben abgewertet wurden (und werden), ist körperliche Nähe und der Austausch von Zärtlichkeiten zwischen Männern noch weit stärker tabuisiert. Wie bereits der Begriff „Busenfreundin“ verdeutlicht, wird Frauen körperliche, auch homoerotische Intimität eher zugestanden.
Bei solchen Vergleichen muss allerdings unbedingt klar sein, dass es sich bei diesen „weiblichen“ und „männlichen“ Modellen von Freundschaft um tradierte soziokulturelle Konstruktionen handelt, die keinesfalls in essentialistischer Weise notwendig an eine biologische Geschlechtsidentität gebunden sind. Weshalb es z. B. selbstredend auch jede Menge übel tratschender Männer und bis aufs Blut konkurrierender Frauen gibt. Frauen dürfen außerdem keineswegs als frei von Häme und ihre FreundInnenschaften auch nicht als Ort ständiger Harmonie und wechselseitiger Empathie glorifiziert werden – das sind sie nämlich definitiv nicht.
Zudem blenden diese Typisierungen klassenspezifische und ethnokulturelle Eigenheiten weitgehend aus und gründen sich auf ein sehr bürgerliches, heterosexuelles und auch weißes Konzept von Freundschaft. Wie zum Beispiel Queerness, Klassenzugehörigkeit oder ethnische Zuschreibungen Freundschaftserfahrungen prägen (was etwa den weißen „Kumpel“ vom Schwarzen „Bro“ unterscheidet oder wie Lesben ihre FreundInnenschaften beschreiben), wurde bislang bezeichnenderweise so gut wie nicht erforscht.
Doch die vielen Aspekte und Formen von Freundschaftsbeziehungen zwischen Frauen* gäben alleine mehr als genug für ein umfangreiches Forschungsprojekt her. Interessant wäre aber z. B. auch eine Analyse des dominanten Diskurses über die vermeintliche Unmöglichkeit gemischtgeschlechtlicher Freundschaften. Als unmöglich gelten sie nicht nur deshalb, weil sie dem gängigen Klischee zufolge unweigerlich im Bett enden (siehe „Harry und Sally“), sondern weil Männer und Frauen eben einfach aus „verschiedenen Welten“ kämen. Davon offenbar unbeeindruckt geben heterosexuelle Männer jedoch überraschend häufig an, ihre Partnerin sei zugleich ihr „bester Freund“, und Männer haben generell mehr gute Freundinnen als Frauen gute Freunde.

 

Illustration: Alma Weber
Illustration: Alma Weber

 

Big Boy Networks. Trotz all dieser Differenzierungen und der dürftigen Datenlage gibt es unterm Strich also genug Hinweise darauf, dass die wahren Freundschaftsexpertinnen Frauen* sind. Und auch wenn die patriarchale Kontrolle und die Isolation von Frauen im Bereich des Häuslichen und Privaten deren Kontakt und freundschaftlichen Austausch außerhalb der Familie lange Zeit tatsächlich sehr erschwert hat, gab es intensive Frauenfreundschaften zu allen Zeiten.
Spätestens seit der freundschaftsversessenen Romantik existieren zahlreiche Dokumente der damals ebenso entstandenen „Schwesternbünde“ sowie Zeugnisse von Brieffreundschaften zwischen Literatinnen und Künstlerinnen. Deren Würdigung ist ein riesengroßes Forschungsdesiderat. „Im Gegensatz zu den ‚Big Boy Networks‘, den männlichen Vernetzungen, Beziehungs- und Kommunikationsstrukturen“, schreibt die Historikerin Eva Labouvie, wüssten wir sehr „wenig über die Beziehungspflege und Kommunikationskulturen von und unter Frauen“.

„Frenemy“. Es sind bislang ausschließlich feministische Autorinnen und Theoretikerinnen, die sich an die Aufarbeitung dieser Lücke machen und gemäß dem feministischen Motto „Das Private ist politisch“ auch ihre persönlichen Beziehungen politisieren wollen. Bedauerlicherweise finden sich jedoch auch bei diesem feministischen Fokus auf Frauenbeziehungen viele Variationen des „women are each other’s worst enemies“-Motivs. So kommt etwa Nina Power in ihrem umstrittenen Buch „Die eindimensionale Frau“ zu dem Ergebnis, Frauen könnten im Kapitalismus keine Freundinnen sein. Ihr Blick aufeinander sei grausam und es gäbe nichts Schlimmeres als das wechselseitige Urteil von Frauen.
Ähnlich niederschmetternd argumentiert die nicht allein für ihre transfeindlichen Äußerungen scharf kritisierte radikalfeministische lesbische Aktivistin Janice G. Raymond. In „ A Passion for Friends: Toward a Philosophy of Female Affection“ schreibt sie, die patriarchale Rede vom Hass unter Frauen habe diesen tatsächlich heraufbeschworen. Raymonds Tiraden gegen den von ihr so genannten „Therapism“ bzw. die „Tyrannei der Gefühle“, die das psychologisierende Kommunikations- und Beziehungsverhalten von Frauen prägten, statt dass sich diese als Freundinnen tatsächlich unterstützen und politisch engagieren oder beruflich etablieren würden (eine durchaus diskussionswürdige These), münden wie auch bei Power leider in einer undifferenzierten Generalabrechnung, die vor Frauenfeindlichkeit strotzt.

Solidarität & Sisterhood. Doch es gibt daneben zum Glück auch den vielfachen Versuch, Freundinnenschaft als gelebte Solidarität und Sisterhood zu feiern – so existiert beispielsweise die Forderung, den Valentinstag in einen feministischen „Freundinnentag“ umzuwandeln. Frauenfreundschaft wird dabei als zentrale Ressource nicht alleine im gemeinsamen Kampf um Emanzipation, sondern vor allem fürs eigene Leben verstanden. So kann der FreundInnenkreis als Wahlfamilie dienen, die notfalls das Zwangssystem Verwandtschaft ersetzt und im Idealfall sogar soziale Sicherung bieten kann. Und abgesehen von der konkreten Unterstützung, die Freundinnen einander auf unterschiedlichen Ebenen zukommen lassen, sind sie in erster Linie eines: geliebte Gefährtinnen, die fürs eigene Glück unentbehrlich sind.
Insgesamt wird der Bedeutung von Freundinnenschaft jedoch viel zu wenig Aufmerksamkeit zuteil, daran hat selbst der jüngste „affective turn“ in den Geistes- und Sozialwissenschaften wenig geändert. Denn auch wenn der gesamte Bereich der „Gefühlsarbeit“ nun auch außerhalb der Gender Studies als wichtiger sozialer und politischer Faktor erkannt wurde, wird der Beitrag von Frauen dabei vornehmlich im Bereich reproduktive Arbeit bzw. Care-Arbeit verortet. Dabei wird analysiert, wie familiäre und freundschaftliche Fürsorgetätigkeiten und Liebesdienste von Frauen neoliberale Ausfälle kompensieren bzw. ihre affektive Arbeit sogar als Dienstleitung vermarktet wird.
Die poststrukturalistischen Figuren einer „Politik der Freundschaft“, wie sie im Anschluss an Jacques Derrida im Rahmen dieser „affective politics“ entworfen werden, scheinen hingegen insgeheim weiterhin ein eher männliches Konzept zu bleiben. Zumindest wurde die Rolle, die insbesondere Frauen – als die für soziale Beziehungen Hauptzuständigen – bei Widerstand und solidarisch-subversiver Vernetzung spielen, bislang wenig explizit zum Thema gemacht.

Gesundheit & Glück. Jaques Derrida entwickelt seine Philosophie der Freundschaft im Anschluss an Aristoteles, der bereits um 300 v. Chr. als erster die politische Dimension von Freundschaft hervorgehoben hatte, galt sie ihm doch als Garant für gesellschaftlichen Zusammenhalt und gute Ordnung. Allerdings stand für Aristoteles dabei die „Freundschaft unter Gleichen“ an höchster Stelle. Das derridasche Freundschaftskonzept betont hingegen gerade die Offenheit für Alterität, also – auch radikale – Andersheit. Diese Empfänglichkeit für die Erfahrungen und Lebensrealitäten anderer macht solch ein Freundschaftskonzept für die Bildung von Allianzen zwischen unterschiedlichsten Menschen so wertvoll.
Doch nicht nur politisch, auch privat scheint die Pflege von FreundInnenschaften für alle ratsam zu sein. Selbst die große Liebesforscherin Eva Illouz wendet sich neuerdings lieber der Freundschaft zu und lobt sie als das viel wertvollere Gefühl. Eine Studie will herausgefunden haben, dass regelmäßiger Kontakt mit guten FreundInnen sogar gesünder ist, als sich das Rauchen abzugewöhnen. Das gilt geschlechtsunabhängig. Wie übrigens auch das ausschlaggebende Kriterium, weshalb jemand als bester Freund oder beste Freundin bezeichnet wird: das gute Gefühl nämlich, von diesem Menschen in der eigenen Identität erkannt und respektiert zu werden.

 

(1) Renate Valtin / Reinhard Fatke: Freundschaft und Liebe. Persönliche Beziehungen im Ost/West- und im Geschlechtervergleich, Verlag Auer

 

(2) Horst Heidbrink: Face-to-Face und Side-by-Side: Frauen- und Männerfreundschaften. Ergebnisse der psychologischen Freundschaftsforschung, in: Eva Labouvie (Hg.): Schwestern und Freundinnen. Zur Kulturgeschichte weiblicher Kommunikation, Böhlau Verlag

 

 

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heimspiel: Looking for Freedom https://ansch.4lima.de/heimspiel-looking-for-freedom/ https://ansch.4lima.de/heimspiel-looking-for-freedom/#respond Sat, 03 Sep 2016 08:19:41 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=7824 Es ist nicht leicht, eine wilde Mutter zu sein. Von KRISTINA STRAUß-BOTKA]]>

leben mit kindern

 

Mein nun zweijähriges Kind darf keine Erdnüsse essen, ist aber keineswegs allergisch dagegen. Es handelt sich um eine reine Sicherheitsmaßnahme (Aspirationsgefahr, sagt ihr Vater). Sie darf bei mir alleine ein Stockwerk Steinfliesen-Stufen rauf- und runterklettern. Fahrradfahren als Beifahrerin: ja! Mit Schere alleine im Raum sein: nein! Auf eine kleine Stehleiter klettern, um alleine Hände
zu waschen: ja! Zehn Sekunden alleine in der Badewanne sitzen, ohne dass jemand im gleichen Raum ist: nein! Bis 15.30 Uhr in der Krabbelstube bleiben: einmal im halben Jahr – es könnte sonst das (MEIN) Seelenheil leiden, würde das Kind nicht bis 14.30 Uhr abgeholt. Der Vater des Kindes antwortet im Urlaub auf die Frage, ob er weiß, wo die Tochter gerade hingegangen ist: „Sie ist vor drei Minuten mit zwei etwa gleichaltrigen Kindern in das Spielhaus da drüben geklettert, dort wird Postaustragen gespielt! Und, ja: Ich bin stolz darauf, ein Helikopter-Papa zu sein!“ Im Park beobachte ich eine Familie: Das Jüngste kann noch nicht gehen, wird aber zwanzig Minuten sich selbst überlassen (isst Schotter, schaut den anderen beim Spielen zu, krabbelt auf die andere Seite des Weges, lacht, ist guter Dinge), während die Mutter das etwas ältere Kind voller Hingabe auf der Schaukel anschubst. Seit neuestem schalte ich nachts das Babyfon neben mir aus, das Kind schläft Wand an Wand, die Türen sind off en, alle überleben ohne 24-Stunden-Kontrolle. Ich will ein bisschen mehr sein wie meine coole französische Freundin und wie jene Elterngeneration, die mich mit meinen älteren Brüdern nachmittagelang – ja wo eigentlich? – herumziehen ließ. Ja, da wurden eventuell Lianen geraucht, auf Fabriksgelände Hasenfallen gebaut und im Bach gespielt, in dem die Bauern diverse Abwässer loswurden. Doch ich kann schon froh sein, wenn mein Kind das Sofa anmalt, beim Kuchenbacken den halben – noch Ei-freien – Teig aufisst oder einen Schluck Cola erwischt. Es ist nicht leicht, heutzutage eine wilde Mutter zu sein.

 

Kristina Strauß-Botka hat als Politikwissenschaftlerin und Pädagogin mehr Sorge vor einem zu strengen Reglement in der Kinderbetreuung ihrer Tochter als vor einem Terroranschlag.

 

Heimspiel. Leben mit Kindern
Illustration: Nadine Kappacher

 

 

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Kritische Diversitätspraxis https://ansch.4lima.de/kritische-diversitaetspraxis/ https://ansch.4lima.de/kritische-diversitaetspraxis/#respond Sat, 03 Sep 2016 08:17:01 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=7818 Weiterbildung: Lehrgang am IWK – Institut für Wissenschaft und Kunst. Von LEA SUSEMICHEL

 

Wie kann emanzipatorische Kulturarbeit gelingen, die auf Teilhabe und Selbstermächtigung zielt?, fragt der im Herbst am Institut für Wissenschaft in Wien erstmals angebotene berufsbegleitende Lehrgang Kritische Diversitätspraxis in Kunst und Kultur. Die Weiterbildung soll Impulse für Kunst- und Kulturschaffende geben, um der Ungleichheit und strukturellen Diskriminierung im Kunst und Kulturbereich inklusive Strategien und Praktiken entgegenzusetzen. In sechs Modulen geht es u. a. um Vernetzung, Sprache und Macht sowie Öffnung und Allianzen.

 

Anmeldeschluss ist der 26.9., Kosten 1.500 Euro, Informationen: www.iwk.ac.at/kd_k

 

 

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lesbennest: Supposed to be like Glue https://ansch.4lima.de/lesbennest-supposed-to-be-like-glue/ https://ansch.4lima.de/lesbennest-supposed-to-be-like-glue/#respond Sat, 03 Sep 2016 08:06:06 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=7826 Lesbennest“All relationships end.” Von DENICE BOURBON]]> Lesbennest

the fabulous life of a queer femme in action

 

Almost a year ago I watched an 8-year relationship fall into pieces. Mine. We were the couple that would never break up. We were the smug little fuckers who sat there holding hands watching friends build love houses just to have them torn down again. We fell in love with each other and our equal passion for non-monogamy. Score! But then. One day. There I was. A furious amazon walking all over the bloody piercing pieces of the life I had built around this love. With an Ikea bag full of the most necessary things on my bike while pulling my confused dog around Vienna as I moved from couch to couch for a place to sleep. Bitter much? Hell yeah. How the fuck did this happen? Who was to blame? Who could I blame? On the inside I blamed myself. To the rest of the world I blamed everybody else. I didn’t want to be perceived as a loser. Because only a loser would not follow her inner feminist 101 common sense of being aware of and honest with her needs and issues. “All relationships end.” Yes, yes. I should know. I’m the one who walks around repeating that to my crying heartbroken loved ones. Death or divorce. That’s it. Well, fuck me, I should shut up more often.
There are so many levels of heartbreak and grief, and it’s so hard to deal with it if you are a cynical, sarcastic worshipper of logic. No matter how little la-la-love has to do with la-la-logic. I’m still very confused about what exactly happened these past three years. Two years of pain, anger and screaming. And now finally approaching the end of almost one year of ice-cold silence, where I was the Snow Queen who did “not wish to talk about it”. Now we do it again. Talk, laugh and love. The thing, my dears, is that there are no answers to be found. There is no explanation that makes sense. There are no words to make it all good. There is only love, laughter and passion that after years can easily turn into frustration, anger and a competition over who is feeling offended and is not taken for granted. Time. There is only time. Time washes the pain away, well not away, but it makes it bleaker. Until it doesn’t matter anymore. Until you start to remember again how good times felt like. Don’t be unforgiving unless what happened is absolutely unforgiveable. Don’t be petty. It’s not worth it. Memories should be polished as well and not only twisted into different signs of “Aaa-ha! I knew it all along! I was always fucked over!!!” You weren’t. You loved and you were loved. Life is just a laughing asshole at times and shit happens.

 

Denice would like to thank Nick for an amazing ride.

 

Illustration: Nadine Kappacher
Illustration: Nadine Kappacher

 

 

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