V / 2019 – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de Fri, 11 Oct 2019 09:40:25 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.0 https://ansch.4lima.de/wp-content/uploads/2024/10/cropped-favicon-32x32.png V / 2019 – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de 32 32 Feminist Superheroines: Harriet Tubman https://ansch.4lima.de/feminist-superheroines-harriet-tubman/ https://ansch.4lima.de/feminist-superheroines-harriet-tubman/#respond Fri, 28 Jun 2019 22:12:01 +0000 https://www.anschlaege.at/feminismus/?p=10651 © Ruth Veres https://ruthveres.atDie Freiheitskämpferin setzte sich u.a. für das Frauenwahlrecht ein. Von VANESSA SPANBAUER]]> © Ruth Veres https://ruthveres.at

Die berühmte Harriet Tubman wurde um 1820 auf einer Plantage in Maryland/USA als Sklavin geboren und setzte es sich persönlich zum Ziel, die Sklaverei zu beenden. Tubman befreite Hunderte Menschen aus der Sklaverei, indem sie diese von Maryland auf beschwerlichem Weg in den Norden schmuggelte. Sie setzte sich später nicht nur für das Wahlrecht von Schwarzen Menschen ein, sondern kämpfte auch für Frauenrechte – insbesondere das Wahlrecht für Frauen. Ab 2020 sollte ihr Porträt die Zwanzig-Dollar-Note in den USA zieren, dieses Projekt wurde unter Präsident Trump nun um fast ein Jahrzehnt vorschoben.

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an.künden: Punkte verbinden https://ansch.4lima.de/an-kuenden-punkte-verbinden/ https://ansch.4lima.de/an-kuenden-punkte-verbinden/#respond Fri, 28 Jun 2019 22:05:22 +0000 https://www.anschlaege.at/feminismus/?p=10657 Rund 150 Kurzfilme stehen auf dem Programm des dotdotdot Kurzfilmfestivals.]]>

Im Jubiläumsjahr des Open Air Kurzfilmfestivals dotdotdot dürfen wie gewohnt kurze, an- und aufregende sowie fordernde Filmformate erwartet werden. Rund 150 Kurzfilme an 15 Abenden und erstmals ein Kinokonzert stehen auf dem Programm. Am 16.8. wird mit an.schläge kooperiert und unter dem Titel „The Future Is Equal“ werden feministische Kurzfilme, u. a. „Fuck You“ (Foto) von Anette Sidor und „Matria“ von Alvaro Gago, gezeigt. Freitag ist barriereFREItag! Moderation und Filmgespräche mit Übersetzung in Gebärdensprache (ÖGS).
 
31.7.–30.8.: jeden Mittwoch Donnerstag und Freitag bei Dämmerung
10 Jahre dotdotdot Kurzfilmfestival
Garten Volkskundemuseum, 1080 Wien, Laudongasse 15–19
www.dotdotdot.at
 

© Marcus Dineen
© Marcus Dineen

 
 
 

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an.sehen: Das Herz der Löwin https://ansch.4lima.de/an-sehen-das-herz-der-loewin/ https://ansch.4lima.de/an-sehen-das-herz-der-loewin/#respond Fri, 28 Jun 2019 22:03:11 +0000 https://www.anschlaege.at/feminismus/?p=10643 „Lionheart“ bricht mit Geschlechter- und Nollywood-Klischees. Von VANESSA SPANBAUER]]>

„Lionheart“, die erste Netflix-Kooperation mit der nigerianischen Filmbranche, bricht gleichermaßen mit Geschlechter- und Nollywood-Klischees. Von VANESSA SPANBAUER

Was geschieht, wenn es um die temporäre Nachfolge eines Familienunternehmens geht und kein männlicher Nachkomme bereitsteht? Genau, ein anderer Mann wird geholt, ungeachtet dessen, dass eine Nachfolgerin bereits seit Jahren in den Startlöchern steht. Die Geschichte der übergangenen Tochter, die hart kämpft, um die Anerkennung zu bekommen, die ihr zusteht, ist nicht neu – doch die Szenerie ist für westliche Sehgewohnheiten äußerst ungewöhnlich.
„Lionheart“ ist nämlich die erste Zusammenarbeit zwischen Netflix und der nigerianischen Filmbranche und setzt damit ein Zeichen. Neben Hollywood hat sich vor vielen Jahren Bollywood mitsamt aller Besonderheiten im Westen etabliert, bei uns weniger bekannt, aber ebenso einzigartig ist Nollywood. Nollywood gilt als die drittgrößte Filmindustrie der Welt. Zum Vergleich: In Österreich werden pro Jahr zwischen dreißig und fünfzig Filme produziert, in Nigeria sind es um die fünfzig Produktionen pro Woche. Nollywood ist nicht nur der zweitgrößte Arbeitgeber Nigerias nach der Landwirtschaft, sondern beherrscht die Bildschirme des gesamten afrikanischen Kontinents. Doch in Nollywood wird nicht nur für den afrikanischen Markt produziert, die Filme erfreuen sich auch in der Diaspora weltweit großer Beliebtheit. Selbst wer nicht in einer nigerianischen Familie aufwächst, sieht die Filme seit frühster Kindheit in irgendwelchen Wohnzimmern nebenbei oder schaut gleich mehrere hintereinander beim Haaremachen im Afroshop. Aufgrund der großen Nachfrage sind viele Nollywood-Filme auch auf YouTube zu finden – für Netflix ist es also ein kluger Move, sich solche Publikumslieblinge zu sichern.
In „Lionheart“ spielt Genevieve Nnaji, eine der beliebtesten nigerianischen Schauspielerinnen, nicht nur die Hauptrolle, sondern führte auch Regie. Es ist ganz klar Nnajis Herzensprojekt, das in einer Stunde und 34 Minuten erzählt wird. Eine Frau, die sich in einer männlich dominierten Gesellschaft und umso mehr männlich dominierten Arbeitswelt behaupten muss – das dürfte auch Nnaji nicht fremd sein. Sexuelle Anspielungen und Belästigungen in Meetings sind ebenso zu sehen wie der Onkel, der zwar noch nicht durch Leistung aufgefallen ist, dem aber dennoch jeder den Teppich ausrollt. Protagonistin Adaeze hat allerdings noch andere Probleme, die finanzieller Natur sind und das Familienunternehmen gefährden. Mit ihrem anfänglichen Gegenspieler Onkel Godswill entwickelt Adaeze Pläne, um die Firma zu retten – Gefängnisaufenthalte inklusive.
Nollywood-Filme leben von starken Frauencharakteren, doch oft sind diese im Familienverband beheimatet. Die Schwarze Frau als Geschäftsfrau ist kein seltenes Bild, doch außerhalb von Gastronomie oder Modeindustrie ist sie selten zu finden. Männer werden meist als die Familienoberhäupter dargestellt, die in ihren vier Wänden zwar nicht viel zu melden haben, jedoch verwöhnt werden. „Lionheart“ trägt seinen Teil dazu bei, diese Rollenklischees zu brechen. Wer mit Nollywood vertraut ist, merkt schnell, dass der Film mit vielen weiteren Nollywood-Klischees bricht. Visuell erinnert die Bildsprache eher an Hollywood als an die oft schnell, mit wenig Geld gefilmten Produktionen der westafrikanischen Nation. Nollywood ist oft schrill, bunt, sehr unterhaltsam, während „Lionheart“ diese Elemente derart herunterbricht, dass der Film an eine relativ unspektakuläre Hollywoodproduktion erinnert. Da es allerdings nicht die US-Traumfabrik ist und Neulinge so leichter in die Welt des Naija-Kinos eintauchen können, hat Netflix beim Kauf alles richtig gemacht.

Lionheart
Regie: Genevieve Nnaji
Nigeria 2018

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satira: Stranger than Fiction https://ansch.4lima.de/satira-stranger-than-fiction/ https://ansch.4lima.de/satira-stranger-than-fiction/#respond Fri, 28 Jun 2019 21:29:45 +0000 https://www.anschlaege.at/feminismus/?p=10649 Illustration: Sabrina WegererI would like to pitch this idea I have for a movie. Von DENICE BOURBON]]> Illustration: Sabrina Wegerer

I would like to pitch this idea I have for a movie. Let me know what you think!
So: We’re in a luxury rental house on a Mediterranean island. Although it’s expensive, the interior looks cheap and generic. We see two men and a woman. The men are excited in a way that reminds you of drunken pubescent boys pumped up on their freshly produced testosterone. The woman looks lethargic. We very soon realise that one of the men is Austria’s vice chancellor and he is in the middle of trying to sell his country to Russia. The younger man is his prince and drilled successor, and with the air of an overly excited puppy, he plays gun charades to illustrate which companies have illegally donated money to the neo-fascist party. Both men are jacked up on cocaine.
The over-the-top masculinity that they are performing turns grotesque, like a parody of themselves. We do not see the other people in the picture, the buyer of Austria, a young, beautiful, wealthy niece of a Russian oligarch, and her translator. But we know that they are there, and we know that she is beautiful, because the vice chancellor keeps pointing this out to his faithful partner in crime. His words are profane and tacky. It sounds like lines from a really cheap pornographic clip. Then comes a drastic cut. What we see now is a press conference in which the vice chancellor portrays himself as a victim and his Sancho Panza, who’s in panic, claims he was drugged by an infamous substance often used for date rapes. The viewer gets confused. What the hell really went on in that house after the cut? How far did the situation escalate? Next scene: the streets of Vienna. Tens of thousands of people are cheering out of happiness, they are finally free from the evil oppressors. A big red bus glides into the picture. On its roof are the 90’s Eurotrash pop-act Vengaboys, singing the song of the Austrian Revolution. Fade out. To be continued. What the fuck will happen next???

Denice doubts that anyone will buy her script. The story is just too unbelievable.

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an.sage: Oh, du gespaltenes Österreich! https://ansch.4lima.de/an-sage-oh-du-gespaltenes-oesterreich/ https://ansch.4lima.de/an-sage-oh-du-gespaltenes-oesterreich/#respond Fri, 28 Jun 2019 21:29:24 +0000 https://www.anschlaege.at/feminismus/?p=10653 Es scheint, als würden zwei Seiten in Österreich gegeneinander kämpfen. Von VERENA KETTNER]]>

Ein Kommentar von VERENA KETTNER

In den letzten Wochen ist so viel passiert in unserem schönen, braunen Staat, dass ich gar nicht genau weiß, wo ich anfangen soll. Vielleicht erst mal mit den positiven Ereignissen, immerhin haben wir es uns nach beinahe eineinhalb Jahren Bullshit, der uns regelmäßig von der türkis-blauen Regierung vor die Füße gespuckt wurde, verdient, ein bisschen zu feiern und uns zu freuen. Etwa darüber, dass das Ibiza-Video nicht nur zum Rücktritt von FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache führte, sondern als Dominoeffekt auch gleich die ganze Regierung zu Fall brachte. Als ich am Samstag nach der Veröffentlichung des Videos am Ballhausplatz stand und mit Tausenden anderen Menschen Straches Abgang feierte, war mir noch nicht klar, was alles folgen würde: der Rauswurf sämtlicher blauer Minister_innen aus der Regierung, die Ankündigung von Neuwahlen, das erfolgreiche Misstrauensvotum gegen Kanzler Sebastian Kurz, das Einsetzen einer Expert_innenregierung unter der interimistischen Führung von Bundeskanzlerin Brigitte Bierlein.
Einer Bundeskanzlerin. Österreich hat es 2019 tatsächlich geschafft, eine Frau mit der Führung des Landes zu betrauen. Die vergangenen Wochen glichen einem Austro-Krimi, den ein großer Teil der Bevölkerung gespannt mitverfolgte – nur irgendwie besser, weil real. Die vielen Demos und öffentlichen kollektiven Freudenbekundungen über die politischen Umwälzungen lassen sich im Nachhinein kaum mehr voneinander unterscheiden, und dass ich mir am Ballhausplatz beim Anblick der Vengaboys die Seele aus dem Leib grölen würde, hätte ich bis vor Kurzem auch nicht gedacht. So viel zu den erfreulichen Neuigkeiten. Wie immer gibt es aber auch die andere Seite der Medaille zu betrachten, die nicht ganz so prickelnd aussieht.

Natürlich ist es legitim, darüber entzückt zu sein, dass die FPÖ sich vorübergehend selbst ins Aus befördert hat und bei den Neuwahlen wohl auch nicht mehr in eine regierende Position kommen wird. Allerdings: Nix ist fix. Wenn wir uns die Ergebnisse der EU-Wahl ansehen, bei der die FPÖ nur 2,4 Prozentpunkte verlor, wird nur allzu deutlich, dass ein Ibiza-Video nicht reicht, um ein Land vom Rechtsextremismus zu befreien, denn die Menschen denken und wählen immer noch rechts. Außerdem würde die FPÖ auch innerhalb der Opposition immer noch über genügend realpolitische Macht verfügen, um ihren Rechtsextremismus weiter zu verbreiten.
Der Slogan „Ibiza antifascista“, der auf sämtlichen Demonstrationen in der letzten Zeit zu hören war und sich vom bekannten Demospruch „Alerta antifascista“ ableitet, ist leider nicht wahr. Nicht das Vorgehen gegen das offensichtlich faschistische Gedankengut der FPÖ und ihre menschenverachtenden Handlungen konnten diese stoppen, sondern ein Video, das „die guten Sitten und die Moral“ von Österreich beschmutzt und die Übertretung legaler Grenzen offenbart. Des Weiteren ist es zwar symbolisch ein schönes Zeichen, keine klar deklarierten Rechtsextremen im Parlament sitzen zu haben – doch ob eine Kurz-One-Man-Show, die uns möglicherweise nach den Neuwahlen bevorsteht, so viel Besserung bedeutet, ist höchst fragwürdig. Denn auch die ÖVP steht nicht nur für Sozialleistungskürzungen und Neoliberalisierung, sondern ebenso für ein reaktionäres und rechtes Weltbild.
Es scheint, als würden zwei Seiten in Österreich gegeneinander kämpfen, wenn alle versuchen, das Aufbrechen der alten Ordnung für sich zu nutzen. Dass die Porträts von Holocaust-Überlebenden im Rahmen einer Ausstellung auf der Wiener Ringstraße einerseits zerschnitten und mit Hakenkreuzen beschmiert wurden und sich nun andererseits eine Mahnwache aus der Zivilgesellschaft gebildet hat, um diese Bilder vor weiteren Übergriffen zu schützen, macht den momentanen Zwiespalt der Nation offenkundig. Wir sollten diesen Moment nutzen, denn gerade in Zeiten mit Rissen in der gesellschaftlichen Hegemonie kann am ehesten das Feuer entfacht werden, um den Kampf für eine Gegenhegemonie voranzutreiben.

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Das große Ganze https://ansch.4lima.de/das-grosse-ganze/ https://ansch.4lima.de/das-grosse-ganze/#respond Fri, 28 Jun 2019 21:25:34 +0000 https://www.anschlaege.at/feminismus/?p=10641 Feministische Medien verändern die Welt. Von LEA SUSEMICHEL]]>

Feministische Medien berichten nicht nur über sogenannte „Frauenthemen“, sondern machen deutlich, dass jedes Thema feministisch ist. Und verändern damit die Welt. Von LEA SUSEMICHEL

„Yours in Sisterhood“ heißt ein Dokumentarfilm, der 2018 in die Kinos kam. Darin werden LeserInnenbriefe vorgelesen, die in den 1970ern zu Tausenden an die Redaktion der feministischen US-Zeitschrift „Ms. Magazine“ geschickt wurden. Die Briefe kamen von Mädchen und Frauen (und auch einigen Männern) jeden Alters überall aus den USA. Sie enthalten persönliche Schilderungen von Coming-out und Männergewalt, Diskriminierung am Arbeitsplatz, Alltagssexismus und feministischer Frustration. „Ms.“ war damals eine der wenigen Anlaufstellen, an die sich Frauen mit ihren Erfahrungen und ihrer Wut wenden konnten.
Solche Stellen sind heute glücklicherweise zahlreicher, dennoch sind feministische Medien weiterhin zentrale Orte, an denen Frauen mit ihren Erfahrungen ernst genommen werden und wo sie ihre feministischen Forderungen artikulieren können.
Nach innen und außen. Feministische Medien wirken immer in zwei Richtungen, sie „sind eine Mobilisierungsressource nach innen wie nach außen“, schreibt die Medienwissenschaftlerin Elisabeth Klaus in einem an.schläge-Kommentar. Und gerade diese Wirksamkeit nach innen darf nicht unterschätzt werden. Denn jede soziale Bewegung braucht eigene Medien, um inhaltliche Auseinandersetzungen zu führen, gemeinsame Positionen zu erarbeiten und dabei Zusammenhalt und Zugehörigkeit zu schaffen. Feministische Medien – und dazu gehören inzwischen auch digitale und Soziale Medien – dienen so als wichtiges Instrument für die Selbstvergewisserung feministischer Bewegungen weltweit.
Aber auch den Einfluss nach außen gibt es. Zwar stellt sich angesichts der oft überschaubaren Reichweiten unweigerlich auch für uns Medienmacherinnen immer wieder die Sinnfrage, doch es ist unbestreitbar: Feministische Medien sind gesellschaftspolitisch wirksam.
Auch wenn es mitunter quälend langsam vonstatten geht, es findet ein Thementransfer statt. Etablierte Medien müssen irgendwann notgedrungen feministische Inhalte aufgreifen, die (oft lange) zuvor als radikale Forderungen von Feministinnen in den gesellschaftlichen Diskurs gebracht wurden.
Unverzichtbares Korrektiv. Das linksalternative Medienspektrum bildet so ein demokratiepolitisch unverzichtbares Korrektiv zum medialen Mainstream, denn es erweitert den Raum des Denk- und Sagbaren, der sich sonst, hierzulande insbesondere aufgrund der enorm hohen Medienkonzentration und der Übermacht des Boulevards, immer weiter einschränken würde. Es wirkt der schleichenden Verschiebung des öffentlichen Diskurses nach rechts entgegen, die sich weltweit beobachten lässt, seit rechtspopulistische bis rechtsextreme Regierungen und illiberale Demokratien global auf dem Vormarsch sind.
Unter diesen Regierungen stehen nicht nur demokratische Grundrechte zunehmend unter Beschuss, sondern auch die Pressefreiheit selbst.
Drastische Verschlechterung. Wie schnell es bergab gehen kann, zeigt sich eindrücklich am Beispiel Österreichs: Unter Schwarz-Blau gab es eine drastische Verschlechterung der Pressefreiheit, wie die NGO „Reporter ohne Grenzen“ im April kritisierte. „Österreich verliert seine Einstufung als Land mit guter Pressesituation“, zeigte sich die Organisation in einer Aussendung alarmiert. Auch „die Gefährdung der Grund- und Freiheitsrechte liegt in der Luft“, hatte zuvor bereits der Österreichische Rechtsanwaltskammertag (ÖRAK) gewarnt. Und ein Rating des internationalen Netzwerkes Civicus kam zu dem Schluss, dass Aktivitäten der Zivilgesellschaft in Österreich schwieriger geworden seien – Österreich wurde unter Schwarz-Blau von bisher „offen“ auf „eingeengt“ herabgestuft.
Überall auf der Welt, wo rechte Regierungen an der Macht sind, gibt es diese Angriffe und dieselben Muster: Attacken gegen Minderheiten, Angriffe auf die Medien – und immer auch auf den sogenannten „Gender-Wahnsinn“. Und wegen dieser dezidiert antifeministischen Agenda sind innerhalb der linken Gegenöffentlichkeiten feministische Positionen so besonders wichtig, die den drohenden Backlash skandalisieren.

Gewissen für Geschlechtergerechtigkeit. Denn andere Medien erfüllen die Aufgabe, ein Gewissen für Geschlechtergerechtigkeit zu sein, weiterhin sehr schlecht – wovon selbst Medien des linksalternativen Spektrums nicht immer ausgenommen sind, denn auch in deren Redaktionen gibt es Machos und Mansplaining. Frauen, Frauenpolitik und feministische Themen sind dementsprechend medial immer noch massiv marginalisiert. Medial präsent sind fast ausschließlich „Aufreger-Themen“ wie etwa Burka-/Kopftuch- oder #MeToo-Debatten, wobei eine sensationalistische Berichterstattung dominiert, die sich nur äußerst selten strukturellen Schieflagen widmet.
Über Diskriminierung oder Gewalt gegen Frauen wird hingegen nur nach aktuellen Ereignissen mit Nachrichtenwert, wie besonders blutigen Straftaten, berichtet. Und was Nachrichtenwert hat und was nicht, ist das historische Resultat einer immer schon männlich dominierten Medienwelt. Für feministische Medien gelten deshalb bei der Berichterstattung grundsätzlich andere Kriterien: Was als „soft oder hard news“ gilt, wird neu definiert, der berühmte feministische Spruch „Das Private ist politisch“ findet also auch bei der Auswahl der Themen seinen Niederschlag. Das heißt, auch die politische Relevanz von Themen wie beispielsweise Sexualität wird verhandelt.
Feministische Evergreens. Die Aufgabe feministischer Medien besteht also einerseits darin, über vernachlässigte feministische Themen kontinuierlich zu berichten und solche feministischen „Evergreens“ – wie z. B. Abtreibungsrecht, Gewalt gegen Frauen, Gender Pay Gap, Aufteilung von Haus- und Erziehungsarbeit, Körperbilder, Sexualität – konsequent zum Thema zu machen. Aber sie erschöpft sich dabei keinesfalls im Aufgreifen solcher sogenannter „Frauenthemen“. Vom feministischen Medien wie an.schläge werden stattdessen sämtliche Themen aus einer feministischen Perspektive beleuchtet. Wir lösen damit ein, was wir auch politisch fordern, nämlich dass Feminismus eine Querschnittsmaterie sein muss, dass also Feminismus in jeder Disziplin und Frauenpolitik immer und in jedem Ressort mitgedacht werden muss.
Jedes Thema ist feministisch. Denn jedes Thema hat immer auch feministische Aspekte, das bedeutet, dass die Implikationen für Frauen andere sind als für Männer, egal ob es um die Klimakatastrophe oder eine Steuerreform geht. Und nach wie vor kommen solche geschlechtsspezifischen und im Idealfall auch intersektionalen Analysen in den etablierten Medien so gut wie gar nicht vor.
Aber es sind nicht nur feministische Topics, die ausgeblendet werden, es sind auch die Frauen selbst. Laut Global Media Monitoring sind drei von vier Personen, die in den Nachrichten Erwähnung finden, Männer. Und die Studie #frauenzählen der Universität Rostock kommt zu dem Ergebnis, dass etwa achtzig Prozent aller non-fiktionalen Unterhaltungsprogramme Männer zeigen. Diese Asymmetrie setzt sich auf der visuellen Ebene fort, die Geschlecht weiterhin oft sehr klischeehaft ins Bild setzt. Feministische Medien setzen dem eine alternative Bildpolitik entgegen.
Feministische Medienpolitik zielt aber nicht nur aufs große gesellschaftspolitische Ganze, sondern auch auf die eigenen Arbeitsbedingungen – die in den eigenen prekären Projekten freilich auch nicht immer rosig sind – und die Missstände in anderen Redaktionen ab. Die an.schläge haben sich deshalb zum Internationalen Frauentag an einem Streikaufruf von Journalistinnen beteiligt, in dem es heißt: „Auch innerhalb der Redaktionen ist männliche Dominanz tagtäglich zu spüren – z. B. wenn es darum geht, wer die Themen setzt, wessen Beitrag einen prominenten Platz erhält oder wer als kompetenter gilt, ein Thema zu kommentieren.“ Und zum Pay Gap: „Rund 35 Prozent der weiblichen Freelancer sind Geringverdienende, bei ihren männlichen Kollegen sind das nur etwa 23 Prozent. Freiberuflichkeit trifft Frauen also härter. Eine Journalistin in Deutschland verdient durchschnittlich 2436 Euro netto, ein Journalist 3151 Euro.“
Feministische Medienpolitik muss also auf vielen Ebenen gleichzeitig ansetzen, sie muss in eigenen Medien stattfinden, aber auch in andere Medien vordringen. Und sie darf angesichts des gegenwärtigen Gegenwinds vor allem eines nicht: die eigene Relevanz unterschätzen und den Mut verlieren.

BAM!
Die an.schläge sind Teil des Bündnis Alternativer Medien BAM!, einer Allianz kritischer Medien, die sich unter Schwarz-Blau gegründet hat: www.bam.jetzt

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an.spruch: Juhu, eine Bundeskanzlerin? https://ansch.4lima.de/an-spruch-juhu-eine-bundeskanzlerin/ https://ansch.4lima.de/an-spruch-juhu-eine-bundeskanzlerin/#respond Fri, 28 Jun 2019 20:23:48 +0000 https://www.anschlaege.at/feminismus/?p=10655 Sollen sich Feministinnen über erfolgreiche Frauen freuen? Von KATHARINA RÖGGLA]]>

Die feministische Begeisterung über einzelne erfolgreiche Frauen kann KATHARINA RÖGGLA nicht teilen.

Während sich in Deutschland Merkels Amtszeit dem Ende nähert, werden bereits feministisch-wehmütige Abschiedsworte formuliert. Und auch in Österreich können wir Feministinnen uns jetzt angeblich freuen – mit Brigitte Bierlein haben auch wir eine Kanzlerin. Denn offenbar finden es manche Feminist*innen irgendwie toller, eine Frau an der Spitze des Staates stehen zu haben. Leider ist das ein Trugschluss. Staaten kürzen Sozialleistungen, organisieren Abschiebungen und führen Krieg. Angela Merkel hat dabei – so wie alle Männer vor ihr – mitgemacht, und auch Bierlein wird nicht alles besser machen. Einem Feminismus, der glaubt, dass es uns automatisch allen nützt, wenn
einzelne Frauen die gläserne Decke durchbrechen, sollten wir mit Misstrauen entgegentreten. Mittlerweile sollte klar sein, dass wir nicht einzelne Andere in Spitzenpositionen, sondern einen Systemwechsel brauchen. Gern wird argumentiert, dass kleine Mädchen davon profitieren, wenn sie Frauen in Spitzenpositionen erleben, weil auch sie sich dann leichter Großes träumen trauen. Auch ich wünsche mir eine Welt, in der Mädchen alle Türen offenstehen. Aber gerade für diese Mädchen brauchen wir auch eine Welt, in der Träume nicht bei divers besetzten Machtpositionen enden, sondern eine Welt, in der soziale Gerechtigkeit realisierbar wird.
Abgesehen von der leidigen Frage nach der gläsernen Decke scheint mir noch ein anderes Missverständnis hinter der Begeisterung über einzelne erfolgreiche Frauen zu stecken, nämlich die Idee, dass jede Selbstverwirklichung einer Frau gleich ein feministischer Erfolg sein muss. Das passt gut zum liberalen Zeitgeist, in dem das Individuelle gefeiert und das Kollektive ignoriert wird. In den Kommunen der 1970er-Jahre galt das vermeintlich Kollektive als Maßstab allen Denkens, dem individuelle Bedürfnisse, die als bürgerlich gebrandmarkt wurden, untergeordnet werden mussten. Bei Fehlverhalten wurde zur öffentlichen Selbstkritik aufgerufen. Das war autoritärer Mist, den wir nicht wiederholen wollen. Aber es lohnt sich, über unser heutiges Verhältnis von Individuum und Kollektiv zu sprechen. Als Worthülse wird gern auf das Gemeinsame verwiesen, in allen konkreten Fragen dann aber doch die Individualität in den Vordergrund gestellt. So kommt es dann auch, dass weibliche Selbstverwirklichung mit Feminismus verwechselt werden kann und quasi jede private Entscheidung legitim wird. Kanzlerin sein, Stöckelschuhe tragen, sich vollverschleiern, schönheitsoperieren, heiraten – alles nicht nur okay, sondern schon ein feministisches Projekt, solange es eine Frau ist, die da ihren Kopf durchsetzt. Feminismus aber kann nicht nur das sein, was mich froh macht, sondern muss sich die Frage gefallen lassen, was es für Geschlechterverhältnisse und Gesellschaft insgesamt bedeutet. Stöckelschuhe mögen ein privates Vergnügen sein, gut finden muss ich als Feministin Kleidung noch lange nicht, die dazu angetan ist, Frauen in ihrer Bewegungsfreiheit einzuschränken. Auch in der Werbung heißt es mittlerweile: „Ich bin stolz, weil ich ein Mädchen bin.“ Von feministischen Diskussionen erwarte ich mir dann aber doch mehr gesellschaftsverändernden Anspruch, der nicht dabei stehen bleibt, mich darüber zu freuen, nicht von einem Mann regiert zu werden.

Katharina Röggla lebt in Wien, sehnt sich generell nach einer antiautoritären, antirassistischen und feministischen Bewegung und gerade ganz speziell auch nach einem kühlen Schattenplatz an der Neuen Donau.

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„Das politische Interesse ist da“ https://ansch.4lima.de/das-politische-interesse-ist-da/ https://ansch.4lima.de/das-politische-interesse-ist-da/#respond Fri, 28 Jun 2019 20:18:06 +0000 https://www.anschlaege.at/feminismus/?p=10639 Eine Gruppe junger Mädchen steht an einer WandInterview: RAPHAELA KOHOUT über neue Jugendbewegungen. Von GABI HORAK]]> Eine Gruppe junger Mädchen steht an einer Wand

Zwischen Retraditionalisierung und sozialer Verantwortung: Die Jugendkulturforscherin RAPHAELA KOHOUT über neue Jugendbewegungen und die Rollenbilder junger Frauen. Interview: GABI HORAK

Zum Gespräch im Wiener Weltcafé kommen wir zu Fuß, denn der Wiener Ring ist für den Verkehr gesperrt. Es ist der Tag einer großen Klima-Demo, bei der auch Greta Thunberg persönlich teilnimmt. Die Jugend ist auf der Straße, womit wir schon mitten im Thema wären.
an.schläge: Welche Jugendlichen sind bei den Klima-Demos dabei? Macht es einen Unterschied, dass diese Bewegung eine 16-Jährige und keine Erwachsene initiiert hat?
Raphaela Kohout: Das macht auf jeden Fall etwas aus. Es ist sehr gut, wenn junge Menschen es schaffen, sich öffentlich Gehör zu verschaffen, das ist leider selten der Fall. Bei solchen Bewegungen sind eher junge Menschen aus höher gebildete Milieus aktiv. Das war schon immer so, auch bei der 68er-Bewegung. Das sind jene, die sich eher in gesellschaftlich privilegierten Positionen befinden, die den Freiraum dazu haben. Sie wachsen meist mit einem partizipativen politischen Verständnis auf, da wird im Elternhaus über Emanzipation und Partizipation diskutiert und Umwelt- und Klimaschutz gehören zu den familiären Gesprächsthemen. Die Schule und auch die Peergroups spielen natürlich auch eine wichtige Rolle, aber da hängt es auch wieder vom Elternhaus ab, in welche Schule sie gehen, in welchen Milieus sich Jugendliche bewegen.
Warum brauchen Jugendliche eine eigene Jugendkultur?
Eine Funktion der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Jugendkultur bzw. zu einer Szene ist die Abgrenzung zu Erwachsenen, das war schon immer so. Was sich aber verändert hat: Es vermischt sich inzwischen stark und man fühlt sich gleichzeitig mehreren Szenen zugehörig. Was sich auch verändert hat: Bei Erwachsenen oder überhaupt in der Gesellschaft hat das Jugendlichsein einen hohen Wert bekommen, an dem sich die meisten orientieren. Wenn jedoch Jugendkulturen von Erwachsenen oder der Popularkultur aufgegriffen und vermarktet werden, verlieren sie für Jugendliche schnell an Bedeutung. Neben der Abgrenzung geht es in Szenen aber auch um ein Ausprobieren, darum Regeln auszuloten und zu brechen. Wobei der Wunsch, Regeln zu brechen, unter Jugendlichen nicht mehr so weit verbreitet ist wie früher. Das liegt auch daran, dass sich in vielen Familien die Kommunikationskultur verändert hat. Es herrscht viel eher ein Umgang des Verhandelns miteinander. Generationenkonflikte, von denen immer wieder die Rede ist, sind eher medial aufgeblasen, in ihrem familiären Umfeld kommen die Generationen überwiegend gut miteinander aus.
Zu welchen Szenen fühlen sich Mädchen eher zugehörig?
Laut aktuellstem Jugendbericht sind in der größten Szene, der Fitness-/Körper-Szene, mehr Mädchen als Burschen vertreten. In den Umweltszenen sind deutlich mehr Mädchen. Wo die Beauty-Szenen in der Untersuchung hineinfallen, weiß ich nicht, aber da sind auf jeden Fall auch mehr Mädchen vertreten, vor allem Schmink-Tutorials erfahren wirklich eine starke Verbreitung. Bei den jüngeren Mädchen geht es dabei sehr viel um ein Ausprobieren, Austesten, Abgrenzen. Darum würde ich das nicht per se als antifeministisch bezeichnen. Welche Ideale hierbei vermittelt werden, ist ein anderes Thema.

© MA 57 – Frauenabteilung der Stadt Wien/Sandra Frauenberger
© MA 57 – Frauenabteilung der Stadt Wien/Sandra Frauenberger

Klassische politische Jugend-Szenen wie Punks sind heute sehr klein, die „Ökos“ haben aktuell wieder etwas Aufwind. Spielt politische Identität und politisches Engagement heute weniger eine Rolle als vor zwanzig Jahren?
Das glaube ich nicht. Aktuell lässt sich sogar ein Anstieg beim politischen Interesse beobachten. Das liegt wohl auch an der breiten Verfügbarkeit von Nachrichten durch z. B. Social Media. Wir haben letzten Sommer eine Untersuchung zu dem Thema gemacht: Junge Menschen wissen sehr wohl Bescheid über tagesaktuelle Geschehnisse und aufgrund der weiten Verbreitung von Fake News werden Nachrichten sehr reflektiert rezipiert. Das politische Interesse ist da und bei den Wahlen in Europa wählten sie mehrheitlich links bzw. nicht nationalistisch. Was aber auch wahr ist: In Szenen geht es mittlerweile – neben anderen Aspekten – ganz viel um Ästhetik. Den emanzipatorischen Anspruch, wie er früher in der Punk-Szene ganz stark war, gibt es nicht mehr in dem Ausmaß. Auch weil „Punk“ sehr stark vermarktet wurde.
Laut einer größeren europäischen Studie sind österreichische Jugendliche wenig politisch interessiert.
Das wird der jungen Generation immer schon vorgeworfen, dass sie sich zu wenig politisch engagiert. Die politische Partizipation findet anders statt als früher. Viele Organisationen haben alte Strukturen, wo eine längerfristige Bindung notwendig ist. Das ist für viele junge Menschen uninteressant bzw. neben den hohen Anforderungen in Ausbildung und Arbeit schwer machbar. Die Bereitschaft für soziales Engagement ist prinzipiell unter jungen Menschen vorhanden. Wie das Engagement dann tatsächlich stattfinden kann, da müssen sich viele Organisationen etwas überlegen, wie sie z. B. offenere Formen der Beteiligung in ihre Strukturen einbetten können und auch junge Menschen aus niedrigeren Bildungsschichten ansprechen können, denn die fühlen sich zumeist nicht als Zielgruppe, obwohl auch bei ihnen die Engagementbereitschaft vorhanden wäre.
Welche Rolle spielt das Thema Gewalt und Hass im Netz bei Jugendlichen? Gibt es da ein Problembewusstsein?
Wir haben letztes Jahr eine Studie zu sexueller Belästigung und Gewalt im Internet gemacht und da ist rausgekommen, dass das für viele Jugendliche einfach dazugehört, dass es normal ist, mit unangenehmen Situationen im Netz konfrontiert zu sein. Sie entwickeln unterschiedliche Strategien im Umgang damit. Großteils sehen sie sich dabei selbst in der Verantwortung. Mädchen suchen die Schuld oft bei sich und ihnen wird auch die Schuld zugeschrieben, wenn sie etwa ein Bikini-Foto posten und dann anzügliche Kommentare erhalten. Die Täter-Opfer-Umkehr ist da ganz weit verbreitet.
Gilt das auch für sexuelle Belästigung außerhalb des Internets?
Ein Ergebnis der Untersuchung war auch, dass online und offline nicht getrennt voneinander gesehen werden können. Die Mädchen lernen online jemand kennen und treffen ihn dann persönlich. Sexuelle Belästigung im „realen Leben“ ist aber bestimmt weniger Tabu-Thema als früher. Die #MeToo-Debatte wurde natürlich auch bei Jugendlichen wahrgenommen.
Untersuchungen vor einigen Jahren zeigten, dass es wieder stärker den Wunsch nach traditioneller Vater-Mutter-Kind Familie gibt und Mädchen sich auf ihre Mutterrolle zurückziehen wollen. Wie hat sich das entwickelt?
Diese Retraditionalisierung beobachten wir weiterhin, vor allem bei Mädchen, die keine guten Jobaussichten haben, z. B. keine Matura oder keinen Lehrabschluss. Für Aussagen wie „Eine Mutter kann besser für die Kinder sorgen“ oder „Logisches Denken können Männer besser“ gibt es insgesamt hohe Zustimmungswerte, mehr als noch vor zehn, 15 Jahren. Das hängt auch damit zusammen, dass sich viele junge Menschen heute oft verunsichert fühlen. Mädchen mit schlechten Jobaussichten greifen dann zum Teil auf traditionelle Strukturen wie jene der „guten Mutter“ zurück, von der sie sich mehr Sicherheit erhoffen. Wobei das Ideal der guten Mutter auch unter anderen gesellschaftlichen Schichten weit verbreitet ist.
Fast doppelt so viele junge Frauen wie Männer verdienen kein eigenes Geld. Und wenn sie verdienen, dann wesentlich weniger als die Männer. Ist der Gender Pay Gap ein Thema unter Jugendlichen?
Teilweise. Ich habe über eine britische Studie von 2017 gelesen, bei der sich zwei Drittel der befragten Mädchen als Feministinnen bezeichnen. Das ist spannend, aber muss auch diff erenziert gesehen werden: Feminismus ist „modern“. Viele Mädchen leben im Alltag Feminismus, aber er hat eine andere Bedeutung als bei den Frauenbewegungen früherer Generationen. Wie viel Bewusstsein es tatsächlich für Themen wie den Gender Pay Gap gibt, weiß ich nicht.
Zu den Lebensbedingungen: Wir haben gerade eine Untersuchung gemacht, wo wir uns die Stressoren in Familien angesehen haben. Zukunftsängste, familiäre Konflikte, Schul- und Ausbildungsstress belasten Mädchen stärker als Buben.

Raphaela Kohout ist Soziologin und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Jugendkulturforschung in Wien.

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neuland: Unauffällig österreichisch https://ansch.4lima.de/neuland-unauffaellig-oesterreichisch/ https://ansch.4lima.de/neuland-unauffaellig-oesterreichisch/#respond Fri, 28 Jun 2019 20:00:01 +0000 https://www.anschlaege.at/feminismus/?p=10645 Illustration: Sabrina WegererIn allem, was du hier tust und bist, gilt: Austria first. Von MARYAM GHANEM]]> Illustration: Sabrina Wegerer

alltägliche grenzerfahrungen

Wenn du sichtbares Mitglied einer Minderheit bist, agierst du nie für dich selbst. Du bist immer und überall RepräsentantIn deiner Gruppe. Du kannst dir nicht leisten, in der Öffentlichkeit das Gesicht zu verziehen, schließlich bist du in diesem Land Gast und hast dankbar zu sein. In allem, was du tust und bist, musst du die wahren ÖsterreicherInnen dieses Landes höherstellen, because Austria first. Und wir wissen – Staatsbürgerschaft hin oder her –, ich bin nicht Austria.
Es sind diese alltäglichen Kleinigkeiten, die letztendlich Großes bewirken. Kleinigkeiten, die sich anhäufen und sich unbemerkbar in dein Leben einnisten, sodass nicht einmal ich von diesem Schubladendenken befreit bin. Ich bin strenger zu mir und meinesgleichen. Ich ertappe mich dabei, wie ich mir in einem Seminar wünsche, dass die Frage, die dieses muslimische Mädchen stellen will, keine dumme ist. Ich setze mich unter Leistungsdruck, um dem abwertenden Bild entgegenzuwirken, das subtil verbreitet wird.
Ich mache bei diesem Spielchen mit, um das gesellschaftliche Klima nicht zu verschlimmern. Um acht Uhr morgens ist mein Lächeln so breit wie kein anderes, dabei würde ich am liebsten die Wiener Grantlerin raushängen, wie auch der Rest der Wiener PassantInnen. Ich entschuldige mich, wenn mich jemand von hinten anrempelt, dabei trage ich meine Augen nicht am Rücken. Wenn die Medien von einem islamistischen Terrorakt berichten, bete ich für die Betroffenen und anschließend für die Muslime, die die Konsequenzen austragen und die schuldzuweisenden Blicke der anderen ertragen müssen. Wir wissen, wir dürfen es nicht persönlich nehmen, aber wir tun es. Trotzdem lächeln wir. Wir lächeln und stellen uns im selben Moment die unausgesprochene Frage, ob die Person, die dich gerade schief beäugt, dir den Tod wünscht.

Maryam Ghanem ist gebürtige Wienerin mit ägyptischen Wurzeln, Muslima sowie Studentin der Soziologie und Publizistik. Sie träumt von einem Österreich, das die Vielfalt begrüßt und nicht abschiebt.

 

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Zack, zack, zack https://ansch.4lima.de/zack-zack-zack/ https://ansch.4lima.de/zack-zack-zack/#respond Fri, 28 Jun 2019 19:39:51 +0000 https://www.anschlaege.at/feminismus/?p=10637 Was wir vom Ibizagate lernen können. Von JUDITH KOHLENBERGER]]>

Männlichkeit und Macht: Was wir vom Ibizagate lernen können. Von JUDITH KOHLENBERGER

Was das Ibiza-Video so schockierend macht, sind die Selbstverständlichkeit und Nonchalance, mit der Gudenus und Strache agieren. Sie scheinen überzeugt gewesen zu sein, dass ihnen die in Aussicht gestellten illegalen Geschäfte und der daraus geschlagene persönliche Vorteil tatsächlich „zustehen“, sind sie doch, wie auch die ihnen zugetanen Spender*innen, „Idealisten“. Es verwundert deshalb nicht, dass in den ersten Reaktionen keinerlei Unrechtsbewusstsein gezeigt, sondern sofort zu Viktimisierung und Gegenangriffen übergegangen wurde. Diese grundlegende Einstellung, sich einfach zu nehmen, was einem zusteht, ist männlich konnotiert und spielt häufig bei sexueller Belästigung und Gewalt eine Rolle. Da passt es verblüff end gut ins Bild, dass sich sämtliche Erklärungsversuche seitens der FPÖ – von „prahlerisch wie ein Teenager“ bis hin zu „Machogehabe“ und „stockbetrunken“ – unwissentlich auf die hegemoniale, toxische Männlichkeit der handelnden Personen bezogen haben. Das strukturelle Fehlverhalten einer Partei, die, wie das Video nahelegt, nicht zum ersten Mal über illegale Auftragsvergabe und Parteifinanzierung vorbei am Rechnungshof nachdenkt, wird als Moment der persönlichen (männlichen) Schwäche bagatellisiert: ein Spitzbubenstreich, mit dem sich doch jeder richtige Mann identifi zieren kann, gerade in Anwesenheit einer „attraktiven Gastgeberin“, der man eben imponieren musste. Männer sind halt so, sollen sich die Bürger*innen halb kopfschüttelnd, halb schmunzelnd denken, und aus privaten Verfehlungen zweier spätpubertärer Ibiza-Urlauber keine weitreichenden politischen Verstrickungen, und schon gar keine Wahlentscheidungen ableiten.
Familienoberhaupt. Neben einem klassischen Männlichkeitsbild verdeutlicht Ibizagate aber auch, wie scheinbar traditionelle Werte wie jener der „Familie“ als politische Chiffre eingesetzt werden. In seiner Rücktrittserklärung stellte Strache ganz bewusst die Rolle des fehlbaren, aber reumütigen Ehemanns und Familienvaters in den Vordergrund, seine Entschuldigung galt allen voran derh intergangenen Ehefrau. Ein typischer Topos in den öff entlichen Beichten hoher Staatsmänner von Bill Clinton bis Anthony Weiner. Selbst Norbert Hofer begann sein Statement mit privaten Details aus seinem Familienleben und betonte, welch großes Opfer die zeitlich herausfordernde Rolle des Parteiobmannes für ihn als Familienvater nun bedeute. Dieses Opfer würde er aber gerne für eine andere Form der „Familie“, nämlich jene der Partei und, im weiteren Sinne, des Landes, bringen.
Man stelle sich vor, eine Politikerin würde mitten in einer solchen Regierungskrise von ihren Betreuungspflichten sprechen und die entgangenen Fahrstunden mit ihrer Tochter beklagen. Undenkbar, weil ihr das als Schwäche, Überforderung und mangelnde Energie ausgelegt würde.
Ein weiteres Motiv lässt sich im Video erkennen und kritisch analysieren: Das des weiblichen „Lockvogels“, der in der westlichen Kultur und Literatur weit verbreitet ist. Man denke nur an die legendäre Mata Hari, die als Tänzerin berühmt wurde und im Ersten Weltkrieg als Doppelagentin für den deutschen Geheimdienst tätig war. Hier verbinden sich die Vorstellung einer gefährlichen, weil offen ausgelebten und zur Schau gestellten weiblichen Sexualität mit dem Archetyp der verführerischen, aber hinterhältigen „Eva“ – psychoanalytisch gesprochen endet das in der klassischen Kastrationsangst für das männliche Ego.
In der Ibiza-Affäre werden diesem Stereotyp des gefährlichen Lockvogels zwei weitere typisierte Frauenfiguren gegenübergestellt: einerseits die Frau als schmückendes, aber stummes und passives Beiwerk, verkörpert durch die im Video zu sehende Tajana Gudenus. Andererseits Philippa Strache als liebende Ehefrau und Mutter, das Idealbild rechtspopulistischer Parteien wie der FPÖ. Dass beide Frauen in der Realität wesentlich aktivere Rollen einnehmen – Tajana Gudenus soll als Einzige darauf gepocht haben, die Ausweise der Gastgeber*innen zu kontrollieren, während Philippa Strache, im Gegensatz zu ihrem zurückgetretenen Mann, weiterhin als Tierschutzsprecherin und voraussichtlich bald im Nationalrat aktiv ist –, wird dabei gerne übersehen.

Starker Mann am Abstellgleis. Denn wonach sich der österreichische Durchschnittswähler tatsächlich sehnt, ist der sprichwörtliche „starke Mann“: Zahlreiche Umfragen belegen, dass der Wunsch nach einer starken Führungspersönlichkeit in den vergangenen Jahren gestiegen ist, vor allem in der Gruppe der jungen, männlichen Wähler mit niedrigem Bildungsniveau. Wohin dieser Druck auf Politiker, jederzeit als stark, viril und männlich wahrgenommen werden zu müssen, in einer konservativen, von klassischen Rollenbildern geprägten Partei wie der FPÖ führen kann, macht das veröffentlichte Videomaterial deutlich.
Doch zu Ende gedacht bietet Ibizagate mehrere wertvolle Gegenentwürfe für ein feministisch geprägtes Bild von Macht und Männlichkeit. Nicht nur wird durch das prahlerische Auftreten der handelnden Akteure das weit verbreitete Narrativ, Frauen wären „zu emotional“ für politische Ämter, konterkariert. Die jüngsten Ereignisse haben auch endlich eindrucksvoll gezeigt, dass toxische Männlichkeit mit ihren Seilschaften, Boys Clubs und jovialem Machogehabe eben nicht das notwendige Toolkit für eine steile politische Karriere bietet, sondern im Gegenteil diese auf einen Schlag beenden und, ganz nebenbei, das Land in eine veritable Regierungskrise stürzen kann.
Dienst an den anderen. Und genau hier zeigt sich das Potenzial eines Männlichkeitsbildes, das nicht von äußerer Stärke und Machtstreben bestimmt ist, sondern von Fürsorge um andere, um sich selbst und die soziale und ökologische Umwelt. Das alles sind wesentliche Aspekte einer „caring masculinity“ als Alternative zu traditionellen Männlichkeitskonzepten, die seit jeher die Politik beherrschen. Wenn es gelingt, Männlichkeit und ganz allgemein Leadership nicht nur durch den „starken Mann“ an der einsamen Spitze verkörpert zu sehen, sondern als „Stewardship“ zu begreifen, als tatsächlichen Dienst an und mit den anderen, ob Bürger*innen oder Mitarbeiter*innen, würde das auch dem und der Einzelnen viel Druck nehmen.
In der Politik liegt das Potenzial für ein neues, positives Männlichkeitsbild vor allem in einem konstruktiven Verständnis von Macht, nämlich als Möglichkeit zur Gestaltung und nicht als Dominanz oder Befehlsgewalt. In der jetzigen Situation würde das konkret heißen, dass alle politischen Akteur*innen, einschließlich der Oppositionsparteien und Sozialpartner*innen, in die Stabilisierung der österreichischen politischen Verhältnisse miteinbezogen werden. Hier würde feministisch agieren bedeuten, sich bewusst zu sein, dass nur gemeinsam gefundene Lösungen, die auf Balance und Ausgleich der Kräfte achten, auch tatsächlich nachhaltige sind. Ein feministisch geprägtes Männlichkeitsbild offenbart somit einen weiteren essenziellen gesellschaftlichen Mehrwert: Zurechenbarkeit, Verantwortlichkeit für die eigenen Handlungen, kritische Reflektion über eigene Verfehlungen und Schwächen, und damit Schutz vor Korruption, im Persönlichen wie im Politischen.

Judith Kohlenberger ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Sozialpolitik der WU Wien, wo sie zu Migration, Geschlecht und Integration forscht.

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