V / 2016 – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de Wed, 29 Jul 2020 20:26:10 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.0 https://ansch.4lima.de/wp-content/uploads/2024/10/cropped-favicon-32x32.png V / 2016 – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de 32 32 Megafon und Trockenhaube https://ansch.4lima.de/megafon-und-trockenhaube/ https://ansch.4lima.de/megafon-und-trockenhaube/#respond Thu, 30 Jun 2016 13:25:29 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=7615 Eine Schau rollt die Siebziger auf. Von FIONA SARA SCHMIDT]]>

Frauenbewegung, Hausbesetzung und Disco: Die 1970er-Jahre haben die Gesellschaft mit neuen Ideen und Ideologien nachhaltig verändert. FIONA SARA SCHMIDT hat die umfassende Schau unter dem Motto „Damals war Zukunft“ auf der Schallaburg besucht.

 

Die aktuelle Überblicksschau in der Schallaburg bei Melk , die ein beliebtes Ausflugsziel ist, vermittelt auch die eigene Geschichte. Das zeigt die detailverliebte Herangehensweise des gesamten Teams der 70er-Ausstellung „Damals war Zukunft“: Am Eingang des Museumsshops flattern gebatikte T-Shirts, das Restaurant im Hof serviert geschichtsbewusst exotisch-biederen Toast Hawaii und originalgetreue Sticker mit politischen Forderungen liegen zur Mitnahme bereit.

Spagat in Orange. Die Ausstellung hat sich viel vorgenommen, beeindruckt mit Materialfülle auf engem Raum und spricht ein breites Publikum an. Ihr gelingt dabei der Spagat zwischen historischen Fakten und gelebtem Alltag. Als roter Faden werden „am laufenden Band“ typische Alltagsgegenstände präsentiert, was Assoziationen zur gleichnamigen Fernsehshow mit Rudi Carrell weckt, andererseits aber freudige Aha-Momente angesichts generationenprägender Konsumgüter wie dem tragbaren Kofferplattenspieler, der spacigen Trockenhaube oder dem Puch-Motorrad schafft. Das Förderband symbolisiert gleichzeitig das Voranschreiten der Massenproduktion und arbeitsrechtliche Kämpfe wie die Durchsetzung der Vierzig-Stunden-Woche. Hochaktuell sind auch nach wie vor die auf dem Spiel stehenden Errungenschaften des Wohlfahrtsstaats unter der Regierung Kreisky und die Macht der Medien, die mit der Größe der heimischen Farbfernseher wuchs.
Einen Schwerpunkt der Schau bilden Neue Soziale Bewegungen, die Besucher_innen werden dazu angeregt, sich zu fragen, inwieweit die damaligen Forderungen noch in die Gegenwart reichen: Proteste gegen das Atomkraftwerk Zwentendorf, Hausbesetzungen, Arbeitskämpfe, die Fristenlösung und Gleichstellung von Lesben und Schwulen. An Schulklassen richtet sich die „Do-it-Yourself-Werkstatt“, die nach Möglichkeiten des Aufbegehrens und Nutzung von Freiräumen fragt: „Wer macht Regeln, und müssen wir sie immer befolgen?“

 

„Kommune, Kinderladen, K-Gruppe“ statt „Kinder, Küche, Kirche“ © Schallaburg Kultur, Foto: Michael Sagmueller
„Kommune, Kinderladen, K-Gruppe“ statt „Kinder, Küche, Kirche“ © Schallaburg Kultur, Foto: Michael Sagmueller

 

Debattenkultur. In der Sofaecke, die im Stil des historischen „Club 2“-Studios (rauchgeschwängerte Luft und Nina Hagens Masturbationsdemonstration!) gestaltet ist, lässt sich innehalten. Fünf „Debattenräume“ sollen zur Diskussion anregen. Das funktioniert gut an diesem bestens besuchten Sonntag, vor allem Familien kommen generationenübergreifend ins Gespräch.
Die Ausstellungsmacher_innen setzen ebenfalls auf kollektive Prozesse und Diskussionskultur: Mit dem kuratierenden Büro trafo.K hat sich die Schallaburg ein Team ins Haus geholt, das schwerpunktmäßig zu emanzipatorischen Bildungsprozessen arbeitet. Zusätzlich zeichnen sechs Wissenschaftler_innen für die vielfältigen Inhalte verantwortlich. Die Ausstellungsarchitektur stammt von Gabu Heindl, die schlichte Holzkästen als Displays für kleinere Exponate und eine moderne Optik gewählt hat, lediglich die Farbwahl zitiert die poppigen Seventies. Die Materialen sind schlicht und spielen mit einer DIY-Ästhetik, die durch die massenhafte Verbreitung vom WG-Zimmer aus schon selbst zum IKEA-Mainstream geworden ist. Zahlreiche Fenster nach draußen wurden geöffnet und auf hippieeske Flokati-Nostalgie verzichtet.
Als „Ouvertüre“ wird im ersten Raum die Themenvielfalt als „Wunderkammer“ aufgemacht, um dann in sieben Kapiteln, die nach Slogans wie „Macht kaputt, was Euch kaputt macht“ benannt sind, mit verschiedensten Medien und Exponaten ausdifferenziert zu werden. Manches kommt dabei zu kurz, Arbeitsmigration nach Österreich und globale Wirtschafts- und Ausbeutungsverhältnisse werden etwa nur auf kleinem Raum angerissen und hätten ausführlicher behandelt werden können.

Internationale Solidarität. Wer den ersten Teil aufmerksam studiert hat, ist beim internationalen Fokus im zweiten Teil nochmals gefordert: Aufarbeitung der NS-Zeit und Erinnerungspolitiken in der Nachkriegszeit, die Waldheim-Affäre. Der Blick über den österreichischen Tellerrand öffnet sich auf globale Zusammenhänge wie den Kalten Krieg und den Unabhängigkeitskampf in Südamerika. Bei fünf künstlerischen Installationen, einem Kino, dem Disco-Raum mit Platten und Kostümen sowie dem Wunsch nach Diskussionen mit anderen Besucher_innen verliert man zwischendurch schon mal den Überblick innerhalb des bewegten Jahrzehnts. Der Kopf raucht. Bei Online-Anmeldung vorab kann allerdings zum gleichen Preis der Eintritt für die gesamte Ausstellungsdauer gebucht werden, so können bei mehreren Besuchen jeweils Schwerpunkte gesetzt werden.

 

 Feministische Kämpfe sind ein wichtiger Teil der Ausstellung, zahlreiche Exponate stammen aus dem Wiener Stichwort-Archiv STICHWORT. Archiv der Frauen- und Lesbenbewegung (Wien) – Signatur: I F 22/16
Feministische Kämpfe sind ein wichtiger Teil der Ausstellung, zahlreiche Exponate stammen aus dem Wiener Stichwort-Archiv
STICHWORT. Archiv der Frauen- und Lesbenbewegung (Wien) – Signatur: I F 22/16

 

Feministische Kämpfe. „Visionen von einer besseren Welt“, alternative Wohnformen wie Kommunen und neue Erziehungskonzepte wie Kinderläden lassen Lebensmodelle abseits von der heterosexuellen Kleinfamilie entstehen. Gegen staatliche Repressionen wie Heimerziehung wird aufbegehrt, linke Freiräume wie die Wiener Arena durch Hausbesetzungen geschaffen. Kanonisierung von Wissen wird hinterfragt, Geschichte gegen den Strich gedeutet. Die Zeitschrift „AUF“ wird 1974 gegründet, Frauenzentren und -beratungsstellen entstehen – jene, die überlebt haben, sind bis heute wichtige frauenpolitische Institutionen, immer im Spannungsfeld zwischen Autonomie und Abhängigkeit von staatlicher Förderung. Im knapp vierhundert Seiten starken Katalog, der neben den Ausstellungsschwerpunkten zahlreiche Alltagsgeschichten und Bilddokumente erhält, schreibt Maria Mesner dazu: „Tatsächlich zeigte die Etablierung solcher organisatorischer Orte außerhalb der traditionellen Parteien und Institutionen einen Wandel in der politischen Kultur der Zweiten Republik an.“ Ab 1975 wurde das Familienrecht reformiert, 1979 zwei Staatssekretärinnen für „Frauenfragen“ installiert.
Ein solcher Fokus auf die Bewegungen von unten, die Darstellung des Kampfs um Frauen- und Homosexuellenrechte, erzählt aus Aktivist_innen-Perspektive, all das wäre in solch einer sich an ein breites Publikum richtenden Überblicksschau wohl noch vor zehn Jahren nicht denkbar gewesen – allein das lohnt den Besuch.

 

Die 70er – Damals war Zukunft
bis 6.11., 3382 Schallaburg 1

 

 

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an.lesen: Feel-Good-Feminismus https://ansch.4lima.de/an-lesen-feel-good-feminismus/ https://ansch.4lima.de/an-lesen-feel-good-feminismus/#respond Thu, 30 Jun 2016 13:18:33 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=7617 ANDI ZEISLER rechnet mit dem „Glossy-Feminismus“ ab. Von LEA SUSEMICHEL]]>

Feminismus trägt man heute nicht mehr im Herzen, sondern als Slogan auf der Unterhose. Dem Hintern darin wird trotzdem erfolgreich Cellulite-Creme verkauft. Ein neues Buch beklagt den Sell-out der Frauenbewegung. Von LEA SUSEMICHEL

 

Dem Feminismus droht sein absoluter Ausverkauf, warnt Andi Zeisler, Mitgründerin des „Bitch Magazine“, in ihrem vielbeachteten neuen Buch. Und das, obwohl er durch Celebritys wie Beyoncè und Emma Watson gerade erst cool geworden sei. Aber für Zeisler ist das Teil des Problems: Feminismus ist nur dann salonfähig, wenn er in einer glossy-glamourösen Wohlfühl-Variante daherkommt und dadurch letztlich systemstabilisierend ist. Aber der Kampf für fundamentale Veränderung und Gerechtigkeit ist eben kein Spaß im „Riot not Diet“-T-Shirt und mit „feminist as fuck“-Halskette, lautet Zeislers Resümee – er ist harte Arbeit.
Trotz dieser offensiven „feminist Killjoy“-Haltung („die humorlose Feministin“) ist die Lektüre des Buches ein großes Vergnügen, denn die Autorin illustriert anekdotenreich und mit pointierten popkulturellen Beispielen ihre gar nicht lustige Kernthese: Wir haben es heute mit einem „Feminismus des Marktes“ zu tun, dessen Freiheitsversprechen sich zu neoliberaler Selbstverantwortung, individueller Identitätsfindung und persönlichem Erfolgsversprechen mit unbegrenzter Konsumverheißung gewandelt hat.

Freiheit mit Flügelbinden. Aus der vormals hochpolitischen „Choice“, bei der es Frauen um politische Entscheidungsmacht oder um die Selbstbestimmung über ihren Körper geht, sei inzwischen die Wahl zwischen verschiedenen verdauungsanregenden Joghurtdrinks, Low-Carb-Müsliriegeln und saugstarken Flügelbinden geworden. Der Feminismus ist zwar vom ersten Augenblick an vermarktet worden, analysiert Zeisler: Die emanzipierte Frau ist so frei und raucht und sie hat eine Kreditkarte. Doch seit eine freizügige Wonderbra-Kampagne mit gigantischen Plakatwänden am Times Square zum selbstbewussten Ausdruck von Selbstermächtigung und Sexualität stilisiert wurde, sind Werbestrategien immer perfider und dreister geworden. Inzwischen würde Shapewear – die Korsette der Gegenwart – nicht als einengend, sondern im Gegenteil gar als befreiend verkauft. Denn ob Brust-OP, Botox oder höllisch hohe High Heels: Wir machen das heute alles nicht mehr, um anderen zu gefallen, sondern allein für uns selbst, lautet die längst Marketingstrategie gewordene verlogene Phrase.

 

Andi Zeisler © Jeffery Walls Photography
Andi Zeisler © Jeffery Walls Photography

 

Femvertising. Zeislers Gegenwartsdiagnose, die zugleich eine kurzweilige Zusammenschau des US-Feminismus der letzten Jahrzehnte bietet, ist einerseits zwar sehr aktuell, trotzdem liest sich die aufgebrachte Anklage gegen kapitalistische Vereinnahmung und Vermarktung wie aus der Zeit gefallen. Schließlich lag der Fokus vieler Feminist_innen zuletzt tatsächlich eher darauf, wie lustvoll und subversiv z. B. auch Sexyness sein kann. Dagegen klingt Zeislers old-school-kämpferische Generalabrechnung mit frauenfeindlicher Popkultur fast schon wieder revolutionär: Das Geschäft mit all diesen Produkten funktioniere nur deshalb, weil weibliche Unsicherheit zuerst erzeugt und dann adressiert wird. Selbstbewusste, zufriedene Frauen würden all den Scheiß einfach nicht kaufen und mit sich machen lassen.
Wenn als „Femvertising“ gefeierte Kampagnen wie die von Dove für „Wahre Schönheit“ mit ganz normalen Frauen wirbt, dann besteht ihre Leistung nach Zeisler lediglich darin, dass die Zielgruppe ausnahmsweise nicht völlig fertiggemacht wird, bloß um sie danach mit irgendeinem Beautyprodukt wieder aufzupäppeln zu können. Neue Problemzonen und damit neue Märkte kreieren sie trotzdem, Dove zum Beispiel die weibliche Achselhöhle, für deren vormals unbekannte Unzulänglichkeiten es nun eigene Produkte gibt.

Frauenhasser-Feminismus? Die feministische Wahlfreiheit beschränkt sich jedoch nicht auf neue Produkt- und Identitätspaletten, sondern auch auf die Art des Feminismus selbst, der völlig beliebig definiert werden kann und sogar von Sarah Palin und Pro-Life-Aktivistinnen reklamiert wird: „Was kommt als nächstes: He-Man-Frauenhasser-Feminismus?“
Trotz ihrer eigenen Leidenschaft für Popkultur räumt Zeisler ein, dass zu dieser Beliebigkeit nicht zuletzt auch innerfeministische Debatten über Seriencharaktere und Schamhaarfrisuren beitragen, die leicht den Eindruck erwecken können, Feminismus hätte mehr mit Lifestyle als mit Lohngerechtigkeit zu tun.
Lösungen für das Dilemma bietet sie keine an, formuliert in der Widmung für ihren Sohn, die dem wohltuend wütenden Buch vorangestellt ist, aber zumindest eine schöne Hoffnung: Möge seine Generation diejenige sein, die „finally figures this shit out“, schreibt sie.

 

Andi Zeisler: We Were Feminists Once. From Riot Grrrl to Cover Girl®, the Buying and Selling of a Political Movement
Public Affairs 2016, 23,90 Euro

 

 

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an.sehen: Ungebetener Besuch https://ansch.4lima.de/an-sehen-ungebetener-besuch/ https://ansch.4lima.de/an-sehen-ungebetener-besuch/#respond Thu, 30 Jun 2016 13:17:14 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=7619 Grotesker Humor in „Toni Erdmann“. Von FIONA SARA SCHMIDT]]>

„Toni Erdmann“ schleicht sich mit Humor zurück in das Leben seiner Tochter. Eine groteske Komödie für die Ewigkeit, findet FIONA SARA SCHMIDT

 

Nach einem für beide Seiten enttäuschenden Überraschungsbesuch von Winfried (Peter Simonischek) bei seiner Tochter Ines (Sandra Hüller) entschließt sich dieser in Maren Ades Film, nicht wie geplant abzureisen, sondern taucht in der Rolle von „Toni Erdmann“ wieder auf. Toni schert sich nicht um Konventionen, sondern missachtet die Regeln des sozialen Miteinanders. Als „Krisenexperiment“ wird in der Soziologie ein solches Aufdecken von still akzeptierten Normen bezeichnet. Vermeintliche Normalität wird erst durch das Brechen dieser gesellschaftlichen Grundregeln sichtbar. Anders als beim klassischen Krisenexperiment spielt Ines nach dem ersten Entsetzen die Groteske mit und lernt ihren Vater als Toni ganz neu kennen.

Neustart. Der Musiklehrer Winfried mit Hang zu frechen Witzen und falschen Zähnen hat den Draht zu seiner Tochter längst verloren. Ines arbeitet als Unternehmensberaterin in Bukarest, schläft in jeder freien Minute erschöpft ein und hängt auf Familienfesten ständig am Handy. Der spontane Besuch in Rumänien nach dem Tod von Winfrieds Hund soll das Verhältnis wieder bessern. Doch Ines steht ein wichtiger geschäftlicher Abschluss bevor, für den sie sich auch nicht zu schade ist, mit der Frau des Kunden zum Shoppingcenter zu fahren. Der Alt-Achtundsechziger Winfried sieht das freilich anders und findet, dass Ines ihr Glück der Karriere unterordnet und sich einem neoliberalen Weltbild unterwirft. Er sucht einen kreativen Weg, um Ines zu erreichen, den Regisseurin Maren Ade als gewagte Taktik beschreibt: „Winfried befreit sich mit Toni aus dieser Misere, indem er dieses radikale Angebot macht. Er hat nur seinen Humor als Waffe und den beginnt er voll einzusetzen. Daraus entsteht ein härteres Spiel, und weil Ines auch ein harter Hund ist, spricht er damit plötzlich eine Sprache, die sie verstehen kann.“

 

© Filmladen Filmverleih
© Filmladen Filmverleih

 

Rollenspiele. Toni Erdmann trägt schlecht sitzende Anzüge und eine schiefe Langhaarperücke, spricht Kauderwelsch-Englisch und stellt sich selbst entweder als „Unternehmensberater und Coach“ (von Ines’ Chef!) oder deutscher Botschafter vor. Ines wird auf schicken Empfängen als „meine Assistentin Miss Schnuck“ eingeführt. Der Film dröselt konsequent und glaubhaft die Mechanismen der internationalen Wirtschaftselite auf, in der Kolleg_innen und Service-Bedienstete die einzigen sozialen Kontakte sind. Es geht in dieser Welt vornehmlich um reines impression management, wie es der Soziologe Erving Goffman nennt. Da ist es nur logisch, dass sich Ines’ Assistentin nach ihrer „Performance“ erkundigt. Mit ihren Kollegen reißt Ines sexistische Witze und sagt trocken zu ihrem Vorgesetzten: „Ich bin doch keine Feministin, sonst würde ich es mit Typen wie dir nicht aushalten.“ Eigentlich wollte sie längst in Singapur sein, doch sie hängt in Bukarest fest, Armut sieht sie nur aus dem Bürofenster und netzwerkt nach Feierabend mit internationalen Businessleuten („I like countries with a middle class, they are relaxing me“).

Gesangseinlage. Mit Toni verlässt Ines erstmals ihre kontrollierte Wirtschafts-Blase, bemalt Ostereier und kommt in Kontakt mit Rumän_innen. Nach und nach wird ihr bewusst, dass Selbstkontrolle nicht für Zufriedenheit sorgt. Der wie immer großartigen Sandra Hüller („Requiem“, „Finsterworld“) und Burgtheater-Legende Peter Simonischek gelingt es, dass knapp drei Stunden Vater-Tochter-Drama nicht in Verzweiflung kippen, im Gegenteil: Sandra Hüllers Gesangseinlage als „Whitney Schnuck“ ist so rührend, dass man noch zwei Stunden länger zuhören möchte.
Die Goldene Palme in Cannes hat die wilde Tragikkomödie knapp verpasst, es reichte aber für Kritiker_innenpreis und internationalen Verleih. Es wäre also durchaus möglich, dass bald mehr Toni Erdmanns aus dem Nichts auftauchen und ihre Töchter mit blöden Witzen in den befreienden Wahnsinn treiben.

 

Toni Erdmann
Regie: Maren Ade
D/Ö 2015, 162 Min.
Ab 14. Juli in den österreichischen und deutschen Kinos

 

 

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an.künden: Queere Stadtklänge https://ansch.4lima.de/an-kuenden-queere-stadtklaenge/ https://ansch.4lima.de/an-kuenden-queere-stadtklaenge/#respond Thu, 30 Jun 2016 13:05:45 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=7597 Das internationale queere Musikfestival „Yo! Sissy“ in Berlin.]]>

Nach dem erfolgreichen Debüt im vergangenen Jahr geht das internationale queere Musikfestival „Yo! Sissy“ in die zweite Runde. Unter dem Motto „Dance Together“ werden zwei Locations mit lokalen und internationalen queeren Acts bespielt. Das genre- und genderdiverse Programm reicht von Goth-Pop-Sängerin Karin Park über Synth-Pop-Star Zhala und die rappende Draqqueen Christeene bis hin zum Eurotrash-Trio Plateau Repas. Lokale Acts wie Easter, Noblesse Oblige und Godmother vertreten die queere Berliner Musikszene.

29./30.7.: „Yo! Sissy“ – Internationales queeres Musikfestival,
Musik & Frieden sowie Postbahnhof Berlin

 

Karin Park © Christoph Voy
Karin Park © Christoph Voy

 

 

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an.künden: Cineastische Abende https://ansch.4lima.de/an-kuenden-cineastische-abende/ https://ansch.4lima.de/an-kuenden-cineastische-abende/#respond Thu, 30 Jun 2016 13:05:18 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=7595 Freiluftkinos und Filmfestivals im Sommer in Wien.]]>

Kaum etwas schreit so nach Sommer wie Freiluftkino bei Sonnenuntergang. Während beim Kurzfilmfestival „dotdotdot“ ein Schwerpunkt auf Mütter-Töchter-Filmen liegt, können beim Kino unter Sternen und Volxkino einige Filme von namhaften Regisseurinnen* kostenlos genossen werden, z. B. „Lovely Rita“ von Jessica Hausner oder „Gabrielle – (K)eine ganz normale Liebe“ von Louise Archambault.

bis 16.9.: diverse Sommerkinos und Filmfestivals in Wien,
u. a. dotdotdot, Kino unter Sternen und Volxkino

 

dotdotdot © Anne-Laure Guichard
dotdotdot © Anne-Laure Guichard

 

 

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an.künden: Grrrls in Mannheim https://ansch.4lima.de/an-kuenden-grrrls-in-mannheim/ https://ansch.4lima.de/an-kuenden-grrrls-in-mannheim/#respond Thu, 30 Jun 2016 13:04:56 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=7599 Ausstellungen, Performances, Lesungen, Workshops etc. beim Lady*fest in Mannheim.]]>

Nach zehn Jahren bekommt Mannheim wieder ein Lady*fest. An vier Tagen werden Ausstellungen, Performances, Lesungen sowie Workshops und Vorträge geboten. Themen wie Sexarbeit, Schwangerschaftsabbruch, feministische Theoriebildung, Medienarbeit und Kommunikationsguerilla in Form von Street Art sind in Planung. Daneben gibt es veganen Soul-Brunch, Partyabende und einen Konzertabend mit Muncie Girls, The Shna und The Smudjas. Kinderbetreuung vorhanden.

14.–17.7.: Lady*fest Mannheim,
JUZ, 68169 Mannheim, Käthe Kollwitz Str. 2–4

 

© Girl Gangs against Street Harassment
© Girl Gangs against Street Harassment

 

 

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Pin-Ups: Off the Rokket https://ansch.4lima.de/pin-ups-off-the-rokket-8/ https://ansch.4lima.de/pin-ups-off-the-rokket-8/#respond Thu, 30 Jun 2016 12:52:21 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=7627 ...]]>

Von YORI GAGARIM.

 

Illustration: Yori Gagarim
Illustration: Yori Gagarim

 

 

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Muse https://ansch.4lima.de/muse/ https://ansch.4lima.de/muse/#respond Thu, 30 Jun 2016 12:52:07 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=7629 ...]]>

Von alma w.bär.

 

Illustration: alma w.bär
Illustration: alma w.bär

 

 

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positionswechsel: I want to ride no bicylce https://ansch.4lima.de/positionswechsel-i-want-to-ride-no-bicylce/ https://ansch.4lima.de/positionswechsel-i-want-to-ride-no-bicylce/#comments Thu, 30 Jun 2016 12:44:33 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=7623 Nichts könnte mich mehr abtörnen als Fahrradfahren. Von LOTTA LUISE]]>

eine lady genießt und schreibt

 

Dass Autofahren für mich untrennbar mit Sex verbunden ist, habe ich hier bereits ausgeführt. Anders sieht es da mit dem Fahrradfahren aus: Nichts könnte mich mehr abtörnen. Schuld daran ist ein prägendes Erlebnis während meines Auslandssemesters. Da lernte ich Florian kennen – Sportfreak und Gesundheitsapostel, Nachbar im Studierendenheim. Ich war so verschossen in den Kerl, dass ich vor dem Einschlafen nur noch an ihn und seine Dehnungsübungen in Lauf-Shorts denken konnte und mich zu kindischen Lügen hinreißen ließ. Rauchen? Ich? Wie eklig! Unsere Dates liefen – obwohl wir absolut gar nichts gemeinsam hatten – überraschend gut, nur meinen wilden Sex-Träumen war ich noch nicht mal einen Kuss nähergekommen. Drei Wochen vor meiner Abreise dann die verheißungsvolle Einladung: Sein Mitbewohner war verreist, ich könnte doch bei ihm übernachten. Davor: ein Radausflug. Die Frage nach meiner Sportlichkeit beantwortete ich nicht ganz wahrheitsgemäß – die Pfandflaschenrückgabe mit der Sporttasche war zu dieser Zeit meine regelmäßigste Anstrengung –, sondern stimmte begeistert dem Angebot zu, das Mountainbike seines Mitbewohners benutzen zu dürfen. Das Schicksal schlug zurück. Zwar überstand ich die Hinfahrt röchelnd mit stechendem Schmerz in der Brust, doch auf dem Rückweg zog just auf einem Steilstück mitten im Wald ein heftiges Gewitter auf. Während erste Äste auf den Weg stürzten und Florian panisch „Los, das ist gefährlich!“ schrie, strampelte ich völlig durchnässt um mein Leben. Nach dreihundert Metern Bergfahrt war ich so fertig, dass Florian nicht nur sein eigenes, sondern auch mein Rad schieben musste. Zurück in der Zivilisation parkten wir wortlos unsere Räder im Keller und Florians Gesichtsausdruck zeigte mir, dass ich diese Nacht nicht in seinem Bett verbringen würde. Einsam in der StudentInnenbude verfluchte ich Fahrradtouren, alle Drahtesel und ganz besonders Mountainbikes – die einem doch tatsächlich die Nacht des Lebens versauen können.

 

Lotta Luise wünschte, die Mountainbike-Tour wäre die einzige Dummheit, die sie aus sexueller Gier begangen hat.

 

Illustration: Nadine Kappacher
Illustration: Nadine Kappacher

 

 

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lebenslauf: Go, go Greisin! https://ansch.4lima.de/lebenslauf-go-go-greisin/ https://ansch.4lima.de/lebenslauf-go-go-greisin/#respond Thu, 30 Jun 2016 12:41:37 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=7621 LebenslaufSiebzig ist das neue Fünfzig, lese ich. Von MICHÈLE THOMA]]> Lebenslauf

auch feministinnen altern

 

Das Imperium, über das sie herrscht, gibt es nicht mehr, sie hingegen gibt es noch. Die Queen hat Geburtstag, der wird ausgiebig gefeiert, sie schreitet Spaliere ab oder durch ihre 775 Räume, absolviert Alltägliches und reitet täglich auf einem Pony. Das Haupthaar des Enkels lichtet sich bereits bedenklich, doch Ihre Majestät winkt und nickt und lächelt, sparsam, es muss noch lang halten.
Eine Inderin, sweet seventy, hält ihr erstes Kind in den knochigen Armen. Es ist ganz neu, der Gemahl und sie staunen dieses Wesen an, wie haben sie das nur zustande gekriegt? Eine ebenfalls hochmotivierte deutsche Mittsechzigerin ist mit Vierlingen gesegnet. Der Expertin, die in die Zukunft schauen kann, sagen wir zwei Jahre weiter, erscheint dies ein unfaires Match: ein Wurf von Turbo-Terrorist_innen gegen eine einzige, wenn auch relativ rüstige, Dame.
Dass hochbetagte Damen ihre Wohnung und sich selber bis zum Schluss in Schuss halten, wie oft lobend erwähnt wird, ist nicht neu, nun aber hört frau immer öfter von solchen Top-Leistungen ihrer Geschlechtsgenossinnen, ihr wird angst und bange. Achtzigjährige Models! Neunzigjährige Fallschirmspringerin! Die machen nicht einfach schlapp und legen sich nackt auf die Donauinsel.
Siebzig ist das neue Fünfzig, lese ich. Ist das eine Drohung? Mit fünfzig startet frau schließlich noch mal neu durch, gründet eine Firma, sucht sich einen Lover, der ihren Hormonhaushalt durcheinanderwirbelt. Hormonhaushalt ist viel interessanter als Haushalt. Sie zieht Stöckelschuhe an wie zuletzt mit vier und schmiert sich abenteuerlich an.
Neuerdings wird Speeddating für Senior_innen angeboten, vierzig Sekunden! Bei der unstimmigen Geschlechterproportion müssen die alten Konkurrentinnen aber ordentlich anspeeden! Natürlich kann frau nicht ausschließen, dass sie mit coolen hundert noch mal der Wandertrieb packt, oder sonst ein Trieb, es ist schön, dass unsere Gesellinnenschaft uns diese Option offen lässt.
Aber mit siebzig … da könnte frau sich doch mal zurücklehnen, den Wölkchen zuschauen, die über den Abendhimmel ziehen, und an der Zigarette ziehen – oder am Joint.

 

Michèle Thoma, ewige Anfängerin.

 

Kolumne Lebenslauf
Illustration: Nadine Kappacher

 

 

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Fifty-fifty https://ansch.4lima.de/fifty-fifty/ https://ansch.4lima.de/fifty-fifty/#comments Thu, 30 Jun 2016 12:35:01 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=7613 Die Illusion gleichberechtigter Hausarbeit. Von CORNELIA KOPPETSCH und SARAH SPECK]]>

Von Halbe-Halbe im Haushalt sind auch scheinbar emanzipierte Paare meilenweit entfernt. Das gestehen sie sich aber meist nicht ein, haben CORNELIA KOPPETSCH und SARAH SPECK mit einer Studie herausgefunden.

 

Die gute Nachricht: Frauen sind sichtbarer denn je. Wir haben eine deutsche Bundeskanzlerin und in den Fernsehstudios geben sich Talkmeisterinnen, Ministerinnen, Richterinnen und Wissenschaftlerinnen die Klinke in die Hand. Allerdings hat sich in Arbeit und Familie weitaus weniger geändert. Denn obwohl viele Frauen von sich behaupten, nicht von geschlechtsspezifischer Diskriminierung und Unterbezahlung betroffen zu sein, sprechen die Zahlen eine andere Sprache. Insbesondere in Familie und Partnerschaft halten sich traditionelle Rollen besonders hartnäckig: Haus- und Familienarbeit sind im Wesentlichen Frauensache – selbst bei kinderlosen, und auch bei „aufgeklärten“ und gut ausgebildeten Paaren. Frappierend ist dabei vor allem, dass die meisten Paare ursprünglich eine partnerschaftliche Aufteilung von Haus- und Familienarbeit angestrebt hatten und nun Schwierigkeiten haben, sich einzugestehen, dass es ganz anders gekommen ist. Die meisten leben lieber weiterhin in dem Glauben, „in etwa“ eine gleichberechtigte Beziehung zu führen.

Hauptverdienerin. Im Rahmen einer Studie sind wir den Ursachen für diese Lebenslüge auf den Grund gegangen. Wir haben Interviews mit heterosexuellen Paaren geführt, bei denen die Frau das Haupteinkommen verdient, weil der Mann aufgrund einer Erwerbskrise nichts oder im Rahmen einer prekären Beschäftigung sehr viel weniger verdient. In Deutschland betrifft dies ca. zehn Prozent der Paare, doch werden es aufgrund wachsender Unsicherheiten auf dem Arbeitsmarkt zukünftig vermutlich noch mehr werden. Denkbar wäre ja nun, dass der Mann die Hauptverantwortung für Haushalt und Kinder übernimmt – so wie in umgekehrten Fällen zumeist die Frau.
Ein konkretes Beispiel: Frank Maus (37) und Lisa Müller (32), beide ausgebildete ArchitektInnen, leben gemeinsam mit ihrem einjährigen Kind in Berlin. Lisa verdient monatlich ca. 2.000 Euro netto, während Frank als Architekt nicht Fuß fassen konnte und als selbstständiger Handwerker mit kreativen Auftragsarbeiten ein monatliches Durschnitts-Netto von etwa 400 Euro verdient. Obwohl Frank kaum über eigene finanzielle Mittel verfügt, versucht das Paar den Anschein zu erwecken, sich die gemeinsamen Ausgaben zu teilen. Frank gibt vor, sich von Lisa Geld zu leihen, und Lisa scheint zu vergessen, ihn an die Rückzahlung zu erinnern. Diese Vereinbarungen betonen Franks Unabhängigkeit. Die Position Lisas als Hauptverdienerin und Familienernährerin wird auf diese Weise verschleiert. Dazu zählt auch, dass Frank seine Rolle als alternativer Handwerker auf- und den beruflichen Einsatz Lisas abwertet, etwa wenn er erklärt, die Familie komme auch mit weniger Geld aus, Lisa müsse doch nicht so „herumrödeln“ und solle lieber mal so gelassen bleiben wie er. Dies ist ein weiteres typisches Verhaltensmuster – Lisa sei ehrgeizig und zu sehr auf Geldfragen fixiert. Und obwohl sich Lisa und Frank die Betreuungsarbeit eigentlich teilen wollten, ist es Lisa, die sich zu großen Teilen um das Kind kümmert. Eine Entlastung erfährt sie von den Eltern. Im Endeffekt übernimmt Lisa fast schon beide Rollen: die der Familienernährerin und die der Hausfrau.

 

The Preiser Project / flickr
The Preiser Project / flickr

 

Verschleierungstaktik. Ein Rollentausch findet bei den meisten der von uns befragten Paaren nicht statt, das zeigen wir in dem aus unserer Studie hervorgegangenen Buch „Wenn der Mann kein Ernährer mehr ist“. Im ländlichen Milieu und dem der Arbeiter und Handwerker ist er von vornherein nicht vorgesehen. Doch auch bei den akademisch gebildeten GroßstädterInnen, den Paaren aus dem individualisierten Milieu, Männern und Frauen aus Kultur- und Medienberufen, der Wissenschaft und anderen kreativen Jobs haben wir ihn nicht gefunden: „Wenn einer mehr Geld verdient als der andere, heißt das nicht, dass der andere mehr im Haushalt tun muss“, so die einhellige Meinung dieser Paare, die sich in der Regel als emanzipiert verstehen. Stattdessen gilt „Fifty-fifty“ als Devise – die Paare wollen sich die Arbeit im Haus und mit den Kindern gleichermaßen teilen. Überraschend ist nun, dass dies bei den von uns untersuchten Paaren mitnichten realisiert wird. Vielmehr kümmern sich die Frauen neben ihrer aufreibenden Berufsarbeit in der Regel darum, dass auch zu Hause alles läuft. Und dennoch haben die Paare den Eindruck, eine gleichberechtigte Beziehung zu führen.
In gewisser Weise verhalten sich die Paare so, wie es ihrem Leitbild von Gleichheit entspricht. Die von uns befragten Frauen zögern, ihre Position als Hauptverdienerin allzu deutlich auszuspielen oder mehr Engagement bei der Haus- und Sorgearbeit zu verlangen. Eher stellt man eine Putzfrau ein, um Konflikte zu vermeiden. Partnerschaft bedeutet für sie, den anderen nicht bei seiner beruflichen Selbstverwirklichung zu behindern. Und das gilt erst recht in Zeiten persönlicher Krisen. Je schlechter die Karriereperspektive eines Mannes, desto intensiver muss er sich um sein Fortkommen kümmern. Paradoxerweise gilt die primäre Sorge der Frau nun weniger ihrer eigenen Gleichberechtigung im Sinne einer fairen Aufteilung der Haus- und Familienarbeit als vielmehr der des Mannes: Die Frauen möchten den Eindruck vermeiden, der Mann werde beruflich benachteiligt. Umgekehrt wäre das kaum denkbar.

Gelernte Muster. Gleichheitsillusionen gehören zum Alltag der meisten Paare, sie zeigen sich aber auch in Beruf und Öffentlichkeit, gerade in akademischen Berufen. Geschlechtsspezifische Verhaltensmuster und Zuschreibungen erfolgen im Regelfall nicht bewusst oder in diskriminierender Absicht, sondern sind Resultat impliziter Vorstellungen von Weiblichkeit und Männlichkeit. Sie bewirken jedoch, dass sich auch im Berufsalltag – ähnlich wie bei den beschriebenen Paaren – ein Prozess der unbemerkten Rollenbildung vollzieht: So sind es meist die Frauen, die im Team die „Hausarbeit“ übernehmen, sich also Gemeinschaftsaufgaben widmen, liegen gebliebene Aufgaben erledigen, eine kollegiale Atmosphäre herstellen oder Konflikte schlichten.
Offenkundig ist es leichter, das Gefüge globaler Arbeitsteilung zu verändern als die Aufgabenteilung innerhalb der eigenen Partnerschaft. Durch die massenhafte Beschäftigung von Migrantinnen in privaten Haushalten findet im globalen Rahmen eine Neuverteilung der Arbeit unter Frauen statt. Die notwendige Care- und Hausarbeit wird an Au-Pairs, polnische Pflegerinnen oder lateinamerikanische Haushaltshilfen delegiert. Migrantinnen sichern so das Gefühl vieler beruflich stark eingebundener Frauen ab, sie würden eine moderne, egalitäre Beziehung leben.
Überraschenderweise scheint ein Rollentausch am ehesten in wertkonservativen Milieus möglich. Unter den von uns befragten Paaren aus dem mittleren Angestelltenmilieu mit einer starken Familien- und Gemeinschaftsorientierung, für die berufliche Selbstverwirklichung eine untergeordnete Rolle spielt, haben wir tatsächlich Hausmänner und – zumindest in Teilen – eine Loslösung der geschlechtlichen Kodierung von Sorgetätigkeiten gefunden. Hier findet oftmals eine hinsichtlich der Belastung „fairere“ Arbeitsteilung statt. Dass das so ist, sollte, so denken wir, zum Nachdenken über Gleichheits- und Gerechtigkeitsvorstellungen anregen.

 

Die Soziologinnen Cornelia Koppetsch und Sarah Speck sind Autorinnen der Studie „Wenn der Mann kein Ernährer mehr ist“ (Suhrkamp 2015).

 

 

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„Auf alle Fälle Feministin“ https://ansch.4lima.de/auf-alle-faelle-feministin/ https://ansch.4lima.de/auf-alle-faelle-feministin/#comments Thu, 30 Jun 2016 12:28:52 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=7611 Interview: DEBORAH FELDMAN über ihren unorthodoxen Befreiungsschlag. Von IRMI WUTSCHER]]>

DEBORAH FELDMAN erzählt in „Unorthodox“ von ihrem Ausbruch aus einer streng orthodoxen jüdischen Gemeinde in Williamsburg, Brooklyn. Interview: IRMI WUTSCHER

 

Keine Bücher, keine Musik, kein Sport, kein Spaß, kein Sex. So sieht das Leben eines Teenagermädchens in der jüdisch-chassidischen Satmar-Gemeinde in New York aus. Die orthodoxe Gruppierung wurde von Holocaust-Überlebenden aus Europa (wieder)gegründet, die glauben, die Assimilierung der europäischen Juden habe den Holocaust als göttliche Strafe über sie gebracht. Und die deshalb besonders fromm nach alten jüdischen Gesetzen leben. Für Mädchen und Frauen sind die Vorschriften besonders rigide. Sie haben kaum Freiräume, vor allem nicht außerhalb des Hauses, und sie werden einzig auf ein Leben als Hausfrau und Mutter vorbereitet.
Deborah Feldman ist in dieser Gemeinde aufgewachsen und aus diesem Leben ausgebrochen. In ihrem Buch „Unorthodox“ erzählt sie von einer einsamen Kindheit und von ihrer arrangierten Ehe samt reglementiertem Sexleben.

an.schläge: Wie ist das Leben für ein Mädchen in der Satmar-Gemeinde?

Deborah Feldman: In dieser Gemeinschaft sind die Geschlechter komplett getrennt, das heißt, die Mädchen gehen in eine religiöse Mädchenschule und die Jungen in eine andere. Die Jungs lernen Thora und Gebet und die Mädchen lernen, geschickte Hausfrauen zu werden. Sie lernen auch alle jüdischen Gesetze, die mit dem Haushalt zu tun haben. Sie müssen immer entweder in der Schule oder zu Hause sein. Auf der Straße dürfen sie nicht laut lachen oder reden, auf keinen Fall singen oder Sport treiben. Kommt ihnen ein Mann entgegen, müssen sie zur Seite treten. Und man hat nur eine Option als Frau: Man wächst auf, um Mutter und Hausfrau zu werden und viele Kinder zu gebären.

Das Leben der Jungs spielt sich komplett anders ab?

Sie werden fast genauso eingeschränkt, aber trotzdem höhergestellt. Sie sind die „Prinzen“ in dieser Gemeinschaft. Die Männer lernen, studieren und beten und verdienen sich dabei etwas für das Leben nach dem Tod. Die Frauen sind zu Hause und organisieren, waschen, kochen und bügeln. Die Männer machen also etwas Wichtiges, die Frauen sind nebensächlich. Das spiegelt sich in allen Bereichen wider.

In Ihrer Biografie heißt es, Ihre Muttersprache sei jiddisch. Englisch haben Sie als Zweitsprache gelernt?

In der Gemeinde bekommt man eingeschränkten Englischunterricht. Mädchen können nach der Schule ungefähr so gut Englisch wie ein durchschnittlicher US-Amerikaner in der dritten Klasse. Ich habe als Kind heimlich Bücher auf Englisch gelesen, dadurch hat sich mein Englisch sehr verbessert.
Ich hatte aber einen sehr starken Akzent. Jetzt lebe ich ja in Deutschland, in Berlin, und versuche mein Jiddisch auf Deutsch zu übertragen. Eigentlich ist das sehr seltsam, weil ich in meinem Gehirn nur einen Platz für beide Sprachen habe. Das Deutsch ersetzt das Jiddisch, das ist ein bisschen erschreckend: Man verliert die Muttersprache, irgendwie.

Bücher waren für Sie sehr wichtig, um auszubrechen … 

Bücher haben mir eine Perspektive gegeben, die mir fehlte. In allen Kinderbüchern gibt es ProtagonistInnen, die arm sind, missverstanden und gemobbt werden. Und dann kommt jemand und rettet dieses Kind und alles wird gut. Ich dachte, genauso wird es mir passieren. Wenn man älter wird, lernt man, dass das eine Metapher ist, dass dieser Held in einem selbst ist. Ich habe das verstanden, aber nicht genug an mich geglaubt. Als mein Sohn geboren wurde, wurde mir klar: Ich kann für ihn Heldin sein.

 

Deborah Feldman © Irmi Wutscher
Deborah Feldman © Irmi Wutscher

 

Wo war der Punkt, an dem Sie gesagt haben: „Ich muss hier raus“?

Als ich zum ersten Mal ins Gesicht meines Sohnes geblickt habe. Da ist mir klar geworden: Er soll ein besseres Leben haben, als ich es bisher hatte. Dann musste ich viele praktische Dinge erledigen: einen Schulabschluss machen, die Universität besuchen, einen Job finden, eine Wohnung mieten. Das habe ich in drei Jahren abgehakt, hatte aber Angst, den letzten Schritt zu tun. Dann hatte ich einen Unfall, mein Auto hat sich dreimal überschlagen. Ich dachte währenddessen, dass Gott mich straft, dass ich jetzt sterbe und dass das auch gerecht ist. Aber ich habe ohne einen Kratzer überlebt. Ich bin aus dem Auto rausgekrochen und habe mir gedacht: Deborah, du hast jetzt etwas ganz Schlimmes überlebt, das heißt, du kannst noch viel mehr überleben.

Sie waren vorher in der Gemeinde schon Außenseiterin, weil Ihre Mutter weggegangen war und auch Ihr Vater nicht mit Ihnen zusammengelebt hat. War es dadurch leichter für Sie zu gehen?

Das ist eine sehr konformistische Gemeinschaft, und man muss genau so sein wie vorgeschrieben. Wenn man in diesen engen Raum nicht reinpasst, ist man schon am Rand. Am Rand ist es einsam und elend und man hat nicht viel zu verlieren. Es ist nicht so, dass ich meine Gemeinschaft abgelehnt habe, die haben mich abgelehnt! Das hat dazu geführt, dass ich diesen letzten kleinen Faden zerrissen habe.

Und Sie haben die Gemeinde komplett hinter sich gelassen?

Ich habe absolut keinen Kontakt mehr. Das ist auch besser so. Ich kenne andere, die die Gemeinschaft verlassen haben, aber noch ein bisschen Kontakt haben. Die wurden sehr verletzt, schikaniert … Viele haben sich umgebracht. Es ist schon schwer genug, in die neue Welt hineinzukommen, sich da ein Leben aufzubauen. Wenn man dann noch Kontakt hat, dann schaffst du den Weg hinüber nicht.

Sie schreiben über Ihre arrangierte Ehe und auch relativ explizit über das Sexleben in dieser Ehe. Warum?

In dieser Gemeinschaft wurde meine Privatsphäre verletzt. Mein Körper war nicht mein Eigentum. Ich habe mit sehr viel Scham und Schuld gelebt. Die Gemeinde hat mir eingeredet, dass das Problem bei mir lag, weil ich mit 17 nicht mit einem quasi fremden Mann schlafen wollte. Aber was passiert ist, war absolut menschlich. Indem ich meine Geschichte aufschreibe, nehme ich meinen Körper wieder in Besitz.

Gibt es für Frauen in traditionellen, patriarchalen Gemeinschaften mehr Gründe auszubrechen als für Männer?

Auch Männer verlassen die Gemeinschaft, aber aus anderen Gründen. Viele sagen, sie haben eine Glaubenskrise. Oder sie wollen Filme ansehen oder mit mehreren Frauen schlafen. Bei den Frauen, die ihre Gemeinschaft verlassen, geht es oft um die Kinder. Oder dass sie körperliche Freiheit haben wollen. Männer haben in der Gemeinde schon ein gewisses Maß an Privatsphäre, sie gehen also aus anderen Gründen, und die sind auch wichtig.

Für mich liest sich „Unorthodox“ wie ein feministisches Buch: den eigenen Körper zurückerobern, das Leben selbst bestimmen. Bezeichnen Sie sich als Feministin?

Es ist auf jeden Fall ein feministisches Buch, und ich bin auf alle Fälle Feministin. Es ist schade, dass es so eine kontroversielle Sache ist, das zu sagen, dass Leute sich so bedroht fühlen, wenn sie das hören.

Mittlerweile leben Sie in Berlin. Warum?

Ich habe lange in New York gelebt, es war nicht angenehm, dass Vergangenheit hinter jeder Ecke lauert. Für mein zweites Buch war ich auf Spurensuche in Europa, denn ich wollte verstehen, was für ein Leben meine Großmutter vor dem Krieg geführt hat. Ich habe Berlin öfter besucht und hatte immer das Gefühl, dass es ein besonderer Ort ist. Dass dort Leute ohne Wurzeln gut hineinpassen. Als ich dann einmal ins Flugzeug zurück nach Amerika eingestiegen bin, hatte ich das Gefühl, es ist falsch. Dann habe ich meinen Sachen gepackt und bin langsam umgezogen. Seit ich in Berlin wohne, fühle ich mich zum ersten Mal im Leben zu Hause. Das ist ein seltsames Gefühl, denn ich dachte, dass ich dazu verurteilt bin, mich nie wieder heimisch zu fühlen.

In einem Interview sagten Sie, Sie hätten noch viel nachzuholen. Findet man Sie jetzt im Berghain?

In den Clubs war ich nie, ich bin jeden Tag um acht im Bett! Nachholen bedeutet Fahrrad zu fahren, im Wald zu wandern, Freundschaften aufzubauen … Nachholen ist das Leben auszukosten!

Was möchten Sie noch tun?

Ich habe zwei Mal über meine persönlichen Erfahrungen geschrieben. Jetzt möchte ich einen richtigen Roman schreiben!

 

Deborah Feldman (geb. 1986 in New York) ist Autorin und lebt in Berlin. Die autobiografische Erzählung „Unorthodox“ war ein internationaler Bestseller. Feldmans zweites Buch „Exodus“ ist auf Englisch bei Penguin erschienen.

 

Deborah Feldman: Unorthodox
Secession Verlag 2016, 22,60 Euro
www.deborahfeldman.com

 

 

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an.sage: Reformverlust https://ansch.4lima.de/an-sage-reformverlust/ https://ansch.4lima.de/an-sage-reformverlust/#respond Thu, 30 Jun 2016 12:10:17 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=7631 Kampagnenpolitik statt konkreter Politik. Von BRIGITTE THEIßL]]>

Ein Kommentar von BRIGITTE THEIßL

 

Frauen arbeiten in Österreich Teilzeit – mit steigender Tendenz: Die Teilzeitquote ist von 26 Prozent im Jahr 1994 bis 2016 auf 48 Prozent gestiegen, meldete jüngst die Austria Presse Agentur. Der gleichzeitige Anstieg der Frauenerwerbsquote auf mittlerweile rund 71 Prozent ist also nur ein halber Erfolg, denn auf viele Frauen wartet im Alter eine Mindestpension oder die Abhängigkeit vom Partner. 2016 sind wir also noch immer weit von einer zentralen Forderung der Frauenbewegungen entfernt: ein selbstbestimmtes und (ökonomisch) unabhängiges Leben zu führen. Das unsichtbare soziale Sicherheitsnetz in Österreich heißt nach wie vor Hetero-Partnerschaft, einige wenige versorgt die unversteuerte Erbschaft. Die Pensionistin, die ihr Leben lang nur Zuverdienerin war und sich um Kinder und pflegebedürftige Angehörige kümmerte, ist ebenso abhängig vom Einkommen ihres Lebensgefährten wie die junge Akademikerin, die sich mit prekären Jobs herumschlägt, während ihr Partner mit einer soliden Festanstellung den Lebensunterhalt sichert. Lesben bzw. Frauen, die in einer Partnerschaft mit einer Frau leben, trifft dieses ungeschriebene Gesetz somit besonders hart.
Die (Frauen-)Politik hat in den vergangenen Jahrzehnten hierfür kein Rezept gefunden – oder erst gar nicht danach gesucht. Ob geschlechterspezifische Lohnschere, die überdurchschnittlich hohe Armutsgefährdung von Alleinerzieherinnen und Pensionistinnen, die Geringschätzung von „weiblichen“ Branchen am Arbeitsmarkt oder die steigende Teilzeitquote – all das sind keine neuen Phänomene. Tiefgreifende Reformen hat es mit wenigen Ausnahmen jedoch zuletzt in den 1970er-Jahren gegeben, als die Regierung Kreisky die Geschlechterverhältnisse neu ordnete. Die SPÖ „sah in der frauenbewegten Generation der 1970er-Jahre ein Wählerinnenpotential, das sie gewinnen und an sich binden wollte, unter anderem durch Fristenregelung und Familienrechtsreform“, schreiben die Historikerinnen Johanna Gehmacher und Maria Mesner.

Über vierzig Jahre später besetzt die sozialdemokratische Partei das Feld der Frauenpolitik zwar nach wie vor – Gabriele Heinisch-Hosek war zuletzt acht Jahre lang Frauenministerin –, die Reformpolitik hat sich jedoch in eine Kampagnenpolitik verwandelt und wird trotz verfassungsrechtlicher Verankerung der Gleichstellung der Geschlechter innerhalb der Regierung hintangestellt. Für die Väterkarenz wurde ebenso geworben wie für die Vollzeitarbeit und gerechte Bezahlung, ein eigens programmierter Gehaltsrechner sollte dabei behilflich sein. Einzig beim Gewaltschutz wurden in Zusammenarbeit mit NGOs Gesetze konsequent weiterentwickelt. Bei der gerechten Verteilung der Reproduktionsarbeit hofft man im katholisch-konservativen Österreich hingegen auf einen Sinneswandel der Bevölkerung. Die ÖVP pocht nach wie vor auf die sogenannte Wahlfreiheit, die es in einer erwerbsarbeitszentrierten Gesellschaft jedoch gar nicht geben kann. Trotz eines eigens von der ÖVP geschaffenen Familienministeriums blockieren die Konservativen das Projekt Ganztagsschule ebenso wie den bereits im Frauenvolksbegehren 1997 geforderten Rechtsanspruch auf Kinderbetreuung. Während die Forderungen des 1993 von Jörg Haider initiierten „Ausländervolksbegehrens“ längst gesellschaftlicher Mainstream sind, bleibt das mit 645.000 Unterschriften durchaus erfolgreiche Frauenvolksbegehren Utopie. Die Wirtschaftskrise und die vermehrten Fluchtbewegungen dienen aktuell zudem als willkommene Ausrede, Frauenpolitik weiter hintanzustellen – obwohl sie als Querschnittsmaterie sämtliche Politikfelder durchzieht. Eine ganz grundlegende Diskussion der Gestaltung von Erwerbsarbeit oder einer Grundsicherung findet allerdings nur mehr innerhalb zivilgesellschaftlicher Initiativen und NGOs und nicht mehr in der Politik statt. Sabine Oberhauser, die im Zuge der aktuellen Regierungsumbildung als Gesundheitsministerin nun das Frauenressort geerbt hat, verkündet indes im Gespräch mit der „Wiener Zeitung“: „Es geht darum, Frauen insgesamt zu stärken, um Empowerment.“ Frauen müssten bei Jobangeboten „resch zusagen und dürften nicht zu lange zögern“. Na dann.

 

 

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Im patriarchalen Würgegriff https://ansch.4lima.de/im-patriarchalen-wuergegriff/ https://ansch.4lima.de/im-patriarchalen-wuergegriff/#respond Thu, 30 Jun 2016 11:41:33 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=7607 Interview: ARIEL SALLEH über die Aktualität des Ökofeminismus. Von LEA SUSEMICHEL und BRIGITTE THEIßL]]>

Die australische Soziologin, Marxistin und Ökofeministin ARIEL SALLEH kritisiert die gegenwärtige Umweltpolitik scharf. LEA SUSEMICHEL und BRIGITTE THEIßL haben danach gefragt, was Ökofeminismus zu einem Systemwandel beitragen kann.

 

an.schläge: Wie definieren Sie Ökofeminismus? 

Ariel Salleh: Ökofeminismus ist die Überzeugung, dass die Umweltzerstörung auf männlichen Werten fußt. Ökofeministische Politiken sind eine Form des länderübergreifenden Widerstands gegen den Würgegriff eines globalisierten patriarchalen Kapitalismus. Ich selbst wurde aktiv, als wir in Australien in den 1970er-Jahren gegen den Uranium-Abbau in indigenen Gebieten kämpften. Schnell wurde ich darauf aufmerksam, dass Frauen überall auf der Welt gegen Gentechnik, Abholzung, Waffentests, Dammbau und andere zerstörerische Aktivitäten kämpften.
Seit Aristoteles werden Männer als Herrscher über alle anderen betrachtet. Diese Hierarchie unterteilt Menschen in zwei Geschlechter und naturalisiert die Unterordnung von Frauen – auch die Natur wird als weiblich imaginiert und objektiviert.
Diese hierarchisierten Dualismen Mensch-Natur, Männer-Frauen sind überall eingeflossen: in unser Rechtssystem, in die Wirtschaft, in unser Alltagsleben. Kapitalismus ist ein vergeschlechtlichtes System, das Umweltressourcen ebenso wie Frauen ausbeutet. Dieser kulturelle Essenzialismus ist habituell, unbewusst und wird in unserer Sprache sichtbar. Die Natur ist etwa „Mutter Natur“. Frauen gelten als „naturnah“ oder werden als „eingebildete Ziege“ und „dumme Kuh“ beschimpft. Auch die unbezahlte Reproduktionsarbeit wird „naturalisiert“ und somit im globalisierten Wirtschaftssystem zum Verschwinden gebracht. Vor diesem Hintergrund verfügen Frauen aus einem ökofeministischen Standpunkt heraus auch über die notwendigen Erfahrungen und Fertigkeiten, um eine vernünftige Umweltpolitik zu gestalten.

Ökofeminismus wurde für seinen Essentialismus kritisiert. Welchen Zugang haben Sie hier?

Es ist nicht der Ökofeminismus, es sind vielmehr kulturelle Praktiken, die zwei rigide Geschlechterkategorien herstellen und damit das tägliche Leben strukturieren. Ökofeminismus hingegen dekonstruiert diese hierarchische Ordnung und möchte eine Gesellschaft schaffen, die Diversität anerkennt.
Ich habe schon in den 1980er-Jahren geschrieben, dass eine simple naturalisierte Einteilung in zwei Geschlechter keinen Sinn ergibt, weil es ein ganzes Spektrum an Körperformen, Potenzialen und Begehren gibt.
Rein philosophisch bzw. diskursanalytisch ist es einfach, den Sex-Gender-Dualismus zu verwerfen. Reale Politiken erfordern jedoch ein komplexeres Verständnis, denn sozialer Wandel kann nicht nur von theoretischen Konzepten ausgehen, er muss aus den gegenwärtigen historischen Bedingungen wachsen, unter denen Menschen leben.
Manche Aktivistinnen sind der Meinung, dass ihre Sozialisation, die sie auf die Rolle der fürsorglichen Mutter vorbereitet, ihnen auch Fürsorge für die Umwelt vermittelt hat. Feministinnen wie Judith Butler mögen so eine Haltung als essenzialistisch und als kontraproduktiv für die Gleichberechtigung von Frauen bezeichnen. Doch Ökofeminismus kritisiert patriarchale kapitalistische Macht in einem breiteren Kontext als liberaler Feminismus. Um die Ökofeministin Ynestra King zu zitieren: „Wer will noch ein gleich großes Stück des Kuchens, wenn der Kuchen giftig ist? Wir müssen einen neuen Kuchen backen.“

 

Aus den Serien „Environmental Refugees“ / „Along The Brahmaputra“ © Arati Kumar-Rao
Aus den Serien „Environmental Refugees“ / „Along The Brahmaputra“ © Arati Kumar-Rao

 

Sie benennen Ihren theoretischen Zugang als „embodied materialism“, also gestaltgewordenen Materialismus. Was bedeutet das?

Eine materialistische Basis ist aus meiner Sicht notwendig. Wenn Feministinnen nur mit einem linguistischen Instrumentarium die Unterdrückung von Frauen analysieren, wird die Materialität des täglichen Lebens ignoriert.

Auch Indigene verwenden den Ausdruck „Mutter Natur“, wodurch eine wertschätzende Beziehung zum Ausdruck kommt. Westliche Mensch-Natur-Beziehungen hingegen sind von Ausbeutung bestimmt. Ist diese technokratische Ideologie die Hauptursache für Umweltzerstörung?

Menschen aus dem globalen Süden können industrialisierten Gesellschaften sehr viel beibringen, was praktische Zugänge zu einem Leben im Einklang mit der Natur betrifft. Die Indigenen in den Anden bezeichnen ihren Zugang als „Buen Vivir“ (Gutes Leben), was zu einer Inspiration für die alternative Globalisierungsbewegung wurde. Westlicher Extraktivismus ist die Antithese zu Buen Vivir. Er zerstört nicht nur natürliche Prozesse, sondern auch Lebensqualität – sogar in der sogenannten entwickelten Welt. Aber nur die kapitalistischen Wurzeln dieser Ideologie offenzulegen, reicht nicht aus. Es wird keine Veränderung geben, solange nicht auch die zugrundeliegende Geschlechterideologie beseitigt wird.

Regierungen auf der ganzen Welt setzen auf eine grünes bzw. nachhaltiges Wirtschaften. Wird so der moderne Kapitalismus gebändigt?

Die unersättliche kapitalistische, patriarchale Ökonomie verleibt sich alles ein – egal ob dabei Land oder Ideen gestohlen werden. Jede Basisinitiative wird vom Akkumulationssystem geschluckt. Der Ruf nach „Nachhaltigkeit“ in den 1970ern wurde bald zum wirtschaftsfreundlichen Mantra „nachhaltige Entwicklung“. Beim Rio+20-Gipfel im Jahr 2012 wurde „grüne Politik“ schon in einen „Green New Deal“ transformiert, der mittlerweile gar zu einer konsumzentrierten „grünen Ökonomie“ wurde – die das Recht der Natur bis in ihre Nano-Partikel hinein zerstört.
Auch Feminismus wird vom bestehenden System absorbiert, für Frauen gibt es darin nur „Ehrenmitgliedschaften“. Die tatsächliche Gleichberechtigung allerdings kommt nur schleppend voran.

Der Klimawandel hat auch geschlechtsspezifische Auswirkungen. Wird feministischer Klimaaktivismus internationale Politik beeinflussen können – oder hat diese bereits versagt?

Ja, Klimawandel ist vergeschlechtlicht – in seinen Ursachen, Politiken und Lösungsansätzen. Und ja, Klimapolitik versagt. Das Abkommen der „COP21“ von Paris lässt keine ernsthaften Erfolge erwarten: Es spricht nur von freiwilligen beziehungsweise „angestrebten“ Zielen, es werden nicht genug Gelder bereitgestellt und der Zeitplan wurde nicht eingehalten. Eine Hauptursache für dieses Versagen ist, dass die herrschende Klasse ein ökologisches Problem wie ein ökonomisches behandelt. Diese neoliberale Elite umfasst Regierungen, ManagerInnen und TechnokratInnen von UN, Weltbank, IWF und WTO. Ihre Lösungen sind markt- und profitorientiert und ökologisch verfehlt – egal ob wir über Emissionshandel, riskantes Geo-Engineering oder die unheilvolle Alternative der Kernenergie sprechen.

Aber es entstehen doch auch weltweit – nicht selten von Frauen getragene – Initiativen, die einen alternativen, umweltverträglichen Umgang mit Ressourcen leben?

Das patriarchale kapitalistische Establishment hat KlimaaktivistInnen in die Defensive gedrängt, indem politische Debatten über Ökologie in eine Sprache der Ökonomie übersetzt werden. Aber ich bin durchaus davon überzeugt, dass alternative Klimastrategien möglich sind! Das würde der Logik des sogenannten „neuen Wasser-Paradigmas“ folgen. Eine solche Strategie wäre fair, dezentralisiert und ökologisch wirklich nachhaltig. In Portugal setzt die Tamera-Gemeinschaft darauf. Viele Menschen haben mittlerweile erkannt, dass die industrielle Landwirtschaft ganz massiv zu Verschmutzung, Wasserverschwendung und Verwüstung beiträgt.
In Spanien werden unter dem Schlagwort „de-growth“ Alternativen geschaffen, in Italien setzt man auf „commoning“, in Kanada ist man sehr an der feministischen Tausch-Ökonomie interessiert. Australische AnwältInnen geben ihre Jobs auf, um Lebensmittelsouveränität zu entwickeln, eine Initiative der bäuerlichen Union „Via Campesina“. Viele Menschen weltweit praktizieren Permakultur, in China setzen Frauen auf traditionellen Anbau, um Märkte in der Nachbarschaft mit ökologischen Produkten zu versorgen. In Südindien, in der Nähe von Bangalore, vermitteln die Prakriya Green School und das Bhoomi College den Wert von „Livelihood“. Solche Alternativen sind sehr wichtig, aber nicht alle AktivistInnen erfassen die vergeschlechtlichten Wurzeln der gegenwärtigen Krise. Der Ökofeminismus ist angetreten, um diese politische Arbeit zu leisten.

 

Ariel Salleh ist Dozentin am Institut für politische Ökonomie an der Universität Sydney. Zuletzt war sie Gastprofessorin an der Nelson Mandela Universität in Südafrika und Senior Fellow an der Universität Jena.

 

 

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Saure Gedanken https://ansch.4lima.de/saure-gedanken/ https://ansch.4lima.de/saure-gedanken/#respond Thu, 30 Jun 2016 11:37:33 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=7605 Spielplätze statt Kernkraftwerke. Von ULLI WEISH]]>

Atomkraft und Fingerfarben: ULLI WEISH über ihre Kindheit in der Öko-Protestkultur der 1970er-Jahre

 

Ich wuchs in einem Fertigbetonbau in Wien-Brigittenau auf, Blick auf Häuser gleichen Formats, Hendlbatterie, Großstadtflair, im Zentrum: das Auto im Innenhof. Ich erinnere mich an die Petition im Mischek-Bau der 1970er, die forderte den einzigen Baum im Hof zu fällen. „Der Baum macht die Mauer hin“, sprach der Hausbesorger, den Kugelschreiber und die Namensliste in der Hand. Die Mieter_innen unterschrieben trotz des grimmigen Drängens nicht ausnahmslos, der Baum musste bleiben und wurde heimlich mit Nägeln bearbeitet, doch er starb nicht ab. Heute steht er noch immer im Hof und ist groß gewachsen.
Als Tochter eines Ökologen und Aktivisten der Umweltszene war mir viele Jahre völlig unbewusst, dass ich aufgrund meiner politischen Sozialisation einen verzerrten Blick hatte: Ich ging als junge Frau Anfang zwanzig davon aus, dass meine Generation die bereits lange bekannten Risikotechnologien – Atomindustrie und Gentechnik als Zerstörungssysteme nach innen und außen – längst überwunden hatte und zu neuen Fragen der Verteilungsgerechtigkeit, der nachhaltigen Produktion und einer demokratiepolitischen Erneuerung finden würde. Ich war in einer Blase, in einer winzigen, die damals weder schick war noch Bobo, sondern schrullig, radikal, auffallend anders und gegen den Strom des ewigen Fortschrittsglaubens und der Technikgläubigkeit gerichtet. Es begann die Zeit der 68er, die in Österreich genau zehn Jahre später stattfand. Denn neben der Anti-Zwentendorf-Bewegung (1), die zu einer extrem heterogenen Protestbewegung führte (die politische Palette der Aktivist_innen reichte von ganz Rechtsaußen bis ganz Links und war dennoch in einer einzigen Frage geeint, was heute undenkbar erscheint), sammelten sich Aktivist_innen in weiteren Friedensinitiativen und regionalen Bürger_innenbewegungen. Es entstand in Österreich eine vor allem ökologisch engagierte und erfolgreiche Zivilgesellschaft. Ich war in einer Aufbruchsstimmung, die mindestens zehn Jahre lang währte, groß geworden. Mein erster Demospruch war „Spielplätze statt Kernkraftwerke“, meine Kindergruppe hatte mit Fingerfarben für einen großen Sternmarsch gemalt und demonstrierte inmitten einer Schar von Eltern mit Gitarren und Flöten. Ich rieche die Sonne und den Asphalt, höre Sprechchöre, Lieder und Lachen, sehe Polizisten und Gendarmen in grünen Einsatzwägen sitzen, in ihren Uniformen schwitzen. Wir bringen ihnen Blumen und Unterschriftenlisten und Atomkraft-Nein-Danke-Aufkleber. Als im November 1978 die Volksabstimmung zu Zwentendorf „arschknapp“ – 50,5 Prozent stimmten mit „Nein“, trotz unvergleichlichem Kampagnenvolumen der Energiewirtschaft gemeinsam mit der damaligen Regierung – gegen die Inbetriebnahme ausfiel, war nicht nur in meiner Familie die Überzeugung gefestigt, dass nun der Kampf gegen die Atomlobby entschieden und ein langsames und unaufhaltsames Ende der „friedlichen Nutzung der Kernenergie“ beginnen würde. Atomausstieg weltweit war realistisch und utopisch zugleich – heute ist er wieder Utopie.

 

Aus der Serie „Environmental Refugees“ © Arati Kumar-Rao
Aus der Serie „Environmental Refugees“ © Arati Kumar-Rao

 

Grüne Marke. Das, was einst von Teilen einer linken kritischen Ökologiebewegung vorgeschlagen wurde, ist inzwischen von der institutionalisierten NGO-Landschaft selbst korrumpiert. Denn Konsumverzicht galt als Zumutung in einer Zeit der sattesten Verhältnisse, die Österreich je erlebt hatte. Ökos wurden verdächtigt, gerade Nichtprivilegierte zu belehren und ihnen ihren moralisierenden Konsumverzicht aufzudrängen. Öko wurde zum Schimpfwort, galt als Spaßbremse. Daher wurde der Kurs radikal geändert. Kommunikationsstrategien aus der kommerziellen Marktwirtschaft wurden in den Ökoszenen wie auch in der Grünen Partei selbst etabliert. Kampagnen auf der Straße wurden zunehmend von jungen, schlecht bezahlten Menschen übernommen, die nicht mehr in die NGOs eingebunden waren. Deren Erfahrungen flossen nicht mehr in die Organisationen mit ein, die neue Strategie wurde als Professionalisierungsschub und Arbeitsteilung verstanden. Die Folgen sind heute spürbar: Kommerzialität und Widerstandkultur sind vermischt, Kapitalismuskritik wird ausgeklammert, ökologisches Engagement ist zu einem kostenpflichtigen Spendenprogramm für eine Lebenseinstellung mutiert. Aus dem Dilemma kamen die großen Umweltorganisationen seit der Jahrtausendwende nicht mehr heraus. Ihre Radikalität, ihre Konsumkritik ging verloren. Zurück bleiben Marken, Bilder, Logos, Slogans und Kooperationen mit fragwürdigen Unternehmen, die durch Corporate Responsibility ihr Umweltimage aufpolieren. Es geht nicht mehr um einen Wandel der Produktionsverhältnisse und um systemisches Umdenken, es geht um Lebensstil statt um eine politische Debatte.

Besorgte Mütter. Die Ökologiebewegung war nie eine Einheit, sondern zerfiel entlang ideologischer Linien bereits früh in linke Gruppen und rechte oder besser: rechtskonservative oder auch religiöse (katholische oder evangelische) Aktivist_innen, die den Wert des Lebens auch durch ein Abtreibungsverbot absichern wollten. Diese Bewegungen überlappten sich zeitlich und räumlich in den 1970er und frühen 80er-Jahren: Frauengruppen, Ökologie und alternativer Lebenswandel in Schul-, Kindergruppen, Wohn- und Arbeitsprojekten, Friedensinitiativen, Dritte-Welt-Bewegte. In den 1970ern und direkt nach dem Supergau in Tschernobyl 1986 entstanden in Österreich Frauengruppen wie „Mütter gegen Atomenergie“, die ihre Mutterrolle strategisch essenzialistisch aufluden. Ihre Rolle als Versorgende und Leidtragende bei einem atomaren Krieg oder einer radioaktiven Verseuchung wie bei Reaktorunfällen war zentrales Thema ihrer Straßenaktionen. Auch die Tonalität der Petitionen, in denen die Sorge um die Kinder, Sorge um eine dauerhaft verseuchte Umwelt durch Langzeitfolgen formuliert wurden, waren machtvoll in der Auseinandersetzung mit Experten, die damals auf Seiten der E-Wirtschaft und seitens der Technik- und Naturwissenschaftler im Schlepptau der Atomlobbyisten ausschließlich männlich waren. „Hier steht die Seite des Lebens, der Zukunft, der Natur als Basis für alles Menschliche, hier steht die Verantwortung, die Nachhaltigkeit, die Mäßigung!“ Auf der anderen Seite, so die damalige Sprach- wie Argumentationsstrategie, steht der Profit, die Bürokratie der Vernichtung, die bezahlte Expertise, die getarnte Aufrüstung und der Sicherheits- und Überwachungsstaat – denn Atomkraftwerke sind immer anfällig, so auch Labore mit gentechnisch veränderten Organismen. Freda Meissner-Blau, erste Parteivorsitzende der Grünen, erzählte immer wieder, wie wirksam kleine Frauengruppen in der Atomfrage damals waren. Denn gegen ihre emotionalen Bedenken, gegen ihre beharrlichen Fragen zu Atommüll, zu Endlagerung, zu Versicherung bei Unfällen, die simpel gestellt wurden und die mit der Logik „Wir hier unten, ihr dort oben!“ arbeiteten, gab es wenig einzuwenden. Damals standen zumeist Studentinnen und Hausfrauen nebeneinander und solidarisierten sich, was heute angesichts einer neoliberalen Erwerbsgesellschaft, die Karrierefrauen als Norm für modernistische Frauenentwürfe konstruiert, schräg erscheint.

Gegen das Stillhalten. Aktuell ist es unmöglich, Mütter als Einheit oder gar als ökologische Avantgarde zu stilisieren, auch wenn bei Wahlen immer wieder sichtbar wird, dass Frauen in Österreich eher grün und rot als blau wählen. Viel zu zerrissen und segmentiert sind Generationen von Frauen heute nach Klasse, Alter, Wohnlage und Berufskultur, nach Lebensstil und habituellen Mustern aufgespalten. Diese Sensibilität für Differenzen ist nicht zu kritisieren. Dennoch wäre eine gebündelte Bewegung dringlicher denn je. Die wesentliche Frage ist daher: Wie sind ökologische, politische und gesellschaftliche Veränderungen in einer heterogenen Szenerie möglich, gerade angesichts eines dominanten Rechtspopulismus, der auch brennende ökologische Fragen vereinnahmt? Dass Umwelt-NGOs oder Grünen-Politiker_innen dazu schweigen, wenn freiheitliche Politiker_innen ökologische Themensettings übernehmen, ist für die Sache selbst tödlich. Denn wenn Themen diskreditiert sind, nur weil sich die Falschen öffentlich dafür einsetzen, ist das Veränderungspotenzial verspielt. Es braucht heute wieder ein gemeinsames Vorgehen, dort wo Gemeinsames möglich ist; wo Trennendes nötig wird, müssen wir getrennt gehen. Stillstehen und Stillhalten scheidet als Option hingegen aus.

 

Ulli Weish ist Medien- und Kommunikationswissenschaftlerin und unterrichtet an der Universität Wien.

 

(1) 1972 wurde in Österreich das Kernkraftwerk Zwentendorf erbaut, das nach Protesten und einer Volksabstimmung jedoch nie in Betrieb ging.

 

 

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Verwüstend und Verheerend https://ansch.4lima.de/verwuestend-und-verheerend/ https://ansch.4lima.de/verwuestend-und-verheerend/#respond Thu, 30 Jun 2016 11:19:13 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=7601 Interview: SASKIA SASSEN und ALIX FAßMANN machen dem Kapitalismus den Prozess. Von LEA SUSEMICHEL]]>

Der Kapitalismus wirkt zerstörerisch, auf globaler wie auf persönlicher Ebene, urteilen die Soziologin SASKIA SASSEN und die Karriereverweigererin ALIX FAßMANN. LEA SUSEMICHEL traf beide beim „Kapitalismustribunal“ in Wien.

 

an.schläge: Mit dem Tribunal machen Sie dem Kapitalismus als Verbrechen den Prozess – ein kurzer wird es vermutlich nicht werden.

Alix Faßmann: Nein, das wird er nicht (lacht). Wir stellen die provokante Frage: Ist der Kapitalismus ein Verbrechen? Das ist natürlich ein sehr komplexes Thema.
Die Idee zum Kapitalismustribunal kam vom Verein Haus Bartleby, dem Zentrum für Karriereverweigerung in Berlin, einem Zusammenschluss von unterschiedlichsten Menschen, die sich alle aufgrund ihrer Kritik an der derzeitigen Arbeitswelt dazu entschieden haben, ihre Karriere zu verweigern. Das Ergebnis des Tribunals soll eine Deklaration sein, was in einer zukünftigen Ökonomie nie mehr geschehen darf.

Saskia Sassen, Sie schreiben in Ihrem neuen Buch, es reiche angesichts des gegenwärtigen Finanzmarktkapitalismus nicht länger aus, von Ungleichheit zu sprechen, Sie plädieren stattdessen für den Begriff „Ausgrenzungen“. Worin genau besteht für Sie die Steigerung?

Saskia Sassen: Inzwischen geht es beim Kapitalismus um Zerstörung. Früher war Massenkonsum das dominante kapitalistische Prinzip: Egal ob jemand Eis oder Kredite verkauft hat, sein Hauptinteresse bestand darin, dass es den Kindern mal besser geht, denn für das eigene Geschäft und die eigene Expansion war die nächste Generation wichtig. Deshalb war auch die Regierung angehalten, den Konsum anzukurbeln, es gab Geld für Bildung, Gesundheit und Unterstützung beim Kauf eines Eigenheims. Heute hingegen ist die Ausbeutung die vorherrschende Logik. Du nimmst, du bist fertig damit, du gehst. Wie beim Bergbau, bei der Ausbeutung von Bodenschätzen – zurück bleibt totes Land, totes Wasser. Auch der Finanzmarktkapitalismus ist ausbeuterisch und zerstörerisch. Menschen verarmen in Massen und können deshalb auch nicht mehr konsumieren, doch das ist für die dominante Logik nicht länger relevant. Diese Selbstzerstörung vollzieht sich auch auf unserem Planeten. Kapitalistische Ausbeutung vernichtet unseren Lebensraum, durch Raubbau bei der Gewinnung von Bodenschätzen entstehen z. B. Wüsten, in denen kein Leben mehr möglich ist. Es gibt also ganz konkret weniger Lebensraum für Menschen, was zu großen Fluchtbewegungen führt.

Welche Rolle spielen dabei die „Global Cities“?

Sassen: Alle großen Städte sehen schöner aus denn je. Diese sichtbare, materielle Ordnung erzählt das Märchen, alles sei besser geworden. Aber tatsächlich ist alles schlechter geworden, doch diese Verschlechterung ist unsichtbar. Was wir sehen, sind die zwanzig Prozent, die reicher sind, als sie es je für möglich gehalten haben, das zeigt sich auch in den Städten. Und diese zwanzig Prozent demonstrieren, dass der Kapitalismus scheinbar funktioniert. Viele gehen durch die Straßen und denken sich: „Oh mein Gott, für viele Leute ist vieles besser! Die haben es richtig gemacht, wir nicht.“ Doch tatsächlich gibt es einfach nur Platz für zwanzig Prozent, weil die anderen guten Arbeitsplätze verschwunden sind.
Es wird nicht nur das zerstörte Land unsichtbar gemacht, sondern auch Menschen, die anderen achtzig Prozent. Das geschieht auf unterschiedlichste Weise: Die Langzeitarbeitslosen verschwinden aus der Statistik, die Langzeitinhaftierten verschwinden in den Gefängnissen – buchstäblich übrigens!
Unlängst kam der Fall einer indigenen Frau an die Öffentlichkeit, die zwanzig Jahre lang im Gefängnis vergessen wurde. Und auch bei den vertriebenen Menschen auf der Flucht gibt es eine große Gruppe, die unsichtbar geworden ist: statistisch, begrifflich, empirisch. Die Frage ist: Wie können wir sie wieder sichtbar machen?

 

Vorabstudie zum Gerichtshof des Kapitalismustribunals © Haus Bartleby
Vorabstudie zum Gerichtshof des Kapitalismustribunals © Haus Bartleby

 

Sie sagen aber auch, dass Städte Orte sind, an denen die Machtlosen Geschichte schreiben können. Inwiefern?

Sassen: Die Grenzen verlaufen heutzutage nicht mehr an den Rändern des Empire, sondern mitten in den großen Städten. Ich definiere Grenzen als Zonen, in denen verschiedene Welten ohne feste Regeln aufeinandertreffen. Die heruntergekommenen, chaotischen Viertel unserer Städte sind die Orte, an denen die Stadt nicht vollständig kontrolliert werden kann, und deshalb sind es strategisch wichtige Orte für die Machtlosen.

Bei einem Tribunal geht es darum, etwas auch öffentlich moralisch zu verurteilen. Wieso gelingt das beim Kapitalismus so schwer, obwohl seine verheerenden Effekte längst so offenkundig sind?

Faßmann: Ich glaube, der Kapitalismus ist Meister darin, sich anzupassen. Und wir müssen dieser perfiden Strategie habhaft werden, mit der immer wieder Argumente gefunden werden, um etwas so Zerstörerisches und Ungerechtes zu rechtfertigen. Aber es gelingt dem Kapitalismus ja sogar, Argumente, die gegen ihn entwickelt werden, für sich zu verwenden. Das passiert auch in der Arbeitswelt, wo die Start-up-Szene als eine Alternative und Verbesserung gefeiert wird, obwohl die Arbeitsbedingungen dort alles andere als besser sind. Im Gegenteil, es wird aber einfach behauptet: „Hier tust du das, was du liebst, was du toll findest“, und alles ist jung, hip, angenehm und es gibt Gleitzeit – all das ist aber keine Verbesserung. Im Gegenteil, in der Regel ist es eine Prekarisierung, und die Gesetze begünstigen ja derzeit diese Form von totaler Verflüssigung.

Lässt sich das Kulturprekariat mit anderen Prekarisierten gleichsetzen? Und kann die Solidarisierung zwischen unterschiedlichen Gruppen tatsächlich funktionieren?

Faßmann: Diese Solidarität, die nicht unterscheidet zwischen Bildungsabschlüssen oder Berufen, ist die große Herausforderung. Im Haus Bartleby erleben wir jedoch von ganz unterschiedlichen Seiten Engagement und Interesse. Da sind die klassischen Kulturprekären wie Grafikdesigner, aber auch die Kassiererin im Bio-Supermarkt oder jemand wie mein Vater, der seit 37 Jahren Arbeiter bei Volkswagen ist und erlebt hat, wie massiv die Solidarität eingebrochen ist, noch stärker durch die Zeit- und LeiharbeiterInnen, die in den Konzernen eine parallele Arbeiterschaft bilden und gegeneinander ausgespielt werden.
Alle denken, es gehe um individuelle Fehler und man müsse sich einfach mehr anstrengen und dann komme auch der Erfolg. Das Versprechen von Wohlstand und Sicherheit wurde aber schon vor langer Zeit gebrochen, trotzdem sollen wir weiter daran glauben.

Kapitalismuskritik ist traditionell ein männliches Feld, wird beim Kapitalismustribunal auch feministische Kapitalismuskritik, zum Beispiel an Reproduktionsarbeit bzw. Care-Arbeit, berücksichtigt?

Faßmann: Es gibt viele Anklagen, die in diese Richtung gehen. Nichtsdestotrotz muss ich kritischerweise anmerken, dass Kapitalismuskritik in den feministischen Runden, zu denen ich bisher eingeladen war, eher auf wenig Resonanz gestoßen ist.

Karriereverweigerung muss man sich aber auch leisten können, oder? Viele Menschen haben gar keine Aussicht auf eine Karriere oder sie sind von Lohnarbeit einfach existenziell abhängig und haben zum Beispiel keine Aussicht auf ein Erbe.

Faßmann: Also ich habe auch nicht geerbt und konnte es mir damals nicht leisten, meine gut bezahlte Stelle zu kündigen. Aber ich wusste, ich musste es tun, und habe es auch bis heute nicht bereut, obwohl meine finanzielle Situation extraprekär war. Dass ich seit eineinhalb Jahren das Kapitalismustribunal unbezahlt mitorganisiere, macht es nicht besser. Trotzdem ist es das Lukrativste, was ich jemals gemacht habe. Wir sprechen mit Haus Bartleby nicht nur AkademikerInnenkinder an – ich bin ja selber keines – , sondern z. B. auch Langzeitarbeitslose, die sich so nach der ständigen Stigmatisierung beim Jobcenter auch ein Stück Würde zurückholen – weil sie eben Karriereverweigerer sind und keine Loser.

Karriereverweigerung ist aber auch gerade für Frauen eine sehr ambivalente Forderung.

Faßmann: Ja, weil es derzeit noch die Erzählung gibt, eine Karriere für Frauen müsste jetzt auch drin sein. Und niemand von uns würde infrage stellen, dass ein emanzipiertes und selbstbestimmtes Leben für Frauen wichtig ist – aber genau das ist in der heutigen Arbeitswelt eben kaum möglich.

 

Alix Faßmann ist Mitbegründerin des Berliner Vereins Haus Bartleby, Zentrum für Karriereverweigerung und Autorin von „Arbeit ist nicht unser Leben: Anleitung zur Karriereverweigerung“ (Lübbe Verlag).

 

Saskia Sassen ist eine US-amerikanische Soziologin und Ökonomin, die vor allem mit ihren Forschungen zu den „Global Cities“ bekannt wurde. Ihr neuestes Buch: „Ausgrenzungen. Brutalität und Komplexität in der globalen Wirtschaft“ (S. Fischer Verlag).

 

>> Beim Kapitalismustribunal soll die Frage der Schuld des Kapitalismus fair verhandelt werden. Jede/r konnte Anklagen gegen den Kapitalismus einbringen, die bei dem künstlerisch-aktivistischen Projekt gesammelt und nach Vorverhandlungen in Berlin nun auch bei einem einwöchigen Performance-Prozess im Wiener brut öffentlich beraten wurden. Die Urteilsverkündung wird im November erfolgen.

 

 

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an.sprüche: Nachhaltige Gewissensfragen https://ansch.4lima.de/an-sprueche-nachhaltige-gewissensfragen/ https://ansch.4lima.de/an-sprueche-nachhaltige-gewissensfragen/#respond Thu, 30 Jun 2016 11:18:25 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=7609 Nachhaltiger Konsum vs. "Bio-Bashing". Von BRIGITTE THEIßL und INA FREUDENSCHUß]]>

Wir lügen uns mit unserem nachhaltigen Konsum selbst in die Tasche, meint BRIGITTE THEIßL.

 

Kennt ihr die Geschichte vom Wiener Porsche-Cayenne-Fahrer, der wochenends im Burgenland Bio-Erdäpfel ab Hof kauft? Ob urbane Legende oder nicht, über Bobos zu witzeln macht Spaß – vielleicht auch, um das eigene schlechte Gewissen zu beruhigen. „Beruflich über Leichen gehen, aber mit Bio-Resonanz”, so hat es Josef Hader einmal formuliert. Aber ist ein bewusster und kritischer Konsum nicht politisch höchst relevant? Jein. Die Verflechtungen einer globalisierten Wirtschaft sind heute so komplex, dass es für Einzelpersonen unmöglich ist, sie zu durchschauen. Kann der Boykott von Textilunternehmen, die in Bangladesch produzieren, letztendlich kontraproduktiv sein? Oder das Verbot eines Herbizids den Einsatz von Chemikalien befördern, die die Umwelt noch stärker belasten? Und das ist nicht das einzige Problem: Unternehmen wissen, dass „ethischer“ Konsum, Umweltbewusstsein und Bio schick sind, und stellen sich darauf ein. Unzählige Gütesiegel gibt es mittlerweile, die zum Teil auf sehr fragwürdigen Standards beruhen und nicht immer unabhängigen Kontrollen unterliegen, selbst am Fair-Trade-Siegel wurde bereits berechtigte Kritik formuliert. Überhaupt sind Bio, Fair Trade und Fleischverzicht nach wie vor Sache einer Minderheit bzw. kaufkräftigen Elite. Der Fleischkonsum in Österreich stagnierte zuletzt auf hohem Niveau – die industrielle Fleischproduktion muss trotz Mega-Trend Veganismus keineswegs um ihr Überleben bangen. Wer also keinerlei tierische Produkte konsumiert, hält den eigenen Körper und das Gewissen rein, hat aber für den Tierschutz aufgrund der vernachlässigbaren Effekte auf Landwirtschaft, Produktion und Handel de facto nicht wirklich etwas getan. Auch teure Bio-Lebensmittel sind nach wie vor Nischenprogramm, auf den Feldern mancher ErzeugerInnen wachsen konventionelle und biologische Früchte nebeneinander. In Deutschland werden rund sechs Prozent der landwirtschaftlichen Flächen biologisch bewirtschaftet, Österreich steht mit zwanzig Prozent an der Weltspitze. Das wichtigste Motiv von VerbraucherInnen für den Griff zum biologischen Nahrungsmittel ist übrigens, sich selbst und der Gesundheit etwas Gutes zu tun – nicht der Umwelt. Bewusster Konsum ist heute vielfach Teil eines öffentlich inszenierten Lifestyles und dient der sozialen Distinktion, was selbst von den Grünen Parteien aufgegriffen wird. Die Deutschen Grünen sorgten vor einigen Jahren mit dem Vorschlag eines „Veggie Days“ für Kontroversen, die österreichischen Grünen haben die Forderung nach dem Vorrang für Bio in Schulen und Kindergärten im Sozialprogramm untergebracht. Auf ihrer Website raten sie unter anderem zur „Politik mit dem Einkaufswagen“, denn die Forderung nach radikalem Verzicht würde wohl selbst beim Grünen Klientel nicht gut ankommen. Unterstützt wird das durch bunte Werbung mit Tierkindern, durch Wien spazieren täglich hunderte „Bio macht schön“-Stoffbeutel (was auf Umwegen sogar richtig ist: Wohlhabende Menschen haben nicht nur eine höhere Lebenserwartung, sondern können sich z.B. auch den besten Zahnersatz leisten). Diese Entpolitisierung von Umweltschutz und Nachhaltigkeit könnte Folgen haben, denn die Konsumentscheidungen Einzelner werden den Planeten nicht retten. Was es vielmehr braucht, sind politische Kollektive, die Druck ausüben und im Austausch zu neuen Ideen finden. Seit 2009 ist die Käfighaltung von Hühnern in Österreich verboten. Das Gesetz ist zu einem großen Teil auf das erfolgreiche Lobbying von Tierschutzorganisationen zurückzuführen, deren VertreterInnen vermutlich selbst gar keine Eier konsumieren. KonsumentInnen haben jetzt also gar nicht mehr die Möglichkeit, nach dem billigeren (österreichischen) Käfig-Ei zu greifen. In großen Zusammenhängen gedacht, wird effektiver Umwelt- und Klimaschutz ohne strenge Gesetze, die mitunter harte Einschnitte mit sich bringen, nicht machbar sein. Natürlich ist es gut, im Kleinen anzufangen. Eine „Es bringt ja eh nichts”-Haltung ist angesichts erschreckender Prognosen in Sachen Klimawandel verheerend. Aber wer meint, (trotz jährlicher Flugreise) mit dem Verzicht aufs Auto in der Stadt und Bio-Karotten einen ökologischen Wandel herbeizuführen, lügt sich nur selbst in die Jute-Tasche.

 

Brigitte Theißl bekam als Kind Weihnachtsgeschenke mit „Der Umwelt zuliebe ohne Geschenkpapier“-Aufklebern, besitzt kein iPhone und hat das Gefühl, beim Kauf von Fleisch aus nicht artgerechter Bio-Landwirtschaft würde ihr sofort ein Arm abfallen.

 

Aus den Serien „Environmental Refugees“ / „This Fishing Life“ © Arati Kumar-Rao
Aus den Serien „Environmental Refugees“ / „This Fishing Life“ © Arati Kumar-Rao

 

INA FREUDENSCHUß hingegen hat genug vom „Bio-Bashing“ und dem Herziehen über grüne „Luxusprobleme“.

 

Ja, es stimmt: Bio-Lebensmittel muss man sich leisten können. Und auch das Elektroauto ist noch immer nicht konkurrenzfähig mit den sonstigen motorisierten Individual-Verkehrsmitteln, die unser Wirtschaftssystem definieren. Wenn die Rede auf eine nachhaltige Lebensweise kommt, lautet das zentrale Argument von links deshalb fast immer: „Luxusprobleme“.
Die ökologischen und sozialen Auswirkungen des Klimawandels sind es aber leider nicht. Dieser verändert nicht nur „irgendwie“ die Landschaft und lässt „ein paar Inseln“ untergehen, sondern er heizt bereits jetzt Konflikte um Ressourcen im globalen Süden an, er beschleunigt in dieser Sekunde die Landflucht und er verschlechtert ausgerechnet heute die Lebensmittelsicherheit in den betroffenen Ländern. Besonders schwerwiegend im globalen Gerechtigkeitsdiskurs: Jene Menschen, die historisch gesehen am wenigsten zum Anstieg der CO2-Emmissionen beigetragen haben, also mit ihrem Lebensstil den geringsten Fußabdruck auf der Erde produzieren, sind am stärksten von den Folgen des Klimawandels betroffen. Doch auch Europa wird die Folgen des Klimawandels deutlich zu spüren bekommen.
Umso mehr erstaunt es, wenn sich jene Gruppen, die sich sonst für gerechtere Strukturen auf globaler wie lokaler Ebene einsetzen, in Sachen Umweltpolitik hauptsächlich mit „Bio-Bashing“ begnügen.
Grundsätzlich ist das Wissen, dass kritischer Konsum nicht reicht, natürlich wertvoll im Kampf gegen die Klimakatastrophe. Der Einsatz gegen ressourcenzerstörende, CO2-intensive Landwirtschaft darf sich nicht auf individuelle Konsumentscheidungen für regionale, saisonale Bio-Produkte beschränken. Natürlich braucht es vor allem staatliche und globale Regulierungen, die menschliches Wirtschaften in nachhaltige Bahnen lenken. Gleichzeitig ist die individuelle Konsumentscheidung jedoch ebenso ein wichtiger Hebel zur Veränderung, weil zahlreiche Produkte des täglichen Lebens westlicher Prägung besonders ressourcenintensiv hergestellt werden. Konsumieren ist zudem eine Kulturtechnik, über die das Wir-Gefühl einer breiten ökologischen Bewegung gestärkt werden kann, die es zweifelsohne braucht, um die globalen Wirtschaftseliten zum Umdenken zu bewegen.
Oftmals wird argumentiert, die Öko-Bewegung sei im Kern klassistisch, weil sie der Unter- und Mittelschicht das Konsumieren verbieten und damit ihren „Aufstieg“ im herkömmlichen Sinn verhindern will. Dabei wird übersehen, dass die Forderung nach einem kritischeren und damit letztlich geringeren Konsum hauptsächlich an die wohlhabende Mittel- bis Oberschicht gerichtet ist: Diese trägt mit ihrem Lebensstil am meisten zum schädlichen CO2-Ausstoß bei. So betrachtet ist es einfach nur gerecht, dass Leute mit dem nötigen Kleingeld angemessen(er) für die Dinge des täglichen Lebens bezahlen und in den Bio-Supermarkt oder auf den Wochenmarkt gehen.
Naomi Klein hat in ihrem Buch „Die Entscheidung“ klar dargelegt, dass die Bekämpfung bzw. Eindämmung des Klimawandels nichts anderes heißt als die Bezwingung des herkömmlichen auf Kohle und Öl basierenden globalen Kapitalismus. „System change, not climate change“ lautet die Devise inzwischen in zahlreichen umweltpolitischen Initiativen. Die Klimakatastrophe birgt die Chance, den Kampf gegen den Kapitalismus ideell neu zu befeuern und weitere Gesellschaftsschichten dafür zu gewinnen. Dieser Umstand müsste linken SystemkritikerInnen eigentlich eine Freude sein, jedoch nur wenn sie bereit sind, sich über habituelle Unterschiede hinweg zu solidarisieren. Über Konzepte von „Nachhaltigkeit“ einfach nur zu spotten, ist zu wenig. Ja, es legt sogar den Verdacht nahe, dass man dadurch einfach nur von der eigenen Untätigund Ratlosigkeit ablenken will. Wer es sich leisten kann, sollte Bio kaufen.

 

Ina Freudenschuß fände es gut, wenn die Leute ihr persönliches CO2-Konto so scharf im Blick hätten wie ihre Kalorien-App.

 

 

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Feminist Superheroines: Käthe Kollwitz https://ansch.4lima.de/feminist-superheroines-kaethe-kollwitz/ https://ansch.4lima.de/feminist-superheroines-kaethe-kollwitz/#respond Thu, 30 Jun 2016 11:04:30 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=7625 Erste Professorin der Preußischen Akademie der Künste. Von SIMONE STEURER]]>

Frauen waren an den meisten deutschen Kunstakademien noch nicht zugelassen, als Käthe Kollwitz (8.7.1867–22.4.1945) bereits als 14-Jährige mit Privatunterricht gefördert wurde. Später konnte sie Grafik in Berlin und München studieren und schuf Skulpturen, Zeichnungen, Drucke und Plakate. Im Mittelpunkt ihrer Werke stehen Arbeiterinnen, Mütter und Kinder, Krieg und Tod. Ihr soziales Engagement galt dem Frieden und der Humanität, später dem Antifaschismus. Mit der Ausstellung „Ein Weberaufstand“ 1898 in Berlin wurde sie bekannt, trat kurz darauf der Berliner Secession bei und wurde trotz ständiger Benachteiligungen als Frau in der Kunst schließlich zum ersten weiblichen Mitglied und zur Professorin der Preußischen Akademie der Künste ernannt.

 

Illustration: Lina Walde, http://linawalde.tumblr.com
Illustration: Lina Walde, linawalde.tumblr.com

 

 

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Weltuntergangsszenario https://ansch.4lima.de/weltuntergangsszenario/ https://ansch.4lima.de/weltuntergangsszenario/#respond Thu, 30 Jun 2016 10:34:21 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=7603 NAOMI KLEIN hat über die Apokalypse geschrieben. Leider durchaus realistisch und fundiert. Von LEA SUSEMICHEL

 

Ende April wurde nach jahrzehntelangen Verhandlungen der Weltklimavertrag unterzeichnet. Er sieht vor, dass der Temperaturanstieg global unter zwei Grad Celsius gehalten werden soll. Verbindlich ist das Abkommen derzeit allerdings nicht, denn die unterzeichnenden Länder müssen es erst in ihren Parlamenten ratifizieren. Ihre freiwilligen Absichtserklärungen zu CO2-Einsparungen genügen jedenfalls nicht, sie ließen immer noch eine Erwärmung von drei bis vier Grad erwarten.
Was ein solcher Temperaturanstieg bedeuten würde, führt uns die Kapitalismuskritikerin Naomi Klein in ihrem jüngsten Buch „Die Entscheidung“ drastisch vor Augen. Nur vier Grad mehr würden den Meeresspiegel um zunächst ein bis zwei Meter ansteigen lassen (in weiterer Folge würde der Pegel aufgrund von Kettenreaktionen noch weiter steigen), was den Untergang einiger Inselstaaten sowie die Überflutung etlicher Küstenregionen zur Folge hätte. Auch Städte wie New York, Shanghai, Mumbai oder London wären akut bedroht. Gleichzeitig würden enorme Hitzewellen nicht nur zahllose Menschen töten, sondern auch zu massiven Ernteausfällen führen und damit zu weiteren humanitären Katastrophen, schließlich wären die Erträge durch zu erwartende Wetterextreme wie Überflutungen oder Hurrikane ohnehin stark vermindert. Flächenbrände, der Kollaps der Meere und der Fischbestände, Verwüstung und verheerende Dürren, Wasserknappheit sowie der Ausbruch von Seuchen würden ein Übriges dazu tun, dass das Fortbestehen menschlicher Gesellschaften in ihrer jetzigen Form – wenn nicht überhaupt – undenkbar wäre. Und das sind noch die optimistischen Szenarios, denn sie setzen voraus, dass der Temperaturanstieg bei vier Grad tatsächlich gestoppt werden kann. Tatsächlich ist es jedoch weit wahrscheinlicher, dass spätestens zu diesem Zeitpunkt unkalkulierbare Verstärkungseffekte einsetzen würden, weil beispielsweise die Böden durch die Übersättigung mit Kohlendioxid dieses nicht länger speichern, sondern selbst ausstoßen und so den Treibhauseffekt weiter anheizen würden.
In ihrem alarmierenden und aufrüttelnden Buch fordert Klein deshalb einen Marshallplan für die Erde. Neben dem Entwurf apokalyptischer Szenarien hat sie dafür ein sehr bestechendes Argument: Der Klimawandel kann als Katalysator für einen tiefgreifenden sozialen und politischen Wandel dienen.
Denn er ist der überzeugendste Beweis für die gegenwärtige Fehlentwicklung, den wir je an der Hand hatten, um einen radikalen Systemwandel zu fordern und die kapitalistische Ausbeutung von Mensch und Umwelt dauerhaft und auf allen Ebenen zu beenden.
Doch die Welt ist nur zu retten, wenn wir schnell handeln. Als Ende der 1980er- und Anfang der 1990er-Jahre noch Zeit gewesen wäre, um die entscheidenden klimapolitischen Änderungen in kleinen Schritten zu vollziehen, hat der neoliberale Marktradikalismus ein entschlossenes Vorgehen gegen den Klimawandel sabotiert, schließlich schien ihm jede staatliche Regulierung mit seiner radikalen Privatisierungslogik unvereinbar.
Naomi Kleins bittere Anklage ist, dass die neoliberalen IdeologInnen immer genau wussten, was auf dem Spiel stand. Doch jedes Eingeständnis, was der Klimawandel wirklich bedeutet und bewirkt, hätte ihr Erfolgsmodell eines wachstumsorientierten Kapitalismus schlagartig diskreditiert. Einflussreiche Think Tanks wie das konservative Heartland Institute haben deshalb alles daran gesetzt, um den Klimawandel dreist zu leugnen und als Hirngespinst linker SpinnerInnen abzutun, die unter dem Deckmantel von Umweltschutz eine antikapitalistische Revolution anzetteln wollten. Diese Diffamierungskampagne scheint über weite Strecken aufgegangen zu sein: In bestimmten US-Bundesstaaten – insbesondere in jenen, die von der Kohleindustrie abhängig sind – gehören bis zu achtzig Prozent aller RepublikanerInnen zu den „Klimaleugnern“, das heißt sie sperren sich konsequent gegen alle unumstößlichen wissenschaftlichen Fakten.
Durch diese folgenschweren Manöver haben wir entscheidende Jahrzehnte verloren. Können wir das Ruder in allerletzter Minute trotzdem noch herumreißen und die Zerstörung unserer Erde verhindern? Ja, das können wir, sagt Naomi Klein.
Aber ist es auch möglich, ohne die kapitalistische Logik von Deregulierung und Wachstum radikal infrage zu stellen? Kleins Antwort: „Keine Chance.“

 

Naomi Klein: Die Entscheidung. Kapitalismus vs. Klima
S. Fischer 2015, 27,80 Euro

 

 

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