Uncategorized – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de Wed, 21 Jan 2026 14:07:31 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.0 https://ansch.4lima.de/wp-content/uploads/2024/10/cropped-favicon-32x32.png Uncategorized – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de 32 32 Nicht in Watte gepackt https://ansch.4lima.de/nicht-in-watte-gepackt/ https://ansch.4lima.de/nicht-in-watte-gepackt/#respond Mon, 15 Dec 2025 07:57:05 +0000 https://anschlaege.at/?p=131503 Benzodiazepine werden gegen Angst und Schlaflosigkeit verschrieben. Doch immer mehr Menschen besorgen sich die Medikamente auf dem Schwarzmarkt. Die Gefahr einer Abhängigkeit ist extrem hoch – und betrifft überwiegend Frauen. In Wien rüttelte zuletzt der riskante Konsum unter Jugendlichen auf: Wie gefährlich ist die Substanz wirklich und warum greifen gerade junge Frauen zu den Benzodiazepinen? […]]]>

Benzodiazepine werden gegen Angst und Schlaflosigkeit verschrieben. Doch immer mehr Menschen besorgen sich die Medikamente auf dem Schwarzmarkt. Die Gefahr einer Abhängigkeit ist extrem hoch – und betrifft überwiegend Frauen. In Wien rüttelte zuletzt der riskante Konsum unter Jugendlichen auf: Wie gefährlich ist die Substanz wirklich und warum greifen gerade junge Frauen zu den Benzodiazepinen? Eine Spurensuche in Wiener Beratungsstellen, Notschlafquartieren und bei Konsumentinnen einer Generation, die versucht, ihre Angst zu betäuben.

Von SOPHIA KRAUSS.
Mitarbeit: Irem Demirci, Flora Neubert und Brigitte Theißl

„14-Jährige tot: ‚Benzos‘ gefährlicher Trend bei Jugendlichen“, titelte der „Kurier“ im März 2024. Nachdem ein junges Mädchen tot in einer Wohnung in Wien-Simmering aufgefunden wurde, schlugen viele Medien Alarm: Der Tod sei im Zusammenhang mit Medikamentenmissbrauch gestanden, der missbräuchliche Konsum von Benzodiazepinen unter Jugendlichen stelle ein wachsendes Problem dar. Von den Titelseiten der Nachrichtenportale verschwand der Fall schnell wieder, eine toxikologische Einordnung blieb aus – ebenso wie eine nähere Betrachtung der Situationen von jungen Frauen, die „Benzos“ konsumieren.

Eigentlich werden Tabletten wie Alprazolam, das auch unter dem Markennamen „Xanax“ bekannt ist, oder Diazepam, besser bekannt als „Valium“, zur psychiatrischen Behandlung von Panik- und Angstzuständen oder Schlafstörungen verschrieben. Diese angstlösende und enthemmende Wirkung ließ „Benzos“ zuletzt auch zur Modedroge avancieren. So rappt der US-Amerikaner Isaiah Rashad 2016: „Just pop a xan, baby, make your problems go away.“ Die Songzeile bringt auf den Punkt, worum es beim Konsum von Benzodiazepinen oft geht: mit einer Tablette für einige Stunden alle Probleme und Ängste verschwinden zu lassen.

Wachsender Konsum. Darauf, dass der Konsum von Benzodiazepinen auch in Österreich unter Jugendlichen verbreitet ist, hat Ewald Lochner, Koordinator für Psychiatrie, Sucht- und Drogenfragen, gegenüber der APA bereits hingewiesen. Zwar sei kein allgemeiner Anstieg des Konsums illegaler Substanzen feststellbar, aber „seit Corona gibt es eine zunehmende Menge von jungen Menschen, die solche Benzodiazepine teilweise vermischt mit anderen Substanzen und teils sehr eskalativ konsumieren.“ Alarmierend ist auch, dass im Jahr 2024 die Drogennotfälle bei unter 18-Jährigen verglichen mit dem Vorjahr deutlich angestiegen sind. Fast dreißig Prozent häufiger kam es bei Minderjährigen zu Rettungseinsätzen wegen Rauschgiftintoxikation.

Wieso aber greifen junge Frauen oft zu beruhigenden und angstlösenden Substanzen? Gibt es genug unterstützende Angebote für Mädchen und junge Frauen in Wien? Und welche Auswirkungen hat es, dass bei der Wiener Suchthilfe nun massiv gespart werden soll?

Dass Benzodiazepine Risiken wie eine körperliche Abhängigkeit bergen, wurde auch lange von Mediziner*innen unterschätzt – und diese betrifft dabei wesentlich häufiger Frauen. „Grundsätzlich sind Männer von Suchterkrankungen häufiger betroffen als Frauen. Es gibt global gesehen nur zwei Substanzgruppen, die eine Ausnahme bilden und häufiger von Frauen konsumiert werden: Amphetamine und Benzodiazepine“, sagt die Psychiaterin und Suchtexpertin Gabriele Fischer im an.schläge-Interview.

Dass der Griff zu Psychopharmaka auch unter weiblichen Jugendlichen immer normaler wird, erlebt Nasrin Kashfi täglich in ihrer Arbeit als Coach bei der Mädchenberatung sprungbrett. Hier ist sie seit 15 Jahren tätig und versucht, junge Menschen, die eine Ausbildung oder die Schule abgebrochen haben, aufzufangen. Sie hilft ihnen dabei, einen strukturierten Tagesablauf zu entwickeln und wieder erste kleine Aufgaben zu bewältigen. Diese Begleitung ist eines von vielen Projekten des Vereins, der sich an junge Frauen und Mädchen sowie trans*, inter* und nicht-binäre Personen in der Altersgruppe von 11 bis 25 Jahren richtet. Die Räumlichkeiten des Vereins sind in einem Gebäudekomplex in der Hütteldorfer Straße untergebracht. Über mehrere Stockwerke erstrecken sich Gruppenräume, Werkstätten und Büros. Vor der Eingangstür chillt eine Gruppe Jugendlicher, die mir den Weg zeigt.

Nasrin Kashfi hat in den vergangenen Jahren viele Veränderungen beobachtet: „Viele der Jugendlichen, die bei uns sind, haben psychiatrische Diagnosen, zum Teil mehrere, und sind medikamentös eingestellt. Uns ist aufgefallen, dass gerade seit Corona viele Ärzt*innen relativ rasch Tabletten verschreiben, wenn Personen depressiv sind und es nicht mehr schaffen, das Haus zu verlassen. Es wird aber manchmal nicht gut begleitet, damit diese dann auch wieder abgesetzt werden können.“

Angst in der Pandemie. Dass die Corona-Pandemie Mädchen besonders zugesetzt hat, geht auch aus einem Bericht der deutschen Krankenkasse DAK aus dem Jahr 2022 hervor. 2021 waren die Behandlungszahlen bei psychischen Problemen allgemein zurückgegangen. Einzelne psychische Erkrankungen in bestimmten Altersgruppen stiegen jedoch deutlich an. So wurden 54 Prozent mehr Mädchen im Alter von 15 bis 17 Jahren aufgrund von Essstörungen behandelt. Bei Angststörungen gab es bei Mädchen ein Plus von 24 Prozent. Im Zuge ihrer Behandlung kam es auch zu einem verstärkten Einsatz von Medikamenten: Bei Neuerkrankungen stiegen die Verordnungen von Antidepressiva um 65 Prozent.

Antidepressiva bergen im Vergleich zu Benzodiazepinen ein viel niedrigeres Sucht- und Missbrauchspotential. Bei Angststörungen sind sie deshalb die medikamentöse Therapie erster Wahl. Allerdings braucht es bis zu acht Wochen, bis ihre Wirkung einsetzt. Menschen, die unter schweren Panikattacken leiden, müssen diese Zeit manchmal mit Benzodiazepinen überbrücken. „Sie können unerträgliche Angstzustände sofort lösen“, sagt Psychiaterin Katrin Skala. Ihre Wirkung setzt nach nur wenigen Minuten ein. In der Psychiatrie werden Benzodiazepine deshalb häufig verwendet: Sie reduzieren nicht nur Angst, sondern vermindern auch die subjektive Wahrnehmung von Stress. Außerdem wirken sie sedierend und können für akute Schlafprobleme verwendet werden.

Auch in Österreich hat COVID-19 viel verändert. Das ist das Ergebnis einer Repräsentativerhebung, die vom Anton-Proksch-Institut Wien in Auftrag gegeben und vom Institut für Sozialästhetik und psychische Gesundheit der Sigmund-Freud-Privatuniversität Wien durchgeführt wurde. 26 Prozent der Befragten zwischen 16 und 92 Jahren gaben an, sich psychisch belastet zu fühlen. Mit ihrer Belastung stieg u. a. auch ihr Konsum von Benzodiazepinen an: 16 Prozent nahmen diese während der Pandemie mindestens einmal ein. Bei 48 Prozent der Personen, die Beruhigungsmittel einnehmen, kam es außerdem zu einer Zunahme des Konsums. Am häufigsten gaben Jugendliche und junge Erwachsene bis dreißig an, Benzodiazepine einzunehmen.

Nasrin Kashfi von der Mädchenberatung glaubt nicht, dass die Jugendlichen nur die Medikamente konsumieren, die sie verschrieben bekommen haben. Wie auch andere Interviewpartner*innen erzählt Kashfi von einem Schwarzmarkt für verschreibungspflichtige Medikamente. Dass Benzodiazepine einerseits legal verschrieben, andererseits illegal im Darknet oder auf der Straße verkauft werden, macht es laut Suchtforscherin Gabriele Fischer sehr schwer zu erforschen, wie viele Menschen diese Medikamente missbrauchen oder tatsächlich abhängig sind.

Wann beginnt Sucht? Die Frage, wann Sucht beginnt, ist ohnehin keine einfache – auch nicht für Spezialist*innen. Missbrauch liegt laut Psychiater Thomas Vanicek dann vor, wenn mit dem Substanzgebrauch körperliches oder psychisches Leid einhergeht, wenn durch den Konsum Organschäden entstehen oder man häufigeren Angstattacken ausgesetzt ist. Tatsächlich ist das bei Benzodiazepinen oft der Fall, berichtet Katrin Skala in einem Telefonat. Sie ist seit Sommer 2025 Chefärztin der Psychosozialen Dienste in Wien. „Benzodiazepine haben ein unglaubliches Abhängigkeitspotential. Bei einer Panikattacke habe ich das Gefühl: ‚Ich muss sterben!‘ – dann nehme ich eine Tablette und nach fünf Minuten ist alles gut. Natürlich werde ich das wiederholen wollen, sobald ich wieder eine Panikattacke bekomme.“ Das Problem beim regelmäßigen Konsum von Benzodiazepinen sei aber, dass die Substanzen das Gehirn dazu bringen, erregende Strukturen hochzufahren, erklärt Skala. Die nächste Panikattacke fällt dann schlimmer aus als die vorhergegangene. „Wenn ich diese Medikamente zu oft konsumiere, werden meine Angst und Panik auf Dauer also immer schlimmer. Das sind die ersten Schritte in Richtung Abhängigkeit.“

Von körperlicher Abhängigkeit spricht man hingegen ab dem Zeitpunkt, ab dem ein körperlicher Entzug auftritt. Auch eine solche kann bei Benzodiazepinen entstehen. „Ich werde beginnen zu zittern, zu schwitzen, unruhig zu werden. Ich kann nicht mehr schlafen und bekomme Herzklopfen“, beschreibt Skala diese körperlichen Zustände. Man könne jedoch nur schwer pauschalisieren, nach welcher Konsummenge und -dauer dieser einsetzt. „Der Entzug ist zwar nicht gefährlich, wenn es sich nur um eine Benzodiazepin-Abhängigkeit handelt – aber sehr unangenehm. Die einzige Gefahr besteht darin, dass es währenddessen zu einem epileptischen Anfall kommen kann. Das kann man durch andere Medikamente verhindern. Einen kalten Benzodiazepin-Entzug allein zu Hause würde ich nicht empfehlen“, sagt die Ärztin.

In der Info- und Beratungsstelle checkit! in der Gumpendorfer Straße in Wien werden u. a. persönliche Einzelgespräche, Konsumreflexion, Rechtsberatung und DrugChecking angeboten. Sie richtet sich damit vor allem an Freizeitkonsument*innen, Menschen mit schweren Suchterkrankungen sind dort seltener anzutreffen. Hier konnte man in den vergangenen Jahren keine Veränderung des Benzodiazepinkonsums junger Frauen bemerken. Dass Frauen aber tatsächlich eher zu beruhigenden Substanzen greifen, wird dort jedoch schon sehr lange beobachtet, schreibt checkit! auf Anfrage.

„Was kommt noch?“ Nasrin Kashfi ist hingegen überzeugt, dass bei den Jugendlichen im sprungbrett der Konsum von Benzodiazepinen zuletzt gestiegen ist. „Alles, was angstlindernd und beruhigend wirkt, oder auch euphorisierend, ist interessant. Die Jugendlichen versuchen, eine Lösung zu finden für all das, was schwierig ist. Sie versuchen, sich durch Konsum zu helfen.“ Viele junge Menschen würden derzeit eine Perspektivlosigkeit erleben, gerade dann, wenn sie aus schwierigen Familienverhältnissen stammen. „Es ist nicht besser geworden mit der Pandemie“, sagt Martina Fürpass, „als auf einmal die ganze Familie zu Hause saß, das Leben auf einen sehr engen Raum begrenzt war und es vielleicht keine Möglichkeiten gab, rauszugehen und im Gespräch zu bleiben.“ Doch nicht nur die Pandemie, auch die politische und wirtschaftliche Lage drückt auf die Stimmung junger Menschen. „Wir wissen es aus den Jugendstudien, dass vieles Jugendliche belastet, ob es der Krieg in der Ukraine ist, die Klimakatastrophe oder jetzt die Teuerung. Früher hat es dann irgendwann einen Lichtblick gegeben. Jetzt hat man eher das Gefühl: ‚Was kommt noch?‘“ Das belaste Jugendliche enorm, sagt Fürpass. „Vor allem, wenn sie niemanden haben, mit dem sie darüber reden können. Wenn es dann noch schulischen oder familiären Druck gibt, will man von alldem gar nichts mehr mitkriegen, sich in Watte einpacken.“

Sich zu fühlen, als sei man in Watte gepackt – so beschreiben viele, wie es ist, Benzodiazepine zu nehmen. Sie lassen die eigenen Sorgen und Ängste sofort dumpf werden.

Wie aber müsste dann ein sicherer ärztlicher Umgang mit diesen Medikamenten aussehen? In welchen Situationen sollte man sie verschreiben? „Ich sage es jetzt provokant, aber das ist wirklich meine Meinung: gar nicht“, sagt Katrin Skala. „Ich habe kein einziges Mal in meinem Leben ein Benzodiazepin-Rezept ausgestellt und ich bin ein Vierteljahrhundert als Psychiaterin tätig. Ich habe Benzodiazepine verabreicht und sie wirken wunderbar in akuten Situationen, aber ich würde sie niemals auf Rezept verschreiben.“

„Mother’s Little Helper“. Tatsächlich ist die Verschreibungspraxis vieler Ärzt*innen in den letzten Jahrzehnten verantwortungsvoller geworden. Nachdem das Benzodiazepin Diazepam 1963 unter dem Namen Valium erstmals auf den Markt kam, wurde es so massenhaft verschrieben, dass von einer „Epidemie“ die Rede war. Mitte der 80er-Jahre verschrieben Deutschlands Hausärzt*innen und Internist*innen jedem dritten Patienten ein Benzodiazepin. In den USA reichte bis in die 1970er-Jahre ein einziges Rezept für Valium aus, um eine fast unbegrenzte Menge des Medikaments zu erhalten. Es waren vor allem weiße Frauen aus der Mittel- und Oberschicht, die diese Rezepte bekamen. Das dürfte auch damit zusammenhängen, dass das Leiden von Frauen an den patriarchalen Verhältnissen historisch oft pathologisiert und als individuelle psychische Erkrankung behandelt wurde – oft eben auch medikamentös mit Beruhigungsmitteln – „Mother’s Little Helper“, wie sie schon von den Rolling Stones besungen wurden.

Inzwischen ist das Bewusstsein für die Risiken deutlich ausgeprägter unter Mediziner*innen. Zwischen 2010 und 2019 nahmen die ambulanten Verordnungen, die über gesetzliche Krankenversicherungen abgerechnet wurden, in Deutschland stark ab: von 39 auf 13 Millionen Tagesdosierungen. Trotzdem bekam 2022 in Deutschland etwa jede*r zwanzigste gesetzlich Krankenversicherte einmal im Jahr ein Medikament aus der Gruppe der Benzodiazepine oder der Z-Substanzen, die ähnlich wirken, verschrieben. Geschätzt 150.000 Österreicher*innen sind arzneimittelabhängig. Aufgrund der vermutlich sehr hohen Dunkelziffer liegt die tatsächliche Zahl aber wesentlich höher, es handelt sich wahrscheinlich um doppelt so viele Betroffene.

Katharina Watzl und Saskia Kamleitner sind als Sozialarbeiterinnen in einer Notschlafstelle für 14- bis 20-Jährige tätig. Es ist das einzige Notquartier für Minderjährige in Wien. Die Einrichtung verfügt über gerade einmal zehn Betten, wer dorthin kommt, lebt in besonders prekären Verhältnissen. Jugendliche und junge Erwachsene aus Wien können in der Notschlafstelle auch längerfristig nachts unterkommen, bis sie eine andere Unterkunft finden. „Ich habe schon vor der Pandemie hier gearbeitet, damals haben uns tendenziell häufiger junge Männer oder Jungen aufgesucht, es waren etwa zwei Drittel Jungs und ein Drittel Mädchen oder junge Frauen. Während und nach Corona sind immer mehr Frauen gekommen – und auch der Konsum hat sich seither verändert, hin zu verschreibungspflichtigen Medikamenten oder klassischen ‚Downern‘“, erzählt Katharina Watzl. Früher seien sie öfter in Berührung mit aufputschenden Substanzen oder Partydrogen gekommen.

Selbstmedikation. Diese Veränderung liege auch an der gestiegenen psychischen Belastung der ohnehin prekär lebenden Jugendlichen. „Oft scheint der Konsum eine Art Selbstmedikation zu sein – ein Versuch, das eigene Leid kurz ausschalten zu können. Diese Form des Konsums ist in meiner Wahrnehmung tatsächlich stark gestiegen. Und das liegt auch daran, dass es keine passenden psychosozialen Angebote für die Betroffenen gibt“, sagt Kamleitner. Die Jugendlichen, die zum Notquartier kommen, müssen oft sehr lange auf Hilfe warten. In der Wiener Kinder- und Jugendhilfe gibt es nur ein Krisenzentrum für Mädchen ab der Schulpflicht mit sehr langen Wartezeiten. Und gerade an dauerhaften Lösungen, wie betreuten Wohngemeinschaften und kassenfinanzierten Therapieplätzen, mangelt es. „Wir sind nur eine Notunterkunft und haben, abseits von Wochenenden und Feiertagen, nur in der Nacht geöffnet. Trotzdem wird erwartet, dass Betroffene tagelang, teilweise wochenlang bei uns bleiben, bis sie ein Folgeangebot bekommen. Das ist sehr prekär, denn tagsüber müssen sie rausgehen. Und was machst du, wenn du nichts zu tun hast? Du hast oft nur alte Strukturen, in die du reinfallen kannst“, ergänzt Watzl. 

Es sind die prekäre Lebenssituation und oft auch traumatische Erfahrungen, die Sucht begünstigen können. „Ab dem 18. Geburtstag erhalten nur sehr wenige Personen weitere Angebote von der MA11, der Kinder- und Jugendhilfe. Das trifft Personen, die ohnehin aufgrund ihrer psychischen Situation belastet sind, besonders. Und es kann dazu führen, dass sie wohnungslos werden. Wohnungslosigkeit, auch in kurzen Perioden, ist traumatisch. Sie führt zu Folgeproblemen und verstärkt dann z. B. ihre Substanzabhängigkeit. Es ist ein sich wiederholender Kreislauf“, sagt Katharina Watzl.

Gender & Konsum. Aber nicht nur junge Frauen in sehr prekären Lebenslagen greifen zu Benzodiazepinen. Auch im studentischen Umfeld ist ihr Konsum zunehmend normalisiert. Einige bekommen sie von Psychiater*innen verschrieben. Die meisten kaufen sie aber auf dem Schwarzmarkt. In Berlin gibt es eigene Telegram-Gruppen, in denen ein Blister Alprazolam für rund 15 Euro verkauft wird. Man bekommt sie von Dealern auf E-Scootern bis vor die Haustüre geliefert. A. studiert Medizin, sie ist 26 und möchte anonym bleiben. „In schwierigen Prüfungsphasen konnte ich nach dem Lernen abends nicht einfach so abschalten. Ich war aber auf meinen Schlaf angewiesen. Also gab es Zeiten, in denen ich teilweise zwei Wochen lang jeden Tag Benzos genommen habe, einfach nur, um schlafen zu können“, erzählt sie. Während dieser Prüfungsphasen, so beschreibt es A., war sie von ständigen Versagensängsten, Panik und Stress geplagt. Der Druck habe sich teilweise unerträglich angefühlt. Trotzdem wollte sie keine*n Psychiater*in aufsuchen.

„Gender und Benzodiazepinkonsum hängen auch deshalb zusammen, weil Benzodiazepine Angst und Stress reduzieren. Wir wissen, dass bei Mädchen und bei Frauen generell Angsterkrankungen und Depressionen häufiger vorkommen“, sagt Psychiater Thomas Vanicek im an.schläge-Gespräch. Dabei zeigen epidemiologische Daten, dass weder Männer noch Frauen das psychisch „kränkere“ Geschlecht sind. In ihre Symptomatik fließen jedoch unterschiedliche geschlechtsrollentypische Aspekte mit ein: Während Männer häufiger Suizid begehen oder eine Alkoholabhängigkeit entwickeln, wird bei Frauen doppelt so häufig eine psychiatrische Erkrankung wie eine Depression diagnostiziert. Von einer Medikamentenabhängigkeit sind Frauen dreimal häufiger betroffen als Männer. Besonders gefährdet, eine Depression zu entwickeln, sind verheiratete, erwerbslose Frauen zwischen 25 und 45 Jahren mit niedriger Formalbildung, niedrigem sozioökonomischen Status und mehreren Kindern. Gerade Armut wirkt sich drastisch auf die psychische Gesundheit aus – wobei auch hier Frauen stärker betroffen sind.

Scham, die verdeckt. A. beschreibt den Drang, sich nichts von ihren Problemen anmerken zu lassen. „Ich empfand Scham über mich selbst, weil ich den Konsum in dieser Zeit so sehr gebraucht habe.“ A. war nie körperlich abhängig von Benzodiazepinen. Trotzdem passen ihre Schilderungen zu dem, was viele der befragten Expert*innen über geschlechtsspezifische Faktoren beim Drogengebrauch berichten. Weibliche Konsumierende würden ihren Drogengebrauch häufiger verbergen wollen, erklärt der klinische Psychologe Daniel Sanin. Sanin war zwischen 2012 und 2019 beim Wiener Suchthilfeverein Dialog in der Beratung tätig. Zuvor hatte er in der Sucht- und Drogenkoordination Wien in der Prävention gearbeitet. Während Frauen sich schämen würden, sei der Substanzgebrauch von Männern oft sichtbarer. Nasrin Kashfi von sprungbrett ergänzt, dass Frauen trotz Sucht länger „funktionieren“ würden als Männer. Und auch die Mitarbeitenden der Jugendnotschlafstelle bekräftigen: „In der Sozialen Arbeit spüren wir, dass Mädchen viel weniger auffallen und dass es vielleicht auch deshalb weniger Angebot gibt. Ihre Probleme sind verdeckter und viele Angebote beziehen geschlechtsspezifische Aspekte gar nicht mit ein.“

„Das Elend des Geschlechterverhältnisses taucht natürlich auch in den Wegen hin zum Drogenkonsum auf“, sagt Daniel Sanin. Die Forschung zeigt, dass Jungen oft über ihre männliche Freundesgruppe einsteigen. Mädchen wiederum konsumieren und injizieren oft zum ersten Mal Substanzen, die ihr männliches Umfeld beschafft hat. Verdeckt ist häufig auch die Wohnungslosigkeit junger Frauen. Sie nehmen missbräuchliche Beziehungen in Kauf, um eine Unterkunft zu haben. „Manche jungen Frauen erzählen uns davon, dass sie Beziehungen mit sehr viel älteren Personen eingehen. Am Rande bekommen wir manchmal mit, dass sich viele der Mädchen und jungen Frauen in Wohnungen voller Männer aufhalten. In diesen Wohnungen kommt es häufig zu sexuellen Übergriffen und Drogenkonsum. Aber ins Detail wollen sie im Gespräch mit uns oft nicht gehen“, erzählt Katharina Watzl. Manchmal übernachten junge Frauen in Wohnungen, bei denen die Sozialarbeiterinnen davon ausgehen, dass dort ihre Dealer leben. „Wir wissen aber auch, dass Mädchen Substanzen gegeben werden, in denen andere Substanzen als die erwarteten gemischt sind, die stark abhängig machen. Damit werden sie in die Sucht geführt“, sagt Kamleitner. Auch der Psychologe Daniel Sanin betont den Zusammenhang zwischen problematischem Konsum und verdeckter Obdachlosigkeit. „Viele Frauen leben nämlich nicht offiziell auf der Straße, aber sie haben keinen eigenen Wohnsitz und wohnen bei irgendwelchen Männern.“ Dann würden sich häufig geschlechtsspezifische Machtverhältnisse reproduzieren, z. B. Drogen gegen Sex. „Das muss gar nicht Prostitution im klassischen Sinne sein, was es natürlich auch gibt, sondern Überlegungen wie: ‚Er lässt mich bei sich wohnen, also muss ich Sex mit ihm haben.“

Dichteres Netz. Christina Stiftel, Betriebsrätin der Suchthilfe Wien, kann das bestätigen: „Aus Angst, allein auf der Straße leben zu müssen, beginnen junge Frauen manchmal Beziehungen, in denen ihnen Gewalt widerfährt und in denen sie Missbrauchserfahrungen machen. Besonders für Mädchen ist es deshalb umso wichtiger, ein ausreichendes Angebot zu schaffen, damit sie sich sicher sind: ‚Ich kann für mich selbst sorgen. Ich habe Perspektiven. Ich bin nicht von irgendjemanden abhängig‘“, so Stiftel. Vor allem für jungen Frauen sei es wichtig, eine Perspektive zu haben – und die Möglichkeit, für sich selbst zu sorgen. Auch in ihrer Arbeit wird deutlich, dass seit der Pandemie viele Jugendliche mit ihren Problemen allein gelassen wurden: „Die Pubertät an sich ist schon eine große Herausforderung. Wir haben immer jüngere Klient*innen, die nirgends aufgefangen werden.“ Es braucht dringend mehr Angebote, auch solche, die geschlechtssensibel arbeiten – darin sind sich viele der Expert*innen einig. Martina Fürpass, Geschäftsführerin von sprungbrett, bekräftigt: „Es braucht Präventions- und Beratungsstellen, die speziell für Frauen, junge Frauen, Mädchen und trans Personen da sind. Für trans und non-binäre Personen gibt es ja nochmal andere Gründe, warum sie eventuell zu Suchtmitteln greifen. Es ist sehr wichtig zu schauen, was die spezifischen Gruppen brauchen.“

Fürpass fordert zudem ein dichteres Netz von Beratungsstellen ein, das eng kooperiert. „Das sprungbrett ist keine Drogenberatungsstelle, es muss ein funktionierendes Netz geben, das zusammenarbeiten kann. Je mehr Angebote, desto besser. Es hat uns wirklich schockiert, dass gerade jetzt im Bereich der Suchthilfe eingespart wird. Das ist eine, aus unserer Sicht, absolute Katastrophe.“

Aufgrund der wirtschaftlichen Situation in Österreich sei auch die Stadt Wien dazu aufgerufen, einen Beitrag zur Budgetkonsolidierung zu leisten, sagt der Chef der Sucht- und Drogenkoordination Ewald Lochner gegenüber an.schläge. Dennoch sei die Versorgung von Betroffenen gesichert. „Die Behandlung von Menschen mit einer Suchterkrankung hat oberste Priorität“, so Lochner.

Allerdings wird die Stadt Wien künftig u. a. bei der Arbeitsmarktintegration für suchtkranke Menschen große Einschnitte machen. Zwei Teilbetriebe der Suchthilfe Wien müssen schließen. Sie kümmerten sich bislang um ein Beratungsangebot für arbeitssuchende Menschen mit Abhängigkeitserkrankung. „Die Arbeitsmarktintegration bietet ganz vielen Menschen eine Perspektive. Ihnen wird die Möglichkeit gegeben, etwas an ihrer Situation zu verändern und wieder Stabilität zu bekommen, eine Wohnung zu finden und ihren Selbstwert zu stärken“, sagt Betriebsrätin Christina Stiftel. Viele dieser Menschen hätten einen Lebenslauf mit sehr vielen Lücken und es sei schwer für sie, auf dem regulären Arbeitsmarkt Fuß zu fassen. Die Arbeitsmarktintegration habe Menschen dabei geholfen, ihre gesellschaftliche Teilhabe aktiv gestalten und sich auch mal etwas leisten zu können – und wenn es nur der Kaffee mit Freund*innen sei. „Unsere Klientinnen sind oft ausgegrenzt und erfahren sehr viel Stigmatisierung. In der U-Bahn setzen sich Leute weg von ihnen, man wird schnell abgestempelt. Die Betriebe, die jetzt schließen müssen, haben den Menschen geholfen, wieder einen Platz in der Gesellschaft zu finden“, sagt Stiftel.

 „Seit den Kürzungen in der Sozialwirtschaft wissen wir nicht, wie es in den kommenden Jahren weitergehen wird“, heißt es auch vonseiten der Jugendnotschlafstelle.  Außerdem würden Notquartiere in große Bedrängnis kommen, wenn andere Sozialsysteme nicht mehr funktionieren.

„Ich habe manchmal das Gefühl, dass viele glauben, die jugendlichen Mädchen seien ein bisschen selbst schuld an ihrer Situation. Es wird vergessen, wie viel Leid sie schon erleben mussten und wie oft sie in ihren Leben schon aufgrund von äußeren Umständen gescheitert sind. Diese Mädchen kommen nicht konsumierend auf die Welt. Diese Mädchen kommen nicht psychisch krank auf die Welt. Wenn man nicht versteht, dass man Kinder von Anfang an unterstützen und schützen muss, dann wird es weiter passieren“, mahnt Saskia Kamleitner von der Notschlafstelle im Gespräch ein.

Kein „Drogenproblem“. Der klinische Psychologe Daniel Sanin steht dem Diskurs um Suchterkrankung insgesamt kritisch gegenüber. Viel von dem, was als Krankheit verhandelt werde, sei zu einem großen Teil durch den sozialen und gesellschaftlichen Umgang mit drogengebrauchenden Menschen verursacht. „Provokant formuliert ist es so, dass das vermeintliche ‚Drogenproblem‘, das im Stadtbild auftaucht, kein Drogenproblem ist, sondern ein Problem von Ausgrenzung, Armut und Perspektivlosigkeit – und natürlich auch von Repression.
Personen, die am selbstzerstörerischsten konsumieren, haben in der eigenen Biografie in der Regel auch sehr viel Zerstörung und Beschädigung erlebt – durch Gewalterfahrungen in allen Formen, von körperlich über sexuell bis psychisch, Verwahrlosung, Vernachlässigung.“

Entsprechend fordert Sanin auch eine völlig andere Haltung im Umgang mit Betroffenen ein. „Man muss Leuten grundlegend die Existenzangst nehmen, auf materieller Ebene – und auch auf psychischer. Es sollte darum gehen, Menschen zu vermitteln: ‚Es ist okay, du musst jetzt nichts leisten. Alles ist gut. Es gibt ein Netz und wir tragen dich mit.‘ Das passiert in unserer Gesellschaft aber leider nicht. Es heißt eher: ‚Wir unterstützen dich, damit du schnell wieder auf die Beine kommst, aber eigentlich sollst du bald wieder leisten.‘“

Gerade in der Jugend erlebt man viel Stress und gesellschaftliche Verunsicherung, auch junge Frauen. „Wer in der Jugend psychische Probleme hat, hat ein höheres Risiko, in seinem späteren Leben wieder darunter zu leiden“, sagt Jugendpsychiater Vanicek. Auch deshalb sei es so wichtig, dass gerade junge Menschen möglichst früh aufgefangen werden.

Dass es vor allem Mädchen und junge Frauen sind, die sich anpassen und weniger auffallen, die oft unentdeckt mit seelischem Leid und Sucht kämpfen, macht sie vulnerabler für Gewalt und Ausbeutung. Das betrifft auch queere Personen, die in vielen sozialarbeiterischen Konzepten noch immer kaum vorkommen. Zahlreiche Studien belegen, dass junge Frauen sehr viel stärker mit psychischen Problemen kämpfen – darauf müssen wir gesellschaftlich reagieren. Stadtpolitik mag keinen unbegrenzten Handlungsspielraum haben, aber sie entscheidet am Ende darüber, ob wichtige Hilfsangebote existieren oder nicht. Bei den verletzlichsten Gruppen zu sparen, ist auch mit Budgetdisziplin nicht zu rechtfertigen – es ist eine kurzsichtige Strategie mit möglicherweise dramatischen Folgen.


Ermöglicht wurde die Reportage durch das Stipendium „Recherche:Wien” des Forums Journalismus und Medien Wien (www.fjum-wien.at)

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Transgenerationale Weitergabe von NS-Erziehung? Kindererholungsheime als Orte der Gewalt https://ansch.4lima.de/transgenerationale-weitergabe-von-ns-erziehung-kindererholungsheime-als-orte-der-gewalt/ https://ansch.4lima.de/transgenerationale-weitergabe-von-ns-erziehung-kindererholungsheime-als-orte-der-gewalt/#respond Sat, 07 Jun 2025 12:51:27 +0000 https://anschlaege.at/?p=127857 an.schläge-Gespräch mit Anja Röhl

Die Autorin Anja Röhl widmet sich in ihren Büchern „Das Elend der Verschickungskinder“ und „Heimweh – Verschickungskinder erzählen“ dem System der Kinderverschickungen in Westdeutschland, um ein bisher unerforschtes Kapitel westdeutscher Nachkriegsgeschichte aufzuarbeiten.
12 Millionen Kinder wurden dort als Klein- und Vorschulkinder, alleine und in Sonderzügen in weit entfernte Kindererholungsheime verbracht, wo sie traumatische Erfahrungen machen mussten . Gemeinsam mit anderen Betroffenen gründete Röhl die Initiative Verschickungskinder (www.verschickungsheime.de), um nicht nur das Trauma der Verschickungskinder öffentlich zu machen, sondern auch um Menschen eine Stimme zu geben, denen als Kind nicht zugehört wurde. Im Gespräch mit an.schläge-Redakteurin Lea Susemichel spricht die Stieftochter von Ulrike Meinhof über ihre Forschung und die transgenerationale Weitergabe von NS-Erziehung.

Freitag 13.6., 18.30
Ort:

WUK-Werkstätten und Kulturhaus
Bereich Gesellschaftspolitische Initiativen
Währinger Straße 59
1090 Wien




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Der Fortschritt ist nicht immer linear https://ansch.4lima.de/der-fortschritt-ist-nicht-immer-linear/ https://ansch.4lima.de/der-fortschritt-ist-nicht-immer-linear/#respond Sun, 09 Feb 2025 13:00:53 +0000 https://anschlaege.at/?p=124957 Die US-amerikanische Anthropologin Kristen R. Ghodsee hat ein neues Buch über Utopien gegen das Patriarchat geschrieben. Lea Susemichel hat sie erzählt, warum sie auch angesichts des globalen Rechtsrucks ihre Zuversicht nicht verliert. an.schläge: Das Wort „utopisch“ ist fast schon ein Schimpfwort. Warum ist das so?In Ihrem neuen Buch „Utopien für den Alltag. Eine kurze Geschichte […]]]>

Die US-amerikanische Anthropologin Kristen R. Ghodsee hat ein neues Buch über Utopien gegen das Patriarchat geschrieben. Lea Susemichel hat sie erzählt, warum sie auch angesichts des globalen Rechtsrucks ihre Zuversicht nicht verliert.

an.schläge: Das Wort „utopisch“ ist fast schon ein Schimpfwort. Warum ist das so?
In Ihrem neuen Buch „Utopien für den Alltag. Eine kurze Geschichte radikaler Alternativen zum Patriarchat“ schreiben Sie, dass Menschen mit dem Zustand der Welt zwar oft unzufrieden sind, aber Alternativen ablehnen, weil sie „in der Realität“ vermeintlich nicht machbar sind. Wie lässt sich das ändern?
Utopist:innen haben immer Feinde, weil sie Menschen mit Reichtum und Privilegien herausfordern. Im Fall von Jesus von Nazareth forderte er das Römische Reich heraus. Buddha stellte das traditionelle hinduistische Kastensystem infrage. Menschen wie Flora Tristan, Karl Marx und Friedrich Engels stellten die bürgerliche Autorität und den Kapitalismus infrage. Utopist:innen träumen oft von einer Lebensweise, die jene Gesellschaftsstrukturen untergräbt, die den Reichtum und die Privilegien einer bestimmten Elite stützen. Und natürlich schlagen diese Eliten zurück. Sie wehren sich mit dystopischen Visionen von der Zukunft. Sie versuchen, die Menschen davon zu überzeugen, dass die Welt schlechter statt besser wird, wenn sie sich erheben und versuchen, die Dinge zu ändern. Wir wehren uns, indem wir uns weigern, ihnen zu glauben.

Warum sind gerade Patrilinearität und Patrilokalität so große Probleme, die jede feministische Utopie unbedingt überwinden muss?
Das Patriarchat manifestiert sich in konkreten Praktiken wie der Patrilinearität (Rückverfolgung der Abstammung durch den Vater) und der Patrilokalität (der Mann gilt immer als Haushaltsvorstand, dessen Beruf oder Geburtszugehörigkeit über den Wohnort eines Ehepaars bestimmt). Diese Praktiken schaffen Familienbeziehungen, die zwei Dinge ermöglichen: erstens den generationenübergreifenden Transfer von Reichtum und Privilegien von Vätern auf ihre legitimen Kinder. Und zweitens eine Welt, in der die Geburt und Erziehung der nächsten Generation von Steuerzahler:innen, Verbraucher:innen und Bürger:innen kostenlos erfolgt, und zwar größtenteils durch Frauen im privaten Bereich. Das Patriarchat ist ein System, das sich so entwickelt hat, damit die extreme Ungleichheit in der Gesellschaft über einen längeren Zeitraum aufrechterhalten werden kann.

In Ihrem Buch konzentrieren Sie sich stark auf kollektive Formen des Zusammenlebens und der gemeinsamen Kindererziehung. Warum hat sich die Isolation von Menschen und Kleinfamilien historisch so stark durchgesetzt, obwohl so viel für die Vergemeinschaftung spricht? Wie könnten vor allem Frauen von der Vergemeinschaftung der Sorgearbeit und der Abschaffung des Privateigentums profitieren?
Man darf nicht vergessen, dass historisch gesehen viele Mütter bei der Geburt ihres Kindes sterben. Aus einer evolutionären anthropologischen Perspektive betrachtet, wären wir als Spezies ausgestorben, wenn wir unsere Kinder nicht gemeinsam aufgezogen hätten (Stichwort „cooperative breeding“). Wir wissen, dass die gesellschaftlich erzwungene universelle Monogamie im antiken Griechenland entstand und sich in Gesellschaften verbreitete, die den Ackerbau entwickelten. Aber heute glauben viele Menschen, dass die ausschließliche Betreuung durch zwei Elternteile sowohl „normal“ als auch natürlich ist. In Wirklichkeit dient die Isolierung der Kernfamilie dazu, die Ungleichheit aufrechtzuerhalten und die gesamte gesellschaftlich reproduktive Arbeit in den privaten Bereich zu verlagern. Der Kapitalismus als System beruht auf einer Familien­struktur, in der Frauen als Teil ihrer „natürlichen“ Rolle als Mutter Kinder gebären und aufziehen. Der beste Weg, Frauen dazu zu bringen, diese Arbeit zu machen, ist zu sagen, „Ihr macht das aus Liebe“. Die Idealisierung der Kernfamilie ist ein Weg, Frauen dazu zu bringen, keine Entschädigung oder Anerkennung für die gesellschaftlich sehr wichtige Reproduktionsarbeit zu verlangen, die sie zu Hause leisten. Die Vergesellschaftung dieser Arbeit würde nicht nur die Frauen von der patriarchalischen Ausbeutung befreien, sondern auch den Kindern zugutekommen, die in einer Gemeinschaft von liebenden und unterstützenden Erwachsenen aufwachsen würden.

Das ist auch die Bilanz Ihres Buchs „Warum Frauen im Sozialismus besseren Sex haben“. Sozialistische Gesellschaftsformen haben in der Geschichte die Situation der Frauen verbessert, so Ihr Befund.
Ja, trotz der vielen Schattenseiten des real existierenden Sozialismus des 20. Jahrhunderts in Osteuropa (Reisebeschränkungen, Mangel an Konsumgütern und Geheimpolizei) genossen die Frauen in diesen Ländern mehr wirtschaftliche Unabhängigkeit und Autonomie als ihre Altersgenossen im Westen während derselben Epoche.

Sie schreiben, dass das sogenannte Blue-Sky-Denken in der Produktentwicklung und im Geoengineering wünschenswert ist, aber nicht in Bezug auf die Gesellschaft. Warum koppeln wir technische Visionen und Innovationen von sozialen Fragen des guten Lebens ab, obwohl wir sehen können, dass dies sehr schnell sehr dystopisch werden kann? Elon Musk ist aktuell ja das beste Beispiel.
Unsere Gesellschaften sind zu Orten geworden, an denen nur noch Milliardäre große Träume haben. Normale Menschen mit normalem Einkommen dürfen immer nur normale Gedanken haben. Den Milliardären geht es in der Regel nur darum, ihren Reichtum zu erhalten oder zu mehren, also ist Innovation in Ordnung, solange sie dem Zweck dient, ihren Gewinn zu vergrößern. Aber große Ideen zur Schaffung einer gerechteren, ausgewogeneren und nachhaltigeren Welt stellen oft ihren Reichtum und ihre Privilegien infrage, und deshalb werden sie alles tun, um sie zu verhindern.

Selbst wenn Träume nicht wahr werden, erweitern sie unsere Vorstellung von dem, was möglich ist, und verändern so den Horizont dessen, was wir praktisch erreichen können, schreiben Sie. Warum spielt es sich trotzdem so oft im sogenannten Overton-Fenster ab, also im vermeintlich „realistischen Rahmen“?
Wenn wir den Bereich des Denkbaren und Möglichen erweitern, kommen wir auf dem Weg zu einer besseren Zukunft weiter, als wenn wir uns ein begrenztes und „machbares“ Ziel setzen. Einzelne machbare Schritte in Richtung Veränderung sind in praktischer Hinsicht wichtig, aber wir brauchen immer auch Träume, weil sie uns helfen, unsere Kreativität zu entfesseln.

Sie verweisen auf eine wachsende Zahl von Neo-Utopien, Bücher, die eine positive Zukunft und einen politischen und wirtschaftlichen Wandel visualisieren. Haben Sie trotz des weltweiten Rechtsrucks und der ­Gegenreaktion, die wir erleben, die Hoffnung, dass sie sich durchsetzen werden? Sie leben in den USA, wie halten Sie an dieser Hoffnung fest?
Ich habe immer Hoffnung, weil ich versuche, jeden Tag zu hoffen. Der Fortschritt ist nicht immer linear. Es gibt immer Momente des Rückschritts und der Gegenreaktion. Aber ich glaube, dass der Rückschlag, den wir jetzt erleben, eine echte Reaktion auf die utopische ­Vision ist, die während der Pandemie möglich war. Die Welt blieb stehen. Die Umwelt erholte sich. Die Regierungen verschenkten Geld. Die Menschen arbeiteten von zu Hause aus nach ihren eigenen Zeitplänen. Die Eltern hatten mehr Zeit für ihre Kinder. Die Menschen teilten ihre Zeit und ihre Ressourcen. Wir kamen als ein Planet zusammen, um ein tödliches Virus zu besiegen. Diese Dinge öffneten den Menschen die Augen für eine ganz andere Art von Möglichkeiten für die Zukunft. Die gegenwärtige Gegenreaktion versucht, uns alle vergessen zu lassen, dass wir alle gemeinsam dafür verantwortlich sind, die Zukunft so zu gestalten, wie wir sie uns wünschen.

Kristen R. Ghodsee, geboren 1970, ist Professorin für Russische und Osteuropäische Studien an der University of Pennsylvania. 2019 erschien „Warum Frauen im Sozialismus besseren Sex haben“. Im Suhrkamp Verlag erschien zuletzt „Utopien für den Alltag. Eine kurze Geschichte radikaler Alternativen zum Patriarchat“.

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Rache hat einen sehr lustvollen Aspekt https://ansch.4lima.de/rache-hat-einen-sehr-lustvollen-aspekt/ https://ansch.4lima.de/rache-hat-einen-sehr-lustvollen-aspekt/#respond Sun, 09 Feb 2025 12:30:58 +0000 https://anschlaege.at/?p=124961 Der Faschismus steht vor der Tür, für den Straßenkampf sind Feminist:innen aber schlecht gerüstet. Filmemacherin Katharina Mückstein und an.schläge-Redakteurin Lea Susemichel im Gespräch über Selbstverteidigung und Rachegelüste. Lea Susemichel: Ich möchte gerne mit einem Zitat der französischen Philosophin Elsa Dorlin einsteigen, die ein Buch über Selbstverteidigung geschrieben hat: „Die Möglichkeit, sich zu verteidigen, ist das […]]]>

Der Faschismus steht vor der Tür, für den Straßenkampf sind Feminist:innen aber schlecht gerüstet. Filmemacherin Katharina Mückstein und an.schläge-Redakteurin Lea Susemichel im Gespräch über Selbstverteidigung und Rachegelüste.

Lea Susemichel: Ich möchte gerne mit einem Zitat der französischen Philosophin Elsa Dorlin einsteigen, die ein Buch über Selbstverteidigung geschrieben hat: „Die Möglichkeit, sich zu verteidigen, ist das ausschließliche Privileg einer herrschenden Minderheit“. Allen anderen Menschen, sagt Dorlin, würde jede Verteidigung, selbst die mit dem Ziel, am Leben zu bleiben, als Angriff ausgelegt. Sie zeigt das eindringlich am Fall Rodney King von 1991. Vor Gericht wurde der Videobeweis des brutalen Polizeiübergriffs auf King in ­Einzelbilder isoliert, seine Abwehrgesten wurden dabei zu Aggressionshandlungen umgedeutet. Gilt dieses Verteidigungstabu auch für Frauen?
Katharina Mückstein: Ja, das ist auch stark vergeschlechtlicht, siehe die Trope von der „Angry Black Woman“ oder unabhängig von Race auch die der hysterischen Frau. Frauen wird Aggression und Gegenwehr verboten, indem man sie pathologisiert oder abwertet. Diese Pathologisierung ist sehr wirkungsvoll und steckt in weiblicher Sozialisation von Anfang an drin. Wenn wir unsere Aggressionen ausleben, werden wir dafür gemaßregelt oder abgewertet. Wahrscheinlich werden uns dadurch unsere Selbstverteidigungsinstinkte schon sehr früh regelrecht abtrainiert.

L. S.: Weibliche Gegenwehr wird ja nicht nur stigmatisiert, sondern auch sanktioniert. Es gibt eine „Arte“-Reportage über „Gattenmörderinnen“ in Rumänien, wo hunderte Frauen im Gefängnis sitzen, weil sie ihre Männer umgebracht haben, von denen sie und oft auch ihre Kinder zuvor jahrelang misshandelt wurden. Die Urteile lauteten auf Mord, nicht auf Selbstverteidigung.
Und während weiße Frauen oft so inszeniert und politisch instrumentalisiert werden, dass sie männliche Beschützerinstinkte mobilisieren, werden Schwarze, queere oder anderweitig als deviant eingestufte Frauengruppen wie Sexarbeiterinnen oft als gefährlich und marodierend gebrandmarkt. Diese Dämonisierung weiblicher Wehrhaftigkeit zeigt sich historisch auch am Beispiel der „Tricoteuses“ während der französischen Revolution. Weil sich diese Revolutionärinnen für ihr Recht auf Bewaffnung, genau wie die Männer, eingesetzt und eine Frauenarmee gegründet haben, sind sie als mordlustige Monster in die Geschichte eingegangen.
Auch die Suffragetten haben Zentren errichtet, in denen Selbstverteidigung unterrichtet wurde, um Frauen im Kampfsport auszubilden. Bei ihren Aktionen haben sie auf zum Teil sehr lustige Überraschungstaktiken gesetzt. Sie haben z. B. den Polizisten die Hosenträger abgeschnitten, um sie so außer Gefecht zu setzen.
K. M.: Ich suche schon lange nach Bildern von gefährlichen Frauen bzw. weiblich gelesenen Personen. Ich möchte gerne sehen, wie jemand sich vor ihnen fürchtet, wie Männer sich fürchten! Als Filmemacherin bin ich immer auf der Suche nach solchen mächtigen Bildern und mächtigen Figuren. Aber die muss man wirklich suchen, weil sie immer wieder aus der Geschichte und auch aus der Bildgeschichte gelöscht wurden.
Diese Bilder sind so selten, dass mir beim Anschauen des Films „The Woman King“ die ganze Zeit die Tränen gekommen sind. So etwas habe ich noch nie auf einer Leinwand gesehen: Schwarze, bewaffnete Heldinnen, in dieser Größe, in dieser Glorifizierung. Aber leider hat er sehr wenig Publikum gehabt, offenbar scheint das nicht so gut zu gehen.
L. S.: Ganz genau so ging es mir bei „Wonder Woman“! Mir liefen bei den Kampfszenen tatsächlich ständig die Tränen. Obwohl es aus feministischer Perspektive viel Kritikwürdiges gab, war es tatsächlich der erste Film meines Lebens, in dem eine Kämpferin im Zentrum stand und so uneingeschränkt gefeiert wurde. In meiner Jugend gab es nur Prinzessin Leia aus Star Wars, die sich – im Bikini bekleidet – ausnahmsweise einmal selbst befreien durfte und ihren Peiniger mit der Kette erwürgt, mit der er sie gefangen hielt. Sonst gab es fast nichts, Frauen mussten immer und ausnahmslos untätig warten, bis sie von ihren Rettern befreit wurden. „Wonder Woman“ hat mich deshalb so derart aufgewühlt, dass ich meine damals noch viel zu kleine Tochter am liebsten sofort ins Kino geschleppt hätte.
Während Action-Filme mit Männern, die rumballern, allgegenwärtig sind, werden die seltenen Beispiele, in denen Gewalt von Frauen heroisiert und glorifiziert wird, schnell als gewaltverherrlichend problematisiert. Dasselbe passiert, wenn Feministinnen Bilder von Frauen mit Waffen cool finden, etwa von kurdischen Kämpferinnen.
K. M.: Ja, aber diese Bilder und die Möglichkeit zur Identifikation steht uns allen zu. Da ist moralisieren unangebracht. Es geht ja darum, dass wir – nicht nur als Kinder, sondern ein Leben lang – dieses Spiel mit Identität brauchen, um uns überhaupt Dinge vorstellen zu können. Wir müssen spüren, wie es sein könnte, jemand anderes zu sein, um eben diese ­Aspekte in uns selbst zu entdecken. Ich merke das zum Beispiel beim Kampfsporttraining: Wenn ich andere Frauen und genderqueere Leute sehe, die richtig gut und hart kämpfen, dann resoniert das in meinem Körper. Ich kann mir dann vorstellen, dass mein Körper das auch draufhat.
L. S.: Es gibt ja diesen schönen Satz, wonach Männer froh sein können, dass Feministinnen nur Gerechtigkeit wollen, und nicht Rache.
K. M.: Rache hat ja einen sehr lustvollen Aspekt. Ich denke, dass wir uns zumindest solche Fantasien erlauben oder auch Rache in Aktion bringen sollten. Um dem Patriarchat gefährlicher zu werden, wäre es wichtig, dass wir auch unsere Wut und unsere Rachegelüste spüren und miteinander teilen.
L. S.: Ist es nicht erstaunlich, dass es in der Realität nicht mehr Frauen gab, die Rache geübt haben? Dass es nicht mehr Aktionen wie das SCUM-Manifest von Valerie Solanas gab, in dem zur Vernichtung aller Männer aufgerufen wurde?
K. M.: Diese Frage treibt mich schon lange um. In meinem Film „Feminism WTF“ stelle ich sie ja aus dem Off: Warum gibt es keine Gegengewalt? Es ist doch wirklich erstaunlich, dass es so was wie feministischen Terrorismus gegen das Patriarchat quasi nicht gab! Wie ist es möglich, dass Freundinnen von einem Femizid-Opfer nie losgehen und Selbstjustiz üben? Dabei sind meine Fragen natürlich nicht fordernd oder an Einzelpersonen gerichtet gemeint. Mir ist klar, dass es eben aus der Sozialisation zur Wehrlosigkeit kommt, aber ich wünsche mir, dass wir die in uns selbst und in unseren queerfeministischen Organisationen bekämpfen.
L. S.: Ein zentraler Einwand gegen gewaltsame Militanz ist ja, dass Widerstand gewaltlos sein sollte, auch weil Gewalt immer Gewalt provoziert. Am Beispiel Klimaaktivismus wird allerdings sichtbar, dass selbst gewaltfreie Militanz wie Straßenblockaden oder Suppenaktionen im Museum, bei denen letztlich kein Schaden entsteht, als radikale „Aggression“ verhandelt wird, die Leute nur abschreckt und der Sache nicht dienlich ist – weshalb sich die Letzte Generation in Österreich ja auch aufgelöst hat. Das führt zurück zum Eingangszitat: Sogar Selbstverteidigung wird zu unangemessener Gewalt umgedeutet.
K. M.: Wir müssen zunächst mal unterscheiden zwischen politischem Aktivismus und dem Schutz unserer Körper bzw. unseres Lebens. Bei Aktivismus können wir diskutieren, wie gewaltvoll oder gewaltfrei Protest oder Aktion sein sollen. Ich persönlich wünsche mir sicherlich mehr Kante, als immer die andere Backe hinzuhalten. Beim Selbstschutz hingegen stellt sich die Frage nicht, welche gesellschaftspolitische Wirkung er hat. Dabei würde ich das Thema Schutz und Selbstverteidigung lieber von der individuellen auf die kollektive Ebene verlegen.
Einen Selbstverteidigungskurs zu machen ist natürlich total legitim und gut, es ist wichtig, die eigene körperliche Wirksamkeit zu erfahren. Aber der eigentliche relevante feministische Gedanke ist für mich: Was könnte denn Selbstverteidigung im Kollektiv bedeuten? Wie kann ich für andere einstehen, wie können wir uns gegenseitig schützen? Da sollten wir radikaler werden. Wir führen dieses Gespräch wahrscheinlich ein paar Tage, bevor die FPÖ dieses Land regieren wird. Wir wissen, was das für Feministinnen, Queers und rassifizierte Leute und unsere Organisationen bedeuten wird. Ich glaube, dass wir uns dringlich die Frage stellen müssen, wie wir uns und andere vor Angriffen schützen können.

Katharina Mückstein ist Filmregisseurin und Drehbuchautorin, ihr neuer Film beschäftigt sich mit feministischer Militanz. Sie ist Teil eines Projekts zur Stärkung kollektiver Selbstverteidigungsstrukturen.

Lea Susemichel ist Autorin und leitende Redakteurin der an.schläge und fragt sich immer schon, warum Frauen eigentlich nicht ständig Amok laufen.

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Herz, Hirn & Hände https://ansch.4lima.de/herz-hirn-haende/ https://ansch.4lima.de/herz-hirn-haende/#respond Sun, 09 Feb 2025 12:26:21 +0000 https://anschlaege.at/?p=124963 Was macht antirassistische Praxis aus? Von Berena Yogarajah Erst letztes Jahr waren wir uns noch einig: Remigrationsfantasien der AfD? Nicht mit uns! Nun konkurrieren die starken Männer (und Frauen) dieser Welt um die größte Empathielosigkeit. Das Projekt „Gemeinsames Europäisches Asylsystem“ (GEA) und Asyl-Abschaffungspläne werden Realität, der Aufrüstungswahn greift um sich und Krieg wird normalisiert. Das […]]]>

Was macht antirassistische Praxis aus? Von Berena Yogarajah

Erst letztes Jahr waren wir uns noch einig: Remigrationsfantasien der AfD? Nicht mit uns! Nun konkurrieren die starken Männer (und Frauen) dieser Welt um die größte Empathielosigkeit. Das Projekt „Gemeinsames Europäisches Asylsystem“ (GEA) und Asyl-Abschaffungspläne werden Realität, der Aufrüstungswahn greift um sich und Krieg wird normalisiert. Das Selbstbestimmungsgesetz steht neben dem „Genderverbot“ in Bayern, die Skandalisierung von Femiziden den Kürzungen in der Frauenarbeit gegenüber. Der Ruf nach einer progressiven Migrationspolitik hat wenig Resonanz erzeugt, die antirassistischen Früchte, die wir zu ernten träumten, hängen dieser Tage nicht sehr tief. Was können wir dagegen tun?
Zwei Strategien antirassistischer Praxis sind essenziell: Die Unterstützung von Betroffenen rassistischer Gewalt und die Politisierung dieser Fälle. Außerdem die Praxis, nationale Gesetzgebung im Alltag kreativ zu unterlaufen.
Das Verhärten verweigern. Zu Ersterem: Mouhamed Lamine Dramé starb im Sommer 2022 in der Dortmunder Nordstadt durch Schüsse der Polizei, während er in einer psychischen Akutbelastung war. Die politische Arbeit, die dort seither geschieht, steht stellvertretend für die spontane Solidaritätsarbeit an vielen Orten: Schnell haben sich Menschen zusammengeschlossen, auf den Fall aufmerksam gemacht und haben den Fall skandalisiert. Dank der Arbeit des Solidaritätskreises und solidarischer Aktivistinnen wissen wir um den Fall, gibt es eine Einbindung der Familie von Mouhamed, konnten wir den Gerichtsprozess auch aus der Ferne verfolgen. Dank dieser Arbeit gibt es sowohl unabhängiges als auch parteiliches Wissen, statt nur die Per­spektive von Polizei und problematische Presseberichte. Sie haben eine kritische Gegenöffentlichkeit geschaffen, das Chaos inhaltlich analysiert, eingebettet und politisch gedeutet. Es wurde eingeladen, geschleppt, gekocht, betreut, geschrieben, kontaktiert. Die Unterstützerinnen haben sich verweigert, zu erkalten oder sich zu verhärten. Trauer, Empörung, Wut, Verzweiflung – sie haben diese Gefühle zugelassen und uns allen die Möglichkeit geboten, sie gemeinsam mit ihnen zu bearbeiten: Wir lassen einander nicht allein!
Bei dieser Art der Arbeit sind es häufig wenige Menschen, die Herzen, Hirnschmalz und Hände hingeben in Solidarität. Das ist nicht nur altruistische Zwischenmenschlichkeit, sie haben die Kontinuitäten, den Kontext und die ermöglichenden Bedingungen herausgearbeitet und den Faden, den andere zu knüpfen begonnen haben, nicht losgelassen. Das ist ein politischer Kampf, nicht „bloße Unterstützungsarbeit“.
Neue Fälle von Terror und Gewalt, von Verletzung und Erniedrigung werden darauf aufbauen können, was andere schon gesagt und getan, erschaffen und hinterlassen haben. Natürlich geht es um Mouhamed und darum, dass diese Morde nicht hingenommen werden können, aber es ging immer auch um so viel mehr. Das ist wichtig, um die politischen Begriffe von „Erinnern“ und „Gedenken“, wie sie im Kontext von antisemitischer und rassistischer Gewalt auftauchen, nicht ihres kämpferischen Inhalts zu entleeren. Es wird gekämpft, um die Würde der Menschen hochzuhalten. Es ist wichtig, nicht damit aufzuhören, Unrecht zu betrauern. Aber gekämpft wird auch um eine materielle Veränderung der Verhältnisse, ein Verstehen des Geschehenen und seiner Kontinuitäten und Konjunkturen, ein Verbünden über Generationen des Terrors und der Gegenwehr hinweg, um gegen die Verhältnisse zu kämpfen, die eng mit den Taten verwoben sind.

KOLLEKTIVES LERNEN. Diese Form der antirassistischen Solidarität kommt nicht aus dem Nichts: An den Morden des NSU zeigte sich deutlich, dass Angriffe auf migrantisches Leben, von Antifaschistinnen quasi unbemerkt, möglich waren. Die Forderung nach „Kein 10. Opfer!“ wurde von migrantischen Communitys im Mai 2006 in Kassel organisiert und artikuliert – fünf Jahre vor der Selbstenttarnung des NSU. Fünf Jahre, in denen es kaum antifaschistische Solidarität mit „Kein 10. Opfer!“ gab. Doch es gab das kollektive Lernen, dass jeder Angriff unsere Augen, Ohren und Hände braucht, als auch das Wissen darum, dass die Gegenöffentlichkeit selbst gemacht werden muss, dass der Druck selbst organisiert werden muss, dass es keinen Verlass gibt auf den Staat und dass wir diese Geschichten erhalten müssen, damit wir das Rad nicht jedes Mal neu erfinden, sondern die Kämpfe aufeinander aufbauen können. Es ist das Wissen darum, dass die gerichtlichen Prozesse einem Kampf zwischen David und Goliath gleichen, dass nur dann von Zuständigen ganz genau hingeguckt wird, wenn wir sie nicht einfach schalten und walten lassen. Für die zweite Strategie, dem kreativen Unterlaufen von Gesetzgebung, ist die Bezahlkarte ein gutes Beispiel. Durch ihre Einführung wurden Asylsuchende schikaniert, eingeschränkt und benachteiligt. Es handelt sich dabei um eine Art Guthabenkarte ohne zugehöriges Konto, mit der nur ein sehr geringer Betrag Bargeld abgehoben werden kann. Das Bezahlen mit dieser Karte wird jedoch nicht überall akzeptiert, günstiges Einkaufen ist erschwert, Geldtransfers, Vertragsabschlüsse und Onlinekäufe sind nicht möglich, auch für die Teilhabe an Sport und Kultur bietet sie keine Lösung. Schnell wurde überlegt, wie die Gesetzgebung umgangen werden kann: Asylsuchende kaufen mit ihrer Bezahlkarte Gutscheine im Supermarkt und können diese an Tauschorten gegen Bargeld einwechseln. Eine konkrete Praxis, die entstigmatisiert und auf bedürfnisorientierte Teilhabe abzielt – ganz im Sinne einer solidarischen Stadt, einer Stadt in der alle gleiche Rechte und Zugänge haben, unabhängig von ihren Papieren. „Solidarische Städte“ organisieren auf diese und viele andere Arten Widerstand, um illegalisierten Menschen Zuflucht zu bieten und ihnen zu sozialen Rechten zu verhelfen, die ihnen von der nationalen Politik verwehrt wird. Zivilgesellschaftliche Organisationen, manchmal aber auch kommunale Politikerinnen und Behörden erschaffen dadurch eine antirassistische Realität vorbei am nationalstaatlichen Soll: Im Bürger*innenasyl werden Menschen versteckt, damit sie nicht abgeschoben werden; mit anonymen Krankenscheinen können Menschen ohne Krankenversicherung medizinisch versorgt werden; mit städtischen und kommunalen Identitätskarten werden Menschen Grundrechte zuteil, die ihnen sonst verwehrt bleiben und mit dem Nichtbearbeiten von Akten werden Abschiebungen verhindert. Wenn wir nicht verhindern können, dass eine rassistische Gesetzgebung verabschiedet wird, können wir so zumindest darauf hinarbeiten, ihre Wirksamkeit zu reduzieren oder auszuhebeln.
Behalten wir dabei die Bruchstellen der organisierten Traurigkeit der Herrschenden im Blick und treten zur richtigen Zeit mit geballter Kraft rein. Bis dahin lasst uns die nötigen Bedingungen dafür schaffen und möglichst gut füreinander sorgen.

Berena Yogarajah ist Aktivistin in antirassistischen Kämpfen.

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Feminist Superheroine: Flora Tristan https://ansch.4lima.de/feminist-superheroine-flora-tristan/ https://ansch.4lima.de/feminist-superheroine-flora-tristan/#respond Sun, 09 Feb 2025 11:48:04 +0000 https://anschlaege.at/?p=124973 Flora Tristan, geboren 1803 in Paris, war eine französisch-peruanische Frauenrechtlerin und Sozialistin. Ihr adeliger Vater verstirbt früh und lässt seine Familie mittellos zurück. Die 17-jährige Flora muss auf Geheiß ihrer Mutter eine Vernunftehe eingehen. Die Ehe ist von Gewalt und Missbrauch geprägt, schließlich flüchtet sie mit ihren drei Kindern.Zurück in Paris gewinnt sie den Streit […]]]>

Flora Tristan, geboren 1803 in Paris, war eine französisch-peruanische Frauenrechtlerin und Sozialistin. Ihr adeliger Vater verstirbt früh und lässt seine Familie mittellos zurück. Die 17-jährige Flora muss auf Geheiß ihrer Mutter eine Vernunftehe eingehen. Die Ehe ist von Gewalt und Missbrauch geprägt, schließlich flüchtet sie mit ihren drei Kindern.
Zurück in Paris gewinnt sie den Streit um das Sorgerecht für ihre Tochter Aline, ihr Ehemann verübt daraufhin einen Mordanschlag auf sie, den sie nur knapp überlebt.
Flora Tristan reist zur Familie ihres Vaters nach Peru und klagt dort „den Egoismus, den Zynismus und die Frivolität“ der „höheren Stände“ an. Sie verfasst zahlreiche Texte, unter anderem Reportagen über die Arbeitsverhältnisse in Fabriken. Immer engagiert sie sich dabei für die Rechte der Frauen und der Arbeiter*innenklasse und versucht ihren Feminismus und Sozialismus zu vereinen.
Im Alter von 41 Jahren erkrankt Flora Tristan an Typhus, 1844 stirbt sie in Bordeaux.
[YmP]

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In den eigenen vier Wänden https://ansch.4lima.de/in-den-eigenen-vier-waenden/ https://ansch.4lima.de/in-den-eigenen-vier-waenden/#respond Sun, 09 Feb 2025 11:41:19 +0000 https://anschlaege.at/?p=124977 Viele migrantische Mädchen aus der Arbeiter*innenklasse passen zu Hause auf Geschwister auf, statt draußen die Welt zu erobern. Das muss sich ändern, sagt Ionela von unserer jungen an.sage-Redaktion. Als kleines Kind wollte ich unbedingt eine Sportart ausüben. Es war mir fast egal, welche Sportart, aber für mich war es wichtig, dass ich körperlich aktiv bin. […]]]>

Viele migrantische Mädchen aus der Arbeiter*innenklasse passen zu Hause auf Geschwister auf, statt draußen die Welt zu erobern. Das muss sich ändern, sagt Ionela von unserer jungen an.sage-Redaktion.

Als kleines Kind wollte ich unbedingt eine Sportart ausüben. Es war mir fast egal, welche Sportart, aber für mich war es wichtig, dass ich körperlich aktiv bin. Damals hat mir meine Sportlehrerin vorgeschlagen, dass ich mich in einem Verein anmelden sollte, weil sie Potenzial in mir gesehen hat. Ich habe es meinen Eltern voller Aufregung erzählt, aber für sie kam nicht infrage, dass sie dafür monatlich eine für sie beträchtliche Summe hätten zahlen müssten. Das Geld war knapp bei uns.
Geld war dabei aber nur eine von vielen Hürden. Als große Schwester ist es oft meine Verantwortung, in der Familie auch spontan auf meinen kleinen Bruder aufzupassen. Obwohl ich ältere Brüder habe, ist es für meine Eltern trotzdem eine Selbstverständlichkeit, dass ich als Mädchen diese Aufgabe zu übernehmen habe.
Das ist der Grund dafür, dass ich regelmäßige Termine nur schwer einhalten kann. Wenn Geld kein Problem wäre, könnten meine Eltern einen Babysitter für meinen Bruder besorgen und mir somit den Wunsch nach einem Hobbyverein ermöglichen. Aber das ist unrealistisch.
Wenn Freund:innen mir von ihrem Klavierunterricht oder ihren Gymnastikvereinen erzählt haben, dachte ich oft, dass es einen gewaltigen Unterschied in unseren Lebens­realitäten gibt.
Meine Eltern sind nicht allein dafür verantwortlich, dass ich bestimmte Möglichkeiten als Kind und auch als Jugendliche nicht hatte. Es trifft sie nur eine Teilschuld. Es ist vor allem das System, in dem wir leben, das es mir und meiner Familie so schwer macht. Wenn ich heute an meine Kindheit zurückdenke, wird mir bewusst, dass sich wohl weiterhin viele andere Mädchen in meiner Geschichte wieder­erkennen.
Es sind vor allem migrantische Mädchen aus Arbeiterfamilien, die von ihrem Umfeld isoliert werden. Sie haben keine Hobbys, nichts, womit sie sich außerhalb der Schule beschäftigen können. Während die Jungs sich im Park treffen und Fußball spielen, müssen die Mädchen zu Hause Care-Arbeit leisten und ihre Wünsche zurückstellen.
Dabei arbeiten Kapitalismus und Patriarchat Hand in Hand. Reiche Familien können Sorgearbeit einfach auslagern. Sie fühlen sich fortschrittlich und emanzipiert, während die Arbeit auf unterbezahlte, meist migrantische Arbeiterinnen abgewälzt wird.
Für ärmere Familien bleibt die Sorgearbeit innerhalb der Familie. Mädchen übernehmen oft eine klassische Mutterrolle in der Familie. Es bleibt ihnen verwehrt, ihr volles Potenzial auszuschöpfen. Für die Sorgearbeit verantwortlich zu sein, bedeutet oft, an das Haus gefesselt zu sein. Das Leben vieler migrantischer Mädchen spielt sich in der Schule oder in den eigenen vier Wänden ab.
Dadurch können sie weniger soziale Kontakte knüpfen, sich nur sehr eingeschränkt ausleben, körperlich ausprobieren und ihre Stärken und Schwächen kennenlernen. Sorge­arbeit macht aber auch müde – zu müde und erschöpft oft, um den eigenen Zielen und Wünschen nachgehen zu können.
Dass sie oft weniger Möglichkeiten haben, an Freizeitaktivitäten, Ausflügen oder anderen sozialen Veranstaltungen teilzunehmen, hat auch damit zu tun, dass es den Mädchen sehr schwer gemacht wird, Teil der Gesellschaft zu sein. Viele beherrschen die deutsche Sprache noch nicht so gut und fühlen sich deshalb unsicher. Was dazu führt, dass sie sich aus sozialen Aktivitäten zurückziehen, aus einem Mangel an Selbstwertgefühl oder Angst vor Ablehnung.
Ich wünsche mir, dass migrantische Mädchen mehr gefördert werden, um ihre Talente und Interessen zu entdecken. Es braucht mehr kostenlose Angebote wie Sportvereine oder Mentoring-Programme, die ihnen helfen, ihre Stärken zu entfalten, ohne dass die Familien finanziell belastet werden. Wichtig ist auch, dass es Menschen, vor allem Lehrkräfte, gibt, die an sie glauben und ihr Potenzial fördern.

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Kein feministisches Märchen https://ansch.4lima.de/kein-feministisches-maerchen/ https://ansch.4lima.de/kein-feministisches-maerchen/#respond Sat, 23 Nov 2024 01:19:58 +0000 https://anschlaege.at/?p=121581 Es ist die schlimmste aller Möglichkeiten, aber wir sollten sie zumindest in Betracht ziehen: Was, wenn es an den Wähler:innen selbst liegt? Die lieber den verurteilten Sexualstraftäter Trump wählen als eine Frau, noch dazu eine Schwarze. Die lieber die Demokratie abwählen und einen Autokraten an die Macht, als in „Wokistan“ zu leben, wo womöglich auch […]]]>

Es ist die schlimmste aller Möglichkeiten, aber wir sollten sie zumindest in Betracht ziehen: Was, wenn es an den Wähler:innen selbst liegt? Die lieber den verurteilten Sexualstraftäter Trump wählen als eine Frau, noch dazu eine Schwarze. Die lieber die Demokratie abwählen und einen Autokraten an die Macht, als in „Wokistan“ zu leben, wo womöglich auch illegalisierte Migrant:innen und trans Personen unter dem Schutz unantastbarer Menschenrechte leben dürfen. An gewissen- und skrupellosen Wähler:innen, die ihr Schicksal lieber einem schwindligen Haufen dahergelaufener Broligarchen und Frauenhasser anvertrauen, die Kritikerinnen als Bitches beschimpfen und in Gewehrläufe blicken lassen wollen. Statt ihren Kandidaten als das zu sehen, was er per Definition unbestreitbar ist: ein Faschist. Und die nach dem Wahlsieg „Your body, my choice. Forever“ triumphieren, wie der Rechtsextreme Trump-Buddy Nick Fuentes, der mit diesem Tweet viral ging.

Was wäre das nur für ein feministisches Märchen gewesen! Frauen haben endlich die Schnauze voll und wählen ihre erste Präsidentin, die der Welt damit ein für alle Mal beweist, dass man mit einem Wahlkampf, der das Recht auf Abtreibung nicht nur offensiv zum Thema macht, sondern es sogar ins Zentrum stellt, tatsächlich Wahlen gewinnen kann. Das haben wir doch immer gesagt!

Schwarze Frauen hätten diesen Traum mit überwältigender Mehrheit wahr gemacht, sie wählten zu über neunzig Prozent Kamala Harris. Weiße Frauen hingegen stimmten mehrheitlich (53 Prozent) für Trump – und damit gegen ihre eigenen, sogar überlebenswichtigen, Interessen. Schließlich sterben auch sie an unterlassener Hilfeleistung in medizinischen Notfällen aufgrund restriktiver Abtreibungsgesetze.

Wie lässt sich das Unfassbare erklären? „It’s the economy, stupid“, heißt es wieder reflex­artig. Inflation und Lebensmittelpreise seien eben wahlentscheidend gewesen, nicht „Identitätspolitik“. Eine Nachwahlanalyse, die wir schon von Hillary Clintons Niederlage kennen. „Es sollte nicht überraschen, dass eine demokratische Partei, die die Arbeiterklasse im Stich gelassen hat, feststellen muss, dass die Arbeiterklasse sie im Stich gelassen hat“, wütet Bernie Sanders genau wie damals. Maureen Dowd schreibt in der „New York Times“, Harris habe den kolossalen Fehler gemacht, eine milliardenschwere Kampagne mit Prominenten wie Beyoncé zu führen, während viele der von ihr umworbenen Wähler:innen aus der Arbeiter:innenklasse sich nicht einmal eine Anzahlung für ein Haus leisten könnten. „Der Durchschnittsbürger“ würde daraus den Schluss ziehen, dass Harris nicht „versteht, was ich durchmache“, so ihre Conclusio. Das mag durchaus stimmen. Aber wieso sollten wir davon ausgehen, dass der Goldtower-Großkotz Trump in dieser Hinsicht glaubwürdiger ist? Trump, der unverhohlen für eine Politik steht, die diesem Durchschnittsbürger auch noch das letzte Hemd nehmen wird? Es wurde nach der Wahl viel über „Vibecession“ diskutiert. Der Begriff beschreibt die Diskrepanz zwischen der tatsächlichen ökonomischen Lage und der subjektiven, negativ verzerrten Einschätzung. Denn de facto befinden sich die USA in der besten Wirtschaftslage seit langer Zeit, beachtliche achtzig Prozent der Reallöhne sind zuletzt gestiegen. Joe Biden hat die profilierteste anti-neoliberale Politik seit Jahrzehnten gemacht und von seinem „American Rescue Plan“ profitierten nicht in erster Linie die Konzerne, sondern vor allem die Arbeiter:innenklasse.

Die Not vieler Menschen, die sich den Einkauf nicht mehr leisten können, ist deshalb selbstverständlich nicht weniger real. Doch wenn es beim Aufstieg rechtspopulistischer Demagogen, den wir global erleben, wirklich um glaubhafte Arbeiter:innenpolitik ginge, die man den „liberalen Eliten“ nicht abnimmt, wieso gewinnt dann in Österreich gottverdammt nochmal Herbert Kickl (erschreckenderweise diesmal auch bei den Frauen) und nicht Andi Babler, der so sehr Bernie Sanders ist, wie man es in Österreich eben sein kann?

„Die amerikanische Bevölkerung ist wütend“, argumentiert Sanders und zeigt Verständnis. Schwarze ­Frauen jedoch, die am meisten Grund zur Wut haben, wählten Harris. Warum? Weil es eben nicht nur die Wut der Deklassierten ist, sondern auch die schreckliche Wut einer ultrarechten, weißen Männlichkeitsideologie, die mit einer gigantischen Social-Media-Propagandaschlacht angeheizt wurde und offenbar auch bei vielen Wählerinnen ideologisch verfängt. Sie müssen wir endlich als eigenes Wahlmotiv ernst nehmen. Ihr müssen wir entschlossen entgegentreten.

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Feminist Superheroine: Maria Berner https://ansch.4lima.de/feminist-superheroine-maria-berner/ https://ansch.4lima.de/feminist-superheroine-maria-berner/#respond Sat, 23 Nov 2024 01:08:11 +0000 https://anschlaege.at/?p=121575 Maria Berner war eine Gewerkschafterin und antifaschistische Widerstandskämpferin. Geboren 1904 in Wien in eine sozialdemokratische Arbeiter*innenfamilie, arbeitete sie zunächst als Hausangestellte und wurde später Betriebsrätin bei den Österreichischen Heilmittelwerkstätten. Nachdem im Austrofaschismus freie Gewerkschaften verboten wurden, schloss sie sich dem kommunistischen Widerstand an und war u. a. in der „Roten Hilfe“ aktiv. Berner wurde 1939 […]]]>

Maria Berner war eine Gewerkschafterin und antifaschistische Widerstandskämpferin. Geboren 1904 in Wien in eine sozialdemokratische Arbeiter*innenfamilie, arbeitete sie zunächst als Hausangestellte und wurde später Betriebsrätin bei den Österreichischen Heilmittelwerkstätten. Nachdem im Austrofaschismus freie Gewerkschaften verboten wurden, schloss sie sich dem kommunistischen Widerstand an und war u. a. in der „Roten Hilfe“ aktiv. Berner wurde 1939 verhaftet und wegen „Vorbereitung zum Hochverrat“ zu dreieinhalb Jahren Haft verurteilt, danach überstellte sie das Regime ins Konzen­trationslager Ravensbrück. Auch dort leistete sie mit Genossinnen wie Anna Hand und Ilse Hunger Widerstand. Gemeinsam gelang es ihnen, mehrere KZ-Häftlinge zu retten. 1945 konnte Berner aus dem KZ fliehen, zurück in Wien war sie für das Frauenreferat der KPÖ tätig. Im Jahr 2000 verstarb Maria Berner, sie ist auf dem Zentralfriedhof Wien in einem gemeinsamen Grab mit ihrer Lebensgefährtin Anna Hand begraben. [AnPa]

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Die Letzte https://ansch.4lima.de/die-letzte/ https://ansch.4lima.de/die-letzte/#respond Sat, 23 Nov 2024 01:00:30 +0000 https://anschlaege.at/?p=121571 In der Halloween-Nacht vor vier Jahren ist meine erste Kolumne für die an.schläge entstanden, mitten in einem Psychothriller aus US-Wahlen, neonazistischen Polizeikorps und Toten auf den Fluchtrouten. Nun, wenige Tage nach Samhain (irisch-keltisches Fest), schreibe ich meinen letzten queerverweis. Zum alten Horror sind neue Fratzen dazugekommen. Aber wem hilft es, diesen Fratzen mit kühlen Pointen […]]]>

In der Halloween-Nacht vor vier Jahren ist meine erste Kolumne für die an.schläge entstanden, mitten in einem Psychothriller aus US-Wahlen, neonazistischen Polizeikorps und Toten auf den Fluchtrouten. Nun, wenige Tage nach Samhain (irisch-keltisches Fest), schreibe ich meinen letzten queerverweis. Zum alten Horror sind neue Fratzen dazugekommen. Aber wem hilft es, diesen Fratzen mit kühlen Pointen und Zynismus zu begegnen? Oder mit Wut, wenn sich diese keinen Weg zur Aktion, zur Veränderung bahnen kann und sich stattdessen ins eigene Fleisch hineinfrisst? Und was ist die Alternative? Ich finde keine Antworten, die um Widersprüche herumkommen. Aktivistin sein wollen, sich selbst ausbeuten für den guten Zweck – und gleichzeitig Selbstfürsorge als genauso radikales wie bisweilen auch reaktionäres Handeln begreifen. Wiederum: im Politischsein Selbstfürsorge finden, die eigene Existenz gegen die Ohnmacht verteidigen – und aber genauso spüren, wie existenzgefährdend diese Selbstverteidigung sein kann. Wie die neoliberale Ideologie bis in die letzten Winkel des Denkens gedrungen ist und das Versprechen auf Besserung von einem psychiatrischen Apparat kommt, der nur dieselben Privilegien wiederholt. Und dann wieder: sich an der vehementen Schönheit queerer Liebe, Freund:innenschaft und an der Kraft des eigenen Körpers erfreuen und merken, wie blind man für sie so lange war. Ich durfte hier so vieles begreifen, nicht zuletzt die Widersprüche beim Schreiben: die Wehmut, die mich jetzt ergreift, obwohl mir so mancher Text Qualen bereitet hat (und genau diesen Teil gegen außen immer wegzulassen, für die Pointe und das Selbstbild).

Es wird Zeit, dass dieser Raum anderen gebührt. Danke, du tolles Magazin. Dass du politisch bleibst und unentwegt die Widersprüche feministischer Politik mitten in einer brennenden Welt auslotest. Dass du Menschen, die weniger von sich halten, als sie könnten, Raum zur Emanzipation schenkst – einen Raum, den du dir selbst Jahr für Jahr wieder erkämpfen musst. Bitte mach weiter so.

Sharon Saameli hält sich weiter an schönen Menschen, Büchern und Rollschuhen fest und verabschiedet sich von hier.

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Queer Joy Princess https://ansch.4lima.de/queer-joy-princess/ https://ansch.4lima.de/queer-joy-princess/#respond Sat, 23 Nov 2024 00:52:55 +0000 https://anschlaege.at/?p=121567 Chappell Roan ist der Popstar der Stunde: schillernd, energiegeladen und ganz schön unbequem für das glattgebügelte Milliardengeschäft Musikindustrie. Von Anna Painer und Brigitte Theißl »Only the girls know how it feels«, sagt Chappell Roan dem „Guardian“. Girls wie Lady Gaga oder auch Sabrina Carpenter und Lana Del Rey, Superstars, die wissen, wie es sich anfühlt, […]]]>

Chappell Roan ist der Popstar der Stunde: schillernd, energiegeladen und ganz schön unbequem für das glattgebügelte Milliardengeschäft Musikindustrie. Von Anna Painer und Brigitte Theißl

»Only the girls know how it feels«, sagt Chappell Roan dem „Guardian“. Girls wie Lady Gaga oder auch Sabrina Carpenter und Lana Del Rey, Superstars, die wissen, wie es sich anfühlt, unbehelligt kaum noch einen Fuß vor die Tür setzen zu können.

Seit der Veröffentlichung ihres Debut­albums „The Rise and Fall of a Midwest Princess“ im September 2023 hat Chappell Roan einen kometenhaften Aufstieg hingelegt – der ihr nicht so recht bekommt. Es fühle sich an, wie nochmals durch die Pubertät zu gehen, sagt sie. Mit dem „Rolling Stone“ spricht sie später offen über ihre psychische Erkrankung.

Chappell Roan liefert Ohrwurm-Pop ab, wie er aktuell nur selten in solcher Eleganz zu finden ist. Doch ihr vermeintlicher Über-Nacht-Erfolg ist das Ergebnis harter Arbeit. Von ihrem ersten Label Atlantic Records, das sie 2017 signte, wurde sie wieder fallen gelassen: zu wenig Umsatz. Zu Beginn ihrer Karriere tritt die heute 26-Jährige noch unter ihrem Geburtsnamen Kayleigh Rose auf – und verwandelt sich schließlich in Chappell Roan, angelehnt an ihren Großvater Dennis K. Chappell, der im selben Jahr an Krebs verstarb. Roan ist kein „nepo baby“, wie die Kinder von Stars inzwischen in den USA durch den Kakao gezogen werden: Die Musikerin entstammt keiner Hollywood-Dynastie, sondern wächst streng christlich in einem Trailerpark in Missouri auf, mit zwölf nimmt sie Klavierstunden und beginnt zu singen. „Ich bin mit dem Gedanken groß geworden, dass es schlecht und eine Sünde ist, homosexuell zu sein“, sagte sie dem „Guardian“. Chappell Roan, die sich heute als lesbisch identifiziert, musste ihre ­internalisierte Homofeindlichkeit erst verlernen, so erzählt sie. Auf der Bühne ist davon heute nichts mehr zu sehen: Wie kaum ein anderer Popstar verkörpert die Sängerin queer joy. Ihre knallbunten Bühnenshows, für die sie regelmäßig lokale Drag Queens engagiert und selbst in drag-inspirierten Outfits ihre Hyperfeminität feiert, entfalten eine Wucht, die ihr Publikum geradezu in Ekstase versetzt. Aber auch in Sachen Fan-Liebe zieht Roan klare Grenzen. „I embrace the success of the project, the love I feel, and the gratitude I have. What I do not accept are creepy people, being touched, and being followed“, postete sie auf Instagram und handelte sich sogleich den Vorwurf ein, undankbar zu sein.

Dass Roan nicht mehr bloß einer eingefleischten – queeren – Community bekannt ist, sondern inzwischen große Festivals bespielt, ist auch den gemeinsamen Auftritten mit Olivia Rodrigo auf deren Guts World Tour geschuldet. Und da wären natürlich ihre herausragend kraftvolle Stimme und ihre Zusammenarbeit mit Songwriter und Hit-Produzent Dan Nigro, die scheinbar wie geschmiert läuft.

Ihre im April veröffentlichte Stand-alone-­Single „Good Luck, Babe“, ein Synthie-­Pop-Schmeichler, wurde zurecht von der Musikkritik gefeiert und sollte als Fixstarter auf jede 2024-Playlist. Ihr Album „The Rise and Fall of a Midwest Princess“ erwies sich als Sleeper-Hit und kletterte erst diesen August an die Spitzen der Charts. Darauf finden sich das auf TikTok virale „Femininomenon“ ebenso wie der Party-Hit „Hot to Go“, in Songs wie „Red Wine Supernova“ und „Casual“ liefert sie hotte lesbische Lyrics ab: „Knee-deep in the passenger seat and you’re eating me out. Is it casual now?“

Auf Social Media verfangen indes nicht nur ihre Lyrics, auch die Kontroversen um den Star reißen nicht ab. Als sie einen Fotografen auf dem roten Teppich in die Schranken weist, wird Roan – wie so viele weibliche Popstars vor ihr – in die Schublade „schwierig“ ­gesteckt. Und auch ihre politische Haltung sorgt wiederholt für Diskussionen. Eine Einladung, im Weißen Haus zu performen, lehnt sie ab – aus Protest gegen die Biden-Administration und deren Unterstützung Israels. „We want liberty, justice, and freedom for all. When you do that, that’s when I’ll come“, so ihre Botschaft.

Bei den Grammys 2025 im Februar könnte nun der nächste Karrieresprung für Chappell Roan bevorstehen. Die Künstlerin ist in ­mehreren Kategorien nominiert, darunter für das beste Album – und kämpft dort mit Gigantinnen wie Beyoncé, Billie Eilish und Charlie XCX um die Trophäe. Gerade Amerikaner*innen werden im kommenden Jahr eine fette Portion queer joy mehr als nötig haben. „Won’t make my mama proud, it’s gonna cause a scene. She sees her baby girl, I know she’s gonna scream“, singt Chappell Roan in „Pink Pony Club“.

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»Eine Schwester hat man nicht, eine Schwester ist man.« https://ansch.4lima.de/eine-schwester-hat-man-nicht-eine-schwester-ist-man/ https://ansch.4lima.de/eine-schwester-hat-man-nicht-eine-schwester-ist-man/#respond Sat, 23 Nov 2024 00:37:13 +0000 https://anschlaege.at/?p=121563 Meine Schwester und mich trennen acht Jahre. Meine Schwester und mich verbindet, dass wir über denselben Unsinn lachen können, dieselben Memes aus denselben Reality-Shows kennen. Dass uns dieselbe unbegründete Angst überkommt, nachts, wenn die Dielen knarren und plötzlich jedes Geräusch schaurig wird. Dass wir uns am Familientisch ohne Worte verstehen, dass wir gemeinsam die Augen […]]]>

Meine Schwester und mich trennen acht Jahre. Meine Schwester und mich verbindet, dass wir über denselben Unsinn lachen können, dieselben Memes aus denselben Reality-Shows kennen. Dass uns dieselbe unbegründete Angst überkommt, nachts, wenn die Dielen knarren und plötzlich jedes Geräusch schaurig wird. Dass wir uns am Familientisch ohne Worte verstehen, dass wir gemeinsam die Augen verdrehen und zum Gegenwort ansetzen, wenn der Onkel mal wieder etwas Sexistisches sagt. Ich lese Renate Welshs zuletzt erschienenes Buch „Ich ohne Worte“. Welsh und mich trennen zwei Generationen, doch uns verbindet der Umstand, Schwester zu sein. Sie schreibt: „Eine Schwester hat man nicht, eine Schwester ist man. So wie man groß ist oder klein, blau- oder braunäugig, hier oder dort geboren, an dem oder jenem Tag. Man kann die Schwester beneiden, bedauern, bemitleiden, bewundern, man kann mit ihr streiten, hadern, kann einer Meinung sein, kann sie für hoffnungslos verbohrt halten, man kann ans andere Ende der Welt flüchten oder ständig zusammenhocken, man kann sie lieben oder verfluchen. Nur eines kann man nicht: aufhören, Schwester zu sein.“ Ich lese den letzten Satz nochmal und erinnere mich: Mitten in der Nacht aufbrechen, um die jüngere Schwester von einer Party abzuholen, ihr schreiben: „Ich lasse mein Handy die ganze Nacht auf laut, ruf mich jederzeit an, wenn du was brauchst“, sie für ein paar Monate in meinem WG-Zimmer zu haben, als es zu Hause unaushaltbar wird, sie bei Liebeskummer zu trösten, sich sorgen, die Sorgen nicht abstellen können, selbst wenn es keinen Grund für sie gibt. Aber auch: sich streiten, sich nicht aushalten können, Abstand suchen, für eine Zeit abtauchen.

Ich lese weiter: „Selbst nach der unverzeihlichsten Kränkung, nach der schlimmsten Ungerechtigkeit ist man Schwester. Also ist die einzig vernünftige Lösung, über alle Abgründe hinweg beide Hände auszustrecken. Wenn wir Glück haben, werden sie ergriffen. Leere Hände frieren.“ Meine Schwester und mich trennen acht Jahre. Meine Schwester und mich verbindet vieles. Naomi Lobnig

Renate Welsh: Ich ohne Worte. Czernin Verlag 2023, 21,- Euro

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Wir brauchen 1000 Abonnent:innen! https://ansch.4lima.de/wir-brauchen-1000-abonnentinnen/ https://ansch.4lima.de/wir-brauchen-1000-abonnentinnen/#respond Tue, 19 Nov 2024 02:59:31 +0000 https://anschlaege.at/?p=121369 „Your body, MY choice. Forever.” In den Tagen nach Trumps Wahlsieg geht dieser Tweet viral. Die Zukunft als Handmaid’s Tale.Unser Auftrag als feministisches Medium könnte nicht dringlicher sein: Demokratie und feministischer Fortschritt sind keine Selbstverständlichkeit, sondern hart erkämpft worden! Genauso entschlossen müssen sie jetzt verteidigt werden. Wir sollten die Faschisten endlich beim Wort nehmen und […]]]>

„Your body, MY choice. Forever.” In den Tagen nach Trumps Wahlsieg geht dieser Tweet viral. Die Zukunft als Handmaid’s Tale.
Unser Auftrag als feministisches Medium könnte nicht dringlicher sein: Demokratie und feministischer Fortschritt sind keine Selbstverständlichkeit, sondern hart erkämpft worden! Genauso entschlossen müssen sie jetzt verteidigt werden. Wir sollten die Faschisten endlich beim Wort nehmen und ihnen glauben, dass sie auch umsetzen wollen, was sie ganz offen formulieren.

Doch ausgerechnet in diesen Zeiten ist der Fortbestand der an.schläge bedroht. Wir brauchen dringend eure Solidarität und viele neue Abos, um weitermachen zu können! Weitermachen heißt: Aus einer konsequent feministischen Perspektive zu analysieren, was in der Welt gerade geschieht, wieso es passiert und was es (nicht nur) für Frauen und Queers bedeutet.

Noch gibt es uns! Inzwischen sind die an.schläge tatsächlich das weltweit am häufigsten erscheinende feministische Magazin – und damit in jeder Hinsicht ein Ausnahmeprojekt.
Nicht nur im deutschsprachigen Raum, auch global sind kaum noch von der zweiten Frauenbewegung gegründete Zeitschriften übrig. Selbst solchen ikonischen Publikationen wie dem Bitch Magazine in den USA ging 2022 das Geld aus. Und das hat viele Gründe: Printmedien stehen unter Druck, Förderungen werden gestrichen, feministischer Qualitätsjournalismus lässt sich online kaum zu Geld machen – und auf Social-Media-Plattformen wird antifeministische Hetze mit großem Eifer vorangetrieben.

Dass es das feministische Magazin an.schläge seit 1983 gibt, ist also wirklich etwas Besonderes! Wir haben dem Verlust der Förderung durch Schwarz-Blau, zuletzt auch der durch die Inflation gestiegenen Energie- und Druckkosten getrotzt – mit viel Herzblut, unbezahlter Arbeit und eurer großartigen Unterstützung!
Aber inzwischen steht auch uns das Wasser bis zum Hals, nächstes Jahr werden wir deshalb erstmals eine Ausgabe weniger produzieren müssen. Wir brauchen dringend eure Solidarität und viele neue Abos, um weitermachen zu können!

an.schläge liefert seit über 40 Jahren feministischen Journalismus, der sich konsequent gegen jede rassistische und queerfeindliche Vereinnahmung stellt und Alternativen anbietet. Diese kritische, feministische Intervention braucht es in diesen Zeiten dringender denn je.
„Broligarchen” wie Elon Musk kontrollieren die Algorithmen der sozialen Medien, Politiker wie Donald Trump und Herbert Kickl dominieren einen Diskurs, der für Frauen- und Menschenrechte immer bedrohlicher wird.
Beispiele wie Polen und Ungarn zeigen, wie schnell ein autoritärer Staatsumbau effektiv umgesetzt werden kann, Trumps Sieg wird nun auch rechte Parteien quer durch Europa weiter beflügeln.

Mit 1.000 neuen Abos können wir das Budgetloch für dieses Jahr stopfen. Um unser Fortbestehen langfristig abzusichern und unabhängig von Förderungen zu werden, brauchen wir 3.000 neue Abos. Unser Appell an euch: Schließe deshalb JETZT ein Jahresabo ab, das gibt es schon für günstige 44,- Euro (ermäßigt: €36) im Jahr! Dafür gibt es ein großartiges Magazin, das journalistische Qualität mit einer feministischen Grundhaltung verbindet. Teile unseren Aufruf bitte im Netz, unter Freundinnen und Arbeitskolleginnen, an deiner Uni und in der Familie.

Verschenke zu Weihnachten ein an.schläge-Abo oder gönn dir selbst ein Unterstützungsabo, dazu gibt es unsere schicke an.schläge-Tasche als Geschenk.

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Wir brauchen neue Männlichkeiten https://ansch.4lima.de/wir-brauchen-neue-maennlichkeiten/ https://ansch.4lima.de/wir-brauchen-neue-maennlichkeiten/#respond Thu, 10 Oct 2024 07:46:13 +0000 https://anschlaege.at/?p=120625 Wenn ich lese, dass ein Typ wie Elon Musk über seine trans Tochter sagt, dass sie für ihn gestorben sei, dann könnte ich kotzen. Wenn ich lese, welche menschenfeindliche Scheiße der deutsche Comedian Luke Mockridge über die Paralympics verbreitet, dann könnte ich ebenso kotzen. Wenn ich sehe, wie Herbert Kickl süffisant von den Wahlplakaten grinst, […]]]>

Wenn ich lese, dass ein Typ wie Elon Musk über seine trans Tochter sagt, dass sie für ihn gestorben sei, dann könnte ich kotzen. Wenn ich lese, welche menschenfeindliche Scheiße der deutsche Comedian Luke Mockridge über die Paralympics verbreitet, dann könnte ich ebenso kotzen. Wenn ich sehe, wie Herbert Kickl süffisant von den Wahlplakaten grinst, dann kann ich eigentlich gar nicht mehr aufhören zu kotzen. Diese drei Namen können durch eine lange Liste weiterer Namen ersetzt werden: Trump. Putin. Merz. You name it.

Vor ein paar Monaten habe ich mit zwei Freundinnen eine Signal-Gruppe gegründet. Eigentlich nur, um in Kontakt zu bleiben, aber diese Gruppen benötigen einen Namen. Worauf wir uns alle einigen konnten, war MzM: Männer zum Mond. Was in einer lustigen gemeinsamen Nacht als Erheiterung diente – MzM könnte eine Partei sein! Oder eine Riot Grrrl Punk-Band! – fühle ich immer noch und das Lachen ist mir vergangen. Männer zum Mond schießen, in diesen Zeiten gar nicht die übelste Idee. Jaja, selbstverständlich #notallmen. Es geht mir auch gar nicht um die Männer, sondern um diese hegemoniale Form der Männlichkeit, die dafür sorgt, dass kleine Jungs ihre Gefühle nicht fühlen dürfen. Eine Form von Männlichkeit, die Stärke und Überlegenheit als wichtigste Ziele propagiert und Vernunft und Emotion als widersprüchliches Gegensatzpaar versteht. Ich glaube tatsächlich daran, dass die Welt weniger gewaltvoll und fürsorglicher wäre ohne diese Form von Männlichkeit. Tatsächlich gibt es gerade einige transmaskuline Personen in meinem näheren Umfeld, die versuchen, ihre Männlichkeiten anders zu gestalten. Es kann aber nicht eine Handvoll Personen, die sowieso schon gesellschaftlich benachteiligt sind, diese Arbeit übernehmen. Eltern, bitte erzieht eure Kinder zu empathischen und liebevollen Menschen! Männer, bitte reflektiert und verlernt eure Männlichkeiten!

Sophia Foux schreibt dies als letzte Kolumne und verabschiedet sich mit dem utopischen Wunsch nach mehr Empathie, Solidarität und Zärtlichkeit in der Welt.

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Unlocked https://ansch.4lima.de/unlocked/ https://ansch.4lima.de/unlocked/#respond Thu, 10 Oct 2024 07:45:59 +0000 https://anschlaege.at/?p=120623 Die Tänzerin und Performerin Iris Omari Ansong verarbeitet in ihren Performances Hoffnung, Emanzipation und Pleasure. Von HANNAH SCHMIDT. Unser Körper ist ein Medium. Durch ihn nehmen wir wahr und werden wahrgenommen. Alle Situationen, denen wir durch, in und mit unserem Körper ausgesetzt sind, schreiben sich in ihn ein, sagt Iris ­Omari Ansong: „Dadurch spiegeln sich […]]]>

Die Tänzerin und Performerin Iris Omari Ansong verarbeitet in ihren Performances Hoffnung, Emanzipation und Pleasure. Von HANNAH SCHMIDT.

Unser Körper ist ein Medium. Durch ihn nehmen wir wahr und werden wahrgenommen. Alle Situationen, denen wir durch, in und mit unserem Körper ausgesetzt sind, schreiben sich in ihn ein, sagt Iris ­Omari Ansong: „Dadurch spiegeln sich in jeder kleinen oder noch so unauffällig scheinenden Situation auch politische Systeme und unsere Gesellschaft wider.“ Wenn jemand als weiblich gelesene Person auf die Straße geht und Menschen diese Person z. B. nicht durchlassen, ihr nicht ausweichen, „dann mag das wirken wie eine Feinheit, aber das ist es nicht. Man spürt immer eine gewisse Rolle, die einem zugeschrieben wird, eine Sichtbarkeit oder Unsichtbarkeit.“ Und selbst, wenn man zu Hause chillt oder sich in einem sicheren Raum bewegt, wird diese kollektive Erfahrung spürbar.

In ihrer Arbeit als Tänzerin und Performerin legt Iris Omari Ansong den Finger in genau diese Wunde: „Meine aktive Arbeit besteht darin, diese Unterdrückungen und Repressionen wegzunehmen und aufzubrechen“, sagt sie. „Es geht darum, sich Dinge zu erlauben und zurückzuholen“, und zwar ganz konkret, physisch, körperlich. Im Laufe ihres Studiums der zeitgenössischen Tanzpädagogik in Wien, während eines Auslandssemesters in Istanbul, begann sie sich an tänzerische Traditionen und Bewegungen heranzutasten, die sie bis dahin unbewusst von sich ferngehalten hatte: „Ich habe in Lucille Aires‘ Tanzklassen begonnen, Female Dancehall und Afro House zu tanzen, und die Begegnung mit ihr war ein unlocking moment“, erzählt sie und lacht. Sie hat sich dort, wie sie erzählt, eine ganze tänzerische Ausdruckswelt zurückerobert.

In ihrem letzten Projekt „BUNX – dripping in the jelly of the black atlantic“ zelebrierte sie diese Erfahrung zusammen mit Andrea Vezga Acevedo, mirabella paidamwoyo* dziruni und Yours Izundu auf der Bühne: In einer kraftvollen Performance, einem regelrecht „verkörperten Manifest“, forderten die Tänzer*innen ihre physische Freiheit, ihre Sinnlichkeit und Sexualität zurück. Im Mittelpunkt stand das Twerking als Tanzform, mit der alle vier regelmäßig arbeiten – eine Praxis mit langer Geschichte: „Die Bezeichnung ‚Twerk‘ ist noch recht jung“, sagt Iris Omari Ansong. „Man findet diese Art von Hüftbewegungen viel in afrikanischen und afrodiasporischen Kontexten seit Generationen. Twerk ist eine Tanzform mit einer langen Geschichte und Verbindung zu afrodiasporischen Traditionen. Gleichzeitig ist es eine Schwarze Tanzform der Gegenwart.“ Wenn sie Twerk unterrichtet, erzählt sie weiter, „gehen die Leute jedes Mal mit einem Strahlen aus der Tanzstunde. Diese Erfahrung macht was mit einem – sowohl der Tanz an sich als auch die Entscheidung, eine sensual oder sexual Seite von sich zuzulassen, in einem Raum, in dem man sich sicher fühlt. Das ist sehr empowernd und emanzipierend.“ In BUNX verbanden die Performer*innen ihre geteilten Erfahrungen, Verletzungen und Kämpfe auf Grundlage der Idee des Black Atlantic: „Ein Konzept, eine Methode, ein Tool, das davon ausgeht, dass es eine Kultur gibt, die afrikanisch, amerikanisch, karibisch und europäisch zugleich ist“, sagt Iris Omari Ansong, „verbunden durch die Route des trans­atlantischen Sklavenhandels – eine Kultur, die all das umfasst und gleichzeitig ist.“ Das daraus entstandene Black Atlantic Thinking reflektiert verschiedene diasporische Perspektiven und ist wirkungsvoll: „Es verschafft mir einen Zugang zu schweren Themen, kollektiven Traumata, Schmerz, aber auch Hoffnung“, sagt Iris Omari Ansong.

Als Schwarze Person, die im mehrheitlich weißen Österreich Kunst macht, sei ihr besonders wichtig, sich immer wieder bewusst zu machen, dass die migrantische Kulturszene wächst – und dass sowohl Ausführende als auch das Publikum von der Vorstellung wegkommen müssen, dass es sich bei PoC- und Schwarzen Künstler*innen um eine „Minderheit“ handle: „Dieses Minderheitendenken hat so etwas Kleinmachendes“, sagt sie, „dabei haben wir es mit der globalen Mehrheit zu tun.“

Aus BUNX ist dementsprechend ein Verein hervorgegangen, gegründet von Iris Omari Ansong und Andrea Vezga Acevedo, „weil wir unbedingt in diesem Team weiter zusammenarbeiten wollen“: Milk and Thorns ist der sprechende Name – Milch und Dornen. Nährendes und Schützendes. Der Titel beschreibt eine reale Utopie: einen Ort, an dem Menschen ihre volle individuelle, kollektive und körperliche Kraft entdecken und entfalten können.

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Safe in the City? https://ansch.4lima.de/safe-in-the-city/ https://ansch.4lima.de/safe-in-the-city/#respond Thu, 10 Oct 2024 07:45:45 +0000 https://anschlaege.at/?p=120617 Obwohl für Frauen die eigenen vier Wände am gefährlichsten sind, fürchten sie meist Parks oder Unterführungen. SONJA GAEDICKE über die patriarchalen Strukturen hinter der „urbanen Angst“. Öffentliche Räume wurden mit den Verstädterungstendenzen im 18. Jahrhundert als Räume konstruiert, die für Frauen nicht sicher sind. Seit der sogenannten Kölner Silvesternacht 2015/16, die international für Schlagzeilen sorgte, […]]]>

Obwohl für Frauen die eigenen vier Wände am gefährlichsten sind, fürchten sie meist Parks oder Unterführungen. SONJA GAEDICKE über die patriarchalen Strukturen hinter der „urbanen Angst“.

Öffentliche Räume wurden mit den Verstädterungstendenzen im 18. Jahrhundert als Räume konstruiert, die für Frauen nicht sicher sind. Seit der sogenannten Kölner Silvesternacht 2015/16, die international für Schlagzeilen sorgte, hat sich diese Debatte intensiviert. Häufig verlaufen die Diskussionen dabei nach einem ganz bestimmten Schema.

Die Angst weißer, weiblich gelesener Personen1 der Dominanzgesellschaft rückt in den Vordergrund, als Gefahrenquelle werden migrantisierte Männer identifiziert. Und auch der Ruf nach politischen Lösungen ist stets derselbe: verstärkte Polizeipräsenz und verschärfte Asylgesetze sowie städtebauliche Maßnahmen wie die Installation von mehr Straßenlaternen und Überwachungskameras. Ein Narrativ, das rechtspopulistischen Parteien wie FPÖ und AfD in die Karten spielt, meist von den sogenannten bürgerlichen Parteien mitgetragen wird und strukturelle Ursachen sexualisierter Gewalt und anderer Delikte außen vor lässt.

Um das Phänomen des urbanen Angst­raums und Konzepte von Sicherheit in ihrer Vielschichtigkeit verstehen und diskutieren zu können, ohne dabei in vereinfachende, rechtspopulistische Narrative zu verfallen, braucht es eine (queer-)feministische Perspektive.

Und das beginnt schon bei unserer Vorstellung von Raum. Der Begriff geht auf die Kultivierung von Land zurück, also auf menschliche Handlungen, die einen Raum überhaupt erst entstehen lassen. Menschen können also durch ihre Handlungen Räume herstellen. Das gilt jedoch nicht für alle in demselben Ausmaß. Auch etwas vermeintlich Neutrales wie ein Raum ist sozial strukturiert, das heißt, je nach Geschlecht, Alter, Race, Klasse, körperlichen und geistigen Fähigkeiten verfügen wir über mehr oder weniger Ressourcen und Macht, um Räume entstehen zu lassen.

IN DER EIGENEN WOHNUNG. Aktuellen Studien zufolge ist die Kriminalitätsfurcht von Personen, die sich als weiblich identifizieren, etwas höher als bei Personen, die sich als männlich identifizieren, obwohl letztere eher von Kriminalität betroffen sind. Frauen sind aber fast dreimal so häufig von sexualisierter Gewalt betroffen als Männer – und auch ihre Angst davor ist größer. Und während Männer eher im öffentlichen Raum von körperlicher und sexualisierter Gewalt betroffen sind, ist es für Frauen bei beiden Gewaltformen zu siebzig Prozent die eigene Wohnung. Bei den Tätern handelt es sich häufig um (Ex-)Partner. Obwohl also die eigenen vier Wände und nahestehende Personen statistisch gesehen am gefährlichsten sind, verlagert sich die Angst von Frauen stärker auf den öffentlichen Raum und auf sich dort aufhaltende fremde Männer. Dieses Phänomen bezeichnet die Geografin Hille Koskela als Angstparadoxon. Bei genauerem Hinsehen ist diese Verlagerung der Angst auf den öffentlichen Raum und auf fremde Männer gar nicht so paradox, denn Angst entsteht nicht nur als Reaktion auf direkte Gewalterfahrungen. Angst passiert uns nicht einfach, sie wird sozial konstruiert. Elterliche Warnungen, Gerüchte, mediale Berichterstattung, Hinweise zur Verbrechensvorbeugung – all diese Dinge beeinflussen, was wir als gefährlich einschätzen und wovor wir lernen, Angst zu haben. Und es bedarf nicht viel Fantasie, um sich vorzustellen, dass elterliche Warnungen gegenüber Mädchen anders ausfallen als gegenüber Buben.

STRANGER DANGER. Da insbesondere weiblich gelesene Personen im öffentlichen Raum regelmäßig sexuelle Belästigungen und verschiedene Formen sexualisierter Gewalt erfahren – von Cat Calling bis Grapschen –, verstärkt sich die Angst vor Vergewaltigung. Die Projektion der Angst auf fremde Männer wird in der Stadtforschung unter dem Begriff Stranger Danger zusammengefasst und durch Medienberichte reproduziert. Häufig wird eher über Übergriffe, die von Fremden ausgehen, berichtet, als über intime Gewalt und Femizide in Partnerinnenschaften. Somit werden patriarchale Institutionen wie die heterosexuelle Kernfamilie als sicher konstruiert, obwohl sie es oftmals nicht sind.

Frauen lernen also eher, welche Räume es wann zu meiden gilt, anstatt wo und wann sie auf gefährliche Personen treffen könnten. Da die Anwesenheit von Männern in der eigenen Umgebung von Frauen oftmals nicht kontrolliert werden kann, sie außerdem nicht in einem Zustand ständiger Angst leben und Männer nicht per se als Täter abgestempelt werden können, verlagern Frauen ihre Angst auf bestimmte Räume. Parks, Straßen, Unterführungen oder Parkhäuser werden so zu typischen Angsträumen.

URBANE ANGST. Die Folgen dieser urbanen Angst sind vielschichtig und einschneidend. So haben Forscher*innen herausgefunden, dass manche Frauen permanent Sicherheitsstrategien überlegen oder anwenden, wenn sie beispielsweise nachts alleine unterwegs sind – vom Schlüsselbund in der Hand über die Nutzung von Begleitapps wie WayGuard bis hin zum Inkaufnehmen von Umwegen. Auch konstantes Unwohlsein, das zu Stress und zu gesundheitlichen Folgen führen kann, geht oftmals mit urbaner Angst einher. Sogar ökonomische Folgen kann die urbane Angst haben, denn wenn der Heimweg zu Fuß zu gefährlich erscheint, steige ich vielleicht doch eher in ein Taxi. Diese Einschränkungen beschreibt die Geografin Leslie Kern als ein indirektes, aber sehr effektives Programm sozialer Kontrolle, denn die sozial verstärkte Angst hält Frauen davon ab, sich den öffentlichen Raum vollständig anzueignen.

SOZIALE SICHERHEIT STATT INDIVIDUALISIERUNG. Diese und ähnliche Sicherheitsstrategien schieben die Verantwortung für die eigene Unversehrtheit den Frauen zu. Anstatt dass Männer Kurse besuchen, in denen sie lernen, wie sie keine Täter werden und sich mit toxischen und hegemonialen Männlichkeitsbildern auseinandersetzen, gehen Frauen in Selbstverteidigungskurse. Sicherheit wird hier – einer neoliberalen Logik folgend – zu einem individuellen Problem, das individuell gelöst werden soll. Eine weitere individualistische Vorstellung von Sicherheit basiert auf einer Vorstellung von Schutz, die von einer asymmetrischen und meist vergeschlechtlichten Beziehung zwischen den männlichen Beschützenden und den weiblichen Beschützten ausgeht. Der Sozialwissenschaftler Daniel Loick unterscheidet zudem zwischen einem polizeilichen und einem sozialen Verständnis von Sicherheit, die beide in einem Konkurrenzverhältnis zueinanderstehen, weil der Ausbau der Polizei und der Gefängnisse auf Kosten von sozialer Absicherung und Angeboten der Sozialen Arbeit gehen kann. Die Stärkung der Polizei kann demnach mit einer Abnahme von (sozialer) Sicherheit einhergehen. Dies kann dazu führen, dass Personen in Armut leben müssen, womit dann wiederum ein Anstieg an Diebstahl und anderen Delikten einhergehen kann. Im Zusammenhang mit Angstraum-Diskursen sollte danach gefragt werden, wessen Sicherheit von Bedeutung ist, wessen Angst ernst genommen wird und wessen Sicherheit und Angst unsichtbar bleibt.

In Anlehnung an die Soziologin Renate Ruhne ist es sinnvoll, einen Perspektivwechsel von einer Gewaltproblematik hin zu einer Machtproblematik zu vollziehen, statt rassistische und sexistische Angstraum-Diskurse zu reproduzieren. Die zentralen Fragen, die sich daraus ergeben, lauten: Wer gestaltet den öffentlichen Raum? Und wer hat keinerlei Gestaltungsmöglichkeiten?

Das verbreitete Verständnis von Angsträumen als öffentliche Räume, die besonders gefährlich für Frauen sind, muss aufgebrochen werden, da diese Erzählung die Angst verdeckt, die andere Menschen an öffentlichen Räumen haben können und die Gefahr verschleiert, die im privaten Raum für Frauen liegt.

Sonja Gaedicke (sie/ihr) ist Soziologin und Geschlechterforscherin und arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Technischen Hochschule Köln. Ihre Dissertation erscheint voraussichtlich im Dezember 2024 im transcript Verlag unter dem Titel „Urbane Angsträume — Eine Situationsanalyse zur diskursiven Konstruktion“.

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Das Großerklärer-Phänomen https://ansch.4lima.de/das-grosserklaerer-phaenomen/ https://ansch.4lima.de/das-grosserklaerer-phaenomen/#respond Thu, 10 Oct 2024 07:45:32 +0000 https://anschlaege.at/?p=120619 Cis Typen analysieren lieber die ganze Welt, anstatt in Therapie zu gehen. Warum nur? Von NELLI TÜGEL Die Sache ist die: Beweisen kann ich es nicht. Aber aus jahrelanger Erfahrung als Zeitungsredakteurin weiß ich von einem Phänomen zu berichten, ich nenne es das Großerklärer-Phänomen. Und das geht so: Wenn Großereignisse passieren, besonders solche mit geopolitischen […]]]>

Cis Typen analysieren lieber die ganze Welt, anstatt in Therapie zu gehen. Warum nur? Von NELLI TÜGEL

Die Sache ist die: Beweisen kann ich es nicht. Aber aus jahrelanger Erfahrung als Zeitungsredakteurin weiß ich von einem Phänomen zu berichten, ich nenne es das Großerklärer-Phänomen. Und das geht so: Wenn Großereignisse passieren, besonders solche mit geopolitischen Auswirkungen, dann lassen die von cis Männern verfassten, meist entsprechend ausführlichen Großerklärungen nicht lange auf sich warten. Je gewaltiger das Ereignis, desto besser. Je mehr Unsicherheiten es für die von ihm getroffenen Menschen produziert, desto sicherer wird der Großerklärer in seiner Analyse. Ein Kriegsausbruch, den kaum jemand vorhergesehen hat? Kein Problem für Winfried; umstandslos hat er Prognosen zur Hand – und sich selbst verziehen, noch wenige Tage zuvor das genaue Gegenteil dessen, was passiert ist, behauptet zu haben. Eine weltweite Pandemie, die alles auf den Kopf stellt? Schon kommen Ronald, Mario und Thomas mit einer ganzen Reihe von Thesen darüber um die Ecke, wie sich die Welt nun verändern werde. Klimawandel? Andreas weiß, was zu tun ist und hat praktischerweise auch schon ein Buch dazu verfasst.

Wichtig ist nur, größtenteils im Abstrakten, im „Großen“ eben zu verbleiben, und sich mit den konkreten Folgen all dieser Schrecklichkeiten möglichst wenig zu befassen.
Die wiederum betreffen oft (das heißt auch, klar, nicht immer) überdurchschnittlich stark Frauen. Nun bin ich nicht der Meinung, dass Betroffene exklusives Äußerungsrecht haben sollten zu Sachverhalten, die sie zu solchen machen. Und versteht mich bitte nicht falsch: Es gibt einige tolle Texte von cis Männern, die ich dem Großerklärer-Genre zuordnen würde, ein paar meiner Lieblingsklassiker gehören dazu. Doch am Typus des Großerklärers lässt sich nun einmal auch ein bemerkenswerter Widerspruch beobachten: Um die „großen Linien“ des Weltgeschehens erkennen und anderen erklären zu können, ist offenbar eine gewisse Distanz zu den in Rede stehenden Politiken, Kriegen und Krisen nötig. Als etwa zu Beginn der Corona-Pandemie viele Frauen noch damit kämpften, im neuen Alltag mit Kita-, Schulschließungen und Isolation klarzukommen oder aber für andere konkrete Hilfe zu organisieren, waren die ersten männlichen Long-Thinkpieces über die „neue Lage“ längst publiziert.

In diesem Beispiel steckt freilich schon ein Teil der Erklärung: Cis Typen haben im Durchschnitt mehr freie Zeit zu Verfügung, auch dann, wenn sie Väter und berufstätig sind, denn der Gender-Care-Gap ist nun einmal Realität. Es gibt aber noch weitere Faktoren, die in das Großerklärer-Phänomen einfließen. So sind Frauen unterm Strich zurückhaltender, wenn es um die Analyse und Bewertung sich überschlagender Ereignisse von unabsehbarer Tragweite geht – sie verweisen dann gerne darauf, nicht genug zu wissen, um sich zu äußern. Und selbst Expertinnen winken häufiger ab, wollen sich lieber (noch) nicht zu weit aus dem Fenster lehnen. Cis Typen dagegen haben, mutmaßlich durch Sozialisation bedingt, seltener und weniger Hemmungen, schnell mal einen rauszuhauen – ein Grund dafür, dass auch auf Meinungsplätzen solcher Medien, die halbwegs paritätisch besetzte Redaktionen haben, ein Männerüberhang existiert.

Zweitens bietet das Großerklärerdasein die Möglichkeit, sich selbst gegenüber so etwas wie Kontrolle zu simulieren in einer unübersichtlichen und beängstigenden Welt. Das finde ich im Übrigen absolut nachvollziehbar, ich hab’s sogar selbst schon ausprobiert – also mithilfe großer Thesen die Gedanken an existenzielle Unsicherheiten auf Abstand zu halten. Sprich: Who am I to judge.

Die Sache ist nur: Beweisen lässt es sich nicht. Aber meiner Erfahrung nach kann der gemeine Großerklärer eines ganz schlecht: sich eingestehen, auch mal geirrt zu haben und daraus eine gewisse Demut entwickeln. Darum sind Zeitungen, Bücher und das Internet voll mit einigen guten und vielen furchtbar falschliegenden Großerklärungen. Unsere turbulenten Zeiten arbeiten dem Großerklärer hier zu: Denn was interessiert ihn sein Gerede von gestern, wenn heute schon die nächste Krise auf Einordnung wartet.

Nelli Tügel arbeitet als Journalistin und lebt in Berlin.

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Mal nicht das ­Einhorn sein https://ansch.4lima.de/mal-nicht-das-einhorn-sein/ https://ansch.4lima.de/mal-nicht-das-einhorn-sein/#respond Thu, 10 Oct 2024 07:45:17 +0000 https://anschlaege.at/?p=120621 Was Frauen* mit Behinderungen brauchen, um ihre Rechte einfordern zu können, und wie der neue Verein FmB versucht, Strukturen für Crip-Futures zu schaffen.Von EVA ROTTENSTEINER Um seine Rechte einfordern zu können, brauchen Frauen* zwei Dinge: materielle Sicherheit und ein eigenes Zimmer. Was Virginia Woolf eigentlich für Schriftstellerinnen postuliert hat, lässt sich auch auf den Kampf […]]]>

Was Frauen* mit Behinderungen brauchen, um ihre Rechte einfordern zu können, und wie der neue Verein FmB versucht, Strukturen für Crip-Futures zu schaffen.
Von EVA ROTTENSTEINER

Um seine Rechte einfordern zu können, brauchen Frauen* zwei Dinge: materielle Sicherheit und ein eigenes Zimmer. Was Virginia Woolf eigentlich für Schriftstellerinnen postuliert hat, lässt sich auch auf den Kampf im Patriarchat übertragen. Viele Frauen* mit Behinderungen haben jedoch weder materielle Sicherheit noch ein eigenes Zimmer, etwa wenn sie in Heimen oder WGs leben. Auch im übertragenen Sinne fehlen Räume, in denen sie sich politisch vernetzen können. Das will der Verein FmB, die Interessensvertretung Frauen* mit Behinderungen, ändern. Es ist der bislang einzige unabhängige politische Zusammenschluss von Frauen* mit Behinderungen in Österreich. „Wenn nicht wir, dann macht es keiner“, so der Gedanke der Gründerinnen Heidemarie Egger, Julia Moser und Eva-Maria Fink.

Safer Spaces ohne Selbsterhöhung. Auch Schwarze Feministinnen wie bell hooks betonten die Bedeutung von Safer Spaces gegen rassistische und sexistische Unterdrückung und zur Förderung kollektiver Resilienz. Gerade jene Mitglieder, die beruflich für die Rechte von Menschen mit Behinderungen kämpfen, schätzen den geschützten Raum: „Auch mal darüber reden, was schwerfällt und mal nicht die starke Person sein zu müssen, weil man sonst nicht ernst genommen wird oder es Bewunderung regnet.“ Übertriebene Komplimente und Bewunderung für ganz normale Handlungen erleben Menschen mit Behinderungen häufig. „Inspiration Porn“ nannte das die verstorbene behinderte Aktivistin und Komikerin Stella Young. Dabei störe weniger die Bewunderung, schließlich ist es ein Kraftakt, in einer ableistischen Welt zu navigieren. Was aber mitschwingt: „Behindert zu sein muss miserabel sein, zum Glück bin ich normal.“ „Bei FmB können wir uns gut ohne Selbsterhöhung untereinander bewundern“, sagt Egger.

Für Frauen* mit Behinderungen sind aktivistische Räume, in denen es um ihre Rechte geht, oft mit Ausschlüssen verbunden. „Die typische Person, die Menschen mit Behinderungen vertritt, ist ein Mann mit Behinderungen zwischen vierzig und fünfzig“, sagt Egger. Man habe übersehen, sich als Bewegung mit Themen wie Sexismus oder Rassismus auseinanderzusetzen. Das zeige sich auch in einem fehlenden Verständnis für intersektionale Diskriminierung. Heidemarie Egger erklärt es so: „Wenn ich in meinem Alltag Abwertung erlebe, frage ich mich oft, ob ich die erlebe, weil ich eine Frau bin oder weil ich eine Behinderung habe oder wegen beidem kombiniert.“

Auch in feministischen Räumen fällt es oft schwer, sich in die Lebensrealität behinderter Frauen* hineinzuversetzen. Heidemarie Egger überrascht das nicht. Während Frauen* ohne Behinderungen etwa gleichen Lohn oder faire Aufteilung von Sorgearbeit fordern, kämpfen Frauen* mit Behinderungen nebenbei noch für die Basics: um einen Ausbildungsplatz, barrierefreie gynäkologische Untersuchungen oder einfach selbst entscheiden zu dürfen, wann man duscht. „Es ist anstrengend, immer das behinderte Einhorn zu sein, mit dem niemand relaten kann“, sagt Heidemarie Egger.

WERTVOLLE WERKZEUGE. Dazu kommen andere Barrieren. ÖGS-Dolmetschung, barrierefrei zugängliche Vernetzungslokale oder ein Austausch in Leichter Sprache muss oft erst eingefordert werden. „Barrierefreiheit wird als belastend wahrgenommen, als etwas, das man extra organisieren muss und wofür kein Budget eingeplant war“, erzählt Egger. Man wird schnell als mühsam abgestempelt oder gleich selbst zur Beauftragten für Barriere­freiheit.

Das kostet viel Kraft und Ressourcen, die man oft nicht hat. Auch Frauen* mit Behinderungen übernehmen zu Hause die meiste Sorgearbeit und müssen dazu noch ihre Behinderung managen. Je nach Behinderung oder chronischer Erkrankung bedeutet das etwa, Anträge für Finanzierungen stellen, das Persönliche-Assistenz-Team koordinieren, Therapietermine wahrnehmen, mit den begrenzten „Spoons“ (siehe Glossar) haushalten. FmB-Treffen finden nur in barrierearmen Gebäuden statt. Schriftdolmetschung und ÖGS wird nach Bedarf organisiert. „Barrierefrei heißt auch, Pausen zu machen und sich zu überlegen, wie man Gespräche in kleineren Runden fördert“, sagt Egger.

Durch erschwerte Zugänge zu feministischen Räumen bleibt auch der Zugang zu Strategien beschränkt. „Dabei böten gerade feministische Diskurse wertvolle Werkzeuge für Frauen* mit Behinderungen“, sagt Egger. Etwa könnten Bewältigungsstrategien von BIPoC-Frauen* für erlebte Mikroaggressionen im Alltag hilfreich sein: Wenn eine blinde Frau* mal wieder ohne ihre Zustimmung über die Straße gezerrt, eine Frau* mit Lernschwierigkeit mal wieder als einzige geduzt oder mal wieder nur mit der Begleitperson gesprochen wird.

EMPOWERMENT THROUGH WELLNESS. Ein Blick in Schwarze Geschichtsbücher zeigt die in Vergessenheit geratenen solidarischen Kontinuitäten zwischen Schwarzen Aktivist:innen und Menschen mit Behinderungen. Nach dem Leitsatz „Empowerment through Wellness“ entstanden im Rahmen des nationalen „Black Women’s Health Projects“ der 80er-Jahre unterstützende Räume für Schwarze Frauen* und Mädchen, in denen sie sich über gesundheitliche Herausforderungen austauschen konnten. Auch Frauen* mit Behinderungen erhielten hier Unterstützung durch die Gruppe. Außerdem wären das berühmte „504 Sit-in“ von 1977, bei dem behinderte Aktivist:innen für 25 Tage das Gebäude des US-Sozialministeriums in San Francisco besetzten und die Verankerung ihrer Rechte einforderten, ohne die tägliche Versorgung mit Suppe durch die Black Panthers nicht möglich gewesen. Auch bei FmB spürt man diese Solidarität und erzählt von dem wertvollen Austausch mit feministischen BIPoC-Gruppen.

VON CRIP-WISSEN PROFITIEREN. Feministische Diskurse wiederum könnten von Crip-Wissen profitieren, gerade in Bezug auf kollektive Fürsorge und solidarische Netzwerke. Menschen mit Behinderungen werden in unserer Leistungsgesellschaft vielfach als wirtschaftlich nicht verwertbar und somit als wertlose, verzichtbare Körper markiert. Noch immer brauchen Jugendliche mit sonderpädagogischem Förderbedarf eine Genehmigung, um die Matura machen zu dürfen. Vor allem jungen Menschen mit ­Lernschwierigkeiten bleibt oft einzig die Möglichkeit, in einer Werkstätte für ein kleines Taschengeld anstatt für Lohn zu arbeiten. Ein eigenes Zuhause außerhalb von Heimen können sie sich niemals leisten. Frauen* mit Behinderungen werden in ihrem Leben oft klein gemacht, erzählt Egger: „Vielen von uns wurde nie etwas zugetraut.

Es ist deshalb Teil der Vereins-DNA, einander Wertschätzung zu zeigen und ein bestärkendes Netzwerk zu sein.“ Bei FmB-Treffen steht die gegenseitige Unterstützung im Vordergrund, ob durch Tipps für Ämterkontakt, den Umgang mit Mobbing am Arbeitsplatz oder durch tröstende Worte, wenn der Arzt oder die Ärztin einem mal wieder nicht glaubt.

REVOLUTIONS BEGİN WITH REST. In einer Gesellschaft, die bestimmte Körper systematisch vernachlässigt, ist es eine Form des Widerstands, Gemeinschaften kollektiver Fürsorge zu schaffen. Auch bei FmB versuchen die drei Gründerinnen, eine neue Art der Zusammenarbeit zu schaffen. „Manchmal müssen wir Projekte absagen, weil uns doch die Ressourcen fehlen. Oft geht es sich mit all den Barrieren im Alltag nicht aus. Wir tragen das gemeinsam und versuchen, nachsichtig mit uns zu sein“, sagt Egger.

Mehrfachmarginalisierte Crips wie Frauen* mit Behinderungen brauchen barrierefreie Räume, die anerkennen, dass alle Menschen in ihrem Dasein aufeinander angewiesen sind und Bedürfnisse wie menschliche Fürsorge teilen. Und sie brauchen Räume, in denen man Pausen machen kann, wieder zu Kräften kommt, um sich Crip-Futures vorzustellen. Oder wie die queere, behinderte Autorin und Assistenzprofessorin für Gender und Sexuality Studies Shayda Kafai schreibt: „Revolutions begin with rest, with time to think, feel, and create our way into dreaming new realities.“

Eva Rottensteiner ist freie Autorin, sie schließt aktuell ihren Master in Politikwissenschaft und Gender Studies ab. Sie ist Mitglied beim Verein FmB.

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Frauen effektiv ausbeuten https://ansch.4lima.de/frauen-effektiv-ausbeuten/ https://ansch.4lima.de/frauen-effektiv-ausbeuten/#respond Mon, 02 Sep 2024 11:33:03 +0000 https://anschlaege.at/?p=120028 Anstatt endlich dafür zu sorgen, dass es kostenfreie, ganztägige und ganzjährige Kinderbetreuung gibt, hat sich die ÖVP wieder einmal ein Modell ausgedacht, wie man Frauen in diesem Land ausbeuten kann. Wir wissen: Care-Arbeit machen überwiegend Frauen. Auch wenn es darum geht, die Enkelkinder zu betreuen. Das heißt: Die angedachte Großelternkarenz der ÖVP ist eigentlich eine […]]]>

Anstatt endlich dafür zu sorgen, dass es kostenfreie, ganztägige und ganzjährige Kinderbetreuung gibt, hat sich die ÖVP wieder einmal ein Modell ausgedacht, wie man Frauen in diesem Land ausbeuten kann.

Wir wissen: Care-Arbeit machen überwiegend Frauen. Auch wenn es darum geht, die Enkelkinder zu betreuen. Das heißt: Die angedachte Großelternkarenz der ÖVP ist eigentlich eine Omakarenz.

Schon jetzt kämpfen ältere Frauen mit Nachteilen am Arbeitsmarkt, die Jobsuche ab fünfzig ist nicht einfach. Zudem kommen fehlende Pensionsansprüche hinzu. Denn Betreuungszeiten und Teilzeitarbeit führen dazu, dass Pensionistinnen im Monat deutlich weniger Geld zur Verfügung haben.

Mit der Omakarenz werden also Frauen erneut in Care-Arbeit gedrängt, die schlechter bezahlt ist. Das bedeutet weniger Geld pro Monat als bei einer Anstellung und es bedeutet langfristig weitere Einbußen bei der Pension.
Der Staat kommt indes bei der Kinderbetreuung seiner Verantwortung nicht nach. Und das Zynische an der Situation ist: Dafür ist die ÖVP verantwortlich. Stichwort Sebastian Kurz, der ein „Bundesland aufhetzen“ wollte, um ja zu verhindern, dass die Kinderbetreuung flächendeckend ausgebaut wird.

Auch bei der Karenz gäbe es noch viel zu tun: Nur ein Prozent (!) der Väter geht in Österreich länger als sechs Monate in Karenz. Zehn Prozent der Väter gehen bis zu drei Monate in Elternkarenz. Wie wäre es also endlich mit verpflichtender Väterkarenz? In Skandinavien funktioniert das sehr gut.

Die Frauen sollen mal wieder richten, wo bei der fehlenden öffentlichen Infrastruktur, bei Kinderbetreuung und Altenpflege gespart wird. Wir Feminist*innen kämpfen schon lange gegen Altersarmut bei Frauen. Darum ist es so wichtig, die Fallstricke der Omakarenz aufzuzeigen und der ÖVP ihr reaktionäres Modell um die Ohren zu hauen.

Karin Stanger lebt und liebt in Wien.

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Hilde Pank: UN VERSEHRT / IN JURED https://ansch.4lima.de/hilde-pank-un-versehrt-in-jured/ https://ansch.4lima.de/hilde-pank-un-versehrt-in-jured/#respond Sat, 06 Jul 2024 12:19:57 +0000 https://anschlaege.at/?p=119262 Unter dem Titel „un_versehrt” hat die Fotografin Hilde Pank eine Fotoserie über fünf Personen angefertigt. Sie zeigt Menschen mit unterschiedlichen körperlichen Behinderungen und ihre Prothesen oder Orthesen.Den Bildern wohnt eine universelle Frage inne: Was gilt als Makel, was ist schön? Die Bilder selbst artikulieren einen zurückhaltend neugierigen Blick, rücken ins Licht, was allzu oft verborgen […]]]>

Unter dem Titel „un_versehrt” hat die Fotografin Hilde Pank eine Fotoserie über fünf Personen angefertigt. Sie zeigt Menschen mit unterschiedlichen körperlichen Behinderungen und ihre Prothesen oder Orthesen.
Den Bildern wohnt eine universelle Frage inne: Was gilt als Makel, was ist schön? Die Bilder selbst artikulieren einen zurückhaltend neugierigen Blick, rücken ins Licht, was allzu oft verborgen bleibt, und laden zum Betrachten ein. Es darf ausgiebig geschaut werden. Dabei rückt weder die Fotografin den Porträtierten zu Leibe, noch überfallen die Fotografien ihr Gegenüber.

Die Grenze zwischen körperlicher Unversehrtheit und Behinderung verläuft nicht linear. Sie mäandert wie ein Bachlauf. Die Fotoserie kann insofern verstanden werden als Beitrag zur Etablierung inklusiver kultureller Repräsentationen, die Menschen mit Behinderung berücksichtigen und ihre Präsenz willkommen heißen, ohne ihnen vorschnell einen Platz zuzuweisen.

Die gesamte Fotoserie findest du hier:
https://www.hildepank.de/photography/2020-un-versehrt/

Hilde Pank, geboren in Eisenach und aufgewachsen in Potsdam, ist Absolventin der Bauhaus Universität Weimar, wo sie sich vor allem auf Buchgestaltung und Fotografie fokussierte, lebt und arbeitet als freischaffende Künstlerin seit einigen Jahren in Halle (Saale). Das Projekt wurde im Rahmen eines Arbeitsstipendiums im Jahr 2020 von der Kunststiftung Sachsen-Anhalt gefördert.

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