Thema – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de Tue, 03 Sep 2024 09:26:54 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.0 https://ansch.4lima.de/wp-content/uploads/2024/10/cropped-favicon-32x32.png Thema – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de 32 32 Die Menschen mitreißen https://ansch.4lima.de/die-menschen-mitreissen/ https://ansch.4lima.de/die-menschen-mitreissen/#respond Mon, 02 Sep 2024 11:27:05 +0000 https://anschlaege.at/?p=120021 Die Reserve-Astronautin Carmen Possnig würde sofort zum Mars fliegen und hat zur Vorbereitung schon ein Jahr in der Antarktis gelebt. Mit LEA SUSEMICHEL hat sie über vier Monate Dunkelheit, das Altern im All und die gewaltige Inspirationskraft des Weltraums gesprochen. an.schläge: Sie sind offiziell Reserve-Astronautin, aber recht zuversichtlich, dass Sie zum Einsatz kommen werden. Bei […]]]>

Die Reserve-Astronautin Carmen Possnig würde sofort zum Mars fliegen und hat zur Vorbereitung schon ein Jahr in der Antarktis gelebt. Mit LEA SUSEMICHEL hat sie über vier Monate Dunkelheit, das Altern im All und die gewaltige Inspirationskraft des Weltraums gesprochen.

an.schläge: Sie sind offiziell Reserve-Astronautin, aber recht zuversichtlich, dass Sie zum Einsatz kommen werden. Bei welchen Missionen könnte das sein? Besteht z. B. Hoffnung, dass Sie zum Lunar Gateway fliegen dürfen? (Der Lunar Orbital Platform-Gateway ist eine geplante Raumstation, die als Zwischenstation für die bemannte Mondlandung und zur Vorbereitung von Marsmissionen dienen soll, Anm.)

Carmen Possnig: Der Lunar Gateway wäre natürlich ein Traum. Aber im Moment scheint es eher realistisch, dass wir für eine Kurzzeitmission zur Internationalen Raumstation ISS fliegen.

Sie sind unter 25.000 Bewerber:innen in einem sechsstufigen Aufnahmeverfahren, bei dem die physische und psychische Eignung getestet wird, ausgewählt worden. Vor einem Einsatz gäbe es noch ein Jahr lang ein intensives Training. Wovor hätten Sie dabei am meisten Angst?

Wir bekommen von der ESA (Europäische Weltraumorganisation, Anm.) Ende des Jahres eine Art Überblickstraining, da ist dann auch das Unterwasser-Training für einen Außeneinsatz im All dabei. Davor hätte ich zwar keine Angst, aber am meisten Respekt. Es wäre aber natürlich auch wahnsinnig cool: Wenn nichts mehr zwischen einem selbst und dem Weltraum und der Erde da unten ist, das muss ein unglaublich tolles Gefühl sein. Das wird immer als Highlight jeder Mission beschrieben. Das Training für konkrete Missionen ist aber sehr spezifisch darauf zugeschnitten, es wird genau das geübt, was man dann konkret machen soll, und bei so kurzen Missionen ist es sehr unwahrscheinlich, dass es einen Außeneinsatz gibt.

Hatten Sie schon mal einen Raumanzug an?

Nein, noch nie. Darauf freue ich mich.

Der erste All-Außeneinsatz zweier Astronautinnen ist kürzlich gescheitert, weil es nur einen einzigen passenden Raumanzug für die beiden auf der ISS gab.

Ja, die kommen tatsächlich vor allem in den amerikanischen XL- und XXL-Größen. Inzwischen gibt es aber bessere Anzüge und auch die Außeneinsätze mit rein weiblicher Besatzung haben stattgefunden. Die ESA-Astronautin Samantha Cristoforetti hatte aber ein ähnliches Problem, weil sie relativ kleine Hände hat und ihr keine Handschuhe gepasst haben. Es ist aber ganz wichtig, dass die perfekt sitzen, damit man mit diesen dicken Handschuhen und dem großen Druckunterschied im All, der jede Bewegung wahnsinnig anstrengend macht, überhaupt arbeiten kann.
Sie war sechs Monate oben, ein Versorgungsschiff sollte ihr extra angepasste Handschuhe bringen, ist aber auf dem Weg explodiert. Sie hat von der Raumstation aus gesehen, wie es in Flammen aufgeht, damit war auch der Außeneinsatz gestorben.

Als sie zum zweiten Mal hochgeflogen ist, hatte sie die Handschuhe quasi im Handgepäck dabei. Dann hat es endlich geklappt mit dem Außeneinsatz.

Sie haben 13 Monate lang in der Antarktis gelebt, bei Außentemperaturen von bis zu minus achtzig Grad, vier Monate davon in völliger Dunkelheit, in völliger Isolation vom Rest der Welt. Im Auftrag der Europäischen Weltraumorganisation sollten Sie und ein kleines Forschungsteam herausfinden, wie sich Menschen unter solchen extremen Bedingungen verändern, auch im Hinblick auf künftige Mars-Expeditionen. Zu welchen Ergebnissen sind Sie gekommen?
Es hat sich z. B. gezeigt, dass die Aktivität des Immunsystems massiv zurückgeht, vor allem in den Monaten ohne Sonneneinstrahlung.

Bei minus achtzig Grad überlebt eigentlich nichts, was den Menschen gefährlich werden könnte, und gleichzeitig sind es für ein Jahr immer dieselben 13 Leute, es kommt also auch hier kein neuer Erreger dazu. Das Immunsystem ist aber wie ein Muskel, der regelmäßig trainiert werden muss. Als die ­Isolationsphase vorüber war und das erste Flugzeug mit neuen Leuten gelandet ist, von denen einer einen kleinen Schnupfenvirus mitgebracht hat, haben die Immunsysteme meiner Crew völlig überreagiert, die Hälfte ist tagelang mit hohem Fieber im Bett gelegen.

Ein anderes Experiment hat die kognitiven Fähigkeiten und die Feinmotorik getestet. Wir hatten dafür ein ziemlich komplexes Computerspiel mit einem Simulator, bei der wir mit einem Raumschiff mittels Joysticks an einer Raumstation andocken mussten. Man wollte damit herausfinden, wie oft während der achtmonatigen Reise trainiert werden muss, um ein Raumschiff auf dem Mars sicher landen zu können und auch wieder zurückzukommen. Ich habe mir angeschaut, wie sich die Fähigkeiten im Laufe der Zeit verändern. In den dunklen Monaten hat sich die Leistung deutlich verschlechtert.

Bei einer Marsexpedition gilt das menschliche Verhalten als großer Risikofaktor. Sie haben in einem Interview mal gesagt, dass man nicht wissen könne, wie Menschen psychisch darauf reagieren, wenn sie auf dem Weg zum Mars die Erde als Stern am Horizont verschwinden sehen. In der Forschungsstation am Südpol sollte mit Kälte und Dunkelheit auch die „sensorische Deprivation“ nachempfunden werden, die Menschen im All erleben. Über acht Monate gab es auch in der Antarktis keine Möglichkeit, abgeholt zu werden, selbst bei einem medizinischen Notfall nicht. Da muss man psychisch schon sehr stabil sein, um das gut wegzustecken. Wie haben denn die Leute reagiert?

Sehr, sehr unterschiedlich. Dabei spielt auch die Motivation, warum man etwas tut, eine große Rolle. Wenn Leute dafür brennen, weil sie vom Sinn der Sache überzeugt sind, weil sie damit etwas zur Klimawandelforschung beitragen oder zur Sicherheit vor Erdbeben oder bei mir halt zur Weltraumforschung, dann ist das wahnsinnig hilfreich.

Wir hatten einen dabei, der wollte sich mit dem Verdienst vor allem seine Pension aufbessern, aber Geld als Motivation reicht nicht, dem ging es richtig schlecht, für ihn war es schlimmer als Gefängnis. Es waren also durchaus Leute dabei, die sehr gelitten haben und die tatsächlich abgefahren wären, wenn das möglich gewesen wäre.

Was man unbedingt auch braucht, sind Strategien, um Stress zu verarbeiten, ohne fremde Hilfe. Einige Extrovertierte im Team, die für Stressabbau normalerweise auf eine Party gehen oder sich mit ihren Freunden treffen, waren auch arm dran, denn das funktioniert dort halt leider nicht.

Alle Teilnehmenden haben sich verändert über das Jahr, aber es wurde sehr deutlich, dass einzelne von ihrer Persönlichkeit her sehr viel besser geeignet sind, um mit so einer Isolationssituation gut zurechtzukommen und auch mit dieser extremen Umwelt und dem permanenten Risikogefühl.

Aber ich glaube, wenn man die richtigen Leute aussucht, dann ist es auch kein Problem, zum Mars und wieder zurückzufliegen, auch wenn das drei Jahre dauert.

Würden Sie mitfliegen?

Ich würde auf jeden Fall mitfliegen! Sofern es auch einen Rückflug gibt.
Als Medizinerin forschen Sie dazu, wie sich menschliche Körper verhalten, wenn sie der Schwerelosigkeit ausgesetzt sind.

Das All lässt den Körper viel schneller altern, was genau passiert dabei? Und gibt es dabei auch geschlechtsspezifische Auswirkungen?

Ich schaue mir vor allem an, wie sich das Herz-Kreislauf-System verändert, der Blutfluss ins Gehirn und in die Augen. Das kann zu Weitsichtigkeit führen, zum „Spaceflight-­Associated Neuro-Ocular Syndrome“ (SANS). Bis jetzt weiß man aber nicht so wirklich, warum manche Menschen stärker betroffen sind und andere gar nicht, und warum die Weitsichtigkeit bei manchen auf der Erde bestehen bleibt und bei anderen nicht, und vor allem: was man dagegen tun könnte.

Bei einer Mars-Expedition wäre die Crew drei Jahre unterwegs. Sollte die Weitsichtigkeit dabei immer weiter voranschreiten, kann es sein, dass jemand irgendwann blind ist, das wäre natürlich fatal für so eine Mission. Anfangs dachte man, dass Frauen nicht betroffen sind, weil die Weitsichtigkeit exklusiv bei Männern aufgetreten ist. Es hat sich allerdings herausgestellt, dass einfach viel zu wenige Frauen in der Statistik drin waren. Inzwischen ist klar, dass leider auch Frauen dieses Syndrom bekommen.

Es kommt auch zu massivem Muskelschwund und Osteoporose, oder?

Ja, Muskelkraft und Muskelmasse schwinden, weil die Muskeln wenig gebraucht werden, die Knochendichte nimmt ebenfalls ab. Da wäre es auch interessant zu sehen, wie sich das bei Astronautinnen nach der Menopause auswirkt, aber da gibt es natürlich noch viel weniger Daten.

Was entgegnen Sie auf Kritik daran, dass so viel Geld in Raumfahrtprogramme gesteckt wird, obwohl wir es dringend bräuchten, um die Probleme hier auf der Welt zu lösen, nicht zuletzt die Klimakatastrophe. Was hilft es uns auf der Erde, wenn wir zum Mars fliegen?

Durch unseren Wunsch, zum Mars zu fliegen, können wir viel lernen – auch, wie wir auf der Erde besser leben können. Wir ­können ja nicht genug Nahrung, Sauerstoff und Wasser mitnehmen für diese drei Jahre, so ein großes Raumschiff gibt es gar nicht, sondern wir brauchen eine Kreislaufwirtschaft, die alles erzeugt, was wir zum Überleben brauchen. Auf der ISS gibt es z. B. ein System zum Wasser-Recycling, bei dem fast 95 Prozent wiederverwendet werden können.

Auch der Urin wird recycelt.

Ja, auf dem amerikanischen Teil der ISS wird auch der Urin recycelt. Die Russen wollen das nicht. Das System kommt inzwischen aber auch in der Antarktis zum Einsatz und auch in Marokko und Algerien und in ein paar Wüstenregionen, die extrem wasserarm sind. Und das ist nur eine von ganz vielen Spin-off-Technologien, die wir dank der Raumfahrt inzwischen haben. Die ISS ist ja ein riesiges Labor, in dem man Dinge erforschen kann, die man auf der Erde nicht erforschen könnte. Auch zu erneuerbaren Energien und wie wir mit der Klimakatastrophe fertig werden können. Über 75 Prozent aller Daten zum Klimawandel kommen aus dem Weltall, ohne sie wüssten wir gar nicht, dass es eine Klimakatastrophe gibt.
Ein ganz wichtiger Punkt bei der astronautischen Erforschung des Weltalls ist außerdem die Inspiration – die Weltraumforschung begeistert die Menschen immer schon und reißt sie mit, über alle Generationen hinweg. Sie kann junge Leute dazu bringen, sich für Naturwissenschaften zu interessieren und sie zeigt uns, dass Krisen nicht ausweglos sind – dass nichts unmöglich ist.

Ihnen ist es auch wichtig, ein Vorbild für Mädchen zu sein und diese für MINT-Fächer zu begeistern. Sie sprechen dabei zwar immer wieder vom Forscher- und Entdeckergeist, der geweckt werden soll, aber anders als bei den großen Entdeckern oder dem „Space Race“ zwischen Russland und den USA, geht es nicht mehr um heroische Einzelkämpfer, sondern um Teamfähigkeit, Kooperation und verschiedene Perspektiven.

Ja, dieser Unterschied ist mir sehr wichtig: Ein Astronaut ist niemand, der irgendwo rauffliegt, um dort ein Selfie zu schießen, und dann wieder runterfliegt. Als Astronauten und Astronautinnen erforschen wir Dinge in einem Team, betreiben Wissenschaft und entwickeln Technologien. Wir vermehren Wissen, das andere begeistern kann.

Carmen Possnig: Südlich vom Ende der Welt. Wo die Nacht vier Monate dauert und ein warmer Tag minus 50 Grad hat: mein Jahr in der Antarktis, Ludwig Verlag 2020

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Eugenija Geiers Lebensweg bringt sie von einem süd-sibirischen Dorf zu den Zeugen Jehovas im Schwabenland. Heute kämpft die Aktivistin gegen Trans- und Behinderten­feindlichkeit. Von Julia Belzig

Ein knalliges Kanariengelb hat das Pulloverkleid, das Eugenija Geier sich zum Fototermin ausgesucht hat. Fröhlich lächelt sie in die Kamera, zwischendurch hilft ihr eine Pflegeassistentin beim Ausziehen ihrer plüschigen rosa Jacke. Für die meisten Menschen ist es eine Selbstverständlichkeit, sich selbst an- und auszuziehen. Für Eugenija nur einer von vielen Bereichen, in denen sie nicht über die Selbstständigkeit verfügt, die sie gerne hätte.

Alltäglich sind die physischen Barrieren, die für das ungeübte Auge unsichtbar sind: Da ist die schwer bewegbare Stahltür, die nach ihrem Einzug in den vermeintlich barrierefreien Häuserkomplex eingebaut wurde. Der unbenutzbare Aufzug bei der U-Bahn, der lange nicht repariert wurde. Und der teure Rollstuhl, an dem häufig etwas kaputt ist.

Eine ständige Herausforderung in ihrem Alltag ist die große Abhängigkeit von anderen Menschen. Zweimal täglich kommt jemand aus einem Pflegeteam, um bei ihr zu putzen, zu kochen und ihr beim Anziehen zu helfen. So ergeben sich Abhängigkeitsbeziehungen, in denen sich Probleme durch ihre Behinderung und ihre Transidentität überlappen. Zum Beispiel, wenn sich ihre Assistenten weigern, sie zu rasieren. Warum, ist nicht klar. Vielleicht ist es ihnen zu intim, vermutet Sebastian, der mit Eugenija als Sozialpädagoge zusammenarbeitet.

WIE EINE ZWEITE PUBERTAT. Die Frage nach ihrer Geschlechtsidentität wurde nach Eugenijas Umzug nach Berlin vor sechs Jahren immer dringlicher. Sebastian erinnert sich noch gut an die ersten Gespräche. Angefangen hat alles mit einem langen Mantel. Schon lange vor ihrer Transition wollte Eugenija schöne Frauenkleidung anziehen. Oft fragte sie ihren Wegbegleiter Sebastian, ob das normal ist; zeigte sich unglücklich, dass sie sich so seltsam fühlt. Irgendwann traut sich die 43-Jährige, ihre Gedanken zu teilen: „Ich bin eine Frau, kein Mann.“

Und so beginnt ihre Transition, Eugenija geht zur Psychotherapie und bekommt Hormone. Die Vornamens- und Personenstands­änderung verläuft problemlos. Nachdem all das geschafft ist, beginnt der schöne Teil. Eine unglaublich aufregende Zeit in Eugenijas Leben, wie eine zweite Pubertät. Sie trifft ihre Freund*innen und geht viel aus. Der Berliner Club „Schwuzz“ wird ein wichtiger Ankerpunkt – ein Ort, um andere queere Menschen zu treffen. Man sieht ihr die Veränderung auch an: Statt graubraunen Tönen leuchten die neuen Klamotten von Eugenija in knalligen Farben. An ihrem Rollstuhl hängt immer eine Stofftasche in den Farben des Regenbogens.

Die Stimme von ihrem Talker ändert sie von einer männlichen zu einer weiblichen. Ein Talker ist eine elektronische Kommunikationshilfe, wie ein Tablet oder iPad, das über eine Kamera mit Eugenijas Augen verbunden ist. Diese bewegt sie über Symbole, Buchstaben und Zahlen, die dann vom Talker versprachlicht werden. Einige Wörter sind fest eingespeichert, wie das Symbol eines dunkelhaarigen Mannes mit Bart – es steht für Sebastian. Auch die Buchstaben „ZJ“ für Zeugen Jehovas – dazu später mehr.

Die Stimme spricht recht roboterhaft für Eugenija aus, was sie zu sagen hat. Es dauert einen Moment, bis aus den einzelnen Wörtern ein Satz entsteht. In einer Welt, in der alles immer schneller wird, erfordert es Nachsicht und Geduld. Doch die Leute haben nicht immer Zeit, Eugenija zuzuhören. Und auch sie selbst hat nicht immer Geduld mit dem Computer. Dazu kommt, dass die Technik viel Geld kostet. Bei Sonnenschein funktioniert die Augensteuerung nicht, außerdem hat Eugenija Angst, dass das Tablet bei Bordsteinen aus der Halterung bricht. Deshalb ist es draußen nicht mit dabei und kommt nur in den Innenräumen zum Einsatz.

SCHWIERIGER START INS LEBEN. Eugenijas Leben beginnt in Russland. Bei ihrer Geburt in einem südsibirischen Dorf führen Probleme mit der Nabelschnur zu einem Sauerstoffmangel. Eugenija kommt als vermeintliche Totgeburt zur Welt, 45 Minuten lang wird sie wiederbelebt. Teile ihres Gehirns erleiden dabei irreparable Schäden.

„Ich glaube, vielen ist es gar nicht klar, wie viel Menschen wie Eugenija aufholen müssen“ erklärt Sebastian. Denn es ist etwas ganz anderes, wenn die Behinderung die Folge einer Krankheit oder eines Unfalls ist, wenn man viele Dinge vorher konnte und ein anderes Leben geführt hat. Was bei neun von zehn Betroffenen der Fall ist. Menschen, die mit einer Behinderung geboren wurden, sind innerhalb der Community eine Minderheit. In Deutschland leben laut der Bundeszentrale für politische Bildung knapp acht Millionen Menschen, die schwerbehindert sind. Nur 3,3 Prozent von ihnen sind mit dieser Behinderung auf die Welt gekommen.

Über ihr Leben in Russland erzählt Eugenija nur wenig. Das Leben dort ist besonders hart mit einer schweren Behinderung. Im Winter ist es kalt, minus 45 Grad. Es ist kompliziert, aus dem Haus zu kommen, besonders wenn man nicht laufen kann. Und es gibt keine geeignete Schule für sie. Deshalb zieht die Familie, als sie vierzehn ist, aus Südsibirien ins – wie sie sagt – „Schwabenländle“. In Deutschland geht sie auf eine Schule für Menschen mit Behinderungen und findet viele Freund*innen, es geht ihr gut. Doch ihre Jugend ist holprig: Eugenija wohnt vorübergehend bei ihrer Tante, die Mitglied bei den Zeugen Jehovas ist. Bis zum Tod der Tante bleibt Eugenija mit ihr in dieser in Deutschland anerkannten Glaubensgemeinschaft, die rund 200.000 Mitglieder zählt. Sie alle unterwerfen sich strengen Vorschriften, auch vorehelicher Sex, Homo- und Transsexualität sind tabu. Es ist ein schwieriger Lebensabschnitt, geprägt von Verboten und vielen ungeklärten Fragen. Denn bei den Zeugen Jehovas wird das Thema Sexualität insgesamt unterdrückt, die Bedürfnisse der Menschen werden kontrolliert, Lust verteufelt. Eugenija erinnert sich an Situationen, in denen sie „sündigte“. Durch die strengen Regeln und die sehr autoritäre religiöse Lebensweise wird jede freie Willensentfaltung erschwert. So zumindest erklärt sich Wegbegleiter Sebastian die Unsicherheit Eugenijas. Die für sich erst herausfinden musste, was sie fühlen darf, und die es ungeheuer viel Kraft gekostet haben muss, einzufordern, sie selbst sein zu dürfen.

AUF DER BUHNE. Doch auch heute stößt sie immer wieder an Grenzen. Aber ihr Leben ist auch mit vielen schönen Dingen ausgefüllt. Zum einen ist da ihre Katze Maja, mit grauem Fell und gelben Augen. Das Tier bringt Leben in die Bude. Während unseres Gesprächs klatscht Eugenija immer wieder in die Hände und stößt einen hohen Schrei aus, sobald Maja auftaucht. Einmal die Woche fährt Eugenija zum Rollisport. Außerdem ist sie aktiv beim Bündnis „behindert und verrückt feiern – pride parade“, das einmal im Jahr eine Demonstration für Menschen mit Behinderung organisiert. Sie setzt sich für mehr Sichtbarkeit und Gleichberechtigung von Menschen ein, die trans und/oder behindert sind und macht auf Diskriminierungen aufmerksam. Beim letzten Mal, im Sommer 2023, hielt sie eine Rede vor Hunderten Teilnehmenden. Mit Sebastian hat sie an dem Beitrag gearbeitet, der Talker liest sie bei der Veranstaltung vor. Als Referentin informiert Eugenija auf Fachtagungen über Unterstützende Kommunikation über ihre Art, sich mit der Sprachassistenz auszudrücken und macht Führungen im Humboldtforum für andere schwerbehinderte Menschen.

Mit dem Umzug nach Berlin und der Transition ist Ruhe in Eugenijas Leben gekehrt. Zumindest einige große Fragen sind geklärt. Sie sucht nun mehr und mehr die Öffentlichkeit: Denn Eugenija will ihre Geschichte erzählen.

Julia Belzig ist freie Journalistin aus Berlin. Für dieses Porträt hat sie sich im letzten Jahr mehrmals mit Eugenija getroffen, um ihren Lebensalltag zu verstehen.

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Dem Widerstand eine Stimme geben https://ansch.4lima.de/dem-widerstand-eine-stimme-geben/ https://ansch.4lima.de/dem-widerstand-eine-stimme-geben/#respond Mon, 27 May 2024 18:08:07 +0000 https://anschlaege.at/?p=118205 Wir alle sollten ihre Namen kennen: Von Widerstandskämpferinnen wie Antonia Bruha, Käthe Sasso und Milena Gröblacher, die sich gegen das NS-Regime stellten. Von Helena Verdel. Frauen haben aus vielfältigen Gründen gegen die nationalsozialistische Gewaltherrschaft Widerstand geleistet – die einen aus politischer Überzeugung, andere, weil sie dem rassistischen Ideologem der Nationalsozialisten nicht folgen konnten. Frauen, die […]]]>

Wir alle sollten ihre Namen kennen: Von Widerstandskämpferinnen wie Antonia Bruha, Käthe Sasso und Milena Gröblacher, die sich gegen das NS-Regime stellten. Von Helena Verdel.

Frauen haben aus vielfältigen Gründen gegen die nationalsozialistische Gewaltherrschaft Widerstand geleistet – die einen aus politischer Überzeugung, andere, weil sie dem rassistischen Ideologem der Nationalsozialisten nicht folgen konnten. Frauen, die halbverhungerten Kriegsgefangenen ein Stück Brot zusteckten oder, noch schlimmer, sich in einen „Untermenschen“ verliebten, fanden sich in den Konzentrationslagern und Haftanstalten wieder, gemeinsam mit den Frauen, die bewusst die Entscheidung getroffen hatten, sich gegen das Regime zu stellen.

Frauen wie Antonia Bruha, Käthe Sasso oder Milena Gröblacher haben nach 1945 maßgeblich dazu beigetragen, dass ihr Beitrag und jener ihrer Mitkämpfer*innen an der Befreiung nicht in Vergessenheit geriet, unabhängig davon, ob das dem politischen und publizistischen Mainstream als Thema gerade genehm war oder nicht.

„Ich war keine Heldin“. Antonia Bruha (1915-2006), Wiener Tschechin und Sozialistin, beginnt schon in der Zeit des Austrofaschismus damit, Widerstand zu leisten, indem sie illegale Zeitungen aus der Tschechoslowakei nach Österreich schmuggelt. Nach der Okkupation durch Hitlerdeutschland schließt sie sich einer tschechisch-sozialistischen Widerstandsgruppe an, sie schreibt und verteilt Flugblätter und beteiligt sich an Sabotageaktionen. 1941 fliegt die Gruppe auf, von hundert Festgenommenen überleben nur 31 Personen.

Antonia Bruha wird knapp drei Monate nach der Geburt ihrer Tochter verhaftet und weiß lange nichts über den Verbleib ihres Kindes. Folter, Einzelhaft, die Ungewissheit über das Schicksal der Menschen, mit denen sie gekämpft hat, vor allem aber das Schicksal ihres Mannes und ihres Kindes trieben sie an den Rand der Verzweiflung. Erst als sie von einer Wärterin die Nachricht bekommt, dass ihr Mann frei und ihr Kind in Sicherheit ist, fasst sie wieder Mut. Nach einem Jahr Gefängnis wird sie in das KZ Ravensbrück überstellt. Auch dort, inmitten des tagtäglichen Grauens, bleibt sie politisch aktiv und engagiert sich im internationalen Lagerkomitee. Die Flucht gelingt ihr gemeinsam mit einer Genossin Ende April 1945 auf einem der Evakuierungsmärsche, auf dem zuletzt noch viele Frauen aufgrund von Hunger, Erschöpfung, oder weil sie zu Tode geprügelt oder erschossen wurden, umkamen. Nach dem Krieg schreibt sie das Erlebte nieder, um das Geschehene zu verarbeiten, aber auch um sich an die Menschen zu erinnern, mit denen sie Haft und Lager geteilt hatte. Diese Erinnerungen bilden die Grundlage für ihre 1984 im Europaverlag erschienene Biografie „Ich war keine Heldin“.

Antonia Bruha wird 1947 Gründungsmitglied der Lagergemeinschaft Ravensbrück und arbeitet später im 1963 gegründeten Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes ehrenamtlich mit.

Das Bild geraderücken. Ebenfalls Gründungsmitglied der Lagergemeinschaft Ravensbrück war die im April fast hundertjährig verstorbene Käthe Sasso (1926-2024), eine Burgenlandkroatin, die in Wien aufgewachsen ist. Da beide Elternteile schon im Kampf gegen den Austrofaschismus aktiv waren – der Vater wurde 1935 für einige Zeit eingesperrt –, kommt sie schon sehr früh in Kontakt mit antifaschistischem und widerständigem Gedankengut. Sie muss auch miterleben, wie Freunde ihrer Eltern bald nach dem sogenannten Anschluss verhaftet werden und verschwinden. Für die Familien der Inhaftierten wird Geld gesammelt, es werden Flugblätter gegen den Krieg produziert. Als der Vater 1940 zur Wehrmacht einrücken muss und die Mutter 1941 nach schwerer Krankheit verstirbt, macht die 15-jährige Käthe einfach weiter. Doch der Gestapo gelingt es, einen Spitzel in ihre Gruppe einzuschleusen, Käthe Sasso wird im August 1942 verhaftet. Von Jänner 1943 bis zum 26. April 1944 sitzt sie im Landesgericht 1 ein, wo auch die Hinrichtungen stattfanden. Sie selbst bezeichnet diese Zeit in einem Interview als die schlimmste ihres Lebens, die vielen letzten Worte, die von den Verurteilten aus dem Parterre hinaufgeschrien werden in den vierten Stock, wo Käthe Sasso in der Jugendzelle einsaß, werden sie bis ins hohe Alter verfolgen. Nach dem Krieg ist es ihr ein Herzensanliegen, diesen Toten eine würdige Ruhestätte zu sichern. Verscharrt am Zentralfriedhof in der Gruppe 40 mussten sie allerdings bis 2013 warten, ehe ihnen dank der Bemühungen von Käthe Sasso und ihren Mitstreiter*innen endlich ein würdiges Gedenken durch die Stadt Wien zuteil wird. Das Areal wird zur Gedenkstätte für die Opfer der nationalsozialistischen Justiz umgewidmet. Käthe Sasso selbst entgeht der Hinrichtung, weil sie beim Prozess von allen Mitkämpfer*innen geschützt wurde. Doch wie für so viele andere hieß das nicht Freiheit, sondern Konzentrations­lager. Sie kommt zuerst in das Arbeitserziehungslager Oberlanzendorf, im Herbst 1944 dann in das Frauenlager Ravensbrück. Nach dem Krieg muss sie erkennen, wie sehr die nationalsozialistische Propaganda nachwirkt und dass auch nach 1945 ehemalige KZ-Insass*innen als „arbeitsscheues Gesindel“ und „Verbrecher“ denunziert werden. Dieses Bild zurechtzurücken ist Käthe Sasso zeitlebens ein Anliegen.

Kampf der Partisan*innen. Anders der Weg der Kärntner Sloweninnen. Auch sie lehnen das rassistische Weltbild der Nationalsozialisten ab, leisten jedoch zunächst keinen aktiven Widerstand. Erst als nach dem Überfall auf Jugoslawien 1941 alle slowenischen Institutionen verboten und geplündert werden und 1942 über 300 Familien verschleppt wurden, um ihre Bauernhöfe den sogenannten Optanten aus dem Kanaltal übergeben zu können, wird klar, dass Stillhalten für die slowenische Volksgruppe keine Überlebensstrategie ist. Die ersten Mitglieder der Befreiungsfront und die Partisan*innen in ihrem Gefolge treffen auf eine große Bereitschaft, sich dem Widerstand anzuschließen. Aber wer ist überhaupt noch auf den Höfen? Jugendliche, ältere Männer – die jungen waren zur Wehrmacht eingezogen worden – und vor allem Frauen. Sie sind es, die den Kämpfer*innen das Überleben im Untergrund in den Wäldern ermöglichen. So auch Milena Gröblacher (1921-1997) aus St. Kanzian, die sich im Herbst 1943 der Befreiungsfront anschließt. Sie sammelt Sanitätsmaterial, Bekleidung, organisiert Papier für die illegalen Drucksorten der Partisan*innen, verbreitet Flugblätter, sammelt Informationen über die Infrastruktur der Umgebung, überbringt Nachrichten, wenn Aktionen gegen die Partisan*innen geplant sind und ist vor allem ein wichtiges Bindeglied zwischen der illegalen Welt der Partisan*innen und ihren Unterstützer*innen.

Als ihre Freundin Lizika Ročičjak 1944 verhaftet, verhört und Anfang 1945 zu Tode verurteilt und hingerichtet wird, ist ihre Angst groß, dass auch ihr Widerstand der Gestapo bekannt wird. Doch die Freundin hält stand und Milena Gröblacher überlebt. Bei den Treffen mit den Partisan*innen werden aber nicht nur Aufgaben verteilt, sondern es wird auch politisch diskutiert. Zum ersten Mal werden Milena und ihre Genoss*innen als Menschen angesprochen, die ein Recht darauf haben, diese Welt mitzugestalten und ihre Stimme auch in der Öffentlichkeit zu erheben, etwas, das in ihrer patriarchalen katholischen Welt vorher undenkbar war. Ihre Stimme hat Milena Gröblacher auch nach dem Krieg weiter erhoben: als Vorsitzende des Slowenischen Frauenverbandes, der Nachfolgeorganisation der 1943 gegründeten Antifaschistischen Front der Frauen, für die Rechte der Frauen, für die Rechte der Kärntner Slowen*innen.

Das ist diesen drei Frauen und vielen anderen Frauen, die Widerstand gegen den Nationalsozialismus geleistet haben, gemeinsam: Sie haben nach dem Krieg über das Erlebte erzählt, in Schulen, bei Diskussionsveranstaltungen, Gedenkfeiern, in Büchern. Sie haben damit auch all jenen, die mit ihren Leben bezahlten, eine Stimme gegeben. Und sie haben Dokumente über diese Zeit gesammelt und so dafür gesorgt, dass die historische Forschung genug Material hat, damit es der Widerstand der Antifaschist*innen auch in die Geschichtsbücher schafft.

Helena Verdel ist eine österreichisch–slowenische Publizistin und Sachbuchautorin.

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Der Hass in Hässlichkeit https://ansch.4lima.de/der-hass-in-haesslichkeit/ https://ansch.4lima.de/der-hass-in-haesslichkeit/#respond Fri, 26 Apr 2024 02:52:26 +0000 https://anschlaege.at/?p=117567 Schönheitsstandards sind nicht naturgegeben. VERENA KETTNER hat Moshtari Hilals bemerkenswertes Buch „Hässlichkeit“ gelesen und viel über die eurozentrische Kulturgeschichte von Hässlichkeit erfahren. »Pferdefresse, was hast du dir gedacht, so freundlich zu grinsen, aus meinem Gesicht?“ So beginnt die Autorin Moshtari Hilal ihr Buch „Hässlichkeit“ und führt ein paar Zeilen weiter aus: „Ich sah mich auf […]]]>

Schönheitsstandards sind nicht naturgegeben. VERENA KETTNER hat Moshtari Hilals bemerkenswertes Buch „Hässlichkeit“ gelesen und viel über die eurozentrische Kulturgeschichte von Hässlichkeit erfahren.

»Pferdefresse, was hast du dir gedacht, so freundlich zu grinsen, aus meinem Gesicht?“ So beginnt die Autorin Moshtari Hilal ihr Buch „Hässlichkeit“ und führt ein paar Zeilen weiter aus: „Ich sah mich auf vierzehn passfotogroßen Rechtecken und sie blickten zurück. Es war, wie A. mir noch im Schulflur erklärt hatte: schiefe Zähne, langes Gesicht, große Nase. Vierzehnmal lernte ich mit vierzehn, ich bin hässlich.“ Das Kapitel schließt mit den Worten: „Ich suche das Foto für dieses Buch. Ich suche vergeblich eine hässliche Pferdefresse. Finde nur das Bild eines Kindes, das Zähne zeigend vierzehn Jahre lang zum letzten Mal gelächelt haben wird.“

In ihrem großartigen Werk, das weder vollständig Roman noch Sachbuch, Gedichtzyklus oder Bildband, sondern alles auf einmal ist, unternimmt Moshtari Hilal eine Annäherung an die Angst- und Hassgefühle, die mit dem Konzept von Hässlichkeit verknüpft sind. Denn Hässlichkeit ist nicht oberflächlich, genauso wenig wie Schönheit: „Hässlichkeit wäre oberflächlich, wenn es in Wahrheit nicht um Hass ginge, um den Wunsch, nicht gehasst zu werden, sich selbst nicht zu hassen.“ Hilal arbeitet heraus, wie wir Menschen bereits sehr früh lernen, uns selbst und insbesondere unsere Körper mit Hass zu betrachten. Einem Hass, der eigentlich aus der Angst entsteht, von der Norm abzuweichen und aufzufallen. In Wahrheit hassen wir „nicht unsere fetten Oberschenkel, unsere dreckigen Finger, unseren behaarten Bauch oder unser schiefes Kreuz, sondern wir fürchten die kategorische Nähe zu denen, die unsere Gesellschaft hasst“, analysiert Hilal.

RASSISTISCHE WURZELN. Die Wurzeln dessen, was in der Ästhetik der sogenannten westlichen Moderne als hässlich wahrgenommen wird, liegen in rassistischen, kolonialistischen, antisemitischen, ableistischen und sexistischen Bildern. Der Psychiater und Schriftsteller Frantz Fanon schrieb 1952 in seinem bahnbrechenden Werk „Schwarze Haut, weiße Masken“, in dem es um die Selbstentfremdung von Schwarzen geht, über den Zusammenhang von europäischer Kolonisierung und globalem Kapitalismus mit Schönheitsstandards. Die (Haut-)Farbe Weiß wurde mit Schönheit assoziiert, Schwarz hingegen mit Hässlichkeit. Es bleibt allerdings nicht nur bei einer ästhetischen Verknüpfung, so Fanon: „Dieses Weiß, das sich für schön hält, für besser, für vernünftiger, für vollkommener, für reiner“. Reinheit, Vernunft, Zivilisation bildeten für die europäischen Kolonisator*innen die Kernelemente ihrer Überlegenheitsideologie, mit der sie die gewaltsame Ausbeutung und Unterdrückung legitimierten. Viele dieser rassistischen Bilder wirken bis heute in den westlichen Vorstellungen von Schönheit und Hässlichkeit. So wird der Kriminelle, der Außenseiter gerne weiterhin mithilfe von dunkler Haut, einem stark behaarten, buckeligen oder anders abweichenden Körper, oft mit einer großen Nase, verkörpert. Das geschieht in deutschen Filmklassikern wie „Die weiße Massai“ ebenso wie in Kinderfilmen wie „Dumbo“.

HAARIGER SEXISMUS. Hilal geht in „Hässlichkeit“ auf diese Stereotype ein, schreibt über die Geschichte von Freakshows und „Ugly Laws“, mit denen hässliche Menschen aus den Städten verbannt werden sollten, und behandelt nicht nur Schönheitskriterien wie Hautfarbe und Gewicht, sondern auch die Form des Gesichts, die Größe der Nase oder Körperbehaarung. Sie fragt sich z. B., woher Menschen wissen sollen, wo sie beim Rasieren aufhören sollen? Welche Art von Haaren ist „dreckig“ und eklig, welche nicht? Warum müssen Haare an den Beinen entfernt werden, an den Armen jedoch nicht? Und warum müssen weibliche* Menschen mit starkem Haarwuchs die Haare an den Armen dann eben doch entfernen, um nicht als hässlich abgestempelt zu werden? Im Kapitel „Wolfsmädchen“ geht Hilal dieser geschichtlichen Verschränkung von rassistischen und sexistischen Vorstellungen beim Thema Körperbehaarung nach: „Behaarungen von Körper und Gesicht galten der Forschung nach Darwin als sekundäre Geschlechtsmerkmale. Sie wurden als Indizien der sogenannten anthropologischen Entwicklung der Rasse angesehen: Je höher die evolutionäre Entwicklung, desto stärker die Gegensätze zwischen Mann und Frau.“ Starker Haarwuchs bei Frauen gilt also nicht nur als hässlich, es schwingt implizit auch die rassistische Verurteilung mit, sie sei ein Zeichen von „Minderwertigkeit“. Darüber hinaus wurde starker Haarwuchs von Kriminologen und Dermatologen mit Geisteskrankheit in Verbindung gebracht, wie Hilal herausarbeitet. Auch diese Trope findet sich heute noch in Filmen, insbesondere bei der Inszenierung von Weiblichkeit.

SCHAMBEHAFTETE EINSAMKEIT. Hässlichkeit ist nicht nur mit Gefühlen von (Selbst-) Hass und Angst aufgeladen, sondern auch mit Scham. Denn Hässlichkeit macht einsam, so das Narrativ – wer möchte schon eine hässliche Frau heiraten? In ihrer Auseinandersetzung mit der Geschichte großer Nasen, insbesondere auch mit der sogenannten „jüdischen Nase“, bringt Hilal diese Scham mit antisemitischen, rassistischen und sexistischen Ideologien in Verbindung. So war plastische Nasenchirurgie (Rhinoplastik) nicht nur in ihrer Familie vollkommen normalisiert, für Hilal aber trotzdem mit einem starken Schamgefühl sowie der Angst verknüpft, dass trotz dieser Selbstverneinung der eigenen Geschichte und Herkunft einen die weiße Mehrheitsgesellschaft nicht aufnehmen würde. Hässlichkeit wird als faschistische Ideologie entlarvt, da das strukturell Andere (= die große Nase) ihr nie entkommen kann. Denn im Grunde geht es dabei nicht um die Ablehnung der stigmatisierten Nase an sich, sondern um die Verachtung des Menschen, der diese Nase trägt. Plastische Chirurgie in Form von ethnischer Rhinoplastik, also der Nasenkorrektur aller „nicht-kaukasischen Nasen“, ist ein riesiger Markt, denn sie ist immer auch ein Assimilationsversprechen. Menschen, die Rhinoplastik in Anspruch nehmen, wünschen sich also die Befreiung von einer real erfahrenen Stigmatisierung aufgrund der eigenen Nase, wissen jedoch zugleich, dass die Ablehnung sie viel tiefer trifft.

EINE ANDERE GEWISSHEIT. Dabei ist das eurozentrische Projekt der Schönheitslehre, der sogenannten Ästhetik, historisch und global betrachtet nicht die einzig existierende Definition von Schönheit. Hilal erinnert daran, dass die dekolonialen Theoretiker Walter Mignolo und Rolando Vázquez das Konzept „AestheTics“ (Ästhetik) von der sinnlichen Erfahrung der Schönheit selbst in ihrem Wortgebrauch „aestheSis“ unterscheiden. Zu dieser sinnlichen Erfahrung des Schönen sind alle jederzeit fähig, ohne Doktrinen und Ideologien, sie geht der Ästhetik voraus, da die Vorstellung von Schönheit überhaupt erst auf diesem Fühlen aufbauen kann. Die sogenannte epistemische Gewalt, also das Auslöschen von Wissen und der Geschichtsschreibung insbesondere des globalen Südens, lässt die westliche Ästhetik als vermeintlich universellen Maßstab für Schönheit und Hässlichkeit übrig. Hilal fasst diese Form der Gewalt treffend zusammen: „Die klassische Ästhetik des Westens wirkt weit über Europa und die USA hinaus und ist trotzdem allein nach seinem kulturellen Erbe und seinen elitären Körpern ausgerichtet. Sie (…) braucht stets den Gegensatz: Alles in ihr entfaltet sich immer im Kontrast zum Anderen.“ Etwas als hässlich zu bewerten, erfüllt immer die Funktion von Abgrenzung und Abwertung, ist also keine Frage von Hirnchemie und mitnichten naturgegeben. „Auch ich bin schön“ – sich mit all diesen Argumenten und auf der Grundlage ethischer Überlegungen davon zu überzeugen, sei dennoch schwierig. Mit Rekurs auf die Aktivist*innen Mia Mingus und ALOK plädiert Hilal am Ende ihres so lesenswerten Buches deshalb für „eine Politik des Hässlichen und der Großartigkeit“. Schönheit biete sowieso nur die Illusion von Trost, schließlich sei sie immer vergänglich, „in der Hässlichkeit ruht eine andere Gewissheit“. Die Versöhnung mit unserer Hässlichkeit lehre uns „Verletzlichkeit, Intimität und Vertrauen“ und nicht zuletzt auch, unsere Menschlichkeit und Sterblichkeit anzuerkennen.

VERENA KETTNER findet vieles hässlich. Vor allem das Patriarchat und den Kapitalismus.

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Diese wachsende Wurschtigkeit empfinde ich als totale Erlösung https://ansch.4lima.de/diese-wachsende-wurschtigkeit-empfinde-ich-als-totale-erloesung/ https://ansch.4lima.de/diese-wachsende-wurschtigkeit-empfinde-ich-als-totale-erloesung/#respond Fri, 26 Apr 2024 02:38:24 +0000 https://anschlaege.at/?p=117569 Die Autorin STEFANIE SARGNAGEL wurde schon mit 29 als „nicht fernsehtauglich“ bezeichnet. Sie freut sich über den „Attraktivitätskommunismus“, den das Alter mit sich bringt. Interview: LEA SUSEMICHEL an.schläge: „Altern ist Attraktivitätskommunismus“, dieser schöne Satz findet sich in deinem neuen Buch „Iowa“. Würdest du ihn ein bisschen ausführen?Stefanie Sargnagel: Wie die Umwelt einem begegnet, hängt ja […]]]>

Die Autorin STEFANIE SARGNAGEL wurde schon mit 29 als „nicht fernsehtauglich“ bezeichnet. Sie freut sich über den „Attraktivitätskommunismus“, den das Alter mit sich bringt. Interview: LEA SUSEMICHEL

an.schläge: „Altern ist Attraktivitätskommunismus“, dieser schöne Satz findet sich in deinem neuen Buch „Iowa“. Würdest du ihn ein bisschen ausführen?
Stefanie Sargnagel: Wie die Umwelt einem begegnet, hängt ja auch davon ab, wie man aussieht: Hautfarbe, Alter, Gewicht, Geschlecht. In der Vergangenheit hatte ich das Gefühl, ich muss meinen blonden, dünnen Freundinnen erklären, dass bestimmte Typen ganz anders zu ihnen sind als zu mir. Ihr Arschlochradar war in manchen Situationen durch ihr Aussehen weniger fein justiert. Jetzt, wo wir auf die Vierzig zugehen, gleicht sich das etwas an und so wird das jetzt weitergehen. Im gemeinsamen Altern gibt’s eine gewisse versöhnliche Gerechtigkeit. Diese wachsende Wurschtigkeit empfinde ich als totale Erlösung.

Auch wenn wir natürlich eh noch halbwegs jung sind. Ein absurder Sachverhalt ist ja, dass viele Frauen am meisten Komplexe in dem Alter haben, in dem sie am besten aussehen.

Das Erstarken der Body-Positivity-Bewegung kann leicht darüber hinwegtäuschen, dass eigentlich vieles immer ärger wird und Schönheitsstandards in vielerlei Hinsicht immer rigider. Würdest du dem zustimmen?
Ich weiß nicht, ob ich da von Täuschung reden würde. Es gibt auch so ein unterschiedliches Verständnis von Body Positivity. Manche sagen, es würde erst recht den Blick auf Äußerlichkeiten richten. So erlebe ich das nicht. In Sozialen Medien Bildern von dicken Frauen anzuschauen, die sich gut anziehen, entspannt mich. Es ist für mich dann weniger die Message „Alle sind schön“, sondern eher „Man muss nicht schön sein, um cool auszusehen.“

Auch viele (Celebrity-)Feministinnen inszenieren sich auf Instagram inzwischen ohne mit der Wimper zu zucken immer modellmäßiger, und Schönheitspflege gilt inzwischen zunehmend auch in feministischen Kontexten als Self Care und Selbstbestimmung. Müssten wir dem Schönheitsterror nicht viel eher „Attraktivitätskommunismus“ als politisches Projekt entgegensetzen?
Mein Verhältnis ist ambivalent. Ich fände hässliche Bilder natürlich cooler und Beauty-Influencer oder das Bewerben von Schönheitseingriffen halte ich für eine Verschwendung von Lebenszeit. Das Vorzeigen von Spaß an Mode und Styling, auch wenn man halt irgendwie aus der Norm fällt, das finde ich schon auch ganz gut, das kann Leute schon auch ermutigen. Es gibt ja das Phänomen, dass dicke Frauen ihr ganzes Leben verschieben auf den Zeitpunkt, an dem sie dann mal schlank sind. Das macht depressiv, da muss man schon dagegen arbeiten.

Wenn Frauen im Fernsehen arbeiten, hängt davon halt oft ihre Karriere ab. Mir hat mal ein deutscher Redakteur gesagt, dass er mich vorgeschlagen hätte, aber ich wäre als „nicht fernsehtauglich“ bezeichnet worden. Mit 29.

Wie die meisten Feministinnen, die auf Social Media aktiv sind, hast du sehr viel Hass abbekommen, der oft auch über die Abwertung des Äußeren läuft. Hat sich das im Laufe der Jahre verändert?
Seltsamerweise kommt es kaum noch vor. Die FPÖ aktiviert keine Trollwellen mehr gegen linke Künstlerinnen. Vielleicht sind die Blasen noch stärker gespalten. Telegram-Gruppen sind wichtiger geworden. Manchmal habe ich das Gefühl, ich bin weniger politisch, weil ich weniger mit Dreck beworfen werde, dabei mache ich immer noch dasselbe. Man begegnet sich online nicht mehr.

Unlängst hast du getwittert, dass „bladen Frauen“ das Existenzrecht abgesprochen wird. Was war der Auslöser?
Ich glaub, es war ein Artikel über Body Positivity und dann bin ich in die Untiefen des „Standard“-Forums abgetaucht. Ich finde es furchtbar, wie Leute, die nie Übergewicht hatten, Leute verurteilen. Ich komme aus einer Familie, in der ständig übers Abnehmen geredet wurde, ein halbes Leben wurde Diät gemacht, Kuren, Fastenwochen, lebenslänglich Weight Watchers, Magenverkleinerungen und trotzdem blieben sie dick und kämpften sich täglich daran ab. Und dann kommen Menschen ohne diese Veranlagung und meinen „Warum unternehmen die denn gar nichts dagegen?“ Das macht mich wahnsinnig. Body Positivity ist keine Dickenpropaganda, sondern eine Hilfe zur Selbstakzeptanz, sich nicht völlig auf diesen Lebensaspekt zu fixieren und eine Aufforderung, das Leben jetzt zu genießen, nicht in einer fantasierten dünnen Zukunft.

Bei Übergewichtigen leben ja sogar linke Leute noch unverblümter ihre gruppenspezifischen Gehässigkeiten aus, weil sie angeblich ja selbst schuld sind.

In „Iowa“ gibt es auch die lustige Szene, in der es um die Fotoauswahl von Christiane Rösinger geht und das Kriterium dabei vor allem das Dünnaussehen ist. Und eine andere, die zeigt, wie sehr sie mit dem Altern hadert. Warum ist es offenbar auch für Feministinnen so schwer, einfach glücklich alt und dick zu werden?
Wir sind von Jugend an gehirngewaschen, das ist schwer abzustellen. Man muss sich nur alte Jugendzeitschriften anschauen, das grenzt an Körperverletzung. Und es wird auch total positiv bestärkt, wenn man z. B. durch eine Essstörung Gewicht verliert. Beim Thema Essstörungen fände ich überhaupt mal eine Outingkampagne interessant, wie bei den Abtreibungen in den Siebzigern, das ist ja auch alles total kaputt, wie viele Frauen z. B. heimlich speiben.

Es kann halt so weit gehen, dass man einfach weniger verdient im Beruf, wenn man sich dem nicht unterordnet. Ich persönlich bin ja gut austherapiert und strebe keine Mainstream- TV-Karriere an. Ich habe zwar keine völlige, aber doch eine große Gleichgültigkeit diesbezüglich entwickelt, Christiane ist eher therapieskeptisch.

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Lip Flip und Buccal Fat https://ansch.4lima.de/lip-flip-und-buccal-fat/ https://ansch.4lima.de/lip-flip-und-buccal-fat/#respond Fri, 26 Apr 2024 02:14:11 +0000 https://anschlaege.at/?p=117571 Im Netz klären Beauty-Docs und Influencer:innen über die neuesten Trends bei kosmetischen Eingriffen auf – und entlarven die Tricks der Stars. Wollen wir das eigentlich wissen? ANNA LINDEMANN und BRIGITTE THEISSL sind sich da nicht einig. Seit vergangenem Jahr sieht in Hollywood jeder zweite Promi so aus, als würde er sich ständig von innen auf […]]]>

Im Netz klären Beauty-Docs und Influencer:innen über die neuesten Trends bei kosmetischen Eingriffen auf – und entlarven die Tricks der Stars. Wollen wir das eigentlich wissen? ANNA LINDEMANN und BRIGITTE THEISSL sind sich da nicht einig.

Seit vergangenem Jahr sieht in Hollywood jeder zweite Promi so aus, als würde er sich ständig von innen auf die Wangen beißen. Auf Instagram habe ich diese dünnen und kantigen Gesichter gesehen und angefangen, über meinen Wangenspeck nachzudenken. Zum Glück folge ich auch Accounts von Ärztinnen und Hobby-Expert:innen, die mir genau erklären, was hinter dem Schönheitstrend steckt: „Buccal Fat Removal“ heißt der Eingriff. Dabei wird das Fett unter den Wangenknochen abgesaugt, für noch mehr Konturen im Gesicht können zusätzlich Face Filler einoperiert werden.

Das ist natürlich nicht der einzige beliebte Eingriff: Im Trend sind zum Beispiel auch Lip Flips (Eingriff an der Oberlippe), Baby Botox (gering dosiertes Botox), Po-Vergrößerungen. Je länger die Liste, desto erleichterter bin ich, Bescheid zu wissen. Dazu tragen im Übrigen auch immer mehr Beautys bei, die öffentlich eingestehen, was sie an sich machen lassen haben. Eine von ihnen ist das deutsche Model Stefanie Giesinger.

Natürlich ist niemand dazu verpflichtet, über das eigene Aussehen zu sprechen, schon gar nicht in der Öffentlichkeit. Aber wenn wir so tun, als würden sehr schöne Menschen nicht viel Arbeit in ihr Aussehen stecken, dann ist das in etwa so, als würde eine Marathonsiegerin das Laufen als ihr kleines Hobby verkaufen. „42 Kilometer rennen? Das schaffst du nicht aus dem Stehgreif? Peinlich.“ Ich würde mir ernsthafte Gedanken um meine eigene Fitness machen. Tu ich aber nicht – denn ich weiß, was so ein Marathonsieg kostet: Tägliches Training, Diäten, Geld. Da jogge ich doch lieber in aller Ruhe ein paar Runden, wenn das Wetter mal passt.

Ähnlich urteile ich auch über mein Aussehen: Natürlich hätte ich gern eine strahlendere Haut und straffere Brüste, vielleicht auch ein anderes Kinn. Und ich werde wohl auch nie aufhören, mich mit all diesen wunderschönen Menschen im Internet und in Hollywood zu vergleichen. Aber ich weiß immerhin auch, dass fast niemand von Natur aus so aussieht. Maßgeschneiderte Gesichter haben einen hohen Preis: viel Pflegeaufwand, risikoreiche Operationen und tausende Euro. Mit diesem Wissen kann ich viel friedlicher stundenlang Reels von Promis anschauen, die mehr Konturen im Gesicht haben als ich.

ANNA LINDEMANN hat noch all ihr Buccal Fat im Gesicht – und kann sich damit arrangieren.

Hyaluronsäure-Filler zur Aufpolsterung von Nasolabialfalten? Beauty-Doc-Sprache, die ich ohne mit der Wimper zu zucken übersetzen könnte. Allein schon berufsbedingt treibe ich mich ständig auf YouTube, TikTok und Instagram rum, der Schönheitseingriff-Content quillt den Netzwerken regelrecht aus den Poren. Zwanzigjährige Influencerinnen, die ihre 700.000 Follower mit zur Nasen-OP nehmen, Werbung für Fettabsaugungen, gar nicht mal so unsympathische Schönheitschirurgen, die die Gesichter der Stars im Laufe der Jahre analysieren: Durchschnittlich fünf Millionen Menschen fiebern auf dem Kanal mit, wenn der Doc die Wahrscheinlichkeit eines Wangenimplantats zwischen 2011 und 2012 abschätzt.

Das Beschämen von Menschen, die sich unters Messer legen oder zu Spritzen greifen, ist mies, das dürfte klar sein. Aber auch die Aufklärung über die neuesten Trends am Beauty-Sektor bringt uns feministisch nicht wirklich weiter. Als eine junge Frau sich auf einem Bewerbungsfoto zum ersten Mal seit langem ohne Filter sieht, rollen ihr die Tränen über die Wangen, erzählt mir die Mitarbeiterin einer Mädchenberatungsstelle. Bearbeitete und gefilterte Bilder, wie oft gefordert, verpflichtend kennzeichnen zu müssen, wirkt da fast schon hilflos. Digitale und analoge Eingriffe sind heute kein Geheimnis mehr: kaum ein Hollywood-Star ohne dutzende Eingriffe, kaum eine Instagram-Nutzerin ohne Beauty-Filter – das wissen gerade Jugendliche. Aber nimmt dieses Wissen auch den Druck raus? Kundinnen würden heute mit einem gefilterten Bild
von sich selbst kommen, erzählt ein Schönheitschirurg in einer YouTube-Doku: „Ich will so aussehen wie mein TikTok-Filter.“

Frauen sind im Patriarchat zuallererst Körper, diese Erkenntnis haben Feministinnen schon vor vielen Jahrzehnten vermittelt – und in der Kunst, im Frauenkreis und auf der Straße für seine Enttabuisierung gekämpft. Im Kampf gegen das ewige Beschäftigen mit Schönheitsstandards aber haben wir uns gesellschaftlich frustrierend wenig bewegt. Es bleibt das große Privileg weißer cis Männer, dass über ihre Körper (meistens) erst gar nicht geredet wird. Versuchen wir es doch auch mal.

BRIGITTE THEISSL hat 35 Jahre lang glücklich und zufrieden mit ihren Augenlidern gelebt – bis ihr jemand „Schlupflider“ bescheinigte.

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Archiv der Einsamkeit https://ansch.4lima.de/archiv-der-einsamkeit/ https://ansch.4lima.de/archiv-der-einsamkeit/#respond Fri, 08 Mar 2024 04:22:56 +0000 https://anschlaege.at/?p=116434 NATALIE ASSMANN inszeniert mit „Lonely For You!“ eine „Super Show!“ über Einsamkeit, in der alle gemeinsameinsam sein dürfen. Interview: LEA SUSEMICHEL an.schläge: Was macht Einsamkeit zu einem politischen Thema? Und wie lässt sich das mit einer „Super Show“ bearbeiten? Natalie Assmann: Für mich ist es definitiv ein politisches Thema, weil wir als Gesellschaft definieren, wer […]]]>

NATALIE ASSMANN inszeniert mit „Lonely For You!“ eine „Super Show!“ über Einsamkeit, in der alle gemeinsam
einsam sein dürfen. Interview: LEA SUSEMICHEL

an.schläge: Was macht Einsamkeit zu einem politischen Thema? Und wie lässt sich das mit einer „Super Show“ bearbeiten?

Natalie Assmann: Für mich ist es definitiv ein politisches Thema, weil wir als Gesellschaft definieren, wer einsam ist bzw. wer „auf dem Weg ist, einsam zu werden“. Es ist nach wie vor tabuisiert, als „vereinsamt“ zu gelten. Die alten Erzählungen von der „einsamen Jungfrau“ oder so ein Mist haben sehr viel mit vordefinierten Lebenswegen und Entscheidungen zu tun, die aus meiner Sicht zu hinterfragen und aufzubrechen sind.

Der Autor Daniel Schreiber sagt z. B. in seinem Essay „Allein“, dass die „Einsamkeitsepidemie“ oft von konservativen Kräften beschworen wird, um nostalgische Bilder von der klassischen Kernfamilie zu propagieren. Und das ist aus queerer Perspektive sehr relevant, wenn wir uns anschauen, wo allerorts Queerfeindlichkeit auch durch solche Argumente in die Regierungsprogramme reinreklamiert wird. Auch während der Pandemie wurde genau definiert, wer dein „engster Kreis“ sein darf. Daher ist es umso wichtiger, eine Vielfalt an Lebensmodellen ökonomisch zu fördern und auch rechtlich stärker abzusichern, wie z. B. gemeinschaftliche Initiativen oder Co-Housing-Projekte.

Im Stück „Lonely For You!“ habe ich nach einer Möglichkeit gesucht, das Thema von einer ganz anderen Seite zu betrachten und eine Form von Leichtigkeit und Verspieltheit in der Umsetzung zu finden. Während meiner Recherchearbeit habe ich mit vielen Menschen gesprochen und sie gefragt, ob sie einen bestimmten Song gerne hören, wenn sie sich besonders einsam fühlen. Daraus hat sich so eine Art Musikarchiv der Einsamkeit geformt. Das Show-Format mit musikalischen Referenzen aus TV- und Popgeschichte ist im Grunde ein Zelebrieren des Zustandes, wenn wir alleine irgendwo sitzen und immer wieder denselben Song anhören.

Einige Feministinnen haben das Alleinsein in Büchern und Essays zuletzt als sehr befreiend und emanzipatorisch gefeiert und klar von Einsamkeit abgegrenzt. Inwiefern spielt diese Unterscheidung auch in deinem Stück eine Rolle?

Ja, ich denke eine Unterscheidung zwischen dem Gefühl der Vereinsamung und dem emanzipatorischen Akt des frei gewählten Alleinseins ist total wichtig, weil sowohl die Gründe dafür als auch das Erleben eine sehr unterschiedliche Beschaffenheit haben. Nicht zu vergessen den Zustand der sozialen Isolation, der oftmals strukturell bedingt ist und bewiesenermaßen krank machen kann.

Mir kommt es allerdings so vor, als ob alle drei Zustände ineinander verwoben sind und auch gleichzeitig fühlbar werden können. Es kann z. B. sein, dass man sich seit geraumer Zeit extrem einsam fühlt, aber trotzdem alle Möglichkeiten, andere Menschen zu treffen, bewusst boykottiert. Es gibt Menschen, die immer in Gesellschaft sein müssen, aber das Gefühl der Isoliertheit nie ablegen können – diese Zwischenräume und Widersprüche interessieren mich inhaltlich und künstlerisch.

Erfahrung von Einsamkeit hat viel mit Marginalisierung zu tun. Welche Menschen haben ein besonders hohes Risiko, zu vereinsamen, und inwiefern ist der Zusammenhang von Diskriminierungserfahrung und Einsamkeit Thema deines Stückes?

Einsamkeitserfahrungen und soziale Isolation haben sehr viel mit den Lebensumständen zu tun, in denen wir uns befinden. Strukturelle Ausschlussmechanismen wie Armut und Arbeitslosigkeit, chronische Erkrankung, Depressionen, Gewalt- oder Suchterfahrungen, Rassismus und Diskriminierung aufgrund sexueller Orientierung können erwiesenermaßen dazu führen, dass Menschen zurückgezogen leben und von gesellschaftlicher Teilhabe ausgeschlossen sind. Was uns im Stück aber am meisten beschäftigt, ist die Tatsache, dass Einsamkeit auf gewisse Weise vor niemandem Halt macht. Natürlich ist es leichter für jene, Auswege und Vermeidungsstrategien zu finden, die ausreichend finanzielle Mittel haben. Aber Einsamkeit kennt kein Alter, keine Religion und keinen bestimmten Ort, an dem sie zuschlägt. Es ist eine tiefe menschliche Erfahrung, die die meisten von uns machen, auch aufgrund der Leistungs- und Wettbewerbsgesellschaft, in der wir leben und der wir uns nur sehr schwer entziehen können.

Einsamkeit hat jede Menge geschlechtsspezifische Implikationen. Bei Frauen ist sie stark stigmatisiert, bei Männern wird sie als Autonomie und Unabhängigkeit gefeiert, angefangen mit der Figur des Lonesome Cowboys. Brauchen wir auch ein weibliches „Walden“?

Ich würde sogar einen Schritt weitergehen und sagen, wir brauchen geschlechterunspezifische
Einsamkeitsheld*innen. Ich denke das Stigma und die Scham, die einsame Menschen in Zeiten des Spätkapitalismus begleitet, gehen über binäre geschlechtsspezifische Unterscheidungen hinaus. Im Stück wird mit Klischees eher gespielt und sie werden gequeert. Ich bin im Laufe meiner Arbeit bereits auf viele weibliche Rolemodels gestoßen, die das Alleinsein und die kreative Kraft, die darin steckt, kultiviert haben. Angefangen bei der Schriftstellerin Sumana Roy und ihrem Buch „Wie ich ein Baum wurde“, über viele Künstler*innen, die sich in ihrem Schaffensprozess monatelang
zurückziehen, bis hin zu Eartha Kitt, die ihre Einsamkeit in ihren Songs verarbeitet hat. Aber wenn wir von Einsamkeit sprechen, geht es gleichzeitig immer um Gemeinschaft. Deswegen mache ich dieses Stück. Um mich mit meinen eigenen Ängsten zu konfrontieren, die in der Einsamkeit hochkommen und mit der Panik vor dem Gedanken, am Ende meines Lebens ganz allein zu sein. Ich denke, ich bin auf der Suche nach Formen der Gemeinschaft.

Du willst mit deinem Stück den Fokus auch auf queere Utopien gegen Einsamkeit richten. Wie können die aussehen?

Das finden wir gerade heraus, aber für mich sind der Prozess und die kreative Arbeit mit Freund*innen und Weggefährt*innen bereits Teil dessen. Ich liebe es, mich mit älteren und jüngeren Queers über Einsamkeitserfahrungen und Vorstellungen von Familie auszutauschen. Das zu teilen, darüber zu reflektieren und die Wünsche, die daraus entstehen, weiterzuspinnen, ist ziemlich schön. Der Beziehungsstatus einer Person sagt z. B. viel weniger darüber aus, ob eine Person einsam ist oder nicht, als wir glauben. Die Kernfrage von „Lonely For You!“ ist daher, wie wir leben und
lieben wollen. Irgendwo habe ich gelesen, dass das Alleinesein gut für das Leben in Gemeinschaft ist. Diesen Gedanken mag ich sehr.

LEA SUSEMICHEL ist mit Partner, zwei Kindern & zwei Katzen in einer Wohnung mit vielen Durchgangszimmern nur selten einsam. Sie freut sich deshalb meist übers Alleinsein.

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So herrlich allein https://ansch.4lima.de/so-herrlich-allein/ https://ansch.4lima.de/so-herrlich-allein/#respond Fri, 08 Mar 2024 04:21:42 +0000 https://anschlaege.at/?p=116432 Frauen, die ganz für sich alleine sind – und das auch noch genießen – stören die patriarchale Ordnung. Ihre Freude am Alleinsein sollten sie sich trotzdem nicht nehmen lassen. Von BRIGITTE THEISSL Frauen wird in jeglicher Hinsicht Angst gemacht vor dem Alleinsein«, sagt Sarah Diehl. Diehl hat dem Alleinsein ein ganzes Buch gewidmet, 2022 erschien […]]]>

Frauen, die ganz für sich alleine sind – und das auch noch genießen – stören die patriarchale Ordnung. Ihre Freude am Alleinsein sollten sie sich trotzdem nicht nehmen lassen. Von BRIGITTE THEISSL

Frauen wird in jeglicher Hinsicht Angst gemacht vor dem Alleinsein«, sagt Sarah Diehl.

Diehl hat dem Alleinsein ein ganzes Buch gewidmet, 2022 erschien „Die Freiheit, alleinzu sein“. „Im Grunde ist es ein Weiterdenken meines vorigen Buchs, in dem die Kinderlosigkeit von Frauen im Zentrum steht“, erzählt die Autorin im an.schläge-Gespräch. In „Die Uhr, die nicht tickt“ räumte Diehl mit dem Mythos auf, dass Frauen zwangsläufig einen Kinderwunsch hätten und nur im Muttersein ihr wahres Lebensglück finden würden.

Selbst gewählt als Single und dann auch noch ohne Kinder zu leben oder bloß allein auf Reisen zu gehen: Für Frauen ist das im Patriarchat nicht vorgesehen. „Frauen müssen zuallererst für andere da sein“, so formuliert es Sarah Diehl. Ihnen würde eine „Selbstlosigkeit und Bedürfnislosigkeit“ geradezu anerzogen. Wertvoll fühlen sie sich erst dann, wenn sie sich kümmern: um den Partner oder die Partnerin, Kinder, Pflegebedürftige, Freund*innen. Die bestärkende Erfahrung, allein und ganz bei sich zu sein, sich freizumachen von den Erwartungen anderer, ginge vielen Frauen damit unwiederbringlich verloren.

WENIGER EINSAM. Die weibliche Hinwendung zu anderen bringt allerdings durchaus auch Vorteile. Studien zeigen, dass Frauen sich seltener einsam fühlen. Das BCC Loneliness Experiment etwa, das Daten zu über 46.000 Menschen in 237 Ländern liefert, weist dementsprechend junge Männer als jene Gruppe aus, die am häufigsten von Einsamkeit berichtet. Auch Menschen in individualistischen Staaten wie Frankreich, Deutschland oder den USA verspüren mehr Einsamkeit als in Gesellschaften, in denen das Kollektiv eine große Rolle spielt. Insgesamt würden Frauen von den sozialen Netzwerken profitieren, die sie sich sozialisationsbedingt eher aufbauen als Männer, so die Studienautor*innen. Auch eine deutsche Studie aus dem Jahre 2019, die speziell die zweite Lebenshälfte in den Fokus nimmt, weist Männer mittleren Alters als
einsamer aus. Der Geschlechterunterschied schrumpft mit steigendem Alter allerdings. Im hohen Alter schließlich seien Frauen sogar einsamer als Männer – allerdings haben sie durchschnittlich auch eine höhere Lebenserwartung und übernehmen häufiger die Pflege des eigenen Partners.

TÜR ZU. Dass schon eine ungestörte heiße Dusche ein wahrer Luxus sein kann, dazu lassen sich im Netz zahlreiche Mum-Memes finden. Sie erzählen von Müttern, die Ansprechpartnerinnen in jeder Lebenssituation sind – und sich selbst eine geschlossene Klotür hart erkämpfen müssen. Umso lauter warnen Gleichstellungsexpert*innen vor dem Homeoffice, das
gerade für Frauen mit Betreuungspflichten so attraktiv erscheint: Statt sich mühsam durch den Feierabendverkehr zu kämpfen, kann das Kind schon früher aus der Krippe abgeholt werden, während des Online-Meetings läuft die Waschmaschine.

Während des ersten Coronapandemie-Jahres untersuchte Ökonomin Katharina Mader den Arbeitsalltag im Homeoffice und fand einen deutlichen Geschlechterunterschied: Frauen in Paarhaushalten mit Kindern unter 15 Jahren konnten schlechter von zu Hause arbeiten. 35 Prozent berichteten davon, ihre Arbeit daheim schlechter erledigen zu können, bei den Männern waren es nur 26 Prozent. Karl Mahrer, Obmann der Wiener ÖVP, erklärte Frauen im Zuge der Debatten ums Heimbüro sogar zum Wohnungsinventar: Im Homeoffice zu arbeiten sei schwierig, „denn daheim sind die Kinder, daheim ist die Frau, manchmal ist der Wohnzimmertisch voll, weil dort der Kuchen gebacken wird“, sagte er im Interview
mit der „Krone“.

Dass Männer zuallererst Anspruch auf den Küchen- oder Schreibtisch oder gar einen eigenen Hobbyraum haben, scheint immer noch selbstverständlich – ohne dass der männliche Territorialanspruch zur „Self Care“ erklärt wird. „Wenn Selbstfürsorge ein Thema ist, sind Frauen erst wieder in der Badewanne zu sehen – und machen sich also schick oder entspannen vom harten Familienalltag“, sagt Sarah Diehl. Jenes Alleinsein, für das Diehl in ihrem Buch eine Lanze bricht, sperrt sich mit aller Kraft gegen eine solche Selbstoptimierung. Und auch mit Egoismus oder Egozentrik habe sie wenig zu tun. „Wenn man allein ist, ist man befreit von dem Blick und Urteil eines anderen und kann schamlos etwas ausprobieren oder sich ungestört seinen Gedanken und Gefühlen hingeben“, schreibt Diehl.

IN DER DUNKLEN GASSE. Während das Alleinsein schon in den eigenen vier Wänden zum Spießrutenlauf werden kann, kommt es im öffentlichen Raum mit weiteren Fallstricken daher. Seit jeher ist der öffentliche Raum ein Angstraum für Frauen, was nicht nur ihr Sicherheitsgefühl, sondern auch ihre Bewegungsfreiheit einschränkt. Auch wenn Feministinnen
schon seit Jahrzehnten trommeln, dass sexuelle Gewalt gegen Frauen sehr viel häufiger in der eigenen Partnerschaft passiert als nachts in der dunklen Gasse. Das mulmige Gefühl – es bleibt. Von ihren schlechten Erfahrungen beim Alleinreisen zu berichten, ist für Sarah Diehl entsprechend ambivalent. Auch sie hat schon Übergriffe überlebt. „Ich muss
aber sagen, dass mein Grundvertrauen in Menschen sehr viel größer geworden ist, seit ich allein reise. Die allermeisten Begegnungen sind schön und wohlwollend.“

Allein zu reisen, ist indes für viele Frauen auch 2024 undenkbar. Selbst ins Kino oder in eine Ausstellung würden viele niemals ohne eine Begleitung gehen. „Ich denke, das hat wirklich mit diesem Bild zu tun, dass eine Frau nicht begehrt wird, nicht gewollt ist, wenn sie alleine ist. Ob jetzt von potenziellen Partner*innen oder von Freund*innen“, sagt Diehl. Verschroben, einsam, ungewollt eben. Oder auch: verzweifelt. Etwa wenn Frauen alleine im Club feiern oder auf ein Bier gehen. Hollywood hat die Szene schon tausende Male durchgespielt. „Siehst du die Frau? Denkst du, die geht in eine Bar, um ihren Drink alleine zu genießen? Die ist auf der Suche!“, erklärt etwa Parade-Aufreißer Jakob in der Hit-Komödie
„Crazy, Stupid, Love“ seinem Schützling.

Frauen, die tatsächlich gerne alleine ihren Cocktail trinken oder tanzen würden, kennen es allzu gut: sich dafür rechtfertigen zu müssen, nicht mit einem Mann sprechen zu wollen. Und selbst jene, die auf der Suche nach Flirts sind, werden in der Regel abgewertet: Allein im sexy Outfit auf der Tanzfläche? Da muss es aber eine nötig haben.

VON EINSAM ZU GEMEINSAM. Positive Bilder von einsamen Frauen existieren auch außerhalb der Nachtclubs kaum. Dem männlichen Einsiedler, der zurückgezogen und zufrieden inmitten von Wäldern lebt oder sich als tougher Cowboy auf Heldenreise begibt, stehen bloß die alte Jungfer und die Hexe gegenüber. Nur nicht alleine enden, so die Botschaft an
Frauen. „Dabei ist es ja so interessant, dass die Kleinfamilie, die uns als Rezept gegen Einsamkeit verkauft wird, viele in die Einsamkeit treibt“, sagt Sarah Diehl. Denn auch in einer lieblosen Ehe oder als Mutter könne man – abgeschnitten von Freund*innen oder anderen engen Bezugspersonen – unglaublich einsam sein. So würden auch immer mehr Menschen
neue Formen von Gemeinschaft ausprobieren, die durch die politische Bevorzugung der Kleinfamilie aber verdrängt werden.

Sich eigenen Wünschen und Ressourcen im Alleinsein bewusst zu werden, kann dabei durchaus behilflich sein. So endet schließlich auch jede Heldenreise: An den Widrigkeiten und an der Freiheit im Alleinsein wächst der Held, seine gewonnenen Erkenntnisse trägt er zurück in die Gemeinschaft – damit auch andere daran wachsen können. Zeit, dass sich auch die Heldin auf den Weg macht.

BRIGITTE THEISSL kommt manchmal zu spät, weil sie vorher noch allein auf ihre Schlafzimmerdecke
starren musste.

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Einsteigermodell für Feminismus https://ansch.4lima.de/einsteigermodell-fuer-feminismus/ https://ansch.4lima.de/einsteigermodell-fuer-feminismus/#respond Fri, 02 Feb 2024 04:50:32 +0000 https://anschlaege.at/?p=115332 Als männliches bzw. nicht-binäres Cheerleading-Team feuern die „Fearleaders“ die Spieler*innen des Vienna Roller Derby an. Naomi Lobnig hat bei Andreas Fleck und Romed Felderer nachgefragt, wie sie ihre eigene Männlichkeit reflektieren – und was das nachfolgenden Generationen bringt. an.schläge: Bei euren Auftritten tragt ihr knappe Hotpants mit Hosenträgern und hautenge Shirts. Warum gerade solche Outfits? […]]]>

Als männliches bzw. nicht-binäres Cheerleading-Team feuern die „Fearleaders“ die Spieler*innen des Vienna Roller Derby an. Naomi Lobnig hat bei Andreas Fleck und Romed Felderer nachgefragt, wie sie ihre eigene Männlichkeit reflektieren – und was das nachfolgenden Generationen bringt.

an.schläge: Bei euren Auftritten tragt ihr knappe Hotpants mit Hosenträgern und hautenge Shirts. Warum gerade solche Outfits?

Andreas Fleck: Wir möchten so Sexismus im Cheerleading zum Thema machen. Warum ist es für den männlichen Blick normal, leicht bekleidete Frauen zu sehen, die ihre Sportkollegen am Feld anfeuern? Warum wirkt das in die andere Richtung, also wenn Männer das machen, absurd oder lächerlich? Es ist keine Selbstverständlichkeit, dass Männer sich in knappen Outfits präsentieren.

Gleichzeitig ist es auch eine gewisse Form von Freiheit, die man sich in seiner Männlichkeit nimmt, indem man mal ausprobiert, sich in solchen Outfits zu bewegen, zu präsentieren oder andere Seiten an sich zu entdecken.

Ist es also eine Strategie gegen Sexismus?

Romed Felderer: Es ist ein Versuch, sexistische Strukturen aufzuzeigen. Wie gut das funktioniert, ist schwer zu sagen. Ich bezeichne uns gerne als „Einsteigermodell für Feminismus“. Ich weiß zum Beispiel, dass wir von Lehrpersonen an Schulen als niederschwelliges Beispiel verwendet werden, um Diskussionen zu Rollenbildern und Geschlechtererwartungen anzuregen.
A.: Ich glaube, es funktioniert sehr stark über die Spiegelwirkung: Wir spiegeln etwas, das es sowieso schon gibt. Dadurch entsteht die Möglichkeit zur Reflexion auf mehreren Ebenen.

Wie haben die Fearleaders euch selbst beeinflusst?

R.: Die Fearleaders sind nicht als Vorzeigemodell gegründet worden, es gibt bei uns sicher auch einiges, das vielleicht sogar als „toxische Männlichkeit“ bezeichnet werden kann. Ich schätze an den Fearleaders aber sehr, dass wir gemeinsam darüber diskutieren, was wir besser machen können. Und als Mitglied habe ich stark davon profitiert in meiner Auseinandersetzung mit dem Thema Männlichkeit und wie ich persönlich Männlichkeit leben will.
A.: Bei vielen von uns hat die eigene Vaterschaft eine neue Auseinandersetzung mit dem Thema Männlichkeit angestoßen. Wir reflektieren, was für Männlichkeitsbilder wir an unsere Kinder bzw. an diese nächste Generation weitergeben wollen.

Für wen möchtet ihr als Fearleaders Vorbild sein?

A.: Wir möchten Themen zu Sexismus, Feminismus oder Männlichkeit möglichst niederschwellig aufgreifen, damit Männer – es betrifft ja nicht nur Männer, es betrifft die Gesellschaft als Ganzes – einen leichten, aber dennoch konkreten Zugang finden können. In dem Sinne hoffe ich, dass wir Vorbild für ein möglichst breites Publikum sind. In unserem diesjährigen Kalender „Reframing Masculinity“ haben wir uns mit unseren eigenen Vorbildern auseinandergesetzt und darüber nachgedacht, mit welchen Männlichkeitsbildern wir in unserer Kindheit konfrontiert worden sind. Wenn man so einen Rückblick wagt, kommt einem mitunter das Schaudern. Es ist also wichtig, darüber nachzudenken, welche Formen von Männlichkeiten und welche Vorbilder den nächsten Generationen offenstehen. Es gilt, neue Blicke auf Männlichkeit zu ermöglichen, die sich von klassischen Attributen wie Stärke und Aggressivität verabschieden.
R.: Traditionell kommen viele von uns aus dem Sportstudium. Für angehende Turnlehrer ist der Zugang zu Männlichkeiten im Sport, den wir bei den Fearleaders leben, einer, den sie auch in den Schulbetrieb mitnehmen können. Inzwischen ist auch ein ehemaliger Schüler eines Fearleaders bei uns dabei.

Reframing Masculinity – wie kann das gelingen?

A.: Wir haben uns ein völlig blödsinniges System geschaffen, eine Mischung aus Kapitalismus und Patriarchat, in dem wir nun unsere Kinder großziehen sollen. Wir müssen dieses ganze System von Grund auf neu denken. Da liegen so viele Dinge im Argen, dass ich gar nicht weiß, wo ich anfangen soll. Natürlich können wir als Fearleaders das Patriarchat nicht abschaffen oder den Kapitalismus zerstören, aber wir können zumindest drüber reden, dass es nicht cool ist.

Wer Lust auf den Fearleaders-Kalender für 2024 bekommen hat:
www.fearleadersvienna.com. Das nächste Heimspiel des Vienna Roller Derby findet am 16.3.2024 statt.

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Ein Mann wird nicht zum Opfer https://ansch.4lima.de/ein-mann-wird-nicht-zum-opfer/ https://ansch.4lima.de/ein-mann-wird-nicht-zum-opfer/#respond Fri, 02 Feb 2024 04:50:04 +0000 https://anschlaege.at/?p=115327 Selim Akmese arbeitet als forensischer Therapeut mit verurteilten Tätern. Lea Susemichel und Brigitte Theißl haben ihn gefragt, wieso Männer gewalttätig werden und was es braucht, um das zu ändern. an.schläge: Wie konkret sieht Ihre Arbeit mit Gewalttätern aus? Selim Akmese: Die Arbeit im forensischen Bereich besteht aus wöchentlichen Terminen, die der Therapeut mit dem Insassen/Klienten […]]]>

Selim Akmese arbeitet als forensischer Therapeut mit verurteilten Tätern. Lea Susemichel und Brigitte Theißl haben ihn gefragt, wieso Männer gewalttätig werden und was es braucht, um das zu ändern.

an.schläge: Wie konkret sieht Ihre Arbeit mit Gewalttätern aus?

Selim Akmese: Die Arbeit im forensischen Bereich besteht aus wöchentlichen Terminen, die der Therapeut mit dem Insassen/Klienten hat. Dabei geht es, vereinfacht ausgedrückt, hauptsächlich um Delikt-Einsicht und Verantwortungsübernahme, um neue Konfliktlösungsstrategien und die Entwicklung von Empathie mit den Opfern. Das Setting unterscheidet sich nicht wesentlich von anderen Psychotherapie-Sitzungen. Auch hier ist sehr wichtig, eine tragfähige Beziehung für die therapeutische Arbeit aufzubauen.

Die meisten Insassen erlebe ich als sehr compliant (Anm.: Compliance meint Therapietreue, also die bereitwillige Mitarbeit und das Einhalten der therapeutischen Maßnahmen).

Meiner Erfahrung nach waren den meisten Gewalttätern die Konsequenzen und die Reichweite ihrer Taten nicht bewusst. Wenn sie realisieren, was sie anderen Menschen angetan haben, beginnt eine Phase der Reue. Ob diese Reue authentisch ist, zeigt sich später. Denn eine Therapie bringt für einen Insassen nicht nur den Vorteil der persönlichen Auseinandersetzung, sondern oft auch Haft-Lockerungen.

Wer sind die Männer, mit denen Sie arbeiten?

Ich habe zum Beispiel den Fall eines Familien­vaters (ein Akademiker), der wegen dreifachen Mordes verurteilt ist. Er ist mit seinen Kränkungen und Ängsten, verlassen zu werden, nicht fertig geworden. Vor sich selbst versuchte er jedoch lange Zeit, seine Tat religiös zu begründen und als vorherbestimmtes Schicksal zu rechtfertigen. Er ist im Maßnahmenvollzug (Anm.: So wird die Unterbringung von Rechtsbrecher:innen mit psychischen Erkrankungen bezeichnet). Mittlerweile distanziert er sich von diesen Erklärungen und setzt sich mit dem Delikt auseinander. Therapeutisch herausfordernd wird es, wenn es keine Verantwortungsübernahme gibt oder die Tat überhaupt geleugnet wird. Natürlich wird es auch schwieriger, wenn eine psychiatrische Diagnose als Risikofaktor existiert, die mitunter auch die Einsicht erschwert.

Wie schwer fällt es Ihnen, empathisch auf solche Täter einzugehen? Braucht es überhaupt Empathie, um therapeutisch gut mit Tätern arbeiten zu können?

Zunächst ist wichtig klarzustellen: Wenn man Empathie mit dem Täter hat, bezieht sich die Empathie nicht auf das Delikt, sondern auf die Person, die einem gegenübersitzt. Zu verstehen, warum der Täter diese Tat begangen hat, ist enorm wichtig. Wenn Empathie also die Fähigkeit und Bereitschaft meint, die Empfindungen, Emotionen, Gedanken, Motive und Persönlichkeitsmerkmale einer anderen Person zu verstehen, ist sie für den therapeutischen Prozess wichtig. Es braucht einerseits eine Beziehung mit dem Täter, aber auch eine Neutralität, die es erlaubt, Distanz zu ­wahren.

Meine Erfahrung zeigt mir, dass man im forensischen Bereich nicht unbedingt immer Empathie braucht, um mit einem Insassen gut zu arbeiten. Zu viel Empathie kann für den therapeutischen Prozess manchmal sogar hinderlich sein.

Männliche Gewalt hat nichts mit dem sozialen Status zu tun und Gewalttäter finden sich in allen Gesellschaftsschichten. Lassen sich dennoch Gemeinsamkeiten feststellen? Haben Gewalttäter zum Beispiel selbst oft Gewalt erlebt oder unter autoritären Vätern gelitten?

Das stimmt, Gewalttäter finden sich in allen Bevölkerungsschichten und haben auch ganz unterschiedliche Bildungsniveaus. Vom Akademiker bis zum Analphabeten, von Familienvätern bis zum Einzelgänger habe ich ganz unterschiedliche Männer in Behandlung. Dementsprechend gibt es auch unterschiedliche Motive für die Taten.

Obwohl sie auch unterschiedliche kulturelle Hintergründe haben, ist vielen aber tatsächlich gemeinsam, dass in ihrer Kindheit Gewalt als Erziehungsmethode eingesetzt wurde. Viele haben bisher aber gar nicht als Gewalt definiert, was sie selbst erlebt haben, vor der Therapie haben sie sich selbst nie als Opfer von Gewalt gesehen. Das hat natürlich mit herrschenden Männlichkeitsbildern zu tun. „Ein Mann wird nicht zum Opfer“ ist die Devise. Und nicht nur in den Familien, sondern auch in staatlichen Institutionen wie Schulen, Heimen oder beim Militär wurde bzw. wird Gewalt verherrlicht und als Methode eingesetzt. Es sind auch Männer dabei, die aus Krisen- oder Kriegsgebieten stammen, für sie hat Gewalt eine ganz andere Normalität. Die deutliche Positionierung des Therapeuten gegen jede Form von Gewalt und besonders gegen männliche Gewalt gegen Frauen hilft, einen klaren Rahmen zu schaffen.

Sie arbeiten mehrsprachig, auch auf Kurdisch und Türkisch, welche Vorteile hat das in der therapeutischen Arbeit?
Die Muttersprache bietet einen besseren Zugang zu einem Menschen, das ist bei der Täterarbeit nicht anders als in der normalen Psychotherapie. Oft ist es essentiell, auf die Wortwahl, auf Redewendungen und Begrifflichkeiten zu achten. Diese geben uns wichtige Informationen über die innere Welt und die Motivationen des Täters, sprachliche Feinheiten sind aus therapeutischer Sicht also sehr wertvoll. In unserer Muttersprache steckt auch unsere Sozialisation mit allen Erfahrungen, Wertvorstellungen und Denkmustern, da finden sich oft auch unausgesprochene und unbewusste Erklärungen für die Tat.

Wie sind die Erfolgsaussichten?

Studien belegen, dass Psychotherapie im forensischen Bereich, also bei Gewalt, eine gute Rückfallprophylaxe darstellt. Dabei ist wichtig, dass in der Therapie ein Prozess startet, der sich mit den dysfunktionalen persönlichen Anteilen befasst, damit eine gewisse Delikteinsicht erreicht wird und auch die volle Verantwortung für die Tat (ohne Wenn und Aber) übernommen wird. Es muss außerdem auch eine Emotionsregulation und ein neuer Umgang mit den Emotionen stattfinden.

Männliche Gewalt endet im schlimmsten Fall tödlich, das zeigt die erschreckende Femizid-Statistik in Österreich. Was wären dringend nötige Präventivmaßnahmen, um Männergewalt zu beenden? Wo ist hier die Politik säumig?

Ja, leider. Im Jahr 2023 gab es 27 Femizide und 51 Mordversuche in Österreich. Das sind schreckliche Zahlen. Es braucht politische und gesellschaftliche Strategien, um hier etwas zu verändern. Neben dem Ausbau der ­Frauen- und Opferschutzarbeit sollte dabei der gewaltpräventiven Männerarbeit mehr Aufmerksamkeit zukommen, für die opferschutz­orientierte Täterarbeit braucht es unbedingt mehr finanzielle Ressourcen. Die Politik muss bessere Rahmenbedingungen schaffen, das tut sie nicht mit der nötigen Entschlossenheit.

Immer wieder begehen Männer Femizide, die schon vorher etwa polizeiliche Wegweisungen erfahren haben. Gibt es hier Lücken bei der Täterarbeit? Wie gut kann es überhaupt gelingen, die Gefährlichkeit von Tätern einzuschätzen?

Mit der verpflichtenden Beratung nach einem Betretungsverbot, die seit einigen Jahren in Kraft ist, wurde ein wichtiger Schritt unternommen, um vor allem Hochrisikofälle besser erkennen zu können. Aber viele Männer hängen nach den bloß sechs Stunden verpflichtender Beratung in der Luft. Hier braucht es längere und intensivere Interventionen, die viele Männer benötigen, um nicht rückfällig zu werden. Etwa in Form der Antigewalttherapie (AGT) in der Männerberatung, die sehr erfahrene Kolleg:innen durchführen. Es gibt dabei viele Instrumente, um die Gefährlichkeit eines Täters gut einschätzen zu können.

Aktuell fährt das Sozialministerium die Kampagne „Mann spricht’s an“ gegen männliche Gewalt. Gesamtgesellschaftlich ist Männergewalt und deren Prävention kaum Thema. Wie schätzen Sie die Bedeutung bzw. Wirkung von Kampagnenarbeit und medialer Verhandlung des Themas ein?

Öffentlichkeits- und Bewusstseinsarbeit ist ein sehr wichtiger Baustein, um Männer für das Thema zu sensibilisieren. Die Kampagne des Ministeriums ist auf jeden Fall gut und wichtig, auch die Arbeit z. B. von White Ribbon Österreich, die männliche Zielgruppen mit Öffentlichkeitsarbeit direkt ansprechen. Männer sind sich vieler Gewaltformen oder auch eigener Privilegien nicht bewusst, es braucht deshalb männerspezifische Interventionen. Sie sind umso notwendiger, weil antifeministische Aktivitäten im Internet in den vergangenen Jahren sehr stark zugenommen haben.

Die gesellschaftliche Ächtung von Tätern wie Teichtmeister ist groß, in solchen Fällen wird – vor allem von rechts – gerne auch mal die Todesstrafe gefordert. Mal abgesehen davon, dass es um unterschiedliche Delikte geht: Wie erklären Sie sich die Diskrepanz zwischen so einer Dämonisierung einerseits und der Bagatellisierung von Übergriffen in vielen anderen mutmaßlichen Fällen (Rammstein, Johnny Depp, Depardieu etc.) andererseits?

Ja, auf der einen Seite gibt es die soziale Ächtung von Gewalt, wenn sie der eigenen Agenda dient, ein anderes Mal wird diese Gewalt offensiv geleugnet. Ich denke, das sind zwei Seiten der gleichen patriarchalen ­Medaille: einmal die gewaltvoll-autoritär strafende Seite und andererseits jene Seite, die die eigenen Privilegien und Gewaltformen leugnet. Die hegemoniale toxische Männlichkeit hat Strukturen etabliert, die sie schützt. Diese Machtstrukturen, die auf Unterdrückung aufbauen, müssen beseitigt werden.

Wir werden Gewalt in allen Formen nur erfolgreich bekämpfen können, wenn wir als Gesellschaft wesentlich reflektierter und auch selbstkritischer mit dem Thema umgehen – und vor allem die Perspektive der Gewaltbetroffenen in den Mittelpunkt stellen.

Selim Akmese ist Mitarbeiter der Männerberatung im Bereich der Gewaltprävention (Projekt META – mehrsprachige Täterarbeit). Er ist außerdem im Bereich der forensischen Psychotherapie in der Justizanstalt Stein tätig.

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40 JAHRE FEMINISMUS https://ansch.4lima.de/40-jahre-feminismus/ https://ansch.4lima.de/40-jahre-feminismus/#respond Sun, 26 Nov 2023 09:33:11 +0000 https://anschlaege.at/?p=113858 40 Jahre an.schläge heißt auch 40 Jahre Feminismus, den die an.schläge journalistisch begleitet, analysiert, gefeiert und kritisiert haben. Der Schwerpunkt widmet sich den Errungenschaften und den Kämpfen, die immer noch ausgefochten werden müssen. In den vergangenen vier Jahrzehnten haben auch viele rechte und konservative Politiker*innen die Bühne betreten, denen wir gerne eine Torte ins Gesicht […]]]>

40 Jahre an.schläge heißt auch 40 Jahre Feminismus, den die an.schläge journalistisch begleitet, analysiert, gefeiert und kritisiert haben. Der Schwerpunkt widmet sich den Errungenschaften und den Kämpfen, die immer noch ausgefochten werden müssen. In den vergangenen vier Jahrzehnten haben auch viele rechte und konservative Politiker*innen die Bühne betreten, denen wir gerne eine Torte ins Gesicht gedrückt hätten. Zumindest symbolisch haben wir das in der Fotostrecke von Magdalena Fischer und Janis Czapka nachgeholt.

Im Heft-Schwerpunkt zu unserem eigenen 40. Geburtstag blicken die an.schläge auf 40 Jahre Feminismus zurück: Wo stehen wir heute? Sollen wir uns vom Konzept Frau verabschieden? Hat #MeToo eine nachhaltige Veränderung gebracht? Was waren die wichtigen feministischen Meilensteine der letzten vierzig Jahre? Warum ist unbezahlte Care-Arbeit noch immer so ungleich zwischen den Geschlechtern verteilt? Was lässt sich der rechten Instrumentalisierung von Frauenrechten entgegensetzen? Ist der Kunstmarkt geschlechtergerechter geworden? Und wäre vielleicht die Auflösung der Kleinfamilie die Lösung für viele feministische Probleme?

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Welche*r an.schläge Leser*in bist du? https://ansch.4lima.de/welcher-an-schlaege-leserin-bist-du/ https://ansch.4lima.de/welcher-an-schlaege-leserin-bist-du/#respond Sun, 26 Nov 2023 08:38:29 +0000 https://anschlaege.at/?p=113795 Woher hast du an.schläge?a. Hä?b. Aus meinem Briefkasten natürlich! (Ich hab ein Abo.)c. Aus der Shared-Abo-Box meines Kollektivs.d. Meine Mitarbeiterin legt sie mir immer auf den Tisch. Wie lange liest du schon an.schläge?a. Ich hab schon ein paar Mal aufs Profil geklickt.b. Seit ich das Abo abgeschlossen hab, nagelt mich nicht auf das Jahr fest, […]]]>

Woher hast du an.schläge?
a. Hä?
b. Aus meinem Briefkasten natürlich! (Ich hab ein Abo.)
c. Aus der Shared-Abo-Box meines Kollektivs.
d. Meine Mitarbeiterin legt sie mir immer auf den Tisch.

Wie lange liest du schon an.schläge?
a. Ich hab schon ein paar Mal aufs Profil geklickt.
b. Seit ich das Abo abgeschlossen hab, nagelt mich nicht auf das Jahr fest, Dohnal war auf jeden Fall noch nicht Ministerin.
c. Seit der Ausgabe 5/2010.
d. Da müsste ich jetzt meine Mitarbeiterin fragen.

Wie viel liest du?
a. Die ersten zwei Zeilen in der Caption fast immer!
b. Grundsätzlich alles, aber bei den Veranstaltungstipps überfliege ich die URLs meistens nur.
c. Alle zentralen Debatten-Beiträge.
d. Meine Mitarbeiterin fasst für mich relevante Themen zusammen.

Folgst du uns auf Instagram?
a. Klar, sonst würden mir eure Stories ja nicht angezeigt!
b. Ist das so eine Seite im Cyberspace?
c. Ich boykottiere die Politik von Social-Media-Plattformen wie Instagram!
d. Ich glaube ja, da müsste ich meine Mitarbeiterin fragen.

Warst du auf der 40-Jahr-Geburtstagsfeier?
a. Wieso 40 Jahre? Damals gab’s doch nicht mal Internet?
b. Ich hab vorbeigeschaut, aber ehrlich, nicht mal Trommlerinnen …
c. Ja, das All-Flinta-Line-up und das Awareness-Konzept haben unsere Wohngruppe letztlich überzeugt.
d. Wäre nett gewesen, aber da hatte ich einen Termin in
Stockholm.

Hast du an.schläge-Merch?
a. Nö, den gibt’s?
b. Noch so ein Zeug, wo muss ich das kaufen?
c. Ja, euer Jutebeutel hält seit Jahren für meinen Wocheneinkauf hin.
d. Moment, ein Anruf.

Hast du an.schläge schon mal jemandem empfohlen?
a. Ich glaub, ich hab schon mal jemanden unter einem Gewinnspiel markiert.
b. So einmal pro Monat verteile ich Zettel in meinen Politgruppen.

Wann könnte ich denn neue Flyer bei euch abholen?
c. Unter Vorbehalt: Ja. Leider bin ich aber schon in drei Ausgaben auf implizit eurozentristische Begriffe gestoßen.
d. Immer noch im Call … Ist an.schläge eine wichtige Quelle deines feministischen Wissens?
a. Wie lange geht der Test eigentlich noch?
b. Ihr seid sicher unter den Top-3-Magazinen, aus denen ich mir Artikel kopiere.
c. Sie sind auf jeden Fall Teil meines diskursiven Repertoires.
d. Immer wieder relevant unter den 117 Zeitschriften, die wir abonniert haben!

Was machst du mit der gelesenen Ausgabe?
a. Wieso Ausgabe?
b. Ich habe sie thematisch innerhalb der Jahrgänge archiviert – bald wird’s aber eng in meiner Bibliothek.
c. Die rotieren in anderen Wohngemeinschaften.
d. Entsorgt meine Mitarbeiterin wahrscheinlich.

A:
Du bist fest davon überzeugt, dass an.schläge ein Instagram-Account ist und hast dich schon gefragt, warum wir so selten ein Outfit of the day posten. ACHTUNG, real talk: an.schläge produziert nicht nur Gratis-Content für den Facebook-Konzern, uns gibt es auch als Printmagazin im Abo und – ausgewählte – Artikel online. Und das seit 40 Jahren! Wir legen dir dringend ein Abo ans Herz. Bleibt nur noch eine Frage: Wie zur Hölle hast du diesen Test gefunden??

B:
Du bist Feminist*in – und das seit Jahrzehnten. Ein an.schläge-Abo gehört zu deiner aktivistischen Ausstattung fix dazu, auch wenn immer wieder mal bei einem Artikel nur den Kopf schütteln kannst. Feministische Solidarität unter Genossinnen muss aber sein – also wird auch jedes Jahr ein Abo verschenkt. DANKE!

C:
Du bist an.schläge-Abonnent*in – und zwar eine kritische! Als linke*r Feminist*in liest du natürlich die an.schläge, dir entgeht aber kein Aspekt, der in unseren intersektionalen Analysen mal wieder viel zu kurz gekommen ist. Dein kritischer Blick spornt uns regelmäßig dazu an, jeden Artikel dreimal durchzudenken – deine Leser*innenbriefe verfluchen wir nur ganz selten (und heimlich)!

D:
Du leitest eine Frauenorganisation oder sitzt für eine progressive Partei im Parlament – und hast die an.schläge schon lange abonniert. Deine Mitarbeiterin versorgt dich regelmäßig mit feministischen Debattenbeiträgen aus an.schläge und erinnert dich bei Abo-Kampagnen auch einmal daran, ein paar Soli-Abos springen zu lassen. Wir arbeiten weiterhin eifrig daran, dich (und deine Mitarbeiterin) auf dem Laufenden zu halten!

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Eine Frau zu sein, bedeutet, die Welt zu verändern. https://ansch.4lima.de/eine-frau-zu-sein-bedeutet-die-welt-zu-veraendern/ https://ansch.4lima.de/eine-frau-zu-sein-bedeutet-die-welt-zu-veraendern/#respond Sun, 26 Nov 2023 08:28:29 +0000 https://anschlaege.at/?p=113790 Ich kann nichts über Feminismus sagen, ohne über meine eigene Identität als Romni und die damit verbundenen Kämpfe zu sprechen. Mir wurde beigebracht, eine Frau zu sein. Ich erinnere mich, dass ich vier Jahre alt war, als ich zum ersten Mal dachte, dass ich keine Frau sein will. Ich hasste Kleider, ich hasste es, brav […]]]>

Ich kann nichts über Feminismus sagen, ohne über meine eigene Identität als Romni und die damit verbundenen Kämpfe zu sprechen.

Mir wurde beigebracht, eine Frau zu sein. Ich erinnere mich, dass ich vier Jahre alt war, als ich zum ersten Mal dachte, dass ich keine Frau sein will. Ich hasste Kleider, ich hasste es, brav zu sein. Ich hasste das rosa Kleid, das ich bei Familienfeiern tragen musste. Ich sah, wie sich die Frauen in meiner Familie um andere kümmerten und nicht um sich selbst. Ich sah zu, wie sie keine Zeit hatten, ihre eigenen Interessen und Leidenschaften zu entwickeln. Ich habe mich mit Büchern versteckt, als man mir vorwarf, ich würde zu viel Zeit mit dem Lesen verbringen. Es sei egoistisch, Interessen zu haben. Ich solle Babys machen, wurde mir gesagt. Als ich 16 war, wusste ich, dass ich Frauen liebe. Ob ich meine Gebärmutter vergeude, fragte mein Vater. Meine „lesbische Phase“ dauert schon mein ganzes Leben lang an.

Eine Frau nach meinen eigenen Bedingungen zu sein, war mir fremd. Als Romni, als Migrantin, als Lesbierin und als geschlechtsverwirrte Frau. Ich kämpfte lange mit der Frage, ob ich mich mit meinem Geschlecht identifizieren kann und lehnte viele Dinge an mir ab. Meine Sensibilität. Meine Gefühle. Eine Zeit lang habe ich Testosteron genommen. Ich wollte zäh, hart und „stark“ sein. Vor allem wollte ich tun, was ich wollte. Also dachte ich, dass ich „ein Mann“ sein sollte, um mich in dieser Welt besser behaupten zu können.

Es hat weitere zehn Jahre gedauert, bis ich meinen internalisierten Sexismus überwunden und mich als Frau akzeptiert habe. Ein befreiender Gedanke dabei war, dass ich mich nicht für ein Geschlecht entscheiden muss.

Das Spiel mit den Identitäten wurde Teil meiner Arbeit. Ich liebe es, mich als Schauspielerin zu verwandeln. Aber die Rollen, die ich als Romni meist bekam, ermöglichten keine Verwandlung: die romanische Bettlerin, die Hure, das Dienstmädchen oder die Geliebte eines Gangsters. Ich dachte, ich müsste mich nur mehr anstrengen, besser werden, die richtigen Leute kennen lernen. Aber die Rollen blieben dieselben, genauso wie meine Haut.

Mit meiner dunklen Haut und meinen schwarzen Locken fiel ich in feministischen Räumen auf. Ich war die Einzige dort. Die feministischen Versammlungen, die ich in meiner Jugend besuchte, waren weiß, ernst und engstirnig.

Als Roma-Künstlerin wollte ich unsere Geschichten erzählen, weil sie sonst verschwinden oder immer aus einer weißen Perspektive erzählt werden. Scham, Schmerz und Wut in Stärke und Stolz umwandeln.

Im Jahr 2010 gründete ich mit meiner Schwester Simonida Selimovic eine der ersten feministischen Roma-Theatervereinigungen namens Romano Svato.

Wir schrieben und produzierten Theaterstücke, Performances und organisierten Festivals wie „E-Bistarde“ über Roma-Kultur und -Kunst, durchbrachen Stereotypen und verbreiteten stolz unsere Muttersprache Romanes. Ich habe die beschämende Erzählung über ­unsere Herkunft aufgegeben und zum Widerstand aufgerufen.

Ich bin Mitbegründerin von Mindj Panther, einem feministischen Roma-Rapduo, das dem Antiziganismus, Rassismus, Kapitalismus und Patriarchat den Kampf ansagt. „Mindj“ bedeutet „Pussy“ in der Romani-Sprache. Ich wollte dieses Wort revolutionieren. Mit unserem Rap-Gesang bekämpfen wir Diskriminierung und populistische Hetze. Wir sabotieren rassistische Wahlkampfreden und rufen junge Migranten dazu auf, dagegen zu protestieren.

Das Stück „Roma Army“ entstand aus der Wut und dem Widerstand gegen die Welt der Roma und Gadje (die Nicht-Roma, Anm.). Das Stück wurde sechs Jahre in Folge am Maxim Gorki Theater aufgeführt und gab mir die Möglichkeit, in verschiedenen Theatern zu spielen, sogar im Burgtheater. Ich wollte neue Rollenmodelle für Roma-Frauen schaffen.

Ich habe das Gefühl, dass ich die ganze Zeit lernen muss, ein Mensch zu sein, nicht eine Frau oder ein Mann. Beide Identitäten bringen Traumata mit sich, die ich nur überwinden kann, wenn ich mich von beiden distanziere und mich neu erfinde. Als Frauen müssen wir lernen, uns im Laufe unseres Lebens zu transformieren, um das Leben zu genießen und Mitgefühl für uns selbst zu entwickeln, damit wir endlich unsere eigenen Träume verwirklichen können.

Das ist es also, was ich in meinen Vierzigern gelernt habe: Eine Frau zu sein bedeutet, die Welt zu verändern. Und das wünsche ich mir für alle Frauen – und für das Magazin zum 40. Geburtstag.

Sandra Selimovic ist Schauspielerin und Regisseurin, sie ist Romaaktivistin, rappt bei Mindj Panther, hat zuletzt im Burgtheater Wien gespielt und wurde dieses Jahr mit dem Nestroypreis nominiert.

www.romanosvato.at
Spotify: Mindj Panther

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„Andere Medien können sehr viel von uns lernen“ https://ansch.4lima.de/andere-medien-koennen-sehr-viel-von-uns-lernen/ https://ansch.4lima.de/andere-medien-koennen-sehr-viel-von-uns-lernen/#respond Fri, 13 Oct 2023 02:45:25 +0000 https://anschlaege.at/?p=112719 Wie marktförmig muss Feminismus heute sein, um wahrgenommen zu werden? Und wie gehen feministische Medienmacherinnen mit diesem Druck um? Ein Gespräch zwischen Lea Susemichel, leitende an.schläge-Redakteurin, und Sonja Eismann, Mitherausgeberin des „Missy Magazine“. Moderation: Janis Czapka an.schläge: Sich Feministin zu nennen, ist hip, auch andere Medien greifen frauenpolitische Themen auf. Braucht es da eigentlich noch […]]]>

Wie marktförmig muss Feminismus heute sein, um wahrgenommen zu werden? Und wie gehen feministische Medienmacherinnen mit diesem Druck um? Ein Gespräch zwischen Lea Susemichel, leitende an.schläge-Redakteurin, und Sonja Eismann, Mitherausgeberin des „Missy Magazine“. Moderation: Janis Czapka

an.schläge: Sich Feministin zu nennen, ist hip, auch andere Medien greifen frauenpolitische Themen auf. Braucht es da eigentlich noch eigene feministische Medien, Lea?

Lea Susemichel: Ja, die braucht es unbedingt. Aber es ist tatsächlich so, dass bestimmte feministische Themen inzwischen auch in traditionellen Medien verhandelt werden. Das ist ein Erfolg, den sich feministische Journalistinnen auf die Fahnen schreiben können. Uns quälen ja regelmäßig Zweifel, ob wir überhaupt etwas bewirken, ob unsere Arbeit nicht bloß ein „Preaching to the Converted“ ist. Aber auch wenn es dauert, es gibt einen Thementransfer zwischen feministischen und anderen Medien, die irgendwann um unsere Themen nicht mehr herumkommen. Auch wenn sich bei genauerer Betrachtung ­leider zeigt, dass Feminismus oft als Debattenbeitrag, als emotionsgeladenes Meinungsthema präsentiert und als Clickbait benutzt wird: Kopftuch, ja oder nein? Johnny Depp oder Amber Heard? Feministische Medien hingegen machen deutlich, dass jedes Thema auch ein feministisches Thema ist, auch wenn es um Asylpolitik oder um den Klimawandel geht.

Sonja, wodurch zeichnet sich feministische Medienarbeit aus?

Sonja Eismann: Sie agiert unter sehr prekären Bedingungen und es gibt für feministische Medienarbeit sehr viel weniger Geld als in anderen, klassischen Medienhäusern. Die amerikanische feministische Zeitschrift „Bust“ hatte früher die humoristische Eigenwerbung „Bust – like crime – does not pay“. Es werden uns Arbeitsbedingungen aufgezwungen, die wir ja paradoxerweise mit unserer Arbeit kritisieren. Andererseits sind tatsächlich ganz viele der zwar oberflächlichen, aber doch feministischen Artikel darauf zurückzuführen, dass Medien wie die an.schläge oder „Missy“ beharrlich immer wieder feministische Themen auf die Agenda gesetzt haben. Leute, die uns lesen, wissen das zwar oft alles schon, aber ich finde trotzdem, dass es auch eine extrem wichtige Funktion von feministischen Medien ist, sozusagen einen Schutzraum zu bieten, in dem sich die Leser*innen gesehen und sicher fühlen – wo sie z. B. mit dem richtigen Pronomen angesprochen und nicht gebodyshamed werden.

Wie lässt sich der Spagat bewältigen, dass auch feministische Medien ökonomisch erfolgreich sein müssen? Wie sperrt ihr euch gegen den Ausverkauf des Feminismus?

Sonja: Das ist für uns relativ einfach, es ist noch niemand gekommen, der uns eine Million Euro geben wollte für den Feminismus, den wir machen – also einen linken, intersektionalen, antifaschistischen Feminismus. Aber es gibt natürlich Feminist:innen, die stärkere Kompromisse eingehen und einen Feminismus vertreten, der sich besser verkaufen lässt, das ist eine Begleiterscheinung des Hypes. Ich habe mir gerade lustige Memes von Iketype über diesen pseudo-empowerten „Champagner-Feminismus“ von FDP, CDU, all diesen Frauen aus dem neoliberalen Business-Spektrum, angeschaut. Das gibt es natürlich, aber das hat mit unserer Definition von Feminismus rein gar nichts zu tun.

Lea: Einerseits ist das Label feministisch inflationär und ziemlich inhaltsleer geworden, indem alle sich ihren Feminismus nun einfach selbst definieren dürfen. Es geht nicht mehr um Gerechtigkeit und das gute Leben für alle, sondern ich mach mein Ding und deshalb bin ich schon Feministin. Andererseits ist aber nicht nur dieses Verständnis von Feminismus
vermarktbar geworden, sondern auch wir selbst und unsere Arbeit muss immer marktförmiger werden, um zu überleben. Aber wenn sich ein feministisches Magazin als Medienprodukt am Markt behaupten muss, kompromittiert das doch bis zu einem gewissen Grad unweigerlich, oder? an.schläge ist ja ein Non-Profit-Unternehmen, wir dürfen also gar keinen Gewinn machen, trotzdem spüren wir einen immensen Druck, das Magazin vermarkten zu müssen. Das ist etwas, das meiner Meinung nach dem feministischen Grundgedanken völlig widerspricht. Als Feministin freue ich mich über jede weitere feministische Stimme und deshalb auch über jedes neue feministische Medienprodukt, ich will also nicht in Konkurrenz zu ihnen stehen, um „mein Produkt“ möglichst gut am Markt zu platzieren. Aber das trifft ja inzwischen sogar auf einzelne Feminist:innen zu, die – mit Foucault – alle zu Unternehmerinnen ihrer selbst geworden sind, sich ständig vermarkten und sich dafür auch auf Social Media inszenieren müssen. Das machen wir inzwischen auch, obwohl auch die Logiken der Sozialen Medien so ziemlich allem entgegenlaufen, wofür unser Feminismus steht.

Sonja: Solange wir im Kapitalismus leben und unter dessen Bedingung operieren, werden wir immer unsere Haut zu Markte tragen, ohne das zu wollen. Der Grundkonflikt ist, dass wir darauf hinwirken, dass dieses System abgeschafft wird, und uns dafür dieses Systems bedienen. Deshalb finde ich es ein sehr schönes Zeichen, dass wir unsere Geburtstage zusammen feiern. Wir freuen uns über jedes feministische Magazin, jede feministische Organisation, weil uns das in unserem Kampf stärkt, dieses Scheißpatriarchat und den Kapitalismus irgendwann zu überwinden.

Medien sind derzeit generell stark unter Druck, vor welchen Herausforderungen steht die Medienpolitik?

Lea: Medien sollten grundsätzlich nicht gezwungen sein, ökonomisch erfolgreich zu sein. Es führt unweigerlich zur Boulevardisierung von ­Medien, wenn es nur noch um die Maximierung von Zugriffen geht. Medienpolitik sollte viel stärker als bisher auf die demokratiepolitische Verantwortung fokussieren. Da können andere Medien sehr viel von uns lernen, weil wir feministische Medienmacherinnen ja immer schon gezeigt haben, wie sich Haltungsjournalismus mit journalistischer Seriosität verbinden lässt und dass es die vermeintliche Neutralität so nicht gibt. Durch die Angriffe von rechts wächst nun auch in traditionellen Medien plötzlich das Bewusstsein dafür, dass es sowas wie journalistische Integrität und Haltung braucht.

Sonja: Wir dürfen auch nicht vergessen, dass wir in Österreich wie auch in Deutschland einen rechten Backlash erleben. Und jetzt merken auch die anderen, dass es ihnen möglicherweise an den Kragen geht und besinnen sich darauf, dass es gut wäre, dem eine Haltung entgegenzusetzen. Das ist das Besondere an engagiertem Feminismus: Er tut nicht so, als würde er für alle sprechen von einem vermeintlich universalistischen Standpunkt aus.
Deswegen ist es extrem wichtig, den Lesenden klarzumachen, wie unterstützenswert das ist, und dass sich das nicht einfach gratis im Netz abgreifen lässt, sondern da viel dranhängt.

Der US-Ökonom Daron Acemoğlu fordert, dass für die Wahrung der Demokratie Google und Facebook entmachtet werden müssen. Muss für den Feminismus Instagram zerschlagen werden?

Sonja: Viele der Leute, die wir über Soziale Medien erreichen, könnten wir gar nicht über das Printmagazin erreichen. Das sind sehr junge Leute, die vielleicht auch nicht in Städten leben. Es ist also auch eine Generationenfrage, woran sich gleich der nächste Punkt anknüpft: Hat Print überhaupt noch eine Zukunft? Ich persönlich liebe Print, aber es gibt ja sehr viele Medien, die aus Nachhaltigkeitsgedanken auf digital umstellen. Wobei auch digitale Medien sehr viele Ressourcen verbrauchen.
Es ist zwar ein schöner, nostalgischer Gedanke, sich jetzt digitalen Kanälen zu verschließen, aber wenn man bestehen möchte, Menschen weiter erreichen möchte, dann führt da kein Weg drum herum.

Lea: Aber Feminist:innen sollten auf jeden Fall alles dafür tun, um diese Medien zu verändern und von innen heraus zu subvertieren, oder? Ich glaube tatsächlich, dass wir alle Schaden nehmen, wenn wir uns ihrer medialen Logik unterwerfen, die vieles zunichte macht, wofür wir so lange kämpfen.

Sonja: Absolut. Dieser Plattform-Kapitalismus, den wir damit unterstützen, ist ja absolut haarsträubend, wenn wir überlegen, welche Macht und Kapitalballung und Überwachungspotentiale dahinterstecken, was auch alles zensiert wird, z. B. in Bezug auf emanzipierte, weiblich gelesene Sexualität.
Unser großer Wunsch wäre natürlich, dass wir mit unserem Medium dazu beitragen, dass wir gemeinsam neue, solidarische Kanäle statt der existierenden erfinden. •

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Das System im Iran ist nicht lebensfähig https://ansch.4lima.de/das-system-im-iran-ist-nicht-lebensfaehig/ https://ansch.4lima.de/das-system-im-iran-ist-nicht-lebensfaehig/#respond Fri, 13 Oct 2023 02:41:52 +0000 https://anschlaege.at/?p=112713 Was macht die feministische Mobilisierung im Iran so erfolgreich – und droht die Bewegung auszubrennen? Ein Gespräch mit Shoura Hashemi über kurdische Selbstbestimmung, „gute Ausländer“ und westliche Solidarität. Von Maryam Al-Mufti und Leyli Nouri an.schläge: Die feministischen Proteste im Iran haben bei vielen Hoffnungen geweckt. Was muss passieren, damit dieser Funke nicht erlischt? Shoura Hashemi: […]]]>

Was macht die feministische Mobilisierung im Iran so erfolgreich – und droht die Bewegung auszubrennen? Ein Gespräch mit Shoura Hashemi über kurdische Selbstbestimmung, „gute Ausländer“ und westliche Solidarität. Von Maryam Al-Mufti und Leyli Nouri

an.schläge: Die feministischen Proteste im Iran haben bei vielen Hoffnungen geweckt. Was muss passieren, damit dieser Funke nicht erlischt?

Shoura Hashemi: Für mich ist die Hoffnung das ganze Jahr hindurch aufrechtgeblieben, weil ich gesehen habe, wie einfach und schnell es gehen kann, Menschen für Aktivismus zu motivieren. Wie viel Potential es gibt, dass Vernetzungen entstehen können, wenn es um ein konkretes Ziel geht. Um nachhaltig Druck aufbauen zu können, sind solche Vernetzungen und vor allem Hartnäckigkeit unerlässlich.

Nach einem Jahr ist dennoch spürbar, wie sich langsam auch ­Hoffnungslosigkeit breitmacht. Wie kann die Bewegung nach dem Todestag Jina Aminis und all den niederschmetternden Ereignissen, die in der Folge passiert sind, durchhalten?

Das System im Iran ist nicht ewig lebensfähig. Es wird scheitern. Auch wenn wir aufhören auf die Straße zu gehen, wird es scheitern – aber es wird um ein Vielfaches länger dauern. Ich appelliere besonders an junge Menschen, sich nicht einschüchtern zu lassen und weiter zu rebellieren. Ich denke bei den jüngeren Generationen herrscht noch immer Optimismus und Bereitschaft für ihre Zukunft zu kämpfen. Es wird wieder Auslöser geben, die für stärkere Proteste sorgen werden, eventuell sind das auch wirtschaftliche Gründe. Für die Solidarität im Westen muss deutlich gemacht werden, dass ein freier Iran auch für westliche Länder erstrebenswert ist. Wer Fluchtbewegungen verhindern will, muss sich auf die Seite der Iraner*innen stellen und nicht auf die Seite einer Regierung, die für Destabilisierung in der gesamten Region sorgt, Konflikte schürt und finanziert. Das muss man immer wieder so aufzäumen, damit es hier auch tatsächlich verstanden wird.

Der Mord an Jina Amini hat nicht nur eine feministische, sondern auch eine prokurdische Debatte ins Rollen gebracht. Iranische Frauen kämpfen Seite an Seite mit kurdischen Frauen. Gibt es nun auch mehr Solidarität für die kurdische Selbstbestimmung?

Ich denke, dass die Rolle der kurdischen Bevölkerung für diese Aufstände gar nicht groß genug einzuschätzen ist. Ich würde so weit gehen, zu sagen, dass sie der Motor für diese feministische Revolution war. Das kurdische Streben nach Selbstbestimmung finde ich nachvollziehbar, legitim und vor allem machbar. Ich denke in einem modernen Iran kann kurdische Selbstbestimmung und Autonomie durchaus möglich sein. Die Solidarität zwischen den einzelnen Gruppen ist seit den Protesten gewachsen. Was die Bewegung so einzigartig macht, ist, dass sie übergreifend getragen wird von verschiedenen Bevölkerungsgruppen im Iran – von Kurdinnen bis hin zu arabischen Iraner*innen und Belutsch*innen. Das darf nicht unterschätzt werden.

Kurdische Selbstbestimmungskämpfe werden hierzulande in der Linken oft als Vorbild gesehen – und erfahren auch eine gewisse Romantisierung.

Kurdische Kämper*innen machen in meinen Augen das, was man als feministische Außenpolitik bezeichnet. Kurd*innen leben Feminismus, indem sie sich wehren, indem sie sich zusammenschließen, vernetzen und sich Strategien überlegen. Ich denke, dass kurdische Kämpfe tatsächlich in ihrer Organisiertheit, in ihrer Strukturiertheit und auch in den Erfolgen, die sie zu verzeichnen haben, als Vorbild betrachtet werden sollten. Dass es beispielsweise den IS in der Form nicht mehr gibt, haben wir in erster Linie Kurd*innen zu verdanken.

Die Revolution im Iran ist im Gegensatz zu anderen feministischen Protestbewegungen stärker im Westen rezipiert worden und hat international viel Aufmerksamkeit bekommen. Afghanische Protestbewegungen wurden hingegen medial kaum thematisiert. Woran liegt das?

Die Frage habe ich mir auch sehr oft gestellt. Zum einen glaube ich, dass die internationale Staatengemeinschaft mit Afghanistan bis zu einem gewissen Grad abgeschlossen hat. Wir haben das zum Beispiel gesehen, als über Nacht die Truppen aus Afghanistan abgezogen wurden. Man hat bei diesem Abzug ganz genau gewusst: Wenn die Truppen weg sind, kommen die Taliban. Und das ist dann auch passiert. Man hat Afghanistan auf brutalste Weise im Stich gelassen. Hinzu kommt, dass die iranische Diaspora mit acht Millionen Iraner*innen zahlenmäßig größer ist als die afghanische und vergleichsweise alteingesessen. Teilweise lebt sie seit mehreren Generationen im Westen, ist gut etabliert und konnte dieses Momentum letztes Jahr gut nutzen, um die gesamte Öffentlichkeitsarbeit dieser feministischen Revolution aus der ­Diaspora heraus zu übernehmen. Von diesen acht Millionen Menschen sind, egal ob Linke oder Monarchist*innen, die meisten gegen das Regime. Iraner*innen gelten außerdem oft als „gut integriert“ und bekommen die Zuschreibung der „guten Ausländer“, auch das macht einen Unterschied. Wenn wir uns Schlüsselpositionen in westlichen Ländern ansehen, gibt es immer auch Personen iranischer Abstammung, die in politischen Parteien oder anderen Funktionen tätig sind und von dort aus einiges für die Bewegung bewirken können. Wenige ethnische Gruppen haben das in diesem Ausmaß.

Wir erleben momentan auch in Berg­karabach eine Situation, die sich immer weiter zuspitzt. Menschenrechtsorganisationen warnen vor einem erneuten Genozid an Armenier*innen, dennoch scheint sich das Interesse an den Geschehnissen im deutschsprachigen Raum in Grenzen zu halten.

Bergkarabach ist ein Konflikt, den es schon seit Ewigkeiten gibt, und tatsächlich ist es so, dass das öffentliche Interesse daran sehr gering ist. Die UN hat schon seit der Blockade des Lachin-Korridors von einem schleichenden Genozid an den Armeniern in Bergkarabach gesprochen. Damals wurde die Zufuhr von Lebensmitteln und Medikamenten durch Aserbaidschan bewusst blockiert, was zur Folge hatte, dass Armenier*innen in eine Hungersnot geschlittert sind und die Anzahl an Totgeburten angestiegen ist. Kürzlich hat ein Militäreinsatz begonnen, der wenige Tage gedauert hat, bis es zu einem Waffenstillstand gekommen ist. Jetzt ist die Sorge, auch bei mir, dass es zu Vertreibungen und ethnischen Säuberungen kommen könnte. Armenien hat daraufhin eingelenkt und territoriale Ansprüche abgelegt, wenn es im Gegenzug bestimmte Sicherheiten für die armenische Bevölkerung in Bergkarabach gibt. Diese Sicherheiten werden Armenier*innen nicht zugesprochen und deshalb gibt es momentan eine große Angst davor, was nach einer Macht­übernahme mit den Armenier*innen passieren wird. ­Lösen müsste man das auf einer politischen Ebene – es muss Verhandlungen geben, bei denen zumindest Sicherheitsgarantien für die armenische Bevölkerung ausgesprochen werden müssen. •

Shoura Hashemi ist Juristin und hat vor Kurzem die Geschäftsführung von Amnesty Austria übernommen.

Leyli Nouri ist freie*r Journalist*in und Student*in, beschäftigt sich intensiv mit kurdischen, afghanischen und iranischen Protestbewegungen und betätigt sich aktivistisch im Verein Javaneh.

Maryam Al-Mufti ist Politikwissenschaftlerin und quereingestiegene Lehrerin an einer Neuen Mittelschule in Wien.

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Neurodiversität: existiert https://ansch.4lima.de/neurodiversitaet-existiert/ https://ansch.4lima.de/neurodiversitaet-existiert/#respond Mon, 04 Sep 2023 04:31:05 +0000 https://anschlaege.at/?p=111781 Seit einigen Jahren steigen die Autismus- und ADHS-Diagnosen bei Frauen. Die Neurodiversitäts-Bewegung kämpft bereits seit Jahrzehnten dafür, neurodivergente Menschen nicht zu pathologisieren. Von Bettina Enzenhofer „Menschen unterscheiden sich darin, wie sie Reize verarbeiten. Es gibt neurologisch betrachtet eine Vielfalt“, sagt Michaela Hartl. „Der Neurodiversitäts-Begriff repräsentiert das. Es ist relativ neu, dass er im deutschen Sprachraum […]]]>

Seit einigen Jahren steigen die Autismus- und ADHS-Diagnosen bei Frauen. Die Neurodiversitäts-Bewegung kämpft bereits seit Jahrzehnten dafür, neurodivergente Menschen nicht zu pathologisieren. Von Bettina Enzenhofer

„Menschen unterscheiden sich darin, wie sie Reize verarbeiten. Es gibt neurologisch betrachtet eine Vielfalt“, sagt Michaela Hartl. „Der Neurodiversitäts-Begriff repräsentiert das. Es ist relativ neu, dass er im deutschen Sprachraum stärker verwendet wird.“ Hartl berät bei „8ung“ neurodivergente Menschen. „Neurodiversität ist eine Bereicherung für die Gesellschaft. Manche dieser neurologischen Varianten bringen aber für die Menschen, die davon betroffen sind, große Schwierigkeiten mit sich.“

Neurologische Vielfalt anerkennen. Laut aktuellen Studien sind 15 bis 20 Prozent der Bevölkerung neurodivergent. Der Begriff kommt aus der Community: Die mehrfach neurodivergente Neurodiversitäts-Aktivistin Kassiane Asasumasu hat ihn im Jahr 2000 geprägt. Er soll alle Menschen inkludieren, die neurologisch nicht der gesellschaftlichen Norm entsprechen, also nicht neurotypisch sind. Darunter fallen beispielsweise Autist*innen, Menschen mit ADHS, Dyslexie, Tourette, Epilepsie, Parkinson oder psychischen Erkrankungen. Die Bandbreite neurodivergenter Menschen ist groß, es können unterschiedliche Charakteristiken, Erfahrungen und Bedarfe im Vordergrund stehen. Manche neurodivergente Menschen benötigen viel Unterstützung im Alltag, andere können sich stärker anpassen. Gemeinsam ist ihnen, dass sie auf Barrieren stoßen in einer neurotypischen Welt, die mit ihren Anforderungen, Erwartungshaltungen und Sinneseindrücken für neurodivergente Menschen oft sehr herausfordernd ist. Seit den 1990er-Jahren kämpft die von Autist*innen initiierte Neurodiversitäts-Bewegung für die Rechte von behinderten Menschen, für Entstigmatisierung, Antidiskriminierung und Gleichberechtigung, für das Anerkennen neurologischer Vielfalt. Den Begriff „Neurodiversity“ hat vor 25 Jahren die Autistin und Soziologin Judy Singer eingeführt. ­Mittlerweile sind neurodivergente Personen sichtbarer geworden: in den Medien ebenso wie in der Forschung. Promis wie Paris Hilton oder Hannah Gadsby haben sich als neurodivergent geoutet. Auf Instagram und TikTok klären Aktivist*innen darüber auf, was es bedeutet, mit ADHS zu leben oder autistisch zu sein. Manche Elternteile erfahren durch die Autismus- oder ADHS-Diagnose ihres Kindes, dass sie selbst ebenso in diese Spektren fallen: Autismus und ADHS haben eine starke genetische Komponente.

Sexistischer Bias. Seit einigen Jahren steigen die Autismus- und ADHS-​Diagnosen insbesondere bei ­Frauen. Ging man in der geschlechtlich binären Forschung bislang von einer Geschlechtsverteilung von 4:1 aus, so ist mittlerweile klar: Autismus und ADHS waren bei Mädchen/Frauen unterdiagnostiziert, und das lange vorherrschende weiße, männliche Bild von ADHS und Autismus – „der Zappelphilipp“, „der empathielose Autist“ – hat die Realität noch nie adäquat beschrieben. „Gerade bei Frauen ist es wichtig, genau hinzuschauen“, sagt Hartl. „Es gibt immer noch viele Fachleute, die auf neurodivergente Menschen spezialisiert sind, aber bei bestimmten Charakteristiken ADHS oder Autismus ausschließen.“ Jahrzehntelang hatte die Autismus- und ADHS-Forschung vorwiegend Männer im Blick, wodurch auch die Diagnosekriterien einen Bias haben. Autist*innen und Menschen mit ADHS, deren Charakteristiken sich anders zeigen bzw. die sich stark an eine neurotypische Welt anpassen, werden dadurch oft erst spät diagnostiziert.

ADHS. Lia S. hat lange ausgeschlossen, ADHS zu haben. Als sie ihre Psychiaterin eines Tages fragte, ob sie sich auf ADHS testen lassen würde, war S. bereits Ende dreißig. Erst dann habe sie nachgelesen, wie unterschiedlich sich ADHS bei Frauen zeigen kann, erzählt Lia S. ADHS steht für eine „Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung“. Als klassische Charakteristiken gelten Unaufmerksamkeit, Impulsivität und Hyperaktivität, doch diese können sich bei jeder Person unterschiedlich zeigen und im Laufe des Lebens verändern. Menschen mit ADHS können in Bereichen wie Zeitmanagement, Aufmerksamkeitsdauer oder Handlungsdurchführung eingeschränkt sein, wissen das jedoch vor der Diagnose nicht und suchen oft die Schuld bei sich – hören sie doch auch von ihrem Umfeld, sie müssten sich nur mehr anstrengen, dann ginge das schon. Laut Studien zeigt sich ADHS bei Mädchen bzw. Frauen oft ohne die klassisch nach außen gerichtete Hyper­aktivität, wodurch sie weniger auffallen. So auch bei Lia S. „Ich bin sehr intelligent, sprachlich begabt, verstehe schwierige ­Theorien“, erzählt S. „Gleichzeitig bin ich in meinem Leben immer hinter meinen Möglichkeiten zurückgeblieben. In der Schule war ich in manchen Fächern die Beste, in anderen bin ich durchgefallen.“

Lia S. heißt in Wirklichkeit anders. Da ADHS so negativ besetzt sei, habe sie nur ihren engsten Freund*innen von ihrer ADHS-Dia­gnose erzählt. Entgegen der Vorurteile seien aber viele Menschen mit ADHS sehr sensibel und feinfühlig, kreativ und begeisterungsfähig. Wer so viel Input bekomme, könne auch viel Output geben und für andere da sein, habe im Berufsleben gute Ideen und wertvolle Kontakte. „ADHS ist wie ein Karussell, 500.000 Gedanken auf einmal“, sagt Lia S. „Ganz ADHS-klassisch ist bei mir zum Beispiel, dass ich nie etwas fertigbringen kann. Ich fange viele Dinge an, weil mir die Konzentration auf nur eine Sache fehlt, die kann mein Hirn nicht herstellen. Außer, wenn ich im Hyperfokus bin: Dann konzentriere ich mich nur noch darauf, arbeite stundenlang an einem Text.“ Aber: „Ich priorisiere dann falsch, weil ich den einen Anruf, der nur drei Minuten gedauert hätte und der heute dringend gewesen wäre, nicht mache.“ Auch Ordnung falle ihr schwer – in der Wohnung, in der Organisation von Aufgaben, generell im Leben. Sie verliere schnell die Geduld, werde leicht wütend, vor allem auf sich selbst, erzählt S. Anders als bei vielen Menschen mit ADHS sei das Halten von Freundschaften für sie aber kein Problem – im Gegenteil, sie brauche viel Input von verschiedenen Menschen und habe auffallend viele Freundschaften. „Ich habe viel Energie und schaffe sehr viel. Aber irgendwann kommt immer der Punkt, wo ich zusammenfalle – typisch für ADHS. Dass man sich letztlich wieder verkalkuliert und über seine eigenen Grenzen geht.“

Verschränkungen. Menschen mit ADHS und Autist*innen bekommen oft eine Reihe anderer Diagnosen, bevor sie erfahren, dass sie (auch) neurodivergent sind: Depression, Angststörung, Borderline. Selbst wenn diese Diagnosen korrekt sein sollten – oft genug sind sie es nicht – erklären sie nur einen Teil der individuellen Schwierigkeiten. Lia S. lebt schon lange mit Depressionen, die auch durch Antidepressiva nicht besser wurden. „Bei mir sind Trauma, ADHS und Depression miteinander verschränkt. Es kann sein, dass meine Depression besser wird, weil ich nun weiß, dass ich ADHS habe. Dadurch kann ich einfacher zugeben, dass ich in manchen Bereichen konkrete Unterstützung benötige“, erzählt S. „Oft heißt es, ADHS sei eine Modediagnose. Aber es geht darum, dass man etwas verbessern will.“ Für S. ist es wichtig, mit dem Konzept von Neurodiversität alle Menschen, deren Gehirne ganz unterschiedlich funktionieren, zu inkludieren. Gleichzeitig sieht sie für ihr eigenes Leben den Begriff der „Störung“ ebenso als passend: „Ich fühle mich in meinem Leben durch ADHS gestört, mein Leben ist ein Wahnsinn, es ist mir oft zu viel.“ Genauso wie bei ihrer körperlichen Behinderung gelte auch für ADHS: „Ich will das nicht wegwischen und so tun, als wäre es ganz normal – es gibt Menschen, die leben mit nichts von alldem. Ich will die Besonderheit, damit zu leben, differenzieren können.“
Es gibt viele Überlappungen unter neurodivergenten Gruppen und mit weiteren Minderheiten: Beispielsweise haben Menschen mit ADHS häufig auch Tics, Dyslexie oder Dyspraxie (motorische Schwierigkeiten); Autist*innen haben öfter Dyspraxie als Nicht-Autist*innen; auch Dyslexie und Dyskalkulie (Schwierigkeiten beim Rechnen) treten oft gemeinsam auf. Autist*innen sind häufiger trans/nicht-binär/agender, lesbisch, schwul, bi- oder asexuell als Nicht-Autist*innen – auch dazu gibt es ­mittlerweile Studien, wenn auch noch keine Erklärung. Eine Hypothese ist, dass sich queere und neurodivergente Personen weniger an sozialen Normen orientieren. Nicht nur die heteronormative Welt kann gequeert werden, sondern auch die neurotypische, so Nick Walker. Die queere, autistische Psychologin verwendet dafür den Begriff „neuroqueer(en)“ – ein Konzept, das Praxis und Identität gleichermaßen sein kann.

Autismus. Fünfzig bis siebzig Prozent der Autist*innen haben ADHS. Imoan Kinshasa hat beide Diagnosen spät und nach vielen ­Fehldiagnosen bekommen. „Ich bin ultragut in medizinischen Sachen, das ist mein Spezialinteresse. Aber als Frau wird das nicht als Spezialinteresse erkannt“, erzählt die angehende Krankenschwester. Studien zeigen neben dem sexistischen Bias in der Autismus- und ADHS-Diagnostik auch einen rassistischen Bias: Schwarze Menschen, indigene Menschen und People of Color sind unterdiagnostiziert. „Schwarz zu sein, macht es nicht einfacher, als neurodivergent diagnostiziert zu werden. Wenn schon die blonde, blauäugige, konventionelle Durchschnittsfrau keine Diagnose bekommt – was soll ich dann machen, ich habe erst recht keine bekommen“, berichtet Kinshasa. Im Rückblick sei Autismus bereits in ihren Schulzeugnissen sichtbar, doch erst durch TikTok-Videos von Autist*innen habe sie verstanden: „Das bin doch ich, ich mache das auch so.“ Autismus ist ein Spektrum: Bereiche wie Kommunikation, Verhaltensweisen, Wahrnehmung und Interessen können bei jeder autistischen Person unterschiedlich ausgeprägt sein. So unterschiedlich, dass Autist*innen gern die Aussage zitieren: „Kennst du eine autistische Person, dann kennst du eine autistische Person.“ „Autismus macht mich in Bereichen wie der Kommunikation schwach, oder es stört mich gerade ein bestimmter Stoff auf der Haut und lenkt mich ab. Aber in vielen Bereichen macht mich Autismus stärker: Ich sehe Details und erkenne Muster, die andere nicht sehen. Ich höre sehr gut zu. Ich kann Aufgaben superschnell und perfekt erledigen. Aber ich muss mich vielleicht zwei Wochen auf ein Telefonat vorbereiten. Das macht niemanden besser oder schlechter, sondern einfach anders. Und ich finde, das ist zu akzeptieren“, sagt Imoan Kinshasa. Doch autistische Menschen würden oft unterschätzt. Sie selbst habe früher Ableismus internalisiert und dachte, sie könne als Autistin mit ADHS nicht als Krankenschwester arbeiten. „Aber gerade in der Medizin ist es hilfreich, dass ich in einem bestimmten Ablauf keinen Punkt auslasse. Die Protokolle habe ich alle im Kopf.“ Schwierig sei aber oft, soziale Kontexte zu verstehen, was zu Missverständnissen führt.

Barrieren abbauen. „Wenn ich anderen sage, dass ich autistisch bin und ADHS habe, ist das kein Grund, mich zu bemitleiden. Es ist kein Krebs im Endstadium. Es ist nur ein Hinweis, dass man überlegt, wie man mit mir umgeht. Dass man zum Beispiel bei Aktivitäten überlegt, warum ich nicht bei der Gruppe sitze und sagt: Das ist okay, sie braucht ihre Pause, sie ist Autistin“, so Imoan Kinshasa. Seit der Diagnose sei sie ein freierer Mensch, müsse weniger maskieren, sich also weniger an neurotypische Menschen anpassen. Auch Michaela Hartl erlebt in ihrer Praxis, dass die meisten nach ihrer Diagnose erleichtert sind. Viele ihrer Klient*innen hätten durch die Anstrengung, im System zu funktionieren, und durch das oft jahrzehntelange Maskieren ein autistisches oder ADHS-Burnout. Ihr Rat: „Es geht nicht darum, einen Menschen zum Beispiel mit allen anderen Autist*innen in eine Autismus-Schublade zu stecken. Sondern zu fragen, was anderen Autist*innen geholfen hat, sich besser entfalten zu können.“ •

Bettina Enzenhofer schreibt als freie Journalistin über Gesundheitsthemen und hat das feministische Online-Gesundheitsmagazin Our Bodies gegründet: ourbodies.at

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Ein bisschen Regenbogen https://ansch.4lima.de/ein-bisschen-regenbogen/ https://ansch.4lima.de/ein-bisschen-regenbogen/#respond Fri, 23 Jun 2023 06:08:02 +0000 https://anschlaege.at/?p=110368 Im Netz tobt eine Debatte um sogenanntes „Queerbaiting“. Die Kritik an der schnöden Marketingstrategie ist mehr als angebracht – den Begriff inflationär zu verwenden, kann aber nach hinten losgehen. Von Brigitte Theißl. Zwischen Jane Rizzoli und Maura Isles stimmt die Chemie. Die schlagfertige Kommissarin und die Gerichtsmedizinerin aus einer Bostoner Upper-Class-Familie bilden in der US-amerikanischen […]]]>

Im Netz tobt eine Debatte um sogenanntes „Queerbaiting“. Die Kritik an der schnöden Marketingstrategie ist mehr als angebracht – den Begriff inflationär zu verwenden, kann aber nach hinten losgehen. Von Brigitte Theißl.

Zwischen Jane Rizzoli und Maura Isles stimmt die Chemie. Die schlagfertige Kommissarin und die Gerichtsmedizinerin aus einer Bostoner Upper-Class-Familie bilden in der US-amerikanischen Krimi-Serie ein weibliches Buddy-Team, wie es im TV immer noch selten zu sehen ist. „Rizzoli & Isles“ ist aber auch auf jener Liste zu finden, die besonders unverschämte Beispiele von Queerbaiting auflistet. Der Begriff, der sich ab 2010 im Netz verbreitete, kritisiert vorrangig eine Marketingstrategie. So werden etwa in Serien queere Charaktere oder Beziehungen über einen längeren Zeitraum hinweg angedeutet und damit ein queeres – zahlungskräftiges – Publikum vor die Bildschirme gelockt. Das erzählerische Versprechen bleibt jedoch ein leeres. Mehr noch: Konkret darauf angesprochen verwitzeln Darstellerinnen oder Produzentinnen das queere Marketing sogar oder weisen entsprechende Spekulationen strikt zurück. So auch bei „Rizzoli & Isles“, die auf einem Werbeposter spielerisch mit Handschellen aneinander gekettet zu sehen waren – Showrunner Janet Tamaro zeigte sich in Interviews hingegen „amüsiert“ über die „Lesben-Theorie“.

Queere Vorbilder. Mit dem Start von Netflix und anderen Streaming-Plattformen ist die Anzahl queerer Charaktere in Serien inzwischen geradezu explodiert. Fans müssen sich nicht länger mit zaghaft angedeuteter Zuneigung oder queeren Charakteren begnügen, die kurz nach ihrem Auftauchen ein tragisches Schicksal ereilt. Autor*innen entwerfen vielmehr komplexe Geschichten und würdigen queere Beziehungen in allen ihren Facetten. „Es braucht dringend Sichtbarkeit für queere Lebensrealitäten, gerade für Jugendliche und junge Erwachsene, die mitten in ihrer Identitätsfindung stecken“, sagt Anton Cornelia Wittmann von der HOSI Salzburg. Wittmann ist in der regionalen Jugendarbeit aktiv und weiß, wie schwierig es für viele queere Jugendliche ist, ein positives Selbstbild zu entwickeln. „‚Schwul‘ ist immer noch ein mächtiges Schimpfwort“, sagt Wittmann im an.schläge-Gespräch. Umso wichtiger sei es, dass Medien nicht auf überzeichnete und stereotype Darstellungen zurückgreifen, sondern queere Charaktere in all ihrer Vielfalt zeigen.

Eine Partnerin für Elsa. Trotz aktueller Erfolgsserien wie „Euphoria“ (siehe S. 16) ist die Debatte um Queerbaiting keineswegs verschwunden. So steht etwa der Disney-Konzern ganz besonders in der Kritik: Seine weltweit vermarkteten Superheld*innen-Blockbuster kommen gänzlich ohne queere Charaktere aus, aber in Animationsfilmen wie „Luca“ und „Frozen“ werde Queerbaiting betrieben.
Elsa, Heldin der „Frozen“-Reihe, inspiriert nicht nur Buben dazu, im Prinzessinnenkleid den Kinder-Superhit „Let it go“ zu schmettern, Elsa wird auch als queere Figur gefeiert. Und das, obwohl sie in „Frozen“ schlicht kein Interesse an Liebesbeziehungen zeigt. Dass sie aber auch nicht offen hetero ist, lässt Raum, sich einen ersten lesbischen Disney-Charakter zu entwerfen. 2016 trendete der Hashtag #GiveElsaaGirlfriend auf Twitter – erfolglos: Das erhoffte Coming-out blieb in „Frozen 2“ aus. Millioneneinnahmen stünden für den Disney-Konzern, der seine Filme auch in autoritären Staaten wie China verkaufen will, immer an erster Stelle, so Kritiker*innen. Dass die Konzernverantwortlichen sich zu politischen Statements durchringen können, zeigt aktuell die öffentliche Schlacht zwischen Disney und Gouverneur Ron DeSantis. Disney hatte das menschenverachtende „Don’t say gay“-Gesetz in Florida kritisiert, das Schulunterricht über sexuelle Orientierung und Geschlechtsidentität verbietet.

Gatekeeping. Der Vorwurf des Queerbaitings beschränkt sich indes nicht auf fiktionale Figuren, er trifft auch ganz reale Popstars. Als Billie Eilish sich in ihrem Video zu „Lost Cause“ mit mehreren jungen Frauen auf dem Bett räkelte und auf Instagram ein Posting mit der Caption „I love girls“ versah, debattierten Fans, ob dies als Coming-out des Superstars zu lesen sei oder Eilish schamloses Queerbaiting betreibe. Doch Künstler*innen Queerbaiting zu unterstellen, sei gefährlich und eine neue Art des Gatekeepings, entgegnen Kritiker*innen. Immer mehr junge Menschen würden ihr Geschlecht und ihre sexuelle Identität als fluid erleben – ihnen ein Label aufzuzwingen, schränke sie dabei ein. Auftritte von Billie Eilish oder Taylor Swift heben sich zudem klar von der Fetischisierung lesbischer Sexulität für den männlichen Blick ab, die in den Nuller-Jahren noch fröhlich zelebriert wurde. So inszenierte sich das russische Duo t.A.T.u. in seiner Hit-Single „All the things she said“ als lesbisches Paar im Schulmädchen-Outfit, Sängerin Julia Volkova fiel wenig später mit homofeindlichen Aussagen im russischen TV auf. Ebenso für Aufregung sorgte der Kuss zwischen Madonna und Britney Spears bei den MTV-Awards 2003, der Saalgäste wie Justin Timberlake sichtlich („sexy!“) begeisterte.

Alle lieben Harry. Im Mittelpunkt heftiger Queerbaiting-Debatten stand zuletzt auch ein weiterer Superstar der Generation Z: Harry Styles. Das ehemalige One-Direction-Mitglied hat sichtlich Freude daran, mit seinen Outfits Geschlechtergrenzen zu verwischen, Styles tritt mit Perlohrring und als Meerjungfrau auf und war als erster Mann solo auf dem Cover der Vogue zu sehen – im bodenlangen Kleid. Wer nach Informationen zu seiner sexuellen Orientierung sucht, findet online nicht bloß versprengte Spekulationen, sondern Stunden an Videomaterial. Dazu gibt es eine Vorgeschichte: Als sich 2010 die Casting-Boyband One Direction gründete, dichteten Fans Styles und seinem Bandkollegen Louis Tomlison eine heimliche Liebesbeziehung an: Fan Fiction, die sich zu einer aggressiven Verschwörungstheorie namens Larry Stylinson auswuchs und deren Anhänger („Larries“) noch heute aktiv sind. Während Tomlison die unterstellte Beziehung stets abstritt und negative Auswirkungen auf die Beziehung zu seiner Freundin beklagte, äußerte sich Harry Styles nie dazu. Auf seinen Solo-Konzerten schwingt Styles häufig die Pride-Flagge, im 2022 erschienenen Film „My Policeman“ verkörperte er den Polizisten Tom Burgess, der in den 1950er-Jahren eine heimliche und illegale Liebesbeziehung mit einem Mann führt. Im realen Leben sind in der Dating-History von Styles jedoch nur cis Frauen zu finden – allen voran Supermodels wie Kendall Jenner, Emily Ratajkowski und Camille Rowe. Queerbaiting also, so auch die Kritik an Styles. Darauf angesprochen sagte Harry in einem Interview mit dem „Rolling Stone“, dass er selbst nie eine Beziehung öffentlich gemacht habe, sondern bloß Paparazzi-Fotos von ihm und Frauen existierten.

Fuck the business. Für „Heartstopper“-Darsteller Kit Connor hatte der Queerbaiting-Vorwurf drastische Folgen. Connor spielt in der Netflix-Verfilmung einen bisexuellen Jugendlichen, in den sozialen Medien sei deshalb großer Druck auf ihn ausgeübt worden. „Ich bin bi. Herzlichen Glückwunsch, dass ihr einen 18-Jährigen dazu gezwungen habt, sich selbst zu outen. Ich glaube, manche von euch haben den Sinn der Serie nicht verstanden. Bye“, twitterte er daraufhin. „Für queere Personen muss es immer ein selbstbestimmtes Coming-out geben“, sagt Anton Cornelia Wittmann. Menschen, die öffentlich sehr straight auftreten würden, würden nie zu ihrer sexuellen Identität befragt, während jegliche Ambivalenz bohrende Fragen nach sich ziehe. „Das Problem im PopBusiness liegt vielleicht auch ganz woanders“, sagt Wittmann. Offen queere Musiker*innen wie Sam Smith würden zu wenig Aufmerksamkeit bekommen, während jene Stars, die ein Label für ihre sexuelle Orientierung verweigern, regelmäßig die Schlagzeilen dominierten. So zeigte sich auch der Schwarze schwule Künstler Billy Porter enttäuscht darüber, dass ausgerechnet Harry Styles als erster Mann im Kleid auf dem Vogue-Titel zu sehen war. Porter selbst schreitet regelmäßig in Kleid und High Heels über den roten Teppich – Mode, die für ihn höchst politisch sei. „Ich sehe da aber nicht einzelne Personen in der Verantwortung“, sagt Anton Cornelia Wittmann. Ein ganzes System müsse sich vielmehr ändern – und queere Künstler*innen nicht länger diskriminieren.

Fuck homofeindliche Männlichkeit. Shootingstar Bad Bunny, der mit Reggaeton und Latin-Rap die Streaming-Charts dominiert und dem ebenso Queerbaiting vorgeworfen wird, bekennt sich in Interviews als Anhänger eines fluiden Verständnisses von sexueller Identität. „Das macht mich nicht aus. Am Ende des Tages weiß ich nicht, ob ich in zwanzig Jahren einen Mann mögen werde. Das weiß man im Leben nie. Aber im Moment bin ich heterosexuell und ich mag Frauen“, sagte er 2020 der „Los Angeles Times“. Bei den MTV Video Music Awards 2022 performte er seinen Song „Titi Me Pregunto“ und küsste sowohl eine Background-Tänzerin als auch einen Tänzer. In einem Genre, das traditionell mit frauenfeindlichen Lyrics auffällt, haben die Aussagen des 29-jährigen Puerto-Ricaners besonders Gewicht – auch gegen Sexismus und Gewalt an Frauen spricht sich Bad Bunny regelmäßig aus.

Männlichkeit, die sich nicht länger über die Abgrenzung zu Homosexualität definiert, kann nur als politischer Gewinn verstanden werden – allem vermeintlichen Queerbaiting zum Trotz.

Brigitte Theißl ist für euch in diverse Rabbitholes auf Reddit getaucht und hat Darlene Connor in „Roseanne“ immer schon als queeren Charakter gelesen.

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Ich möchte nichts brechen https://ansch.4lima.de/ich-moechte-nichts-brechen/ https://ansch.4lima.de/ich-moechte-nichts-brechen/#respond Fri, 23 Jun 2023 06:05:06 +0000 https://anschlaege.at/?p=110366 Eine Art Hexenkessel wollte Kim de l’Horizon mit dem gefeierten „Blutbuch“ schaffen. Ein Gespräch über queere Literatur, fluides Schreiben und die Angst auf dem Nachhauseweg. Von Nele Posthausen. an.schläge: Was bedeutet Queerness beim Schreiben, was ist ein queerer Text? Kim de l’Horizon: Queerness beschreibt immer auch das Verhältnis zu dem, das eben nicht queer ist, […]]]>

Eine Art Hexenkessel wollte Kim de l’Horizon mit dem gefeierten „Blutbuch“ schaffen. Ein Gespräch über queere Literatur, fluides Schreiben und die Angst auf dem Nachhauseweg. Von Nele Posthausen.

an.schläge: Was bedeutet Queerness beim Schreiben, was ist ein queerer Text?

Kim de l’Horizon: Queerness beschreibt immer auch das Verhältnis zu dem, das eben nicht queer ist, das im selbst ernannten Zentrum steht. Ich denke diese Begriffe sehr räumlich: Das Queere ist das Schräge, das Straighte das Gerade. In Bezug aufs Schreiben heißt das also: Was stellt sich schräg in der Rechteckigkeit der Gesellschaft? Welche Formen tanzen aus der Reihe, sind gleichzeitig disruptiv, störend, aber tanzen dabei auch, haben und geben Freude? Mich interessieren auch Fragen von queerer Zeitlichkeit. Dass beispielsweise in anderen Zeiten queere Figuren, Szenen oder queeres Begehren beschrieben wurden und das gar nicht so ein Riesending war. Zum Beispiel in einem queeren DDR-Roman, den ich unlängst entdeckt habe. Ich glaube, dass sich heute verschiedene Zeiten überlappen. Es gab in den letzten Jahren große Öffnungen und zugleich ist da auch eine reaktionäre Bewegung, ein Backlash.

Das „Blutbuch“ bricht in vielerlei Hinsicht mit der Textsorte Roman. Es ist fragmentiert und durchaus anstrengend zu lesen.

Ich habe zehn Jahre an dem Schreiben gearbeitet, das dann in „Blutbuch“ mündete. Mein Bild, wie ein echter Roman auszusehen hat, war das eines Gefäßes. Du füllst einen Inhalt rein, aber die Form gibt es schon und die muss auch so bleiben. Ich habe schnell gemerkt, dass das für mich nicht funktioniert. Also habe ich eine Form von Schreiben versucht, die sich aus sich selbst heraus zum Erscheinen bringt. Romane werden oft nur ex negativo definiert: Ein Roman ist keine Novelle, es ist kein Drama, keine Lyrik – aber was ein Roman tatsächlich ist, das bleibt schwammig. Und dennoch gibt es ein klares Gefühl, das sich einstellt, wenn wir einen Text lesen. Es sagt uns, ob das ein Roman ist oder nicht. Mit diesem und gegen dieses Gefühl habe ich geschrieben.

Du sprichst selbst von der „écriture fluide“.

Das ist ein Begriff, unter dem ich diese Form des Schreibens zu fassen versuche. Es gibt die „écriture feminine“ von der feministischen Theoretikerin Hélène Cixous in Abgrenzung zum Male Gaze und der männlichen, phallischen Form des Schreibens. Das war mir aber zu binär. Als sei „das Feminine“ etwas, das Frauen machen oder sind. Ich habe mich in einem Schreiben versucht, das Formen durchfließt. Das Buch hat verschiedene Teile, die auch verschiedenen Gattungen zugeordnet werden können. Das soll – auch wenn es etwas anstrengend ist – etwas Flüssiges haben, das einen benetzt oder anzieht. Etwas, das die Körper in andere Zustände bringt.

Inwiefern setzt du dich mit essentialistischen Perspektiven im Schreiben auseinander?

Ich setze mich kritisch mit differenzfeministischen Diskursen auseinander. Wie Judith Butler es in „Gender Trouble“ kritisiert hat: Die Feminismen der zweiten Welle nehmen meist eine Umkehrung der Vorzeichen vor. Aber da gibt es immer noch eine Opposition, in der das eine besser sein muss als das andere. Mich interessiert vielmehr: Wie kommen wir aus den Oppositionen und der Binarität heraus? Dabei ist mir das Fluide so wichtig, weil ich nichts brechen möchte. Politische Brüche funktionieren selten. Ich möchte etwas umspülen, vielleicht wie ein Fluss einen umspült und unmerklich abschleift.

Du stellst jedem Kapitel Zitate voran. Mal ist es Donna Haraway, mal ist es Sam Smith. Warum sind dir diese Referenzen wichtig?

Das sind für mich wie Zaubersprüche, die einen Ton für die jeweiligen Kapitel vorgegeben haben. Ich sehe das Blutbuch als eine Form von Hexenkessel, in den ich Sachen reingeschmissen habe oder sich Dinge auch selbst reingeschmissen haben. In wissenschaftlichen Arbeiten gibt mensch die Referenzen an, beim literarischen Schreiben bleibt oft unsichtbar, was alles hineingeflossen ist. Das führt zu diesem Genie-Begriff, bei dem die schreibende Person scheinbar alles aus sich selbst geschöpft hätte. Ich wollte zeigen: Von all diesen Leuten habe ich Dinge geklaut. Dabei war mir die Verbindung von theoretischen Elementen und Popkultur wichtig.

Wofür steht diese Verbindung?

Ich möchte Hierarchien entgegenarbeiten. Das Akademische tut so, als hätte es einen gültigen Anspruch auf Wahrheit, während Literatur immer Fiktion ist. Wer also „wahre“ Texte produziert, ist klar. Vom klassischen Feuilleton-Publikum wird Literatur ernst genommen, popkulturelle Texte aber nicht. Ich wollte zeigen, dass das verschiedene Formen von Wissen sind, die zwar in der Gesellschaft ­hierarchisiert werden, aber die ich nebeneinanderstellen und sich auf Augenhöhe begegnen lassen will. Das war wichtig für die Zitate, aber auch für die Figur der Meer, die nicht studieren konnte, sich aber doch eine Form von Wissen angeeignet hat.

Die Figur ist Teil einer autofiktionalen Erzählung. Inwiefern ist das „auto“ oder das „ich“ für dich wichtig in einem queeren Text?

Die Hauptfigur wird erst im vierten Teil „Kim“ genannt. Vorher ist sie namenlos. Ich bin an einer Aufweichung und Destabilisierung von Identität interessiert. So wichtig identitätspolitische Diskurse sind, so skeptisch bin ich gegenüber einer Dynamik, die Identitäten allzu sehr verfestigt. Grundsätzlich ist es zentral, sich sprechend im Geflecht von Macht und Sprache zu positionieren. In der Politik und Wissenschaft finde ich es wichtig und richtig, auch mal Sätze mit „Ich als [Identität der sprechenden Person]“ zu beginnen. Allerdings braucht es auch Räume und Sprachen, die diese Identitäten verunsichern – damit sie nicht wieder essentialisiert werden. Deswegen ist das Blutbuch und ganz konkret die Biografie, die von mir im Buch steht, eine Form von Identität erschreiben.

Du hast als erster Autorin überhaupt sowohl den Deutschen als auch den Schweizer Buchpreis 2022 für einen Debütroman erhalten. Du wirst als queere Person gefeiert. Und gleichzeitig erlebst auch du im Alltag einen Backlash gegen queere Politiken.

Das ist, als würdest du ständig in zwei Filmen laufen. Als hättest du gleichzeitig eine Star-Rolle und die Rolle des geschlagenen Hundes. Ich habe viele Lesungen abgesagt, weil das Reisen so wahnsinnig anstrengend ist. Mich unterwegs sicher zu fühlen, ist fast unmöglich. Oft wenn ich Zug fahre, performe ich mich maskuliner, damit ich sicher bin. Dann gehe ich auf Bühnen und will mich so zeigen, wie ich mich schön fühle, und werde dafür meist gefeiert. Das ist so absurd. Ich glaube, das machen viele queere, trans Menschen in der Öffentlichkeit. Alok Vaid-Menon sagt: „Nobody asks me how I get home”. In den Shows wird Alok hochgejubelt, aber wie kommt Alok nach Hause? Das ist total gefährlich.

Welche Rolle spielt die Liebe in deiner Arbeit?

In einem Projekt, das ich gerade andenke, möchte ich über Liebe schreiben. Aber auch über das Gefähr­liche und das Übergriffige an Liebe. Greta Gerwig hat eine Figur in „Lady Bird“ sagen lassen, dass Aufmerksamkeit auch eine Form von Liebe sei. Das war eine Erfahrung, die ich mit dem Schreiben von Blutbuch gemacht habe. Auch wenn ich die Figuren teilweise als übergriffig, kalt und hart beschrieben habe, musste ich sie lieben lernen. Wenn nur Hass deine Motivation ist, um über eine Figur zu schreiben, dann wird sie eindimensional. Wenn zum Beispiel alte weiße hetero cis Männer zu Klischees werden, dann verändern wir nichts. Wie Butler sagte: Dann drehen wir nur die Vorzeichen um. Aber wir bleiben im Schatten des Phallus. Sich mal auszukotzen über gewisse Menschen kann gut und wichtig sein. Damit wir etwas richtig ernst nehmen können, müssen wir aber Wege finden, es auch zu lieben. Auch wenn das die schwierigsten Wege sind. •

Nele Posthausen ist Journalistin, studiert Gender Studies und besitzt eine große Neugier für postmoderne Wissensformen.

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Wie queer sind Kinder- und Jugendbücher? Carla Heher kann von erfreulichen Entwicklungen berichten.

„Heartstopper“, die Coming-of-Age-Graphic-Novel, die die Liebesgeschichte zweier Jungen erzählt, ist ein Bestseller. Dass eine queere Geschichte so erfolgreich ist, dass sie sogar von Netflix verfilmt wird, hätte ich mir 2013 kaum vorstellen können. Damals machte ich mich für die an.schläge auf die mühsame Suche nach progressiven Kinderbüchern mit queerfeministischem Anspruch – und es war gar nicht so einfach, Werke zu finden, die sich kritisch mit Geschlechterrollen und -normen auseinandersetzen, Familienkonstellationen jenseits von Mutter-Vater-Kind thematisieren oder auch einfach nur Vielfalt darstellen. Zehn Jahre später sieht das zum Glück anders aus.

Vulva & Vulvina. Insbesondere bei Aufklärungsbüchern für Kinder und Jugendliche ist ein deutlicher Paradigmenwechsel erkennbar. Wurden Schwangerschaft, Geburt und Familie früher sehr (hetero-)normativ verhandelt, ist Vielfalt in vielen Neuerscheinungen Standard. Das zeigt sich bereits auf den ersten Blick durch Illustrationen, die Menschen mit unterschiedlichen Diversitätsmerkmalen darstellen, etwa was Hauttöne, Körperformen und Geschlechter­stereotype betrifft. Doch auch das Thema Fortpflanzung wird abseits von Heterosexualität verhandelt und im Wochenbett kümmern sich nun auch Väter liebevoll um das Neugeborene. Transgeschlechtlichkeit und Nicht-Binarität werden ebenso thematisiert wie andere Aspekte der Sexualerziehung, die mindestens genauso wichtig sind wie Körperfunktionen: Gefühle (und der Umgang damit) sowie Konsens zum Beispiel. Immer häufiger liest man auch die korrekte Bezeichnung der Genitalien, nämlich Vulva für die äußerlich sichtbaren Bereiche und Vagina für den inneren Muskelschlauch. Im intersektionalen Aufklärungsbuch „Samira und die Sache mit den Babys“ greift die Autorin auf den neuen, emanzipatorischen Begriff „Vulvina“ zurück.

Die Macher_innen von „Lina die Entdeckerin“ (Achse), ein Kinderbuch über die Vulva, haben mit der ganzseitigen Abbildung einer Klitoris und der Beschreibung ihrer Funktionen ein Tabu gebrochen und neue Standards gesetzt. Das gilt auch für das sehr empfehlenswerte Aufklärungsbuch „Untenrum. Und wie sagst du?“ (Beltz & Gelberg) für Kinder schon ab vier Jahren. An eine ältere Zielgruppe, nämlich an Heranwachsende ab zwölf Jahren, richten sich „Selma, Küsse, Kuddelmuddel“ und „Yunus, Zocken, Liebeszeugs“ (beide Leykam Verlag), zwei Geschichten über Freund_innenschaft und die Veränderungen, die die Pubertät mit sich bringt.

Bücher, die sich mit Teilaspekten der Pubertät auseinandersetzen, sind eine hilfreiche Ergänzung. Gerade das Thema Menstruation kann auch erstmal ohne Sex und Schwangerwerdenkönnen auskommen, schließlich geht es in erster Linie darum, dass man jeden Monat blutet. Das aktuell inklusivste Buch darüber heißt „Mut zum Blut“ (Zuckersüß Verlag). Es rüstet für einen positiven und selbstbewussten Umgang mit der Menstruation und bestärkt Kinder und Jugendliche, mit ihren Gedanken und Gefühlen rund um die Periode offen umzugehen. Es liefert Infos rund um Hygieneprodukte und hilfreiche Hinweise zu (daten-)sicheren Menstruationsapps.

Auch zum Thema Queerness gibt es explizite und spannende Neuerscheinungen. „Was ist eigentlich dieses LGBTIQ*“ (migo) ist ein Jugendsachbuch zum Thema Queerness. In zehn Kapiteln werden Themen rund um Geschlechteridentitäten und sexuelle Orientierung besprochen und die einschlägigen Begriffe verständlich und anschaulich erklärt. Es erläutert, mit welchen Formen von Diskriminierung queere Menschen hier und anderswo zu kämpfen haben oder wie ein Coming-out ablaufen könnte. Dazwischen gibt es immer wieder Mitmachseiten, die zur Reflexion anregen.

Märchen- und Bilderbücher. Queere und feministische Inhaltein Kinderbüchern beschränken sich erfreulicherweise nicht nur auf Sachbücher. Wer gerne Märchen vorliest, aber auf überkommene Rollenzuschreibungen
verzichten will, hat mittlerweile eine gute Auswahl. Die Idee, Märchen umzuschreiben und dabei etwa die Geschlechter der Hauptfiguren auszutauschen (Der Prinz auf der Erbse, Kein & Aber) oder mal die Prinzessinnen Karriere machen zu lassen (Power to the Princess, Carlsen) wurde bereits aus verschiedenen Perspektiven aufgegriffen. International für besonders viel Aufregung hat eine Publikation aus Ungarn gesorgt. Das von einer lesbischen Initiative herausgegebene Märchenbuch „Meseország mindenkié“ löste eine politische Debatte aus und wurde von der rechtskonservativen Regierung unter Victor Orban zum Anlass genommen, queerfeindliche Gesetzesreformen durchzusetzen. Die deutsche Übersetzung des Buchs, in dem unter anderem schwule Prinzen, eine Romnja Prinzessin und ein trans Reh eine Rolle spielen, wurde unter dem Titel „Märchenland für alle“ (DK Verlag) veröffentlicht.

Wem das Märchen-Genre auch feministisch modernisiert zu wenig bekömmlich ist und wer auf der Suche nach feinen Vorlese-Bilderbüchern ist, wird mittlerweile auch fündig, etwa mit „Julian ist eine Meerjungfrau“ (Knesebeck). Das bemerkenswerte Werk über Individualität und Akzeptanz mit einer Hauptfigur, die fernab von Geschlechterklischees agiert – und agieren darf –, ist ziemlich eingeschlagen. Die Geschichte über ein Kind, das sich als Meerjungfrau verkleidet und mit seiner Oma in kunstvollen und expressionistischen Kostümen an einer Mermaid-Parade teilnimmt, kommt mit wenig Text aus, umso stärker wirkt die Bildsprache der eindrucksvollen Illustrationen.
Ein niedliches Bilderbuch (nicht nur) über unerfüllten Geschwisterwunsch ist „Der beste Babysitter der Welt“ (Beltz & Gelberg). Hier wird der Hauptfigur kein Gender zugewiesen, das Nachbarsbaby heißt zwar Bruno, trägt aber eine Schleife am Kopf, und auch seine beiden Mamas repräsentieren eine Familienform abseits des Mainstreams.

Queer-feministische Jugendbücher. Auch queer-feministische Romane für Heranwachsende gibt es mitterweile einige. In der Graphic Novel „Regenbogentage“ (Klett Kinderbuch) geht es um die elfjährige Tuva und ihren Alltag mit Schule, sich wandelnder Freund_innenschaft und ihrem alleinerziehenden Papa. Gelungen ist nicht nur die ganze Geschichte, sondern auch die Tatsache, dass Tuva sich in ein Mädchen verliebt und das unaufgeregt und nicht problematisierend erzählt wird. Eine ebenso berührende Freundschafts- und Liebesgeschichte, in der ein trans Junge eine Rolle spielt, ist „Fred und ich“ (Beltz & Gelberg). Das Thema Geschlechtsidentität wird darin behutsam und gleichzeitig selbstverständlich miterzählt.

Für viel Aufregung in der Kinder- und Jugendliteraturwelt hat „Papierklavier“ (Beltz & Gelberg) gesorgt. 2021 hätte es, von einer unabhängigen Jury gewählt, den katholischen Kinder- und Jugendbuchpreis gewinnen sollen. Die zuständige Bischofskonferenz hat allerdings offenbar vorab einen Blick in das prachtvoll illustrierte Buch geworfen und ein Veto eingelegt. Warum konkret, blieb unklar, aber es gibt so einiges, das Bischöfen nicht gefallen könnte: Es geht um die Tochter einer alleinerziehenden Mutter, um Armut, Klassenunterschiede, einen offenen Umgang mit Sexualität und Körpern und eine trans bzw. nicht-binäre Nebenfigur. Immerhin: Es gab eine Welle der Solidarität mit der Autorin und dem Verlag, zahlreiche Menschen haben sich hinter dieses Buch gestellt und nicht zuletzt durch diesen Skandal hat es die Aufmerksamkeit bekommen, die es verdient. Am Einfluss der katholischen Kirche auf die Kinder- und Jugendliteratur ändert das leider nichts. Ein queer-feministisches Pendant zu einem solchen Preis gibt es bislang nicht.
Gequeert wurde 2023 allerdings der deutsche Jugendliteraturpreis! „Die Sonne, so strahlend und Schwarz“, ein kraftvoller Versroman, in dem es unter anderem um häusliche Gewalt und rassistische Polizeigewalt, aber auch um Freundinnenschaft, Familienzusammenhalt, Resilienz, Rollkunstlauf, erstes Verliebtsein, Begehren und um queere Ahninnen geht, ist dieses Jahr nominiert. Egal, ob das großartige Buch gewinnt oder nicht, es hat die Autorin Chantal-Fleur Sandjon als starke Schwarze queere Stimme in der deutschsprachigen
Jugendliteratur bekannt gemacht. •

Carla Heher ist Literaturvermittlerin, Kinderbuchinfluencerin, Volksschullehrerin und Vorleserin zweier Kinder.

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Künstliche Intelligenz soll mehr Diversität bringen, etwa durch den Einsatz KI-generierter statt menschlicher Models. Beendet wird die Diskriminierung marginalisierter Körper dadurch aber nicht – im Gegenteil. Warum wir uns gegen den digitalen Schönheitsterror lautstark wehren müssen, erklärt Elisabeth Lechner.

Algorithmen machen ihre Arbeit, ohne dass wir es merken. Sie bestimmen auf Basis riesiger Datenmengen und mathematischer Vorhersagemodelle, was wir in unseren Social-Media-Feeds angezeigt bekommen oder was uns beim Online-Shopping neben bereits ausgewählten Produkten noch gefallen könnte. Sie haben Einfluss auf unsere Gesundheit (von der bildgebenden Diagnostik in der Medizin bis hin zu FitBits und Wearables im Sport, die unsere Körperdaten erfassen) und entscheiden (mit) darüber, wer Unterstützung vom Staat bekommt (Spoiler: Frauen, Mütter, Menschen mit Behinderung und über Fünfzigjährige waren es beim viel diskutierten AMS-Algorithmus nicht).

Automated Equality? Obwohl die Grenzen zwischen digital und analog bereits seit Jahren immer mehr verschwimmen und computergenerierte Entscheidungen schon jetzt konkreten Einfluss auf unser Leben nehmen, waren die Wirkweisen dieser Anwendungen bisher nur Expert*innen und einem Fachpublikum bekannt. Doch im November 2022 hat Open AI den KI-Chatbot Chat GPT veröffentlicht, der durch Unmengen Daten und maschinelles Lernen auf Anfragen (sogenannte „Prompts“) von User*innen erstaunlich hochwertige Texte produzieren kann. Dazu kam der Aufruhr rund um den glitch-freien, superrealistischen TikTok-Filter „Bold Glamour“, der aus durchschnittlichen Selfies „alienhafte“ gleichförmige „Schönheit“ macht – seither ist das Thema nun auch in der breiten Öffentlichkeit angekommen. Immer mehr Menschen probieren die neuen Anwendungen aus, erleben mit einer Mischung aus Neugier, Freude und Angst, was digital (Körper er-)leben heute bedeutet.

KI-generierte Models. Immer mehr Menschen fragen sich aber auch: Welche Daten sind die Basis für algorithmische Entscheidungen? Ist künstliche Intelligenz gerecht? Und wer profitiert? Glaubt man den Firmen, die diese KI-Anwendungen auf den Markt bringen, stehen wir vor einer Revolution der Arbeitswelt, einem
„alles-wird-anders-iPhone-Moment“ für unser gesellschaftliches Miteinander, und auch vor einer schönen, neuen, diskriminierungsfreien Welt. Der amerikanische Jeans-Hersteller Levi’s beispielsweise möchte künftig „die Diversität seiner Kampagnen erhöhen“, indem diese nicht nur echte Menschen, sondern auch KI-generierte Models der Firma Lalaland.ai zeigen, „alle Hautfarben, Alter und Körpergrößen“ inklusive. In einer Welt, in der Schwarze Menschen und People of Color sich viel zu selten repräsentiert sehen, in der dicke Menschen und jene mit Behinderungen sich selbst vorstellen müssen, wie Kleidung an ihrem Körper wohl aussieht, klingt das erstmal nach einer guten Nachricht.

Kapitalistische Mogelpackung. Bei näherer Betrachtung wird jedoch schnell klar, dass dieser Fast Track zur Inklusion eine kapitalistische Mogelpackung ist. Die KI-generierten Models sind nicht wirklich divers – scheinbar graust es der KI, genau wie sie es von den eingespielten Datensets gelernt hat, vor Körperbehaarung, überschüssiger Haut, Falten und Narben, denn all diese Elemente unserer Körperlichkeit sucht man vergebens. Wir werden echte Vielfalt und Inklusion über solch einen Zeit und Kosten sparenden, Profite maximierenden Quick Fix nicht erreichen, der es Unternehmen wie Levi Strauss und Co. ermöglicht, Personal zu entlassen und auf Models, Make-Up-Artists und all die teuren, aufwändigen Anpassungen zu verzichten, die das bewusste Raumschaffen für vielfältige Körper nun mal erfordert. Kleidung in anderen Schnitten entwerfen? Make-Up in verschiedenen Schattierungen und Afro-Haar-Stylists für Schwarze Frauen und Women of Colour anbieten? Andere Sehgewohnheiten und Posen für dicke, queere und behinderte Körper erdenken und durchsetzen gegen Redaktionen, die immer noch dünne, weiße cis Frauen für heterosexuelle Männerblicke stylen? Fragen von gestern. Vielfalt liefert billig und schnell die KI!

Unzeigbar. Egal wie schön und optimiert die Bilder sind, die wir im Digitalen von- und miteinander teilen, ob wir uns nun konform mit den Vorstellungen der Schönheitsindustrie geben, indem wir lächelnde, durch den „Bold Glamour“-Filter gejagte Selfies erstellen; egal, ob wir versuchen, unser Gesicht mit teurer Schönheitsarbeit und Skalpellen (beim gerade angesagten „Buccal Fat Removal“ werden Teile der Wange „exzisiert“, also herausgeschnitten) dem digitalen Avatar anzupassen; egal, ob wir uns aktivistisch einbringen und mit „natürlichen“ Fotos von uns „für mehr Realness auf Instagram“ genau dagegen protestieren: Immer teilen wir diese Bilder auf Plattformen, die maximale Daten- und Profitakquise zum Ziel haben und nicht – wie in cyberfeministischen Utopien der 1990er-Jahre formuliert – einen möglichst transparenten, egalitären Zugang zum Internet für alle. In einer kapitalistischen, patriarchalen digitalen Umwelt, in der der Schönheitsdruck stetig zunimmt und sich intensiviert, bleibt der sichtbare, normschöne, weibliche Körper der kommerzialisierbare Körper; mit ihm werden Produkte und Dienstleistungen verkauft. Was abseits von Werbung und Klicks in der Aufmerksamkeitsökonomie „nicht funktioniert“ – das Eklige, das Abstoßende, das Hässliche, das Tropfende und schwer Kontrollierbare – bleibt auch im Digitalen unzeigbar. Wie die Doku „Coded Bias“ rund um MIT-Forscherin
Joy Buolamwini eindrucksvoll vor Augen führt: Marginalisierte Körper werden in allen Lebensbereichen über neueste, vermeintlich progressive Technologien weiterhin herabgesetzt, kontrolliert und ausgegrenzt.

Rohstoff für die Selbstoptimierung. Wo stehen wir also in Sachen digitaler Körperpolitiken im Jahr 2023? Müssen wir lautstark fordern, unser digitales Miteinander rechtlich neu zu regulieren und plattformkapitalistische Monopole zu zerschlagen? Eindringlich auf die psychologischen und gesellschaftlichen Folgen verzerrter Körperideale hinweisen und gegen schädliche Geschäftsmodelle auftreten? Ja, so laut wir können! Aber dabei dürfen wir nicht auf unsere gelebten Körper vergessen. Ohne sie wird die Schönheitsrevolution nicht erfolgreich sein. Wir führen unsere Leben in fühlenden Körpern, die Freude, Lust und Bewegung spüren, die Schmerz empfinden, krank oder schwanger werden und gerade in ihrer mit anderen geteilten Verletzlichkeit ein enormes Potenzial für politischen Protest entfalten. Auch wenn wir das oft nicht wahrhaben wollen, weil wir Verwundbarkeit und Sterblichkeit durch digitales Optimieren aus dem Blickfeld verbannen: Auch hinter KI-generierten Bildern stellen sich Fragen von Leiblichkeit und Körpern, die einer feministischen Kritik folgend mehr sein müssen als Projektionsflächen für Werbebotschaften und Rohstoff für die Selbstoptimierung gefilterter Realitäten. Gleichstellung wird also weiterhin nicht aus der Dose oder am KI-generierten Silbertablett einer Firma daherkommen. Sie muss – auch im Digitalen – weiterhin erkämpft werden, mit unseren schwitzenden, imperfekten, unendlich vielfältigen Körpern. •

Elisabeth Lechner ist Kulturwissenschafterin und Autorin des Buchs „Riot Don’t Diet – Aufstand der widerspenstigen Körper“, in dem sie Diskriminierung aufgrund des Äußeren auseinandernimmt und eine intersektionale, feministische Schönheitsrevolution anzettelt.

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