September 2014 – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de Sun, 06 Sep 2020 15:28:29 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.0 https://ansch.4lima.de/wp-content/uploads/2024/10/cropped-favicon-32x32.png September 2014 – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de 32 32 an.künden: Queer in, drag up, come out! https://ansch.4lima.de/an-kuenden-queer-in-drag-up-come-out/ https://ansch.4lima.de/an-kuenden-queer-in-drag-up-come-out/#respond Mon, 01 Sep 2014 22:31:40 +0000 https://anschlaege.at/?p=5455 Wiener Kopulationsring Ball]]>

Die Perverse Initiative lädt – pünktlich zum Auftakt der diesjährigen Wienwoche – zum Wiener Kopulationsring Ball. Gefeiert wird zunächst in der Hofburg und zu späterer Stunde im Aux Gazelles unter dem Motto „Queer Boobs and Balls against Facism”. Die Veranstaltung ist eine der antifaschistischen Antworten auf den Wiener Akademikerball, früher Ball des Wiener Korporationsrings. Eingeladen sind alle, die gegen Rassismus, Antisemitismus, Sexismus, Trans- und Homophobie, sowie Antiromanismus antanzen wollen. Neben dem Sektempfang wird von einer Bolognaise über Performances und eine Staatsbürger_innenschaftstombola einiges geboten.

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© Wienwoche/Lisbeth Kovačič

12.9., 18.30: Marcus-Omofuma-Denkmal, 1070 Wien, Museumsquartier/Mariahilfer Str., 19.45: Hofburg, 1010 Wien, Batthyanystiege, 21.30: Aux Gazelles, 1060 Wien, Rahlgasse 5, www.wienwoche.org

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an.künden: Queere Zines https://ansch.4lima.de/an-kuenden-queere-zines/ https://ansch.4lima.de/an-kuenden-queere-zines/#respond Mon, 01 Sep 2014 22:28:53 +0000 https://anschlaege.at/?p=5451 Mini Queer Zine Fest in Berlin]]>

Auf dem Mini Queer Zine Fest im f.a.q. Infoladen in Berlin-Neukölln werden unter anderem fünf brandneue Zines vorgestellt: „Ethical sloth“, „La Moustache“, „Wer A sagt, muss nicht B sagen“ (eine Auseinandersetzung mit Asexualität), „Infecticitis“ sowie ein Zine zu self-love und self-care. Das Programm umfasst Workshops, Lesungen, Stände, Vorträge und Kuchen en masse! Jede_r ist herzlich willkommen – nicht nur um teilzunehmen, sondern auch um sich mit eigenen Ideen, Zines und Aktionen auf diesem eintägigen DIY-Event einzubringen. 

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© mysterymoor/flickr

6.9., 14.00: Mini Queer Zine Fest, 12053 Berlin, f.a.q Infoladen, Jonasstr. 40, queerzinefestberlin@gmail.com

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Blaues Blut https://ansch.4lima.de/blaues-blut/ https://ansch.4lima.de/blaues-blut/#comments Sat, 30 Aug 2014 10:05:21 +0000 https://anschlaege.at/?p=5397 Fast Forward Zapping durch die Historie der Tampon- und Bindenwerbung. Von IRMI WUTSCHER]]>

Fast Forward Zapping durch die Historie der Tampon- und Bindenwerbung. Von IRMI WUTSCHER

Außer Tränen haben Körperausscheidungen in der Öffentlichkeit nichts zu suchen besagt der Knigge. Wie also das Unaussprechliche, nämlich Blut und weibliche Körperöffnungen, in der Werbung appetitlich darstellen? In den letzten fünfzig Jahren gab es dafür mehrere kreative Lösungen.
Die erste deutsche Tamponwerbung stammt von Ende der 1940-er. Darin sind erfolgreiche Frauen zu sehen: telefonierend im Büro, rauchend an der Bar oder entspannt am Strand. Sie raunen sich verschwörerisch das eine Wort zu: „Tampax!“ Nach dem amerikanischen Vorbild wurde von deutschen Gynäkologen O.B. entwickelt und 1950 auf den Markt gebracht. Das Kürzel steht für Ohne Binde, falls sich das eine schon länger gefragt hat. Für die Jahrzehnte danach findet sich nichts in den Online-Videosammlungen – waren die Fünfziger und Sechziger Jahre zu prüde, um über Damenhygiene zu sprechen?

Ein Tanz in Weiß. Anfang der Achtziger Jahre setzt die Werbung auf Frauen, die ernst in die Kamera blickend erklären, dass nichts mehr zur Befreiung von Frauen beigetragen hat, als der Tampon. Dann die berühmte Geste, bei der dieser von der Hand umschlossen wird.
Seit damals wird auch eine blaue Flüssigkeit aus dem Reagenzglas auf jungfräulich weiße Binden geleert. Das sieht nüchtern und wissenschaftlich aus, und hat nichts mit Blut oder Bauchschmerzen zu tun. Bis heute dominieren die Farben Weiß, Blau oder Türkis Verpackungen und Werbungen der Damenhygieneprodukte.
Seit den frühen Neunziger Jahren scheint man sich auf gewisse Codes geeinigt zu haben, die bis heute gültig sind: Frauen tragen während ihrer Periode grundsätzlich weiße Kleidung. Entweder kurze Röcke oder auch enge Gymnastikanzüge. Und alle, ausnahmslos alle Frauen tanzen, wenn sie ihre Tage haben. Im Ballettstudio oder auf der Straße Tango mit Fremden. Oder sie drehen sich um sich selbst, vor dem Kleiderschrank, im Bad oder am Strand. Überhaupt springen Frauen, die die Mensis haben, besonders gerne den Strand entlang – wo sonst kann man sich so „frei und so sauber“ fühlen?

Grüne Sternchen. Erweitern wir den weißen, westzentrierten Blick – die Werbung schneidert ja gerne Maß für bestimmte Kulturkreise. Ich lerne, dass in Japan grüne Sternchen in den Kern der Binde fliegen, was die Stofftiere des sich (in weiß – eh klar) auf dem Bett räkelnden Mädchen erfreut. In Indien hingegen wird die sanitary napkin in den Pool geworfen und saugt so viel Wasser auf, dass der vorher noch feixende Mann beim Kopfsprung fast auf dem Boden aufschlägt.
Und für Afrika (den ganzen Kontinent?) hat sich Always eine eigene Werbelinie ausgedacht: Auswendiglern-Songs, der Text läuft wie bei Karaoke mit. Es geht um die Angst, dass auf dem Rock Spuren zu sehen sein könnten. Was mit der richtigen Binde nicht passiert: „I study I walk I play I dance – no check no stains!“ Und die Mädchen in den Schuluniformen tun was? Richtig. Tanzen.

Judy Chicago: Red Flag, Fotolitographie, 1971 © Judy Chicago / Foto © Donald Woodman
Judy Chicago: Red Flag,
Fotolitographie, 1971
© Judy Chicago / Foto © Donald Woodman

Uterus-Pinata. Dass die Tage in der Regel (haha) nicht so fluffig ablaufen, dürfte sich herumgesprochen haben – spätestens seit ein gewisser Richard sich bei einer Bindenfirma beschwert hat und die Geschäftsführerin sich in einem Video blauen Saft trinkend dafür entschuldigt hat, dass die Öffentlichkeit jahrelang über den wahren Charakter der Regelblutung belogen wurde.
Einige Firmen haben sich Gegenstrategien zur tanzenden Frau in Weiß ausgedacht: Eine britische Marke lässt eine junge Frau alle Klischees aufzählen, z.B. „During my period I wanna hold soft things“ plus fauchender Katze. Und eine US-Firma, die ein Perioden-Starter-Set vertreibt, stellt die erste Periode als etwas Erstrebenswertes dar, das von Mädchen schon mal mit Nagellack vorgetäuscht wird. Worauf Mami eine superpeinliche Erste-Regel-Party schmeißt – inklusive Uterus-Pinata, weißen Marshmallows getaucht in rosa Schokobrunnen und Binden-auf-die-Vagina-kleben mit verbundenen Augen. Fantastisch!
Lustig ist man es auch in Russland angegangen: In einem Spot stelzen zwei Badeschönheiten elegant ins Meer. Plötzlich wird eine von einem Hai in die Tiefe gerissen. Kommentar: Jetzt mit Auslaufschutz.

Links:

Erste TV-Werbung für Tampons in Deutschland: www.youtube.com/watch?v=m_f2uyx8P3A
Frauenbefreiung und der Tampon in der Hand: www.youtube.com/watch?v=-pIq_z1GJk8
Die indische Rache mit der Binde im Swimmingpool: www.youtube.com/watch?v=CV7IV2Oqz-s
Always Africa hat einen ganzen youtube-Channel, den Check-Check-Ohrwurm wird man nie mehr los: www.youtube.com/watch?v=WTb2RNA-yUA&list=PLBes0m4pfCA_4UK6goRJP67vQhiVCV3FO&index=4
Richard fühlt sich von der Bindenwerbung hinters Licht geführt: www.facebook.com/Bodyform/posts/10151186887359324
Und die slicke PR-Frau enthüllt die Wahrheit über die Periode: www.youtube.com/watch?v=Bpy75q2DDow
Die Tamponwerbung die sich über Tamponwerbungen lustig macht: www.youtube.com/watch?v=FRf35wCmzWw
Die Badenixe und der Hai: www.youtube.com/watch?v=G-1okAjRWlg
Die Strategie, die erste Periode vorzutäuschen, die nach hinten losgeht: www.youtube.com/watch?v=NEcZmT0fiNM
Und Bonustrack: wie sich durch Tampon-Dealing das ganze Sommercamp kontrollieren lässt: www.youtube.com/watch?v=0XnzfRqkRxU

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sprechblase https://ansch.4lima.de/sprechblase-2/ https://ansch.4lima.de/sprechblase-2/#respond Sat, 30 Aug 2014 09:48:01 +0000 https://anschlaege.at/?p=5427 Penetrantes Fragen nach der Handynummer? Von LISA SENDZIK]]>

sprechblase_september_2014_anschlaegePenetrantes Fragen nach der Handynummer? In Deutschland gibt es bei nerviger Anmache jetzt eine Nummer, die unerwünschte SMS und Anrufe „an kompetente Feminist*innen umleitet“. Die automatische Antwort vom Band oder per Kurznachricht ist ein Zitat, zum Beispiel von Rosa Luxemburg, bell hooks, Virginia Woolf oder Audre Lorde. Inspiriert wurden die Telefeministinnen von der amerikanischen Feminist Phone Intervention. http://telefeministinnen.tumblr.com.

Fiona Sara Schmidt

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an.sage: Im Zweifel https://ansch.4lima.de/an-sage-im-zweifel/ https://ansch.4lima.de/an-sage-im-zweifel/#comments Sat, 30 Aug 2014 09:43:50 +0000 https://anschlaege.at/?p=5424 Vom Zweifel zur Verzweiflung: Die Justiz misst mitunter mit zweierlei Maß. Von LEONIE KAPFER]]>

Ein Kommentar von LEONIE KAPFER

 

„Eindeutig“ und „zweifelsfrei“ konnte der Polizeibeamte mit der Dienstnummer 30897 nach eigener Aussage ­Josef S. identifizieren – als angeblichen Rädelsführer einer Gruppe randalierender Jugendlicher während der Akademikerball-Demo im Jänner 2014. „Eindeutig“ und „zweifelsfrei“ sind schwierige Begriffe, dies hat uns nicht nur die postmoderne Theorie bis ins Detail erläutert. Auch empirische Studien zeigen, dass Augenzeug_innen zu fünfzig Prozent in ihren Aussagen irren. Wenn „zweifelsfreie“ Wahrheiten verkündet werden, ist also durchaus Zweifel angebracht. Mitunter auch Verzweiflung – über das Justizsystem. 
Der Fall Josef S. ist ein Grund zu verzweifeln, er ist ein weiterer Mosaikstein, „der sich in ein Bild öffentlicher Wahrnehmung fügt und ein schwindendes Vertrauen in die Justiz“ zeigt, wie die „Standard“-Journalistin Maria Sterkl schreibt. Weitere Mosaikteilchen sind schnell gefunden, insbesondere aus feministischer Perspektive. Eine im Frühjahr dieses Jahres veröffentlichte Studie aus Deutschland zeigt, dass die Verurteilungen wegen Vergewaltigung drastisch rückläufig sind. 2012 führten 8,4 Prozent der angezeigten Straftaten zu einem Schuldspruch, zwanzig Jahre zuvor waren es noch 21,6 gewesen. In Österreich sind die Zahlen erschreckend ähnlich: Während 2001 noch zwanzig Prozent aller Anzeigen zu einer Verurteilung führten, waren es 2011 nur noch 13 Prozent. Bei sexueller Gewalt ist die Justiz also sehr zurückhaltend mit Schuldsprüchen: Im Zweifel für den Angeklagten.

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Bei Vergewaltigungen gibt es meist (wie auch bei Josef S.) nur eine_n Belastungszeug_in – das Opfer der Tat. Dann steht Aussage gegen Aussage. Zugegeben, nicht einfach für Richter_innen und Staatsanwält_innen. Deshalb enden solche Fälle häufig mit Freisprüchen. Der auf das römische Recht zurückgehende Satz „In dubio pro reo“ ist im Grunde ja auch gut und richtig. Was passiert, wenn er ignoriert wird, zeigt der Fall Josef S. Was passiert, wenn er bloß vorgeschoben wird, zeigen die sinkenden Schuldsprüche bei Vergewaltigungen. Doch dass die Justiz ganz offensichtlich mit zweierlei Maß misst, scheint nur wenige zu echauffieren. 
Christian Pfeifer, Leiter der erwähnten Studie, nennt als Grund für den Rückgang unter anderem, dass die Justiz überlastet sei und die Erstaussagen der Opfer aus Zeit- und Personalmangel nicht entsprechend protokolliert werden könnten. Ein grober Missstand, der sich im weiteren Prozessverlauf zu Ungunsten des Opfers auswirken kann. 
Auch Maria Sterkl spannt in ihrem Artikel den Bogen von Josef S. zu sexuellen Straftaten. Sterkl verwundert vor allem die Tatsache, dass der Richter die Beschreibung des belastenden Polizeibeamten in die Beweisführung aufnahm und ihnen Glauben schenkte: „Der Wega-Beamte beschreibt naturgemäß plastisch, dass die Fenster und die Sicherheitsschleuse einer Polizeistation angegriffen, ein Polizeiwagen demoliert, Polizisten mit allerlei Gegenständen beworfen wurden – es ist ja eindeutig passiert (…) Nicht bildlich festgehalten wurde hingegen, dass es der Angeklagte war, der konkrete Sachbeschädigungen beging (…) Hätte die Aussage jedes Vergewaltigungsopfers, das die ihm widerfahrenen Gewalttaten ebenfalls ,glaubwürdig und plastisch‘ beschreibt, die gleiche Beweiskraft wie die Angaben des Belastungszeugen im Fall Josef S., dann wäre die Verurteilungsquote bei sexueller Gewalt wohl um einiges höher.“
In der Tat. Eine Vergewaltigung ist aber nicht staatsgefährdend. Vergewaltigung bleibt ein Kavaliersdelikt, eine Lappalie, so normal im Patriarchat, dass für rechtliche Sanktionen die Kapazitäten fehlen. Hierarchisierung im Strafrecht ist vielleicht notwendig, aber es sollte dabei nie vergessen werden, dass jeder Hierarchie Machtstrukturen eingeschrieben sind, die ständiger kritischer Analyse bedürfen. Dabei kann Zweifel helfen.

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positionswechsel: Bleach Power https://ansch.4lima.de/positionswechsel-bleach-power/ https://ansch.4lima.de/positionswechsel-bleach-power/#comments Sat, 30 Aug 2014 09:40:42 +0000 https://anschlaege.at/?p=5420 Illustration: Nadine KappacherFür meine liebste Sexkolumne und für euch, werte Leser_innenschaft, habe ich diesmal ein absolut totgeschwiegenes, extravagantes Tabuthema gewählt. Von EMMA GOLDBITCH]]> Illustration: Nadine Kappacher

eine lady genießt und schreibt

Für meine liebste Sexkolumne und für euch, werte Leser_innenschaft, habe ich diesmal ein absolut totgeschwiegenes, extravagantes Tabuthema gewählt. Selbst die obercoolsten Pro-Sex-Feministinnen* hatten bislang nichts dazu zu sagen. Daher glaubte ich auch lange, dass nur ich allein dieses eine ganz spezielle Geheimnis habe. Ich nenn es „superheftiger Bleich-Muschisaft“, der auf Dauer jede Unterhose ruiniert oder, um es liebevoll auszudrücken, markiert. Es sei denn, sie ist weiß. Wer gehofft hatte, an dieser Stelle wieder etwas über feministischen Sex lesen zu dürfen: Sorry, hier gibt’s heute Pussykram rund um nervige Flecken in der Unterwäsche und zwar in verdammt jedem einzelnen Höschen. So gut wie alle Frauen haben vaginalen Ausfluss. Dieser kann mal ein bisschen mehr, mal ein bisschen weniger sein, unterscheidet sich vielleicht tageweise oder hormonell bedingt in seiner Form, Festigkeit, Farbe und Geruch. Wer regelmäßig den/die Gynäkolog_in ihres Vertrauens aufsucht, weiß auch Bescheid, ob bei ihr alles in Ordnung ist (dezenter Hinweis in Richtung Self-Care!). Tatsache ist: Für diesen äußerst aggressiven Bleich-Mumu-Schleim gibt es kaum brauchbare Erklärungsansätze, einige Ärzt_innen machen vermehrtes Schwitzen dafür verantwortlich, wieder andere schieben es auf Urintröpfchen, alle empfehlen sie jedoch das eine: Slipeinlagen. Über meinen tiefen Hass auf Slipeinlagen könnte ich Romane verfassen: Sie dienen der weiblichen Hygiene, fangen jeden Geruch auf, halten alles schön trocken, flauschig und schützen obendrein die Wäsche. Fuck off. Ich habe es so satt, dass mir irgendeine meiner Körperfunktionen peinlich sein soll und die kapitalistischen Produktempfehlungen meine Muschi schlechtreden. Denn eins weiß ich mittlerweile: Im Schritt gebleichte Unterwäsche habe nicht nur ich, sondern viele – und statt Scham und Peinlichkeit ist Stolz und Selbstliebe angesagt. Es lebe der Schleim!

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Illustration: Nadine Kappacher

Emma Goldbitch gibt ihr Geld lieber für Bücher als für hübsche Unterwäsche aus. Die halten nämlich länger.

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bonustrack: In Between Two Tall Mountains https://ansch.4lima.de/bonustrack-in-between-two-tall-mountains/ https://ansch.4lima.de/bonustrack-in-between-two-tall-mountains/#respond Sat, 30 Aug 2014 09:37:29 +0000 https://anschlaege.at/?p=5417 Im Jahr 2005 war ich 21 und gerade gefragt worden, ob ich ein Album veröffentlichen möchte. Von SQALLOSCOPE]]>

Im Jahr 2005 war ich 21 und gerade gefragt worden, ob ich ein Album veröffentlichen möchte. Auf einem richtigen Label, in einem greifbaren Kartonschuber, mit Barcode auf der Rückseite. So eine Art Beweis dafür, dass jemand die Musik für wichtig genug befindet, um sie in Läden zu stellen, wo theoretisch die eigenen an einem zweifelnden Verwandten beim Samstagsshoppen im Elektronikgroßmarkt darüber stolpern könnten. Weil ich gut erzogen wurde, sagte ich zu und machte mich daran, ein Album zu produzieren, so hochprofessionell, wie ich es bereits die zwei Jahre zuvor getan hatte. Ich steckte mein erdnussgroßes Diktafon-Ansteckmikro in die Line-in-Buchse meines klapprigen Laptops und verbrachte, von meinem alten Kinderzimmer auf die Kärntner Berge blickend, erst mal zwei Tage mit dem Versuch, einen Viervierteltakt zu klatschen, da ich noch nichts von der Existenz von Drumcomputern oder Samplern wusste und mir das alles auch wurscht war.
Acht Jahre später schickte mir jemand ein Lied mit dem Hinweis, es erinnere ihn an dieses erste Album. Es war „Talkin’ Like You (Two Tall Mountains)“ von Connie Converse, und es beginnt mit einem leisen Rauschen. „What about two tall mountains?“,  fragt eine Männerstimme. Dann schlägt eine Hand einen Akkord an, eine Frau beginnt zu singen: „In between two tall mountains, there’s a place they call lonesome …“
Es hätte eine mit einem erdnussgroßen Mikrofon aufgenommene Jugendzimmer-Aufnahme von 2005 sein können, zumindest für meine Ohren. Als Connie geboren wurde, durften Frauen in den USA allerdings gerade erst seit vier Jahren wählen. Es gibt Menschen, die sagen, Connie Converse passte nicht in die Zeit, in der sie lebte, die 1950-er waren noch nicht bereit für ihre Musik. Ob sie das selbst dachte, bleibt im Ungewissen. Sie packte 1974 ihren VW Käfer und verschwand spurlos aus ihrem Haus in Ann Arbor. Connie bleibt eine dieser endlos mysteriösen Menschen ohne offizielles Sterbedatum. Sie ließ Musik zurück, die zwischen beißendem Humor und sehr tief seufzender Melancholie balanciert und zu ihrer Zeit keine Plattform und kein Label fand. Ebenso wie einen Aktenschrank, in dem sie gesammelt hatte, was ihr wichtig war, und Fans, die sich heimlich wünschen, sie hätte irgendwo, ganz geheim, ein neues, glücklicheres Leben gefunden. Ich wünsche ihr das auch.

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Illustration: Anna Kohlweis, www.annakohlweis.com

Anna Kohlweis ist Squalloscope, produziert, singt, filmt, malt und schreibt ab sofort auch hier. Kürzlich entwarf sie ein Filmposter für „We Lived Alone – The Connie Converse Documentary“.

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an.lesen: Emanzipationsgeschichte https://ansch.4lima.de/an-lesen-emanzipationsgeschichte/ https://ansch.4lima.de/an-lesen-emanzipationsgeschichte/#respond Sat, 30 Aug 2014 09:29:29 +0000 https://anschlaege.at/?p=5410 Haare sind für Schwarze Frauen in den USA weiterhin ein Politikum. Von PAULA BOLYOS]]>

„Is your hair still political?“, fragt Audre Lorde in einem Text aus dem Jahr 1990*. Dass Haare für Schwarze Frauen in den USA weiterhin ein Politikum sind, lernen wir in Chimamanda Ngozi Adichies neuem Roman. Von PAULA BOLYOS

 

Das Haar ist der rote Faden der Geschichte über Ifemelu, die aus Nigeria in die USA kommt, um dort zu studieren und zu arbeiten. Das Haar, geflochten, geglättet oder als natürlicher Afro getragen, zeichnet auch Ifemelus Emanzipationsgeschichte nach. Was Ifemelu lernt, als sie in die USA kommt: Sie lernt, dass es „race“ gibt. Sie lernt, dass sie in einer rassistischen Gesellschaft niemanden rassistisch nennen darf.

„Lass es lustig klingen“. In ihrem Blog, den sie schon bald sehr erfolgreich zu betreiben beginnt, schreibt Ifemelu: „Wenn Du einer nicht-schwarzen Person von einem rassistischen Vorfall erzählst, der dir widerfahren ist, darfst du keinesfalls bitter klingen. Beklage dich nicht. Verzeihe. Wenn möglich, lass es lustig klingen. Vor allem werde nicht wütend. (…) Das gilt übrigens nur für weiße Liberale. Spar dir die Mühe einem weißen Konservativen etwas von einem rassistischen Vorfall zu erzählen, (…) denn der Konservative wird dir weismachen wollen, dass DU der wahre Rassist bist, und dann bleibt dir vor Verwirrung der Mund offen stehen.“
Sie lernt, dass das Haar zu einem Vorstellungsgespräch geglättet sein sollte. Sie lernt amerikanisches Englisch zu sprechen. Sie lernt eine Americanah zu sein, wie solcherart assimilierte Afrikanerinnen von ihrer Community spöttisch genannt werden.

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© Ivara Esege

Kein nächstes Mal. Vor langer Zeit haben Obinze und Ifemelu sich ineinander verliebt. Wieso Ifemelu die Beziehung kurze Zeit nach ihrem Umzug in die USA schweigend abbricht, weiß Obinze nicht. Er schafft es nicht bis nach Amerika, obwohl er sein Leben lang davon geträumt hat. Er landet lediglich in einen Vorort von London, dort arbeitet er mit falscher Sozialversicherungsnummer, für deren Verwendung er seinen Lohn teilen muss, immer mehr abgeben muss, bis er verweigert, was nicht ungestraft bleibt. Er wird verraten und verhaftet. Für viele ist die Abschiebehaft nicht neu, sie werden es wieder versuchen, es wird ein nächstes Mal geben. Nicht so für ihn. Obinze gelingt der gesellschaftliche Aufstieg erst in Nigeria. Er gehört zu den Wohlhabenden, Einflussreichen, er heiratet eine andere, sie bekommen ein Kind. Alles, wie es sich gehört, bis Ifemelu plötzlich wieder nach Lagos zurückkehrt.

Den Schein wahren. Glück vorzuspielen, nicht nur in den USA, ist ein großes Thema in Adichies neuem Roman. So zu tun, als wäre es in Ordnung, mit einem Mann zusammen zu sein, weil Frauen ohne einen nicht viel wert sind. Ifemelus Tante Uju wählt einen einflussreichen General, doch als er stirbt, steht sie mit dem kleinen Kind ohne Absicherung da. Uju ist Ärztin, aber in Nigeria sieht sie keine Zukunft für sich. In den USA wiederum muss sie erst Prüfungen nachholen, um praktizieren zu dürfen. Sie absolviert sie und findet wieder einen Mann, der sie nicht glücklich macht. Auch ihr Sohn hält durch. Hält die rassistischen Bemerkungen in der Schule aus und lacht darüber. Bis er keine Kraft mehr hat.
Und Ifemelu verliert die Geduld. Sie hält den Schein nicht länger aufrecht. Sie legt das amerikanische Englisch ab, das sie sich zuvor mühsam erarbeitet hatte. Sie schreibt ihren Blog und benennt, was sie erstaunt und empört. Sie trägt ihre Haare als Afro.
Adichie zeigt, wie es ist, als Schwarze Person aus einem Land des globalen Südens in die USA oder ein Europa zu wollen, dessen Grenzen für die nicht erwünschten Menschen immer undurchlässiger werden. Oder sie zeigt, was es bedeutet, als Frau – egal wo – unabhängig leben zu wollen. In ihrem großen neuen Roman ist es Chimamanda Ngozi Adichie gelungen, wichtige Themen zu einer Geschichte zu verknüpfen, die spannend und berührend zu lesen ist, die oft Spaß und immer wieder sehr wütend macht.

* Rudolph P. Byrd (Ed.): I Am Your Sister: Collected and Unpublished Writings of Audre Lorde. Oxford University Press 2009

Chimamanda Ngozi ­Adichie: Americanah
S. Fischer Verlag 2014, 25,70 Euro

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Marathon für Mehrwisser_innen https://ansch.4lima.de/marathon-fuer-mehrwisser_innen/ https://ansch.4lima.de/marathon-fuer-mehrwisser_innen/#respond Sat, 30 Aug 2014 09:25:22 +0000 https://anschlaege.at/?p=5407 Interview: SILVIA STIENEKER verspricht offene Arme für Wikipedia-Newbies. Von BRIGITTE THEIßL]]>

SILVIA STIENEKER arbeitet daran, andere Frauen für Wikipedia zu begeistern. Mit ­BRIGITTE THEIßL sprach sie über das Wikimedia-Projekt „Women edit“ und verspricht offene Arme für Newbies.

an.schläge: Das Wikimedia-Projekt „Women edit“ möchte Frauen motivieren, sich aktiv an Wikipedia bzw. Wikimedia zu beteiligen. Was unternehmen Sie, um dieses Ziel zu erreichen?

Silvia Stieneker: Wir bieten in Berlin jeden Monat ein Wikipedia-Treffen für Frauen an, bei dem die Teilnehmerinnen zusammen über Wikipedia diskutieren und Artikel bearbeiten können. Besonders schön finde ich, dass immer erfahrene Autorinnen dabei sind, die den Neuen zeigen, wie eine Mitarbeit bei Wikipedia funktioniert. Recht neu ist, dass wir jetzt auch „Edit-a-thons“ machen, also Editier-Marathons, bei denen Wikipedia-Artikel zu bestimmten Themen geschrieben werden, zum Beispiel über Frauen in der Wissenschaft.
Wikimedia Deutschland will das ehrenamtliche Engagement von Wikipedia-Frauen unterstützen. Alle, die einen „Edit-a-thon“ oder ein Wikipedia-Treffen für Frauen anbieten möchten, können sich gerne bei uns melden, wir helfen bei der Organisation und Durchführung der Veranstaltungen. Es wäre großartig, wenn es bald auch in anderen Städten solche „Women edit“-Aktivitäten gäbe.

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Nur eine von vielen Leerstellen zum Thema Feminismus.

Gibt es bereits erste Erfolge? 

Das Thema „Gender Gap“ wird in der Wikipedia-Community, also unter den Wiki-AutorInnen, diskutiert. Viele sind inzwischen davon überzeugt, dass es sinnvoll ist, Frauen gezielt zur Mitarbeit zu bewegen und einzuladen. Dieses Empowerment ist enorm wichtig. Wir haben durch das „Women edit“-Projekt bereits einige neue Autorinnen gewonnen, die fleißig Artikel schreiben und sich auch an den Debatten bei Wikipedia beteiligen. Vor allem die deutschsprachige Wikipedia ist stark männerdominiert.

Was sind denn die Hürden, die Frauen Ihrer Erfahrung nach abschrecken?

Die BenutzerInnenoberfläche von Wikipedia wirkt leider etwas unattraktiv. Es ist zwar nicht schwer, Artikel zu bearbeiten, aber die Technik ließe sich durchaus einfacher gestalten. Nicht, weil Frauen das Ganze nicht lernen können, sondern weil ein Einstieg in die Wikipedia-Arbeit für alle so leicht wie möglich sein sollte. Da aber alle Veränderungen gemeinsam in der Community beschlossen werden, kann es noch ein Weilchen dauern, bis sich da etwas tut.
Ein anderer wichtiger Aspekt ist, dass es leider immer wieder einzelne Wikipedia-Leute gibt, die nicht besonders nett zu Neulingen sind: Manche Frauen bekommen da statt einem „Herzlich willkommen!“ die Ansage „Was willst du denn hier?“ zu hören. Davon sollten sie sich aber nicht abschrecken lassen, die deutliche Mehrheit der WikipedianerInnen freut sich über Newbies, es gibt sogar ein ehrenamtliches MentorInnenprogramm, das die Neuen bei ihren ersten Schritten unterstützt.

In Österreich wird geschlechtersensible Sprache gerade heftig diskutiert. In der Wikipedia sind Binnen-I, Gender Gap und Co. nicht erwünscht und werden gelöscht. Wie könnte sich das ändern? 

Auch bei Wikipedia wird ständig darüber diskutiert. Aktuell ist es aber so, dass sich eine Mehrheit gegen die geschlechtersensible Sprache stellt. Das kann sich nur ändern, wenn sich mehr Menschen beteiligen, die das anders sehen. Die Wikimedia-Vereine, also beispielsweise Wikimedia Deutschland oder Wikimedia Österreich, können und wollen das nicht von oben herab bestimmen – die Wikipedia-Community ist völlig autark, auf Inhalte und Regeln wird kein Einfluss genommen.

Welche Bedeutung hat Wikipedia für Sie als Nutzerin?

Egal, was ich recherchiere, ich lande immer wieder bei Wikipedia, und ich finde es großartig, dass mir hier derart viel Wissen kostenlos zur Verfügung gestellt wird. Mir ist es sehr wichtig, dass alle Zugang zu Wissen und Bildung erhalten, Wikipedia hat da eine einzigartige Pionierarbeit geleistet. Statt sich einen unfassbar teuren Brockhaus zu kaufen, können jetzt alle bei Wikipedia nachschlagen. Bei Wikipedia gibt es zwar auch Besserwisser, aber das Projekt ist sehr demokratisch. Alle dürfen mithelfen, Wissen aufzubereiten und zu verbreiten, nicht nur wie früher Professoren und Buchverlage. 

Silvia Stieneker ist als freiberufliche Texterin, Lehrerin und Medienpädagogin in Berlin tätig. Für den Verein Wikimedia Deutschland e.V. leitet sie das Projekt „Women Edit“.

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Leerstellen und Löschkandidaten https://ansch.4lima.de/leerstellen-und-loeschkandidaten/ https://ansch.4lima.de/leerstellen-und-loeschkandidaten/#respond Sat, 30 Aug 2014 09:21:51 +0000 https://anschlaege.at/?p=5404 In der Online-Enzyklopädie fehlt feministisches Wissen. Von BRIGITTE THEIßL]]>

Der weltweit größten Online-Enzyklopädie fehlt neben neuen Autor_innen vor allem eines: feministisches Wissen. Von BRIGITTE THEIßL

 

„Die Österreichische Frauenbewegung ist eine von sechs ‚Bünden‘ (Teilorganisationen) der Österreichischen Volkspartei“, ist in der Wikipedia zu lesen. Einmal abgesehen davon, dass es von der Österreichischen Volkspartei (ÖVP) recht dreist ist, ihre Frauenorganisation „Österreichische Frauenbewegung“ zu nennen, hat sich hier kein Fehler eingeschlichen: Ein Text über Frauenbewegungen in Österreich und ihre Geschichte, der sich nicht auf die ÖVP bezieht, ist in der Wikipedia schlichtweg nicht vorhanden. Zur deutschen Frauenbewegung gibt es zumindest einen Eintrag. Sein Inhalt ist jedoch so dürftig, dass er auf den Seiten der „Wikipedia-Qualitätssicherung“ eingetragen ist. Übersetzt heißt das: Er muss verbessert werden, um einem Löschantrag zu entgehen. Wie ein Artikel auf Wikipedia auszusehen hat, dafür gibt es klare Regeln – neben ausführlich formulierten Relevanzkriterien schließen sie unter anderem zu verwendende Quellen, Schreibstil und Aufbau mit ein. Welches Wissen nun aber auf Wikipedia geteilt wird, sagt nur bedingt etwas über die Prioritäten einer Gesellschaft als vielmehr einiges über die Autor_innen bzw. Administrator_innen – den inneren Kreis – der Enzyklopädie aus.

Jung, männlich, neunmalklug. 2010 lieferte eine von der Wikimedia-Stiftung (die gemeinnützige Organisation, die Wikipedia betreibt) in Auftrag gegebene Studie ernüchternde Ergebnisse in Hinblick auf das Geschlechterverhältnis bei Wikipedia. Nur 13 Prozent Frauen beteiligten sich aktiv an der Online-Enzyklopädie. Der durchschnittliche Wikipedia-Autor ist männlich, Mitte zwanzig und gut ausgebildet – jener Typus, der in netzaffinen Kreisen stets den Ton angibt. Aktuellere Daten zeigen keinen Fortschritt, in der deutschsprachigen Wikipedia finden sich aktuell gerade einmal neun Prozent Frauen unter den Autor_innen. Im internationalen Vergleich hebt sich nur die USA deutlich ab, dort sind es immerhin 14 Prozent.
Dass eine solche Einseitigkeit in der Wissensproduktion ein Problem darstellt, ist auch den Macher_innen bewusst. Sue Gardner, die bis vor Kurzem als Geschäftsführerin der Wikimedia-Stiftung tätig war, wollte den Frauenanteil durch spezielle Schulungen und sogenannte Botschafter_innen erhöhen, auch Wikipedia-Gründer Jimmy Wales äußerte sich wiederholt in Interviews zur fehlenden Diversität unter den Autor_innen. Die Community, die zum größten Teil aus ehrenamtlich Engagierten besteht, trifft sich seit 2005 jährlich auf der „Wikimania“, um die strategische Ausrichtung und Zukunftsvisionen zu diskutieren. Anfang August fand die Konferenz in London statt, auch diesmal war der Gender Gap Thema. „Das Treffen der Wikimedia Women auf der Wikimania in diesem Jahr war besser besucht denn je. Dennoch gibt es noch viel zu tun. Hürden für die Integration neuer Autor*innen sind vielfältig und komplex und betreffen nicht nur Frauen. Die größte Herausforderung ist generell ein offenes und positives Klima zu erzeugen, das neue Autor*innen willkommen heißt, auch wenn sie am Anfang noch nicht alles richtig machen“, schreibt Claudia Garád, Geschäftsführerin von Wikimedia Österreich, auf Anfrage.

Mit den Kontroversen im Feminismus ließen sich Bände füllen. Bei Wikipedia gibt es nur drei kurze Absätze dazu.
Mit den Kontroversen im Feminismus ließen sich Bände füllen.
Bei Wikipedia gibt es nur drei kurze Absätze dazu.

Mind the gap. Die Kommunikationskultur unter Wikipedia-Autor_innen gilt als rau – oder auch als sexistisch. 2011 veröffentlichten Wissenschafter_innen der University of Minnesota eine Studie, in der sie die Schwierigkeiten beschreiben, denen sich insbesondere neue Autorinnen häufiger als ihre männlichen Mitstreiter ausgesetzt sehen. Regelrechte Editier-Kriege in der deutschsprachigen Wikipedia sind ausführlich dokumentiert. Maskulinisten, die grundsätzlich im Internet sehr aktiv sind, verstehen sich als Wächter über (anti-)feministische Themen, was immer wieder in regelrechten Hetzkampagnen mündet. Wikipedia-Autorin Fiona Baine geriet 2012 ins Visier von Männerrechtsgruppen und war monatelang sexistischen Attacken ausgesetzt – bis sie schließlich das Handtuch warf. Solche Vorfälle sowie die wiederholten Löschanträge gegenüber feministischen Artikeln haben jedoch zumindest die Sensibilität gegenüber sexistischer Strukturen – nicht nur bei Netzfeminist*innen – erhöht. Die Femgeek-Bloggerinnen nahmen 2012 die deutschsprachige Wikipedia gründlich unter die Lupe und lieferten auch gleich Verbesserungsvorschläge mit. So wünschen sie sich etwa „intervenierende Maßnahmen“ von der Wikimedia-Stiftung als übergeordneter Instanz, ein Überdenken der Relevanz-Kriterien und das „Öffentlich-Machen von Mobbing, Stalking und diskriminierenden Strukturen“.(1)

Wissensarchiv. Trotz alledem ist die Wikipedia ein soziales Experiment, das auch (queer-)feministische Unterstützung verdient. 2001 gegründet ist die Enzyklopädie nach wie vor ein Projekt, das von kommerzieller Vernutzung verschont blieb. 2013 befand sich Wikipedia unter den Top Ten der global am häufigsten besuchten Websites – als einziges Non-Profit-Angebot unter börsennotierten Konzernen wie Google, Facebook und Co. Die Vision ist so simpel wie großspurig: „Imagine a world in which every single human being can freely share the sum of all human knowledge.” Als am 18. Jänner 2012 die englischsprachige Wikipedia aus Protest gegen das US-Antipirateriegesetz SOPA („Stop Online Piracy Act“) 24 Stunden lang unerreichbar blieb, ging ein Raunen durch die Netzgemeinde. „Student warning! Do your homework early. Wikipedia protesting bad law on Wednesday!”, twitterte Wikipedia-Gründer Jimmy Wales. Für Schüler_innen und Student_innen ist Wikipedia tatsächlich kaum noch aus dem Lernalltag wegzudenken – auch wenn die Enzyklopädie als (alleinige) Quelle meist weiterhin verpönt ist. Selbst Journalist_innen verwenden Wikipedia gerne für ihre Recherchen, wie eine deutsche Studie 2007 zeigte: Sie landete auf Platz drei der beliebtesten Online-Angebote. Eine 2008 veröffentlichte repräsentative Umfrage des Marktforschungsunternehmens Smart Research ergab, dass 74 Prozent der deutschen Journalist_innen Wikipedia bereits für ihre Recherchearbeit verwendet haben. Dass die Bedeutung der Onlinerecherche inzwischen noch gestiegen ist, davon ist – auch angesichts des verordneten Sparzwangs vieler Medienhäuser – auszugehen. Selbst wenn Informationen von (journalistischen) Nutzer_innen nicht einfach ohne Gegegencheck übernommen werden, stecken die Einträge in der Online-Enzyklopädie oftmals den Rahmen für die Recherche ab: Die auf Wikipedia zitierten bzw. verlinkten Quellen werden herangezogen bzw. dort aufgespürte Informationen für eine vertiefte Recherche verwendet.

Feministische Lücken. Umso fataler wirken sich die Leerstellen betreffend feministischen Wissens aus. Während es bei rund 1,7 Millionen deutschsprachiger Wikipedia-Artikel (Quelle: Wikipedia) sonst gar nicht so einfach ist, einen neuen Eintrag zu schreiben, wenn mensch nicht gerade über Expert_innenwissen zur Auferstehungskirche Kaliningrad oder der olympischen Geschichte Luxemburgs verfügt, bietet sich etwa feministischen Historiker_innen ein breites Feld zur Betätigung. Das Wikiprojekt Frauen(2) listet auf einer eigens eingerichteten Seite Artikel auf, die – wie die eingangs erwähnte österreichische Frauenbewegung – noch fehlen, verbessert werden müssen oder aber als Löschkandidaten markiert wurden. Auf der Liste der fehlenden Artikel finden sich etwa feministische Filmtheorie, Frauenrechte in Deutschland und das Archiv der deutschen Frauenbewegung. Ähnliches macht das Wikiprojekt Feminismus (3), wo nicht nur ebenfalls eine langen Liste von Leerstellen geführt, sondern auch Vernetzung und eine Unterstützung neuer Autor_innen vorangetrieben werden soll. Ein Problem, das sich beim Schreiben feministischer Einträge stellt, ist ein historisch gewachsenes: Sekundärquellen fehlen vielfach, die Geschichte von Frauenbewegungen und (queer-)feministischen Kämpfen ist lückenhaft dokumentiert. „Die Wikipedia bildet bekanntes Wissen ab. Sie dient der Theoriedarstellung, nicht der Theoriefindung“, lautet jedoch ein Grundsatz der Enzyklopädie. Für das zwischen den Generationen verlorengehende Wissen feministischer Kämpfe bietet das Netz jedoch ein enormes Potenzial: Eine kostengünstige Archivierung und eine globale Vernetzung scheinen so greifbar nahe wie nie zuvor. Dass der Kampf für Netzneutralität, Informationsfreiheit und für das Schließen der globalen digitalen Kluft dennoch nur ein Randthema (queer-)feministischen Aktivismus’ bleibt, ist deshalb verwunderlich. Zu groß scheint das Misstrauen gegenüber digitalen Technologien – zumindest bei Gruppen, die nicht den sogenannten Digital Natives zuzuordnen sind – nach wie vor zu sein.

Losschreiben! Insgesamt 97 Prozent der deutschen Wikipedia-Nutzer_innen dient die Seite ausschließlich zur Informationsbeschaffung, nur ein geringer Teil schreibt und redigiert die vorhandenen Texte. Dieser kleine Prozentsatz sieht sich auch mit der Aufgabe konfrontiert, möglichst neutrale Schilderungen von Sachverhalten einer professionellen Truppe von PR- und Marketing-Menschen gegenüber zu verteidigen. Ein Kampf, der ohne einen enormen Zuwachs an aktiven Autor_innen verloren scheint. „Die Wikipedia ist einer der fünf größten Webseiten der Welt – damit geht viel Einfluss und Macht einher und viel Verantwortung. Dieser Verantwortung sind wir uns bewusst“, sagt Claudia Garád, Geschäftsführerin von Wikimedia Österreich. Das freie Teilen von Wissen funktioniere allerdings nur dann, wenn „aus Konsument_innen von Wissen Produzent_innen von Wissen werden. Jeder von uns ist aufgerufen, die Lücken in der Wikipedia zu füllen.“

Fußnoten:
(1) Der ausführliche und lesenswerte Blogbeitrag ist hier zu finden: http://femgeeks.de/die-deutsche-wikipedia-unter-der-lupe/#4h.
(2) http://de.wikipedia.org/wiki/Wikipedia:WikiProjekt_Frauen
(3) http://de.wikipedia.org/wiki/Wikipedia:WikiProjekt_Feminismus

 

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Ein Baby stirbt unerwartet kurz vor der Geburt im Bauch der Mutter. Oder ist nicht lebensfähig und stirbt kurz nach der Geburt. Es gibt kaum ein schlimmeres Trauma und doch haben wir keine gesellschaftlichen Traditionen, um den „Sterneneltern“ in dieser Situation beizustehen. Dabei könnte es eine schöne Geburt sein und ein heilsamer Umgang mit Erinnerung. Von GABI HORAK-BÖCK

Die Bettwäsche im Gitterbett ist überzogen, die Kuschelhasen auf dem Wickeltisch drapiert. Sie kann es kaum erwarten, ihr Baby endlich im Arm zu halten. Sie zieht an der Schnur des Mobiles über dem Bettchen, hört die Einschlafmelodie so gerne. Und der Zwerg im Bauch kann ja schon mithören. Es gefällt ihm, er tanzt mit. Morgens rollt sie sich früher als gewohnt aus dem Bett, der letzte Ultraschall vor dem Geburtstermin steht an. Sie sitzt im Wartezimmer, streichelt über ihren Bauch und lächelt. Zwerglein schläft heute länger, denkt sie. Gut so, er soll Kräfte sammeln für den großen Tag. Die Frauenärztin verteilt das kalte Gel über ihrem dicken Bauch, Dehnungsstreifen überall. Aber das ist es wert, denkt sie. Die Ärztin fixiert den Monitor, sie sagt nichts. Sie legt den Ultraschallkopf zur Seite. „Es tut mir so leid, aber ich kann keinen Herzschlag mehr erkennen.“ Zellensterben. Alles verschwimmt, sie kann nicht atmen, sich nicht bewegen. Schauen Sie nochmal nach. Nichts. „Ihr Baby ist gestorben. Das kommt manchmal vor, selbst so spät noch.“ Die Ärztin erzählt von Wahrscheinlichkeiten, von „Laune der Natur“, Geburt einleiten, Krankenhaus, Vergiftung. Sie kann sich nicht auf ihre Worte konzentrieren. Mein Baby ist tot.

517. Totgeburten und noch als Säuglinge verstorbene Babys sind eines der letzten großen Tabus in unserer Gesellschaft. Eine Umfrage im Freundes- und Bekanntenkreis würde ergeben, dass jede von uns betroffene Familien kennt. Es wird aber nicht darüber gesprochen. Hunderte Fotos von lebenden Kindern machen die Runde, stolze Eltern posten Familienfotos auf Facebook, Familie und FreundInnen gratulieren, bringen kleine Geschenke. Tot geborene oder sehr früh verstorbene Babys hingegen werden meist nicht als Teil einer Familie wahrgenommen. Doch auch die Mutter eines tot geborenen Babys ist Mama, körperlich, psychisch und ganz tief im Herzen. Auch sie sucht die Nähe ihres Kindes. Auch sie macht ihrem Kind Geschenke – Blumen und Windräder fürs Grab. Wenn über sie gesprochen wird, heißt es trotzdem: „Nein, sie hat noch keine Kinder.“
Im Vorjahr kamen in Österreich 79.330 Kinder lebend zur Welt. Statistisch kommen 3,4 tot geborene Kinder auf tausend lebend geborene. Das waren 2012 genau 272 Babys, die tot zur Welt kamen, weitere 245 starben noch im ersten Jahr, davon 111 am ersten Tag. Das sind 517 tote Babys insgesamt.(1)

Babyfriedhof in Wien Foto: Gabi Horak
Babyfriedhof in Wien
Foto: Gabi Horak

Eine schöne Geburt. Es gibt wohlüberlegte und gut erprobte Rahmenbedingungen, wie diese Geburten und die Zeit danach gestaltet werden sollten, um den Müttern und Vätern die oft schwerste Zeit ihres Lebens zu erleichtern. Praktische Anwendung finden sie jedoch nur teilweise in manchen Geburtskrankenhäusern. Viele Mütter sind nach ihrem Geburtserlebnis stattdessen tief unglücklich und erfahren erst im Nachhinein von anderen Betroffenen, wie es hätte sein können. Es bräuchte unbedingt mehr ausgebildete Hebammen und ÄrztInnen, die genau wissen, was sie tun müssen. Die Eltern stehen unter Schock, können ihre Gedanken und Bedürfnisse selbst kaum artikulieren. Das professionelle Team muss hier aktiv werden und Anleitung geben.
Im ersten Schock ist es undenkbar: Mein Kind „normal“ zur Welt bringen, stundenlange Wehen, Blut und Tränen und schließlich ein totes Kind im Arm halten, oder eines, das in meinen Armen stirbt. Nicht auszuhalten. Manche Frauen entscheiden sich deshalb für einen Kaiserschnitt und gegen Kontakt. PsychologInnen aber empfehlen die „natürliche“ Geburt: Der Geburtsvorgang sei sehr wichtig fürs Abschiednehmen. Diese wenigen Stunden mit dem toten Kind sind die einzigen, die Eltern haben. Es ist alles, was bleibt. Dieses Bild vom Kind ist das einzige, das es jemals geben wird. Diese Berührungen, diese Küsse bleiben die einzigen und letzten. Deshalb schildern Eltern diese Stunden der Geburt bzw. mit ihrem Kind oft als wunderschön – auch wenn das zuvor nicht vorstellbar war.

Wenige Stunden. Das professionelle Team kann sehr viel tun, um den Eltern diese schöne Geburt zu ermöglichen. Die Geburt findet intim statt. Es braucht keine CTG-Überwachung, keine regelmäßige ärztliche Kontrolle. Sofern es der Mutter körperlich gut geht, sind Eltern und Hebamme unter sich. Schon im Vorfeld müssen die Eltern erinnert werden, woran sie denken müssen: Fotoapparat mitnehmen, Geschenke für das Kind, Babykleidung. Es ist auch vorweg zu überlegen, ob Geschwister, Großeltern etc. das Baby auch sehen sollen, ob es Familienfotos auch mit ihnen geben soll. Sobald das Baby da ist, haben die Eltern nur wenige Stunden, um so viele Erinnerungen zu sammeln, wie es geht. Allem voran: Fotos machen. Wenn überhaupt, dann machen Kliniken oft nur relativ lieblose Fotos vom toten, nackten Kind. Aber es braucht schöne Familienfotos. Und zwar so viele wie möglich, denn es sind die letzten. Die Eltern sollen ihr Baby – sofern möglich – anziehen können, vielleicht auch baden, in ihre eigene Decke einwickeln. Sie brauchen Zeit und Ruhe, um Zärtlichkeiten auszutauschen, ihrem Baby Lieder vorzusingen. Manchmal ist es sogar möglich bzw. wird ermöglicht, dass Eltern ihr Kind auch am nächsten Tag noch einmal sehen, um es dann auch anderen Familienmitgliedern zu zeigen. In Spitälern, in denen aufgrund mangelnder Erfahrung große Unsicherheit herrscht, tendiert das Geburtsteam dazu, die toten Kinder schnell wegzubringen. Sie agieren unsicher und wirken mitunter selbst überfordert.
Es gibt natürlich auch Mütter, die es anders beenden. Sie wollen die Geburt hinter sich bringen, ihr Kind nicht sehen, nicht beerdigen. Einfach weitermachen. Auch dieser Wunsch ist zu respektieren. Das Geburtsteam sollte hier trotzdem über alle Möglichkeiten informieren und auch bis zum Schluss parat haben. Denn manche entscheiden sich erst nach den Presswehen, dass sie ihr Kind doch sehen und halten wollen. Und wenn die Eltern dann keinen Fotoapparat da haben, muss das Team einen anbieten können.

Gegen das leere Fotoalbum. Das Leben von Kindern wird meist in hunderten Fotos in unzähligen Fotoalben und Speichermedien festgehalten. Totgeborene oder kurz nach der Geburt gestorbene Babys füllen keine Fotoalben. Oft gibt es selbst von den wenigen Stunden, in denen sie bei den Eltern waren, keine oder nur schlechte Fotos. Erst Wochen oder Monate später macht den Eltern diese Lücke schwer zu schaffen, die wichtigste Erinnerung im Kopf – das Gesicht meines Kindes – verblasst.
Ende 2013 hat ein Sternenpapa in Deutschland mit dein-sternenkind.eu eine Plattform gegründet, über die professionelle FotografInnen sich in eine Datenbank eintragen lassen können. Kommen Eltern in die Situation, nur kurze Zeit mit ihrem (toten) Kind zu haben, können sie FotografInnen anfordern, die kostenlos Fotos machen. „Die Bilder müsst ihr euch nicht sofort ansehen, aber sie werden da sein, wenn ihr bereit seid, sie anzuschauen. Sie werden euch in eurem Trauerprozess eine wertvolle Stütze sein“, heißt es auf der Website. „Für diese Art von Bildern gibt es leider keine zweite Chance.“
Das einzigartige Angebot hat in kürzester Zeit hohe mediale Aufmerksamkeit in Deutschland erreicht. In der Datenbank sind derzeit über 300 FotografInnen gelistet, vor allem in Deutschland, aber auch in Österreich und in anderen Ländern Europas. Derzeit wird an einer österreichischen Variante der Online-Plattform gearbeitet.

500 Gramm. Wann hat ein Kind gelebt? Aus rechtlicher Sicht wurde diese Frage beantwortet. Kommt ein Baby auf die Welt und es sind unmittelbar nach der Geburt Lebenszeichen nachweisbar, so gilt es als Lebendgeburt. Das Kind braucht einen Namen, es bekommt eine Geburtsurkunde und nach dem Tod eine Sterbeurkunde. Es besteht Bestattungspflicht. Die Mutter hat Anspruch auf Mutterschutz: 8 Wochen bzw. bei Mehrlingsgeburten oder einer Frühgeburt bis zu 16 Wochen.
Kommt ein Kind tot zur Welt und hat über 500g Körpergewicht, gilt es als Totgeburt. Es wird im Sterbebuch beurkundet und kann einen Vornamen bekommen. Sonst gibt es keine Dokumente. Auch dieses Kind muss bestattet werden. Die Mutter hat acht Wochen Mutterschutz.
Kommt das Kind tot zur Welt und wiegt weniger als 500g, gilt es als Fehlgeburt. Es gibt keinerlei Dokumente und das Kind kann offiziell auch keinen Namen bekommen. Die Mutter hat keinen Anspruch auf Mutterschutz, sie muss sich krankschreiben lassen, um nicht sofort wieder zur Arbeit gehen zu müssen.
Für den Betroffenen-Verein Pusteblume ist diese 500g-Grenze willkürlich. Fehlgeborene Kinder werden nicht ins Personenstandregister eingetragen, was bedeute, „dass diese Kinder nicht als Menschen anerkannt werden“. Im Mai 2014 hat der Verein Nationalratspräsidentin Barbara Prammer eine Petition zur „Abschaffung der 500-Gramm-Grenze bei Fehlgeburten und freiwillige Eintragung aller Kinder ins Personenstandsregister“ überreicht. In Deutschland wurde das Personenstandsgesetz im Mai 2013 diesbezüglich geändert. Dort können Eltern ihre fehlgeborenen Kinder auf Wunsch beurkunden lassen.
In vielen Städten Europas gibt es Angebote für Eltern, die sich nicht in der Lage sehen, ein Begräbnis für ihr totes Baby zu organisieren. Seit 2000 bietet die Stadt Wien an, für totgeborene oder unmittelbar nach der Geburt verstorbene Kinder die Bestattung zu veranlassen. Dafür wurde am Wiener Zentralfriedhof ein eigener Babyfriedhof in der Gruppe 35B eingerichtet. Die Stadt kümmert sich um das Begräbnis, legt einen Termin fest und übernimmt alle Kosten. Die Eltern werden über den Termin informiert, können dabei sein – müssen aber nicht. Die Grabstätte ist für zehn Jahre bezahlt, danach wird sie aufgelassen, eine Verlängerung ist nicht möglich. Fehlgeborene Kinder können vier Mal im Jahr feuerbestattet werden und werden in einer Sammelgrabstätte beigesetzt. Die Angebote in den Ländern sind hier recht unterschiedlich. Auch an diesem Punkt ist professionelle Unterstützung notwendig, damit Eltern eine gute Entscheidung treffen können.

Rede über dein Kind. Mit dem Schock der Diagnose und der Geburt hat der Trauerprozess gerade erst begonnen. Die Eltern kommen nachhause, allein. Sie begegnen der Nachbarin, die sich nach dem „Butzi“ erkundigt. Mein Kind ist tot. Entsetzen. Sprachlosigkeit. Zuhause wartet das fertige Kinderzimmer. Wird es ein Ort der Erinnerung sein oder kann ich es nie mehr betreten? Der Körper der Frau, die gerade ein Kind zur Welt gebracht hat, ist darauf eingestellt, das Baby zu versorgen. Die Medikamente zum Abstillen wirken nur bedingt, die Milch tropft. „Ihr Körper ist mit Hormonen überschwemmt, mit Muttergefühlen, die nirgends hinkönnen“, drückt es eine Psychologin aus. Doch das sei auch gut so, denn dieses Chaos ermöglicht das ungehemmte Weinen, immer wieder. „Tränen heilen das Loch im Herzen.“
Es gibt noch einiges zu regeln: Ich muss mein Kind beerdigen. Der Gedanke an den kleinen Sarg nimmt mir die Luft zum Atmen. Ich muss alle FreundInnen informieren, die sich mit mir aufs Baby gefreut haben. Was hab ich alles auf Facebook geteilt?
Es gibt Hilfestellungen, die das Trauern und den Umgang mit der Katastrophe erleichtern: von Mitteln zur Traumabewältigung aus der Homöopathie und Aromatherapie bis hin zu Büchern und psychologischer Hilfe. Die Selbsthilfegruppe Regenbogen bietet Gruppentreffen in fast allen Bundesländern in Österreich an, vergleichbare Angebote gibt es auch in Deutschland. Die Website bietet Erstinformation für Betroffene, für Angehörige und auch eine Liste an TherapeutInnen mit unterschiedlichen Angeboten: von der Trauerbegleiterin, die auch Hausbesuche macht, bis zur Praxis der Lebensberaterin.
Nach dem Weinen kommt das Reden. Traumatherapie bedeutet immer auch: Worte für das Unfassbare finden. Rede über dein Kind. Psychologinnen erzählen von Sternenmüttern, die dreißig Jahre nach ihrer Totgeburt noch immer kein Wort über ihr Kind über die Lippen bekommen, ohne ein ersticktes Schluchzen. Sie haben es nie getan, der „Vorfall“ wurde verdrängt. Das tote Kind auch noch totgeschwiegen.
Nanaya, das Zentrum für Schwangerschaft und Geburt in Wien, hat sich auch der Zielgruppe Sternenmamas angenommen und bietet u.a. einen Kurs zur Rückbildungsgymnastik „für Frauen, deren Baby gestorben ist“ an. Ein unglaublich wichtiges Angebot, denn keine dieser Mütter würde es aushalten, mit anderen Müttern und ihren Babys im Kurs zu sein. Und doch haben auch ihre Körper eine anstrengende Schwangerschaft hinter sich. Dieser Rückbildungskurs ist anders. Die Frauen weinen miteinander, bevor sie miteinander turnen. So entsteht ganz schnell eine Verbundenheit, ein Verständnis, das anderen in dieser Situation fehlt. Diese Sternenmamas können sich treffen, um über ihre Trauer zu reden, sie lachen miteinander, sie weinen miteinander, die Fotos der toten Kinder machen die Runde. Wie soll euer Grabstein aussehen? Was soll ich der Kollegin erwidern, die mir ein „komm endlich drüber hinweg“ entgegenschleudert?

Trauer dauert. Ein Trauerjahr. Ein Leben lang. Sterneneltern haben viel zu kämpfen mit der Art und Weise, wie ihr Umfeld auf die Trauer reagiert. „Das ist vorbei, du musst das abhaken. Wer weiß, wofür es gut war. Du kannst ja noch viele Kinder bekommen.“ Tröstlich gemeinte Sätze wie diese treffen trauernde Eltern in tiefster Seele. Wofür soll es gut sein, dass mein Kind gestorben ist? Auch wenn ich noch fünf Kinder bekomme, das ändert nichts daran, dass dieses Kind tot in meinen Armen lag! Eltern, die ihr Baby sterben sahen, wollen laut schreien, sich auf den Boden werfen, die Welt verfluchen, immer wieder in Schluchzen ausbrechen. Nichts davon ist vorgesehen. Sie trauern still und heimlich in ihren eigenen vier Wänden. Die Trauer muss genauso unsichtbar sein, wie es das Baby war. Und wenn sie das nächste Mal in geselliger Runde mit FreundInnen oder Verwandten sitzen, werden sie traurig. MEIN KIND IST TOT, wollen sie rausschreien, damit der Schmerz hörbar wird. Totschweigen ist wie noch mal sterben.

Gabi Horak-Böck ist Sternenmama und hat in ihrer Trauer viel Unterstützung gesucht und gefunden, vor allem bei zahlreichen anderen Sternenmamas.


Fußnote:
(1) Für Deutschland sind Statistiken aus 2012 verfügbar: Insgesamt gab es 2.791 tote Babys, davon kamen 2.400 tot zur Welt, weitere 391 starben im Säuglingsalter. Lebendgeburten: 673.000

Buchtipp:
Hanna Lothrop: Gute Hoffnung – jähes Ende. Begleitung und neue Hoffnung für Eltern, Kösel 2005

Linktipps:
www.dein-sternenkind.eu – Plattform mit FotografInnen u.a. in Deutschland und Österreich
www.shg-regenbogen.at – Selbsthilfegruppe Regenbogen in Wien
www.verein-pusteblume.at – Beratung und Begleitung bei Fehlgeburt Kindstod
www.sternenkinderhimmel.com – virtueller Sternenkinderhimmel zum selbst Eintragen

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