September 2011 – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de Tue, 20 Sep 2011 19:39:17 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.0 https://ansch.4lima.de/wp-content/uploads/2024/10/cropped-favicon-32x32.png September 2011 – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de 32 32 an.lesen: Kapitalismus und Königsberger Klopse https://ansch.4lima.de/an-lesen-kapitalismus-und-konigsberger-klopse/ https://ansch.4lima.de/an-lesen-kapitalismus-und-konigsberger-klopse/#respond Tue, 20 Sep 2011 19:39:17 +0000 https://anschlaege.at/?p=1320 Hip-Sein auf Hartz IV. KATJA KULLMANN hat ein Buch über die Kreativszene geschrieben. Von LEA SUSEMICHEL

 

Über die neue Bürgerlichkeit des „Bionade-Biedermeier“ ist zuletzt viel geschrieben und gelästert worden. Denn der Hang zu Retro ist bei den längst nicht mehr nur im Prenzlauer Berg lebenden „Neo-Kons“ bei Brille und Bogenlampe nicht stehengeblieben, auch sonst lässt sich eine Rückkehr zu Altbewährtem beobachten. Die wieder in Mode gekommenen Kinder werden in den Klavierunterricht geschickt, und der große Holztisch in der Küche rückt erneut ins Lebenszentrum. 

Einiges geschrieben wurde auch über das neue Prekariat. Es ist nicht mehr ausschließlich proletarisch, armutsgefährdetsind inzwischen auch viele Gutausgebildete. Doch obwohl Christiane Rösinger schon fragte: „Ist das noch Bohème oder schon Unterschicht?“, wurde die nicht unerhebliche Schnittmenge zwischen Kulturprekariat und den freien Kreativen bislang außerhalb der Mayday-Bewegung wenig zur Kenntnis genommen. Auch Katja Kullmann zitiert die Zeile von Rösinger in ihrem Buch, das sie nun über diese Schnittmenge geschrieben hat. Kullmann war als freiberufliche Journalistin und Autorin durchaus erfolgreich, bevor sie zur Hartz IV-Empfängerin wurde. Damit ist sie nicht die einzige in ihrem Umfeld, und auch die mitfühlende Sachbearbeiterin auf dem Amt bestätigt ihr, dass es mittlerweile sogar Tatort-Schauspieler treffen kann.

In „Echtleben“ – das ausgerechnet beim gerade pleite gegangenen Eichborn-Verlag erschienen ist – erzählt Kullmann davon, wie sich die freelancenden Kreativen, Intellektuellen und Alternativen einst ihr Leben und ihre Arbeit vorgestellt hatten: „Im Karl Marx’schen Sinne nicht zu weit entfremdet, aber im Norbert Blüm’schen Sinne noch halbwegs abgesichert.“ Um dann mit spätestens Vierzig die zur Warenform gewordene Konformität des eigenen Lebensstils und die finanzielle Prekarität der Projektarbeit erkennen zu müssen.

Das aus einzelnen essayartigen Kapiteln bestehende und deshalb nicht immer ganz stringent erzählte und argumentierte Buch liefert über weite Strecken launige Milieustudien und ein pittoreskes Panorama der unterschiedlichsten ProtagonistInnen urbaner (Sub-)Kultur. Die anekdotischen Analysen jener, die „augenzwinkernd Königsberger Klopse kochen“ oder militant vegan leben („Hanf-Mode, Holundersaft, Heimat-Tourismus“) sind durchwegs sehr unterhaltsam. Doch die eigentliche Stärke des Buchs liegt darin, dass Kullmann es bei diesen Szeneschilderungen nicht belässt. Immer wieder sind ihre Beobachtungen auch soziologische Mikrostudien von fast Bourdieuscher Schärfe. Popliterarisch pointiert wird erklärt, wie soziale Distinktion in Zeiten funktioniert, in denen Fußkettchen sowohl von Hippies als auch von der Schickeria getragen werden, oder was das Üble an Gentrifizierung ist. Und es wird vor allem deutlich gemacht, was die neoliberale Politik von Rot-Grün und Agenda 2010 in Deutschland angerichtet haben. Denn obwohl der Untertitel lautet: „Warum es heute so kompliziert ist, eine Haltung zu haben“, positioniert sich die Autorin erfreulich eindeutig. Gegen eine Politik, die wenige reich und viele andere immer ärmer werden lässt, die das Solidarprinzip aufkündigt und für die Hartz IV-BezieherInnen und MigrantInnen Leistungs- oder Integrationsverweigerer sind.

Dass Kullmann, die 2002 „Generation Ally. Warum es heute so kompliziert ist, eine Frau zu sein“ veröffentlicht hat, auch bekennende Feministin ist, wird dabei leider weniger explizit. Denn inwieweit neoliberale Prekarisierung Frauen in besonderer Weise trifft, wird zwar manchmal auf subjektiver, selten aber auf struktureller Ebene zum Thema gemacht. Letztendlich zeigt sich in Kullmanns Kampf für ein gutes Leben und ein gutes Gewissen aber doch auch eine klar feministische Haltung. Und trotz der Schonungslosigkeit, mit der sie ihre Szene seziert, sind ihr die, die weiter nach Alternativen suchen, allemal lieber als die anderen: „Die Leute sind doch eigentlich ganz in Ordnung.“
 

Katja Kullmann: Echtleben.
Warum es heute so kompliziert ist, eine Haltung zu haben.
Eichborn 2011, 17,95 Euro

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Frauen als Hilfslehrerinnen https://ansch.4lima.de/frauen-als-hilfslehrerinnen/ https://ansch.4lima.de/frauen-als-hilfslehrerinnen/#respond Fri, 26 Aug 2011 12:12:21 +0000 https://anschlaege.at/?p=735 CLAUDIA SCHNEIDER vom Verein EfEU* plädiert für eine radikale Änderung des Bildungssystems. Ein Interview von LEA SUSEMICHEL
 

an.schläge: Wie beurteilst du die aktuellen Bildungsdebatten in Österreich? Setzen sich gewisse Einsichten mittlerweile durch, etwa die, dass Bildungserfolg etwas mit sozialer Herkunft zu tun hat? Oder dominieren weiterhin reaktionäre Bildungskonzepte wie das der ÖVP?

Claudia Schneider: Nicht nur die ÖVP, auch große Teile der LehrerInnengewerkschaft nehme ich in den Debatten als blockierend wahr. Gleichzeitig bin ich aber auch durchaus positiv überrascht von Entwicklungen wie dem Bildungsvolksbegehren, bei dem ja auch führende Funktionäre der Standesvertretungen entschieden für die Ganztagsschule eintreten. Dennoch ist die Ideologie der vermeintlichen Wahlfreiheit aber weiterhin sehr wirkmächtig. Doch was für eine Wahlfreiheit hat eine Familie mit migrantischem Hintergrund, in der der Vater Hilfsarbeiter ist und die Mutter kaum Deutsch spricht? Alle internationalen Studien belegen, dass das österreichische Schulsystem im Vergleich mit anderen europäischen oder internationalen Schulsystemen sozial sehr stark selektiert.

Das Bildungsniveau ist in den letzten Jahrzehnten stetig gestiegen, die Bildungsgerechtigkeit hat insgesamt aber nicht zugenommen: Welche Ausbildung jemand hat, hängt immer noch in erster Linie vom Bildungsstand der Eltern ab.

Ja, es ist für den Sohn eines Universitätsprofessors weiterhin viel wahrscheinlicher, ein Studium zu beginnen, als für die Tochter einer kroatischen Verkäuferin. Aber die Mädchen- und Frauenbildung hat in der Kreisky-Ära durchaus einen ungeheuren Aufschwung erlebt. Das war ja ein wichtiges politisches Postulat, dass das Arbeitermädel oder die Bauerstochter vom Land jetzt auch ins Gymnasium und auf die Uni gehen kann. Doch als etwa die Studiengebühren eingeführt worden sind, ist der Frauenanteil an den Universitäten wieder gesunken. Daran merkt man, wie gefährdet solche Errungenschaften immer noch sind.

Sind denn die Forderungen des Bildungsbegehrens auch feministisch?

Aus feministischer Perspektive ist die Forderung nach Ganztagsschulen wesentlich. Denn das Pflichtschulsystem in Österreich mit der Halbtagsschule baut darauf, dass es am Nachmittag so was wie Hilfslehrerinnen gibt. Und das sind in erster Linien die Mütter. Oder es sind Tagesbetreuungen, die in aller Regel auch von Frauen geleistet werden. In jedem Fall aber wird vonseiten der Schule erwartet, dass die Hausaufgaben in dieser Zeit gemacht und betreut werden. Und alle Kinder, die diese nachmittägliche Betreuung nicht haben, weil die Eltern berufstätig sind oder sich das aus anderen Gründen nicht leisten wollen oder können, haben letztlich weniger Schule. Das ist eine große Ungleichheit und Ungerechtigkeit, nicht nur auf Genderebene, sondern auch im Zusammenhang mit sozialer Schicht, mit Sprachkompetenz, Bildungsaffinität usw. Deswegen muss das Bildungssystem meiner Meinung nach radikal geändert werden, es muss eine Ganztagsschule für alle geben, ohne Selektion bis zum Ende der Pflichtschule. Das sind ganz grundlegende bildungspolitische Forderungen, sie sind aber auch ganz klar feministisch.

Was fehlt in der aktuellen Debatte an feministischen Überlegungen? Was sind Forderungen von EfEU, die nicht auftauchen?

Eine wichtige Forderung von EfEU ist das verpflichtende Verankern von Genderkompetenz als Bestandteil der Curricula in der pädagogischen Ausbildung. Diese Forderung gibt es seit dem Bestehen von EfEU, doch weder in der Grundschulnoch in der Sekundarschulausbildung ist das bislang verankert. Jede pädagogische Hochschule in Österreich kann da tun, wie sie will, bzw. obliegt es der einzelnen Lehrkraft, die die Pflichtschullehrenden ausbildet, ob sie das Thema behandelt. Du kannst also heute Lehramt studieren und dein ganzes Studium nichts von geschlechtssensibler Pädagogik gehört haben. Ich habe am Institut für Erziehungswissenschaften der Universität Wien einen Lehrauftrag zu Gender- und Diversity- Kompetenz, das ist ein Seminar im zweiten Abschnitt, und für viele Studierende ist es eine der letzten Lehrveranstaltungen, die sie machen müssen. Da kommen Lehramtsstudierende der unterschiedlichsten Unterrichtsfächer, und einige haben tatsächlich in ihrem ganzen Studium vorher noch nie was zum Thema Gender gemacht.

EfEU gibt es seit 25 Jahren.Wie hat sich eure Arbeit im Laufe dieser Zeit verändert? Wird eure Expertise inzwischen ernster – und auch häufiger in Anspruch – genommen?

Die Geschichte von EfEU ist durchaus eine Erfolgsgeschichte. Angefangen hat der Verein mit drei oder vier ehrenamtlich in ihren Wohnzimmern arbeitenden Lehrerinnen. Inzwischen bekommen wir einigermaßen verlässlich Subventionen, haben uns entsprechend institutionalisieren und professionalisieren können und sind eine im deutschsprachigen Raum – und wahrscheinlich auch in ganz Europa – einzigartige Organisation. Dennoch sind wir immer noch recht klein, wir teilen uns zu dritt eine nicht mal 40-Stunden- Anstellung. Beauftragt werden wir etwa für Genderexpertisen bei Lehrplannovellierungen, zuletzt für den Lehrplan der Bildungsanstalt für Kindergartenpädagogik, davor aber etwa auch schon anlässlich einer Novellierung für die Sekundarstufe. Außerdem gab es vom Unterrichtsministerium beauftragte Evaluierungen von Wiener Schulprojekten zum Thema Gender. In den letzten Jahren wurden vom Ministerium sogenannte „Gender-Kompetenz-Schulen“ beratend unterstützt, da waren wir dabei.

Es gibt von feministischer Seite ja auch viel Kritik an der Koedukation. Wie ist da die Position von EfEU? Ich bin dafür, die Koedukation immer wieder aufzuheben und in unterschiedlichsten Gruppensettings zu arbeiten, um den Kindern und Jugendlichen die Möglichkeit zu geben, sich in verschiedenen Konstellationen auszuprobieren. Und es kann eben zum Beispiel eine geschlechtshomogene Gruppe sein, in der dieses Ausprobieren stattfindet. Denn trotz meiner queeren Überzeugung und obwohl ich mich als Dekonstruktivistin verstehe: Es ist Realität, dass wir als Männer oder Frauen wahrgenommen werden und dass sich entsprechend diesen Erwartungen auch Kinder als Mädchen und Buben verhalten. Deshalb kann ein Experimentieren mit unterschiedlichen Gruppensituationen unter der Anleitung von feministisch geschulten Pädagoginnen sehr wichtige Lernprozesse in Gang setzen: Welche Rollen nehme ich in welchem Kontext ein usw.

Sind diese geschlechtshomogenen Settings nicht auch deshalb wichtig für Mädchen, weil sie eine andere Form von Förderung brauchen und Dinge kompensieren müssen? Bekanntlich schneiden Mädchen in naturwissenschaftlichen Fächern durchschnittlich immer noch schlechter ab.

Ich würde nicht die Begriffe „Förderung“ und „Kompensieren“ benutzen, weil das ein Defizit impliziert. Ich denke, dass das für alle spannend und gewinnbringend ist – auch für die Buben! Viele Studien legen den Schluss nahe, dass die Mädchen erst im Laufe ihrer Schulzeit, sprich mit fortschreitendem Alter, das Interesse an naturwissenschaftlichen Fächern verlieren. Untersuchungen bei Volksschulkindern zeigen keine signifikanten Unterschiede zwischen den Geschlechtern, beispiels weise bei den Mathematikleistungen. Das ist einerseits natürlich ein gesamtgesellschaftliches Problem, das heißt, gesellschaftliche Vorstellungen davon, welche Themen als weiblich und welche als männlich gelten, tragen stark zu dieser Entwicklung bei. Andererseits muss sich aber auch die Schule fragen, was sie dazu beiträgt, durch – oft auch unbewusstes – „Doing Gender“.

Und wenn im Physikunterricht Beispiele aus dem Alltagsleben genommen werden, dann interessiert das nicht nur die Mädchen stärker, sondern alle Kinder. Aber Mädchen profitieren davon eben besonders. Buben, die Dreier oder Vierer in Physik haben, hindert das nicht daran, an die HTL zu gehen, während für Mädchen die Hemmschwelle viel größer ist. Es gibt Untersuchungen, die zeigen, dass Mädchen schon ins Zweifeln kommen, wenn sie nur einen Zweier haben. Das hat vor allem mit dem Vertrauen in die eigene Leistung zu tun.

Haben alternative Schulmodelle aus feministischer Perspektive anderen Schulen etwas voraus?

Ich erlebe Alternativschulen schon als überdurchschnittlich aufgeschlossen, was Gender-Themen anbelangt. Was vermutlich einfach damit zu tun hat, dass diese Schulen häufig aus Elterninitiativen entstanden sind, die ihre Kinder nicht auf die Regelschule schicken wollten und deren Selbstverständnis eher ein gesellschaftskritisches und emanzipatorisches ist. Natürlich gibt es aber auch da, wie überall, blinde Flecken. Wir bekommen auch von Alternativschulen immer wieder Aufträge für kleinere Projekte. Jetzt starten wir zum Beispiel an der WUK-Schule eine einjährige Schulung für LehrerInnen, BetreuerInnen und interessierte Eltern.

Claudia Schneider hat an der Universität Wien Europäische Ethnologie studiert; ihre Arbeitsschwerpunkte sind Beratung, Training und Forschung zu Gender und Diversity Management mit Schwerpunkt Bildungsorganisationen.

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sprechblase https://ansch.4lima.de/sprechblase-sie-soll-sich-doch-auf-ihr-kind-freuen/ https://ansch.4lima.de/sprechblase-sie-soll-sich-doch-auf-ihr-kind-freuen/#respond Fri, 26 Aug 2011 12:00:13 +0000 https://anschlaege.at/?p=727 Entschädigungszahlung wegen geschlechtsspezifischer Diskriminierung. Von LEONIE KAPFER]]>

Das Landesgericht Berlin verklagte Sony zu einer Entschädigungszahlung wegen geschlechtsspezifischer Diskriminierung einer schwangeren Arbeitnehmerin. Die Frau arbeitete im Bereich „International Marketing“ als Abteilungsleiterin. Als die Stelle ihres Vorgesetzten neu besetzt werden sollte, bekam sie zu hören, dass sie sich lieber auf ihr Kind freuen solle, statt auf den Chefposten zu hoffen. Befördert wurde ihr männlicher Kollege. Die Frau erhielt nun eine Schadensersatzzahlung. 

Leonie Kapfer

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plusminus: September 2011 https://ansch.4lima.de/plusminus/ https://ansch.4lima.de/plusminus/#respond Fri, 26 Aug 2011 11:58:13 +0000 https://anschlaege.at/?p=723 My beer (–)
US-amerikanische Forscher wollen nun mittels Softwareprogramm erkennen können, ob ein Tweet (Kurznachricht auf Twitter) von einer Frau oder von einem Mann verfasst wurde. „Typisch weibliche“ Signalwörter seien etwa „my yoga“ sowie „my yogurth“. Die Begriffe „love“, „emotion“ oder „feeling“ werden natürlich ebenfalls dem weiblichen Geschlecht zugeordnet. Ein „männlicher Schreibstil“ hingegen sei durch Wortkombinationen wie „my beer“ oder „my zipper“ gekennzeichnet. 

My birthcontrol (+)
Gute Nachrichten aus den USA. Dort werden ab August nächsten Jahres durch Beschluss des „Department of Health and Human Services“ erstmals die Kosten für Verhütungsmittel von privaten Krankenkassen übernommen. Das betrifft sowohl „die Pille“ als auch „die Pille danach“. Eine sehr fortschrittliche Handlung für ein Land, in dem vielerorts Verhütungsmittel, religiös motiviert, aus den Apotheken verschwunden sind. Übrigens: In Österreich werden Frauen immer noch selbst zur Kasse gebeten. 

Leonie Kapfer

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Feminist Superheroines: Bell Hooks https://ansch.4lima.de/feminist-superheroines/ https://ansch.4lima.de/feminist-superheroines/#respond Fri, 26 Aug 2011 11:56:34 +0000 https://anschlaege.at/?p=718 feminist_superheroine_bell_hooksBELL HOOKS (*25. September 1952) ist v.a. als Kritikerin von Rassismus, Kapitalismus und Patriarchat und als Vertreterin des Black Feminism bekannt geworden.]]> feminist_superheroine_bell_hooks

Bell Hooks (*25. September 1952) ist v.a. als Kritikerin von Rassismus, Kapitalismus und Patriarchat und als Vertreterin des Black Feminism bekannt geworden. Ihr erstes und einflussreiches Buch „Ain’t I a Woman“ begann die in Kentucky geborene Schriftstellerin bereits im Alter von 19 Jahren zu schreiben, publiziert wurde es 1981. Seit Mitte der 1970er Jahre hat sie verschiedene Lehraufträge und Professuren an US-amerikanischen Universitäten inne. Neben der Auseinandersetzung mit „Race“, Klasse und Geschlecht beschäftigt sie sich mit einer riesigen Bandbreite weiterer Themen, etwa mit Medien, Kunst und Erziehung. Kaum bekannt ist, dass sie auch Autorin einiger Kinderbücher ist, die bisher jedoch leider nicht ins Deutsche übersetzt wurden. Das Pseudonym bell hooks geht auf den Namen ihrer Großmutter zurück, ihr ursprünglicher Name ist Gloria Jean Watkins. Mit der Kleinschreibung des Namens will sie die Aufmerksamkeit weg von ihrer Person und hin zu den Inhalten ihrer Texte lenken.

Text: Isabelle Garde
Illustration: Lina Walde

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Bell Hooks
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an.klang: Touch Yourself! https://ansch.4lima.de/touch-yourself/ https://ansch.4lima.de/touch-yourself/#respond Fri, 26 Aug 2011 11:52:12 +0000 https://anschlaege.at/?p=715 Über den Sommer hat sich einiges angesammelt – zwar nicht unbedingt die ersehnte Hitze, dafür aber eine Menge spannender Platten. Ein Schnelldurchlauf im Tauchsieder. Von SONJA EISMANN

 

Dass das schwedische Trio Little Dragon prominente Fans von TV On The Radio bis zu Outkast hat, verwundert bei ihrer dritten Platte Ritual Union (Peacefrog/Rough Trade) wirklich niemanden mehr. Sängerin Yukimi Nagano singt ihren Electro-R’n’B mit cooler und doch schmelzender Stimme über verzerrt pluckernde Dance Beats, die mit ihren weirden, oft merkwürdig eiernden Sounds absolut eingängig sind. Wenn zwischendurch immer wieder das Tempo lustvoll rausgenommen wird, klingt das so sensual, dass sogar Prince ein wohliger Seufzer entweichen dürfte.

Auch irgendwie sinnlich und weird, dafür aber noch mit einer Extra-Portion Humor geht Aérea Negrot ihre außergewöhnlichen Kompositionen für ihren ersten Longplayer Arabxilla (Bpitch Control/Rough Trade) an. Zu Negrot, die in Venezuela aufwuchs und über Stationen in Caracas, Porto, Den Haag und London letztendlich in Berlin landete, passt die etwas dämliche Bezeichnung des „Paradiesvogels“ nun endlich tatsächlich mal. Die Avantgarde-Tänzerin, die für ihre Gesangs- und Tanzeinlagen für Hercules & Love Affair bekannt wurde, fusioniert Oper, Disco, Clubsounds und Spoken Word in eine englisch-spanisch-deutsche Sprachmischung mit einer überkandidelten Eleganz, die auch Grace Jones gut zu Gesicht stehen würde.

T-INA Darling aka Ina Wudtke, die umtriebige DJ, Producerin, Künstlerin, Autorin und Kuratorin – die Ausstellung zu ihrem Buch „Black Sound White Cube“ geht gerade im Berliner Bethanien zu Ende – stellt mit einem neuen Werk ihre Vielseitigkeit ein weiteres Mal unter Beweis: Auf The Fine Art of Living (Rudel Records) trifft Spoken Word auf Tanzstücke mit Elementen aus Swing, Broken Beats, R’n’B, Bar Piano, Slow Raps und Dub. In zwei Teilen – Seite A ist englisch-, Seite B deutschsprachig – greift T-INA unter dem übergeordneten Thema kapitalistischer Bauspekulation und prekärer Lebensumstände u.a. auf Gedichte von Langston Hughes zurück, die genau diese Form der Unterdrückung, gepaart mit rassistischer Diskriminerung, schon in den 1920er Jahren thematisierten. Auf der B-Seite kommt, in T-INA’s Voice, auch May Ayim zu Wort, und natürlich geht es um die Zustände im schicken, prekären Berlin.

Was prekäres Leben bedeutet, weiß Mamani Keita nur zu genau. In einem Interview erinnert sich die aus Mali stammende Musikerin, die als Backgroundsängerin für Salif Keita Ende der 1980er nach Paris kam und dort jahrelang ohne Papiere lebte, wie sie an einem Morgen vor sieben Jahren nicht einmal zwei Euro für ein Essen für ihre kleine Tochter auftreiben konnte. Auch ihre NachbarInnen, denen es ähnlich beschissen ging, konnten mit der erbetenen Summe nicht aushelfen. Da wurde ihr klar: nicht nur sie war am Ende, sondern auch dieses Frankreich, in dem sie miserabel von Transferleistungen lebte. Aus dieser Erfahrung entwickelte sich der Refrain, der als eine Art Schlachtruf der illegalisierten EinwanderInnen in Frankreich gelten kann und titelgebend für ihr neues, bereits drittes Soloalbum wurde: „Pas facile gagner l’argent français, bosser bosser“. Zum zweiten Mal mit dem Multiinstrumentalisten Nicolas Repac erarbeitet, steht auf Gagner l’argent français (No Format!/Because Music/Al!ve) wieder die Vermischung traditioneller malischer Instrumente mit globalen Samples, Afrobeat- und Rock-Gitarren sowie vor allem Keitas ausdrucksvoller, so klarer wie kehliger Stimme im Vordergrund, mit der sie in ihrer Muttersprache Bambara mit zahllosen Background-Chören dialogisiert. Sentimental und euphorisierend zugleich.

Die zwei jungen Frauen vom Duo Jolly Goods hat es aus dem beschaulichen Odenwald mittlerweile nach Berlin verschlagen, doch die zweite Platte, von Hans Unstern und Dirk von Lowtzow produziert, hat nichts von ihrer grungigen Wut eingebüßt. Das Walrus (Staatsakt/Rough Trade), das hier eindeutig gequeert auftritt, ist ein dickes Rockbrett, wie aus der Zeit gefallen, bei dessen gequält-zornig nach hinten überkippender Stimme es sich durchaus an die frühe PJ Harvey oder Godmother Patti Smith denken lässt.

Und zu guter Letzt noch one for the dancehall: Jamaikas selbst ernanntes „Bad Gyal“ Ce’Cile ist mit einem neuen Album zurück und macht sich an die Jamaicanization (Kingstone/Groove Attack) der Welt. Wenn das mit ihren eingängigen Tunes zwischen Reggae, Dancehall und Pop, die auch heiße Eisen wie „Touch Yourself“ oder „Nah Stress Over Man“ anfasst, nicht funktioniert, müsste es doch mit der Teufelin zugehen.

Links:
www.little-dragon.se
www.myspace.com/aereanegrot
www.djt-ina.com
http://mamani.keita.free.fr
www.jollygoods.net
www.myspace.com/cecile

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an.sprüche: Slutwalk – Mission Impossible? https://ansch.4lima.de/slutwalk-mission-impossible/ https://ansch.4lima.de/slutwalk-mission-impossible/#respond Fri, 26 Aug 2011 11:46:41 +0000 https://anschlaege.at/?p=707 slutwalkAngefangen hat alles mit einem Polizisten in Toronto, der Frauen den „guten Rat“ gab, sich nicht wie Schlampen („Sluts“) zu kleiden, um Vergewaltigungen vorzubeugen. Am 13. August hat nun auch in Berlin ein Slutwalk stattgefunden. Von DIANA DRECHSEL]]> slutwalk

Angefangen hat alles mit einem Polizisten in Toronto, der Frauen den „guten Rat“ gab, sich nicht wie Schlampen („Sluts“) zu kleiden, um Vergewaltigungen vorzubeugen. Die „Slutwalks“, die als Reaktion darauf in Kanada stattfanden, haben inzwischen weltweit Nachahmer_innen gefunden. Gleichzeitig gab es rege feministische Debatten über die neue Protestform und auch viel Kritik, etwa an der Selbstsexualisierung der Protestierenden. Am 13. August hat nun auch in Berlin ein Slutwalk stattgefunden. DIANA DRECHSLER vom Organisationsteam erklärt, wie dort mit der Kritik umgegangen wurde.

 

Viel wurde geschrieben über die Slutwalks, die seit April 2011 in über 100 Städten weltweit stattgefunden haben bzw. noch stattfinden werden. Von konstruktiver Kritik über boulevardmedientypische Verkürzungen bis hin zu diskreditierenden Beleidigungen in Internetforen war alles vorhanden. Hier soll es nur um die konstruktiven kritischen Anregungen gehen, die beim Organisationsteam Slutwalk Berlin eingegangen sind. Außerdem möchte ich erläutern, wie die Organisation des Walks abgelaufen ist: als Beispiel für die Gratwanderung zwischen Selbstreflexion, Konsensfindung und Handlungsfähigkeit. Das Berliner Team besteht aus über 30 Menschen, wobei jede_r unterschiedlich große Aufgaben übernommen hat und einige sporadisch dabei sind. Es kamen im Laufe der wöchentlichen Treffen seit Anfang Juni immer wieder neue Menschen dazu, andere schieden wieder aus. Die demokratische Plenumsgestaltung stand immer im Vordergrund, ebenso wie die Besprechung der Kritikpunkte, die wir selber hatten oder die an uns herangetragen wurden. Dabei versuchten die jeweils Anwesenden eine Art Konsens zu finden, um Standards für die Außenrepräsentation und Pressearbeit zu entwickeln. Es ist also dieser kleinste gemeinsame Nenner, der hinter dem fiktiven „Wir“ steht, das in Interviews verwendet wurde – und nicht eine in sich geschlossene homogene Gruppe. Die Kritik, die uns als Gruppe erreicht hat, deckte sich weitgehend mit jener, die schon bei anderen Walks geäußert wurde. Auf die drei häufigsten Kritikpunkte möchte ich genauer eingehen.

Der Begriff der „Slut“ funktioniert nicht für jede_n, viele werden von der Bewegung ausgeschlossen, weil sie mit anderen Begriffen konfrontiert sind oder sich nicht als „Slut“ bezeichnen wollen/können.
Natürlich funktioniert der Begriff „Slut“ nicht für alle. Welcher Begriff könnte schon für ALLE funktionieren? Wir sehen den Begriff als Synonym für alle sexualisierten Schimpfworte, Beleidigungen und Diskriminierungen, mit denen Menschen konfrontiert werden. Durch den Slutwalk sollen die sexistischen Praxen skandalisiert werden, die sich aus einem System der Verwobenheit von Sexismus, Rassismus, Klassismus, Homo-, Trans*- und Queerphobie etc. speisen. Jede_r Teilnehmer_in kann den Protest individuell gestalten, die Walks bieten den Raum dafür, geben aber nicht vor, was etwa auf den Plakaten zu stehen hat.

Die entblößte Zurschaustellung der Frauen auf den Walks ist wieder nur eine Sexualisierung der Frauen!
Über die Transparente, die auf den Walks getragen werden, wird die Botschaft der Körper sichtbar bzw. lesbar. Die Botschaften auf den Schildern durchbrechen die sexistische Sehgewohnheit, und diese Irritation birgt die Kraft der Dekonstruktion. Daher ist letztendlich jede Kleidung auf dem Walk als Performance zu betrachten, ob nun Minirock oder Baggypants, und: Es gibt keinen Dresscode!

Slutwalks sind Veranstaltungen der weißen Mittelschicht!
Viele von uns befinden sich als Künstler_innen, Student_innen, freie Autor_innen etc. in prekären Arbeitsverhältnissen, daher wehren wir uns gegen ein Schichten-Labeling. Ich verstehe diese Kritik allerdings als generelle Mahnung, sich der marginalisierenden Kategorisierungen bewusst zu werden, denen Menschen unterliegen, denn bei „Schicht“ und „race“ hören die hierarchisierten Zuschreibungen nicht auf. Das haben wir in Berlin getan und sind an unsere Grenzen gestoßen, begünstigt durch Zeitdruck, innerorganisatorische Auseinandersetzungen, Gruppenfindungsprozesse und begrenzte Kapazitäten. Für die Zukunft heißt es also: netzwerken, netzwerken und noch mal netzwerken, um die Slutwalks auf eine noch breitere Basis zu stellen.

www.slutwalkberlin.de

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an.sage: Doch kein Sommermädchen https://ansch.4lima.de/doch-kein-sommermadchen/ https://ansch.4lima.de/doch-kein-sommermadchen/#respond Fri, 26 Aug 2011 11:42:46 +0000 https://anschlaege.at/?p=704 Ein Kommentar von FIONA SARA SCHMIDT

 

Die Japanerinnen sind absolut verdient Weltmeisterinnen geworden, Fukushima-Mitleidsbonus hin oder her. Auch wer sonst mit Fußball nicht viel am Hut hat, konnte die Spannung des Endspiels greifen, das japanische Team überzeugte mit starken Nerven beim Elfmeterschießen und spielte auf höchstem Niveau.

Doch wie sieht die Bilanz nach der WM aus? Hat das Turnier dafür gesorgt, Frauenfußball für die breite Masse populär zu machen? Immerhin wird eingestanden, dass er schön aussieht, technisch und taktisch anspruchsvoll und zum Zusehen auch für Frauen und Kinder bestens geeignet, ja sogar ein „Familienfest“ sei. Gleichzeitig haben sich viele Schreiber und „Experten“ gegenseitig darin überboten zu erklären, warum sie Frauenfußball nicht mögen. So etwa der deutsche Formel-1-Darling Nico Rosberg, der die WM mit den Paralympics verglich und nicht verstand, was die Aufregung danach sollte. Nein, meinen andere, es habe nichts damit zu tun, dass Frauen nicht spielen könnten, im Gegenteil sei das Niveau ja stetig gestiegen. Doch SZ- Kolumnist Axel Hacke ist eben „damit aufgewachsen, dass Fußball Männersache ist“, und findet es gut, dass es so geblieben ist, weil er so schöne Erinnerungen an seinen Vater pflegen kann. Es ist also nicht der Umstand, dass Frauen Fußball spielen können, der etwa „Klartext“-Blogger Matthias Heitmann Bauchschmerzen bereitet. Es ist die Tatsache, dass die mit Frauen und dem Frauenfußball verbundenen Werte in die Offensive gehen und „der Fußball“ Gefahr läuft, sowohl als Sport als auch als kulturelles Massenphänomen „entmannt“, ein „emotionsloses Abziehbild“ des kulturellen Phänomens Fußball zu werden, „einem der letzten Refugien von Freiheit und emotionaler Ausgelassenheit in einer ansonsten immer stärker geregelten und kontrollierten Gesellschaft“. Seltsam, eigentlich wird Emotionalität doch Frauen zugeschrieben? Doch plötzlich sind es weibliche Werte, die in der Gesellschaft überhand genommen haben, der Männerfußball die letzte Erholung davon. Wenn selbst ARD-Moderator Michael Antwerpes doch tatsächlich zur Eröffnung in die Kamera sagt, „Fußball-WM der Frauen ist, wenn man trotzdem Spaß hat“, zeigt das, was viele insgeheim gedacht haben: Noch mal Männer-WM wäre viel schöner gewesen. Medial verordnete Ekstase, kollektive Fußballeuphorie als Zwangsmaßnahme gab es trotzdem. In Deutschland war schon Wochen vor dem Termin Frau, Klischee und Fußball allerorten: 16 Kandidatinnen traten bei der Wahl zur Miss WM im Trikot des jeweiligen Nationalteams an. Die ARD zeigte einen unerträglichen „Tatort“ mit kickender Star-Muslima. Im „Playboy“ „zum Sommermärchen 2011“ dann „Weltmeisterlich! So schön sind Deutschlands Fußball-Nationalspielerinnen“. Dass es sich dabei um U20- und U17-Weltmeisterinnen handelte, war eigentlich egal, die Spielerinnen kennt ja eh niemand. Die Playmates wollten „das Klischee von den Mannweibern im Frauenfußball widerlegen“. Und auch von offizieller Seite sollte die Nationalelf als Ansammlung attraktiver, junger, moderner und heterosexueller Frauen präsentiert werden. (Drei französische Nationalspielerinnen antworteten darauf, indem sie sich ebenfalls für ein Magazin auszogen. Allerdings bedeckten sie ihre Brüste mit den Armen und versa-hen das Foto mit der Überschrift: „Is this how we should show up before you come to our games?”)

Für die echten Fans waren ohnehin andere Themen wichtiger als Nacktfotos und Fahnenschwenken: Die nigerianische Trainerin Ngozi Uche hatte im Vorfeld lesbische Spielerinnen aus dem Team geworfen. Im Gegensatz zur FIFA, die das Transparent „Fußball ist alles – auch lesbisch“ einkassieren ließ, hat sich der DFB als einigermaßen engagiert gegen Homophobie erwiesen. Erfreulich auch die Antwort der deutschen Torfrau Nadine Angerer auf die Frage nach Lesben in ihrem Sport: „Ich persönlich bin da offen, weil ich der Meinung bin, dass es nette Männer und nette Frauen gibt, und weil ich eine Festlegung generell total albern finde.“ Außerdem gab es den Abschied von Birgit Prinz, die Taktiken der Teams, theatralische Brasilianerinnen, lustige Wortspiele mit dem Namen der deutschen Trainerin Silvia Neid und die coolen Frisuren der Japanerinnen zu diskutieren. Eigentlich gibt es also nach der WM nur noch einen Grund, die „neue Sportart“ abzulehnen. Irgendwo im Netz ist zu lesen: „Mir persönlich ist Frauenfußball zu schwul.“

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zeitausgleich: Sommerlochglotzen https://ansch.4lima.de/zeitausgleich-arbeitsfragen-in-allen-lebenslagen/ Fri, 26 Aug 2011 11:34:13 +0000 https://anschlaege.at/?p=697 zeitausgleich_illus_14_02 Kopie_smSommer, die Zeit für heiße Schokolade, für Strickjacken, für Ganzkörperbikinis … Von MIEZE MEDUSA]]> zeitausgleich_illus_14_02 Kopie_sm

arbeitsfragen in allen lebenslagen

Sommer, die Zeit für heiße Schokolade, für Strickjacken, für Ganzkörperbikinis aus 8 mm Neopren, für heiß-fettiges Comfort-Food, fürs Abarbeiten von Zeitschulden im Freundeskreis, fürs Arbeiten an Langtexten, für Ouzo statt Bier, für Sonne im Herzen, wenn schon nicht im Fenster, fürs Ansichtskartenlesen, für die ganz dicken Bücher, für Spaß am Zeithaben, für Zeit zum Nachdenken: Was hab ich geschafft, was hab ich nicht geschafft, was vom Nicht-Geschafften ist es wert, nachgeholt zu werden. Darauf, wenn ich eine Antwort wüsste.
Aber interessant: Es ist fast anstrengender, den einen Termin in der großen, langen, hart verdienten Sommerpause einzuhalten, als den Terminwahnsinn unterm Jahr zu schupfen. Oder die eine Deadline. Stattdessen: Im Käfig Basketball spielen mit dem 12-jährigen Problembevölkerungssegment und dann so tun, als hätten wir die Jungs gewinnen lassen. Sprachlos Zeitung lesen, weil London brennt und Oslo. Den Börsenkursen beim Badengehen zusehen und davon aber schon überhaupt nicht betroffen sein. Über das Spiel mit der Angst nachdenken. Über den Paragraph 278a. Über Promillegrenzen beim Fahrradfahren, über Pigmentflecken, Palastrevolutionen, Putzfrau (ja oder nein), über Panik, Plastikflaschenrecycling, Poetry Slam, den PIN-Code der eigenen Bankomatkarte, über Pornografie, Profit und Preisentwicklung, über Pilze, Plattitüden und Plomben. Und über die eigenen Prioritäten. Über den großen Pflatsch, den es macht, wenn ich mich mit der mir eigenen Eleganz auf eine Wasserfläche plumpsen lasse. Über das große Pfft, das es macht, wenn die Anspannung in mir nachlässt.
Fazit: Sommer ist, wenn ich den Schreibtisch wieder nicht aufräume. Und das ist gut so.

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Illustration: Nadine Kappacher

Mieze Medusa liebt Literatur, Rap und Poetry Slam und lebt ihr Leben danach. www.miezemedusa.com

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Ich will ein Glanz sein* https://ansch.4lima.de/ich-will-ein-glanz-sein/ https://ansch.4lima.de/ich-will-ein-glanz-sein/#respond Fri, 26 Aug 2011 11:19:52 +0000 https://anschlaege.at/?p=683 AMY WINEHOUSE hatte ihren Kindheitstraum in die Tat umgesetzt. Sie wollte berühmt werden, singen – und sie wurde eine große Soulsängerin. Mit einem Hang zum Schmerz, zur leidenschaftlichen Liebe und zu diversen Drogen, die sie das Leben kosteten. Ein Nachruf von KENDRA ECKHORST

 

Sie zuppelt die Haarsträhne wieder über die linke Schulter, schwankt unentschlossen vor dem Mikrofon und hebt dann doch die Stimme. Mit einer kleinen Verzögerung. Sie rollt die Augen nach oben, die Mundwinkel gehen gleichzeitig nach unten, sie fährt sich mit dem Finger im Auge herum. Geschafft. Applaus. Sie bückt sich zu ihrem Glas, nimmt einen Schluck und hält eine Ansprache. Wie ist es, abgefuckt zu sein? Die Band setzt zur nächsten Nummer an, die Backgroundsänger stimmen gutgelaunt ein. Amy Winehouse setzt das Glas an.

Dieser Konzertmitschnitt aus dem Jahre 2006 bei den BBC One Sessions wurde nun, in Gedenken an Amy Winehouse, erneut ausgestrahlt. Damals stellte sie ihre zweite Platte „Back to black“ mit dem Erfolgshit „I don’t go to rehab“ vor, mit dem sie sich in die Liga der internationalen Pop-Größen sang. Die Künstlerin mit der rauchigen, tiefen Stimme, die vielen als Ausnahmetalent einer weißen Soulsängerin gilt, starb am 23. Juli mit 27 Jahren in ihrer Londoner Wohnung. Und fast alle haben gewusst, dass es so mit ihr enden würde. Eine Mischung aus Exzess, Krankheit und Genialität wurde Amy Winehouse attestiert, die sie neben der Ausnahmeerscheinung zu einer tragischen Figur, aufgrund ihres Drogenkonsums zu einem zunehmenden Desaster in der Popwelt stilisierte, wenn sie ihre Auftritte nicht mehr über die Bühne bekam. Einer Figur, deren Essverhalten, Liebesleben und „Ausrutscher“ in den letzten Jahren peinlich akkurat von den Medien dokumentiert wurden.

Im Scheinwerferlicht wollte sie schon als Mädchen stehen und besuchte mit neun Jahren eine Theaterschule für Begabte. Mit dem Satz: „Ich will berühmt werden und Lieder singen, die die Menschen für fünf Minuten ihren Ärger vergessen lassen“, ebnete sie sich mit zwölf Jahren den Weg an die renommierte Sylvia Young Theatre School, von der sie später wieder flog. Weil sie sich „nicht anpassen konnte“ oder wegen einem Piercing, besagen unterschiedliche Gerüchte. Vorerst als Autodidaktin blieb sie der Musik treu, einer Musik, die sie aus ihrem Elternhaus kannte und mitnahm. Die Musik von Frank Sinatra und Ella Fitzgerald.

„Fuck me pumps.“ Die Geschichte ihres „Ich will ein Glanz sein“ nahm vorerst einen klassischen Verlauf. Mit 13 bekam sie eine Gitarre, komponierte erste Songs und spielte in diversen Bands und Jazzorchestern mit. Ein Freund ging mit den Aufnahmen bei einigen Plattenfirmen hausieren und schlug umgehend einen Vertrag heraus. Mit gerade 20 veröffentlichte Amy Winehouse ihr erstes Album „Frank“ mit jazzigen Pop-Stücken, das ihr die ersehnte Berühmtheit einbrachte und einigen Glanz verlieh. Die Themen der Songs sind weniger glanzvoll, so werden etwa in „Fuck me pumps“ die missglückten Versuche von Frauen besungen, die in der Bar den Richtigen, den Millionär fürs Leben aufreißen wollen. Winehouse macht sich darin lustig über die verzweifelten Anstrengungen, die doch nur zu One-Night-Stands führen. Sie selbst hält es eher mit den Statements und dem Soul von TLC und Salt’N’Pepa, die für eine selbstbestimmte Sexualität eintraten. Das inszeniert sie auch in aller Öffentlichkeit, erzählt von ihren Abenteuern und lässt die Welt daran teilhaben – auch an ihrer Beziehung mit Blake Fielder-Civil, an den Prügeleien, den Trennungen, Knastaufenthalten und Liebesschwüren. Nach der ersten Trennung entstand ihr zweites Album, in dem sie den Liebeskummer wie in „Love is a loosing game“ verarbeitet. Aber in dem sie auch den Exzess musikalisch abfeiert. Sie und Blake Fielder-Civil kommen wieder zusammen, heiraten sogar und geben für eine Zeit lang ein Paar wie Bonny und Clyde oder Sailor und Lula aus „Wild at heart“ von David Lynch. Der Drogenkonsum steigt, die Tattoos vermehren sich, die Haare türmen sich zu dem bekannten Bienenkorb und die Eigentumssignatur „Blake’s“ prangt über den geboosteten Brüsten. Die Figur einer Diva aus den sechziger Jahren, mit Rock’n’Roll-Attitüde nebst Pin-up-Tattos und einer Vorliebe für 80er-Drogen wie Heroin, wirbelt durch die Boulevardpresse und immer seltener über die Bühnen. Zusammenbrüche, Entzugsaufenthalte und „Katerstimmungen“ lassen jedes Konzert und jede Tour unkalkulierbar werden.

„… das geht allen Frauen so.“ Zugleich steigt ihre Bekanntheit rasant, ihre musikalische Professionalität jedoch nicht immer in gleichem Maße. Amy Winehouse wollte und musste auf die Bühnen dieser Welt, Preise entgegennehmen und sich den Anforderungen des gegenwärtigen Musikgeschäfts stellen. Eines Geschäfts, das sie auch in desolatem Zustand ans Mikro schickte und das Risiko ihres Versagens in Kauf nahm. Wie bei ihrem letzten Auftritt im Juni in Belgrad. Auch ihre Band und das Lächeln der Backgroundsänger, die die Show noch zusammenhalten, können über das Desaster nicht hinwegtäuschen. Sich ständig kratzend, torkelnd und mit entrücktem Blick verpatzt sie die meisten Einsätze, bricht zwischendurch ab. Hin und wieder versucht sie mit dem Publikum in Kontakt zu kommen, sich zu erklären, um dann wieder in ihre Welt abzudriften. Die Geduld des Publikums ist überstrapaziert, solch unglamouröse Folgen der Drogensucht werden nicht toleriert. Amy Winehouse befindet sich jenseits des akzeptablen Mythos der drogenbefeuerten Kreativität. Der Glanz ist verschwunden. Stumpfe Stellen gab es schon vorher, aber dazwischen schimmerte es. Wenn sie klare Momente hatte, wenn sie sich musikalisch mit ihrem Schmerz auseinandersetzte und mit ihrer intensiven Stimme bezauberte. Denn ein wenig hatte sie sich dem Schmerz verschrieben, wie sie in Interviews zu Protokoll gab. Der Umgang damit, das Leid und die Erfahrung, gerade auch von Sänger_innen der 1960er Jahre, faszinierten und inspirierten sie. Ein Schmerz, den sie mit Drogen sowohl schuf als auch aushielt und mit dem sie trotz ihrer Musik allein blieb.

Nicht von ungefähr zitiert Angela McRobbie in ihrem Buch „Top Girls“ einen Satz aus einem Interview, das Amy Winehouse 2006 dem „Daily Mirror“ gab. „Ein bisschen Magersucht, ein bisschen Bulimie. Es geht mir nicht total gut gerade, aber ich denke, das geht allen Frauen so.“ Symptomatisch ist für McRobbie diese Aussage, denn sie macht die Verschiebungen eines neoliberalen Geschlechterverhältnisses deutlich. Gesellschaftliche Anforderungen an Frauen werden darin als individuelle Herausforderungen interpretiert. McRobbie spricht von postfeministischen Störungen, in denen Autoaggressionen oft als Krankheiten umgedeutet werden und ein gangbarerer Weg sind, statt sich offen zu verweigern oder gar kollektiv zu agieren. Und beispielhaft für diese schizophrene Anspannung zwischen selbstverletzender Wut und dem Lächeln im Schweinwerferlicht sei eben Amy Winehouse.
Eine, die in den Star-Olymp gelangt war und den Ruhm sichtlich genoss, die Angst vor der Ruhe nach dem Applaus hatte und auch unwirsch vor Langeweile werden konnte.

„I don’t go to rehab.“ Die Anforderungen an die Art ihrer Selbstpräsentation waren zwar enorm, räumten ihr aber zugleich einen Spielraum für Skandale ein, wenn diese ein mediales Echo erzeugten. Sie hat diesen Spielraum, genutzt, führte ein – vielleicht immer wieder auch ungewollt – öffentliches Leben als Musikerin, Frau und Drogenabhängige und pflegte einen offensiven Umgang mit den Zumutungen dieses Lebens. Wild und verletzt. Diva und Wrack. Rausch und Abhängigkeit. Immer weniger gelang es ihr, die Balance zwischen diesen extremen Polen zu halten und gemäß den Regeln des Musikbusiness zu funktionieren. Ganz unglamourös verstarb sie an den Folgen ihrer Drogensucht. 


Kendra Eckhorst lebt als freie Journalistin in Hamburg.

* Aus: „Das kunstseidene Mädchen“ von Irmgard Keun (Berlin 1932)

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Emanzipation statt Integration https://ansch.4lima.de/emanzipation-statt-integration/ https://ansch.4lima.de/emanzipation-statt-integration/#respond Fri, 26 Aug 2011 11:06:01 +0000 https://anschlaege.at/?p=675 emanzipation_statt_integrationSeit 1. Juli gilt in Österreich das neue „Fremdenrecht“. Um die vielen Verschärfungen für Migrant_innen durchzusetzen, wurde auch mit den Rechten von Frauen argumentiert. Von PETRA NEUHOLD und IRIS MENDEL ]]> emanzipation_statt_integration

Seit 1. Juli gilt in Österreich das neue „Fremdenrecht“. Um die vielen Verschärfungen für Migrant_innen durchzusetzen, wurde auch mit den Rechten von Frauen argumentiert. Diese Allianz von Rassismus und (Pseudo-)Feminismus ist kein neues Phänomen, aber ein besorgniserregendes. Von PETRA NEUHOLD und IRIS MENDEL

 

Im Rahmen migrationspolitischer Diskurse hat das Thema Frauenemanzipation in den letzten Jahren enorm an Bedeutung gewonnen. In Medienkommentaren und Statements von Politiker_innen wird Österreich als europäisches Musterland der Frauenrechte inszeniert, das vor dem Import „patriarchaler Kulturen“ – in das offenbar „patriarchatsfreie“ Österreich – geschützt werden müsse. Michael Fleischhacker („Die Presse“) und Hans Rauscher („Der Standard“) bilden die journalistischen Speerspitzen im Kampf gegen Machismus und Sexismus und zwar dann, wenn es um (türkische) Migranten geht. Denn das sind „Männer, die ihre Frauen einsperren, ihren Söhnen den Machismus beibringen und ihre Töchter zwangsverheiraten“, so Fleischhacker1. Auch für Rauscher ein Grund, den Maulkorb der Political Correctness abzuwerfen und „unausweichlich Assimilation“ einzufordern, um die „paar hunderttausend Menschen aus einem autoritären, patriarchalischen und, jawohl, rückständigen Lebenskreis […] aus ihrer selbst verschuldeten Unmündigkeit zu befreien“. Die immergleichen Bilder des (türkischen) „Machos mit den vielen Kindern und Frauen“, die dabei beschworen werden, sagen allerdings mehr über die männlichen Phantasmen dieser Journalisten und Politiker aus als über die vermeintlich homogene patriarchale Kultur von Migrant_innen.

Das vom „Standard“-Kolumnisten Rauscher vorgebrachte Zitat aus Kants berühmtem Aufsatz „Was ist Aufklärung?“ ist dabei nicht zufällig gewählt, sondern steht symbolisch für eine Argumentationsfigur, die seit der Jahrtausendwende in Europa Konjunktur hat. Die europäische Aufklärung wird darin als das Fundament europäischer Kultur imaginiert. In dieser Vorstellung verkörpert Europa das Zentrum des Fortschritts, die Wiege der Demokratie und der sozialen Gerechtigkeit – Werte, die gegenüber Bedrohungen wie dem „rückschrittlichen“ Islam verteidigt werden müssten. Liz Fekete, Leiterin der Europaabteilung des Institute of Race Relations (IRR) in London, bezeichnet diese Form des Rassismus als „aufgeklärten Kulturfundamentalismus“, der ignoriert, dass die Geschichte der Moderne und der Aufklärung auch eine des Kolonialismus war. Die aufklärerische Rhetorik macht einen antimuslimischen Rassismus salonfähig, den bislang hauptsächlich das Lager der extremen Rechten offen propagiert hat. (Pseudo-)feministische Argumentationen spielen dabei historisch wie aktuell eine zentrale Rolle.

Was tun, wenn die Innenministerin den Feminismus entdeckt? Die Instrumentalisierung von Frauenrechten zur Durchsetzung einer restriktiven, selektiven und am ökonomischen Nutzen orientierten Migrationspolitik erfuhr in den letzten Monaten in den Debatten um die Novellierung des sogenannten „Fremdenrechts“ eine Zuspitzung.

Am 1. März dieses Jahres mobilisierten migrantische Selbstorganisationen und Aktivist_innen für den ersten transnationalen Migrant_innenstreik in Österreich (siehe an.schläge 04/11). In dezentralen Aktionen, einer Demonstration und Kundgebung am Viktor-Adler Markt in Wien forderten sie Bewegungsfreiheit, das Recht zu wählen und zu bleiben, gute Arbeitsverhältnisse und ein selbstbestimmtes, lustvolles Leben. Diese Form politischer Emanzipation schwebte der ehemaligen ÖVP-Innenministerin Maria Fekter wohl nicht vor, als sie am Nachmittag desselben Tages anlässlich des bevorstehenden Frauentages das Haus für Bildung und berufliche Integration (Habibi) besuchte und ihren Vortrag mit dem Slogan „Integration ist Emanzipation“ auf den Punkt brachte. Der Erwerb der deutschen Sprache, berufliche Qualifikation und die Übernahme kultureller Werte sind die individualisierten Wege zur Emanzipation, wie sie Fekter für Migrant_innen vorsieht. Das spiegelt sich auch in den Verschärfungen im „Fremdenrecht“ wider, die mit 1. Juli 2011 in Kraft getreten sind. Sie sehen vor, dass Migrant_innen gesetzlich noch nachdrücklicher zum Erwerb der deutschen Sprache gezwungen werden. Der Zeitraum für das Erlernen der Sprache wurde von fünf auf zwei Jahre verkürzt und das Sprachniveau zur Erlangungen eines unbefristeten Aufenthalts erhöht. Die ohnehin geringe finanzielle Teilrefundierung gilt lediglich für das erste Modul und ist an die erfolgreiche Absolvierung innerhalb eines Jahres gebunden. Wird die Sprache nicht innerhalb der vorgesehenen zwei Jahre erlernt, dann droht die Ausweisung (siehe an.schläge 04/11).

 

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Johanna Mikl-Leitner, die mit dem Innenministerium auch das Staffelholz feministischer Rhetorik von ihrer Vorgängerin übernommen hat, bezeichnet das neue „Fremdenrecht“ als „frauenpolitisch ganz große Chance“, da Frauen dadurch endlich der Zugang zu Bildung ermöglicht werde. Auch der SPÖ-Politiker Josef Cap rechtfertigt die Verschärfungen damit, dass die Zeit im Deutschkurs die einzige Zeit sei, in denen türkischen Frauen von ihren Männern nichts vorgeschrieben werden könne.

Im Namen der Aufklärung. Tatsächlich bedeutet dieses Gesetz jedoch keine Besserstellung von Migrantinnen. Vielmehr reiht es sich in eine Geschichte des staatlichen, institutionellen Rassismus ein, der die häufig durch Hausarbeit, Kinderbetreuung und Beruf mehrfach belasteten Frauen psychisch und finanziell stark unter Druck setzt und eine Situation permanenter, existenzieller Unsicherheit und Angst vor dem Verlust des Aufenthaltstitels produziert. Das Damoklesschwert der Ausweisung oder Abschiebung droht nun sogar bei Verwaltungsübertretungen wie etwa dem Übertreten der Straßenverkehrsordnung, dem Verstoß gegen das Meldegesetz und bei Strafen im Zusammenhang mit Prostitution.

Die Parallelaktion vom 1. März ist bezeichnend für die Widersprüche aktueller Migrations- und Integrationspolitik im Namen der Aufklärung. Denn migrantische Feministinnen, die für ihre Rechte auf die Straße gehen (und von einem demokratischen Grundrecht Gebrauch machen), passen nicht in den Diskurs über die Migrantin als Opfer ihres patriarchalen Ehemannes bzw. jener „traditionsbedingten Gewalt“, die zu einem Lieblingsthema europäischer Frauenpolitik geworden ist. Als migrantische feministische Vereine bereits in den 1980er Jahren neben der Kritik an rassistischer Politik und der Forderung nach Mitbestimmung auch Gewalt gegen Frauen thematisierten, fanden sie wenig Gehör. Mittlerweile wurden jedoch Teile ihrer Forderungen vereinnahmt. Nachdem die Frauenministerin der schwarz-blauen Bundesregierung Maria Rauch-Kallat dem Thema „traditionsbedingte Gewalt“ anlässlich des Internationalen Frauentags am 8. März 2004 zum Durchbruch verhalf, setzte auch Frauenministerin Gabriele Heinisch-Hosek den Schwerpunkt der „16 Tage gegen Gewalt an Frauen“ im letzten Herbst auf das Thema Zwangsheirat. Das, was als „traditionsbedingte Gewalt der Anderen“ verhandelt wird, steht jedoch immer schon im Kontext multipler Herrschaftsverhältnisse. Dabei darf gerade die Bedeutung von staatlichem Rassismus nicht übersehen werden. Bereits 2006 forderte der feministische Verein von und für Migrantinnen maiz anlässlich des damaligen Fremdenrechtspakets einen „Stopp von gesetzesbedingter Gewalt an Migrantinnen“. Dabei wies maiz u.a. auf das durch das „Fremdenrecht“ institutionalisierte Abhängigkeitsverhältnis zwischen Migrantinnen und ihren (österreichischen) Männern hin, das Frauen oft zwingt, in gewaltvollen Beziehungen zu verbleiben, da ihr Aufenthaltstitel an aufrechte Ehe, Einkommen und Wohnsitz geknüpft ist, die im Falle einer Trennung meist nicht gegeben sind. Das als emanzipatorischer Akt verkaufte neue „Fremdenrecht“ bringt hier keine Verbesserungen. Dass es als „feministisch“ verkauft wird, ist daher nicht nur zynisch, sondern frauenverachtend.

White wo/men saving brown women from brown men. In der Konstruktion der Migrantin als Opfer, das geschützt werden muss, und der Rhetorik der Frauenbefreiung im Namen der Zivilisation zeigen sich Kontinuitäten zum kolonialen Projekt. Die postkoloniale Theoretikerin Gayatri Chakravorty Spivak hat dies treffend beschrieben als „white men saving brown women from brown men“ – ein Topos, der die Handlungsfähigkeit von Migrantinnen unsichtbar macht und nach wie vor aktuell ist. Tatsächlich war die Rhetorik des Feminismus wichtiges Mittel, um das koloniale Projekt voranzutreiben und dabei gleichzeitig – scheinbar paradoxerweise – maskulinistische Strukturen intakt zu halten. Ein Beispiel aus der Kolonialgeschichte ist Lord Cromer, britischer Generalkonsul in Ägypten um die Jahrhundertwende. Cromer kritisierte einerseits die Unterdrückung von Frauen in Ägypten, während er gleichzeitig ein Gründungsmitglied und zeitweise Präsident der „Men’s League for Opposing Women’s Suffrage“ in England war.

Dass (Pseudo-)Feminismus von „weißen“ Männern, die sonst wenig mit Feminismus im Sinn haben, entdeckt wird, zeigt sich auch bei der Liga aktueller Frauenbefreier wie Fleischhacker und Rauscher. So brillierte Fleischhacker angesichts der Präsentation des Frauenberichts 2010 mit der alles andere als feministischen Analyse, dass die festgestellten Gehaltsunterschiede zwischen Männern und Frauen wohl Gründe hätten, „die mit Diskriminierung nichts zu tun haben“, weil Frauen, zumindest solange sie Kinder bekommen, eben keine Männer seien. Und auch bei „Standard“-Kolumnist Rauscher blieb die feministische Entrüstung aus, als „Der Standard“ just am internationalen Frauentag 2011 an prominenter Stelle einen Kommentar des für seinen Antifeminismus bekannten Walter Hollstein veröffentlichte.2

Neben solchen pseudofeministischen Argumentationen gibt es allerdings ein kolonialistisches und rassistisches Erbe im Feminismus. Gegenwärtig sind es v.a. liberale Feministinnen, am prominentesten wohl Alice Schwarzer, die zum Schutz „anderer“ Frauen aufrufen. Daher ist der von Spivak identifizierte Topos zu erweitern auf „white women saving brown women from brown men“.

Kein Rassismus im Namen von Feminismus! Am Migrant_innenstreiktag stand bei der ÖVP noch ein weiterer Termin auf dem Programm: die aktuelle Stunde im Nationalrat zur Reform der gemeinsamen Obsorge. Deutlich wird dabei, dass sich staatliche Frauen- und Familienpolitik sehr unterschiedlich auf verschiedene Frauen und Familien bezieht. So setzt sich die ÖVP für eine Neureglung der Obsorge ein, die einer reaktionären Väterrechtsbewegung in die Hände spielt und eine Rücknahme frauenpolitischer Errungenschaften darstellen würde. Argumentiert wird hier v.a. mit dem vermeintlichen „Kindswohl“. Dieses „Kindswohl“ taucht jedoch nicht auf, wenn es um binationale Paare geht, von denen ein_e Partner_in abgeschoben wird mit der Konsequenz, dass Kind und Elternteil einander oft Jahre nicht sehen. Dass in einem solchen Fall Schmerzensgeld zugesprochen wird, wie unlängst erfolgreich von einem Vater für vorenthaltenes Besuchs- recht eingeklagt, ist schwer vorstellbar.

Auch in der aktuellen Novelle des „Fremdenrechts“ zeigt sich, dass Familieneinheit und -zusammenhalt sehr unterschiedlich instrumentalisiert werden. Das neue „Fremdenrecht“ sieht nicht nur vor, dass Familienmitglieder, die bereits in Österreich leben, aber die erforderlichen Deutschprüfungen nicht zeitgerecht absolvieren, ausgewiesen oder abgeschoben werden können, sondern verhindert zudem Familienzusammenführung, wenn vor der Einreise das dafür notwendige Deutschzertifikat nicht erbracht wird. In seinem Gutachten der Novelle kommt der als Experte bestellte Universitätsprofessor Hans-Jürgen Krumm daher zu dem Schluss, dass die „Einführung des Sprachnachweises auch für Familienangehörige (Familienzusammenführung) bereits vor der Einreise […] den Menschenrechten, die das Recht auf Zusammenleben einer Familie garantieren“ widerspreche.
Die Widersprüche der (pseudo-)feministischen Argumentationen sind nicht zufällig, sondern Bestandteil rassistischer und, wie wir meinen, antifeministischer Politiken.
Zum einen wird im Namen der Frauenbefreiung und des Schutzes vor Gewalt eine rassistische Politik legitimiert und – gekleidet in die Sprache der Aufklärung – als „Frauenpolitik“ verkauft. Frauen vor Gewalt schützen soll derselbe Staat, der sie illegalisiert, ihnen keine Arbeitserlaubnis erteilt und sie mitsamt ihren Kindern in Schubhaft steckt. Und es ist derselbe Staat, der zugleich ein traditionelles (bürgerliches) Familienmodell fördert, während er andere aktiv an familiärem Zusammenleben hindert.

Fußnoten:
1 Michael Fleischhacker: http://diepresse.com/home/ meinung/kommentare/ fleischhacker/609990/ Sozialismus-gern-nur_Haende-weg-von-ernsthaften- Themen
2 http://derstandard.at/ 1297819762908/Zum-Rollenbild-von-Emanzipationsverlierern-Die-ungestellte- Maennerfrage

Zum anderen hat der Selbstentwurf als aufgeklärte und gleichberechtigte Gesellschaft den Effekt, feministische Politik als obsolet erscheinen zu lassen. Nach dem Motto: ‚Bei uns ist Gleichberechtigung längst Realität, sexistisch, das sind die Anderen.‘ Die frauenpolitische Aufmerksamkeit auf „den Sexismus der Anderen“ spielt daher antifeministischen Tendenzen, die Feminismus als überflüssig oder schädlich sehen, in die Hände. Und sie lenkt ab von tatsächlichen politischen und ökonomischen Verschlechterungen für Frauen, wie sie sich neben der Diskussion um eine Neuregelung der Obsorge etwa im aktuellen Budget finden (siehe an.schläge 02/2011). Angesichts der allgemeinen Aufmerksamkeit für Gewalt gegen Frauen sticht auch die chronische Unterfinanzierung von Frauenhäusern ins Auge. Und die gepriesenen Bildungschancen für Migrant_innen hören sich im Zusammenhang mit den eklatanten Mittelkürzungen des feministischen Bildungsvereins für Migrantinnen maiz besonders zynisch an.

Feministischer Widerstand gegen die rassistische Instrumentalisierung von Feminismus ist notwendig. Es gibt bereits Projekte, an deren Ideen angeknüpft werden kann. So stellte etwa das transnationale europäische feministische Netzwerk Nextgenderation in einem Statement klar:„Not in our names“. Über solche Stellungnahmen hinaus geht es darum, einer Politik des Schutzes Politiken der Solidarisierung in den Kämpfen gegen sexistische und rassistische Gesellschaftsverhältnisse entgegenzusetzen.

Iris Mendel und Petra Neuhold sind Soziologinnen und leben in Wien.

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katzenpost: bmi abschaffen https://ansch.4lima.de/katzenpost-september-2011/ https://ansch.4lima.de/katzenpost-september-2011/#respond Thu, 25 Aug 2011 18:32:04 +0000 https://anschlaege.at/?p=1226 ]]>

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The lonely sea / it never stops / for you or me / It moves along / from day to day / That’s why my love / you’ll never stay / This pain in my heart / these tears in my eyes / please tell the truth / you’re like the lonely sea (Wilson/Usher)

Warum lebe ich eigentlich nicht am Meer? Ich prangere es an: Fortuna hat bei mir definitiv etwas falsch gemacht! Allem Anstand nach hätte ich auf Hawaii aufwachsen müssen, wäre ein patentes Surfer Girl geworden und hätte inzwischen bereits eine Schar von Kindern in die Welt gesetzt, denen ich beim Wellenreiten den Hawaiian Way of Life weitergeben würde. Stattdessen hat mir die Vorsehung eine Jugend zwischen Wurschtlprater, Mannerschnitten und Opernballdemo beschert. Sonntags gab es Ausflüge auf die Rax und Hans Moser im Schwarzweißfernseher. Waldheim, Tschernobyl und die E.A.V. (für Nachgeborene: Erste Allgemeine Verunsicherung) prägten mein politisches Bewusstsein. Dabei hätte ich währenddessen mit den Walen schwimmen können, aber nein: Fern vom Aloha Spirit kämpfte ich gegen die kleinkarierte postfaschistische Alpenland-Mentalität. Das ging so weit, dass ich mich in meiner pubertären Verzweiflung von Trantüten wie John Lennon und Kurt Cobain verstanden glaubte: I’ve got every reason on earth to be mad … Doch Rock’n’Roll war nur eine Notlösung. Auch die Falsettchöre der Beach Boys konnten vorerst keine Abhilfe schaffen, zumal ich mit Pet Sounds ungefähr genauso viel anfangen konnte wie mit den opulenten Pink-Floyd-Alben, mit denen mich mein Boyfriend so ausdauernd wie gnadenlos quälte. Mein musikalisches Glück fand ich erst im instrumentalen Surf von Bands mit klingenden Namen wie The Ventures, The Bel-Airs, The Lively Ones, The Chantays, The Surfaris, Link Wray und Johnny Fortune. Als ich zum ersten Mal Sleep Walk von Santo & Johnny hörte, öffnete sich mein Herz und ich war angekommen. Das ist sie, die Musik, nach der ich immer gesucht hatte: verträumt, abgründig, euphorisierend und kraftvoll wie der Ozean, meine einzig wahre Liebe.

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Illustration: Lina Walde

Vera Kropf ist Gitarristin und Sängerin bei Luise Pop und plant, demnächst in See zu stechen.

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