Oktober 2013 – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de Tue, 01 Sep 2020 19:18:37 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.0 https://ansch.4lima.de/wp-content/uploads/2024/10/cropped-favicon-32x32.png Oktober 2013 – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de 32 32 an.künden: Alternativen entwickeln https://ansch.4lima.de/an-kunden-alternativen-entwickeln/ https://ansch.4lima.de/an-kunden-alternativen-entwickeln/#respond Fri, 27 Sep 2013 11:28:47 +0000 https://anschlaege.at/?p=4480 Wie kann Medienarbeit abseits des Mainstreams unabhängig und frei gestaltet werden? Hierzu bietet die Alternative Medienakademie in Kooperation mit den Kritischen Literaturtagen ein breit gefächertes Programm. Von Datenjournalismus bis zum multilingualen Radio – in zahlreichen Workshops und Diskussionen werden die verschiedensten Aspekte alternativer Medienarbeit thematisiert. Auch feministische Fragestellungen kommen nicht zu kurz, so bieten etwa die an.schläge zusammen mit dem Online-Magazin migrazine.at einen Workshop zu feministischem Journalismus an. Das Programm der Alternativen Medienakademie richtet sich an alle Interessierten. Rasch anmelden!

7.–17. 11.: Alternative Medienakademie, div. Locations, Wien, Anmeldung: www.alternative-medien-akademie.at
8.–10.11.: Kritische Literaturtage, KunstSozialRaum Brunnenpassage, 1160 Wien, Brunneng. 71/Yppenplatz, http://krilit.wordpress.com

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an.künden: Eine Diva packt aus https://ansch.4lima.de/an-kunden-eine-diva-packt-aus/ https://ansch.4lima.de/an-kunden-eine-diva-packt-aus/#respond Fri, 27 Sep 2013 11:27:18 +0000 https://anschlaege.at/?p=4477 Denice Burbon präsentiert ihr Buch „Cheers! Stories of a Fabulous Queer Femme in Action“.]]>

Denice Bourbon, Wiens vielleicht bekannteste Vollzeit-Diva, die zugleich Sängerin, Burlesque-Tänzerin, politische Aktivistin und Kolumnistin der an.schläge ist, präsentiert ihre Memoiren erstmals in Buchform. Und sie hat einiges zu erzählen! Etwa von ihrem lesbischen Coming-out in den frühen Neunzigern, radikalfeministischen Aktionen in ihrer ehemaligen Heimat Schweden, von Liebschaften und Freundschaften und allem, was noch dazwischen liegt. Das finden wir schlichtweg: Fabulous!

Ms. Bourbon in Aktion © Daniel Gottschling

17.10., 20.00: Buchpräsentation Denice Bourbon „Cheers! Stories of a Fabulous Queer Femme in Action“, Elysium, 1010 Wien, Schönlaterngasse 5, www.zaglossus.at

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an.sage: Vom Müssen und Dürfen https://ansch.4lima.de/an-sage-vom-mussen-und-durfen/ https://ansch.4lima.de/an-sage-vom-mussen-und-durfen/#comments Fri, 27 Sep 2013 11:15:10 +0000 https://anschlaege.at/?p=4473 Intersex-Vereinigungen kritisieren das neue deutsche Personenstandsgesetz. Von BETTINA ENZENHOFER]]>

Ein Kommentar von BETTINA ENZENHOFER

„Schafft Deutschland die Geschlechter ab?“, titelte Mitte August die „Bild“. Eine Gesetzesänderung erlaube es in Deutschland ab 1. November, den Geschlechtseintrag im Personenstand bei einem „uneindeutigen“ Geschlecht offen zu lassen. Auch laut „taz“, „Guardian“ und „Huffington Post“ müsse bei intersexuellen Babys nun kein Geschlecht mehr eingetragen werden. Auslöser für das plötzliche mediale Rauschen war ein Artikel in der „SZ“, nach dem es das neue Personenstandsrecht intersexuellen Menschen „ersparen“ würde, „sich eindeutig zu einem Geschlecht bekennen zu müssen“. Es verwundert nicht, dass derartige Schlagzeilen unter Feminist_innen rasch die Runde machten – und die scheinbare formelle Abschaffung der Geschlechter von ihnen bejubelt wurde.
Tatsächlich hat die Neuregelung des Personenstands aber ihre Tücken. Zuallererst: Von einer Wahlfreiheit kann keine Rede sein. „Kann das Kind weder dem weiblichen noch dem männlichen Geschlecht zugeordnet werden, so ist der Personenstandsfall ohne eine solche Angabe in das Geburtenregister einzutragen“, wird es demnächst im Personenstandsgesetz §22, Absatz 3 heißen. Der Geschlechtseintrag intersexueller Neugeborener muss also künftig offen bleiben. Das kritisierten Intersex-Vereinigungen schon im Februar, auch einzelne Medien wie z.B. die an.schläge wiesen bereits im Frühling auf diesen Umstand hin. Intersex-Organisationen fordern anderes: beispielsweise einen provisorischen Geschlechtseintrag, die Option auf einen offenen Geschlechtseintrag für alle Menschen oder die vollkommene Streichung des Geschlechtseintrags im Personenstand. Auch der Deutsche Ethikrat gab 2012 in einer Stellungnahme die Empfehlung ab, „anderes“ wählen bzw. den Geschlechtseintrag offen zu lassen zu können – von Zwang war keine Rede.
Mit der neuen Regelung befürchten Intersex-Vereinigungen nun insgesamt eine Verschlechterung: Eltern und Ärzt_innen würden nun noch eher in kosmetische, nicht-lebensnotwendige Operationen einwilligen, die aus einem „uneindeutigen“ Geschlecht ein „eindeutiges“ konstruieren. Außerdem bleibe die Definitionsmacht darüber, welcher Körper als „weiblich“ oder „männlich“ kategorisiert wird, mit der rechtlichen Neuregelung noch immer in den Händen der Medizin. Und anstatt die dringendsten Forderungen intersexueller Menschen zu diskutieren – etwa dass unter Wahrung des Rechts auf körperliche Unversehrtheit nicht-lebensnotwendige, traumatisierende Operationen ohne Einwilligung der Betroffenen verboten werden müssen –, finden wir uns in einer Debatte wieder, die allein auf der Ebene von geschlechtlichen Identitäten stattfinde, so die Kritik. Durch die neue Sondervorschrift würden erneut Ausschlüsse produziert, äußert sich die Internationale Vereinigung Intergeschlechtlicher Menschen in einer Pressemitteilung: „Die Lebenssituation der allermeisten intergeschlechtlichen Menschen wird sich dadurch nicht verbessern.“

Natürlich kann man einwenden, das deutsche Recht würde nun zumindest die Existenz intersexueller Menschen anerkennen und dass dies ein erster Schritt in die richtige Richtung sei. Und möglicherweise führt die Neuregelung in weiterer Folge zu einer Überarbeitung aller Gesetze, die auf einer binären Vorstellung von Geschlecht fußen – beispielsweise des Eherechts. Dass das Hinterfragen der Zweigeschlechtlichkeit im Recht aber auf dem Rücken Intersexueller ausgetragen und bejubelt wird, ohne sich mit den Lebensrealitäten intersexueller Menschen auseinanderzusetzen, ist keinesfalls zu goutieren – nach wie vor werden ihre Rechte massiv verletzt. Im Übrigen war das deutsche Recht in puncto medizinischer Definitionsmacht und Personenstand schon mal bedeutend weiter: „Wenn Zwitter geboren werden, so bestimmen die Aeltern, zu welchem Geschlechte sie erzogen werden. Jedoch steht einem solchen Menschen, nach zurückgelegtem achtzehnten Jahre, die Wahl frey, zu welchem Geschlecht er sich halten wolle“, heißt es im Preußischen Allgemeinen Landrecht von 1794.

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Off the Rokket: Oktober 2013 https://ansch.4lima.de/off-the-rokket-oktober-2013/ https://ansch.4lima.de/off-the-rokket-oktober-2013/#respond Fri, 27 Sep 2013 10:30:06 +0000 https://anschlaege.at/?p=4467 …]]>
Illustration: Yori Gagarim
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lesbennest: Older and Wiser https://ansch.4lima.de/lesbennest-older-and-wiser/ https://ansch.4lima.de/lesbennest-older-and-wiser/#respond Fri, 27 Sep 2013 10:27:37 +0000 https://anschlaege.at/?p=4464 LesbennestTo celebrate my 30th birthday I decided to give myself the gift of a long and healthy life. Von DENICE]]> Lesbennest

the fabulous life  of a queer femme in action

To celebrate my 30th birthday I decided to give myself the gift of a long and healthy life. I had read somewhere that if you quit smoking before you turn thirty, your lungs would be completely restored by the age of 35. It would be like you’d never sucked on one of those tar babies at all. What I didn’t realize: the article implied that decisions made up until the magic three-o would have an enormous impact on the rest of your life and anything after that; way too late, honey!
That is of course complete and utter bullshit. In my opinion life starts at thirty. Everything before that is just a test drive through landscapes of confusion, stress and crap with the occassional stop at an amusent park where you ride the emotional rollercoaster. Or you stop to have a drink from the “been there, done that and now I think I know it all”-fountain of delusion.

Lesbennest Kolumne
Illustration: Nadine Kappacher

I didn’t really grow into my face or mind until I was about 32. Before that I was stuck in some kind of baby-face mentality with the looks to go with it. My bread wasn’t “baked”, if you know what I mean. I thought that I had to have my whole future planned meticulously and if I stood there celebrating the day where I was about to enter the 4th decade of my life without knowing exactly who I was and what I wanted to do, I would be fucked. Luckily for us, an.schläge doesn’t think that life is over when you turn 30. The magazine still explores, plays with new ideas and isn’t afraid of the occassional change of image and style. It’s like a good Chianti that only gets more interesting with time. My only wish is that she could embrace her lesbian side a bit more. But on the other hand, one of my best friends had her coming out when she was 32, so I guess that if one waits for something good … Happy birthday you gorgeous thing! Here’s to another thirty years, honey!

Denice was smoke free for two whole months in 2006. Nowadays she inhales both life and Parisiennes with a passion. 

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lebenslauf: Sechzig und Dreißig https://ansch.4lima.de/lebenslauf-sechzig-und-dreisig/ https://ansch.4lima.de/lebenslauf-sechzig-und-dreisig/#respond Fri, 27 Sep 2013 10:12:31 +0000 https://anschlaege.at/?p=4460 lebenslauf_anschlaege_juni_2012In den Siebzigerjahren war ich heftigst damit beschäftigt, einen Platz in dieser Gesellschaft zu finden. Von CHRISTINE HARTMANN]]> lebenslauf_anschlaege_juni_2012

auch feministinnen altern

In den Siebzigerjahren war ich heftigst damit beschäftigt, einen Platz in dieser Gesellschaft zu finden und mit Unverständlichkeiten, Ungerechtigkeiten und Diskriminierungen zurechtzukommen, ohne daran zu verzweifeln. Mein Engagement in kulturellen, gesellschaftspolitischen und politischen Aktionsgruppen verstärkte die in meinem Charakter bereits angelegte Tendenz zu tageslichttauglichem Galgenhumor, trug jedoch auch zu noch mehr persönlicher Verwirrung bei. Glücklicherweise gab es feministische Literatur! Sowohl BuchhändlerInnen als auch PostzustellerInnen schauten zwar verlegen nach unten, wenn sie mir – neben Büchern europäischer und US-amerikanischer Autorinnen, die mir Erklärungsmodelle und Analysen boten – die Berliner „Courage“ und später die Wiener „AUF“ überreichen mussten. Für mich war die Auseinandersetzung mit den Stimmen und Themensetzungen all dieser Frauen zentral für die Schärfung und Weiterentwicklung sowohl meines analytischen als auch des verstehenden Blicks.

Kolumne Lebenslauf
Illustration: Nadine Kappacher

In den Achtzigern kamen zu den genannten Zeitschriften die an.schläge dazu: Eine der Gründungsfrauen sprach mich an und gewann mich als Abonnentin, noch vor der Nullnummer. Zu Beginn ihres Zeitungslebens waren die an.schläge nicht gerade atemberaubend informativ, auch optisch nicht überwältigend, doch solidarische Haltung und die Tatsache, dass ich zu jener Zeit in meiner Lebensnische an eher schlecht gestaltete Publikationen mit suboptimaler Druckqualität gewöhnt war, ließen mich dranbleiben. Aber das war der an.schläge-Anfang! Inhaltliche Ergiebigkeit und Neuigkeitswert der Themen und Thesen nahmen ebenso beständig zu wie Lesbarkeit und Layout. Gleich geblieben während der drei Jahrzehnte dürfte allerdings der Grad der Selbstausbeutung der Redakteurinnen und Autorinnen sein – so vermute ich zumindest.
Die an.schläge begleiten mich also bereits mein halbes Leben. Ich halte uns beide mittlerweile für richtig gut und nahezu unentbehrlich. Ich wünsche uns entwicklungsreiche und interessante nächste Jahrzehnte!

Christine Hartmann lebt seit den Siebzigern in der Provinz und ist nach wie vor über perturbierende Denkanstöße glücklich.

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an.klang: Von Füchsen und Freigewässern https://ansch.4lima.de/an-klang-von-fuchsen-und-freigewassern/ https://ansch.4lima.de/an-klang-von-fuchsen-und-freigewassern/#comments Thu, 26 Sep 2013 11:00:03 +0000 https://anschlaege.at/?p=4457 Vier Perlen von DIY-Antifolk bis Jazz. Von SONJA EISMANN]]>

So viele tolle neue Platten, und so wenig Platz! SONJA EISMANN präsentiert eine eklektische Auswahl aus DIY-Antifolk, Avantgarde-Pop, jazziger Spurensuche und berührendem Songwriting.

Chicks on Speed Records lebt! Nachdem die letzten Releases nun schon vier Jahre her sind und es um das Bandkollektiv selbst auch ein wenig ruhiger geworden ist, gibt es diesen Herbst freudige Neuigkeiten: Das Münchner Duo beißpony veröffentlicht sein Debüt Brush Your Teeth (Chicks on Speed Records/Indigo) auf dem ebenfalls in der bayerischen Hauptstadt angesiedelten Label. Die beiden Musikerinnen, die so viel mehr machen als „nur“ Musik, sind vor allem im Do-it-yourself- oder eher Do-it-together-Kosmos wahrlich keine unbeschriebenen Blätter: Steffi Müller, bekannt für ihre Modeexperimente und Textil-Performances, und Laura Theis, Singer-Songwriterin aus der Antifolk-Szene, lernten sich im Münchner Kafe Kult kennen, wo sie auch zum ersten Mal gemeinsam auftraten. Mit „Störgeräuschen“ wie klackernden Schreibmaschinen und ratternden Nähmaschinen unterfüttern die beiden ihre scheinbar lieblichen, maßgeblich von Piano und zartem Schlagzeug getragenen Kompositionen und schmuggeln subversive Botschaften zu Kapitalismus und Feminismus in die vermeintliche Harmonie, wenn sie zum Beispiel über Arbeitsverweigerung nachdenken oder eine Hommage an die Dada-Künstlerin Elsa von Freytag-Loringhoven einbauen. Einer der berührendsten Momente dieses so zarten und doch ungemein kraftvollen Albums ist das Cover von „Diane“, einem Stück von Hardcore-Legende Hüsker Dü, in dem das Schicksal einer vergewaltigten und ermordeten Kellnerin besungen wird.
Das Debüt der Wiener Medienkünstlerin und Sängerin Mimu Merz, Elegies in Thoughtful Neon, ist so speziell, dass gleich ein neues Label dafür gegründet wurde: Liska Records (im Vertrieb bei Good To Go). Liska ist das russische Wort für Fuchs – und der kommt auf dem Album gleich zweimal vor: einmal im dritten Stück „Deer and Fox“ und noch einmal ganz am Ende mit dem gleichen Titel, aber als Original durchs Telefon gesungen. Diese verschachtelte Indirektheit ist typisch für die Arbeitsweise von Mimu, die kinderleicht zwischen experimentellen Klangversuchsanordnungen und fast symphonischem Pop hin- und herwechselt und dabei mit zuckersüßer Stimme über gar grausige Themen wie Tod oder Verstümmelung jauchzt. Avantgardistisch, ohne manieriert zu sein, und darüber hinaus catchy Poptunes – das sucht tatsächlich seinesgleichen.

Mimu Merz © Alexandre Bougés

Ein ganz besonderes Projekt ist auch „Coin Coin“ der US-amerikanischen Saxofonistin Matana Roberts, das mit seinem Chapter Two: Mississippi Moonchile (Constellation/Trost) nach Kapitel eins („Gens de couleur libres“) nun in die zweite Runde geht. Roberts, die bereits auf dem Postrock-Label Thrill Jockey veröffentlichte und als Gastmusikerin bei Bands wie Godspeed You! Black Emperor oder Thee Silver Mt. Zion zu hören war, ist weit von herkömmlichen, leicht konsumierbaren Popstrukturen entfernt – formal wie auch inhaltlich. Denn in ihrer Coin-Coin-Reihe geht es um Erinnerung und Rückeroberung afro-indigener US-Geschichte, die auch ihre eigene ist: um das Zusammenfügen von fragmentierten Narrativen und traditionellen amerikanischen Folksongs zu einem wild und frei fließenden Free-Jazz-Panorama, in das neben den fünf InstrumentalistInnen auch die Operntenor-Vocals von Jeremiah Abiah sowie die von Spoken-Word-Intonation bis zu Soulgesang reichende Stimme von Matana Roberts eingebaut wurden.
Seit Jahren ist die klassisch ausgebildete Musikerin Aisha Burns Geigerin in der Chamberfolk-Band Balmorhea aus Austin, Texas. Mit ihrem Solo-Debüt sowie mit den Erfolgen von Valerie June besteht Hoffnung, dass in Zukunft mehr afro-amerikanische Singer/Songwriterinnen Gehör finden (und nicht nur weiße „Elfen“). Wer Burns’ Life in the Midwater (Western Vinyl/Trost) hört, kann sich kaum vorstellen, dass sie jahrelang nur im Geheimen gesungen hat, so ausdrucksstark und nuanciert klingt ihre Stimme in den kargen und emotional umso wuchtigeren Songs, meist nur begleitet von einer Akustikgitarre. Berührend und packend zugleich.

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Eizelle und Samenzelle: Eine Märchenstunde https://ansch.4lima.de/eizelle-und-samenzelle-eine-marchenstunde/ https://ansch.4lima.de/eizelle-und-samenzelle-eine-marchenstunde/#comments Thu, 26 Sep 2013 10:54:10 +0000 https://anschlaege.at/?p=4454 Die menschliche Befruchtung ist reich an fragwürdigen Metaphern. Von LEONIE KAPFER]]>

Kaum ein Gebiet der Naturwissenschaft ist so reich an Metaphern wie die menschliche Befruchtung, keinen anderen Zellen werden so eindeutige Charaktereigenschaften zugeschrieben wie Eizelle und Spermium. Ein Ausflug in die Zellbiologie mit LEONIE KAPFER

„A dormant bride awaiting her mate’s magic kiss.“(1) Diese Textstelle stammt nicht aus den Gebrüdern Grimms „Schneewittchen“, sondern ist einem wissenschaftlichen Paper entnommen. Und die Metapher des Biologen-Ehepaars Gerald und Helen Schatten ist keine Ausnahme: Ei und Spermium stehen in der Wissenschaftsgeschichte seit jeher für das zellgewordene „Weibliche“ und „Männliche“. Stereotype Vorstellungen von Geschlecht(errollen) wurden so 1:1 in die biologische Wissenschaft übertragen.

Passiv, träge und immobil. Die Eizelle wurde zur „passiven“ und „trägen“ Empfängerzelle – ohne dass dafür hinreichende Beweise vorgelegen wären. Sie habe keine Möglichkeit zur Fortbewegung und würde durch die Eierstöcke „transportiert“, heißt es seit der Entdeckung des Follikelsprungs 1842. Habe sie diese passiert, warte sie auf die Samenzelle, denn nur diese könne sie „vor der Degeneration retten“. Obwohl auch die Lebenszeit eines Spermiums begrenzt ist, gehen Lehrbücher bis heute nur auf den Verfall der Eizelle ein: „Ihre Zeit ist begrenzt, sie hat nur 24 Stunden Zeit, sich mittels eines Spermiums in ein menschliches Wesen zu verwandeln.“ Wenn dann „der Retter in Not“ endlich kommt, würde es aber erst richtig ungemütlich für die Eizelle. Sie sei dann einem „Aggressor“ ausgesetzt, der mit „aller Kraft“ versuche, in sie „einzudringen“ und ihren „Schutzmantel zu durchbohren“. Die männlichen Samenzellen würden auf dem Weg durch das „weiche, dunkle Unbekannte keine Furcht“ kennen, „flink“ und „agil“ folgten sie ihrer „heldenhaften Mission“. Der Lohn der „erfolgreichen Penetration“ der Eizelle durch das Spermium: die Entstehung eines neuen Menschen.(2)

Links, rechts, links, rechts. Dieses gewaltvolle Bild der Befruchtung ist zwar längst widerlegt, hält sich aber noch immer in den Köpfen vieler Menschen. Die Wissenschaft musste sich bereits Ende der Achtzigerjahre von diesem Märchen verabschieden: Als sie an einem Verhütungspräparat für den Mann forschten, merkten die Wissenschaftler_innen, dass Spermien entgegen der Lehrmeinung keinen Drang zur Vorwärtsbewegung haben. Die einzige Bewegung, die die Forscher_innen erkennen konnten, war ein Ausschlag der Samenzellen nach links und rechts. Wie konnte ein so unmobiles Spermium die Vagina passieren und dann die Eizelle penetrieren? Ebenso verwunderlich war, dass Spermien den Kontakt mit Oberflächen meiden. Mit diesen recht eindeutigen Ergebnissen war die bisherige Lehrmeinung zur Befruchtung nicht mehr zu halten.
Weitere Studien zeigten, dass Eizelle und Spermium für eine Befruchtung über zahlreiche, bis heute noch nicht restlos geklärte Mechanismen interagieren müssen. Die Eizelle ist dabei sehr aktiv; ihre Hülle ist nicht nur ein Schutzwall gegen Spermien, der einer Befruchtung dadurch eher hinderlich ist, sondern eine hochdifferenzierte Oberfläche, die verschiedene bio-chemische Aufgaben wahrnimmt. Eine davon ist, mittels eines Stoffes Samenzellen anzulocken. Die Verbindung von Spermium und Eizelle funktioniert anschließend über ein sogenanntes Zelladhäsionsmolekül – ein Molekül, das den Zusammenhalt und die Kommunikation zweier oder mehrerer Zellen vermittelt.

Passive Rezeptoren, aktive Liganden. Wirklich ändern konnten diese Erkenntnisse an der wissenschaftlichen Vorstellung des aktiven Spermiums und der passiven Eizellen jedoch wenig. Denn als es darum ging, die Bindungsstellen auf Ei- und Samenzelle zu benennen, tappten die ForscherInnen erneut in die Falle klassischer Geschlechterstereotypen. Ein kleiner Exkurs in die Biochemie: Bei biochemischen Verbindungen gibt es immer einen Rezeptor, der aus einem Protein besteht und eine kleine „Tasche“ für die Bindung besitzt, sowie einen Liganden, der an diese Tasche bindet. Die Bindung findet nach dem Schlüssel-Schloss-Prinzip statt, wobei der Rezeptor als Schloss gilt, der Ligand als Schlüssel. Als es nun darum ging, den Rezeptor bei der Bindung von Ei und Spermium ausfindig zu machen, wurde entgegen wissenschaftlicher Praxis das Ei als Rezeptor ausgemacht – obwohl die Proteinbindungsstelle wie auch das „Täschchen“, in das die Eizelle bindet, am Spermium lokalisiert wurden. Die Bezeichnung der Eizelle als Rezeptor wird bis heute verwendet.

Femme Fatale oder Mutti. Mittlerweile – zwanzig Jahre nach der Entdeckung des komplexen Befruchtungsvorgangs – spricht die Biologie der Eizelle zwar mehr Aktivität zu, vor der Übertragung stereotypisierter Weiblichkeitsbilder auf körperliche Strukturen ist sie aber bis heute nicht gefeit. In neueren Fachbüchern wird vermehrt das Bild der „Femme Fatale“ oder aber der „fürsorglichen Mutter“ zur Beschreibung der Zelle verwendet. Die Vorstellung, dass Eizelle und Sperma schlicht pluripotente Zellen ohne Charaktereigenschaften sind, ist für die Biologie offenbar zu abwegig.
Gegenwärtige Beschreibungen der Eizelle zeichnen demnach das Bild einer sexuell aggressiven Frau, die eine Bedrohung für den Mann darstellt: Die Eizelle fange das Spermium mittels chemischer „Lockstoffe“, binde und mache es „unbeweglich“ und verschlinge es dann. Dabei verliere das Spermium seinen Schwanz (nur im Kopf des Spermiums ist Erbgut enthalten). Zugleich muss die Eizelle für das Stereotyp der „schützenden Mutter“ herhalten: Nachdem bekannt wurde, dass manche Stellen an der Oberfläche der Eizelle intakte Samenzellen identifizieren und am Binden hindern können, wurde dies mit dem „Bestreben“ der Eizelle gleichgesetzt, nur den „besten Partner ausfindig zu machen“, um „Schaden“ vom entstehenden Leben fernzuhalten.

Eizellen? Unbegrenzt! Neben überholten Befruchtungsfantasien muss sich die Wissenschaft nun von einem weiteren Märchen über die Eizelle verabschieden: Letztes Jahr konnte eine Gruppe US-amerikanischer Wissenschaftler_innen belegen, dass auch erwachsene Frauen Eizellen nachproduzieren können. Bisher war die Lehrmeinung, dass eine Frau mit einer bestimmten Anzahl an Eizellen geboren werde. Wie die Forscher_innen aber zeigen konnten, verfügt auch der weibliche Organismus – ebenso wie der männliche bei den Samenzellen – über die Möglichkeit, pluripotente Stammzellen in den Eierstöcken nachzuproduzieren, die sich dann eventuell zu Eizellen differenzieren können. Der Mythos der ständig vom Verfall bedrohten weiblichen Eizellen könnte somit ebenso bald der Mottenkiste der Wissenschaft angehören.(3)

Fußnoten:
(1) Eine schlafende Braut wartet auf den magischen Kuss ihres Partners“, in: Gerald and Helen Schatten: The Energetic Egg. Medical World News 23, 1984
(2) Alle Zitate entstammen wissenschaftlichen Papern oder Fachbüchern und sind hier nachzulesen: Emily Martin: The Egg and the Sperm: How science has constructed a romance based on stereotypical male-female roles. In: Signs, Journal of Woman in Culture and Society, 1991
(3) Jonathan Tilly u.a.: Oocyte formation by mitotically active germ cells purified from ovaries of reproductive-age women. In: Nature Medicine 18, 2012

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Role Models verzweifelt gesucht https://ansch.4lima.de/role-models-verzweifelt-gesucht/ https://ansch.4lima.de/role-models-verzweifelt-gesucht/#comments Thu, 26 Sep 2013 10:50:09 +0000 https://anschlaege.at/?p=4452 Interview: BRIGITTE RATZER über Frauenförderprogramme der TU Wien. Von BRIGITTE THEIßL]]>

Trotz zahlreicher Förderprogramme sind Naturwissenschaften und Technik in Österreich nach wie vor in Männerhand. BRIGITTE THEIßL sprach mit BRIGITTE RATZER von der TU Wien über den Fehler im System.

 

an.schläge: Der Frauenförderungsplan der Technischen Universität Wien verfolgt u.a. das Ziel, den Frauenanteil in den Studienrichtungen, in denen diese unterrepräsentiert sind, zu erhöhen. Um das zu erreichen, setzen die Maßnahmen bereits in der Schule bei den Mädchen an. An welche Altersgruppen richten Sie sich?

Brigitte Ratzer: Die Maßnahmen, die wir setzen, greifen ab zehn Jahren, wir bieten Sommerworkshops für die Zielgruppen 10 bis 14 und 15 bis 17 an. Wir adressieren auch Maturantinnen direkt, zum Beispiel im Rahmen von „FIT – Frauen in die Technik“(1). Grundsätzlich ist aber zu all diesen Maßnahmen zu sagen: Es handelt sich hierbei um ein Instrument, das bei ein paar Wenigen ein bisschen was bewirken kann – aber es kann mit Sicherheit nicht das Problem lösen. Die Botschaft, dass Burschen technisch begabt sind und Mädchen nicht – und Frauen erst recht nicht –, empfangen Menschen, seit sie auf der Welt sind, und zwar tagtäglich. Ganz offen oder subtil, über die Massenmedien und über alltägliche Beobachtungen im Umfeld. Wir setzen im Rahmen der Frauen- und Mädchenförderung lediglich punktuelle Gegenerfahrungen. Wir zeigen Role Models und ermöglichen die Erfahrung, „aha, das kann ich auch“ oder „das macht Spaß, das interessiert mich“. Es ist ein Reagieren auf gesellschaftliche Umstände, die sich als solche ändern müssen, damit sich wirklich nachhaltig etwas tut.

Liegt es also an den gesellschaftlichen Umständen, dass sich trotz verschiedener Förderprogramme in Österreich sehr wenig getan hat? Die Technischen Universitäten sind nach wie vor männlich dominiert.  

Ich sehe zwei Gründe: Einerseits die Dauerbotschaft, dass Mädchen und Technik nichts miteinander zu tun haben würden. Andererseits handelt es sich zugleich aber auch um eine Entscheidung der Mädchen gegen die Technik. Dieses Nichtinteresse an Technik bei Mädchen und Frauen, wie es sich jetzt darstellt, bedeutet ja auch: Das will ich so nicht. Schließlich handelt es sich um ein von Männern für Männer veranstaltetes Unternehmen, angefangen von der Art und Weise, wie wir uns mit Technik auseinandersetzen bis hin zu den Produkten, die wir erzeugen – das alles hat einen entsprechenden Bias. Wir sind zum Beispiel an der TU Wien Weltmeister im Roboterfußball, wir haben ein „TU Racing Car“. Man sieht also schon an den Artefakten, die wir prominent nach außen stellen, welche Handschrift das trägt. Natürlich passieren auch andere Dinge bei uns im Haus, aber die Gewichtung und die Sichtbarkeit sagen viel aus. Man kann nicht einfach sagen, „Okay, offensichtlich interessiert das Mädchen oder junge Frauen wesentlich weniger als Männer, was wir hier zu bieten haben.“ Man muss den Schritt machen, zu sagen, es liegt nicht nur an den Mädchen, es liegt auch an der Technik.

An der TU Wien ist das Geschlechterverhältnis in den Studienrichtungen Technische Chemie und Technische Mathematik aktuell viel ausgeglichener als etwa in den Fächern Maschinenbau und Elektrotechnik. Woran liegt das? 

An den Zuschreibungen. Erstens haben Sie in den Studienrichtungen Maschinenbau und Elektrotechnik viele Studierende, die aus der HTL kommen, und dort sind ja auch überwiegend Burschen zu finden. Zusätzlich gibt es in den Schulen eine Hierarchisierung, die sich bis zu uns an der Universität fortpflanzt. Chemie ist da eine weichere Angelegenheit, es werden sogar Scherze gemacht, dass Chemie etwas mit Kochen zu tun hat. Auch Mathematik hat bei den Frauen mehr Tradition, und es einfacher, draufzukommen, dass man gut in Mathematik ist. Dann folgt bei uns schon relativ weit abgeschlagen die Physik. In der Technischen Chemie haben wir rund vierzig Prozent Frauenanteil, in der Technischen Mathematik sind es über dreißig Prozent, die Technische Physik hat siebzehn.
Maschinenbau und Elektrotechnik haben knappe zehn Prozent Frauenanteil, ein Phänomen, das uns seit vielen Jahren konstant begleitet.
Außerdem hat sich bei genauerer Betrachtung innerhalb des Frauenanteils einiges verschoben: Zwischen 35 und vierzig Prozent haben keine österreichische Staatsbürgerschaft, zwei Drittel davon kommen aus dem Nicht-EU-Ausland. Würden sie nur die ÖsterreicherInnen vergleichen, würde es mit dem Geschlechterverhältnis noch schlechter aussehen.

Was ist das Spezifische an der österreichischen Situation? Warum sind in einigen ost- und südeuropäischen Ländern und in Skandinavien wesentlich mehr Frauen in technischen Studienrichtungen zu finden? 

Es ist das sehr konservative Frauenbild in Österreich, würde ich sagen. Im internationalen Vergleich ist der deutschsprachige Gürtel, also Österreich, Deutschland und die Schweiz, das absolute Schlusslicht in der Statistik. Das hat offensichtlich mit großräumigen gesellschaftlichen Gegebenheiten und Geschlechterformationen zu tun, aber zum Teil auch mit dem Prestige, das diese Fächer haben. In Spanien und Portugal studieren etwa wesentlich mehr Frauen ingenieurwissenschaftliche und naturwissenschaftliche Fächer, diese besitzen dort einfach kein Prestige. Es ist nicht ganz so, also würde man bei uns Literaturwissenschaft studieren, aber es ist ähnlich. Auch in den arabischen Staaten gibt es einen überproportional hohen Frauenanteil in den technischen Fächern, die dort ebenfalls überhaupt kein Prestige haben.

Mädchenförderprogramme arbeiten zum Teil mit Geschlechterstereotypen, um Mädchen „in ihrer Lebenswelt abzuholen“. Was halten Sie von diesem Ansatz?

Das ist eine schwierige Angelegenheit. Die Strategien, um eine Zielgruppe anzusprechen, sollten so vielfältig sein wie die Zielgruppe, die man damit erreichen will. Die Gefahr, Stereotype weiter zu verstärken, besteht immer, wenn wir auf sie zurückgreifen. Es gab ja vor Kurzem die Kampagne der Europäischen Kommission „Science, it’s a girl thing“, die fand ich furchtbar. Ich beobachte aber, dass diese extrem stereotypen Zugänge abnehmen und sich langsam dahingehend ein Diversitätsverständnis durchsetzt, dass eben nicht alle gleich sind und die Rosa-Fraktion nur ein kleiner Teil ist.

Frauen stellen ein wichtiges Potenzial für die Wirtschaft dar – das ist in vielen Broschüren zu „Frauen in die Technik“ zu lesen. Inwiefern stehen wirtschaftliche Interessen hinter den Förderprogrammen? 

Im Moment zu 99 Prozent, würde ich sagen. Es ist ja sehr spannend, dass man es jahrzehntelang mit dem Gerechtigkeitsargument versucht hat und damit nicht vom Fleck gekommen ist. Dann kam auf einmal die Geschichte mit dem Fachkräftemangel und den fehlenden Frauen. Im nächsten Schritt hieß es dann, was unserer Wirtschaft denn alles verloren ginge und wie die internationale Wettbewerbsfähigkeit leiden würde, wenn nicht genügend Frauen da sind. Das mag zum Teil schon stimmen. Auf jeden Fall ist es aber das Argument, das dazu führt, dass man Geld in die Hand nimmt und Initiativen startet.
Derzeit gibt es viele europäische KollegInnen, die versuchen, ein drittes Argument zu lancieren: jenes der Qualität. Also dass Technik besser wird, im Sinne von brauchbarer und nützlicher für mehr Menschen. Ich verwende es, weil ich verstanden habe, dass man über Gerechtigkeit nicht reden kann, und weil ich das Wirtschaftsargument nicht mag. Und ich komme nicht umhin zu beobachten, dass auch feministisch gesinnte Kolleginnen sehr heftig Gebrauch machen vom Argument des liegengebliebenen Potenzials für die Wirtschaft, weil man damit Gelder lukrieren kann. Das halte ich persönlich für eine gefährliche Liaison. Es gibt da einen sehr guten Aufsatz von der US-amerikanischen Politikwissenschaftlerin Nancy Fraser, die diese unglückliche Verquickung von Feminismus und Kapitalismus analysiert.

Wie erleben Sie die Strukturen an der TU Wien – stoßen Sie in Ihrer Funktion als Leiterin der Frauenförderungsstelle auf Widerstand? 

In der Zeit bis zum Rektoratswechsel vor zwei Jahren gab es eine respektvolle Duldung meines Engagements. Verständnis für Inhalte war aber nicht unbedingt da, es war mehr so, „die Frauen sollen etwas in ihrer Ecke des Hofes machen und Kurse und Mentoring anbieten“, was strukturell aber natürlich nichts bewirkt. Mit dem neuen Rektorat hat sich dann doch etwas geändert, es wurde eine Vizerektorin geholt, die viel vom Thema Frauenförderung versteht und sich auch tatsächlich dafür einsetzt. Das heißt zwar nicht, dass viele der älteren und jüngeren Herren im Haus nun Feministen wären, es wird eher versucht, das Thema großflächig zu ignorieren. Viele wissen gerade einmal, dass meine Stelle existiert. Aber es wird besser. Und meine Arbeit ist unglaublich spannend.

Brigitte Ratzer hat Technische Chemie studiert und ist seit 2005 Leiterin der Koordinationsstelle für Frauenförderung und Gender Studies der TU Wien.


Fußnote:
(1) Das Programm „FIT – Frauen in die Technik“ bietet Informationsveranstaltungen an höheren Schulen und Infotage an Universitäten und Fachhochschulen für Schülerinnen ab der neunten Schulstufe.

 
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Wie sieht feministischer Aktivismus in Kirgistan aus? Ein lokaler Augenschein von VERONIKA ZWING.

Das multikulturell geprägte Kirgistan gilt als der liberalste und demokratischste Staat Zentralasiens. Es ist aber auch ein kleines, verarmtes Land, das früher zur UdSSR gehörte, mit extrem hohen Bergen, einem russischen und US-amerikanischen Militärstützpunkt und der ertragreichsten Goldmine der Welt. In der Hauptstadt Bishkek fasst zusehends eine junge, urbane, westlich orientierte Kultur Fuß.
Die Räumlichkeiten des Bishkek Feminist Collective SQ*, die ich besuche, sehen aus wie die meisten linksalternativen Räume anderswo auch: Vor der Tür steht ein altes Rennrad, innen gibt es bunte Wände mit Stencils und Plakaten, gemütliche Couches und hochmotivierte Aktivistinnen, die über ihre Laptops gebeugt arbeiten. Hier könnte man fast vergessen, dass in Kirgistan Polo mit Schafskadavern anstatt mit Bällen gespielt wird, und dass sich heiratswillige Männer ein beliebiges Mädchen von der Straße schnappen können.
Über diesen euphemistisch genannten „Brautraub“ kursieren widersprüchliche Informationen. Sicher ist, dass die Praxis der Brautentführung erst während der Sowjetzeit entstanden ist – als Strategie, eine Heirat auch gegen den Willen der Eltern durchzusetzen. In den letzten Jahrzehnten pervertierte diese ursprünglich emanzipatorische Praxis aber zu einer gewaltsamen Form der Zwangsheirat. Indem sie fälschlicherweise zur „jahrhunderte-alten Tradition“ erklärt wurde, erfuhr sie im jungen postsowjetischen Staat auf der Suche nach nationaler Identität eine besondere Legitimation. De jure sind zwar bis zu zehn Jahre Gefängnis für Täter vorgesehen, de facto haben entführte Frauen jedoch nur wenige Möglichkeiten, sich zur Wehr zu setzen.

Gewalt, Sex, Exotik. „Bitte, keine Fragen zum Brautraub!“, ruft Selbi vom Bishkek Feminist Collective SQ gleich zu Beginn unseres Treffens. „Erst letzte Woche wurde ich von einem englischen Frauenmagazin gefragt, ob ich nicht für ein Interview einen Kontakt zu einem Brautraub-Opfer herstellen könnte – what the fuck?!“ Der Verdruss ist nachvollziehbar: So wichtig es ist, das Schweigen zu brechen, so sehr reduzieren ausländische Medien die kirgisischen Geschlechterverhältnisse auf ein bizarres Spektakel aus Gewalt, Sex und Exotik.
Mensch muss aber nicht erst radikale Feministinnen treffen, sondern sich nur ein wenig in Bishkek umsehen, um festzustellen, dass hier alles etwas komplizierter und widersprüchlicher ist, als der westliche Blick erkennen lässt: Im Vergleich zu manch anderen muslimischen Ländern bewegen sich hier nicht weniger Frauen als Männer in der Öffentlichkeit, und erstaunlich viele von ihnen tragen extrem kurze Röcke. Auf den Unis und am Arbeitsmarkt sind Frauen zahlreich vertreten – was auch auf die Genderpolitik der Sowjetzeit zurückzuführen ist. Rechtlich gesehen sind Frauen Männern gleichgestellt, wenngleich mit einigen „Besonderheiten“: So ist etwa für den Diebstahl eines Schafes eine höhere Gefängnisstrafe vorgesehen als für die Vergewaltigung einer Frau. Das Strafmaß ist aber ohnehin nur von symbolischer Bedeutung – in Kirgistan wird kaum eine Vergewaltigung angezeigt, kaum ein Angeklagter verurteilt. Elena Tkacheva, Mitarbeiterin des Frauenhauses Chance Crisis Center (CCC), ist nach zwanzig Jahren Beratungstätigkeit kein einziger Fall bekannt, in dem ein Mann wegen ehelicher Vergewaltigung angeklagt wurde: „Niemand – weder Richter noch Polizeibeamte, lokale Regierungsvertreter, Psychologen oder Ärzte erkennen Vergewaltigung in der Ehe als solche an“, erklärte sie dem Nachrichtenmagazin „EurasiaNet.org“.
Dem haarsträubend patriarchalen Diskurs setzen feministische Gruppen wie das CCC und SQ einen anderen Standpunkt entgegen, sie engagieren sich für einen Bewusstseinswandel – auch bei den Betroffenen selbst. In konkreten Fällen bewerkstelligen sie psychologischen und juristischen Beistand für die betroffenen Frauen, sprechen mit Medien und organisieren Proteste. Auch in Kirgistan gilt Gewalt gegen Frauen noch immer als ein persönliches und nicht etwa als gesellschaftlich bedingtes, strukturelles Problem.

Gesetzliche Rockmindestlänge, Schafdiebstahl härter bestrafen als Vergewaltigung:
Das Bishkek Feminist Collective SQ persifliert Forderungen von kirgisischen Politikern.

Gleichgültigkeit anprangern. Sich in gesellschaftspolitischen Fragen zu engagieren, ist hierzulande ohnedies nicht üblich: Nach jahrzehntelanger Sowjetherrschaft und zwei Regierungsstürzen (2005 und 2010), die keinerlei Veränderung brachten, haben die meisten Kirgis_innen resigniert. Politik wird als etwas „Dreckiges“ betrachtet, wovon mensch sich tunlichst fernhält – vor allem Frauen, die nach der Sowjetzeit wieder zunehmend an Heim und Herd gedrängt werden. „Die Frauen haben Angst vor Politik, vor einer politischen Identität“, klagt Selbi.
Auf die Frauen von SQ, die sich nicht als Menschenrechtsgruppe, sondern dezidiert als feministische Aktivist_innen definieren, trifft dies allerdings nicht zu. Momentan arbeiten acht Frauen regelmäßig und neben ihrer Lohnarbeit oder dem Studium ehrenamtlich mit, etwa 150 „Supporters“ engagieren sich unregelmäßig bzw. nehmen an Aktionen teil. Staatliche Unterstützung oder Subventionen erhält das Kollektiv nicht, die Projekte werden vor allem durch Spenden finanziert.
Wie wichtig Kontakte etwa zu Medien sind, zeigte sich erst dieses Frühjahr: Wie die beiden Jahre zuvor organisierte die Gruppe eine öffentliche Aufführung von Eva Enslers „Die Vagina-Monologe“. Kurz vor der Aufführung verlautbarte das Kulturministerium in einer Lokalzeitung, das Stück zerstöre „die Moral und die ethischen Standards“ sowie „die Traditionen des Volkes in Kirgistan“ und enthalte „unnatürlichen, pervertierten Sex unter dem Banner des Feminismus“. Ein mit SQ sympathisierender Journalist machte es möglich, diesen Vorwürfen öffentlich entgegenzutreten und gleichzeitig die Gleichgültigkeit von Politiker_innen gegenüber der grassierenden Gewalt gegen Frauen medial anzuprangern.

Strategien gegen Mehrfachdiskriminierung. Das Bishkek Feminist Collective SQ engagiert sich aber nicht nur gegen sexuelle Gewalt, sondern begreift Feminismus als umfassende Strategie: „Unser Ziel ist, alle Formen von Unterdrückung (Sexismus, Homo- und Transphobie, Ageism, Ableism, Nationalismus, Xenophobie, Islamophobie, Klassismus, Neoliberalismus etc.) in Bishkek mit feministischen Werten zu begegnen“, heißt es in der Selbstbeschreibung auf der Homepage. Um auf intersektionelle Diskriminierungsformen aufmerksam zu machen, beteiligte sich SQ 2012 etwa am „International Day of People With Disabilities“ in Bishkek: „Wenn es um Menschen im Rollstuhl geht, wird das Thema Sexuelle Rechte ausgespart. Den meisten kommt es erst gar nicht in den Sinn, dass Frauen mit Behinderung Mütter sind, ein Sexualleben haben, ihren Körper genießen und verstehen können. Wir haben Aktivist_innen, junge Frauen mit Behinderung eingeladen, über ihre sexuellen Rechte zu sprechen. Darüber redet in Kirgistan sonst niemand.“
Mit seinen Aktionen verzeichnet SQ durchaus Erfolge: Als das Innenministerium etwa im vergangenen Jahr eine weitere Kriminalisierung von Sexarbeit plante, starteten die Aktivist_innen eine breite Gegenkampagne – der Gesetzesentwurf wurde wieder fallengelassen.

Geteilte Räume, geteiltes Wissen. Ebenfalls erfolgreich sind die Fotomontagen, mit denen auf andere frauenfeindliche Gesetzesvorschläge reagiert wurde: So findet sich etwa der Kopf eines Politikers, der eine gesetzliche Rockmindestlänge forderte, grinsend zwischen den Beinen empörter Frauen montiert. In den letzten beiden Jahren waren vor allem der öffentliche Raum und das Internet für die feministische Agitation wichtig: In den Social Media und auf der eigenen Homepage informiert SQ über Aktionen und dokumentiert diese, vernetzt sich mit anderen Gruppen und setzt mit selbst verfassten Texten – aktuell über „Street Harassment“ – feministische Themen auf die Agenda.
Derzeit konzentrieren sich die Ressourcen von SQ auf die neuen Räumlichkeiten: Hier soll ein offener Ort entstehen, dessen Infrastruktur – samt einer im Aufbau befindlichen Bibliothek mit Fokus auf Feminismus und Gender Studies – für alle Interessierten zugänglich sein soll. Workshops, beispielsweise zu Selbstverteidigung, wurden hier bereits abgehalten. Aus dem „shared space“ soll „shared knowledge“ werden – der Anspruch ist jedoch nicht zu unterrichten, sondern emanzipatorisches Lernen zu ermöglichen. Zielpublikum sind dabei vor allem junge Mädchen, die sonst keinen Zugang zu Wissen über ihre Rechte (vielen ist etwa unbekannt, dass Brautraub einen Strafbestand erfüllt), über ihren Körper und Sexualität haben. Vor allem Letzteres ist mit einem großen Tabu belegt, gegen das SQ ankämpft: „Sexualerziehung ist bei Frauen total unerwünscht.“ Daher begreift es sich als dezidiert „sex positive“: „Wir sind außerdem Sexaktivist_innen!“
Eine weitere Front, ein weiteres spannendes Arbeitsgebiet! So viele Ideen, Projekte und Pläne wie in diesen zwei Stunden beim Bishkek Feminist Collective SQ sind mir selten um die Ohren gezischt. Das Kollektiv scheint den Begriff „Aktivismus“ sehr wörtlich zu nehmen – und leistet dabei tolle Arbeit.

Veronika Zwing verbrachte als Praktikantin des ÖAD (Österreichischer Austauschdienst) das vergangene Sommersemester in Bishkek.

* SQ steht für Subbotnik Queer. „Subbotnik“ heißt wörtlich „kleiner Samstag“ und bezeichnete jene (mehr oder weniger) freiwillige, unbezahlte Arbeit für das Gemeinwohl, die die Bewohner_innen der Sowjetunion samstagabends leisteten.
 
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