November 2014 – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de Sun, 06 Sep 2020 15:25:07 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.0 https://ansch.4lima.de/wp-content/uploads/2024/10/cropped-favicon-32x32.png November 2014 – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de 32 32 Pin-Ups: Off the Rokket https://ansch.4lima.de/pin-ups-off-the-rokket-2/ https://ansch.4lima.de/pin-ups-off-the-rokket-2/#respond Thu, 30 Oct 2014 11:02:25 +0000 https://anschlaege.at/?p=5670 ...]]>
Pin-Up Off The Rocket
Illustration: Yori Gagarim
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Das illustrierte Werbe-Wäh https://ansch.4lima.de/das-illustrierte-werbe-waeh/ https://ansch.4lima.de/das-illustrierte-werbe-waeh/#respond Thu, 30 Oct 2014 11:00:26 +0000 https://anschlaege.at/?p=5668 Illustration: Melanie LetschnigAm Wiener Flughafen bittet der Autoverleih mittels Plakatwerbung, die Frauenquote zu beachten. Von MELANIE LETSCHNIG]]> Illustration: Melanie Letschnig
Das illustrierte Werbe-Wäh
Illustration: Melanie Letschnig
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katzenpost: gewalttätern die krallen zeigen https://ansch.4lima.de/katzenpost-gewalttaetern-die-krallen-zeigen/ https://ansch.4lima.de/katzenpost-gewalttaetern-die-krallen-zeigen/#respond Thu, 30 Oct 2014 10:57:46 +0000 https://anschlaege.at/?p=5666 ...]]>

Katzenpost Gewalttätern die Krallen zeigen

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an.künden: Lebende Legende https://ansch.4lima.de/an-kuenden-lebende-legende/ https://ansch.4lima.de/an-kuenden-lebende-legende/#respond Thu, 30 Oct 2014 10:55:40 +0000 https://anschlaege.at/?p=5664 Angela Davis hat dieses Jahr ihren siebzigsten Geburtstag gefeiert.]]>

Angela Davis hat dieses Jahr ihren siebzigsten Geburtstag gefeiert und kann auf ein bewegtes Leben zurückblicken. Als afroamerikanische Bürgerrechtlerin, Feministin und Gelehrte mit enger Verbindung zur Black Panther Party wird sie zur weltweit bekannten Aktivistin. Doch in den 1980er-Jahren wird sie als Vorsitzende der Kommunistischen Partei vom FBI gejagt und zur prominenten politischen Gefangenen. Der Dokumentarfilm von Christel Priemer und Ingeborg Weber zeigt Stationen ihres Lebens, im Anschluss an die Filmvorführung hält Marion Kraft einen Vortrag über Davis’ Engagement gegen Gefängnisse.

17.11., 19.30: Filmvorführung Angela Davis – Eine Legende lebt,
Frauenzentrum Schokoladenfabrik, 10997 Berlin, Mariannenstr. 6,
www.frauenzentrum-schokofabrik.de

Lebende Legende Angela Davis
(c) thierry ehrmann/flickr
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an.künden: Runder Geburtstag https://ansch.4lima.de/an-kuenden-runder-geburtstag/ https://ansch.4lima.de/an-kuenden-runder-geburtstag/#respond Thu, 30 Oct 2014 10:54:12 +0000 https://anschlaege.at/?p=5662 © Joan As PolicewomanSeinen zehnten Geburtstag feiert das Blue Bird Festival heuer in Wien.]]> © Joan As Policewoman

Seinen zehnten Geburtstag feiert das Blue Bird Festival heuer in Wien. Zu diesem besonderen Anlass wartet das Festival an drei Tagen mit ganz besonderen Größen auf und zieht damit wie immer Liebhaber_innen der Genre Folk, Indie-Rock und Singer/Songwriter an. Die wohl bekanntesten Acts sind Patrick Wolf, Harfe spielender Elf, der mit einer Mischung aus Pop, Elektro und Folk verzaubert, sowie die Pop-Rock- Größe Joan As Police Woman, die im März bereits ihr sechstes Album herausgebracht hat.

20.–22.11., 19.30: Blue Bird Festival, Porgy & Bess,
1010 Wien, Riemerg. 11, www.songwriting.at

Runder Geburtstag des Blue Bird Festivals
© Joan As Policewoman
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an.künden: Politisches Fett https://ansch.4lima.de/an-kuenden-politisches-fett/ https://ansch.4lima.de/an-kuenden-politisches-fett/#respond Thu, 30 Oct 2014 10:52:50 +0000 https://anschlaege.at/?p=5659 © Magda AlbrechtEin kritischer Blick auf die sogenannte Übergewichts-Debatte.]]> © Magda Albrecht

Einen kritischen Blick auf die sogenannte Übergewichts-Debatte wirft Magda Albrecht – u. a. Aktivistin, Autorin bei mädchenmannschaft.net und Mitbegründerin des Fat Up Kollektivs – in ihrem Vortrag. Darin macht sie die Stigmatisierung und Pathologisierung dicker_fetter Menschen zum Thema. Sie stellt der diskriminierenden gesellschaftlichen Norm eine positive, empowernde Perspektive entgegen, die selbstbestimmt Fat Acceptance fordert.

20.11., 19.00: Magda Albrecht: (Mein) Fett ist politisch, Soziokulturelles Zentrum Frauenkultur, 04277 Leipzig, Windscheidstr. 51, www.frauenkultur-leipzig.de
Weitere Termine u.a. in Dresden, Hamburg und Frankfurt/Main: http://maedchenmannschaft.net/termine

Magda Albrecht: (Mein) Fett ist politisch
© Magda Albrecht
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an.künden: Geliebtes F-Wort https://ansch.4lima.de/an-kuenden-geliebtes-f-wort/ https://ansch.4lima.de/an-kuenden-geliebtes-f-wort/#respond Thu, 30 Oct 2014 10:48:32 +0000 https://anschlaege.at/?p=5657 © Cornelia AnhausDiskussion über die Zukunft des geliebten und verhassten F-Wortes.]]> © Cornelia Anhaus

Im Rahmen des Open Mind Festivals wird in Salzburg eine Diskussion zum Thema Feminismus geführt: Wie ist der aktuelle Stand in Österreich und Deutschland? Wie sieht der feministische Backlash momentan aus und welchen Herausforderungen muss sich die Frauen*-bewegung stellen? Anlässlich der Debatte um geschlechtergerechte Sprache diskutieren Sibylle Hamann (Autorin), Sabine T. Köszegi (Prof. TU Wien) und Maria Zimmermann (netzfem. Aktivistin) über die Zukunft des geliebten und verhassten F-Wortes, moderiert wird von Beate Hausbichler (dieStandard).

14.11., 19.30: Wer hat Angst vorm Binnen-I
ARGE Kultur Salzburg, 5020 Salzburg,
www.argekultur.at

Geliebtes F-Wort
© Cornelia Anhaus
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an.künden: Feministische Geschichte https://ansch.4lima.de/an-kuenden-feministische-geschichte/ https://ansch.4lima.de/an-kuenden-feministische-geschichte/#respond Thu, 30 Oct 2014 10:46:06 +0000 https://anschlaege.at/?p=5654 © Böhlau VerlagIhr bereits 25-jähriges Bestehen feiert „L’Homme – Europäische Zeitschrift für Geschichtswissenschaft“.]]> © Böhlau Verlag

Ihr bereits 25-jähriges Bestehen feiert „L’Homme – Europäische Zeitschrift für Geschichtswissenschaft“. Sie ist die erste deutschsprachige Zeitschrift für feministische Geschichtswissenschaft und versammelt Wissenschaftlerinnen aus über fünfzig inner- und außereuropäischen Ländern. Die Zeitschrift gilt als eine der international renommiertesten Publikationen ihrer Art. All das soll mit der Präsentation des Jubiläumsheftes gefeiert werden. Gleichzeitig reisen aktuelle und ehemalige Herausgeberinnen aus ganz Europa an und berichten von der Geschichte und Entstehung des Heftes.

28.11., 18.00: L’Homme Jubiläumsfest, Rathaus, Wappensaal,
1010 Wien, Friedrich-Schmidt-Pl. 1, www.univie.ac.at/Geschichte/LHOMME

L'Homme Jubiläumsfest
© Böhlau Verlag
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an.künden: Rassismus anfauchen! https://ansch.4lima.de/an-kuenden-rassismus-anfauchen/ https://ansch.4lima.de/an-kuenden-rassismus-anfauchen/#respond Thu, 30 Oct 2014 10:43:49 +0000 https://anschlaege.at/?p=5651 © the euskadi 11/flickrAn eine Gruppe, die sich für das Bleiberecht geflüchteter FLIT*s einsetzt, geht der volle Erlös dieser Party. ]]> © the euskadi 11/flickr

An eine Gruppe, die sich für das Bleiberecht geflüchteter FLIT*s einsetzt, geht der volle Erlös dieser Party. Die Organisator_innen wollen die intersektionelle Verknüpfung von Rassismus, Sexismus und Heterosexismus sichtbar machen und Migrant_innen unterstützen. Alle solidarischen Queer Cats können zu einer Mischung aus Pop-Punk, Elektro, Grrrlz-Rap und Riot-Pop ihre Pfoten schwingen und dabei leckere Cocktails schlürfen.

8. 11., 22.00: Queer Cats Against Racism Vol.2, New Yorck im Bethanien
10997 Berlin, Mariannenplatz 2, www.newyorck.net

Queer Cats Against Racism
© the euskadi 11/flickr
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Feminist Superheroines: Takako Doi https://ansch.4lima.de/feminist-superheroines-takako-doi/ https://ansch.4lima.de/feminist-superheroines-takako-doi/#respond Thu, 30 Oct 2014 10:34:22 +0000 https://anschlaege.at/?p=5613 Illustration: Lina WaldeTAKAKO DOI (30.11.1928 – 20.09.2014)]]> Illustration: Lina Walde

Sie sagte: „Die Berge bewegen sich“, meinte damit Japans männerdominierte politische Landschaft, und ging 1986 als erste weibliche Vorsitzende einer politisch relevanten Partei in die japanische Geschichte ein. Die Verfassungsrechtlerin Takako Doi (30.11.1928 – 20.09.2014) befasste sich unter anderem als Vorsitzende der Sozialistischen Partei Japans und später als Präsidentin des Unterhauses aktiv mit Fragen des Umweltschutzes und der Gleichberechtigung.
In ihrer langjährigen politischen Tätigkeit engagierte sie sich leidenschaftlich für mehr Frauen in der Politik, setzte sich im Parlament für die Unterzeichnung der UN-Frauenkonvention ein und bemühte sich um feministische Bewusstseinsbildung.

Illustration: Lina Walde
http://linawalde.tumblr.com
http://evaundeva.blogspot.com

Feminist Superheroines
Illustration: Lina Walde
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zeitausgleich: Club der Abgrenzungsproblemfälle https://ansch.4lima.de/zeitausgleich-club-der-abgrenzungsproblemfaelle/ https://ansch.4lima.de/zeitausgleich-club-der-abgrenzungsproblemfaelle/#respond Thu, 30 Oct 2014 10:27:59 +0000 https://anschlaege.at/?p=5611 Illustration: Nadine Kappacher Wir sind verstreut über alle Flure und Familienverhältnisse. Von ELISABETH GOLLACKNER]]> Illustration: Nadine Kappacher

arbeitsfragen in allen lebenslagen

Wir sind verstreut über alle Flure und Familienverhältnisse, wir wissen noch gar nicht, dass es uns als Gruppe gibt. Doch bei jedem weiteren Gespräch, in dem das Wort „Abgrenzungsproblem“ auf­ taucht, bin ich erneut versucht, uns ein staubiges Hinterzimmer anzumieten, uns ein Logo zu verpassen und es vorne an der Straße ganz prominent zu platzieren: Folgen Sie dem Pfeil, keine Scheu, hier geht’s zum Club der Abgrenzungsproblemfälle! Sudern ist gra­ tis, Schnaps gibt’s umsonst.
Es beginnt am Morgen, wenn unter der Dusche der Bürostreit des vergangenen Tages wieder und wieder durchgespielt wird. Taucht tagsüber auf, anhand gekränkter KollegInnen oder Kritik an der eigenen Arbeit. Und endet mit dem kleinen Stapel Arbeit, der mit nach Hause genommen wird, um nichts unerledigt zu lassen. Beschweren wir uns, kommt als Antwort nur: „Du musst wirklich lernen, dich besser abzugrenzen.“ Zum Teufel nochmal, wie ich, wie E. und S. und B. und S. und all die anderen, wie wir diesen Satz hassen!
Verlässlich. Aufmerksam. Verantwortungsbewusst. Mit diesem Vokabular wurden wir in leitenden Positionen gelobt. (Zwischen­ ebenen, wohlgemerkt, nicht ganz oben.) Um jetzt gesagt zu bekom­ men, dass es genau diese Eigenschaften sind, die uns direttissima ins Burnout katapultieren werden. Es ist paradox.
Und natürlich wissen wir, jede Einzelne von uns, dass nur wir selbst die Situation ändern können. Die logische Präsidentin unseres Clubs hat deshalb die Notbremse gezogen und verkündet, am Wochenende und nach 23 Uhr jetzt aber wirklich keine Anrufe aus dem Büro mehr entgegenzunehmen. B. erzählt, dass sie nach niederschmetternd negativem Feedback gerne Nachrichten über Krisenregionen schaut, das relativiere alles. Und bei S. landen E­Mails, die nur aus Großbuchstaben und Rufzeichen bestehen, ab sofort im Papierkorb, ungelesen. Dann noch einen Schnaps drauf, und die Sache hat sich.

Elisabeth Gollackner übt als Journalistin in Wien die Gratwanderung zwischen Leidenschaft und Pragmatismus.

Zeitausgleich
Illustration: Nadine Kappacher
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an.sage: Papakind https://ansch.4lima.de/an-sage-papakind/ https://ansch.4lima.de/an-sage-papakind/#comments Thu, 30 Oct 2014 10:20:06 +0000 https://anschlaege.at/?p=5608 Wenn das Feministinnenherz frohlockt und das Mutterherz blutet. Von LEA SUSEMICHEL]]>

Wenn das Feministinnenherz frohlockt und das Mutterherz blutet. Ein Kommentar von LEA SUSEMICHEL

 

Mein Sohn ist ein Papakind. Während damit sonst häufig nur gemeint ist, dass ein Kind auch an seinem Vater hängt und ein vergleichbar inniges Verhältnis zu beiden Elternteilen hat, heißt es bei uns: Mein Sohn liebt seinen Vater abgöttisch und mehr als alles andere auf der Welt. Das heißt also auch: mehr als mich, seine Mutter. Damit bestätigt er die feministische Binsenweisheit, dass nicht die Hormone, sondern gesellschaftliche Verhältnisse darüber bestimmen, wie eng die Bindung eines Elternteils zum Kind ist, und dass Mütterlichkeit als emotionale Qualität nicht natürlich an ein Geschlecht geknüpft ist. Denn wer ausreichend Zeit und Fürsorge aufbringt, wird in aller Regel auch mit einer tiefen Beziehung belohnt. (Mit dem schönen Wort „Herzmilch“ hat Gertraud Klemm ihren aktuellen Roman betitelt, um deutlich zu machen, dass für hingebungsvolle Elternliebe kein Busen notwendig ist.)
Doch auch wenn das Feministinnenherz frohlockt, weil sich in der eigenen Familie solch grundlegende Überzeugungen zweifelfrei zeigen: Das geschmähte Mutterherz blutet. Schließlich muss auch eine glühende Verfechterin gleichberechtigter Elternschaft erst einmal damit klarkommen, auf den zweiten Platz verwiesen zu werden. Zumal dieser für Mütter gesellschaftlich weiterhin einfach nicht vorgesehen ist.
Neben der persönlichen Kränkung, die es wider besseres Wissen und Wollen bedeutet, dass sich das heißgeliebte Kind bei schlimmen Stürzen und Schrammen lieber vom Papa trösten lässt und bei sehr schlechter Laune auch nur dessen Späße gut bei ihm ankommen, sind es also vor allem die Verkehrungen traditioneller Rollen in aller Öffentlichkeit, die mir zu schaffen machen. Es ist wohl unmöglich, so abgeklärt emanzipiert zu sein, dass die befremdeten Blicke
der Umsitzenden einfach abprallen, wenn man alleine mit brüllendem Baby auf dem Schoß im Café sitzt, weil der Vater kurz aufs Klo gegangen ist. Ganz besonders, wenn das verzweifelte Kind diesem „Mama“ hinterherbrüllt. Passend zum Tausch der symbolischen Positionen hat unser Sohn nämlich
monatelang unbeirrt seinen Papa so genannt – was auch diesen immer wieder in unangenehme Situationen brachte. Unweigerlich erntet ein Mann Misstrauen, der auf dem Spielplatz „Mama“ gerufen wird, bestenfalls wird er mitleidig zum unfähigen Sonntagsvater gestempelt, weil das arme Kind ganz offensichtlich insistierend nach der abwesenden Mutter verlangt. Und auch wenn die Zuordnung inzwischen längst konventionsgemäß erfolgt – in Momenten großer Aufregung oder Emotionalität rutscht dem knapp Dreijährigen manchmal immer noch ein „Papma“ oder „Mapa“ heraus.

portraet_rund
Auch als das Wort „Papa“ dann endlich da war, wurde es nicht besser. Denn fortan kam es inflationär zur Anwendung. Kommentierte ich beim gemeinsamen Bilderbuchbetrachten „Schau, eine Entenmama mit ihren Kükenkindern“, lautete die Standardreaktion: „Oder Papa“, manchmal auch entschiedener: „Nein, nicht Mama. Papa!“ Vielleicht war das die subtile Rache für mein besserwisserisches „Oder PilotIn, oder BauarbeiterIn“, mit dem ich bereits seine ersten unbeholfenen Benennungsversuche begleitete. Weil aber Tierbabys mit ihren Müttern ein überaus beliebtes Kinderbuchmotiv sind, waren die Belehrungen meines Sohnes eindeutig die nervigeren. Zumal sie sich nicht auf Tiere beschränkten.
Als wir eines Tages an einer Mutter-Kind-Skulptur auf dem Wiener Karlsplatz vorbeigehen und sich mein Sohn interessiert zeigt, erkläre ich eifrig: „Das ist eine Mama mit ihrem Kind.“ Die Skulptur zeigt eine nackte, üppige, weibliche Figur, die gerade im Begriff ist, ein Kleinkind zu umarmen. „Oder Papa“, erwidert mein Sohn. Deutlich aufgebrachter als beabsichtigt höre ich mich selbst – eine jeden Biologismus vehement ablehnende Queerfeministin – entgegnen: „Nein,
nein, nein, mein Lieber, das ist eine FRAU, die Figur hat eine Brust! Es ist die MAMA!“ Völlig unbeeindruckt von diesem Ausbruch schaut mein Sohn mit seinem unnachahmlichen Augenaufschlag zu mir auf. „Ich auch Brust. Papa auch Brust“, sagt er. Wer wollte ihm widersprechen.

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Noboysbutrap https://ansch.4lima.de/noboysbutrap/ https://ansch.4lima.de/noboysbutrap/#respond Tue, 28 Oct 2014 21:18:32 +0000 https://anschlaege.at/?p=5604 © sickboi illdesignInterview: DJane nobigbutL stöbert mit SOOKEE in ihrem feministischen Blogarchiv. ]]> © sickboi illdesign

Interview: DJane nobigbutL stöbert mit SOOKEE in ihrem feministischen Blogarchiv.

an.schläge: Wann hat dich welche Motivation gepackt, ein feministisches Blogarchiv zu initiieren?

nobigbutL: Die Recherche und Archi­vierung ist aus eigenem Interesse und der großen Freude passiert, die ich an der Musik und den Neuentdeckun­gen habe. Einige Jahre, Gigabite und Platten-­Recherchereisen später wurden andere neugierig und ich habe so eine Art Newsletter geschrieben. Ich wurde dann angefragt, ob ich nicht alles on­line öffentlich machen könne, weil es diese Infos, Quellen und Hintergrund­geschichten so als Sammlung nirgend­wo gibt. Was ich bis dahin an Künstlerinnen und Musik zusammengetragen hatte, war in dieser Form als Compilati­on einfach neu und interessant.
Die Stimmen von Women MCs auf HipHop bis 2Step, Grime und Dance­hall hatten eine sehr intensive und inspirierende Wirkung auf mich. Als ich in den frühen 2000ern zum ersten Mal Ms. Dynamite („It Takes More“) und MC Nolay („Angels and Fly ft. High Contrast“) hörte, war das pure Wirkung: ein erhöhter Puls, ein Ziehen in der Magengrube, diese Intensität, die deine ganze Aufmerksamkeit einnimmt …
Der Impuls war so stark, dass ich angefangen habe nächtelang Musik zu suchen und zu hören, mich in meine halben Textverständnisse reinzusteigern und mich zu überindentifizieren. Ich fühlte mich angesprochen und war oft sehr aufgeregt über meine Entdeckun­gen. Daraus ziehe ich die Energie für das ganze Projekt.

Dein Name als DJane und der Titel deines Blogarchivs warten mit speziellen Schreibungen und einer lexikalischen Nähe zueinander auf. Würdest du den Hintergrund dieser Begriffsschöpfungen verraten?

Ein enger Freund und Genosse, mit dem ich die Leidenschaft für Sounds aus UK teilte, gab allen seinen Leuten früher oder später einen Namen. Mich grüßte er eines Abends mit „Yo, big L!“ und wir lachten. Ich bin auffallend groß und habe schon auch Komplexe deswegen, auf jeden Fall ist das öfter mal Thema. L wegen meines Vornamens. Als ich dann öfter auflegte, musste ein Name her.
Big L bot sich an, aber ich dachte: nix groß, nur L. Also: no big, but L. Daraus habe ich dann nobigbutL zusammengeschoben. Der Running Gag dabei: Ich wurde über Jahre eigentlich grund­sätzlich falsch geschrieben/gehört, was dazu führt, dass der Name ungefähr das Gegenteil von etablierter Coolness ist. Jetzt muss ich also doch Größe zeigen und dazu stehen.
Mittlerweile hab ich das weiterent­wickelt. L wird ja „elle“ gesprochen und das heißt auf Französisch „sie“. Und so ward mein Künstlerinnenname perfekt: elle. Kleingeschrieben. Ich bin diesbe­züglich noch in Transition, das heißt die verschiedenen Möglichkeiten stehen gerade gleichzeitig im Raum. Wenn ich auflege, wird weiterhin die lange Varian­te verwendet, wegen der Resonanz im Programmnamen: nobigbutL – noboys­ butrap. Aber sonst, also im Schreiben, Sprechen und Malen: L. Oder: elle.

Was entscheidet für dich darüber, ob du eine Rapperin in die Sammlung aufnimmst? Gibt es neben dem Geschlecht weitere Kriterien?

Das mit dem Geschlecht ist ja nur eine Tür, die ich ganz am Anfang einmal zugemacht habe. Wenn mich eine Künstlerin spontan beeindruckt, kann es sein, dass ich sie sofort aufnehme, alle Quellen und Infos einbeziehe, die ich finde, und vielleicht sogar gleich die ersten Eindrücke ins Profil schrei­be. Rap ist genremäßig sehr divers und stilistisch sowieso. Brianna Perry hat mit Casey ungefähr nichts gemeinsam. Beide gehören dazu. Sadahzinia, MC Pöly – ich verstehe die Texte nicht, aber ich habe herausgefunden, dass sie für den HipHop ihrer Sprachkontexte – Griechisch und Finnisch – eine Pio­nierrolle einnehmen. Miss Bolivia und Ali GuaGua mit Las Krudas und Actitud Maria Marta gehören zusammen, nicht nur regional, sie treten auch seit Jahren gemeinsam auf. Also habe ich sie direkt hintereinander aufgenommen und anschließend ein weiteres Cluster von euro­spanischen Artists, um den Kreis um Arianna Puello und Marla Rodri­guez endlich zu erweitern. Sprache ist offenbar ein Orientierungskriterium.
Manchmal kreuze ich den Mainstre­am. Damit meine ich Musik, die durch einen Apparat an Contracts in die breite öffentliche Aufmerksamkeit gehoben wurde, versuche aber sonst darunter durchzutauchen.
Auf keinen Fall hat es irgendeine bestimmte Bedeutung, wenn jemand (noch) nicht dabei ist. Zumal ich ja zeit­lich und kraftmäßig kaum hinterher­ komme. Viel zu viele Namen hängen in der Warteschleife. Gleichzeitig wollte ich mit meinem Projekt nie vollständig, sondern spannend und subversiv sein.

Noboysbutrap
© sickboi illdesign

Ich weiß, dass du einige der versammelten Rapperinnen wie Akua Naru, Shirlette Ammons oder Lady Leshurr schon getroffen hast. Aus der Begegnung mit der Düsseldorferin Tice etwa ist ein aufschlussreiches, zugleich diskretes und einfühlsames Porträt entstanden. Wie fühlt es sich an, diese Frauen, deren Arbeit du so wertschätzend archivierst, persönlich zu sprechen?

Das ist jedes Mal sehr aufregend und manchmal mache ich mich dann klein. Wenn es gut läuft, bewege ich mich auf Augenhöhe und freue mich und versuche den Moment der Begegnung auszukosten. Das heißt, die Inspirati­on aufzunehmen, mich inhaltlich ins Gespräch zu verstricken oder mich in die Position zu versetzen, dass ich der Künstlerin Respekt erweisen kann, und sie in dem zu bestärken, was sie macht. Viele dieser Begegnungen sind mir im Nachhinein sehr viel wert. Auch wenn ich zurück auf meine Zeit mit der Web­site blicke und mir überlege, was ich für mich verwirklichen konnte.

Wie gehst du mit Sprache um? Welche Begriffe verwendest du – zumal das Blog auf Englisch verfasst ist, um die Tätigkeiten und Skills der Rapperinnen zu benennen?

Die Frage finde ich schwierig zu be­antworten, auch weil sich das mit der Zeit verändert. Bezeichnend ist, dass das Arbeiten mit Referenzen nicht ohne Weiteres für alle Öffentlichkeiten funktioniert. Deshalb habe ich bei dem Vorstellungstext des Blogs irgendwann die Lyrics und Songtitel, die ich als Code in die Formulierungen eingeschrieben hatte, mit Hyperlinks quasi als Zitier­nachweis unterlegt, weil die Sachen so unbekannt, so unetabliert sind, dass meine Sprachkunst nicht wirken konnte: Der Resonanzraum existierte sozusagen nicht. Das würde mit einem Quote von einem namhaften Mann nicht passieren. Ich denke, das ist ein Dilemma, das viele kennen, die femi­nistisch sprechen und schreiben: Man will die Dinge als selbstverständlich darstellen, muss sie aber erklären und damit extra hervorheben.

Eine der Besonderheiten deines Vorgehens ist, dass du gewissermaßen kontrahierarchisch schreibst und damit den innergeschlechtlichen Konkurrenzdruck, der im HipHop vielfach angelegt ist, konstruktiv ignorierst. Welchen Effekt erhoffst du dir von dieser Strategie des Zusammenführens und Solidarisierens bei deinem Lesepublikum?

Normalisierung. Ich denke, der Punkt, dass es guten Rap nicht nur von Men MCs gibt, ist gemacht. Eigentlich hätte das ja auch immer klar sein können. Hier geht es also nicht um den Beweis, sondern darum, die einzelnen Künstle­rinnen individuell ernst zu nehmen. In der Vielheit verliert sich die Zuschrei­bung „Frau“ oder „weiblich“ irgend­wann. Es gibt auf meiner Seite so viele Entwürfe von „Weiblichkeit“ wie Artists, und in meiner Betrachtung ihrer Musik wird das zu einem Aspekt unter vielen. Um eben genau nicht das Gefühl zu haben, man müsse etwas gut finden, weil man es in seiner marginalisierten Situation unterstützen möchte, schaffe ich einen Raum, in dem die Anerken­nung als MC vorausgesetzt ist. So kann bei der Hörerin eine selbstbestimmte Auseinandersetzung darüber stattfin­den, was man eigentlich für sich gut findet, was eine anspricht. Eine Ausein­andersetzung, die nicht oder zumindest weniger dem Konkurrenzdruck des maskulinistischen Marktes unterliegt. Insgesamt ist es aber auch einfach nicht mein Ding, die Musik zu sortieren und zu bewerten. Ich bin neugierig und möchte genießen und kennenlernen und weitererzählen. So.

nobigbutL ist Liebhaberin des genauen Hinhörens und Wertschätzens und verdingt sich zudem als Soziologin.

Sookee ist queerfeministische HipHop-Aktivistin und lässt sich für die Rubrik an.klang oft auf noboysbutrap.org inspirieren.

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„Hurra, wir leben noch!“ https://ansch.4lima.de/hurra-wir-leben-noch/ https://ansch.4lima.de/hurra-wir-leben-noch/#respond Tue, 28 Oct 2014 21:06:07 +0000 https://anschlaege.at/?p=5602 (c) Dese Rae StageInterview: Soziologin EVA EICHINGER über Ungleichheiten im Suizid-Diskurs. Von LEA SUSEMICHEL]]> (c) Dese Rae Stage

Interview: Soziologin EVA EICHINGER über Ungleichheiten im Suizid-Diskurs. Von LEA SUSEMICHEL

an.schläge: Ihre Forschungsmotivation zum Thema Suizid ergab sich aus eigener Betroffenheit.

Eva Eichinger: In meiner Familie gab es Suizide – Vater und Bruder –, womit ich zwar einerseits im praktischen Leben klarkommen musste, mich aber lange nicht umfassender damit ausei­nandersetzen konnte. Als dann meine Dissertation in Soziologie anstand, bot es sich an, mich meinem „eigenen Thema“ zu widmen. Das wissenschaft­liche Arbeiten ermöglichte es mir, von der rein persönlichen Sichtweise wegzukommen, das Thema auf eine Metaebene zu heben und stattdessen zu fragen, wie Gesellschaften mit dem Thema Suizid umgehen.

Ein Fokus Ihrer Arbeit sind die vielfältigen geschlechtsspezifischen Aspekte von Suizid. Sie zitieren hier die Formel „She died for love and he for glory“. Wie sehen die Geschlechtszuschreibungen bei den Gründen für Suizid aus?

Männlichen Suiziden haftet häufig etwas Heldenhaftes an, sie werden entweder heroisiert oder kriminalisiert. Weibliche Suizide hingegen werden oft in Zusammenhang mit Beziehungen gebracht, Frauen gelten als Opfer und werden entsprechend pathologisiert. Das spiegelt sich auch in den Suizid­raten wider, wonach sich Männer viel häufiger suizidieren, Frauen hingegen häufiger Suizidversuche unternehmen würden. Dabei wird zugleich unterstellt, dass diese Versuche nicht ernst gemeint und lediglich Hilferufe seien. Neue Studien legen jedoch nahe, dass es nicht so ein großes Missverhältnis bei den Suizidversuchen gibt, weil das länderspezifisch sehr variiert und auch stark vom jeweiligen Erfassungssystem abhängt.

Ein zentraler Aspekt betrifft auch die Art des Suizids, also die geschlechtstypischen Formen der Selbsttötung. Männer bevorzugen die „harten“, Frauen die „weichen“ Methoden. Gibt es dafür andere Erklärungen als das genannte Klischee, dass Frauen es oft einfach nicht so ernst meinen würden?

Einerseits hat das ganz konkret etwas mit dem Zugang zu tun. Wer hat eher Zugang zu Waffen, wer zu Medikamen­ten, da gibt es geschlechtsspezifische Unterschiede. Andererseits liegt das aber auch an den Bildern von Männ­lichkeit und Weiblichkeit. Auch Suizid ist eine soziale Handlung, die kulturell geformt und daher nicht individuell ist.

Sie plädieren dafür, Suizid weder zu kriminalisieren noch zu pathologisieren oder zu heroisieren. Was wäre eine gute Alternative?

Das Thema Suizid ist sehr verunsi­chernd, daher rührt wohl das Bedürf­nis, im Nachhinein immer eindeutige Gründe dafür zu finden. Ich denke, dass es gut wäre, stattdessen genauer hinzusehen, nicht in dieser Eindeutig­keit und Eindimensionalität zu urteilen, „der Mensch war krank, die Sache ist erledigt“. Denn dadurch wird immer etwas zugedeckt: nämlich die Frage danach, was diesem Menschen das Leben so schwer gemacht hat – auch gesellschaftlich.

Nachdem eine Zeit lang durchaus die „kranke Gesellschaft“ im Fokus stand, wird Suizidalität nun wieder zunehmend individualisiert. Verschwindet die Kritik an strukturellen Gründen?

Von Menschen, die mit Suizidgefähr­deten arbeiten und die ich interviewt habe, habe ich immer wieder gehört, dass sie sich einen genaueren Blick wünschen würden und Suizid nicht ein­fach nur in die Krankheitsecke gestellt sehen möchten. Aber ich hätte gerne mehr davon. Mehr Hinschauen darauf, wie die Lebensverhältnisse sind, was an gesellschaftlichen Strukturen krankma­chend und kränkend ist.

Grace Kim aus der Fotoserie „Live Through This“ von Dese’Rae Stage
Grace Kim aus der Fotoserie „Live Through This“ von Dese’Rae Stage

Frauen haben es ja bekanntlich nicht unbedingt leichter im Leben, bringen sich aber trotzdem seltener um als Männer. Warum ist das so? Von Männerrechtlern wird die höhere Suizidrate bei Männern ja auch immer wieder als Beleg dafür angeführt, dass diese die wahren Opfer seien.

Frauen sind eher sozialisiert, sich nach der Decke zu strecken, Dinge auszuhal­ten und prekäre Lebensverhältnisse in Kauf zu nehmen. Frauen können zu­ dem Hilfsangebote leichter annehmen, weil das Bild von Weiblichkeit durch das Eingeständnis von Not und Bedarf nach Hilfe nicht bedroht ist.
Das ist bei Männern anders, das Konzept der hegemonialen Männlich­keit, das festlegt, was und wie ein Mann zu sein hat, ist sehr starr. Aus diesem Weltbild fallen unweigerlich auch viele Männer raus, etwa Schwule, bei denen die Suizidrate ja auch besonders hoch ist.
Bei Männern gibt es oft mehr Ag­gressivität, sie wird ihnen auch mehr zugestanden, und Männer kommen in die Therapie, um ihre Probleme einmal abzuladen, aber es gibt oft viel weniger Bereitschaft zur tiefergehenden Aus­einandersetzung und vor allem zur Ver­änderung. Das patriarchale Herrschafts­system betrifft in seiner strukturellen Gewalt nicht nur Frauen, sondern auch Männer in den eigenen Reihen.
Und wenn ich mit Depressionen und Medikamentenvergiftung in dieses Hilfssystem komme, wird mir eher geholfen als einem alkoholisierten und aggressiven Mann. Das sind einfach auch die viel unangenehmeren Patien­ten.

Der Suizid-Diskurs sei generell von Ungleichheiten geprägt, lautet Ihr Befund. Welche sind das noch?

Die soziale Zugehörigkeit hat großen Einfluss darauf, wie Menschen mit Krisen umgehen und wie das gedeu­tet wird. Welche Präventionsangebote angenommen werden – vom Besuch beim Hausarzt über Psychotherapie bis zur Zwangseinweisung, hängt stark von der sozialen Lage ab und den jeweiligen Vorstellungen, was angebracht ist und was auch ganz konkret möglich ist.
Bei Menschen aus den unteren sozi­alen Schichten werden in den Deutun­gen soziale Verhältnisse häufig ausge­blendet und es wird tendenziell noch stärker pathologisiert. Für Menschen höherer sozialer Schichten hingegen hat der Freitoddiskurs eine größere Attraktivität, denn er stellt die Würde, die Subjektivität und die Freiheit der Entscheidung in den Mittelpunkt.

Sie haben in Ihrem Buch unterschiedliche Positionen des Diskurses zu Suizid unterschieden. Das derzeitige Krankheitsmodell sei nichts Ahistorisches, sondern etwas diskursiv Konstruiertes. Welche Modelle gab und gibt es noch?

Ich verfolge einen diskurstheoretischen Ansatz, der mit Foucault davon ausgeht, dass Wissen nicht Wahrheit ist, son­dern durch Diskurse, d. h. Reden und Handeln, erzeugt wird, was immer mit Macht zu tun hat.
Der Leitdiskurs zum Thema Suizid hat diesen lange als Verbrechen an­gesehen, bis mit der Aufklärung der Diskurs vom Suizid als pathologischem Phänomen aufgetaucht ist und damit eine Entkriminalisierung stattgefunden hat. Es hat aber parallel immer andere Diskurse, wie eben den Freitoddiskurs gegeben, bspw. bei Jean Améry oder auch Foucault, die den Pathologiedis­kurs infrage stellen. In den 1970ern war der Freitoddiskurs auch ein sehr politischer Diskurs, Suizid wurde als Form des Protests interpretiert sowie als Weg, sich dem System zu verwei­gern. In Zeiten der Liberalisierung steigt der Kurswert des Freitoddiskurses gegenwärtig wieder, allerdings in einer entpolitisierten Form, mehr im Sinne einer subjektiven Selbstbestimmung.

Das klingt sehr kritisch. Schlägt sich das auch in Ihrer Haltung zu den aktuellen Diskussionen zum Thema Sterbehilfe nieder?

Ich habe hier keine eindeutige Position, denn ich sehe beide Seiten. Natürlich gibt es auch positive Aspekte dieser Selbstbestimmung. Andererseits sehe ich bei einer Institutionalisierung von Sterbehilfe die Gefahr – und da kommt jetzt wieder die soziale Ungleichheit ins Spiel –, dass manchen Menschen weniger Spielraum bleibt und sie mehr unter Druck kommen. Wenn ich den Freitod nur als individuelle Entschei­dung im Rahmen meiner persönlichen Freiheit betrachte, werden gesellschaft­liche Verhältnisse tendenziell wieder stärker ausgeblendet.
Doch wenn sich die Gesellschaft wirklich um Gleichheit bemühen würde und darum, Ungleichheiten zu besei­tigen, wäre das Problem Sterbehilfe und Suizid bloß ein Randphänomen. Stattdessen ist Suizid nur die Spitze des Eisbergs von gesellschaftlichen Prob­lemen, was zur Folge hat, dass Suizid zwar einerseits tabuisiert wird, ande­rerseits aber auch überbewertet. Im Sinne von: Das ist das Allerschlimmste, was mir passieren kann. Dass Menschen unter schlimmsten Bedingungen leben müssen, gerät dabei aus dem Blick.
Das hat auch einen beschwichtigenden Effekt. Nach dem Motto: Hurra, wir leben noch!

Eva Eichinger ist Sozialarbeiterin und Soziologin. Sie hat sich im Rahmen ihrer Dissertation mit Suizid beschäftigt, die 2010 beim Löcker Verlag erschienen ist: Suizidär. suizidal. suizidant. Suizid als pathologisches Phänomen? Diskurs. Geneologie. Analyse.

Die Fotoserie „Live Through This“ von Dese’Rae Stage ist unter http://livethroughthis.org/ einzusehen.

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Interview: LGBT-Aktivistin ELENA KOSTYUCHENKO über kritischen Journalismus in Russland. Von JEANNA KRÖMER

Elena Kostyuchenko ist eine Größe des russischen Gegenwartsjournalismus. Sie schreibt für die „Nowaja Gaseta“, eine der wenigen unabhängig gebliebe­nen Zeitungen, und reist zu den Orten der brennendsten sozialen Probleme. Kostyuchenkos Texte zeigen die Welt von Drogenabhängigen, korrupten PolizistInnen, jugendlichen Nazis oder Straßenprostituierten. In einer ihrer Reportagen lernen wir einen Dorfbe­wohner kennen, dessen Wohnort von der einzigen Straße abgeschnitten ist, die ärztliche Hilfe im Notfall ermögli­chen würde. Wir vergehen in der Hitze mit einer auf der Straße ausharrenden Witwe, die verzweifelt versucht, die Leiche ihres ermordeten Mannes zu bekommen, obwohl deren Existenz von den Behörden geleugnet wird. Mit aus­ gebeuteten GastarbeiterInnen hat Kos­tyuchenko die Moskauer Straßen gefegt. Sie zeigt uns, was am unteren Rand der Gesellschaft passiert. Doch nicht nur als Journalistin, auch als LGBT-­Aktivistin engagiert sie sich, organisiert Protest­aktionen gegen Homophobie, wie etwa ein Kiss­In vor dem Parlament. Und greift auch zu drastischen Maßnahmen. So drohte sie etwa damit, PolitikerIn­nen gegen ihren Willen zu outen, wenn diese für ein Gesetz gegen den Verbleib von Kindern in Regenbogenfamilien stimmen würden. „Sie wollen unsere Leben zerstören, also zerstören wir ihre“, rechtfertigt sie diesen Schritt.
Ständig erhält sie deshalb Drohun­gen von Kriminellen und Machthaben­den, als offene Lesbe wird sie bespuckt und zusammengeschlagen. Doch das schüchtert sie nicht ein. Vor mir sitzt also zweifellos eine sehr tapfere Frau und ich bin irritiert, denn in meiner Vorstellung muss man für so viel Power groß und kräftig sein. Stattdessen ist Elena eine zierliche junge Frau mit gro­ßen Augen. Vielleicht liegt es auch an dieser Erscheinung, dass die Menschen in ihren Geschichten sie ganz nah an sich heranlassen. So entstehen ihre brillant detaillierten sozialkritischen Artikel.

an.schläge: Halten Sie sich für eine „extreme Journalistin“, wie viele Sie nennen? Was hat Sie zum Journalismus gebracht?

Elena Kostyuchenko: Ich habe eine Menge extremer Themen, aber ich bin keine Touristin, die nach Disneyland reist. Ich bin nicht auf der Suche nach dem Nervenkitzel, ich versuche nur die Themen aufzugreifen, die von den meisten JournalistInnen nicht be­sprochen werden. Sonst bleiben die betroffenen Menschen unsichtbar. Ich würde sagen, dass ich eine Journalistin der „unzentralen Themen” bin.

Warum Sozialjournalismus? Warum nicht etwas Einfacheres?

Ich könnte nicht behaupten, dass der Sozialjournalismus sehr kompliziert ist. Ich denke, dass es schwieriger ist, eine Kolumne über Mode zu schreiben. Du musst dich ernsthaft mit den Klamotten und Styles auskennen, dieses Wissen ständig aktualisieren. Wenn man zu dringlichen sozialen Themen schreibt, muss man nur hingehen, zuhören, was die Leute sagen, und aufschreiben. Der schwierigste Teil dieser Arbeit besteht darin, die Kommunikation aufzubauen.

Sie sind keine Moskauerin, Sie kommen aus Jaroslawl. Erzählen Sie etwas über diese Stadt, wie sind Sie aufgewachsen?

Jaroslawl ist eine Großstadt: 700.000 EinwohnerInnen, zwei Flüsse, drei The­ater, viele Kirchen … Das war meine Kindheit. Ich kann nicht sagen, dass es einfach war – so wie für niemanden meines Jahrgangs. Als ich vier Jahre alt war, ist die Sowjetunion zerfallen. Plötzlich gab es Lebensmittelmangel und kein Geld, und so begann ich früh zu arbeiten, um zu verdienen. Mit neun ging ich zu einem Vokalensemble. Für jedes Konzert haben wir ein Gehalt bekom­men. Die Höhe hing davon ab, wie viele Songs man hatte, ob man solo oder als Background­-Stimme gesungen hat.
Wenn ich in der Woche zwei Kon­zerte gab, bekam ich 120 Rubel, dafür konnte man Grieß und Brot kaufen. Es war oft das einzige Geld in der Familie, weil meine Mutter Lohnrückstände in der Schule hatte.
In der Oberschule habe ich eine literarische Karriere geplant. Bei einem Poesie­-Wettbewerb hat mich dann ein Erwachsener gefragt, wie ich damit meine Brötchen verdienen werde. Der Gedanke kam überraschend: „Stimmt! Wie will ich das machen?“ Ich wählte den Beruf der Journalistin also nicht aus einem Herzensbedürfnis heraus, sondern weil ich erkannt habe, dass sich mit den Honoraren ein Paar Stiefel kaufen lassen.

Elena Kostyuchenko
Elena Kostyuchenko © privat

Wie beurteilen Sie Journalismus in Russland heute, vor allem den regionalen Journalismus? Was würden Sie ändern, wenn Sie könnten?

Allgemein ist Journalismus, wie wir ihn kennen, heute ein vom Aussterben bedrohter Beruf – ähnlich dem des Sattlers vielleicht. Regionalzeitungen in Russland können nur überleben, wenn sie entweder genug Anzeigen haben oder einen Knebelvertrag mit den lokalen Behörden schließen, der diesen eine „Informationsbegleitung“ verspricht. Wenn du die Gehälter weiter zahlen möchtest, verkneifst du dir die kritischen Themen.
Ich würde Medienanteile entstaat­lichen und auf jeden Fall die teuflische Praxis der „Informationsbegleitung“ beenden. Ich würde auch eine Verei­nigung von JournalistInnen aufbauen und die Behörden zwingen, die Morde an JournalistInnen zu untersuchen. Man müsste auch das Gesetz gegen die „Behinderung der journalistischen Tä­tigkeit“ reformieren, weil es überhaupt nicht funktioniert. Und wahrscheinlich würde ich beim Journalismus­-Studium ein Fach einführen, das „Man sollte sich schämen, ein Arschkriecher zu sein“ hieße.

Es ist kein Geheimnis, dass der russisch-ukrainische Krieg heute nicht zuletzt ein Informationskrieg ist. Wie bleibt man als Journalistin objektiv?

Als Reporterin sammle ich und gebe Informationen weiter, ohne zu bewer­ten. Aber wenn in der Zeitung neben meiner möglichst objektiven Reportage ein Kolumnist erklärt, dass die eine Seite super ist, die anderen aber alle Arschlöcher sind, dann nehme auch ich an diesem Informationskrieg unwillent­lich teil, weil ich die Zeitungsinhalte als Ganzes mitgestalte und LeserInnen anlocke, die dann eben auch diese Kolumne lesen.
Meine Meinung ist: Journalisti­sche Kolumnen darf man während des Krieges nicht schreiben. Jede Meinung dazu, die mit wohlgewählten Worten geschrieben ist, legitimiert letztlich den Krieg. Man sollte stattdessen mög­lichst viele Fotos der Getöteten auf die Titelseiten drucken, damit alle eine Vor­stellung davon bekommen, wie so ein Krieg konkret aussieht.
Eine Kriegsnachricht würde ich so aufbauen: „Im Ort Soundso ha­ben Menschen von 8:30 bis 12:00 Uhr andere Menschen getötet. Menschen haben Artillerie genutzt. Tote: eine Liste von Personen.“ Wenn etwas über sie bekannt ist, dann würde ich auch per­sönliche Informationen zu den Opfern veröffentlichen. Ohne zu erwähnen, zu welcher Seite sie gehören.

Erzählen Sie von Ihrer ersten Gay-Pride!

Die Kurzversion: Ich bin gekommen, hab auf die Birne gekriegt und bin danach im Krankenhaus gelegen. Aus­führlicher: Ich war damals mit meiner Freundin Anna in einer festen Bezie­hung, wir haben gemeinsam Kinder geplant und es war uns klar, dass wir dabei keinerlei Rechte hätten. Wenn die Partnerin sterben würde, würde das Kind in ein Waisenhaus geschickt.
Ich war sehr nervös, aber Anna nicht. Wir hatten den Plan, dass wir auf der Demo unsere Mäntel ausziehen wür­den, denn auf unserer beiden Rücken stand „Ich liebe sie“ mit jeweils einem gezeichneten Pfeil. Aus Angst, dass man irgendwie schon vorher sehen würde, dass wir Lesben sind, und uns womög­ lich festhalten würde, sodass wir unsere Aktion nicht mehr durchführen könn­ten, gingen wir aus der U-­Bahn, ohne Händchen zu halten.
Als wir auf der Pride schließlich die Fahne entrollten, wurde ich plötzlich sehr ruhig. Doch dann hat ein bärti­ger Sack mir die Fahne aus der Hand gerissen und mich von hinten aufs Ohr geschlagen. Ich konnte plötzlich nichts mehr hören und es wurde weiß vor meinen Augen.

Elena Kostyuchenko wurde 1987 geboren und hat den „Freedom“-Preis für ihren Beitrag zur demokratischen Entwicklung Kasachstans und den „Gerd Bucerius-Förderpreis Freie Presse Osteuropas“ erhalten. Dieses Jahr wurde in Moskau ihre Textsammlung „Bedingt unnötig“ veröffentlicht.

Jeanna Krömer schreibt aus Berlin über Gender, Demokratie und Osteuropa. 

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