November 2012 – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de Tue, 30 Oct 2012 22:25:25 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.0 https://ansch.4lima.de/wp-content/uploads/2024/10/cropped-favicon-32x32.png November 2012 – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de 32 32 an.künden: Gewaltfrei leben https://ansch.4lima.de/an-kunden-gewaltfrei-leben/ https://ansch.4lima.de/an-kunden-gewaltfrei-leben/#respond Tue, 30 Oct 2012 22:25:25 +0000 https://anschlaege.at/?p=3663 Frauen auf der ganzen Welt sind nach wie vor mit struktureller, physischer, psychischer, sexualisierter oder sexueller Gewalt konfrontiert. Die internationale Kampagne „16 Tage gegen Gewalt an Frauen“ macht auf dieses globale Problem aufmerksam und bietet Information und Unterstützung. Der Verein Autonome Österreichische Frauenhäuser beteiligt sich auch in diesem Jahr wieder mit einem umfassenden Programm, u.a. können Filme, Seminare und Vorträge besucht werden.

25.11–10.12.: 16 Tage gegen Gewalt an Frauen, div. Veranstaltungsorte, Programm unter www.aoef.at

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an.künden: Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein https://ansch.4lima.de/an-kunden-ich-mochte-teil-einer-jugendbewegung-sein/ https://ansch.4lima.de/an-kunden-ich-mochte-teil-einer-jugendbewegung-sein/#respond Tue, 30 Oct 2012 22:22:57 +0000 https://anschlaege.at/?p=3660 justfriendsandlovers_Christian-SundlYOUKI in Wels]]> justfriendsandlovers_Christian-Sundl

Das Internationale Jugend Medien Festival findet heuer bereits zum 14. Mal in Österreich statt. Kernstück des Festivals ist der jährliche Filmwettbewerb, der mit drei lukrativen Hauptpreisen lockt. Selbst aktiv werden können junge Medienbegeisterte bei Workshops zu den Themen Hörspiel, Sportfilm und Sounddesign. Auch das Begleitprogramm lohnt den Besuch: „Missy Magazine“-Herausgeberin und an.schläge-Autorin Sonja Eismann wird zum Thema Popkultur und Liebe vortragen, abends kann dann noch zu Plaided und Just Friends and Lovers getanzt werden.

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Foto: Christian-Sundl

20.–24.11.: YOUKI – 14. Internationales Jugend Medien Festival, Medien Kultur Haus, 4600 Wels, Pollheimerstr. 17, u.a. Orte,T. 0664/4088299, www.youki.at

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an.künden: Feminism will rock you https://ansch.4lima.de/an-kunden-feminism-will-rock-you/ https://ansch.4lima.de/an-kunden-feminism-will-rock-you/#respond Tue, 30 Oct 2012 22:17:23 +0000 https://anschlaege.at/?p=3655 firstfatalkiss_anschlaege_november_2012First Fatal Kiss im rhiz]]> firstfatalkiss_anschlaege_november_2012

First Fatal Kiss haben allen Grund zum Feiern! Nämlich nicht nur das zehnjährige Bandjubiläum, sondern auch die neue Platte, die sie gemeinsam mit Ex Best Friends eingespielt haben – die wiederum der erste Release des Labels Unrecords ist! Die Release- und Geburtstagsparty der „Queer Kitsch Punk“-Band findet mit Special Guests wie Bernhard Schnur, bulbul, chra, Karin Depp, Mikrokurac, MuttTricx u.v.m. statt, durch den Abend führt Frau Letschnig. Keinesfalls verpassen!

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Foto: Jo Peesan

2.11.: First Fatal Kiss, rhiz, 1080 Wien, U-Bahnbogen 37, Tickets: € 5, T. 01/4092505, http://rhiz.org

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Eine wahre Blüte https://ansch.4lima.de/eine-wahre-blute/ https://ansch.4lima.de/eine-wahre-blute/#comments Sat, 27 Oct 2012 21:08:05 +0000 https://anschlaege.at/?p=3639 Rula AsadInterview: RULA ASAD prophezeit der Frauenbewegung in Syrien einen Frühling. Von PASCALE MÜLLER]]> Rula Asad

Es gibt keine Alternative zu einer eigenständigen und starken Frauenbewegung in Syrien, die RULA ASAD gerade im Aufschwung begriffen sieht. Denn sonst geht es Frauen weiterhin schlecht – egal wer an die Macht kommt. ­PASCALE MÜLLER traf die syrische Journalistin und feministische Aktivistin zum Gespräch.

 

Ihren Nachnamen trägt Rula Asad gegenwärtig nicht nur mit Stolz. Denn es ist nicht nur der Name ihrer Familie, sondern auch der des syrischen Präsidenten Bashar Al-Assad. Deshalb ist es ihr sehr wichtig zu betonen, dass sie nicht zur selben Familie gehören. Rula Asad ist Journalistin und Frauenrechtsaktivistin. Nach Abschluss ihres Journalismus-Studiums in Damaskus arbeitete sie als freie Journalistin für „Syria Today“, ein Kulturmagazin, um anschließend ins Pressebüro des syrischen Parlaments zu wechseln – bis sie dort ohne Erklärung entlassen wurde.
Während eines Aufenthalts in Deutschland erfuhr sie 2011, dass sie aufgrund ihrer Arbeit und ihrer Kritik an der Regierung unter Beobachtung des syrischen Geheimdienstes steht. Eine Rückkehr nach Syrien kam daher nicht mehr infrage. Asad arbeitet nun als freie Journalistin für „Deutsche Welle“, den deutschen Auslandsrundfunk, und ist für mehrere syrische Frauenrechtsprojekte und deren weltweite Vernetzung tätig. Zurzeit lebt sie in den Niederlanden, wo Pascale Müller sie traf.

an.schläge: Wann hast du begonnen, dich für die politischen Vorgänge in Syrien zu interessieren?

Rula Asad: Von 2007 bis Anfang 2009 war ich im Pressebüro des syrischen Parlaments angestellt. 2009 wurde ich plötzlich vom Präsidenten des Parlaments zusammen mit sechs anderen Frauen grundlos gefeuert. Ich habe versucht, ihn deswegen zu verklagen, aber der Fall wurde ad acta gelegt. Das war der Moment, an dem ich anfing zu verstehen, dass das System nicht ehrlich ist.
Es klafft eine Lücke zwischen dem, was in der Verfassung steht, und dem, was wirklich passiert. Danach habe ich mich in einem Projekt für Dürre-Flüchtlinge engagiert, die in Camps außerhalb von Damaskus leben. Das war natürlich Menschenrechtsarbeit, aber niemand von uns hätte sich getraut zu sagen: „Wir sind Menschenrechts-AktivistInnen.“ Wir hatten ohnehin schon einige Schwierigkeiten mit dem syrischen Geheimdienst, der zu uns in die Camps kam und uns ausgefragt hat. So wurde mein Interesse für Politik, für gesellschaftliche Entwicklungen geweckt. Damals habe ich außerdem weiter als Journalistin gearbeitet. Im September 2011 bin ich dann durch ein Praktikum des Instituts für Auslandsbeziehungen (ifa) nach Deutschland gekommen und habe dort für Amica gearbeitet, eine Frauenrechtsorganisation aus Freiburg. Jetzt konzentriere ich mich mehr auf Frauenrechte, besonders natürlich auf syrische Frauenrechte. Durch meine Arbeit bei Amica habe ich ein Bewusstsein dafür bekommen. Frauen waren in Syrien niemals präsent, ihre Rechte werden nach wie vor ignoriert. Deshalb versuche ich mich dafür zu engagieren. Meine Rolle ist die einer Vermittlerin zwischen Frauenrechtsorganisationen in Holland oder auch Europa, die die syrischen Frauen unterstützen wollen, sowie den Organisationen und Projekten in Syrien. Ich bringe beide Seiten zusammen und stelle den Kontakt her.

Wie hast du Ungleichheit, auch Geschlechterungleichheit, und Unterdrückung in deinem alltäglichen Leben wahrgenommen bevor es zu dem Schlüsselerlebnis der Kündigung im Parlament kam?

Vor meiner Erfahrung mit dem syrischen Parlament hatte ich nichts als vage Gefühle. Da ich ein Mädchen bin, wollten meine Eltern mich daran hindern, Journalismus zu studieren. Sie meinten, ich sollte lieber Lehrerin werden. Denn als Lehrerin hätte ich feste Arbeitszeiten, als Journalistin hingegen muss ich auch manchmal spät abends arbeiten. Als ich dann als Kulturreporterin tätig war, wurde das wirklich zum Problem. Zum Beispiel war es unmöglich, zu einem Konzert zu gehen, über das ich etwas schreiben wollte, wenn es erst spät endete. Denn in den Augen meiner Familie war ich eine Frau, und die hatte früh zu Hause zu sein. Ganz im Gegensatz zu meinem Bruder, der die ganze Nacht wegbleiben konnte. Ich wollte aber diesen Job machen! Das sind natürlich Dinge, die viel mit Geschlechterungleichheit zu tun haben. Abgesehen davon konnte ich mich aber auch nicht frei äußern, weil ich, wie die gesamte syrische Gesellschaft, ständig überwacht wurde. Die „normalen Repressionen“, muss man das wohl nennen, die noch dazu kamen. So wurde mir langsam klar, dass sich dieses System gegen die Menschen selbst richtet.

Rula Asad
Foto: Pascale Müller

Wenn du die Situation von Frauen unter Assads Regime vergleichst mit ihrer Situation während der Revolution und dem, was möglicherweise danach kommt: Wie verändert sich das Frauenbild? Könnte die Lage für Frauen sich nicht noch verschlechtern, falls das überhaupt möglich ist, wenn die fundamental-religiösen Kräfte an die Macht kommen?

Tatsächlich gab und gibt es gar keine Veränderungen, was das Frauenbild betrifft. In Assads Regime wurden Frauen zwar in der Regierung, im Parlament und auch als Richterinnen eingesetzt, aber das nur, um sagen zu können: Schaut her, wir geben Frauen Rechte. In Wahrheit hatten diese Frauen keinerlei Einfluss. Das Frauenbild, das in den Oppositionsparteien vertreten wird, unterscheidet sich nicht von dem des Regimes. Sogar die wenigen Frauen in diesen Parteien sagen: Wir können Frauenrechte jetzt nicht diskutieren. Auf der Straße werden Menschen getötet. Für Frauenrechte ist jetzt keine Zeit.
Ein islamistisches Regime wird nicht zwangsläufig auch mehr Diskriminierung von Frauen bringen – denn es gibt diese Diskriminierung schon jetzt! Ich sage das nicht gerne, aber es ist so. Die Frauen fürchten sich nicht allzu sehr vor einer islamistischen Regierung, weil sie sich genauso vor der politischen Opposition fürchten, die nicht glaubt, dass Frauenrechte ein Thema sind. Natürlich würde eine islamistische Regierung den Frauen enorm schaden. Doch schon heute ist das syrische Rechtssystem in einigen Punkten aus der Scharia abgeleitet. Diese rechtliche Diskriminierung ist wirklich ein wesentliches Problem. Allerdings wird sie von keiner der Oppositionsparteien thematisiert. Und was es noch schlimmer macht: Die Frauen innerhalb dieser Parteien machen es auch nicht zum Thema. Sie haben das Gefühl, dass sie so etwas nicht ansprechen können, weil es dringendere Probleme gibt.

Doch später ist es dann oft zu spät …

Das stimmt. Wenn wir mit den Veränderungen nicht jetzt sofort anfangen und unsere Stimme als Frauen hörbarer machen, wird es sie auch danach nicht geben. Aber die Frauen wehren sich. Sie haben Kampagnen gegründet, Projekte und Organisationen ins Leben gerufen und sind als Frauen näher zusammengerückt. Wenn die Revolution in die Hand der bewaffneten Opposition fällt, werden Frauen verlieren. Wenn die Revolution in die Hand islamistischer Kräfte fällt, werden Frauen verlieren. Und sogar, wenn die Revolution sich zugunsten der traditionellen Oppositionsparteien entscheidet, werden Frauen verlieren. Das wissen sie, und deshalb gibt es keine Alternative zu einer eigenständigen und starken Frauenbewegung. Es gibt im Moment eine wahre Blüte von Frauenrechtsprojekten. Das Problem ist nur, dass wir in Syrien wenig Erfahrung haben im Aufbau von NGOs und Netzwerken.
Doch dieses Wissen bekommen wir von außerhalb. Es gibt ja weltweit viele Organisationen, die sich für Frauenrechte und Gender-Equality einsetzen, und ich versuche, sie mit den syrischen Organisationen in Kontakt zu bringen, damit diese ihre Projekte besser voranbringen können.

Denkst du, dass dieser feministische Aktivismus etwas bewirken kann? Oder ist er eher etwas, das eine kleine Gruppe von Frauen in Bewegung gesetzt hat, aber die Gesamtgesellschaft nicht wirklich berührt?

Ich gebe dir ein Beispiel: Wenn ich von einer Frau weiß, die vergewaltigt wurde, dann gibt es zwei Möglichkeiten. Zum einen die islamischen Frauenorganisationen, die ihr Hilfe anbieten, indem sie dafür sorgen, dass sie einen guten Mann findet, den sie heiraten kann. Aber es gibt auch unsere Organisationen. Bei uns entscheidet sie, was sie tun möchte, und die Lösung ist nicht, dass sie heiratet. Sie ist nicht schuld an der Vergewaltigung, der Mann und die Situation sind es. Sie ist mutig und sollte sich nicht schämen müssen. Bis diese Ansicht akzeptiert wird, braucht es natürlich eine lange Zeit. Manche Familien verstoßen ihre Töchter, Ehemänner lassen sich scheiden, und es gibt auch immer wieder Frauen, die von ihrer Familie oder ihrem Ehemann umgebracht werden, weil sie vergewaltigt wurden. Aber es gibt auch Familien und Ehemänner, die ihrer Tochter oder Frau beistehen. Parallel dazu gibt es langfristige und breiter angelegte Projekte, die dafür sorgen wollen, dass Frauen rechtlich besser behandelt werden und die Verfassung Frauen besser schützt.

Wo hat dieses Frauenbild und diese Diskriminierung von Frauen in der syrischen Gesellschaft ihren Ursprung? Kann man das nur mit Religion erklären?

Um ganz ehrlich zu sein – das ist jetzt meine persönliche Meinung und viele Menschen werden mich deswegen kritisieren –: Für mich kommt es von der Religion. Im Koran gibt es viele Regeln und Gesetze, die besagen, dass ein Mann so viel wert ist wie zwei Frauen. Es gibt im Arabischen aber auch ein Sprichwort, das in etwa bedeutet: „Eine Frau ist nur ein halber Mensch.“ Das ist tief in der Kultur verwurzelt. Man muss mehrere Schichten freilegen, um es von ganz unten zu verändern.

Wie stehen deiner Ansicht nach die Chancen, dass sich in naher Zukunft etwas verändert? Du selbst kannst ja auch nicht mehr nach Syrien zurück. Werden Frauen wieder frei in Syrien leben und arbeiten können?

Alles, über das wir gesprochen haben, ist zwar Realität, aber es ist die dunkle Seite. Es gibt auch eine helle Seite. Zum Beispiel haben Frauen in Syrien Zugang zu einer akademischen Ausbildung. Ich bin zwar Muslima, aber ich wurde niemals gezwungen, einen Hijab zu tragen, und ich war frei darin zu wählen, wen ich heiraten möchte und wen nicht. Frauen waren an jedem Detail dieser Revolution beteiligt. Sie haben verstanden, dass sie eine Stimme haben und für sich selbst entscheiden können. Selbst wenn eine islamistische Regierung an die Macht kommt: Sie wird nicht lange bleiben!

Was macht dich da so sicher?

Die Menschen waren schon einmal mit einem schrecklichen Regime konfrontiert. Was immer auch kommen wird, sie werden es nicht akzeptieren, wenn es nicht ihrem Willen entspricht. Und sie werden wissen, dass sie dafür verhaftet werden, dass man sie foltern wird und sie vielleicht sterben. Doch diese Veränderungen werden nicht in zwei oder drei Jahren vonstattengehen, sie werden Zeit brauchen.

Sollten europäische FeministInnen der Frauenbewegung in Syrien mehr Aufmerksamkeit schenken?

Leider gibt es auch in Ländern wie Deutschland, von denen ich immer dachte, Frauen hätten dort alle Rechte, viele Dinge, die noch nicht gut laufen. Da die Frauen auch in Europa immer noch daran arbeiten, ihre Situation zu verbessern, kann ich verstehen, dass sie manchmal Frauen in anderen Ländern aus dem Fokus verlieren. Aber ich glaube fest an Frauen. Wenn es ein starkes Netzwerk gäbe zwischen der feministischen Bewegung in Syrien und etwa der feministischen Bewegung in Deutschland und sie sich gegenseitig unterstützen könnten, dann wäre das natürlich wunderbar! Denn von anderen Frauen verstanden und unterstützt zu werden, ist ungeheuer motivierend. Allein wenn ich es mir vorstelle, fühle ich mich schon sehr aufgebaut! Und ich vertraue darauf, dass Frauen sich immer helfen werden.

Pascale Müller ist freie Journalistin in Berlin und im deutschen Sprachraum die Anlaufstelle für Vernetzung zwischen syrischen und hiesigen Organisationen. Wer Kontakt zu Feministinnen in Syrien sucht, kann sich an sie wenden: mllr.pascale@gmail.com
Übersetzung aus dem Englischen: Pascale Müller

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bonustrack: Mein erster Nervenzusammenbruch on stage https://ansch.4lima.de/bonustrack-mein-erster-nervenzusammenbruch-on-stage/ https://ansch.4lima.de/bonustrack-mein-erster-nervenzusammenbruch-on-stage/#respond Sat, 27 Oct 2012 20:15:42 +0000 https://anschlaege.at/?p=3632 Alles fing so schön an. Von VERA KROPF]]>

Alles fing so schön an: Nach einem euphorischen Wienkonzert am Vorabend fuhren wir im goldenen Herbstlicht gen Süden nach Slowenien, in die verschlafene Kleinstadt Murska Sobota. Der Club befand sich in einem Schloss mitten im Park, freundliche Menschen (Männer) empfingen uns. Erste Probleme gab es beim Soundcheck: Der Raum sei aus Beton, deshalb klinge alles so scharf, ich solle meine Gitarre leiser drehen. Okay. Erfahrungsgemäß wird so was besser, wenn erst Menschen im Saal sind. Die zweite Band des Abends war eine sechsköpfige Truppe aus Ljubljana, vier Typen, zwei Mädels: Sie wollten erst eine Girlband gründen, erzählten sie, aber es sei so schwierig, Frauen zu finden, die Instrumente spielen: „In the end we came to the conclusion that gender doesn’t matter.“ Umso erstaunter war ich, dass bei dem Konzert die beiden Mädels „nur“ sangen und jonglierten, während die Jungs die Instrumente bedienten. Ich ging also auf die Bühne mit dem Gefühl: Jetzt zeigen wir ihnen, wo die Frau Bartl den Most herholt. Der Raum war gut gefüllt, erwartungsvolle Gesichter. Dann die böse Überraschung: Nervtötendes Dröhnen kam aus dem Monitor. Ich drehte die Gitarre leiser, sie begann zu brummen, ich tauschte sie aus, nichts half: Alles wurde überdeckt von einem unheilvollen Summen. Es war zwar nicht meine Schuld, aber mein Problem. Ich hörte mich nicht, verspielte mich, musste Lieder neu beginnen, sah mich hilfesuchend nach der Band um, aber die anderen waren auch ratlos bis genervt. Mit der nicht mehr zu verbergenden Wut der Verzweiflung kämpfte ich mich durch diese Demütigung im Rampenlicht bis zum letzten Lied. Dann schrie ich hinter der Bühne herum und bezichtigte den Schlagzeuger der männlichen Arroganz, die ich im Rücken zu spüren meinte. Während der dennoch gegebenen Zugabe fiel meine Gitarre ganz aus, nachher heulte ich im Park wie ein trotziger Teenager.
Da predige ich den Mädchen auf dem Girls Rock Camp, sich nicht von Besserwissern verunsichern zu lassen, und schmeiße selbst sofort die Nerven weg. Immerhin haben wir uns als Band gleich wieder versöhnt und eine nette junge Dame kennengelernt, die uns auf ihren Friedhof eingeladen hat.

Illustration: Lina Walde

Ein Erlebnisaufsatz von Vera Kropf (Luise Pop, Half Girl), die aus diesem Desaster zwei Lehren gezogen hat: 1. Immer den Humor bewahren, 2. Im Zweifelsfall die Gitarre lauter drehen.

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heimspiel: Meins und Deins im Park https://ansch.4lima.de/heimspiel-meins-und-deins-im-park/ https://ansch.4lima.de/heimspiel-meins-und-deins-im-park/#respond Sat, 27 Oct 2012 20:06:12 +0000 https://anschlaege.at/?p=3625 Die etwa Zweijährige schnappt sich im Vorbeigehen das Fahrrad meiner Tochter und rast damit schnurstracks in die nächste Pfütze. Von BEAT WEBER]]>

leben mit kindern

Die etwa Zweijährige schnappt sich im Vorbeigehen das Fahrrad meiner Tochter und rast damit schnurstracks in die nächste Pfütze. „Ich steh auf diesen spontanen Kommunismus am Spielplatz“, seufzt eine Bekannte versonnen, deren Sohnes Sandkübel soeben ungefragt auf Leihe in die Hände meiner Tochter gewandert ist. „Alle nehmen sich einfach was sie wollen, und niemand fragt nach der Eigentümerschaft.“ Welch verlockende Interpretation!
Doch auf dem Spielplatz ist es halt auch nicht anders als im übrigen Leben: Nicht alle Eltern sehen das so, und es ist v.a. bei spontanen Parkbekanntschaften schwer festzustellen, wer wie drauf ist. Und wenn es sich schließlich herausstellt, ist es meist schon zu spät – zumindest zu spät, um den tadelnden Blick zu vermeiden, der sich in der Regel beim Aufeinanderprallen besitzbürgerlicher und gemeinschaftsgüterlicher Vorstellungen einstellt. Es ist der Blick, der dein Kind zum übergriffigen Rowdy und dich zum verantwortungslosen Sonntagsvater stempelt, wenn du deinem in Fremdbesitz marodierenden Kind nicht Einhalt gebietest. Und auch die Kinder sind keineswegs durchwegs begeistert von diesen Verhältnissen, wie permanent ausbrechende Schlammschlachten um Objekte und ihre Benützung bezeugen.
Manche Eltern lösen das durch Sektierertum: Nur noch auf Spielplätze und an Orte gehen, wo ein bestimmtes pädagogisches Konzept verbindendes Element ist – etwa die Welt der alternativpädagogischen Kindergärten. Wer nicht in diese gated communities abtauchen möchte, steht vor einem Koordinationsproblem: Soll ich bei jeder sich anbahnenden Auseinandersetzung in der Sandkiste den betroffenen Eltern eröffnen, dass ich auf Basis höchst selektiver Erziehungsratgeberlektüre gemäß dem Ratschlag zu handeln versuche, Kinder sollen ihre Konflikte möglichst untereinander ausmachen und Eigentum solle nicht überbewertet werden – und somit alle fünf Minuten eine Grundsatzdiskussion anzetteln? Oder entdeckt jemand endlich die Markt- bzw. Parklücke und verteilt am Eingang T-Shirts oder Armbinden, die die Angehörigen pädagogischer Fraktionen füreinander gut sichtbar kennzeichnen und so uns allen viel Stress ersparen?

Heimspiel. Leben mit Kindern
Illustration: Nadine Kappacher

Beat Weber ist eine Autoren-Leihgabe der Zeitung MALMOE.

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an.klang: Welt raus, Musik an! https://ansch.4lima.de/welt-raus-musik-an/ https://ansch.4lima.de/welt-raus-musik-an/#respond Sat, 27 Oct 2012 19:52:13 +0000 https://anschlaege.at/?p=3622 Ob die eigenen vier Wände zum Dancefloor umgewandelt werden oder das Sofa zur Solo-Cocooning-Insel wird – in diesem Monat gibt es genug musikalische Gründe, um einfach mal drin zu bleiben. Von SONJA EISMANN

 

Sie hat das Zeug, der nächste Star der queeren, experimentierfreudigen und dennoch auch im Mainstream erfolgreichen HipHop-Szene zu werden. Nach dem Internet-Hype um die Rapperinnen Azealia Banks und Iggy Azalea ist Kreayshawn die erste der drei oft in einem Atemzug genannten Newcomerinnen, die mit Somethin ’Bout Kreay (Columbia/Sony) ein komplettes Album auf den Markt bringt. Jedoch wurde der erst Anfang-zwanzig-jährigen Kreayshawn, die sich in ihrem Internet-Hit „Gucci Gucci“ mit ikonischen Symbolen schwarzer Popkultur schmückte und als Abschlepperin und Disserin von „Bitches“ gerne eine klischiert männliche Sprechposition einnimmt, bereits mehrfach vorgeworfen, sich als Weiße parasitär bis parodistisch an Black Culture zu bedienen. Ein ernstzunehmender Vorwurf, mit dem die Kritik jedoch, so der Eindruck, bei weiblichen Akteuren schneller zur Hand ist, da diese per se als „Anomalien“ im Rap-Feld wahrgenommen werden. Doch was hat es denn nun mit der Musik der jungen Hipsterin auf sich? Schnell und frech gerappter Bubble-Gum-Electro-Rap, der an unvergessene Girl Crews wie JJ Fad denken lässt (deren Hit „Supersonic“ wird in „K234YSONIXZ“ auch unüberhörbar referenziert) und mit balleriger Unterstützung von Global Stars wie Diplo, 2Chainz und Kid Cudi ordentlich in die Ohren knallt. Wie lang die Halbwertszeit von so eingängigen wie cheesy 80s-Synthlines und „Lalala“-Chören aus der selbstbewussten Gören-Perspektive letztlich sein wird, muss sich noch zeigen – ein großer Partyspaß ist es jetzt gerade allemal.
Auch bei Catarina Aimée Dahms alias Cata Pirata und ihrem Global-Beats-Projekt Skip&Die ist es zunächst die Hautfarbe, die ins Auge sticht. Wieso betitelt ausgerechnet eine weiße südafrikanische Künstlerin, im Team mit ihrem ebenso weißen niederländischen Kollaborateur Jori Collignon, ihr erstes Album Riots in the Jungle (Crammed Discs/Indigo/Pias), den Opener darauf „Jungle Riot“ und Track 5 „Love Jihad“? Zwei Monate lang fuhren Cata und Jori dafür durch Südafrika und trafen zahlreiche MusikerInnen aus Genres wie Rap, Rock, Elektronik und Traditional. Mit ihnen nahmen sie das Grundmaterial für die zwölf Tracks der Platte auf, sodass „Riot in the Jungle“ maßgeblich durch die lokalen Kollaborationen geprägt ist. Dennoch, so verrät die Platteninfo, sähen Catarina und Jori das Endergebnis, das sie in Amsterdam mit Mitgliedern der Amsterdam Klezmer Band fertig arrangierten, „im Kern als ihr Projekt“. Globaler Folk als Ersatzteillager für First-World-Hipster? Oder wichtiges Engagement für eine postkoloniale Sicht auf Pop? Das muss wohl jedeR HörerIn beim Stöbern durch diese eklektische Sammlung selbst entscheiden. Ein willkommener Kontrapunkt zum okzidentalen Mainstream-Pop ist die catchy Platte ohne Frage.
Eine ganz andere Baustelle bedient die Norwegerin Susanne Sundfør mit ihrem dritten Album The Silicone Veil (Grönland Records/Rough Trade) – nämlich die des bombastischen Zauberwaldpops, in dem sie höchstselbst als singende Magierin herumgeistert. Auch wenn man zunächst den Eindruck hat, so viel überbordende Emotionalität und sanfte Düsternis (mit Sternenstaub versetzt, allerdings) sei schlicht nicht auszuhalten, schafft es die in ihrer Heimat extrem erfolgreiche Musikerin doch, für sich und ihr märchenhaftes Songwriting einzunehmen. Die zuckersüß wehmütigen, filmmusikartigen Kompositionen sind eben genau das Richtige, um sich zu Hause in eine warme Decke zu hüllen und leise melancholisch den Blättern beim Fallen zuzusehen.
Auch Chelsea Wolfe aus Nordkalifornien kann sich offensichtlich für die melancholischeren Aspekte des Lebens erwärmen, wie ihre erste reine Akustikplatte, Unknown Rooms: A Collection of Acoustic Songs (Sargent House/Cargo) beweist. Die in L.A. lebende Singer-Songwriterin, die für ihre doch recht ungewöhnliche Trademark eines dronigen Metal-Art-Folk bekannt ist, lässt hier die Geigen aufbranden, ihre Stimme aufseufzen, die Gitarren klimpern und die Frauenchöre jauchzen, all das gespeist aus einem riesigen Topf Honig mit einem Schuss brennenden Brandy – also perfekt für die Jahreszeit und eine Runde asoziales Cocooning. Ganz alleine im Lehnstuhl.

http://gohard.kreayshawn.com
http://catapirata.withtank.com
www.susannesundfor.com
www.chelseawolfe.net

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Pflegevater-Pflegemutter-Kind https://ansch.4lima.de/pflegevater-pflegemutter-kind/ https://ansch.4lima.de/pflegevater-pflegemutter-kind/#comments Sat, 27 Oct 2012 19:46:20 +0000 https://anschlaege.at/?p=3619 Ein Großteil der Kinder wächst bei den Baatombu nicht bei ihren biologischen Eltern auf, sondern bei Pflegeeltern. In ganz Westafrika ist die Ansicht weit verbreitet, dass die Erziehung durch andere sehr förderlich für die Kinder ist. Von ERDMUTE ALBER

 

Wer hat keine eigenen Erinnerungen an das Rollenspiel „Vater-Mutter-Kind“, bei dem Kinder nachspielen, wie sie die Welt der Familie erleben oder sich eine heile Familienwelt vorstellen. Europäische Kinder spielen bei „Vater-Mutter-Kind“ fast stets Szenen aus vollständigen, zusammenlebenden und meist friedlichen Kleinfamilien nach. Sie verbringen den Alltag gemeinsam, nur das Kind, das den Vater spielt, steht irgendwann auf und geht zur Arbeit. Als ich ein Kind war, wollte ich meistens den Vater spielen, der seine Aktentasche nehmen und gehen konnte.
Dieses Familienbild wird, allen tiefverwurzelten Vorstellungen und Erwartungen zum Trotz, früher wie heute nicht von allen Menschen gelebt. Mein Blick über den europäischen Tellerrand hinweg nach Westafrika zeigt, dass dort andere Familienmodelle seit Jahrhunderten existieren. Sie waren für die Menschen ebenso selbstverständlich wie das Vater-Mutter-Kind-Modell des 20. Jahrhunderts in Mitteleuropa. Und wie dieses sind auch die anderen Familienmodelle Wandlungsprozessen unterworfen, die oftmals langsamer verlaufen als eine sich schnell verändernde gelebte Realität.

Bei anderen als den leiblichen Eltern aufwachsen. In Westafrika gehört die Vorstellung, dass Kinder möglichst bei ihren leiblichen Eltern aufwachsen sollen und nur im Krisenfall weggegeben werden, nicht zu den grundlegenden Elternschaftsvorstellungen. Vielmehr wird das Weggeben eines Kindes an andere, für eine Zeit oder für viele Jahre, als selbstverständlich und durchaus normal angesehen. Wenn ein Kind in einer anderen Familie aufwächst, so die Vorstellung vieler, kann es Dinge lernen, die es zuhause nicht lernt. Es kann dort besser erzogen werden, Zugang zu Schulen haben, oder es kann dadurch auch einfach eine besondere Beziehung zwischen den sozialen Eltern – den Pflegeeltern – und den leiblichen Eltern des Kindes aufgebaut werden.
Und schließlich wird die Zuständigkeit für Kinder als die wichtigste Aufgabe der sozialen Gemeinschaft angesehen – weswegen Onkel und Tanten als ebenso berechtigt zur Erziehung der Kinder gelten wie die leiblichen Eltern.
Aus diesen und anderen Gründen ist die Kindspflegschaft in Westafrika besonders weit verbreitet. Zwischen zehn und dreißig Prozent der Kinder wachsen je nach Land, Region, Geschlecht und Ethnie nicht bei ihren biologischen Eltern auf. Diese Praxis wird nicht als negativ für die Kinder, ihre Entwicklung und ihren weiteren Lebensweg angesehen; weit verbreitet ist die Ansicht, dass die Pflegschaft bei anderen als den biologischen Eltern der Erziehung der Kinder förderlich sei.

Um ein Kind bitten. Die Baatombu in Nordbenin sind eine Gruppe von Ackerbauern, die innerhalb des westafrikanischen Kontinuums einen Extrempunkt darstellen. Bei ihnen war die Kindspflegschaft bis vor wenigen Jahrzehnten nicht nur eine Möglichkeit unter mehreren, sondern das vorherrschende Modell von Elternschaft: Fast alle Baatombu-Kinder wuchsen nicht bei den biologischen Eltern auf, sondern bei Pflegeeltern.
Die meisten Kinder kamen in der Zeit zwischen dem Abstillen und dem siebten Lebensjahr zu ihren Pflegeeltern (meist Onkeln bzw. Tanten oder die Großeltern, sowohl mütter- als auch väterlicherseits). Zu dieser Norm der frühen Übergabe gehörte die Vorstellung, dass ein Kind idealerweise gar nicht die Namen seiner leiblichen Eltern kennen sollte. Es hielt also die Pflegeeltern für die „richtigen“ Eltern. Mädchen wurden von Frauen zu sich genommen, Jungen von Männern. Die soziale Mutter oder der soziale Vater erfüllte dabei nahezu alle Funktionen von Elternschaft (z.B. Erziehung, Essen, Kleidung).
Charakteristisch für diese Beziehung ist die Vorstellung (die noch heute im dörflichen Kontext weit verbreitet ist), dass die biologischen Eltern nicht das Recht haben, ihre Kinder für sich zu beanspruchen. Ein weiteres zentrales Merkmal der sozialen Elternschaft bei den Baatombu ist, dass die biologischen Eltern nicht die sozialen Eltern für ihre Kinder auswählen, sondern dass diese selbst um ein Kind bitten. Vergleichbar ist dieser Vorgang mit der Bitte um die Hand einer Tochter, nur dass er mit weniger Gaben und Gütertransfers verbunden und auch insgesamt weniger ritualisiert ist. Ähnlich wie bei der Heirat ist mit der sozialen Elternschaft die Übergabe von bestimmten Verfügungsrechten verbunden: hier ist es die Verfügung über ein Kind, über dessen Arbeitskraft, seine Zukunftschancen, seine potenziellen Versorgungsleistungen, sowie die Übernahme der Pflicht, das Kind in das Erwachsenendasein zu begleiten und ihm dafür die notwendigen Qualifikationen zu geben.
Es gibt einen wichtigen Unterschied zwischen der Annahme von Jungen durch Männer und der von Mädchen durch Frauen: Soziale Elternschaft ist für die Frauen wichtig, um ihre Position im Ehegehöft zu stärken und um jemanden aus der „eigenen“ Familie bei sich zu haben. Da Frauen in den Gehöften ihrer Ehepartner als „Fremde“ leben und ihre biologischen Kinder ihnen nicht gehören, sind die angenommenen Kinder Garanten von Loyalität, aber auch von gestärkten Verwandtschaftsbeziehungen zur Herkunftsfamilie. Aus diesem Grund halten Frauen wesentlich stärker als Männer an der sozialen Elternschaft im traditionellen Sinne fest.

Wandlungsprozesse. Die soziale Elternschaft existiert im dörflichen Kontext der Baatombu heute als eine von mehreren Formen von Kindheit, hat sich jedoch im Laufe der Kolonisierung und der post-kolonialen Entwicklung stark verändert. Die sozioökonomische Grundlage der sozialen Elternschaft war, dass die Lebenschancen von Kindern nicht davon abhingen, bei wem sie aufwuchsen. In Nordbenin wurden Land und andere Produktionsmittel der bäuerlichen Wirtschaft nicht vererbt, sondern standen nahezu unbegrenzt zur Verfügung. Dadurch war für den ökonomischen Erfolg von Menschen relativ unwichtig, bei wem sie ihre Kindheit und Jugend verbrachten.
Mit der Möglichkeit, durch schulische Bildung alternative Laufbahnen einzuschlagen und sozial aufzusteigen, hat sich dies grundlegend geändert. Für den wirtschaftlichen Erfolg von Erwachsenen ist wichtiger geworden, welche Bildungseinrichtungen ein Kind besucht – und damit begannen innerfamiliäre Auseinandersetzungen, wer über diese Zukunftschancen entscheidet. Unter dem Einfluss von christlichen Kolonialherrn und französischer Verwaltung, die das europäische Familienmodell favorisierten, setzte sich auch in den Dörfern mehr und mehr der Gedanke durch, dass die Lebenschancen der Kinder von den biologischen Eltern mitbestimmt werden sollen. Da jedoch auch viele vorkoloniale Praktiken und Regelungen beibehalten wurden, entstand eine Vielzahl von Meinungen zur Elternschaft.  Ein massiver Wandlungsprozess der sozialen Elternschaft, der zur Herausbildung neuer Formen geführt hat, die alte und neue Elemente integrieren, setzte jedoch nicht so sehr innerhalb der dörflichen Bevölkerung ein, sondern zwischen Dorf und Stadt. Seit etwa vierzig Jahren werden Kinder aus der Stadt nicht mehr von DorfbewohnerInnen angefragt. Allgemein wird davon ausgegangen, dass Stadtkinder durch Schulbildung Zugang zu den neuen Aufstiegsmöglichkeiten haben, und ihre städtischen Eltern ein Familienbild bevorzugen, bei dem die biologischen Eltern für ihre Kinder sorgen.
Im Verhältnis zwischen Stadt und Land geht der Austausch von Kindern heutzutage in eine Richtung: Nur die Menschen in der Stadt bekommen Landkinder angeboten oder fragen nach ihnen. Diese Kinder gehen in der Stadt zur Schule oder machen dort eine Ausbildung und arbeiten zugleich in den städtischen Haushalten mit. Diese Aufnahme von Kindern in der Stadt hat für beide Seiten Vorteile: Die ländlichen Haushalte können ihren Kindern Zugang zu Bildungseinrichtungen besorgen, die städtischen haben Arbeitskräfte.
Manchen städtischen Haushalten, die Kinder aufnehmen, wird jedoch auch nachgesagt, dass sie sie nehmen, um Arbeitskräfte zu haben – womit sie sie letztendlich ausbeuten. Daher gibt es inzwischen auch Institutionen, die die soziale Elternschaft als eine Form des Kinderhandels ansehen und Eltern davor warnen, ihre Kinder wegzugeben. Zugleich werden auch im städtischen Kontext manche alten Normen beibehalten. So sind StädterInnen wie DorfbewohnerInnen fest davon überzeugt, dass es gut für Kinder ist, nicht ausschließlich bei den biologischen Eltern aufzuwachsen. Jahrelange, aber gleichwohl temporäre Abwesenheiten der Kinder wegen Schulbesuch, Ausbildung oder nur, „um Erfahrungen zu machen“, werden von allen Beteiligten gutgeheißen. Die europäische Vorstellung, dass der Wechsel von Bezugspersonen Schaden anrichten könne, wird nicht geteilt.
Im Zuge dieses Wandlungsprozesses sind Kindheiten in Nordbenin heutzutage vielfältiger geworden, und es wird gerade auch über die sich wandelnden Normen unablässig gestritten und verhandelt. Dass Baatombu-Kinder „Vater-Mutter-Kind“ spielen, habe ich jedoch nie beobachtet, nicht einmal bei denen, die mit ihren leiblichen Eltern aufwachsen.

Erdmute Alber ist Professorin für Sozialanthropologie an der Universität Bayreuth Erdmute und erforscht Prozesse gesellschaftlicher Veränderungen vor allem in Westafrika.

 

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Ein Kommentar von FIONA SARA SCHMIDT

 

Eine alte feministische Erkenntnis variierte Michelle Obama kürzlich in ihrer vielgelobten Rede, in der sie um die Wiederwahl ihres Mannes warb: „Für Barack sind diese Probleme nicht nur politische, sondern auch persönliche.“ FLOTUS (First Lady of the United States) erläuterte, wie sehr ihr aus ärmlichen Verhältnissen aufgestiegener Ehemann als Person selbst den amerikanischen Traum verkörpere. Auch andere Frauen stärken Barack den Rücken: In der Kampagne „Women for Obama“ bekennt sich neben Stars aus der Unterhaltungsbranche auch die Feministin Gloria Steinem zu ihm.
Bis Ende September hat Obamas Partei einen Spendenrekord von bislang 181 Millionen Dollar eingefahren – das ist vor allem der wohl besten PR-Arbeit der Welt zu verdanken, mit perfekten Fotos auf Facebook und grotesk persönlich anmutenden E-Mails. „Michelle“ schreibt darin z.B., wie sie „Barack“ wegen seiner ergrauten Haare aufzieht – obwohl er sich jedes einzelne hart verdient hätte. Sie sei immer wieder erstaunt, wie er seine Pflichten als Präsident, Ehemann und Vater unter einen Hut bekäme. Manchmal bräuchte allerdings selbst einer wie er Hilfe – und zwar finanzielle. „Friend …“, beginnen diese E-Mails, und sie enden mit der Bitte um „drei Dollar oder was immer du geben kannst“, unterzeichnet von „Michelle“.
Im Wahlkampf 2008 musste die zukünftige FLOTUS noch um Vertrauen werben, die Juristin galt als zynisch und verkopft. Inzwischen darf sie selbstbewusster auftreten und bekennt im Wahlkampf offen, dass die sexuelle Orientierung im Militär keine Rolle mehr spielen dürfe. Ihr Mann stehe außerdem dafür ein, dass Frauen selbst über ihren Körper entscheiden dürfen.
Doch inhaltlich eine eigene Position zu vertreten oder gar in bestimmten Fragen auf kritische Distanz zum Programm ihres Mannes zu gehen, ist natürlich weiterhin nicht drin, solange die Wahlkampfmaschine läuft. Diese verlangt Boulevard und Kitsch: Michelle steht um halb fünf morgens auf, kümmert sich um den präsidialen Gemüsegarten und dicke Kinder, hält ihre trainierten Oberarme und den Demokraten-blauen Nagellack in die Kamera, feiert den Geburtstag ihres Hundes Bo und holt mit Barack das romantische Abendessen zum zwanzigsten Hochzeitstag nach, das wegen des TV-Duells ausfallen musste.


Die 48-Jährige wirkt mit zwei Töchtern im Teenageralter und Designerkleidern eine ganze Generation jünger als die 63-jährige Hausfrau und Mutter Ann Romney. Das republikanische Gegenstück zu Michelles „Women for Obama“ sind Anns „Moms for Mitt“. Ann hat einen Abschluss in Französisch, auf eine eigene berufliche Karriere verzichtete sie aber bewusst und sogar gegen den Widerstand von Eltern und FreundInnen. Die Mutter von fünf Söhnen hat zwei schwere Krankheiten überwunden, heute ist sie fulltime als „Mitt-Stabilizer“ und karitativ tätig. In ihrer Rede lobte sie vor allem den seit über vierzig Jahren treu sorgenden Familienmenschen Romney. Beim Wettbacken konnte Ann Michelle allerdings trotz ihrer Erfahrung im Haushalt nicht schlagen: Obamas schwarz-weiße Schoko-Cookies gewannen gegen Romneys M&M-Kreation.
Seit Hillary Clinton (die gegen Barbara Bush einst das Wettbacken eröffnete) Karriere gemacht hat und Michelle Obama zu Everybody’s Darling wurde, steigen die Erwartungen an die First Ladies. Heute sind sie längst mehr als lächelnde Beisteherinnen, aber eben doch auf ihre Rolle als Ehefrau festgelegt. Die Frage ist nun, ob die erste Dame im Staat – nach einiger Zeit immer beliebter als der Präsident – auch als Politikerin, Richterin oder in anderen öffentlichen Ämtern so angesehen bleiben kann. Als Alternative (allerdings in den USA kaum vorstellbar) bliebe sonst nur das Modell Joachim Sauer. Der deutsche Kanzlerinnengatte nimmt nur manchmal am Damenprogramm teil, das nur für ihn in Partnerprogramm umbenannt wurde. Ansonsten äußert sich der renommierte Chemieprofessor und „prima Kerl“ (Merkel) in Interviews nur zu wissenschaftlichen Themen.

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