November 2011 – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de Mon, 31 Oct 2011 11:11:32 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.0 https://ansch.4lima.de/wp-content/uploads/2024/10/cropped-favicon-32x32.png November 2011 – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de 32 32 an.sage: Herrenschokolade und Frauenbier https://ansch.4lima.de/an-sage-herrenschokolade-und-frauenbier/ https://ansch.4lima.de/an-sage-herrenschokolade-und-frauenbier/#respond Mon, 31 Oct 2011 11:11:32 +0000 https://anschlaege.at/?p=2186 Ein Kommentar von LEA SUSEMICHEL]]>

Ein Kommentar von LEA SUSEMICHEL

 

Vielleicht hat alles mit dem Cola-Light-Mann angefangen. Im Original-Werbespot versammelt sich eine Gruppe weiblicher Angestellter zum „11.30-Termin“ vor dem Panoramafenster ihres Manhattan-Bürotowers, um einem sehr ansehnlichen Fensterputzer mit nacktem Oberkörper bei der Arbeit zuzusehen. Eine Sekretärin streicht, versunken in den Anblick, lasziv über den Rand einer Dose Diet Coke. Auch der junge Mann vorm Fenster trinkt Cola, mit zurückgeworfenem Kopf und hervorquellendem Adamsapfel, Männerkörper wie Getränkedose sind mit verheißungsvollen Feuchtigkeitsperlen bedeckt. Die Hauptzielgruppe für das Getränk ohne Zucker und Kalorien waren zweifellos Frauen.

2005 kommt dann „Coke Zero“ auf den Markt. Es ist quasi dasselbe drin, doch nun sollen auch Männer angesprochen werden, die sich trotz sexy Rolemodel offenbar geziert hatten, zum diätischen Frauenprodukt zu greifen. In der Coke-Zero-Werbung werden deshalb nun Männerträume wahr: Sex, Action und Hubschrauber, „Echter Geschmack, Zero Zucker“. Mit dem Versprechen von Genuss ohne Reue werden dabei zugleich andere Phantasien bedient: „Warum dann nicht auch eine Freundin und Zero Drama?“, lautet der Slogan eines Spots.

Geschlechtsspezifische Ernährungsgebote gab es freilich schon vor der Einführung von kalorienarmen Erfrischungsgetränken und Yogi-Tee. Das blutige Steak war immer schon Männersache, den Frauen blieb der Kirschlikör. Fallweise werden kulinarische Geschlechtergrenzen inzwischen sogar durchlässiger. Der Griff zur ehemaligen „Herrenschokolade“ etwa wird auch der gesundheitsbewussten Frau längst in allen Magazinen empfohlen, seit bekannt ist, dass Bitterschokolade gut für die Cholesterinwerte ist. Doch fette Schokobarren wie Mars oder Snickers sind weiterhin kein Mädchenkram.

Auch wenn die Nahrungsmittelindustrie also stets auch geschlechtssegregiert produziert hat (immer noch beinahe undenkbar, dass zwei heterosexuelle Männer sich gemeinsam einen Piccolo-Sekt aufmachen), einen boomenden und scheinbar höchst zukunftsträchtigen Markt mit „Genderfood“ gibt es erst seit wenigen Jahren. Und ist die geschlechtsexklusive Verzehrsempfehlung bei Mars und Cola noch – mehr oder weniger subtiler – Subtext, erfolgt sie bei anderen Produkten ganz direkt. „Finally a beer just for women!“, lautet der Werbespruch für „Chick-Beer“. Die Verpackung des neuen Frauenbiers ist pink, der Inhalt natürlich „light“, milder im Geschmack und kohlensäureärmer als normales Bier. Man geht wohl davon aus, dass die Konsumentinnen selbst abgestandenen Geschmack in Kauf nehmen, wenn sie dafür dann nicht rülpsen müssen. Auch bei der Schokolade ist man mitunter ganz unverhohlen: So hat Nestlé den XXL-Riegel „Yorkie“ entwickelt, auf dessen Verpackung „It’s not for Girls!“ steht. Das „O“ im Namen ersetzt eine runde Grafik mit durchgestrichener Frauenfigur. Sogar heimische Bäckereien folgen dem Trend und bieten „Eva-“ und „Adam-Brot“ an. Das Frauenbrot soll bei regelmäßigem Verzehr das Brustkrebsrisiko senken, der Männerlaib die Prostata schützen.

So fragwürdig solche Versprechen aus ernährungswissenschaftlicher Perspektive sind, so vielversprechend sind sie aus marketingstrategischer. Frauen treffen 90 Prozent aller Kaufentscheidungen bei Gütern des täglichen Bedarfs. Sprich: Sie sind weiterhin für den Lebensmitteleinkauf und die Planung der Mahlzeiten zuständig. Und bringen den Männern dann auch den Kürbiskern-Snack gegen nächtlichen Harndrang mit, nachdem sie sich selbst einen fettarmen Abführjoghurt eingepackt haben, so das Kalkül. Wie sich die Verkaufsstrategie für Genderfood jedoch trotzdem unweigerlich immer wieder selbst persifliert, demonstriert eine Snickers-Werbung. Sie zeigt eine Autofahrt, bei der eine glamouröse Lady drei junge Männer mit ihren ständigen Beschwerden nervt. „Jeff, iss ein Snickers“, rät ihr schließlich einer ihrer jugendlichen Mitfahrer, „immer wenn du hungrig bist, wirst du zur Diva.“ In der nächsten Einstellung ist die Lady zum kauenden Mann geworden. „Du bist nicht du, wenn du hungrig bist“, tönt der identitätsrigide Schluss-Slogan. Doch die eigentliche Message ist eine andere: Diven können auch männlich sein. Und noch viel wichtiger: Ganz gleich, welchen Geschlechts sie sind – sie dürfen große Schokoriegel essen.

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an.künden: Das Leben der toten Dinge https://ansch.4lima.de/an-kunden-das-leben-der-toten-dinge/ https://ansch.4lima.de/an-kunden-das-leben-der-toten-dinge/#respond Mon, 31 Oct 2011 11:02:54 +0000 https://anschlaege.at/?p=2182 Auf unorthodoxe Weise beschäftigt sich die Künstlerin Antje Majewski mit Objekten. Kann man unbelebte Objekte zum Sprechen bringen, sie am Ende gar durch belebte Wesen ersetzen? Können Dinge denken? In ihrer Ausstellung im Rahmen des Steirischen Herbst in Graz setzt sie Objekte zueinander in Beziehung und versucht, ihnen ein paar Sätze und Geheimnisse zu entlocken.

bis 15.1.2012: Antje Majewski: Die Gimpel-Welt. Wie man Dinge zum Sprechen bringt. Kunsthaus Graz, 8020 Graz, Lendkai 1, Di–So 10–18.00, T. 0316/80179200, www.kunsthausgraz.at

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zeitausgleich: Krank https://ansch.4lima.de/zeitausgleich_krank/ https://ansch.4lima.de/zeitausgleich_krank/#respond Mon, 31 Oct 2011 10:57:30 +0000 https://anschlaege.at/?p=2175 Krankheit, die schlimmste Feindin der Prekären. Von IRMI WUTSCHER]]>

arbeitsfragen in allen lebenslagen

Krankheit, die schlimmste Feindin der Prekären. Jetzt hat sie auch mich wieder einmal erwischt. Ich tippe diese Zeilen schnupfig, im Pyjama und in die Decke eingewickelt, mit Kräuterteekanne auf dem Schreibtisch. Gestern habe ich noch mit Aspirin aufgeputscht einen Radio-Schwerpunkt über Drogen (wie passend) finalisiert und auf Schiene gebracht. Das musste noch sein, und auch diese Kolumne will rechtzeitig an Redaktion und Grafikerin geschickt werden.
Zu Hause bzw. im Bett bleiben und nicht arbeiten, ist immer die allerallerletzte Option. Ich hatte zuvor schon vier Tage lang versucht, Schnupfen und Halsweh mit Kräutertees, Tropfen u.Ä. loszuwerden. Die Erkältung bleibt aber leider hartnäckig. Trotzdem wäge ich immer noch ab: „Wenn ich morgen zu Hause bleibe, kann ich übermorgen dann vielleicht drei Artikel fertig kriegen“ (nicht sehr wahrscheinlich); „Vielleicht halte ich noch ein, zwei Tage durch, mach die Sachen alle fertig und bleib dann gegen Ende der Woche daheim“ (genauso unwahrscheinlich); oder „Vielleicht ist morgen der Schupfen eh schon vorbei“. So verlaufen die Verhandlungen mit mir selbst, bis irgendwann die Erkenntnis reift: Es geht nicht. Ich muss kürzer treten. Es muss sich halt irgendwie ausgehen mit der Kohle.
Ob und was ich für diese zwei Tage bezahlt bekomme, weiß ich nicht so genau. Vielleicht ein Abschlagshonorar für geplante Beiträge oder Artikel, vielleicht einen Durchschnittswert der letzten Monate, vielleicht nichts. Das ist ein Ermessensspielraum von ich weiß nicht welchen Faktoren. Der wichtigste dabei ist: Krankengeld oder Abschlagshonorar bekommt nur, wer sich aufregt. Da bin ich, ich weiß, tausenden anderen Freien, die einfach gar nichts bekommen und für die jede Krankheit, die mehr als eine Woche dauert, zur Existenzkrise wird, schon einen Schritt voraus. Aber eigentlich sollte die Möglichkeit einer Existenzsicherung über Krankheitstage hinweg selbstverständlich sein – nicht Aushandlungssache oder gar Privileg.

Illustration: Nadine Kappacher

Irmi Wutscher kann es sich selten leisten, krank zu sein.

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an.sehen: Brave new vision https://ansch.4lima.de/an-sehen-brave-new-vision/ https://ansch.4lima.de/an-sehen-brave-new-vision/#respond Mon, 31 Oct 2011 10:49:49 +0000 https://anschlaege.at/?p=2170 Mit einer Vintage 4×5-Kamera dokumentiert MOLLY LANDRETH „alternative bodys“ und „alternative couples“. ANDREA HEINZ hat sich ihr Projekt „Embodiment“ angesehen.

 

Die USA sind ein riesiges Land mit fast zehn Millionen Quadratkilometern. Und wenn es in der Nationalhymne heißt, dass dieser riesige Brocken an Fläche das „Land of the Free“ beherbergt, dann ist das gelogen. Auch symbolisch gesehen ist dieses Land ein Brocken; es ist die Verkörperung von immenser, fast obszön großer Macht. Wie jede anständige Großmacht setzt auch diese Normen – und produziert dabei Ausschlüsse aus diesem Bereich des Normalen, des Akzeptierten.  Molly Landreth fährt mit ihrer Vintage 4×5-Kamera durch dieses Land und fotografiert seine Bewohner_innen, Einzelpersonen ebenso wie Paare. Es sind nicht einfach irgendwelche Leute, es sind allesamt queere Menschen – Lesben und Schwule, Bisexuelle und Transgender. Molly Landreth nennt sie „alternative bodys“ und „alternative couples“, ihr Projekt „Embodiment“ trägt den Untertitel „A Portrait of Queer Life in America“. 80 Porträts mit persönlichen Statements und 18 Kurzfilme sind auf der Homepage Embodimentusa.com zu finden, sie werden episodisch veröffentlicht und ausgetauscht. Molly Landreth hofft, dass diese Bilder so etwas wie ein bleibendes Archiv für kommende Generationen werden. „Brave new vision of what it means to be queer in America today“, steht darüber. Tatsächlich ergeben diese Bilder ein Porträt des „anderen“ Amerika – zugleich aber auch eines des gewöhnlichen Amerika und wie es mit diesen alternativen Lebensformen umgeht. Zum einen zeigen die Bilder das klassische Setting US-amerikanischer Romanzen, wie man sie aus den Hollywood-Studios kennt. Hier aber werden sie neu erzählt, neu gedeutet. Ein lesbisches Pärchen in ihrem Auto mit Blick auf das nächtliche Seattle. Eine Frau mit ihrem Mann, den Kindern und ihrer Lebensgefährtin vor einem Holzhaus im Wald. Oder ein junger Mann auf einer Rollschuhbahn. Es sind die Orte, an denen sich auch die klassischen Liebesnarrative abspielen, doch auf Molly Landreths Bildern werden sie von anderen, von queeren Lebensformen bevölkert. Diese Menschen erzählen Molly Landreth ihre Geschichte; und nicht selten ist diese Geschichte eine von Unterdrückung, Identitätskämpfen und Schmerzen.

„Me Me Me. Sometimes even discussing my own identity creates boundaries and constraints that I am not entirely comfortable with“, heißt es unter dem Bild von Elliot, aufgenommen 2007. „Queer is probably the most suitable name for my identity because it allows for Auidity, but even Queer has it’s expectations and associations that I don’t feel represent me.“ 2011 hat Elliot seine Geschichte ergänzt. Er hat nun die letzte seiner OPs hinter sich, aber immer noch weigert er sich, eine einzige Identität vollständig anzunehmen. Sprache, sagt er, könne nicht angemessen beschreiben, wie er sich selbst in der Welt fühlt und situiert.

Dyiamond (sic!) Dynasty aus Saint Louis fotografierte Molly 2009. Als das Bild aufgenommen wurde, habe er sich verwirrt und verängstigt gefühlt, sagt Dyiamond 2011. Er trägt darauf ein Shirt mit stilisierten Einschusslöchern. Im Video erzählt er von befreundeten Transgender, die ermordet wurden.

Molly hat auch zahlreiche Paare fotografiert. Es sind intime Einblicke in die Beziehungen, oft liegen die Partner_innen in ihrem Bett, oder sie sitzen gemeinsam am Küchentisch. „Es liegt viel Stärke darin, die Mitglieder dieser marginalisierten Community zu zeigen, die so stark sein müssen und miteinander doch so zart umgehen“, sagt Molly dazu. „Statt völlig übersexualisierte Bilder zu machen, geht es in meinen Fotos um Stärke und Ehrlichkeit – ohne jede Scham oder Verlegenheit.“ Bei all der Stärke aber will Molly Landreth die Enttäuschungen und die Einsamkeit, die das Anderssein und ein Leben nach dem Outing mit sich bringen können, in ihren Bildern nicht verschweigen. Ihre Bilder sind Porträts von Menschen, und sie zeigen alles, was diese Menschen bewegt: Schmerz und Verzweiflung, Angst und Wut ebenso wie Liebe, Glück und Geborgenheit. „Ich will eine große Spanne an Emotionen und eine große Spanne an Leben abbilden“, sagt sie, und tatsächlich ist jedes einzelne Bild genau das: ein ganzes Leben. 

http://embodimentusa.com

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an.klang: Big Noises https://ansch.4lima.de/big-noises/ https://ansch.4lima.de/big-noises/#respond Mon, 31 Oct 2011 10:40:58 +0000 https://anschlaege.at/?p=2164 Belebendes, Hoffnungsvolles, Verhextes und Gruseliges hat CHRISTINA MOHR zusammengetragen.

 

Lange angekündigt, jetzt endlich da: das Album von Wild Flag (Wichita/Cooperative), der Post-Riot Grrrl-Allstarband von Mary Timony (Helium), Carrie Brownstein (Sleater-Kinney), Rebecca Cole (The Minders) und Janet Weiss (Sleater-Kinney, Quasi). Und es tut so gut, sie zu hören: „Romance“, „Electric Band“ und die Single „Future Crimes“ verbinden Punkrock, Grunge und Garage mit Girlgroup-Gesang – super! Wild Flag beschränken sich keineswegs auf leicht verdauliche Dreiminüter: Songs wie „Glass Tambourine“ oder „Endless Talk“ zerren an den Nerven und treten in den Hintern; Carrie Brownsteins Stimme galt stets als „anstrengend“, und, yeah, das ist sie immer noch! Dass Brownstein überdies vom „Rolling Stone“ als einzige Frau zu den „25 unterschätztesten Gitarristen“ gezählt wird, ist zwar eine zweifelhafte Auszeichnung, aber bei Wild Flag zeigen sie und Mary Timony, wie man tonnenschwere Riffs elegant und ohne Mackergehabe spielt. Wild Flag beleben Riot Grrrlsm neu – keine Frage des Alters, sondern der attitude.

Alle paar Wochen wird eine andere junge Sängerin als neue Soul-Hoffnung angepriesen – aber Soul ist mehr als mit dickem Eyeliner garnierter Retro-Schubidu. Soul kommt von tief drinnen, ist ein Gefühl, süß und schwer. Die nigerianisch-deutsche Songwriterin Nneka nennt ihr neues Album Soul Is Heavy (Four Music/Sony), und es hat kaum etwas mit angesagtem Neo-Soul gemein. Seit dem Hit „Heartbeat“ gilt Nneka als ernstzunehmende Schwester Lauryn Hills und Erykah Badus; „Soul Is Heavy“ zeigt, dass diese Vorschusslorbeeren verdient sind. Unterstützt von Ms Dynamite und Rapper Black Thought von The Roots zelebriert Nneka ihr eigenes Soul-Update. Sie mixt HipHop, Motown-Soul, afrikanische Beats und Reggae, in den Texten verhandelt sie die ewig gültigen Themen Liebe, Schmerz, Krieg, Gott und Tod. Über allem schwebt Hoffnung, besonders schön in „Shining Star“.

Wer No Wave-Ikone Lydia Lunch als zornige Spoken Word-Performerin kennt und einem Gig ihrer Band Big Sexy Noise beiwohnt, wird überrascht sein, wie viel Spaß sie auf der Bühne hat – jawohl Spaß, der so weit geht, dass La Lunch nach dem Konzert Bandlogo-Slips signiert. Lunchs Indie-Supergroup – Terry Edwards (PJ Harvey), Ian White und James Johnston (Gallon Drunk) – fabriziert grollenden, tiefschwarzen Blues-Punkrock-Lärm, der in die Magengrube fährt. Weil Lunch keine halben Sachen macht, klingen Big Sexy Noise auf ihrem zweiten Album Trust the Witch (Indie Europe/Zoom) ein bisschen overdone, zumindest, was den Gesang angeht. Bei „Ballin’ the Jack“ und „Mahakali Calling“ presst Lunch das Hardrockmonster aus sich heraus, röhrt und faucht wie eine Doro Pesch from hell. Was ihr mehr liegt und der Musik besser tut, ist kaputt-laszives, unheilschwangeres Leiern wie bei „Not Your Fault“ und das Rap-Stakkato von „Where You Gonna Run“. Selbstverständlich lässt Lunch es sich nicht nehmen, mit ihrer Hexenhaftigkeit zu kokettieren (Trust the Witch!) und singt von Tod und Teufel – Mummenschanz, aber tolle Musik: Big Sexy Noise eben.

Die Multiinstrumentalistin und Opernsängerin Yvonne Cornelius alias Niobe nahm für ihren Künstlerinnennamen eine Figur der griechischen Mythologie zum Vorbild, der schreckliche Dinge widerfuhren, die sie durch ihren Hochmut provoziert hatte. Niobes neues Album The Cclose Calll (Tomlab) beschäftigt sich damit, wie es wäre, wenn alles schlimm enden würde: Wenn der Stalker plötzlich im Zimmer stünde. Wenn der Erfolg als Künstlerin ausbliebe und sie ihr Dasein als Hotelbarsängerin fristen müsste. Wenn der Autopilot versagte. Die Musik zu diesen Schreckensvisionen ist von eigentümlicher Schönheit: Niobe baut die Stücke wie Hörspiele auf, schichtet Spur auf Spur, illustriert sie mit gruseligem Telefonklingeln wie in „Stop! You Send For Me“ und singt mit verfremdeter Stimme. Auf ihrem letzten Album dekonst-ruierte sie Swing und Jazz, „The Cclose Calll“ widmet sich der düsteren Seite des Rock’n’Roll: Niobes musikalischer Partner St. Lindemer spielt verhallte Bass- und Gitarrenparts und sorgt bei „Does He Gallop O Walk“ oder dem an Suicide erinnernden „Stuck To The Fact“ für Horrorfilmambiente. Melodien bleiben Fragmente, Ahnungen, die geisterhaft zur Tür hinauswehen, und sich doch festhaken.

Links:
www.facebook.com/wildflag
www.nnekaworld.com
http://lydia-lunch.org/www.myspace.com/niobeniobe

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Hebammenarbeit für die Toten https://ansch.4lima.de/hebammenarbeit-fur-die-toten/ https://ansch.4lima.de/hebammenarbeit-fur-die-toten/#comments Mon, 31 Oct 2011 10:31:38 +0000 https://anschlaege.at/?p=2159 Gut und liebevoll mit den Toten umgehen. Den Angehörigen genügend Zeit und Rituale für den Abschied geben – das bietet das Bestattungsunternehmen DIE BARKE. Mitbegründerin AJANA HOLZ und ihre Kollegin MERLE VON BREDOW schilderten SVENJA HÄFNER ihre ganz eigenen Arbeitsweisen.

 

an.schläge: Aus welchen Beweggründen heraus habt ihr euer eigenes Bestattungsunternehmen gegründet? Was waren eure persönlichen Motive, euch so intensiv mit dem Thema Tod zu beschäftigen?

Ajana Holz: Mir wurde das während einer dreijährigen schamanischen Ausbildung bei Ute Schiran klar. Im Gespräch mit meiner damaligen Gefährtin Brigitte wurde dann 1995 die Idee geboren, ein Bestattungsunternehmen zu gründen. In dieser Zeit sind auch zwei Freundinnen gestorben, und ich erlebte zum ersten Mal, wie wenig Unterstützung es hier gibt. Ich wollte als junge Frau Hebamme werden, und plötzlich fügte sich alles zusammen: Übergänge – Geburt – Leben – Tod – Sterben, also die andere Seite der Geburt, eine notwendige Hebammenarbeit für die Toten, die aus diesem Leben hinaus geboren werden. So wurden wir „Seelen-Hebammen“ für die Toten, Übergangsbegleiterinnen, erst nur für Frauen und Kinder, um ihnen den notwendigen Schutz für ihre Würde zu geben, später dann für alle. Nach vier Jahren Vorbereitungszeit haben wir 1999 „Die Barke“ gegründet, ohne Eigenkapital und ohne Sicherheiten. Meine Großmutter, die ich sehr geliebt habe, war die zweite Tote, die wir bestattet haben. Die erste war Gita Tost, eine bekannte feministische Lesbe, die damit zu unserer „Patin“ wurde. Und mittlerweile haben wir auch Freundinnen bestattet. Jedes Mal habe ich erfahren, dass ohne Zeit für den Abschied bei den Toten ein Begreifen überhaupt nicht möglich ist.

Sich innerhalb der Normen zu bewegen und gleichzeitig auch außerhalb des Systems, das ist die Meisterinnenleistung jeder radikal feministischen Lesbe. Das machen wir mit der BARKE jetzt schon seit zwölf Jahren.

Welche Erwartungen haben eure Kund_innen an euch?

Merle von Bredow: Wir werden oft gerufen, weil wir empfohlen wurden oder weil unsere Internetseite gefiel. Die meisten, die uns rufen, rufen uns deswegen, weil sie mehr Raum haben und mehr Zeit mit ihren Toten verbringen möchten, und weil sie wissen, dass wir gut und liebevoll mit ihren Toten umgehen. Manche rufen uns auch gerade deswegen, weil sie wissen, dass bei uns ausschließlich Frauen arbeiten und sie ihre Mutter oder Freundin von Frauen gewaschen und versorgt wissen wollen.

Was unterscheidet euch von den herkömmlichen Bestattungsunternehmen? Was ist euch an eurer Arbeit besonders wichtig?

A. Holz & M. von Bredow: Wir sind auch ein ganz „normales“ Bestattungsunternehmen. Wir haben zwei dunkelrote Bestattungswägen, die von Schreinerinnen als Leichenwagen ausgebaut wurden. Wir übernehmen den ganzen Formalitätenkram und organisieren alles bei Ämtern, Behörden, Friedhöfen etc. Wir haben ökologische Särge und alles, was für Bestattungen, Hausaufbahrungen und Trauerfeiern nötig ist. Die Unterschiede finden sich in jedem Detail: unsere Sorgfalt, unser Umweltbewusstsein und dass die Wünsche der Toten und ihrer Lieben immer im Mittelpunkt unseres Handelns stehen. Wir bieten Hausaufbahrungen an, bringen die Toten auch vom Sterbeort noch einmal nach Hause und finden dabei auch in engen Treppenhäusern (die alle behindern, die nicht auf zwei Beinen unterwegs sein können) einen Weg. Wir empfehlen den Menschen, bei der Totenwaschung dabei zu sein: ein uraltes Menschheitsritual, in Deutschland schon lange in Vergessenheit geraten. Mit der Zeit haben wir erfahren, welche Wirkung und welch ein Zauber sich dabei entfalten kann: Durch die sanfte warme Berührung unserer Hände in Achtsamkeit und mit ganzem Respekt für ihren Körper können wir jedes Mal sehen, wie sich in kurzer Zeit die Gesichtszüge der Toten entspannen, wie sich die Leichenstarre auslöst, wie sich Schock, Schmerz oder Anstrengung aus den Körpern lösen, verkrampfte Hände loslassen – die Hingabe an den neuen Zustand. Ihren Körpern wird die letzte Ehrung gegeben, was besonders bei Frauen etwas ist, was schon zu Lebzeiten so selten oder nie geschieht. Und dann sind übliche Vorstellungen vom Totsein egal, wie z.B. „Das ist doch nur noch die Hülle.“ Ein Körper ist nie „nur“. Und es tut den Angehörigen gut, wenn sie mit uns waschen, einölen, behutsam die Lieblingskleidung anziehen. Sie können noch etwas tun für die Toten. Das ist eine wichtige Voraussetzung, um mit der Trauer leben zu können, um etwas vom großen Mysterium Tod zu begreifen, von diesem ungeheuer lebendigen Zustand und der Präsenz der Toten, die wir und die Angehörigen jedes Mal spüren.

Aber diese Präsenz braucht einen geschützten Raum und Herzensberührung, um sich entfalten zu können. Wenn wir die Toten aus den Kühlfächern eines Krankenhauses holen, nackt, kalt, erstarrt, ihrer Würde beraubt, oder wenn wir verletzte Unfalltote aus ihren Plastiksäcken befreien, dann müssen wir sie erst einmal lange berühren, waschen, eventuell Wunden verbinden, mit ihnen in Kontakt sein und diesen Körpern ihre Würde zurückgeben. Und dann passiert es immer, selbst da, wo wir selbst nicht mehr daran geglaubt haben: Sie „erwachen“ wieder, werden lebendig auf diese nur mit dem ganzen Körper begreifliche, tief berührende Weise, und alle haben das Gefühl, dass sie jeden Moment wieder atmen. Dann, so paradox es klingen mag, beginnen sie ihren Weg weiterzugehen. Und die abschiednehmenden Lebenden können sie gehen lassen. Durch diese Präsenz und Lebendigkeit lehren uns die Toten über den Tod, und damit „helfen“ die Toten den Lebenden beim Abschied. Unsere Arbeit ist es, das auf jede Art und Weise zu unterstützen.

Wir achten übrigens im Besonderen bei Frauen, aber auch bei Männern, immer darauf, dass sie nie ganz nackt liegen, und das Waschen im Intimbereich übernehmen in den meisten Fällen wir selbst, ohne sie zu entblößen, weil solch eine Nähe für die uns begleitenden Angehörigen und für die Verstorbenen nur sehr selten stimmt.

Wie erlebt ihr den gesellschaftlichen Umgang mit dem Tod?

A. Holz & M. von Bredow: Tod wird noch immer verdrängt. Die irrationale Angst und der Ekel vor dem Kontakt mit den Toten hat dazu geführt, dass Tote in der Regel wie giftiger Müll entsorgt werden. Mit Chemikalien und Desinfektionsmitteln werden die Toten oft erst giftig gemacht, was schädlich für uns und die Umwelt ist. Nichts an Toten ist zu keinem Zeitpunkt giftig oder schädlich für Lebende. In der gewaltsamen patriarchalen Abspaltung und Trennung von Leben und Tod wurde vergessen, dass aus allem, was stirbt, fruchtbare Erde entsteht, aus der alles neu wächst. Ohne Tod kein Leben.

Wie viel Raum wird der Trauer um einen Menschen heute noch gegeben und zugestanden?

M. von Bredow: In unserer Gesellschaft wird grundsätzlich den Menschen nicht viel Zeit zugestanden. Das erleben wir immer wieder, wenn wir in Großstädten Trauerfeiern organisieren. Auf vielen Friedhöfen werden Trauerfeiern im 20-Minutentakt abgehalten. Wenn die Menschen es sich leisten können, dann buchen wir schon auch mal die zwei- bis dreifache Zeit, damit für die Abschiedsfeier angemessen Zeit ist.

Für diejenigen, die sich das nicht leisten können, organisieren wir es so, dass sie stattdessen mehr Zeit am Grab haben oder dass die Trauerfeier an einem anderen Ort stattfindet. Je nach Verwandtschaftsverhältnis bekommen die Menschen oft nicht mal einen Tag frei, um sich verabschieden zu können, und müssen Urlaub nehmen. Wir müssen funktionieren, da hat der Tod keinen Platz und muss „nebenher“ bewältigt werden.

Trauern Frauen anders bzw. brauchen Frauen und Männer ihre jeweils eigene Art von Trauerbegleitung?

M. von Bredow: Gesellschaftlich bedingt ist es schon so, dass wir Unterschiede wahrnehmen. Männer haben oft mehr Angst davor, dem geliebten gestorbenen Menschen zu begegnen. Frauen tun sich da leichter und sind sehr froh über unsere Angebote, beim Waschen und Versorgen ihrer Toten dabei zu sein oder selbst mit Hand anzulegen. Wir geben aber allen Menschen die Sicherheit, alles tun zu können, was sie selber tun möchten. Andererseits müssen sie aber nichts tun.

Der trauernde Ehemann oder Vater geht dann manchmal lieber selber zum Standesamt, um die Sterbeurkunden und Papiere für seine Ehefrau oder sein Kind zu holen. Aber insgesamt heben sich diese unterschiedlichen Herangehensweisen oft auch auf, weil wir den Menschen so viel Sicherheit geben.

Da sagen uns Sohn und Tochter, die ihre Mutter mit uns behutsam gewaschen und sanft eingeölt haben, schon auch mal, dass ihnen dieses Erlebnis eine lange Therapie erspart hat, oder die Ehefrau, die ihren Ehemann jahrelang gepflegt hat, freut sich, dass wir ihr das Versorgen und Waschen ihres Mannes abnehmen und sie sich einfach nur daneben setzt und uns währenddessen von dem Leben mit ihrem Mann erzählt.

 

DIE BARKE, Bestattung & Begleitung in Frauenhänden. Mobiles bundesweites Bestattungsunternehmen, www.die-barke.de, info@die-barke.de

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Käthe erklärt die Krise https://ansch.4lima.de/kathe-erklart-die-krise/ https://ansch.4lima.de/kathe-erklart-die-krise/#respond Mon, 31 Oct 2011 10:18:53 +0000 https://anschlaege.at/?p=2154 Käthe Knittler Feminismus AnschlägeDie „Krise“ war doch schon vorbei, warum gehen jetzt Staaten bankrott? Wer und was ist eigentlich in der Krise und warum? Die feministische Ökonomin KÄTHE KNITTLER hat Antworten für alle, die bei komplizierten Wirtschaftsberichten längst ausgestiegen sind. Protokolliert von GABI HORAK]]> Käthe Knittler Feminismus Anschläge

Die „Krise“ war doch schon vorbei, warum gehen jetzt Staaten bankrott? Wer und was ist eigentlich in der Krise und warum? Die feministische Ökonomin KÄTHE KNITTLER hat Antworten für alle, die bei komplizierten Wirtschaftsberichten längst ausgestiegen sind. Protokolliert von GABI HORAK

Käthe Knittler Feminismus Anschläge
Käthe Knittler, Foto: Lisa Bolyos

an.schläge: Was ist diese „Krise“? Warum spielt die Wirtschaft seit 2008 verrückt?

Käthe Knittler: Um den Ursachen für die Krise auf den Grund zu gehen, müssen wir weiter zurückschauen: In den Nachkriegsjahren bis in die 1970er Jahre war ein Wirtschaftssystem dominant, das als Fordismus bezeichnet wird. Das hat für 30 Jahre, zumindest für einen Teil der Welt, ganz gut funktioniert: Wirtschaftswachstum, relativ niedrige Arbeitslosigkeit, aufbauend auf Massenproduktion und Massenkonsum. Dieses System ist in den 1970er Jahren in die Krise gekommen, Massenproteste haben zugenommen. Ende der 70er kam es zur Ölkrise, und das System fixer Wechselkurse ist zusammengebrochen, insgesamt hat sich das negativ auf die Gewinne ausgewirkt. War die Politik bis dahin noch von einem Denken geprägt, das Staatsinterventionen ebenso wie wirtschaftliche Ankurbelungsmaßnahmen erlaubte, kam es in den 1980er Jahren zu einem wirtschaftspolitischen Umschwung hin zum Neoliberalismus, wie wir ihn heute kennen: Zurückdrängen von Gewerkschaften, eine Erstarkung von Unternehmensinteressen. Zugleich gibt es einen starken Anstieg an Gewinnen aus Finanztransaktionen, d.h. Gewinne werden weniger mit realen Gütern, Dienstleistungen, Rohstoffen gemacht, sondern damit, dass das Geld sich am Finanzmarkt scheinbar durch sich selbst vermehrt, durch den Handel über Spekulationsgeschäfte und Wechselkursgeschäfte u.Ä. – der Finanzsektor hat in den letzten zehn bis zwanzig Jahren immer mehr an Bedeutung gewonnen.

Und was ist passiert, dass dieses System nun nicht mehr funktioniert? Wie war der Krisenverlauf?

Zunächst gab es in den USA die „sub prime“-Krise oder „Immobilien-Krise“. Sub-Primes sind Wertpapiere mit niedriger Bonität, „schlechten“ Gläubigern oder Gläubigerinnen. Das waren in den USA diese Hypothekarkredite, die massenhaft an Personen vergeben wurden, obwohl klar hätte sein müssen, dass sie die Kredite schwer zurückzahlen können. Die Banken blieben dann auf diesen Krediten sitzen, als der Immobilienmarkt zusammengebrochen ist. Der Grund, warum aber so ein großer Bedarf für diese Kredite bestanden hat, war, dass die Löhne in den USA für den Großteil der Menschen so niedrig sind, dass sie ohne Kredite nicht leben können oder keine Häuser bauen können, weil es auch keinen staatlichen Wohnungsbau gibt. Das hat mit der neoliberalen Umstrukturierung zu tun: Die Lohneinkommen sind gesunken. Ähnliche Symptome finden sich auch in Spanien. Im Laufe der Immobilien-Krise gab es noch die leise Hoffnung, dass sich die Krise auf das eine Marktsegment in den USA beschränkt. Aber die Krise hat doch auf die Banken übergegriffen, das war der Beginn der „Finanzkrise“. Die Banken untereinander haben das Vertrauen verloren, spätestens als die große US-Bank „Lehman Brothers“ in Konkurs gegangen war. Die Banken verleihen ja untereinander Geld und handeln mit Krediten, und wenn dann das Vertrauen nicht mehr da ist, verlangen sie mehr Zinsen voneinander. Dadurch wird es immer schwieriger und teurer, sich Geld auszuborgen. Damit werden aber auch Kredite für KundInnen und Unternehmen teurer. So ist die Krise übergeschwappt auf den sogenannten realen Sektor; 2008/2009 kam es zu ersten großen Firmenpleiten und Entlassungen. Damit hatten auch Privathaushalte weniger Geld, sie konnten weniger konsumieren, und auch das wirkte sich für die gesamte Wirtschaft nachteilig aus. Somit kam es von der „Finanzkrise“ zur „Wirtschaftskrise“. Die „Wirtschaftskrise“ 2009 führte zu einem beispiellosen Rückgang des Wirtschaftswachstums. Das BIP ist kleiner geworden, anstatt – wie üblich – größer, je nach Land in unterschiedlichem Ausmaß, und die Arbeitslosigkeit ist in allen Ländern massiv angestiegen. Plötzlich haben die ganzen neoliberalen Wirtschaftsbosse und Bankenbosse nach Hilfe vom Staat gerufen. Diese Hilfe gab es auch, die Staaten haben viel Geld zugeschossen. Zugleich sind durch die „Wirtschaftskrise“ die Lohneinkommen, Konsumausgaben etc. gesunken, d.h. in all den Bereichen hat der Staat über Steuern weniger eingenommen, hatte aber höhere Ausgaben durch die Konjunktur-Maßnahmen und höhere Ausgaben in der Arbeitslosenversicherung. So landeten wir beim vierten Schritt, bei dem wir heute sind, bei der „Staatsschuldenkrise“.

Was heißt denn „neoliberale Wirtschaftspolitik“ genau?

Neoliberale Wirtschaftspolitik fordert: Privatisierungen, Deregulierungen, Flexibilisierung des Arbeitsmarkts und auch des Finanzmarkts, möglichst wenige Staatsinterventionen – kurzum neoliberale Wirtschaftspolitik ist ein großer Umverteilungsmechanismus. Die Wirtschaft an sich sei stabil, wird da behauptet, und führe von sich heraus nicht zu Ungleichgewichten und  Wirtschaftskrisen – wenn es dazu kommt, dann seien externe Faktoren daran schuld. Deshalb Rückzug des Staates aus allen Bereichen, außer zum Schutz des Privateigentums, zur Sicherstellung der Rechtsverträge, Landesverteidigung u.Ä.

Neoliberale Wirtschaftspolitik ist seit den 1980er Jahren dominant: vertreten in Großbritannien durch Margret Thatcher, in den USA durch Ronald Reagan. Zur Durchsetzung der Politik kam immer die Drohung: Wenn das nicht passiert, dann wandern die Unternehmen ab. Ähnliche Drohungen gibt es heute noch, allerdings kommen durch die Krise neue Durchsetzungsmechanismen hinzu. Griechenland wird de facto erpresst: Entweder die Sparmaßnahmen im öffentlichen Bereich und Privatisierungen etc. werden umgesetzt, oder es gibt kein Geld. Dieselben Forderungen wurden in den 1980er Jahren über IWF und Weltbank übrigens auch an verschuldete Länder Afrikas und Lateinamerikas gestellt – mit massiven Verarmungsfolgen für die Bevölkerung.

Wurde neoliberale Wirtschaftspolitik durch die Krise sogar noch gestärkt?

Als die Wirtschaftskrise die Unternehmen und Banken direkt stark betroffen hatte, war es nicht so. Da wurde sogar nach staatlicher Unterstützung und Regulierung gerufen. Kaum hatte sich die Wirtschaft aber wieder erholt, erstarkte das neoliberale Denken erneut und ist heute wahrscheinlich institutionell sogar noch stärker verankert.

Der Kapitalismus ist also nicht in der Krise?

Für den Großteil der Menschheit war und ist der Kapitalismus schon immer – auch ohne Krise – eine Katastrophe. Jetzt sind Teile der industrialisierten Welt in einer substanziellen Krise, und die Aufregung ist viel größer. Finanzkrisen hat es in den 1980er Jahren in Ländern Afrikas und Lateinamerikas massiv gegeben, wo wahrscheinlich sogar mehr Menschen leben als in den Regionen, die jetzt betroffen sind, und da hat niemand von einer Weltwirtschaftskrise geredet.

Wieso muss der Staat eigentlich Banken retten? Was wäre so schlimm daran, wenn die einfach pleitegehen?

Wenn eine Bank bankrottgeht, wie es ja manchen ergangen ist, ist das gesamtwirtschaftlich nicht so schlimm, die Angestellten der Bank werden arbeitslos, und ein paar beteiligte Leute haben Verluste. Wenn aber alle Banken bankrottgehen, dann ist der Kapitalismus gestorben. Banken verwalten das Geld, und ohne Geld gibt es keinen Kapitalismus. Unternehmen und Staaten brauchen Kredite, das ist etwas ganz Normales im Wirtschaftsprozess. Das war auch die Befürchtung in den USA zu Beginn der Finanzkrise: Wenn die Staaten eine Bank nach der anderen bankrottgehen lassen (die „Lehman Brothers“-Pleite war der Anfang), könnte das einen Domino-Effekt auslösen, alle Leute wollen ihre Spareinlagen abheben, aber dann bricht das gesamte Bankensystem ein, denn so viel Geld hat keine Bank. Banken leben ja davon, dass sie das Geld, das sie bekommen, auch wieder verborgen bzw. andere Geschäfte damit machen.

In Griechenland wird massiv gespart, weil der Staat eigentlich bankrott ist. die Menschen wehren sich gegen den sozialen Kahlschlag. Kann so eine Situation auch in Österreich entstehen?

Wie krisengefährdet ein Land ist, hängt von sehr vielen Faktoren ab. Die Staatsverschuldung alleine ist nicht ausschlaggebend. Griechenland hat im Vergleich zu anderen europäischen Ländern zwar einen hohen Schuldenstand, aber nicht den höchsten. Was in Griechenland aber passiert ist: Wie alle Länder nimmt Griechenland Kredite auf zur Refinanzierung. Nun haben die Rating-Agenturen die Bonität herabgestuft, mit der Folge, dass Griechenland wesentlich mehr Zinsen für neue Kredite zahlen muss, sodass es sich die Kredite nicht mehr leisten kann. Bei der Herabstufung spielen viele Wirtschaftsindikatoren eine Rolle: das Budgetdefizit, aber auch das Wirtschaftswachstum, Arbeitslosigkeit, Leistungsbilanzdefizit u.Ä. Und bei allen diesen Indikatoren ist Österreich relativ gut aufgestellt. Was übrigens auch heißt, dass Österreich wie auch Deutschland von der Griechenland-Krise über die Handelsverflechtungen durchaus auch profitiert hat, wie auch einige Banken und andere Gläubiger und Gläubigerinnen, weil sie nun sehr hohe Zinsen bekommen. Ob es auch in Österreich zu einer massiven Krise kommen kann, hängt davon ab, wie es sich insgesamt weiterentwickeln wird. Das ist schwer vorauszusagen, aber durchaus möglich.

Die Gehälter von ManagerInnen steigen, die Reichen werden immer reicher, die Armen immer ärmer. Gleichzeitig wird der Bevölkerung erklärt, dass nun alle sparen müssen, Sozialleistungen werden gekürzt, Strom und Gas werden immer teurer, „Leistung“ wird eingefordert. Ist es nicht längst Zeit für einen Generalstreik?

Die Streikkultur in Österreich schaut – etwa im Vergleich zu Griechenland – ganz anders aus: „Wir“ sind viel braver, die Gewerkschaften sind braver und eingebunden in den Staatsverwaltungs-Apparat. Umgekehrt gibt es die Kultur des Jammerns, aber am Biertisch, und von dem rührt man sich dann nicht weg. Andererseits haben Protestbewegungen oft auch eine Dynamik, die nicht vorhersehbar ist. Das hat sich zuletzt bei den Studierendenprotesten gezeigt – das waren massive Proteste, mit denen niemand vorab gerechnet hat. Insofern kann ich mir gut vorstellen, dass es auch in Österreich zu größeren Protesten kommt. Und es ist klar, dass es die braucht, damit das System sich grundlegend ändert. Das hat sich ja zuletzt in vielen Ländern gezeigt. Weltweit betrachtet sind die Proteste mittlerweile größer als 1968.

Investieren oder sparen: die einen sagen, Staat und Gesellschaft müssen sparen, damit die Schulden weniger werden. die anderen sind überzeugt davon, dass eine Wirtschaftskrise nur durch Investitionen zu überwinden ist, denn nur so wird die Wirtschaft angekurbelt, Arbeitsplätze geschaffen, Konsum gesteigert etc. Wer hat recht?

Prinzipiell sind sich alle einig, dass investiert werden soll, die Streitfrage ist nur: Wer soll investieren? Soll der Staat investieren oder private Unternehmen? Eine kapitalistische Wirtschaft funktioniert nur über Investitionen, doch die Neoliberalen schränken ein: Der Staat soll es nicht tun, weil der macht lauter Fehler.

Welche spezifischen Auswirkungen hat die Krise auf Frauen?

Grundsätzlich und auch bei den Auswirkungen der Krise wird im Normalfall immer nur der monetäre Bereich betrachtet: Staatsverschulden, Unternehmensgewinne, manchmal auch die Einkommen. Da ist man aber schon progressiv, wenn auch die sinkenden Einkommen mitbedacht werden. Aber es wird nie geschaut, was mit der unbezahlten Arbeit passiert, oder was passiert, wenn in einem Haushalt die Einkommen sinken – beispielsweise wegen der staatlich subventionierten Kurzarbeit oder der steigenden Arbeitslosigkeit. Dadurch wird die materielle Basis des Haushaltes geschwächt, was u.a. dadurch ausgeglichen werden kann, dass mehr selber gekocht wird, mehr selber repariert etc. – das wird zu 80 Prozent von den Frauen geleistet. Genauso der Pflegebereich: Wenn Krankenhaus und Pflegeheim nicht mehr leistbar sind, übernehmen das die Frauen. Noch dazu sind bei Kürzungen im Gesundheitsbereich v.a. Frauenjobs betroffen. Das ist in der Diskussion um die Krise völlig unsichtbar. Denn unbezahlte Arbeit ist in den Wirtschaftswissenschaften kein Faktor, es fließt ja kein Geld, deshalb taucht es in den Bilanzen nicht auf. Eine ganz andere Frage ist noch, inwiefern es zu einem Anstieg von physischer oder psychischer Gewalt gegen Frauen kommt. Das wird auch kaum diskutiert. Jedenfalls wird in Arbeitsstunden gemessen in Österreich mehr unbezahlt gearbeitet als bezahlt. Würden wir die unbezahlte Arbeit niederlegen, würde die Wirtschaft innerhalb kürzester Zeit zusammenbrechen.

Ein bedingungsloses Grundeinkommen, d.h. ein existenzsicherndes Einkommen für alle Menschen ohne Voraussetzungen und in jeder Lebenslage: Ist das eine Lösung gegen die Armutsspirale?

Auf jeden Fall. Es steht und fällt jedoch mit der Höhe des Grundeinkommens, es muss tatsächlich mindestens existenzsichernd sein. Gefordert wird eine Höhe, die ein gutes Leben ermöglicht. Das hat zwei große Vorteile: Erstens, dass die ganze unbezahlte Arbeit zumindest symbolisch anerkannt wird. Zweitens befreit es die Menschen vom Zwang der Lohnarbeit, d.h. ich muss den Niedriglohn-Job nicht annehmen. Und wenn den dann keiner mehr macht, wird sich das Lohnniveau automatisch steigern. Das macht das Grundeinkommen so attraktiv: Es fangen mehrere Räder aus unterschiedlichen Wirtschaftsbereichen zugleich an, sich zu drehen. In Kanada wurde das Grundeinkommen in den 1980ern in einer Region mal probeweise eingeführt, und sofort ging die Scheidungsrate nach oben, weil plötzlich die ökonomische Unabhängigkeit der Frauen höher war.

 

Käthe Knittler ist feministische Ökonomin. Lebt und arbeitet in Wien. Hat Volkswirtschaft studiert und hält Lehrveranstaltungen zu feministischer Ökonomie. www.forschungswerkstatt.org

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