neuland – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de Sun, 26 Nov 2023 08:42:15 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.0 https://ansch.4lima.de/wp-content/uploads/2024/10/cropped-favicon-32x32.png neuland – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de 32 32 Keine gemeinsame Sprache https://ansch.4lima.de/keine-gemeinsame-sprache/ https://ansch.4lima.de/keine-gemeinsame-sprache/#respond Sun, 26 Nov 2023 08:42:13 +0000 https://anschlaege.at/?p=113801 Illustration: Sabrina WegererSprachen zu lernen, ist ein großer Aufwand. Ein noch größerer Aufwand ist es, zu kommunizieren, was man wirklich denkt. Insbesondere, wenn man keine gemeinsame Sprache teilt. Viele Kinder von migrierten Eltern verlernen nach einer gewissen Zeit die Sprache ihrer Eltern, wenn sie in einem anderssprachigen Umfeld aufwachsen. Nur jene, die Glück haben – ich darf […]]]> Illustration: Sabrina Wegerer

Sprachen zu lernen, ist ein großer Aufwand. Ein noch größerer Aufwand ist es, zu kommunizieren, was man wirklich denkt. Insbesondere, wenn man keine gemeinsame Sprache teilt.

Viele Kinder von migrierten Eltern verlernen nach einer gewissen Zeit die Sprache ihrer Eltern, wenn sie in einem anderssprachigen Umfeld aufwachsen. Nur jene, die Glück haben – ich darf mich dazu zählen – können später im Erwachsenenalter mit mehreren Sprachen jonglieren.

Doch für viele junge Menschen, deren Eltern migriert sind, gehört es zur Realität, dass sie sich nicht vollständig mit ihnen austauschen können. Während einfache, alltägliche Kommunikation durchaus gut läuft, verläuft es sich bei Themen, die mehr Vokabular benötigen, schwieriger. Was muss das für ein Gefühl sein, mit seinen eigenen Eltern nicht die tiefsten Sorgen teilen zu können, nicht so verbunden sein zu können, allein weil die Sprache dafür fehlt?

Und wie ist es mit Paaren, die von Beginn an keine gemeinsame Sprache hatten? Ich denke da an meine Eltern und daran, wie sie sich kennenlernten. Denn mein Vater sprach nur gebrochenes Japanisch, meine Mutter damals kein Wort Deutsch. Irgendwie schafften sie es trotzdem, sich die Bälle zuzupassen, den Ball des jeweils anderen aufzufangen, auch, wenn sie nicht wussten, wohin er geworfen wird. Doch worüber sprachen sie? Wie tauschten sie sich aus, wie kommunizierten sie über ihre intimsten Zweifel, über ihre sehnsüchtigsten Wünsche?

Im Laufe der Jahre entwickelten meine Eltern eine gemeinsame Sprache, eine, die nur sie beide verstanden, und wir Kinder, weil wir damit aufwuchsen. Ich frage mich aber, ob sie irgendwann gelernt haben, in ihrer eigenen gemeinsamen Sprache auch ihre Geheimnisse zu teilen. Und falls nein – was das mit ihnen macht. Was das für ein Gefühl sein muss, selbst mit der intimsten Person nicht offen über die eigenen Gedanken sprechen zu können. Und ob das auf Dauer nicht furchtbar einsam macht. Die Fragen häufen sich, Antworten habe ich selbst keine.

Shoko Bethke ist freie Autorin und lebt und schreibt derzeit aus Tokyo. Auch hier weigert sie sich, fürs Ramen-Essen Geld zu bezahlen, weil sie sie selbst besser zubereiten kann.

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neuland: hidden playlist https://ansch.4lima.de/neuland-hidden-playlist/ https://ansch.4lima.de/neuland-hidden-playlist/#respond Mon, 04 Sep 2023 04:30:32 +0000 https://anschlaege.at/?p=111784 Illustration: Sabrina WegererAls Teenager ist einem alles peinlich. Die Eltern zum Beispiel, wenn der Vater am Strand einen Badeslip trägt, statt – wie alle anderen Männer – Badeshorts. Auch das eigene Aussehen war mir lange unangenehm, ein Klassiker der Teenagerprobleme. In meinem Fall gehörte aber auch die Musik dazu, die ich in der Öffentlichkeit nur heimlich hörte. […]]]> Illustration: Sabrina Wegerer

Als Teenager ist einem alles peinlich. Die Eltern zum Beispiel, wenn der Vater am Strand einen Badeslip trägt, statt – wie alle anderen Männer – Badeshorts. Auch das eigene Aussehen war mir lange unangenehm, ein Klassiker der Teenagerprobleme.

In meinem Fall gehörte aber auch die Musik dazu, die ich in der Öffentlichkeit nur heimlich hörte. In Dauerschleife klang aus meinen Kopfhörern Pop aus Tokyo und Seoul – aber wehe, jemand bekam davon Wind. Sobald ich in die Nähe des Schulhofs kam, drehte ich die Musik leise.

Zehn Jahre später könnte ich mich fragen, was meine Musik von jener der anderen unterschied, doch die Antwort liegt auf der Hand: sehr wenig. Ich hörte japanische Singer-Songwriter, die ein Liebeslied nach dem anderen raushauten, sie waren Japans Taylor Swifts und ­Rihannas. Ich hörte koreanische Männerbands, die in ihren Musik­videos Tänze aufführten, und reiste bis nach Paris, um auf ihren Konzerten zu kreischen – wie es andere bei Coldplay taten. Aber alles, was nicht der amerikanischen oder deutschen Mainstreamproduktion angehörte, wurde bespöttelt. Und das wollte ich in der Schule um jeden Preis vermeiden: Ich hatte keine Lust, den Stempel der Außenseiterin zu haben.

Seit meinem Schulabschluss sind zehn Jahre vergangen, ein bisschen ist ost-asiatischer Kitsch auch in Europa angekommen. Angefangen mit „Gangnam Style“ hat koreanische Popmusik auch dank TikTok an Popularität gewonnen, ganz vorn mit dabei sind BTS und Blackpink. Wirklich Mainstream ist ihre Musik in Europa trotzdem nicht. Heartthrobs sind Jungs wie jene von BTS für die meisten auch nicht, dafür sind sie für nicht-asiatische Augen nicht „männlich genug“ – als gäbe es eine globale Definition der Männlichkeit. Über Geschmack lässt sich bekanntlich streiten, auch beim Pop. Aber nicht, wenn der Unterschied lediglich in Sprache und Aussehen liegt.

Shoko Bethke ist Kolumnistin von neuland und Nachrichtenchefin bei der taz Tageszeitung. Außerdem schreibt sie als freie Autorin für weitere Medien.

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Liebe braucht Gesellschaft https://ansch.4lima.de/liebe-braucht-gesellschaft/ https://ansch.4lima.de/liebe-braucht-gesellschaft/#respond Thu, 28 Jan 2021 10:21:54 +0000 https://anschlaege.at/?p=27385 Illustration: Sabrina WegererDie Pandemie verlangt viel von uns. Wir werden als Gesellschaft gefordert, müssen zu unseren Werten stehen oder sie vielmehr erst finden. Die Kontaktbeschränkungen testen unsere Liebesfähigkeit, unsere Fähigkeit, mit anderen und für andere zu sein. Seit einem Jahr leben wir nun schon mehr oder weniger in kleingemeinschaftlicher Isolation. Ausgerechnet in dieser Zeit habe ich mich […]]]> Illustration: Sabrina Wegerer

Die Pandemie verlangt viel von uns. Wir werden als Gesellschaft gefordert, müssen zu unseren Werten stehen oder sie vielmehr erst finden. Die Kontaktbeschränkungen testen unsere Liebesfähigkeit, unsere Fähigkeit, mit anderen und für andere zu sein.

Seit einem Jahr leben wir nun schon mehr oder weniger in kleingemeinschaftlicher Isolation. Ausgerechnet in dieser Zeit habe ich mich verliebt. War es sowieso schon ein Wunder, in diesen Zeiten einer Liebe im wahrsten Sinne des Wortes begegnen zu können, so ist es nicht leicht, sie in diesen Zeiten zu halten und gar wachsen zu lassen. Und es war natürlich kein Wunder. Es war Tinder. Aber es war bestimmt auch der kleine Kitzel des Nicht-Alltäglichen, im ersten Pandemiesommer einen Menschen zu umarmen, zu streicheln, zu küssen; Körperlichkeit nach Monaten der Isolation. Eine frische, junge Liebe braucht ja auch erst mal keine anderen Menschen, könnte man meinen. Also win-win, diese Pandemie. Ein echtes Liebesnest? Not so much. Ich stelle immer mehr fest, dass Liebe Gesellschaft braucht. Einen Resonanzraum, in dem sie wachsen kann. Der Stress, den unterschiedlichen Phasen der Pandemiewellen und -beschränkungen gerecht zu werden, ist eine Belastungsprobe für eine junge Liebe: Welche Kontakte hat die andere? Kann ich mich darauf verlassen? Was sind das für Leute? Diese Fragen stellten wir uns nicht nur gegenseitig, wir haben sie auch in unseren gewachsenen queeren Familien gehört und diskutiert. Unserer aller Verantwortung in diesen Zeiten reicht nun mal weiter als nur für sich selbst. Im Prinzip bedeutet(e) dies, zwei Familien miteinander zu verbinden, die sich aber weiterhin nicht kennen und sich kein Bild von ei­nander machen können. Das verlangt Vertrauen. Da kann es schon mal schnell im Alltäglichen wackeln und an ganz anderen Stellen knirschen. Dann wünschte ich mir Momente von beschwingter Alltäglichkeit; sie mit Freund*innen zu erleben, Veranstaltungen zu besuchen. Irgendwie fühlt sich das nach mehr Sicherheit an. Aber vielleicht ist es auch nur die Sehnsucht nach mehr Gesellschaft. Mehr Gesellschaft mit/in meiner Liebe.

Peggy Piesche lebt, liebt und arbeitet in Berlin, virtuell global und nunmehr auch in Gera/ Thüringen in der bpb zu Diversität, Intersektionalität und Dekolonialität.

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neuland: Was ist Anti-Blackness? https://ansch.4lima.de/neuland-was-ist-anti-blackness/ https://ansch.4lima.de/neuland-was-ist-anti-blackness/#respond Fri, 26 Jun 2020 07:27:48 +0000 https://anschlaege.at/?p=22020 Illustration: Sabrina WegererDie Welt ist in Aufruhr. Die Pandemie schafft eine kollektiv empfundene Wunde, in der Vieles an die Oberfläche kommt. Verzweiflung, Trauer, Wut und Unsicherheit sind überall spürbar, sie suchen nach Formen der Vereinigung. Die findet sich nun in den globalen Protesten gegen die nicht enden wollende (Polizei-)Brutalität und Gewalt gegen Schwarze Menschen (nicht nur) in den USA. Bei aller Freude über die […]]]> Illustration: Sabrina Wegerer

Die Welt ist in Aufruhr. Die Pandemie schafft eine kollektiv empfundene Wunde, in der Vieles an die Oberfläche kommt. Verzweiflung, Trauer, Wut und Unsicherheit sind überall spürbar, sie suchen nach Formen der Vereinigung. Die findet sich nun in den globalen Protesten gegen die nicht enden wollende (Polizei-)Brutalität und Gewalt gegen Schwarze Menschen (nicht nur) in den USA. Bei aller Freude über die anhaltenden globalen Proteste gegen anti-Schwarzen Rassismus, die Mahnwachen für das Gedenken an das Leben eines Schwarzen Mannes, ist es wichtig, auch zu überlegen, wen wir als gemeinsamen Feind erkoren und wogegen wir ins Felde ziehen. Wir merken schon jetzt, dass etwas nicht ganz richtig ist, wenn es überwiegend Männer sind, deren Leiden uns zu kollektiven Solidaritätsbekundungen bewegen können. Zur selben Zeit, als George Floyd ermordet wurde, starb auch Breonna Tayler durch die Polizei von Louisville. Wenn Mahnwachen und Proteste den Opfern Menschenwürde (zurück)verleihen können, müssen wir uns fragen, warum die Morde an Schwarzen Frauen* und transidentischen Menschen nicht für solche Bekundungen zu „taugen“ scheinen. Unsere kollektiven Empathie-Bekundungen reichen aber auch deshalb nicht, weil sie die Ursünde des Rassismus weiter erhält: Es sind Bekundungen für die „Anderen“ und nicht ein Protest gegen das „Eigene“. Und das ist die zweite schmerzliche Erkenntnis. Das, wogegen wir uns global und kollektiv auch weiterhin stellen müssen, heißt Anti-Schwarzsein/Anti-Blackness. Es ist die historisch, politisch und emotional tief verwurzelte und in uns alle eingeschriebene Dehumanisierung von Schwarzsein. Schwarzsein wurde durch weiße Versklavung und weiße Kolonisierung so zum „Anderen“ gemacht, dass es als Antipode zum Menschsein dient/e. Anti-Schwarzsein ist, was uns in Deutschland davon abhält, umfassende Antidiskriminierungsgesetze, die landesweit gelten, zu etablieren, weil die „Befindlichkeit“ von Schwarzen Menschen dem Wohlfühlgehalt der Norm/alität untergeordnet wird.  Lasst uns nüchtern anerkennen, dass unsere Gesellschaft von strukturellem Rassismus noch immer durchzogen ist und wir uns der Herausforderung der Veränderung und des Abbaus von Exklusion stellen müssen.  

Peggy Piesche arbeitet in der Schwarzen feministischen Bewegung in Deutschland bei ADEFRA e.V. (Schwarze Frauen* in Deutschland). 

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neuland: Unauffällig österreichisch https://ansch.4lima.de/neuland-unauffaellig-oesterreichisch/ https://ansch.4lima.de/neuland-unauffaellig-oesterreichisch/#respond Fri, 28 Jun 2019 20:00:01 +0000 https://www.anschlaege.at/feminismus/?p=10645 Illustration: Sabrina WegererIn allem, was du hier tust und bist, gilt: Austria first. Von MARYAM GHANEM]]> Illustration: Sabrina Wegerer

alltägliche grenzerfahrungen

Wenn du sichtbares Mitglied einer Minderheit bist, agierst du nie für dich selbst. Du bist immer und überall RepräsentantIn deiner Gruppe. Du kannst dir nicht leisten, in der Öffentlichkeit das Gesicht zu verziehen, schließlich bist du in diesem Land Gast und hast dankbar zu sein. In allem, was du tust und bist, musst du die wahren ÖsterreicherInnen dieses Landes höherstellen, because Austria first. Und wir wissen – Staatsbürgerschaft hin oder her –, ich bin nicht Austria.
Es sind diese alltäglichen Kleinigkeiten, die letztendlich Großes bewirken. Kleinigkeiten, die sich anhäufen und sich unbemerkbar in dein Leben einnisten, sodass nicht einmal ich von diesem Schubladendenken befreit bin. Ich bin strenger zu mir und meinesgleichen. Ich ertappe mich dabei, wie ich mir in einem Seminar wünsche, dass die Frage, die dieses muslimische Mädchen stellen will, keine dumme ist. Ich setze mich unter Leistungsdruck, um dem abwertenden Bild entgegenzuwirken, das subtil verbreitet wird.
Ich mache bei diesem Spielchen mit, um das gesellschaftliche Klima nicht zu verschlimmern. Um acht Uhr morgens ist mein Lächeln so breit wie kein anderes, dabei würde ich am liebsten die Wiener Grantlerin raushängen, wie auch der Rest der Wiener PassantInnen. Ich entschuldige mich, wenn mich jemand von hinten anrempelt, dabei trage ich meine Augen nicht am Rücken. Wenn die Medien von einem islamistischen Terrorakt berichten, bete ich für die Betroffenen und anschließend für die Muslime, die die Konsequenzen austragen und die schuldzuweisenden Blicke der anderen ertragen müssen. Wir wissen, wir dürfen es nicht persönlich nehmen, aber wir tun es. Trotzdem lächeln wir. Wir lächeln und stellen uns im selben Moment die unausgesprochene Frage, ob die Person, die dich gerade schief beäugt, dir den Tod wünscht.

Maryam Ghanem ist gebürtige Wienerin mit ägyptischen Wurzeln, Muslima sowie Studentin der Soziologie und Publizistik. Sie träumt von einem Österreich, das die Vielfalt begrüßt und nicht abschiebt.

 

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neuland: Silence https://ansch.4lima.de/neuland-silence/ https://ansch.4lima.de/neuland-silence/#respond Fri, 08 Mar 2019 23:03:51 +0000 https://www.anschlaege.at/feminismus/?p=10387 Illustration: Sabrina WegererSchweigen kann Schutz sein. Von DJAMILA GRANDITS]]> Illustration: Sabrina Wegerer

alltägliche grenzerfahrungen

 

Vorab: Ja, wir müssen über Gewalt sprechen! Jeder betroffenen Person, die die Kraft aufbringt, ihre Geschichte in einem Umfeld voll patriarchaler Gewalt zu teilen, gebührt unendlicher Respekt. Ich möchte jedoch etwas ergänzen: Auch Schweigen ist eine legitime Strategie der Selbstbestimmung über das Erlebte. Schweigen kann Schutz sein. Es gibt einen enormen Geständnisdruck auf Betroffene, der einhergeht mit dem Narrativ der Erleichterung. Offen mit Gewalterfahrungen umzugehen, kann jedoch auch das Gegenteil von Erleichterung nach sich ziehen: Victim Blaming, Retraumatisierung oder die Normierung, Einordnung und Bewertung des Gesagten. Es wird ein Anspruch gestellt auf normierte Geständnisse, die Identifikationsflächen bieten und einer Mehrheitsgesellschaft den Umgang mit Gewalterfahrungen erleichtern. Die Macht über das Gesagte liegt nach dem Geständnis aber nicht mehr bei der sprechenden Person, sondern bei den Zuhörer*innen, Leser*innen, Rezipient*innen. Betroffene werden als solche erst gehört und anerkannt, wenn sie konkreten Vorstellungen entsprechend im richtigen Rahmen das Richtige gesagt haben. Mit dem Gesagten wird jedoch zugleich ein unerwünschtes Thema aufgebracht. Wenn also das Gesagte den erwarteten Rahmen „sprengt“ oder sich zu einem unpassenden Zeitpunkt Raum nimmt, hat das oftmals erneut Gewalt und soziale Sanktionen zur Konsequenz. Denn die Auseinandersetzung ist unbequem und oft überfordernd. Warum liegt der Fokus nicht auf der gesamtgesellschaftlichen Verantwortung, auf den strukturellen Veränderungen, die es bräuchte? Auf Opferschutz und Prävention, auf dem Schweigen der Täter*innen und Zeug*innen? Es muss eine Umgebung geschaffen werden, in der es für Betroffene tatsächlich eine sichere Möglichkeit gibt, offen zu sprechen. Selbstbestimmtes Schweigens ist jedoch eine genauso legitime Strategie, um sich diskursiver Gewalt zu entziehen und Deutungsmacht zurückzugewinnen.

 

Djamila Grandits lebt in Wien, wünscht sich strukturelle Ansätze und einen sensibilisierten Umgang mit Traumata. Sie bedankt sich bei L.H. und H.C.R. für den Anstoß zu den obenstehenden Gedanken.

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neuland: „Humpelkumpel“ https://ansch.4lima.de/neuland-humpelkumpel/ https://ansch.4lima.de/neuland-humpelkumpel/#respond Sat, 26 May 2018 12:32:18 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=9742 Illustration: Sabrina WegererIch bin quasi eine Unfallexpertin geworden. Von DJAMILA GRANDITS]]> Illustration: Sabrina Wegerer

alltägliche grenzerfahrungen

 

Im Café, in dem ich diesen Text gerade verfasse, begrüßt mich der Kellner eben mit „Hey – geht’s besser? Wo ist deine Gymnastikfreundin?“ Er ist einer von vielen, die in den letzten Wochen die Grenzen des Humors enthusiastisch etwas überstrapaziert haben.
Meine „Gymnastikfreundin“ ist Bee, die Leute fragen uns gerne, ob wir uns auf Reha kennengelernt haben oder ob mit Krücken auszugehen nun der neue Style wäre. Bee und ich kennen uns seit bald 17 Jahren. Sie ist seit Langem aus verschiedenen Gründen auf Krücken angewiesen und ich eben temporär – nach meinem Eislaufunfall, der hier schon Thema war.
Stück für Stück erkämpfe ich mir in den letzten zehn Wochen meinen Alltag zurück – Aufzüge, Taxis, achtsame, empathische, flexible Freund*innen und Kolleg*innen sind dabei eine große Hilfe. Irgendwann will ich auch die Zerstreuung und die Nacht zurück. Bee und ich sind gut darin, uns Nächte um die Ohren zu schlagen. Mein Unfall hat meine Wahrnehmung verändert und geschärft, gegenüber dem gesellschaftlichen Umgang mit Verletzung, Krankheit und Behinderung, gegenüber meiner eigenen langjährigen Ignoranz. Die Frage „Was ist dir passiert?“, meist gefolgt von einer ausführlichen Erzählung der letzten eigenen Verletzungserfahrung, hat erstmals in meinem Leben die immerwährende Frage nach meiner Herkunft abgelöst. So bin ich nun quasi zur Unfallexpertin geworden.
Zurück zu meinen nächtlichen Ausflügen mit Bee: zwei junge Menschen auf Krücken, die Leute bekommen Lachkrämpfe, reißen Witze, wissen nicht, wann sie aufhören sollten, fühlen sich unentwegt zu Kommentaren bemüßigt – macht man sie darauf aufmerksam, wird’s noch lustiger. Die Ursache ist wohl eine Mischung aus Ignoranz und Unbehagen.
Woher rührt dieses Unbehagen, das aufkommt, wenn die Exklusivität von Räumen durch Vielfalt gebrochen wird? Es sind paradoxerweise genau jene Menschen, die gegen exklusive Schutzräume wettern, die sich von Diversität in ihrem Alltag so unheimlich bedroht fühlen.

 

Djamila Grandits ist Kuratorin und lebt in Wien, zehn Wochen nach ihrem Eislaufunfall tanzt sie nun wieder durch die Nacht – zum Gehen trägt sie manchmal noch Krücken mit sich herum.

 

 

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neuland: Entschuldigung, aber das ist eine Revolution! https://ansch.4lima.de/neuland-entschuldigung-aber-das-ist-eine-revolution/ https://ansch.4lima.de/neuland-entschuldigung-aber-das-ist-eine-revolution/#respond Thu, 12 Oct 2017 06:11:05 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=9010 Der Beginn einer emanzipierten künstlerischen Avantgarde der Roma. Von GILDA HORVATH]]>

alltägliche grenzerfahrungen

 

Sprachlos. Diese zwei Stunden haben mich im tiefsten Kern gerührt. Messerscharf analysiert das Stück „Roma Armee“ am Maxim Gorki Theater in Berlin die gegenwärtige Situation der Roma Community und ihrer AktivistInnen. Niemand wollte am Ende des Stücks aufhören zu klatschen. Dann wäre dieser Moment vorbei gewesen. Dieser Moment der Klarheit, der Einigkeit, des Mutes und der Bewegung. Es bewegt sich was. Statt der geplanten Diskussion im Anschluss dann Demo-Atmosphäre: starke Botschaften und Manifeste präsentiert von bekannten Aktivistinnen und dazu „Roma-Armee“-Sprechchöre im Publikum, Umarmungen und Tränen der Freude.
Diese Einschätzung teilen viele TheaterkritikerInnen Europas. So brachte es die schillernde, queere „Roma Armee“ auf Platz Eins in den Charts von nachtkritik.de. Verdient ist das. Präzise auf den Punkt gebracht ist das.
Das Stück entstand nach einer Idee der feministischen Romnja-Geschwister Sandra und Simonida Selimovic unter der Regie von Yael Ronen. Sie erzählen vom lähmenden Separatismus unter uns. FeministInnen sind keine Romnja. Weg mit ihnen. Homosexuelle haben wir bei den Roma nicht. Weg mit ihnen. Weißhäutige Roma leiden nicht genug – weg mit denen. Die Sinti, die Lovara, die Kalderash … weg damit. Es zeigt sich schnell, dass unter solchen Bedingungen kein „Movement“, keine Bewegung entstehen kann. Schon Ceija Stojka wusste, dass wir nur gemeinsam stark sein können „Kethane sam zurale“. Doch was ich bisher nur als leere Phrase auf Konferenzen gehört habe, ist an diesem Abend, auf dieser Bühne zum Leben erwacht.
Ich hatte es – dieses Gefühl, bei einem Ereignis dabei zu sein und genau zu wissen: Das hier geht in die Geschichte ein. Irgendwann wird die Aufführung dieses Stückes den historischen Beginn einer emanzipierten künstlerischen Avantgarde der Roma markieren.
Zum Schluss: Erleichterung. Yes, we are (finally) a movement! Oder wie Sandra es im Stück formulierte: Entschuldigung, aber das ist eine Revolution!

 

Gilda Horvath ist nach einem Jahr in Berlin nach Wien zurückgekehrt und hat dort nun romblog.at gegründet – ein Medium, in dem junge Menschen aus der Roma-Community zu MedienproduzentInnen ausgebildet werden.

 

 

 

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neuland: From virtual world to physical world https://ansch.4lima.de/neuland-from-virtual-world-to-physical-world/ https://ansch.4lima.de/neuland-from-virtual-world-to-physical-world/#respond Thu, 31 Aug 2017 08:26:52 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=8898 How we find our way to live a new happy life. Von KAWKAB AKED]]>

alltägliche grenzerfahrungen

 

“Willhaben” is a famous website for all Austrian people. As a stranger in this country, it was also strange to me, but from now on, we are familiar with each other due to several brilliant reasons.
Firstly, and with a help of my friend, I have just discovered “Willhaben” as a useful website to get a low priced second-hand item, and even better, sometimes people give their items away for free. It was definitely the right place for me. Secondly, I have been discovering each single district in Vienna, from east to west and from south to north, using all kinds of public transportation and all lines. I started basically with metro U1 till U6, from tram D till tram 71, including local lines and busses. Of course with “Qando Wien App” helping. As time went on, I ultimately found myself as a professional discoverer in Vienna, without being with a tour guide; I was able to pick up all the items which I needed for my new home.
Now moving on to the third superb reason which really has made me so excited and proud to know “Willhaben”: I got to know light-hearted Austrian people! Further they are not only nice people but also friends – for the time we had to connect each other in order to fix the deals. A series of haphazard encounters have created an unexpected light in my heart.
For example, after 27 emails, Niki and I could eventually make the carpet deal done. And Liza as well, after she reserved the couch and the corner seat for me for two months. In the end, she brought them to my home. I am particularly proud to have some new extraordinary friends. I am also proud to have both of them as friends in my tiny society in this country.
Lastly, there is no need to mention how much I improved my German. Basically, most of those people only speak German language, because it is their mother tongue. Definitely, it was a perfect chance to practice and exercise what I have learned in my German course at the same time.
Some people might consider “Willhaben” as an advertisement website only, but for me, it was and actually is more than just this. It is a surprising and enjoyable experience that makes me realize something that I previously had not known:
Regardless if it is our decision to live in another country or not, it depends on the methods we use, how we find our way to live a new happy life and belong to this new country.

 

Kawkab Aked is now settling in Vienna after her asylum has confirmed.

 

 

 

 

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neuland: Hommage an die Berliner U-Bahn https://ansch.4lima.de/neuland-hommage-an-die-berliner-u-bahn/ https://ansch.4lima.de/neuland-hommage-an-die-berliner-u-bahn/#respond Sat, 18 Mar 2017 00:03:13 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=8478 NeulandHier geht Maniküre während der Fahrt. Von JEANNA KRÖMER]]> Neuland

alltägliche grenzerfahrungen

 

In der Berliner U-Bahn kann frau essen, lesen, flirten, sich streiten oder Make-up auftragen. Ich habe bei der Fahrt hier sogar schon mal eine Maniküre erlebt. „Knock!“, hat der Nagelknipser gemacht und die Nägel sind in alle
Richtungen geflogen. Zu jeder Tages- und Nachtzeit ist etwas los: Jemand hat einen Vintage-Kassenapparat dabei und druckt damit laut Kassenbons aus. Manche zerknüllt er mit einer theatralischen Geste und wirft sie dann weg.
Ein Fahrgast telefoniert mit seinem Bruder, der angeblich sein geliehenes Auto kaputtgefahren hat. „Die Eltern haben dich adoptiert!“, flüstert er empört ins Telefon. „Jetzt ist der Vater krank und ich übernehme die Führung. Ich werfe dich aus der Familie!“
Ein anderes Mal zeichnet mich eine Künstlerin heimlich drei Stationen lang und ich tue so, als ob ich nichts merke.
Als einmal ein Betrunkener mit unglaublich schönen blonden Locken sich den italienischen Touristinnen vor die Füße wirft und sie auf Deutsch und Italienisch mit Gesang unterhält, ist das noch skurril. Als die Touristinnen aussteigen und er etwas auf Arabisch sagt und damit das Missfallen einer mitfahrenden Männergruppe erregt, wird es bedrohlich. Zuerst wird geschimpft, dann steht einer auf und stellt seinen Fuß auf die auf dem Boden liegenden Haare des Blonden. Jetzt weiß ich, wie man die Notbremse bedient.
Als ich kurz darauf eines Nachts nach Hause fahre, sitzt vor mir ein Pärchen, beide um die 18 Jahre alt. Sie liegt passiv auf der Bank, er scheint sie zu verschlingen, küsst sie mit wilden Geräuschen, streichelt unter der Jacke. Als ich gerade überlege, ob es sich um einen Gewaltakt handelt und ich mich einmischen sollte, regt sich das Mädchen, setzt sich ihrem Freund auf den Schoß und erwidert seine Küsse. Ich atme aus. Und auch wenn das fremde Schmatzen mich zugegebenermaßen etwas stört, macht Liebe sofort alles besser. Ich steige aus. Ich bin angekommen.

 

Jeanna Krömer (37) ist belarussische Journalistin, Feministin und Deutschtrainerin aus Berlin. Dies ist ihre letzte Kolumne an dieser Stelle. Bleibt mit ihr in Kontakt: jakroemer@gmail.com

 

 

 

 

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neuland: Die neue Köln-Debatte https://ansch.4lima.de/neuland-die-neue-koeln-debatte/ https://ansch.4lima.de/neuland-die-neue-koeln-debatte/#respond Sat, 04 Feb 2017 15:39:53 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=8362 NeulandDer Begriff „Nafri“ etablierte sich im Politiker_innensprech. Von HENGAMEH YAGHOOBIFARAH]]> Neuland

alltägliche grenzerfahrungen

 

Es ist 2017 und ein insgeheimer Neujahrswunsch meinerseits war, dass wir die Debatte um die Ereignisse in der Silvesternacht 2015/16 in Köln hinter uns lassen, solange sie rassistisch und antifeministisch geführt wird. Wie es im Leben oft der Fall ist, ging mein Wunsch nicht in Erfüllung, stattdessen beschert uns die Stadt erneut Neujahrskopfschmerz.
Diesmal, weil die örtliche Polizei über Twitter bekanntgab, Racial Profiling zu praktizieren – und die Gruppe Verdächtigter, die rund um den Hauptbahnhof eingekesselt und kontrolliert wurden, mit dem zuvor nur intern benutzten Begriff „Nafris“ zusammenfasste. Wer das sein soll? Da sind sie sich nicht ganz einig. Nordafrikanische Intensivtäter heißt es hier, nordafrikanische Männer dort. Mit Nordafrika meinen sie konkret Ägypten, Libanon, Libyen, Marokko, Syrien und Tunesien. Nein, ich habe mich nicht vertippt. Wer im Erdkundeunterricht aufgepasst hat, der sollte auffallen, dass Syrien überhaupt nicht auf dem afrikanischen Kontinent liegt, sondern in Asien. Ist für die Sammlung jedoch irrelevant, denn es geht um rassistisches Selektieren und die Dämonisierung von als arabisch und männlich wahrgenommenen Personen, nicht um einen Geografie-Wettbewerb. Die knapp tausend Kontrollierten standen unter Generalverdacht – aufgrund ihres Phänotyps, wie die Polizei später einräumte. Offensichtlicher können sie ihren Rassismus nicht mehr präsentieren.
Der Begriff „Nafri“ etablierte sich prompt im Politiker_innensprech. Deutsche fragen sich weiterhin, welche seit Jahrhunderten bestehenden Diskriminierungsformen sie eigentlich noch zu Importprodukten relativieren können, um von der von ihnen ausgehenden Gewalt abzulenken. Ich habe schon jetzt keinen Bock mehr auf dieses Jahr, in dem nicht Rassismus, Patriarchat und der deutsche Waffenhandel als Katalysatoren für Terroranschläge diskutiert werden, sondern Politiker_innen lieber Grundrechte missachten.

 

Hengameh Yaghoobifarah ist Redakteurin beim „Missy Magazine“, Kolumnistin bei der „taz“ und schreibt als @habibitus auf Twitter über –istische Zustände in Deutschland.

 

 

 

 

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neuland: Everyday Longing https://ansch.4lima.de/neuland-everyday-longing/ https://ansch.4lima.de/neuland-everyday-longing/#respond Wed, 12 Oct 2016 15:48:10 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=7935 NeulandEstrangement teaches you the meaning of human dignity. Von KAWKAB ALGAITH]]> Neuland

alltägliche grenzerfahrungen

 

Estrangement, longing and pain, are words of both bitter and painful taste. These harsh words reflect the difficult experience endured by many of us in different ways and for multiple reasons. Some of us were born to find themselves in a country where their parents had emigrated to in search of a better job opportunity, while some others found themselves forced to leave their warm homes in which they grew up for the sake of studying or to escape the imminent death that attacked their country and its people.
Estrangement can be fun for a few months as you reach your hopes to travel and to live a new life that has been your dream, but with the passage of time while being away from your warm roots, a lethal feeling of loneliness away from friends and family starts to ignite inside, the feeling of dissociation from the loved ones, the fear that your heart may get used to their absence.
It is this painful stage when your feelings and emotions start to be truly affected by estrangement. It is the cruelty of every day longing to the streets and places where you left a lot of beautiful memories. Estrangement is not only to be far from homeland but feeling of dissociation from the loved ones, the fear that your heart may get used to their absence.
Unfortunately, when you find someone of your own people in expatriation, you cannot express such feelings of longing and nostalgia that you feel simple because they may suffer the same or more.
Nevertheless, estrangement teaches you the meaning of human dignity and the dignity of the homeland despite all its problems and difficulties. Estrangement teaches us that homeland is just like the mother, whom you cannot deny nor desert. Oh, my small heart and my wandering mind cannot forget that moment when I packed my bags and headed towards an unknown. My heart is still clinging to the sun of my homeland, to its plains and hills. My emotions are still wandering between a broken heart living safely now in the country of expatriation, and the heart full of love and hope in my country which is suffering from murder, devastation and destruction. So, when will my heart and mind unfailingly agree together?

 

Kawkab Algaith is a translator from Damascus in Syria. Since February she lives in Vienna.

 

 

 

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neuland: Liberté, Egalité, Beyoncé https://ansch.4lima.de/neuland-liberte-egalite-beyonce/ https://ansch.4lima.de/neuland-liberte-egalite-beyonce/#respond Wed, 02 Mar 2016 11:24:46 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=7091 NeulandBEYONCÉS neues Musikvideo zu „Formation“. Von HENGAMEH YAGHOOBIFARAH]]> Neuland

alltägliche grenzerfahrungen

 

Erneut brachte Beyoncé mit ihrer „Suprise, bitches!“-Marketingstrategie die Welt zum Ausrasten. Am Abend vor ihrem Auftritt in der Halbzeitpause des Superbowl veröffentlichte sie ihr neues Musikvideo zu „Formation“. Darin zelebriert sie US-amerikanische Schwarze Kultur und macht deutlich, welche Konsequenzen Hurrikan Katrina für Schwarze Menschen in New Orleans hatte. Diese politischen Narrative erzählte sie dann bei der Halftime-Show weiter, einer Hommage an Black-Panther-Aktivist_innen, #BlackLivesMatter und Michael Jackson. Ach ja, eine Welttournee kündigte sie auch noch an. So weit, so beyachtlich.
Die einen sehen im Weltstar eine Art Messias, der nicht nur toll singen, tanzen und sich inszenieren kann, sondern auch noch eine bedeutungsvolle Aktivistin ist. Andere, besonders liberale, weiße Fans, sind geschockt und rufen zum Boykott auf, da Beyoncé sich in ihrem neuen Song vermeintlich gegen die Polizei positioniert (als wäre das etwas Schlimmes und nicht eher ein Grund, sich ihr Gesicht auf den Oberarm tätowieren zu lassen). Und dann gibt es die Kulturpessimist_innen (lies: Feminist Killjoys), die sie für die Aneignung einer radikalen Ästhetik, für die Kapitalisierung aktivistischer Kämpfe und auch für falsche Beytroffenheit kritisieren. Es stimmt: Hurrikan Katrina verursachte bei Beyoncé selbst wohl keine Traumata. Und der Terminus „Radical Chic“ trifft ihren Auftritt im neuen orientalistischen Coldplay-Video wohl am besten, darin trägt sie im „indischen Dress“ selbst zur Essentialisierung und Aneignung von PoC-Kulturen bei. Trotzdem ist ihre Positionierung ein wichtiges Statement innerhalb von Mainstreamkultur. Und natürlich ist da vieles problematisch. Als nicht-Schwarze Person of Color steht es mir dennoch nicht zu, jede der Kritiken an Beyoncé zu formulieren, zum Beispiel betreffend ihres Light-Skinned-Privileges. Beyoncés politischer Kurs hat sicher 99 Probleme, doch wir sind keines davon.

 

Hengameh Yaghoobifarah ist ein großer Beyoncé-Fan und kann seit der Tour-Ankündigung kaum schlafen. Das Prinzip kritischen Konsumierens findet sie trotzdem süper.

 

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neuland: „Dreckige Auslända“ https://ansch.4lima.de/neuland-dreckige-auslaenda/ https://ansch.4lima.de/neuland-dreckige-auslaenda/#respond Fri, 16 Oct 2015 10:36:00 +0000 https://anschlaege.at/?p=6637 NeulandAmüsant, wie der „schmutzige, stinkende Auslända“ konstruiert wird. Von HENGAMEH YAGHOOBIFARAH]]> Neuland

alltägliche grenzerfahrungen

 

Amüsant, wie der „schmutzige, stinkende Auslända“ und die reinliche weiße Person konstruiert werden. Amüsant finde ich es nicht deshalb, weil ich auf rassistische Punchlines stehe, sondern weil diese Lüge schamloser nicht sein könnte. Zum ersten Mal hörte ich sexistisch-klassistische Beleidigungen in der ersten Klasse, als ein weißer Mitschüler mich wegen eines kleinen Flecks auf meinem T-Shirt „dreckige N*tte“ nannte. Seine Reaktion auf meinen Körper kam mir schon damals gewaltvoll vor – auf so vielen Ebenen. Zehn Jahre später: Ich erinnere mich an einen Nachmittag, an dem meine Mutter einer weißen Bekannten Urlaubsfotos aus dem Iran zeigte. Die Kartoffel-Lady fragte meine Mutter zwischen Familienfoto und Dichtergrab ganz rabiat, ob es „dort“ eigentlich Duschen gäbe. Selten habe ich meine Mutter in Anwesenheit weißer Deutscher so wütend erlebt. Während Europäer_innen im Mittelalter an der Pest verreckten, chillten meine nach Rosen duftenden Vorfahr_innen im damaligen Persien in Hamams. Nur als kleine Erinnerung. Die Anzahl weißer Linker (meist Typen), die mit „Hygienenormen brechen“, ist heute unüberschaubar. Kein Deo, kein regelmäßiges Duschen, vernachlässigte Nägel und von ihren Hinternabwisch-Gepflogenheiten will ich gar nicht erst anfangen. Neulich las ich in einem Riot-Grrrl-Roman, der gar kein Roman ist, von Michelle Tea. Bei den Beschreibungen der salzigen Schweißgerüche und Bierfahnen rollten meine Augen in einer 180°-Drehung nach hinten. Diese Hygieneverweigerungen sind nicht edgy, sondern nur ein weiteres Beispiel für weiße Klassenprivilegien. Und jedes Mal, wenn Leute mich fragen, warum neben dem Klo eine kleine Gießkanne steht, denke ich: Sorry Girl, aber über den Zustand deines Polochs will ich gar nicht erst nachdenken.

Früher dachte Hengameh Yaghoobifarah, sie sei komisch, weil sie sich nach jedem Klogang mit Wasser wusch. Nach Gesprächen mit anderen Kanack_innen und einem Proktologen weiß sie, dass sie in dieser Hinsicht alles richtig gemacht hat.

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neuland: Du Tarzan, ich Jane https://ansch.4lima.de/neuland-du-tarzan-ich-jane/ https://ansch.4lima.de/neuland-du-tarzan-ich-jane/#respond Thu, 18 Jun 2015 08:45:45 +0000 https://anschlaege.at/?p=6427 NeulandIch hätte nie gedacht, dass mir mein künftiger Ehepartner „fremd“ sein könnte. Von JEANNA KRÖMER]]> Neuland

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Ich hätte nie gedacht, dass mir mein künftiger Ehepartner „fremd“ sein könnte. Man muss doch als Kind dieselben Zeichentrickfilme gesehen haben, um als Erwachsene seelenverwandt zu sein, oder? Man muss „aus demselben Teig gebacken“ sein und im Bett dieselbe Sprache flüstern!
Doch nun bin ich schon seit sieben Jahren mit einem Mann zusammen, der für mich mal irgendein „Kerl vom deutschen Techniksupport“ eines gemeinsamen Projekts und für den ich anfangs bloß eine „belarussische Menschenrechtlerin“ war. Ich habe nie die „Sendung mit der Maus“, er nie den russischsprechenden Winnie Puuh erlebt. Ich esse zum Frühstück Buchweizenbrei, er nimmt belegte Brötchen. Ich fluche saftig auf russisch, er erkennt nur an der Intonation, dass ich ihm gerade keine Liebeserklärung mache. Er fühlt sich völlig im Recht, wenn er ÄrztInnen oder BeamtInnen tausend Fragen stellt, ich zucke dabei innerlich zusammen. In meinem Land gibt es keine Münzen, deswegen wandert mein ganzes Kleingeld großzügig in sein Portemonnaie, denn ich zahle nur mit Scheinen. Er steht auf deutsche Ordnung, ich freue mich insgeheim, dass es jemanden gibt, der das gehasste Abheften von Dokumenten übernimmt. Wenn ich die Initiative ergreife, fühlt er sich nicht in seiner männlichen Würde verletzt. Danke an alle Generationen deutscher Feministinnen!
Nun fragen wir uns, ob die ersten „Ois“ und „Aahs“ unseres Kleinen wohl deutsch oder russisch waren. Aber wie auch immer: Die Zeichentrickfilme in beiden Sprachen stehen jetzt für uns beide auf dem Programm, ob wir wollen oder nicht. Es gibt nur eins, was mich in unserer binationalen Ehe jedoch wirklich stört: das Apfelmus, mit dem mein Mann seine Kartoffelpuffer isst. In Belarus sind Kartoffelpuffer nämlich ein heiliges Nationalgericht und werden nur salzig genossen. Ach Liebster, es tut mir so weh, das zu sehen! Nimm doch bitte saure Sahne!

Jeanna Krömer schreibt aus Berlin zu Osteuropa, neuen Medien und Menschenrechten. Kontakt: jakroemer@gmail.com

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neuland: Kartoffeln mit Falafel-Fetisch https://ansch.4lima.de/neuland-kartoffeln-mit-falafel-fetisch/ https://ansch.4lima.de/neuland-kartoffeln-mit-falafel-fetisch/#comments Thu, 21 May 2015 07:19:18 +0000 https://anschlaege.at/?p=6513 NeulandEine Freundin von mir hat Hausverbot in diversen linken Räumen. Von HENGAMEH YAGHOOBIFARAH]]> Neuland

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Eine Freundin von mir hat Hausverbot in diversen linken Räumen, weil sie sich als Muslima mit ihren Brüdern und Schwestern in Palästina solidarisiert und das durch das Tragen einer Kufiya sichtbar macht. Eine Kufiya, auch bekannt als „Pali-Tuch“, sei ein Symbol des Antisemitismus, so der Vorwurf. Das stimmt mitunter auch. Zum Beispiel, wenn Nazis sie sich aneignen und tragen. Dann ist das sogar sehr einschlägig antisemitisch. Aber sie ist kein Fascho, sondern eine muslimische Frau of Color, die alles andere als antisemitisch ist. Die Kompetenz zu differenzieren fehlt allerdings vielen weißen Linken, insbesondere Antideutschen.
Antideutsche sind für mich grundsätzlich ein steinhartes Pflaster. In der Regel sind es Kartoffeln in ihrer natürlichsten Form, weiße Deutsche mit übertriebenem Israel-Fetisch. Sie eignen sich jüdische Symbolik an, schwingen in patriotischer Manier Israel-Flaggen und wählen zu Teilen sogar die CDU, weil Angela Merkel irgendwann mal bedingungslose Solidarität mit Israel ausgesprochen hat. Antideutsche Kartoffeln sind jene, die immer über den Nahostkonflikt sprechen möchten, als gäbe es nur einen einzigen Krieg. Doch alle jüdischen Personen und Leute aus Israel, die ich bisher getroffen habe, scheißen auf die Meinung und Solidarität von Leuten, deren Großeltern mit hoher Wahrscheinlichkeit noch am Holocaust beteiligt waren, und die sich heute schamlos mit Israelpatriotismus schmücken. Die meisten Antideutschen, die mir begegnet sind, rudern auch gerne ans anti-muslimisch-rassistische Ufer. In Israel selbst positionieren sich viele Linke pro-Palästina.
Gewiss: Das antisemitische Spektrum der Linken ist nicht minder gruselig. Wo bleibt die differenzierte Staatskritik? Wann fangen die Kartoffeln endlich damit an, ihre weißen Privilegien zu hinterfragen, bevor sie sich in politische Positionen stürzen? Zum Beispiel könnten sie auch darüber nachdenken, inwiefern ihr Habitus nicht eher respektlos als solidarisch jüdischen Personen gegenüber ist. Das können die meisten Kufiya-tragenden Personen aus meiner Umgebung nämlich sehr wohl.

Hengameh Yaghoobifarah findet die meisten Antideutschen eher peinlich als konstruktiv und wünscht sich von der Linken insgesamt weniger selbstgerechte und rein weiße Zugänge.

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neuland: Zu David Guetta tanzende Dorfkids https://ansch.4lima.de/neuland-zu-david-guetta-tanzende-dorfkids/ https://ansch.4lima.de/neuland-zu-david-guetta-tanzende-dorfkids/#respond Wed, 28 May 2014 19:36:52 +0000 https://anschlaege.at/?p=5176 NeulandDer neueste Dekonstruktionstrend in meiner Umgebung richtet sich gegen die Alkoholnorm. Von HENGAMEH YAGHOOBIFARAH]]> Neuland

Der neueste Dekonstruktionstrend in meiner Umgebung richtet sich gegen die Alkoholnorm. Sobald ein Gruppentreffen stattfindet, wird ganz selbstverständlich Bier getrunken. Auch wenn eine Person vielleicht gar keine Lust drauf hat. Diesen Zwang finden viele unschön, das verstehe ich sehr gut.

Bis ich zwanzig war, rührte ich keine unter die Drogendefinition fallenden Substanzen an, also auch keinen Alkohol. Meine Motivation war politisch, doch mein weißdeutsches Umfeld kaufte mir das nicht ganz ab. Es fand es viel logischer, dass ich wegen meiner muslimischen Familie nicht trinke. Ekliger Geschmack, Leberzirrhose, Suchtgefährdung, Konventionsbruch und Ersticken des revolutionären Geistes (Notiz: Ich war und bin fest davon überzeugt, dass Drogen den Menschen zufriedenstellen und die Wut regulieren, sodass Missstände akzeptiert anstatt bekämpft werden!)? Come on, das wäre zu weit hergeholt.

Illustration: Nadine Kappacher

„Du bist nur so brav, weil deine Eltern so streng sind!“, whitesplainten mir betrunkene Typen auf schlechten Partys. „Sei mal nicht so spießig, ohne Alkohol ist Feiern doch voll langweilig!“ Sie hatten Recht, zumindest ein kleines bisschen. Schöntrinken kann eine sich vieles, auch einen Haufen zu David Guetta tanzende Dorfkids im verstörend-blauen Neonröhrenlicht verrauchter Reihenhauskeller. Wen wundert es da, dass ich als Jugendliche nie auf Partys geknutscht habe? Entweder weil ich das Angebot an potenziellen Küssmenschen für zu mickrig befand oder aber – und das schien meinen Freund_innen viel sinnvoller – weil ich so prüde war, wie Muslimas es eben vermeintlich sind.

Betrinken sowie auch Public Display of Affection scheiße zu finden, war früher verklemmt und langweilig, heute ist es Kritik auf radikalem Niveau. Ich frage mich dabei, ob es wirklich etwas mit der Zeit zu tun hat oder nicht doch damit, dass Menschen aufgrund ihres Urteils zu meinem Familienhintergrund vorbelastet sind. Mittlerweile konnte ich mir die Beschimpfung als Spaßbremse immerhin positiv aneignen – Feminist Killjoy forever!

Hengameh Yaghoobifarah trinkt genauso gern Wein wie sie es manchmal auch nicht tut.

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neuland: Als weiß durchgehen https://ansch.4lima.de/neuland-als-weiss-durchgehen/ https://ansch.4lima.de/neuland-als-weiss-durchgehen/#respond Sun, 23 Feb 2014 16:44:22 +0000 https://anschlaege.at/?p=4800 Neuland„Aber du bist doch weiß.“ Diesen Satz höre ich ständig. Von HENGAMEH YAGHOOBIFARAH]]> Neuland

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„Aber du bist doch weiß.“ Diesen Satz höre ich ständig. Insbesondere dann, wenn ich mich über Weiße aufrege. „Auf jeden Fall siehst du weiß aus!“
Die ersten Male musste ich lange überlegen, bis ich eine verständliche Antwort formulieren konnte. Meine Haut ist hell, das stimmt. Trotzdem bin ich vom Weißsein weit entfernt. Meine Eltern kommen aus dem Iran, das ist spätestens an meinem Namen erkennbar. Manchmal werde ich auch auf meine „iranische Nase“ angesprochen, mein dickes Haar wird häufig exotisiert.

Kolumne Neuland
Illustration: Nadine Kappacher

Auf der Straße muss ich dennoch keine Angst davor haben, mit rassistischen Bemerkungen angemacht zu werden. Rein auf mein Äußeres reduziert bin ich in manchen Situationen white-passing, ich gehe als Weiße durch. Das ist ein Privileg. Privilegien sucht eins sich nicht aus, sie werden von den Unterdrückenden zugesprochen. Manchmal wird eins auf ihrer Seite dazugezählt, ein anderes Mal nicht. Situationsbedingt kann ich von meinem Aussehen profitieren. Aber was bedeutet es denn, weiß auszusehen?
Ein Typ meinte auf einer Party mal zu mir, dass ich gar nicht so iranisch wirke. „Du bist voll hip.“ Er sagte es mit so einer Selbstverständlichkeit, als seien nur Weiße in der Lage, „hip“ auszusehen. Als sei es ausgeschlossen, dass eine Person sowohl Person of Color als auch „hip“ ist. Besonders dann, wenn die Person helle Haut hat.
Jedoch ist Weißsein nicht nur an ein Aussehen gekoppelt, sondern an eine Reihe von Privilegien. Privilegien, die ich zum Beispiel in schriftlichen Angelegenheiten nicht genieße. In Bildungseinrichtungen, bei Bewerbungen oder Wohnungsanfragen wird mir mein Nicht-Weißsein ständig signalisiert. Ob ich denn problemlos Deutsch verstehe, fragten sie mich auf dem Gymnasium.
Meine helle Haut schützt mich vielleicht gegen gewisse Arten von Rassismus, aber nicht gegen alle. Sie schützt mich nicht vor Orientalismus oder Islamophobie.

Hengameh Yaghoobifarah (22) ist Studentin, freie Autorin und Bloggerin auf teariffic.de. Später will sie Cat-Lady werden, auch von Perserkatzen.

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neuland: Was mir zusteht https://ansch.4lima.de/neuland-was-mir-zusteht/ https://ansch.4lima.de/neuland-was-mir-zusteht/#respond Thu, 28 Nov 2013 21:19:13 +0000 https://anschlaege.at/?p=4645 NeulandEs ist November, also allerhöchste Zeit für die Veröffentlichung der „Das will ich zu Weihnachten“-Liste. Von BELINDA KAZEEM]]> Neuland

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Es ist November, also allerhöchste Zeit für die Veröffentlichung der „Das will ich zu Weihnachten“-Liste. Potenzielle Schenker_innen sollen rechtzeitig Bescheid wissen, denn:
Bei manchen Wünschen braucht es schon etwas mehr Aufwand, bescheiden können die anderen sein. Ich nehme mir lieber, was mir zusteht. Auch wenn ich ja eigentlich kein Weihnachten feiere, habe ich gegen die folgenden Geschenke rein gar nichts einzuwenden. Und ich glaube, es gibt noch einige andere, die den einen oder anderen Wunsch auch nicht so schlecht finden. Geschenke sind zu Weihnachten sowieso unausweichlich, und bevor es dann wieder Kochlöffel und Kleidung in Farben regnet, die nicht mal in den 1980er-Jahren gut waren, mache ich lieber eigene Vorschläge. Nachfragen zwecks Feinabstimmung gerne und jederzeit an mich. Die Reihenfolge ist übrigens ganz zufällig. Ich freue mich über die Erfüllung jedes einzelnen Wunsches – nur weniger will ich nicht, damit das klar ist.

  1. Eine Tarnkappe, als Weiterentwicklung der Sonnenbrille und ultimativer Schutz vor aufdringlicher Gesellschaft.
  2. Ein Double, das im richtigen Moment die Steuerung meines Gehirns übernimmt und dumme Fragen, lästige Anmachen und wohlmeinende Tipps elegant pariert.
  3. Ein Jahr lang keine sexistischen und rassistischen Werbesujets.
  4. Keine N*-Wort, M*-Wort, Z*-Wort, I*-Wort usw.-Diskussionen mehr.
  5. Analog zum autofreien Tag in den 70er-Jahren einmal pro Woche – gerne öfter – einen diskriminierungsfreien Tag.
  6. Heilige Drei Könige 2014 und bis in alle Ewigkeit ohne Blackface.
  7. Keine Gespräche mehr, die mit „Woher kommst du?“ beginnen und mit „Und wann fährst du wieder in deine Heimat?“ enden.
  8. Keine Thumbs-up von wildfremden Menschen, die mir zu meiner tollen Aussprache gratulieren.

Ich erlaube mir, die Liste noch bis zum 20.12.2013 upzudaten. Habt ihr noch Ideen für tolle Geschenke? Immer her damit. In diesem Sinne: Happy Whatsoever!

Kolumne Neuland
Illustration: Nadine Kappacher

Belinda Kazeem will alles und eine ordentliche Portion Winterschlaf dazu.

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neuland: Internationaler Roma-Tag 2013 https://ansch.4lima.de/neuland-internationaler-roma-tag-2013/ https://ansch.4lima.de/neuland-internationaler-roma-tag-2013/#respond Wed, 24 Apr 2013 20:04:07 +0000 https://anschlaege.at/?p=4112 NeulandAm 8. April war der Internationale Roma-Tag. Von GILDA NANCY HORVATH]]> Neuland

alltägliche grenzerfahrungen

„Am 8. April war der Internationale Roma-Tag. Dieser wird seit dem ersten Internationalen Roma-Kongress 1971 in London begangen. Grund zum Feiern gibt es allerdings nicht. Speziell die Lage in Ungarn (wo der ultranationale Viktor Orban mit absoluter Mehrheit regiert) lässt alte und neue Ängste in mir hochkommen …“ Mit diesen Worten habe ich meine Kolumne anlässlich des Internationalen Roma-Tages letztes Jahr um dieselbe Zeit begonnen. Heuer muss ich leider kein Wort davon verändern. Die Lage der Roma ist unverändert – unverändert schlecht, unverändert hoffnungslos. In Ungarn ist sie sogar noch schlechter als vor einem Jahr. In diesem Jahr wurde der Roma-Tag im Burgenland mit einem Symposium, in Linz mit einer Diskussion und in Wien mit einem Festakt im Parlament groß zelebriert. Die Veranstaltung im Parlament verdankte sich vor allem dem diesjährigen 20-jährigen Anerkennungsjubiläum der Roma als österreichische Volksgruppe. Dort sprach Nationalratspräsidentin Barbara Prammer darüber, wie wichtig dem Parlament die Roma sind. Abends wurde, ebenfalls im Parlament, das Jubiläum der ORF-Minderheitenredaktion begangen. Diese war nicht faul: Sowohl Ö1 als auch die ZIB sowie die Sendung „Thema“ setzten sich intensiv mit dem Roma-Thema auseinander – ORF 3 hat sogar einen Teil der Parlamentszeremonie live übertragen. Ein Beweis dafür, dass mediale Aufmerksamkeit alleine nicht reicht. Denn die Roma sind zwar sehr präsent in den Medien, aber fast ausschließlich in negativen Kontexten. Ich bin völlig überfordert von den vielen „Dokumentationen“ über „Bettel-Roma“, die „ihre Töchter auf den Strich schicken“ und „europaweit bandentechnisch organisiert“ seien. Viele Binsenwahrheiten, viele Vorurteile, dafür wenig Information und Menschen, die in einer Fake-Doku für ein paar Euro ihre oder eben irgendeine Geschichte erzählen. Scha(n)de. Konsequenterweise werde ich diese Kolumne auch mit denselben Worten beenden wie im Vorjahr: „Daran, wie wir die Armen und Wehrlosen einer Gesellschaft behandeln (wer auch immer diese sind), ermisst sich, was ‚Europa‘ wirklich bedeutet. Der 8. April ist der Internationale Tag der Roma. Roma sind EuropäerInnen. Auch an jedem anderen Tag des Jahres.“

Kolumne Neuland
Illustration: Nadine Kappacher

Gilda-Nancy Horvath (29) ist eine in Wien geborene Lovara-Romni und seit sieben Jahren in der ORF-Volksgruppenredaktion tätig. Als Expertin und Aktivistin berät sie europaweit zahlreiche Projekte, Vereine und Institutionen.

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