März 2012 – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de Sat, 25 Feb 2012 17:34:00 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.0 https://ansch.4lima.de/wp-content/uploads/2024/10/cropped-favicon-32x32.png März 2012 – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de 32 32 an.künden: Tricky Women https://ansch.4lima.de/an-kunden-tricky-women/ https://ansch.4lima.de/an-kunden-tricky-women/#respond Sat, 25 Feb 2012 17:34:00 +0000 https://anschlaege.at/?p=2722 Schon zum 11. Mal startet das großartige Animationsfilmfestival „Tricky Women“ Mitte März in Wien.]]>

Schon zum 11. Mal startet das großartige Animationsfilmfestival „Tricky Women“ Mitte März in Wien. Thematische Schwerpunkte für das inter­nationale Trickfilmschaffen von Frauen sind dieses Jahr Arbeit und Natur. Neben Wettbewerb und Festival-Highlights wie „Young Russian Talents“ werden Masterclasses zu Humor und Sound im Trickfilm organisiert und Trickfilmworkshops im ZOOM Kindermuseum angeboten. Über die Ani­mationsfilmbranche plaudert Shelley Page von „DreamWorks Animation“ exklusiv aus ihrem „Nähkästchen“.

14. bis 18.3., Tricky Women 2012, Top Kino und Österreichisches Filmmuseum, Wien, www.trickywomen.at

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an.künden: zusammen aufbegehren https://ansch.4lima.de/an-kunden-zusammen-aufbegehren/ https://ansch.4lima.de/an-kunden-zusammen-aufbegehren/#respond Sat, 25 Feb 2012 17:29:47 +0000 https://anschlaege.at/?p=2717 zusammenaufbegehren_anschlaege_feminismusBeim „togetherfest“, einem „gesamtemanzipatori­schen Festigress“, erwarten uns spannende Vorträge und Workshops.]]> zusammenaufbegehren_anschlaege_feminismus

Beim „togetherfest“, einem „gesamtemanzipatori­schen Festigress“, erwarten uns spannende Vorträge und Workshops zu den Themen Queer/Feminismus, Gender-Theorie, Antisexismus, Anti-Homophobie, Anti-Transphobie und Intersektionalität. Party und Performace dürfen beim Festigress natürlich nicht fehlen: „Räuberhöhle“ und „Scream Club“ haben bereits zugesagt.

9. bis 11.3. „togetherfest“, Düsseldorf, Teilnahme kos­tenlos, Programm und Infos unter togetherfest.de

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an.klang: Keine Kompromisse https://ansch.4lima.de/an-klang-keine-kompromisse/ https://ansch.4lima.de/an-klang-keine-kompromisse/#respond Sat, 25 Feb 2012 17:24:04 +0000 https://anschlaege.at/?p=2709 speech_debelle_anschlaege_feminismusSich (neu) erfinden: Wie überzeugend das vier sehr unterschiedlichen Musikerinnen gelingt, hat sich CHRISTINA MOHR angehört.]]> speech_debelle_anschlaege_feminismus

Sich (neu) erfinden: Wie überzeugend das vier sehr unterschiedlichen Musikerinnen gelingt, hat sich CHRISTINA MOHR angehört.

 

Alle Geheimnisse um Lana Del Rey sind bereits gelüftet: Unter ihrem echten Namen Lizzy Grant versuch­te sie sich schon einmal erfolglos als Popstar, als Lana Del Rey nun sind die Lippen aufgespritzt, Fingernägel und Wimpern angeklebt – mehr exaltierte Künstlichkeit war selten, allerdings anders als Lady Gagas Parodie der Pop-Gegenwart. Die „Ghetto Nancy Sinatra“ spielt mit 50er-Jahre-Ästhetik, die Verklärung der Vergangenheit wird nur kaum – etwa durch HipHop-Beats – gebrochen. Born To Die (Vertigo/Universal), eine pseudo-nihilistische Antwort auf Gagas „Born This Way“, erfüllt die hohen Erwartungen nicht. Del Reys mit „Video Games“ und „Blue Jeans“ eingeführter „Sadcore“ geht zwar ans Herz, aber wenn dasselbe Muster zwölfmal angewandt wird, ist das Ergebnis arg langweilig, zumal Del Reys immergleiche Inszenierung als verlassenes Bad Girl, das mal ein Good Girl war, schnell nervt.

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Speech Debelle

Kommen wir zu erfreulichen Neuig­keiten. Auf ihrem Mercury-Prize-ge­adelten Debüt „Speech Therapy“ klang Rapperin Corynne Elliot aka Speech Debelle noch ziemlich zurückhal­tend, mit ihrer neuen Platte Freedom of Speech (Big Dada/Rough Trade) legt die Südlondonerin eine Schippe Selbstbewusstsein nach. Das schlägt sich v.a. musikalisch nieder: Crossover aus Rock und HipHop, aber auch Soul und Disco, gemixt aus programmierten und „echten“ Beats, bilden den Rahmen für Debelles Lyrics, die unter dem Eindruck der Londoner Krawalle von 2011 entstanden sind. Mit „Blaze Up A Fire“ (feat. Roots Manuva) und „X Marks the Spot“ zeigt Speech Debelle politische awareness, das eingängige „I’m With It“ und „Angel Wings“ sind Liebeslieder, der Schlusstrack „Sun Dog“ Speechs Manifest: roh, tiefgängig, entblößend. Mit ihren emotionalen, reflektiert-humorvollen Texten und kind­lich zarten Vocals hat Speech Debelle eine eigene Ausdrucksform gefunden. „Freedom of Speech“ hat nichts mit rap-typischem Gepose gemein, deswe­gen ist Speech Debelle die vielverspre­chendste Erneuerin des Genres.

„You and I“ ist kein ungewöhnlicher Albumtitel: Lady Gaga, The Pierces, Celine Dion haben Platten so genannt. Wenn aber Elektro-Musikerin Leila Arabs Album so heißt, hat das mit gefälligem Charts-Pop nichts zu tun. Zu ihrer letzten Platte „Blood, Looms and Blooms“ sagte Leila, dass sie nieman­des Erwartungen erfüllen, sondern nur dem „Noise huldigen“ wolle. Doch im Vergleich zu U&I (Warp) klang dieses sehr gefällig. „U&I“ ist ein dunkles, grollendes Maschinengewitter, das nur selten aufgelockert wird, z.B. vom poppigen „Boudica“. Auf den übrigen Tracks macht die iranischstämmige Künstlerin keine Kompromisse: Die schiefen Gastvocals von Mt. Sims sind die perfekte, anstrengende Ergänzung zu Leilas bollerndem, harschen Synthie-Tech. Man denkt an frühen Industrial und düstersten Detroit-Techno. „U&I“ wäre der passende Soundtrack für die sterbende Motorcity, eine Fabrikruine der ideale Club für Leilas Musik. Das Cover zeigt die Anzeige eines Compu­ters nach einem Crash. Genauso fühlt man sich nach dem Anhören: kaputt, leer, bereit zum Reboot.

2009 war die damals 18-jährige Stei­rerin Anja Plaschg alias Soap & Skin der Überraschungsstar des Jahres. Das schwermütige Wunderkind am Klavier, das so morbid, genialisch und immer auch ein bisschen wahnsinnig wirkte, versetzte mit ihren an Gustav Mahler erinnernden Totenhymnen die Indie-Ge­meinde in ehrfürchtiges Staunen. Jetzt ist Plaschg eine Halbwaise: Der Vater ist gestorben, die Tochter setzt ihm mit dem Songzyklus Narrow (Pias) ein Denkmal. Und der Tod eines Elternteils macht erwachsen, ob man will oder nicht. Zwar ist „Narrow“ immer noch stockfinster, wirkt aber aufgeräumter als das Debüt „Lovetune For Vacuum“. Erstmals singt sie deutsch, das Stück „Vater“, und covert den 80er-Jahre-Hit „Voyage, Voyage“. Soap & Skin klingt vergleichsweise zugänglich, die Grundelemente sind aber unverän­dert: dramatisches Klavier, intensiver Gesang, heiliger Ernst in jedem Ton, in jeder Geste. Songs wie „Deathmental“ stehen wie schwarze Baumgerippe in einer sich leise dem Frühling öffnenden Landschaft.

 

Links:
www.lanadelrey.com
www.speechdebelle.com
www.myspace.com/leilaarab
www.soapandskin.com

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CutOut & MakeUp https://ansch.4lima.de/cutout-makeup/ https://ansch.4lima.de/cutout-makeup/#comments Sat, 25 Feb 2012 17:16:31 +0000 https://anschlaege.at/?p=2703 cindysherman_anschlaege_feminismusDas Selbstporträt war schon während ihrer Studienzeit CINDY SHERMANS liebstes Stilmittel. Für ihr Spiel mit Identitäten experimentierte sie damals aber auch mit ausgeschnittenen Figuren und Filmen. LEA SUSEMICHEL hat sich eine Ausstellung mit dem Frühwerk der Künstlerin angesehen.]]> cindysherman_anschlaege_feminismus

Das Selbstporträt war schon während ihrer Studienzeit CINDY SHERMANS liebstes Stilmittel. Für ihr Spiel mit Identitäten experimentierte sie damals aber auch mit ausgeschnittenen Figuren und Filmen. LEA SUSEMICHEL hat sich eine Ausstellung mit dem Frühwerk der Künstlerin angesehen.

 

Das Foto zeigt zwei Mädchen, die sich als alte Damen verkleidet haben. Eine der beiden ist die zwölfjährige Cindy Sherman. In Schwarz gekleidet steht sie da, mit leicht gebeugter Körper­haltung und über die Zähne gezogener Oberlippe, in den Händen ein Taschen­tuch, als hielte sie sich daran fest. Das Bild beweist: Sherman, die für ihre opulent inszenierten Selbstporträts berühmt ist, entwickelte früh eine Leidenschaft für Make-up und Maske­rade, und von Anfang an war diese ganz offensichtlich gepaart mit einem guten Blick fürs charakteristische Detail. Und noch eine weitere Neigung offenbart sich bereits hier: Ums Schönmachen geht es Sherman bei ihren Verkleidun­gen nicht, schon in einem Alter, in dem andere zu Tüll und Krönchen greifen, hat sie nach eigener Aussage einen Faible fürs Hässliche.

Growing Up. Das Kinderfoto eröffnet sowohl den neu erschienenen Katalog als auch die begleitende Ausstellung in der Vertikalen Galerie der Samm­lung Verbund in Wien, die sich beide erstmals dem Frühwerk der Künstlerin widmen. Kuratorin Gabriele Schor hat dafür Arbeiten zusammengetragen, die während Shermans Studienzeit 1975-1977 in Buffalo entstanden sind. Zuvor war man nicht davon ausgegangen, dass vor den „United Film Stills“, mit denen Sherman ein Kaleidoskop von B-Movie-Weiblichkeiten inszenierte und die sie bekannt machten, etwas von Bedeutung entstanden war. Für bedeutsam hielt auch Sherman selbst viele der nun in Wien gezeigten Arbeiten nicht. Darunter „Dinge, die ich niemals zeigen wollte, Dinge, von denen ich hoffte, jemand würde sie eigentlich erst sehen, wenn ich bereits tot bin“, wie sie in einem Interview sagt, das sie dem „Standard“ anlässlich der Ausstellungseröffnung gab. Hier spricht wohl vor allem das Unbeha­gen der Konzeptkünstlerin, der es später immer um das perfektionistisch geplante Ergebnis und nie um das ihm vorange­gangene Experiment gehen wird. Denn anders als Shermans monumentale Ein­zelfotos, ihre zahlreiche Frauenporträts, History Portraits oder die Clown-Bilder stellen viele Arbeiten dieser frühen Werkphase den Prozess aus. Erstens den Prozess des sich noch Ausprobierens der jungen Künstlerin, die sich in dieser Zeit nicht nur für die Kamera verkleidet hat, sondern so manchmal auch auf die Straße ging. Zweitens den Prozess des Verkleidens und Verwandelns selbst, der später konsequent unsichtbar bleiben wird. Doch damals produziert sie oft noch Bilderserien, die den Identitäts­wechsel schrittweise zeigen, in „Growing Up“ etwa den Wandel vom schielenden Kleinkind mit Haarspange zur erwachse­nen Person.

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Doll Clothes, Murder Mystery, Bus Riders. Sherman hat während ihres Studiums auch mehrere Kurzfilme gemacht, in denen sie mit Cutouts, aus Fotografien ausgeschnittenen Figu­ren, und Stop-Motion experimentiert. „Doll Clothes“ ist so ein klassisches Studienzeit-Experiment: Der Film zeigt eine in Zellophan gefangene junge Frau, die zwischen zahllosen Puppenkleidern wählen muss. Doch kaum hat sie die für sie passende Garderobe gefunden, wird sie zurück in ihr Klarsichtverlies gesteckt.

Mit Cutouts hat Sherman zu dieser Zeit viel gearbeitet, und einige der beeindruckendsten Arbeiten ihres Frühwerks sind mithilfe dieser Technik entstanden. In „Bus Riders“, einer Serie ausgeschnittener Fotografien, die in einem öffentlichen Bus angebracht und ausgestellt wurden, liefert Sherman quasi eine demografische Studie in Form eines repräsentativen Ensembles von Fahrgästen. Sherman gibt auf den Bildern den Busfahrer mit Schnauzer und Koteletten ebenso wie alle anderen, in ihrem jeweiligen Habitus genau getroffenen BusinsassInnen: die Greisin mit Krückstock, den pickligen Teenager, miteinander tuschelnde Schulmädchen, müde heimkehrende Arbeiterinnen oder den Schwarzen Mittdreißiger in Schlaghose.

Eine Installation mit Cutouts entwi­ckelte sie auch für „Murder Mystery“. Hierfür schrieb sie zuerst eine Krimi­nalgeschichte, um danach alle darin vorkommenden Charaktere – Diva und Kinder, Detektiv und Dienstmädchen etc. – selbst darzustellen. Die aus den Fotos isolierten Figuren gruppierte sie daraufhin zu Szenen und applizierte sie dem Handlungsverlauf entsprechend an die Wände eines Raumes.

Die Arbeiten „Murder Mystery“ und „Bus Riders“ verweisen auf eine vielleicht nicht unwesentliche Be­sonderheit in Cindy Shermans Früh­werk: Sie mimt hier auch männli­che Charaktere. Bis auf die – mehr oder weniger geschlechtslosen – Clowns wird sie später ausnahmslos Frauenfiguren in Szene setzen. Und sind es später die Abweichungen, die Sherman interessieren und die sie mit ihren schrägen Subjekten inszeniert, versucht sie als Stu­dentin ihre Figuren noch durch das Prototypische, Klischeehafte zu fassen.

In dieser Phase wird auch der Einfluss der Body Art auf Sherman ganz unmittelbar sichtbar. Bis auf die Bilder ihrer Arrangements mit Puppen und Gegenständen setzt sie ihren eigenen Körper Zeit ihres Lebens in ihrer Arbeit immer direkt ein. Allerdings ist es immer ein bekleideter Körper. Als Studentin in Buffalo versucht sie sich in der Tradition feministischer Body Art hingegen auch an der Nacktheit. So erfolgt die Codierung des Körpers in „Air Shutter Release Fashions“ lediglich durch Schnüre, mit denen sie die Umrisse unterschiedlicher Bademoden auf ihren nackten Körper zeichnet.

Hassliebe-Geschichte. „Obwohl ich mein Werk nie in einem aktiven Sinne für feministisch oder für ein politisches Statement gehalten habe, beruht natürlich alles darin auf meinen Beobachtungen als Frau in dieser Kultur. Und ein Teil davon ist eine Hassliebe-Geschichte, die Tatsache, dass mich Make-up und Glamour faszinieren und ich sie zu­gleich verabscheue. Das kommt von dem Versuch, sich selbst schön und sexy wie eine richtige junge Dame herzurichten, ohne sich zugleich wie eine Gefangene dieser Struktur zu fühlen.“

Dieses Zitat von Cindy Sherman findet sich im Eingangsbereich der Ausstellung – und es konterkariert letztlich die Bedeutung, die ihr in der feministischen Kunst einge­räumt wird. Denn was Sherman für die feministische Rezeption so interessant macht, ist keinesfalls einfach eine Kritik an der Rigidität herrschender Schönheitsideale und -industrien, auch wenn sie diese – etwa mit Fliegerbrille oder debil verzerrten Gesichtszügen – in ihren Bildern immer wieder sehr treffend zu formulieren vermag. Ihre eigentliche Leistung besteht jedoch darin, den Konstruktions­charakter von Identität auszustel­len: Durch eine hyperartifizielle Inszenierung diverser Weiblichkei­ten, die sich aus Kunsthaar, Brust­prothesen und mit pastosem Strich aufgetragenen Schminkschichten zusammensetzt.

Auch im „Standard“-Interview distanziert sich Sherman von feministischen Intentionen. „Ich glaube, ich habe meine Arbeit mehr als notwendig politisiert“, resümiert sie. Es ist nicht unüblich, dass sich Künstlerinnen mit solchen Aussagen dem weder sehr erfolg­versprechenden noch besonders einträglichen Label „feministische Kunst“ entledigen wollen. Eine Künstlerin, der das Moma in New York ab Ende Februar eine große Retrospektive widmet und deren Bilder Millionenerlöse erzielen, hat so eine Karrierestrategie aber eigentlich nicht nötig. Auch ein Vertrag, den Cindy Sherman neuer­dings mit der Make-up-Marke MAC hat, ist bestimmt nicht unlukrativ. Doch selbst die Werbefotos für die­se Kosmetiklinie, für die Sherman selbst Modell stand, dienen sich einer feministischen Interpretation geradezu an: Sherman ist als Clown sowie mit saukomischer Grimasse und in Trash-Glamour zu sehen. Mit dem Feminismus-Label wird Sher­man also voraussichtlich wohl oder übel weiter leben müssen.

 

Ausstellung: That’s me – That’s not me. Cindy Shermans frühe Werke
Vertikale Galerie, Am Hof 6a, 1010 Wien
Bis 16. Mai 2012 jeden Mitt­woch ab 18 Uhr, Eintritt frei, Voranmeldungen erbeten unter sammlung@verbund.com
Katalog: Gabriele Schor (Hg.): Cindy Sherman: Das Frühwerk 1975-1977.
Catalogue Raisonné, Verlag Hatje Cantz, 49,80 Euro.

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heimspiel: „Tante“ https://ansch.4lima.de/tante/ https://ansch.4lima.de/tante/#respond Sat, 25 Feb 2012 17:09:30 +0000 https://anschlaege.at/?p=2698 Neulich erzählt eine Bekannte, Soziologin und Mutter eines zweijährigen Kindes, ganz begeistert von der Krippe ihres Sohnes. Von KRISTINA BOTKA]]>

leben mit kindern

Neulich erzählt eine Bekannte, Soziologin und Mutter eines zweijährigen Kindes, ganz begeistert von der Krippe ihres Sohnes. Anschluss an einen Bauernhof gibt es. Und die Tanten sind auch unheimlich nett. „Tanten? Äh, arbeiten deine Schwestern auch in dieser Krippe?“ „???“ Es folgt mein Standardvortrag: Eine Tante ist eine Person, die aus Liebe zu den Neffen und Nichten auf diese „aufpasst“, und nicht eine Expertin mit pädagogischer Ausbildung – jene zur Elementarpädagogin übrigens ist eine der teuersten berufsbildenden höheren Schulen des Landes; fünfjähri­ges Intensivtraining mit Matura; ein Kindergarten ist eine Bildungseinrichtung und nicht eine erweiterte Familie; gesteigerte Anforderungen an den Beruf; extreme Belastung am Arbeitsplatz, blabla … All das zeichnet eine „Tante“ nicht aus, stattdessen wird mit dem Begriff vertuscht, dass es hier um einen die Gesellschaft gestaltenden Beruf geht. Kein Wunder, dass die KindergartenpädagogInnen (1 Prozent Männer) unglaublicherweise immer noch zu jener Berufs­gruppe gehören, die nicht einmal einen eigenen Kollek­tivvertrag haben! Puh. Mitleidiger Blick und Wechsel des Gesprächsthemas. Später höre ich GPA-Vorstand Katzian im Ö1-Interview: Für „Frauenberufe“ soll es jetzt mehr Einsatz geben. Das freut meine KollegInnen und mich: 25 Kinder pro Gruppe pro Pädagogin, inklusive Vorbereitung und Planung bei oft nicht mal vier bezahlten Stunden geht sich bei kaum einer aus, die extreme Körperbelastung, der Lärm und die hohe Verantwortung führen oft zu Schlafstörungen und Lang­zeitkrankenständen. Der Lohn orientiert sich am Mindestnö­tigen. Bei dieser Belastung auch noch den Kopf frei zu haben für emanzipatorische Interventionen bei/mit den Kindern, stellt eigentlich eine Unmöglichkeit dar.
Nachdem all dies nun aber großteils keine neuen Entwick-lungen sind, hätte die Gewerkschaft in vergangenen Jahr(zehnt)en ja schon die Chance gehabt, sich zu engagie­ren. Dass die Betroffenen darauf aber nicht mehr warten wollen, beweist das „Kollektiv Kindergartenaufstand“ (www.kindergartenaufstand.at). Denn was uns noch von Tanten unterscheidet: Wir haben ArbeitgeberInnen vor uns, an die durchaus Forderungen gestellt werden können!

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Illustration: Nadine Kappacher

Kristina Botka ist Kindergartenpädagogin und Mitbegründerin des Kollektivs Kindergartenaufstand.

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Unseriöse Verallgemeinerungen https://ansch.4lima.de/unseriose-verallgemeinerungen/ https://ansch.4lima.de/unseriose-verallgemeinerungen/#comments Sat, 25 Feb 2012 17:03:40 +0000 https://anschlaege.at/?p=2693 gehirnforschung_einparken_anschlaege_feminismusDie Datenlage zu Geschlechterunterschieden im Gehirn ist weit komplexer, als uns viele Autor_innen weismachen wollen. BETTINA ENZENHOFER erklärt, warum Misstrauen angebracht ist. ]]> gehirnforschung_einparken_anschlaege_feminismus

Die Datenlage zu Geschlechterunterschieden im Gehirn ist weit komplexer, als uns viele Autor_innen weismachen wollen. BETTINA ENZENHOFER erklärt, warum Misstrauen angebracht ist.

 

„Frauen und Männer sind unterschied­lich. Nicht besser oder schlechter, sondern unterschiedlich. Außer der Tatsache, dass sie der gleichen Spezies angehören, gibt es keine nennenswerten Gemeinsamkeiten zwischen ihnen.“ So beginnt das Buch „Warum Männer nicht zuhören und Frauen schlecht einparken“. Geschrieben haben es die Kommunikationstrainer_innen Barbara und Allan Pease. Und schon der Un­tertitel verrät, was uns das Paar sagen will: „Ganz natürliche Erklärungen für eigentlich unerklärliche Schwächen“. Denn Pease & Pease geben erstens vor, naturwissenschaftliche Erkenntnisse aufzuarbeiten, die, zweitens, für die unterschiedlichen Verhaltensweisen von Frauen und Männern verantwort­lich sein sollen. Dabei argumentieren sie auf einfachste Weise und brechen komplexe Zusammenhänge unseriös he­runter. Man liest dann bspw., dass „die Funktionsweise des weiblichen Gehirns bedeutende Unterschiede zu der des männlichen aufweist“ und hier „die Quelle (fast) allen Übels in den Bezie­hungen zwischen Männern und Frauen“ liege. Dieser direkte und eindeutige Zusammenhang, der angeblich zwischen Gehirn und Verhalten besteht, findet sich bei Pease & Pease immer wieder: Die meisten Männer würden demnach in einem bestimmten Hirnareal Richtun­gen „spüren“ können, weswegen sie sich auch besser orientieren könnten. Frauen hingegen hätten ausgezeich­nete Sprachfähigkeiten, weswegen es sie auch zu lehrenden Berufen ziehe. Doch mit einem solchen biologischen Determinismus machen es sich Pease & Pease viel zu einfach.

Gehirne in Blau und Rosa. Allerdings sind sie nicht die Einzigen, die mit solcherart reproduzierten Binaritäten Kapital schlagen: Die Neurobiologin Louann Brizendine wurde etwa mit ihrem Buch „Das weibliche Gehirn: Warum Frauen anders sind als Män­ner“ berühmt. Der Psychologe Simon Baron-Cohen teilte in „Frauen denken anders, Männer auch. Wie das Ge­schlecht ins Gehirn kommt“ das Gehirn in einen Empathie- und einen Systema­tisierungs-Typ. Ersterer sei bei mehr Frauen vertreten, Zweiterer bei mehr Männern. Auch Medien überraschen nicht mehr, wenn sie die „spektakulären Unterschiede zwischen weiblichem und männlichem Gehirn“ aufs Cover heben, wie etwa das österreichische Nach­richtenmagazin „profil“ im Juli 2011. Um die Unterschiede zu verdeutlichen, wurde auf dem „profil“-Cover ein Ge­hirn in eine blaue und eine rosa Hälfte eingefärbt, untertitelt mit den Worten „Eine Frau ist kein Mann“. Was wissen aber Hirnforscher_innen wirklich über die Substanz in unseren Köpfen? Wie spektakulär sind die Geschlechter-unterschiede im Hirn-Vergleich? Und warum liegt der Blick eigentlich auf den Unterschieden und nicht auf den Gemeinsamkeiten?

Neu ist die Fokussierung auf Geschlech­terunterschiede im Gehirn jedenfalls nicht. Schon 1861 behauptete der französische Arzt und Anthropologe Paul Broca, dass das weibliche Gehirn kleiner sei als das männliche, was mit einem Unterschied in der Intelligenz korrelieren würde – zugunsten der Männer. Damals mussten sich Forscher noch damit begnügen, das Gehirn nach dem Tod zu vermessen. Bestimmt wurde neben der Größe bspw. auch das Ge­wicht des Gehirns – immer auch im Ge­schlechtervergleich. Mittlerweile kann man mit verschiedenen technischen Geräten ins lebende Gehirn sehen, und je nach Fragestellung z.B. Schnittbilder eines Gehirns im Ruhe- oder aktiven Zustand berechnen. Populär sind heute Untersuchungen, bei denen Proband_in­nen in einem Magnetresonanztomogra­fen liegen und verschiedene Aufgaben lösen sollen (vgl. Interview Kaiser S. 24). Die Frage nach den Unterschieden zwischen den Geschlechtern ist dabei auch heute noch zentral.

Verzerrungen. Anders als uns popu­lärwissenschaftliche oder mediale Stimmen immer noch glauben machen wollen, stellen sich aktuelle Befunde der Neurowissenschaften jedoch keines­wegs eindeutig dar. Eine besondere Ver­antwortung kommt daher allen zu, die ein bestimmtes Wissen über das Gehirn kommunizieren: Den Wissenschaftler_innen sowie den Herausgeber_innen von Journalen, in denen Hirn-Studien publi­ziert werden, sowie den Geldgeber_in­nen, die bestimmte Studien finanzieren wollen. Den Hirnforscher_innen, die populärwissenschaftlich schreiben und mitunter unseriös zitieren (vgl. Inter­view Schmitz S. 20). Und nicht zuletzt den Journalist_innen, die Studienergeb­nisse oft auf unlautere Weise verkürzt wiedergeben. „Publication bias“ nennt man in diesem Zusammenhang folgen­des Phänomen: Es existieren Studien, die einen Geschlechterunterschied zum Ergebnis haben, und solche, die keinen finden. Allerdings sind die Ergebnisse, die keinen Unterschied feststellen, viel schwieriger zu publizieren als erstere – und sie werden auch von der Scientific Community seltener zitiert. Es kommt somit schon lange bevor Pease & Pease und Co. ihr „Wissen“ verbreiten zu einer verzerrten Darstellung der Daten­lage. Unlängst mahnte deshalb die Neu­robiologin Lise Eliot zur Vorsicht: Die Komplexität der geschlechtlichen Hirn­differenzierung – d.h. auch die wirkliche Größe und verschiedenen Ursachen von Geschlechterunterschieden in Hirn und Verhalten – müsse auch so kommuni­ziert werden. Und: Hirnforscher_innen sollten Frauen und Männer untersuchen und ihre Ergebnisse präsentieren – auch wenn das Ergebnis ist, dass es keinen Unterschied gibt. Das passiere, so Eliot, jedoch oft nicht, denn Wissenschaft­ler_innen und Herausgeber_innen sind an derartigen „negativen“ Ergebnissen nicht interessiert.

Unhinterfragte Vorannahmen. Hirn-forscher_innen untersuchen heute bestimmte Gruppen von Menschen, z.B. Frauen/Männer oder Mörder/Nicht-Mörder, und fragen, inwiefern sich deren Hirn-Strukturen und -Funk­tionen unterscheiden, wie sehr diese Unterschiede von vornherein festgelegt sind und ob diese Unterschiede das Verhalten determinieren. Um solche Studien durchführen zu können, muss man jedoch von einigen Vorannahmen ausgehen, wie schon die Biologin Sigrid Schmitz betonte: Zuerst muss eine binäre Gruppierung mit einer eindeuti­gen Trennlinie bestimmt werden. Diese beiden Gruppen müssen eindeutige Verhaltensunterschiede aufweisen. Auch die biologische Materie des Gehirns muss klar abgrenzbare Differenzen aufweisen – eine weitere Vorannahme. Diese Unterschiede müssen außerdem messbar sein. Nicht zuletzt geht man von der Prämisse aus, dass Unterschie­de im Gehirn und Verhalten direkt zusammenhängen, so Schmitz. Und auch wenn man sich über all diese Vorannah­men bewusst ist und sie möglicherweise sogar transparent macht (etwa, wie das Geschlecht der Proband_innen bestimmt wurde), bleibt noch ein Problem: Selbst wenn ein Unterschied zwischen den Geschlechtern gefunden werden kann, weiß man nicht, warum dieser Unter­schied existiert. Denn eine bestimmte Datengrundlage kann bspw. biologisch-deterministisch interpretiert werden, etwa in der Form, dass bestimmte Unterschiede angeboren oder durch Hormone entstanden wären. Eine ande­re Erklärung könnte sein, dass Erfah­rung und Umwelt das Gehirn beeinflusst hätten – der sogenannte bio-psycho-so­ziale Ansatz. Einen wesentlichen Schritt weiter geht das Plastizitätskonzept: Hier gibt es kein biologisches Substrat mehr, das nur beeinflusst wird, sondern Vertreter_innen der Hirnplastizität gehen von einer ständigen Wechsel­wirkung zwischen Biologie und Kultur aus, die so stark ist, dass es keinen rein biologischen „Rest“ mehr gibt (vgl. Interview Schmitz S. 20).

Die Sozialmedizinerin Rebecca Jordan-Young konnte anhand einer Analyse von Studien, in denen die Gehirne von homo- und heterosexuellen Menschen verglichen wurden, verdeutlichen, wo der Haken dieser Vorannahmen und Gruppierungen liegt: Es stellt sich nämlich die Frage, wie Homo- oder Heterosexualität definiert werden. Geht es darum, wer mit wem Sex hat? Oder um Begehren? Um Selbst- oder Fremdzuschreibungen? Ist man noch ho­mosexuell, wenn man auch heterosexu­elle Fantasien hat? Jordan-Young fand heraus, dass in wissenschaftlichen Un­tersuchungen diese Definition – sofern es überhaupt eine gibt – je nach Studie unterschiedlich ausfällt. Im Extremfall bedeutet das, dass ein bestimmtes Kon­zept von Heterosexualität in einer an­deren Studie als Homosexualität gefasst wurde. Das macht eine Vergleichbarkeit dieser Studien schwierig.

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Illustration: Bianca Tschaikner

Unterschiede und Gemeinsamkeiten. Im Geschlechtervergleich gehen Hirn­forscher_innen derzeit davon aus, dass es manche Unterschiede in Hirnstruk­tur und -funktion gibt. Allerdings sind diese oft nur sehr klein und überdies immer als statistischer Durchschnitt zu sehen: Die Variabilität innerhalb einer Geschlechtergruppe ist relativ hoch, die Gemeinsamkeiten sind größer als die Unterschiede. Weder sagt das biologi­sche Geschlecht eines Individuums et­was über dessen konkretes Gehirn aus, noch lassen sich von einem individuellen Gehirn Rückschlüsse auf das Geschlecht ziehen.

Die komplexe Datenlage zeigt sich auch auf der Ebene der Hirnstruktu­ren: Das Gehirn von Männern ist zwar durchschnittlich um zehn bis 15 Prozent größer und schwerer als das von Frauen. Allerdings bedeutet das nicht, dass da­mit auch bessere kognitive Leistungen einhergehen. Das Vorhandensein von Geschlechtsunterschieden in konkreten, regionalen Hirnstrukturen, etwa dem Hippokampus, ist umstritten. Auch der seit den 1970er Jahren beforschte Corpus Callosum konnte die Suche nach Differenzen nicht befriedigen: Dieses Areal liegt zwischen den beiden Hirnhälften. Werden diese stärker be­ansprucht – das wird gemeinhin Frauen zugesprochen –, so müsste das Informa­tionen austauschende Faserbündel des Corpus Callosum stärker ausgeprägt und infolgedessen das Corpus Callosum größer als bei Männern sein – das ist die Annahme, die diesem Untersu­chungsareal zugrunde liegt. Jedoch: Ab­gesehen vom fundamentalen Problem der Vermessung des Corpus Callosum ist die Datenlage widersprüchlich, und die Variabilität innerhalb einer Geschlechtergruppe scheint weit größer zu sein als die Unterschiede zwischen den Gruppen. Außerdem ist die Größe des Corpus Callosum nicht nur biolo­gisch determiniert, sondern wird von vielen Faktoren, z.B. dem Alter oder dem Umstand, ob jemand Rechts- oder Linkshänder_in ist, beeinflusst.

In einem aktuellen Artikel stellt die Psychologin Daphna Joel die Einteilung in ein „männliches“ und „weibliches“ Gehirn überhaupt völlig infrage: Weil das Gehirn hochgradig variabel ist und ein bestimmter Mensch in manchen Hirncharakteristiken „männlich“, in anderen „weiblich“ sein kann, ist die Hirnforschung möglicherweise besser beraten, nicht von einem geschlecht­lichen Dimorphismus (das würde bedeuten, dass es keine bzw. nur eine minimale Überlappung zwischen zwei Ausprägungen gibt, was auf nur sehr wenige Hirncharakteristiken zutrifft), sondern von einem „intersexuellen“ Gehirn auszugehen.

„Die Sprache“ und „die Frauen“. Auch für die Ebene der Hirnfunktion gilt: Sieht man sich Studien und deren spätere Refe­renzierung im Detail an, so bemerkt man oft schon innerhalb einer Studie metho­dische Mängel und unzulässige Generalisierungen. Dies lässt sich hervorragend anhand der berühmten Studie von Bennett und Sally Shaywitz et al. verdeutlichen. 1995 untersuch­ten sie, inwieweit Sprache im Hirn geschlechtsspezifisch unterschiedlich verarbeitet wird. 19 Frauen und 19 Männer mussten verschiedene Aufga­ben lösen, die mit Sprache zu tun hat­ten. Leistungsunterschiede zeigten sich nicht. Shaywitz et al. stellten aber eine teilweise unterschiedliche Aktivierung in einem bestimmten Gehirnareal fest, und hier liegt der kritische Punkt: Die­ser Unterschied wurde nur für eine der kognitiven Aufgaben gemessen, nämlich bei der Reim-Erkennung, und auch nicht bei allen Frauen, sondern nur bei elf der 19. Diese elf Frauen zeigten tatsächlich Aktivierungsmuster in beiden Hirn­hälften, d.h. bilateral, wohingegen bei den 19 Männern die Aktivierung mehr in der linken Hemisphäre gemessen wurde. Im Abstract der Studie heißt es dann verallgemeinernd, es gäbe in der funktionellen Hirnorganisation einen klaren Beweis für einen Geschlechtsun­terschied auf der Ebene der Reimerken­nung. Der Titel der Studie liefert eine weitere Generalisierung: „Sex differences in the functional organization of the brain for language“ – aus der Reim-Erkennung wur­de nun „die Sprache“, aus einer kleinen Proband_innen­gruppe

„die Geschlechterunterschiede“. Das bleibt dann auch übrig, wenn die Studie unseriös zitiert wird, wie das etwa Pease & Pease machen: Shaywitz et al. hätten bestätigt, dass „bei Män­nern vor allem die linke Gehirnhälfte für die Sprache zuständig ist, während bei Frauen dafür beide Gehirnhälften eingesetzt werden“. Pease & Pease behaupten an einer anderen Stelle sogar, dass Männer im Gegensatz zu Frauen „keine eigene Gehirnregion, die als Sprachzentrum fungieren würde“, hätten – auch das ist nicht korrekt. In einer anderen Studie mit fünfzig Frauen und fünfzig Männern ließen sich die Be­funde von Shaywitz et al. übrigens nicht bestätigen: Julie Frost et al. konnten keine Lateralitätsunterschiede (d.h. ob nur eine oder beide Hirnhälften benutzt werden) in der Aktivierung finden. Auch durch weitere Forscher_innen und Meta-Analysen konnte die sogenannte Lateralitätshypothese hinsichtlich der Sprachverarbeitung nicht bestätigt wer­den. Und obwohl es Studien gibt, bei denen in manchen sprachlichen Leistun­gen Unterschiede zugunsten der Frauen gefunden wurden (bspw. wenn zuvor gelernte Wortlisten frei wiederge­geben werden müssen), bleibt unklar, inwie­weit sich dieser Leistungsun­terschied im Gehirn abbildet und ob Biologie, Kultur oder deren Interaktion dafür verantwortlich sind.

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Illustration: Bianca Tschaikner

Frauen können einparken. Ebenso komplex stellen sich auch die Studien­ergebnisse zu einem weiteren belieb­ten Forschungsfeld, der „räumlichen Orientierung“, dar. Hinsichtlich der Verhaltensleistungen zeigen sich nur in einer speziellen Aufgabe signifikante Geschlechterunterschiede, nämlich in der sogenannten „mentalen Rotation“. Hier geht es darum, dreidimensionale Figuren um eine oder mehrere räumli­che Achsen mental zu rotieren und so zu überprüfen, ob diese Figuren mit einer Ausgangsfigur kongruent sind. Das kön­nen im Durchschnitt zwar Männer bes­ser, allerdings gibt es auch einen großen Überschneidungsbereich zwischen den Geschlechtern sowie Faktoren, die den Geschlechterunterschied verringern: So wirken sich etwa zuvor aktivierte Geschlechterstereotype – z.B. das Kli­schee, dass Frauen generell schlechter in Mathematik sind – negativ für die Bewältigung dieser Aufgabe aus.

Bildgebende Untersuchungen zeigen, dass Männer und Frauen bei mentalen Rotationsaufgaben durchwegs gleiche Areale benutzen. Es gibt zwar einzelne regionale Unterschiede, diese werden aber mit unterschiedlichen Lösungs­strategien erklärt: Frauen wenden eher Strategien an, die für diesen Test nicht so gut geeignet sind. Das könnte wiederum mit einer unterschiedli­chen Sozialisation zu tun haben. Ein weiterer Aspekt im Feld „räumliche Orientierung“ betrifft das Navigieren: Frauen werden hier mit „Landmarken“, Männer mit „Richtungsmerkmalen“ assoziiert – das heißt, eine Frau orien­tiere sich eher an Gebäuden, ein Mann an Himmelsrichtungen oder Distanzen. Studien, die diese Verhaltensunter­schiede im Gehirn untersuchten, sind jedoch widersprüchlich. Pease & Pease sprechen übrigens Frauen einen eigenen Bereich für das räumliche Vorstellungs­vermögen komplett ab, schlussfolgern daraus, dass sie „über eher bescheidene räumlich-visuelle Fähigkeiten verfügen“ und deshalb auch nur selten Berufe wählen, die solche Fähigkeiten erfor­dern. Neurowissenschaftliche Erkennt­nisse besagen anderes. Und spätestens die im „profil“-Artikel zitierte Aussage einer Genderforscherin, dass die Frage nach den Geschlechterunterschieden im Gehirn „hinter alle wissenschaftlichen Diskussionen“ zurückfalle, hätte sogar bei den verantwortlichen Journalis­tinnen Misstrauen gegenüber ihren eigenen Thesen wecken müssen.

 

Zum Weiterlesen:
Lise Eliot: The Trouble with Sex Differences. In: Neuron 72, 2011, www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0896627311010439
Anne Fausto-Sterling: Sexing the Body. Gender Politcs and the Construction of Sexuality. Basic Books 2000
Daphna Joel: Male or female? Brains are intersex. In: Frontiers in Integrative Neuroscience 5, 2011, www.frontiersin.org/integrative_neuroscience/10.3389/fnint.2011.00057/full
Rebecca M. Jordan-Young: Brain Storm. The Flaws in the Science of Sex Diffe­rences. Harvard University Press 2011
Anelis Kaiser: Sex/gender and neuroscience: focusing on current research. In: Martha Blomqvist, Ester Ehnsmyr: Never mind the gap! Gendering Science in Transgressive Encounters. University Printers 2010
Claudia Quaiser-Pohl, Kirs­ten Jordan: Warum Frauen glauben, sie könnten nicht einparken – und Männer ihnen Recht geben. Über Schwächen, die gar keine sind. Deutscher Taschenbuch Verlag 2007
Sigrid Schmitz: Frauen- und Männergehirne. Mythos oder Wirklichkeit? In: Smil­la Ebeling, Sigrid Schmitz (Hrsg.): Geschlechterfor­schung und Naturwissen­schaften. Einführung in ein komplexes Wechselspiel. VS Verlag für Sozialwissen­schaften 2006
Special Issue: „Neuroethics and Gender“. Erscheint Ende 2012, einige Papers sind online bereits zugäng­lich: www.springerlink.com/content/120989/?Content+Status=Accepted

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„Super, dass ihr da seid!“ https://ansch.4lima.de/super-dass-ihr-da-seid/ https://ansch.4lima.de/super-dass-ihr-da-seid/#comments Sat, 25 Feb 2012 16:51:36 +0000 https://anschlaege.at/?p=2687 occupy_berlin_anschlaege_feminismusOccupy Patriarchy? Vier Aktivistinnen berichten von ihren Erfahrungen mit Occupy Berlin. Von KATHARINA LUDWIG]]> occupy_berlin_anschlaege_feminismus

Occupy Patriarchy? Vier Aktivistinnen berichten von ihren Erfahrungen mit Occupy Berlin. Was hat sie frustriert, was motiviert sie weiterzumachen? Von KATHARINA LUDWIG

 

Mittlerweile ist Winter in Berlin, und in der U-Bahnstation hängt eine Zeitungs­reklame mit der Schlagzeile „Europa lernt Deutsch“ neben einem Bild von Angela Merkel. In den Zeitungen ist zu lesen, dass „die Krise“ dieses Jahr richtig zu spüren sein wird; dass Deutschland und Frankreich einen EU-weiten Sparkurs vorantreiben; und dass das Frauen besonders treffen wird. „We are the 99%!“ heißt die Parole der Occupy-Protestbewegungen in den USA und auch in Europa. Doch dem eige­nen Anspruch einer hierarchiefreien basisdemokratischen Gemeinschaft, die alle gleichermaßen repräsentiert, wird Occupy selten gerecht. Das kritisieren Feminist_innen in den USA unter dem Motto „Occupy Patriarchy“*. Welche Erfahrungen haben Aktivist_innen in Berlin gemacht?

Mehr direkte Aktion. Als Occupy-Aktivistin würde sich Julia nicht bezeichnen. Zwei, drei Mal war sie im Herbst vor dem Reichstagsgebäu­de. Dabei hat sie beobachtet, dass 80 Prozent der Redebeiträge von Männern kamen, obwohl Frauen die Hälfte der Anwesenden stellten. Auf der Website von Occupy Berlin postete sie deshalb einen Text, in dem sie „bewusst vorsichtig Quotierung als eine von mehreren Möglichkeiten“ nannte. Dass auf der Website paternalistisch geantwortet wurde, jede könne bei Occupy gleichermaßen sprechen, und wer das nicht tue, sei selber schuld, hat sie demotiviert. Basics wie Rederecht möchte sie nicht einfordern müssen. Das zwiespältige Gefühl von der Demo ist geblieben, obwohl sie sich auch an positive Rückmeldung auf (queer-)femi­nistische Forderungen erinnert. Als Teil der Gender-AG von attac hatte Julia bei einer pinken Aktion mitgemacht. Gleich bei der S-Bahn habe eine Frau gesagt: „Super, dass ihr da seid!“ Die Großdemo hat aber nicht gereicht, um mit anderen Aktivist_innen wirklich in Kontakt zu kommen. In feministischen Zusammenhängen in Berlin vermisst sie gerade mehr direkte Aktion und liest derzeit viel über Frauenwider­standsgruppen und ‚Reclaim the Night’ – es gäbe so viel, was man aufgreifen könnte, sagt sie. Fürs Erste hat sie mit rund zehn Freund*innen eine kleine Mailingliste gestartet. Wer nicht ohne queer-feministische Unterstützung zu einer Aktion will, zum Beispiel von Oc­cupy, schickt eine Mail. Dann geht die ganze Gruppe oder ein Teil gemeinsam hin. „Ich sehe gerade, da hat eine eine Ankündigung geschickt“, sagt Julia, bevor wir unser Gespräch beenden.

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29. November 2011: Die Warwick Anti-Sexism Society (WASS) mischt sich bei Occupy Warwick/GB ein.

Eben gerade jetzt. Natürlich würde sie sich eine super queer-feministische Bewegung wünschen, sagt Ann. Sie könne aber nicht fünf Jahre warten, weil eben gerade jetzt die Entschei­dungen für Sparkurs, Lohnkürzungen und Umverteilung nach oben getroffen werden, und zwar in Deutschland. „Wir können uns die gegenwärtige Bewe­gung nicht aussuchen“, sagt sie – aber einbringen könne sie sich dort. Ann spricht von der „sogenannten“ Occupy-Bewegung, weil sie sich auf die Reihe internationaler Proteste bis hin zu den Streiks gegen Lebensmittelteuerungen in den arabischen Staaten bezieht. In Berlin seien jetzt viele Menschen aktiv, die außer ein paar Umweltdemos wenig Erfahrung mit Sozialen Bewegungen haben – das sieht sie durchaus als Chance. Männliches Dominanzverhalten bei den Asambleas (Versammlungen) sei definitiv kein reines Occupy-Prob­lem, auch bei Studierendenprotesten beispielsweise hätten Frauen irgend­wann gesagt: „Es ist Zeit, dass wieder mal eine Tomate fliegt!“ Aber sie will ihre Kritik nicht essenzialisieren, denn auch Männer und Trans*personen litten unter solchem Rollenverhalten. Ann beobachtet, dass es dort mehr Proble­me gibt, wo die Bewegung nach außen repräsentiert werden muss, und dann, wenn es mehr Medienaufmerksamkeit gibt, wie etwa bei der Berlin Biennale. Doch Medien verkürzen Occupy oft auf Großdemos und Asambleas. AGs und Stadtteilgruppen, die militante Unter­suchung beim Jobcenter, Aktionen in Einkaufszentren oder Kuchen-Verteilen in der S-Bahn komme da nicht vor.

Die prekarisierten Arbeitsbedingungen der Aktivist_innen würden sich schnell bemerkbar machen, viele kämen völlig geschafft zu den Treffen. Alleinerzie­hende hätte sie noch keine getroffen. „Ich habe noch keine Asamblea mit Kinderbetreuung gesehen“, sagt sie. Ann wünscht sich, dass sich der Protest verbreitet und zum Alltagsthema wird und dass sich die vorhandene Resigna­tion – „Das bringt ja eh alles nichts“ – aufbrechen lässt.

Konflikte zur Sache der Gruppe ma­chen. „Bei mir rennst du offene Türen ein“, antwortet Alinka auf die Inter­view-Anfrage für diesen Artikel. Sie sei bestürzt, was sich Frauen bei Occupy teilweise gefallen lassen. „Platzhirsch! Platzhirsch!“, hat sie einem zugerufen, der oft als erster das Mikro hat und lange redet, aber andere, die lange sprechen, „asozial“ nennt – mit den Fingern formt sie beim Erzählen Hörner und lacht. Die Antwort des Sprechers: Alinka verstoße gegen die Asamblea-Regeln. Eine eigene feministische AG hat sie anfangs nicht angeregt, weil sie die Inhalte in die Gesamtbewegung hi­neintragen wollte. Bei einem Weltcafé hat sie den Konflikt mithilfe von Augus­to Boals „Theater der Unterdrückten“ aufgegriffen und bearbeitet. Sie mag an der Methode, dass ein Konflikt zwischen zwei Personen zur Sache der Gruppe wird. Es gibt mehrere Ideen, wie in Asambleas Grundwerte wie Antisexis­mus und Antirassismus am Anfang kol­lektiv erinnert werden könnten – oder wie auch die unterschiedliche Situation der Aktivist_innen thematisiert werden könnte. Alinka kann sich ein Women-only-Camp vorstellen oder zumindest einen sicheren Raum für Frauen und Trans*. Wichtig ist ihr die Beteiligung von internationalen Gruppen und Mig­rant_innen. Sie beschäftigt sich gerade intensiv mit der Rolle von Frauen in der Französischen Revolution und der Pariser Commune. Was ist da passiert, dass Frauen sich beteiligten, aber keine Gleichberechtigung erlangten? In Berlin möchte sie gerne kleine Geschichtsstun­den anbieten, für alle Aktivist_innen.

Aktivistinnen feiern. Ob es naiv oder überhaupt nötig sei, hat sich Pippa die­sen Januar gefragt, als sie die AG Frau­en bei Occupy ins Leben gerufen hat. Seitdem hat sie so oft „Wir brauchen das nicht“ gehört, dass sie sich mittler­weile ganz sicher ist. Sie war über­rascht, dass es bei Occupy zuvor noch keine entsprechende Initiative gab, aber auch sie selbst war erst einmal zwei Monate lang wie in einem Fulltime-Job damit beschäftigt, den Alltag im Camp zu organisieren. Wenn dort alle selbst ihre Aufgaben wählen, hat sie bemerken müssen, hacken Aktivisten tendenziell wirklich Holz und Aktivistinnen räumen wirklich das Camp auf oder spülen Geschirr, weil es sonst niemand tut. So oft habe sie gesehen, wie sich bei Asambleas zwei Personen gleichzeitig melden und dann die Frau sagt: „Nach dir.“ Pippa wünscht sich deshalb ein persönliches Frauen-Netzwerk mit wö­chentlichen Treffen, um Aktivistinnen zu bestärken und ihren Protest bei Occupy zu feiern. Pippa selbst hat es schon sehr ermutigt, ihre Kritik auszusprechen und zu hören, dass es anderen Aktivistinnen ähnlich geht. Beim nächsten Treffen der AG Frauen soll es Torte geben – das helfe immer.

 

Katharina Ludwig ist freie Journalistin in Berlin.

* www.occupypatriarchy.org
„Occupy Patriarchy“ findet am 12. Mai erstmals auch in Wien statt. Infos auf www.20000frauen.at.

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