Mai 2014 – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de Sun, 23 Aug 2020 17:22:19 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.0 https://ansch.4lima.de/wp-content/uploads/2024/10/cropped-favicon-32x32.png Mai 2014 – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de 32 32 an.künden: Auf die Bühne! https://ansch.4lima.de/an-kuenden-auf-die-buehne/ https://ansch.4lima.de/an-kuenden-auf-die-buehne/#comments Mon, 28 Apr 2014 19:06:56 +0000 https://anschlaege.at/?p=5107 Grrrls Night Out in Graz]]>

Ein in Österreich einzigartiges Konzept hat sich zum Ziel gesetzt, Musikerinnen und Instrumentalistinnen eine Bühne zu bieten: Bei der 12. Grrrls Night Out in Graz zeigen Musikerinnen der verschiedensten Genres ihr Können, z.B. vereinen „Anna und die Luftschiffer“ in Mundart traditionelle und internationale Musik, bei „Perlen für die Säue“ versprechen fünf Kunstfiguren eine wahnsinnige Performance. Beim „Modejam“ werden sie dabei speziell für das Konzert von Modedesignerinnen gestylt. Raumdesignerinnen gestalten die Saaldeko und DJanes sorgen für die passenden Sounds.

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10.5., ab 17.00: Grrrls Night Out, Hier ist Platz / Scherbenkeller, 8020 Graz, Stockerg., Eintritt frei, http://grrrls.mur.at

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an.künden: Update für Bosch https://ansch.4lima.de/an-kuenden-update-fuer-bosch/ https://ansch.4lima.de/an-kuenden-update-fuer-bosch/#respond Mon, 28 Apr 2014 19:04:54 +0000 https://anschlaege.at/?p=5103 Das Neueste Weltgerichtstriptychon in der Akademie der bildenden Künste Wien]]>

Angelehnt an das sich in der Akademie der bildenden Künste befindliche Gemälde „Weltgerichtstriptychon“ von Hieronymus Bosch haben sechs Künstler_innen das Werk neu für die Gegenwart interpretiert: Die drei neuen Tafeln wenden sich von den religiösen Symbolen des Originals ab und stellen stattdessen Stadt, Welt und Raum in den Mittelpunkt. Dabei werden durch die Auseinandersetzung mit Themen wie Gentrifizierung, Gerechtigkeit und der Idee von der „Festung Europa“ kritische Blicke auf das zeitgenössische kapitalistische System geworfen.

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bis 18.5.: Das Neueste Weltgerichtstriptychon, xhibit – Akademie der bildenden Künste, 1010 Wien, Schillerplatz 3, www.akbild.ac.at

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an.sprüche: Push it! Don’t! https://ansch.4lima.de/an-sprueche-push-it-dont/ https://ansch.4lima.de/an-sprueche-push-it-dont/#comments Sun, 27 Apr 2014 19:40:00 +0000 https://anschlaege.at/?p=5052 Der BH wird hundert. Auch die feministische Kritik am Büstenhalter ist in die Jahre gekommen. Was sagt sie zum Push-Up? LEA SUSEMICHEL und HENGAMEH YAGHOOBIFARAH sind geteilter Meinung.

Selbstverständlich soll Angela Merkel hiermit keinesfalls das Tragen eines Push-Up-BHs unterstellt werden. Doch die ungeheure Aufregung, die ihr beachtliches Dekolleté bei einem Opernbesuch in Oslo einst hervorrief, sollte bei der Analyse prominent präsentierter Brüste nicht unberücksichtigt bleiben. Denn ein in jeder Hinsicht „gepushter“ Busen war das damals allemal. Und selbst wenn auch männliche Politiker wie Putin (beim Angeln) und H.C. Strache (im Bikini-Slip) mittlerweile mit partiellen Nacktheiten für Aufruhr sorgen konnten, kommt das bei weitem nicht an die Verstörung heran, die eine Verbindung von höchster Staatsmacht mit so offensiv zur Schau gestellten Weiblichkeitsattributen offenbar auslöst.
Die Obszönität ergibt sich dabei wohl nur teilweise daraus, dass sich eine derartige Inszenierung für eine als postklimakterische Mutter der Nation identifizierte Kanzlerin nicht schickt. Sie verdankt sich auch der Aggressivität, die einem gewaltigen Busenberg zwangsläufig immer innewohnt. Diese Atombusen-Aggressivität wird als Push-Up-gestütztes Mittel deshalb gerne auch in feministischer Absicht genutzt. Und weil so ein Wonderbra-Busen überdies mit der weichen Schwere glorifizierender Frau-und-Mutternatur-Diskurse wenig zu tun hat, taugt er stattdessen viel besser als Symbol für die Inszeniertheit von Geschlecht. Nicht zufällig fallen auch Trans*brüste als selbstbewusstes und subversives Zuviel des Guten zuweilen ganz besonders mächtig aus.
Bei allem berechtigten (und persönlichen) Ärger über die entsetzliche Push-Upisierung von Unterwäschen- und Schwimmmoden und bei aller unbedingt nötigen Kritik an der bis hinter beide Ohren gepushten Sexualisierung bereits ganz junger Mädchen, muss also bilanziert werden: Der Push-Up-BH kann eine wunderbare Waffe sein. In diesem Sinne: Reclaim the dekolleté! Ja zum Super-Push-Up!

Lea Susemichels Brüste sind eher klein. Der Super-Push-Up, der daraus ein Dekolleté zaubert, das andere in Angst und Schrecken versetzt, ist leider noch nicht erfunden.

Der Nachteil an großen Brüsten: Sie sind überall. Weil links zu viel Brust ist und es beim Draufliegen weh tut, drehst du dich im Schlaf um, nur um dann auf der anderen Seite des Fleischberges zu liegen.
Noch mieser ist aber der BH-Kauf. Wenn ich schöne BHs sehe, fasse ich sie aus Reflex erst mal an. Zwischen meinem Daumen und den anderen Fingern ist garantiert eine zentimeterdicke Wattewand. Eine Push-Up-Wand, die jenen Raum wegnimmt, den meine Brüste benötigen. Das wiederum führt dazu, dass ich Riesengrößen brauche – solche, die sehr schnell vergriffen sind, wenn sie überhaupt hergestellt werden.
Wenn ich die trage, sieht es unter meinem Shirt aus, als trüge ich Kokosnussschalen. Muss ich mich durch enge Gänge quetschen, reißen meine Brüste plus Wattewand sämtliche Gegenstände mit. Befindet sich dieser enge Gang in einem Geschäft, muss ich peinlich berührt die umgestoßene Deko-Blume vom Boden aufheben. „Tut mir leid, dass ich so große Brüste habe“, will ich am liebsten sagen, dabei tut es mir gar nicht leid.
Leid tut es mir nur, dass ich ihretwegen Rückenschmerzen habe. Leid tut es mir, dass diese Minimizer-BHs hässlich wie die Nacht und keine Option sind. Leid tut es mir, dass meine Brüste im Sommer unangenehme Blicke anziehen. Wenn ich Tops trage, fühle ich mich durch solche Blicke und damit verbundene Kommentare auf der Straße sehr unsicher.
Deshalb spare ich mir den BH oft. Jung, wild und ungebändigt springen meine Brüste dann durch den Alltag : „Bouncing balls“. Wenn die Springkraft durch Rennen erhöht wird, müssen sie auch noch festgehalten werden. Dann muss ich mir wieder anhören, dass durch meine BH-Verweigerung meine Brüste in einigen Jahren so tief hängen werden, dass ich sie mir in die Hosentaschen stecken kann.
Leid tut mir also auch, dass nicht mal der radikale Verzicht hilft. Erstens verringert sich die Aufmerksamkeit nicht, zweitens ist es nicht das schönste Gefühl, wenn unter den Brüsten durch die Reibung auf den Rippen eine Schweißpfütze entsteht. Kein BH ist also auch keine Lösung.

Hengameh Yaghoobifarah macht der BH-Dschungel fertig. Auf Twitter beschwert sie sich über solche Dinge unter @sassyheng.

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positionswechsel: Be-Bop-A-Lu https://ansch.4lima.de/positionswechsel-be-bop-a-lu/ https://ansch.4lima.de/positionswechsel-be-bop-a-lu/#respond Sun, 27 Apr 2014 19:39:53 +0000 https://anschlaege.at/?p=5047 Illustration: Nadine Kappacher1984, inmitten der konservativen Reagan-Ära in den USA, sorgte ein Popsong bei konservativen Eltern für entsetzte Gesichter. Von SUZY FOUNTAIN]]> Illustration: Nadine Kappacher

eine lady genießt und schreibt

1984, inmitten der konservativen Reagan-Ära in den USA, sorgte ein Popsong bei konservativen Eltern für entsetzte Gesichter: „She Bop“ von Cyndi Lauper. Ein Lied über weibliche Masturbation – quel scandale! Die Aufregung ging gar so weit, dass „She Bop“ vom Parents Music Resource Center (eine Initiative züchtiger Politikergattinnen, die für die „Parental Advisory“-Aufkleber verantwortlich zeichnet, mit denen vor expliziten Songtexten gewarnt wird) auf die Liste der „Filthy Fifteen“ gesetzt wurde – quasi die Hitparade der anstößigsten Popsongs der 1980er. Als Lauper-Fan trällerte ich in meinen Teenie-Jahren eifrig zu „She Bop“ mit – die Bedeutung der Textzeilen (Cyndis Wichsvorlage: schwule Erotikmagazine mit knackigen Jungs in engen Jeans) kapierte ich allerdings erst Jahre später.
Auch in der Sache selbst war ich ein ziemlicher Spätzünder. In meinem Elternhaus war Sexualität ein absolutes Tabu, von Selbstbefriedigung ganz zu schweigen. An die Gruselmärchen, dass Masturbation zu Blindheit führe, unfruchtbar und debil mache, hatte ich nie geglaubt – wie denn auch, hatte ich doch keinen Dunst, wie das überhaupt gehen soll: sich selbst befriedigen. Ab und zu fummelte ich orientierungslos zwischen meinen Beinen rum, von „good vibrations“ jedoch keine Spur. Erfüllende Selbstliebe, das gab es nur in (heimlich geschauten) B-Filmchen zu mitternächtlicher Stunde.
All das änderte sich unversehens nach meinem ersten Date: Zwar war kein Sex im Spiel – doch allein die Küsse, die wir austauschten, waren so heiß, dass ich beinahe den Verstand verlor. Als ich wieder zuhause war, rannte ich schnurstracks in mein Zimmer, verriegelte die Tür und warf mich aufs Bett. Ungeduldig nestelte ich bei mir rum – bis ich plötzlich kam. Ich war geschockt. Und begeistert! Vollkommen euphorisiert von meiner Entdeckung machte ich es mir daraufhin nicht bloß alle paar Tage, sondern gleich paar Mal am Tag … Be-Bop-A-Lu She bop! Auf die vielen schönen und verdammt praktischen Seiten von Solosex (der übrigens nicht immer alleine stattfinden muss) komme ich noch ein anderes Mal zu sprechen. Hand aufs Höschen!

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Illustration: Nadine Kappacher

Suzy Fountains Lieblingssager „Every time you masturbate … God kills a kitten“, stammt nicht von panischen christlichen Fundis, sondern zierte einst das Cover des College-Satiremagazins „The Gonzo“.

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lesbennest: It’s Raining Misogyny https://ansch.4lima.de/lesbennest-its-raining-misogyny/ https://ansch.4lima.de/lesbennest-its-raining-misogyny/#respond Sun, 27 Apr 2014 19:39:49 +0000 https://anschlaege.at/?p=5045 Lesbennest"Oh honey! You're so funny and fabulous, you don't seem like a lesbian at all!!!" Von DENICE]]> Lesbennest

the fabulous life of a queer femme in action

„Oh honey! You’re so funny and fabulous, you don’t seem like a lesbian at all!!!“ is not a compliment, ok? I have quite a lot of (flamingly) gay friends, which is apparently unusal for a lezzzbian. This becomes obvious in party contexts, where I am often read as a fag hag. Which is of course utterly absurd, since if anyone is anyone’s hag here, it will be them being my dyke mikes! I love my flaming gays with their cliché dramaqueen gestures accompanying their outrageous stories, I really do. But if there is one thing I am so fucking tired of it’s the extremly outdated and tiresome dyke-jokes that rain down on me every single time. Like an obligatory part of some gay male repertoire. And like typical men* they find it extremly amusing to make fun of women, in this case the stereotype „boring lesbian“, while thinking that they are somehow protected from being sexists since they are, well, gay. Fish jokes, bed-boredom, lack of humour, lack of style, lack of penis … the list can go on forever. Hahahaha … Super funny! Not. I have to honestly say that I can’t think of a single time where I brought one of my gays to the dykes and the evening entertainment ended up with poking fun at gross balls, lack of intellectuality and a horrifyingly bad taste in music. According to a very scientific proof (that I made up myself), there is no pattern of general gay jokes having been integrated in our lesbian herstory. Are we nicer? Is that it? No. We just have more interesting things to talk about, like saving the fucking world or how to stop rapists. But since I do like getting back at bullies, imagine my delight when I found a website dedicated at ridiculing gay men dating dudes who look like their identical twin. Now THAT is funny, honeys!

Illustration: Nadine Kappacher
Illustration: Nadine Kappacher

As always, Denice reserves the right to make extreme generalizations to prove her point. She of course also has gay friends who are not remotely close to the stereotype pictured in this text. Also a sorry about the categories „lesbian“ and „gay“ (meaning gay men*) for this text. BTQQIA and all the other letters of our rainbow alphabet were yet again made invisible. Will compensate!

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an.sehen: Die Freiheit des Gefängnisses https://ansch.4lima.de/an-sehen-die-freiheit-des-gefaengnisses/ https://ansch.4lima.de/an-sehen-die-freiheit-des-gefaengnisses/#respond Sun, 27 Apr 2014 19:39:46 +0000 https://anschlaege.at/?p=5043 Im Frauenknast haben weibliche Figuren mehr Spielraum. Von CAMILLE DEGOTT ]]>

Basierend auf den Erfahrungen in einem US-Frauengefängnis zeugt die Serie „Orange Is The New Black“ davon, dass es im Fernsehen noch immer ein Privileg ist, über Privilegien reden zu können. Von CAMILLE DEGOTT

Bei der Veröffentlichung der Serie im Juli 2013 machte die US-amerikanische Netflix-Serie „Orange Is The New Black“ (OITNB) von sich reden: Einmalig in der Serienlandschaft zeichnet sich dieses Gefängnisdrama durch seine herausragende weibliche Besetzung (Bechdel-Test bestanden!) aus. Auch die Vielfalt der erzählten Geschichten und die Auseinandersetzung mit Themen wie Rassismus, Transphobie, Klassismus sowie dem US-Justizsystem waren ein Novum.
Angeblich basierend auf einer wahren Geschichte dreht sich OITNB um die im Frauengefängnis inhaftierte Piper Chapman, ein blondes Girl-Next-Door, das bisher in New York mit Boyfriend, eigener Bio-Kosmetik-Linie, Saftkur und „Mad Men“ lebte. Erst 15 Jahre nach dem ihr zur Last gelegten Vergehen wird sie wegen Drogengeldschmuggels verhaftet. Piper hatte sich nach ihrem Studium mit der Drogenhändlerin eines internationalen Kartells, der finsteren Alex Vause, eingelassen und war mit ihr und Drogengeld um die Welt gereist.

Gefängniswelt. Im Umfeld Pipers und auf der Folie ihrer naiven und privilegierten Haltung gegenüber der Gefängniswelt – sie will ihre Haft nutzen, um fit zu werden, ihre Amazon-Wunschliste zu lesen oder ein Handwerk zu erlernen – entdecken die Zuschauer_innen eine Palette an faszinierenden Insassinnen sowie unheimliche bis widerwärtige Wärter_innen. Mit der Wahl eines Frauengefängnisses als Handlungsort öffnet OITNB ein Feld an Möglichkeiten für Persönlichkeiten abseits der Norm, die sonst wenig bis keinen Platz im Fernsehen haben. Women of Color, Queers, Transfrauen und ältere Frauen werden nicht nur sichtbar gemacht, sondern verfügen über eine eigene Sprechposition. Bald tritt die Geschichte um die etwas farblose Piper und ihre Affäre mit der wiedergefundenen Alex, die sich durch eine Ironie des Schicksals im selben Gefängnis befindet, hinter die weit spannenderen Erzählungen um ihre Mithäftlinge zurück. Dennoch ist es gleichzeitig zu bedauern, dass ein Gefängnis offenbar das einzige Setting ist, das solch eine Freiheit im Fernsehen erlaubt, wie etwa auch Lisa Udl in der Zeitschrift „Malmoe“ kritisiert.

Preis der Sichtbarkeit. Beeindruckend ist vor allem die Figur der Friseurin Sophia Burset, mit viel Talent von der Aktivistin Laverne Cox gespielt. Erstmals in einer großen TV-Serie ist damit eine Hauptrolle von einer Schwarzen Transfrau besetzt. Auch wenn diese Besetzung unleugbar einen Fortschritt markiert, wurde von Transaktivistinnen kritisiert, dass die Komplexität und Mehrdimensionalität der Persönlichkeit Sophias allzuoft auf ihr „Anderssein“ und ihren Körper reduziert wird. Bloße Sichtbarkeit alleine ist nicht befriedigend, wenn sie der Reproduktion von Stereotypen über Transfrauen dient.

Trojanisches Pferd. Für die Schöpferin Jenji Kohan ist die Figur Pipers als weiße „nice lady“ ein „Trojanisches Pferd“, mit Hilfe dessen sie die Geschichte von marginalen Positionen erzählen kann. Piper unterscheidet sich von den anderen dadurch, dass ihr Schicksal nicht von ihrer ethnischen und Klassenzugehörigkeit determiniert ist. Dadurch werden auch ihre Privilegien sichtbar. Gleichzeitig aber wurde von vielen Blogger_innen of Colour bemerkt, dass die Serie sich nach wie vor um eine normierte TV-Figur dreht und überhaupt erst möglich wurde weil die „echte“ Piper nach ihrer Inhaftierung ein Erfolgsbuch schreiben konnte, was für meiste Insassinnen unvorstellbar gewesen wäre.
Es bleibt zu hoffen, dass die nun anlaufende zweite Staffel etwas von der formulierten Kritik aufgreift. Auf jeden Fall ist OITNB schon jetzt eine Serie mit schönen Überraschungen und viel Potenzial.

Zweite Staffel ab 6. Juni auf dem US-Bezahlsender Netflix, erste Staffel auf DVD (englisch)

Camille Degott studiert Gender Studies und Geschichte an der Universität Basel. Auch wenn ihr Seriengeschmackt manchmal zu wünschen übrig lässt, schämt sie sich nicht ihrer Liebe zu OITNB.

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an.klang: Weltbürgerinnen https://ansch.4lima.de/an-klang-weltbuergerinnen/ https://ansch.4lima.de/an-klang-weltbuergerinnen/#respond Sun, 27 Apr 2014 19:39:43 +0000 https://anschlaege.at/?p=5040 Musikalische Mehrebenengeschichten in Rap, Jazz und Elektro. Von SONJA EISMANN ]]>

Ein gerappter Roman und eine Wiedergängerin von Nina Simone aus London, eine kuwaitische Adeptin von „Sinogrime“ und OldSchool-HipHop für die Ladys in drei Sprachen – der Sommer strahlt jetzt schon. Von SONJA EISMANN

Kaum zu glauben, dass diese Powerpackung einer jungen Frau bei uns noch völlig unbekannt ist. Denn Kate Tempest, die 27-jährige Rapperin, Spoken-Word-Künstlerin und Theaterautorin aus Südlondon, hat bereits so viel an Meriten eingesammelt, dass einer schwindlig wird: Sie ist auf so ziemlich jedem großen Festival aufgetreten und war bereits Support für Größen wie Billy Bragg, Femi Kuti und Saul Williams. 2013 wurde ihr der prestigereiche Ted Hughes Award für Lyrik verliehen, sie unterrichtete in Yale und am Goldsmiths College, kooperierte mit Amnesty International und schrieb im Auftrag der Royal Shakespeare Company, Channel 4, BBC und sogar Aung San Suu Kyi. „She has no right whatsoever to be as good as she is“, bemerkte ihr musikalischer Manchmal-Partner Scroobius Pip ironisch und bringt damit auf den Punkt, wie fassungslos man vor der mitreißenden Dringlichkeit steht, mit der Tempest ihre düster-mythologischen und dabei so absolut heutigen Alltagsbeobachtungen aus dem Schmutz Londons in einem nie abreißenden Strom aus halb gesungenen, halb gesprochenen Worten ausspuckt. Dabei ist Everybody Down (Big Dada/Ninja Tune/Rough Trade, VÖ 16.05.), das vom renommierten Produzenten Dan Carey aka Mr Dan (M.I.A., Kylie Minogue, Santigold etc.) mit smooth bouncenden bis bedrohlich dystopischen Soundkulissen aufgenommen wurde, auch in seiner Form einzigartig. Denn statt in isolierten Tracks über die eigene Greatness zu rappen, wendet sich Kate Tempest der anderen großen, oft vergessenen Tradition des HipHop zu: Sie erzählt eine ausufernde Geschichte von Liebe, Geld, Drogen und Sexarbeit, die von Track zu Track wie ein Roman in einer Komplexität verbunden ist, die auch nach vielmaligem Hören und Aufdröseln der Stränge noch nicht ganz zu fassen ist. Thrilling.

Zara McFarlane © Brownswood Recordings
Zara McFarlane © Brownswood Recordings

Auch Zara McFarlane, ebenfalls aus London, erzählt auf ihrer neuen, zweiten Platte If You Knew Her (Brownswood Recordings / Rough Trade, VÖ 28.03.) Geschichten, inspiriert „von all den lebenslustigen, tollen Schwarzen Frauen, die mich umgeben“. Doch wo Kate Tempest auf Drastik und emo-tionale Unmittelbarkeit setzt, geht die ausgebildete Jazzsängerin die Themen ihres Albums, das „ganz allgemein die Stärke von Frauen zelebriert – vom Alpha-Tier bis zur Hausfrau“, mit der smoothen Eleganz ihres Genres an. Die vom „Weltmusik-Zampano“ Gilles Peterson entdeckte Musikerin, die 2012 mit dem Starpianisten Gregory Porter mehrere Nina-Simone-Tribute-Konzerte gab, wandelt auf den Spuren überlebensgroßer Vorgängerinnen wie Ella Fitzgerald, Roberta Flack oder eben Nina Simone, und ist dabei mit ihren zurückgelehnten, exquisit perlenden Soulkompositionen doch absolut eigenständig. Die extrem sparsame Instrumentierung aus Bass, Hang, Gitarre oder Klavier bleibt stets minimalistisch und formt damit den perfekten Hintergrund, der McFarlanes Stimme zum Glänzen bringt.Minimalismus ist ihre Sache nicht: Die aus Kuwait stammende, in New York und London lebende, überstylishe Elektronikproduzentin Fatima Al Qadiri, die mit hippen Desigern wie Hood by Air und Telfar Clemens befreundet ist und sich bereits als Konzeptkünstlerin einen Namen gemacht hat, widmet ihr erstes Album Asiatisch (Hyperdub/Cargo, VÖ 05.05.) nach drei EPs der westlichen Konzeption von China, gefiltert durch popkulturelle Referenzen. Die mit düsteren Soundscapes, kitschigem, pseudo-„fernöstlichen“ Geplänkel und Vocals in (Nonsens-)Mandarin überladenen zehn Tracks mit Titeln wie „Wudang“, „Dragon Tattoo“ oder „Forbidden City“ spüren dem Genre des „Sinogrime“ nach – und das, bevor Al Qadiri überhaupt wusste, dass dieses tatsächlich seit den 00er Jahren in East London existiert. Eine bewusst verwirrende Angelegenheit, die uns klanglich und intellektuell stimulierend unsere Verstricktheit in (post)koloniale Denkmuster vor Augen führt.
„I don’t have kids and I don’t have money and I don’t have a man who can call me honey“, so stellt sich Vaitea auf ihrem Album Word Citizen (BBE Records, VÖ 05.05.) ihren Hörerinnen vor. Und tatsächlich ist die junge Rapperin eine „World Citizen“: geboren in Neuseeland, Mutter italienisch, Vater französisch, Wurzeln in Polen, der Türkei und Sibirien und mit einem polynesischen Namen, komponiert sie in drei Sprachen und mixt die Genres HipHop, Soul, Jazz und Spoken Word. Mit oldschooligen, upliftenden Vibes verbreitet Vaitea massig Empowerment-Messages für die Ladys – ein Track wie „Holdaline“ lässt süße Erinnerungen an Queen Latifah feat. Monie Love mit „Ladies First“ wach werden. Perfekt, um im Sommer laut aus runtergerollten Autofenstern und geöffneten Balkontüren zu quellen.

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an.lesen: Gender can only fail us https://ansch.4lima.de/an-lesen-gender-can-only-fail-us/ https://ansch.4lima.de/an-lesen-gender-can-only-fail-us/#respond Sun, 27 Apr 2014 19:39:41 +0000 https://anschlaege.at/?p=5033 Rae Spoon und Ivan E. Coyote schreiben und singen gegen Geschlechterkorsette an. Von LISA BOLYOS ]]>

Dass das Konzept der zwei Geschlechter nicht das Gelbe vom Ei ist, haben einige schon geahnt. Sie und auch alle anderen schicken die kanadischen Kunstschaffenden Rae Spoon und Ivan E. Coyote mit ihrem Buch „Gender Failure“ in Genderfrühpension. Von LISA BOLYOS

Wen hat das binäre Genderkonzept noch nie im Stich gelassen? Wer hat noch nie gedacht, wär ich bloß … oder: Wär ich doch nur nicht …? Wer kann null frühkindliche Erinnerungen aufzählen (verdrängen gilt nicht!), in denen eine Bestätigung für geschlechterrollenkonformes oder eine Rüge wegen rollenverweigernden Verhaltens vorkommt? Na eben. Umso besser also, dass Ivan E. Coyote und Rae Spoon ein Buch für uns alle geschrieben haben.

Genderkorsett. Ivan E. Coyotes Feld ist die Literatur. Rae Spoon macht Musik. In ihrem ersten gemeinsamen Buch, „Gender Failure“, erzählen die beiden davon, wie sie den Umgang mit ihrem Geschlecht und ihrer Sexualität erleben und gestalten – im öffentlichen Raum, auf der Bühne, in privater Intimität. Die Erfahrungen überschneiden sich und unterscheiden sich, in wechselnden Kapiteln – Spoon, Coyote, Spoon, Coyote – versammeln sie sich, 256 Seiten lang. Vom Kind sein – nicht im falschen, sondern im beständig falsch interpretierten Körper – ist die Rede, von der Vielfalt an Sexualität, die sich anbietet, und dem kleinen Ausschnitt, aus dem mensch nur wählen darf (wegen der Eltern, der Kirche, der eigenen Strenge); vom ersten Aufmerksamwerden: Da ist ja noch was anderes möglich, gilt das auch für mich …? Von Gehversuchen in neuen Konzepten und wie auch die wieder zu eng werden.

Gendercomedy. Mehr als eine Erzählung vom „Gender Failure“ wurde daraus ein Handbuch „to let the gender concept fail“. Nicht nur die Idee von der Binarität der Geschlechter greifen Spoon und Coyote in ihren anekdotenhaften Erzählungen an, sondern den generellen Anspruch, sich ständig für irgendeine Form von Geschlecht – und das entsprechende Aussehen, das Auftreten, das Sein und das Begehren – entscheiden zu müssen. Vom ratlosen Heteramädchen zur jungen Lesbe, vom Hetero-Transmann zum Schwulen. Vom Stress, sich als Nicht-Frau durchsetzen zu müssen hin zum Stress, als Transmann doch nicht zu genügen. Nicht nur die konservative Großfamilie in den kanadischen Prairies trägt ihre Genderbrillen; auch angesichts der konformistischen Vorstellungen in der eigenen Szene darüber, wie Gender 2.0 aus-sehen muss, kann dir das Kotzen kommen – bloß, auf welches Klo rennst du? Das mit dem Rockmensch oder das mit dem Hosenmensch?
Auf langen Tourneen quer durch kanadische Klein- und Großstädte lernt Spoon, zweitweise der Countrymusik verschrieben, die vielen Schattierungen fehlender Akzeptanz kennen: Die einen wollen Geschlechterklarheit und schöpfen – gespeist von Verunsicherung und Transphobie – Verdacht beim Auftreten dieses zarten Sängers (der zu allem Irrsinn dann auch noch Liebeserklärungen singt – an Männer, an Frauen, an weiß-man-nicht-wen und an die kanadischen Landschaften). Die anderen wollen Transklarheit und sind irritiert von Raes hoher Stimme, die ihnen als Hinweis auf die „fehlende“ Hormontherapie gilt. Woraus Spoon die Erkenntnis zieht: „Throughout the interactions I’ve had over the past ten years, I’ve learned that the gender binary is more of a comedy skit than a fact.“

Genderpension. Die Conclusio aus jahrelangen Kämpfen um und mit Geschlechterrollen ist der Ruf nach „gender retirement“ – in Genderpension gehen, oder lieber noch in Genderfrühpension. Das will heißen: Nicht länger um Anerkennung für dieses oder jenes Geschlecht strampeln, sondern die ganze leidige Konzeption von der Geschlechts-„Identität“ auf den Schutthaufen der (individuellen und allgemeinen) Geschichte werfen.
Von Hoffnungsschimmern erzählen die zwei indes nur punktuell: Die Begegnung mit einem Teenie-Transmann in der Holz- und Minenstadt Prince George gehört da etwa dazu, der kurz vor Beginn seiner Hormontherapie von seinen Eltern zu Rae Spoons Konzert eingeladen wird; oder der Kantinenangestellte, der Coyote „Miss“ nennt, worauf Coyote entgegnet: „Actually, I prefer Sir.“, und der andere, unaufgeregt: „So does my mum.“ Mehr davon!, wünscht sich die erschöpfte Leserin. Mehr von den Ermutigungen, der Energie, gespeist aus den guten Momenten, dem Schmäh, der eine_n die humorfreien Gefilde aushalten lässt. Gender fails you? Make gender history! l


Lisa Bolyos ist unter anderem Nebenerwerbsbäuerin. Sie wollte in Kinderjahren so lange ein Bub sein, bis sie in Erfahrung bringen konnte, dass Traktorfahren eine geschlechtsunabhängige Angelegenheit ist.

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Ein anderes Europa ist möglich https://ansch.4lima.de/ein-anderes-europa-ist-moeglich/ https://ansch.4lima.de/ein-anderes-europa-ist-moeglich/#respond Sun, 27 Apr 2014 19:39:37 +0000 https://anschlaege.at/?p=5031 Geschlechtergerechtigkeit braucht auch wirtschaftspolitische Veränderungen. Von ELISABETH KLATZER ]]>

Seit dem Ausbruch der Finanz- und Wirtschaftskrise hat in der EU im Schatten der Krise ein drastischer Umbau stattgefunden. Demokratie, soziale Ausgewogenheit wie auch Geschlechtergerechtigkeit bleiben auf der Strecke. Denn wirtschaftspolitische Regeln sind immer auch geschlechter- und gleichstellungs-politisch relevant, schreibt ELISABETH KLATZER.

Trotz mehr als fünfzig Jahren Integrations- und Gleichstellungspolitik hat die Europäische Union (EU) nach wie vor großen Aufholbedarf, um Geschlechtergleichstellung und soziale Gerechtigkeit zu verwirklichen. Doch seit dem Ausbruch der Krise wurden von den konservativen Eliten stattdessen weitreichende Umgestaltungen der wirtschaftspolitischen Steuerung in der EU vorangetrieben, die das Gegenteil zur Folge haben.
Es sind die deutsche Kanzlerin Angela Merkel, José Manuel Barroso, Präsident der Europäischen Kommission (EK), Ratspräsident Herman Van Rompuy und die Europäische Zentralbank, die als zentrale AkteurInnen der europäischen Krisenpolitik zu nennen sind. Dabei wurde stets das Argument vorgebracht, es ginge um Maßnahmen, die nötig wären, um die Krise zu bekämpfen. Ein genauer Blick allerdings zeigt, dass die neuen Regeln keineswegs zu einer Überwindung der Krise beigetragen haben. Vielmehr wurde Europa bewusst in eine andauernde Wirtschaftskrise, Arbeitslosigkeit und steigende Armut hineingetrieben.

Illustration: Blanca Tschaikner
Illustration: Blanca Tschaikner

Sozialabbau. Mit einer Reihe von rechtlichen Regeln – wer erinnert sich z.B. noch an Sixpack, Euro Plus Pakt und Fiskalpakt? – wurde ein enges wirtschaftspolitisches Korsett eingeführt, das alle Mitgliedstaaten zu rigider Kürzungspolitik und sogenannten „Strukturreformen“ zwingt. Im Klartext bedeutet das den Abbau von sozialstaatlichen Leistungen, wie z.B. Pensionen, Sozial- und Gesundheitssysteme, und großen Druck, Löhne zu kürzen und arbeitsrechtliche Bestimmungen abzubauen. Die EU-Krisenpolitik kreist um „immerwährende Austerität“, d.h. permanenter Sparkurs und Wettbewerbsfähigkeit, übersetzt bedeutet das vor allem eine Senkung der Löhne. Das System funktioniert, da all jenen Ländern hohe Strafzahlungen drohen, die sich nicht an die strikten Vorgaben der EU halten.
Unbemerkt, aber umso folgenreicher, wurden mit den Regeln auch die demokratischen Gestaltungsmöglichkeiten drastisch eingeschränkt: In der Budgetpolitik oder bei wirtschaftspolitischen Schwerpunkten haben die nationalen Parlamente nicht mehr volle Gestaltungsfreiheit, sondern müssen sich den Vorgaben der Kommission und des Rates der Wirtschafts- und FinanzministerInnen (Ecofin-Rat) beugen.
Diese Politik hat die Folgen der Finanzkrise verschärft und Europa in eine andauernde Rezession mit enormer Arbeitslosigkeit und sozialem Elend geführt. Verheerend ist die Situation in Ländern wie Griechenland, Spanien und Portugal; aber Arbeitslosigkeit und soziale Misere hat auch in allen anderen EU Ländern drastisch zugenommen. Wirtschaftspolitisch sinnvolle Wege, wie erhöhte öffentliche Investitionen in Versorgungsleistungen (in die „Care Economy“) und in einen ökologischen Umbau der Wirtschaft, was gleichzeitig zu vermehrter Beschäftigung führen kann, werden durch die rigide Sparpolitik bewusst unterbunden.

Investitionsabkommen. Damit noch nicht genug. Obwohl es anhand der schlechten Wirtschaftsdaten und der beunruhigenden sozialen Situation von Millionen von Menschen längst an der Zeit wäre, radikal umzudenken, treiben die Eliten den eingeschlagenen Kurs munter weiter. Abgesehen von weiteren Verschärfungen der neoliberalen Kürzungs- und Staatsabbau-Agenda, die demnächst in Form von „Wettbewerbspakten“ im Europäischen Rat beschlossen werden sollen, stellen die derzeit unter Ausschluss der Öffentlichkeit laufenden Verhandlungen zum EU-USA Handels- und Investitionsabkommen (TTIP) und einem ähnlichen Abkommen mit Kanada eine akute Bedrohung für Demokratie und soziale und ökologische Standards in Europa dar. Die EK verhandelt im Auftrag der Mitgliedsländer seit 2013 mit den USA. Die Verhandlungen sind geheim und laufen undemokratisch ab, weder das EP noch die nationalen Parlamente oder zivilgesellschaftliche Gruppen sind eingebunden. Das Europäische Parlament soll nach Abschluss der Verhandlungen das Abkommen nur als Ganzes absegnen, ohne die Möglichkeit, Änderungen vorzunehmen. Große, multinationale Unternehmen hingegen haben privilegierten Zugang zur EK und den VerhandlerInnen, um ihre Interessen einzubringen.
Konzerne in der EU und in den USA sehen im TTIP eine Gelegenheit, Gesetze zum Schutz von KonsumentInnen, ArbeitnehmerInnen und Umwelt zu unterlaufen, um so ihre Gewinne zu erhöhen. Besonders besorgniserregend ist das Vorhaben, Schiedsgerichtsverfahren einzuführen. Diese privilegieren ausländische InvestorInnen und privatisieren das Rechtssystem, indem Konzerne das etablierte Rechtssystem umgehen und ihre Interessen einfacher durchsetzen können. Hinter verschlossenen Türen entscheiden letztlich drei hochbezahlte spezialisierte AnwältInnen über Klagen gegen z.B. zu hohe Umweltstandards oder Sozialgesetze und damit über Schadenersatzansprüche von Konzernen in Millionen- oder Milliardenhöhe für entgangene Gewinne durch geänderte Gesetzesänderungen.

Geschlechterverhältnisse. Im Juni 2013 hat das Europäische Institut für Geschlechtergleichstellung (EIGE) seinen ersten europäischen Gleichstellungsindex veröffentlicht, der zeigt, dass die EU und die Mitgliedsstaaten erst auf halbem Weg in Richtung Gleichstellung sind (bei ca. 56 Prozent). Nicht überraschend ist die Ungleichheit bei der Machtverteilung, das heißt, die Repräsentation von Frauen in politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entscheidungspositionen ist am geringsten – Österreich schneidet hier besonders schlecht ab.
Die europäische Gleichstellungspolitik, die von Beginn an von wettbewerbspolitischen Überlegungen geprägt war, ist der ökonomischen Nutzenlogik unterworfen, die EK spricht explizit von der Gleichstellung der Geschlechter für Wirtschaftswachstum und nachhaltige Entwicklung. Aber es wäre irreführend, den Stellenwert von Gleichstellungspolitik der Union nur anhand explizit gleichstellungspolitischer Maßnahmen zu bewerten. Mit Ausbruch der Eurokrise traten gleichstellungs-, sozial-, und demokratiepolitische Ziele in der EU weiter in den Hintergrund und wurden von finanz- und wirtschaftspolitischen überlagert. Gleichstellungspolitisch höchst relevant ist daher, wie sich die Weichenstellungen der wirtschaftspolitischen Steuerung auf Geschlechterverhältnisse auswirken.
Die gegenwärtige Wirtschaftspolitik hat tiefgreifende Auswirkungen auf die Lebensrealitäten und konterkariert gleichstellungspolitische Erfolge in anderen Bereichen.
Die wirtschaftspolitischen Regeln und Rahmenbedingungen wirken vielfach auf Gleichstellung und Geschlechterverhältnisse. Der Umbau der wirtschaftspolitischen Steuerung hat zu einem Erstarken der von Männern dominierten und von maskulinen Normen und Traditionen geprägten Institutionen, wie Finanzbürokratie in Kommission und Finanzministerien, geführt. Demgegenüber verlieren Parlamente, wo Frauen in den vergangenen Jahrzehnten in zähem Kampf stärkere – wenn auch längst noch nicht ausgewogene Repräsentation – erreicht haben, wirtschaftspolitisch entscheidend an Einfluss und Macht.

Austeritätspolitik. Auch wirtschaftspolitische Regeln sind gleichstellungspolitisch relevant. Sie beruhen primär auf Geldwertstabilität, Schulden- und Defizitreduktion, Wettbewerbsfähigkeit sowie der Annahme der grundsätzlichen Überlegenheit des Marktes gegenüber dem Staat. All das hat eine Schlagseite. Diese Regeln führen zu gesellschaftlichen Schieflagen, die zur Zurückdrängung von wohlfahrtsstaatlichen Leistungen und zu Lohndruck bzw. Prekarisierung am Arbeitsmarkt führen. Analysen der Austeritätspolitik in den Mitgliedsstaaten zeigen, dass Ausgabenkürzungen vor allem bei öffentlichen Dienstleistungen und Sozialleistungen gemacht werden, die insbesondere für Frauen von Bedeutung sind, beispielsweise Leistungen für AlleinerzieherInnen, Leistungen für Kinder und andere Sozialleistungen. Implizit wird wieder einmal vorausgesetzt, dass der Ausfall öffentlicher Versorgungsleistungen und der gesunkene Wohlstand in vielen Familien „unsichtbar“ kompensiert werden. Frauen werden als unsichtbare Sicherheitsnetze überstrapaziert. Es kommt zu einer Verlagerung der Kosten in den privaten Bereich, wo vielfach Frauen die öffentlichen Leistungsreduktionen mit ihrer unbezahlten Arbeit kompensieren. In Haushalten, die es sich leisten können, verschiebt sich die Last oft auch auf – u.U. illegale – Migrantinnen, die oft schlechten Arbeitsbedingungen und Abhängigkeitsverhältnissen ausgesetzt sind.

Europa geht anders. Eine emanzipatorische Agenda in der EU muss sich auch auf wirtschaftspolitische Veränderungen konzentrieren. Eine Überwindung der Krise und Entwicklung eines neuen Wirtschaftssystems muss Transformationsprozesse in Gang bringen, die auf Umverteilung von Ressourcen, insbesondere Einkommen, Vermögen und Einfluss, auf ausgewogene Repräsentation sowie auf Anerkennung von unterschiedlichen Identitäten und Betroffenheiten abzielen.
Ein anderes, emanzipatorisches Europa ist nicht nur möglich, es ist auch unumgänglich, um weitere Wirtschafts- und Sozialkrisen zu verhindern. Es führt nicht nur zu mehr Gleichstellung und Gerechtigkeit, sondern auch zu besseren Lebensverhältnissen und einer ausgewogenen sozialen und wirtschaftlichen Entwicklung in Europa.


Elisabeth Klatzer ist Ökonomin, feministische Aktivistin und arbeitet unter anderem zu Fragen geschlechtergerechter Wirtschafts- und Budgetpolitik.

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