Mai 2012 – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de Thu, 26 Apr 2012 21:35:30 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.0 https://ansch.4lima.de/wp-content/uploads/2024/10/cropped-favicon-32x32.png Mai 2012 – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de 32 32 an.künden: Gender – Medien – Kritik https://ansch.4lima.de/an-kunden-gender-medien-kritik/ https://ansch.4lima.de/an-kunden-gender-medien-kritik/#respond Thu, 26 Apr 2012 21:35:30 +0000 https://anschlaege.at/?p=2947 gender_medien_kritikAn der Schnittstelle von Gender Studies und Medienwissenschaft wurden bereits in der Vergangenheit produktive Instrumente zur Analyse von Geschlechtlichkeit entwickelt. ]]> gender_medien_kritik

An der Schnittstelle von Gender Studies und Medienwissenschaft wurden bereits in der Vergangenheit produktive Instrumente zur Analyse von Geschlechtlichkeit entwickelt. Doch was kommt nach dem Postfeminismus in Gender Studies und Medienwissenschaft? Welche Rolle spielen ehemals feministisch geprägte Begriffe wie „Ermächtigung“ und „Agency“ in der aktuellen Medien- und Populärkultur? Die Tagung „Screen Strike“, veranstaltet von der Arbeitsgruppe „Gender & Medien“ der Gesellschaft für Medienwissenschaft, macht das neue Verhältnis von Gender, Medien und Kritik an drei Tagen mit mehr als vierzig Referent_innen zum Thema.10.–12.5., Screen Strike: Gender – Medien – Kritik, Atelierhaus der Akademie der bildenden Künste Wien, 1010 Wien, Schillerplatz 3, Programm und Infos unter www.univie.ac.at/screenstrike

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an.künden: Gendercamp, dritter Streich https://ansch.4lima.de/an-kunden-gendercamp-dritter-streich/ https://ansch.4lima.de/an-kunden-gendercamp-dritter-streich/#respond Thu, 26 Apr 2012 21:30:57 +0000 https://anschlaege.at/?p=2941 Das GenderCamp ist eine politische Bildungsveranstaltung rund um die Themenfelder Feminismus, Queer, Gender, Netzkultur und -politik, soziale Netzwerke sowie digitales Leben. Das Konzept lehnt sich an das Prinzip von BarCamps an, was bedeutet, dass der Großteil des Workshop-Programms gemeinsam mit den Teilnehmenden direkt vor Ort auf die Beine gestellt wird. Schnell anmelden – die TeilnehmerInnenzahl ist beschränkt auf sechzig!

17.–20.5., Gender Camp 2012, ABC Bildungs- und Tagungszentrum, 21706 Drochtersen-Hüll, Bauernreihe 1, Teilnahmekosten: € 50/erm. 40, Kinder gratis, Infos und Anmeldung unter www.gender-camp.de

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an.künden: „F“ wie Feminismus https://ansch.4lima.de/f-wie-feminismus/ https://ansch.4lima.de/f-wie-feminismus/#respond Thu, 26 Apr 2012 21:29:15 +0000 https://anschlaege.at/?p=2936 adriane_andereggenFeminismus ist zum Unwort, zum „F-Word“ geworden. ]]> adriane_andereggen

Feminismus ist zum Unwort, zum „F-Word“ geworden. Mit der gleichnamigen Ausstellung in der Zürcher Shedhalle soll dieser Bilanz etwas entgegengesetzt werden. Die Arbeiten von Nevin Aladag, Ariane Andereggen, Alexandra Bachzetsis und Michaela Melián formulieren Fragen nach der Aktualität und den Verhandlungen feministischer Selbstbehauptungen. Sie hinterfragen nicht nur Klischees vermeintlicher weiblicher Freiheit, zu Identität und sozialen Beziehungen, sondern überschreiten mit ihrer Kombination von darstellender und bildender Kunst auch die Grenzen traditioneller künstlerischer Formate.

Ab 11.5., The F-Word: Nevin Aladag, Ariane Andereggen, Alexandra Bachzetsis, Michaela Melián, kuratiert von Anke Hoffmann, Verein Shedhalle, rote Fabrik, 8038 Zürich, Seestraße 395, Mi–Fr 13–18.00, Sa–So 12–18.00, T. 044/481 59 50, www.shedhalle.ch

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an.sage: Annähernd gleich viel ist nicht annähernd genug https://ansch.4lima.de/an-sage-annahernd-gleich-viel-ist-nicht-annahernd-genug/ https://ansch.4lima.de/an-sage-annahernd-gleich-viel-ist-nicht-annahernd-genug/#respond Thu, 26 Apr 2012 21:14:58 +0000 https://anschlaege.at/?p=2926 Ein Kommentar von GABI HORAK-BÖCK

 

Der Equal Pay Day am 5. April war ja recht erfolgreich. Politikerinnen lieferten aktuelle Zahlen, Expertinnen erklärten diese. Es gab Medienpräsenz, einen Club 2, Emotionen und Stammtischgespräche. Der bittere Beigeschmack: Auslöser für die aufgeregten Diskussionen war die zweifelhafte Cover-Geschichte eines bisher dem Qualitätssegment zugeordneten Wochenmagazins. Eigentlich toll, dass es die Einkommensunterschiede zwischen Männern und Frauen auf die Titelseite des „Profil“ (Nr. 14/2012) geschafft haben. Das wäre eine große Chance gewesen, dem Thema Raum zu geben, Zahlen zu sammeln und von ExpertInnen interpretieren zu lassen, Hintergründe auszuleuchten und Fragen bezüglich struktureller Diskriminierung zu stellen. Leider verkaufen sich Skandale mit einem Titel wie „Mythos Lohnschere“ samt schöner Frau auf dem Cover besser. Schon klar. Trotzdem hätten die Autoren die Möglichkeit gehabt, in ihrem Beitrag differenzierte Sichtweisen anzubieten. Stattdessen wurde weiter polemisiert: Der für die Berechnung des Equal Pay Day herangezogene Einkommensunterschied von 25 Prozent sei falsch, es seien „maximal“ 12 Prozent. Feministinnen und Politikerinnen würden absichtlich schummeln, um mit ihren Forderungen nach Gerechtigkeit mehr Aufsehen zu erregen. Die Inhalte des „Profil“-Artikels von Gernot Bauer und Robert Treichler, die einseitigen Interpretationen und Recherchefehler wurden von ExpertInnen in den vergangenen Wochen überzeugend zerpflückt. Ingrid Nikolay-Leitner, Leiterin der Gleichbehandlungsanwaltschaft, kritisierte in einem offenen Brief die „schlechte Recherche“ und dass die Gleichbehandlungsanwaltschaft nicht einmal kontaktiert wurde: „Das Risiko, Fakten zu erfahren, war wohl zu groß.“ Doch der Gender Pay Gap ist nicht mit einer einzigen, klar definierten Zahl zu beschreiben. Einkommensunterschiede haben viele Gründe, dementsprechend gibt es verschiedene Berechnungen der Lohnschere. Varianten der „bereinigten“ Lohnschere rechnen Teilzeit-Arbeit, Berufsunterbrechungen und Ähnliches heraus, es werden also reine Vollzeitlöhne berücksichtigt. Daraus ergeben sich bis zu 12 Prozent Gehaltsunterschied, die unmittelbar auf die Diskriminierung aufgrund des Geschlechts zurückzuführen sind. Das ist ein eklatantes Problem und nicht etwa „annähernd gleich viel Lohn“, wie das „Profil“ behauptet. In der Club-2-Diskussionsrunde zum Thema brillierte Ulli Weish, Medienwissenschafterin und Frauenaktivistin, als kompetenter Gegenpart zu „Profil“-Autor Robert Treichler und polterte: „Das ist doch ein alter Hut.“ Die eigentlich wichtige Debatte um strukturelle Diskriminierung sei gekonnt umschifft worden. Am anderen Ende der Berechnungsmöglichkeiten steht eine gänzlich unbereinigte Zahl, bei der das gesamte Brutto-Jahreseinkommen aller Frauen und Männer miteinander verglichen wird. Nach dieser Berechnung verdienen Frauen in Österreich 25 bis 40 Prozent weniger als Männer. Diese Zahl ist ebenso relevant und kein „Mythos“, denn sie erzählt von einer viel zu hohen Teilzeitquote bei Frauen, von unterdurchschnittlichen Löhnen in „Frauenbranchen“, von einem großen Manko bei der Definition „gleichwertiger“ Arbeit, von Geringschätzung der Leistung vieler Frauen, die etwa als Altenpflegerin genauso viel Muskelkraft aufwenden müssen wie Männer im Straßenbau – bei eklatant niedrigerem Gehalt. Und sie ist der Beweis schlechthin für die weiterhin vorherrschende Zuständigkeit von Frauen für Familienarbeit, denn diese unbezahlte Arbeit wird in keiner Berechnung berücksichtigt. All diese Fakten zu negieren, strukturelle Hintergründe auszublenden und stattdessen auf Entsolidarisierung zu setzen – genau das hat zu den heftigen Reaktionen auf einen einzelnen Artikel in einem Wochenmagazin geführt. Jede der verwendeten Zahlen zur Lohnschere hat Berechtigung. Wenn für den Equal Pay Day mit 25 Prozent gearbeitet wird, dann hat das nichts mit Schummeln zu tun. Der Equal Pay Day ist ja letztlich nichts anderes als ein Marketinginstrument, um das Problem Einkommensungerechtigkeit zweimal im Jahr auf die öffentliche Agenda zu katapultieren. Die Vielzahl an Fakten und Erklärungsmustern im Hintergrund aufzuarbeiten – das wäre eigentlich die Aufgabe von Qualitätsjournalismus. Auch wenn sich’s als Covergeschichte vielleicht nicht so gut verkauft.

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Das illustrierte Werbe-Wäh https://ansch.4lima.de/das-illustrierte-werbe-wah-2/ https://ansch.4lima.de/das-illustrierte-werbe-wah-2/#respond Thu, 26 Apr 2012 21:07:57 +0000 https://anschlaege.at/?p=2922 werbe_waeh_mai_2012

Von Melanie Letschnig

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medienmix https://ansch.4lima.de/medienmix-4/ https://ansch.4lima.de/medienmix-4/#respond Thu, 26 Apr 2012 21:03:18 +0000 https://anschlaege.at/?p=2911 Stammtisch * Blognetz * Bitchcast ]]>

zeitung_anschlaege_feminismus_oesterreichStammtisch

Das fabelhafte Comicmagazin STRAPAZIN aus Zürich und München lädt in der aktuellen Ausgabe zum „Damenstammtisch“. Neun Künstlerinnen haben die Ausgabe gestaltet und zeigen autobiografisch geprägte Geschichten in ganz unterschiedlichen zeichnerischen Stilen: chaotisch, bunt, streng, schwarz-weiß, im Querformat … Die Beobachtungen aus dem Alltag westlicher Großstädterinnen stecken voller Humor und Selbstironie, wie etwa Ulli Lusts vergnüglicher Bericht einer Sexparty. 8 Euro.

computer_anschlaege_feminismus_oesterreich

Blognetz

Die Initiative Frau Lila der Journalistinnen und Bloggerinnen Susanne Klingner, Katrin Rönicke und Barbara Streidl will die Sichtbarkeit von Frauen in der digitalen Gesellschaft stärken. Frau Lila möchte sie „ermutigen, sich zu Wort zu melden, politisch zu handeln, sich zu vernetzen, für ihre Rechte und Stimmen zu kämpfen“. Mittels Crowdfunding entsteht momentan das Web-Magazin Featurette, Infos dazu und Links zu zahlreichen tollen Blogs auf fraulila.de.

 

Bitchcast

Rund um das feministische US-Popkulturmagazin hat sich das kleine Medienimperium Bitch Media formiert – darunter auch der Podcast Bitch Radio. Angelehnt an die Heftthemen wie „Underground“ oder „Frontier“ werden mehrmals pro Monat etwa Reviews und ausführliche Interviews mit Gendertheoretiker_innen veröffentlicht. Das Themen-spektrum reicht von HipHop bis sexpositivem Aktivismus und verweist auf viele Projekte des Bitch-Universums: bitchmagazine.org/blogs/audio

Fiona Sara Schmidt

 

 

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Feminist Superheroines: Adrienne Rich https://ansch.4lima.de/feminist-superheroines-adrienne-rich/ https://ansch.4lima.de/feminist-superheroines-adrienne-rich/#respond Thu, 26 Apr 2012 20:44:58 +0000 https://anschlaege.at/?p=2906 adrienne_rich_feminist_superheroines_mai_2012ADRIENNE RICH (1929–2012) war eine US-amerikanische Poetin, Essayistin und politische Aktivistin.]]> adrienne_rich_feminist_superheroines_mai_2012

ADRIENNE RICH (1929–2012) war eine US-amerikanische Poetin, Essayistin und politische Aktivistin. In ihren feministischen Arbeiten widmete sie sich Themen wie (Homo-)Sexualität, Sprache, Macht und weiblicher Identität. Die „Erfahrung der Mutterschaft“ radikalisierte sie laut eigener Aussage während der 1950/60er Jahre. Sie begann sich in der neuen Linken zu engagieren, war in der Antikriegs- und der Bürgerrechtsbewegung aktiv und unterstützte die Black Panther durch Fundraising. Seit 1976 verband Rich eine lebenslange Beziehung mit der Herausgeberin Michelle Cliff. Lesbisch zu sein war für Rich auch immer eine politische Frage, die sie in ihren Schriften wiederholt aufgriff. Adrienne Rich starb am 27.3. 82-jährig im kalifornischen Santa Cruz.

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Adrienne Rich

Text: Julia Mac Gowan
Illustration: Lina Walde

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bonustrack: Detouring with Luise Pop https://ansch.4lima.de/bonustrack-detouring-with-luise-pop/ https://ansch.4lima.de/bonustrack-detouring-with-luise-pop/#respond Thu, 26 Apr 2012 20:40:00 +0000 https://anschlaege.at/?p=2899 bonustrack_mai_2012Dienstag, 3:30 p.m., back in Berlin, bei Kaffee am Küchentisch, der schweigsame Pianist aus dem Seitenflügel stimmt eben wieder sein alltägliches impressionistisches Etüdenspiel an. Von VERA KROPF]]> bonustrack_mai_2012

Take me out / And don’t slow down / Let’s leave this town / It’s dangerous to turn around

Dienstag, 3:30 p.m., back in Berlin, bei Kaffee am Küchentisch, der schweigsame Pianist aus dem Seitenflügel stimmt eben wieder sein alltägliches impressionistisches Etüdenspiel an. Am Ostersonntag ist die Time is a Habit/ Čas je zvyk-Spring-Tour 2012 der Gruppe Luise Pop mit einem Abschied am Hauptbahnhof in Dresden zu Ende gegangen. Ja, wir haben auch ein wenig Tschechisch gelernt! In Brno mit Tomás und Mara begonnen, die Setliste zu übersetzen, leider den Zettel tags darauf verloren, den Anfang aber gemerkt: 1. Černá Kočka/Black Cat, 2. Chlapci/Boys. Im Übrigen bin ich der Meinung, dass das Auenland in Tschechien liegt! Das wird mir schlagartig klar, als ich abends in Beroun, einer Kleinstadt südlich von Prag, mit Pepin rauche. Nach der Show schlafen wir wieder in Prag, oberhalb vom Chapeau Rouge, wo wir am Vorabend gespielt haben, gleich hinterm Altstädter Ring: Einfach der TouristInnenherde folgen, dann kommst du zur Karlsbrücke. Ja, Prag ist schrecklich, äh, schrecklich schön. Am nächsten Tag führt uns die Straße nach Ostrava mit seinen rauchen-den Schornsteinen, Fabriksruinen und papierenen Plattenbauten. Das Konzert im Plan B Hardcore Café wird von den Einheimischen unerwartet euphorisch aufgenommen: Mehrere Biere werden auf und neben der Bühne vergossen, Mikroständer verabschieden sich immer wieder, es ist sehr lustig.
Die tschechische Konzertkultur haben wir lieben gelernt: Der Soundcheck ist dort Teil der Show, das Publikum tanzt vom ersten Ton an. Am nächsten Tag geht es über die Grenze in die Slowakei, wo das Licht klarer und die Architektur nüchterner ist als im Auenland, südlich der Tatra entlang, vorbei am majestätischen Spišský Hrad nach Košice. Hmmm, die Farben, der Himmel über der hügeligen Steppe: Am liebsten möchten wir in die Ukraine weiterziehen. Daraus wird diesmal leider nichts. Dafür verfahren wir uns auf dem Rückweg ausführlich in Budapest, wo das Licht golden ist, auch sehr zu empfehlen.

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Illustration: Lina Walde

Vera Kropf ist Gitarristin und Sängerin und verfährt sich mit Luise Pop und Half Girl in und zwischen diversen europäischen Städten.

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an.sehen: Ein Sommer lang Freiheit https://ansch.4lima.de/an-sehen-ein-sommer-lang-freiheit/ https://ansch.4lima.de/an-sehen-ein-sommer-lang-freiheit/#comments Thu, 26 Apr 2012 20:24:15 +0000 https://anschlaege.at/?p=2892 tomboy_thimfilm_anschlaegeTomboy: Ein filmisches Vergnügen mit dem Zeug zum Für-Immer-Lieblingsfilm. Von MARIA POELL]]> tomboy_thimfilm_anschlaege

CÉLINE SCIAMMAS zweiter Spielfilm ist ein sommerleichtes Vergnügen über die schwierige Herausforderung, sich der eigenen Identität zu stellen. Umso schwieriger, wenn man erst zehn Jahre alt ist. MARIA POELL zählt „Tomboy“ schon jetzt zu ihren Für-Immer-Lieblingsfilmen.

 

Feingefühl hat Filmemacherin Céline Sciamma bereits mit ihrem Debüt „Naissance des pieuvres“ bewiesen, einem subtilen wie frechen Film über den Spielraum zwischen Pubertät und Erwachsenwerden, Freundschaft und (lesbischem) Begehren. Auch „Tomboy“ erzählt von Zwischenräumen: Laure ist zehn. Einen Sommer lang nennt sie sich Mikaël, spielt Fußball mit den anderen Jungs, bastelt sich einen Penis aus Plastilin und lernt Lisa kennen – die auf keinen Fall wissen darf, dass Mikaël zu Hause Laure heißt.

Mit Witz und unglaublicher Leichtigkeit entwickelt Sciamma ihre Geschichte, erfreulicherweise ganz ohne Psychologie. Ob Mikaël hier erstmals seine Transidentität behauptet, oder ob Laure einfach Lust am Spiel mit den Geschlechterrollen hat, lässt der Film offen. Wichtig ist nicht das Warum, sondern das Wie: Genau in dieser Offenheit wird die Figur lebendig.

Leidenschaftlich und frei. „Tomboy“ beginnt einfach und still, ein leises Rauschen nimmt das erste Bild vorweg: Laures Hinterkopf im Close-up, die kurz geschnittenen Haare zittern im Fahrtwind, die Sonne strahlt durchs Grün der vorbeifliegenden Bäume. Dieses erste Bild erzählt bereits davon, worum es hier gehen wird – um ein unbändiges Freiheitsgefühl. Um den Wunsch, die Utopie, die Schwierigkeit, aber auch die Möglichkeit(en), diese Freiheit zu leben. To be who you want to be – who you are.Immer wieder blitzt dieser leidenschaftliche Freiheitsdrang im Film auf. In Mikaëls sehnsüchtigem Blick auf die nackten Oberkörper der Jungs beim Fußballspiel, und seiner triumphierenden Freude, als er sich getraut hat, es ihnen gleich zu tun. In der verschworenen Zweisamkeit von Laure und ihrer kleinen Schwester Jeanne, die keine Erwachsenen braucht. Einer der vielen Geniestreiche des Films ist es, wie sehr sich Narration und Kamera auf Augenhöhe der Kinder begeben und die Geschichte aus ihrer Perspektive erzählen.

Im Viennale-Publikumsgespräch letztes Jahr verrät Céline Sciamma, dass sie in ihrer filmischen Arbeit „obsessed with identity“ sei und ganz bewusst jede Psychologie vermeiden wollte. Stattdessen rollt sie ihre Geschichte wie einen Krimi auf und spart dabei nicht mit Spannungsmomenten. Wir fiebern mit Laure/Mikaël mit, teilen sein/ihr Geheimnis und bangen jedes Mal, wenn die Wahrheit das heimliche Glück zu zerstören droht.

Ganz eindeutig ist der Film dabei auf Laures/Mikaëls Seite, nie wird sein Empfinden problematisiert, maximal ihre Unehrlichkeit. Die freundschaftlich-romantische Beziehung zu Lisa ist in ihrer unkomplizierten Leichtigkeit der bewegende Angelpunkt eines hochkomplexen Dilemmas – sein Anderssein ist es, was ihn für Lisa so interessant macht, und gleichzeitig schwebt genau dieses Anderssein wie eine düstere Gewitterwolke über ihrem Sommerglück.

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© Thimfilm

Realität vs. Vorstellungskraft. Als sich die Gewitterwolke unweigerlich entlädt, fällt die Reaktion der sonst so liebevoll-aufgeschlossenen Mutter überraschend drastisch aus – vielleicht ein winziger Schönheitsfehler dieses kleinen Meisterwerks. Ich hätte mir gewünscht und ihr auch zugetraut, dass sie der Herausforderung mit mehr kreativem Einfallsreichtum begegnet, so wie die Kids im Film das immer wieder tun. Hier markiert der Film jedenfalls eine Grenze – die Erwachsenenwelt und damit die Realität da draußen, die auf uns alle wartet, ist vergleichsweise starr und unbeweglich. Wir müssen für unser Dazwischen kämpfen, für unser „outside the box“. Als Kind lebt es sich noch viel instinktiver zwischen den Schubladen.

Das beeindruckende Spiel der Kinder, allen voran Hauptdarstellerin Zoé Heran, füllt den Film mit pulsierendem Leben. Wie der Filmemacherin das gelungen ist, ist ein weiterer Geniestreich – indem sie zum Beispiel die Fußballjungs mit Zoés wirklichen Freunden besetzt hat und auch beim Regieführen auf Augenhöhe geblieben ist: „Basically, when they dance, I dance, when they sing, I sing, when they fall, I fall. And actually it’s a movie that is quite easy to explain to a kid. Because kids, they don’t ask why. They still have that power of being somebody else for an afternoon, like, I’m Robin Hood, or Batman.“

„Tomboy“ ist ein wunderbar stimmiger, mitreißender und unterhaltsamer Film für Superheld_innen aller Altersklassen.

 

„Tomboy“ (Frankreich 2011, 82 Min.), Regie: Céline Sciamma. Mit Zoé Héran, Malonn Lévanna, Jeanne Disson u.a. Derzeit in den österreichischen Kinos.

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1-0-1 Intersex https://ansch.4lima.de/1-0-1-intersex/ https://ansch.4lima.de/1-0-1-intersex/#comments Thu, 26 Apr 2012 20:08:16 +0000 https://anschlaege.at/?p=2886 Bis heute sind operative Eingriffe bei Neugeborenen und Kleinkindern, deren biologisches Geschlecht sich nicht eindeutig bestimmen lässt, weit verbreitet, ohne dass diese medizinisch notwendig wären. Über ihre Geschlechtszugehörigkeit dürfen intersexuelle Menschen noch immer nicht selbst bestimmen. Wie sehen die Rechtslage und die medizinische Praxis aus? Und welche Forderungen stellen Intersex-Organisationen? BETTINA ENZENHOFER und JULIA MAC GOWAN haben sich umgehört.

 

„Intergeschlechtliche Menschen sind nicht nur ein Teil der Gesellschaft, sondern zeigen auf, dass andere Lebensmodelle neben dem traditionellen Zweigeschlechterdenken existieren“, sagt Simôn Zobel vom Bundesverband Intersexuelle Menschen e.V. und verweist damit klar auf die gesellschaftliche Relevanz und die Herausforderungen, die eine Auseinandersetzung mit dem Thema Intersexualität mit sich bringt. Die Geburt eines intersexuellen Kindes wird heute meist immer noch als „psychosozialer Notfall“ und Tragödie behandelt. Dass ein Neugeborenes nicht als „weiblich“ oder „männlich“ bestimmt werden kann, bedeutet für Eltern und Ärzt_innen eine Ausnahmesituation. „Die meisten von uns leben versteckt in einer Gesellschaft, die nur zwei Geschlechtern Anerkennung und Wertschätzung entgegenbringt. Statt soziokulturelle Ansätze zu entwickeln, um mit intergeschlechtlichen Menschen umgehen zu lernen und hierzu Räume zu schaffen, wird es allein der Medizin überlassen, mit ihrer Bestimmungshoheit ‚Lösungen‘ zu liefern“, kritisiert Dan Ghattas, der bei der Internationalen Vereinigung Intergeschlechtlicher Menschen (IVIM) und TransInterQueer (TrIQ) aktiv ist. Damit bringt Ghattas ein zentrales Problem auf den Punkt: Nicht Intersexuelle werden als Expert_innen ihrer Sache gesehen, sondern es wird allein auf die Kompetenz der Ärzt_innen gesetzt, was die pathologisierende Sicht auf Intersexualität offenlegt. Bei einzelnen, mit „uneindeutigen“ Genitalien einhergehenden lebensbedrohlichen Erkrankungen ist das zwar legitim, etwa wenn es darum geht, einen offenen Bauchraum zu operieren oder beim sog. Salzverlustsyndrom den Salz-Wasser-Haushalt zu stabilisieren. Allerdings stellt sich im heterogenen Feld der intersexuellen Erscheinungsformen schon bald die Frage, welche Eingriffe tatsächlich als „Heilbehandlung“ zu definieren sind.

Heterogene Identitäten. „Die Intersexuellen“ sind keine homogene Gruppe. Es gibt Neugeborene, die unmittelbar nach der Geburt wegen eines „uneindeutigen“ Genitals auffallen. Es gibt intersexuelle Personen, die erst in der Pubertät „vermännlichen“ oder „verweiblichen“, und solche, die gar nie diagnostiziert werden. Es gibt Intersexuelle, die sich gänzlich weiblich oder männlich fühlen, und solche, die sich dazwischen verorten. Manche sprechen von sich selbst als „Zwitter“ oder „Hermaphrodit“, andere als „intersexuell“. Einige nehmen ihr diagnostiziertes Syndrom bzw. DSD (Disorder of Sex Development, siehe S. 23) als Identität an oder aber definieren DSD ganz neu: „Discriminated and Socially Distanced“. Auch das sexuelle Begehren ist, wie bei jedem_r anderen auch, individuell unterschiedlich. Eines aber ist fast allen gemeinsam: „Unsere Körper werden untersucht, analysiert, normiert, misshandelt und fehlbehandelt, vermessen und zugerichtet. Unsere Seelen werden dem Diktat der Zweigeschlechternorm unterworfen, bis wir unser ‚Anderssein‘ und dessen Bekämpfung als unser persönliches Schicksal verinnerlicht haben. Sich dieser scheinbar ausweglosen Situation nicht ‚freiwillig‘ zu fügen, ist unglaublich schwer“, wie Ghattas sagt.

Heute erwachsene Intersexuelle wurden zu einem Zeitpunkt geboren, zu dem die Devise des US-Sexualwissenschaftlers John Money galt: möglichst früh operieren (damit sich, so seine These, die Gender-Identität nach dem zugewiesenen Geschlecht ausbilden kann) und mit dem Kind nie über seinen Zustand sprechen. Außerdem war es bis in die 1990er Jahre üblich, eher in Richtung „weiblich“ zu operieren – dies wurde als „technisch einfacher“ betrachtet. Intersexuelle, die mit dieser Gender-Politik konfrontiert waren, leiden heute meist unter schwerwiegenden Folgen: Traumatisierungen und beschädigte Genitalien (mit Vernarbungen etc.) sowie eine eingeschränkte sexuelle Empfindsamkeit (siehe Interview mit Daniela Truffer auf S. 18). Oft mussten die damaligen Kinder erst vierzig, fünfzig Jahre alt werden, um durch frühere Krankenakten zu erfahren, wie ihr Körper bei der Geburt und vor den chirurgischen Eingriffen beschaffen war – Tabuisierung war Normalität. Verständlich, dass es hier einerseits viel Trauer, andererseits viel Wut auf die behandelnden Ärzt_innen und/oder die Eltern gibt.

Status quo. Ein Neugeborenes mit nicht zuordenbaren Geschlechtsorganen wird üblicherweise an ein spezialisiertes Zentrum überwiesen, in Österreich gibt es solche Zentren in Wien und Innsbruck. Es folgen Untersuchungen: Erst muss die lebensbedrohliche Salzverlustkrise ausgeschlossen werden. Danach werden die Chromosomen, Gonaden und Hormone untersucht und im Idealfall eine Diagnose über das vorliegende Syndrom gestellt. Allerdings ist letzteres oft nicht möglich, wie Stefan Riedl, Kinderendokrinologe am AKH Wien, klarstellt. Eine genaue Diagnose wird nicht nur deshalb für wichtig erachtet, um auf damit einhergehende mögliche gesundheitliche Risiken vorbereitet zu sein (zum Beispiel ein Tumorrisiko) – sie ist auch der Versuch, die spätere Geschlechtsidentität zu prognostizieren. Denn wenn man wisse, ob sich das Kind später als weiblich oder männlich identifizieren wird, falle die Entscheidung leichter, welche Eingriffe getätigt werden sollen: Nimmt man überhaupt hormonelle oder operative Eingriffe vor, und wann setzt man diese? Welche Eingriffe sind reversibel, welche irreversibel? Gibt man Östrogene oder Testosteron? Operiert man an den Genitalien, um sie einem „typischen“ Geschlecht anzugleichen? Entfernt man Hoden und/oder Eierstöcke? Wäre das Kind mit einer bestimmten Geschlechtszuweisung später fruchtbar, mit einer anderen nicht? Jedoch wissen auch Mediziner_innen spätestens seit den Debatten um Transsexualität: „Welche Geschlechtsidentität eine Person entwickeln wird, kann man bei niemandem zu hundert Prozent im Voraus sagen – auch nicht bei Personen mit Intersexualität“, bestätigt die Sexualmedizinerin Hertha Richter-Appelt.

Ein- und Ausschlüsse. Relativ häufige Intersex-Formen sind das Adrenogenitale Syndrom (AGS) und die Hypospadie. Allerdings ist umstritten, inwieweit diese geschlechtlichen Varianten überhaupt als „intersexuell“ eingestuft werden sollen. Das AGS ist eine Stoffwechselstörung, deren Begleiterscheinung es ist, dass Neugeborene mit XX-Geschlechtschromosomen ein „vermännlichtes“ Genital aufweisen. Wie viele Menschen mit AGS sich als weiblich identifizieren, ist unklar (Mediziner_innen gehen von 90 Prozent aus), genaue Statistiken gibt es nicht. Eine Hypospadie liegt vor, wenn die Harnröhre nicht an der Spitze des Penis, sondern unterhalb davon mündet – geschlechtschromosomal XY, Gender-Identität meist männlich. Während viele Intersex-Organisationen und aktuelle medizinische Leitlinien das AGS als Intersex-Form einordnen, sieht das die AGS-Eltern- und Patienten-initiative e.V. anders. Auch der Deutsche Ethikrat hat in seiner Stellungnahme das AGS als eigene, nichtintersexuelle Erscheinungsform ausgeklammert (siehe Artikel auf S. 21).Dasselbe gilt für die Hypospadie: Nicht von allen wird sie zu den intersexuellen Erscheinungsformen gezählt. Ärzt_innen weisen fast immer beim AGS weiblich, bei der Hypospadie männlich zu und operieren auch in diese Richtung, wie Stefan Riedl bestätigt. Und genau darin liegt ein strittiger Punkt – so erklärt etwa die Menschenrechtsgruppe Zwischengeschlecht.org: „Die Definition von ‚Intersexualität‘ wird oft stark verengt auf die ‚wenigen wirklich uneindeutigen Fälle‘, bei denen die Problematik von Operationen diskutiert wird, während die häufigsten Diagnosen (Hypospadie, AGS) herausgenommen bzw. zu ‚eindeutigen Jungen/Mädchen mit einem kleinen Problem‘ definiert werden, welche kosmetisch zu operieren angeblich nicht problematisch ist.“

Nach medizinischer Logik gibt es Intersex-Formen mit einem klaren Geschlecht, das operativ vereindeutigt werden soll (wie bei AGS und Hypospadie), und uneindeutige, bei denen geschlechtszuweisende Eingriffe getätigt werden. Laut Riedl könnte zumindest bei der Hypospadie eine aktuelle Diskussion zu einem Paradigmenwechsel führen: Möglicherweise kommt es zu weniger Komplikationen, wenn eine Hypospadie nicht im Kleinkindalter, sondern erst in späteren Lebensjahren operiert wird.

Fremdbestimmt. Eine weitere wesentliche Facette in den Auseinandersetzungen sind die gesetzlichen Vorgaben. Von rechtlicher Seite her sind Eltern hierzulande zwar bis zum 18. Lebensjahr ihres Kindes dessen gesetzliche Vertreter_innen und somit berechtigt, in medizinische Behandlungen stellvertretend einzuwilligen – dies aber nur, solange es um eine Heilbehandlung geht, wie die Juristin Eva Matt erklärt: „Grenzen für die stellvertretende Zustimmung der Eltern finden sich dort, wo es nicht um Heilbehandlungen im engeren Sinne, sondern zum Beispiel um kosmetische Behandlungen geht. Für mich hat eine vergrößerte Klitoris keinen Krankheitswert, daher ist eine (geschlechtsvereindeutigende) Operation, mit der eine Klitoris verkleinert wird, keine Heil-, sondern eine kosmetische Behandlung, in die Eltern nicht anstelle des Kindes einwilligen dürfen. Ein derartiger Eingriff verletzt das Recht auf körperliche Unversehrtheit, die sexuelle Empfindsamkeit und das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung. Solch massive Eingriffe in die Persönlichkeit eines Menschen darf niemand außer dem Menschen selbst gestatten.“

Das stellvertretende Einwilligungsrecht wird nicht nur von juristischer Seite, sondern auch von Intersex-Organisationen und progressiven Mediziner_innen kritisch gesehen: TrIQ und IVIM fordern eine Einschränkung der stellvertretenden Einwilligung, wenn es um kosmetische Eingriffe geht, „die der Normierung des geschlechtlichen Erscheinungsbilds dienen“. Zwischengeschlecht.org fordert ein „gesetzliches Verbot von Genitalverstümmelungen an Kindern und Jugendlichen“.

Auch der Endokrinologe Riedl sieht zumindest bei den Neugeborenen, bei denen die „optimale“ Geschlechtszuweisung aus medizinischer Sicht unklar ist (also nicht bei zum Beispiel Hypospadie/AGS), ein Problem: „Dem stellvertretenden Einwilligungsrecht der Eltern müssen Grenzen gesetzt werden. Es ist schwierig, einem Elternteil das Gefühl zu nehmen, er hätte die Kompetenz, über einen Eingriff zu entscheiden. Ich treffe meistens auf Eltern, die sich eine frühe geschlechtsangleichende Operation ihres Kindes wünschen. Nur sehr selten wollen die Eltern die Geschlechtsorgane intersexuell lassen.“

In strittigen Fällen plädiert Riedl dafür, mit Operationen abzuwarten. „Wenn die Eltern sagen, sie haben ein großes Problem, die intersexuellen Geschlechtsorgane ihres Kindes zu akzeptieren, dann lassen wir es durch die Chirurgie ansehen. Bei den schweren Formen wird dann meist eine Operation geplant. Es ist schwierig zu verhindern, wenn von den Eltern ein geschlechtsvereindeutigender Eingriff gewünscht wird.“ Bei geschlechtszuweisenden Fällen wird die Rechtsabteilung des AKHs eingeschaltet – was mitunter dazu führen kann, dass diese einer Operation nicht zustimmt, obwohl die Eltern das wollen. Ganz andere Erfahrungen hierzu hat Zwischengeschlecht.org gemacht: In den meisten Fällen würden Mediziner_innen die Eltern zu einer Operation drängen. Neben dem der stellvertretenden Einwilligung gibt es jedoch noch ein anderes massives Problem – nämlich das der Nicht-Einwilligung: Es kommt vor, dass Eltern bestimmten Eingriffen nicht zustimmen, diese aber trotzdem und ohne deren Wissen vorgenommen werden. Aktuelle Fallbeispiele, bei denen Eltern eine Anästhesie, nicht aber eine Gonadenentfernung gebilligt hatten oder über bestimmte Prozeduren nicht aufgeklärt wurden, finden sich unter anderem im Schattenbericht von Intersexuelle Menschen e.V./XY-Frauen.

Dritte Option. „Menschen mit intersexueller Geschlechtsentwicklung sind ein Teil unserer Gesellschaft und haben als gleichberechtigte Bürger*Innen ein Recht auf freie Entfaltung und Entwicklung“, sagt Simôn Zobel für den Bundesverband Intersexuelle Menschen e.V. Auch Selbstorganisationen wie IVIM und TrIQ fordern das Recht auf eine „freie Entwicklung und Entfaltung der eigenen geschlechtlichen Identität ohne Bevormundung und Zwang“. Intersexuelle Kinder sollen nicht „zwanghaft geschlechtstypisch“ erzogen werden, der Geschlechtseintrag im Personenstand soll gestrichen werden, oder es soll zumindest für alle Interessierten eine zusätzliche Option (neben „weiblich“/„männlich“) offenstehen. Auch Riedl steht dem positiv gegenüber: „Wenn es die Gesellschaft ermöglicht, dass das Geschlecht nicht mehr angegeben werden muss, hätten wir mehr Möglichkeiten, die Entscheidungen bezüglich eines individuellen Geschlechts offen zu lassen.“

In Österreich muss der Personenstand von Neugeborenen zwar innerhalb einer Woche eingetragen und somit auch das Geschlecht festgelegt werden, doch es gibt die Möglichkeit, dies per Randvermerk zu ändern. „Die Änderung mittels Vermerk ist ohne Limit, und ich glaube nicht, dass die einwöchige Frist so zwingend ist oder es hier Strafen gibt, wenn kein Geschlechtseintrag erfolgt. Ich bin dafür, dass man den Geschlechtseintrag im Personenstandsbuch prinzipiell offen lassen können sollte. Allerdings sehe ich in Österreich kein Potenzial, den Geschlechtseintrag im Personenstandsgesetz gänzlich abzuschaffen“, erklärt die Juristin Eva Matt.

Einseitige Expertise. Bislang wurde den (politischen) Forderungen von Intersex-Organisationen nur unzureichend nachgekommen. „Es wurden bisher keine Forderungen erfüllt, aber immerhin wird mittlerweile schon darüber geredet“, bilanziert Zwischengeschlecht.org. Derzeit werden nicht einmal medizininterne Empfehlungen, wie etwa die nach multidisziplinären Behandlungsteams, die nicht nur Endokrinologie und Chirurgie abdecken, sondern aus Expert_innen mehrerer unterschiedlicher Disziplinen bestehen sollen, umgesetzt. „Es gibt bisher nur ganz wenige solcher Teams“, bestätigt auch Richter-Appelt. Sie weist außerdem darauf hin, dass die unterschiedlichen Intersex-Formen in der Fachärzt_innen-Ausbildung stärker berücksichtigt werden müssten, „aber nicht nur die rein medizinischen Fragen, sondern auch die psychosozialen nach der Geschlechtsidentität, Geschlechtsrolle und sexuellen Orientierung“. In den Kliniken ist die Elternberatung derzeit noch dadurch geprägt, von Spezialist_in zu Spezialist_in weitergeleitet zu werden. Und obwohl Riedl und Richter-Appelt die Relevanz eines Austauschs mit Betroffenen und von Selbsthilfeorganisationen betonen, gibt es bis heute an den Kliniken keinen direkten Peer Group Support.„Die Erstellung von verbindlichen Leitlinien, von ‚Standards of Care‘ in Zusammenarbeit und ein grundsätzlicher Peer-Support an Kliniken ist noch Zukunftsmusik. Ebenso unser Anliegen eines Aufbaus eines Beratungsstellenrings. Hier ist noch sehr viel zu tun“, sagt Zobel. In medizinische Entscheidungsprozesse sind Intersex-Organisationen bis heute nicht eingebunden. Trotz allem: Es gibt sie mittlerweile, die Jurist_innen und Mediziner_innen, die die bisherige Behandlungspraxis ablehnen und intersexuelle Menschen als Expert_innen ihrer selbst anerkennen. Es gibt vereinzelt Gerichtsurteile, die erwachsenen Intersexuellen Schadenersatz zusprechen. Und es gibt einige wenige Studien, die sich der Lebensqualität und der sexuellen Zufriedenheit Intersexueller widmen. Angesichts der Tatsache, dass Intersexuelle seit vielen Jahrzehnten in ihren Rechten missachtet werden, sind die aktuellen Vorgänge allerdings nur kleine Schritte.

www.transinterqueer.org
www.intersexualite.de
www.intersexuelle-menschen.net
www.dgti.org
www.xy-frauen.de
www.ags-initiative.de
http://zwischengeschlecht.org

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