Mai 2011 – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de Thu, 05 May 2011 08:11:23 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.0 https://ansch.4lima.de/wp-content/uploads/2024/10/cropped-favicon-32x32.png Mai 2011 – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de 32 32 an.sage: AUF geht’s https://ansch.4lima.de/an-sage-auf-gehts/ Thu, 05 May 2011 08:11:23 +0000 https://anschlaege.at/?p=328 Ein Kommentar von GABI HORAK

 

Ja. Die österreichische feministische Bewegung verliert mit „AUF – Eine Frauenzeitschrift“ ein wichtiges Medium – einen Fels in der Brandung seit 36 Jahren. Nein. Die Bewegung ist deshalb noch lange nicht am Ende. Sie wird sich nur weiterhin verändern und eben „in Bewegung“ bleiben. Als die AUF-Redaktion in der aktuellen Ausgabe ankündigte, dass das kommende AUF-Heft Nr. 153 auch das letzte sein würde, war die feministische Szene ein wenig geschockt. Ausgerechnet die älteste feministische Zeitschrift muss aufgeben, eine Ära geht zu Ende, das „Flaggschiff“ geht unter, der Anfang vom Ende? Ganz so dramatisch ist es selbstverständlich nicht, und Insiderinnen waren auch wenig überrascht. Wie andere Zeitschriften und feministische Projekte auch, hatte die AUF-Redaktion schon seit Jahren Probleme: Es gibt immer weniger Leserinnen, ältere Redakteurinnen werden müde und verändern sich, junge Frauen haben neben prekären Arbeitsverhältnissen kaum Zeit und Energie für ehrenamtliche Arbeit, Medienlandschaft, Rezeptionsgewohnheiten und Bedürfnisse junger Leserinnen sind im Wandel. Vom chronischen Geldmangel ganz zu schweigen.

„Die Bewegung kann trotzdem weitergehen“, versucht Eva Geber, seit 35 Jahren AUF-Redakteurin, zu beruhigen. „Ich war immer schon der Meinung, dass es mehrere feministische Zeitschriften nebeneinander geben soll – je mehr umso besser!“ Tatsächlich ist die feministische Medienlandschaft ein Spiegelbild der Szene: So heterogen und vielfältig wie die feministischen Strömungen und Politiken im Land, sind auch ihre Medien. Und sie funktionieren nach anderen Regeln als große, traditionelle Medien: Die Mitarbeiterinnen sind Medienmacherinnen aus feministischer Leidenschaft, großteils ehrenamtlich, sie schaffen mit jeder Ausgabe das Unmögliche. Kein/e HerausgeberIn eines großen Magazins würde sich mit so wenig Budget auch nur die Mühe machen, die Redaktion aufzusperren. Deshalb sollten wir uns freuen, dass feministische Zeitschriften unter diesen Bedingungen – zumindest vereinzelt – sogar Jahrzehnte überdauern und so ein Ort der Kontinuität für die Bewegung sind. Und es ist schön, dass es immer wieder neue Medienprojekte gibt, (junge) Frauen, die ihre Perspektiven einbringen. Sie kommen mit Themen, die „älteren“ Feministinnen oft ganz neu sind. Ja, auch die Gründerinnen-Generation kann noch überrascht und begeistert werden. Das Überleben eines feministischen Mediums hängt nicht zuletzt davon ab, wie gut es die Generationen-Übergabe meistert. Und damit sind weniger Alters-Generationen gemeint, sondern Generationen von Feministinnen, Aktivistinnen mit jeweils unterschiedlicher theoretischer „Herkunft“, unterschiedlichen Perspektiven, unterschiedlichen Zielen. Wobei ich keinen „Generationen-Konflikt“ konstruieren, sondern einfach betonen möchte, dass auch feministische Bewegungen nicht frei sind von Hierarchien. Leidenschaftliche Medienmacherinnen, die Freizeit und Energie investieren in „ihr“ Projekt, sind keine gut bezahlten Managerinnen, die von einem Magazin zum nächsten hüpfen, je nachdem, wer gerade mehr bietet. Dementsprechend schwer fällt es ihnen auch loszulassen, neue Frauen mit neuen Politiken zu akzeptieren. Ich selbst habe in den an.schlägen schon mehrere Generationen-Wechsel miterlebt, die mehr oder weniger gut funktioniert haben. Ich weiß nur zu gut, wie schwer das Loslassen fällt, das Abgeben von Macht und Einfluss. Aber das Medium muss sich verändern, um auch neue LeserInnen anzusprechen. Die Redaktion muss da irgendwie mitkommen – und dieser ständige Wandel ist unheimlich schwer zu bewältigen neben der täglichen Arbeit. Deshalb ist es verständlich und vielleicht auch keine so schlechte Strategie, dass immer wieder neue Medien auftauchen, die eine Zeit lang funktionieren und dann gibt es sie nicht mehr, dafür aber wieder andere. Wir sollten dieser Dynamik überwiegend Positives abgewinnen, denn sie sichert unsere heterogene, blühende feministische Medienlandschaft!

Auch wenn die AUF in dieser Form, mit dieser Redaktion dem Ende zugeht, steht einem Neubeginn nichts im Wege: Der Name „AUF – Eine Frauenzeitschrift“ kann weiter bestehen – wenn sich Frauen finden, die das Projekt selbstständig auf neue Beine stellen. Der Generationen-Übergabe geht dann eben eine etwas tiefere Zäsur voran als üblich. AUF geht’s! Das ist nicht der Anfang vom Ende der Bewegung, sondern irgendwie halt der Lauf der Dinge.

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Prata om det! https://ansch.4lima.de/prata-om-det/ https://ansch.4lima.de/prata-om-det/#respond Wed, 04 May 2011 08:08:29 +0000 https://anschlaege.at/?p=326 Der Fall Assange hat die Aufmerksamkeit auf das schwedische Sexualstrafrecht gelenkt. ANDREA HEINZ hat es sich genauer angesehen und festgestellt: Wichtiger als die Gesetzeslage ist allemal der gesellschaftliche Umgang mit sexueller Gewalt.

 

Eigentlich erregte der Wikileaks-Gründer Julian Assange ja beträchtliches mediales Interesse, weil er ein paar ziemlich geheime politische Interna ausgeplaudert hat. Seit er jedoch in Schweden, ausgerechnet jenem Land also, das immer noch als Paradies des sozial verträglichen Liberalismus gilt, der Vergewaltigung angeklagt wurde, scheint sich alles nur noch um ein unnötig strenges Gesetz in einem autoritären Staat zu drehen. Vergewaltigungwerde hier genauso instrumentalisiert wie die Freiheit der Frau bei der Afghanistan-Invasion, zitiert Michael Moore Naomi Klein in seinem offenen Brief an Schweden. Und fordert die Regierung auf, sich doch lieber um die frei herumlaufenden Vergewaltiger im eigenen Land zu kümmern.(1)

FACTBOX: „Die zweite Vergewaltigung“
Wie es tatsächlich um den Umgang der schwedischen Gesellschaft mit Vergewaltigung bestellt ist, zeigt so drastisch wie schockierend der Fernsehfilm „Den andra våldtäkten / The second Rape“, der 2010 zum ersten Mal im schwedischen Fernsehen gezeigt wurde. Der Film der Autoren Hasse Johansson und Nicke Nordmark erzählt von zwei 14- und 17-jährigen Vergewaltigungsopfern in der nordschwedischen Kleinstadt Bjasta. Die Geschichte beginnt mit Gerüchten in der Schule und endet in einem Internet-Mob, der sich gegen die Mädchen stellt. Trotz existierender DNA-Beweise und einem Geständnis des Täters wird den Mädchen die Schuld an den Vergewaltigungen gegeben. Der Film erregte in der schwedischen Öffentlichkeit, bis hinauf zum Premierminister, großes Aufsehen und führte zu zahlreichen Artikeln und Nachforschungen über den Fall. Er wurde beim Prix Europe 2010 ausgezeichnet, die Begründung lautete: „Der Film erzählt, wie Klatsch und Gerüchte als Tatsachen betrachtet werden und die Opfer in der Folge zu Verfolgten werden. Es wird auch gezeigt, wie das Internet dazu beiträgt, bei der Hetzkampagne Öl ins Feuer zu gießen, und wie die Kirche und die Schule der beiden Mädchen deren Albtraum nur noch weiter verschlimmern.“ Auch einen angesehenen schwedischen Journalismuspreis erhielten die Macher 2010. Als Aufdecker des Jahres wurden sie dafür ausgezeichnet, „zu enthüllen, wie ein Opfer verfolgt wird, (…) zu zeigen, wie es Erwachsene versäumen, zu reagieren“.

Zu den Fakten im Fall Assange: Ihm werden sexuelle Nötigung in mehreren Fällen sowie minder schwere Vergewaltigung in einem Fall vorgeworfen. Er soll mit zwei Frauen gegen deren Willen ohne Kondom geschlafen haben, ebenfalls ohne Kondom soll er mit einer Frau Sex begonnen haben, während diese noch schlief.(2) Im schwedischen Strafgesetzbuch wird Vergewaltigung folgendermaßen definiert: „Wer einen Menschen durch Misshandlung oder sonstwie mit Gewalt oder durch Androhung von Verbrechen zum Geschlechtsverkehr oder dazu zwingt, eine andere sexuelle [körperliche] Handlung vorzunehmen oder an sich zu dulden, die im Hinblick auf die Art der Erniedrigung und die Umstände mit Geschlechtsverkehr zu vergleichen ist (…).“(3)

Spätes Nein? Besonderen Aufruhr verursachte eine Nachbesserung des schwedischen Sexualstrafrechtes, an der im Jahr 2005 u.a. die inzwischen emeritierte Strafrechtsprofessorin der Universität Stockholm, Madeleine Leijonhufvud, beteiligt war. Wer mit einer Person Geschlechtsverkehr oder eine dementsprechende Handlung vollzieht, obwohl sich die Person „durch Bewusstlosigkeit, Schlaf, Trunkenheit oder andere Drogeneinflüsse, Krankheit, Verletzung oder seelische Störung oder durch etwas anderes im Hinblick auf die Umstände in einem hilflosen Zustand befindet“, kann nun ebenfalls wegen Vergewaltigung belangt werden.(4) Insbesondere auf diesen Absatz stützt sich der Glaube, in Schweden könnten es sich die Frauen auch nach dem Sex noch anders überlegen, sollten sie sich etwa plötzlich unwohl damit fühlen. Von einem „Recht auf ein spätes Nein“ ist die Rede.

Ähnliche Rechtslage. Sieht man sich die Gesetzeslage genauer an, wird deutlich: So sehr unterscheidet sich das schwedische gar nicht vom österreichischen oder deutschen Gesetz. Der Begriff der sexuellen Nötigung – im Schwedischen „olaga tvång“ – könnte zu Deutsch mit „widerrechtlichem Zwang“ übersetzt werden. Eine solche Nötigung könnte die Fortsetzung zunächst einvernehmlichen Geschlechtsverkehrs etwa nach dem Reißen des Kondoms darstellen.(5) Im deutschen Strafgesetzbuch gilt als sexuelle Nötigung und Vergewaltigung, wenn „eine andere Person 1. mit Gewalt, 2. durch Drohung mit gegenwärtiger Gefahr für Leib oder Leben oder 3. unter Ausnutzung einer Lage, in der das Opfer der Einwirkung des Täters schutzlos ausgeliefert ist“ zu sexuellen Handlungen genötigt wird. Was genau eine solche schutzlose Lage darstellt, ist wiederum Auslegungssache und wohl eher Frageder Rechtspraxis als der Rechtslage an sich. Als besonders schwerer Fall gilt es u.a., wenn „der Täter mit dem Opfer den Beischlaf vollzieht oder ähnliche sexuelle Handlungen an dem Opfer vornimmt oder an sich von ihm vornehmen lässt, die dieses besonders erniedrigen, insbesondere, wenn sie mit einem Eindringen in den Körper verbunden sind (Vergewaltigung)“.(6) Auch hier ist der entgegenstehende Wille des Opfers das entscheidende Kriterium.

In Österreich gilt als Vergewaltigung, wenn „eine Person mit Gewalt, durch Entziehung der persönlichen Freiheit oder durch Drohung mit gegenwärtiger Gefahr für Leib oder Leben“ zum Beischlaf oder Vergleichbarem genötigt wird.(7) Unter „Geschlechtliche Nötigung“ findet sich hier folgende Definition: „Wer (…) eine Person mit Gewalt oder durch gefährliche Drohung zur Vornahme oder Duldung einer geschlechtlichen Handlung nötigt (…).“(8)

Viele Anzeigen, wenige Verurteilungen. Schwedens Gesetzeslage ist also kaum strenger als die in Deutschland oder Österreich. Tatsache ist jedoch auch, dass in Schweden eklatant mehr Vergewaltigungen angezeigt werden als hierzulande. 2009 waren es etwa 5.446 Anzeigen, die größte Steigerung war seit der Gesetzesänderung im Jahr 2005 feststellbar.(9) Auf 100.000 EinwohnerInnen kommen im Schnitt 46,5 Anzeigen, in Österreich werden statistisch gesehen 8,5 Vergewaltigungen gemeldet.(10) Manche erklären die Diskrepanz mit der lockeren schwedischen Sexualmoral, manche mit zu Unrecht erhobenen Vorwürfen, die wiederum erst die Gesetzeslage möglich mache. Weder noch, sagt Jonas Trolle, Kriminalinspektor in Stockholm, und erklärt die vermehrten Anzeigen mit einer besonderen „Sensibilität für die Rechte der Frau“ und einem anderen „Selbstbewusstsein“ der schwedischen Frauen.

Fußnoten
(1) www.michaelmoore.com/words/mike-friends-blog/dear-government-of-sweden
(2) Safer Sex in Schweden, ZEIT Online, 2.1.2011
(3) Brottsbalken/Schwedisches Strafgesetzbuch Kapitel 6, §1 (Übersetzung: www.belleslettres.eu/artikel/assange-vergewaltigung-schweden.php)
(4) Brottsbalken 6, §1, Abs. 2
(5) Was gilt in Schweden als Nötigung? FAZ.NET
(6) StGB §177,1, 177,2
(7) StGB §201,1
(8) StGB §202,1
(9) Das Recht auf ein spätes Nein, sueddeutsche.de, 9.12.2010
(10) http://diestandard.at/1242317004592/Studie-Vergewaltigung-bleibt-in-Oesterreich-meist-straffrei
(11) http://prataomdet.se

Was auch immer zu den zahlreichen Anzeigen führt, die wenigsten enden mit einer Verurteilung. In weniger als 20 Prozent der Fälle kommt es überhaupt zu einer Anklage, nur etwas mehr als zehn Prozent führen letztlich zu einem Schuldspruch, stellt Ulrika Andersson, Rechtsprofessorin an der Universität von Lund, fest. Das Problem dabei sei die Beweislast. Die Gerichte verlangen unterstützende Beweise, die Zeugenschaft des Opfers alleine reicht nicht aus. Schließlich steht in den meisten Fällen Aussage gegen Aussage. Keine Rede also von Frauen, die es sich mal eben anders überlegt haben.

Verschärfung oder Aufklärung? Madeleine Leijonhufvud, die bereits an der Gesetzesnovelle von 2005 beteiligt war, bezeichnet das schwedische Sexualstrafrecht als „lasch“ – zumindest im Vergleich zu der Gesetzeslage in angelsächsischen Ländern. Hier nämlich ist fehlende Zustimmung („consent“) seit Jahrzehnten Bestandteil des Straftatbestandes „Sexuelle Nötigung“. Auch in Schweden wird nun über eine entspre- chende Verschärfung des Gesetzes nachgedacht, Leijonhufvud plädiert dafür. Doch auch hier würde sich die Frage nach den Beweisen stellen: In der Regel wird wieder Aussage gegen Aussage stehen. Ohne ein Geständnis des Täters wird kaum ein Beweis für fehlende Zustimmung zu finden sein. Ulrika Andersson ist ohnehin nicht der Meinung, dass die Beschaffenheit des Gesetzes ausschlaggebend ist. Der Umgang mit Sexualstraftaten und entsprechende Aufklärung, so ist sie überzeugt, sind hier wesentlich wichtiger. Einen wichtigen Schritt in Richtung Bewusstseinsbildung ist man in Schweden bereits gegangen. In der Debatte um den Assange-Fall berichtete die Journalistin Johanna Koljonen in der Tageszeitung „Dagens Nyheter“ über eigene verstörende sexuelle Erfahrungen: Ein älterer Mann hatte die 32-Jährige zu ungeschütztem Verkehr gedrängt. Indem sie diese Erfahrung öffentlich machte, brach Johanna Koljonen einen Damm. Immer mehr Frauen und auch Männer erzählten online von ungewollten Sexualkontakten, die nach geltendem Recht jedoch noch keinen Straftatbestand erfüllen. Mittlerweile entstand daraus die Website „Prataomdet. se“ (Redet darüber). Sie hat regen Zulauf.(11)

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Werkbank, E-Gitarre und rote Nägel https://ansch.4lima.de/werkbank-e-gitarre-und-rote-nagel/ https://ansch.4lima.de/werkbank-e-gitarre-und-rote-nagel/#respond Tue, 03 May 2011 08:05:12 +0000 https://anschlaege.at/?p=324 Im geschlechtssensiblen Kindergarten gibt es keine Puppen- und Bauecke, sondern das ganze Programm für alle. Von LEA SUSEMICHEL

 

„Mein Papa rasiert sich, damit es beim Kuscheln nicht kratzt“, steht auf einem Plakat aus bunter Pappe. Direkt darunter: „Mein Papa rasiert sich die Achseln, damit er nicht stinkt.“ Das Pappschild hängt in einem Wiener Kindergarten und fasst die Ergebnisse eines „Bubentags“ zusammen, bei dem es um das Thema Körperpflege ging. Und weil es ein geschlechtssensibler Kindergarten ist, lernen die Buben hier eben auch, dass es bei der Körperrasur keine strikten Geschlechtergrenzen geben muss. Oder entdecken, dass ein Bad ein sinnliches Vergnügen sein kann und Duschgel z.B. nach Apfel, Kokosnuss oder „scharfem Zuckerl“ riecht. Einmal in der Woche gibt es im „fun & care“-Kindergarten im 15. Wiener Gemeindebezirk sogenannte geschlechtshomogene Gruppen, in denen Jungs und Mädchen jeweils unter sich sind, um Dinge auszuprobieren, die für ihr Geschlecht immer noch eher untypisch sind. Die Jungs pflegen dann eben zum Beispiel ihren Körper und trainieren beim Riechen und Spüren ihre sensitiven Fähigkeiten. Oder sie spielen mit Herbstlaub, malen nach Musik oder mit Kreide auf der Straße. Die Mädchen fahren derweil Skateboard und üben E-Gitarre. Oder machen einen Ausflug ins Naturhistorische Museum, um sich dort Wassertropfen unterm Mikroskop anzuschauen.

Den ganzen Topf. „Geschlechtssensible Pädagogik bedeutet, die Kinder nicht dem Geschlecht nach, sondern individuell zu fördern, und allen Kindern den ganzen Topf an Möglichkeiten anzubieten“, erklärt die Leiterin Sandra Haas. Das bedeutet, dass es dasselbe Programm unterschiedslos für beide Geschlechter gibt. „Natürlich schlage ich keinem Mädchen die Puppe aus der Hand und entreiße keinem Buben das Auto“, so Haas, „aber wenn wir beispielsweise ein Technikangebot machen und wieder nur die Buben hinstürmen, greifen wir schon steuernd ein und ermuntern die Mädchen bzw. beginnen erst mal mit ihnen.“ Für deren Technikbegeisterung wird überhaupt viel getan: Es gibt eine Werkbank mit echtem Werkzeug, und regelmäßig wird diverser Elektromüll gemeinsam zerlegt.

Auch Kristina Botka, die seit über drei Jahren als Pädagogin bei fun & care angestellt ist, hat dabei die Erfahrung gemacht, dass die nach Geschlecht getrennten Gruppen zwischendurch wichtig sind und es nicht genügt, „einen Workshop anzubieten und zu schauen, wer kommt“. Im Nu säße dann nämlich eine rosarote Mädchenrunde um den Maltisch und mache, „was sie in der Welt draußen gelernt hat: feinmotorisch arbeiten und – möglichst leise – schöne Dinge tun“. Deswegen werden die Malsachen für eine Woche auch einmal ganz weggeräumt, ein andermal alle Konstruktionsmaterialien wie Legosteine.

Das Spielzeug ist sowieso mobil und darf vermischt werden, die klassische Puppen- und Bauecke anderer Kindergärten fehlt völlig. Es wird auf geschlechtergerechte Sprache geachtet, in den Bilderbüchern rettet die Prinzessin den Prinzen vor dem Drachen, und die Geschichten erzählen auch mal von Kindern mit zwei Mamas.

Doch im Verbund mit Hello Kitty- und Hannah Montana-Outfit machen rigide Vorstellungen zum richtigen Rollenverhalten der Geschlechter leider trotzdem auch an der Tür zum geschlechtssensiblen Kindergarten nicht Halt. Dass Jungs mal in einen Rock schlüpfen, gelingt deshalb trotz bunt bestückter Verkleidungskiste eher selten, und auch „Farbtage“, an denen alle Kinder einheitlich zum Beispiel im gelben Shirt kommen sollen, helfen nur vorübergehend gegen die monochrome Geschlechtertrennung, die schon Kinder im Krippenalter dazu bringt, bestimmte Kleidungsstücke entschieden abzulehnen. Wichtig sei es, den Mädchen aber zumindest zu zeigen, dass sie auch in Zartrosé im Matsch wühlen und sich richtig dreckig machen dürfen, so Botka. Und auch Sandra Haas ist der Ansicht, dass es vor allem darum gehe, Mädchen zu vermitteln, dass sie stark, selbstbewusst und selbstbestimmt sein dürfen – auch im Blümchenkleid und mit Glitzerhaarspange.

Den Buben hingegen müsse immer wieder klargemacht werden, dass sie nicht genauso mutig und cool wie Spiderman sein müssen. Hilflosigkeit zulassen und zugeben ist oft schon für ganz kleine Jungs ein Problem, weshalb das Sprechen über Gefühle eine große Rolle spielt. Auch weil männliche Kinder häufig einen viel kleineren Wortschatz haben, um Emotionen auszudrücken.
Während mit Mädchen also eine Fotoserie geschossen wird, für die sie ihre wütendsten Gesichter machen sollen, lernen in Gesprächsrunden vor allem Buben, die eigenen Stimmungen genau zu benennen.

Role-Models. Dass sie hierfür männliche Vorbilder haben, ist eine wichtige Säule geschlechtsensibler Pädagogik. Bei fun & care ist es deshalb alltäglich, dass ein männliches Role-Model die Mahlzeiten vorbereitet, wickelt, tröstet und beim Handarbeiten hilft. Die Personalpolitik sieht vor, dass das Zweierteam mit BetreuerIn und PädagogIn jeder Gruppe aus einem Mann und einer Frau besteht. Da es aber so wenige ausgebildete Männer gibt – nur zwei Prozent der SchülerInnen der Bildungsanstalten für Kindergartenpädagogik (BAKIPs) sind männlich, viele Absolventen üben den Beruf aufgrund der schlechten Arbeitsbedingungen dann aber gar nicht aus –, lässt sich das allerdings nicht durchgängig realisieren. Denn kompetent und feministisch sensibilisiert sollen sie schließlich auch sein: „Nur des Geschlechts wegen stelle ich einen Mann nicht ein“, so Haas.

Vorbilder haben die Kinder jedoch nicht nur im Kindergarten, sondern vor allem auch zu Hause. Eine weitere wichtige pädagogische Säule ist deshalb die Elternarbeit. Zumal der geschlechtssensible Schwerpunkt nur für einen kleinen Prozentsatz der Eltern der ausschlaggebende Grund war, ihr Kind in diesen Kindergarten zu schicken. „Oft ist es einfach der nächstgelegene“, sagt die Pädagogin Barbara Tinhofer, die ebenfalls seit 2008 im 15. Bezirk arbeitet. Manche Eltern hätten sich jedoch auch sehr bewusst für diesen Kindergarten entschieden, nachdem sie sich zuvor andere angesehen haben und dort mit vielen Dingen nicht einverstanden waren, so Tinhofer. Mütter und Väter werden über Projekte mittels Aushängen und Wandzeitungen informiert sowie immer wieder auch in Aktivitäten einbezogen. Außerdem werden die Frauen alljährlich zum „Werktag“, die Männer hingegen zum „Backtag“ oder zwischendurch auch mal für Näharbeiten eingeladen.

Grundsätzlich würden Väter kontinuierlich in die Verantwortung genommen, erklärt Tinhofer. Wenn ein Kind erkrankt, wird zuerst der Vater verständigt und gebeten, es abzuholen. Fehlt Wäsche, wendet man sich ebenfalls an ihn. Kristina Botka: „Natürlich kommt es dabei vor, dass wir die Antwort erhalten: ‚Ich werde es meiner Frau sagen …‘“

Obwohl sich viele Eltern zumindest sehr interessiert an dem Konzept zeigen, gebe es aber auch immer wieder Abwehrhaltungen, erzählt Sandra Haas. Wenn dann beispielsweise auf einem Fragebogen angekreuzt wird, „dass dem Sohn im Fasching die Fingernägel bitte nicht lackiert werden sollen, fragen wir aber nach, ob er an Allergien leidet oder die Entscheidung einen anderen Grund hat“. Oft gelinge es durch solches Nachbohren, Widerstände zu überwinden, und auch manche Buben selbst zeigen nach anfänglicher Skepsis schließlich doch ganz stolz ihre roten Nägel.

Schlecht bezahlte Schwerstarbeit. Auch wenn vieles anders ist bei fun & care: An die Richtlinien zu Gruppengröße und Personalschlüssel muss man sich auch hier halten. Pro Krippengruppe (Eineinhalb- bis Dreijährige) sind es 15, in den anderen Gruppen je 25 Kinder, die von nur zwei Personen betreut werden. Eine davon muss pädagogisch ausgebildet sein, die andere arbeitet als BetreuerIn und ist quasi Hilfskraft. Mehr Personal und kleinere Gruppen gehörten deshalb überall zu den wichtigsten Forderungen von KindergartenpädagogInnen, sagt Barbara Tinhofer. Emanzipatorische Pädagogik lasse sich bei dieser Anzahl schwer verwirklichen, kritisiert auch Botka. „Ich kann bei 25 Kindern nicht auf die individuellen Bedürfnisse jedes einzelnen eingehen.“ Mehr Vorbereitungszeit wäre außerdem wichtig. Derzeit sind es vier Stunden von vierzig, in denen dann auch noch die Wochenprotokolle und Evaluationen erledigt werden müssen. Die Forderung nach mehr Lohn komme oft erst zum Schluss, obwohl der Job miserabel bezahlt ist und es nicht einmal einen Kollektivvertrag gibt. In Österreich sei die Berufsgruppe für die Gewerkschaft offensichtlich nicht wichtig genug, so Tinhofer. Anders in Deutschland, wo die Gewerkschaft sogar Studien finanzierte, mit denen nachgewiesen wurde, dass die Tätigkeit – etwa hinsichtlich der Lärmbelastung – die Kriterien von Schwerstarbeit erfüllt.

Fußnoten:
(1) EFEU. Verein zur Erarbeitung feministischer Erziehungs- und Unterrichtsmodelle,
www.efeu.or.at
(2) Claudia Schneider ist außerdem Autorin eines Leitfadens für LehrerInnen zum Thema geschlechtssensible Kindergartenpädagogik. Online unter: www.bmukk.gv.at/medienpool/15545/leitfaden_bakip_09.pdf

Auch die Ausbildung gibt Anlass zu Kritik, insbesondere was Gendersensibilität anbelangt. „Ich kann die Stunden während meiner gesamten Ausbildungsjahre an einer Hand abzählen, in denen Geschlecht ein Thema war. Und dann ging es meist darum, dass Buben ruhig auch mal mit Puppen spielen dürfen“, erinnert sich Botka.

Claudia Schneider vom Verein EFEU(1) war gemeinsam mit der ersten Leiterin von fun & care für die gendersensible Qualifizierung des Personals vor der Eröffnung 1999 zuständig. Gemeinsam haben die beiden außerdem eine Gender-Expertise für den aktuellen Lehrplan der BAKIPs verfasst(2). Schneider hält geschlechtssensible Pädagogik bereits im Kleinkindalter für elementar wichtig, u.a. „weil sie gegen Diskriminierungen wirkt und die persönlichen Entwicklungspotenziale des Kindes unabhängig vom Geschlecht fördert“. Inzwischen sei einiges in den Lehrplan implementiert worden. Kristina Botka kritisiert jedoch, dass explizit emanzipatorische Lehrinhalte weiterhin rar seien.

Für die Umsetzung einer weiteren wichtigen Forderung sollte sich das jedenfalls dringend ändern. „Denn alle Kindergärten sollten geschlechtssensibel sein“, verlangt Barbara Tinhofer.

www.fun-and-care.at

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Feminist Superheroines: Louise Michel https://ansch.4lima.de/feminist-superheroines-louise-michel/ https://ansch.4lima.de/feminist-superheroines-louise-michel/#respond Mon, 02 May 2011 18:00:06 +0000 https://anschlaege.at/?p=1204 LouiseMichel_feminismus_anschlaege_Mai_2011Das Leben der Französin (1830-1905) zeichnet sich durch politische Leidenschaft und revolutionären Einsatz aus.]]> LouiseMichel_feminismus_anschlaege_Mai_2011

Das Leben der Französin (1830-1905) zeichnet sich durch politische Leidenschaft und revolutionären Einsatz aus. Liberal erzogen setzte sie sich schon früh über Regeln hinweg und war eine überzeugte Gegnerin des Bonapartismus. Ob als Lehrerin und später Schulleiterin, als Krankenpflegerin, Autorin, Anarchistin oder Feministin – stets kämpfte sie gegen überkommene Strukturen und rief auch schon einmal zum Baguette-Diebstahl auf. Berühmt wurde sie vor allem durch ihr Engagement in der Pariser Kommune 1871. Für ihre Überzeugungen stand sie auch vor Gericht, und wurde zweimal zu Gefängnisstrafen sowie einer Verbannung nach Neukaledonien verurteilt. Zurück in Paris kämpfte sie jedoch unbeirrt weiter für sozialrevolutionäre Ideen und trotzte auch einem Attentat und einer Einweisung in die Nervenheilanstalt. Michels Leistungen wurden schon zu ihren Lebzeiten honoriert und machen sie zu einer legendären feministischen Figur sozialer Revolution.

Text: Birgit Coufal
Illustration: Lina Walde

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Leave her to heaven https://ansch.4lima.de/leave-her-to-heaven/ Mon, 02 May 2011 08:02:32 +0000 https://anschlaege.at/?p=322 Der ikonische Auftritt von TURA SATANA als Varla in „Faster, Pussycat! Kill! Kill!“ ist für die Ewigkeit. Ein Nachruf von ELISABETH STREIT

 

Aufblende: Schwarzbild. Wir sehen nur die Tonspur im Bild und hören: „Ladies and Gentlemen, welcome to violence.“ Die weiteren Sätze der Einführung beschreiben die Formen von Gewalt, ihre perfiden Arten der Verkleidung und ihre perfekte Tarnung. Genauer gesagt, geht es um die Angst vor der unverstandenen, unheimlichen, schlimmer noch: der befreiten und selbstbestimmten weiblichen Libido. Überall könne sie, als weibliches Wesen getarnt, unerkannt unter uns weilen, warnt die Stimme. Mittlerweile hat sich das ganze Bild mit Tonspuren gefüllt, die beim Klang der männlichen Stimme vor sich hin vibrieren. Aber wer sind diese Frauen? Die eigene Sekretärin könnte das Unheil in sich tragen, die Sprechstundenhilfe beim Arzt, und selbst in diesen Go-Go-Tänzerinnen könne besagte „Gewalt“ schlummern. Die aufgeregt zitternden Tonspuren verschwinden, und wir sind mitten in einem Nachtclub, in dem sich drei Frauen, zwei schwarzhaarig und eine blond, zur Beatmusik und den immer frenetischer werdenden Schreien der Männer: „Go baby, go“ bewegen.

On the Road. Das ist der fulminant geschnittene Auftakt von „Faster, Pussycat! Kill! Kill!“(1), herrlich schmierig, in weinerlich-bigottem Tonfall von John Furlong, einem Stammschauspieler von Russ Meyer, gesprochen. Die Close-ups von den immer verzerrteren Männergesichtern hin zu den Close-ups der Busen und schwingenden Unterleibern der Tänzerinnen münden in das Bild einer im Auto sitzenden Frau. Wir erkennen sie als eine der Tänzerinnen wieder, die – welch herrlich erfrischendes Bild für den weiblichen Orgasmus – während einer rasanten Autofahrt den Kopf lauthals lachend in den Nacken fallen lässt. Das ist der erste Eindruck, den wir von Tura Satana (als Varla in der Hauptrolle) in ihrem berühmtesten Film bekommen. Er handelt von drei Frauen, Varla, Rosie und Billie, in schnellen Autos „on the road“ und ihrer sehr eigenwilligen, politisch herrlich unkorrekten Interpretation eines freien, wilden Lebens. Es wird die einzige Regiearbeit Satanas mit Russ Meyer bleiben, der für sie hier einen ikonischen Auftritt geschaffen hat, als wäre er für die Ewigkeit gemacht.

Tura Satana wird als Tura Luna Pascual Yamaguchi am 10. Juli 1938 in Hokkaido/Japan geboren. Der Vater ist ein japanisch-philippinischer Stummfilmdarsteller, die Mutter eine amerikanische Zirkusartistin mit indigenen-irischen Wurzeln. Nach dem 2. Weltkrieg wird die Familie in einem kalifornischen Lager interniert und dann nach Chicago übersiedelt. Früh lernt Satana die Härten des Lebens kennen, denn Menschen mit asiatischer Herkunft sind im Amerika der späten 1940er Jahre nicht gern gesehen und ständigen Attacken und Demütigungen ausgesetzt. Als Jugendliche wird sie von fünf Männern vergewaltigt, die nie für ihre Tat zur Rechenschaft gezogen werden. Der Richter sieht in ihr die Hauptschuldige und lässt sie in eine Besserungsanstalt einweisen. Wieder zurück gründet sie eine Mädchengang, damit ihr und anderen jungen Frauen so etwas nie mehr wieder passieren kann. Um sich besser verteidigen zu können, lernt sie Aikido und Karate.

Into the Movies. Noch minderjährig geht sie nach Los Angeles, verdient ihr erstes eigenes Geld als Bademodenmodell und posiert nackt für Harald Lloyd(2), der (angeblich) nichts von ihrer Minderjährigkeit wusste. Zumindest erkennt er Satanas starke Ausstrahlung und empfiehlt ihr, zum Film zu gehen. Während ihrer Zeit als Fotomodell bekommt sie eine schwere Kosmetikallergie und kehrt daraufhin nach Chicago zurück. Sie beginnt als Tänzerin, arbeitet später fürs Fernsehen und gibt als Suzette Wong an der Seite von Shirley McLaine und Jack Lemmon in dem Streifen „Irma la Douce“ (USA 1963) von Billy Wilder ihr Leinwanddebüt. Zwischendurch soll sie auch noch einen Heiratsantrag von Elvis Presley abgelehnt haben.

Angry Women. Als 1966 der Film „Faster, Pussycat! Kill! Kill!“ in den USA in die Kinos kommt, attestiert das Branchenblatt „Variety“ dem Regisseur und dem Kameramann zwar ein nicht zu übersehendes Talent und lobt den ungewöhnlichen Schnitt, misst den schauspielerischen Leistungen der Frauen aber so gut wie keine Bedeutung bei. Entgegen den herkömmlichen Darstellungen von Frauen im Kino steht dieser Film in seiner Erzählweise dem zehn Jahre zuvor gedrehten „The Fast and the Furious“(3) nahe. Auch hier handelt es sich um Figuren beiderlei Geschlechts, die aus Konventionen auszubrechen beginnen und die Abweichung von der Norm um jeden Preis suchen.

Der 1965 von Meyer fertiggestellte „Motor Psycho“(4) nimmt das „Frauen als Rächerinnen“-Motiv bereits vorweg. Die Erzählung des Films kreist um eine Männer-Motorrad-Gang, die auf ihrem Weg Morde und Vergewaltigungen begeht, aber von zwei mutigen Frauen schlussendlich zur Strecke gebracht wird. Tura Satanas Darstellung der selbstbewussten, kämpfenden und brutalen Varla lässt gängige Frauenbilder weit hinter sich: Sie ist stets hauteng in schwarz gekleidet und stellt ihre üppige Oberweite tief dekolletiert zur Schau. Ihre fordernde Sexualität, ihre Aggression versteckt sie nicht hinter ihrer üppigen Weiblichkeit. Sie ist ihre beste Waffe. Das Trio in „Faster, Pussycat! Kill! Kill!“ kämpft sich mit schier unermüdlichem Körpereinsatz durch ein bigottes, verlogenes, sexuell verklemmtes, rassistisches und zutiefst misogynes Amerika. Beklemmend und unangenehm sind die Begegnungen von Varla, Rosie und Billie mit drei Söhnen und deren Vater im Rollstuhl (die Frauen wollen eigentlich nur das Geld des Alten) auf einer Ranch im Nirgendwo, auf der der Film endet und die Frauen zugrundegehen.

Riot Lady. Später galt der Film als Kultklassiker, doch an den Kinokassen in den 1960ern war er ein totaler Flop. Zu brutal und zu selbstsicher waren die dargestellten Frauen, und von den lesbischen Untertönen, dem eifersüchtigen Verhalten Rosies Varla gegenüber, war das Publikum nicht sonderlich angetan. Der eigentliche Siegeszug begann erst durch die Fürsprache John Waters(5) in den 1980er Jahren, woraufhin der Film als Re-Release in den europäischen Arthouse-Kinos zu sehen war.

Fußnoten:
(1) R: Russ Meyer (USA 1966)
(2) US-amerikanischer Stummfilmkomiker und Regisseur
(3) R: John Ireland, Edward Sampson (USA 1955). Ein Car-Racer-Film: Remake USA 2001
(4) R: Russ Meyer (USA 1965)
(5) US-amerikanischer Underground- und Trashfilm-Regisseur

Varla kann als popkulturelles Role-Model für unzählige Filme, u.a. für die stumme Thana (Zoë Lund) in „Ms.45“ von Abel Ferrara (USA 1981), gesehen werden. Zu diesem Zeitpunkt hatte Tura Satana schon lange keine Filme mehr gedreht. 1973 überlebte sie einen Mordanschlag durch einen ehemaligen Liebhaber, nach einem schweren Autounfall 1981 war sie lange Zeit im Spital, und in den 1990ern kehrte sie sporadisch auf die Leinwand zurück. Sie konnte an die Darstellung der Varla nie mehr anknüpfen, fand aber doch noch eine späte Würdigung und wunderbare Entsprechung durch die Stunt-Frau und Schauspielerin Zoë Bell als Zoë the Cat in Quentin Tarantinos Grindhouse-Projekt „Death Proof“. In Tarantinos Film gerät ein Frauentrio an Stuntman Mike (Kurt Russell), der im Laufe des Films nicht nur einen notorischen Frauenhass an den Tag legt, sondern auch ein Serienkiller ist. Bevor sie ihn zur Strecke bringen, testet Zoë einen Wagen und legt sich bei hoher Geschwindigkeit auf die Kühlerhaube des Dodge Challenger.

Wie sie sich dabei im Fahrtwind genüsslich räkelt und windet, lässt uns unwillkürlich an das Autorennen mit den lachenden Gesichtern der drei Go-Go-Tänzerinnen und ihren im Wind wehenden Haaren am Anfang von „Faster, Pussycat! Kill! Kill!“ denken.
In zahlreichen Interviews erwähnte Tura Satana immer wieder Russ Meyers Qualitäten als Mensch und Regisseur, der ihr die Möglichkeit gab, sich wenigstens im Film an „den Männern“ und dem an ihr begangenen Verbrechen zu rächen. Diese wunderbare, in Gesprächen stets gut gelaunte Riot Lady ist am 4. Februar 2011 in Reno/Nevada gestorben.


Elisabeth Streit ist Bibliothekarin und Filmvermittlerin im Österreichischen Filmmuseum und Mitarbeiterin bei kinoki/Verein für audiovisuelle Selbstbestimmung.

* Der Titel ist dem gleichnamigen Film von John M. Stahl (USA 1945) entliehen.

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