März 2014 – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de Sun, 23 Aug 2020 20:21:10 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.0 https://ansch.4lima.de/wp-content/uploads/2024/10/cropped-favicon-32x32.png März 2014 – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de 32 32 an.künden: Film am Frauentag https://ansch.4lima.de/an-kuenden-film-am-frauentag/ https://ansch.4lima.de/an-kuenden-film-am-frauentag/#respond Sun, 23 Feb 2014 17:05:34 +0000 https://anschlaege.at/?p=4815 9 Jahre kinovi[sie]-on im Leokino Innsbruck]]>

Anlässlich des Internationalen Frauen(Kampf)Tages am 8. März richtet das feministische Kinoprojekt „kinovi[sie]on“ in Innsbruck einen langen Abend mit Filmen, Lesung, Diskussionen und Party mit dem Djane-Kollektiv LEA aus. Die Dokumentarfilme „Stories We Tell“ von Sarah Polley und „Töchter des Aufbruchs“ von Uli Bez über Migrantinnen in München feiern hier Österreichpremiere. Neben insgesamt sechs Filmen gibt es eine Lesung mit der Regisseurin und Produzentin Tsitsi Dangaremba aus Simbabwe, aktuell Writer in Residence der Universität und Stadt Innsbruck.

Stories We Tell © Verleih Polyfilm
Stories We Tell
© Verleih Polyfilm

8.3., ab 17.30: 9 Jahre kinovi[sie]-on. Leokino, 6020 Innsbruck, Annichstr. 36, Ticketreservierungen: 0512/560 470

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an.künden: Malerinnen & Mäzenatinnen https://ansch.4lima.de/an-kuenden-malerinnen-maezenatinnen/ https://ansch.4lima.de/an-kuenden-malerinnen-maezenatinnen/#respond Sun, 23 Feb 2014 17:02:36 +0000 https://anschlaege.at/?p=4810 „frauen.stärken“ im Kunsthistorisches Museum Wien]]>

In Kooperation mit der Hilfsorganisation Care bietet das Kunsthistorische Museum am Internationalen Frauentag erstmals vier Sonderführungen durch seine Sammlung an. Ausgewählte Malerinnen, weibliche Selbstbildnisse und Mäzenatinnen werden präsentiert und in einen gesellschaftshistorischen Zusammenhang gestellt. Themen der Führungen sind die Rolle der Frau im Alten Ägypten, Amazonen in der Antike, Künstlerinnen der Gemäldegalerie sowie „Furien, Fürstinnen und andere famose Frauen“ in der Kunstkammer.

khm_anschlaege_maerz_feminismus_2014 Furie © Wien, Kunsthistorisches Museum
Furie
© Wien, Kunsthistorisches Museum

8.3., 11–16.00: „frauen.stärken“, Kunsthistorisches Museum, 1010 Wien, Maria-Theresien-Platz, www.care.at, www.kmh.at, Eintritt mit Museumsticket, Anmeldung empfohlen unter sabrina.boehm@care.at oder 01/7150715

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an.sage: Helga, zum Abschied https://ansch.4lima.de/an-sage-helga-zum-abschied/ https://ansch.4lima.de/an-sage-helga-zum-abschied/#respond Sun, 23 Feb 2014 16:56:57 +0000 https://anschlaege.at/?p=4806 Die lesbische Aktivistin Helga Pankratz – ein Nachruf. Von GABI HORAK-BÖCK]]>

Ein Nachruf von GABI HORAK-BÖCK

„Sie hat alles zusammengehalten.“ Wenn eine geht, die so viele Spuren hinterlässt, die so viel bewirkt hat in so vielen Bereichen, dann fallen ehrliche und große Abschiedsworte. Helga Pankratz ist am 27. Jänner, wenige Tage vor ihrem 55. Geburtstag, in einem Hospiz der Caritas gestorben. Seit zwei Jahren hatte sie gegen den Krebs gekämpft, war bis zuletzt aktiv und hat sich – wie FreundInnen berichten – Humor und Lebenslust bewahrt. Zur Verabschiedung Anfang Februar am Wiener Zentralfriedhof sind viele WeggefährtInnen und FreundInnen gekommen. „Wir werden ihr ein ehrenvolles Andenken bewahren“, sagte Christian Högl, Obmann der Homosexuellen Initiative (HOSI) Wien. An seiner Seite stand Helga von 2001 bis 2004 als Obfrau der HOSI Wien. Zwei Jahrzehnte zuvor hatte Helga im von schwulen Aktivisten betriebenen Männerverein gemeinsam mit ihrer Lebenspartnerin Doris die erste Lesbengruppe initiiert. Bis heute trifft sich die Lesbengruppe jeden Mittwoch. Ebenfalls auf Initiative von Helga entstanden 1983 die schwul-lesbische Jugendgruppe und 2002 das Schulbesuchsprojekt „peerconnexion“ – nur einige wesentliche Meilensteine ihres Wirkens in der HOSI.
Seit 1990 erschien in den LAMBDA-Nachrichten ihre Kolumne „Aus lesbischer Sicht“. Diese „Monologe im fehlenden Diskurs“ (O-Ton Helga), 2002 auch als Buch erschienen, sind und bleiben feministische Monumente. Sie handeln von der Unsichtbarkeit weiblicher/lesbischer Realitäten, von Bewegung in der Bewegung. Waltraud Riegler schreibt im Vorwort zum Buch: „Sie hat uns Aktivistinnen und Vereinsfunktionäre auch oftmals wütend gemacht mit ihrer Sicht der Dinge und dem vorgehaltenen unbequemen Spiegel – aber sie hat uns auf diese Weise neue politische Wege gezeigt.“ Im Jahr 2000 war Helga die erste Preisträgerin des „Gay and Lesbian Awards“ für besondere Verdienste um die rechtliche und gesellschaftliche Gleichstellung von Lesben und Schwulen in Österreich.

© Victoria Schaffer
© Victoria Schaffer

Helga bezeichnete sich selbst als „Autorin und Kulturarbeiterin“. Ihr literarisches Schaffen beinhaltete Gedichte, Kurzprosa, Essays und journalistische Arbeiten, einiges davon preisgekrönt. Sie schrieb auch Texte für das Kabarett und war einige Jahre mit der Frauenkabarettgruppe „Labellas“ unterwegs, um Normen der Lesbenszene aufs Korn zu nehmen. Einzelne ihrer Werke wurden ins Slowenische übersetzt, was sie sehr freute, war sie doch selbst eine Förderin slowenischer Autorinnen. Ihr Engagement für Minderheiten und Literatur brachte sie auch hier in mehreren Vereinen ein: als Vorstandsmitglied der Initiative Minderheiten sowie der ARGE Region Kultur und als Generalsekretärin des Vereins Österreichische Dialektautoren und -archive (Ö.D.A.). Helga füllte all diese Funktionen mit Leben. El Awadalla, seit 1992 im Ö.D.A.-Vorstand und Freundin von Helga, bei der Verabschiedung: „Ohne Helga gäbe es die Ö.D.A. vielleicht gar nicht mehr. Und auch der Morgenschtean wäre nicht, was er heute ist.“ Der „Morgenschtean“ ist die österreichische Dialektzeitschrift des Ö.D.A., die Helga jahrelang als Redakteurin in vielen Arbeitsstunden koordinierte.
Das Engagement für lesbischwule Rechte trieb Helga auch zu sportlichen Höchstleistungen. 1995 nahm sie als Turniertänzerin des lesbischen Frauentanzklubs Resis.danse an den Eurogames teil. Auch hier blieb es nicht beim „Mitmachen“ – Helga wurde zur Wegbereiterin, gründete eine eigene Vernetzungsplattform für homosexuelle SportlerInnen. Und sie geriet ins Schwärmen, wenn sie von der komplizierten und brillanten Technik der Tänzerinnen erzählte, wie sie während eines Tanzes mehrmals die Führungsrolle wechselten und dabei weiter über die Tanzfläche schwebten …
Ich denke gerne an Helga, wie sie im weinroten Ledersessel in der an.schläge-Redaktion sitzt und lächelnd an ihrer Zigarette zieht. Auch die an.schläge waren viele Jahre lang ein Ort ihres Schaffens, sie hat geschrieben, koordiniert und viele Stunden in Redaktionssitzungen verbracht, in denen wir die Hefte, einzelne Artikel oder einfach über Politik und die Bewegung diskutiert haben. Ich habe Helga in dieser Zeit als grenzenlos herzliche Frau kennengelernt, eine Brückenbauerin der Generationen, eine Aktivistin, die in ihr Leben so viel Engagement und Liebe gepackt hat, wie es kaum mehr geht. Helgas Spuren sind im ganzen Land verteilt, keine Spuren im Sand, sondern Spuren in Steine gemeißelt. Steine in allen Farben des Regenbogens. Danke.

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zeitausgleich: And many more!! https://ansch.4lima.de/zeitausgleich-and-many-more/ https://ansch.4lima.de/zeitausgleich-and-many-more/#respond Sun, 23 Feb 2014 16:53:09 +0000 https://anschlaege.at/?p=4802 Illustration: Nadine KappacherBeim Gründerinnen-Interview vor ein paar Wochen hat mich Kollegin Denise als an.schläge-Urgestein vorgestellt. Von IRMI WUTSCHER]]> Illustration: Nadine Kappacher

arbeitsfragen in allen lebenslagen

Beim Gründerinnen-Interview vor ein paar Wochen hat mich Kollegin Denise als an.schläge-Urgestein vorgestellt. So lange dabei, dass ich dreißig Jahre zurückblicken könnte, bin ich noch nicht! Aber sieben Jahre in die Vergangenheit – das geht. Meine eigene an.schläge-herstory:
Es war mein erster Job nach dem Studium. Ich habe mich in meiner Diplomarbeit unter anderem mit den an.schlägen beschäftigt. Dabei den „Mach-ein-Akademikerinnen-Training“-Button auf der Website gesehen und mir gedacht: Das passt! Einige Jahre zuvor hatte ich in Utrecht ein Erasmus-Semester Women’s Studies studiert, die Anbindung an die feministische Szene hat mir in Wien gefehlt und so hatte ich hohe Erwartungen an, nennen wir es, die soziale Seite des Jobs. Ehrlich gesagt war es am Anfang gar nicht so leicht. Wie in allen eingespielten Gruppen, in denen man Codes oder Dynamiken noch nicht durchschaut, kam ich mir oft falsch vor, unpassend. Vielen Praktikantinnen geht es wohl bis heute so. Die gute Nachricht: Frau lebt sich ein!

Illustration: Nadine Kappacher
Illustration: Nadine Kappacher

2007 waren die an.schläge auf einer Art popkulturellem Expansionskurs: Fernsehproduktion für „OKTO“, Screenings im Frauencafé, Interviews mit queer/feministischen Superstars. Ungefähr monatlich eine Party, wo die an.schläge aufgelegt oder copräsentiert haben. Eine PR-Initiative, die uns zu Studiogästinnen in der damaligen Nachmittagssendung „Metro“ auf „Puls TV“ (wer erinnert sich?) machte. Inklusive Wutausbruch vom Regisseur, als Lea und Saskya auf irgendeine blöde Frage à la „Warum sind Frauen in Medien unterrepräsentiert?“ mit der Gegenfrage antworteten, warum „Puls TV“ denn nicht mehr feministische Themen bringe.
Es war eine wilde und interessante Zeit. Ich denke, die an.schläge sind immer noch Ausprobierfeld und Anknüpfungspunkt für junge Feministinnen. Deswegen brauchen wir sie, für noch mindestens dreißig Jahre. Mein Geburtstagswunsch: mehr Geld für die an.schläge, damit eine faire Bezahlung möglich wird. Dann wäre es der beste Job der Welt.

Ihr müsst euch Irmi Wutscher jetzt wie eine abgeklärte Feministinnen-Oma im Schaukelstuhl vorstellen. Jaja, damals …

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neuland: Als weiß durchgehen https://ansch.4lima.de/neuland-als-weiss-durchgehen/ https://ansch.4lima.de/neuland-als-weiss-durchgehen/#respond Sun, 23 Feb 2014 16:44:22 +0000 https://anschlaege.at/?p=4800 Neuland„Aber du bist doch weiß.“ Diesen Satz höre ich ständig. Von HENGAMEH YAGHOOBIFARAH]]> Neuland

alltägliche grenzerfahrungen

„Aber du bist doch weiß.“ Diesen Satz höre ich ständig. Insbesondere dann, wenn ich mich über Weiße aufrege. „Auf jeden Fall siehst du weiß aus!“
Die ersten Male musste ich lange überlegen, bis ich eine verständliche Antwort formulieren konnte. Meine Haut ist hell, das stimmt. Trotzdem bin ich vom Weißsein weit entfernt. Meine Eltern kommen aus dem Iran, das ist spätestens an meinem Namen erkennbar. Manchmal werde ich auch auf meine „iranische Nase“ angesprochen, mein dickes Haar wird häufig exotisiert.

Kolumne Neuland
Illustration: Nadine Kappacher

Auf der Straße muss ich dennoch keine Angst davor haben, mit rassistischen Bemerkungen angemacht zu werden. Rein auf mein Äußeres reduziert bin ich in manchen Situationen white-passing, ich gehe als Weiße durch. Das ist ein Privileg. Privilegien sucht eins sich nicht aus, sie werden von den Unterdrückenden zugesprochen. Manchmal wird eins auf ihrer Seite dazugezählt, ein anderes Mal nicht. Situationsbedingt kann ich von meinem Aussehen profitieren. Aber was bedeutet es denn, weiß auszusehen?
Ein Typ meinte auf einer Party mal zu mir, dass ich gar nicht so iranisch wirke. „Du bist voll hip.“ Er sagte es mit so einer Selbstverständlichkeit, als seien nur Weiße in der Lage, „hip“ auszusehen. Als sei es ausgeschlossen, dass eine Person sowohl Person of Color als auch „hip“ ist. Besonders dann, wenn die Person helle Haut hat.
Jedoch ist Weißsein nicht nur an ein Aussehen gekoppelt, sondern an eine Reihe von Privilegien. Privilegien, die ich zum Beispiel in schriftlichen Angelegenheiten nicht genieße. In Bildungseinrichtungen, bei Bewerbungen oder Wohnungsanfragen wird mir mein Nicht-Weißsein ständig signalisiert. Ob ich denn problemlos Deutsch verstehe, fragten sie mich auf dem Gymnasium.
Meine helle Haut schützt mich vielleicht gegen gewisse Arten von Rassismus, aber nicht gegen alle. Sie schützt mich nicht vor Orientalismus oder Islamophobie.

Hengameh Yaghoobifarah (22) ist Studentin, freie Autorin und Bloggerin auf teariffic.de. Später will sie Cat-Lady werden, auch von Perserkatzen.

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Macht und Trauma https://ansch.4lima.de/macht-und-trauma/ https://ansch.4lima.de/macht-und-trauma/#respond Sun, 23 Feb 2014 16:37:22 +0000 https://anschlaege.at/?p=4795 Interview: Filmemacherin MARIALY RIVAS über Sexualität im Film und Tabus in Chile. Von MIRJAM BROMUNDT]]>

In den Filmen der chilenischen Regisseurin MARIALY RIVAS spielt Sexualität eine große Rolle. Warum ihr das wichtig ist und welche Tabus es im konservativen und gleichzeitig modernen Chile dabei noch zu brechen gilt, erzählte sie MIRJAM BROMUNDT.

2012 gewann die Filmemacherin Marialy Rivas mit ihrem Langfilmdebüt „Joven y alocada“ über die 17-jährige, bisexuelle Daniela den World Cinema Screenwriting Award beim Sundance-Festival. Ihr 2010 entstandener Kurzfilm „Blokes“ wurde in Cannes uraufgeführt und erzählt die Geschichte des 13-jährigen Luchito, dessen aufblühende Erotikfantasien um den Nachbarsjungen während der Militärdiktatur katastrophale Folgen nach sich ziehen.

an.schläge: Deine Filme stellen durchwegs Jugendliche in den Mittelpunkt. Was reizt dich an ihren Geschichten?

Marialy Rivas: Ich war auch mal jung! (lacht) Ich war während der Diktatur ungefähr genauso alt wie der Junge in „Blokes“. Wie er bin ich homosexuell und kann seine Sehnsucht nach dem Unmöglichen sehr gut nachvollziehen. In „Joven y alocada“ habe ich mich in Danielas Charakter verliebt. Nicht, weil sie mich so sehr an mich selbst erinnert, sondern weil sie als Figur so interessant ist.

Du hast ein Video für die Plattform www.todomejora.com(1) gemacht. Geht es in deinen Filmen auch darum, Jugendlichen Mut zu machen?

Das ist nicht mein Ausgangspunkt. Ich verliebe mich in eine Geschichte, die sich dann mit Texten füllt. Aber natürlich mache ich Filme über Jugendliche, um den jungen Chilen_innen zu zeigen, dass sie mit ihren Problemen nicht alleine sind. Eines der besten Dinge an „Joven y alocada“ sind die Rückmeldungen, wie „danke für den Film“, „ich fühle mich repräsentiert“ oder „ich habe endlich mit meinem Vater gesprochen“. Das ist mir viel wichtiger, als einen Preis bei einem Festival zu gewinnen.

Wo liegen die Schwierigkeiten bei der Durchführung neuer Projekte?

Am schwierigsten ist es natürlich, Geld aufzutreiben – staatlich gefördert werden in Chile jährlich sechs aus 300 Einreichungen. Jedes Projekt ist wie eine Besteigung des Mount Everest. Es gibt keinen einfachen Teil der Bergtour, denn Filmemachen ist eine sehr komplexe Kunstform. Die Wahrscheinlichkeit zu scheitern ist enorm hoch und man kann nicht behaupten, dass Filme umso besser gelingen, je mehr man dreht. Sogar sehr talentierte Regisseur_innen wie Almodóvar haben ausgezeichnete Filme gemacht und andere, die nur durchschnittlich sind.

Marialy Rivas  © Lukas Maul/YOUKI
Marialy Rivas
© Lukas Maul/YOUKI

Was ist trotz all dem deine Motivation, Filme zu machen?

Auch Chirurg_in zu sein ist schwierig! Seit ich sieben bin, hat mich nichts so fasziniert wie das Filmemachen. Es ist eine sehr schöne Arbeit, weil sich im Team viele Talente in den Dienst deiner Vision stellen und ich über Filme mit vielen Menschen kommunizieren kann. Wenn jemand im Kino meinen Film ansieht, trete ich mit dieser Person in einen Dialog, der sonst mit so vielen Menschen nicht möglich wäre. Und mit Glück kann man sogar einen sozialen Wandel herbeiführen. Ich würde deshalb gerne Filme auf Englisch und mit bekannten Schauspieler_innen drehen. So erreicht man ein noch viel größeres Publikum.

Warum spielt in deinen Filmen Sexualität eine große Rolle?

Wir alle haben Sex – hoffentlich den besten und so viel wie möglich. Er ist ein essenzieller Teil des Menschen. Deswegen beeindruckt es mich, wie oft Menschen ihre Sexualität unterdrücken und wie wenig man darüber spricht. Tausende Filme zeigen das Töten von Menschen, obwohl das nicht so viele tun, aber wir alle haben Sex und trotzdem sind Filme darüber nichts Natürliches, sondern komisch oder polemisch. Darum finde ich es wichtig, das Thema auf den Tisch zu bringen.

Auch in deinem neuen Projekt „La princesita“ geht es um Sexualität.

In dieser Geschichte geht es mir vor allem um die weibliche Sexualität in all ihren Dimensionen. Was heißt es, Frau zu sein, und wie bin ich Frau? Was ist Frauen eigen und was wurde ihnen eingetrichtert? „La princesita“ ist – angelehnt an eine wahre Begebenheit – ein Psychothriller um ein elfjähriges Mädchen, das in einer Familiensekte im Süden Chiles aufwächst. Für die Familie ist sie die Auserwählte, die für die Sekte „neue“ Söhne auf die „neue“ Welt bringen soll. Die Sexualität von Kindern mit dem natürlichen Experimentieren und Ausprobieren ist meiner Meinung nach ein großes Tabu, das ich behandeln möchte. In „La princesita“ interessiert mich der Kontrast, da das Mädchen seine Sexualität selbst gerade entdeckt, aber ein Mann bestimmt, mit wem es Sex haben darf und welche Kinder es zu gebären hat. Als wäre die Frau nur ein Behältnis für die Wünsche des Mannes.

Wie geht die chilenische Gesellschaft mit solchen Fragen um?

Chile hat zwei Gesichter. Die Menschen sind einerseits sehr konservativ, aber gleichzeitig sehr modern. Das wird zum Beispiel im aktuellen Kampf um die Gratisuniversität sichtbar, in dem sich chilenische Studierende und Professor_innen gegen jene Mächte auflehnen, denen die Universitäten gehören und die für Bildung viel Geld kassieren. Das alte, konservative Chile, das an der Macht ist, kämpft gegen jegliche Veränderung, während das junge Chile mit den alten Strukturen brechen möchte. Diese Reibung ist in Chile immer präsent.

Kommt aus dieser Avantgarde eine neue Generation chilenischer Künstler_innen, die sich derzeit bemerkbar macht?

Ja, und ich glaube, das hat mit der Erholung vom Trauma der Diktatur zu tun. Die, die unsere Lehrmeister_innen hätten sein sollen, wurden ermordet oder ins Exil geschickt. Darunter waren Künstler_innen wie Raúl Ruiz, Patricio Guzmán, Violeta Parra oder Víctor Jara. All diese Menschen verschwanden – und somit unsere Vorbilder. In gewisser Weise verbinden wir uns jetzt wieder mit unserem kulturellen Erbe, das die Diktatur vor mehr als zwanzig Jahren eliminieren wollte.

Wie fühlst du dich als homosexuelle Frau in dieser Gesellschaft?

Ich bin eine Minderheit in einer Minderheit. Es gibt zum Beispiel keine gesetzliche Möglichkeit, meine Freundin zu heiraten und so eine Familie zu gründen. Das ist für mich grundlegend ungerecht, weil jeder Mann sie einfach heiraten könnte. Ich zahle die gleichen Steuern, bin durch meine Homosexualität aber eine minderwertige Mitbürgerin. Und weil ich eine Frau bin, verdiene ich in Chile noch dazu siebenmal weniger als ein Mann.

Tut sich etwas in Sachen Gleichberechtigung?

Generell ist Chile ein machistisches Land, in dem auch viele Frauen machistisch sind. Es gibt derzeit eine Debatte zum Gesetz „Acuerdo de la Vida en Pareja“(2), aber das wird noch länger nicht durchgehen. Wir haben ja noch nicht mal ein Gesetz, das den Schwangerschaftsabbruch legalisiert! Frauen, die Geld haben, fahren für einen Abbruch in andere Länder, aber finanziell schlechter gestellte versuchen es auf eigene Faust. So sterben in Chile noch immer viele Frauen beim Versuch abzutreiben. Frauen müssen das Recht haben, über sich zu entscheiden. In der Auseinandersetzung geht es meiner Ansicht nach aber mehr um das Sperma, das die Eizelle befruchtet und somit den Embryo zum Eigentum des Mannes macht, über das er bestimmen darf. Die Frau spielt dabei leider keine so große Rolle.

Mirjam Bromundt ist freie Journalistin und Filmvorführerin.

Übersetzung aus dem Spanischen: Mirjam Bromundt

Fußnoten
(1) Äquivalent zum LGBT-Projekt www.itgetsbetter.org, das Jugendlichen Mut macht www.youtube.com/watch?v=snGGt7pC7Kg
(2) Eingetragene Partner_innenschaft für gleichgeschlechtliche Paare

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Mädelsache Deutschnationalismus https://ansch.4lima.de/maedelsache-deutschnationalismus/ https://ansch.4lima.de/maedelsache-deutschnationalismus/#respond Sun, 23 Feb 2014 16:29:31 +0000 https://anschlaege.at/?p=4791 Rechte Ideologie in Studentinnenverbindungen. Von JUDITH GOETZ]]>

Mädelschaften haben zwar weniger Einfluss als ihre männlichen Kollegen, dürfen aber nicht unterschätzt werden. Von JUDITH GOETZ

Im deutschsprachigen Raum sind Studentenverbindungen an beinahe allen Hochschulen vertreten, aktuell gibt es rund 900 Studentenverbindungen mit etwa 150.000 Mitgliedern. Seitdem Frauen an den Universitäten zugelassen wurden, ist das Privileg, sich in elitären Zusammenschlüssen zu organisieren, jedoch nicht mehr ausschließlich Männern vorbehalten. Auch in Österreich existieren aktuell etwa dreißig Studentinnenverbindungen.

Klare Geschlechtertrennung. Ebenso wie in den Reihen von Studentenverbindungen lassen sich auch in Bezug auf Studentinnenverbindungen unterschiedliche ideologische Lager finden. So gibt es seit dem Beginn ihres Entstehens Anfang des 20. Jahrhunderts auf der einen Seite deutschnationale bzw. national-liberale Mädelschaften und Damenverbindungen und auf der anderen Seite konfessionell orientierte. Die Mehrheit der österreichischen aktiven Studentinnenverbindungen ist christlich. In diesem Kontext hat es zumindest immer wieder Versuche gegeben, gemischte Verbindungen zu gründen. Mädelschaften hingegen sind das Ergebnis des strikt dualen Geschlechtermodells, das in burschenschaftlichen Kreisen verfochten wird und das auch im Verbindungswesen eine klare Geschlechtertrennung vorsieht. Frauen dürfen demnach im männlichen Verbindungsleben nur an ausgewählten Veranstaltungen teilnehmen und übernehmen selbst nur vermeintliche Frauenaufgaben wie die Organisation von Brauchtumsabenden und Sonnwendfeiern oder dienen bei Burschenschafter-Bällen als standesgemäße Tanzpartnerinnen. Wenngleich sich weibliche Verbindungen vor allem in den Anfangsjahren an ihren männlichen Vorbildern orientierten und beispielsweise die hierarchische Organisationsform sowie auch Bräuche, Rituale und Komment (Regelwerk) übernahmen, lassen sich auch Unterschiede festmachen. So ist Frauen das Kämpfen von Mensuren untersagt, wird ihnen doch seit dem Entstehen der Burschenschaften die Satisfaktionsfähigkeit, die Möglichkeit, „Ehre“ nach einer Ehrverletzung oder einer Beleidigung (durch ein Duell) wiederherzustellen, abgesprochen.

Ideologische Gemeinsamkeiten. Da die Organisierung in studentischen Verbindungen während des Nationalsozialismus untersagt war und sich bis 1938 aktive deutschnationale Studentinnenverbindungen teilweise in NS-Organisationen wie der „Studentenkampfhilfe“ oder der „Arbeitsgemeinschaft Nationalsozialistischer Studentinnen“ eingliederten, dauerte es in Österreich bis Ende der 1980er-Jahre, bis sich deutschnationale Mädelschaften erneut gründeten. Zu den aktiven zählen heute die „Wiener akademische Mädelschaft Freya“ (1988), die „Sudetendeutsche Damengilde Edda“ (2000, Wien), die „Akademische Damenverbindung Barbara zu Leoben“ (2003), der „Verein Grazer Hochschülerinnen“ (1912, wiedergegründet 1987) sowie auch relativ junge Verbindungen wie die seit 2011 existierende „pennale Mädelschaft Sigrid zu Wien“ oder die 2013 gegründete „Iduna zu Linz“. Zudem lässt ein Inserat im aktuellen „Eckart“(1) darauf schließen, dass es zur Gründung einer weiteren Mädelschaft kam, in welcher Universitätsstadt, ist (mir) jedoch bislang nicht bekannt.
Deutschnationale Mädelschaften unterscheiden sich von den männlichen Äquivalenten kaum in den in ihren Reihen kultivierten „Werten“ und Ideologien, wie unter anderem bereits die sogenannten Wahlsprüche der einzelnen Verbindungen verdeutlichen. So haben gleich zwei Mädelschaften (M! Freya und Edda) „Ehre, Freiheit, Vaterland“ zum Motto und auch der „Verein Grazer Hochschülerinnen“, die älteste deutschnationale Verbindung in Österreich, macht kein Hehl aus ihrem Programm: „Gedenke, daß du eine deutsche Frau bist.“ Wie es wohl um das Frauenbild bestellt ist, zeigt sich beispielsweise am Wahlspruch der pM! Sigrid: „Edel sei die Frau, hilfreich und gut.“ Neben durchwegs biologistischen Geschlechterbildern gehören folglich auch völkischer Nationalismus sowie großdeutsche Gedanken zu den gängigen Wertvorstellungen von Mädelschaften.(2)

© famiglia_vienna/flickr
© famiglia_vienna/flickr

Mädchen deutscher Abstammung. Deutschnationale Zusammenschlüsse von Frauen sind aber kein Phänomen, das sich ausschließlich im deutschsprachigen Kontext in Europa antreffen lässt. So wurden seit Ende der 1960er-Jahre auch in Chile drei Mädelschaften ins Leben gerufen, zu denen die 1969 gegründete Mädchenschaft „Erika Michaelsen Koch“ in Santiago, die 1991 gegründete „Amankay“ in Valdivia und die 2004 gegründete „Viktoria“ in Concepción zählen und die bis heute aktiv sind. Weitere aktive Studentinnenverbindungen gibt es außerdem in Lettland, Estland und Belgien, die jedoch zum Großteil konfessionell orientiert sind. Anders als im deutschsprachigen Raum, wo die „deutsche Herkunft“ neben dem Bekenntnis zur „deutschen Volks- und Kulturgemeinschaft“ eine entscheidende Rolle für die Aufnahme in eine Mädelschaft bzw. Burschenschaft zu sein scheint, reichen in Chile gute deutsche Sprachkenntnisse sowie „aktives Interesse an dieser Sprache und Kultur“ bzw. „an der Erhaltung des deutschen Kulturguts“ als Voraussetzungen aus – wobei die Mädchenschaft „Erika Michaelsen Koch“ hervorhebt: „Mädchen deutscher Abstammung werden bevorzugt.“

Nicht zu unterschätzen. Dennoch kommt Mädelschaften in Österreich ein deutlich geringerer gesellschaftlicher Einfluss als ihren männlichen Gesinnungskameraden zu, die nicht selten wichtige Ämter in Wirtschaft und Politik innehaben. Das zeigte sich beispielsweise auch beim sogenannten „Damenverbindungstreffen“, einem jährlichen Treffen für Mädelschaften und Damenverbindungen aus dem ganzen deutschsprachigen Raum, an dem 2012 in Wien laut Eigenangaben nur neunzig Vertreterinnen teilnahmen. Allerdings sitzen aktuell neben 14 deutschnationalen Burschenschaftern sowie einem Mitglied des Mittelschüler-Kartell-Verbands auch zwei Angehörige von Mädelschaften in den Parlamentsreihen der FPÖ. Die beiden Damen sind keine Unbekannten: Barbara Rosenkranz, Mitglied der sudetendeutschen Damengilde Edda, ist in der Vergangenheit nicht nur durch die Infragestellung des Verbotsgesetzes aufgefallen. In ihrem antifeministischen, homophoben Erstlingswerk „MenschInnen. Gender Mainstreaming. Auf dem Weg zur geschlechtlosen Gesellschaft“ (2008) hetzt sie darüber hinaus gegen Gender Mainstreaming als ein von Feminismus und Marxismus geleitetes Konzept, das „Mütter“ zu geschlechtslosen Arbeitskräften erziehen wolle. Anneliese Kitzmüller wiederum ist sowohl Mitglied der aM! Iduna zu Linz als auch „Hohe Damenobfrau“ der pM! Sigrid zu Wien. Als Familiensprecherin der FPÖ wetterte sie unter anderem gegen „linke Regenbogenträume“ und bezeichnete erst vor Kurzem Mitglieder des Vereins Erinnern Gailtal als „Linksfaschisten“. Zudem schreibt sie im rechtsextremen Monatsmagazin „Aula“ und ist im Vorstand der ebenfalls rechtsextremen Österreichischen Landsmannschaft (ÖLM).
Gerade die beiden Beispiele zeigen, dass Mädelschaften – auch wenn sie zahlenmäßig deutlich kleiner sein mögen und gesellschaftlich weniger relevant – ideologisch ihren männlichen Gesinnungskameraden um nichts nachstehen. Indem ihre Mitglieder (medial und politisch) aber immer wieder lächerlich gemacht werden, werden sie nicht nur als politische Subjekte bzw. Anhängerinnen menschenfeindlichen Gedankenguts nicht ernst genommen, sondern auch sexistische Denkweisen fortgesetzt und ihre systemstabilisierende Funktion verkannt.

Judith Goetz ist Politik- und Literatur-wissenschaftlerin und Mitglied der Forschungsgruppe Ideologien und Politiken der Ungleichheit (www.fipu.at).

Fußnoten:
(1) Der „Eckart“ ist eine Monatszeitschrift der rechtsextremen Österreichischen Landsmannschaft (ÖLM).
(2) Mehr zu den ideologischen Hintergründen der Mädelschaften in Stein, Leela: „… der couleurstudentischen Tradition verpflichtet … nach den Bedürfnissen einer Damenverbindung ausgeprägt“ – Teutsche Mädels in Österreich. In: ÖH der Uni Wien (Hrsg.in): Völkische Verbindungen. Beiträge zum deutschnationalen Korporationsunwesen in Österreich. 2009. Online abrufbar unter www.oeh.univie.ac.at/fileadmin/FilesALTREF/voelk._verbindungen.pdf

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Von Wonder Woman bis zu alternativen Superheldinnen https://ansch.4lima.de/von-wonder-woman-bis-zu-alternativen-superheldinnen/ https://ansch.4lima.de/von-wonder-woman-bis-zu-alternativen-superheldinnen/#respond Sun, 23 Feb 2014 16:18:46 +0000 https://anschlaege.at/?p=4786 Außergewöhnliche Superheldinnen mit und ohne Superkräfte. Von JEAN FISCHER, HELGA HANSEN, NURGEDANKEN, HENGAMEH YAGHOOBIFARAH]]>

Außergewöhnliche Superheldinnen mit und ohne Superkräfte. Von JEAN FISCHER, HELGA HANSEN, NURGEDANKEN, HENGAMEH YAGHOOBIFARAH

Wonder Woman

Wonder Woman ist auch bekannt als Diana, Prinzessin der Amazonen von der Insel Themyscira – ursprünglich aus Lehm geformt wie ein Golem und damit die einzige Amazone, die nicht von einem Mann abstammt. Dabei erfand die Figur ein Mann, William Moulton Marston, der in den Comics sein Interesse an Bondage auslebte: Eine ihrer Waffen ist das Goldene Lasso; wird sie allerdings selbst gefesselt, verliert Wonder Woman ihre Superkräfte.
Von Marston 1941 als feministische Ikone erdacht, entwickelte DC Comics sie in den 1950er-Jahren zu einer hausfraulicheren Diana Prince, die für die Liebe zu einem Mann ihre Superkräfte aufgibt. Mit der Frauenbewegung der 1970er (und dank magerer Verkaufszahlen) kehrte die Amazone zurück. 1972 zierte sie das Cover des ersten „Ms.“ Magazins auf Bestreben ihres Fans Gloria Steinem – die in den 1980ern auch von einem der Wonder-Woman-Zeichner als Beraterin konsultiert wurde. Trotzdem wurde Wonder Woman immer wieder neu erfunden.
Anscheinend weiß bis heute niemand richtig etwas anzufangen mit einer feministischen Superheldin, sodass bei Wonder Woman ein Kuddelmuddel an stereotyper Darstellung zu finden ist. Einerseits mit einer starken Abneigung gegen übermäßige Gewalt ausgestattet, wird sie andererseits – wie auch ihr Volk – gern als männerhassende Furie dargestellt. Im ersten gemeinsamen Comic mit Superman und Batman ist sie 2003 diejenige, die mehrfach schwach ist oder gerettet werden muss.
Ihre Heterosexualität wird durch entsprechende Liebesbeziehungen immer wieder betont, und nicht zuletzt ihr sich der Schwerkraft widersetzender trägerloser rot-blauer Body ermöglicht die stete Sexualisierung. Und manchmal darf die weiße Frau nicht näher benannte, aber schwarz verhüllte Araberinnen retten.
Mit DCs Reboot seiner Comicserien bekam Wonder Woman zuletzt 2011 einen Neustart, der ihre in der griechischen Mythologie verwurzelte Geschichte mit der Gegenwart verbindet – nun mit einem Vater. Seither steigt erneut die Hoffnung auf einen eigenen Kinofilm, der ihr, trotz des derzeitigen Superheldentrends, bisher verwehrt wurde.

Helga Hansen entdeckte im Internet ihre Comic-Leidenschaft neu. Comic-Einsteigerinnen empfiehlt sie Webcomics, da hier die häufig entstehende „Archive Panic“ (das Lesen aller je erschienenen Ausgaben) deutlich billiger ist.

Sailor Moon

Sobald ich gelernt hatte, einigermaßen lesen zu können, kaufte ich mir alle zwei Wochen von meinem Taschengeld Sailor-Moon-Comichefte. Sowohl die Comics als auch die Zeichentrickserie waren für mich sehr empowernd.
Nicht zuletzt, weil zehn individuelle, starke Frauen*charaktere die Welt retteten. Ja, richtig, Frauen* mit Sternchen! Die Figur Haruka, also Sailor Uranus, verortet sich zwar weiblich, geht mit ihrem tomboy-ishen Aussehen aber auch oft als Mann durch und genießt das Gender-Bending. Außerdem ist sie mit Michiru aka Sailor Neptun in einer lesbischen Beziehung.
Allein die Protagonistin Usagi beweist, dass ihre stereotype Mädchenhaftigkeit nicht ausschließt, dass sie es als Superheldin faustdick hinter den Ohren hat. Sie liebt es, Fastfood und Süßigkeiten zu essen, schwärmt viel von Jungs, weint immerzu, erbringt in der Schule extrem schlechte Leistungen und ist obendrein auch noch sehr tollpatschig. Es wäre zu einfach zu behaupten, dass dies eine sexistische, trivialisierende Darstellung einer jungen Frau sei. Gerade im Teenageralter, aber selbst später kann eins sich mit diesen Problemen identifizieren. Usagi mag vielleicht keine ehrgeizige, disziplinierte Frau sein und hat mehr Schwächen als Stärken, doch sie ist trotzdem eine Heldin. Und diesen Punkt verpassen viele Comic-Klassiker wie Superman.
Ihre Freundinnen weisen zudem andere Eigenschaften auf, ohne platte Klischeefiguren zu sein. Von der schüchternen Musterschülerin, der hilfsbereiten, aber konfliktfreudigen Karrierefrau, der einsamen, aber unabhängigen Leidenschaftsköchin bis hin zur kunstaffinen Femme wird eine bunte Palette an bewundernswerten Frauen*figuren präsentiert. Da lässt sich auch über die knappen Kostüme hinwegsehen.

Hengameh Yaghoobifarah ist Studentin, freie Autorin, Bloggerin auf teariffic.de und hat regelmäßig Crushes auf Comic-Heldinnen. 

Action Girl 

Erica Smith ist Schülerin an der Hayley Highschool in einer kleinen Stadt an der Westküste der USA. Ein bisschen gelangweilt und frustriert von den üblichen Fragen rund um Pubertät und Zukunftspläne entdeckt Erica die verbrechensbekämpfende Fliegerin der 1940er-Jahre: Action Girl. Erica beschließt, die Nachfolge als kostümierte Verbrechensbekämpferin anzutreten. Sie trägt die originale Action-Girl-Vintage-Jacke mit dem „AG“-Logo auf der Brust, kniehohe Ringerschuhe und einen ausgestellten Rock. Action Girl wird oft unterstützt von ihrer Verbündeten und Mitschülerin an der Highschool, Flying Girl, die nur widerwillig ihrer Berufung als Superheldin folgt. In Zeiten der Not kann Action Girl mit einem Signalring das Team Action – Ericas (superkraftlose) Freundinnen – zur Hilfe holen. Gemeinsam bekämpfen sie die Go-Go-Gang.
Action Girl Comics wurden als eine Comic-Anthologie von Sarah Dyer, einer US-amerikanischen Comicautorin und -künstlerin, erschaffen, um die Arbeit von Comic-Autorinnen und Künstlerinnen sichtbar zu machen. Die Reihe lief von 1994 bis 2000 und hatte 19 Ausgaben. Action Girl ist darin eine fortlaufende Geschichte. Überraschend zog die Anthologie eine gemischtgeschlechtliche Fangemeinde an. Die jugendlichen Heldinnen waren eine erfrischende Abkehr von der sehr erwachsenen-orientierten Mainstream-SuperheldInnen-Kost jener Tage.

NurGedanken ist auf Twitter anzutreffen. Sie ist verliebt in Renee Montoya, die aber als Charakter in den Comics nicht mehr vorkommt, und freut sich deshalb jeden Monat auf Kate Kane, die als Batwoman in ihrer eigenen Comic-Reihe dem Übel der Welt begegnen darf.

Storm

Die 1975 von Marvel erschaffene Storm ist eine der bekanntesten X-Men und die erste schwarze Superheldin. Ikonisch wurde ihr Punklook, den sie aktuell wieder trägt.
Ororo Munroe aka Storm ist die Tochter einer kenianischen Prinzessin und eines US-amerikanischen Fotografen. Ihre Eltern zogen mit ihr als Baby von New York nach Kairo, wo Ororo mit fünf Jahren durch einen Unfall zur Waise wurde. Dieses Trauma lässt sie jahrelang mit Klaustrophobie kämpfen. Zunächst schlägt sich Ororo als Diebin durch, bis sie als Teenager in die Serengeti wandert und dort zum ersten Mal ihre Mutanten-Kräfte der Wettermanipulation entdeckt. Ororo wird von einer Priesterin aufgenommen und von den Einheimischen als Regengöttin verehrt – bis Professor X(avier) sie für seine X-Men rekrutiert. Ororo Munroe nimmt den Codenamen Storm an, wird ein wichtiges Mitglied und immer wieder auch Anführerin der X-Men. Für viele der jüngeren Mutanten ist sie eine Mutterfigur.
Als sie zeitweise die X-Men verlässt und nach Afrika zurückkehrt, beginnt sie eine Beziehung mit ihrer Jugendliebe T’Challa, auch bekannt als Superheld Black Panther und König des (fiktionalen) Staates Wakanda. Nach ihrer Hochzeit tritt das Königspaar einige Zeit den Fantastic Four bei. Allerdings führen die Verpflichtungen von Storm und T’Challa auf unterschiedlichen Kontinenten zum Scheitern ihrer Ehe. Aktuell ist Storm Co-Direktorin der Jean Grey School for Higher Learning und führt ihr eigenes (rein weibliches) X-Men-Team an.

Jean Fischer lebt mit ihren beiden Katzen und einem Haufen Comics in Berlin. Wenn es ihre Zeit erlaubt, bloggt sie als eincomicleben.

Illustration: Julia Kläring
Illustration: Julia Kläring

Batwoman

DC hat Batwoman in den 1950er-Jahren erfunden, um Gerüchten, Batman sei schwul, entgegenzuwirken. 2006 wurde eine neue Version der Figur eingeführt, die sogar die Ehre hatte, Batmans Titel „Detective Comics“ für einige Zeit zu übernehmen.
Kate Kane aka Batwoman stammt aus einer Militärfamilie, was für sie zunächst vor allem Leid bedeuten sollte. Mit zwölf verliert sie ihre Zwillingsschwester Beth und ihre Mutter bei einer Entführung. Der Wunsch, ihrem Land als Soldatin zu dienen, wird jäh beendet, als sie die Militärakademie West Point verlassen muss, nachdem man sie küssend mit einer anderen Soldatin erwischt hat – und Kate sich weigert zu verleugnen, dass sie (Kate) lesbisch ist, und damit unehrenhaft zu handeln. Es dauert lange, bis Kate wieder einen Sinn im Leben findet. Ausgerechnet ein Überfall in einer dunklen Gasse, den sie selbst abwehren kann, und eine kurze Begegnung mit Batman bringen Kate auf die Idee, ihrer Stadt zu dienen. So beginnt sie – gemeinsam mit ihrem Vater – Batwoman zu entwickeln und für ein Leben als Superheldin zu trainieren. Nach dem Relaunch von DC ändert sich Kates Geschichte langsam, um sie dem neuen Universum anzupassen. Inzwischen ist sie mit Maggie Sawyer von der Gotham Police verlobt. Die Verlobung sorgte für Kontroversen, denn das Kreativteam der Serie kündigte mit der Begründung, DC würde beide Frauen nicht heiraten lassen wollen. Inzwischen gibt es aber Andeutungen, dass die generelle „Anti-Ehe-Politik“ des Verlages auf der Kippe steht.

Jean Fischer

Kamala Khan

Kamala Khan ist die neueste Superheldin von Marvel und eine der wenigen Figuren, die von einer anderen Superheldin (Carol Danvers, frühere Ms. Marvel und derzeitige Captain Marvel) zu ihren Taten inspiriert wird und deren Namen annimmt.
Das Leben als Teenager ist nicht leicht, als Teenager zwischen zwei Welten ist es noch schwieriger: Kamala ist ein 16-jähriges Mädchen aus Jersey City, das zwischen der konservativen Welt ihrer pakistanischen Eltern und ihrer US-amerikanischen Heimat hin- und hergerissen ist. Sie ist ein Avengers-Fangirl und ein Nerd, die ihre Freizeit damit verbringt, Fanfiction zu schreiben und wie jeder Teenager nichts lieber tun möchte, als Partys zu besuchen und mit den populären Kids abzuhängen – oder eben Superheldin sein. Ihr Wunsch erfüllt sich, als New York von einem geheimnisvollen Nebel eingehüllt wird. Es stellt sich heraus, dass Kamala von den Inhumans abstammt und der Nebel ihre gestaltenwandlerischen Kräfte aktiviert hat. Fortan wird sie als neue Ms. Marvel New Jersey beschützen und sich den alltäglichen Kämpfen mit ihrer Familie stellen. Unterstützt wird sie von ihrem Freund Bruno, dessen Arbeitsplatz im Supermarkt zu ihrem heimlichen Unterschlupf wird. LeserInnen können Kamala in ihrer neuen Serie dabei begleiten, wie sie vom ganz normalen Mädchen zur Superheldin wird.

Jean Fischer

Hit-Girl

Ein lila Kostüm ohne Hypersexualisierung an einer Superheldin, die trotz jungen Alters die meisten Fähigkeiten in den „Kickass“-Comics vorweisen kann? An feministischem Potenzial mangelt es Hit-Girl nicht.
Mindy Macready ist Tochter eines ehemaligen Polizisten und lernt von ihrem Vater den Umgang mit Schwert- und Schusswaffen. Noch dazu ist sie körperlich so fit, dass sie auch ohne übernatürliche Kräfte auskommt. Dass sie eine Vorliebe für Comics und Hello Kitty hegt, schließt ihre Abgeklärtheit in puncto Blut, Gewalt und Tod nicht aus. Auch sprachlich kommt sie hart daher: Sie flucht sehr viel, bedient sich allerdings auch sexistischer Sprache. Dabei kann jedoch in den Raum gestellt werden, ob ihre Verwendung von Begriffen wie „cunt“ nicht als wiederaneignend verstanden werden könnte.
In dem nach ihr benannten Spin-Off liegt der Fokus stärker auf ihrem Zivilleben. Das Hineinpassen in Mädchengruppen und Freundinnenschaften werden thematisiert – allerdings: Wie authentisch dies von zwei Autoren gezeichnet werden kann, ist fragwürdig. Mindy wird von den populären Mädchen gemobbt und würde ihren Außenseiterinnenstatus gern reduzieren. Indessen ist sie sich bewusst, dass sie dafür ihre Superheldinnenidentität aufgeben müsste. Diese wiederum ist ein Überbleibsel ihres verstorbenen Vaters. Hallo Gewissenskonflikt! Aber war es überhaupt richtig, sie so viel Brutalität auszusetzen? Hat er Mindy nicht die Kindheit und die Chance auf ein „gewöhnliches Leben“ genommen?
Interessanterweise ist Hit-Girl nicht nur die einzige Superheldin in ihrer ursprünglichen Welt, dem „Kick Ass“-Universum, sondern auch die einzige Identität mit Geschlechtskategorie („Girl“) im Namen. Ein solches Othering der einzigen weiblichen Figur steht ihrem feministischen Potenzial dann doch entgegen.

Hengameh Yaghoobifarah

Alternative Superheld_innen

Wer legt eigentlich die Kriterien für Superheld_innen fest? Steht das „Super“ für Übernatürliches? Nicht alle Comic-Superheld_innen haben derartige Kräfte, populäre Figuren wie Catwoman oder Batwoman kommen ohne sie aus. Ihre körperlichen Fähigkeiten sind zwar enorm, doch sie könnten auch in der realen Welt von Normal-sterblichen erlernt werden – wobei an dieser Stelle fraglich ist, welche Körper dabei von vornherein ausgeschlossen werden und welche Technologien dazu nötig sind.
Sind es die Outfits? Liegt es an den geheimen Identitäten? In Marjane Satrapis autobiografischer Graphic Novel „Persepolis“ kämpft die Protagonistin schließlich auch mit Identitätsfragen und gegen die unterdrückenden Systeme. Und auch Enid aus „Ghost World“ trägt eine Kostümierung: Ihre im Sexshop erworbene Katzenmaske weckt sofort Assoziationen mit Catwoman. Hothead Paisan bekämpft in ihrem Comic das Patriarchat mit militärischen Mitteln – macht sie das nicht auch zur Superheldin?
Anstatt Allegorien in Parallelwelten zu konstruieren, beziehen sich diese Figuren explizit auf die Gesellschaft, retrospektiv oder gegenwärtig. Sie bieten viel Raum für Identifikation, insbesondere in solchen Fällen, in denen der tägliche Kampf sich nicht gegen Kriminelle und klassische Bösewichte, sondern gegen reale Missstände richtet. Als Antagonist_innen treten Systeme oder einzelne Unterdrückende auf, der Gegenwind kann auch in den Held_innen selbst stecken.
Zusätzlich geht es um Repräsentation. Mut und Antrieb werden von klassischen Superheld_innen in einem sehr epischen Stil ausgeführt. Die meisten von uns haben nicht die Kraft, mal eben ein internationales Drogenkartell zu entlarven oder über die Dächer von Großstädten zu springen. Überhaupt wohnen nicht alle von uns in Großstädten und viele haben ohnehin Höhenangst.
Durch Subversion – wie groß das Maß auch sein mag – gegen das System zu rebellieren, ist stattdessen ein wahrlicher Held_innenakt.

Hengameh Yaghoobifarah

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Ungeschriebene Geschichten https://ansch.4lima.de/ungeschriebene-geschichten/ https://ansch.4lima.de/ungeschriebene-geschichten/#comments Sun, 23 Feb 2014 16:11:19 +0000 https://anschlaege.at/?p=4782 Comic-Superheldinnen: Feministisches Potenzial trotz Male Gaze. Von CHARLOTT SCHÖNWETTER]]>

Comic-Superheldinnen sind rar und werden, wenn überhaupt, für ein männliches, weißes, heterosexuelles Publikum entworfen. Trotzdem haben sie feministisches Potenzial. Von CHARLOTT SCHÖNWETTER

Im Jahr 1972 erschien in den USA die erste Ausgabe des feministischen Magazins „Ms.“, herausgegeben von Gloria Steinem. Das Cover zeigt eine Frau in Badeanzug-ähnlicher Aufmachung mit Cape und energetischer Pose: Wonder Woman, eine der wahrscheinlich bekanntesten Comic-Superheldinnen überhaupt. Zu dieser Cover-Wahl bemerkte Steinem: „Wonder Woman symbolisiert viele der Werte einer Frauenkultur, welche Feminist_innen nun versuchen in den Mainstream zu bringen: Stärke und Eigenständigkeit für Frauen, Schwesternschaft und gegenseitige Unterstützung unter Frauen, Friedlichkeit und Wertschätzen des menschlichen Lebens. Ein Weniger von ‚männlicher‘ Aggression und der Vorstellung, dass nur Gewalt eine Lösung für Konflikte bietet.“ Superheld_innen und Feminismus sind also eindeutig miteinander verwoben. Doch zu sagen, dass allein durch die Darstellung „starker Frauen“ Superheld_innen-Comics feministisches Potenzial hätten, wäre zu einfach.

„Super Heroes“ als Trademark. Während die Vorstellungen zu Heldentum mindestens bis in das antike Griechenland zurückgehen – und auch verbunden sind mit klaren androzentrischen, oftmals weißen Vorstellungen –, ist das Phänomen der „Superheld_innen“ jünger. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts tauchte der Begriff vermehrt auf und gipfelte darin, dass zwei der größten US-amerikanischen Comic-Verlagshäuser, DC und Marvel, sich seit den 1960er-Jahren das Trademark für die Schreibweise „Super Heroes“ teilen. Doch wer zählt eigentlich als Superheld_in? Prinzipiell bilden sie eine ganz eigene Kategorie der Held_innen. Sie sind fiktiv in Comics und Verfilmungen anzufinden und meist kostümiert unterwegs. Mit Superkräften ausgestattet kämpfen sie gegen „das Unrecht“ und häufig gegen Super-Bösewichte. Die Superkräfte können dabei angeboren sein, durch Mutation entstehen oder auch erworben werden.

Universen voller Referenzen. Eine umfassende Geschichte der Superheld_innen nachzuerzählen ist schier unmöglich. Schon allein ein Blick in die USA, wo viele der bekanntesten Vertreter_innen erschienen und erscheinen (sei es Batman, Superman oder die bereits erwähnte Wonder Woman), zeigt ein riesiges Universum. Oder vielleicht passender: Universen. Denn viele der Superheld_innen-Comics erscheinen über viele Jahre, manchmal Jahrzehnte hinweg, es gibt Parallel-Welten und -Universen, wo die Geschichten ganz anders verlaufen, Charaktere aus einem Heft tauchen als Gast in anderen Reihen auf. Daneben werden außerdem Verfilmungen und Fernsehserien produziert.
Als erste bekannte Superheldin wird meistens Fantomah bezeichnet, eine Nebenfigur, die erstmals im Februar 1940 in Erscheinung trat. Im Jahr darauf folgte Wonder Woman, die erste Superheldin, die auch ihre eigene Comicreihe erhielt und nicht nur als Nebencharakter fungierte. Sie stellte einen klaren Kontrast im Kosmos von DC Comics dar, den ansonsten Superhelden wie Superman und Batman bevölkerten. Superheldinnen gibt es also durchaus schon seit dem sogenannten „Goldenen Zeitalter“ der Comics. Einen diesbezüglich großen Einfluss hatten auch die Uncanny X-Men Comics ab Mitte der 1970er-Jahre. In ihnen wurde beispielsweise Storm erschaffen, eine der bis heute bekanntesten Schwarzen Superheldinnen.

Langsames Umdenken. Doch Superheldinnen bleiben bis heute in der Minderheit. In Superheld_innen-Teams oder sogenannten All-Star-Zusammenstellungen tummelt sich in der Männergruppe meist höchstens eine Frau. Mehrere Frauen gemeinsam? Das bleibt häufig aus. Doch auch Verlage erkennen mittlerweile, dass das Publikum etwas anderes möchte. Am 29. Mai 2013 startete beispielsweise Marvel Comics eine neue X-Men-Reihe: Im Mittelpunkt steht ein reines Superheldinnen-Team mit Jubilee, Storm, Rogue, Kitty Pryde, Psylocke und Rachel Grey. Marvel begründete dies mit einem Wunsch seitens der Leser_innen. Und diese dankten eindrücklich, im Mai war das Comic das meistverkaufte in den USA. Ein schöner Schlag gegen eine Comic-Kultur, die immer wieder die Erfahrungen weißer, „gesunder“ Männer in den Mittelpunkt rückt und erwartet, dass sich alle, die nicht in diese Kategorie passen, trotzdem mit diesen Helden identifizieren. Es ist eine Kultur, die deutlich macht, dass alle abweichenden Positionierungen zu speziell und nicht einer „Allgemeinheit“ zu verkaufen sind.
Nicht umsonst hießen die Super_heldinnen-Filme der letzten Jahre „Iron Man“, „The Dark Knight Rises“ oder „Captain America“. Oder „The Avengers“, wo zwar Black Widow auftritt, aber wie Catwoman in „The Dark Knight Rises“ eine Nebenfigur bleibt. So schreibt die Journalistin Britt Hayes auf der Screen-Crush-Website: „Obwohl Black Widow einige der besten Moves hatte, die noch beeindruckender waren, weil sie keine Superkräfte oder Accessoires hat, betrachten sie viele als nötigen ‚eye candy‘. In ‚The Dark Knight Rises‘ ist Hathaway’s Selina Kyle ebenfalls entscheidend für den Plot, aber in vielen Szenen war der ‚male gaze‘ vorherrschend.“ Die weiblichen Figuren seien allein darauf ausgerichtet gewesen, (heterosexuelle) Männer anzusprechen.

Illustration: Julia Kläring
Illustration: Julia Kläring

Untold Stories. Das ist vielleicht mit ein Grund, warum es bis heute keinen richtigen Wonder-Woman-Kinofilm gibt. Denn ihre Figur funktioniert anders: Entspricht sie zwar klar einem dominanten Schönheitsideal, so war ihre Konzeption zu Beginn die einer Superheldin, die Stärke hat, selbstbestimmt ist und keine männlichen Figuren braucht. (Wie die Darstellungen über die Zeit schwankten und was Wonder Woman auch ohne Film für viele Menschen bedeutet, lässt sich im Dokumentarfilm „Wonder Women! The Untold Stories of American Superheroines“ nachempfinden.) In den 1970er-Jahren gab es eine TV-Serie über Wonder Woman, seither ist es aber still um die Superheldin geworden. Ein Wonder-Woman-Projekt von Filme-/Serienmacher Joss Whedon wurde 2007 gestrichen. Es sei sehr schwer einen guten Wonder-Woman-Film zu drehen, da es keine simple, bekannte Geschichte gebe, die nacherzählt werden könnte, sagte 2013 Diane Nelson, eine der DC-Comics-Leiter_innen. Es ist jedoch bezeichnend, dass bei all dem Hype um Superheld_innen-Filme gerade jener, der eine Comic-Heldin ins Zentrum stellt, einfach nicht realisiert wird.

Sexistische Strukturen. Deutlich wird im Comic-Universum auch: Nur weil es Superheldinnen gibt, heißt das noch lange nicht, dass diese auch interessant und empowernd dargestellt sind. Viele Websites widmen sich den Darstellungen von Frauen in Comics – und eben häufig auch Superheldinnen. Dabei geht es darum aufzuzeigen, wie durch sexualisierte Posen (für die oft jegliche Logik von Gelenken und Gliedmaßen über Bord geworfen wird) die Frauenfiguren in einen „male gaze“ eingeschrieben und immer wieder objektifiziert werden. Dazu tragen auch die knappen Rüstungen und Anzüge bei, die vieles sind, aber nicht praktikabel.
Diese Darstellungen kommen nicht von ungefähr. Die Zeichner_innen für die großen Verlage zeichnen sich durch ihre Homogenität aus: männlich und weiß. Das Geschäft ist nicht frei von Machtstrukturen, sondern eng mit diesen verwoben. Comiczeichnerinnen müssen sich Diskriminierungen in der Szene aussetzen, für sie ist es schwieriger, Jobs zu bekommen. Und etliche involvierte Männer wollen dieses System aufrechterhalten. So spricht der bekannte Comic-Zeichner Todd McFarlane auch schon einmal von „Testosteron-getriebenem“ Schreiben und erklärt, dass Männer in Comics auch idealisiert dargestellt würden. Er missachtet dabei schlicht, dass es einen Unterschied macht, ob die idealisierte Figur als Identifikationspunkt oder ausschließlich als sexualisiertes Objekt geschaffen wird. Seinen Töchtern würde er aber keine Superheld_innen-Comics empfehlen, diese seien Männersache. Die Frau auf dem Papier – sie bleibt oft eine männliche Fantasie, fest in einem heteronormativen System verankert.

Kategorien aufbrechen. Nach all diesen Punkten bleibt die Frage: warum sich trotzdem mit Superheldinnen befassen? Die Antwort gilt für viele popkulturelle Phänomene: Selbst in vielen klassischen Superheldinnenzeichnungen lassen sich empowernde Momente ausmachen. Die Heldinnen fügen sich nicht in kleine, vorgefertigte Kästchen ein, die fein säuberlich Weiblichkeitsvorstellungen sortieren. So passt beispielsweise Wonder Woman auf das „Ms.“-Cover. Oder Leser_innen erfreuen sich an Batwoman, der ersten lesbischen Superheldin, die ihre eigene Comic-Reihe hat. Und dann gibt es Menschen, die mit all diesen Superheld_innen im Bewusstsein aufwachsen, neue Möglichkeiten erahnen und vielleicht selbst beginnen Comics zu zeichnen, in denen noch viel mehr Mauern durchbrochen werden. Das Internet scheint für deren Publikation und vor allem weitere Verbreitung ein wundervoller Ort zu sein.

Charlott Schönwetter promoviert zu Literatur, Geschlecht und race – aber nicht zu Superheldinnen. Sie bloggt regelmäßig bei der Mädchenmannschaft und Femgeeks.

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Das Patriarchat in Stücke hauen https://ansch.4lima.de/das-patriarchat-in-stuecke-hauen/ https://ansch.4lima.de/das-patriarchat-in-stuecke-hauen/#respond Sun, 23 Feb 2014 16:05:29 +0000 https://anschlaege.at/?p=4779 Die Rote Zora ging 20 Jahre lang militant gegen frauenausbeuterische Institutionen vor. Von KATHARINA KARCHER]]>

Die Rote Zora zündete in den 1970er- und 80er-Jahren Bekleidungsgeschäfte und Sexshops an. Fast 20 Jahre lang war die militante Frauengruppe in der BRD aktiv und wurde für ihre Anschläge kritisiert und gefeiert. Von KATHARINA KARCHER

In den frühen Morgenstunden des 2. Februar 1978 brach ein Feuer in einem Sexshop in Koblenz am Rhein aus. Niemand wurde verletzt, aber der Brand verursachte einen Sachschaden von 300 DM. Bei den Aufräumarbeiten fand der Besitzer des Ladens Überreste eines Brandsatzes und eine Ampulle mit einer gelblichen Flüssigkeit, die sich als Stinkbombe erwies. Bereits einige Tage zuvor waren sechs Einbrüche in Sexshops in Köln gemeldet worden, die zur selben Ladenkette gehörten. Angeblich wurden hier Filme und Unterwäsche im Wert von fast 200.000 DM entwendet.

Mauern und zündeln. Zu den Anschlägen bekannte sich die militante Frauengruppe Rote Zora. In ihrem Bekennerschreiben verkündete die Gruppe: „In der Karnevalszeit, wo (…) die Männer mal wieder die Gelegenheit erblicken Frauen anzumachen und zu ihrem Spaß zu benutzen, haben wir uns auch mal unseren Weiberfastnachtsspaß erlaubt, nach der Devise: Mit List und Tücke hauen wir die Pornoshops in Stücke!“ Die Rote Zora wollte nicht mehr länger hinnehmen, dass Frauen „auf ihren Körper reduziert“ und „zur Sexmaschine degradiert“ würden. Sie lieferte sogleich Vorschläge, wie dieser Widerstand aussehen könnte: „Autos von Frauenfeinden anmalen – Zucker in den Tank schütten, Reifen durchstechen, frauenfeindliche Institutionen schließen durch Zumauern oder stören durch Gestank, herbeigeführten Kurzschluss, Bombenalarm, Klos verstopfen.“
Obwohl wenige Frauen diese Vorschläge in die Tat umsetzten, gab es in der Frauenbewegung durchaus Sympathie für die Anschläge. Die März-Ausgabe des feministischen Magazins „EMMA“ enthielt etwa Auszüge des Bekennerschreibens, und eine Cartoon-Figur neben dem Text verkündete: „Hilfe, da überkommt mich ja klammheimliche Freude.“ Dies war vor allem deshalb brisant, da knapp ein Jahr zuvor ein Artikel in einem Göttinger StudentInnenmagazin für heftige Kontroversen gesorgt hatte, indem er von „klammheimlicher Freude“ über die Ermordung von Generalbundesanwalt Siegfried Buback durch Mitglieder der RAF sprach.

Im Visier der Roten Zora. Ähnlich wie die RAF wurde auch die Rote Zora von der Bundesregierung als eine „terroristische Vereinigung“ eingestuft. Sie hatte sich Mitte der 1970er-Jahre als Teil des linksmilitanten Netzwerks „Revolutionäre Zellen“ formiert und war bis 1995 aktiv. Im Unterschied zu den Anschlägen der RAF und anderer militanter Gruppierungen in der BRD haben jene der Roten Zora jedoch niemanden verletzt oder getötet. Doch auch die Rote Zora hat Sprengstoff, Brandsätze und andere gefährliche Materialien verwendet und damit einen Sachschaden in Millionenhöhe verursacht. Neben Sexshops richtete sich der Zorn unter anderem gegen die Autos vermeintlicher Frauenhändler und Immobilienhändler, gegen die deutsche Ärztekammer, die Pharma-Industrie, Unternehmen und Forschungsinstitute im Bereich der Gen- und Reproduktionstechnik sowie gegen Filialen der Bekleidungskette Adler.
Obwohl die Rote Zora sich als Teil der Frauenbewegung verstand, stieß ihr militanter Aktivismus gerade dort auf heftige Kritik. Viele Feministinnen hielten die Aktionen nicht nur für das falsche Mittel, um für Emanzipation und Befreiung zu kämpfen, sie fürchteten auch, dass durch sie die gesamte Frauenbewegung mit Gewalt und Terrorismus assoziiert würde. Am Beispiel einer Anschlagsserie im Jahr 1987 lässt sich zeigen, dass diese Angst keineswegs unbegründet war.

Da die Rote Zora Wecker des Typs Emes Sonochron häufig als Zünder für ihre Brandsätze verwendete, sah das Bundeskriminalamt alle Käuferinnen als potenzielle Terroristinnen.  © Katharina Karcher
Da die Rote Zora Wecker des Typs Emes Sonochron häufig als Zünder für ihre Brandsätze verwendete, sah das Bundeskriminalamt alle Käuferinnen als potenzielle Terroristinnen.
© Katharina Karcher

Nähe und Distanz. Im Mai 1986 baten Arbeiterinnen in einem südkoreanischen Werk des deutschen Bekleidungskonzerns Adler Frauen in Deutschland um „schwesterliche Hilfe“. Sie wollten sich gegen Ausbeutung und sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz zu Wehr setzen, aber die Konzernleitung ignorierte ihre Forderungen. Frauengruppen, Menschenrechtsorganisationen und Gewerkschaften in der BRD forderten daraufhin bessere Arbeitsbedingungen im südkoreanischen Adlerwerk. Besonders aktiv waren Mitglieder der Frauenrechtsorganisation Terre des Femmes, die mit Infoveranstaltungen, Zeitungsartikeln und Demonstrationen versuchten, Adler zum Einlenken zu bewegen. Trotz aller Proteste weigerte sich der Konzern, die Forderungen der Arbeiterinnen zu erfüllen.
Im August 1987 verübte die Rote Zora eine Serie von Brandanschlägen auf Adler-Filialen, um den Arbeitskampf in Südkorea zu unterstützen. Nach Schätzungen des Konzerns belief sich der dadurch entstandene Schaden auf dreißig bis 35 Millionen DM. Nach einem weiteren Anschlag Anfang September erklärte die Geschäftsleitung, dass man sich „der Gewalt beugen“ wolle, um zukünftige Anschläge zu vermeiden. Terre des Femmes begrüßte zwar das Einlenken des Konzerns, bedauerte aber, dass man sich „letztlich nur der Gewalt“ beugte. Adler dagegen behauptete, Terre des Femmes habe „den Boden fruchtbar für Gewaltakte gemacht“.
Während einige Frauengruppen in der autonomen Szene der Roten Zora zu ihrem Erfolg gratulierten, distanzierten sich viele ausdrücklich von ihren Methoden. In einem Artikel in der „taz“ kritisierte die Frauenrechtlerin Christa Wichterich die Feuer als „voluntaristische Aktionen, die andere Widerstandsaktionen gefährden“. Die Soziologin Claudia von Werlhof, die in einem Bekennerschreiben der Zoras zitiert wurde, erklärte, dass der Aktivismus der Roten Zora eine Imitation des männlichen „Provinzmilitarismus“ sei, gegen den sich die Neue Frauenbewegung Ende der 1960er-Jahre gestellt hatte.

Späte Einsicht. In der folgenden Gewaltdebatte der 1970er-Jahre betonten Feministinnen, dass man Macht nicht erschießen könne – sondern nur Menschen. Nach dem „Deutschen Herbst“, der von den Attentaten der RAF geprägt war, distanzierten sich viele Frauen von der Roten Zora. Daraus ist aber nicht zwangsläufig abzuleiten, dass ihre Aktionen „den Feminismus keinen Millimeter nach vorne“ gebracht hätten, wie etwa der Wissenschaftler Vojin Saša Vukadinovic schlussfolgert.(1) Er kritisiert, dass die Rote Zora zwar Themen aus der Frauenbewegung aufgriff, ihr die analytische Schärfe und der kritische Impetus von anderen militanten Feministinnen jedoch fehlten. Vukadinovic schlägt vor, die Anschläge der Roten Zora als „frauenbewegte Militanz“ und nicht als „militanten Feminismus“ zu verstehen. Dieser Schluss ist jedoch voreilig. Eine der großen Stärken von Frauenbewegungen war schon immer ihre politische und methodische Vielfältigkeit. Obwohl sich beispielsweise in England die meisten Feministinnen gegen jegliche Gewalt aussprechen, sehen sie dennoch die Militanz in der Suffragettenbewegung zu Beginn des 20. Jahrhunderts als Teil ihrer Geschichte.
Rückblickend gaben die Zoras 1993 zu, dass eine „gewisse Portion an unhinterfragter bürgerlich-christlicher Moral“ in ihre Wut gegen die Sexindustrie eingeflossen sei. Sie hätten mittlerweile erkannt, dass Sexshops nur ein Teil umfassender sexistischer Gewaltstrukturen seien und dass Aktionen gegen die Sexindustrie dazu beitragen können, Frauen, die hier arbeiten, auszugrenzen oder zu schwächen. Die Frage, inwieweit die Aktionen der Roten Zora feministisch waren, sollten wir jedenfalls weiter diskutieren.

Katharina Karcher ist MHRA Research Fellow an der University of Warwick. 

Fußnote
(1) Vojin Saša Vukadinovic: Spätreflex. Eine Fallstudie zu den Revolutionären Zellen, der Roten Zora und zur verlängerten Feminismus-Obsession bundesdeutscher Terrorismusfahnder. In Irene Bandhauer-Schöffmann and Dirk van Laak (Hg.): Der Linksterrorismus der 1970er-Jahre und die Ordnung der Geschlechter. Wissenschaftlicher Verlag 2013, 140–161.

weitere Informationen zur Roten Zora
Viele Texte der Roten Zora sind auf der Website www.freilassung.de​ zu finden. Außerdem sehr lesenswert ist das Kinderbuch: Die Rote Zora und ihre Bande von Kurt Held, auf das sich die Gruppe bezieht.

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