leib & leben – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de Tue, 09 Dec 2025 09:36:33 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.0 https://ansch.4lima.de/wp-content/uploads/2024/10/cropped-favicon-32x32.png leib & leben – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de 32 32 leib & leben: Male Gaze im Nacken https://ansch.4lima.de/leib-leben-male-gaze-im-nacken/ https://ansch.4lima.de/leib-leben-male-gaze-im-nacken/#respond Tue, 09 Dec 2025 09:36:32 +0000 https://anschlaege.at/?p=131311 Von YASMIN MAATOUK In meinem ersten Kolumnentext muss ich mit etwas Grundlegendem beginnen: Alles, was ich bin, und alles, was ich weiß, habe ich von den starken Frauen in meinem Leben gelernt. Eine davon ist Anđela Alexa. Vor zwei Jahren war ich überzeugt, feministisch zu handeln. Ich las alles, was ich in die Finger bekam, […]]]>

Von YASMIN MAATOUK

In meinem ersten Kolumnentext muss ich mit etwas Grundlegendem beginnen: Alles, was ich bin, und alles, was ich weiß, habe ich von den starken Frauen in meinem Leben gelernt. Eine davon ist Anđela Alexa.

Vor zwei Jahren war ich überzeugt, feministisch zu handeln. Ich las alles, was ich in die Finger bekam, und wusste: Da wartet noch viel Erkenntnis und Entwicklung auf mich. Aber irgendwann bin ich in meiner feministischen Identität stagniert. Der Grund war so simpel wie schmerzhaft: Ich konnte nicht aufhören, Männer zu zentrieren.
Der Male Gaze – der männliche Blick – war längst in meinem Kopf eingezogen. Ich sah mich mit seinen Augen, die mir lange wichtiger als meine eigenen waren. Selbst wenn ich allein in meiner Wohnung voll feministischer Poster saß, erwischte ich mich dabei, wie ich mich hinsetzte, um in einem oversized T-Shirt „zufällig“ meine Kurven zu betonen. Ich wusste theoretisch alles über den Male Gaze – und richtete mich im Alltag trotzdem nach ihm.

Bis ich Anđela kennenlernte. Ich habe mich sofort auf platonische Weise in sie verliebt – bis heute sind wir unzertrennlich. Und sie hat mich gesehen. Richtig gesehen. Als sie mir zum ersten Mal mein inneres Gefängnis spiegelte, war ich verletzt. „Oida, was willst du von mir? Ich kann ja nichts dafür, wie ich sozialisiert wurde“, dachte ich. Mein Ego war getroffen.
Aber genau dieser Moment war der Wendepunkt. Plötzlich wurde mir klar, wie sehr ich mich noch immer über den männlichen Blick definierte und wie weit ich mich dabei von mir selbst entfernt hatte. Ich musste mir eingestehen: Meine Werte waren klar. Aber ich lebte nicht nach ihnen.

Die Aufmerksamkeit von Männern war mein Quick-Fix, wenn ich mich unsicher fühlte. Sie gab mir Bestätigung, aber zu einem hohen Preis: meinem inneren Frieden. Viele nächtliche Journal-Seiten und Telefonate später ist die Stimme des Mannes in meinem Kopf so leise wie nie. Mit dieser Stille wurde meine eigene Stimme lauter. Heute weiß ich: Jede Person braucht eine Anđela. Jemanden, der dir liebevoll den Spiegel hinhält und dich zwingt, hinzusehen.

Yasmin Maatouk ist Wienerin mit ägyptischen Wurzeln und arbeitet als Social Media Host beim „Moment Magazin“.

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Dauerbrenner Körper https://ansch.4lima.de/dauerbrenner-koerper/ https://ansch.4lima.de/dauerbrenner-koerper/#respond Fri, 23 Jun 2023 06:10:26 +0000 https://anschlaege.at/?p=110376 Die intensive Beschäftigung mit dem Körper ist etwas, das sich für mich schon länger mehr nach Belastung als nach Befreiung anfühlt. Mindestens aber langweilt und ermüdet es mich. Egal ob im negativen (#bodyshaming) oder im positiven Sinne (#bodypositivity), ich will einfach, dass der Körper, mein Körper, unsere Körper keine so zentrale Rolle spielen. Im Gegenteil, […]]]>

Die intensive Beschäftigung mit dem Körper ist etwas, das sich für mich schon länger mehr nach Belastung als nach Befreiung anfühlt. Mindestens aber langweilt und ermüdet es mich. Egal ob im negativen (#bodyshaming) oder im positiven Sinne (#bodypositivity), ich will einfach, dass der Körper, mein Körper, unsere Körper keine so zentrale Rolle spielen. Im Gegenteil, ich will, dass es scheißegal ist, wie mein Körper aussieht.

Die Überbetonung des Körpers und all dessen, was er ist, nicht ist, was er erlebt, wie er sein kann, soll oder darf, in queeren, feministischen, aktivistischen, künstlerischen und akademischen Kreisen, ist das andere Ende des Pendulums der Hyper­fixierung auf den zu reglementierenden Körper in Unterdrückungssystemen. Wann pendeln wir uns ein und entspannen uns in neutraler Gleichmut?

Ehrlich, Leute, ich will nicht ständig meinen Körper oder die von anderen thematisieren. Erst recht nicht will ich dauernd darüber reden, wie unterdrückt wir alle sind. Ich will mich nicht selbst kleinhalten, mich auf meinen Körper und meine Diskriminierungserfahrungen reduzieren. Und ich will nicht, dass andere das mit mir tun. Weil es einengend ist, fad – und auch belastend. Aber egal, wie sehr ich versuche, dagegen zu steuern: Dem zu entkommen, ist schwer. Vor 15 Jahren, als ich mich als Künstlerin am eigenen Leib mit diesen Themen auseinandersetzte, hat sich niemand für meine Arbeit interessiert.

Heute interessiert sich niemand für meine anderen Themen. Nahezu alle Buchungsanfragen, die ich erhalte, egal ob für Vorträge, Workshops, Performances, Ausstellungen, Interviews, Filme – alle wollen, dass ich mich über Körperideale, Schönheit und Dickendiskriminierung äußere. Mediale Aufmerksamkeit, z. B. auf Instagram, erhalte ich auch von Menschen, die mich persönlich kennen und/oder mir seit Jahren folgen, oft nur dann, wenn ich meinen (nackten) Körper poste. Für all meine anderen Beiträge drückt kaum wer ein Like ab.

Ich bin also weiterhin mein Körper und werde dafür gehasst oder gefeiert. Die glückliche Gleichmut, sie bleibt ein Traum.

Julischka Stengele lebt als Kunst- und Kulturschaffende in Wien.

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Ein ganzes Haus https://ansch.4lima.de/ein-ganzes-haus/ https://ansch.4lima.de/ein-ganzes-haus/#respond Thu, 06 Apr 2023 15:41:02 +0000 https://anschlaege.at/?p=105382 Julischka Stengele Die Kolumne zwingt mich zu fragen: Was gibt es gerade für Themen mit Körperbezug in meinem Leben? Welchen Bezug habe ich gerade zu meinem Körper? Ist er präsent in meinem Bewusstsein und wenn ja, wie? Als lebendige, fühlende Masse, als funktionale Arbeitsmaschine, ein Gehäuse, das meinen Geist beherbergt und meinem Willen unterworfen ist, […]]]>

Julischka Stengele

Die Kolumne zwingt mich zu fragen: Was gibt es gerade für Themen mit Körperbezug in meinem Leben? Welchen Bezug habe ich gerade zu meinem Körper? Ist er präsent in meinem Bewusstsein und wenn ja, wie? Als lebendige, fühlende Masse, als funktionale Arbeitsmaschine, ein Gehäuse, das meinen Geist beherbergt und meinem Willen unterworfen ist, als lustvoll-empfindsames Netzwerk, als Problem, das schmerzt und krankt und so viel, zu viel Fürsorgeaufwand benötigt? Seufz.

Immer wieder braucht er Treibstoff, dieser Körper, muss gefüttert und bewässert werden, schön regelmäßig, aber bitte mit den richtigen Sachen, sonst meldet sich die Gastritis. Im Alltagsstress, den ganzen Tag unterwegs und schon wieder nicht geschafft irgendwas vorzukochen? Irgendwas schnell am Weg mitgenommen, gegessen, was verfügbar war? Gefällt dem Magen gar nicht, unverzeihlich, Rebellion. Oberkörper hochlagern beim Schlafen, das gefällt ihm. Die Wirbelsäule ist dagegen. Die will’s am liebsten flach. Und weich, aber bitte nicht zu sehr, weil Unterstützung braucht sie schon auch. Aber bitte auch nicht zu fest, weil zu viel Druck, das hält sie gar nicht aus. Die Muskeln stimmen gleich mit ein in diesen Chor. Die wollen überhaupt jede Menge: In die Länge gezogen und geschmeidig gemacht werden, aber auch gekräftigt und trainiert, am besten dreimal die Woche. Geht sich’s nicht aus, sind sie urschnell beleidigt und ziehen sich zurück. Dann darf man wieder von vorne anfangen. Und der Fuß, der jammert, dass er so viel arbeiten muss (und da hat er eh recht) und dann entlastet man ihn und dann lässt er zu locker, weil er nix zu tun hat und wie man’s macht, es passt nicht. Also die Einlagen anpassen gehen und die Geldbörse leeren. Die Zähne dagegen, am anderen Ende, die sind fein leise. Hätten gern Vorzugsbehandlung mit Seide, am besten täglich. Sagen sie dir aber immer erst beim Zahnarzt und dann der große Schock. Und immer wieder frag ich mich, ich bin doch nur ein einzelner Mensch und muss mich kümmern um ein ganzes Haus, wie geht sich das bitte aus?

Julischka Stengele lebt als Kunst- und Kulturschaffende in Wien.

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Verkohlte Töpfe https://ansch.4lima.de/verkohlte-toepfe/ https://ansch.4lima.de/verkohlte-toepfe/#respond Sun, 12 Feb 2023 19:00:12 +0000 https://anschlaege.at/?p=99439 Julischka Stengele Abgestorben, Winterzeit. Die Gefühle sind begraben, es herrscht emotionaler Frost. Stimmt auch nicht so ganz, denn dafür spüre ich zu genau: Es geht mir schlecht und zwar schon lange. Das erzählen mir unter anderem der beißende Rauch und die schwarzverkohlten Töpfe in meiner Küche. In den letzten paar Monaten habe ich so oft […]]]>

Julischka Stengele

Abgestorben, Winterzeit. Die Gefühle sind begraben, es herrscht emotionaler Frost. Stimmt auch nicht so ganz, denn dafür spüre ich zu genau: Es geht mir schlecht und zwar schon lange. Das erzählen mir unter anderem der beißende Rauch und die schwarzverkohlten Töpfe in meiner Küche. In den letzten paar Monaten habe ich so oft mein Essen anbrennen lassen wie vielleicht zuvor in meinem ganzen Leben zusammengenommen. Ach ja, mein Leben. Ich bin nicht auf der Höhe. Ich bin auf dem absteigenden Ast.

Midlife-crisis ist ein Wort, das so klingt, als müsste man es nicht ernst nehmen. Im Gegenteil, eher wie eine Bezeichnung für einen Zustand, den man belächelt. Zu lächeln habe ich momentan allerdings nicht besonders viel. Ich fühle mich wie ein liegengebliebenes Auto auf einem großen leeren Parkplatz außerhalb der Stadt, von dem nichts herunterführt, auf dem nichts blüht. Hier harre ich aus, in diesem dead end für Menschen in ihrer Lebensmitte, die kein Haus haben und auch keins mehr bauen werden. Der Zug für Mindestpension – abgefahren. Eigentumswohnung hier, Erbe dort, Anstellung, Kinder, Hund, Lebenspartnerschaft und Zukunftspläne – das haben andere gemacht. Wann das alles passiert ist? Ich habe ehrlich keine Ahnung.

Das Einzige, das bei mir weitergeht, ist die anhaltende Prekarität in jeder Säule meines Lebens. Die langen Finger der pandemischen Kralle rühren zusammen mit Armut, Alter, Einsamkeit und Krankheit jenes graue Gemisch an, mit dem sie jede Hoffnung auf Veränderung asphaltieren. Die vermeintlichen Perspektiven aus meinen Zwanzigern – fancy freelancer life, Bildungsaufstieg, #yolo, queere Wahlfamilie und alternative Fürsorgenetzwerke – wurden von der Realität der Vierziger längst überfahren.

In der hänge ich jetzt hier fest, auf diesem Parkplatz, zusammen mit den stark limitierten Gestaltungsmöglichkeiten für mein eigenes Leben, und warte darauf, dass mich irgendwann vielleicht mal wieder jemand abholt.

Julischka Stengele ist Ü40, queer und Single, empfiehlt das aber niemandem.

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Der Tod ist der beste Orgasmus https://ansch.4lima.de/der-tod-ist-der-beste-orgasmus/ https://ansch.4lima.de/der-tod-ist-der-beste-orgasmus/#respond Fri, 02 Sep 2022 10:49:16 +0000 https://anschlaege.at/?p=80243 Illustration: Sabrina WegererMichèle Thoma Diese tröstliche Botschaft verhieß Lotte Ingrisch, Gespenster­expertin, Jenseitsforscherin und Verfasserin von Büchern wie „Der Himmel ist lustig“ oder „Geisterknigge“ mir schon 2007. Das Interview in ihrem Zuhause in der Hofburg dauerte Stunden, aber was ist schon Zeit? Gibt es sie überhaupt, und gibt es uns überhaupt, und wenn, wie oft, und wo und […]]]> Illustration: Sabrina Wegerer

Michèle Thoma

Diese tröstliche Botschaft verhieß Lotte Ingrisch, Gespenster­expertin, Jenseitsforscherin und Verfasserin von Büchern wie „Der Himmel ist lustig“ oder „Geisterknigge“ mir schon 2007. Das Interview in ihrem Zuhause in der Hofburg dauerte Stunden, aber was ist schon Zeit? Gibt es sie überhaupt, und gibt es uns überhaupt, und wenn, wie oft, und wo und wann? Unsere gerade aktuellen Verkörperungen hatten sich bei einer Tafel Schokolade in einem düsteren Raum mit wenig rustikalem Mobiliar installiert, Katzen huschten herum. Die stellte sie mir einzeln vor, auch die längst verblichenen, einige von ihnen kamen immer noch auf Besuch. So wie ihre Freund*innen und Bekannten, längst waren sie in anderen Dimensionen unterwegs, aber immer gern gesehene Gäste. Sie kamen einfach so hereingeschneit, hereingespukt, wie es ihnen passte, wenn Lotte Ingrisch es sich wie jeden Abend gemütlich bei Schoko­lade und Rotwein machte. Sie waren immer willkommen. Einsam war Lotte Ingrisch nie.

Sie diskriminierte auch Naturwesen nicht und plädierte für den Artenschutz von Gespenstern. Ihren verstorbenen Mann, den Komponisten Gottfried von Einem, hatte sie schon zu Lebzeiten Bärenfräulein genannt. Alle Zustände und Identitäten waren ihr fließend. Physik, Philosophie, tiefste Einsichten und weiteste Aussichten servierte sie in einer beinahe kindlichen und poetisch-witzigen Sprache: Bewusstseinserweiterung und -erheiterung! Lustig ist der Jenseits-Trip zwar nicht immer, praktische Tipps gibt die Expertin, wie man traurige „Tote“ aufmuntert und selber „tot“ sein trainiert. Der wirkliche Horror aber war für die Sterberechtlerin unerlöst an Schläuchen und Kabeln zu hängen, der lebendige Tod in Pflegeheimen, der die meisten Alten erwartet.

Lotte Ingrisch war quicklebendig, aber konnte den Tod kaum erwarten.

„An etwas Schönes denken, tief ausatmen und loslassen!“, lautete einer ihrer Sterbetipps. Warum auch nicht, wartete doch der Orgasmus des Lebens!

Nach wenigen Tagen im Spital ist die 94-Jährige „gestorben“. Endlich auf Reisen!

Michèle Thoma empfindet keine Vorfreude beim Gedanken an das Hinscheiden.

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Besseressen https://ansch.4lima.de/besseressen/ https://ansch.4lima.de/besseressen/#respond Fri, 24 Jun 2022 22:18:14 +0000 https://anschlaege.at/?p=75817 Julischka Stengele Es gibt kaum einen Bereich, wo mich hohle Konsumkritik und impliziter Klassismus, also die Abwertung von Menschen aufgrund ihrer schlechten finanziellen Situation und/oder ihrer formalen Bildung noch mehr nervt als beim Thema Ernährung. Wie kürzlich, als ich zufällig an einem kleinen Bobo-Markt im 6. Wiener Gemeindebezirk vorbeikam. Angezogen von der verlockenden Auslage nähere […]]]>

Julischka Stengele

Es gibt kaum einen Bereich, wo mich hohle Konsumkritik und impliziter Klassismus, also die Abwertung von Menschen aufgrund ihrer schlechten finanziellen Situation und/oder ihrer formalen Bildung noch mehr nervt als beim Thema Ernährung.

Wie kürzlich, als ich zufällig an einem kleinen Bobo-Markt im 6. Wiener Gemeindebezirk vorbeikam. Angezogen von der verlockenden Auslage nähere ich mich dem Wagen einer Käserei. Der Standler spricht mich an: „Du bist zum ersten Mal hier, oder?” Ich sage, ja, normalerweise gehe ich bei mir im 10. Bezirk auf den Markt. Er will wissen, wo ich es besser finde. Ich sage, na ja, hier ist es halt Bobo und teuer, bei mir im Bezirk kann ich mir mehr leisten. Er reißt seine Augen weit auf, stößt hörbar Luft aus. Nachdem er den Schock verdaut hat, sagt er: „Aber die sind aus der Türkei!” Sein Freund oder Stammkunde, der danebensteht, setzt nach: „Ja, billige Erdbeeren aus der Türkei!” Beide lachen.

Halb aus Interesse, halb aus einem unangenehmen Gefühl heraus, von dem ich nicht genau weiß, wie ich es benennen soll, kaufe ich einen Kaspressknödel und ein Stück Ziegenkäse. Ich bitte ihn, wirklich nur ein ganz kleines Stück abzuschneiden, nur zum Kosten, bitte maximal hundert Gramm, sage ich. Er nimmt’s nicht so genau, packt ein und kassiert 8,10 Euro von mir. Ich bin genervt. Von ihm, seinem Gehabe, dem Gehabe von seinem Hawerer und von mir selbst. Genervt von Besseressern mit Klassenprivilegien, die ihr Distinktionsbedürfnis über ihre Konsumentscheidungen ausleben, damit gleichzeitig versuchen, ihr Gewissen reinzuwaschen und das Ganze auch noch als #politisch tarnen.

Dass ich nicht lache!

Auf meinem Heimweg sage ich laut zu mir selbst, was mir in der Situation nicht rechtzeitig eingefallen ist: Stell dir vor, Erdbeeren aus der Türkei machen auch satt!

Der Käse hat übrigens scheiße geschmeckt – ganz im Gegensatz zu den süßen Früchten im Süden Wiens.

Julischka Stengele lebt als Kunst- und Kulturarbeiterin in Wien. Die schlauen Worte, die sie im Text verwendet, hat sie auf der Uni gelernt und wie man viel Essen für wenig Geld kauft aus ihrer Kindheit.

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leib & leben: Machtkampf um meine Würde https://ansch.4lima.de/leib-leben-machtkampf-um-meine-wuerde/ https://ansch.4lima.de/leib-leben-machtkampf-um-meine-wuerde/#respond Mon, 18 Apr 2022 15:08:55 +0000 https://anschlaege.at/?p=68644 Julischka Stengele Eine fremde Stadt. Ich sitze an der Bushaltestelle und warte auf die Linie, die mich zu meinem Ausflugsziel bringen soll. Ich sitze einfach da und ruhe meinen müden Körper aus. Mehr hat es an diesem Tag nicht gebraucht, um einen Gewaltkreislauf in Gang zu bringen. Nur meine bloße Existenz, wieder einmal. Die drei […]]]>

Julischka Stengele

Eine fremde Stadt. Ich sitze an der Bushaltestelle und warte auf die Linie, die mich zu meinem Ausflugsziel bringen soll. Ich sitze einfach da und ruhe meinen müden Körper aus. Mehr hat es an diesem Tag nicht gebraucht, um einen Gewaltkreislauf in Gang zu bringen. Nur meine bloße Existenz, wieder einmal.

Die drei jungen Erwachsenen, die schamlos eine plumpe Beleidigung nach der anderen in mein Gesicht abfeuern und sich vor Lachen über meinen dicken Körper kaum halten können, stehen zwei Meter von mir entfernt. Es ist so unverfroren, so nah und anhaltend, dass ich es nicht länger über mich ergehen lassen will und die Konfrontation suche.

In der Regel habe ich bei Grenzüberschreitungen im öffentlichen Raum das Überraschungsmoment auf meiner Seite. Die Täter rechnen oft nicht mit Gegenwind. Durch mein aktives, selbstbewusstes Verhalten sind sie meist schnell entwaffnet und treten eingeschüchtert den Rückzug an.

An diesem Tag aber ging der Schuss nach hinten los. Meine spontane Verteidigung ist aggressiv, ich antworte auf ihre Gewalt mit Gegengewalt. Sie lassen sich nicht davon beeindrucken. Beide Seiten erhöhen ihre Einsätze. Worte steigern sich zu ein paar Handgreiflichkeiten. Die Situation löst sich nicht auf, niemand räumt das Feld. Ich fühle mich hilflos in diesem Machtkampf um meine Würde und verbringe die letzten Minuten unter anhaltenden Beleidigungen schweigend damit, ihnen mit meiner körperlichen Präsenz unangenehm zu sein. Wenigstens das.

Der Bus, in den die drei einsteigen, bringt keine Erlösung, sondern eine weitere Eskalation. Einer versetzt mir von drinnen unter lautem Gebrüll zwei heftige Tritte in den Bauch. Dann schließen sich die Türen.

Ich verbleibe mit einem seltsamen Gefühls­cocktail. Es ist mir nicht gelungen, meine Demütigung zu unterbinden. Ich bin traurig und unzufrieden über den verlorenen Kampf. Das angekratzte Ego schmerzt mehr als der Fußtritt.

Julischka Stengele lebt als Kunst- und Kulturschaffende in Wien. Sie weiß jetzt, dass es für Gruppen eine andere Strategie braucht als für Einzelpersonen. Sie ist es müde, zu wiederholen, dass #fatliberation nicht heißt: „Bikinis für alle“, sondern Gewaltprävention auf allen Ebenen.

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leib & leben: Jonglieren im Winter https://ansch.4lima.de/leib-leben-jonglieren-im-winter/ https://ansch.4lima.de/leib-leben-jonglieren-im-winter/#respond Sat, 28 Nov 2020 13:38:50 +0000 https://anschlaege.at/?p=25769 Yuria Knoll Jeden Winter zeigt sich, dass mein Körper in der kalten Jahreszeit mehr braucht. Mehr Aufmerksamkeit, mehr Medikamente, mehr Ruhe, mehr Physiotherapie, die wegen der Pandemie momentan nicht möglich ist. Dazu kommt jetzt auch noch ein zweiter Lockdown. Im Nachhinein ist es fast lustig, dass ich Anfang des Jahres an dieser Stelle einen Text […]]]>

Yuria Knoll

Jeden Winter zeigt sich, dass mein Körper in der kalten Jahreszeit mehr braucht. Mehr Aufmerksamkeit, mehr Medikamente, mehr Ruhe, mehr Physiotherapie, die wegen der Pandemie momentan nicht möglich ist. Dazu kommt jetzt auch noch ein zweiter Lockdown. Im Nachhinein ist es fast lustig, dass ich Anfang des Jahres an dieser Stelle einen Text über Neujahrsvorsätze geschrieben habe. So kann’s gehen. Wie viele andere auch bin ich erschöpft, in jeder Hinsicht. Um auch diese anstrengende Zeit zu überstehen, konzentriere ich mich auf alles, was mir Kraft und Freude bringt. In den letzten Monaten ist mir klar geworden, wie wichtig Gemeinschaft ist. Momentan greife ich oft auf mein persönliches Netzwerk zurück – sowohl für praktische als auch für moralische Unterstützung. Knapp zwei Monate sind es noch bis Ende des Jahres, wer weiß, was da noch auf uns zukommt. Umso wichtiger ist es, sich umeinander zu kümmern, aufeinander zu achten. So verlockend der Mythos von komplett unabhängigen Einzelgänger:innen auch ist, niemand ist wirklich Einzelgänger:in. So spielt das Leben nun mal nicht. Irgendwie hoffe ich schon, dass wir auch etwas aus diesem Jahr lernen, mehr Solidarität und Fürsorge gegenüber der Gemeinschaft z. B.. Oder Jonglieren, Jonglieren zählt auch.

Yuria Knoll ist Tänzerin und eine von wenigen Schauspieler:innen im Rollstuhl im deutschsprachigen Raum. Sie lebt in Wien und hofft, dass auch dieser Winter zu Ende geht.

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leib & leben: wütend https://ansch.4lima.de/leib-leben-wuetend/ https://ansch.4lima.de/leib-leben-wuetend/#respond Wed, 27 May 2020 08:51:14 +0000 https://anschlaege.at/?p=21621 So ist es also, das Leben in der Pandemie. Wegen meiner Behinderung gehöre ich zur Risikogruppe. Ich war von Anfang an vorsichtig. Grundsätzlich fand ich die Ausgangsbeschränkungen gar nicht so schlimm. Dazu muss man wissen, dass ich durch meine Behinderung viel Erfahrung mit Isolation habe. Oft habe ich in Gedanken die Augen verdreht, wenn jemand mir nach kurzer Zeit in […]]]>

So ist es also, das Leben in der Pandemie. Wegen meiner Behinderung gehöre ich zur Risikogruppe. Ich war von Anfang an vorsichtig. Grundsätzlich fand ich die Ausgangsbeschränkungen gar nicht so schlimm. Dazu muss man wissen, dass ich durch meine Behinderung viel Erfahrung mit Isolation habe. Oft habe ich in Gedanken die Augen verdreht, wenn jemand mir nach kurzer Zeit in Isolation sein Leid klagte. Das, was wir während der Pandemie als Gesellschaft erleben, erleben Menschen mit Behinderung ständig. Sicherlich nicht immer in Form von Quarantäne, aber glaubt mir: Mit Isolation kennen Crips sich aus. Das fiel besonders in meinem Freundeskreis auf: Meinen nichtbehinderten FreundInnen schien die Quarantäne viel schwerer zu fallen als jenen mit Behinderung. Viele von uns müssen sich in der Grippe-Saison zurückziehen, Menschenmengen vermeiden, Masken tragen und Treffen mit FreundInnen absagen, um eine Ansteckung zu verhindern. Soziale Isolation gehört zu einer Behinderung dazu. Unzählige Male konnte ich nicht an Veranstaltungen aller Art teilnehmen, weil diese nicht barrierefrei sind. Den Frust, den viele im Bezug auf die Corona-Maßnahmen verspüren, kenne ich zu gut – er ist ein ständiger Begleiter. Ich kann gut verstehen, dass diese Zeit für alle herausfordernd ist, und trotzdem bin ich wütend: Dieselben Menschen, die meine Wut auf die systematische Diskriminierung, der ich ständig gegenüberstehe, nicht ertragen, sie unter den Teppich kehren und mir sagen, ich solle dankbar sein für die Fortschritte der Barrierefreiheit in den letzten Jahren, sind die, die jetzt lautstark ihrem Ärger Luft machen. Es gibt da aber einen entscheidenden Unterschied: Für die Pandemie ist wirklich niemand direkt verantwortlich, aus ihr müssen wir tatsächlich das Beste machen. Für systematische Diskriminierung und soziale Ungleichheit tragen wir sehr wohl die Verantwortung – denn sie sind menschengemacht.  

Yuria Knoll ist wütend und Meisterin der Isolation. 

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leib & leben: Das Ding https://ansch.4lima.de/leib-leben-das-ding/ https://ansch.4lima.de/leib-leben-das-ding/#respond Sat, 11 Apr 2020 14:31:08 +0000 https://anschlaege.at/?p=20443 In den letzten Monaten habe ich, bedingt durch mehrere Krankenhausaufenthalte, eine neue Erkenntnis über meinen Körper gewonnen: In medizinischen Kontexten ist mein Körper nicht menschlich, sondern sachlich. Ein Ding, das krank ist. Charakteristisch für Dinge ist, dass über sie verfügt wird. Sie haben kein Mitspracherecht dabei, was mit ihnen gemacht wird, wo und wie sie […]]]>

In den letzten Monaten habe ich, bedingt durch mehrere Krankenhausaufenthalte, eine neue Erkenntnis über meinen Körper gewonnen: In medizinischen Kontexten ist mein Körper nicht menschlich, sondern sachlich. Ein Ding, das krank ist. Charakteristisch für Dinge ist, dass über sie verfügt wird. Sie haben kein Mitspracherecht dabei, was mit ihnen gemacht wird, wo und wie sie platziert werden, wann und wie sie angefasst oder transportiert werden. Dingen wird keine Privatsphäre und keine Autonomie zugestanden. Man muss ihnen gegenüber auch nicht höflich oder respektvoll sein.
Für das Pflegepersonal oder die Sanitäter*innen spielt es daher keine Rolle, dass ich, das kranke Ding, wach und ansprechbar bin. Warum sollte man ein Ding auch befragen oder es darüber informieren, bevor man dessen Kleidung hoch- bzw. runterzieht? Warum sich mit Namen vorstellen, auf Nachfragen eingehen, anklopfen oder eine Tür (wieder) schließen, damit nicht alle Welt des Dings nackten Arsch sieht? Warum nicht über es sprechen, als wäre es nicht anwesend? Wortlos die Decke zurückschlagen, es betasten oder anzapfen und ebenso wortlos wieder abrauschen?
Auch wenn der ruppig-routinierte Umgang sicherlich teilweise einen systemischen Ursprung hat, der Zeit-, Geld-, und Personalmangel verursacht, hält sich meine Empathie für mein Gegenüber dennoch in Grenzen.
Ich habe früh gelernt, dass Körper, die weiblichen gelesen werden, als Allgemeingut gelten. Viele gewaltvolle Erfahrungen haben dies zementiert. Und viele Jahre harte Arbeit waren notwendig, um mir das Selbstbestimmungsrecht über meinen eigenen Körper zurück zu erobern. Mich nun wieder vermehrt in Situationen zu finden, in denen mir dies so selbstverständlich abgesprochen wird, ist, gelinde gesagt, mehr als herausfordernd. Mein Handlungsspielraum hält sich in Grenzen: ich bin krank und auf medizinische Versorgung angewiesen. Wie hilfreich die vielen anonymen Hände, die sich mal mehr, mal weniger grob an mir zu schaffen machen, für meine psychische Gesundheit sind, ist allerdings fraglich.  

Julischka Stengele lebt in Wien und arbeitet international als Künstlerin, Kulturschaffende, Textproduzentin und Lehrende. Diese Kolumne entstand vor der Corona-Pandemie.  

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leib & leben: Tüchtig! https://ansch.4lima.de/leib-leben-tuechtig/ https://ansch.4lima.de/leib-leben-tuechtig/#respond Sun, 24 Nov 2019 23:24:57 +0000 https://anschlaege.at/?p=15108 Illustration: Sabrina WegererKürzlich ging ich wandern im schönen Höllental in Niederösterreich. Es war einer dieser letzten sonnig-warmen Tage im Spätherbst. Meine Hand umfasste einen langen Ast, der mir als Wanderstock diente. Links neben mir strömte die klare, smaragdgrüne Schwarza, die Sonne glitzerte auf der Wasseroberfläche. Rechts ragten die Kalkalpen in die Höhe, der Boden war mit Blättern […]]]> Illustration: Sabrina Wegerer

Kürzlich ging ich wandern im schönen Höllental in Niederösterreich. Es war einer dieser letzten sonnig-warmen Tage im Spätherbst. Meine Hand umfasste einen langen Ast, der mir als Wanderstock diente. Links neben mir strömte die klare, smaragdgrüne Schwarza, die Sonne glitzerte auf der Wasseroberfläche. Rechts ragten die Kalkalpen in die Höhe, der Boden war mit Blättern bedeckt. Ich atmete den Geruch der Kiefern und Farne. Die Vögel, die Falter, die Käfer und ich – wir alle waren unbehelligt in unserem eigenen Tempo unterwegs. Mein Körper erfreute sich mit allen Sinnen an der paradiesischen Umgebung. Es war perfekt.
Und dann kam das Kompliment.
Von hinten huschte es heran und ließ mich stolpern wie eine Baumwurzel. „Hey, finde ich super, dass du das machst!“, rief mir jemand in den Rücken. Die schlanke, agile Frau, die an mir vorbeieilte, strahlte mich an und lobte: „Tüchtig!“ Die geduldige Felswand bot mir Halt, während sie sich bemüßigt fühlte, mir zu sagen, sie wisse, wovon sie rede, sie habe nämliche eine Nichte oder Cousine, die auch so sei wie ich, „so einen“ Körper habe. Aber die würde sie nie dazu kriegen, sich zu bewegen und etwas zu tun.
Wo immer andere Menschen sind, ist mein Körper nie einfach nur mein Körper, darf nie einfach nur sein, ist niemals selbstverständlich Teil eines großen Ganzen, sondern immer das Andere. Abgegrenzt, ohne Zugeständnis einer Privatsphäre, frei, kommentiert und reglementiert zu werden, von allen, die wollen oder es als ihre Aufgabe sehen.
Nein, auch in den Bergen habe ich offenbar keine Pause davon. In den Augen der Kommentatorin konnte (oder sollte?) mein Aufenthalt in der Natur nur dem Zweck dienen, etwas an mir zu ändern, zu verbessern. Sie weiß nicht, dass sie dort das einzige Lebewesen war, das sich an meiner Gestalt störte. Und wirklich „super“ ist, dass ich trotzdem da bin.

 

Julischka Stengele hätte dieser Tante gern gesagt, dass das Beste, was sie für ihre Nichte und deren Körper tun könne, sei, aufzuhören sie zu kontrollieren. Außerdem vielen Dank für den Beistand an den Felsen und ein „You go, girl!“ an alle dicken Nichten und Cousinen dieser Welt!

 

 

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leib & leben: Wolkig-samtiger Genuss https://ansch.4lima.de/leib-leben-wolkig-samtiger-genuss/ https://ansch.4lima.de/leib-leben-wolkig-samtiger-genuss/#respond Sun, 26 May 2019 14:21:15 +0000 https://www.anschlaege.at/feminismus/?p=10570 Illustration: Sabrina WegererKartoffelbrei hat mich noch nie enttäuscht. Von JULISCHKA STENGELE]]> Illustration: Sabrina Wegerer

Gefühlte 99 von hundert Gesprächen über Essen und Körper drehen sich um Kontrolle, Maßregelung, Verzicht und Optimierung. Diätpläne, Trainingspläne, Allergene. Essen und seine Konsument*innen werden vor allem als Problem diskutiert. Schlechtes Essen, falsches Essen, ungesundes Essen, unpolitisches Essen, weniger hiervon essen, mehr davon essen, bloß nicht vor den anderen jenes oder nach soundsoviel Uhr dieses essen – kein Wunder, wenn einer* da der Appetit vergeht und an Genuss nicht zu denken ist.
Eine tolle Gelegenheit, um der sinnlichen Beziehung zwischen Essen und Körper mehr Raum zu geben, bot sich mir kürzlich bei EAT THEM ALL, einer von dem großartigen feministischen Performance-Kollektiv Henrike Iglesias veranstalteten Diskussionsrunde zum Thema Essen und Empowerment an den Münchner Kammerspielen. Dort durfte ich über meine Leibspeise(n) sprechen und erklärte dem Publikum meine Liebe für eines der besten Gerichte dieser Welt: Kartoffelbrei.
Ob Zahnschmerzen, Halsweh, Heulkrampf, Depression, Herzschmerz oder kalte Glieder: Kartoff elbrei geht immer. Mit einem Löffel gelangt er auf meine Zunge, liegt dort weich und wolkig, meinen Mundraum mit Aromen füllend, und gleitet gleich darauf zärtlich meinen Hals hinab. Ich muss nichts tun außer schlucken. Kein Kauen, kein Schneiden, kein Aufspießen. Kartoff elbrei will nichts von mir und gibt doch alles. Seine samtige Textur breitet sich in meinem Magen aus wie ein warmer Teppich und umarmt mich herzlich von innen. Erdet, sättigt, streichelt mich und macht mich froh.
Ich habe ihn am liebsten, wenn er noch formbar ist, mit ein paar kleinen Stückchen in der sonst sahnig-seidigen Masse, vermengt mit Vollmilch, gesalzener Butter und Muskat. Doch sogar wenn die Kraft oder Zeit zum Schälen der Kartoff eln nicht reicht, nimmt er es mir nicht übel – und tut dennoch seine Wirkung.
Egal wie, Kartoffelbrei hat mich noch nie enttäuscht.

Julischka Stengele freut sich über E-Mails mit Geschichten über euer Lieblingsessen an julischka.stengele@gmail.com

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leib & leben: Kein Problem https://ansch.4lima.de/leib-leben-kein-problem/ https://ansch.4lima.de/leib-leben-kein-problem/#respond Thu, 22 Nov 2018 23:52:53 +0000 https://www.anschlaege.at/feminismus/?p=10100 Illustration: Sabrina WegererUnvermutete Solidarität mit meinen #thunderthighs. Von JULISCHKA STENGELE]]> Illustration: Sabrina Wegerer

Vor einiger Zeit besuchte ich ein Performance-Festival. Der Saal war, wie das meist so ist, eng bestuhlt. Während der geringe Abstand zu der Sitzreihe vor mir aufgrund meiner kurzen Beine eigentlich nie ein Problem darstellt, ist der Abstand zu den Sitznachbar_innen links und rechts dank ausladenden Hüftgolds quasi immer ein Problem. Insbesondere wenn die Stühle nicht nur eng gestellt sind, sondern auch noch unbeweglich an den Seiten miteinander verhakt. Und ich sage Problem, weil die Nachbar_innen, die mit meinem Hüftgold in Berührung kommen, sich in der Regel nicht über die Kontaktaufnahme unserer Körper freuen. Das Szenario läuft fast immer wie folgt ab: Es wird geschnaubt, geruckelt, gewackelt, gezuckelt, leidend gestöhnt, irritiert geguckt. Ob Flugzeug, U-Bahn, Bus, Theater – alle bestehen auf der strikten Einhaltung des Beinabstands. Meine #thunderthighs und ich versuchen das Unmögliche: pressen, quetschen, die Arme vor dem Körper kreuzen, mich schmal und klein machen. Das Ergebnis: Ich sitze völlig verkrampft und unbequem da und wir berühren uns immer noch.
Auf jenem Festival aber erlebte ich eine Überraschung. Ich setzte mich neben eine schlanke, hochgewachsene Person. Der Saal war dunkel, ich nestelte herum und gab mir redlich Mühe, weniger Platz zu brauchen, als ich brauchte. Plötzlich legte sie, ohne ihren Blick von dem Geschehen auf der Bühne abzuwenden, kurz ihre Hand auf meinen Oberschenkel und sagte „You’re good.“
Ich war platt! In dieser simplen Geste, in diesem kleinen Moment lag so ein tiefes Verständnis, so viel Solidarität. Es war gesehen werden, es war beruhigend und berührend. You’re good, ich bin gut, es ist gut, kein Problem. Wow! Ich konnte gar nicht fassen, was mir da gerade passierte und wie wohltuend das war.
Von Solidarität reden ist eine Sache – solidarisch handeln eine andere. Oft sind es nicht die großen, bühnenreifen Gesten, sondern die kleinen, leisen, die die Welt bedeuten.

 

Julischka Stengele ist sehr dankbar für dieses Erlebnis und findet es gleichzeitig bezeichnend, so dankbar für etwas zu sein, das selbstverständlich sein sollte.

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leib & leben: Wissen und fühlen https://ansch.4lima.de/leib-leben-wissen-und-fuehlen/ https://ansch.4lima.de/leib-leben-wissen-und-fuehlen/#comments Wed, 10 Oct 2018 14:46:20 +0000 https://www.anschlaege.at/feminismus/?p=10057 Illustration: Sabrina WegererVerletzungen im Film machen emotional betroffen. Von FRANZISKA KABISCH]]> Illustration: Sabrina Wegerer

Vor einiger Zeit hab ich mit zwei cis Männern zusammengelebt, die ich wirklich sehr schätze. Sie verstehen sich als feministisch und waren auch immer bereit, ihre Handlungen entsprechend infrage zu stellen. Auf der großen Leinwand in unserer WG schauten sie gerne zusammen „Game of Thrones“, und an einem Abend schaute ich mit.
In dieser Folge wurde eine Frau vergewaltigt, einer anderen Person das Gesicht mit einem Schild zerschmettert, an den Rest kann ich mich schon gar nicht mehr erinnern. Ich fühlte mich nicht gut. Noch bevor die Folge zu Ende war, ging ich aufs Klo und dann ins Bett. Einer der beiden Mitbewohner rief mir hinterher: „Wir gucken noch eine Folge, hast du Lust?“ Und jetzt fühlte ich mich nicht nur nicht gut, mir wurde auch schlecht. Lust war das Letzte, was ich hatte. Stattdessen hatte ich Albträume, in denen mich mein Bruder mit einer Gitarre erschlagen wollte und ich in rasender Panik so lange auf sein Gesicht eindrosch, bis er starb.
Am nächsten Tag traf ich meine beiden Mitbewohner in der Küche. Ich versuchte in Worte zu fassen, dass die Vergewaltigung der Frau im Film mir ziemlich nahegegangen war, dass ich mich auch sonst an keiner anderen starken Frauenrolle hatte festhalten können, dass ich Albträume hatte und dass es mir nicht möglich war, weiter mit ihnen „Game of Thrones“ zu schauen. Beide verstanden mich: Puh. Uff . Ja. Krass. Sie verurteilten die Gewalt und kritisierten die Figurenkonstellationen. Und in den nächsten Wochen schauten sie den Rest der Staffel und dann die nächste. Da wurde mir klar: Dies ist der Unterschied zwischen wissen und fühlen, zwischen finden und empfinden, zwischen „kann, aber muss nicht“ und „muss, aber kann nicht“. Uns war allen drei klar, dass diese Gewalt gar nicht ging. Wir waren alle drei einer Meinung. Aber ich war die Einzige, die eine Verletzung empfunden hatte. Zuerst war es nur die Verletzung der Frau im Film. Danach war es auch die Verletzung vom „Game of Thrones“-Fanclub in meiner WG, bei dem ich nicht mehr dabei sein konnte_wollte. Ich war nicht sauer und habe sie nicht kritisiert. Aber ich war traurig über das mir vorgelebte Privileg, emotional nicht betroffen zu sein.

 

Sozialisiert mit Filmen wie der „Sissi“-Trilogie schaut Franziska Kabisch lieber Liebesfilme – für einen Instant-24-hour-Liebesrausch. Zusammen mit Sofi Utikal hat sie die YouTube-Serie „Bauch, Beine, Pommes“ konzipiert.

 

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leib & leben: Schamlos https://ansch.4lima.de/leib-leben-schamlos/ https://ansch.4lima.de/leib-leben-schamlos/#respond Sat, 26 May 2018 13:57:09 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=9750 Illustration: Sabrina WegererDicke_fette Personen gelten oft als Provokation. Von JULISCHKA STENGELE]]> Illustration: Sabrina Wegerer

Die bloße Existenz meines fetten Körpers gilt vielen bereits als Provokation. Der Tabubruch schlechthin ist jedoch nicht mein Körper allein, sondern die Tatsache, dass ich mich weigere, mich für ihn zu schämen.
Dass eine dicke_fette Person sich zum Beispiel herausnimmt, schwimmen zu gehen, also den eigenen Körper den Augen anderer zumutet, anstatt ihn zu verstecken, ist schon echt frech. Das dann auch noch in einem Bikini zu tun und nicht in einem Gewand, das wenigstens die Wampe bedeckt, oder schlimmer noch – nackt baden zu gehen, ist wirklich die Höhe. Oder Freude daran zu haben, etwas anderes als ein Salatblatt zu essen, und das auch noch in aller Öffentlichkeit. Enge, bunte, kurze, gemusterte Kleidung zu tragen. Stolz sexy Selfies zu posten. Tanzen zu gehen.
Dass ich diese Dinge mit größter Selbstverständlichkeit tue, ruft bei anderen nicht nur regelmäßig Schnappatmung hervor, sondern immer wieder auch einen Hass, der so massiv ist, dass sie mir schon mal das Brötchen aus der Hand schlagen oder immer wieder auch den Tod wünschen.
Wer fett ist, hat sich dafür zu schämen, muss sich schuldig fühlen, muss sich ändern wollen, Schluss, aus, Ende! Wer das nicht tut, verstößt gegen die gesellschaftliche Hackordnung, in der Dicke als Sündenböcke gebraucht werden. Dicke_fette Personen, die sich der ihnen zugedachten Rolle als systembelastende Minderwertige verweigern, werden als echte Bedrohung wahrgenommen. Sich nicht dafür zu entschuldigen, wie man aussieht, sondern mit dem eigenen Körper okay zu sein – das rüttelt an den Grundfesten eines Glaubenssystems, das nach wie vor die Existenzberechtigung eines Menschen mit dessen vermeintlichen ökonomischen Wert für eine (ebenfalls vermeintliche) Gemeinschaft verknüpft. Da Dicksein mit Krankheit, Faulheit und Leistungsschwäche in Verbindung gebracht wird, darf es Dicke nicht geben. Zufriedene, gar schamlose Dicke schon gar nicht.
Prost Mahlzeit. So viel fressen, wie ich kotzen möchte, kann ich gar nicht.

 

Julischka Stengeles unbezahlte Vollzeitbeschäftigung ist es, unverfroren fett, queer und femme zu sein. Sie stärkt sich gern mit Kartoffelbrei, Lachs und Nusseis in der Butterwaffel.

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leib & leben: Die Schöne ist ein Biest https://ansch.4lima.de/leib-leben-die-schoene-ist-ein-biest/ https://ansch.4lima.de/leib-leben-die-schoene-ist-ein-biest/#respond Wed, 25 Apr 2018 10:54:53 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=9658 Illustration: Sabrina WegererBauch, Beine, Pommes. Von FRANZISKA KABISCH]]> Illustration: Sabrina Wegerer

Unlängst fragt mich eine Freundin: Sag mal, warst du eigentlich immer schon so hair-positive? Ich gucke sie verblüfft an und sage: Hell, no! Meine Haare und ich, das ist eine wilde On-off-Beziehung und dabei eher off als on. Wobei ich sagen muss, dass wir uns mittlerweile mehr Freiraum lassen und uns ganz neu ineinander verliebt haben, auch weil wir viel Kontakt mit anderen hatten. Wir können halt nicht ohne einander. Also, hier unsere Liebesgeschichte:
Die Haare zwischen meinen Augenbrauen hab ich zuerst gezupft, das kannte ich so von meiner Mutter. Immer wenn ich als kleine Elfjährige darauf angesprochen wurde, zischte ich zurück: Es heißt Augenbrauen – und nicht Nasenbrauen!
Die Haare unter den Achseln habe ich sehr lange Zeit nicht mehr gesehen, nachdem mir in der sechsten Klasse klar wurde: wegmachen oder nie wieder Schwimmunterricht.
Die Haare über und unter meinen Lippen hab ich zuerst gebleicht (Stichwort Asterix!) und dann mit Wachsstreifen ausgerissen, wobei manchmal ein bisschen Haut von der Lippe mit auf dem Streifen landete. In meiner Klasse glaubten alle, ich hätte Herpes.
Die Haare an meinen Beinen – Klassiker: rasiert, rasiert, rasiert. Auch als ich älter war, fuhr mir beim Knutschen auf der Party oft dieser Gedanke durch den Kopf: Scheiße, ich kann ihn nicht mit nach Hause nehmen, Stoppelalarm.
Die Haare um meine Brustwarzen wurden einzeln ausgezupft und ehrlich gesagt war da auch ein bisschen Befriedigung dabei. Aber noch ehrlicher gesagt, hing der Enthaarungseifer meist davon ab, mit wem ich ins Bett ging. Bei cis-Männern riss ich sie raus, bei Frauen* ließ ich sie stehen.
Die Haare um meine Vulva waren immer zu viele und immer zu hart und hatten von allen das größte Widerstandspotenzial. Sie sträubten sich gegen den Namen „Schamhaare“ und forderten meine radikale Anerkennung. I am so proud!
Nicht zuletzt: Die Haare auf meinem Kopf trage ich seit Neuestem kurz geschoren, wobei ich meine Locken und das Durch-die-Haare-Wuscheln sehr vermisse. Aber das findet ja weiter unten noch statt.

 

Franziska Damenbart Kabisch hat zusammen mit Sophie Utikal die YouTube-Serie „Bauch, Beine, Pommes“ konzipiert. Sie liebt Haare und hat eine Schwäche für Friseur*innen, die eigentlich immer schon einen Gedichtband veröffentlichen wollten: Haarmonie, GmbHaar, Hairgott, Chaarisma, Haireinspaziert, Vorhair Nachhair, Haarnachie, Love is in the Hair …

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