Juni 2014 – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de Tue, 01 Sep 2020 11:52:22 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.0 https://ansch.4lima.de/wp-content/uploads/2024/10/cropped-favicon-32x32.png Juni 2014 – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de 32 32 zeitausgleich: Zahlen https://ansch.4lima.de/zeitausgleich-zahlen/ https://ansch.4lima.de/zeitausgleich-zahlen/#respond Thu, 05 Jun 2014 13:56:43 +0000 https://anschlaege.at/?p=5317 Illustration: Nadine KappacherIch habe einen kleinen Spleen: Ich betrachte manchmal gerne die Zahlen auf meinem Sparkonto. So Dagobert-Duck-mäßig beruhigen sie mich irgendwie. Von IRMI WUTSCHER]]> Illustration: Nadine Kappacher

arbeitsfragen in allen lebenslagen

Ich habe einen kleinen Spleen: Ich betrachte manchmal gerne die Zahlen auf meinem Sparkonto. So Dagobert-Duck-mäßig beruhigen sie mich irgendwie. Nicht dass ich jetzt einen Geldspeicher voll Geld hätte: Seitdem ich arbeite, und das sind mittlerweile acht Jahre, habe ich, wenn es irgendwie ging, Geld auf die Seite gelegt. Nicht weil ich Sparsamkeit als eine Tugend ansehe, sondern als Sicherheit. Im alljährlichen Sommerloch, das vor allem Freelancer_innen betrifft und wo am Ende des Monats manchmal doch nur 300 Euro heraus gekommen sind, ist der Polster dann auch regelmäßig wieder zusammengeschmolzen. Ebenso bei Krankheiten oder wenn die Steuer was von mir haben wollte. Derzeit verdiene ich einen fixen Betrag, der regelmäßig auf meinem Konto einlangt. Somit gibt es weniger Schmelzzeiten. Aber immer noch verschiebe ich Beträge, die mir entbehrlich erscheinen, auf das Sparkonto.

Illustration: Nadine Kappacher
Illustration: Nadine Kappacher

Meine paar Zahlen geben mir ein Gefühl der Sicherheit. Was lächerlich ist, denn sollte ich länger arbeitslos sein oder krank, wäre das Geld in kürzester Zeit weg. Ich kann auch nicht viel damit machen: So viel, um zum Beispiel eine Wohnung zu kaufen, werde ich in hundert Jahren nicht verdienen. Vielleicht könnte ich mir ein Auto gebraucht kaufen – aber ich brauche keins, und die fortlaufenden Kosten würden den Betrag auffressen, den ich pro Monat verschieben kann. Fonds und Veranlagung? Pfff – nein danke. Dann lieber Zahlen anschauen und wissen: Im Notfall kann ich sofort darauf zugreifen.

Die Seite binichreich.at verrät, wie man im Vergleich zu anderen finanziell so dasteht. Meine Selbsteinschätzung war: regelmäßiges Einkommen, bisschen was gespart, keine Schulden – ich lebe sicher so knapp in der Mitte der Reichen und Armen in Österreich. Aber siehe da: Ich befinde mich im unteren Drittel. Denn hast du kein Haus, keinen Schmuck, keine Wertanlage oder kein Auto, dann hast du nichts. Und da bewegt sich auch wenig: Denn Vermögen wird in Österreich extrem niedrig besteuert. Arbeit dafür sehr hoch.

Irmi Wutscher empfiehlt www.binichreich.at (internationale Version) und das Youtube-Video „Wie reich ist Österreich“.

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an.künden: Lesben* auf die Straße https://ansch.4lima.de/an-kuenden-lesben-auf-die-strasse/ https://ansch.4lima.de/an-kuenden-lesben-auf-die-strasse/#respond Wed, 28 May 2014 19:37:18 +0000 https://anschlaege.at/?p=5191 Nach dem großen Erfolg im letzten Jahr findet auch heuer wieder der Dyke* March Berlin statt.]]>

Nach dem großen Erfolg im letzten Jahr findet auch heuer wieder der Dyke* March Berlin statt. Angelehnt an die traditionsreiche Demo, die erstmals 1993 in Washington DC stattfand, soll auch in Berlin für „mehr lesbische Sichtbarkeit“ geworben werden. Der Dyke* March richtet sich jedoch nicht nur an lesbische cis-Frauen, vielmehr sollen Dykes, Lesben, Schwule, Trans* und alle anderen Verbündeten gemeinsam auf die Straße gehen. Im Anschluss wird im Südblock gefeiert.

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20.6., 19.30: Dyke* March Berlin, Treffpunkt: Frankfurter Tor

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an.künden: Barcamp https://ansch.4lima.de/an-kuenden-barcamp/ https://ansch.4lima.de/an-kuenden-barcamp/#respond Wed, 28 May 2014 19:37:13 +0000 https://anschlaege.at/?p=5188 FemCamp im Juni in Wien.]]>

Das FemCamp Wien versteht sich als queer-feministisches Barcamp (für alle Geschlechter), also eine Mitmach-Konferenz, die vor Ort von allen Teilnehmenden selbst gestaltet wird. Es gibt keine Unterscheidung zwischen Expert_innen und Besucher_innen. Eine Session wird zu dominantem Redeverhalten angeboten, alle weiteren Pro- grammpunkte werden gemeinsam erarbeitet. Zum Abschluss findet ein Diary Slam statt, bei dem die Teilnehmenden mit ihren besten Tagebucheinträgen gegeneinander antreten. Diskussions-, Workshop- und Vortragsvorschläge findet ihr auf der Website. Traut euch und werdet aktiv!

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20./21.6.: FemCamp, Aux Gazelles, 1060 Wien, Rahlg. 5, Anmeldung, Homepage

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an.sage: Unabhängige Frauenministerin dringend gesucht https://ansch.4lima.de/an-sage-unabhaengige-frauenministerin-dringend-gesucht/ https://ansch.4lima.de/an-sage-unabhaengige-frauenministerin-dringend-gesucht/#respond Wed, 28 May 2014 19:37:08 +0000 https://anschlaege.at/?p=5186 Ein Kommentar von GABI HORAK-BÖCK

Österreich hat eine Frauenministerin. Nein, eine Bildungs(frauen)ministerin. Oder eine Bildungsministerin, die auch für Frauen zuständig ist. Irgendwie. In den vergangenen Wochen hatten wir eindeutig eine Bildungsministerin, die in ihrem Ressort vorgegebene Einsparungen unterbringen muss. Die Entscheidung fiel auf den Ausbau der ganztägigen Schulformen, dort sollen fünfzig Millionen Euro eingespart werden. Ministerin Heinisch-Hosek erklärt, dass es hier um Geld gehe, das in den vergangenen Jahren „nicht abgeholt“ wurde. Es werde „kein einziger Platz eingespart“. Tatsache ist jedoch: Das Geld war für den Ausbau der Ganztagsschulen vorgesehen und zwar aus gutem Grund. Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist ein großes Problem – für Frauen. Sie stecken in Teilzeitjobs fest, verdienen jetzt ein Drittel weniger und haben später wesentlich weniger Pension. Fehlende Angebote an ganztägigen Kinderbetreuungseinrichtungen bzw. Schulen schaffen Realitäten, die unsere Gesellschaft nachhaltig prägen. Und Frauen sind und bleiben bei diesem Modell die Verliererinnen. Eine Frauenministerin weiß das. Hätten wir eine unabhängige Frauenministerin, die ressortübergreifend agieren und reagieren könnte, hätte sie bei diesen Sparplänen laut geschrien.
Nach Schwarz-Blau war das Frauenressort ab 2007 mit Doris Bures wieder im Bundeskanzleramt (BKA) angesiedelt. Das war nicht ideal, Frauenaktivistinnen und Gleichstellungsexpertinnen hatten sich immer ein eigenständiges Frauenministerium mit eigenem Budget gewünscht. Aber immerhin war im Bundeskanzleramt ressortübergreifendes Agieren möglich. Gabriele Heinisch-Hosek, 2008-2013 Frauenministerin im BKA, hatte auch den öffentlichen Dienst in ihrem Zuständigkeitsbereich. Auch kein dankbarer Job, aber wir erlebten sie trotzdem als starke Frauenministerin, die den Kontakt zu NGOs und feministischen Expertinnen pflegte. Sie setzte einige gute Initiativen, fiel eher positiv auf als negativ.

Nach der letzten Nationalratswahl 2013 übernahm sie das Bildungsministerium, in das auch die Frauenagenden eingegliedert wurden. Grundsätzlich ist Heinisch-Hosek nach den Erfahrungen der vergangenen Jahre eine gute Wahl als Frauenministerin. Doch das Frauenressort aus dem Bundeskanzleramt zu nehmen und wieder einem riesigen Ressort quasi unterzuordnen – das konnte nicht gut gehen. Ich unterstelle Gabriele Heinisch-Hosek, dass sie sich ehrlich bemüht, weiterhin für Frauen da zu sein. Drastische Sparmaßnahmen ausgerechnet im Zukunftsressort Bildung durchzuziehen, fordert sie aber voll und ganz. Diesen Eindruck haben auch Aktivistinnen aus NGOs wie der Plattform 20.000 Frauen. Die Frauenministerin hatte sich bisher stets sehr engagiert gezeigt, „sie war von Anfang an bereit, Kontakt zu Frauenorganisationen zu pflegen“, sagt Petra Unger. Derzeit hätte sie als Bildungsministerin einen schweren Stand, auch in der eigenen Partei. Da bleibe eben kaum Zeit für Frauenpolitik. Immerhin konnte die Höhe des Frauenbudgets gehalten werden und die vierte Frauenenquete im Herbst werde wieder mit der Frauenministerin stattfinden: Bildung wird das Thema sein.
Die aktuelle Situation zeigt vor allem eines ganz deutlich: Ein eigenes Frauenressort, mit eigenem Budget, das frei von anderen Zwängen arbeiten kann, ist dringend nötig. Denn wie wichtig ressortübergreifendes Arbeiten gerade auch gleichstellungspolitisch ist, hat zuletzt auch der parlamentarische Budgetdienst (bestehend aus unabhängigen FinanzexpertInnen) bei der Untersuchung des Budgets 2014/15 bezüglich Genderbudgeting festgestellt: „Ressortübergrei- fende Darstellungen oder weitergehende Überlegungen (…) sind nicht enthalten.“ Und: „Die Gleichstellungsvorhaben sind zwischen den Ressorts weiterhin noch wenig abgestimmt.“ Doch viele Ziele seien eben nicht durch Einzel- maßnahmen zu erreichen.

Es braucht also eine unabhängige Frauenministerin. Denn Geschlechtergerechtigkeit gibt es nur als Gesamtpaket.

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Pin-Ups: Off the Rokket https://ansch.4lima.de/pin-ups-off-the-rokket/ https://ansch.4lima.de/pin-ups-off-the-rokket/#respond Wed, 28 May 2014 19:37:03 +0000 https://anschlaege.at/?p=5183 Off the Rokket]]>
Illustration: Yori Gagarim
Illustration: Yori Gagarim
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Feminist Superheroines: Maria Guadalupe García Hernandez https://ansch.4lima.de/feminist-superheroines-maria-guadalupe-garcia-hernandez/ https://ansch.4lima.de/feminist-superheroines-maria-guadalupe-garcia-hernandez/#respond Wed, 28 May 2014 19:36:59 +0000 https://anschlaege.at/?p=5177 Maria Guadalupe García Hernández]]>

Maria Guadalupe García Hernandez (*1962) ist eine guatemaltekische Menschenrechtsaktivistin, die für die Verbesserung der Situation indigener Frauen kämpft. Guatemala ist auch nach Ende des Völkermords von Rassismus und extremer sozialer Ungleichheit geprägt. Um die Stimmen der Maya-Frauen hörbar zu machen, gründete sie 1990 die Frauenorganisation „Mamá Maquín“ und versucht seither trotz ständiger Repression die besonderen Bedürfnisse geflüchteter und rückkehrender Frauen zu erkennen und sie zu unterstützen. Dabei ist die (Selbst-)Organisierung der Frauen in den Dörfern sehr wichtig: Maria Guadalupe gibt dort mit großem Einsatz und Erfolg Workshops und Alphabetisierungskurse.

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Illustration: Lina Walde
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neuland: Zu David Guetta tanzende Dorfkids https://ansch.4lima.de/neuland-zu-david-guetta-tanzende-dorfkids/ https://ansch.4lima.de/neuland-zu-david-guetta-tanzende-dorfkids/#respond Wed, 28 May 2014 19:36:52 +0000 https://anschlaege.at/?p=5176 NeulandDer neueste Dekonstruktionstrend in meiner Umgebung richtet sich gegen die Alkoholnorm. Von HENGAMEH YAGHOOBIFARAH]]> Neuland

Der neueste Dekonstruktionstrend in meiner Umgebung richtet sich gegen die Alkoholnorm. Sobald ein Gruppentreffen stattfindet, wird ganz selbstverständlich Bier getrunken. Auch wenn eine Person vielleicht gar keine Lust drauf hat. Diesen Zwang finden viele unschön, das verstehe ich sehr gut.

Bis ich zwanzig war, rührte ich keine unter die Drogendefinition fallenden Substanzen an, also auch keinen Alkohol. Meine Motivation war politisch, doch mein weißdeutsches Umfeld kaufte mir das nicht ganz ab. Es fand es viel logischer, dass ich wegen meiner muslimischen Familie nicht trinke. Ekliger Geschmack, Leberzirrhose, Suchtgefährdung, Konventionsbruch und Ersticken des revolutionären Geistes (Notiz: Ich war und bin fest davon überzeugt, dass Drogen den Menschen zufriedenstellen und die Wut regulieren, sodass Missstände akzeptiert anstatt bekämpft werden!)? Come on, das wäre zu weit hergeholt.

Illustration: Nadine Kappacher

„Du bist nur so brav, weil deine Eltern so streng sind!“, whitesplainten mir betrunkene Typen auf schlechten Partys. „Sei mal nicht so spießig, ohne Alkohol ist Feiern doch voll langweilig!“ Sie hatten Recht, zumindest ein kleines bisschen. Schöntrinken kann eine sich vieles, auch einen Haufen zu David Guetta tanzende Dorfkids im verstörend-blauen Neonröhrenlicht verrauchter Reihenhauskeller. Wen wundert es da, dass ich als Jugendliche nie auf Partys geknutscht habe? Entweder weil ich das Angebot an potenziellen Küssmenschen für zu mickrig befand oder aber – und das schien meinen Freund_innen viel sinnvoller – weil ich so prüde war, wie Muslimas es eben vermeintlich sind.

Betrinken sowie auch Public Display of Affection scheiße zu finden, war früher verklemmt und langweilig, heute ist es Kritik auf radikalem Niveau. Ich frage mich dabei, ob es wirklich etwas mit der Zeit zu tun hat oder nicht doch damit, dass Menschen aufgrund ihres Urteils zu meinem Familienhintergrund vorbelastet sind. Mittlerweile konnte ich mir die Beschimpfung als Spaßbremse immerhin positiv aneignen – Feminist Killjoy forever!

Hengameh Yaghoobifarah trinkt genauso gern Wein wie sie es manchmal auch nicht tut.

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Fabelhaftes Genrekino https://ansch.4lima.de/fabelhaftes-genrekino/ https://ansch.4lima.de/fabelhaftes-genrekino/#respond Wed, 28 May 2014 19:36:46 +0000 https://anschlaege.at/?p=5169 Die Reihe Framing Reality bringt preisgekrönte Arthouse-Filme ins Kino. Von FIONA SARA SCHMIDT ]]>

„Abbilden, Vorbilder schaffen, vorausdenken“: Die Filmreihe Framing Reality startet in Wien mit Werken von Regisseurinnen, die beim Sundance- Festival prämiert wurden. Von FIONA SARA SCHMIDT

Ein gutes Dutzend Arthouse-Filme, die beim bekanntesten US-amerikani- schen Independent-Festival Sundance ausgezeichnet wurden und es nicht
in die europäischen Kinos geschafft haben, sind nun in einem neuen Format in Wien zu erleben. Dabei geht es theoretisch um Gender, Inklusion und Diversity, praktisch um gut gemachtes und unterhaltsames Genrekino. Die Initiatorin ist keine Unbekannte: Seit 1994 verantwortet Barbara Reumüller das Wiener Queer-Filmfestival „identi- ties“. Framing Reality hat jedoch einen anderen Schwerpunkt und soll als regelmäßiges Format zum Selbstläufer mit eigenem Profil werden. Dazu setzt die Organisatorin auf ein Netzwerk aus Filmschaffenden und interessierten Zuschauer_innen. Wechselnde Kurator_innen sollen die Reihe mit offenen Strukturen gestalten, die im nächsten Jahr oder bei der nächsten Veranstaltung (auch außerhalb Wiens) schon ganz anders aussehen könnte. Queerness steht dabei thematisch nicht an erster Stelle, hat aber aufgrund der Vielzahl der filmisch verhandelten Identitäten im Programm durchaus ihren Platz.

Emily Blunt und Rosemarie DeWitt in Lynn Sheltons Komödie „Your Sister’s Sister.“
Emily Blunt und Rosemarie DeWitt in Lynn Sheltons Komödie „Your Sister’s Sister.“

„Frauenfilme“. Dass sich in den Programmen der großen europäischen Festivals wie in Cannes und Venedig selten herausragende Filme von Frauen finden, hält die Initiatorin nicht für Zufall. Es sei eine self-fulfilling prophecy, wenn immer wieder darauf hingewiesen werde, wie wenige Filme es von Frauen gebe. Es gibt sie nämlich durchaus, nur bekommen wir sie viel zu selten zu sehen, meint Reumüller: „Es ist eine Mär, die sich hartnäckig hält, dass Frauen ‚Frauenfilme’ machen oder keine Komödien könnten.“
Die nun eine Woche lang im Filmcasino stattfindende Reihe bietet starkes Genrekino aus Nordamerika. Die meisten Filme laufen in der Originalversion und werden erstmals in Österreich gezeigt. Zwei Regisseurinnen wurden überdies eingeladen, Lynn Shelton und Barbara Kopple werden in Wien erwartet. Lynn Shelton hat in nur zehn Jahren als Regisseurin eine rasante Entwicklung genommen. Ihre Initialzündung war die Erkenntnis, dass Claire Denis („Chocolat“, „Les Salauds“) erst mit über vierzig ihre Karriere als Regisseurin startete. Shelton prägte das Genre „Mumblecore“, das wegen des unverständlichen Genuschels der auf DIY-Ästhetik setzenden Filme so genannt wird und auf natürliche Sets, reale Drehorte und teils improvisierte Dialoge setzt. Inzwischen verfilmt sie mit Stars wie Keira Knightley auch Drehbücher, die sie nicht selbstgeschrieben hat, und realisierte Serienfolgen für „Mad Men“ und „New Girl“. 2009 wurde Shelton beim Sundance für den alternativen Buddy Movie „Humpday“ gefeiert. Shelton verzichtet trotz der klamaukigen Story (zwei heterosexuelle Freunde beschließen in einer Schnapslaune, für ein Festival gemeinsam einen schwulen Porno zu drehen) auf Schenkelklopfer und untersucht stattdessen die Lebenspläne der beiden Freunde. Allein die Szene, in der der brave Ehemann Ben seiner Frau erklärt, dass er als „Helfer“ bei „einem Kunstprojekt“ teilnehmen würde, lohnt den Gang ins Kino. Es folgten „Your Sister’s Sister“, eine intensive Schwesternbeziehung mit Dreiecksgeschichte und „Touchy Feely“, der – ohne dabei seine Figuren vorzuführen – das spirituelle Gehabe der Westküste aufs Korn nimmt (mit Ellen Page als Zahnarzthelferin!) und der mit tragischer Komik und eigenwilligen Figuren punktet.

Zeitgeschichte in Celluloid. Im Bereich Dokumentarfilm wird Barbara Kopple im Fokus stehen. Die zweifache Oscar-Preisträgerin ist für ihren essayistischen und unmittelbaren Stil bekannt. 1946 geboren, reiste sie in den 1970ern nach Kentucky, um einen Streik von Bergarbeitern filmisch zu begleiten, „Harlan County U.S.A.“ machte sie als Filmemacherin berühmt, 1990 war „American Dream“ über Arbeitskämpfe im Minnesota der Reagan-Ära ähnlich erfolgreich. Bei diesem Werksüberblick wird deutlich, dass wirtschaftliche Krisen im Zuge der fortschreitenden Globalisierung und der Finanzkrise zwar abstrakter geworden, ihre konkreten Auswirkungen auf die Menschen aber die gleichen geblieben sind. Ebenfalls politisch war der Auslöser zu „Shut up and Sing“ über die Country-Band The Dixie Chicks, den Kopple 2006 mit Cecilia Peck realisierte. Die erfolgreichste Frauenband der Vereinigten Staaten sorgte für einen Skandal, als die Leadsängerin sagte, sie schäme sich dafür, dass der damalige Präsident George W. Bush aus Texas stammt. Es folgten CD-Verbrennungen und Morddrohungen, die die Regisseurinnen aus nächster Nähe verfolgen konnten. „Running from Crazy“ ist Kopples neueste Arbeit, die sich mit großen Begabungen und psychischen Erkrankungen im Hemingway-Clan und dem Abarbeiten an der eigenen Familiengeschichte auseinandersetzt. Mariel Hemingway, die Enkelin von Ernest, wurde sehr jung mit ihrer Rolle in Woody Allens „Manhattan“ berühmt – und kämpft immer wieder gegen Depressionen. Mit Kopples Dokumentation „Wild Man Blues“ über den umstrittenen Regisseur auf Konzerttournee durch Europa schließt sich der Kreis.

Plattform und Netzwerk. Der Markt ist enger geworden, beobachtet Reumüller. Es werden zwar immer mehr Filme produziert, doch immer weniger davon schaffen es ins Kino. Nachdem Frauen auch hinter der Kamera weiterhin deutlich unterrepräsentiert sind, sind sie davon besonders betroffen. Ein feministischer Schwerpunkt ergibt sich aufgrund der Auswahl der Regisseurinnen von selbst, auf das Label „Feminismus“ verzichtet „Framing Reality“ einfach. Die Reihe setzt stattdessen auf die Kraft der Filme und ihre Themen, wobei Produktionsbedingungen stets mitreflektiert würden. Das Ziel ist es, relevante Filme hierzulande auf die Leinwand zu bringen. Mit filmischem Können und cineastischem Wissen könnten gesellschaftliche Phäno- mene exemplarisch verhandelt, soziale Zusammenhänge greifbar gemacht und politische Utopien entworfen werden. Denn das könne die Kunstform Kino besonders gut: „Abbilden, Vorbilder schaffen, vorausdenken“.
Sundance als Klammer bot sich für Reumüller aus einer persönlichen Verbundenheit mit dem Festival und den USA an. Zwar ist Sundance ein Festival für unabhängige Produktionen und Neuentdeckungen, es handelt sich dabei aber keineswegs um Nischenfilme. Sundance hat enorme mediale Präsenz und die amerikanische Filmindustrie verfügt über vollkommen andere Budgets als in Europa bei Indie-Filmen üblich.
Ein Beispiel ist „Concussion“ von Stacie Passon: Protagonistin Abby (Robin Weigert) ist Mitte vierzig, hat eine Frau, zwei Kinder und ein Häuschen im Vorort. Sie beginnt unter dem Namen Eleanor, wie einst Catherine Deneuve in Buñuels „Belle de Jour“, als Prostituierte für Frauen zu arbeiten. Doch die beiden Leben ihrer Doppelexistenz lassen sich nicht so einfach trennen wie gedacht.
Mit „Middle of Nowhere“ von Ava DuVernay mischt sich auch ein ruhiges afroamerikanisches Emanzipationsdrama mit starken Bildern in das Programm. Eine unbekannte Branche porträtiert Lake Bells Screwball-Komödie „In a World …“: das Einsprechen von Kino-Trailern. Bell vereint dabei Drehbuchautorin, Regisseurin und Hauptfigur, die als Sprecherin in die Fußstapfen ihres erfolgreichen Vaters tritt und sich in der Männerdomäne Voice-Over behauptet.

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Rettungsanker https://ansch.4lima.de/rettungsanker/ https://ansch.4lima.de/rettungsanker/#comments Wed, 28 May 2014 19:36:44 +0000 https://anschlaege.at/?p=5203 Interview: CLAUDIA BARTH hält Esoterik für gefährlich. Von BRIGITTE THEIßL]]>

Warum Esoterik gefährlich ist, ließ sich BRIGITTE THEIßL von der Sozialpsychologin und Esoterik-Forscherin CLAUDIA BARTH erklären.

an.schläge: Sie haben sich bereits in zwei Publikationen wissenschaftlich mit Esoterik auseinandergesetzt.Was war der Auslöser, sich dem Thema kritisch zu widmen?

Claudia Barth: Das hat sich durch private Erlebnisse ergeben. In den 1990er-Jahren hat die Esoterik ja eine richtige Blütezeit erlebt – wobei das in Deutschland nicht zum ersten Mal passiert ist, sondern bereits in den 1920er-Jahren gab es einen esoterischen Aufschwung – und in dieser Zeit bin ich gerade von zu Hause ausgezogen und habe begonnen, mich politisch zu engagieren. Irgendwann ist mir aufgefallen, dass plötzlich viele Menschen um mich herum esoterisch geworden waren, sie kamen zum Teil mit kruden Thesen auf mich zu. Da hieß es dann plötzlich: Wenn der Asylwerber sich in der Abschiebehaft umbringt, dann kann und sollte man nichts machen, denn das sei sein Karma, das er da selbst verwirklicht. Das Ganze gipfelte in der These, Auschwitz sei das Beste, was den Juden zur karmischen Reinigung passieren hätte können.

Halten Sie Esoterik für gefährlich?

Ich sehe Esoterik als gesellschaftliche Tendenz durchaus als gefährlich an. Sie führt zu einem Menschenbild, das eine vermeintlich übernatürliche, authentische Innerlichkeit verherrlicht und eine gesellschaftliche Seite der Menschen, mit denen sie sich bewusst als handlungsfähige Subjekte setzen, negiert. Für eine demokratische Entwicklung der Gesellschaft ist das in der Konsequenz fatal. Natürlich muss man sich das auf der Ebene einzelner Esoterik-AnhängerInnen noch einmal im Detail anschauen, es gibt da ja auch biografische Brüche und ein Gesellschaftsbild muss nicht alle Lebensbereiche durchziehen, aber insgesamt halte ich die Esoterik für gefährlich.

Ist der Markt im Vergleich zu den 1990er-Jahren mittlerweile kleiner geworden?

Der Markt wird nicht kleiner, das zeigen auch die Zahlen, soweit es diese gibt, ganz im Gegenteil. Für 2020 werden allein in Deutschland 35 Milliarden Euro Umsatz jährlich erwartet. Esoterik ist ein Wachstumsmarkt, damit wird viel Profit gemacht. Außerdem sind gesellschaftlich mittlerweile viele esoterische Themen akzeptiert und werden gar nicht mehr als solche gesehen. Sie sind im Mainstream angekommen und gelten zum Teil als seriös, obwohl sie eigentlich zutiefst irrational und in meinen Augen sehr fragwürdig sind. Viele ArchitektInnen verdienen sich heute ein Zubrot damit, mit Wünschelruten über das Gelände zu gehen und vermeintliche Wasseradern ausmessen, bevor sie ein Haus bauen. Auch in der Psychologie werden esoterische – und zugleich autoritäre und frauenfeindliche – Theorien verbreitet, Stichwort Bert Hellinger, der im Rahmen seiner „Familienaufstellungen“ etwa sexualisierte Gewalt therapeutisch schönredete und trozdem auch von den anerkannten Verbänden der systemischen Therapie hofiert wurde, bis seine all zu offene Liebeserklärung an Adolf Hitler ihn Jahre später schlussendlich zur Persona non grata machte. Trotzdem besteht bis heute eine vielfach positive Bezugnahme auf seinen Ansatz im psychosozialen Beraterfeld.

Mit welcher Definition von Esoterik haben Sie eigentlich gearbeitet bzw. gibt es da überhaupt eine eindeutige wissenschaftliche Definition?

Also es gibt nicht die eine wissenschaftliche Definition, auf die sich alle geeinigt hätten, sondern es gibt Versuche, Kriterien zusammenzutragen. In meinem ersten Buch habe ich es mir zur Aufgabe gemacht, Esoterik in ihrer augenscheinlichen Vielfalt zu erforschen. Ich habe nach gemeinsamen Glaubensüberzeugungen der verschiedenen Formen gesucht, die Esoterik als moderne religiöse Glaubensüberzeugung von standardisierten Religionen unterscheiden. Karma und Reinkarnation (Wiedergeburt) zählen zu diesen Grundlagen sowie der Glaube an eine kosmische Gesetzmäßigkeit, die sich eins zu eins in alle Lebensbereiche übertrage. Die Aufgaben für unser Leben wählen wir uns laut esoterischer Theorien vorgeburtlich selbst. Also auch Schicksalsschläge, Krankheiten, schmerzvolle Erfahrungen – weil die Seele daran reifen soll. In dieser esoterischen Denkweise gibt es auch nichts Gutes oder Schlechtes, denn das sind nur menschlich gemachte Kategorien und Bewertungen der materiellen Welt, denn übersinnlich gesehen dient alles der Entwicklung der Seele. Ferner wird an die Existenz diverse feinstofflicher Energien geglaubt, vom „Chi“, das durch den Raum schwebe, bis hin zur einer Lebensenergie, die durch vermeintliche Chakren im menschlichen Körper fließe. Zu guter Letzt findet sich eine Art esoterische Evolutionstheorie der Menschheit, die auch den festen Glauben an ein herannahendes neues Zeitalter beinhaltet, in dem sich all unsere Probleme und gesellschaftlichen Misstände in Wohlgefalllen auflösen werden.

Esoterik ist etwas, das bei Menschen einfach wirkt und auch stark nachgefragt wird, sonst könnte dieser Markt nicht funktionieren. Ich betrachte Esoterik als eine kulturell-religiöse Ausdrucksform vieler Menschen in westlichen Gesellschaften, die genutzt wird, um innere Befindlichkeit und auch Probleme in eine fassbare Form zu gießen. Esoterik ist eine spezifische Ausdrucksmöglichkeit für etwas, das man fühlt, wonach man sich sehnt – weshalb man ja auch zu ihr greift und sie praktiziert. Insofern ist sie auch ein Kind der Zeit, eine Ausdrucksform, die viel über den Zeitgeist aussagt.

Was sagt sie denn aus über den Zeitgeist? 

In meiner letzten Studie habe ich Einzelinterviews mit Menschen durchge- führt, die der Esoterik anhängen. Ich habe sie gebeten, mir zu erzählen, wie sie dazu gekommen sind. Sie haben mir zunächst ausführlich über ihr Arbeitsleben und Momente des totalen Scheiterns berichtet. Scheitern in der beruflichen Karriere, wo sie einfach auf Granit gebissen haben. Erst in diesem Moment, in dem ihre gewohnten Konzepte ihnen überhaupt nicht mehr weitergeholfen haben, in dieser Welt erfolgreich zu bestehen, haben sie zur Esoterik als Hilfsmittel gegriffen. Sie waren dazu bereit, sich innerlich umzu- strukturieren, um wieder in der Gesell- schaft zu funktionieren und Erfolg zu haben. Oft waren es Menschen – häufig Frauen von 45 Jahren aufwärts –, die zuvor intensiv versucht haben, den äußeren Anforderungen zu genügen, auch um den Preis der Selbstverleugnung – und dann trotzdem gescheitert sind. Das hat meiner Ansicht nach mit dem neuen ArbeitnehmerInnenbild zu tun, das sich in den letzten Jahrzehnten in den westlichen Industrienationen etabliert hat. Es genügt nicht mehr, eine bestimmte Rolle zu erfüllen und nachmittags um fünf den Stift wegzulegen, sondern man muss selbstmotiviert und kommunikativ, mit seinem ganzen authentischen kreativen Potenzial, einen Job ausüben.

Sie sagen, dass Sie häufig auf Frauen über 45 gestoßen sind. Sind Frauen denn stärker in der Esoterik vertreten?

Ich kann dazu keine verlässlichen Zahlen nennen, aber ich bin selbst jahrelang davon ausgegangen, dass Frauen zwei Drittel der Klientel der Esoterik ausmachen. Zu diesem Befund bin ich unter anderem deshalb gekommen, weil Autoren wie Rudolf Bahro, der u.a. mit seinem Buch „Logik der Rettung“ (1987) ein wichtiger Stichwortgeber der neuen deutschsprachigen Esoterikbewegung war, sich ganz gezielt an Frauen wenden und sie als Zielgruppe auch benennen. In der Esoterik sind sehr traditionelle Vorstellungen von Geschlecht zu finden. Zugleich erfährt das Weibliche aber eine Überhöhung.

Es herrscht die Vorstellung, dass nach kosmischen Richtlinien ein neues Zeitalter anbrechen wird, das New Age, und dieses weiblich sein wird. Das Zeitalter, in dem wir uns jetzt befinden, sei männlich und all die negativen Entwicklungen seien auf das Analytische, Zersetzende, Rationale und Materielle des männlichen Einflusses zurückzuführen, geprägt von christlichen männlichen Gottesvorstellungen. Weiblichkeit wird also festgeschrieben und gleichzeitig überhöht, ihr wird eine zukunftsweisende Bedeutung für die Verbesserung der Welt zugeschrieben. Mittlerweile glaube ich allerdings, dass ich meine Behauptung, zwei Drittel der Esoterik-AnhängerInnen seien Frauen, noch einmal einer kritischen Betrachtung unterziehen müsste. Möglicherweise werden Spielarten der Esoterik, die eher von Frauen rezipiert werden, stärker in der Öffentlichkeit wahrgenommen und auch als esoterisch verstanden. Bestimmte Verschwörungstheorien und die Verbindung von Rechtsextremismus und Esoterik sind gerade verstärkt im Kommen und dort sind überwiegend Männer aktiv. Hierzu gibt es weniger Forschungsarbeiten, man müsste neue Studien erstellen und Zahlen zum Geschlechterverhältnis erheben. Grundsätzlich ist es auch in der Esoterik so, dass es überwiegend berühmte esoterische Autoren gibt und Frauen sich oft als Kleinstanbieterinnen bestimmter esoterischer Angebote ein Zubrot verdienen.

Claudia Barth ist freie Referentin zur Kritik esoterischer Weltbilder, Sozialpsychologin und arbeitet in der Kinder- und Jugendhilfe in München. 

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„Es geht einfach um alles“ https://ansch.4lima.de/es-geht-einfach-um-alles/ https://ansch.4lima.de/es-geht-einfach-um-alles/#respond Wed, 28 May 2014 19:36:41 +0000 https://anschlaege.at/?p=5159 Interview: ALEXANDRA STRICKER warnt vor den Folgen von TTIP, besonders auch auf Frauen. Von LEA SUSEMICHEL ]]>

Bei TTIP geht es leider längst nicht nur um Chlorhühner. LEA SUSEMICHEL fragte ALEXANDRA STRICKNER, Obfrau von Attac Österreich, nach weiteren befürchteten Auswirkungen des Abkommens, insbesondere auf Frauen. Und danach, wie es noch zu verhindern ist.

 

an.schläge: BefürworterInnen des TTIP, des „Transatlantic Trade and Invest- ment Partnership“, argumentieren mit Wirtschaftsaufschwung und mehr Arbeitsplätzen. Doch andere Freihandelsabkommen wie das Nordamerikanische Freihandelsab- kommen (NAFTA) zwischen Mexiko, Kanada und den USA zeigen, dass sie der breiten Bevölkerung keines- wegs mehr Wohlstand bringen, neben vielen anderen verheerenden Auswir- kungen, die NAFTA außerdem hat. Was erwarten Sie diesbezüglich für Europa?

Alexandra Stricker: Die BefürworterInnen von TTIP in Europa – allen voran die Europäische Kommission und die Regierungen der Mitglieds- staaten –, die diese Argumente für das Abkommen vorbringen, tun dies auf sehr dünnem Eis. Ein Blick auf die vorgelegten Studien zeigt, dass die positiven wirtschaftlichen Effekte von TTIP kaum vorhanden sind. Es wird ein zusätzliches Wirtschaftswachstum von jährlich 0,05 Prozent vorhergesagt und rund 400.000 neue Arbeitsplätze sollen EU-weit in den ersten 15 Jahren nach Umsetzung des Abkommens entstehen. Doch diese Studien rechnen allesamt nicht die möglichen Kosten eines Abkommens ein. Bei derzeit schon rund 26 Millionen Arbeitslosen in Europa und dem Wissen darum, dass TTIP ein Deregulierungsabkommen ist (der Güterhandel ist zwischen den USA und der EU ja bereits weitestgehend liberalisiert) erwarten wir für Europa eine Verschärfung des Trends zu prekären und atypischen Erwerbsarbeitsformen – denn die europäischen Arbeitge- berInnen werden dort, wo es möglich ist, die Abwanderungskeule schwingen, um damit schlechtere Arbeitsbedingungen durchzusetzen.

In einem Positionspapier warnt WIDE (das entwicklungspolitische Netzwerk für Frauenrechte und feministische Perspektiven) davor, dass es sich bei TTIP um ein großes Umverteilungsprojekt zugunsten großer Konzerne handle, das vor allem zulasten von Frauen ginge.Was sind geschlechtsspezifische Aspekte und Auswirkungen von TTIP?

TTIP an sich ist ein großes Umvertei- lungsprojekt zugunsten großer Konzerne und des einen Prozents zulasten der restlichen 99 Prozent in Europa und
in den USA. Wirft man einen Blick auf die Liste derer, die dem einen Prozent angehören, so findet man dort verhältnismäßig wenige Frauen, daher kann ich diesem Urteil durchaus zustimmen. Über die möglichen geschlechtsspezifischen Auswirkungen von TTIP lässt sich auf der Basis der bisher durchgesickerten Verhandlungsdokumente sagen: Der gesamte Dienstleistungssektor soll Teil des TTIP-Abkommens werden, mit dem Ziel, bestehende Liberalisierungen z.B. im Bereich Energie, öffentlichem Verkehr, Pflege etc. festzuschreiben. Gegenwärtig wird diskutiert, dass per se alle Dienstleistungssektoren dem Abkommen unterworfen werden sollen, bis auf jene, die man explizit ausnimmt. Es gibt jedoch keine klare Ausnahme öffentlicher Dienstleistungen. Gerade Frauen sind aber auf eine Vielzahl öffentlicher Dienstleistungen angewiesen oder nutzen diese mehr als Männer – z.B. Kinderbetreuung, Öffis etc. Wir befürchten, dass mit TTIP nicht nur bestehende Liberalisierungen festgeschrieben werden und daher in Zukunft schwer rückgängig gemacht werden können, sondern das Tor für weitere Liberalisierungen bis hin zu Privatisierungen noch weiter geöffnet wird. Denn das Ziel der Konzerne ist es ganz klar, Bildung, Gesundheit, kommunale Dienstleistungen, die Wasservorsorgung, Pflege und vieles mehr zu privatisieren. Sofern Dienstleistungsbereiche, in denen vor allem Frauen überproportional tätig sind – wie z.B. Pflege oder Kinderbetreuung –, privatisiert werden, bedeutet das eine weitere Verschlechterung der Arbeitsverhältnisse. Denn Profite für Privatunternehmen werden durch höhere Preise für jene, die die Dienstleistung kaufen, und geringere Löhne oder schlechtere Sozialleistungen für jene, die die Leistung erbringen, erzeugt.

Das mittlerweile berühmte Chlorhuhn steht stellvertretend für eine generelle Aufweichung von Konsu- mentInnenrechten.Welche Standards stehen sonst noch auf dem Spiel?

Standards bzw. gesetzliche Vorgaben zur Herstellung von Produkten oder Dienstleistungen gibt es nicht nur in der Landwirtschaft, sondern überall – z.B. für die Herstellung von Kinderspielzeug, Maschinen, Kosmetika, in der Hotellerie, in der Industrie etc. Wenn also deren Angleichung das erklärte Ziel der TTIP-Verhandlungen ist, dann geht es einfach um alles: um die Frage, welche Chemikalien zur Erzeugung von Produkten verwendet werden dürfen, um Kennzeichnungsregeln (z.B. ob Gentechnik ausgewiesen wird oder nicht) und es geht z.B. auch um Finanzmarktregulierung – welche Finanzprodukte müssen wie zugelassen werden und welche Einschränkungen gibt es etc. Das sind nur einige Beispiele einer unendlich langen Liste.

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TTIP will Unternehmen künftig Klagen vor Schiedsgerichten einräumen. Was ist das Problematische daran? Und welche Präzedenzfälle gibt es hier?

In TTIP soll – so wie im fast fertig verhandelten Abkommen EU-Kanada – auch die Möglichkeit festgeschrieben werden, dass Unternehmen Staaten klagen können, sofern sie sich ungerecht behandelt oder indirekt enteignet sehen. Dieses Instrument der Investor-Staats-Klagerechte gibt es bereits seit Längerem und wurde u.a. von vielen westeuropäischen Ländern aber auch den USA in bilaterale Investitionsabkommen mit Ländern im globalen Süden festgeschrieben. Auch in der Nordamerikanischen Freihandelszone gibt es dieses Instrument. Es sieht vor, dass Unternehmen Staaten klagen können und diese Klage dann vor einem internationalen Schiedsgericht verhandelt wird. Dieses besteht aus drei Personen, die von der klagenden und geklagten Partei benannt werden. Sie alleine fällen ein Urteil, gegen das keine Berufung eingelegt werden kann. Bisher waren diese Verfahren weder öffentlich noch konnten andere Parteien Stellung beziehen. Die bisherigen Erfahrungen zeigen, dass immer mehr Konzerne dieses Instrument nutzen, um gegen Umwelt- oder Sozialgesetzgebung zu klagen, die ihre Profitmöglichkeiten schmälert. So hat z.B. Vattenfall Deutschland auf rund 3,7 Mrd. Euro Schadenersatz für die Entscheidung aus der Atomkraft auszusteigen geklagt. Veolia hat Ägypten für die Erhöhung des Mindestlohns geklagt. Diese Klagen sind noch anhängig. Attac und vielen anderen Bewegungen und NGOs lehnen das Investor-Staats- Klagerecht für Staaten generell ab, da es ein Rechtssystem außerhalb bestehender Rechtssysteme schafft und somit v.a. für transnational agierende Unternehmen die Möglichkeit schafft, ihr privates Investitionsrisiko auf die Öffentlichkeit zu abzuwälzen und auch ihre Profitinteressen über andere gesellschaftliche Interessen zu stellen.

Der Widerstand gegen TTIP wächst. Doch welche realen Chancen gibt es noch,TTIP zu stoppen oder zumindest in dieser Form zu verhindern? Und welche Möglichkeiten wirkungsvollen Protestes gibt es konkret?

Die TTIP-Verhandlungen haben erst letztes Jahr begonnen, und seitdem ist bereits ordentlich viel Sand ins Getriebe gekommen. Das ursprüngliche Ziel war es, die Verhandlungen bereits 2014 abzuschließen. Anfang Februar sah sich EU-Handelskommissar De Gucht aufgrund der immer lauter werdenden Kritik veranlasst, das Instru- ment der Investor-Staats-Klagerechte aus den Verhandlungen rauszunehmen und eine öffentliche Anhörung zu machen, die gegenwärtig gerade läuft. Je mehr Menschen und Organisationen von TTIP wissen, je mehr Aspekte des Abkommens diskutiert werden, je stärker der Druck wird, die Verhandlungsdokumente zu veröffentlichen, desto schwieriger wird es für die Befürworter des Abkommens ihre Geschichte über die schöne neue Welt mit TTIP zu erzählen. Bereits jetzt argumentiert die EU-Kommission schon nicht mehr mit den positiven wirtschaftlichen Auswirkungen des Abkommens, weil das ins Leere läuft. Wirkungsvoller Protest braucht viele Elemente, eines davon ist, alternative und kritische Informationen zugänglich zu machen und andere Menschen über das Abkommen und seine Auswirkungen zu informieren. Ein anderes ist, sich aktiv an Aktionstagen oder Aktionen, die an Abgeordnete oder politische Vertreter gerichtet sind, sich zu beteiligen. Wir sind natürlich auch vernetzt mit anderen Akteuren in Europa und den USA, um hier gemeinsam daran zu arbeiten, dass unser Ziel „TTIP stoppen“ wahr wird.

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