Juni 2011 – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de Sat, 04 Jun 2011 08:24:01 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.0 https://ansch.4lima.de/wp-content/uploads/2024/10/cropped-favicon-32x32.png Juni 2011 – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de 32 32 an.sage: Mein Busch gehört mir! https://ansch.4lima.de/an-sage-mein-busch-gehort-mir/ Sat, 04 Jun 2011 08:24:01 +0000 https://anschlaege.at/?p=338 Ein Kommentar von ANDREA HEINZ

 

„Ganz im geheimen wird wieder entworfen, was eine Frau ist […]. Es müssen die Haare zwanzigmal gebürstet werden, die Füße gesalbt und die Zehennägel lackiert werden, es müssen die Haare von den Beinen und unter den Achseln entfernt werden, die Dusche wird an- und ausgemacht, ein Körperpuder wolkt im Badezimmer, es wird in den Spiegel gesehen […].“ Das biologische Geschlecht maximal dem erwünschten sozialen anzupassen, war schon zu den Zeiten, als Ingeborg Bachmann ihren Roman „Malina“ schrieb, vor allem eines: harte Arbeit. Ständig muss nachgebessert und renoviert werden, und 40 Jahre später sind die Anforderungen an den Körper sogar noch gestiegen: Auch an intimen Stellen möge er sich bitte nicht so gebärden, wie es ihm passt. Da sei der Brazilian Hollywood Cut vor!

Der Trend zur Intimrasur entwickelt buchstäblich haarsträubende Auswüchse: Schwimmerin Franziska van Almsick verkündet öffentlich, sie fände Körperbehaarung grundsätzlich unhygienisch. Was sie von Kopfbehaarung und diversen anderen Körperfunktionen hält, konnte nicht eruiert werden. Victoria Beckham jedenfalls kann sie verstehen. Beckham fordert, Intimrasur solle für Frauen ab 18 Jahren Pflicht sein (so gelesen im „Zeit“-Artikel „Schönheit unter der Gürtellinie“).

Man könnte solche Entwicklungen natürlich einfach ganz gelassen nehmen. Soll doch eine jede mit ihrem Busch machen, was sie will. Nicht nur mein Bauch, mein ganzer Körper gehört mir – oder? Wirft man einen Blick auf die erstaunlich zahlreichen Internet-Selbsthilfe-Seiten zum Thema, so scheint es ja durchaus, als könnte die Sache zur spaßigen Obsession werden. Hingebungsvoll wird da über Nassrasur, Babypuder und Pickelchen, schwarze Stoppeln unter der Haut und deren Vermeidung referiert. Denn, so der Tenor: Haare sind eklig und wir „schließlich keine Orang Utans“. Eine Tatsache. Außerdem ist es so „geiler, sauberer, leckerer … ich mach das jetzt seit vier Jahren und bereue keinen Tag“.

Ein bisschen anders sieht das Politikwissenschaftlerin und Philosophin Regula Stämpfli. Sie schrieb bereits 2008 in der „Emma“: „Kindermösen an erwachsenen Frauen sind also nicht einfach chic, hip, Mode, bequem, geil, lockeres Schönheitshandeln, sondern sie sind die am eigenen Körper vollzogene herrschende politische Philosophie. Die entblößenden Kindermösen erwachsener Frauen sind unreflektierte Kopien globalisierter und anatomisierter, enterotisierter und entweiblichter (Waren)Körperhandlungen.“

Zum pädophilen Aspekt kommt für Stämpfli ein zunehmender Verlust an Individualität: „Zwischen den Beinen sehen dann alle gleich aus, und die Intimoperationen sind nur noch ein weiterer Schritt in eine ähnliche Richtung. Der Mensch wird uniform“, zitiert sie die „Zeit“. Denn auch die Genitalien werden zunehmend normiert, und eine OP scheint für immer mehr Frauen der einzige Weg zu sein, dieser Norm zu entsprechen. Der Horrorgeschichten von misslungenen Intimoperationen gibt es genug, man kann es sich ausmalen.

Doch auch harmlosere Auswirkungen des neuen, haarlosen Schönheitsideals geben zu denken. Im soeben erschienenen Buch „Living Dolls: Warum junge Frauen heute lieber schön als schlau sein wollen“ von Natasha Walter werden junge Studentinnen der Uni Cambridge mit der Aussage zitiert, sie würden niemals im Leben mit einem Mann schlafen, wenn sie sich nicht zuvor die Schamhaare rasiert hätten. Schließlich wissen sie, „was die Männer gesehen haben und was sie erwarten“. In der „Zeit“ berichten Sexualpädagogen von 13-Jährigen, die sich nicht mehr ins Schwimmbad trauen und heulend über ihre Schambehaarung zu Hause verkriechen.

Natürlich kann man Intimrasur mit Sex-positivem Feminismus und gesteigertem körperlichen und sexuellen Selbstbewusstsein in Verbindung bringen. Schließlich haben sich auch Feministinnen der zweiten Frauenbewegung zum Zwecke der Selbstuntersuchung rasiert. Doch irgendwie sieht das hier nicht danach aus.

Der Grundsatz, dass ein/e jede/r selbst über seinen/ihren Körper entscheiden kann und darf, der soll und muss immer gelten. Aber wir sollten uns hüten, eine neue Körpernorm und einen völlig unbegründeten Zwang einzuführen, unter dem (wiederum völlig unnötig) Menschen leiden. Der eigene Körper ist kein Feind, den es ohne Unterlass zu bekämpfen gilt. Und mein Busch gehört verdammt noch mal mir!

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Feminist Superheroines: Emma Goldman https://ansch.4lima.de/feminist-superheroines-emma-goldman/ https://ansch.4lima.de/feminist-superheroines-emma-goldman/#respond Fri, 03 Jun 2011 18:16:56 +0000 https://anschlaege.at/?p=1213 emma_goldman_anschlaege_juni_2011_lina_walde_feminismusDie in Russland geborene Schriftstellerin und Aktivistin EMMA GOLDMAN (1869-1940) war eine feministische Anarchistin...]]> emma_goldman_anschlaege_juni_2011_lina_walde_feminismus

Die in Russland geborene Schriftstellerin und Aktivistin Emma Goldman (1869-1940) war eine feministische Anarchistin und wurde nach ihrer Immigration in die USA zunächst v.a. durch ihre Reden über selbstbestimmte Geburtenkontrolle und reproduktive Rechte bekannt. In der von ihr herausgegebenen Zeitschrift „Mother Earth“ rief sie zur Befreiung und Gleichstellung von Frauen und zum Widerstand gegen staatliche Repression auf. Ihre emanzipatorischen Ansichten wurden gleich mit drei Gefängnisaufenthalten in den USA bestraft. Nichtsdestotrotz gab sie ihre Visionen nicht auf und leistete Zeit ihres Lebens durch den Kampf gegen das Patriarchat und für Emanzipation, Freiheit, Frauenrechte und Gleichstellung einen wichtigen Beitrag zum Zusammenwachsen von Feminismus und Anarchismus. Auf ihrem Grabstein ist zu lesen „Liberty will not descend to a people, a people must raise themselves to Liberity.“

Text: Isabelle Garde
Illustration: Lina Walde

 

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New Girls im „Old Boys Network“ https://ansch.4lima.de/new-girls-im-old-boys-network/ https://ansch.4lima.de/new-girls-im-old-boys-network/#respond Fri, 03 Jun 2011 08:19:51 +0000 https://anschlaege.at/?p=335 Eine reine Männerdomäne ist das Internet schon lange nicht mehr. Frauen sind im Netz nur schlechter vernetzt und müssen sich dort mit den gleichen Problemen wie in der Offline-Welt rumschlagen. Von LEONIE KAPFER

 

„Girls can Blog“(1) – mit diesem Slogan wandte sich die Autorin Annina Luzie Schmid 2010 bloggend an die Öffentlichkeit. Ihr erklärtes Ziel: Die Vernetzung zwischen den einzelnen Bloggerinnen voranzutreiben und deren Tätigkeiten sichtbar zu machen.

Damit spricht sie ein heikles Thema an, denn Frauen betreiben zwar zwei Drittel der deutschsprachigen Blogs(2) in Medien und Blog-Rankings dominieren jedoch mehrheitlich reine Männerblogs. Kaum verwunderlich also, dass die Top-10-Liste der deutschen Blog-Charts seit jeher ohne Frau auskommt.

Seximus 2.0. Warum ist das so? „Kompetenz wird im Internet immer noch mit Männlichkeit gleichgesetzt“, sagt die langjährige Internetaktivistin Susanne Klinger. Das Netz ist entgegen der Annahme vieler Optimist_innen kein sexismusfreier Raum geworden, die Stereotypen und Machtverhältnisse der Offline-Welt wirken auch im WWW. „Das Medium des 21. Jahrhunderts reproduziert das Geschlechterverhältnis des 18. Jahrhunderts: Im Internet kocht und häkelt die Frau, das große Wort führt der Mann“, musste Klinger feststellen. Öffentlichkeit = Mann, und Privat = Frau bleibt auch im Netz der Status quo.

Denn Fakt ist, dass sogenannte „harte“Themen, wie Politik, Technik oder Wirtschaft, eher von Männern verhandelt werden. Frauen führen ihre Blogs häufig als eine Art Tagebuch. Während diese intimen Notizen oft gar nicht für die große weite Welt bestimmt sind, wollen Männer mit ihren Kommentaren hingegen gezielt die breite Öffentlichkeit erreichen.

Ein weiteres Problem ist die raue Diskussionskultur im Internet. Das Netz ist weitgehend anonym, und Handlungen bleiben in aller Regel ungeahndet – Rahmenbedingungen, die Beleidigungen und Hetze natürlich erleichtern. Vor allem Frauen, die sich von den erwarteten Rollenbildern entfernen oder offen feministische Aussagen tätigen, müssen im Netz mit üblen Beschimpfungen rechnen.

FACTBOX: hatr.org
Mit dem niedlichen Begriff „Trollkommentar“ wird im Fachjargon ein hasserfülltes und aggressives Posting bezeichnet. Jede Feministin mit Internetzugang kennt solche Kommentare, denn Web-Artikel mit feministischen Themen oder Statements provozieren nahezu immer diskriminierende Antworten, nicht selten werden Autorinnen dabei auch persönlich beleidigt oder sogar bedroht. Viele feministische Medien und Blogs verzichten deswegen inzwischen oft völlig auf die Kommentarfunktion, bringen so aber auch die eigene Community um die Möglichkeit, Themen online zu diskutieren. Mit hatr.org gibt es nun eine Lösung für dieses Problem. Unter der Überschrift „Das Letzte“ sammelt und veröffentlicht die Website Trollkommentare – und befreit damit andere Seiten davon. Die Idee entstand beim Gendercamp 2010, Anfang April 2011 ging die Seite online. Wie beim US-amerikanischen Vorbildprojekt „Monetizing The Hate“ (http://dooce.com/hate) ist es das erklärte Ziel, die Hasstiraden zu Geld für die eigene Sache zu machen. „Auf hatr.org soll Werbung geschaltet werden. Wir wollen die Trolle schließlich nicht einfach nur vorführen, sondern eiskalt monetarisieren“, ist auf der Website zu lesen. Die Einnahmen würden verwendet, um queer-feministische Projekte zu unterstützen, die sich gegen sexistische, rassistische, homophobe und transphobe Diskriminierung richten, so Leah Bretz, eine der Betreiberinnen von hatr.org, in einem Interview mit „jetzt.de“.
Seit April melden sich immer mehr Blogs und Projekte an, um ihre Postings zu spenden – und die ersten Werbeschaltungen gibt es auch schon.
Lea Susemichel

Im Fall der Technik-Bloggerin Kathy Sierra ging der Online-Terror so weit, dass sie beschloss, ihren Web-Blog zu schließen und ganz aus der Öffentlichkeit zu verschwinden. Unbekannte hatten zuvor Bilder von Sierras sowie ihre private Adresse auf mehreren Foren gepostet, darunter der Aufruf, die „langweilige Schlampe“ zu vergewaltigen.

Auch als eine Gruppe engagierter Bloggerinnen vor gut einem Jahr die bis dato männlich dominierte Bloggerkonferenz re:publica eroberte und ein von der weiblichen Netzwelt lang ersehntes Panel über Frauen im Netz auf die Beine stellte, musste man auf Hasstiraden im Live-Stream nicht lange warten. „Jetzt sprechen 10 Brüste über Feminismus“, war dabei noch ein vergleichsweise milder Auswuchs des Sexismus 2.0. New Girls Network!

Frauen im Netz gibt es aber nicht erst seit den letzten Jahren, auch wenn die mediale Aufmerksamkeit dank der klugen Netzwerkarbeit der Online-Aktivistinnen stetig wächst. Bereits 1997 wurde in Berlin mit dem „Old Boys Network“(3) die erste internationale Allianz bekennender Cyberfeministinnen gegründet. Seither hat sich viel getan. Neben bekannten feministischen Blogs wie Mädchenmannschaft(4) oder Mädchenblog(5) entscheiden sich immer mehr Frauen auch ganz bewusst dafür, „harte“ Themen zu behandeln. So entstand zum Beispiel der Technik-Blog „Side Glace“(6) oder der politische Blog von Anne Roth „annalist“(7). Es etablieren sich zudem immer mehr Online-Plattformen, um weibliche Netz-Arbeit aus ihrem Schattendasein zu führen und Vernetzung voranzutreiben. So zum Beispiel das transnationale Projekt „grassroots feminism“(8) oder die eben erst gegründete feministische Initiative „Frau Lila“(9).

Frau Lila will „Frauen ermutigen, sich zu Wort zu melden, politisch zu handeln, sich zu vernetzen, für ihre Rechte und Stimmen zu kämpfen“. Auch die Facebook-Gruppe „Girls On Web Society“, die bereits 500 Mitglieder zählt, hat starken Vernetzungscharakter.

Der Wikipedia? Doch nicht nur die Blogosphäre kann von „post-gender“-Zeiten nur träumen. Auch Wikipedia spiegelt klassische Geschlechterverhältnisse wider. 85 Prozent der Beiträge werden dort von Männern verfasst. Nur zehn bis 15 Prozent der Autor_innen sind weiblich.(10) Ein untragbarer Zustand, findet auch Wikimedia-Geschäftsführerin Sue Gardner: „Uns mangelt es dramatisch an Frauen. Das müssen wir ändern, wenn wir unseren Job gut machen wollen.“ Ein entscheidender Faktor dabei sei, so Gardner, dass zur Verfassung eines Beitrages sehr viel Selbstüberzeugung gehört – und diese sein nun mal ein Phänomen männlicher Sozialisation. „Immerhin muss man glauben, etwas zu wissen, das es wert ist, mit anderen geteilt zu werden.“

Fußnoten:
(1) http://girlsblogtoo.blogspot.com
(2) Klaus Schönberger: Doing Gender, kulturelles Kapital und Praktiken des Bloggens
(3 www.obn.org
(4) http://maedchenmannschaft.net
(5) http://maedchenblog.blogsport.de
(6) http://sideglance.melan-chol-ie.de
(7) http://annalist.noblogs.org
(8) www.grassrootsfeminism.net/cms
(9) http://fraulila.de
(10) www.zeit.de/digital/internet/2011-02/internet-frauen-maenner?
(11) https://lists.wikimedia.org/mailman/listinfo/gendergap
(12) http://berlin.ihollaback.org

Erste Initiativen, um dies zu ändern, wurden bereits gestartet, wie zum Beispiel die Mailingliste „Gendergap – Increasing female participation in Wikimedia projects“(11). Dort wird nach Strategien gesucht, wie die Zahl an partizipierenden Frauen gesteigert werden könnte.

Eine Erhöhung des Frauenanteils alleine wird aber nicht reichen, um die Wikipedia gendergerechter zu machen und damit zu verhindern, dass Wissensproduktion auch im Netz männlich bleibt. Denn Frauen, die für die Online-Enzyklopädie geschrieben haben, berichteten immer wieder von sexistischen Übergriffen oder davon, dass ihre Beiträge als „irrelevant“ eingestuft wurden.

Die miese Frauenquote bei Wikipedia demonstriert, dass das Internet nicht fernab von gesellschaftlicher Realität funktioniert. Dieselbe Diskriminierung, die Frauen auch sonst an politischer Partizipation hindert, gibt es auch online und wird auch hier nicht per Mausklick abschaffbar sein. Vielmehr muss der Netz-Aktivismus auch zur Überwindung von Sexismen im „Real-life“ beitragen. Dass dies möglich ist, zeigt etwa die Seite „Hollaback Berlin!“(12). Dort wird Menschen eine Plattform gegeben, damit sie sich im Alltag erlebte sexistische und sexualisierte Belästigungen im Netz von der Seele schreiben und kollektiv Verteidigungsstrategien entwickeln können.
An coolen Seiten von Feminist_innen mangelt es im WWW also wahrlich nicht – sie müssen nur entdeckt werden.

Leonie Kapfer bloggt selbst seit drei Jahren für das Mädchenblog (http://maedchenblog.blogsport.de) sowie das European ProChoice-Network (http://europeanprochoicenetwork.wordpress.com).

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Vergnügt verwegen https://ansch.4lima.de/vergnugt-verwegen/ https://ansch.4lima.de/vergnugt-verwegen/#respond Thu, 02 Jun 2011 08:17:32 +0000 https://anschlaege.at/?p=333 Am 29. April starb JOANNA RUSS im Alter von 74 Jahren. DAGMAR FINK vermisst die Pionier_in der queeren Science Fiction jedoch schon länger, denn Russ hat in den letzten Jahren nicht mehr viel veröffentlicht. Ein Nachruf.

 

1937 in New York geboren, graduierte Russ 1960 an der Yale Drama School. Nachdem sie mehrere Jahre an verschiedenen US-amerikanischen Universitäten unterrichtet hatte, war sie bis zu ihrer Pensionierung Professor_in an der University of Washington in Seattle. Anschließend lebte sie bis zu ihrem Tod in Tucson, Arizona.

Joanna Russ begann in den späten 1950er Jahren, Science Fiction (SF) zu veröffentlichen, ihre erste feministische Figur schuf sie zwischen 1967 und 1970 mit „Alyx“ (Picnic on Paradise, The Adventures of Alyx). Alyx ist klug, intelligent, hart, abgebrüht und sinnlich. Sie ist außerdem Agentin, Mörderin und nicht hübsch. Alyx zu erschaffen, beschreibt Russ selbst als Durchbruch. Es ging nicht nur darum, eine Figur zu kreieren, die den vorherrschenden Stereotypen in der SF etwas entgegensetzt, sondern zuallererst darum, die eigene Vorstellungskraft von weiblichen Figuren aus den Fesseln eben jener Stereotype zu befreien.

The Inner Space. Russ’ Erzählungen und Romane sind für die queer-feministische Strömung wie auch für die New Wave in der SF von zentraler Bedeutung. Die New Wave, zu der Russ gerechnet wird, verstand SF weniger als „Science“ denn als „Speculative Fiction“. So ging es auch nicht so sehr darum, den Weltraum zu explorieren, sondern vielmehr den „inner space“ – also Charaktere und Gesellschaftsstrukturen. Die New Wave zeichnet sich außerdem durch ihr Experimentieren mit komplexen Plots, Erzählstrukturen, Stil und Sprache aus.

Russ’ Arbeit ist von der Auseinandersetzung mit Geschlecht, Sexualität und heteronormativen Strukturen geprägt. Dabei zeichnen sich sowohl ihre literarischen wie auch ihre theoretischen Texte durch sprachliche und analytische Brillanz, Ironie und Witz aus. Mich beeindruckt immer wieder aufs Neue, wie es ihr gelungen ist, die Grenzen dessen, was überhaupt an Weiblichkeiten denkbar ist, einerseits präzise auszuloten und andererseits beständig, unerschütterlich und humorvoll zu verschieben. In „The Image of Women in Science Fiction“ (1) weist Russ darauf hin, dass SF als spekulatives Genre sich nicht damit beschäftigt, was ist, sondern damit „was wäre, wenn“. In der SF geht es nicht darum, wie die Dinge sind, sondern wie sie sein könnten.

Bibliographie:

Romane:
Picnic on Paradise (1968; deutsch: Alyx, 1983)
And Chaos Died (1970; deutsch: Und das Chaos starb, 1974)
The Female Man (1975; deutsch: Planet der Frauen, 1979 und: Eine Weile entfernt, 2000)
We Who Are About To… (1977; deutsch: Wir, die wir geweiht sind …, 1984)
Kittatinny: A Tale of Magic (1978; Kinderbuch)
The Two of Them (1978; deutsch: Die Frauenstehlerin, 1982 und: Zwei von ihnen, 1990)
On Strike Against God (1980; deutsch: Aufstand gegen Gott, 1983; keine SF, sondern Geschichte über Coming-Out und gesellschaftliche Vorurteile gegenüber Lesben)

Gesammelte Erzählungen:
The Adventures of Alyx (1976; 1986)
The Zanzibar Cat (1983)
Extra(Ordinary) People (1985)
The Hidden Side of the Moon (1987)

Fachliteratur:
Speculations on the Subjunctivity of Science Fiction (1973)
Somebody’s Trying to Kill Me and I Think It’s My Husband: The Modern Gothic (1973)
How to Suppress Women’s Writing (1983)
Magic Mommas, Trembling Sisters, Puritans & Perverts: Feminist Essays (1985)
To Write Like a Woman: Essays in Feminism and Science Fiction (1995)
What Are We Fighting For? Sex, Race, Class, and the Future of Feminism (1998)
The Country You Have Never Seen (2008)

Auszeichnungen und Ehrungen:
1972 Nebula Award für die Kurzgeschichte „When It Changed“, auf der „The Female Man“ basiert
1983 Hugo Award und Locus Award für die Erzählung „Souls“
1988 Pilgrim Award
1996 James Tiptree, Jr. Award

What Can a Heroine Do? Tatsächlich bleiben die Spekulationen über Geschlecht, Geschlechterverhältnisse, Sexualität, soziale Beziehungen und generative wie gesellschaftliche Reproduktion in der SF jedoch weit hinter Spekulationen über Technologie-Entwicklungen zurück. Vielmehr werden, so Russ in „The Image of Women in Science Fiction“, vorwiegend intergalaktische Vororte beschrieben, d.h. Geschlechterverhältnisse, wie sie für „weiße“ Mittelklasse-Vororte in den USA charakteristisch sind bzw. waren. Alternativ beschreiben weniger anspruchsvolle Werke eine Rückkehr in eine idealisierte und vereinfachte Vergangenheit, in der ökonomisch und sozial feudale Strukturen mit Geschichten über richtige Kerle und deren kosmische Rivalitäten und Eroberungen einhergehen. Frauenfiguren erfüllten in diesen Geschichten wichtige Funktionen als Preis oder als Motiv (Prinzessinnen, die gerettet oder erobert werden müssen), aktive und ehrgeizige Frauenfiguren hingegen seien immer böse.

Darüber hinaus gebe es dann noch Erzählungen, in denen Gleichsein bedeute, das gleiche zu tun: Sowohl weibliche als auch männliche Figuren gehen kompetent ihrer Arbeit nach. Das sei jedoch lediglich eine Reflexion der Wirklichkeit, keine Spekulation über eine mögliche Zukunft. Interessanterweise, so Russ, lassen diese Erzählungen die persönlichen und erotischen Beziehungen der Charaktere aus, ebenso wenig wird beschrieben, wie und von wem Kinder groß gezogen werden. Damit – so Russ – stellen sich diese Erzählungen nicht dem wirklichen Problem, sich eine Gesellschaft vorzustellen, in der Geschlecht keine Rolle spielt: „Das ist die ganze Schwierigkeit der Science Fiction, der echten Kreativität: Wie entkommt man den traditionellen Gegebenheiten, die nicht mehr sind als traditionelle Zwangsjacken.“ (2)

In „What Can a Heroine Do? or Why Women Can’t Write“ beschreibt Russ, dass Held_innen in der Literatur im Wesentlichen zwei Optionen haben: heiraten oder wahnsinnig werden. Um den zwei zur Verfügung stehenden Geschichten – „How She Fell in Love (the Love Story)“ und „How She Went Mad“ – zu entgehen, schlägt sie vor, es mit neuen Mythen in anderen Genres, wie Krimis und SF, zu probieren. „The Clichés from Outer Space“ (1984) ist ein weiteres Beispiel dafür, wie Russ auch in der Literaturkritik mit literarischen Mitteln arbeitet, beispielsweise wenn sie Überschriften für typische SF-Plots findet, wie „The Weird Ways of Getting Pregnant Story“ oder „The Talking About It Story“, in der sich alle versichern, wie furchtbar es wäre, in einer rassistischen, patriarchalen und heteronormativen Welt zu leben, während sie ebendies tun.

Jael, Jeannine, Janet und Joanna. Das mit Sicherheit meist gelesene und besprochene Werk von Joanna Russ ist zugleich auch mein Lieblingsroman von ihr: „The Female Man“ von 1975. Die vier Protagonist_innen haben den gleichen Genotyp, leben jedoch in unterschiedlichen Welten und sind entsprechend auch unterschiedliche Personen. Jeannine und Joanna leben in zwei verschiedenen Varianten der gegenwärtigen USA (also der siebziger Jahre), in denen patriarchale Strukturen wahlweise unangefochten vorherrschen bzw. (noch) wenig erfolgreich von der Zweiten Frauenbewegung bekämpft werden. Janet lebt im utopischen Whileaway, einer Welt, in der nur Weiblichkeiten friedlich und harmonisch miteinander leben. Jael schließlich kommt aus einer nahen Zukunft, in der Männer und Frauen in getrennten Ländern leben und sich gegenseitig bekriegen. Jael von Jeannine, Janet und Joanna zu trennen, ist ein Kunstgriff des Romans, denn die vier Jots gehören zusammen, bilden aber dennoch kein Ganzes. Vielmehr stellt jede eine Möglichkeit des Lebens als „weiblicher Mensch“ in einer spezifischen Gesellschaft dar bzw. die Unmöglichkeit, in der zeitgenössischen Gesellschaft ein „weiblicher Mensch“ zu sein. Fasziniert hat mich weniger die Schilderung des lesbischen Utopia auf Whileaway als vielmehr die Darstellung der kriegerischen und aggressiven Jael. Während es (1975) unmöglich erscheint, weibliche Figuren zu denken, die geschäftsmäßig morden, sexuell aggressiv sind, penetrieren, ohne Männer auskommen, sich selbst genug sind, beschreibt Russ nicht nur guten lesbischen Sex (den hat Janet), sondern auch eine Frauenfigur, die eine Männerfigur fickt.

Fußnoten:
(1) „The Image of Women in Science Fiction“; in: Susan Koppelman Cornillon (Hg.in): Images of Women in Fiction: Feminist Perspectives.“ . 1972, S. 79-94 (dt. „Das Frauenbild in der Science Fiction“; in: Barbara Holland-Cunz (Hg.in): „Feministische Utopien – Aufbruch in die postpatriarchale Gesellschaft“. 1986, S. 13-29.
(2) Joanna Russ, „Das Frauenbild in der Science Fiction“, S. 24f.

In Russ‘ ausgiebiger Schilderung einer Sexszene wird kein verwundbarer weiblicher Körper penetriert, eine aggressive Amazone spielt mit ihrem niedlichen Lustobjekt, ihre Vagina schluckt dessen Schwanz, während sie – als besondere Zugabe – den Anus ihres Geliebten mit dem Finger penetriert. Das habe ich vermisst und werde ich nun weiterhin schmerzlich vermissen: diese beharrliche, wütende, ironische Arbeit an Geschlechterstereotypen, deren analytisch brillante, scharfzüngige Herausarbeitung sowie die vergnügt verwegene, kühne Erweiterung dessen, was wir uns überhaupt an weiblichen Figuren und anderen Geschlechterrepräsentationen vorstellen können. Das konsequente Denken der Verwobenheit von Geschlecht, Sexualität, Klasse und Rassisierung und das Insistieren auf der zentralen politischen Bedeutung von intimen, erotischen und Reproduktionsverhältnissen werden mir fehlen.

Dagmar Fink ist Literatur- und Kulturwissenschafter_in mit Arbeitsschwerpunkten auf Queer Theory, Cyborg-Konzepte, queere Populärkulturen u.v.m. Außerdem Übersetzer_in im queer_feministischen Kollektiv „gender et alia“ (http://genderetalia.sil.at).

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Gegen Sexualisierung anquietschen https://ansch.4lima.de/gegen-sexualisierung-anquietschen/ Wed, 01 Jun 2011 08:14:14 +0000 https://anschlaege.at/?p=330 POLY STYRENE, die Sängerin von X-Ray Spex, war ihrer Zeit voraus: ein Punk unter Punx und Vorreiterin der Riot-Grrrl-Bewegung. Von KENDRA ECKHORST
   

Ihre Stimme war eine Waffe, erinnern sich einige ihrer ZeitgenossInnen. Schrill, kreischend und zugleich melodisch. Sie nistete sich im Kopf ein und gab der Band X-Ray Spex ihren unverwechselbaren Sound. Poly Styrene, die Frau mit und hinter dieser Stimme, verstarb im April an Brustkrebs. Mit 53 Jahren.

Als Punk-Ikone, Neon-Queen oder feministische Avantgardistin wird die Sängerin tituliert, die 1978 mit ihrer Band das legendäre Album „Germ Free Adolescents“ herausbrachte. Hits wie „Oh Bondage Up Yours“ oder „Identity“ gehören heute zu den Punk-Klassikern. Gegen Plastikwelten, Rollenklischees und identitäre Fesseln quietschte sie an – einer Alarm-Sirene nicht unähnlich. Und eroberte sich so ihren Platz in der Punkszene der 1970er Jahre.

„Das kann ich auch.“ Als Marianne Joan Elliot-Said kam sie 1957 in Südostengland als Tochter einer Britin und eines Somaliers zur Welt. In Interviews erinnert sie sich, dass sie schon mit fünf Jahren Protestsongs schrieb, weil sie Fleisch essen sollte. Mit 15 ging sie nach London und wollte Opernsängerin werden. Zum Glück kam alles anders, und sie landete bei einem schlecht besuchten Konzert der Sex Pistols. „Das kann ich auch“, sollen ihre paradigmatischen Gedanken gewesen sein. Sie setzte eine Anzeige in ein Musikmagazin und suchte „young punx who want to stick together“.

X-Ray Spex war geboren, eine Punkband mit Sängerin, Saxofon und ohne Nieten und Lederjacken. Dafür mit einer legendären Zahnspange, die jahrelang aus dem Mund von Poly Styrene blitzte, hellblauen Strickjacken und rosa Söckchen. Ein nettes Mädchen von nebenan, das dieses Bild mit den ersten Tönen jedoch zerstörte. Nicht rotzig abwehrend mit erhobenem Mittelfinger, eher überzogen, gefährlich süß und dadaistisch, wie die Songtexte von „I am a cliché“ oder „Art-I-Ficial“ zeigen. Glatte und künstliche Welten, wie vom Fließband, kamen zum Vorschein, die ihrem Künstlerinnennamen, in Anlehnung an Polystyren, einem Kunst- und Schaumstoff, alle Ehre machten.
Mit ihrer Stimme kratzte sie an den Fassaden, schmirgelte die Plastikbilder ab. Rollenerwartungen wie Sexyness erteilte sie eine Abfuhr und hätte sich lieber die Haare abrasiert, als dieses zweifelhafte Kompliment zu bekommen. In einem ihrer letzten Interviews, das sie dem „Missy Magazine“ gab, stellte sie aber auch nüchtern fest: „Wir waren mit X-Ray Spex Ende des 1970er genau an der Schnittstelle, eine der letzten Bands, die sich ein nicht sexualisiertes Image noch erlauben konnten. Nach uns kamen dann schon Acts wie Madonna.“

„Überlass nicht Kylie Minogue das Feld.“ Trotzdem oder deswegen stiegen X-Ray Spex schnell zu Sternen im britischen Punkhimmel auf, leuchteten auch in den USA und spielten im legendären New Yorker Punk-Club CBGBs. Schon 1979 löste die Band sich auf. Styrene spielte daraufhin das Soloalbum „Translucence“ ein und schloss sich der Hare-Krishna-Bewegung an, verließ diese aber aufgrund der dortigen Frauenfeindlichkeit wieder. Im Jahre 1995 gab es eine erste Wiedervereinigung der Band, zu der wohl eine Krankenschwester Anlass gab. Mit den Worten „Geh raus hier. Überlass nicht Kylie Minogue das Feld“, schob sie Styrene aus der Klinik, in der sie wegen angeblicher Persönlichkeitsstörungen behandelt wurde.

Das zweite Album „Conscious Consumer“, das erst 2005 erschien, konnte nicht an den Erfolg des Debüts anknüpfen. Eine Platte, die im Zuge der Riot Grrrl-Bewegung erneute Popularität und Vorbildstatus genoss. Für Kathleen Hannah von „Bikini Kill“ und „LeTigre“ war Styrene die Sängerin, die den Weg ebnete. Auch Beth Ditto von „Gossip“ führt sie als musikalischen Einfluss an, der ihr zum Selbstvertrauen verhalf, sie selbst zu sein.

Nach ihrem letzten Auftritt 2008 mit X-Ray Spex widmete sich Poly Styrene einer erneuten Soloplatte namens „Generation Indigo“, die im März diesen Jahres erschienen ist. Poppiger kommen die Songs daher, wenden sich aber immer noch, wie in „Kitsch“, gegen starre und sexualisierte Bilder von Frauen. Bis zum Schluss kritisierte sie diese Zurschaustellung, auch noch im Hospiz, wo sie weiterhin Interviews gab. Am Abend des 25. April schied sie aus dem Leben. Ihre Stimme bleibt uns auf den Tonträgern jedoch erhalten.

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