Juli/August 2012 – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de Tue, 26 Jun 2012 10:31:50 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.0 https://ansch.4lima.de/wp-content/uploads/2024/10/cropped-favicon-32x32.png Juli/August 2012 – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de 32 32 an.künden: Verführerisch https://ansch.4lima.de/an-kunden-verfuhrerisch/ https://ansch.4lima.de/an-kunden-verfuhrerisch/#respond Tue, 26 Jun 2012 10:31:50 +0000 https://anschlaege.at/?p=3224 LYNN HERSHMAN LEESON in Bremen]]>

Lynn Hershman Leeson zählt zu den PionierInnen interaktiver, computerbasierter Medienkunst. Die aktuelle Ausstellung „Seducing Time“, die anlässlich der Auszeichnung Hershmans mit dem Dam Digital Art Award stattfindet, präsentiert rund siebzig Installationen, Videos und Fotografien der US-amerikanischen Künstlerin, die eine Schaffensperiode von über vierzig Jahren abdecken. Hershmans Arbeiten thematisieren u.a. Identität, Konsum und Überwachung und setzten immer wieder wichtige Impulse für feministische Diskurse.

bis 19.8., Lynn Hershman Leeson: Seducing Time, Kunsthalle Bremen, 28195 Bremen, Am Wall 207, Di 10–21.00, Mi–So 10–17.00, T. 0421/329 08-0, www.kunsthalle-bremen.de

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an.künden: Körper-Politik https://ansch.4lima.de/an-kunden-korper-politik/ https://ansch.4lima.de/an-kunden-korper-politik/#respond Tue, 26 Jun 2012 10:28:54 +0000 https://anschlaege.at/?p=3217 Regisseurin und Choreografin CLAUDIA BOSSE in Wien]]>

Kann ein Körper demokratisch sein? Wer bin ich, wenn ich mich bewege? Von wem ist die Bewegung? Diesen und ähnlichen Fragen widmet sich die von Regisseurin und Choreografin Claudia Bosse geleitete Choreo­graphers’ Venture Group über drei Wochen lang, bevor sie im Rahmen des ImPulsTanz-Festivals mit „your energetic democratic body!“ vor das Publikum tritt.

your energetic democratic body! 10.8., 19.30, ehemalige Zollamtskantine; 11.8., 19.00, Kasino am Schwarzenbergplatz, Tickets € 12/10, www.impulstanz.com

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plusminus: Juli/August 2012 https://ansch.4lima.de/plusminus-juliaugust-2012/ https://ansch.4lima.de/plusminus-juliaugust-2012/#respond Tue, 26 Jun 2012 09:51:30 +0000 https://anschlaege.at/?p=3197 Rutsch-Verbot (–)

„Achtung: Nicht für weibliche Badegäste geeignet!“ Mit diesem Schild wollten die Betreiber_innen des Freizeitparks Arena 47 im Tiroler Ötztal Frauen von der Benutzung einer Rutsche abhalten. Auf Presseanfragen, warum sich denn weibliche Badegäste besser nicht in die Tiefe stürzen sollen, antwortete die Badeleitung: Frauen würden sich „leichter erschrecken“, und Rutschen wäre für sie „gefährlicher“. Außerdem hätten sie „Probleme, die „Beine zusammenzuhalten“.

Bikini-Not (+)

Damit die Badesaison nicht gleich mit Selbstzweifeln beginnt, hier ein Hinweis auf den aktuellen Kommentar von Laurie Penny: „Die ,Bikini-Figur‘ ist zum kulturellen Kürzel für einen moralischen Standard weiblicher Perfektion geworden“, analysiert die britische Kolumnistin in „The Guardian“. Und www.denkwerkstattblog.net sagt dazu: „Dass Bademode einfach praktisch sein könnte oder die Gelegenheit bietet, sich die Sonne auf die (nackte) Haut scheinen zu lassen, ist längst vergessen.“

Leonie Kapfer

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an.sage: Lieber Tretboot fahren https://ansch.4lima.de/an-sage-lieber-tretboot-fahren/ https://ansch.4lima.de/an-sage-lieber-tretboot-fahren/#respond Tue, 26 Jun 2012 09:44:00 +0000 https://anschlaege.at/?p=3194 Soll man das Recht auf (Eltern-)Teilzeit wirklich abschaffen? Von SVENJA HÄFNER]]>

Ein Kommentar von SVENJA HÄFNER

 

Meinen Einstieg in die Welt der Arbeit hatte ich mit 16, als Spülkraft in einem Gasthaus. Damals war es noch nicht so wichtig, was man arbeitete, Hauptsache das Geld stimmte und die Arbeitsatmosphäre war einigermaßen erträglich. Nach dem Abitur folgte eine Ausbildung zur Sport- und Gymnastiklehrerin. Meine Stärke lag jedoch mehr in den eigenen sportlichen Fähigkeiten als in der pädagogischen Vermittlung. Ein Beruf wurde also nicht draus. Weitere Ausbildungsfinanzierungen verweigerten meine Eltern, also konzentrierte ich mich erzwungenermaßen auf’s Geldverdienen. Und blieb erst mal in der Gastronomie.
Von der Tellerwäscherin zur Köchin (mit Lehrabschluss) aufgestiegen, arbeitete ich Vollzeit in unterschiedlichen Betrieben. Nun hatte ich ausreichend Geld, war finanziell unabhängig und übernahm immer wieder verantwortungsvolle Posten – doch eine wirkliche Zufriedenheit stellte sich dabei nicht ein. Die Energie nach Arbeitsschluss reichte gerade mal zum Einkaufen, Essen, Fernschauen und Füße hochlegen. Rückblickend wüsste ich nicht, wie ich mich da noch um Kinder hätte kümmern können. Mit wurde klar: Ich wollte nicht nur Geld, sondern auch Zeit, und damit die Möglichkeit, neben der Arbeit noch etwas für mich Sinnvolles zu tun. Also reduzierte ich die Arbeit, inskribierte an der Uni Soziologie und Politikwissenschaft, passte meinen Lebensstil meinen verminderten finanziellen Mitteln an und war fast so etwas wie glücklich. Anerkennung gab es dafür leider nur wenig. Ich war meinem Umfeld nicht zielstrebig genug. Aber schließlich studierte ich aus persönlichem Interesse und zu meiner eigenen Befriedigung – und nicht, um einen gut bezahlten Job zu ergattern und Karriere zu machen.
Mittlerweile habe ich einen Studienabschluss, zwei Kinder und arbeite Teilzeit. Zum einen, weil mir der Sinn für’s Karrieremachen fehlt und mir noch bis heute nicht so ganz klar ist, wohin ich jobmäßig eigentlich will. Zum anderen aber auch, weil mir mein jetziger Job die Möglichkeit bietet, mir meine Arbeitszeit selbstständig einzuteilen, weil ich den Freiraum habe, mich auch anderswo zu engagieren, weil ich die Zeit mit meinen Kindern – die übrigens beide in einer Ganztagesbetreuung sind – entspannt genießen kann, weil ein gutes Partnereinkommen das finanzielle Überleben der Familie sichert und ich mit dieser Situation zufrieden bin. Wären da nicht die vielen heftig propagierten Nachteile einer Teilzeitstelle: die geringe Entlohnung, die verbauten Karrierechancen und nicht zu vergessen der geringe Pensionsanspruch, ein großes Risiko für Altersarmut. Alles Argumente, die eindeutig gegen Teilzeitarbeit sprechen und die mich zugegebenermaßen hin und wieder an meiner Haltung zweifeln lassen.

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Die kürzlich von Frauenministerin Gabriele Heinisch-Hosek zur Diskussion gestellte Kürzung des Rechtsanspruchs auf Elternteilzeit und ihre dezidierte Stellungnahme gegen Teilzeit nähren diese Zweifel. Das Engagement der Ministerin dafür, dass Frauen von ihrem Einkommen leben können, ist löblich. Aber sollten dann nicht gerade jene schlecht bezahlten Jobs im Handel, im Pflege- und Gesundheitsbereich und in der Gastronomie, in denen Frauen oft Teilzeit arbeiten, besser entlohnt werden? Alles Berufe, die sowohl physisch als auch psychisch sehr belastend sind, weshalb es oftmals gerade die reduzierte Arbeitszeit ist, die einen dauerhaften Verbleib überhaupt garantiert. Schlecht bezahlt sind auch die Jobs in alternativen Projekten und Vereinen, die sich eine ausreichende Entlohnung ihrer engagierten Mitarbeiter_innen nicht leisten können. Auf der anderen Seite sind es aber oft gerade solche Jobs, die als sehr erfüllend erlebt werden.
Keine Frage – solange es kein soziales Sicherungssystem wie beispielsweise das bedingungslose Grundeinkommen gibt, spielen Geld, der eigenständige Erhalt des Lebensunterhalts und damit verbunden die bezahlte Arbeit eine zentrale Rolle. Aber grundsätzlich sollte es jeder/m zugestanden und ermöglicht werden, auch andere Prioritäten im Leben zu setzen und sich gegen eine Vollzeitarbeitsstelle zu entscheiden. Um zum Beispiel ohne schlechtes Gewissen stundenlang mit den Kindern Tretboot fahren zu können. 

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Feminist Superheroines: June Jordan https://ansch.4lima.de/feminist-superheroines-june-jordan/ https://ansch.4lima.de/feminist-superheroines-june-jordan/#respond Tue, 26 Jun 2012 09:39:42 +0000 https://anschlaege.at/?p=3191 JUNE JORDAN (1936 – 2002) war eine US-amerikanische Poetin, Journalistin, Aktivistin, Essayistin und Lehrerin. ]]>

June Jordan (1936 – 2002) war eine US-amerikanische Poetin, Journalistin, Aktivistin, Essayistin und Lehrerin. Schon mit sieben begann die Tochter jamaikanischer Migrant_innen zu schreiben. Ihre Bildung erkämpfte sie sich mit Unterstützung ihrer Eltern, aber fast ohne Rolemodels für Afroamerikanerinnen im „weißen“ Amerika. Sexismus, Rassismus, Kapitalismus, alleinerziehende Mütter und „Black English“ sind wiederkehrende Themen ihrer genreübergreifenden Arbeiten, wie auch die Auseinandersetzung mit Homo- und (ihrer) Bisexualität. Vor ihrem Tod veröffentlichte sie zuletzt Essays zu 9/11 und zu ihrem Kampf gegen den Brustkrebs, dem sie 66-jährig schließlich erlag.

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June Jordan

Text: Julia Mac Gowan
Illustration: Lina Walde

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bonustrack: Sag mir, wo die Groupies sind. https://ansch.4lima.de/bonustrack-sag-mir-wo-die-groupies-sind/ https://ansch.4lima.de/bonustrack-sag-mir-wo-die-groupies-sind/#respond Tue, 26 Jun 2012 09:35:18 +0000 https://anschlaege.at/?p=3186 There is no business like show business. Von VERA KROPF]]>

There is no business like show business. Nirgends sind die Gemüter und Körper erregter. „Iiiiieeeeee“, kreischen die Polka-Dots-Bacchantinnen in Ekstase, bereit, den Opferstier in Stücke zu reißen. So bedrohlich sie in der Horde wirken, ist doch jede für sich ein niedliches Mädchen, lässt sich kichernd auf den Busen signieren. Und die Jungs?
Ich hatte früher die naive Erwartung, dass sich der Spieß umdrehen ließe: Stelle ein paar coole attraktive Mädchen/Frauen auf die Bühne, lass sie Rock’n’Roll spielen, und die Jungs werden wegbrechen. Irrtum! Der Sex der Frauenbands ist, nolens volens, tausendmal queerer als ein Modehipsterhirn es je begreifen kann. Nicht nur, weil sie angezogen Instrumente spielen. Selbst bei sexy Kylie & Co sind es die Schwulen, die abgehen, wohingegen für heterosexuelle Jungmänner die Konzertpublikumssituation einfach kein schicklicher Rahmen zu sein scheint, ihren Begehrensäußerungen freien Lauf zu lassen. Wo gibt es ein Pendant zur weiblichen Groupie-Kultur? Wo dürfen Männer angesichts der Performance von Frauen in kollektive sexuelle Ekstase fallen? Im, äh, Strip-Club? Tja, das ist wohl was anderes. So was machen wir nicht. Wir sind aufgeklärt und reflektiert und würden uns ohnehin nicht zu solch primitiv-sexualisiertem Fan-Verhalten hinreißen lassen. Wir bewundern still aus dem Off, statt in der ersten Reihe zu kreischen. Schade eigentlich. Wir verschenken Plektren, signieren Platten, Sticker, Karten, doch noch nie wurde meinem Edding ein samtener Jungen-Bauch dargeboten. Aber letztens mussten wir auf einem bebenden Busen unterschreiben und ich habe einen Heiratsantrag bekommen. Von einer 16-jährigen Lesbe. Mamma Mia! Ich tue ja, was ich kann. Aber es sind immer die Mädchen. So hetero kann ich gar nicht sein.

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Illustration: Lina Walde

Vera Kropf ist Gitarristin und Sängerin bei Luise Pop (Wien) und Half Girl (Berlin) und hat so was nicht nötig, würde aber, rein aus wissenschaftlichem Interesse, gerne auch mal männliche Teenager in Ekstase sehen.

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heimspiel: Think Pink. https://ansch.4lima.de/heimspiel-think-pink/ https://ansch.4lima.de/heimspiel-think-pink/#respond Tue, 26 Jun 2012 09:27:22 +0000 https://anschlaege.at/?p=3178 „Bub oder Mädchen?“ Von BEAT WEBER]]>

leben mit kindern

„Bub oder Mädchen?“ Die Frage erscheint plötzlich wie eine unerwartete Weggabelung auf einer Straße, auf der ich eigentlich erst noch gemütlich ein bisschen geradeaus flanieren und mich umschauen wollte. Dass Männer und Frauen in Kleiderkaufhäusern auf getrennte Stockwerke geschickt werden, ist zur Gewohnheit geworden. Aber für den Vater, der Schuhe für seine noch nicht mal zweijährige Tochter kaufen möchte, ist der Entscheidungszwang als Ausgangspunkt eines Verkaufsgespräches dann doch ein Schock. Vor allem wenn sich die Angst, die wahrheitsgemäße Auskunft über die Geschlechtszuordnung führe zu einem Eintauchen in eine Welt des rosa Terrors, restlos bewahrheitet, sobald das Verkaufspersonal Ansichtsexemplare herbeischafft.
Beim ersten Paar Schuhe entfährt mir noch ein defensives Gemaule, worauf sich die Verkäuferin direkt an meine Tochter wendet und sie als Verbündete adressierte, der das Recht zugestanden werden soll, auch gegen den Widerstand der Eltern Rosa tragen zu „dürfen“. Wäre zu diesem Zeitpunkt ein Spontan-Vortrag über anerzogene Geschlechterstereotype fällig gewesen? Vielleicht, aber ich bin davor zurückgeschreckt, denn gerade im Gespräch mit einer Schuhverkäuferin, die nicht nach Studentin mit Übergangsjob aussieht, drängen sich Gedanken über die Klassenkomponente entsprechender Diskurse auf. Transportierte ihr skeptischer Blick nicht den unausgesprochenen Vorwurf, die emanzipatorischen Pädagogik-Vorstellungen der Eltern seien nur eine vorgeschobene Begründung für Distinktionswünsche, die auf die Kinder übertragen werden? Leute, die aus der Reihe tanzen (bzw. das Kind aus der Reihe schubsen), weil sie sich für was Besseres halten?
Doch selbst wer solche Gedanken verscheucht und sich im Kaufhaus durchsetzt, ist noch lange nicht am Ziel. Die härtere Prüfung stellt sich in Form von Verwandten und Bekannten, die uns tonnenweise Kleidungsstücke bringen, aus denen ihre Kinder herausgewachsen sind: Denn sag mal deiner Oma ins Gesicht, dass du die handgestickte rosa Mützchen-Kollektion, die bereits ihre Großmutter getragen hat, für dein Kind unpassend findest.

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Illustration: Nadine Kappacher

Beat Weber ist eine Autoren-Leihgabe der Zeitung „MALMOE“ (www.malmoe.org).

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an.sehen: Softe Rebellion https://ansch.4lima.de/an-sehen-softe-rebellion/ https://ansch.4lima.de/an-sehen-softe-rebellion/#respond Tue, 26 Jun 2012 09:14:41 +0000 https://anschlaege.at/?p=3172 In „17 Mädchen“ erkämpft sich ein Freundinnenkreis die Freiheit mit Babybäuchen. Von VINA YUN]]>

Weibliche Teens proben den Aufstand: In „17 Mädchen“ erkämpft sich ein Freundinnenkreis die Freiheit mit Babybäuchen. Von VINA YUN

 

Einst war Lorient – damals noch L’Orient – Heimathafen der französischen Ostindien-Kompanie und zentraler Umschlagplatz für den kolonialen Orienthandel. Heute lebt die bretonische Arbeiterstadt, die im Zweiten Weltkrieg fast vollständig zerstört wurde, vorwiegend von der Fischerei und bietet einen ziemlich heruntergekommenen Eindruck: Fischkonservenfabriken, ein paar Hochhäuser, Beton-Tristesse. Eingebettet in dieses matte industrielle Ambiente ist die Geschichte von „17 Mädchen“ von Delphine und Muriel Coulin, die für ihren ersten Langspielfilm in ihre alte Heimatstadt zurückkehrten.
„17 Mädchen“ handelt von einer Gruppe weiblicher Teenager, die einen außergewöhnlichen Pakt schließt: Angeführt von der aufmüpfigen Camille, die unfreiwillig ein Baby erwartet, lassen sich die Freundinnen der Reihe nach schwängern. Sie träumen von einem gemeinsamen Leben in einer Mutter-Kind-Kommune, in der sich alle gegenseitig umsorgen und stützen: Ein Gegenentwurf zur jetzigen Lebenssituation, in der ignorante erwachsene Autoritäten das Sagen haben. Und auch wenn eine mal kurzfristig vor Eifersucht platzt: Jungs spielen keine allzu große Rolle im Leben von Camille & Co. – mal abgesehen von ihrer Funktion als Samenspender.

Mädchenrevolte. Dass gerade mit der Geburt eines Kindes ein selbstbestimmtes Leben möglich scheint, klingt zunächst absurd, kommt jedoch nicht von ungefähr: Lorient „bietet Jugendlichen wenig Perspektiven“, konstatieren die Coulins. „Die Erwachsenen, die Lehrer, die gesamte Gesellschaft schaffen es nicht, diesen Mädchen andere Möglichkeiten aufzuzeigen, außerhalb dieses vorgezeichneten Lebens: etwas Schulbildung, eine Anstellung, Hochzeit und zwei Kinder – genau in dieser Reihenfolge“, resümiert das Regie-Duo in den Produktionsnotizen zum Film. „Aber das wollen sie auf den Kopf stellen: Sie wollen alles, und zwar sofort.“
Anstatt einen krawalligen Skandalfilm über Teenager-Schwangerschaften zu inszenieren, erzählen die Coulin-Schwestern die Story aus der Mädchen-Perspektive, in einem unaufgeregten, beinahe spielerischen Ton. Streckenweise war das Bemühen, jeglichen Pathos zu vermeiden, vielleicht etwas zu groß: Die individuellen Nöte der Mädchen werden bloß angestupst, die Dringlichkeit des jugendlichen Aufstandes en passant verhandelt. Rasante emotionale Achterbahnen hält aber ohnedies die Realität bereit – denn der Film basiert auf einer wahren Begebenheit. 2008 wurden im US-Bundesstaat Massachusetts 17 Mädchen an einer Highschool schwanger, Medien berichteten nervös über einen angeblichen „Pregnancy Pact“ unter den Schülerinnen.
Auch „17 Mädchen“ thematisiert die Grenzen zwischen Selbst- und Fremdbestimmung und die Frage der Entscheidungsgewalt, sobald es um weibliche Sexualität geht. Dabei unterschätzen die Coulins ihre Protagonistinnen nicht: Die Mädchen sind clever genug, zu erkennen, dass sie über ihren Körper – als ihr primäres Kapital in dieser Gesellschaft – Revolten anzetteln können. Für die 16-jährige Camille und ihre Freundinnen bedeutet die Schwangerschaft nicht etwa Gefangenschaft, sondern das genaue Gegenteil: Befreiung. Von der Abhängigkeit von den Eltern, von der Zurechtweisung durch Lehrer_innen, von der artigen Erfüllung gesellschaftlicher Erwartungen und  Normen.

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17 Mädchen, © Jerome Prebois

Freundinnen für immer. So naiv die Protagonistinnen an die Mutterschaft herangehen, so fest lässt sie die Sehnsucht nach einem anderen Leben (symbolisiert durch den Blick auf das Meer und die Weite des Himmels) zusammenhalten. Gerade in der Enge der Kleinstadt wirken Bündnisse unter Gleichgesinnten lebenserhaltend. Zweifel und Ängste kommen dann auf, wenn die Teens für sich alleine sind – etwa in der Stille ihrer Zimmer, deren mädchenhafte Einrichtung immer wieder daran erinnert, dass die Charaktere selbst noch mit einem Fuß in der Pubertät stecken.
Die Verbundenheit zwischen den Protagonistinnen schlägt sich vor allem in der Farbkomposition und im Soundtrack nieder: Die eigensinnige Mädchenwelt erstrahlt in kontrastreichen, bunten Bildern, begleitet von rockig-elektronischen Klängen (u.a. von DJ Chloé, Tricky und Devendra Banhart).
Letztlich bleibt das erträumte Frauenkommunen-Leben Utopie. Dennoch hält in „17 Mädchen“ keine Verzweiflung Einzug: Camille, die ihr ungeborenes Kind verliert, verlässt den Freundinnenkreis, doch auch ohne die einstige Rädelsführerin bleibt das Band zwischen den Mädchen bestehen, verstärkt durch die gemeinsame Heerschar an Nachkommen.

17 Mädchen (F 2011), Regie: Delphine Coulin, Muriel Coulin. Mit Louise Grinberg, Juliette Darche, Roxane Duran, Esther Garrel u.a.
Derzeit zu sehen in den österreichischen und deutschen Kinos.

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Fucking Fünfzig-Plus https://ansch.4lima.de/fucking-funfzig-plus/ https://ansch.4lima.de/fucking-funfzig-plus/#respond Tue, 26 Jun 2012 08:58:31 +0000 https://anschlaege.at/?p=3165 Wenn alte Frauen vögeln, klingeln die Kinokassen und jubeln die Verlage. Von ELISABETH GOLLACKNER]]>

Moralisch gerade noch vertretbar oder doch der lang ersehnte Befreiungsschlag? Wenn alte Frauen vögeln, klingeln die Kinokassen und jubeln die Verlage. Von ELISABETH GOLLACKNER

 

„Na, i bin ned rasiert, mir fallen’s eh schon aus“, antwortet die eine Freundin der anderen auf die Frage nach der Intimrasur. Zwei Frauen über Fünfzig, korpulent, faltig, auf ihren Liegestühlen am Strand in Kenia, warten auf einen jungen Loverboy. Es sind die Hauptcharaktere in Ulrich Seidls jüngstem Film „Paradies: Liebe“, der im Mai bei den Filmfestspielen in Cannes präsentiert wurde. Die beiden Sextouristinnen sind die kolonialistisch-kapitalistische Version von Figuren, wie sie in letzter Zeit in Film und Literatur vermehrt auftauchen: Frauen, die jenseits von körperlicher Makellosigkeit und Jugend ihre Sexualität ausleben.
„Sex im Alter ist eines der wenigen Tabus, die es in unserer Gesellschaft noch gibt“, sagt die Philosophin und Ethikerin Katharina Lacina. Ihn darzustellen sei „ein Tabubruch, der aber ethisch so weit in Ordnung ist, dass man ihn noch beschreiben kann“. Und gerade dieser Tabubruch sei für Filmemacher_innen und Autor_innen interessant. „Das Alter verdrängt man, ähnlich wie den Tod. Daran möchte man nicht denken.“
Auch der Regisseur Andreas Dresen bestätigt diese Vermutung: „Es hat mich angeödet, dass die Gesellschaft immer älter wird, es aber nicht die dazugehörigen Bilder gibt“, meinte er zum Start seines Films „Wolke 9“. „Liebe und Sex hören ab einem bestimmten Alter scheinbar auf zu existieren.“ Im Film verliebt sich die Hauptfigur nach dreißig Jahren Ehe plötzlich in einen anderen Mann, wird von der Liebe und dem Begehren überrollt. Ganz ungeschoren lässt der Filmemacher und Drehbuchautor seine entfesselte weibliche Hauptfigur aber nicht davonkommen. Am Ende, als ihre Affäre öffentlich wird und sie sich vom Ehemann trennt, bringt der sich um. Eine klare Botschaft ans weibliche Publikum, könnte man unterstellen. Trotzdem (oder gerade deshalb?) wurde „Wolke 9“ mit begeisterten Kritiken bedacht, Andreas Dresen für seinen Mut gelobt, „Sex ungeschönt zu zeigen“.1

Abwehr und Abwertung. Als noch mutiger erweist sich Elfriede Vavrik. „Nacktbadestrand“ nennen sich die autobiografischen Aufzeichnungen, in denen eine 79-jährige Frau über ihre neu entdeckte Sexualität schreibt (vgl. an.schläge 05/2010). Es waren Schlafstörungen, berichtet sie, und statt Pulverl verschrieb ihr der Arzt Sex. Nur: Mit wem, nach vierzig Jahren Witwendasein? Auf ihr Inserat „Suche potenten Partner, aber ohne Bindung“ meldeten sich mehr als hundert Interessenten, das daraus entstandene Buch wurde mehr als 270.000 Mal (!) verkauft.2 Das Cover ähnelt stark dem von Charlotte Roches „Feuchtgebiete“, man wollte ganz offensichtlich auf der gleichen Welle schockierender Offenheit mitschwimmen. Doch der Ekel, mit dem die junge, schöne Roche spielt, wird in Vavriks Fall um eine unheimliche Komponente erweitert. Dieses Mal ist es eine faltige Alte, die sich Gartengerätschaft in die eigenen Körperschächte schiebt.
Vavriks Mut wird nicht nur gelobt. Feuilletonist_innen reagieren entsetzt, eine Schamgrenze wurde überschritten, der Reflex darauf ist Abwehr und Abwertung. „Österreichs greises Luder“ 3 titelt beispielsweise Felicitas von Lovenberg in der „FAZ“, angewidert von der „Gerontophilie“, dem Gegenstück zur Pädophilie, und schießt gleich nach: „Man malt sich lieber nicht aus, was nach der Logik des Bestsellermarkts demnächst auf dieses Schauermärchen von der lüsternen Großmutter folgen könnte.“

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Filmstill aus Ulrich Seidls „Paradies: Liebe“ © Stadtkino Filmverleih

Asexuelle Alte. „Generationenschranke“ wird die Blockade genannt, die den Menschen im Normalfall dazu bringt, sich seine Sexualpartner_innen innerhalb der eigenen Altersklasse zu suchen – und alles jenseits dieser Grenzen mit Kopfschütteln oder Ekel abzutun. „Niemand, wirklich niemand will sich seine Eltern beim Sex vorstellen“, sagt die Psychotherapeutin Brigitte Moshammer-Peter, und sie fügt hinzu: „Aus eigener Erfahrung kann ich inzwischen sagen, dass man sich auch die eigenen Kinder nicht vorstellen will.“ Bei Großeltern wird das ganze noch eigenartiger. Hinzu kommen Stereotype, die die Gesellschaft verschiedenen Lebensphasen zuordnet. „Es gibt dieses Bild von der braven Omi, die Kekse backt“, so Moshammer-Peter. Ein Bild, das Begehren und aktive Sexualität ausschließt. „Ab Fünfzig haben wir wirklich asexuell zu sein. Wir entsprechen nicht mehr dem Schönheitsideal. Deshalb dürfen wir auch nicht mehr als Sexualobjekt gelten.“ Dass dieses Tabu gerade aufgebrochen wird, findet sie sehr gut: „Wenn etwas öffentlich wird, kommt Bewegung rein.“
Dass sich jüngere Frauen ekeln, anstatt Solidarität zu zeigen und sich über mögliche Perspektiven zu freuen, habe aber auch mit Selbstabwertung zu tun, meint die Paar- und Sexualtherapeutin Renate Falkner. „Die Frage ist ja: Wann beginnt das Alter? Bei manchen beginnt es bereits mit 25.“ Attraktiv sei nur, was perfekt sei, kritisiert sie. Gerade junge Frauen seien in dieser Hinsicht streng zu sich selbst und hart in der Beurteilung ihrer Umwelt. Die Sinnlichkeit bliebe dabei auf der Strecke. Cellulite-Dellen suchen; eine Diät nach der andern machen; erst wieder ausgehen, wenn die Waage drei Kilo weniger anzeigt … „Es geht nicht um Optik, sondern um Genussfähigkeit“, betont Falkner. „Und sie ist die Basis für erfüllte Sexualität in späteren Jahren.“

Schießende Omas. „Ein neuer Mensch. Neue Arme und Beine, Brüste, Bäuche lernten sich kennen und mögen“, schreibt die Feministin und Filmemacherin Helke Sander in ihrer Kurzgeschichtensammlung „Der letzte Geschlechtsverkehr“. Im Gegensatz zum offensiven „Nacktbadestrand“ von Elfriede Vavrik beschreibt Sander das vorsichtige und teilweise ängstliche Herantasten an eine neue Lebensphase. Die Heldinnen ihrer Geschichten möchten es gern noch mal versuchen, auch hier werden Inserate bemüht und sogar der Arzt als möglicher Sexualpartner in Betracht gezogen.
„Das Alter an sich ist ein Problem“, sagt Katharina Lacina. „Es ist ein Verlustprozess, bei dem man Fähigkeiten verliert und abbaut.“ Die medial forcierte Darstellung der „aktiven Alten“ ermöglicht es, die Angst vor diesem Verlustprozess aufzuschieben. „Wenn nun auch der sexuelle Aspekt betont wird, dann komplettieren wir das Bild, bei dem alle Funktionen nach wie vor ausgefüllt werden können. Dieses Bild erzeugt sicher auch Druck. Ich meine: Es gibt Viagra! Das sagt sehr viel.“ Brigitte Moshammer-Peter sieht noch einen weiteren Grund, warum „alter Sex“ immer öfter medial auftaucht: „Die 68er-Generation kommt jetzt in die Jahre, und die wollen ihre Botschaft weitertragen. Wieder einmal sagen sie: Es ist noch alles möglich! Das sind die Frauen, die die Frauenbewegung getragen haben. Die waren immer schon sehr kämpferisch aufgelegt, haben starken Gegenwind aushalten müssen.“
Kämpferisch ist die „Sex-Oma“ Vavrik allemal, nicht nur in den teils untergriffigen Interviewsituationen. Auch in ihrem Buch bedient sie sich martialischer Sprachbilder. „Ich hatte die Zähne, Messer, den Korb mit den Geschenken“, schreibt sie, angelehnt an Rotkäppchen als Analogie für die (unfreiwillige) Defloration: das Mädchen geschlechtsreif, und der Wolf – oder doch der Jäger –, der es auffrisst. Mit knapp achtzig Jahren dreht Vavrik die Fantasie um: Jetzt ist sie es, die die Kontrolle übernimmt. „Ich hatte das Gewehr, und ich war es, die schoss.“
Sind die vielen Bücher und Filme ein Beweis dafür, dass sich in den Fünfzig-plus-Betten etwas verändert hat? „Nein“, ist sich Brigitte Moshammer-Peter sicher. Den Sex gab es immer, er wurde nur nicht kommuniziert. Auch Renate Falkner bestätigt, dass überwiegend ältere Paare zu ihr zur Sexualberatung kämen. Und Moshammer-Peter ergänzt: „Nirgends gibt es so viel Sex wie in der Geriatrie. Da hat man viel Zeit, und Verhütung ist auch kein Thema mehr. Das macht Hoffnung, oder?“

Elisabeth Gollackner ist Journalistin. Sie lebt und liebt in Wien.

 

Fußnoten:
1 www.welt.de/kultur/article2385509/Wolke-9-und-die-Altersflecken-beim-Sex.html
2 Angabe laut telefonischer Auskunft von Bernhard Salomon, Geschäftsführer der Edition a, im Mai 2012.
3 www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/2.1719/bestseller-nacktbadestrand-oesterreichs-greises-luder-1993574.html

Ulrich Seidl „Paradies: Liebe“ (A/D/F, 2012), www.ulrichseidl.com
Andreas Dresen „Wolke 9“ (D, 2008), www.wolke9.de
Elfriede Vavrik „Nacktbadestrand“, Edition a, 2011, www.edition-a.at
Helke Sander „Der letzte Geschlechtsverkehr“, Verlag Antje Kunstmann, 2011, www.helke-sander.de

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„Von Beruf bin ich Rechtsanwalt, Feministin sein ist mein Hobby“ https://ansch.4lima.de/von-beruf-bin-ich-rechtsanwalt-feministin-sein-ist-mein-hobby/ https://ansch.4lima.de/von-beruf-bin-ich-rechtsanwalt-feministin-sein-ist-mein-hobby/#comments Tue, 26 Jun 2012 08:47:05 +0000 https://anschlaege.at/?p=3161 HELENE KLAAR ist feministische Scheidungsanwältin in Wien. IRMI WUTSCHER hat sie erzählt, warum sie trotz allem für die Ehe und gegen die Scheidung ist.

 

an.schläge: Sie gelten als Wiens „feministischste Scheidungsanwältin“ – warum?

Helene Klaar: Am Anfang meines Berufslebens war ich noch keine engagierte Feministin, sondern hatte ganz andere Ambitionen. Aber das Schicksal wollte es, dass keine reichen Generaldirektoren und Künstler mit Urheberrechtsstreitigkeiten zu mir gekommen sind, sondern arme Hausbesorgerinnen, denen der Mann davon ist und nichts für die Kinder gezahlt hat. Und was man oft und gut macht, macht man irgendwann gerne. Mittlerweile vertrete ich wesentlich mehr Frauen, aber auch Männer. Ich sage immer: Von Beruf bin ich Rechtsanwalt, Feministin sein ist mein Hobby, aber es deckt sich natürlich zu einem gewissen Bereich.

Würden Sie Frauen raten, zu heiraten? Oder eher nicht?

Wenn eine Beziehung länger andauert und man gemeinsam Vermögen erwirbt oder Kinder hat, bin ich unbedingt dafür, dass Frauen heiraten! Die Idee, dass wir auf freiwilliger Basis in Freiheit und Gleichheit leben, solange es uns freut, klingt wahnsinnig toll, ist aber für die beteiligte Frau nie von Vorteil, vor allem wenn sie Kinder hat. Ich bin eine große Freundin der Eheschließung, aber keine der Ehescheidung! Ich versuche es vielen Klientinnen auszureden. Man hat mir einmal den Spruch entlockt: „Besser eine Ehe ohne Liebe als eine Scheidung ohne Geld“. Es ist eine Schnapsidee zu glauben, dass man heiratet und danach ist man täglich 24 Stunden glücklich. Und eine nicht mehr im siebenten Himmel schwebende Ehe kann deutlich angenehmer sein als die Schmerzen und finanziellen Nachteile einer Trennung.
Wer die Ehe scheut, weil er für die Partnerin keine Verantwortung übernehmen will, kommt derzeit gut weg. Ich wäre dafür, dass man auch Lebensgemeinschaften mit einem Mindestmaß an rechtlicher Absicherung ausstattet, um diese krassen Ausbeutungsverhältnisse zu vermeiden, die sich vor allem bei heterosexuellen Lebensgemeinschaften oft ergeben. Da könnte man schon ein paar Eckpfeiler einziehen, damit die scheinprogressive Vermeidung der spießigen Ehe nicht zu einer Ausbeutung der widerwärtigsten Form führt.

Lebensgemeinschaften sollen also anerkannt werden, ohne dass sie auf dem Papier als solche ausgewiesen sind?

Man könnte Lebensgemeinschaften registrieren lassen, zur leichteren Beweisbarkeit. Für die Gutwilligen. Es müssen nicht die gleichen Rechte erwachsen wie aus der Ehe, denn man muss zur Kenntnis nehmen, dass es eben Menschen gibt, die das nicht wollen. Bei der registrierten Form ist dann klar, dass hier eine Lebensgemeinschaft vorgelegen hat. Ansonsten hat der, der etwas möchte, Beweise dafür zu erbringen.

Bei der Eingetragenen PartnerInnenschaft gibt es ein „Vertrauensverhältnis“ anstatt Pflicht zur „sexuellen Treue“ wie bei der Hetero-Ehe. Wie ist das bei Ehescheidungen, ist Untreue da ein großes Thema?

Natürlich. Wenn es passiert, ist es meistens eine tiefe Kränkung. Und wenn eine Ehe schon schlecht läuft, ist eine anderweitige Beziehung immer Anlass, eine Scheidung zu überlegen. Aber der hauptsächliche Scheidungsgrund ist das zweite Kind. Damit meine ich die Belastung durch die wenig familienfreundlichen Verhältnisse: Es können nicht beide Partner vierzig Stunden arbeiten, sich um Kinder und Haushalt kümmern und auch noch ein Liebesleben haben. Das geht sich in den 24 Stunden eines Tages nicht aus. Leider tendieren die Leute dazu, sich gegenseitig Vorwürfe zu machen, anstatt zu erkennen, dass die hohen Mieten, eine Vollzeitarbeits-Woche und die kinderunfreundliche Umgebung das Problem sind. Der Mann kann dann leichter abspringen, besonders wenn er eine andere findet.

Hatten Sie es auch schon mit Partnerschaftsauflösungen zu tun?

Vor Jahren, als es die Eingetragene PartnerInnenschaft noch gar nicht gab! Da haben sich zwei Frauen um gemeinsames Mobiliar gestritten, und ich habe eine vertreten. Das war ähnlich emotionsgeladen wie bei der Trennung von Ehepaaren. Von den bisherigen etwas über tausend Eingetragenen Partner­Innenschaften haben sich aber erst 13 getrennt. Es ist also noch zu früh, um darüber etwas zu sagen.

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