IV / 2017 – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de Wed, 29 Jul 2020 19:54:43 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.0 https://ansch.4lima.de/wp-content/uploads/2024/10/cropped-favicon-32x32.png IV / 2017 – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de 32 32 an.sage: Mainstream 2.0 https://ansch.4lima.de/an-sage-mainstream-2-0/ https://ansch.4lima.de/an-sage-mainstream-2-0/#respond Wed, 24 May 2017 09:29:57 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=8685 Brigitte TheißlDas Frauenvolksbegehren startet neu durch. Von BRIGITTE THEISSL]]> Brigitte Theißl

Ein Kommentar von BRIGITTE THEISSL

 

Elf Forderungen waren es, die Aktivistinnen 1997 im ersten Frauenvolksbegehren stellten und die im Wesentlichen auf eine Gleichstellung von Frauen auf dem Arbeitsmarkt und auf eine Grundsicherung abzielten: ein Mindesteinkommen, der Ausbau ganztägiger Betreuungseinrichtungen und eine Grundpension standen etwa auf der Liste der eingeforderten Maßnahmen. Mit rund 645.000 Unterschriften konnte das Frauenvolksbegehren zwar nur halb so viele Unterstützer*innen wie das zur selben Zeit stattfindende und von der „Kronen Zeitung“ gepushte Gentechnikvolksbegehren gewinnen, dennoch war es ein durchschlagender Erfolg für eine breite Frauenbewegung (mit prominenten Gesichtern in der ersten Reihe), die von Wien bis Vorarlberg mobil machte und in den Fußgängerzonen um jede Unterschrift kämpfte. Der realpolitische Erfolg ließ freilich auf sich warten: Nach zähen Verhandlungen blieb es bei leeren Versprechungen des damaligen Kanzlers Viktor Klima (SPÖ) und Widerstand aus dem rechtskonservativen Lager.

Die fehlenden Resultate einer in Österreich seit Jahrzehnten bloß rhetorischen Gleichstellungspolitik treten heute offen zutage und zeigen sich in einer immer noch klaffenden Lohnschere von rund 22 Prozent, einem noch größeren Gender Pension Gap und einer Teilzeitquote bei weiblichen Erwerbstätigen von fast fünfzig Prozent. Und ob nicht schon die Grundprämissen einer „Gleichstellungspolitik“, die Frauen einfach in das bestehende System integrieren will, ohne es zu verändern, ganz neu diskutiert werden müssen, sei einmal dahingestellt. Vor diesem Hintergrund tritt das „Frauenvolksbegehren 2.0“ an, um alte Kämpfe neu zu führen. Erneut haben sich Frauen* zusammengefunden, die mithilfe des etablierten demokratischen Instruments Volksbegehren vor allem eines erreichen wollen: eine frauenpolitische Diskussion in Gang zu setzen. Zu Beginn gilt es eine finanzielle Hürde zu überwinden: Werden bis Anfang Juni via Crowdfunding nicht 100.000 Euro eingesammelt, setzen die Initiatorinnen* das Projekt in dieser Form nicht um. Schon jetzt zeigt sich der professionelle Zugang der Truppe: Statt monatelang Energie vorrangig in ausschweifende basisdemokratische Diskussionen zu stecken, die die (autonome) Frauenbewegung seit jeher prägen, wurde in Arbeitsgruppen an Kommunikationskonzepten gefeilt und Berater*innen hinzugezogen. Die große Begeisterung, die dem Frauenvolksbegehren 2.0 bisher entgegegenschlägt – von den üblichen Rülpsern einmal abgesehen –, zeigt, dass es ein solches Mainstreaming im besten Sinn des Wortes braucht, um Menschen außerhalb eingeschworener, (queer-)feministischer Zirkel anzusprechen. Inhaltlich bedeutet das allerdings auch, Abstriche zu machen: Selbst wenn etwa mit der 30-Stunden-Woche eine visionäre Forderung im neuen Volksbegehren Platz gefunden hat (den Neos steht bereits der Schweiß auf der Stirn) und auch asylsuchende Frauen mitbedacht wurden, so ist es doch bemerkenswert, dass 2017 die Legalisierung, also die Streichung des Schwangerschaftsabbruchs aus dem Strafrecht, offenbar noch immer keine denkbare feministische Forderung auf breiter Basis sein kann und auch die Gleichstellung gleichgeschlechtlicher Partner*innenschaften kein Teil der 15 Forderungen ist. Da sich das Volksbegehren 2.0 schon an Frauen* – und nicht an Frauen – wendet, wurde zudem die Chance verpasst, etwa den Anliegen von Aktivist*innen, die für eine verbesserte Lebenssituation intergeschlechtlicher Menschen und von Transpersonen in Österreich kämpfen, mehr Öffentlichkeit zu verschaffen. All das sind Diskussionen, die auch angesichts eines schleichenden Rechtsrucks in aktivistischen Kreisen (Stichwort Political Correctness, Stichwort Kopftuch) einer feministischen Debatte bedürfen, zu der gerade feministische Medien einen wichtigen Beitrag leisten können und müssen. Die Aktivistinnen* des Frauenvolksbegehrens 2.0 werden ohnehin viel Energie benötigen für politische Kämpfe in einer Demokratie, die aktuell wie in so vielen anderen europäischen Staaten von testosterongeladenen Charismatikern geprägt wird. Solidarische Frauen*kämpfe statt Führungsfiguren – den Aktivistinnen* ist das Beste zu wünschen.

 

 

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Staatsfeminismus auf Schwedisch https://ansch.4lima.de/staatsfeminismus-auf-schwedisch/ https://ansch.4lima.de/staatsfeminismus-auf-schwedisch/#respond Wed, 24 May 2017 09:02:07 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=8691 Vize-Premierministerin Isabell Lövins satirische Antwort auf die männerbündlerische US-Politik. © Johan SchiffDie erste feministische Regierung der Welt. Von VALENTINE AUER]]> Vize-Premierministerin Isabell Lövins satirische Antwort auf die männerbündlerische US-Politik. © Johan Schiff

Die rot-grüne Minderheitenregierung in Schweden bezeichnet sich selbst als „erste feministische Regierung der Welt“. Wird sie diesem Titel gerecht? Von VALENTINE AUER

 

Ein bunter Haufen feiert gemeinsam auf den grünen Wiesen Schwedens: Es tummeln sich Bärtige in Hochzeitskleidern, andere haben sich Bärte ins Gesicht gemalt. Gemeinsam strecken sie den Mittelfinger in die Höhe und singen: „Goodbye now, fucking rightwing alliance.“ So sah das Musikvideo des queer-feministischen Kollektivs „Manlig Identitets Konst“ aus, mit dem vor den Wahlen zum Schwedischen Reichstag 2014 dazu aufgerufen wurde, gegen die damalige rechte Regierung Reinfeldt zu kämpfen und dieses Mal anders zu wählen.
Der Wunsch ging in Erfüllung. Seit Oktober 2014 regiert eine sozialdemokratisch-grüne Minderheitenregierung. Zwölf der 24 Kabinettsmitglieder sind Frauen. Die schwedische Regierung bezeichnet sich als „erste feministische Regierung der Welt“. Doch sind nun wirklich alle Träume wahr geworden?

Symbolischer Feminismus. Die feministische Arbeit der Regierung zeichnet sich zunächst vor allem durch symbolische Gesten und Absichtsbekundungen aus. Nicht nur die Selbstbezeichnung aller Kabinettsmitglieder als feministisch fällt darunter, sondern auch das viral gewordene Bild mit Vizeministerpräsidentin Isabella Lövin, die – umgeben von ihren Kolleginnen – ein neues Klimagesetz unterzeichnet.
Das Foto war eine Reaktion auf die US-amerikanische Macho-Regierung unter Donald Trump, konkret auf das Bild, das Trump im Oval Office umgeben von weißen Männern zeigt. Er unterzeichnet darauf ein Finanzierungsverbot ausländischer Organisationen, die Abtreibungen unterstützen. Männer, die über die Körper von Frauen entscheiden – ein aus der Geschichte bestens bekanntes Motiv. Die schwedische Regierung will es anders machen.
Laut Clara Berglund, Leiterin der unabhängigen Dachorganisation „Schwedische Frauenlobby“, ist auch ein Feminismus der symbolischen Gesten und Worte durchaus von Bedeutung. Gerade jetzt: „In einer Zeit, in der Frauenrechte weltweit infrage gestellt werden, ist es wichtig, dass eine Regierung sich selbst als feministisch bezeichnet“, sagt Berglund im an.schläge-Interview.

Feminismus der Taten. Aber die schwedische Regierungsarbeit beschränke sich auch keineswegs auf medienwirksame Inszenierungen: „In mancher Hinsicht haben wir eine wahrhaft feministische Regierung“, ist sich Clara Berglund sicher. Tatsächlich finden sich im Regierungsübereinkommen Strategien für mehr Geschlechtergleichheit, konkret formuliert im Rahmen von sechs Zielen:
Eine gleichberechtigte Aufteilung von Macht und Einfluss etwa durch Gender Mainstreaming, die sich in mehr Möglichkeiten für aktive Staatsbürger*innen und der Einbindung in Entscheidungsprozesse niederschlagen soll. Ökonomische Gleichberechtigung, also gleicher Zugang zu fair bezahlter Arbeit. Gleichberechtigung und gleiche Chancen im Bildungsbereich. Gleichzeitig aber auch eine faire Verteilung von unbezahlter Arbeit und Care-Arbeit. Und umgekehrt gleiche Bedingungen, um Pflege und andere Gesundheitsangebote in Anspruch nehmen zu können. Und natürlich das Recht auf physische Integrität, ein Vorantreiben des Kampfes gegen Gewalt an Frauen.
Erste erfolgreiche Umsetzungen dieser Ziele gibt es bereits: Gemeinsam mit Dänemark, Finnland, Belgien, den Niederlanden und Luxemburg versucht Schweden 600 Millionen Dollar Spendengelder aufzubringen, um den von Trump verursachten Fehlbetrag für NGOs, die Abtreibungen unterstützen, zu ersetzen. Das Geschlechterverhältnis im Parlament ist ausgeglichen. Die Finanzierung von Frauenhäusern wurde mit mehr als vierzig Millionen Euro für die Periode 2015–2019 stark erhöht. Die Vereinbarung von Beruf und Familie wird zunehmend erleichtert, unter anderem durch die Verlängerung der Elternkarenz für Väter von zwei auf drei Monate.

Nicht überall Spitzenreiter. Und dennoch: „Die Regierung sollte noch viel mehr tun, um der Selbstbezeichnung einer feministischen Regierung gerecht zu werden“, sagt Berglund. So zeigen offizielle Statistiken, dass bestimmte Schritte in Richtung Gleichberechtigung nur langsam vorangehen. 2016 waren – wie auch schon 2014 – nur fünf Prozent der Vorstandsvorsitzenden in börsennotierten Unternehmen weiblich. Bereits bestehende Pläne, Frauenquoten in diesem Bereich einzuführen, verwarf die Regierung erst kürzlich aufgrund der fehlenden Unterstützung der konservativ-rechten Opposition, deren Stimmen zur Umsetzung notwendig wären.
Schweden ist im OECD-Vergleich mit 74 Prozent Spitzenreiter bei der Beschäftigungsquote von Frauen. Dennoch geht die Sache mit dem gleichberechtigten Zugang zum Arbeitsmarkt nur sehr schleppend voran. Dementsprechend ist die Einkommensschere nach wie vor beträchtlich. 2016 verdienten Frauen nur 87 Prozent (bereinigter Wert) dessen, was Männer verdienten. 2014 war dieser Wert nur geringfügig niedriger (86 Prozent). Der Grund dafür: Frauen sind auch in Schweden häufi ger in Berufen mit geringerem Einkommen tätig, so die Analyse des schwedischen Statistikinstituts. Berücksichtigt man die Tatsache, dass Frauen öfters in Teilzeit beschäftigt sind, länger in Elternkarenz gehen sowie ihr Erwerbsleben wegen anderer Fürsorgetätigkeiten unterbrechen, verdienen Frauen sogar nur 81 Prozent vom Gehalt der Männer.

 

Vize-Premierministerin Isabell Lövins satirische Antwort auf die männerbündlerische US-Politik. © Johan Schiff
Vize-Premierministerin Isabell Lövins satirische Antwort auf die männerbündlerische US-Politik. © Johan Schiff

 

Strittige Sexarbeit. In puncto Sexarbeit geht die derzeitige Regierung den Weg weiter, der in Schweden bereits 1999 eingeschlagen wurde: Mit dem schwedischen „Sex Purchase Act“ werden die Käufer kriminalisiert. Berglund unterstützt dieses Vorgehen: „Die Regierung hat die klare Zielsetzung, diese Strategie zu erweitern und international zu bewerben. Wir wissen aus Erfahrung, dass es der beste Weg ist, Prostitution zu bekämpfen, wenn die Käufer kriminalisiert werden.“ Eine Einschätzung, die feministisch sehr umstritten ist. Laut einer Studie ist der Erfolg dieser Politik keineswegs bewiesen. Ob Sexarbeit tatsächlich zurückgegangen ist, sei unklar, heißt es dort. Klar ist jedoch, dass die Stigmatisierung von Sexarbeiter*innen zugenommen hat. Hinzu kommt, dass diese den Behörden aufgrund der unklaren legalen Situation weniger vertrauen und dementsprechend seltener Unterstützungen in Anspruch nehmen. Durch die Abnahme von Käufern auf der Straße würden Sexarbeiter*innen zudem öfters größere Risiken auf sich nehmen und gleichzeitig niedrigere Preise akzeptieren.

Integrationspolitik. Doch wenn es darum geht, Feminismus mit weiteren Diskriminierungskategorien zusammenzudenken, fehlen Maßnahmen vonseiten der Regierung. Obwohl 23 Prozent der schwedischen Bevölkerung eine Migrationsgeschichte haben und Schweden deshalb durchaus als Einwanderungsland gelten kann, finden sich in den Strategien zur Gleichberechtigung keine Ziele, die dezidiert für migrantische Frauen entwickelt wurden. Dabei kritisierte der Menschenrechtsbeirat der Vereinten Nationen die Situation von Migrantinnen in Schweden bereits vor einem Jahr. So sind Migrantinnen häufiger vom Arbeitsmarkt ausgeschlossen und auch in Bereichen des öffentlichen Lebens unterrepräsentiert, erklärt nicht nur der UN-Menschenrechtsbeirat, sondern auch Clara Berglund: „Wir haben Schwedens Integrationspolitik geprüft und festgestellt, dass männliche Migranten bessere Unterstützung erhalten, um am Arbeitsmarkt Fuß zu fassen, als Migrantinnen.“
Hinzu kommt eine Verschärfung bei der Familienzusammenführung: So gilt der Familienzuzug nur noch für direkte Familienmitglieder, das Mindestalter bei Ehepartner*innen wurde auf 21 Jahre angehoben. Subsidiären Schutzberechtigten wurde jedes Recht auf Familienzusammenführung gestrichen. „Durch die restriktive Asyl-Agenda können die Frauen, Schwestern und Töchter der meist männlichen Flüchtlinge nicht mehr nach Schweden kommen. Das bedeutet, dass weibliche Flüchtlinge öfters in Konfliktregionen und Flüchtlingscamps bleiben müssen“, kritisiert auch Berglund.
Kritik gibt es diesbezüglich nicht nur an der Innen-, sondern auch an der Außenpolitik: „Absolut inkompatibel“ mit einer feministischen Außenpolitik seien zum Beispiel schwedische Waff enexporte in Länder, die Frauenrechte grob verletzen, heißt es in einem aktuellen Bericht der NGO „CONCORD Sweden“.

Abfeiern. Ein tatsächliches Umdenken in der Gesellschaft braucht Zeit, und bis die Auswirkungen der gesetzten Strategien und Maßnahmen sichtbar werden, dauert es auch eine Weile. Klar ist jedoch auch, dass eine feministische Regierung unbedingt auch unpopuläre Reformen wie einen eff ektiven Flüchtlingsschutz insbesondere für Frauen umsetzen muss, um ihrem Namen gerecht zu werden. Erst wenn feministische Politik tatsächlich in allen Bereichen mitgedacht wird, kann Schweden gemeinsam mit dem Kollektiv „Manlig Identitets Konst“ auf der grünen Wiese feiern.

 

Valentine Auer ist freie Journalistin und fokussiert sich in ihrem Schreiben auf das Auseinandernehmen von Geschlechtern, Körpern und Begehrensstrukturen sowie auf die Auseinandersetzung mit aktuellen und vergangenen Migrations- und Fluchterzählungen.

 

 

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Queer ist auch behindert! https://ansch.4lima.de/queer-ist-auch-behindert/ https://ansch.4lima.de/queer-ist-auch-behindert/#comments Wed, 24 May 2017 08:53:50 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=8697 Proteste zum Teilhabegesetz, www.gesellschaftsbilder.de © Andi Weiland, www.andiweiland.deVerschränkungen von Dis_ability und Queer. Von KATHARINA PAYK]]> Proteste zum Teilhabegesetz, www.gesellschaftsbilder.de © Andi Weiland, www.andiweiland.de

Behinderung kann als queeres Anliegen beschrieben werden. Über Unterschiede und Gemeinsamkeiten. Von KATHARINA PAYK

 

Als ich unlängst mit zwei Freundinnen über Pränataldiagnostik sprach, sagte die eine: „Stimmt, es ist nicht immer korrekt, was einem da prognostiziert wird. Einer Bekannten wurde gesagt, ihr Kind werde schwerbehindert sein, doch dann kam es raus und war ganz normal, ein wunderschönes Baby.“ Als ich sie darauf hinwies, dass genau das ja das Problem sei, dass Menschen mit Behinderungen offensichtlich als abnormal und nicht als schön gelten und deshalb geradezu eine Angst vor Behinderung existiert, und dass ein solcher Satz sehr verletzend für Menschen mit Behinderungen sein kann, schämte sie sich. Aber sie sprach nur aus, was viele denken. Selbst das Geschlecht ist den meisten unwichtig (zumindest, sofern es kein intergeschlechtliches Baby ist): Egal ob Junge oder Mädchen, Hauptsache „gesund“ und „es ist alles dran“!
Eindeutig müssen wir sein, Mädchen oder Junge, nichts dazwischen, und schon als Babys schön. Gesund. Nicht behindert. Nicht queer. Nicht inter*. Nicht trans*. Aber unsere Körper und Psyche sind grundsätzlich fragil. Selbst wer „gesund“ geboren wird, kann krank oder behindert werden. Unsere Sexualität wird sich im Laufe des Lebens verändern, manch ein_e Heter@ hat sich mit über fünfzig nochmal queer verliebt. Späte Coming Outs, asexuelle Phasen, Ausfall aus der Leistungsgesellschaft durch Krankheit – Queer und Dis_ability gehen alle Menschen an, die sich emanzipatorisch mit ihrem Körper und ihrer Lust auseinandersetzen.

Wunder Punkt. In queer-feministischen Praxen und Diskursen ist es essenziell wichtig, neben gender, race, class und desire auch die Kategorie dis_ability („Be_Hinderung“) miteinzubeziehen. Behinderung ist kein persönliches, individuelles Schicksal, genauso wie es das nicht ist, schwul, lesbisch oder bi* zu sein. Mit einer Behinderung zu leben ist vielmehr ebenso wie die Tatsache, queer zu l(i)eben, von gesellschaftlicher Ausgrenzung und Diskriminierung geprägt – aber geht oft auch mit einem großen Selbstermächtigungspotenzial einher.
Genau wie „schwul“ oder „Frau“ mit ganz bestimmten (Rollen-)Bildern verbunden sind, sind auch behinderte Menschen durch vermeintliche Merkmale markiert. Dazu gehören gemeinhin Hilfsbedürftigkeit, Schwäche und Asexualität. Sexualität wird Menschen mit Behinderung meistens abgesprochen, selbstbestimmte Sexualität erst recht. Das reicht von der Vorstellung, behinderte Körper seien nicht sexy, bis hin zu Reproduktionskontrollen oder der Ablehnung von Sexualassistenz oder Sexualbegleitung. Sexualität ist daher für viele behinderte Menschen der wundeste Punkt oder zumindest ein hart zu erkämpfender Bereich ihrer Selbstbestimmung. Auch hier gibt es – wenn auch nicht eins zu eins – Parallelen zu lesBiSchwulen oder trans* Biografien. Die Teilhabe an vielen gesellschaftlichen Komfortzonen wird queeren Sexualitäten erschwert oder verwehrt. Denn die Frage danach, wie Menschen mit Behinderungen an gesellschaftlichen Ressourcen teilhaben, hängt in erster Linie von der Beschaffenheit der Umwelt ab. Der Körper, der in Begehren und Schönheit nicht dem Mainstream entspricht, wird von sexueller Selbstbestimmung entkoppelt. Wer „Makel“ hat, darf Sexualität – wenn überhaupt – nur unter ganz bestimmten Bedingungen genießen. „Sei froh, dass du so einen netten Partner gefunden hast“, hören behinderte Menschen nicht nur oft von anderen, sondern sagen sich das mitunter irgendwann selbst. Persönliche Ansprüche, freie Entscheidung, Sexyness und Reproduktion werden Menschen mit Behinderungen allzu oft abgesprochen. Die gesellschaftliche Ausgrenzung wird noch spürbarer, wenn jemand beispielsweise behindert ist und lesbisch, schwul oder bisexuell lebt. Doppelt ausgeschlossen, doppelt diskriminiert. Zugleich existiert aber auch die Möglichkeit, aus zwei emanzipatorischen Bewegungen Selbstermächtigung und Sinn zu schöpfen.

Verstrickt. Eine Verschmelzung der Gender Studies, Disability Studies und der Queer Studies stellen die Queer Dis_ability Studies dar. Sie diskutieren die Gemeinsamkeiten und Verwobenheiten von Behinderung und LGBTI-Erfahrungen. Gemein ist ihnen, dass sie in der Gesellschaft als „fehlerhaft“, „anders“, „merkwürdig“ markiert und als solche an den Rand gedrängt und ausgeschlossen sind. In das grundsätzlich durchlässige Queer-Konzept lässt sich Dis_ability nicht nur gut einbringen, sondern es gehört auch von Anbeginn dazu, weil Queer gegen Normierungen und (Fremd-)Zuschreibungen aufbegehrt. Queer stellt sich gegen Polarisierungen, also die Auffassung, es gebe beispielsweise nur heterosexuell oder homosexuell, Mann oder Frau und behindert oder nicht-behindert – und nichts dazwischen und darüber hinaus. Queer eröffnet die Möglichkeit und gibt die Wahrscheinlichkeit zu bedenken, dass wir alle (potenziell) auch das Andere und das Dazwischen sind oder es irgendwann in unserem Leben einmal sein werden.

 

Proteste zum Teilhabegesetz, www.gesellschaftsbilder.de © Andi Weiland, www.andiweiland.de
Proteste zum Teilhabegesetz, www.gesellschaftsbilder.de © Andi Weiland

 

Einverleibt. Außerdem haben Queer und Dis_ability gemein, dass Fremdzuschreibungen und Selbstzuschreibungen eine große Rolle spielen: So wird einer bi*sexuellen Person oftmals unterstellt, sich nicht entscheiden zu können und eigentlich tatsächlich homo- oder heterosexuell zu sein. „Bisexuell, das gibt es doch nicht wirklich“, höre ich oft. Wer behindert oder nicht-behindert ist, wird ebenfalls oft von anderen festgelegt. Von „Ach Quatsch, du bist doch nicht behindert, du kannst doch alles wie jede_r andere auch“ über „Du bist schön/klug/flink/stark … trotz deiner Behinderung“ bis zu übereifrigen Hilfs-„Angeboten“ gibt es ein großes Spektrum an Vorurteilen und Stigmatisierungen, die mit Beleidigungen, Verletzungen und (Re-)Traumatisierungen einhergehen.
Solche Fremdzuschreibungen werden einverleibt und prägen schließlich das Selbstbild: Viele behinderte Menschen und auch queere Menschen haben die Abneigung der heteronormativen und ableistischen Gesellschaft gegen sie verinnerlicht. Der Besitzer meines Lieblingscafés, der mit dem Juwelier in meinem Grätzl verpartnert ist, kommentierte die gemeinsame Anschaffung eines Welpen mir gegenüber mit den Worten: „Weißt ja, schwulen Männern steht halt ein Hund besser als ein Kind.“ Und meine eigentlich bi*sexuelle Freundin S. begnügt sich bei ihren Dates mit Männern, weil in intimen Situationen mit Frauen eine Art Selbsthass hochkomme, wie sie sagt. In meiner Studienzeit erklärte mir ein Freund das Lesbischsein seiner Schwester mit der Tatsache, dass sie blind ist und deshalb glaubt, „keinen Mann abzukriegen“. Mir würden noch viele weitere Beispiele zu internalisierter Homo-, Bi*-, und Trans*-phobie bzw. internalisierter Behindertenfeindlichkeit einfallen.

Sprache. Auffallend ist, dass sowohl „schwul“ als auch „behindert“ in unserer Gesellschaft von vielen Menschen als Schimpfwörter verwendet werden – also, um etwas oder jemanden zu degradieren und abzuwerten. Gerade der Umgang mit Sprache ist im Bereich Gender und Queer wie auch im Bereich Dis_ability ein wichtiges Anliegen, denn Sprache spiegelt nicht nur Realität, sondern schafft sie zugleich auch. Die behindertenfeindlichen Sprichwörter und Phrasen kennen wir alle („Das sieht doch ein Blinder mit dem Krückstock“; „Sag mal, bist du schwerhörig oder was?“). Transportiert wird zudem auch sprachlich eine Passivität von behinderten Menschen. Die Phrase „Sie sitzt im Rollstuhl“ wunderte mich schon als Kind … „Aber meistens fährt sie doch und beim Schlafen liegt sie sicher auch!“, dachte ich mir damals.

Barrierenvielfalt. Aber in der Queer-Fem-Szene ist noch viel zu tun. Bei all den Gemeinsamkeiten: Queer-feministische Plätze sind vorwiegend Plätze für nicht-behinderte Menschen. Regenbogensexualitäten haben eine hippe Szene. Eigene Lokale, eigene Clubs, eigene Styles. Queer sein ist – zumindest innerhalb der Szene – sexy. Es geht ums Flirten, ums „Wer-mit-wem“, es gibt sogar vermehrt queer-feministische Sexpartys. Aber begehrt die „schräge“ Sexualität auch das nicht-Uniforme, das Asymmetrische, das Transgressive? Wer darf dorthin, wer ist gemeint, wer ist begehrt?
Noch immer sind jedoch die meisten Räume nicht rollitauglich. Aber Barrierefreiheit erschöpft sich auch nicht in Rampen und Klos: Dis_ability meint nicht nur Menschen mit Rollis. Neben Gender-Vielfalt, bei der oft nicht-binäre Menschen nicht mitbedacht werden, ist auch die Pluralität an Dis_abilities mitzudenken: Bauliche Barrieren abzubauen, bringt einer gebärdensprechenden Person wenig. Nicht jeder nicht- oder schwerhörenden Person wiederum hilft ein Angebot an Gebärdendolmetsch, und Menschen mit sogenannten kognitiven Behinderungen werden beim Barriereabbau oft ganz vergessen. Queer-feministische Räume sind offen für Trans*menschen. Queere Frauen*räume heißen selbstverständlich auch Frauen* mit Transhintergrund willkommen. Und zu allen queeren Identitäten gehören immer auch queer crips, Menschen mit Behinderung, die lesbisch, bi*, trans*, inter*, non-binär sind.

Queeres Potenzial gemeinsam nutzen. Als Mensch mit Behinderung zu erfahren, dass Trans*menschen ähnlich vulnerabel und exponiert in ihrer Körperlichkeit sind, als lesbische Frau* zu sehen, dass die Sexualität von behinderten Menschen in der Gesellschaft ähnlich ignoriert und ausradiert wird wie die eigene, dass der Zugang zu öffentlichen Toiletten sowohl behinderten Menschen wie auch nicht-binären Menschen meist verunmöglicht wird – die ähnlichen Ausgrenzungserfahrungen in eine gemeinsame Wut kulminieren lassen – und endlich explodieren, das wäre ein guter Anfang für eine wahre crip-queere Revolution.

 

 

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Besser geht’s nicht? https://ansch.4lima.de/besser-gehts-nicht/ https://ansch.4lima.de/besser-gehts-nicht/#respond Wed, 24 May 2017 08:39:13 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=8699 Making of Fotosession, www.gesellschaftsbilder.de © Andi Weiland, www.andiweiland.de(Nicht) nur Mutti am Pflegebett. Von MAREICE KAISER]]> Making of Fotosession, www.gesellschaftsbilder.de © Andi Weiland, www.andiweiland.de

MAREICE KAISER will nicht nur die Mutti am Pflegebett ihres behinderten Kindes sein. Das wird aber von ihr erwartet.

 

„Besser geht’s nicht, sieh nur hin. Das ist Leben, wir sind drin.“ Inga Humpe trällert weiter aus dem Telefonhörer. Die Uhr meines Telefons zeigt mir an, dass ich bereits über acht Minuten in der Warteschleife der Krankenkasse hänge. Klar, ich habe natürlich nichts Besseres zu tun. Ich bin schließlich die Mutter eines behinderten Kindes. Mein Job ist es, mein Kind zu pflegen und mich um die Organisation der Pflege zu kümmern. Ich schreibe das nicht, weil ich es denke. Ich schreibe es, weil es mir immer und immer wieder suggeriert wird. „Müssen Sie denn unbedingt arbeiten? Sie haben doch ein schwerbehindertes Kind! Ist das nicht Stress genug?“

„Das ist Leben, wir sind drin“. Einsprüche verfassen, Anträge stellen, Kommunikation mit Hilfsmittelfirmen, Organisation der Therapien. Ich soll nicht das Heimchen am Herd sein, sondern die Mutti am Pflegebett. Aber das bin ich nicht. Und nun? „Das ist Leben, wir sind drin“, trällert die Humpe, und würde sie vor mir stehen, ich würde ihr ein paar Takte erzählen. Oder sie wenigstens fragen, wie viel Geld sie dafür bekommen hat, ihren Song zu verkaufen. Oder ihr wenigstens erzählen, in welchen Situationen ich ihr Lied schon hören musste. Wartend darauf, dass sich jemand anhört, was ich, die Bittstellerin, schon wieder will.
Stattdessen habe ich jetzt, nach über zehn Minuten in der Warteschleife, die Sachbearbeiterin der Krankenkasse dran. Was war noch mal der Grund meines Anrufs? Das Gedudel hat so lange gedauert, dass ich es gar nicht mehr genau weiß. Gretas achtstellige Nummer bei der Kasse weiß ich mittlerweile auswendig, ich schaue auf die Notizen in meinem Kalender, der vor mir auf dem Schreibtisch liegt. „Ambubeutel“ steht da und die Daten meiner letzten Telefonate mit der Krankenkasse. Greta benötigt eine neue Maske für den Ambubeutel. Das ist ein Gerät – sieht ähnlich aus wie ein Luftballon –, das für den Notfall gedacht ist. Sollte Gretas Atmung mal aussetzen oder sie andere schwerwiegende Probleme mit der Atmung bekommen, was bei ihrem besonderen Mund-Zungen-Zähne-Dings nicht unwahrscheinlich ist, müssten wir sie mit Hilfe des Ambubeutels beatmen.
Der Pflegedienst hat seine Arbeit nur unter der Bedingung aufgenommen, dass ein Ambubeutel immer in Gretas Nähe ist. Für den Notfall müssen sie gewappnet sein. Nun ist aber etwas passiert, das anscheinend im Plan der Krankenkasse nicht vorkommt: Greta ist gewachsen. Die Gesichtsmaske, die wir ihr im Notfall auf das Gesicht setzen würden, passt nicht mehr. Logische Schlussfolgerung: Eine neue Gesichtsmaske muss her. So ein kleines Ding aus Plastik, Wert: nicht mehr als fünfzig Euro.

 

Making of Fotosession, www.gesellschaftsbilder.de © Andi Weiland, www.andiweiland.de
Making of Fotosession, www.gesellschaftsbilder.de © Andi Weiland

 

Ich will nicht zynisch werden. Ich habe mir also beim letzten Kinderarztbesuch eine Verordnung des Arztes geben lassen und diese bei der Apotheke eingereicht. Die Apotheke reicht die Verordnung bei der Krankenkasse ein, die Krankenkasse lehnt ab. So weit der normale Ablauf der strukturellen Diskriminierung, die ich mittlerweile schon gewohnt bin. Dann geht die Verordnung an die Clearingstelle und von dort aus wieder zurück zur Krankenkasse, die den Kostenvoranschlag wieder an unseren Apotheker schickt mit dem Hinweis: „Keine Genehmigung, da bereits im September 2015 neues Gerät bewilligt wurde. Da das Kind älter als drei Jahre ist, gibt es keine weiteren Kosten für eine Maske!“ Interessant auf so einem Schriftstück ist ja auch das Ausrufezeichen. Aber ich will nicht zynisch werden; das ist das Letzte, was ich will – und es ist verdammt schwer, es nicht zu werden.
Die Hilfsmittel, die Greta braucht, kosten keine horrenden Summen. Greta braucht Windeln, ein Inhalationsgerät, Flüssigkeit für Darmspülungen, Spritzen, Sondenkost. Sie fährt zusammen mit ihrer Schwester in einem Doppel-Kinderwagen; irgendwann wird sie zu groß für ihn werden. Sie wird einen Rollstuhl brauchen, damit wir sie zur Kita oder in die Schule bringen können, mit ihr auf den Spielplatz fahren, einkaufen können. All ihre Hilfsmittel benötigt sie zur gesellschaftlichen Teilhabe; einfach, um dabei zu sein. So wie nicht behinderte Kinder einen Toilettensitz bekommen, wenn sie anfangen, alleine auf die Toilette zu gehen, benötigt Greta Windeln und Hilfe beim Wickeln. Beides sollte ihr so selbstverständlich zur Verfügung stehen wie ihrer kleinen Schwester ein Toilettensitz. So ist es aber leider nicht. Jedes Hilfsmittel muss erkämpft werden – jeder Kampf zeigt mir als Mutter: Mein Kind ist nicht erwünscht. Mein Kind ist eine Last. Mein Kind ist eine finanzielle Belastung für die Gesellschaft. Ich bin die Bittstellerin.

Inklusives Menschenbild. In einer inklusiven Gesellschaft, wie ich sie mir wünsche, kämen die Hilfsangebote zu den Familien mit Kindern mit Behinderung. Krankenkassen würden den Familien individuelle Angebote machen, je nach Entwicklungsstand des Kindes. Nur mit einer umfangreichen Unterstützung, die eben auch zeigt, dass behinderte Kinder willkommen sind, kann eine inklusive Gesellschaft möglich werden. Es würden keine Versorgungsengpässe entstehen, Eltern behinderter Kinder könnten – je nach Bedarf und Lust – ihre Erwerbsarbeit reduzieren oder gesellschaftliche Hilfen in Anspruch nehmen, oder beides. Wir hätten eine Kultur mit einem inklusiven Menschenbild, in der nicht nur die Starken und Leistungsfähigen etwas gelten, sondern alle. Dann fänden wir selbst es auch nicht so schwer, diesem Bild nicht zu entsprechen. Wir hätten alle etwas davon.

 

Mareice Kaiser bloggt auf „Kaiserinnenreich. Das inklusive Familienblog“ über das Leben mit ihren beiden Töchtern. Seit eine der beiden unerwartet gestorben ist, fungiert der Blog als Plattform für andere Mütter behinderter Kinder, die die Journalistin in Interviews vorstellt.

 

Auszug aus Mareice Kaiser: Alles inklusive – Aus dem Leben mit meiner behinderten Tochter.
S. Fischer Verlag

 

 

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„Die Idee der absoluten Kontrolle ist total antiemanzipatorisch“ https://ansch.4lima.de/die-idee-der-absoluten-kontrolle-ist-total-antiemanzipatorisch/ https://ansch.4lima.de/die-idee-der-absoluten-kontrolle-ist-total-antiemanzipatorisch/#respond Wed, 24 May 2017 08:16:19 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=8701 Lisa Bufano auf ihren Tischbeinen beim All Worlds Fair © Julia WolfInterview: Selbstbestimmung und Selektion in der PND. Von KATHARINA PAYK]]> Lisa Bufano auf ihren Tischbeinen beim All Worlds Fair © Julia Wolf

KIRSTEN ACHTELIK übt scharfe Kritik an der Pränataldiagnostik und fordert (Queer-)Feminist_innen dazu auf, die Frage nach Selbstbestimmung neu zu stellen. Interview: KATHARINA PAYK

 

an.schläge: In Ihrer Auseinandersetzung mit den Rechten von Menschen mit Behinderung positionieren Sie sich immer klar als Feministin. Zugleich üben Sie scharfe Kritik an feministischen Gruppen, die sich für das Recht auf legalen Schwangerschaftsabbruch stark gemacht haben, indem sie für die eugenische Indikation plädierten. Die Gruppe „Brot und Rosen“ argumentierte 1974 etwa, dass es für die Bevölkerung ein Vorteil wäre, „dass solchen Schäden (damit ist eine angeborene Behinderung gemeint, Anm.) durch Forschung und Behandlung vorgebeugt wird“. (1)

Kirsten Achtelik: Ich glaube, dass „Brot und Rosen“ damals ausgesprochen haben, was viele gedacht haben. Der Diskurs rund um die Wiedereinführung der sogenannten eugenischen Indikation zeigt, dass es sehr wenig Auseinandersetzung damit gab. Natürlich ist das auch darauf zurückzuführen, dass der Großteil der Frauenbewegung sowieso keine Indikationsregelung haben wollte, sondern den Abtreibungsparagrafen abschaffen wollte – deshalb war für sie die Indikation nur zweitrangig. Aber andererseits fällt auf, dass es zur sozialen Indikation beispielsweise sehr wohl Auseinandersetzung gab. Es gab eine innerfeministische kritische Auseinandersetzung mit dieser sehr wichtigen Gruppe, aber nicht mit den behindertenfeindlichen Aussagen, die weibliche Selbstbestimmung und Leben mit behinderten Kindern gegeneinander stellten. Man kann daraus schließen, dass das eigentlich ein Konsens war in der Szene.
In der Gruppe „Brot und Rosen“ waren auch Aktivistinnen aus der Kinderladenbewegung, die sich dafür einsetzten, mit Kindern studieren, arbeiten und Politik machen zu können. Das heißt, es war ein Diskurs über das Leben mit Kindern – unter bestimmten, „erschwerten“, Umständen – da. Warum also war das Thema Leben mit Kindern mit Behinderung kein Thema? Sowohl Behindertenrechtsbewegung als auch feministische Bewegung sind beide emanzipatorische Bewegungen, die eigentlich die gleichen Ziele haben sollten.

Gibt es heute mehr Überschneidungen zwischen feministischer Bewegung und Behindertenrechtsbewegung, auch in Bezug auf Abtreibung?

In den letzten Jahren nimmt die Diskussion um Behindertenfeindlichkeit und Ableism in der (queer-)feministischen Szene schon zu. Bei den feministischen Gruppen im deutschsprachigen Raum, die gegen die verschiedenen Märsche von Abtreibungsgegner_innen mobilisieren, gibt es sehr wohl differenzierte Auseinandersetzungen damit, was es bedeutet, dass die Untersuchungen in der Schwangerschaft total zugenommen haben: Was bedeutet das in Bezug auf Leben mit Behinderung? Allerdings gibt es in etablierteren feministischen Zusammenhängen die Tendenz, Pränataldiagnostik (PND) gar nicht zu diskutieren und das Recht auf Schwangerschaftsabbruch und das Recht auf Inklusion getrennt zu diskutieren.

 

Lisa Bufano auf ihren Tischbeinen beim All Worlds Fair © Julia Wolf
Lisa Bufano auf ihren Tischbeinen beim All Worlds Fair © Julia Wolf

 

Sie beleuchten das Konzept der Selbstbestimmung kritisch. Wo geht es beim Umgang mit Schwangerschaftsabbruch und PND zu weit?

Heutzutage wird Selbstbestimmung von uns erwartet. Sie ist zum Maßstab für gutes Leben geworden. Es wäre schön, wenn wir in einer Welt lebten, in der alle Menschen darüber, wie sie leben wollen, und darüber, was mit ihrem Körper geschehen soll, tatsächlich selbst bestimmen könnten. Aber wir sind zugerichtet von gesellschaftlichen Normierungen, was es erschwert, zu wissen, warum man was will.
In der Schwangerschaftsvorsorge sieht man es daran, dass Angebote wie die PND nicht neutral ausgewählt werden können. Die ganzen Entscheidungen, die da zu treffen sind, gehen mit großer gefühlter Verantwortung einher, einer gesellschaftlichen als auch einer für das spätere Kind.
Es gibt einerseits Untersuchungen, die die Gesundheit und die Lebenserwartungen der Schwangeren bzw. des späteren Kinds positiv beeinflussen. Und es gibt andererseits die Untersuchungen, die vorgeben zu ermitteln, „ob alles okay ist“. Und das heißt konkret, ob der Fötus Anzeichen von Behinderungen trägt. Wenn man das (sowieso nur prozentuale) Wissen über eine fötale Behinderung hergestellt hat, ist noch nicht klar, wie die Ausprägung der Behinderung ist. Und was man dann überhaupt tun soll.
Schwangeren wird diese Unterscheidung in medizinisch sinnvolle bzw. notwendige und selektiv motivierte Untersuchung nicht deutlich gemacht. Die Untersuchungsprozesse sind unklar und überdeterminiert. Am Anfang von diesem ganzen Diagnosezirkus sagt einem ja niemand, was alles festgestellt werden kann bei den Untersuchungen. Es fehlt auch die Information, dass man gegebenenfalls nichts dagegen tun kann, sondern dann eben nur die Frage einer Abtreibung im Raum steht.

Und das bedeutet dann für die Regelung von Schwangerschaftsabbrüchen Ihrer Meinung nach was genau?

Wichtig ist die Unterscheidung zwischen einem Abbruch aufgrund der Tatsache, dass kein Kinderwunsch besteht und der selektiven Abtreibung: Ich will zwar ein Kind, aber kein behindertes.
Für eine gewollte, angenommene Schwangerschaft das Beste für das werdende Kind und die Mutter ermöglichen zu wollen, ist eine Sache, aber selektive Tests zu machen, ist eine andere. Aus einer feministischen Perspektive finde ich es nicht legitim, eine gewollte Schwangerschaft aufgrund einer festgestellten Behinderung des werdenden Kindes abzubrechen, weil genau das behindertenfeindlich ist – wobei ich das der einzelnen Frau, die so eine Entscheidung trifft, nie vorwerfen würde.
Eine Person soll immer darüber entscheiden können, ob sie schwanger sein will oder nicht, aber eigentlich nicht darüber, ob das Kind behindert sein darf oder nicht. Dabei würde ich aber nie versuchen, selektive Abbrüche mittels Strafgesetzbuch zurückzudrängen – mein Ansatzpunkt sind immer die Untersuchungen.
Eine feministische Perspektive setzt also da an, wo schwangere Frauen in diesem Ablauf nicht früh genug und ausreichend informiert werden. Ich bin ganz klar dafür, den Schwangerschaftsabbruch aus dem Strafgesetzbuch zu streichen. Aber als Feministin einen platten „Pro-Choice“-Feminismus zu fahren, der jede Entscheidung der Frau akzeptiert und auch legitimiert, da geh ich dann nicht mehr mit. Anders gesagt: Nur weil eine Frau etwas Bestimmtes gerne möchte, ist das noch lange keine feministische Forderung.

Wäre dann die Konsequenz aus dem Ganzen: Wer kein (potenziell oder tatsächlich) behindertes Kind kriegen will, sollte eigentlich gar keines kriegen?

Ja, schon. Ein Kinderwunsch ist total komplex geworden und überdeterminiert, das zeigt sich auch in den Debatten rund um Reproduktionstechnologien. Die Idee, dass man sich eine Erweiterung des eigenen Lebens schafft, dass etwas Schönes hinzukommen soll, aber nicht in Kauf nehmen zu können, dass auch etwas „schiefgehen kann“ (aus der Perspektive von der Person gesprochen, die sich etwas anderes gewünscht hat), ist eine problematische Herangehensweise an einen Kinderwunsch. Und an das Leben mit anderen Menschen. Die Idee, man nimmt nur die, die gut funktionieren können, ist absurd. Wenn Leute im Freundeskreis so agieren würden, dann hätten wir bald keine Freund_innen mehr!
Selektive PND verstärkt die Idee, dass Behinderung per se ein Problem und vermeidbar ist und sie verstärkt das negative Bild von (Menschen mit) Behinderung. Das Angebot, das untersuchen bzw. vermeiden zu können, sagt, dass dies ein Recht ist und dass man behinderte Kinder vermeiden kann und soll. Und das ist in meiner Interpretation nach UN-Behindertenrechtskonvention Artikel 8 eine „schädliche Praxis“, die die unterzeichnenden Staaten sich verpflichtet haben zu bekämpfen.

Was sind also Ihre Forderungen?

Wenn man als linke Feministin Forderungen an den Staat stellen möchte, wäre es sicher als Erstes die, dass der Staat dafür zu sorgen hat, dass Menschen mit Behinderungen ohne Einschränkungen und gut leben können, ohne die ganze Zeit Anträge zu stellen und drangsaliert zu werden. Inklusion heißt nicht, Leute so fit zu machen, dass sie halbwegs mitlaufen oder -fahren können, sondern die gesellschaftlichen Ressourcen so zu verteilen, dass klar ist, dass Behinderung kein Problem sein muss.
Das Thema Schwangerschaftsabbruch muss raus aus dem Strafgesetzbuch, ganz eindeutig. Aber es muss auch eine Diskussion darüber entstehen, wie Schwangerschaftsabbrüche ansonsten geregelt werden können, dass sie selbstverständlich in Krankenhäusern, die öffentliche Gelder bekommen, angeboten werden müssen und dass die Durchführung eines Abbruchs in gynäkologischen Lehrplänen verankert ist.
Und es wäre es eine wichtige Maßnahme, zumindest keine erweiterten Pränataltests anzubieten, wie z. B. den „Praenatest“, einen Bluttest, der nach dem Downsyndrom sucht und der in vielen Ländern bereits in die öffentliche Gesundheitsvorsorge bei Schwangeren aufgenommen wurde, das heißt von den Kassen bezahlt wird.
Meine Forderung an die feministische Bewegung ist, den eigenen Anspruch, eine emanzipatorische Bewegung zu sein, ernst zu nehmen und intersektional gegen verschiedene Unterdrückungsmechanismen zu kämpfen. Die Idee der absoluten Kontrolle ist total antiemanzipatorisch.
Wenn die queer-feministische Szene über Ableism diskutiert, muss sie neben Barrierefreiheit auch das Thema PND angehen. Das Thema Behinderung kann zudem nicht nur auf einer Diskursebene verhandelt werden, sondern es muss das reale Leben von realen Personen mit Behinderungen an erster Stelle stehen. Und es kann auf keinen Fall sein, dass man sich damit begnügt, Ableismus als eine (weitere) Ausschlusserfahrung in seinen „Ismen“-Aufzählungen zu erwähnen.

 

Kirsten Achtelik ist Diplom-Sozialwissenschaftlerin und lebt als freie Journalistin und Autorin in Berlin. Ihre politischen und Arbeitsschwerpunkte sind u. a. feministische Theorien und Bewegungen, Schnittstellen mit anderen sozialen Bewegungen, v. a. der Behindertenbewegung, und Kritik an Gen- und Reproduktionstechnologien.

 

Kirsten Achtelik: Selbstbestimmte Norm. Feminismus, Pränataldiagnostik, Abreibung.
Verbrecher Verlag 2015

 

(1) Brot und Rosen, Frauenhandbuch Nr. 1: Abtreibung, Verhütungsmittel, 1974, S. 102.

 

 

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an.sprüche: Inkludiert mich doch am Arsch! https://ansch.4lima.de/an-sprueche-inkludiert-mich-doch-am-arsch/ https://ansch.4lima.de/an-sprueche-inkludiert-mich-doch-am-arsch/#comments Wed, 24 May 2017 07:23:24 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=8689 Drei Schwestern im Theaterstück RambaZamba, www.gesellschaftsbilder.de„Ich kann das Wort Inklusion nicht mehr hören.“ Von T. GRUNDSTEIN]]> Drei Schwestern im Theaterstück RambaZamba, www.gesellschaftsbilder.de

Ich kann das Wort Inklusion nicht mehr hören. Von T. GRUNDSTEIN

 

Versteht mich nicht falsch – als politische Forderung zur Umsetzung von Menschenrechten ist Inklusion als Schlagwort durchaus brauchbar, weil der Mainstream was damit anfangen kann und das Wort leicht erklärbar ist. Aber auf der individuellen Ebene, in zwischenmenschlichen Kontakten, ist es ein Un-Wort geworden.
Zum einen heißt Inklusion auf Deutsch Einschluss. Ich will aber nicht eingeschlossen werden, ich will frei sein! Schafft Rahmenbedingungen, die es uns ermöglichen, uns frei zu bewegen. Und zwar auf allen Ebenen. Dann können wir uns auf Augenhöhe begegnen. Dann können wir uns auch aussuchen, wo wir dabei sein wollen und wo nicht. Dann können wir uns auch entscheiden, euch nicht dabeihaben zu wollen. Da reden wir dann aber nicht von Inklusion, sondern von Chancengleichheit!
Und wer soll denn überhaupt wo inkludiert werden? Wir waren immer schon da, wir behinderte Menschen waren nie weg! Ihr nicht-behinderte Menschen habt uns nur nicht sehen wollen.

Die Schnauze voll. Früher habt ihr Unmengen an Geldern dafür ausgegeben, uns wegzusperren, uns zu „besondern“. Später seid ihr dann dazu übergegangen, uns zu ermorden. Dann wart ihr wieder gnädiger und habt schönere Anstalten gebaut für diejenigen von uns, die eurer immer „treffsichereren“ Selektion (eugenische Indikation, PID, PND) entronnen sind. Egal von welcher Epoche wir reden, bis dato bestimmt ihr, wie unser Leben aussieht und ob es uns geben darf. Wir sind von euren Gnaden abhängig. Und davon hab ich einfach die Schnauze voll. Inkludiert mich doch am Arsch!
Liebe nicht-behinderte Menschen! Werdet euch eurer Privilegien bewusst, hinterfragt sie, teilt sie. Und dann fragt doch mal nach, ob wir euch inkludieren wollen.
Und: Natürlich müssen auch wir behinderte Menschen, zumindest die, die weiß, mittelschichtszugehörig, hetero … sind, uns mit unseren jeweiligen Privilegien im Vergleich zu anderen marginalisierten Gruppen auseinandersetzen!

 

Drei Schwestern im Theaterstück RambaZamba, www.gesellschaftsbilder.de © Andi Weiland, www.andiweiland.de
Drei Schwestern im Theaterstück RambaZamba, www.gesellschaftsbilder.de © Andi Weiland

 

Angst vor Augenhöhe. Eine so scharfe Sprache zu verwenden, ist ungewöhnlich bzw. untypisch für eine behinderte Person, ich bin mir dessen bewusst. Aber ich frage mich, warum es gerade in aufgeschlossenen, gesellschaftskritischen Kreisen so viele wunderbare Diskussionen in Sachen Privilegien gibt, außer es geht um das Topic Behinderung.
Meine Vermutung ist, dass die Angst, sich dann wirklich auf Augenhöhe zu begegnen, im Weg steht. Es scheint in unserer Gesellschaft sehr tief verankert zu sein, dass behinderte Menschen so völlig anders sind. Und irgendwie ist das für viele Menschen eine Ordnung, die sie nicht ändern wollen.
Behinderte Menschen sind immer mehr sichtbar, weil bauliche und strukturelle Barrieren immer weniger werden. Das ist eine begrüßenswerte Entwicklung.
Dadurch mehren sich Begegnungsmöglichkeiten zwischen behinderten und nicht-behinderten Personen, gemeinsame Räume entstehen, ein Miteinander-Tun entsteht, Freund*innenschaften entstehen. Je näher wir Menschen an uns ran lassen, umso mehr sind diese auf unserer Augenhöhe.
Und dann?! Dann ist oft der Rahmen an möglichen Annäherungen erschöpft.

Hand aufs Herz. Denn, liebe nicht-behinderte Leute, Hand aufs Herz, wer liegt neben euch im Bett? Wen findet ihr begehrenswert, sexy, schön? Ist es die Person mit der krummen Wirbelsäule? Oder die Person, deren Bewegungen mit Armen und Beinen immer für Überraschungen gut sind? Ist es die Person, deren Beine keinen Widerstand leisten, aber die dich mit ihren Attitüden voll im Griff hat? Ist es die Person, die beim Orgasmus kaum mehr Luft bekommt und deshalb das Asthmaspray dazu braucht? Ist es die Person, die du sprichwörtlich auf Händen tragen musst, wenn ihr Sex haben wollt?
Ich rede hier nicht von Fetischisierung bestimmter Behinderungen. Ich rede davon, einen behinderten Körper schön zu finden, wie er ist. Ihn begehren, sexy und attraktiv finden. Ganz bewusst rede ich hier vom Körper. Denn es geht mir um Körpernormen, nicht um Sympathien.
Solange es die Körpernormen in unserer Gesellschaft gibt, dass behinderte, dicke, trans*, inter* Personen als „anders“ angesehen werden, solange gibt es eine klare Hierarchie und keine echte Chance auf Gleichberechtigung. Und das zieht sich durch alle Gesellschaftsschichten und Communities.

 

T. Grundstein ist langjährige*r Aktivist*in der emanzipatorischen Behindertenbewegung und Mitinitiator*in der „Queers on Wheels“ und „Behindert und Verrückt feiern – Wien“.

 

 

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Sie inspirieren mich! https://ansch.4lima.de/sie-inspirieren-mich/ https://ansch.4lima.de/sie-inspirieren-mich/#respond Wed, 24 May 2017 07:21:32 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=8703 Mit dem Rolli in der Stadt, www.gesellschaftsbilder.de © Andi Weiland, www.andiweiland.deBloggen gegen Barrieren. Von BRIGITTE THEISSL]]> Mit dem Rolli in der Stadt, www.gesellschaftsbilder.de © Andi Weiland, www.andiweiland.de

Bloggen und Barrieren überwinden – eine Netzschau mit spannenden Projekten und Blogs rund um das Thema Disability. Von BRIGITTE THEISSL

 

Berichte über Menschen mit Behinderung sind oft vollgepackt mit Klischees, mit Floskeln und Vorurteilen, die die Lebenswelt der betreffenden Personen verzerrt darstellen. Die Redakteur_innen von Leidmedien.de (ein Projekt der Sozialhelden in Kooperation mit der Aktion Menschen) kennen solche Geschichten zur Genüge und richten sich mit ihrem Projekt deshalb vorrangig an Journalist_innen. Auf der Website finden sich viele nützliche Tipps für eine sensible Berichterstattung, damit Menschen mit Behinderung nicht nur als Opfer, Leidende oder Held_innen, die „ihr Schicksal tapfer meistern“, in den Medien auftauchen. Darüber hinaus stellen die Initiator_innen nützliche Literaturtipps, Rezensionen und Hintergrundwissen zur Verfügung. Tipp: Wenn ihr einer Person begegnet, die an den Rollstuhl gefesselt ist, bindet sie los!
Im vergangenen Jahr startete Blogger_in Ash gemeinsam mit anderen Twitter-Nutzer_innen den Hashtag #Behindernisse. Die Motivation: Stimmen von Betroffenen* einen Kanal zu geben und aufmerksam auf die strukturelle Diskriminierung und Einschränkung im Leben von BeHinderten – der Fokus liegt auf den gesellschaftlichen Hindernissen – zu machen. Auf be-hindernisse.org wurden die Tweets dokumentiert („Bei ‚Sei doch dabei, bei der Konferenz/Tagung/etc. xyz‘ wird oft die finanzielle Barriere infolge meiner Behinderung vergessen“), zusätzlich finden sich auf der Seite spannende Blogeinträge und Speaker_innen zum Thema. Ash Brugger bloggt außerdem unter hirngefickt.wordpress.com über Liebe, Sex, Beziehungen und andere queerfeministische Themen.
„Kann man da noch was machen?“ hat Laura Gehlhaar ihr Buch genannt, in dem sie Geschichten aus dem Alltag einer Rollstuhlfahrerin erzählt. Der Titel ist Teil eines Bullshit-Bingos, das auch mit Fürchterlichkeiten wie „Du Arme, so hübsch und dann im Rollstuhl“ oder „Sie inspirieren mich“ aufwartet. Auf fraugehlhaar.wordpress.com berichtet die studierte Sozialpädagogin, die mittlerweile als Autorin und Coach arbeitet, pointiert und illustriert mit großartigen Fotos über das Großstadtleben und das Rollstuhlfahren und erklärt, warum ihre Behinderung ein „Arschlochfilter“ ist.
Ninia Binias ist im Netz als Ninia La Grande bekannt. Die Hannoverin, die unter anderem als Poetry Slammerin und Kabarettistin auf der Bühne steht, interessiert sich vor allem für Inklusion, Feminismus und Mode. Auf ninialagrande.blogspot.co.at gibt sie Einblicke in ihre Arbeit und ihren Alltag – zuletzt berichtete die Bloggerin über ihre Schwangerschaft. „Jeder Tag ist Alltag – und dazu gehören Blicke, Sprüche, Barrieren, Beleidigungen, Respektlosigkeiten und positive Diskriminierungen à la ‚Ich bewundere dich dafür, dass du das trotz deiner Größe machst‘“, erzählt Ninia in der „taz“ über ihren Alltag als kleinwüchsige Person.
Karin Hitselberger schreibt nicht nur über Ableismus und ihre Erfahrungen als behinderte Frau, sondern zeigt sich auf Instagram auch als Fashionista und Selfie Queen: www.instagram.com/khitselberger. „Inspired by my passion for all things fashion and beauty related and my realization that there weren‘t many fashion magazine featuring girls who looked like me, I created Ceep Style because I believe that fashion is a playground and that everybody should be able to play!“, schreibt die US-amerikanische Aktivistin.

 

Mit dem Rolli in der Stadt, www.gesellschaftsbilder.de © Andi Weiland, www.andiweiland.de
Mit dem Rolli in der Stadt, www.gesellschaftsbilder.de © Andi Weiland

 

 

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zeitausgleich: Miras* unglaubliche Geschichte https://ansch.4lima.de/zeitausgleich-miras-unglaubliche-geschichte/ https://ansch.4lima.de/zeitausgleich-miras-unglaubliche-geschichte/#respond Tue, 23 May 2017 15:18:31 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=8693 Illustration: Nadine Kappacher„Eine Frau mit Kopftuch und Selbstständigkeit – das geht nicht zusammen!“ Von HANNA GERBER]]> Illustration: Nadine Kappacher

arbeitsfragen in allen lebenslagen

 

Mira* ist 29, sie hat vier Kinder plus einen 17-jährigen Sohn aus erster Ehe ihres Mannes. Sie besitzt exzellente Deutschkenntnisse, die sie in ihrer Schulzeit in der Ukraine erworben hat, und sie ist ausgebildete Gynäkologin. Bis vor zwei Jahren lebte sie in der Nähe von Aleppo, wohin sie ihrem Ehemann gefolgt war. Mira konvertierte zum Islam und trägt jetzt ein Kopftuch. Ihr Mann hält sich aktuell irgendwo in einer türkischen Stadt in der Nähe der syrischen Grenze auf, wo er seinem todkranken Vater eine letzte Stütze ist. Es ist ungewiss, ob er überhaupt je nach Österreich zurückkommt, er hat hier keine Perspektive.
Auch Mira kann hier nicht arbeiten. Die Nostrifikation ihrer Ausbildung würde ein zwei Jahre dauerndes intensives Studium erfordern, das ihrer Meinung nach mit vier Kindern nicht zu bewältigen ist, zusätzlich ist eine Prüfung über Deutsch für Mediziner_innen verpflichtend. Danach entscheidet die Ärztekammer, wo sie eingesetzt wird: Die erlernte Facharztausbildung ist dabei nicht relevant. Mira schätzt, dass in ihrem Fall an die zehn Jahre verstreichen würden, bis sie diesen Prozess durchlaufen hätte. Nur: Wovon leben sie und die Kinder in der Zwischenzeit? Sozialbeihilfe gibt es ja nicht ewig. Darauf gibt der österreichische Sozialstaat keine Antwort. Was also tun?
Mira geht zum WAFF. Ihr Anliegen: Gemeinsam mit einer ukrainischen Freundin will sie ein Kosmetikstudio eröffnen und sich selbstständig machen. Antwort: „Das ist lächerlich! Sie sind doch Gynäkologin. Wir können Sie nicht unterstützen!“.
Nächste Erfahrung: Sie beantragt beim AMS dieselbe Unterstützung. Antwort: „Eine Frau mit Kopftuch und Selbstständigkeit – das geht nicht zusammen!“
So versäumt es der österreichische Staat mit seiner rassistisch und sexistisch geprägten Gesetzgebung, das ihm quasi gratis zur Verfügung gestellte, hochqualifizierte „Humankapital“ zu nutzen. Eigentlich sollte Miras Ausbildung als Gynäkologin anerkannt werden, eigentlich sollte der österreichische Staat froh sein, dass ihre Ausbildung schon ein anderer Staat übernommen hat, eigentlich sollte Österreich an die Ukraine dafür Entschädigungszahlungen leisten. Im Idealfall würde Mira die Nostrifikation ihrer Ausbildung ermöglicht, indem ihr eine Kinderbetreuung finanziert wird. Eigentlich!

 

*Name der Redaktion bekannt

 

Hanna Gerber ist Lehrerin an einer BMS in Wien.

 

Zeitausgleich
Illustration: Nadine Kappacher

 

 

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Der postfaktische Präsident https://ansch.4lima.de/der-postfaktische-praesident/ https://ansch.4lima.de/der-postfaktische-praesident/#comments Tue, 23 May 2017 15:11:53 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=8705 Joe Flood/flickrWas hat Trump mit dem Poststrukturalismus zu tun? Von. BEATRICE FRASL]]> Joe Flood/flickr

Postrukturalistische Theorie und die Rede von „Alternative Facts“ haben leider einiges gemeinsam. Das sollten wir nicht länger ignorieren, meint BEATRICE FRASL.

 

Conway: „You‘re saying it‘s a falsehood and Sean Spicer, our press secretary, gave alternative facts to that.“ Todd: „Alternative facts are not facts. They are falsehoods.“
Dies ist kein Zitat aus einem Huxley-Roman, sondern ein inzwischen berühmt gewordener Ausschnitt aus einem Interview mit Kellyanne Conway, Trumps Chef-Wahlkampfstrategin und Beraterin. Es ist das wohl pointierteste Beispiel für ein Phänomen, das in den letzten Monaten gerne als „Postfaktizismus“ bezeichnet wird – für ein Zeitalter, in dem wahr ist, was man glaubt. In dem Unwahrheiten plötzlich nicht mehr Lügen oder Propaganda sind, sondern Alternativfakten. Und in dem Fakten, wissenschaftliche Erkenntnisse und Statistiken nur dann Validität zugesprochen wird, wenn sie dem eigenen subjektiven und situativen Wahrheitsempfinden entsprechen. US Late-Show-Host Stephen Colbert hat dieses „Empfinden“, dieses Bauchgefühl, das über belegbare Fakten gestellt wird, treffend als „truthiness“ bezeichnet.

Relativismus. Ich möchte mich hier einem bisher vernachlässigten Aspekt von Rechtspopulismus und Trumpismus widmen und zwar seinen Überschneidungen mit poststrukturalistischen Glaubenssätzen. Denn: Trump ist nicht nur der unqualifizierteste, rechtspopulistischste, rassistischste und misogynste Präsident, den die USA je gesehen haben, sondern auch der poststrukturalistischste.
Die philosophische Strömung des Poststrukturalismus ist geprägt von epistemischem Relativismus. Der Idee also, es gebe keine allgemeingültige Wahrheit sowie keine allgemein und universal gültigen ethischen Grundlagen oder Werte. Was in einem bestimmten historischen und kulturellen Kontext als wahr gilt, ist eingebunden in und hervorgebracht durch Machtverhältnisse. Eine Wahrheit ist immer nur eine von vielen möglichen. Dies ist in Zeiten, in denen Wissenschaft und Forschung im Allgemeinen und die Geisteswissenschaften im Besonderen händeringend um Forschungsförderung und Finanzierung kämpfen, aber leider ein Eigentor, da mit der Untergrabung der Autorität wissenschaftlicher Erkenntnis über persönliches objektives Wahrheitsempfinden auch die Legitimität dieser Forschung infrage gestellt wird. Und dies wiederum hat nicht nur sehr reale ökonomische Folgen für jene, die sich selbst innerhalb der Wissenschaften um Wahrheitsfindung bemühen, und in Folge für die Wahrheitsfindung selbst, es hat angesichts der aktuellen Entwicklungen potenziell auch hochgefährliche politische Auswirkungen. Trumpistische „alternative facts“ sind die letzte Konsequenz dieser Haltung.

 

Joe Flood/flickr
Beim March for Science demonstrierten Ende April Zehntausende in Washington, D.C. für den Wert von Wissenschaft und Forschung und gegen „alternative Fakten“. (Joe Flood/flickr)

 

Klimawandel. Auch der Umgang des Trump-Kabinetts mit dem Thema Klimawandel kann als ein Beispiel für den poststrukturalistischen Umgang mit wissenschaftlich generierter Wahrheit gelten. Der Klimawandel ist ein wissenschaftlich anerkanntes und mittlerweile recht gut erforschtes Faktum. Dennoch glauben weite Teile der amerikanischen Republikaner_innen einfach nicht daran, dass er existiert. Dieser Glaube hat keine faktische, wissenschaftliche Grundlage – er besteht dennoch. Für manche Klimawandelleugner, wie Rex Tillerson, der vor seiner Position als Außenminister im Trump‘schen Kabinett Präsident der Ölfirma Exxon Neftegas Limited war, sind hier wohl manifeste wirtschaftliche Interessen verantwortlich. Andere scheinen allerdings schlicht ihren Glauben, dass nicht sein kann, was nicht sein soll, vor wissenschaftliche Erkenntnis zu stellen. „Truthiness“ wiegt schwerer als truth, vielleicht auch aufgrund intellektueller Überforderung bei der Verarbeitung komplexer (natur-)wissenschaftlicher Informationen. So wie Trump selbst, der den Klimawandel als einen von China erfundenen Hoax bezeichnete und einmal sagte, wenn sein Apartment gut verschlossen wäre, würde das von ihm verwendete Haarspray auch nicht zur Zerstörung der Ozonschicht beitragen.
Postrukturalistischer epistemischer Relativismus ist also tatsächlich zu einer reellen Bedrohung geworden, nicht nur für die Wissenschaften, sondern für die Menschheit und ihr Fortbestehen. Und: Er nimmt uns die Möglichkeit, politische Verantwortungsträger_innen zur Verantwortung zu ziehen, da die Referenz auf eine Alternativwahrheit, auf „alternative facts“ immer eine Möglichkeit darstellt, sich aus dieser Verantwortung zu stehlen.

Queer Theory. Trump ist hier allerdings nur ein Aspekt einer breiteren gesellschaftlichen Entwicklung, in der sich politischer Diskurs von wissenschaftlicher Faktizität abwendet und in welcher vormals linker Poststrukturalismus und repressive konservative, rechte und rechtspopulistische Politik zusammenfallen. So wird auch die Queer Theory, die tief verwurzelt ist in poststrukturalistischem Denken, gegen jene verwendet, die sie propagieren – zu LGBTIQ*-feindlichen Zwecken.
Während weite Teile der Gay-Rights-Bewegung in den letzten Jahren ein „Born This Way“-Narrativ vertreten, also menschliche Sexualität als unveränderbaren, angeborenen Fakt propagieren, sehen Proponent_innen postrukturalistischer Queer Theory Sexualität als ein kontingentes, fluides, arbiträr definiertes, nicht-naturhaftes (Er-)Leben.
Von konservativer Seite lautete im Anschluss daran das Argument, wenn sexuelle Orientierung fluide und veränderbar sei, dann müsse der Staat Menschen nicht das Recht einräumen, Menschen zu heiraten, die dieser (veränderbaren) (homo-)sexuellen Orientierung entsprechen.
Aber auch Vertreter_innen der sogenannten Gay Conversion Therapy verweisen auf die postrukturalistische Idee der Veränderbarkeit – und meinen damit die Therapierbarkeit von Homosexualität.

Schnittmengen. Natürlich verzerren und verkürzen konservative Gegner_innen von LGBT-Rechten dabei die queertheoretischen Grundlagen und stellen sie vielerorts schlichtweg falsch dar. Dennoch scheint es dringend diskussionswürdig, dass es zwischen Queer Theorie und anti-queeren Politiken offenbar einige Schnittmengen gibt. Denn der Poststrukturalismus und die dem Poststrukturalismus entspringende Queer Theory haben sich gegen ihre eigenen Vertreter_innen gewendet.
Teresa de Lauretis, die „Schöpferin“ des Terminus Queer Theory, hat sich in der Zwischenzeit wieder davon abgewendet. Ihre Kritik ist, der Begriff sei heute intellektuell und politisch völlig entleert und führe letzten Endes zu Handlungsunfähigkeit. Wir müssen uns also die Frage stellen, welchen Zweck philosophische Theorien erfüllen, wenn sie gegen unsere eigenen politischen Ziele gewendet und gar für repressive und rechte Politiken verwendet werden können.
Es wird Zeit, dass wir uns von manchen poststrukturalistischen Ideen verabschieden. Und sei es nur um unserer selbst willen. Alternative Fakten sind nämlich keine Fakten. Sie sind Lügen und Propaganda.

 

Beatrice Frasl ist derzeit Junior Fellow am internationalen Forschungszentrum für Kulturwissenschaften in Wien und Doktorandin an den Universitäten Kingston upon Hull und Wien. Außerdem ist sie Gründerin und Co-Host des feministischen Podcasts „She Who Persisted“.

 

 

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bonustrack: Was mir niemand gesagt hat https://ansch.4lima.de/bonustrack-was-mir-niemand-gesagt-hat/ https://ansch.4lima.de/bonustrack-was-mir-niemand-gesagt-hat/#respond Tue, 23 May 2017 14:56:22 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=8695 Illustration: Judith FilimónovaDie allermeiste Zeit auf Tour verbringe ich in Minivans, Bussen, Flugzeugen. Von JUDITH FILIMONOVA]]> Illustration: Judith Filimónova

Ich wollte ganz früh schon Musikerin werden. Ich habe dafür viel geübt, gelernt, geprobt, bin schon als Sechsjährige auf der Bühne gestanden, habe mit zehn Jahren erstes Geld mit Live-Auftritten verdient und mit 14 meine ersten Songs geschrieben. Ich wurde gewarnt, dass es schwer sei, sein Auskommen als Musikerin zu finden, war aber topmotiviert, das Gegenteil zu beweisen.
Ich habe mir das Musiker_innenleben so vorgestellt, dass ich tagsüber lustige Proben mit Freund_innen hab, abends Konzerte mit jubelnden Fans, danach Party bis zum Umfallen. Gar nicht mal so weit entfernt von der Realität, doch gibt es da noch so einige Aspekte, vor denen mich niemand gewarnt hat:
Die allermeiste Zeit verbringe ich in Minivans, Bussen, Flugzeugen. Das Unterwegssein ist meistens fad, mitunter sehr unglamourös, oft unbequem, und nimmt tatsächlich sehr viel Lebenszeit in Anspruch. Dann kommt das Warten – warten auf den Soundcheck, aufs Konzert, warten warten warten. Auf die Party verzichte ich mittlerweile oft, weil eine lange Fahrt nach zu wenig Schlaf und mit ordentlich Restalkohol die Hölle sein kann. (Ich habe es oft genug probiert.)
Mansplaining erlebe ich bei so gut wie jedem Konzert, aber da darf man sich jaaa nicht aufregen, denn das ist schlecht für die Stimmung. Dass ich mich bestens mit meinem Equipment auskenne, genau weiß, was den Elektrizitätsbrumm im Amp abschwächen oder verstärken und was garantiert nichts bringen wird, wird von männlichen* Technikern konsequent ignoriert.
Im Musikgeschäft wurde mir kürzlich auf eine sehr spezifische Frage zu einem bestimmten Synthesizer erklärt, dass ein Synthesizer nicht das Gleiche sei wie ein Klavier (HÄ???).
Was mir aber auch niemand gesagt hat, ist, dass bei langen Autofahrten oft wunderbare Gespräche entstehen, dass beim Warten viel Zeit zum Lesen ist, für die meisten meiner Bandkollegen mein Geschlecht keine Rolle spielt, und dass in seltenen Fällen dann doch mancher Mann kapiert, dass er sich seine gut gemeinten Tipps und Erklärungen in den Arsch schieben kann.

 

Judith Filimónova ist Bassistin, Songwriterin und Produzentin. Sie ist eine Hälfte des Pop-Duos „Fijuka“, tourt regelmäßig mit Bands wie „Bo Candy“, „Gin Ga“, „Kids N Cats“ und produziert momentan gemeinsam mit Mandy Mozart Techno als „Mandy + Judith“.

 

Illustration: Judith Filimónova
Illustration: Judith Filimónova

 

 

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an.sehen: Satanic Panic https://ansch.4lima.de/an-sehen-satanic-panic/ https://ansch.4lima.de/an-sehen-satanic-panic/#respond Tue, 23 May 2017 14:55:47 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=8707 © identities 2017Identities zeigt ein erschütterndes Justizdrama. Von FIONA SARA SCHMIDT]]> © identities 2017

Das queere Filmfestival Identities zeigt in Wien wieder zahlreiche sehenswerte Spielfilme und Dokumentationen von Regisseurinnen. FIONA SARA SCHMIDT hat das erschütternde reale Justizdrama „Southwest of Salem“ gesehen.

 

Es klingt wie der Plot einer sehr weit hergeholten Folge der US-Gefängnisserie „Orange Is The New Black“: Nachdem eine junge Frau ihre beiden Nichten beaufsichtigt hat, werden sie und drei lesbische Freundinnen der Gruppenvergewaltigung bezichtigt. Es soll sich dabei um eine rituelle satanische Gewaltorgie mit den Mädchen gehandelt haben. Die Anschuldigungen sind zwar haltlos, doch vor Gericht werden sie nicht entkräftet, sondern führen zu langen Gefängnisstrafen und einem zermürbenden Kampf für Gerechtigkeit.

Wahrer Albtraum. Elizabeth Ramirez, genannt Liz, ist 1994 19 Jahre alt und lebt im texanischen San Antonio. Liz teilt sich die Wohnung mit Kris Mayhugh. Seit Kurzem leben außerdem Anna Vasquez und Cassie Rivera, die gemeinsam Cassies Kinder aufziehen, mit in der Wohnung, weil ihre Mütter sie hinausgeworfen haben.
Als Liz die sieben und neun Jahre alten Töchter ihrer Schwester 1994 für eine Woche bei sich wohnen lässt, kommt es zur Anklage durch den Vater der Mädchen. Liz’ Ex-Schwager hatte auch versucht, bei Liz zu landen, und will sich nun rächen. Die Anklage liest sich wie eine schlechte Männerfantasie, doch es kommt zu einem Gerichtsverfahren. Liz Ramirez wird zu 37,5 Jahren Haft verurteilt, ihre Freundinnen zu je 15 Jahren. Liz ist schwanger, wenige Tage nach der Geburt ihres Sohnes muss sie 1997 ihre Haft antreten.

True Crime. Die 1980er und 1990er sind nicht nur die Zeit der New-Age-Spiritualität, der Gurus und des Ökofeminismus, sondern in den USA auch die der Hysterie vor satanistischen Hexen, über die breit berichtet wird. Im Fall der „San Antonio Four“ genannten vier lesbischen Frauen – drei von ihnen Latinas aus konservativen katholischen Familien – kommt es bei der Anklage zu einer Verschränkung von Frauen- und Homofeindlichkeit, Rassismus und Klassismus. Die Justizopfer aus der Arbeiter_innenklasse nehmen anfangs keine anwaltliche Beratung in Anspruch – zu absurd scheinen die Vorwürfe. Medial wird der skandalöse Fall zunächst kaum beachtet. Erst ab 2009 berichtet die lokale Presse, 2012 beginnt die Regisseurin Deborah S. Esquenazi die inhaftierten „San Antonio Four“ im Gefängnis zu filmen. Die „New York Times“ berichtet, Anwält_innen der NGO Innocence Project schalten sich ein, die LGBTQ-Community formiert sich zum Protest.

 

© identities 2017
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Justizopfer. Die Regisseurin spricht auch mit den angeblichen Opfern, deren Vater und der Großmutter, auf die sich die Anklage neben den Aussagen der Kinder stützte. Private Filmaufnahmen aus jener Zeit fangen unbeschwerte Momente ein und bilden genau wie die Gefängnisgebäude im gleißenden Sonnenlicht, die wirklich haargenau wie in „Orange Is The New Black“ aussehen, einen krassen Gegensatz zu den berichteten Demütigungen. So müssen Trainings für Sexualstraftäterinnen besucht werden, nach der Entlassung muss man sich in Texas auch als solche registrieren und darf sich Kindern nicht nähern. Den Stein ins Rollen bringt schließlich eine neue Aussage einer der Nichten. Außerdem ist das Gutachten einer Ärztin mittlerweile medizinisch nicht mehr haltbar. Die „San Antonio Four“ bereiten sich auf ihr Wiedersehen vor.

Ziviler Ungehorsam. „Southwest of Salem“ steht beim Identities Filmfestival exemplarisch für die Schwerpunkte Zivilgesellschaft und Feminismus. Im Bereich Dokumentation sind Porträts über die Aktivistin Thérèse Clerc und die Soziologin Christine Delphy und die mitreißende Doku über die US-Frauenbewegung „She’s Beautiful When She’s Angry“ zu sehen, außerdem eine charmante Kurzdoku über Journalistinnen in Österreich von Elisabeth Spira, die 1977 entstand. Regisseurinnen bleiben auch bei queeren Festivals häufig die Kurzfilme überlassen, deshalb bietet Identities heuer auch zahlreiche lange Spielfilme von Regisseurinnen wie etwa die auf dem amerikanischen Land angesiedelte Liebesgeschichte „AWOL“ von Deb Shoval, „Dohee-Ya“ über eine südkoreanische Polizistin, die mit Vorurteilen zu kämpfen hat von July Jung oder den israelischen Eröffnungsfilm „Bar Bahar“ von Maysaloun Hamoud.

 

Southwest of Salem. The Story of the San Antonio Four
USA 2016, 91 Min.
Regie: Deborah S. Esquenazi

 

Identities. Queer Film Festival
8.–18.6. in Wien
Eröffnung: Gartenbaukino
Programm: Filmcasino & Metro Kino

 

 

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an.künden: Gestärkte Gemeinschaft https://ansch.4lima.de/an-kuenden-gestaerkte-gemeinschaft/ https://ansch.4lima.de/an-kuenden-gestaerkte-gemeinschaft/#respond Tue, 23 May 2017 13:52:15 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=8667 Eyes on U © Totisz Tamás - FototiszIn Budapest findet ein zweitägiges Ladyfest mit Musik, Film, Diskussionen u.v.m. statt.]]> Eyes on U © Totisz Tamás - Fototisz

Nach dem erfolgreichen Rakéta Ladyfest Day im vergangenen Jahr hat sich ein Kollektiv aus aktiven Frauen* in Budapest zusammengeschlossen, um ein zweitägiges Ladyfest in der ungarischen Hauptstadt zu organisieren. Solidarisch sein, neue Banden formen, Künstler_innen unterstützen und sich politisch engagieren – das DIY Non-Profit-Fest bietet die perfekte Plattform dazu. Neben technischen Musik-Workshops, Diskussionen über Sexismus in der Musikindustrie, Film Screenings und Ausstellungen überzeugt ein volles Line-Up mit rein ungarischen Bands, u. a. Eyes On U.

 

17.–18.6., Ladyfest Budapest
Gólya, 1083 Budapest, Bókay János Utca 34

 

Eyes on U © Totisz Tamás - Fototisz
Eyes on U © Totisz Tamás – Fototisz

 

 

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an.künden: Gezeichnete Erfahrungen https://ansch.4lima.de/an-kuenden-gezeichnete-erfahrungen/ https://ansch.4lima.de/an-kuenden-gezeichnete-erfahrungen/#respond Tue, 23 May 2017 13:50:35 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=8666 © Patu/Vina YunDie Migrationsgeschichte der ersten koreanischen Krankenschwestern verpackt in den Comic „Homestories“.]]> © Patu/Vina Yun

Im Rahmen des Stipendiums „kültür gemma!“ beschäftigte sich die ehemalige an.schläge-Redakteurin Vina Yun mit der wenig bekannten Migrationsgeschichte der ersten koreanischen Krankenschwestern, die in den 1970er-Jahren als „Gastarbeiterinnen“ nach Österreich kamen. Daraus entstand der semidokumentarische Comic „Homestories“, der auf sehr intime Weise Erfahrungen der (Post-)Migration sowie Generationenverhältnisse und Familienbeziehungen in der Diaspora behandelt. Gemeinsam mit beteiligten Comic-Zeichnerinnen wird zu Lesung und Gespräch geladen.

 

21.6., 19:30, Comic-Präsentation „Homestories“, Lesung und Künstler_innengespräch
Literaturhaus, 1070 Wien, Seidengasse 13

 

© Patu/Vina Yun
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