IV / 2016 – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de Wed, 29 Jul 2020 20:32:20 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.0 https://ansch.4lima.de/wp-content/uploads/2024/10/cropped-favicon-32x32.png IV / 2016 – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de 32 32 „Überführung in ein anderes Genderregime“ https://ansch.4lima.de/ueberfuehrung-in-ein-anderes-genderregime/ https://ansch.4lima.de/ueberfuehrung-in-ein-anderes-genderregime/#comments Sun, 05 Jun 2016 12:37:47 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=7571 Interview: Die Sozialbetreuerin und Anti-Gewalt-Forscherin BIRGIT WOLF über Frauen in Notunterkünften und europäische Geschlechterrollen. Von GABI HORAK]]>

Die Sozialbetreuerin und Anti-Gewalt-Forscherin BIRGIT WOLF über Frauen in Notunterkünften und europäische Geschlechterrollen. Von GABI HORAK

 

an.schläge: Wie sind die Bedingungen in der Notunterkunft speziell für Frauen?

Birgit Wolf: Die Menschen kommen in einer posttraumatischen Phase an. Die Wohnverhältnisse fördern keine Heilung, geben keine Möglichkeit, sich zu beruhigen. Es fehlt an Privatsphäre, an Intimsphäre – insbesondere für Frauen. Das Problem Mobilität ist ungelöst. Es hilft nicht, wenn Frauen einen Platz in einem Deutschkurs bekommen, aber es gibt keine Fahrkarte, damit sie da auch hinkommen. Oder wenn Frauen mit Kindern dann in einer anderen Unterkunft wohnen, wo die Kinder nicht mehr zu Fuß in die Schule kommen, gibt es keine Tickets, um die Kinder in die Schule zu bringen. Es fehlt an psychosozialer Betreuung, um Gewalterfahrungen zu verarbeiten. Es bräuchte durchgehende Strukturen, um Familien vom Ankommen bis zur Integration betreuen zu können. Das würde verhindern, dass wir in drei oder fünf Jahren massivste Probleme haben.

Ist die Vermittlung von europäischen Geschlechterrollen ein Thema im Haus?

Ja, das ist eine der größten Herausforderungen. Wobei ich nicht finde, dass wir diesen Gesellschaften so viel voraus haben. Es läuft hier nur verdeckter. Dennoch bräuchte es eine vorsichtige, sanfte Überführung von einem Genderregime in ein anderes, unbekanntes. Und zwar nicht erst in eineinhalb Jahren, wenn sie ihren Asylbescheid haben und integriert sind, sondern gleich, wenn sie ankommen. Wir vermitteln im Haus gesetzliche Grundlagen und erklären auch, wie und warum diese entstanden sind. Das macht es begreifbarer. Diese Vermittlung findet in Gesprächen statt, auch ganz praktisch etwa bei der Auszahlung: Das Taschengeld für den Mann bekommt der Mann, und die Frau bekommt es für sich und die Kinder. Briefe werden von der Frau selbst geöffnet und nicht vom Mann.

Tun sich die Männer schwer mit den neuen Rollen?

Auch wir würden uns schwer tun, wenn wir in ein anderes Land kämen und gewisse Regeln ganz anders sind. Da kann man sein ganzes Verhalten nicht sofort ändern. Es ist etwa schwer zu akzeptieren für Männer, dass sie bei Gewalt in der Familie weggewiesen werden sollen. Ich habe zehn Jahre Erfahrung mit der Arbeit im Gewaltschutz, aber hier komme ich an Grenzen. Bei Familien von Schutzsuchenden grenzt das an Retraumatisierung, denn es verletzt diese Familie noch einmal sehr, wenn man sie trennt. Bei Gewalt muss man natürlich aktiv werden. In solchen Fällen macht sich das große Manko bei der Männerarbeit, das allgemein besteht, massiv bemerkbar.
Aber es gibt eben auch viele andere Beispiele, man muss den Schutzsuchenden auch mal Respekt entgegenbringen, wie viele es schaffen, niemals gewalttätig zu werden – unter solchen Bedingungen und mit ihrem riesigen Rucksack an traumatisierenden Erfahrungen.

 

Birgit Wolf ist Sozialbetreuerin und Anti-Gewalt-Forscherin in Wien.

Sozialbetreuerin und Anti-Gewalt-Forscherin Birgit Wolf © Gabi Horak
Sozialbetreuerin und Anti-Gewalt-Forscherin Birgit Wolf © Gabi Horak

 

 

]]>
https://ansch.4lima.de/ueberfuehrung-in-ein-anderes-genderregime/feed/ 2
Mutter-Tochter-Promis https://ansch.4lima.de/mutter-tochter-promis/ https://ansch.4lima.de/mutter-tochter-promis/#respond Sat, 14 May 2016 17:54:21 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=7459 Von Marie Antoinette & Maria Theresa bis zu Marge & Lisa Simpson]]>

Von Marie Antoinette & Maria Theresa bis zu Marge & Lisa Simpson

Bei manchen ist das Sprichwort „Wie die Mutter, so die Tochter“ ziemlich zutreffend. Als Isabella Rossellini mit 24 Jahren ihr Schauspieldebüt an der Seite ihrer Mutter Ingrid Bergman gab, waren die Ähnlichkeiten unübersehbar. Für Isabella Rossellini war es danach nicht immer einfach, die eigene Balance zwischen bewundertem Vorbild und der Abwehr der ständigen Vergleiche zu finden. Trotzdem hat sie es geschafft, in ihrer Individualität hervorzustechen. Wie die Mutter eben.

Illustrationen: aRzu Sağlam, www.ararzu.com
Illustrationen: aRzu Sağlam, www.ararzu.com

Dass Lisa die Parade-Feministin der Simpsons ist, steht außer Frage. Marge hat als wenig kämpferische Hausfrau auf den ersten Blick wenig zur Emanzipation ihrer Tochter beigetragen. Doch auf „BitchMedia“ wird endlich auch Marges liebevolle Ermutigung von Lisas feministischem Freigeist gewürdigt: „Lisa ist unser feministisches Vorbild. Aber wir sollten nie die Bedeutung derjenigen unterschätzen, die dich unterstützen.“ Eine Liebeserklärung an beide.

Illustrationen: aRzu Sağlam, www.ararzu.com
Illustrationen: aRzu Sağlam, www.ararzu.com

Die Kulturanthropologin Mary Catherine Bateson sollte sich als Kind möglichst frei entfalten dürfen, ihre Eltern nahmen sie mit auf Feldforschung und waren sehr progressiv. Unter dem Titel „Mit den Augen einer Tochter“ hat sie ihre Erinnerungen an ihre Mutter Margaret Mead aufgeschrieben, die als eine der ersten Ethnologinnen zu Gender forschte.

Illustrationen: aRzu Sağlam, www.ararzu.com
Illustrationen: aRzu Sağlam, www.ararzu.com

1970 sprang die linke Journalistin Ulrike Meinhof durch das Fenster eines Lesesaals in den terroristischen Untergrund und war fortan gemeinsam mit Andreas Baader und Gudrun Ensslin Führungsmitglied der RAF. Die Abkehr vom bürgerlichen Leben beinhaltete auch den radikalen Bruch mit ihren Zwillingstöchtern. Bettina Röhl ist heute selbst Journalistin und Autorin, in ihren Publikationen rechnete sie wiederholt mit der 68er-Generation ab. Feminismus bezeichnete sie in einem Artikel als „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“.

Illustrationen: aRzu Sağlam, www.ararzu.com
Illustrationen: aRzu Sağlam, www.ararzu.com

Die Aktivistin Assata Shakur war Mitglied der Black Panther. Ihre Tochter Kakuya Shakur wird 1974 im Gefängnis geboren und wächst bei ihrer Oma auf. 1979 flieht Assata nach Kuba, erst 1985 sehen sich Mutter und Tochter wieder. Die feministische Initiative Schwarzer Frauen aus Chicago, Assata’s Daughters, setzt sich mit einem Mentoringprogramm für Mädchen ein.

Illustrationen: aRzu Sağlam, www.ararzu.com
Illustrationen: aRzu Sağlam, www.ararzu.com

Alle Mütter sind ihren Töchtern irgendwann peinlich, bei Cosma Shiva Hagen muss die Scham wohl besonders schlimm gewesen sein. Nach ihrer grandiosen Anleitung zur klitoralen Stimulation im TV wurden die öffentlichen Auftritte der esoterischen Punk-Ikone Nina Hagen zunehmend skurriler. Cosma Shiva Hagens Karriere als Schauspielerin und (Playboy-)Modell lief nur mäßig erfolgreich, dafür setzt sie sich sehr engagiert für soziale und ökologische Zwecke sowie die UNO-Flüchtlingshilfe ein.

Illustrationen: aRzu Sağlam, www.ararzu.com
Illustrationen: aRzu Sağlam, www.ararzu.com

Marie Antoinette, Erzherzogin von Österreich und spätere Königin von Frankreich, wird bis heute mit der nicht belegten Aussage „Wenn sie kein Brot haben, dann sollen sie doch Kuchen essen“ verbunden. Sicher ist, dass sich die Adelstochter aus dem Hause Habsburg nicht mit Ruhm bekleckert hat. Ihre berühmte und prägende Mutter „Kaiserin“ Maria Theresia regierte Österreich mit erzkatholischer Hand und verheiratete Marie Antoinette bereits mit 14 Jahren aus politischem Kalkül.

Illustrationen: aRzu Sağlam, www.ararzu.com
Illustrationen: aRzu Sağlam, www.ararzu.com

Die Mutter als beste Freundin? Creepy? Vielleicht. In der Serie Gilmore Girls ist es der Produzentin Amy Sherman-Palladino trotzdem gelungen, eine Mutter-Tochter-Beziehung zu inszenieren, in der Nähe nicht Enge oder emotionale Erpressung bedeutet. Wenn auch nicht immer ohne Drama, so akzeptieren Mutter Lorelai und Tochter Rory doch die Grenzen und Freiheiten der jeweils anderen. Warum sollte Solidarität nicht auch zwischen Mutter und Tochter funktionieren?

Illustrationen: aRzu Sağlam, www.ararzu.com
Illustrationen: aRzu Sağlam, www.ararzu.com

Maria Tallchief (1925–2013) war die erste Primaballerina der USA. Als Angehörige der Gemeinschaft der Osage zählte sie zu den Tanz-Pionierinnen „Five Moons“ und gründete mit ihrer Schwester das Chicago City Ballet. Ihrer Tochter riet sie von einem künstlerischen Beruf ab, doch Elise Paschen folgte dem mütterlichen Vorbild und wurde Dichterin. Sie ist Herausgeberin zahlreicher Anthologien und setzt sich für die Literatur weiblicher Native Americans ein.

Illustrationen: aRzu Sağlam, www.ararzu.com
Illustrationen: aRzu Sağlam, www.ararzu.com

Mary Shelley lernt ihre Mutter nicht mehr kennen. Kurz nach ihrer Geburt starb die Feministin und Schriftstellerin Mary Wollstonecraft und hinterließ den beiden Töchtern nur ihre Ideen und Schriften. Für Mary Shelley waren diese offensichtlich Inspiration genug, denn obwohl ihr von ihrer Stiefmutter eine Ausbildung verwehrt blieb, verbrachte sie viel Zeit lesend am Grab ihrer Mutter. Auch sie wurde als Schriftstellerin bekannt, ihr berühmtester Roman ist „Frankenstein“.

Illustrationen: aRzu Sağlam, www.ararzu.com
Illustrationen: aRzu Sağlam, www.ararzu.com

Texte: LEONIE KAPFER, FIONA SARA SCHMIDT, SIMONE STEURER, LEA SUSEMICHEL und BRIGITTE THEIßL

]]>
https://ansch.4lima.de/mutter-tochter-promis/feed/ 0
Fernbeziehung mit Mama https://ansch.4lima.de/fernbeziehung-mit-mama/ https://ansch.4lima.de/fernbeziehung-mit-mama/#respond Sat, 14 May 2016 17:18:27 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=7457 Wenn die Arbeit im Ausland ist. Von CORNELIA GROBNER]]>

Wenn Mütter für einen Arbeitsplatz ins Ausland gehen und kleine Kinder zurücklassen, erfahren sie nicht nur Betroffenheit, sondern sind oft auch Vorwürfen ausgesetzt. Den Realitäten transnationaler Familien wird das freilich nicht gerecht. Von CORNELIA GROBNER

 

„Ich erzähle fast niemandem, dass ich Mutter bin. Zu viele Fragen, zu viel Schmerz.“ Die 29-jährige May P. sinkt ins Sofa und streckt die Beine aus. Sie wirkt nicht müde, obwohl sie gerade vier Stunden geputzt hat. Die Wohnung ist einer ihrer vielen Arbeitsplätze in Wien, das sie ihre zweite Heimat nennt. Eine Heimat, in der sie illegalisiert leben muss. Vor zehn Jahren hat May die Philippinen und ihre damals acht Monate alte Tochter verlassen. „Meine Geschichte ist anders“, betont sie. „Ich schicke Geld heim, aber ich bin nicht deswegen weg. Ich musste meine Vergangenheit hinter mir lassen, um zu überleben.“ Ihre Vergangenheit – damit meint sie ihre Vergewaltigung und das Gesicht ihrer Tochter, das sie daran erinnert. Mays Migrationsbiografie ist Normalität in einem Land, das nach Schätzungen lokaler Behörden jeden Tag über 4.000 Menschen verlassen, um anderswo ein Auskommen zu finden. 72 Prozent von ihnen sind Frauen.

Schwer wie beim ersten Mal. Auch in der südlichen Slowakei ist die Arbeitsmigration von Frauen Normalität. So war es für die Krankenschwester Katarína N. naheliegend, als 24-Stunden-Pflegerin nach Österreich zu gehen, als ihr Mann arbeitslos wurde. Die zweifache Mutter trat nicht nur in die Fußstapfen ihrer Mutter, sondern auch in die von mehr als einem Dutzend anderer Frauen ihres Heimatdorfes. „Ich weiß, wie sich meine Kleinen fühlen, weil ich mich erinnere, wie es für mich war, als meine Mutter fortging“, meint die 29-Jährige mit Wehmut in der Stimme. Bei jedem Abschied zerrt die Zweijährige an der Mutter und weint bitterlich. Die Fünfjährige wiederholt die immer gleiche Frage: „Warum gehst du weg, Mama? Warum?“ Für das Geld, sagt sie. Für dein besseres Leben, denkt sie.
Den Söhnen der Slowakin Alžbeta B. ist dieser Zusammenhang klarer. Sie sind 15 und 19 Jahre alt. Ihre Mutter, die seit knapp sechs Jahren ebenfalls als Pflegerin in Österreich arbeitet, nimmt die Mühen auf sich, damit sich die Familie ihre Ausbildung leisten kann. Zwei Wochen hier – zwei Wochen dort: Alžbetas Leben bestimmt der vom Gesetz geschaffene Arbeitsrhythmus. „Jedes Mal, wenn der Abschied näher kommt, ist es so schwer wie beim ersten Mal“, so Alžbeta. Trotz Unterstützung durch Schwägerin und Mutter ist der Haushalt die Angelegenheit der 38-Jährigen geblieben. In den ersten Tagen nach ihrer Rückkehr beseitigt sie die Unordnung, dann ist sie mit Vorkochen und Einfrieren beschäftigt. „Freizeit habe ich nur in Österreich“, lacht sie. Dann liest sie und hört Musik. Damit vertreibt sie auch die Sehnsucht. Eine Sehnsucht, die sie jeden Abend vor dem Computerbildschirm mit Skype zu stillen versucht. „Ich will alles wissen. Was die Kinder gelernt, gegessen, unternommen haben. Solange wir reden, ist alles gut.“

Emanzipatorisches Potenzial. So herzzerreißend solche Beispiele und Berichte auch sind, der öffentliche Diskurs um Arbeitsmigration und Mutterschaft sollte nicht in der Betroffenheitsspirale stecken bleiben. Das erschafft ein Bild von unterdrückten, hilflosen Migrantinnen und vernachlässigten Kindern. Dabei können die Auswanderung und das Geldverdienen durchaus emanzipatorisches Potenzial haben – für beide Seiten. Doch die Interpretation von Frauenmigration und ihren Konsequenzen wird stark von internalisierten Vorstellungen der Aufgaben von Müttern und Vätern getragen. Oft wird die Abwesenheit von Vätern als natürlich wahrgenommen, während die Migration der Mütter dazu führt, transnationale Familienkonstellationen zu skandalisieren. Unterstützungsprojekte seitens der EU oder der davon profitierenden Gastländer sind dennoch rar.
UNICEF-Berichte zeigen, dass sich Müttermigration positiv auf die dadurch finanzierbare Bildung der Kinder auswirkt, besonders auf jene der Töchter – solange es andere emotionale Bezugspersonen gibt und sich die Verantwortung der Kinder für den Haushalt in Grenzen hält. Diese Bildungsvorteile können auch dadurch entstehen, dass die Kinder später ins Arbeitsland nachgeholt werden. „Nur wenn meine Kinder in Deutschland studieren, bekommen sie einen Abschluss, mit dem sie überall auf der Welt Chancen haben“, befindet etwa Simona S. Die 38-jährige Rumänin hat immer wieder monatelang getrennt von ihrer Familie in München gearbeitet. Das erste Mal vor 15 Jahren. Deutschland, das war ihr schnell klar, sollte die neue Heimat für sie alle werden. Vor zwei Jahren erfüllte sich dieser Traum mit einer Anstellung als Kita-Pädagogin. Die nachgeholte Familie kämpft noch mit dem neuen Land: Fremdeln, Sprachbarrieren, Sehnsucht nach der siebenbürgischen Heimatstadt. Aber Simona will die Chance nicht aufgeben: „Was sollen wir in Rumänien? Unsere Stadt ist tot. Alle sind weg.“

 

Illustrationen: aRzu Sağlam, www.ararzu.com
Welche zwei Personen hier dargestellt sind, ist in unserer Mutter-Tochter-Promi-Galerie erklärt. Illustrationen: aRzu Sağlam, www.ararzu.com

 

Verändertes Mutterbild. Arbeitsmigration von Müttern eröffnet auch neue Perspektiven auf Mutterschaft: Mütterlichkeit ist nicht mehr länger ausschließlich durch Nähe bestimmt, sondern auch über finanzielle Unterstützung definiert, was bislang die Rolle des Vaters kennzeichnete. Öffentlichkeit und Politik haben jedoch selten die tatsächlichen Arrangements transnationaler Familien im Blick. Die Sozialwissenschaftlerin Bettina Haidinger, die zur Situation von ukrainischen Haushaltsarbeiterinnen in Wien geforscht hat (1), bestätigt das. In dem osteuropäischen Land nehme man sich des Phänomens der abwesenden Eltern drastisch an: In Zeitungen ist die Rede von „Waisenkindern“ lebender Eltern und die Frauen werden als Mütter, die ihre Kinder im Stich lassen, diffamiert. Paradoxerweise existiert parallel auch ein gegensätzliches Narrativ, das diese Mütter zu Heldinnen und Märtyrerinnen der Nation stilisiert.
Eine ähnliche öffentliche Diskussion stellen die beiden Geschlechterforscherinnen Helma Lutz und Ewa Palenga-Möllenbeck in Polen fest, wo durch die Migrationsrate bereits jedes fünfte Kind nicht von seinen Eltern betreut wird. Besonders skandalisiert wird auch hier die Abwesenheit von Müttern. Medienberichte machen die Kinder zu „Euro-Waisen“, zu vernachlässigten Opfern ihrer Eltern, die im Ausland Geld scheffeln. Wie in der Ukraine wird in Polen die Care-Arbeit meist zwischen weiblichen Personen umverteilt – globale Betreuungsketten entstehen.

Technisierte Beziehung. Global Parenting zeichnet sich wie romantische Fernbeziehungen dadurch aus, dass die Technik die wesentliche Kommunikation trägt. Mit den bekannten Defiziten. Keine Berührungen, kein direkter Augenkontakt, keine physische Nähe. „Die Gespräche mit den Müttern in meiner Studie waren besonders berührend, wenn sie über die Beziehung zu ihren Kindern gesprochen haben“, erinnert sich Bettina Haidinger. „Ihre Zerrissenheit war sehr spürbar. Die Frauen legitimierten ihr Hier-Sein nicht nur mit dem Geld, sondern auch mit dem Leiden als Mutter – mit der emotionalen Mehrarbeit.“
Kinder und Jugendliche können die Gründe für die Migration der Mütter meist rational nachvollziehen, sie verstehen die Argumente. Die Sehnsucht nach dem Elternteil, das zeigen die UNICEF-Studien, ist dennoch eine große Last für sie. Im Laufe der Zeit gewöhnen sich viele an die Abwesenheit der Mutter. Sie suchen sich andere Bezugspersonen – was wiederum für Erleichterung, aber auch für Enttäuschung und Traurigkeit bei den Müttern sorgen kann. Wie normalisiert die mütterliche Migration im Alltag ist, hängt von der Verbreitung des Phänomens im Umfeld sowie von Stigmatisierung oder Anerkennung ab.

Pragmatische Migrantinnen. Die Historikerin Sabine Liebig macht in ihrer Forschung die lange ausgeklammerte Geschichte „weiblicher“ Migration sichtbar. „Die emigrierten Frauen im 19. und 20. Jahrhundert haben oft schneller als Männer Arbeit gefunden, weil sie aus Pragmatismus eher bereit waren, Arbeit unter ihrem Ausbildungsniveau anzunehmen“, konstatiert sie. „Die Notwendigkeit, ihre Familien zu ernähren, empfanden Frauen häufig dringlicher. Das ist auch heute noch so.“ Nicht zuletzt gelten Mütter als die verantwortungsvolleren Migrantinnen: Sie schicken einen höheren Anteil vom Verdienst nach Hause, bleiben loyaler als Väter und halten regelmäßiger Kontakt zu den Kindern.
Auch wenn es ihr schwerfällt, telefoniert die Philippinin May einmal im Monat mit ihrer Mutter, manchmal können sie sogar skypen: „Meine Mutter weint die ganze Zeit und mein Herz bricht.“ Ihre Tochter weiß erst seit zwei Jahren von May. Vorsichtig tasten sich die beiden über die Webcam aneinander heran: „Meine Tochter ist sehr schüchtern und beobachtet mich meistens nur. Ich liebe sie. Vielleicht schaffe ich es irgendwann, ihr auch die Wahrheit über ihren Vater zu erzählen. Die Wahrheit darüber, warum ich weggehen musste.“

 

Cornelia Grobner lebt und arbeitet als freie Journalistin und Texterin in Wien.

 

(1) Haidinger, Bettina: Hausfrau für zwei Länder sein. Zur Reproduktion des transnationalen Haushalts. Verlag Westfälisches Dampfboot 2013.

 

]]>
https://ansch.4lima.de/fernbeziehung-mit-mama/feed/ 0
Die erste Liebe https://ansch.4lima.de/die-erste-liebe/ https://ansch.4lima.de/die-erste-liebe/#comments Sat, 14 May 2016 17:07:01 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=7455 Interview: CLAUDIA HAARMANN über Bindung und Trauma. Von LEA SUSEMICHEL]]>

Wir lernen von unserer Mutter, was Liebe ist, sagt die Therapeutin und Autorin CLAUDIA HAARMANN. Warum die Mutter-Tochter-Beziehung trotzdem oft so schwierig ist, wollte LEA SUSEMICHEL wissen.

 

an.schläge: Ein völlig konfliktfreies Verhältnis haben die wenigsten Frauen zu ihren Müttern. Woran liegt das?

Claudia Haarmann: Die Konflikte zwischen Müttern und Töchtern sind gut und notwendig. Ihr Verhältnis ist durch die Gleichgeschlechtlichkeit bestimmt: Ich will als Mädchen zunächst so werden wie meine Mutter und bin sehr identifiziert mit ihr. Bis irgendwann in der Pubertät die Frage auftaucht: „Und wer bin ich? Ganz sicher bin ich eine andere als meine Mutter!“ Und dafür braucht es unbedingt Abgrenzungen, die natürlich Konflikte schaffen. Die entscheidende Frage ist, wie die Mutter mit der Abgrenzung umgeht, ob sie die Abnabelung akzeptieren kann.

Was sind die Gründe für die zerstörten Beziehungen zwischen Müttern und Töchtern, die Sie in Ihrem neuen Buch „Kontaktabbruch“ beschreiben?

Ich frage oft: „Wie alt warst du bei deiner ersten Liebe?“ Die meisten Menschen denken dann an ihren ersten Schwarm im Teenageralter. Aber die erste große Liebe ist die zur eigenen Mutter – und diese Bindung beginnt schon im Mutterleib. Mit dieser ersten Bindung lernen wir, wie Liebe sich anfühlt. Wir wissen heute, dass sich dem Kind schon in der Schwangerschaft vermittelt, ob seine Mutter in der Lage ist, mit ihm in liebevollem Kontakt zu sein.

Das ist aber eine immense Bürde für Mütter, wenn sie fürchten müssen, dass selbst ihre Stimmungen in der Schwangerschaft dem Kind schon Schaden zufügen können.

Ja, ich gebe Ihnen vollkommen recht, das kann belasten. Doch in der Schwangerschaft wird das Fundament für das Leben des Kindes gelegt. Das heißt natürlich nicht, dass in der Schwangerschaft immer alles glücklich und harmonisch laufen muss, aber das Kind muss sich sicher und angenommen fühlen.
Mein vielleicht wichtigstes Anliegen ist, dass wir aus dem Mutter-Tochter-Verhältnis das Thema Schuld herausbekommen müssen! Denn es ist niemand schuld, wenn etwas schiefläuft. Das Leben ist einfach so! Und es gibt gute Gründe, wenn eine Mutter etwas nicht gut hinbekommt.

Aber wie kommt es nun zu diesen schweren Zerwürfnissen?

Meiner Meinung nach ist ein Grundproblem in diesen Beziehungen, dass die Töchter ihr „Ich bin anders als Du“, ihre Autonomie, nicht wirklich haben leben dürfen. Es gab nur das „Wir“ – „wir gehören doch zusammen!“ Zerstörten Beziehungen liegt oft zugrunde, dass die Mutter einen Mangel in ihrer eigenen „Liebesgeschichte“ durch das Kind kompensieren will. Sie „überliebt“ es sozusagen. Grundsätzlich muss das Kind aber die Erfahrung machen, dass es verstanden wird, dass ihm geholfen wird, dass es dann aber auch wieder gehen darf. Von einem sicheren Hafen aus darf es die Welt entdecken, denn Liebe bedeutet beides: Ich darf meiner Mama nahe sein und ich darf gleichzeitig ICH sein.
Ein anderes Extrem ist, wenn die Mutter von ihrer eigenen Mutter keine Nähe und keinen Körperkontakt bekommen hat und deswegen selbst auch keine Nähe geben kann. Es gibt also beides: zu viel und zu wenig Nähe.

 

Illustrationen: aRzu Sağlam, www.ararzu.com
Welche zwei Personen hier dargestellt sind, ist in unserer Mutter-Tochter-Promi-Galerie erklärt. Illustrationen: aRzu Sağlam, www.ararzu.com

 

Einerseits wird zwar den Müttern gerne die Verantwortung für alle psychischen und auch sonstigen Probleme ihrer Kinder zugeschoben, andererseits ist es ein großes Tabu, dass Mütter auch Täterinnen sein können, die nicht nur selbstlos lieben, sondern ihren Kindern mitunter grausame Dinge antun. Wie kommt es zu dieser so ambivalenten gesellschaftlichen Bewertung von Mutterschaft?

Es gibt nichts, was nicht auch zwischen Müttern und Töchtern passiert. Ich arbeite mit Bindungstraumatisierungen und bin immer wieder entsetzt, was in Familien passiert, wie viel Entwürdigung dort stattfindet. Dennoch weiß ich, dass keine Mutter ihrem Kind bewusst schaden will, außer sie ist schwer psychisch erkrankt. Wir könnten sagen: Was die Mutter selbst nicht erfahren und gelernt hat, das kann sie auch nicht weitergeben, vor allem wenn sie sich ihre Defizite nicht bewusst gemacht hat. Denn Mutterliebe ist eben kein genetisches Programm, sondern die Fähigkeit zu lieben hängt von den eigenen Erfahrungen ab.
Gleichzeitig sind wir von Mutterbildern umstellt – nehmen wir Romane, Filme, Lieder, überall geht es um Erfüllung, Liebe und absolutes Glück. Aber die Realität und diese Sehnsucht nach Harmonie sind einfach nicht in Einklang zu bringen.

Gibt es hier vielleicht auch eine Art Komplizenschaft zwischen konservativer Mutterideologie und der Zweiten Frauenbewegung, die Mutterschaft vielleicht auf eine andere Art idealisiert hat?

Ich glaube nicht, dass wir mit der Frauenbewegung Mutterschaft idealisiert haben. In unseren zahllosen Debatten ging es vor allem um unsere Mütter, von denen wir uns abgrenzen wollten. Das haben wir in einer Radikalität getan, die oft schwierig war. Denn natürlich ist in der ganzen antiautoritären Bewegung viel Wildwuchs passiert, der den Kindern damals auch nicht gutgetan hat. Meine Generation hat von den Eltern insgesamt sehr wenig Halt und Sicherheit erfahren und bei ihrer Suche nach Neuem war sie selbst oft auch extrem haltlos und auf sich bezogen.

Ein sehr eindrückliches Beispiel, auf das Sie in Ihrem neuen Buch eingehen, ist Alice Miller, die sich in „Das Drama des begabten Kindes“ eingehend mit dem Phänomen des mütterlichen Narzissmus auseinandersetzt. Jetzt hat ihr eigener Sohn in einem eigenen Buch über das „wahre Drama“ schwere Vorwürfe gegen sie erhoben und vor Millers Tod auch den Kontakt zu ihr abgebrochen. Wie kann es zu solch einer Blindheit gegenüber dem eigenen Fehlverhalten kommen?

Alice Millers Texte waren für uns unglaublich wichtig, aber wir wussten weder, dass sie eine Jüdin war, noch, dass sie das Warschauer Ghetto überlebt hatte, sie hat das nie thematisiert. Was ihr passiert ist, kennen wir gut aus der Traumatheorie: Bei sehr dramatischen, unbewältigbaren Ereignissen macht die Seele etwas sehr Hilfreiches: sie dissoziiert, sie spaltet ab. Dadurch können Menschen gut weiterleben, gut im Alltag funktionieren, was ja die gesamte Kriegsgeneration in der Nachkriegszeit getan hat. Aber durch dieses Abspalten geht auch ein Teil meiner Fühlfähigkeit, meiner Empathie verloren, mir selbst, aber eben auch anderen und das heißt meinen Kindern gegenüber. Im Kopf kann ich empathisch sein, das ist Alice Miller hervorragend gelungen, aber im wirklichen Fühlen bin ich es nicht mehr. Fühlen macht dann Angst.

Sie zeigen in Ihren Büchern, dass Traumata über mehrere Generationen weitergegeben werden können. Wie geschieht das genau?

Lassen Sie uns beim Beispiel Alice Miller bleiben, die bestimmte Erinnerungen, einen bestimmten Teil ihrer selbst verdrängen musste. Das heißt, sie ist buchstäblich nicht mehr ganz da. Ganz viele Kinder beschreiben das Gefühl, ihre Mütter seien zwar physisch präsent, aber eigentlich abwesend gewesen. Diese Kinder fühlen sich nicht wahrgenommen und deshalb einsam und nicht geliebt. Eine junge Frau hat mir unlängst einen wiederkehrenden Traum erzählt, der das sehr gut veranschaulicht. Sie fährt mit ihrer Mutter im Auto, sitzt hinten auf dem Rücksitz und fängt plötzlich an zu brennen, doch ihre Mutter bekommt davon vorne auf dem Beifahrersitz nicht das Geringste mit. Es gibt in dieser jungen Generation viele Angststörungen, Depressionen und Zwangserkrankungen, doch sehr oft können die Betroffenen gar nicht mehr nachvollziehen, wo das eigentlich herkommt.

Sind es nur die Kriegstraumata, die so verheerende Auswirkungen hatten? Oder war es vielleicht auch das sehr grausame Mutterideal, das lange nachwirkte? Johanna Harrers Buch „Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind“ war nicht nur im Nationalsozialismus, sondern bis in die 1970er-Jahre ein Standardwerk zur Kindererziehung. Harrer empfiehlt darin konsequente Härte und gibt geradezu sadistische Erziehungstipps.

Absolut. Diese autoritäre, kalte, schwarze Pädagogik war zutiefst traumatisierend. Wenn das Kind schreit, schieben wir es eben draußen in die Kälte, das härtet ab und stählt fürs Leben. Mit Grobheit und Härte sind viele Kinder behandelt worden.

 

Illustrationen: aRzu Sağlam , www.ararzu.com
Welche zwei Personen hier dargestellt sind, ist in unserer Mutter-Tochter-Promi-Galerie erklärt. Illustrationen: aRzu Sağlam, www.ararzu.com

 

Was muss passieren, damit die transgenerationale Weitergabe von Traumata durchbrochen wird?

Wir müssen uns die Dinge bewusstmachen. Ich schreibe meine Bücher, weil ich zutiefst davon überzeugt bin, dass diese Auseinandersetzung ein entscheidender Schritt ist. Ich rede viel mit jungen Frauen, sie sind sehr neugierig, was zwischen ihren Müttern und Großmüttern schiefgelaufen ist, und sie wollen genau wissen, was eine gute Bindung ausmacht. Das ist eine ganz große Chance! Die gute Nachricht ist: Bindungsstörungen sind heilbar, wir können uns als Erwachsene die Dinge suchen, die wir als Kinder vermisst haben – wir können uns „nachnähren“. Wir finden als Erwachsene z. B. Freunde oder Freundinnen, die ein „Ja“ für uns haben.

Was muss für eine Annäherung geschehen?

Das Entscheidende ist, dass sich Mutter und Tochter auf einer Erwachsenenebene begegnen, sonst kommen sie aus diesem Eltern-Kind-Muster nicht raus. Die Mutter wird anerkennen müssen, dass ihre Wahrnehmung der Vergangenheit ganz offensichtlich von der ihrer Tochter abweicht. Und wenn es ihr gelingt, sich in die Schuhe der Tochter zu stellen, und sie sich traut zu fragen: „Wie hat es sich früher für mein Kind angefühlt?“, dann wird es im nächsten Schritt auch der Tochter viel leichter fallen, die Perspektive der Mutter zu verstehen. Die Familienwahrheit muss anerkannt werden.

Geht es ohne diese Auseinandersetzung der Mutter mit dem, was vorgefallen ist?

Nein. Ich glaube, dass hinter der Mehrheit aller Fälle von Kontaktabbruch ein transgenerationales Problem steht, also die Mutter selbst keine gute Beziehung zu ihren Eltern hatte.
Ihre Aufgabe besteht darin, sich damit auseinanderzusetzen. Erst wenn man sich den eigenen Defiziten, der eigenen Familiengeschichte, den eigenen Schmerzen stellt, kann man auch die der anderen wahrnehmen. Das Anerkennen der Problematiken schafft dann eine Nähe, die man sich vorher vielleicht nicht hat vorstellen können.

Sie plädieren in Ihrem Buch für diese Auseinandersetzung, formulieren aber Ausnahmen. Wann ist ein Kontaktabbruch Ihrer Meinung nach die bessere Lösung?

Es gibt Fälle, in denen Mütter einfach kalt und abweisend sind, bei ihnen ist oft nichts zu holen. Oder narzisstische Mütter, die selbst so beschädigt sind, sie müssten ihr ganzes Leben radikal infrage stellen, was ihnen kaum möglich ist. Dann sollten sich Töchter auf gegenwärtige Beziehungen konzentrieren, die ihnen guttun. Es gibt meiner Meinung nach – auch wenn ich für diese Aussage sicher angegriffen werden kann – Eltern-Kind-Beziehungen, bei denen es für die Kinder sogar notwendig ist, den Kontakt für eine Zeit abzubrechen, um zu sich zu finden. Weil sie von den Eltern sonst immer wieder angegriffen werden und ihrer eigenen Wahrnehmung nicht vertrauen können. Weil diese Eltern immer wieder sagen: „Das war doch gar nicht so, wir lieben dich doch so sehr.“
Ich erlebe oft, dass Kinder für einige Zeit den Kontakt abbrechen und nach der eigenen Auseinandersetzung und Bewusstmachung aus einer neuen Stärke heraus den Eltern plötzlich als Erwachsene begegnen können. Und auf dieser Ebene kann dann etwas Gutes passieren.

 

Claudia Haarmann ist Autorin von „Kontaktabbruch – Kinder und Eltern, die verstummen“ sowie „Mütter sind auch Menschen – Was Töchter und Mütter voneinander wissen sollten“, beide Bücher sind im Orlanda-Verlag erschienen.

 

]]>
https://ansch.4lima.de/die-erste-liebe/feed/ 1
Feministische Muttermotive https://ansch.4lima.de/feministische-muttermotive/ https://ansch.4lima.de/feministische-muttermotive/#comments Sat, 14 May 2016 16:44:45 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=7453 Emanzipation für Mütter und Töchter. Von LEA SUSEMICHEL]]>

Feministinnen sind nicht unbedingt die besseren Mütter. Haben sie wenigstens die emanzipierteren Töchter? Von LEA SUSEMICHEL

 

Es ist früh am Morgen und die 19-jährige Hildegart schläft noch, als ihre Mutter Aurora Rodriguez die Pistole ansetzt und sie durch mehrere Schüsse tötet. Aurora ist eine überzeugte spanische Sozialistin und Frauenrechtlerin, die ihre Tochter durch strenge Schulung und frühkindliche politische Indoktrination zur Paradefeministin und damit Retterin der Menschheit machen will. Als die junge Frau jedoch gegen die Pläne der Mutter aufbegehrt, muss sie sterben. Dieser in dem aktuellen Dokumentarfilm „Projekt: Superwoman“ beleuchtete historische Mordfall von 1933 zeigt eines überdeutlich: Feministinnen sind nicht zwangsläufig gute Mütter.

Selbstbestimmung & Selbstaufgabe. Doch feministische Mütter haben sich zumindest darum bemüht, gute Vorbilder zu sein, nicht zuletzt, weil sie damit dasselbe Ziel wie Aurora verfolgten: Sie wollten die eigene Tochter zu einer selbstverständlichen Feministin erziehen und damit zu einem freieren Menschen machen.
Die Schwierigkeit dabei war – und ist bis heute –, dass sich Mütter zeitgleich zunächst einmal um die eigene Befreiung kümmern mussten. Viele Protagonistinnen der Zweiten Frauenbewegung mussten dabei schnell erkennen, dass ihre hart umkämpfte Selbstbestimmung heftig mit der Selbstaufgabe kollidierte, die ihnen vor allem junge Kinder ständig abverlangten und die auch gesellschaftlich immer gefordert wurde. Das neu erkämpfte Recht auf berufliche Erfüllung, auf Selbstverwirklichung und Selbstfürsorge war mit dem aufopfernden und altruistischen Mütterideal, an dem sich Autorinnen auf feministischen Mütterblogs wie „umstandslos“ bis heute abarbeiten, kaum in Einklang zu bringen. Denn von allen kulturellen Weiblichkeitskorsetts ist das der Mutter wohl weiterhin das starrste.

Smothering. Eine Strategie, um es zu lockern, bestand darin, dem glorifizierenden Muttermythos einen realistischen Blick auf Mutterschaft entgegenzusetzen. Dieser sollte vor allem mit der Vorstellung brechen, Mutterliebe sei ein Instinkt, der Frauen mit der Muttermilch quasi automatisch einschieße und der sie von Natur aus für liebvolle Kinderaufzucht prädestiniere. Historische Studien wie jene der französischen Philosophin und Soziologin Elisabeth Badinter zeigen, dass es mit dieser Liebe in vielen Gesellschaften und Jahrhunderten im Gegenteil gar nicht weit her war. Kinder wurden zu Ammen aufs Land abgeschoben, als Arbeitskräfte ausgebeutet oder überhaupt gleich umgebracht. „Smothering“, ein Begriff, der heute für erstickende übergroße mütterliche Liebe steht, war früher wortwörtlich gemeint und bezeichnete die Praxis, überzählige Kinder zu ersticken, indem man sie nachts im gemeinsamen Bett „versehentlich“ erdrückte.
Selbst wenn man den Einwänden anderer HistorikerInnen folgt und davon ausgeht, dass es vor allem Armut oder gesellschaftliche Härte sind, die Menschen zu solch mitleidlosen Monstern machen, und dass Eltern in aller Regel durchaus fürsorglich agieren: Die Mutter als stets gütig-nährende Heilige und damit primär Sorgetragende infrage zu stellen und Väter in die Verantwortung zu nehmen, waren zentrale feministische Projekte.

 

Illustrationen: aRzu Sağlam , www.ararzu.com
Welche zwei Personen hier dargestellt sind, ist in unserer Mutter-Tochter-Promi-Galerie erklärt. Illustrationen: aRzu Sağlam, www.ararzu.com

 

Feiern von Feminität. Neben dieser Dekonstruktion naturgegebener Mutterliebe gab es in der Zweiten Frauenbewegung in Europa und den USA nach 1968 jedoch gleichzeitig eine feministische Rekonstruktion von Mutterschaft – und dies war auch für die Mutter-Tochter-Beziehung folgenschwer. Denn der konservativen Glorifizierung heiliger Mutterschaft wurde nun eine feministische Idealisierung der lebensschenkenden Mutterfigur zur Seite gestellt. Mit der weiblichen Stärke und menstruierenden Kraft diverser Muttergöttinnen wurde zugleich die Matrilinearität (also die weibliche Erbfolge) gefeiert und gegen patriarchale Männermacht in Stellung gebracht. Diese Aufwertung und Neudefinition matriarchaler Lebenskraft bezog sich auf mythologische Figuren ebenso wie auf die „Milch- und Muttermotive“ von Hélène Cixous, die gemeinsam mit Philosophinnen wie zum Beispiel Luce Irigaray mithilfe eines „weiblichen Schreibens“ eine eigene Identität und andere Genealogien im Patriarchat sowie die Liebe zwischen Frauen etablieren wollte.
Dieses Feiern von Feminität hatte nicht nur die von feministischen Folgegenerationen oft kritisierte Essenzialisierung von Geschlechtsidentität zur Folge. Es konnte auch zu einer „Verschwesterung“ mit den eigenen Töchtern führen. Dabei konnten zwar einerseits autoritäre Erziehungsmuster überwunden werden und eine offene Begegnung auf Augenhöhe wurde mitunter möglich. Andererseits brachte dies manchmal aber auch mit sich, dass Generationengrenzen missachtet wurden oder andere zum Teil gravierende Grenzüberschreitungen passierten, die aus einer übergroßen Intimität zwischen Müttern und Töchtern entstanden.
Doch die Feministinnen nach 1968 waren als Frauen in einer zutiefst sexistischen Gesellschaft und aufgrund ihrer mitunter schlimmen Erfahrungen mit den eigenen (Nazi-)Eltern verständlicherweise stark auf ihr gesellschaftliches Opfersein fokussiert. Der eigene Machtmissbrauch als Mutter und die narzisstische Instrumentalisierung von Töchtern, zu der es aufgrund der eigenen Traumata und im Zuge der eigenen Emanzipationsbestrebungen kommen konnte, stellten deshalb oft blinde Flecken dar.

Emanzipatorische Evergreens. Viele dieser Probleme werden von der Töchtergeneration heute reflektiert, mit dem eigenen Muttersein tut diese sich deshalb aber nicht unbedingt leichter. Es ist wohl ein Evergreen emanzipatorischer Erziehungsfragen, wie eine Mutter ein sich selbst verwirklichendes feministisches Rolemodel mit der nötigen Portion Egoismus sein kann und trotzdem empathisch genug ist, die eigenen Bedürfnisse für die des Kindes bei Bedarf zurückzustellen.
Trotz des gegenwärtigen Booms der Erziehungsratgeber sind Frauen mit solchen Fragen immer noch weitgehend auf sich alleine gestellt, im Speziellen was das Verhältnis zu ihren Töchtern betrifft. Denn auch wenn es beispielsweise bei der Benachteiligung von Mädchen nicht mehr um die sprichwörtliche Butter auf dem Brot geht, die man früher nur den Söhnen gönnte, belegen Studien, dass Mütter Jungen auch heute noch unbewusst oft bevorzugen, indem sie ihnen mehr durchgehen lassen, ihnen mehr zutrauen und sie gnädiger als ihre Töchter beurteilen. Doch derlei ist bei männlichen Promi-Pädagogen wie Jesper Juul und Remo Largo eher kein Thema. Empörenderweise geht es übrigens in diesem Genre genauso zu wie bei den Starköchen: Es gibt nur Männer im Spitzenfeld – im Heim und am Herd sieht es bekanntlich anders aus.
Ebenso wenig widmen sich Erziehungsratgeber der Frage, wie man wohl der Tochter eine kritische Wachsamkeit gegenüber männlichen Machtansprüchen mitgibt, ohne ihr dabei ein grundsätzliches Misstrauen Männern gegenüber einzuimpfen. Weder gibt es Hilfe beim schwierigen Spagat, eine Hello-Kitty-Pinkifizierung zu umgehen, ohne durch androgyne Wollklamotten die kindliche Street Credibility auf dem Spielplatz zu gefährden und Mobbing im Kindergarten zu riskieren. Noch bei der fast täglich neu anstehenden Entscheidung, ob man das gottverdammte Eisprinzessinnenzeug eben doch einfach kaufen soll, wenn es sie so glücklich machen würde. Und wie vermitteln wir einem Mädchen glaubhaft, dass ihr Spitzenpolitik ebenso wie Astrophysik offensteht, es aber trotzdem okay ist, wenn sie lieber Dauerwellen oder Fliesen legen will? Dass sie nicht in einer Riot-Grrrl-Band spielen muss, nur weil das der unerfüllte Traum ihrer Mutter ist? Dass sie überhaupt werden kann, wer sie will, und lieben, wen sie will? Wie können wir uns übermächtigen Schönheitsidealen entgegenstemmen, auf dass es bitte für alle Zeiten so bleiben möge, dass sich das Kind auf die kugelrunde Wampe patscht und dabei selig sagt: „Ich muss mehr Eis essen, ich bin noch viiieeel zu dünn.“
Um all das halbwegs hinzukriegen, brauchen wir eine Auseinandersetzung mit den Geschichten unserer Großmütter, Mütter und unseren eigenen Erfahrungen als Töchter. Wir brauchen einen ehrlichen Austausch mit anderen feministischen Eltern, um uns gegenseitig zu helfen und den Rücken für dieses gewaltige „Projekt Superwoman“ zu stärken. Und dann braucht es natürlich noch viel Liebe, um diese neue Töchtergeneration auf ihrem Weg in ein hoffentlich schöneres, freieres Leben zu begleiten. Aber davon gibt es ja glücklicherweise genug.

 

]]>
https://ansch.4lima.de/feministische-muttermotive/feed/ 2
„Ich wünschte mir Flügel“ https://ansch.4lima.de/ich-wuenschte-mir-fluegel/ https://ansch.4lima.de/ich-wuenschte-mir-fluegel/#respond Sat, 14 May 2016 16:29:50 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=7451 Fluchterfahrungen von Frauen. Von GABI HORAK]]>

Sie leben in Wien und warten auf ihren Asylbescheid. GABI HORAK hat in einer Notunterkunft zwei Frauen aus Syrien und Somalia getroffen. Das Notquartier wird Ende Juni geschlossen – für die entstandenen Netzwerke und ersten Schritte zur Integration ein großer Rückschritt.

 

Das Meer reichte ihr bis zur Brust, bevor sie in das Boot einsteigen konnte. Sie hatte große Angst vorm Wasser, doch es gab nur den Meerweg nach Europa. Es war mitten in der Nacht und der Schlepper hatte ihr gesagt, die Überfahrt würde eine Stunde dauern. Und im Boot hätten dreißig Personen Platz. Tatsächlich waren es 33 Erwachsene und 16 Kinder, die sich im Stockdunklen eng aneinandergedrängt von der türkischen Küste aus auf den Weg machten. Nach eineinhalb Stunden Fahrt konnten sie noch immer nicht das Ufer sehen. „Ich dachte mir die ganze Zeit, dass wir alle im gleichen Boot sitzen, es war für alle gleich schlimm, deshalb versuchte ich tapfer zu sein.“ Die Menschen auf dem Boot suchten mit ihren Handys GPS-Koordinaten und fanden heraus, dass es bis zur Insel Samos noch weitere eineinhalb Stunden dauern würde. „Es war fürchterlich, die Wellen waren sehr hoch und das Wasser kam ins Boot. Insgesamt waren wir dreieinhalb Stunden mitten in der Nacht auf dem Meer. Ich hab gebetet, dass wir sofort ertrinken würden. Ich wollte nicht zu lange im Wasser leiden.“
Istir lächelt herzlich bei der Begrüßung. Sie ist Überlebende. Zuerst ist sie dem Bombenhagel in Syrien entkommen, hat das stürmische Meer und dann den langen Weg nach Österreich überstanden. Nun lebt sie seit einem halben Jahr in einem Notquartier in Wien und strahlt so viel Lebensfreude aus, dass es ansteckend ist. „Es war ein schönes Leben in Syrien“, sagt sie. „Bis die Bomben fielen.“ Wie viele andere auch, musste sie ihre Heimat verlassen und ging zunächst in die Türkei. Dort blieb sie eineinhalb Jahre. „Es war gut, bis ich von einem Mann ausgeraubt wurde. Ab diesem Zeitpunkt fühlte ich mich dort nicht mehr sicher. Auch weil die Türken immer öfter gegen uns SyrerInnen protestierten.“
Sie ging zurück nach Syrien, weil ihre Mutter krank geworden war. „Die Atmosphäre hatte sich völlig verändert. Ich war nur eineinhalb Jahre weg, aber es war, als wären es zwanzig Jahre gewesen. Ich hab mein Land nicht mehr wiedererkannt.“

 

Istir aus Syrien © Gabi Horak
Istir aus Syrien © Gabi Horak

 

Von Syrien ins Stadion. Seit 2011 tobt in Syrien der Krieg. Das Syrische Zentrum für politische Forschung spricht von 470.000 Menschen, die seither getötet wurden. Rund zwölf Millionen SyrerInnen sind auf der Flucht. Istir machte sich mit ihrem Bruder, dessen Frau und dem neunjährigen Sohn wieder auf den Weg in die Türkei. Der Schlepper teilte sie in zwei Gruppen auf. Ihr Neffe war mit ihr in einer Gruppe, seine Eltern kamen in eine andere Gruppe. Sie haben sie nicht wiedergesehen. „Ich war nun nicht mehr wie bisher in meinem Leben nur für mich verantwortlich, sondern plötzlich auch für einen neunjährigen Buben.“ Nach der lebensgefährlichen Bootsfahrt erreichten sie den Strand in Samos um halb neun Uhr morgens. Sie waren erschöpft. „Die Kinder weinten die ganze Zeit. Die Erwachsenen konnten ihre Füße nicht mehr spüren.“ Es folgte eine lange Reise zu Fuß und mit Zügen bis Mitteleuropa.
Am 25. Oktober kam sie am Wiener Westbahnhof an. Sie wurde ins Ferry-Dusika-Stadion gebracht. „Wir hatten ein Bild von Europa, dass hier Träume wahr würden und es wundervoll sei. Als sie mich ins Ferry-Dusika brachten, war ich am Boden zerstört. Ich wünschte mir Flügel, um zurück nach Syrien zu fliegen.“
Das Ferry-Dusika-Stadion in Wien ist die größte Leichtathletik- und Radhalle Österreichs. Im Herbst 2015 wurde sie zur Notschlafstelle für etwa tausend Flüchtlinge. Die Bedingungen dort waren alles andere als ideal für Menschen mit traumatischen Erfahrungen. Istir hatte für sich und ihren Neffen wenige Quadratmeter Platz – und sie versuchte das Beste daraus zu machen. Sie zog aus Tüchern und Kleidern „Wände“ auf. Jeden Tag kam eine andere Wand dran, am Ende das Dach. „Ich machte mir mit dem Zelt ein kleines Zuhause.“ Erst nach zwanzig Tagen im Stadion traute sie sich, einen Spaziergang zu machen. „Ich hatte Angst vor dem da draußen, ich kannte nichts davon.“ Dann lächelt sie. „Jetzt könntest du mich irgendwo in Wien aussetzen, ich hätte keine Angst, verloren zu gehen.“ Am zweiten Tag traf sie eine junge Frau aus Somalia. Zu dem Zeitpunkt hoffte sie noch, bald hier rauszukommen. „Ich hab sie gefragt, wie lange sie denn schon hier ist: drei Monate. Da wusste ich, dass auch wir für eine lange Zeit dort sein würden.“ Es wurden 45 Tage.

 

Hilla aus Somalia und die Leiterin der Notunterkunft Salwa Chamsi-Pasha © Gabi Horak
Hilla aus Somalia und die Übersetzerin Salwa Chamsi-Pasha © Gabi Horak

 

Notunterkunft. Hilla (Name wurde auf Wunsch geändert), die junge Frau aus Somalia, sitzt auch jetzt neben Istir, die beiden lächeln sich immer wieder an. Gemeinsam wurden sie aus dem Anfang Dezember geräumten Ferry-Dusika-Stadion zur neu errichteten Notunterkunft in die Schopenhauerstraße gebracht, die von den Johannitern betrieben wird. Salwa Chamsi-Pasha übersetzt mein Gespräch mit den Frauen vom Arabischen ins Englische. Sie ist gebürtige Britin mit syrischen Wurzeln. Seit September 2015 ist sie in Österreich, um als Freiwillige zu helfen. Sie hat die Frauen vom Ferry-Dusika bis hierher begleitet. Die Notunterkunft besteht seit einem halben Jahr. Das Haus gehört der Bundesimmobiliengesellschaft (BIG), die es für sechs Monate für Flüchtlinge zur Verfügung gestellt hat. Ende Juni ist Schluss, die BIG hat Eigenbedarf angemeldet und für die BewohnerInnen wird fieberhaft nach neuen Unterkünften gesucht.
Zwei Sozialarbeiterinnen stehen für derzeit 120 AsylwerberInnen zur Verfügung. Birgit Wolf leitet die Sozialarbeit. „Der Betreuungsschlüssel ist prekär. Es ist lange nicht so viel möglich, wie notwendig wäre, besonders hinsichtlich der psychosozialen Betreuung“, sagt sie. Als die Flüchtlinge zu Hunderten im Sommer 2015 nach Österreich kamen, wollte sie helfen. Am Westbahnhof gab es genug Unterstützung. „Dann hab ich über Facebook die Hilferufe von Freiwilligen aus Röske mitbekommen.“ Die nächsten Wochen verbrachte sie in Ungarn, Kroatien, Slowenien und Griechenland.
Die Versorgung der Schutzsuchenden werde auch in Österreich nach wie vor großteils von Freiwilligen gemacht, sagt Wolf. Die BewohnerInnen der Notunterkunft bekommen viele Sachspenden und Freiwillige bieten Deutschunterricht, Musik und Freizeitangebote für die Kinder an. Es gibt viel Unterstützung seitens der Bevölkerung, der unmittelbaren Nachbarn. „Bei jedem einzelnen Menschen, für den wir hier was tun können, sieht man den Fortschritt, eine kleine Verbesserung ihrer Lebensumstände“, sagt sie. Aber mit der bevorstehenden Schließung des Hauses und der Übersiedelung in andere Bezirke gehen diese Netzwerke wieder verloren. „Das ist für Integration ganz schlecht.“

Mitten in Europa. Birgit Wolf erzählt von ihren Erfahrungen als Freiwillige. Der erste Weg führte sie nach Röske in Ungarn, kurz bevor der Grenzübergang zu Serbien gesperrt wurde. „Das war so eine intensive Erfahrung, es ist schwer, das in Worte zu fassen. Wenn man es nicht gesehen hat, kann man sich nicht vorstellen, dass so etwas in Europa passieren kann.“ Flüchtende Menschen kamen zu Tausenden, um in die EU zu gelangen. Sie gingen die Gleise entlang, die meisten in der Nacht. „Es roch nach Scheiße und Müll. Es war klar, dass die Grenze die nächste Woche zugemacht wird, und es war der letzte Grenzübergang in dieser Region, der noch offen war.“ Es gab für fünf- bis zehntausend Menschen etwa zwanzig Dixi-Toiletten, die nicht gereinigt wurden.
In der Nacht musste man sich um Frauen und Kindern kümmern, die aus Schwäche einfach irgendwo auf dem Boden sitzen geblieben waren. Als klar wurde, dass keine Busse mehr abfahren würden, ließen sich die Menschen überreden, sich in kleinen, rasch aufgebauten Zelten zu erholen. Die wenigen größeren Zelte waren schnell überfüllt. „In der letzten Nacht hab ich eine Familie auf den Gleisen gefunden, die hatten fünf Kleinkinder mit, eines davon ein Säugling – völlig ungeschützt. Da hab ich andere Freiwillige gebraucht, weil die nicht mehr gehen konnten. Wir haben versucht, sie in ein Zelt zu tragen und sie zu versorgen. In der Früh hab ich die Familie dann wiedergesehen, sie waren erholt, die Kinder haben gelacht. Im Sonnenschein sind sie weiter und haben sich beim Bus angestellt. Das sind gute Momente.“

Am Strand von Samos. Ihr nächstes Ziel war ein Camp in Kroatien an der serbischen Grenze, nachdem Ungarn dicht gemacht hatte. „Es war im Vergleich zu Ungarn positiver, weil die Polizei sehr entgegenkommend war und uns auch unterstützt hat. Sie haben uns Zugang zu den Waggons gegeben, wenn die lange dort standen, um noch Verpflegung reinzubringen.“ Insgesamt sei Kroatien bemühter gewesen, Hilfsstrukturen zu schaffen. Es gab fließendes Wasser und Toiletten. Nach einer weiteren Station in Slowenien ging Birgit Wolf schließlich nach Griechenland, nachdem von dort massive Hilferufe von den Freiwilligen am Strand von Lesbos kamen. „In Griechenland hatte ich den Eindruck, dass die Freiwilligenarbeit sehr geschätzt wird. Wenn man dort Schutzsuchende mit dem Auto ins nächste Camp gebracht hat, lief man nicht Gefahr, als Menschenhändlerin angezeigt zu werden. In Griechenland war ein Wille zur unterstützenden Zusammenarbeit da, den ich noch nirgends vorher kennengelernt habe.“
Eine Ausnahme sei die Presse, sagt sie. „Es war erschütternd, was ich dort gesehen hab, insbesondere auch Frauen gegenüber. Das widerspricht jeglicher Ethik.“ Wenn die Boote in der Nacht ankamen, dann sei es das Wichtigste gewesen, den durchnässten Menschen trockene Kleidung zu geben und ihnen beim Umziehen zu helfen, damit sie nicht unterkühlen. „Dabei haben manchmal Presseleute den Unterleib von Kindern, Mädchen und Frauen während dem Umziehen fotografiert. Man ist so im Stress, man versucht vielen Menschen schnell zu helfen, Familien beisammen zu halten. Man sieht die Presse nicht immer und es ist keine Zeit da, sie davon abzuhalten. Ich hab das zwei Mal versucht, aber die wurden derart aggressiv und meinten, das sei ihre Arbeit. Aber es ist nicht ihre Arbeit, Menschen nackt zu fotografieren in einer Situation, wo diese absolut wehrlos sind.“

 

© Gabi Horak
© Gabi Horak

 

In Freiheit leben. Nicht mehr wehrlos sein und ein selbstbestimmtes Leben für sich und ihre Kinder aufbauen – das wollte Hilla, als sie nach Europa aufbrach. Ihre Eltern in Somalia leben in der Hauptstadt. Sie hat geheiratet und zog mit ihrem Mann weit weg aufs Land. Ihr erstes Kind war ein Sohn, als sie im siebten Monat mit ihrer Tochter schwanger war, starb ihr Ehemann und die Probleme begannen. Ihre Schwiegereltern drangsalierten sie und wollten ihren Enkel „wegbringen“, damit er nicht das Land der Familie erben konnte. Hilla floh mit ihrem Sohn zu ihren Eltern in die Hauptstadt, wo ihre Tochter geboren wurde. „Die Schwiegereltern verbreiteten das Gerücht, dass meine Tochter nicht das Kind meines verstorbenen Mannes sei.“ Ein schwerer Verstoß in der somalischen Gesellschaft.
Kurze Zeit später floh sie in die Türkei. „Alle redeten über mich, dachten meine Tochter sei aus einer Affäre entstanden.“ Die Kinder waren zu klein für die beschwerliche Reise und blieben bei ihrem Bruder und seiner Frau. In der Türkei fühlte sie sich isoliert und das Geld ging zu Ende. Sie heiratete einen Mann aus Somalia, in der Hoffnung, dass er ihr bei der Weiterreise helfen würde. Sie entschied, den Weg nach Europa auf sich zu nehmen. Es war aber nicht genug Geld für beide da, deshalb ging er zurück nach Somalia, um den Kindern zu helfen, und sie machte sich allein auf den Weg. „Ich wollte hierher kommen und meine Kinder nachholen. Ich möchte mit ihnen in Freiheit leben, wo weder die Gesellschaft noch sonst jemand mir sagt, wie ich zu leben habe, wo niemand mir das Leben vergiftet. Ich möchte nur auf mich selbst hören. Aber ich bin müde, verliere langsam die Hoffnung. Ich konnte lange nicht mit meinen Eltern und meinen Kindern reden.“ Sie bricht das Interview ab. Es ist genug.
Hilla und Istir warten beide noch auf ihren Asylbescheid. Und Ende Juni müssen sie die Notunterkunft verlassen. Istir sagt: „Natürlich möchte ich zurück in meine Heimat, nach Syrien. Aber ich erwarte nicht, dass dort in den nächsten 15 oder zwanzig Jahren wieder normales Leben möglich ist. Gebt mir mehr Lebenszeit, dann könnte ich zurückgehen. Aber ich bin vierzig und werde friedliche Zeiten in Syrien wohl nicht mehr erleben.“

 

]]>
https://ansch.4lima.de/ich-wuenschte-mir-fluegel/feed/ 0
an.sage: Werbung ohne Brüste https://ansch.4lima.de/an-sage-werbung-ohne-brueste/ https://ansch.4lima.de/an-sage-werbung-ohne-brueste/#respond Sat, 14 May 2016 15:48:29 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=7473 Fetisch statt echter Nacktheit. Von LEONIE KAPFER]]>

Ein Kommentar von LEONIE KAPFER

 

Der deutsche Justizminister Heiko Maas sprach sich Mitte April gegen sexistische Werbung aus. Dem „Spiegel“ gegenüber äußerte Maas den Plan, „geschlechterdiskriminierende Werbung in Deutschland unterbinden“ zu wollen. Diese vagen Aussagen waren in den letzten Wochen Grund genug, Deutschlands Politiklandschaft und die Mainstream-Medien in Weltuntergangsstimmung zu versetzen. „Welt Online“ erkannte „eine weitere Geste der kulturellen Unterwerfung“. FDP-Chef Christian Lindner unterstellte Maas „eine Spießigkeit, die kaum zu überbieten ist“. Auch die „Zeit“ witterte „staatlich verordnete Verklemmtheit“.
Doch ganz von vorne: In Deutschland wurde kürzlich ein Gesetz verabschiedet, das Werbung für Tabakprodukte verbietet. Im Zuge dieser Debatte äußerte Maas, er würde es befürworten, dieses Gesetz auf sexistische Werbekampagnen auszuweiten. Mit seinem Gesetzesvorschlag wolle er ein „modernes Frauenbild“ etablieren. Dabei bezog er sich auch auf die Kölner Silvesternacht und damit auf sexualisierte Gewalt im öffentlichen Raum. Mit diesem Verweis begab sich Maas natürlich in eine Löwengrube, denn welche Konsequenzen generell auf sexuelle Übergriffe folgen müssen, bleibt trotz größter gesellschaftlicher Empörung über die Kölner Vorfälle angesichts der Debatte um die Verschärfung des Sexualstrafrechts in Deutschlands fraglich.
Auch Maas selbst zeigt sich hier wenig progressiv. Geht es nach ihm, soll auch in Zukunft ein Nein nicht genügen, um Unwillen auszudrücken. „Sozialübliche Verhaltensweisen zu Beginn einer Beziehung könnten kriminalisiert werden“, ist aus einer Stellungnahme des Justizministeriums im Bezug auf die Debatte zu vernehmen. Er meint also wohl: Es sei durchaus „sozialüblich“, dass Frauen Nein sagen, ohne es wirklich zu meinen!

Dennoch stellt sich natürlich die Frage, ob ein Verbot sexistischer Werbung sexualisierte Gewalt tatsächlich verhindern kann. Auch wenn es keinen unmittelbaren Zusammenhang zwischen einem Plakat und einem Übergriff gibt, bestätigen zahlreiche Studien, dass über Werbung aktiv Geschlechterstereotype verfestigt werden, und dass sich Frauen durch sexistische Werbung im öffentlichen Raum weniger aufgrund ihrer Kompetenzen und Fähigkeiten und mehr über ihr Aussehen wahrgenommen fühlen. Reklame, die dauergrinsende, gephotoshopte und sexualisierte Frauen auf Plakatwänden zeigt, ist folglich keine adäquate Methode, um Weiblichkeit mit Selbstbestimmung zu verbinden und ein positives Frauenbild zu vermitteln. Wer Frausein auf Brüste, Ärsche und sexuelle Verfügbarkeit reduziert, bedient sich alter patriarchaler Strategien, um Frauen als das Andere, Sexuelle und Dinghafte festzuschreiben. Wer für Werbezwecke als Deko fungiert, bleibe Objekt, stellt Kolumnistin Margarete Stokowski auf „Spiegel online“ treffend fest.
Kritiker_innen hingegen sehen durch das mögliche Verbot die Freizügigkeit und Offenheit der westlichen Kultur in Gefahr. An diesem vermeintlichen Schutz „unserer Werte“ zeigt sich die ganze Absurdität der derzeitigen Debatte, denn das Verständnis von Nacktheit, das hier hochgehalten wird, ist ein klinisch-steriles. Werbung zeigt keine realen nackten Frauen, sondern quasi „gesellschaftlich verordnete Verklemmtheit“. Wir sehen Bilder von fetischisierten Körpern ohne Fettpolster, Brustwarzen oder Vulva. Haare gibt es nur in Form langer Mähnen, nicht aber an Beinen oder in Achseln. Eine Tampon-Werbung, die Vagina und Menstruationsblut zeigt, gibt es genauso wenig wie eine Werbung für Kondome mit Penis, obwohl hier nackte Körperteile ausnahmsweise sehr sinnvoll wären. Statt echter Nacktheit offenbart Werbung also einen reinen Fetisch.
Auf diesen Fetisch und damit auf geschlechterdiskriminierende Werbung zu verzichten, ist daher nicht „spießig“, sondern es würde ermöglichen, endlich Körper zu zeigen, die weniger normiert in der Gegend herumhängen.
Auch Frauenministerin Gabriele Heinisch-Hosek könnte sich eine ähnliche Regelung für Österreich vorstellen. Wir können uns daher auch hierzulande auf das Aufbäumen des sexistischen Establishments gefasst machen.

 

]]>
https://ansch.4lima.de/an-sage-werbung-ohne-brueste/feed/ 0
Sie gehören nicht zusammen, oder? https://ansch.4lima.de/sie-gehoeren-nicht-zusammen-oder/ https://ansch.4lima.de/sie-gehoeren-nicht-zusammen-oder/#comments Sat, 14 May 2016 15:27:12 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=7461 Wie man als lesbische Mutter hinter einem Kinderwagen verschwindet. Von THEO HOFFNUNGSTHAL]]>

 Von THEO HOFFNUNGSTHAL

 

„Doch!“, sage ich zur Backwarenverkäuferin, als sie auf meine achtjährige Tochter und mich deutet, um zu klären, wer als nächstes bedient werden soll. Das passiert regelmäßig. Irgendwie wird mir ein Kind nicht zugetraut. Meine Tochter (die gerade eine heteronormative Phase durchmacht) bedauert, dass ihre Mütter alle Kurzhaarfrisuren haben (es sind derzeit vier Kurzhaarige, die von ihr diesen Status zugesprochen bekommen). Aber sie findet meine Hemden und Bügelfaltenhosen (old school Butch-Lesben-Style) hübsch, das sagt sie zumindest.
Ich weiß nicht, ob es nur an meinem äußeren Erscheinungsbild liegt, doch offenbar ist die Frage „Wie sehen Mütter aus – oder wie sehen sie nicht aus?“ in meinem Alltag relevant. Daran anschließend: Wie sprechen und agieren sie? Und wer darf überhaupt Mutter werden/sein/bleiben? Mein Bedürfnis, mit meiner Tochter in Verbindung gebracht zu werden und andersrum, ist ein komplexes Konglomerat aus emotionalen bis politischen Selbstverständnissen und Selbstbehauptungen.
Andererseits empfand ich es, als meine Tochter ein Baby war, als Tortur, mit dem Kinderwagen unterwegs zu sein. Meine ganze Queer-Performance verschwand vollends hinter diesem klobigen Gefährt. Der sonst übliche Augenkontakt auf der Straße mit anderen Queers, ein kurzer, verstohlener Erkennungs-Smile, ein Flirt maybe … vorbei! Meine Blicke konnten die anderen Blicke gar nicht mehr kreuzen, weil die gar nicht mehr schauten! Der Kinderwagen, vollgepackt mit Kind und überquellend mit Drogerieartikeln, blockierte vollständig deren Sicht! Der Wagen fungierte als Hetero-Tarnmaske, meine queeren Blicke dahinter wurden unlesbar und trafen stattdessen auf ein (hetero-)seeliges Lächeln hinter dem nächsten Backwaren-Tresen.

Theo Hoffnungsthal behauptet gern, sie habe beim Sex mit ihrer Ex-Frau einfach nicht aufgepasst, und findet, dass sie sich als Lesbe ohne Kinderwunsch sehr gut mit ihrer Tochter versteht.

 

Illustrationen: aRzu Sağlam, www.ararzu.com
Welche zwei Personen hier dargestellt sind, ist in unserer Mutter-Tochter-Promi-Galerie erklärt. Illustrationen: aRzu Sağlam, www.ararzu.com

 

]]>
https://ansch.4lima.de/sie-gehoeren-nicht-zusammen-oder/feed/ 1
an.sprüche: Partei ergreifen https://ansch.4lima.de/an-sprueche-partei-ergreifen/ https://ansch.4lima.de/an-sprueche-partei-ergreifen/#comments Sat, 14 May 2016 15:14:34 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=7475 Persönliche Gründe für politisches Engagement. Von EMMA GOLDBITCH und EVA MALTSCHIG]]>

Durch die Institutionen marschieren oder sich nur selbst vertreten? EVA MALTSCHIG und EMMA GOLDBITCH haben unterschiedliche Antworten für ihr politisches Engagement gefunden.

 

Ich bin SPÖ-Mitglied, seit ich 19 Jahre alt bin. Meine sozialdemokratische Familie hat damit ebenso zu tun wie mein Engagement bei den sozialistischen StudentInnen. Letzteres hat mich sehr geprägt – ich mochte die Ernsthaftigkeit der politischen Debatten, die Intensität, das Teamwork, den professionellen Anspruch und die Frauengruppe.
In der SPÖ engagiere ich mich seit 2010 ehrenamtlich in der Sektion Acht, seit 2014 als deren Vorsitzende. Heute habe ich ein sechs Monate altes Baby, leichter wird das mit der Politik so natürlich nicht. Mich fesselt die Parteipolitik aber nach wie vor, weil sie so vielseitig ist: neue politische Ideen aus allen Themenbereichen, Wahlkämpfe, Mehrheiten in Vertretungskörpern, Koalitionen und die Frage, wie man all das in einer Organisation demokratisch zusammenhalten kann. Die Parteipolitik hinterlässt Spuren in unserem Leben, ob ich will oder nicht. Darum bin ich lieber dabei als außen vor und bringe von innen meine Ideen ein.
Gruppen ohne Frauen – egal, wie gut gemeint – können weder die Interessen und Bedürfnisse von Frauen erraten noch vertreten, sie nehmen unangenehme Züge an, die Frauen die Mitarbeit vermiesen. In männerdominierten Runden wird eine Diskussion schnell zum „ich habe Marx besser verstanden als du“-Seminar, das sich bis Mitternacht zieht, die eloquenteste Rampensau gibt den Ton an und der Angriff aufs Patriachat kann erst starten, nachdem das aktuell dringendste Problem gelöst ist (also: nie). Darum müssen Frauen mitmachen und dafür sorgen, dass andere es ihnen gleichtun. Darum ist es erstrebenswert, dass Menschen aus ganz unterschiedlichen Hintergründen in Parteien aktiv sind. Politik, die ihnen wichtig ist, kommt sonst im Einheitsgrau der Anzüge nicht vor.
Außerdem sind Frauen in Parteien die Mutigen, wenn es um Veränderung oder Widerspruch geht. Sie wissen besser als Männer, dass ihre Ämter nur geliehen sind, dass es ein Leben außerhalb des Sitzungszimmers gibt, in das sie auch zurückkehren können, wenn es mit der Parteikarriere hapert. Das macht sie frei, zu tun, was sie für richtig halten. Jüngstes Beispiel dafür sind Daniela Holzinger, Katharina Kucharowits, Nurten Yilmaz und Ulrike Königsberger-Ludwig, die als Einzige im SPÖ-Klub gegen die neueste Asyl-Verschärfung stimmten. Davon können alle Parteien mehr gebrauchen.

Eva Maltschig ist Ökonomin und Vorsitzende der Sektion Acht der SPÖ Wien-Alsergrund.

 

Illustration: Sabrina Wegerer
Illustration: Sabrina Wegerer

 

Am Tag nach der Bundespräsidentschaftswahl schreibt sich dieser Kommentar quasi von selbst. Weil ich mit der Politik in diesem Land nix zu tun haben will. Weil nur ich für mich selbst sprechen kann und weil ich auf meine Fähigkeiten vertraue, wenn es darum geht, grundlegende gesellschaftliche Fragen zu stellen. Weil für mich eine Organisation gegen die herrschenden Verhältnisse eine Frage des Vertrauens in bestimmte Personen ist, mit denen ich meine Träume, potenzielle Ziele oder dafür infrage kommende Methoden teile. Und keine Frage von Wahlen oder Repräsentation. Weil ich mir als Anarchistin die Utopie gönne, Staat, Macht, Patriarchat, Nation und Kapital abzulehnen. Weil meine Lieblingsanarchistin sagt, dass jede bestehende Institution auf Gewalt beruht. Und weil sie damit Recht hat und Parteien nicht die Lösung, sondern ein Teil des Problems sind, weil sie zur Aufrechterhaltung dieses Systems beitragen.
Es ist ja nicht so, dass ich es nie probiert hätte. Grundlagen meiner frühen feministischen Politisierung verdanke ich einer SPÖ-Jugendorganisation. Auch zu den Grünen gab es ein (vor allem) finanzielles Naheverhältnis wegen des Sponsorings diverser Projekte. Weil ich aber nicht mit Eliten- oder Kaderdenken zurechtkomme oder mir Versuche der inhaltlichen Einmischung die Grausbirnen aufsteigen lassen, entschied ich mich irgendwann für den klaren Bruch mit den institutionellen Organisationen: kein Geld und keine Zusammenarbeit mehr. Heißt, auch inhaltlich frei agieren zu können, keine Kompromisse mehr einzugehen und eine Zusammenarbeit mit anderen nur anzustreben, wenn man es für sinnvoll erachtet. Weil ich niemandem verpflichtet bin, sondern nur mir selbst, meinen Ideen und meinem aktuellen Projekt/Genoss_innen. Sicher: Es gibt kein Richtiges im Falschen, das gilt auch für die Organisationsfrage. Darum sind Kritik, Widerspruch und Konflikt wichtig, um sich selbst zu hinterfragen oder um sich nicht als revolutionäre Avantgarde zu stilisieren. Weil man alles selber machen muss, damit es gut wird. Auch wenn es anstrengend und manchmal scheiße ist.

Emma Goldbitch ist wütend und daher seit bald zwanzig Jahren politisch organisiert.

 

]]>
https://ansch.4lima.de/an-sprueche-partei-ergreifen/feed/ 1
heimspiel: Das Zelt https://ansch.4lima.de/heimspiel-das-zelt/ https://ansch.4lima.de/heimspiel-das-zelt/#respond Sat, 14 May 2016 15:00:28 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=7465 HeimspielAufwachen mit Rückenschmerzen, Ameisen im Ohr und Mückenstichen. Von BEAT WEBER]]> Heimspiel

leben mit kindern

 

In meinem elterlichen Freundeskreis greift das Reden übers Zelteln um sich. Das Reden, wohlgemerkt. Wenn es vom „Wir sollten mal“ zur Umsetzung geht, allfällige Erfahrungsberichte erfragt, Details sondiert oder gemeinsame Planung ins Auge gefasst werden soll, lösen sich bislang fast alle diese Projekte früher oder später in Luft auf. Sobald die Vorstellung konkreter wird und sich zur romantischen Vorstellung ländlicher Idylle das notwendige Andenken der anstrengenden Umsetzung gesellt, setzen auch bei mir Bedenken ein. Zelteln ist einfach eine Aktivität, die außer bei irgendwelchen sportiven Outdoor-Freaks, von denen es in meinem Bekanntenkreis keine gibt, bei genauerer Überlegung schnell ihren Reiz verliert. Aufwachen mit Rückenschmerzen, Ameisen im Ohr, Mückenstichen und Dauerwurst mit Thermoskannen-Tee vom Vortag als Frühstück sind wenig attraktive Assoziationen. Und das alles setzt noch voraus, dass es überhaupt gelang, am Abend davor das Zelt richtig aufzustellen. Naturprofis werden hier entgegnen, dass es auch auf dem Zeltmarkt selbstverständlich einen ausgebauten High-End-Bereich gibt, der die Jugend-Zeltlager-Erinnerungen um Längen abhängt. Aber wer will schon ein Vermögen für ein vielleicht im Wortsinne einmaliges Erlebnis investieren?
Zwei meiner Freunde haben sich tatsächlich mal mit Kind ins Zelt gewagt. Einer musste bei der Ankunft feststellen, dass er seine Barschaft vergessen hatte, und seinem abenteuerlustigen Nachwuchs den Vorschlag ausreden, sich stattdessen Nahrung mit Pfeil und Bogen zu besorgen. Der andere und seine Freundin mussten sich, kaum angekommen, ein „Mir ist langweilig, können wir wieder heimfahren?“ anhören. Während die erste Geschichte meine Versagensängste mobilisiert, gibt mir die zweite eine willkommene Ausrede, um es ganz zu lassen. Ist das Gerede vom Zelteln nicht bloß ein abzulehnender ideologischer Appell an den archaischen Mann, Jäger- und Sammler-Qualitäten unter Beweis zu stellen? In manchen Fällen eignet sich der Feminismus sogar wunderbar als bequeme Ausrede.

 

Beat Weber ist eine Autorenleihgabe der Zeitung „Malmoe“.

 

Heimspiel. Leben mit Kindern
Illustration: Nadine Kappacher

 

]]>
https://ansch.4lima.de/heimspiel-das-zelt/feed/ 0
an.lesen: Schicksalsblitze https://ansch.4lima.de/an-lesen-schicksalsblitze/ https://ansch.4lima.de/an-lesen-schicksalsblitze/#comments Sat, 14 May 2016 14:55:02 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=7463 BARBI MARKOVIĆ macht Hexen alltagstauglich. Von FIONA SARA SCHMIDT]]>

BARBI MARKOVIĆ’ „Superheldinnen“ sind drei urbane Hexen, die im Kaffeehaus die Weltherrschaft an sich reißen. Von FIONA SARA SCHMIDT

 

Im Café Sette Fontane am Wiener Siebenbrunnenplatz treffen sich Samstag für Samstag drei junge Frauen und schreiben gemeinsam ihre Kolumne in der esoterischen Zeitschrift „Astroblick“. Wien ist nach Sarajevo, Berlin und Belgrad nun die Stadt ihrer Wahl. Sie haben einen wunderbar schwarzen Humor, sind meistens depressiv und chronisch pleite. „Es war ein Zustand, der uns zu Frauen unserer Zeit machte, zu Hauptstädterinnen, die ein schlechtes, zum Teil allergisches Verhältnis zur Natur pflegten.“

Magische Migrantinnen. Mascha, Direktorka und die Ich-Erzählerin stellen Menschen mit Problemen vor, an die alle Leser_innen zu einer bestimmten Uhrzeit gemeinsam denken sollen. Die so gebündelte Energie soll für den nötigen Impuls zur Verbesserung sorgen – „Schicksalsblitz“ heißt daher die Rubrik. Die Autorinnen werden dafür schlecht bezahlt, die drei Freundinnen profitieren aber auf einer anderen Ebene: „Wir schrieben eine Rubrik, weil das für uns ein einfacher Weg war, an die Energie der Leser heranzukommen. Dadurch verbrauchten wir weniger und konnten uns schneller regenerieren. Die Energie der Leser verlieh unseren Kräften Kontur.“
Im Kulturprekariat wird es ungemütlich, wenn der soziale Aufstieg zu lange auf sich warten lässt, denn „die Mittelschicht zerbröselte allmählich und es sah aus, als würde eine ganze gesellschaftliche Klasse von Menschen mit erträglichem Leben verschwinden, bevor es uns gelingen sollte, diese zu erreichen“. Jener Mittelstand ist zugleich Sehnsuchtsort und gelebter Albtraum, dessen fade Normalität in Form von Werbesprüchen, Konsumterror und scheinheiliger Moral von allen Seiten auf die Figuren einprasselt.
Interventionen für sich selbst haben sich die Freundinnen eigentlich untersagt, aber mit durchschnittlich 33 Jahren kommen gleich zwei von ihnen auf die Idee, dass sie auch einmal an der Reihe sein sollten, ein paar positive Veränderungen für sich zu generieren. Im „Astroblick“ schalten die Casinos Austria mehrseitige Anzeigen. Wäre es nicht möglich, auch ausnahmsweise das eigene Schicksal zu beeinflussen und einen Gewinn abzustauben? Und was würde passieren, wenn das eingespielte Team mit den samstäglichen Sitzungen durch den Weggang von einer destabilisiert wird?

 

© Aleksandra Pawloff
© Aleksandra Pawloff

 

Grenzen überschreiten. Der Roman ist mit Schnipseln und Zitaten der Konsumkultur durchsetzt und damit formal ebenso wenig Mainstream wie seine (Super-)Heldinnen. Die 1980 in Belgrad geborene Barbi Marković, die seit zehn Jahren in Wien lebt und als Popliteratur-Hoffnung galt – als das noch erstrebenswert war –, hat sich mit dem neuen Buch Zeit gelassen. Sie war Grazer Stadtschreiberin, daraus entstand 2012 „Graz Alexanderplatz“, den neuen Roman hat sie teilweise auf Deutsch und teilweise auf Serbisch geschrieben. Mit an Bord war wie bei ihrem Debüt „Ausgehen“ 2009 die Übersetzerin Mascha Dabić. Es ist wohl kein Zufall, dass die Stütze der Gruppe im Roman ebenfalls Mascha heißt, „eine Gottheit für all jene Menschen, die vom Pech verfolgt wurden“.
„Ausgehen“ war ein Remix beziehungsweise eine „falsche Übersetzung ins Serbische“ von Thomas Bernhards „Gehen“, allerdings mit jungen Frauen und Technomusik. Die spiraligen Bernhard-Sätze tauchen auch bei „Superheldinnen“ immer wieder auf, das passt gut zum immer trotz allem auch irgendwie gut gelaunten Nihilismus. Dieser lässt sich ablesen an herabstürzenden Vögeln, einem „rotzigen Kind“, das den Berlinaufenthalt der Erzählerin rasch beendet, und einer Großmutter, die es mit ihren magischen Kräften zu weit treibt.
Der Plot klingt wilder, als es das Leben der Figuren letztendlich ist, eigentlich geht es um die Kunstszene, das Zurechtfinden in neuen Sprachen und Orten, Krieg, Assimilation und politische Programme, Partys und Umzüge.
Die drei Protagonistinnen sind moderne Hexen – oder eben Superheldinnen des Alltags.

 

Barbi Marković: Superheldinnen
Residenz Verlag 2016
18,90 Euro

 

]]>
https://ansch.4lima.de/an-lesen-schicksalsblitze/feed/ 1
bonustrack: Mehr als Musik https://ansch.4lima.de/bonustrack-mehr-als-musik/ https://ansch.4lima.de/bonustrack-mehr-als-musik/#comments Sat, 14 May 2016 14:45:20 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=7467 Rap ist eine Einladung zum Mitmachen. Von ESRA ÖZMEN]]>

Rap ist eine Stimme, ein Zeichen, um aufzustehen, eine Einladung zum Mitmachen. Rap ist eine lebendige Bibliothek, eine Zeitung, und er ist mächtig. Dennoch wird er oft mit sexistischen und rassistischen Elementen verbunden und verliert seinen emanzipatorischen Ursprung – man denke nur an HC Straches Song zur letzten Wiener Landtagswahl. Um gegen etwas aufstehen zu können, muss man sich der Unterdrückung bewusst sein, eine Stimme finden, die gehört wird, und die eigenen Rechte einfordern.
Rap verschafft Gehör, doch wie viele haben keine Stimme? Im österreichischen „Tschuschen“- oder „Kanaken“-Rap werden uns eher subjektive Situationen geschildert, doch eigentlich geht es um gesellschaftliche Fragen: Was ist Integration? Wem gehört die Stadt?
Womit identifiziere ich mich? Wer bestimmt über mich?
Du wirst in ein System geboren, das es schon gibt und in dem alles schon für dich vorgeplant ist. Ein vorgeschriebener Lebenslauf, den du nur nachleben musst. Du musst dir ein Gewand namens Integration anziehen, doch dafür bist du nie ausreichend gut angezogen oder gut genug ausgerüstet. Ein Schulsystem, das dich zu dem macht, was deine Vorfahren schon waren: Arbeiterklasse bleibt Arbeiterklasse. Denn dieses System hat dich schon von vorneherein kategorisiert. Aber es ist so schlau und subtil konstruiert und funktioniert in sich so stimmig, dass immer du selbst schuld an allem bist. Deine Entscheidung, dein Kampf, deine Defizite, du allein trägst die Verantwortung!
Wie das „Migrantenkind“, das nach der Volksschule in die Hauptschule geht, da „es leider“ Sprachdefizite hat. Nach der Hauptschule gibt dir das Schulsystem ja noch die Chance aufzusteigen, aber dass das tatsächlich passiert, ist ähnlich selten wie ein Sechser im Lotto. Doch das ist dein Problem, denn die Chance wurde dir ja gegeben. Das alles greift dein Selbstbewusstsein an. „Die Stadt gibt sich Mühe, doch es existieren keine Begehren von Migranten“, heißt es immer wieder vonseiten der Politiker*innen.
Rap ist frech, er ist mal der Mittelfinger oder die Faust ans Maul, aber sicher kein Lächeln zur Unterdrückung.

 

Esra Özmen ist Rapperin aus Wien, gemeinsam mit ihrem Bruder tritt sie als EsRap auf.

 

Illustration: Joanna Proksch
Illustration: Joanna Proksch

 

]]>
https://ansch.4lima.de/bonustrack-mehr-als-musik/feed/ 1
an.künden: Verletzlicher Widerstand https://ansch.4lima.de/an-kuenden-verletzlicher-widerstand/ https://ansch.4lima.de/an-kuenden-verletzlicher-widerstand/#respond Sat, 14 May 2016 14:34:22 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=7477 Die Philosophin und queerfeministische Theoretikerin Judith Butler ist in Köln zu Gast.]]>

Die diesjährige Albertus-Magnus-Professur der Universität zu Köln geht an die US-amerikanische poststrukturalistische Philosophin und queerfeministische Theoretikerin Judith Butler. In zwei öffentlichen Vorlesungen wird sich die wohl bekannteste Vertreterin der Genderforschung mit neuen Formen des Widerstands und einer Ethik der Gewaltlosigkeit beschäftigen.

 

© Andrew Rusk/flickr
© Andrew Rusk/flickr

 

Judith Butler, Uni Köln, www.amp.phil-fak.uni-koeln.de
20.6., 19:30: Vorlesung „Die Ethik und Politik der Gewaltlosigkeit“, Aula
21.6., 14:00: Öffentliches Seminar, Anm. erforderlich
22.6., 19:30: Vorlesung „Verletzlichkeit und Widerstand neu denken“, Aula

 

]]>
https://ansch.4lima.de/an-kuenden-verletzlicher-widerstand/feed/ 0
an.künden: Kaffee und Kuchen https://ansch.4lima.de/an-kuenden-kaffee-und-kuchen/ https://ansch.4lima.de/an-kuenden-kaffee-und-kuchen/#respond Sat, 14 May 2016 14:12:52 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=7479 Das Festival "SOHO in Ottakring" beschäftigt sich mit dem Thema Ernährung.]]>

Das Wiener Festival „SOHO in Ottakring“ beschäftigt sich in 25 künstlerischen Projekten von rund achtzig Kunstschaffenden vielseitig mit dem Thema Ernährung, im 16. Wiener Gemeindebezirk sind u.a. Ausstellungen, Performances, Spaziergänge, Kochshows, Workshops und Screenings zu genießen. Die Künstlerin Julischka Stengele lädt mit Zuckerkunstwerken zum Tischgespräch „Fettverteilung“ über Ernährung, Einkommen und Geschlecht sowie Diskriminierungen von dicken Menschen.

 

© Teresa Novotny
© Teresa Novotny

 

4.–18.6.: „In aller Munde – schmackhafte und weniger schmackhafte Details zum Netzwerk Ernährung“, SOHO in Ottakring, verschiedene Spielorte in 1160 Wien
www.sohoinottakring.at

 

]]>
https://ansch.4lima.de/an-kuenden-kaffee-und-kuchen/feed/ 0
Pin-Ups: Off the Rokket https://ansch.4lima.de/pin-ups-off-the-rokket-7/ https://ansch.4lima.de/pin-ups-off-the-rokket-7/#respond Sat, 14 May 2016 13:37:20 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=7471 ...]]>

Von YORI GAGARIM.

 

Illustration: Yori Gagarim
Illustration: Yori Gagarim

 

]]>
https://ansch.4lima.de/pin-ups-off-the-rokket-7/feed/ 0
an.frage: Online hassen https://ansch.4lima.de/an-frage-online-hassen/ https://ansch.4lima.de/an-frage-online-hassen/#respond Sat, 14 May 2016 12:51:46 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=7469 Woher kommt all der Hass im Netz? BRIGITTE THEIßL hat die Journalistin und Autorin INGRID BRODNIG zu geschlechtsspezifischen Faktoren und Gegenstrategien befragt.

 

Wer sind eigentlich die Menschen, die besonders viele Hass-Postings im Internet verbreiten? Gibt es dazu Studien?

Wir wissen leider wenig über diese Menschen, es gibt aber ein paar Anhaltspunkte. Sogenannte „Trolle“ zählen zu den schlimmsten Gruppen im Netz. Das sind Provokateure – ihnen geht es um Schadenfreude. Sie wollen andere Menschen in Wut oder zur Verzweiflung bringen. Mit naiv klingenden Kommentaren oder gehässigen Aktionen provozieren sie negative Emotionen. Eine kanadische Studie namens „Trolls just want to have fun“ fand heraus, dass Trolle oft unter Sadismus leiden. Auch neigen eher Männer zum Trollen. Das Kernproblem ist, dass Rüpel online besonders sichtbar sind: Aggressive Nutzer und Nutzerinnen posten deutlich mehr als andere, sie versuchen, digitale Räume mit ihrer Wut zu besetzen und Andersdenkende wegzudrängen.

Sind Frauen von Hass im Netz besonders oder anders betroffen?

Alle Geschlechter sind betroffen, aber bei Frauen ist der Ton oft besonders garstig: Sie erhalten besonders herabwürdigende und sexualisierte Kommentare. Das reicht bis zur Vergewaltigungsdrohung. Ein neuer Bericht des EU-Parlaments besagt, dass 18 Prozent der Europäerinnen schon Hass im Netz erlebten. Mädchen werden doppelt so oft zum Opfer von Cybermobbing. Die Gefahr ist, dass sich einige Frauen aus der digitalen Debatte zurückziehen und weibliche Stimmen verstummen.

Fördert die Anonymität im Netz besonders enthemmten Hass – so wie jetzt etwa in der Flüchtlingsdebatte? Was bräuchte es, um dem entgegenzuwirken?

Auf Facebook sehen wir, dass viele Menschen unter ihrem echten Namen furchtbare Dinge posten – die Anonymität ist also nicht der Grund, wieso es zum Hass kommt. Jedoch muss man sagen, dass die schlimmsten Akteure oft gezielt Anonymisierungstools einsetzen. Sie schützen sich damit vor einer strafrechtlichen Verfolgung. Das Wichtigste ist, Opfer stärker zu schützen: Jeder und jede kann den Betroffenen den Rücken stärken, sich in Onlinediskussionen hinter sie stellen – es ist wichtig, dass sich das Opfer nicht alleingelassen fühlt. Ich empfehle, Härtefälle auch anzuzeigen. Ein Tipp: Wer auf einen unfreundlichen Kommentar mit Humor reagiert, zeigt Nerven. Das signalisiert: Du willst mich einschüchtern, aber so leicht schaffst du das nicht.

 

Ingrid Brodnig ist Medienredakteurin beim „Profil“. Soeben ist ihr Buch „Hass im Netz“ beim Brandstätter-Verlag erschienen.

 

]]>
https://ansch.4lima.de/an-frage-online-hassen/feed/ 0