I / 2016 – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de Wed, 29 Jul 2020 20:50:57 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.0 https://ansch.4lima.de/wp-content/uploads/2024/10/cropped-favicon-32x32.png I / 2016 – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de 32 32 Umkämpfter Angstraum https://ansch.4lima.de/umkaempfter-angstraum/ https://ansch.4lima.de/umkaempfter-angstraum/#respond Wed, 02 Mar 2016 09:15:29 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=7060 Zum Verhältnis von Geschlecht und Öffentlichkeit. Von IRMTRAUD VOGLMAYR]]>

Die Debatte um die Übergriffe in Köln wirft auch die grundlegende Frage nach dem Verhältnis von Geschlecht und öffentlichem Raum neu auf. Von IRMTRAUD VOGLMAYR

 

In der aktuellen Debatte um die angeblich nach Deutschland „importierte“ Rape Culture steht die Bewegungsfreiheit von Frauen in der Stadt, ihre selbstbestimmte Verfügung über Körper und Raum wieder einmal im Fokus der Öffentlichkeit. Die weit verbreitete Rede vom „Angstraum“ scheint ein Revival zu erleben. Doch dieser Begriff muss scharf kritisiert werden, denn zum einen erweckt er den Eindruck, der Ort bzw. Raum selbst sei gefährlich, zum anderen wird in diesem Diskurs die „weibliche“ Angst im öffentlichen Raum als quasi „naturhaftes Wesensmerkmal“ begriffen. Heute wie damals steht diesen geschlechtsspezifischen Gefahren und Ängsten im öffentlichen Raum zudem eine Tabuisierung bzw. Marginalisierung der Gewalt im privaten Raum gegenüber. Gleichzeitig wird mit dieser Bezeichnungspraxis eine Fehlwahrnehmung des öffentlichen Raumes verstärkt, die aufgrund eines ständigen Bedrohungsgefühls in eingeschränkter Mobilität und Vermeidungsverhalten mündet. Raumtheoretikerinnen wie Renate Ruhne haben in ihren Arbeiten die Konstruiertheit der (Un-)Sicherheiten im öffentlichen Raum aufgezeigt und dazu beigetragen, einer weiblichen (Selbst)Beschränkung entgegenzuwirken, wenngleich ein bestimmtes Unsicherheitsgefühl nie ganz aus unseren Frauenköpfen gewichen ist.

Gefährliche Orte. Theoretischer Ausgangspunkt für den (Un-)Sicherheitsdiskurs im öffentlich-städtischen Raum ist die Herausbildung und Etablierung der dichotomen Zwei-Geschlechter-Ordnung, mit der auch eine Dichotomisierung des Raumes in einen öffentlichen und einen privaten einherging. Die Wirkmächtigkeit dieser Trennung von Öffentlichkeit und Privatheit ist bis heute – trotz Durchlässigkeit, Brüchen und Ambivalenzen – insbesondere im Verhältnis von Weiblichkeiten und öffentlichem Raum spürbar.
Im Diskurs vom Gewaltraum über den Angstraum hin zum sicheren bzw. überwachten öffentlichen Raum hat in den letzten Jahrzehnten eine Dominanz-Verschiebung stattgefunden. Dabei spielt in dieser theoretischen Verschiebung der Begriff „öffentlicher Raum“ als Straße, Park, Platz immer eine zentrale Rolle. Hervorzuheben ist die „Verräumlichung eines idealistischen Konzepts von Öffentlichkeit“, weil diese Räume nicht für jede und jeden frei zugänglich sind. Es gibt überall Ausgrenzungen, Verbote, Zugangs- und Nutzungsbestimmungen, die vor allem marginalisierte soziale Gruppen betreffen, die im Fokus der Kontrolle und Überwachung stehen. Gegenwärtig sind es vor allem Prostituierte, Bettler_innen und Asylwerber_innen, die staatlich überwacht und von großen Teilen der Bevölkerung als starke Bedrohung empfunden werden.

 

Photo by John Berens / Photo courtesy bitforms gallery, New York Addie Wagenknecht, -r-xr-xr-x, 2014
Photo by John Berens / Photo courtesy bitforms gallery, New York
Addie Wagenknecht, -r-xr-xr-x, 2014

Gefährliche Körper. Interessanterweise kommt in der Auseinandersetzung mit dem gegenwärtig dominanten neoliberalen Sicherheitsdiskurs der Angstraum in einer anderen, nämlich geschlechtsneutralen Form wieder zurück und wird nun zu einer Bedrohung für alle. Im Kontext einer Verräumlichung der Kriminalität werden bestimmte Orte offiziell als „gefährliche Orte“, als Kriminalitätsschwerpunkte von der Polizei „objektiv“ festgelegt und für jegliche Formen von Kontrolle und Überwachung freigegeben. Diese gefährlichen Orte sind jedoch in der Verschränkung mit gefährlichen Körpern zu sehen, denn im Zentrum steht die zu kontrollierende Person, die offenbar gefährlich ist, weil sie sich an diesem gefährlichen Ort befindet. Diesen vermeintlichen Bedrohungen wird mit restriktiven sicherheitspolitischen Maßnahmen begegnet. So werden neue Formen der Überwachung und Kontrolle des öffentlichen Raums entwickelt, die sich durch eine körperliche und räumliche Selektivität auszeichnen. Es sind besonders Räume des Konsums und der Repräsentation (Einkaufszentren, Regierungsgebäude), die verstärkten Kontrolltechniken wie Überwachungskameras, privaten Sicherheitsdiensten sowie einem design against crime unterliegen.
„Gefährliche“ Körper werden in Verwobenheit mit anderen Diskriminierungskategorien in unterschiedlichen Kontexten konstruiert. Oftmals geschieht die Konstruktion der gefährlichen Körper in Verbindung mit Armut sowie unter Einbeziehung rassistischer und sexistischer Denkmuster. Diese Konstruktion schafft ein homogenes Kollektiv an Betroffenen, eine „gefährliche“ Gruppe von Sexarbeiter_innen, Bettler_innen, Obdachlosen, Geflüchteten, die ferngehalten werden muss. Nicht zuletzt, weil diese Gruppen an den öffentlichen Raum als Arbeits- und (Über-)Lebensort gebunden sind, und damit im „Kampf um Raum“ den Interessen von Aufwertungsprozessen in proletarisierten Randbezirken sowie den sauberen, sicheren innerstädtischen Konsumflächen entgegenstehen.
Dass fremd aussehende Körper in besonderer Weise als bedrohlich wahrgenommen werden und so den Blick auf sexuelle Belästigung und Gewalt schärfen, belegen die Reaktionen auf die Vorfälle in Köln eindrücklich. Die Sichtbarmachung und Verurteilung von sexualisierter Gewalt gegen Frauen, die im Kontext einer emotional aufgeladenen Asyldebatte und -politik erfolgt, lässt erkennen, wie sich Normalisierung bzw. Marginalisierung an und in den Körpern materialisiert und wie bestimmte Körper und fremde Männlichkeiten eher Angst und Gefahr hervorrufen als die Männer der Mehrheitsgesellschaft. Dass wir es hier keineswegs mit einem neuen Phänomen importierter, sexueller Praktiken zu tun haben, zeigen sexuelle Übergriffe auf traditionellen Festen wie Oktoberfest, Karneval sowie Großevents im öffentlichen Raum, die durch das „Festivalisierungskonzept“ der Stadt forciert werden.

Ethnisierung von Gewalt. Das Sicherheitskonzept im öffentlich-städtischen Raum richtet die Kontrolle vor allem auf marginalisierte, ethnisierte Körper und Räume und betreibt damit einhergehend eine Vertreibungs- und Verdrängungspolitik. Eine Sicherheitspolitik, die vermehrt auf Überwachungskameras, verstärkte Polizeipräsenz und private Security setzt, ist allerdings nicht in der Lage, die Ursachen der zunehmenden global wirkmächtigen Gewalt, ausgelöst durch neoliberale Macht- und Verteilungskämpfe, Kriege sowie Sozialstaatsabbau zu bekämpfen. Gewalt in allen Formen, insbesondere geschlechtsbasierte (sexuelle) Gewalt, wird aufgrund dieser weltweiten Entwicklungen auch in den westlichen urbanen Räumen – nicht nur im Privaten – für Frauen wieder spür- und sichtbarer. Der öffentliche Raum war und ist ein potenzieller Gewaltraum für Frauen, nicht nur in Form von Vertreibungspolitiken, sondern auch in Form von sexueller Belästigung sowie einer zunehmenden Ethnisierung von Gewalt, die etwa auch kopftuchtragende Frauen auf den Straßen Wiens erfahren müssen.
Im Spannungsfeld der Konstruiertheit dieser Gefahren einerseits und realer Ereignisse andererseits, muss eine kollektive weibliche Sensibilisierung für Gewalt im öffentlichen Raum sowie eine Solidarisierung mit marginalisierten Gruppen erfolgen. Als großer politischer Aufmerksamkeitsraum bietet der öffentliche Raum dabei ein Potenzial für Frauen- und queer-feministische Gruppen, etwa mittels Parodie und Ironie, Gewalt in allen Formen sichtbar zu machen. Über solche lustvolle Aneignungspraktiken lässt sich dem einschränkenden Konzept eines „Angstraums“ eine empowernde Raumaneignung entgegensetzen.

 

Irmtraud Voglmayr ist Medienwissenschafterin und Soziologin. Sie lehrt an den Universitäten Wien, Salzburg, Klagenfurt und Boku Wien und arbeitet zu Prekarität, Altern, Medien, Stadt- und Raum.

 

Literatur:
Belina, Bernd (2011): Raum, Überwachung, Kontrolle. Vom staatlichen Zugriff auf städtische Bevölkerung. Münster: Westfälisches Dampfboot.
Ruhne, Renate (2003): Raum Macht Geschlecht. Zur Soziologie eines Wirkungsgefüges am Beispiel von (Un)Sicherheiten im öffentlichen Raum. Opladen: Leske + Budrich.
Schmincke, Imke (2009): Gefährliche Körper an gefährlichen Orten: Eine Studie zum Verhältnis von Körper, Raum und Marginalisierung. Bielefeld: transcript-Verlag.
Voglmayr, Irmtraud (2012): Feministische Praktiken im urbanen Raum. In: Birge Krondorfer/ Hilde Grammel (Hg.): Frauen-Fragen. 100 Jahre Bewegung, Reflexion, Vision. Wien: Promedia. 242-251.
Wucherpfennig, Claudia (2010): Geschlechterkonstruktionen und öffentlicher Raum. In: Sybille Bauriedl/Michaela Schier/Anke Strüver (Hrsg.): Geschlechterverhältnisse, Raumstrukturen, Ortsbeziehungen. Münster: Westfälisches Dampfboot. 48-74.

 

 

]]>
https://ansch.4lima.de/umkaempfter-angstraum/feed/ 0
„Schlicht gefährlich“ https://ansch.4lima.de/schlicht-gefaehrlich/ https://ansch.4lima.de/schlicht-gefaehrlich/#respond Fri, 29 Jan 2016 17:11:08 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=6926 Die Politologin und Netzaktivistin ANNE ROTH wurde bereits selbst überwacht. Mit BRIGITTE THEIßL spricht sie über die Gefährlichkeit von Geheimdiensten und gibt Tipps zum Schutz der Privatsphäre.

 

an.schläge: Im Juli 2007 wurde Ihr Partner Andrej Holm, der als Sozialwissenschaftler zu Gentrifizierung und Stadterneuerung forscht, in Ihrer gemeinsamen Wohnung in Berlin als Terrorist festgenommen. Die Ermittlungen verliefen ergebnislos und wurden 2010 eingestellt. Sie haben auf Ihrem Blog eindrücklich beschrieben, wie es sich anfühlt, überwacht zu werden. Was sind für Sie rückblickend die prägendsten Erlebnisse aus dieser Zeit?

Anne Roth: Es gibt eine Reihe von prägenden Erlebnissen. Etwa bei der ersten Akteneinsicht zu sehen, wie die Polizei unsere Telefonate protokolliert und auch interpretiert hatte. Darunter waren etwa private Gespräche mit meiner Mutter – obwohl ich selbst nicht einmal als Verdächtige geführt wurde. Später stellte sich heraus, dass auch Andrejs Eltern überwacht worden waren. Dass ihn seine Eltern aus dem Gefängnis abholten, wurde als Nähe zu seinen vermeintlichen terroristischen Aktivitäten interpretiert. Ich fand das alles erschütternd, vor allem, weil ich den Eindruck hatte, dass wir ein völlig „normales“ Leben führten. Natürlich, wir waren beide politische AktivistInnen und gingen auch auf Demos, aber dass ganz alltägliche Dinge wie Telefonate mit den eigenen Eltern plötzlich den Verdacht der terroristischen Aktivität erhärteten, fand ich erschreckend. In Andrejs Fall haben die ersten drei Monate der Überwachung nichts ergeben. Wie die Akteneinsicht zeigte, wurde sie aber verlängert – mit der Begründung, die Beschuldigten würden sich offensichtlich besonders konspirativ verhalten. Mir ist klar geworden, dass sich unter Beobachtung plötzlich jegliches alltägliches Tun in einen Verdachtsmoment verwandeln kann.

„Wenn ich nichts Illegales mache, habe ich auch nichts zu befürchten“ ist also nicht unbedingt richtig, wie Ihr Fall zeigt.

Genau. Solche Ermittlungsverfahren kommen glücklicherweise nur sehr selten vor, die meisten Menschen haben also tatsächlich nichts zu befürchten – zumindest nicht in diesem Ausmaß. Aber wenn man in ein solches Verfahren gerät, entsteht ein Strudel, aus dem man nur sehr schwer wieder herauskommt. Wenn du tatsächlich nichts zu verbergen hast, kann selbst das gegen dich verwendet werden.

Sie sind eine Kritikerin von Geheimdiensten und sehen deren Abschaffung als erstrebenswertes, langfristiges Ziel. Ist dieses Ziel nach den Terroranschlägen in Paris in weite Ferne gerückt?

Ja, ich denke, dass Geheimdienste jetzt eher gestärkt werden. Solche Anschläge machen Angst. Eine Ausweitung der Kompetenzen von Polizei und Geheimdiensten wird nach derartigen Ereignissen regelmäßig gefordert – und sie passiert zumeist auch. Eine kritische Diskussion wird dadurch massiv erschwert. Ich würde auch nicht fordern, dass der Bundesnachrichtendienst (BND) morgen geschlossen werden soll. Aber man muss darüber sprechen, ob es nicht besser wäre, wenn demokratische Gesellschaften auf solche unkontrollierbaren Institutionen verzichten würden. Es zeigt sich immer wieder, dass Geheimdienste keiner demokratischen Kontrolle unterworfen sind und ein Eigenleben führen, in das niemand wirklich Einblick hat. Das ist schlicht gefährlich.

Sie sind als Referentin für Die Linke im NSA-Untersuchungsausschuss tätig und berichten regelmäßig darüber, wie wenig kooperativ sich die deutsche Regierung zeigt oder wie freizügig der BND Gesetze interpretiert. Warum haben PolitikerInnen so wenig Interesse an einer demokratischen Kontrolle der Geheimdienste?

Ich denke, dass PolitikerInnen mit Regierungsverantwortung keine Fehler machen und nicht dafür verantwortlich sein wollen, wenn ein großer Anschlag passiert. Wenn man Biografien von PolitikerInnen verfolgt, zeigt sich immer wieder, dass sie in der Zeit, in der sie Regierungsverantwortung haben, sehr geheimdienstfreundlich agieren, danach aber auch wieder eine kritischere Haltung einnehmen. Andererseits werden sie natürlich auch gefüttert mit den Erzählungen der Geheimdienste und können deren Angaben ja auch nicht überprüfen. Wenn man jetzt eher in eine verschwörerische Richtung geht, könnte man auch davon ausgehen, dass Geheimdienste bewusst manipulieren – auch, um ihre eigene Macht zu erhalten.

Die Enthüllungen durch Edward Snowden haben das Thema Massenüberwachung einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Ist die Gesellschaft dadurch insgesamt sensibilisiert worden?

Ja, ich denke, es gab auf jeden Fall eine Sensibilisierung. Es wird zwar gerne erzählt, dass die meisten Menschen alldem völlig gleichgültig gegenüberstehen würden, aber diesen Eindruck habe ich nicht. In den vergangenen zwei Jahren habe ich sehr viele Gespräche mit Menschen geführt, die sich mit dem Thema Überwachung auseinandersetzen. Es werden Witze über die Überwachung des eigenen Smartphones gemacht, Leute entschuldigen sich dafür, dass sie trotz besseren Wissens noch immer Googlemail oder Whatsapp benutzen. Politisch ändert sich leider nicht viel, da unserer Regierung die guten Beziehungen zu den USA wichtiger sind als der Schutz der im Grundgesetz verbrieften Grundrechte, dazu gibt es sicher auch die Furcht vor wirtschaftlichen Nachteilen. In der Bevölkerung ist das Thema aber angekommen, nur ist es leider auch mit einem Gefühl der Machtlosigkeit gepaart, nichts ändern zu können: Wenn selbst unsere Regierung uns nicht vor der Überwachung der Geheimdienste schützt, wie soll ich mich dann dagegen wehren?

Im Netz finden sich viele Tipps zum Schutz der Privatsphäre, manche raten davon ab, Dienste wie Facebook oder Twitter überhaupt zu nutzen. Wird die Verantwortung damit nicht auf den/die Einzelne_n abgeschoben?

Ja, aber ich finde, man kann diese Verantwortung auch ein Stück weit annehmen. Ich vergleiche das gerne mit dem Thema Gesundheit. Einerseits ist es wichtig, dass es eine funktionierende staatliche Krankenversicherung gibt, andererseits müssen wir uns aber trotzdem jeden Tag die Zähne putzen. Dieses tägliche Zähneputzen brauchen wir auch bei unserem Umgang mit der digitalen Kommunikation. Die Regierung könnte uns einen besseren Schutz bieten, nur hat sie leider wenig Interesse daran. Verbündete sind da eher Unternehmen, die sich selbst vor Betriebsspionage schützen wollen, diese Allianzen beobachte ich allerdings mit Skepsis.

Haben Sie Tipps für unsere LeserInnen? Was kann man konkret tun, worüber muss man – besonders als politisch aktive Person – Bescheid wissen?

Für alle, die Smartphones nutzen, empfehle ich als Einstieg verschlüsselte Messenger-Dienste. „Signal“ ist etwa ganz einfach zu installieren und erlaubt es, Nachrichten verschlüsselt auszutauschen. Ein anderer Bereich ist das sogenannte Tracking, das Sammeln von Informationen durch Werbefirmen. Hier gibt es eine Reihe hilfreicher Addons, zum Beispiel „No Script“ oder „HTTPS Everywhere“. Adblocker sind auch eine sinnvolle Sache, weil über Cookies Informationen darüber, was du interessant findest, auch an Dritte weitergegeben werden. Unternehmen erstellen Profile über Personen, die sie dann weiterverkaufen. Diese Informationen können auch falsch sein und wir haben keinerlei Einfluss darauf. Wir müssen uns bewusst sein, dass auch staatliche Dienste darauf zugreifen können, wenn sie das wollen. Politisch aktiven Personen empfehle ich die Verschlüsselung von E-Mails, hier muss man sich Hilfe holen – etwa auf CryptoPartys. Die Snowden-Enthüllungen haben allerdings gezeigt, dass Personen, die konsequent verschlüsseln, besonders interessant für Geheimdienste sind. Das ist ein Zwiespalt, mit dem jede und jeder selbst umgehen muss. Ich verschlüssele meine Kommunikation trotzdem, schon aus Prinzip – weil ich finde, dass ich ein Recht auf Privatsphäre habe.

In Österreich sind sämtliche netzpolitischen Initiativen bzw. Initiativen, die sich mit Überwachung auseinandersetzen, männlich dominiert, in den Parteien liegt diese Zuständigkeit ebenfalls meist bei Männern. Auch bei Feministinnen ist das Thema wenig beliebt. Welche Konsequenzen hat das?

Ich weiß, wie schwierig es ist, als Frau in ein männerdominiertes Feld einzudringen. Es ist aber insgesamt höchst problematisch, dass das Thema der Privatsphäre in der digitalen Kommunikation bzw. im Netz von Frauen so wenig bearbeitet wird. Das ist ein Bereich, an dem wir nicht vorbeikommen, wir können es uns nicht leisten, dieses Wissen nicht zu haben. Bei meiner Tätigkeit im NSA-Ausschuss habe ich fast ausschließlich mit Journalisten zu tun. Das hat bestimmt auch damit zu tun, dass Innenpolitik und Sicherheit prestigeträchtige Felder sind, die Männer gerne besetzen und verteidigen. Im Bereich Migration und Flüchtlingspolitik gibt es hingegen sehr viele Frauen und Feministinnen, die sich dort engagieren. Hier müsste man vielleicht die Verbindung zu Überwachung und Repression hervorstreichen, denn es braucht dringend mehr Frauen und Feministinnen, die sich für Innen- und Netzpolitik interessieren und diese Themen besetzen.

 

Anne Roth ist Politologin, Aktivistin, Bloggerin. Seit 2014 ist sie Referentin der Fraktion Die Linke im Geheimdienst-Untersuchungsausschuss des Bundestages. Gemeinsam mit anderen Aktivistinnen betreibt sie die Datenbank speakerinnen.org mit dem Ziel, die Zahl von Frauen auf Konferenzen und Podien zu erhöhen.

 

]]>
https://ansch.4lima.de/schlicht-gefaehrlich/feed/ 0
an.sage: Abschied von einer kompromisslosen Kämpferin https://ansch.4lima.de/an-sage-abschied-von-einer-kompromisslosen-kaempferin/ https://ansch.4lima.de/an-sage-abschied-von-einer-kompromisslosen-kaempferin/#respond Fri, 29 Jan 2016 16:52:07 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=6944 Redaktion 1997 – Angela Heisenberger (3. von rechts), Gudrun Hauer (2. von rechts) © Michaela BruckmüllerNachruf auf Gudrun Hauer. Von ANGELA HEISSENBERGER]]> Redaktion 1997 – Angela Heisenberger (3. von rechts), Gudrun Hauer (2. von rechts) © Michaela Bruckmüller

Ein Nachruf von ANGELA HEISSENBERGER

 

Gudrun Hauer ist tot. Wie die meisten anderen auch, traf mich diese Nachricht Anfang November völlig unvorbereitet. Nur wenige hatten von ihrer schweren Krankheit gewusst, niemand ahnte, dass ihr nur noch ein paar Wochen bleiben würden. Mit Gudrun verloren wir eine hervorragende Journalistin und eine unermüdliche, streitbare Kämpferin für Frauen, Lesben und Schwule und gegen Faschismus.
Gudrun war insbesondere für die an.schläge eine prägende Persönlichkeit. Gemeinsam mit Beate Soltész und anderen bewegten Frauen gründete sie 1994 die drei Jahre zuvor eingestellte Zeitschrift neu – als professionell gemachtes, feministisches Monatsmagazin mit breiter Themenvielfalt. Gudrun legte die Latte von Anfang an sehr hoch. Bei Inhalt, Stil und Ausdruck ging sie keine Kompromisse ein, was so manche Praktikantin oder Gastautorin zähneknirschend zur Kenntnis nehmen musste. Ins Blatt kam nur, was Gudruns strenge Korrektur durchlaufen hatte.
Der Erfolg gab ihr Recht. Es regnete in den folgenden Jahren Auszeichnungen für einzelne Autorinnen und die gesamte Redaktion. Ö1 gestaltete ein „Journal-Panorama“ über die an.schläge, auch der damalige ORF-Intendant Rudolf Nagiller besuchte uns in der Frauenhetz und staunte über unsere technische Ausstattung (drei PCs, ein Faxgerät!). Wir reisten zur Verleihung des Claus-Gatterer-Preises nach Südtirol, wo Gudrun einen Interview-Marathon absolvierte.
Leider korrelierte die öffentliche Anerkennung nicht immer mit der wirtschaftlichen Situation der Zeitschrift. In guten Zeiten konnten bis zu fünf Frauen hier ihren Lebensunterhalt verdienen, in schlechten Zeiten bewegten wir uns hart an der Grenze zum Prekariat. Dass das Niveau der an.schläge auch unter widrigsten Bedingungen anspruchsvoll blieb, war nicht zuletzt Gudruns Verdienst.
Als ich 1999 aus meiner ersten Karenz zurückkehrte, hatte eine jüngere Generation von Redakteurinnen das Ruder übernommen. Gudrun ging in ihrer Stelle als Uni-Lektorin auf und engagierte sich wieder intensiver in der HOSI, später auch beim Gesellschaftlichen Beirat zur Neugestaltung der Österreich-Ausstellung in Auschwitz-Birkenau. Wir verloren einander aus den Augen.
Gudrun war kein einfacher Mensch, manchmal stur, fast trotzig und auch ein bisschen schrullig. Diskussionen mit ihr mündeten oft in Wortgefechte – wenn es um die Sache ging, war sie kompromisslos. Aber wir konnten auch gemeinsam schmunzeln und philosophieren, über ihre neurotische Katze, ihr Faible für Fußball, Opern oder Fantasy-Romane. Gudrun war eben in vielerlei Hinsicht außergewöhnlich.
Ihr enzyklopädisches Wissen über Nationalsozialismus war ebenso umfassend wie ihre Bibliothek. Ebenso bezeichnend ihr Pflichtbewusstsein: Als die heimtückische Krankheit schon in ihr steckte, korrigierte sie noch die neue Ausgabe der „LAMBDA-Nachrichten“ fertig und ging erst tags darauf zum Arzt. Gudrun kämpfte bis zum Schluss, leider vergeblich. Das späte Glück mit ihrer Partnerin Ulli war ihr nicht länger vergönnt. Die Spuren, die sie in ihrer politischen und journalistischen Arbeit hinterlassen hat, werden jedoch immer sichtbar bleiben.

 

Angela Heissenberger war von 1995 bis 2002 Redakteurin der an.schläge. Seit 2004 ist sie Redakteurin des Wirtschaftsmagazins „report plus“.

 

Redaktion 1997 – Angela Heisenberger (3. von rechts), Gudrun Hauer (2. von rechts) © Michaela Bruckmüller
Redaktion 1997 – Angela Heisenberger (3. von rechts), Gudrun Hauer (2. von rechts) © Michaela Bruckmüller

 

]]>
https://ansch.4lima.de/an-sage-abschied-von-einer-kompromisslosen-kaempferin/feed/ 0
My Blog, my Choice https://ansch.4lima.de/my-blog-my-choice/ https://ansch.4lima.de/my-blog-my-choice/#respond Fri, 29 Jan 2016 16:46:45 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=6928 Elternblogs machen Privates öffentlich. Die Frage nach dem Schutz der Privatsphäre ist deshalb auch eine feministische. Von CORNELIA GROBNER

 

Eine Elternhand streicht über die kränkelnde Kinderstirn, drei bunte Regenmäntelchen plantschen vorm Kindergarten, eine Bierflasche prostet am Gitterbett in die Kamera – fotografische Einblicke in ein Familienleben, das nicht das eigene ist. Instagram liefert die Bilder, WordPress die Geschichten und Facebook den Kaffeetratsch.

Unvorsichtige Frauen? Digitale Kommunikation birgt Gefahren des Datenmissbrauchs und wirft laufend neue Diskussionen um Privatsphäre auf. Wer die gesellschaftlichen Diskurse dazu verfolgt, erkennt, wie schnell daraus emotional aufgeladene Debatten um individuelle Verfehlungen werden. Oft steht dahinter nur ein konservativer Wertekatalog, aber argumentiert wird am liebsten mit dem Schutz der Betroffenen.
Nicht selten trifft der Vorwurf, zu viel Privates von sich preiszugeben, Frauen*: Die Teenagerin wird für ihre Selfies kritisiert, die Auszubildende für die Partyfotos und die Kollegin für die Bikinifotos. Sie alle sollen vorgeblich geschützt werden: vor Mobbing, vor Kündigung und vor sexuellen Übergriffen. Die Argumentationsweise entspricht einem vorgezogenen Victim Blaming. Unterm Strich führt das dazu, dass die Diskussionen um Online-Privacy individuelle Lebenswirklichkeiten unsichtbar machen. Das trifft eine Nutzer*innen-Gruppe ganz speziell – Eltern, die in sozialen Netzen ihre Erfahrungen teilen, insbesondere Elternblogger*innen. „Sind Kinderfotos schon ein Eingriff in die Privatsphäre?“ Und: „Ist ein detaillierter Geburtsbericht zu privat und hat nichts in der Öffentlichkeit verloren?“, hieß es etwa bei einem Panel dazu auf der letzten Republica-Konferenz.

Naive Eltern? Die Debatte um den Schutz der Privatsphäre ist komplex. Wenn Eltern ihre Kinderfotos auf Facebook entsprechend geschützt teilen, ist das de facto nicht mehr oder weniger schlimm, als das Familienalbum bei der Gartenparty herumzureichen – durchaus ein Thema der kindlichen Privatsphäre, aber kein netzspezifisches. Freilich, das analoge Foto kann nicht unbemerkt gespeichert und weiterverwendet werden. Aber genauso wenig können Eltern auf besagter Gartenparty verhindern, dass Gäste selbst Fotos von ihren Kindern machen und diese verbreiten.
Nutzer*innen von Online-Plattformen brauchen Aufklärung und Unterstützung statt Verurteilung und Unterstellungen von Naivität. Die Kritik muss die Firmen treffen, die eine wenig transparente Privatsphären-Politik betreiben und das Löschen von Bildern teils verunmöglichen.
Problematisch ist, wenn mit Verweis auf Privatheit Bloggen über Elternschaft aus der medialen Öffentlichkeit verwiesen wird – und das, obwohl Politik, Arbeitswelt und nicht zuletzt gesellschaftliche Normen wesentliche Aspekte des Elterndaseins regulieren. Gerade Blogs und soziale Netzwerke bieten viele Möglichkeiten, bisher privat konnotierte Themen stärker sichtbar zu machen.
Seit jeher kritisieren Feminist*innen die Grenzziehung zwischen Privatheit und Öffentlichkeit, die durch geschlechterspezifische Zuordnungen Ungleichheiten und Machtverhältnisse schafft. Gerade die vorrangig weiblich assoziierten Lebensaspekte Haushalt und Familie bleiben dadurch einer demokratischen Kontrolle verwehrt.

Raum für Kritik. Das Private kann politisiert werden, wenn die eigene Lebenswirklichkeit in Verbindung mit speziellen Ungleichheiten artikuliert wird. Umso bedeutender ist es, dass Blogs über den Alltag von Eltern – besonders von Frauen*– nicht unter dem Deckmantel des Privatsphärenschutzes zurückgedrängt werden. Es geht nicht darum, jede Polemik über den zu wenig am Haushalt beteiligten Partner und jeden rant der Alleinerzieherin zum politischen Akt hochzustilisieren. Doch Elternblogs und ihre Kommentarspalten sind öffentliche Orte, an denen bestehende Machtverhältnisse kritisiert werden können. So wird das Private öffentlich(er) – und nicht selten kann online mitverfolgt werden, wie Elternblogger*innen (und mit ihnen auch ein Teil ihrer Leser*innenschaft) durch das Teilen dieser Erfahrungen überhaupt erst politisiert werden.

 

Cornelia Grobner ist freie Journalistin und Mitbegründerin von „umstandslos“, einem Online-Magazin für feministische Mutterschaft.

 

]]>
https://ansch.4lima.de/my-blog-my-choice/feed/ 0
Frauensache Hacking https://ansch.4lima.de/frauensache-hacking/ https://ansch.4lima.de/frauensache-hacking/#respond Fri, 29 Jan 2016 16:35:52 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=6930 Die Politikwissenschaftlerin LEONIE TANCZER sprach mit BRIGITTE THEIßL über die politische Kraft von Hacking.

 

an.schläge: Der typische Hacker ist ein weißer junger Mann, der im schwarzen Kapuzenpulli nächtelang vor dem Computer sitzt – stimmt das so?

Leonie Tanczer: Ist die typische Feministin eine weiße junge Frau mit kurzen Haaren, die Männer hasst? Nein, natürlich nicht! Ich glaube, es ist wichtig, sich vor Augen zu führen, dass viele Stereotype – meist von Personen außerhalb der Szene – gezielt verwendet werden, um Klassifizierungen von Gruppen zu erleichtern. Natürlich gibt es das Klischee des „typischen Hackers“, doch deshalb alle über einen Kamm zu scheren wäre kurzsichtig und blendet jene aus, die diesem nicht entsprechen.

Warum sprechen Sie von „HacktivistInnen“?

Das Wort Hacking haben ja sicher schon viele gehört. Wobei ich klarstellen möchte, dass Hacking nicht nur kriminelle Aktivitäten umfasst. In meiner Forschung verstehe ich unter diesem Begriff etwa auch Tätigkeiten wie Manipulation von Technologie für unorthodoxe Zwecke sowie die Produktion von freier, nicht kommerzieller Software. Hacktivismus bezieht sich auf die Verwendung von Hacking für aktivistische Anliegen. Es ist eine Technik, die HackerInnen und/oder AktivistInnen verwenden können, um soziale oder politische Ziele zu erreichen.
Ich kann meine Waschmaschine aus persönlichen Gründen hacken, weil ich ihre Leistung steigern möchte. Ich kann sie aber auch hacken, um eine politische Botschaft an den Hersteller zu senden. Damit kann ich auf kreative Art zum Beispiel auf schlechte Arbeitsbedingungen hinweisen. Natürlich sind diese beiden Kategorien häufig schwer trennbar und Intentionen können verschwimmen. Ich finde es aber wichtig, dass man dieses gesellschaftliche Element von Hacking stärker hervorhebt und anerkennt, dass sich viele als politisch agierende AkteurInnen – eben als HacktivistInnen – verstehen.

Netzpolitik wird mit der fortschreitenden Digitalisierung eine immer zentralere politische Aufgabe. Was sind die Folgen, wenn Frauen sich daran kaum beteiligen?

Es gibt unzählige Studien, die zeigen, wie gerade Frauen* online von Sexismus und Mobbing betroffen sind oder dass der Zugang zum Internet zwischen den Geschlechtern global ungleich verteilt ist. Es ist deshalb davon auszugehen, dass das Fehlen von Frauen* bei netzpolitischen Kämpfen eine unzureichende Wahrnehmung dieser Probleme zur Folge hat. Es sind die gleichen Dynamiken zu erwarten, wie wir sie in anderen männlich dominierten Politikfeldern sehen. Die Konsequenzen von Entscheidungen auf Frauen* werden schlichtweg nicht mitgedacht.

Wie kann man Hacktivistinnen sichtbar machen und können Sie Frauen*-Hackerspaces nennen, an denen frau sich beteiligen kann?

Zum einen hoffe ich, dass ich mit meiner Studie „Hacktivism and the Male-Only Stereotype“ auf das Klischee und im Speziellen auf die Existenz von Frauen* in der Szene hinweise. Ich verstehe sie als ein Gegengewicht zu Diskursen, die ein stereotypes Bild von HacktivistInnen reproduzieren.
Die breite Öffentlichkeit setzt sich auch immer mehr mit Hacktivistinnen und Frauen* im Tech-Bereich auseinander. Das reicht von Reportagen, die nicht nur Männern Sende- und Redezeit geben, bis hin zu Artikeln, die die Rolle von Frauen* in der Geschichte der IT-Branche aufarbeiten. Ein tolles Beispiel ist das feministische Hack-Magazin „The Recompiler“.
Andere Bemühungen reichen von der Erhöhung weiblicher Sprecherinnen auf Konferenzen bis zu frauen*zentrierten Räume wie dem Netzfeministischen Bier in Wien oder women*-only Hackerspaces wie dem Mz Baltazar’s Laboratory in Wien, Mothership Hackermoms in Berkeley oder dem Double Union in San Francisco. Meine persönliche Empfehlung ist deshalb: Einfach mal beim lokalen Hackerspace vorbeischauen!

 

Leonie Tanczer ist Doktorandin an der Queen’s University Belfast (UK). Sie arbeitet an einem interdisziplinären PhD-Projekt, das sich Internetsicherheit, Hacking und Hacktivismus widmet. Sie twittert unter @leotanczt.

 

]]>
https://ansch.4lima.de/frauensache-hacking/feed/ 0
zeitausgleich: „Angstschweiß?“ https://ansch.4lima.de/zeitausgleich-angstschweiss/ https://ansch.4lima.de/zeitausgleich-angstschweiss/#respond Fri, 29 Jan 2016 16:12:41 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=6936 Illustration: Nadine KappacherMein erster richtiger Arbeitstag als Tischlergesellin. Von ANNA-KATHARINA LEDWA]]> Illustration: Nadine Kappacher

arbeitsfragen in allen lebenslagen

 

Es ist Anfang September, sommerlich heiß und mein erster richtiger Arbeitstag als Tischlergesellin. Ich betrete eine Werkstatt, die nicht meine Ausbildungsstätte ist, in einer neuen Stadt. Mein T-Shirt ist nass und klebt am Rücken. „Angstschweiß?“, fragt der neue Kollege. Nein, Angstschweiß ist das nicht – oder doch ein kleines bisschen? „Ich bin mit dem Rad gekommen und es ist warm draußen“, erkläre ich. „Aha.“
Was für eine Begrüßung. Ich bin neu hier. Die einzige Frau unter drei Männern – dazu der Chef. Fängt es also schon so an, mit dummen Sprüchen, obwohl man sich gerade erst begegnet ist? Wer ist der Typ überhaupt, der das von sich gegeben hat? Gesehen haben wir uns nicht, als ich zum Vorstellen und Probearbeiten hier war.
Nicht beeindrucken lassen, los geht’s! „Das ist Anna, Anna, das sind Matthias, Torben und Karl.“ Die erste und einzige montägliche „Mitarbeiterbesprechung“, die ich je miterleben durfte.
„Anna, du baust heute mit Karl Türen ein.“ Habe ich das schon mal gemacht? Ich kann mich nicht erinnern. Ich will lernen, lernen, lernen. Und dabei Profi werden! Das habe ich mir fest vorgenommen. Doch was lernt man schon in seiner Ausbildung? Von jedem etwas und nichts richtig. Sagt man das nicht so? Ich habe eigentlich sehr viel gelernt. Doch dabei wurde ich immer angeleitet und begleitet, die Verantwortung lastete nicht auf meinen Schultern.
„Eine Auszubildende – das ist ja toll! Man sieht selten Mädchen, die Tischlerin werden.“ Jaja, weiß ich, habe ich schon tausendmal gehört und werde ich auch noch weitere tausend Male hören. Leck mich am Arsch, denke ich dann meistens. Aber sagen muss man: „Ja, der Beruf gefällt mir sehr gut, die Arbeit mit Holz ist großartig, und tatsächlich habe ich auch gedacht, dass es mittlerweile mehr Tischlerinnen gibt.“ Oder ich sage gar nichts und lächle nur schüchtern. Schüchtern, reserviert und unsicher, das bin ich nach außen hin. Doch das wird sich in den folgenden Monaten noch stark ändern.

 

Anna-Katharina Ledwa hat seit dem ersten Tag gelernt, sich durchzusetzen und Selbstbewusstsein zu zeigen. Sie wünscht sich, dass sich keine Auszubildende von ihren Kollegen unterbuttern lässt.

 

Zeitausgleich
Illustration: Nadine Kappacher

 

]]>
https://ansch.4lima.de/zeitausgleich-angstschweiss/feed/ 0
Hausfrau und Teufelin https://ansch.4lima.de/hausfrau-und-teufelin/ https://ansch.4lima.de/hausfrau-und-teufelin/#comments Fri, 29 Jan 2016 16:09:33 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=6932 Wandbild in Berlin-Kreuzberg © seven resist / flickrInterview: CHARLIE KAUFHOLD erforscht die kollektive Schuldabwehr im Fall ZSCHÄPE. Von JUDITH GOETZ]]> Wandbild in Berlin-Kreuzberg © seven resist / flickr

BEATE ZSCHÄPE wird medial entweder als unbedarftes „Mädel“ oder als personifiziertes Böses inszeniert. Die Soziologin CHARLIE KAUFHOLD erklärt JUDITH GOETZ im Interview, was feminisierte Darstellungen mit deutschen Schuldabwehrstrategien zu tun haben.

 

an.schläge: Sie haben in Ihrem Buch zwei mediale Darstellungsweisen von Beate Zschäpe herausgearbeitet: einerseits „dämonisierende Feminisierungen“ und andererseits „bagatellisierende Feminisierungen“. Wodurch zeichnen sich diese aus?

Charlie Kaufhold: Im Zuge meiner Recherchen bin ich auf zwei Extreme gestoßen: Einerseits gab es in den Medien eine starke Bagatellisierung der Rolle von Zschäpe. Sie wurde aus der Verantwortung genommen und als unpolitische Mitläuferin dargestellt, als naive Hausfrau und teilweise verkindlicht und viktimisiert, das geschah vor allem durch vergeschlechtlichte Bilder. Ein Beispiel hierzu ist, dass sie als „liebes Mädel“ bezeichnet wurde oder nur für den Haushalt zuständig gewesen sein soll.
Das andere Extrem ist, dass Zschäpe als von der Norm abweichend, absonderlich und als personifiziertes Böses dargestellt wurde. Auch diese Darstellungsweise wurde durch vergeschlechtlichte Bilder gestützt. Ein Beispiel hierzu ist die Titelseite der „Bild“ zum Prozessbeginn: Neben einem großen Foto von Zschäpe prangte die Überschrift „Der Teufel hat sich schick gemacht“.

Unterschiedliche Zeitungen stellten Zschäpe immer wieder als „Täuscherin“ und „Fassadenfrau“ dar. Haben sich die Darstellungsweisen nach Zschäpes Aussage Anfang Dezember verändert?

Zschäpes erste Aussage, die sie im Dezember von ihrem Anwalt verlesen ließ, war wenig überraschend. Sie hat genau die bagatellisierenden Darstellungsweisen reproduziert, die ihr bisher durch die mediale Berichterstattung angetragen wurden. Mit vergeschlechtlichten Bildern von sich als emotional instabiler und abhängiger Frau versuchte sie sich zu entlasten, was übrigens eine auch im NSU-Prozess durchaus gängige Aussagestrategie von weiblichen Neonazis ist. Dabei hat sie sich jedoch zu keiner Frage geäußert, die Aufklärung in den NSU-Komplex bringen könnte, keine Details zu den Hintergründen der Morde und der Auswahl der Opfer preisgegeben und bspw. keine_n Neonazi belastet, dessen Beteiligung nicht sowieso schon bekannt war. Erstaunlich fand ich hingegen, dass genau die Medien, die diese bagatellisierenden Bilder zuvor noch produziert hatten, sich nun auch kritisch gegenüber Zschäpes Narrativ äußerten. Trotzdem blieb eine vergeschlechtlichte Darstellung von Zschäpe bestehen, sie wurde weiterhin in Bezug auf ihr Erscheinungsbild und ihre Mimik – z. B. ihr Lächeln – beschrieben, ihre vermeintliche Persönlichkeit und ihr Charakter standen im Vordergrund, keineswegs ihre politische Haltung und Vorgeschichte. Auch wurde im Dezember wiederholt der Kontrast zu der Berichterstattung über Wohlleben deutlich. Dieser wurde durchgehend als politisch überzeugter Neonazi dargestellt. Insoweit würde ich sagen, dass es bestimmte Änderungen in der Berichterstattung gibt, aber dass es weiterhin auch bestimmte Konstanten gibt – den Fokus auf Zschäpes Weiblichkeit.

Sie analysieren in Ihrem Buch außerdem, welche Effekte diese Berichterstattung für die deutsche Dominanzgesellschaft hat …

Mich hatte nicht nur interessiert, welche Bilder produziert wurden und welche Rolle Geschlecht dabei spielte. Daran anknüpfend bin ich auch der Frage nachgegangen, welche Folgen diese vergeschlechtlichte Berichterstattung hat. Was die beiden genannten Darstellungsweisen von Zschäpe angeht, denke ich, dass sie die Möglichkeit bieten, Schuld abzuwehren und mehrheitsgesellschaftliche rassistische Strukturen, innerhalb derer der NSU überhaupt agieren konnte, zu negieren. Das geschieht durch unterschiedliche Mechanismen: Durch die bagatellisierenden Darstellungsweisen können Zschäpe und ihre Taten als irrelevant dargestellt werden. Deshalb muss man sich also auch gar nicht erst damit beschäftigen. Bei den dämonisierenden Darstellungsweisen wird Zschäpe außerhalb des deutschen Kollektivs verortet, sie wird ja als von der Norm abweichend dargestellt. Dadurch muss keine Auseinandersetzung mit ihr und ihren Taten stattfinden, genauso wenig wie mit mehrheitsgesellschaftlichen rassistischen Strukturen – sie wird ja als weit entfernt von der mehrheitsdeutschen Norm dargestellt. Entsprechend wird auch rassistische Gewalt außerhalb des mehrheitsdeutschen Kollektivs angesiedelt.

Wandbild in Berlin-Kreuzberg © seven resist / flickr
Wandbild in Berlin-Kreuzberg © seven resist / flickr

Inwiefern knüpfen diese Bilder an Vorstellungen von NS-Täterinnen an?

Es gab sowohl vergeschlechtlichte bagatellisierende als auch dämonisierende Darstellungsweisen in der Berichterstattung über angeklagte nationalsozialistische Täterinnen – in der direkten Nachkriegszeit wie auch in späteren Prozessen. In medialen Repräsentationen des Nationalsozialismus, wie bspw. in Filmen wie „Der Untergang“, finden sich die genannten vergeschlechtlichten Darstellungsweisen bis heute, auch in diesen Fällen natürlich verknüpft mit der Möglichkeit der Schuldabwehr.

Wie kommt es zu dieser Schuldabwehr?

Ein Grund ist sicherlich, dass der Nationalsozialismus in Deutschland in keiner auch nur annähernd angemessenen Weise aufgearbeitet wurde. Es gibt Studien zu Folgewirkungen des Nationalsozialismus auf psychosozialer Ebene. Ganz kurz zusammengefasst ist das zentrale Argument, dass die mehrheitsdeutsche Bevölkerung auch emotional stark mit dem nationalsozialistischen System verstrickt war und sich nach 1945 verschiedener Abwehrmechanismen bediente, um sich nicht mit der eigenen Schuld auseinanderzusetzen. Die dadurch entstandene psychosoziale Struktur ist an die nachfolgenden Generationen weitergegeben worden und auch heute noch wirkmächtig.

Und in diesen Zusammenhang steht auch die Berichterstattung über Zschäpe?

Ja, hier findet sich ein möglicher Ansatz, um die vergeschlechtlichte Berichterstattung über Zschäpe zu erklären: Durch die beschriebenen Folgewirkungen des NS gibt es in Deutschland weiterhin die Neigung, Schuld in Zusammenhang mit faschistischen Taten abzuwehren. Genauso wie also durch vergeschlechtlichte Diskurse Schuld nach dem Nationalsozialismus abgewehrt wurde – z. B. in der Berichterstattung über nationalsozialistische Täterinnen – , wird auch heute noch Schuld in Bezug auf rassistische Strukturen abgewehrt. Und das zeigt sich eben auch in der Berichterstattung über Zschäpe.

Gab es auch andere mediale Darstellungen mit anderen Effekten?

Die Berichterstattung hat sich im Laufe der Zeit verändert und es gibt immer wieder auch Artikel, die sich kritisch mit dem Themenkomplex auseinandersetzen und die genannten Darstellungsweisen nicht reproduzieren. Allerdings ist die Berichterstattung insgesamt nach wie vor weit entfernt von einer emanzipatorischen Auseinandersetzung mit Neonazismus und Geschlecht, ganz zu schweigen von einer Auseinandersetzung mit rassistischen Strukturen der Mehrheitsgesellschaft auf ihren verschiedenen Ebenen. Auch das Leid der Angehörigen der Ermordeten und der Überlebenden der Bombenanschläge findet keine angemessene Aufmerksamkeit und Achtsamkeit. Ich finde, dass die Kritik über die konkrete Praxis der Berichterstattung hinausgehen muss: Die Strukturen, die eine solche Berichterstattung nahelegen, müssten verändert werden. Eine tiefgreifende Aufarbeitung der NS-Verbrechen und der damit verbundenen Schuld wäre ein Anfang.

 

Von Charlie Kaufhold ist kürzlich „In guter Gesellschaft? Geschlecht, Schuld und Abwehr in der Berichterstattung über Beate Zschäpe“ in der Reihe Antifaschistische Politik (RAP) der Edition Assemblage erschienen.

Judith Goetz ist Literatur- und Politikwissenschaftlerin sowie Mitglied der Forschungsgruppe Ideologien und Politiken der Ungleichheit (www.fipu.at).

 

]]>
https://ansch.4lima.de/hausfrau-und-teufelin/feed/ 1
heimspiel: Die Sofa-Prüfung https://ansch.4lima.de/heimspiel-die-sofa-pruefung/ https://ansch.4lima.de/heimspiel-die-sofa-pruefung/#respond Fri, 29 Jan 2016 15:58:41 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=6938 HeimspielBesser mit der eigenen Tochter statt mit Armin Assinger plaudern. Von BEAT WEBER]]> Heimspiel

leben mit kindern

 

Ich habe alles vorbereitet: Internetsuchmaschine eingeschaltet, Brockhaus griffbereit, Telefonjoker aktiviert. Dennoch schwitze ich auf meinem Stammplatz, den mir die zum Schlafen gebettete Spielleiterin aus dem Kinderzimmer allabendlich zuweist. Gleich beginnt die Show zur Primetime und ich sitze auf dem heißen Stuhl bzw. Sofa im Wohnzimmer. Die Gutenachtgeschichte ist fertiggelesen, das Licht ausgeschaltet. Jetzt ist payback time für die väterlichen Ermahnungen, Belehrungen und Besserwisserei, die ich im Lauf des Tages abgesondert habe. Bist du wirklich so allwissend, wie du meinst, Daddy? Und dann geht’s los: „Papaaa: Wie wird man eigentlich tot?“, „Wie ist der erste Mensch gekommen?“, „Können Drachen Steine zerquetschen?“, „Warum durfte man Kindern früher Ohrenwatschen geben?“, „Warum wird man Königin, wenn man heiratet?“, „Kann ein Luft-Bussi durch eine Tür durchfliegen?“, „Warum fallen die Menschen, die an der Erdkugel unten sind, nicht runter?“, „Wie wird ein Foto gemacht?“ etc. Die väterliche Autoritätsperformance wird jetzt auf ihre Grundfesten abgeklopft.
Für diese Prüfung gibt es zwei mögliche Lösungswege: Der Millionenshow-Weg, den mein ehrgeiziger Wissensstreber-Ichanteil intuitiv beschreitet, um mit aller Kraft die richtige Antwort auf jede Frage zu finden, scheitert zwangsläufig. Mann verliert irgendwann die Nerven, und schlittert auf den abschüssigen Pfad des Konflikts („Ich weiß es nicht!!! Schlaf jetzt endlich!!!“). Der zweite Weg erfordert die – für alle bis auf mich banale – Einsicht, dass bei dieser Fragestunde, wie bei Gesprächen grundsätzlich, die Informationsbeschaffung nicht unbedingt im Vordergrund steht. Auch ein „weiß ich nicht“ ist also zulässig, und ein beruhigendes Brummen als Antwort hilft beim Einschlafen oft mehr als eine genervte Sezierung des Inhalts. Meine Strategie, um mich von Rückfällen auf den ersten Weg abzuhalten: sich das Glück bewusst zu machen, mit der eigenen Tochter statt mit Armin Assinger zu plaudern.

 

Beat Weber ist eine Autorenleihgabe der Zeitschrift „ MALMOE“.

 

Heimspiel. Leben mit Kindern
Illustration: Nadine Kappacher

 

]]>
https://ansch.4lima.de/heimspiel-die-sofa-pruefung/feed/ 0
bonustrack: Ode an eine Startpistole https://ansch.4lima.de/bonustrack-ode-an-eine-startpistole/ https://ansch.4lima.de/bonustrack-ode-an-eine-startpistole/#respond Fri, 29 Jan 2016 15:52:25 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=6940 Illustration: Anna Kohlweis, www.annakohlweis.comCellokoffer als Waffenkoffer. Guten Flug! Von ANNA KOHLWEIS]]> Illustration: Anna Kohlweis, www.annakohlweis.com

Die Cellistin Zoe Keating reist häufig mit Kind. Das Kind lässt sich schlecht abgeben, also muss das Instrument in den Gepäckraum. Zusätzlich für das Cello auch noch ein Flugticket zu buchen, sei ihr zu teuer, schrieb sie vor einiger Zeit auf ihrem Blog. Das ist aber das empfohlene Prozedere für Instrumente, die größer als eine Gitarre sind. Für Musikerinnen ein Klacks, das Geld kommt uns ja schon bei den Ohren raus.
Für das Einchecken eines Instruments ist ein robuster Koffer vonnöten. Ist dieser schon bei einer Gitarre nicht billig, benötigt ein individuell gefertigtes Cello wie Zoes gar eine Aufbewahrung, die aus zwei ineinanderliegenden Koffern besteht, wobei der innere Koffer in einer Aufhängung aus Elastikbändern hängt, damit das Instrument, mit dem sie ihren Lebensunterhalt verdient und das nicht ersetzbar ist, beim Transport durch gepäckjonglierendes Bodenpersonal nicht gegen die Seitenwände kracht. Bei der Sicherheitskontrolle wird der Koffer allerdings in ihrer Abwesenheit geöffnet und durchsucht. Und so ein Cello wieder einzupacken und den Koffer zu schließen, scheint trotz der an der Deckelinnenseite montierten Anleitung Schwierigkeiten zu bereiten. Am Flugziel ist der Deckel deshalb halb offen, die Elastikbänder sind ausgehängt, und das Cello ist hoffentlich trotzdem noch ganz. Keatings Frage, ob das unbeaufsichtigte Durchsuchen nicht zu umgehen sei, wurde von Fans mit dem Ratschlag beantwortet, sich für U.S.-Inlandsflüge eine Waffe zu kaufen. Wie jetzt? So nämlich: Beim Flugtransport von Waffen müssen selbige eingecheckt werden. Bei der Kontrolle des Waffenkoffers muss der Besitzer oder die Besitzerin anwesend sein. Aber will man sich denn gleich einen Revolver zulegen müssen? Nein, das geht auch mit einer Startschusspistole. Pistole in den Cellokoffer, Cellokoffer wird dadurch umgehend zum Waffenkoffer, Musikerin ist beim Waffenkoffer öffnen, durchsuchen, und wieder schließen persönlich anwesend. Guten Flug! Amerika!

 

Anna Kohlweis ist solidarisch mit Besitzerinnen großer Instrumente, fühlt sich selbst jedoch seit Anfang ihrer Musikkarriere wegen Tragefaulheit ausschließlich zu möglichst kleinen Instrumenten hingezogen.

Illustration: Anna Kohlweis, www.annakohlweis.com
Illustration: Anna Kohlweis, www.annakohlweis.com

 

]]>
https://ansch.4lima.de/bonustrack-ode-an-eine-startpistole/feed/ 0
an.klang: Die Antwort https://ansch.4lima.de/an-klang-die-antwort/ https://ansch.4lima.de/an-klang-die-antwort/#respond Fri, 29 Jan 2016 15:41:02 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=6934 Santigold © Paradigm Talent AgencyGute Musik für schlechte Zeiten. Von SONJA EISMANN]]> Santigold © Paradigm Talent Agency

2015 war in vielerlei Hinsicht niederschmetternd. Es deutet wenig darauf hin, dass alles besser wird – aber zumindest neue Platten faszinieren mit mystischen Klangschichten und frohlocken mit Ohrwürmern. Von SONJA EISMANN

 

Ist das die Antwort auf all die Entsetzlichkeiten des vergangenen Jahres? Auf Krieg, Terror, Zerstörung, Flucht und Hass? Das erste Stück von Adore Life (Matador/Indigo), wie die britische Band Savages ihr zweites Album genannt hat, legt jedenfalls nahe, dass das rein weibliche Postpunk-Quartett im Titel die Lösung sieht: Sängerin Camille Berthomier, die sich hier Jehnny Beth nennt, proklamiert darin: „Love is the answer“. Dafür, dass die Londonerinnen laut Promotext an die transformative Kraft von Metamorphosen, Evolution, Menschlichkeit und vor allem eben Liebe glauben, klingen die neuen Songs jedoch reichlich düster. Zum Glück, möchte man da fast sagen, denn ein lieblich weichgespülter Sound würde kaum zu den rohen, so rückwärtsgewandten
wie kraftstrotzenden Punk-Riffs der vier passen, die ebenso an Joy Division wie P.J. Harvey oder auch die mittlere Phase von Sleater-Kinney denken lassen. Für Innovationsfetischistinnen ist der von der latent mystischen Qualität der Stimme von Sängerin Jehnny getragene Gitarrensound eher nichts, für nostalgische-progressive PostPunk/Wave-Verehrerinnen jedoch optimal zusammengemixt.

Mary Ocher ist nicht zu stoppen – und wohl auch nicht zu toppen: Nachdem die selbst ernannte Outsider-Künstlerin, die nach Stationen in Moskau und Tel Aviv nun seit einigen Jahren in Berlin ihr feministisch-bohemistisches Unwesen treibt, zuletzt eine „Fictional Biography“, bestehend aus 43 (!) Stücken, veröffentlicht hatte, ist sie nun wieder mit einem regulären Album zurück. Und wie! Auf dem Cover von Mary Ocher + Your Government (Klangbad/Hoanzl) inszeniert sie sich als weibliche Sun Ra mit spaciger Alurüstung sowie -kopfbedeckung – oder ist’s eine ironische Anspielung auf Verschwörungstheorien? Die zwölf Tracks mit klingenden Titeln wie „The Sound of War“ oder „In Drag“ sind jedenfalls eine explosive Mischung aus psychedelischem Krautrock, düsteren New-Wave-Anwandlungen, kühlem Synthie-Geflirre und der so charakteristischen Ocher-Gaganess, die sich wie stets in ihrem opernhaft durchdringenden bis schräg kieksenden oder bassigen Organ Bahn bricht.

Ipek Gorgun ist eine von diesen Künstlerinnen, die mit ihrer langen Liste von Aktivitäten und Kooperationen fast ein wenig Angst macht, bevor die staunende Bewunderung einsetzt: Die türkische Elektronik-Produzentin (oder besser „Komponistin“?) hat die Uni mit einer Arbeit auf Französisch über Einsamkeit und Stille bei Heidegger abgeschlossen und arbeitet nun am PhD, hat den Soundtrack für einen Film über den Kampf türkischer Frauen um den Erhalt ihres Nachnamens bei der Eheschließung geschrieben und ist so ganz nebenbei Dichterin und Fotografin. Auf ihrem Debüt Aphelion (Download) betätigt sie sich als Klangforscherin, die düstere Droneflächen über Tinnitus-artige Pfeifgeräusche schichtet, sonische Glasrandmalereien mit statischem Rauschen kombiniert, ohne dabei jemals auf rhythmische Hilfsmittel zurückgreifen zu müssen.

Die große Santigold schlägt mit ihrem dritten Album 99 Cents (Warner) einen fingerschnipsenden, orgelquietschenden, beschwingten Ton an, der trotz ätzender Zivilisations- und Konsumkritik unschlagbar gute Laune verbreitet. Das beginnt beim Opener „Can’t Get Enough Of Myself “, in dem sie sich im 60s-Girl-Group-Soundgewand über die Selfie-besessene Celebrity-Kultur lustig macht, weiter geht es mit einer rotzigen Ode an die weiblichen Bosses über schleppend fragmentierten Beats. „Banshee“ erinnert mit seinen euphorischen weiblichen Chören an ein aufgepeitschtes, fröhliches Stadion ohne nerviges Mackergepose. „Rendezvous Girl“ kann trotz unterkühlter New-Wave-Synths-Ästhetik seine fröhliche Grundstimmung nicht verhehlen und auch das letzte Stück „Who I Thought You Were“ bleibt mit den infektiös eingängigen Melodien schon während der ersten Takte als Ohrwurm hängen.

 

Santigold © Paradigm Talent Agency
Santigold © Paradigm Talent Agency

 

Savages: Adore Life
www.savagesband.com

Mary Ocher + Your Government: Mary Ocher + Your Government
www.maryocher.com

Ipek Gorgun: Aphelion
www.ipekgorgun.com

Santigold: 99 Cents
www.santigold.com

 

]]>
https://ansch.4lima.de/an-klang-die-antwort/feed/ 0
positionswechsel: Alles Alltag https://ansch.4lima.de/positionswechsel-alles-alltag/ https://ansch.4lima.de/positionswechsel-alles-alltag/#respond Fri, 29 Jan 2016 15:21:42 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=6942 positionswechsel_anschlaege_feminismus_kolumneNur Vergewaltiger verursachen Vergewaltigungen. Von LOTTA LUISA]]> positionswechsel_anschlaege_feminismus_kolumne

eine lady genießt und schreibt

 

Unter all den Frauen, mit denen ich bereits über sexuelle Übergriffe gesprochen habe, war keine Einzige, die diese Erfahrung noch nicht gemacht hat. Meine ersten Erinnerungen an solche Grenzüberschreitungen sind die Klassenkollegen in der Hauptschule, die mich verbal belästigten und meine Schwester begrapschten. Mit 15 fing ich an, samstagabends auf Partys und in Discos zu gehen. Begrapscht zu werden gehörte bald so selbstverständlich zum Discobesuch wie der Eintrittsstempel auf dem Handgelenk. Ich lernte, mich zu wehren. Dass solche Vorfälle „ganz normal“ seien, dachte ich aber nach wie vor. Alle meine Freundinnen dachten dasselbe.
Die Wohnung meiner Studienzeit lag am Ende einer dunklen Gasse, unzählige Male ging ich nachts alleine nach Hause – einmal war da der Typ, der mir folgte, mich umklammerte und nach einigem Ringen von mir abließ. Und dann war da er. Es fing auf der Studienparty an, auf der ich den Liebeskummer mit Alkohol betäubte und mit einem Typen tanzte. Er war mir nicht wirklich sympathisch, ein Poser, ein Blender – aber ich wollte Frustsex. Ich fuhr mit ihm nach Hause und mir wurde schnell klar, dass mit ihm etwas nicht stimmte. Als ich mehrmals „Nein“ sagte und
er das ignorierte, war ich zu betrunken, um mich zu wehren. Am nächsten Tag konnte ich mich nur mehr an wenig erinnern. Aber da waren die Schuld, die Scham und über allem die Wut. Ich fuhr zu seiner Wohnung, läutete vergeblich und traf ihn schließlich in der Straßenbahn. Er stritt alles ab. Er hätte nicht gewusst, was plötzlich mit mir los gewesen sei. „Frauen“.
Angst vor einer Anzeige hatte er wohl keine: Nicht von einer Frau, die stockbetrunken auf einer Party mit einem Typen flirtet und zu ihm fährt, weil sie mit ihm schlafen will. Natürlich ging ich auch wirklich nicht zur Polizei. Die Reaktion der Polizisten malte ich mir schlimmer aus als das, was mir passiert war.
Doch ich begriff, dass ich mich nicht schämen musste. Ich trage kein bisschen Schuld an dem Ereignis. Egal, wie betrunken ich war, egal, wie sehr mich mein Bauchgefühl gewarnt hatte. Man kann es nicht oft genug wiederholen: Nur Vergewaltiger verursachen Vergewaltigungen.

 

Lotta Luise hatte schon viele One-Night-Stands und könnte kotzen, wenn sie liest, dass sie für Hetero-Frauen gefährlich wären.

Illustration: Nadine Kappacher
Illustration: Nadine Kappacher

 

]]>
https://ansch.4lima.de/positionswechsel-alles-alltag/feed/ 0
an.künden: Feminismus(s) auf die Leinwand! https://ansch.4lima.de/an-kuenden-feminismuss-auf-die-leinwand/ https://ansch.4lima.de/an-kuenden-feminismuss-auf-die-leinwand/#respond Fri, 29 Jan 2016 15:06:24 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=6951 © Gareth Williams / flickrMitte März findet die dritte Berlin Feminist Film Week statt.]]> © Gareth Williams / flickr

Bereits zum dritten Mal bringt die Berlin Feminist Film Week Filme von und über Frauen mit feministischer Agenda auf die Leinwand, um die Sichtbarkeit von weiblichen Filmschaffenden
und starke weibliche Filmcharaktere in der deutschen Hauptstadt zu fördern. Diversität steht im Mittelpunkt. Internationale Filme aus verschiedenen Genres mit diversen, komplexen
Heldinnen werden nicht nur vorgeführt, sondern auch diskutiert.

 

8.–13.3.: Berlin Feminist Film Week,
diverse Veranstaltungsorte,
www.berlinfeministfilmweek.com

© Gareth Williams / flickr
© Gareth Williams / flickr

 

]]>
https://ansch.4lima.de/an-kuenden-feminismuss-auf-die-leinwand/feed/ 0
an.künden: Offene Augen https://ansch.4lima.de/an-kuenden-offene-augen/ https://ansch.4lima.de/an-kuenden-offene-augen/#respond Fri, 29 Jan 2016 15:03:20 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=6949 © The Finnish Film FoundationDie 13. FrauenFilmTage Wiens zeigen widerständige Frauenfiguren.]]> © The Finnish Film Foundation

Die 13. FrauenFilmTage zeigen widerständige Frauenfiguren, die dem Scheitern trotzen, und eröffnen ihr Programm mit „Öffne Deine Augen“, dem ersten Spielfilm von Leyla Bouzid. Neben humoristischen Produktionen wie „Adult Camp“ (Johanna Vuoksenmaa, s. Foto) werden Kurzfilme von Studierenden der Akademie der bildenden Künste zu sehen sein. Zusätzlich werden in Kooperation mit dem Welser Programmkino Filme zum Thema Identität, Körper und Lust gezeigt. Die Personale ist der österreichischen Kamerafrau Eva Testor gewidmet.

 

FrauenFilmTage, www.frauenfilmtage.at
25.2.: Eröffnung, Filmcasino, 1050 Wien, Margaretenstraße 78
26.2.–4.3.: Filmhaus Kino am Spittelberg, 1070 Wien, Spittelberggasse 3

© The Finnish Film Foundation
© The Finnish Film Foundation

 

]]>
https://ansch.4lima.de/an-kuenden-offene-augen/feed/ 0
an.künden: love is the answer https://ansch.4lima.de/an-kuenden-love-is-the-answer/ https://ansch.4lima.de/an-kuenden-love-is-the-answer/#respond Fri, 29 Jan 2016 15:00:08 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=6947 © Thomas Hawk / flickrSavages auf Tour mit ihrem zweiten Album „Adore Life“.]]> © Thomas Hawk / flickr

Nach dem hochgelobten Debütalbum „Silence Yourself“ legen Savages nun ihr zweites Album „Adore Life“ nach. Auf dem Cover ist eine in die Höhe gestreckte Faust zu sehen, so angespannt, dass die Fingerknöchel weiß werden. Genauso kämpferisch gibt sich auch das Frauenquartett. Energisch fordern sie das Recht ein, ihr Leben so zu leben, wie sie es möchten. Dabei singen sie gegen Erwartungshaltungen an und stehen für die Liebe ein – in welcher Form auch immer.

 

Savages, www.savagesband.com
3.3. Luxor Köln
9.3. Knust Hamburg
10.3. Berghain/Panoramabar Berlin
11.3. Strom München
15.3. Dynamo Zürich

© Thomas Hawk / flickr
© Thomas Hawk / flickr

 

]]>
https://ansch.4lima.de/an-kuenden-love-is-the-answer/feed/ 0
Weder Schweigen noch Rassismus https://ansch.4lima.de/weder-schweigen-noch-rassismus/ https://ansch.4lima.de/weder-schweigen-noch-rassismus/#respond Fri, 29 Jan 2016 10:54:37 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=7413 Sexualisierte Gewalt wird von Rechten instrumentalisiert. Von NATASCHA STROBL]]>

Eine Gruppe von Männern belästigt organisiert in der Silvesternacht Dutzende Frauen. Danach entspinnt sich ein rassistischer Diskurs – und keiner über sexuelle Gewalt. Von NATASCHA STROBL

 

Sexuelle Gewalt fühlt sich für viele Frauen nach wie vor wie ein Stigma an. Sie schämen sich. Ihre Aussagen werden infrage gestellt. Der gesellschaftliche Umgang damit hat sich in den letzten hundert Jahren nur graduell verbessert.
In der feministischen Praxis hat sich deswegen eine simple Herangehensweise entwickelt, die auch heute noch radikal in ihrer Einfachheit ist: Wir glauben den Frauen, die von Übergriffen berichten. Wir stellen das Erlebte nicht infrage und wir sind für sie da. Denn jeder Übergriff, jede Vergewaltigung ist kein Normalzustand, den man(n) buchhalterisch zur Kenntnis nimmt, sondern verdient die völlige Unterstützung der Betroffenen. Punkt.
Es ist ein großer Verdienst feministischer Bewegungen, dass den Betroffenen eine Stimme gegeben wird. Nein, eure Übergriffe sind nicht lustig und nicht normal. Und ja, es fängt schon beim Witzeln und beim (ungefragten und ungewollten) Klaps auf den Po an. Sexuelle Gewalt hat viele Schattierungen und jede verdient unsere Aufmerksamkeit: Gewalt in hierarchischen Abhängigkeitsverhältnissen, gegen proletarische Frauen, in der Verknüpfung mit Rassismus und Kolonialismus, gegen Schülerinnen, am Arbeitsplatz, auf der Straße …

Rape Culture – It’s a thing. Jedes einzelne Mal, wenn eine Frau einen Übergriff zur Sprache bringt, tut sie das in einem Klima, in dem sexualisierte Gewalt mitunter als normal angesehen wird – auch weil nur ein Bruchteil aller Übergriffe von „Fremden“ auf der Straße geschieht, während das Gros im sozialen Nahraum, in der Familie, vom Ehe- oder Lebenspartner ausgeht. Sie macht sich angreifbar und verletzbar. Weil es Leute gibt, die ihr Leid anzweifeln oder sich sogar darüber lustig machen und meinen, dass das Opfer es selbst verschuldet hat. Dieses Klima heißt „Rape Culture“, also eine Alltagskultur, die Vergewaltigungen möglich macht und diese legitimiert. Diese Alltagskultur zeigt sich in dem recht wirren Phänomen von „Pickup Artists“, in einer Debatte, ob ein „Nein“ wirklich ein „Nein“ ist, darin, dass Vergewaltigungen in Popmusik und Jugendsprache eine beliebte Drohung sind („Ich fick dich“) oder in Filmen als bloßer Plotfüller vorkommen, ohne dass dieser Handlungsstrang weiter verfolgt wird.
Warum habe ich das so lange ausgeführt? Weil all das immer wieder explizit gemacht werden muss. Denn auch in linken Kontexten werden solche feministischen Errungenschaften gerne als selbstverständlich vorausgesetzt.

 

© Chase Carter / flickr
© Chase Carter / flickr

 

Jedes Mittel recht. Die massenhaften Übergriffe in Köln sind eine unfassbare Tat, zu der man nicht schweigen darf. Solche Taten haben eine klare Botschaft an Frauen: Ihr habt auf der Straße nichts verloren, wir können euch diesen Ort zu einem Minenfeld machen, ihr müsst euch immer unsicher fühlen.
Heikel wird es in diesem Fall, weil die Täter Migrationshintergrund haben. Wie immer in solchen Fällen stürzen sich rechte Gruppierungen darauf und präsentieren sich als die Retter_innen (weißer!) Frauen. Das ist besonders ekelhaft, weil es diesen Menschen selbstverständlich nicht um die Verhinderung sexualisierter Gewalt geht. Das ist ihnen nicht nur völlig wurscht, sie sind sogar normalerweise auch diejenigen, die das Klima der Rape Culture schaffen und Betroffenen Steine in den Weg legen. Es sind genau jene, die Frauenhäuser zusperren wollen, Slutshaming betreiben (also Frauen wegen ihrer angeblichen Freizügigkeit z. B. Mitschuld an erlebten Übergriffen geben) und die Täter in Schutz nehmen, ja mitunter vielleicht sogar selbst zur Tätergruppe gehören.
Aber wenn es darum geht, einen rabiaten Rassismus zu verbreiten, dann ist ihnen jedes Mittel recht – auch sexuelle Übergriffe zu instrumentalisieren, die man, hießen die Täter Herbert, Stefan und Michael, nicht einmal wahrnehmen würde. Diese rechten Hetzer_innen sind rassistische Antifeminist_innen und können nie Verbündete in feministischen Kämpfen sein. Denn sexualisierte Gewalt ist sicherlich kein Alleinstellungsmerkmal von Männern mit Migrationshintergrund.

Nicht das Feld überlassen. Gleichzeitig ist es mehr als betrüblich, wenn Linke zu so einem Ausmaß an Gewalt schweigen. Nein, das ist kein Vorfall, den halt „die Behörden klären müssen“, oder über den wir uns nicht so aufregen sollten, wie etwa Jakob Augstein – Chefredakteur bei der linksliberalen Wochenzeitung „Freitag“ – prominent über seine Social-Media-Seiten verlautbarte. Das würden wir bei rechtsextremer Gewalt doch auch nie sagen? Auch weil Justiz und schon gar nicht Polizei oder Verfassungsschutz (die alle drei keine neutralen Institutionen sind) eine Debatte ersetzen können, schon gar keine linke, antifaschistische, antirassistische und feministische.
Das zeigt sich auch in den abstrusen Verhaltenstipps wie eine Armlänge Abstand zu halten oder nachts nicht auf die Straße zu gehen. Selbst, wenn das vereinzelt sogar unterstützend gemeint sein sollte, so macht es sexuelle Gewalt zu einem Problem der Opfer, nicht der Täter.
Im Gegenteil: Es ist wichtig, hier den Rechten nicht das Feld zu überlassen. Denn ihr Feminismus ist geheuchelt. Das muss aber auch jemand klarstellen. Ein Antirassismus, der sexuelle Übergriffe mit einem Schulterzucken abtut oder sogar die Täter noch verteidigt und Verschwörungstheorien spinnt, ist schlicht unbrauchbar. Ein Feminismus, der mit Rechten fraternisiert und sexuelle Gewalt als Problem mit Migrationshintergrund sieht, ist ebenso unbrauchbar. Sich nicht gegeneinander ausspielen zu lassen geht aber nur, wenn man stolz, offensiv und mit voller Solidarität aufeinander Bezug nimmt. Es funktioniert nicht, wenn man aus falsch verstandenem Antirassismus Täter in Schutz nimmt. Es funktioniert nicht, wenn man rechte Forderungen nachplappert.

Alte feministische Forderungen. Es muss klare, harte Strafen für Täter geben. Es muss Betroffenen vonseiten der Institutionen geglaubt werden. Es müssen Einrichtungen ausfinanziert werden, die sich um Betroffene kümmern (Frauenhäuser, Helplines – in verschiedenen Sprachen, für Betroffene mit verschiedenen Bedürfnissen). Es muss Ärzte und Ärztinnen geben, die wissen, wie sie mit Betroffenen umgehen. Es muss für das Thema sensibilisierte Polizist_innen geben, die Betroffene nicht auslachen und wegschicken. Es muss die Möglichkeit geben, schnell und anonym die „Pille danach“ zu bekommen. Es muss die Möglichkeit auf Schwangerschaftsabbruch geben, ohne horrende Kosten oder Distanzen.
Es muss aber auch klar sein, dass die Strafe für Täter einheitlich ist. Die Forderung nach Separatstrafen für Täter mit Migrationshintergrund ist rassistische Hetze. Abschiebungen für Täter sexueller Gewalt zu fordern ist Nonsens – denn wohin sollten wohl all die vielen Täter ohne Migrationshintergrund abgeschoben werden?
Hören wir doch auf, betreten zu schweigen, wenn es Vorfälle wie diese gibt. Diese selbst gewählte Defensive bringt niemandem etwas. Gerade weil Feminismus und Antirassismus ohnehin schon unter Beschuss sind. Wir dürfen kein Politikfeld zu Gunsten des anderen aufgeben. Das bedeutet, dass wir über Antirassismus und über sexuelle Gewalt reden müssen.

 

Natascha Strobl ist Politikwissenschaftlerin und Antifaschistin. Sie ist aktiv in der Offensive gegen Rechts und betreibt außerdem den Blog schmetterlingssammlung.net. Dieser Artikel basiert auf einem Artikel für den Blog „Mosaik – Politik neu zusammensetzen“.

 

]]>
https://ansch.4lima.de/weder-schweigen-noch-rassismus/feed/ 0