heimspiel – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de Wed, 04 Sep 2024 16:05:54 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.0 https://ansch.4lima.de/wp-content/uploads/2024/10/cropped-favicon-32x32.png heimspiel – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de 32 32 Summer of 91 https://ansch.4lima.de/summer-of-91/ https://ansch.4lima.de/summer-of-91/#respond Mon, 02 Sep 2024 11:31:26 +0000 https://anschlaege.at/?p=120030 Im Sommer 1991 habe ich meine Fahrradprüfung abgelegt und dadurch ein kleines, offizielles Stück Freiheit gewonnen. Die drei Kilometer alleine per Rad auf der Bundesstraße 129 ins Freibad, zum Fußballtraining und zurück. Auf dem Land in Oberösterreich war der Individualverkehr noch nicht so stark wie heute und Autos wie Traktoren erheblich kleiner. Wir hatten Platz […]]]>

Im Sommer 1991 habe ich meine Fahrradprüfung abgelegt und dadurch ein kleines, offizielles Stück Freiheit gewonnen. Die drei Kilometer alleine per Rad auf der Bundesstraße 129 ins Freibad, zum Fußballtraining und zurück. Auf dem Land in Oberösterreich war der Individualverkehr noch nicht so stark wie heute und Autos wie Traktoren erheblich kleiner. Wir hatten Platz auf der Straße und den Mund voller Mücken. Öffis fuhren einmal in der Stunde in eine Richtung. Meine Kinder wachsen in der Großstadt ohne Garten auf, im Hof kann man ein wenig Radfahren, und Ballspielen ist – wie so oft – verboten. Wenn sie doch spielen, dauert es keine zehn Minuten und es schreit jemand runter. Fahrradstreifen und -wege könnten in der Stadt und auf dem Land noch viel besser ausgebaut bzw. auch kindersicher werden. Von manchen Rowdy-Verkehrsteilnehmer_innen ganz zu schweigen. Dafür können sie zu Fuß in die Schule und zu Freizeitaktivitäten. Sie sind so stolz und glücklich, alleine mal zum Einkaufen, in den Park oder auf ein Eis zu gehen. Ich auch auf sie. Bald schon werden sie auch alleine die Öffis benutzen. Das ist dann ein Riesenstück an Selbstständigkeit. Alle paar Minuten sind Busse, Bims und U-Bahnen getaktet. Sie lernten von Klein auf, dass wir uns wie selbstverständlich mit diesen günstigen Transportmitteln in der Stadt bewegen, aber auch längere Strecken mit dem Zug nehmen und wie man halbwegs sicher durch den Verkehr kommt.

Als ich 1999 den Führerschein in der Tasche hatte, konnte ich mit meinem Ford Escort überall hin. Mir stand die Welt (im Hausruckviertel) offen. Den Spritpreis und das Auto konnte ich mir dank Sommerjobs aus den Jahren davor finanzieren. Wenn meine Kinder in ein paar Jahren 18 werden, können sie das Klimaticket für ein ganzes Jahr in ganz Österreich nutzen. Aus jetziger Sicht kostenlos. Wie großartig ist das denn? Mein Auto hat damals 10.000 Schilling gekostet. Umgerechnet doppelt so viel wie eine Jahreskarte der Wiener Linien.

Dieter Breitwieser–Ebster mag Öffis und freut sich mit seinen Kindern über die Erweiterung ihres Bewegungsradius. dieter@papainfo.at

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Für Frauen ohne Kinder https://ansch.4lima.de/fuer-frauen-ohne-kinder/ https://ansch.4lima.de/fuer-frauen-ohne-kinder/#respond Thu, 09 Mar 2023 21:47:05 +0000 https://anschlaege.at/?p=101815 Illustration: Sabrina WegererBeate Hausbichler Ich weiß genau, was mich als Nicht-Mutter nerven würde, wenn ich denn eine wäre. Dieses Ding, dass sich Mütter manchmal, nicht immer natürlich, aber doch hin und wieder, so ein bisschen qua ihrer Mutterschaft als Märtyrerinnen aufführen. Brenzlig, das zu sagen, schon klar. Denn no na brauchen Eltern – vor allem Alleinerziehende – […]]]> Illustration: Sabrina Wegerer

Beate Hausbichler

Ich weiß genau, was mich als Nicht-Mutter nerven würde, wenn ich denn eine wäre. Dieses Ding, dass sich Mütter manchmal, nicht immer natürlich, aber doch hin und wieder, so ein bisschen qua ihrer Mutterschaft als Märtyrerinnen aufführen. Brenzlig, das zu sagen, schon klar. Denn no na brauchen Eltern – vor allem Alleinerziehende – mehr Unterstützung von Seiten des Staates, etwa gute Kinderbetreuungsplätze, und Mütter deutlich mehr Care-­Arbeit von Vätern. Und wenn ein Elternteil mal krank ist und die Kinder ebenfalls – tja, dann ist das wirklich eine Zumutung und man wünscht sich Bescheidenes. Nämlich „nur“ krank zu sein, ohne sich auch noch um jemand anderen kümmern zu müssen.

Eine Zumutung ist aber auch für kinderlose Frauen, dass sie immer wieder von Müttern hören, wie paradiesisch doch ihr – zum Beispiel – Krankenstand im Vergleich zu ihrem ist. Kürzlich schrieb jemand der deutschen Autorin Margarete Stokowski, die auf Twitter öfter über ihre schwere Long-Covid-Erkrankung schreibt, sie solle sich das Ganze doch mal in der Variante vorstellen, dass sie zwei Kinder daheim hätte. Das erst wäre so richtig zäh. Doch so, ohne Kinder, sei es eher ein Spaziergang, hieß es sinngemäß. Wow. Und das ist nicht mal ein seltenes Vorkommnis: Dass Menschen mit Kindern so tun, als würden sie automatisch der Gesellschaft einen großen Dienst erweisen, während Kinderlose nicht mal wüssten, was es heißt, unausgeschlafen und mehrfach belastet zu sein.

Frauen ohne Kinder, Männer natürlich nicht, bekommen immer wieder vermittelt, dass es doch irgendwie egomäßig sei, so ohne Kind. Völlig egal, ob sie sich um ihre alten Eltern, andere Verwandte oder Freund:innen kümmern. Das scheint kaum zu zählen. Vergessen wird auch völlig, dass eine Frau mit Kind noch immer der gesellschaftlich akzeptierte Mainstream ist – und die meisten Mütter bekommen boshafte Botschaften an Frauen ohne Kinder gar nicht mit. Die zudringlichen Fragen etwa. Zum Beispiel, warum sie keine hat – während Mütter nie gefragt haben, warum sie Kinder haben. Das Thema Mutterschaft und „Frausein“ ist eben nicht nur für Mütter zäh.

Beate Hausbichler ist Redakteurin bei „dieStandard“.

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Endlich mal allein https://ansch.4lima.de/endlich-mal-allein/ https://ansch.4lima.de/endlich-mal-allein/#respond Thu, 01 Dec 2022 13:06:17 +0000 https://anschlaege.at/?p=91529 Illustration: Sabrina WegererBeate Hausbichler Es ist immer zu wenig Zeit. Für Freund:innen, fürs Kind, die Beziehung, fürs Ausgehen sowieso – die Spinner:innen fangen ja überall erst gegen eins an mit der Party –, und erst recht für die „Me Time“, wie es so hübsch heißt. Um sich wenigsten die einzuräumen, wird offenbar von vielen Müttern plötzlich zur […]]]> Illustration: Sabrina Wegerer

Beate Hausbichler

Es ist immer zu wenig Zeit. Für Freund:innen, fürs Kind, die Beziehung, fürs Ausgehen sowieso – die Spinner:innen fangen ja überall erst gegen eins an mit der Party –, und erst recht für die „Me Time“, wie es so hübsch heißt. Um sich wenigsten die einzuräumen, wird offenbar von vielen Müttern plötzlich zur Zigarette gegriffen – obwohl sie jahrzehntelang stramme Nichtraucherinnen waren. Es scheint fast so, dass sich Frauen damit eine Pause erschleichen – zum Durchatmen quasi. Gut, mit „die Frauen“ bin eigentlich ich gemeint. Aber die einzige bin ich auch nicht, wirklich. Jedenfalls: Es fühlt sich manchmal wie ein erbärmlicher kleiner Ausbruch an, aus der Vernunft, dem Gesundheitsterror, den man in den eigenen vier Wänden immer wieder betreibt, aus dem Zwang, jede Minute halbwegs gut zu nutzen. Um stattdessen einfach dazusitzen, auf der eiskalten Stange einer Fahrradparkstation – der Blasenentzündung furchtlos ins Auge blickend. Einfach um ins Leere zu starren und zu pofeln.

Ungesund? Ja. Aber vertane Zeit ist das beileibe nicht. Sarah Diehl hat kürzlich mit „Die Freiheit, allein zu sein“ ein Buch vorgelegt, in dem sie elaboriert eine Lanze für diese Zeit, ganz für sich allein, bricht. Allein reisen, allein schlafen, allein in Ruhe denken und fühlen. Um zu finden, was richtig scheint, anstatt brav den Allgemeinplätzen des eigenen Milieus zu folgen. Doch der Wunsch nach diesem regelmäßigen Alleinsein wird für Menschen mit Kindern und/oder Partner:innen gern per se als Beweis angeführt, dass dieser Mensch nun endgültig vor den Trümmern der offenkundig falschen Lebensentscheidung „Familie“ stehe. Seltsam, denn wer sich abhetzt, um fast täglich gemeinsam mit der Family zu essen, sich stresst, um die „We Time“ einzuhalten, muss nicht den Verdacht fürchten, im falschen Leben gelandet zu sein. Deshalb sollten wir doch bitteschön nicht heimlich rauchen müssen, um regelmäßig allein sein zu dürfen. Wegen der Blasenentzündung wär’s.

Beate Hausbichler ist Redakteurin bei „dieStandard­“.

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heimspiel: Hackeln bitte ohne Kind https://ansch.4lima.de/heimspiel-hackeln-bitte-ohne-kind/ https://ansch.4lima.de/heimspiel-hackeln-bitte-ohne-kind/#respond Fri, 03 Dec 2021 16:06:21 +0000 https://anschlaege.at/?p=55450 Illustration: Sabrina WegererBeate Hausbichler Ende Oktober häuften sich auf der Karriereplattform ­LinkedIn plötzlich Bilder lohnarbeitender Frauen mit Kind. Stillende bei Videocalls, Babys im Tragetuch bei Sitzungen. So auch jene Managerin, die diese Bilderflut unter dem Motto #MomToo ausgelöst hat. Sie hat bei einem Vortrag im Oktober darüber gesprochen, dass Mütter im Job benachteiligt werden – eben wegen […]]]> Illustration: Sabrina Wegerer

Beate Hausbichler

Ende Oktober häuften sich auf der Karriereplattform ­LinkedIn plötzlich Bilder lohnarbeitender Frauen mit Kind. Stillende bei Videocalls, Babys im Tragetuch bei Sitzungen. So auch jene Managerin, die diese Bilderflut unter dem Motto #MomToo ausgelöst hat. Sie hat bei einem Vortrag im Oktober darüber gesprochen, dass Mütter im Job benachteiligt werden – eben wegen ihrer Mutterschaft. Viele würden über ihr Mutterdasein nicht reden, aus Angst, im Job benachteiligt zu werden. Eh ein wichtiges Thema, eh ein wichtiges Anliegen. Trotzdem stellt sich Unbehagen angesichts dieser Bilder von Frauen ein, die die (Nicht-)Vereinbarkeit von Job und Elternschaft so darstellen. In einer Hand das Smartphone, in der anderen das Baby, vor sich den Laptop.

Ist das die Vision? Mit Baby auf der Vortragsbühne? Stillend bei der Besprechung? Was für ein Stresslevel setzt das voraus? Wenn jemand die Nerven für derlei Performances hat – dann gratuliere. Aber normalisieren sollten wir die gleichzeitige Aufmerksamkeit für Job und ein kleines Kind doch bitte nicht.

Denn viele Bilder unter #MomToo produzieren Bilder von Frauen als High-Performerinnen – die offenbar keinen Partner oder keine Partnerin, keine Kinderbetreuungseinrichtungen brauchen, um arbeiten zu gehen. Unter #MomToo wird gefordert, dass sie ihre Mutterschaft im Job nicht verstecken müssen. Doch Flexibilität heißt oft nichts anderes als lohnarbeiten, wenn das Kind schläft. Die Grenzen zwischen privat und Beruf würden nun mal mehr und mehr verschwimmen, heißt es. Doch ist das so großartig, ständig im Einsatz zu sein? Ist es nicht angenehm, im Job nicht Mama zu sein? Ehrlich: Für mich – und ich vermute mal für ein paar andere auch – ist es knackiger, von der Mutterschaft während des Jobs verlässlich freigespielt zu sein. Und es nicht parallel hinbekommen zu müssen, eine Pause im Redefluss des Megamansplainer-Kollegen zu erwischen, während frau gleichzeitig versucht, beim Nachwuchs die Nippel einzufädeln. Da klingt doch ein durchschlagskräftiger Betriebsrat inklusive strengem Diskriminierungsschutz besser als Hackeln mit Baby im Arm.

Beate Hausbichler ist Redakteurin bei „dieStandard“ und hatte, als sie stillte, nicht den Laserpointer, sondern die Fernbedienung für die Glotze in der Hand.

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heimspiel: Körperarbeit https://ansch.4lima.de/heimspiel-koerperarbeit/ https://ansch.4lima.de/heimspiel-koerperarbeit/#respond Sun, 07 Mar 2021 23:54:35 +0000 https://anschlaege.at/?p=28031 Illustration: Sabrina WegererBeate Hausbichler Irgendeine meiner Schwestern war immer am Fasten. Ich war um die 13, als die eine konsequent die „Brigitte“-Diät durchzog, eine andere sich durch den Dinner-­Cancelling-Abend hungerte und die dritte sportelte, dass es nur so krachte. Kurz: Ich mache mir keine Vorwürfe, dass ich selbst hinsichtlich Körpergefühl nur in der Theorie Feministin bin. Sehr […]]]> Illustration: Sabrina Wegerer

Beate Hausbichler

Irgendeine meiner Schwestern war immer am Fasten. Ich war um die 13, als die eine konsequent die „Brigitte“-Diät durchzog, eine andere sich durch den Dinner-­Cancelling-Abend hungerte und die dritte sportelte, dass es nur so krachte. Kurz: Ich mache mir keine Vorwürfe, dass ich selbst hinsichtlich Körpergefühl nur in der Theorie Feministin bin. Sehr wohl Vorwürfe würde ich mir aber machen, wenn ich diesen Schlamassel, mit dem so viele Frauen zu viel Lebenszeit verschwenden, an meine Tochter weitergeben würde. Diesen unentspannten Umgang mit Essen und Sport, und dass beides viel zu stark mit dem Aussehen des Körpers enggeführt wird; das sollte für ihre Generationen doch endlich passé sein.

Deshalb heißt es heimlich trainieren, damit das Kind nicht die Wahrheit über den eigenen Body-Positivity-Status mitbekommt. Doch das ist schwierig geworden: Die Muckibuden haben seit einem Jahr die meiste Zeit zu. Nur zwischen den Lockdowns waren sie offen, doch wer will schon während einer Pandemie dorthin, wo der Schweiß nur so spritzt.

Zu Hause turnen wurde deshalb zur praktischen Option, und wer Videos zu kurzen, aber ergiebigen Workouts sucht, landet früher oder später bei der Fitness-Influencerin Pamela Reif, die es mit dem Training sichtlich ernst nimmt und unverschämt viel Geld mit den beautytechnischen Selbstzweifeln von Frauen verdient. Wirklich böse, aber wie gesagt, machen wir uns nicht auch noch deswegen fertig, dass wir unsere patriarchale Sozialisation noch nicht vollständig überwunden haben. Blöd allerdings, wenn das Kind trotz sämtlicher Vorsichtsmaßnahmen ins Zimmer kommt und sieht, wie Mama und Mittvierzigerin mit schmerzverzerrtem Gesicht einer bis in die Haarspitzen normschönen Mittzwanzigern nachturnt. Wenn die zeitlich exakt mit dem Fitnessvideo abgestimmte Kindersendung für es doch nicht so interessant ist, wie rauszubekommen, was das Gerumpel im Nebenzimmer verursacht, es den Kopf durch die Tür steckt und etwas irritiert fragt: „Mama, was machst du da?“ Ja, wenn ich das nur wüsste!

Beate Hausbichler ist Redakteurin bei „dieStandard“.

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In Ruhe glotzen https://ansch.4lima.de/in-ruhe-glotzen/ https://ansch.4lima.de/in-ruhe-glotzen/#respond Thu, 28 Jan 2021 10:30:59 +0000 https://anschlaege.at/?p=27396 Illustration: Sabrina WegererMein Sohn hat einen Schulfreund zu Besuch. Ich wundere mich, als der Zweitklässler ein mitgebrachtes Tablet hervorholt und verkündet, jetzt allein sein zu wollen. Das könne er doch auch zu Hause, wende ich ein. Später erfahre ich von seiner Mutter, dass das nicht stimmt. Die Familie musste eine Freundin in die Wohnung aufnehmen, die andernfalls […]]]> Illustration: Sabrina Wegerer

Mein Sohn hat einen Schulfreund zu Besuch. Ich wundere mich, als der Zweitklässler ein mitgebrachtes Tablet hervorholt und verkündet, jetzt allein sein zu wollen. Das könne er doch auch zu Hause, wende ich ein. Später erfahre ich von seiner Mutter, dass das nicht stimmt. Die Familie musste eine Freundin in die Wohnung aufnehmen, die andernfalls in einer Sammelunterkunft für Geflüchtete gelandet wäre. Es ist eng geworden und das Tablet ist ein wichtiger Rückzugsraum für das Kind, Alleinsein ein seltener Luxus. Dass das bei uns möglich sein sollte: ein Vertrauensbeweis. Ein guter Gesprächsanlass mit meinem Kind über verschiedene Lebensumstände und Bedürfnisse und ein Reflexionsanlass für mich.

Nicht nur, dass klar geäußerte Bedürfnisse von Kindern allzu oft ignoriert werden, weil man ihnen nicht zutraut, gute emotionale Gründe dafür zu haben – sie sollen „höflich sein“ und sich „gut benehmen“. An Kinder werden ganz andere, strengere Maßstäbe angelegt als an Erwachsene, denen (mediale) Fluchträume zugebilligt werden, ohne dass von „Verdummung“, „Medienüberflutung“ und „Isolation“ die Rede ist statt von Selbstsorge und Bedürfnisäußerung. Vor allem stimmen die immer noch angenommene Trennung von Welt und Zuhause und somit auch die meist gegenderten Zuständigkeiten für diese Räume nicht. Politik und Gesellschaft, Produktion und Geschlechterverhältnisse schlagen ganz unmittelbar aufs vermeintlich traute Heim durch und verlangen Kindern und denen, die mit ihnen leben und arbeiten, Verhaltensweisen ab, von denen in Astrid-Lindgren-Welten nichts zu finden ist. Wenn Frauen zum Handy und Kinder zu Minecraft greifen, sind sie nicht zwangsläufig medial verblödet. Sie nehmen die Räume, die sie kriegen können. Mit Kritik daran sollte man, zumal als Person, der die Welt offensteht, sehr vorsichtig sein.

Jasper Nicolaisen ist Hausmann und systemischer Therapeut in Berlin. Mit seinem Sohn und dessen Freunden zockt er am liebsten Mario Kart.

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heimspiel: Wer putzt das Heim? https://ansch.4lima.de/heimspiel-wer-putzt-das-heim/ https://ansch.4lima.de/heimspiel-wer-putzt-das-heim/#respond Sat, 28 Nov 2020 13:35:04 +0000 https://anschlaege.at/?p=25764 Illustration: Sabrina WegererBeate Hausbichler Es ist die dritte Kolumne seit Ausbruch der Corona-Pandemie. Und alles, was auch nur irgendwie mit „Heim“ oder „Zuhause“ in Zusammenhang steht, wurde im vergangenen Jahr derart überstrapaziert, dass man eigentlich kein einziges Wort mehr darüber verlieren will. Die Wohnung wird, ob der vielen Zeit, die man 2020 dort verbrachte, mehr und mehr […]]]> Illustration: Sabrina Wegerer

Beate Hausbichler

Es ist die dritte Kolumne seit Ausbruch der Corona-Pandemie. Und alles, was auch nur irgendwie mit „Heim“ oder „Zuhause“ in Zusammenhang steht, wurde im vergangenen Jahr derart überstrapaziert, dass man eigentlich kein einziges Wort mehr darüber verlieren will. Die Wohnung wird, ob der vielen Zeit, die man 2020 dort verbrachte, mehr und mehr zum Feind. Der Einzige, der sich jetzt noch sichtlich motiviert durch die Wohnung bewegt, ist unser neuer Mitbewohner: ein Staubsaugerroboter. Er heißt, wenig originell, Staubi.

Schon allein die Auswahl war politisch aufgeladen: Soll es das amerikanische Modell oder das chinesische sein? Es wurde das amerikanische und ich muss zugeben: Er ist hinreißend. Bisher hatten wir nie ein gröberes Problem mit dem Putzen. Gut, ein Heidenspaß war es nie. Insbesondere beim Staubsaugen musste ich immer an diese Frau denken, bei der ich vor weit über zwanzig Jahren putzte und auf ihre Gschrappen aufpasste. Wie panisch sie immer wurde, sobald der klobige Staubsauger einem ihrer schnieken Möbelstücke nahekam. Doch abgesehen vom Saugen ist putzen schon okay. Und es ist mir tausendmal lieber, als vor einer bezahlten Putzkraft aus der Wohnung zu fliehen, wie es so viele erzählen, die putzen lassen. Irgendwie mag man dann doch nicht so gern dabei sein, wenn jemand anderer den eigenen Dreck für gerade so viel Geld wegmacht, dass es einem finanziell nicht wehtut.

Doch jetzt, wo man ständig in dieser verfluchten Wohnung sitzt und sieht, wo überall schon wieder neuer Lurch sitzt, kann man sich das Putzen als rechtschaffene Handlung immer schwerer schönreden. Deshalb macht Staubi das jetzt. Er düst munter in jede Ecke und versucht immer wieder aufs Neue unter die Küchenkasteln zu kommen, obwohl er es schon mehrmals erfolglos versucht hat. So lieb.
Und wir? Schauen ihm erfreut zu und lupfen ihn liebevoll über für ihn unüberwindbare Hürden.

Und um seine finanzielle Situation im Alter oder im Krankheitsfall müssen wir uns auch keine Sorgen machen.

Beate Hausbichler ist Redakteurin bei dieStandard und hat sich einmal alle Fenster von einer Profi-Firma putzen lassen. Dann hat es weniger Stunden später auf die blitzblanken Fensterscheiben geregnet.

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heimspiel: Banales Karriereende https://ansch.4lima.de/heimspiel-banales-karriereende/ https://ansch.4lima.de/heimspiel-banales-karriereende/#respond Fri, 09 Oct 2020 17:40:46 +0000 https://anschlaege.at/?p=24976 Illustration: Sabrina WegererJasper Nicolaisen Dieser Tage endet meine Karriere als Erzieher. „Karriere“ ist natürlich nett gesagt; wer diesen unglaublich stressigen Job in Vollzeit durchzieht, verdient sehr deutlich unter zweitausend Euro, Aufstiegsmöglichkeiten gibt es kaum. Auch prestigeträchtig, wie es die akademische Karriere oder die Kunst verspricht, war dieser Job nie. Erzieherinnen gelten vielfach noch immer als „Tanten“, die […]]]> Illustration: Sabrina Wegerer

Jasper Nicolaisen

Dieser Tage endet meine Karriere als Erzieher. „Karriere“ ist natürlich nett gesagt; wer diesen unglaublich stressigen Job in Vollzeit durchzieht, verdient sehr deutlich unter zweitausend Euro, Aufstiegsmöglichkeiten gibt es kaum. Auch prestigeträchtig, wie es die akademische Karriere oder die Kunst verspricht, war dieser Job nie. Erzieherinnen gelten vielfach noch immer als „Tanten“, die auf Kinder „aufpassen“, Windeln wechseln, Fläschchen geben und ansonsten rauchend am Sandkasten hocken. Dabei strotzen die frühkindlichen Bildungspläne heute von Startschussrhetorik in Hinsicht auf lebenslanges Lernen, gesellschaftliche Integration, Teilhabe und Wortgeklingel Marke „Resilienz“, „Selbststeuerung“ und „Flexibilität“. Erzieher*innen werden zu Chimären aus Familienhelfer*innen, Kinderpsycholog*innen, Ergotherapeut*innen und Crafting-Youtuber*innen ausgebildet, verdienen aber eben viel weniger und kriegen auch viel weniger Likes. Selbst für das Gendersternchen reicht es oft nicht, denn ca. 95 Prozent aller Erzieher*innen (in Deutschland) sind heute noch Frauen, sodass Männer echt mal einfach mitgemeint sein können. Vorbei ist diese Karriere für mich, weil sie sich nicht mit der Familie vereinbaren lässt. Ich habe mit meinem Mann zwei Kinder, eins davon mit hohem Förderbedarf. Das allein ist Grund genug, dass nicht zwei Eltern arbeiten gehen können, schon gar nicht in einem Job mit Schichtsystem und hohem Krankenstand, bei dem sofort Menschen unbetreut dastehen, wenn ich mich krankmelde. Anders als viele Kolleg*innen falle ich weich, schließlich habe ich noch andere, freiberufliche Möglichkeiten. Trotzdem, Abhängigkeit vom Partner, Einschnitte bei der Rente und ein Riesenbatzen Care-Arbeit, das betrifft auch mich. Keine besondere Geschichte und eigentlich kaum eine Kolumne wert. Und doch wiederholt sich diese Geschichte immer noch und immer wieder und meistens sind die tragischen Heldinnen Frauen. Manchmal heißt kämpfen, die scheinbar banalen Dinge immer und immer wieder erzählen, bis sie sich ändern.

Jasper Nicolaisen ist bei Erscheinen dieser Ausgabe nicht mehr Erzieher, sondern Hausmann, Künstler und Menschenberater, aber zum Glück reich verheiratet.

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heimspiel: Auf maximal niedrigem Level https://ansch.4lima.de/heimspiel-auf-maximal-niedrigem-level/ https://ansch.4lima.de/heimspiel-auf-maximal-niedrigem-level/#respond Wed, 27 May 2020 08:48:52 +0000 https://anschlaege.at/?p=21617 Illustration: Sabrina WegererDen ganzen Tag im Pyjama vor sich hin gammeln, Essen vorm PC, Fernsehglotzen, Zähneputzen aufschieben, um es schließlich ganz zu vergessen. Wenn die Ausgangsbeschränkungen in den Monaten März und April sowie Homeoffice bis in den Mai hinein keine Einladung zur Regression waren, was bitte dann? Eine Einladung, mental zurückzufallen in Zeiten zwischen Postpubertät und Mitte der 20er, als man […]]]> Illustration: Sabrina Wegerer

Den ganzen Tag im Pyjama vor sich hin gammeln, Essen vorm PC, Fernsehglotzen, Zähneputzen aufschieben, um es schließlich ganz zu vergessen. Wenn die Ausgangsbeschränkungen in den Monaten März und April sowie Homeoffice bis in den Mai hinein keine Einladung zur Regression waren, was bitte dann? Eine Einladung, mental zurückzufallen in Zeiten zwischen Postpubertät und Mitte der 20er, als man sich seine Passivität so ziemlich allem gegenüber als politische Haltung aufhübschte und die eigene Bequemlichkeit an erster Stelle stand. Als alles irgendwie wurscht war. Genau das ist die passende Gefühlslage, die richtige Einstellung fürs erste und zweite Quartal 2020. Oder besser: Es wäre die richtige Einstellung, würde da nicht eine knapp Vierjährige lauern, um den Durchhänger und die disziplinäre Orientierungslosigkeit gnadenlos auszunutzen. Später Zähneputzen? Sicher! Auf der Couch essen? Okay. Wieder in die Windel kacken – na gut, weil Corona-Zeit ist. Was schauen? Was denn? Irgendwas am Kompjüter! Okay – brauchst noch einen Second Screen für ein bissl Social Media nebenbei? „Lustige“ SMS mit Scheißtrümmerl-Emojis verschicken, an irgendjemand? Meine Güte, warum nicht? Es wäre ja schön, wenn man virusbedingt so gelassen sein könnte, letztlich changieren die elterlichen Entscheidungen aber zwischen völliger Wurschtigkeit und einem plötzlich aufwallenden Gefühl, rechtzeitig die Stopp-Taste zu drücken, bevor man auch pädagogisch in einen No-Future-Modus verfällt, was prompt in erschreckend autoritären Sprüchen und Tautologien endet. Warum keine Schoki mehr? Weil ich es sag! Wieso keine Folge „Paw Patrol“ mehr? Weil genug genug ist. Und so geht es hin und her zwischen ein bissl rumschreien, unlogischen Verboten und reuigem Laissez-faire-Stil. Aber irgendwie muss man im Kleinfamiliengefängnis überleben, während einem der andere mit den Noise-Cancelling-Kopfhörern im Ohr – übrigens: die beste Anschaffung überhaupt – selig aus einer Kapsel der Stille entgegengrinst, weil er gerade nicht mit Kind bespaßen dran ist. So waren sie, die Wochen daheim, der Rest des Jahres wird wohl mit Schadensbegrenzung für die Eltern-Kind-Beziehung draufgehen. So viel dazu, dass Kinder bei den Eltern immer am besten aufgehoben sind. Ha. Ha.

Beate Hausbichlerist Redakteurin bei dieStandard und versucht derzeit nebenberuflich das bisher ganz gut funktionierende Familien-System wieder hochzufahren

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heimspiel: Kindern ist Öko wurscht, der Politik aber auch https://ansch.4lima.de/kindern-ist-oeko-wurscht-der-politik-aber-auch/ https://ansch.4lima.de/kindern-ist-oeko-wurscht-der-politik-aber-auch/#respond Sat, 07 Mar 2020 00:17:59 +0000 https://anschlaege.at/?p=19391 Illustration: Sabrina WegererDa hat man sich endlich zu einem ökologisch halbwegs verantwortungsvollen Menschen gemausert. Mit stinkendem Biomüll in der Wohnung, plastikreduzierten Einkäufen, wöchentlichem Bio-Kistl vom Bio-Bauern mit Bio-Produkten, striktem Dosenbierverbot und arrogantem Naserümpfen in Klos von Leuten, die tatsächlich immer noch Feuchtklopapier verwenden. Man glaubt es kaum! Doch der Biolifestyle wird mit Kind so richtig hart. Nein, […]]]> Illustration: Sabrina Wegerer

Da hat man sich endlich zu einem ökologisch halbwegs verantwortungsvollen Menschen gemausert. Mit stinkendem Biomüll in der Wohnung, plastikreduzierten Einkäufen, wöchentlichem Bio-Kistl vom Bio-Bauern mit Bio-Produkten, striktem Dosenbierverbot und arrogantem Naserümpfen in Klos von Leuten, die tatsächlich immer noch Feuchtklopapier verwenden. Man glaubt es kaum!
Doch der Biolifestyle wird mit Kind so richtig hart. Nein, es geht nicht um die eh schon oft gehörte scharfe Beobachtung, dass keine Kinder ja die beste Ökobilanz brächten. Übrigens ein etwas widersinniger Ansatz, man will den Planeten schließlich für oder zumindest auch – die Menschheit retten. Aber gut. Jedenfalls: Ist ein Kind dann doch da, hat man die Wahl zwischen völliger Selbstaufgabe und klimaschädlichem Überlebenswillen.  
Kaum endet die Windel-Flut, entwickeln diese Racker eine unbändige Konsumgier nach allerlei Müll. Man kommt kaum an einem Überraschungsei mit Plastikschrott im Inneren vorbei, der vom gerade noch soo begeisterte Kind nach geschätzten drei Sekunden achtlos ins nächstbeste Eck geworfen wird. Auch Playmobilfiguren aus unzerstörbarem Hartplastik verursachen ökosensiblen Eltern Alpträume, in denen die „Family Fun“-Modelle in ferner Zukunft wie neu neben den eigenen sterblichen Überresten liegen. Auch die Duplo-Autos und Bauteile werden uns alle ohne mit der Wimper zu zucken überleben. Da verwest rein gar nichts. 
Vom Essen gar nicht zu reden: Man kauft die x-te Plastikflasche, denn wer vergisst nicht ständig, für unterwegs eine aus Glas einzupacken. Und wenn ausnahmsweise mal nicht, zerbricht sie, wenn der Jutesack runterfällt. Scherben auf dem Gehsteig, auch ein paar auf dem Radweg, im Jutesack, Blicke von Passant*innen, vorwurfsvolle von Radfahrer*innen, die sich schon beim Reifen flicken sehen. Im Hintergrund rauscht ein riesiger SUV vorbei, der Fahrer wirft den Kopf in den Nacken und lacht schallend über die Szene mit der doofen Öko-Mum. Gut, letzteres war wahrscheinlich eingebildet. Aber vielleicht flüstert uns diese Vision zumindest ein, dass politische Wut mehr bringt als das schlechte Gewissen, wenn man beim Überraschungsei mal wieder nachgegeben hat.  

Beate Hausbichler ist Redakteurin bei dieSTANDARD. 

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heimspiel: Mission: Alltag https://ansch.4lima.de/heimspiel-mission-alltag/ https://ansch.4lima.de/heimspiel-mission-alltag/#respond Fri, 11 Oct 2019 11:01:35 +0000 https://anschlaege.at/?p=13641 Illustration: Sabrina Wegererleben mit kindern   Beim Anschauen des neusten „Mission Impossible“ mit dem attraktiv ergrauten Scientology-Blödel Tom Cruise müssen wir unterbrechen, weil das Baby weint. Nachdem die Windel gewechselt, der Schnuller gefunden und das Liedchen gesummt ist, kommt mir der Gedanke, ob der nächste Teil der Actionreihe Cruise nicht als Papa zeigen könnte, der all seine […]]]> Illustration: Sabrina Wegerer

leben mit kindern

 

Beim Anschauen des neusten „Mission Impossible“ mit dem attraktiv ergrauten Scientology-Blödel Tom Cruise müssen wir unterbrechen, weil das Baby weint. Nachdem die Windel gewechselt, der Schnuller gefunden und das Liedchen gesummt ist, kommt mir der Gedanke, ob der nächste Teil der Actionreihe Cruise nicht als Papa zeigen könnte, der all seine Abenteuer mit Säugling im Schlepptau bestehen muss. Aus dem brennenden Helikopter stürzen mit Kind vorm Bauch! Felswände hoch freeclimben, während das Kleine oben schon droht, über den Rand zu plumpsen, und dabei brüllen „bleib da! Bleib da!“. Im Casino mit der Giftblondine vom Konkurrenzverein anbandeln, und gerade, als er etwas irrsinnig Attraktives und Draufgängerisches sagt und sein lausbübisches Tom-Cruise-Lächeln bringt, da kotzt ihm das Balg auf die Abendgarderobe.
So lustig die Vorstellung auch ist, es steht zu befürchten, dass dieser Film von high-fivenden Jungs-Banden zwischen dreißig und fünfundvierzig großflächig abgefeiert werden würde. Er wäre kaum subversiv, sondern würde bedienen, was ohnehin die gängige Erzählung übers Vatersein ist. Babyzeit ist Männerzeit, wenn es irgendwie cool, raubeinig und unterhaltsam zugeht. Der Papa bereitet nicht erst umständlich die Windeltasche vor! Da geht es improvisiert raus in die Wildnis oder es wird kreativ was vollgemalt, gedrechselt oder geschweißt. Wenn die Mama nach Hause kommt und genervt guckt, lachen Papa und Kind so Tom-Cruise-mäßig: Männer sind halt auch nur große Kinder. Sorry, dass du jetzt aufräumen musst.
Abgesehen davon, dass die Rollenverteilung zwischen Spielepapa und Nörgelmama megaätzend für beide Parteien ist, sieht die Realität mit Baby sowieso anders aus. Zeit mit Kleinkindern kann berührend, lustig und lehrreich sein, aber oft genug auch öde, nervtötend oder überfordernd. Cool wären Geschichten darüber, wie Mamas, Papas, Kinder und ganze international operierende Netzwerke das gemeinsam auf die Reihe kriegen.

 

Jasper Nicolaisen ist nicht so attraktiv ergraut wie Tom Cruise, dafür aber auch nicht bei Scientology.

 

 

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heimspiel: Mein Kind, der Klassenfeind? https://ansch.4lima.de/heimspiel-mein-kind-der-klassenfeind/ https://ansch.4lima.de/heimspiel-mein-kind-der-klassenfeind/#respond Thu, 03 Oct 2019 10:12:42 +0000 https://anschlaege.at/?p=11677 Illustration: Sabrina Wegererleben mit kindern Diese wohlbehüteten Kinder, die so schön nach der Schrift reden und noch nicht mal einen Meter groß lässig mit fremden Erwachsenen smalltalken, ihnen womöglich ein bisschen die Welt erklären – man mochte sie als kinderloser Mensch nicht wirklich. So klein und schon eine bildungsbürgerliche Nonchalance, dass es einem die Zehennägel aufstellt. Jetzt, […]]]> Illustration: Sabrina Wegerer

leben mit kindern

Diese wohlbehüteten Kinder, die so schön nach der Schrift reden und noch nicht mal einen Meter groß lässig mit fremden Erwachsenen smalltalken, ihnen womöglich ein bisschen die Welt erklären – man mochte sie als kinderloser Mensch nicht wirklich. So klein und schon eine bildungsbürgerliche Nonchalance, dass es einem die Zehennägel aufstellt.
Jetzt, mit Kind, verändert sich die Beobachtung anderer Kinder mit AkademikerInnen-Eltern. Da landet man schnell bei der Frage, wie es dann ist, wenn sich das eigene Kind schnurstracks auf eine andere soziale Klasse als die zubewegt, der man sich noch immer nah und solidarisch verbunden fühlt. Obwohl man ja selbst inzwischen zu diesen AkademikerInnen-Eltern gehört, die ihrem Kind ziemlich viel bieten können.
Und so wird das Kind glücklicherweise wohl nie die Erfahrung seines Vaters machen müssen: wie es ist, wenn es einem bis heute im Nacken sitzt, dass der cholerische Küchenchef eines speckigen Landhotels während der Lehre ständig in selbigen brüllte. Und wenn man sich dann später im Job als „Gschdudierte“ oft so fühlt, als hätte man sich irgendwie verirrt oder reingeschwindelt, während sich andere dort wie ein Fisch im Wasser bewegen. Oder dieses Unbehagen auf der Uni, das die dritte Leistungsgruppe einer Hauptschule und das Polytechnikum verursachen. Und später, wenn man die Einzige ist, die genau wissen will, wie sich ein Leben mit einem einzigen Lehrauftrag zu vierhundert Euro monatlich ausgeht, weil für alle anderen die Eltern selbstverständlich auch im Erwachsenenalter eine Geldquelle sind – wenn auch unsichtbar in Form einer Eigentumswohnung. Wenn man zwanghaft jedeN zum Quadratmeterpreis der Mietwohnung befragt, weil man wissen will, wie andere das mit den ständig steigenden Mietpreisen machen.
Es ist seltsam, dass all das für das Kind keine oder zumindest weniger eine Rolle spielt. Doch spätestens, wenn es sich theatralisch um seine Zukunft gebracht sieht, nur weil man nach einer finanzierten Ausbildung oder einem Studium den Geldhahn zudreht, muss es sich wohl die eine oder andere Anekdote aus der eigenen Geschichte anhören.

 

Beate Hausbichler ist Redakteurin bei „dieSTANDARD“ und lernt gerade mit ihrer Tochter dank der Kinderbuchreihe „Wieso, Weshalb, Warum“ einiges an Allgemeinwissen nach.

 

 

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heimspiel: The Space Age of Elternzeit https://ansch.4lima.de/heimspiel-the-space-age-of-elternzeit/ https://ansch.4lima.de/heimspiel-the-space-age-of-elternzeit/#respond Sat, 13 Apr 2019 13:24:54 +0000 https://www.anschlaege.at/feminismus/?p=10485 Der „Spitzenvater des Jahres“ bekommt 5000 Euro Preisgeld. Von JASPER NICOLAISEN]]>

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Was musst du eigentlich mitbringen, um Astronautin zu werden? Einen Universitätsabschluss in Astrophysik, eine hervorragende körperliche Verfassung, überragende zwischenmenschliche Skills für die Raumstation? Die Antwort ist natürlich viel einfacher: Einen Mann brauchst du. Dass der sich wirklich und wahrhaftig ein Jahr Elternzeit nimmt, um die Kinder zu betreuen, das ist so atemberaubend, dass Herr E. selbst vielen Qualitätsmedien eine Meldung wert war. Ach, viel mehr war er wert, nämlich 5000 Euro. So viel bekommt der „Spitzenvater des Jahres“ als Preisgeld. Wie seine Frau, diese Astronautin, hieß, weiß ich übrigens nicht, denn sie wurde im Artikel namentlich nicht genannt.
Über Herrn E. will ich mich an dieser Stelle gar nicht lustig machen, schließlich tut er das Richtige. Dass er die 5000 Euro annimmt und nicht wohlmeinend irgendeinem guten Zweck spendet, will ich stark hoffen. Jeder, der ein Jahr lang mit wahnsinnigen Kindern – alle Kinder sind wahnsinnig! – zubringt, ist mit 5000 Euro noch zu niedrig bezahlt. Deswegen bekommen ja auch alle Mütter, die insgesamt immer noch den Löwenanteil der Elternzeit und der Reproduktionsarbeit leisten, 5000 Euro bar auf die Kralle! Pro Jahr! Pro Kind! Und werden einmal im Jahr mit Farbfoto in der Zeitung gefeiert. Oder? Ich kann es hinter dem Wäscheberg und den Formularstapeln für mein Kind mit Inklusionsbedarf gerade nicht so richtig erkennen.
Huhu, an alle Astronautinnen in der Umlaufbahn: Ihr habt doch den Überblick. Funkt es bitte mal runter. Schirmherrin des Preises für Spitzenväter ist übrigens die deutsche Familienministerin, die findet, dass Väter bei getrennten Paaren einfach zu wenig Rechte haben. Wie viel Prozent der getrennten Väter zahlen noch mal ordnungsgemäß Unterhalt? Und zwischen all diesen Fakten gibt es keinen Zusammenhang, oder? Ground Control to Major Wiehießsiedochgleich, bitte mal von oben draufgucken, I am floating in a most peculiar way hier.

Jasper Nicolaisen lebt in Berlin und arbeitet mit Texten und Menschen, momentan noch auf der Erde.
 

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heimspiel: Familienbonus mit O-Saft https://ansch.4lima.de/heimspiel-familienbonus-mit-o-saft/ https://ansch.4lima.de/heimspiel-familienbonus-mit-o-saft/#respond Fri, 08 Mar 2019 23:39:35 +0000 https://www.anschlaege.at/feminismus/?p=10389 Illustration: Sabrina WegererMenschen mit Kindern besitzen sowieso einen Freibrief. Von BEATE HAUSBICHLER]]> Illustration: Sabrina Wegerer

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Familienkolumne also. Die maximale Herausforderung. Es kann viel schiefgehen, und dafür gibt es verdammt viele Gründe. Wer sich mit Familie vorrangig als selbstverursachter Kleinfamilie beschäftigt, hat schon mal das Problem, dass es mit dem kritischen Potenzial happig wird. Schließlich hat man sich schon eine angeschafft, fertig, bestimmte Fragen stellen sich nicht mehr. Oder: so manche blamable Geschichte, die man lieber hinter politisch ambitionierter Elternschaft, selbstverständlich gendersensibel und restlos antiautoritär, verstecken würde – was die Kolumne allerdings ad absurdum führen würde.
Die Geschichten von den Auszuckern also, auf der Straße, als man brüllend mit schweren Taschen bepackt auch noch das tobende Kind unter den Arm klemmt, weil man keine Sekunde länger warten will, bis dessen Aufmerksamkeit sich halbwegs fokussiert auf den Heimweg richtet. Immer wieder hält es mir – es ist die letzte mögliche autonome Handlung, die dem Kind bleibt – den Schal vors Gesicht. Mit jeder Sichtunterbrechung auf dem steinigen Weg heim kommt dieser Erinnerungsfetzen, als man pikiert über Eltern den Kopf schüttelte, die sich doch tatsächlich eine Kinderleine zulegen, mit der man selbst in seiner Fantasie gerade zur Kasse geht. All das lässt eine bei der LeserInnenschaft ebenso wenig gut dastehen wie beim Nachwuchs, der später vielleicht mal nachliest.
Hinzukommt: Menschen mit Kindern haben sowieso den Freibrief, über ihr Zeug zu reden, überall sehen wir deren, unseren, Lebensentwurf – den von weißen Heteropaaren jedenfalls. Manchmal setzt sich auch noch Sebastian Kurz dazu und schenkt O-Saft nach, wie das ÖVP-Plakat an der Bushaltestelle zeigt. Nach so etwas kann man sich kaum mehr zu dritt an den Frühstückstisch setzen, ohne dass dieses sonnendurchflutete Szenario im Kopf auftaucht. Vor allem, wenn man selbst von diesem fett mit Boni versorgten Familienbild profitiert. Andererseits: Das Kinderhaben sollten wir nicht den Rechten überlassen, hörte ich einen Bekannten mal sagen. Das Erzählen davon, wie es ist, dann wohl auch nicht. Na dann. Familienkolumne halt.

 

Beate Hausbichler schreibt von nun an und bis auf Weiteres die Familienkolumne heimspiel. Sie ist Redakteurin bei „dieSTANDARD“.

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heimspiel: Papa, can you hear me? https://ansch.4lima.de/heimspiel-papa-can-you-hear-me/ https://ansch.4lima.de/heimspiel-papa-can-you-hear-me/#respond Mon, 03 Sep 2018 07:32:48 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=9961 Illustration: Sabrina WegererBeim Umzug fand ich Barbra Streisands „Yentl“-Songs. Von THEO HOFFNUNGSTHAL]]> Illustration: Sabrina Wegerer

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Jetzt gleitet die Nadel wieder sanft in der Rille meiner alten „Yentl“-LP. Sie und der Plattenspieler meiner DJ-Freund*in hatten zuvor schon einiges mitgemacht; meine Tochter („T.“ zehn Jahre) legt zum ersten Mal eine Platte auf, sie stellt jetzt von 33 auf 45 Umdrehungen. Barbra, can you forgive me?
Beim Umzug fand ich meinen Jugendschatz – Barbra Streisands „Yentl“-Songs, zeitgleich installierte meine Freund*in ihren alten Technics 1210 und T. erwähnte nun öfters mal im Park, mal in der U-Bahn, dass einer dieser Männer* ihr Vater* sein könnte.
Wie 1986 hocke ich nun wieder überm LP-Cover, den Liedtext diesmal nicht mir selbst, sondern meiner Tochter übersetzend, die mir immerhin bis zur neunten Zeile aufmerksam zuhört.
Zeit für ihre Performance: T.s Stimme legt sich erst vorsichtig, dann kräftiger über Yentls Vatersuche: Papa, are you near me? T.s Mimik ist durch ihr Studium von Eisprinzess*innen und Bibi & Tina bereits professionalisiert. Theatralik, Pathos – Kanäle für reale Sehnsüchte, für schwer Auszusprechendes und auch Wut.
Ich, das Publikum, im Gefühlstaumel: Auf „Yentl“ warf ich damals unreflektiert meine lesbischen Projektionen und Trans-Fantasien, jetzt werfe ich mir vor, während des dringenden Kinderwunsches meiner Ex die Spermasuche nicht im Freund*innenkreis forciert zu haben. Gleichzeitig bin ich genervt von Predigten über die Bedeutung der Vater*rolle.
Scratch! T. greift zum Pitchregler, Barbras Stimme ist plötzlich auf Helium und kurz darauf versinkt sie im trägen Bass. Ein neuer Sound, ein bisschen unrund zwar, dafür neben der Spur.

 

„Yentl“ ist ein Musikfilm (1983) mit Barbra Streisand: Als Frauen in Europa das Studieren noch verboten war, beginnt Yentl nach dem Tod ihres Vaters und Rabbis, der ihr die Tora gelehrt hatte, als „Anshel“ mit Tallit und Kippa ein Studium an der Jeschiwa in Bechev.

Theo Hoffnungsthal hat ihre Tochter adoptiert. Sie findet es auch doof, dass die deutsche Samenbank T. erst mit 18 den Vater*/Spender-Kontakt aushändigt.

 

 

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heimspiel: Queer-Mutti* auf Schiene https://ansch.4lima.de/heimspiel-queer-mutti-auf-schiene/ https://ansch.4lima.de/heimspiel-queer-mutti-auf-schiene/#respond Tue, 29 May 2018 06:39:19 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=9811 Illustration: Sabrina WegererMich trennen neun Zugstunden von meinem Kind. Von THEO HOFFNUNGSTHAL]]> Illustration: Sabrina Wegerer

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Ich lebe nicht mit meinem Kind zusammen. Uns trennen circa neun Zugstunden.
Einmal im Monat fahre ich zu meiner zehnjährigen Tochter T. ins Nachbarland und verbringe ein paar Tage mit ihr in einem kleinen WG-Zimmer in ihrer Stadt. Sie wohnt ein paar Straßen weiter mit ihrer biologischen Mutter. In den Ferien besucht T. mich länger in Wien.
Gerade rollt der Zug durch die Landschaft der ehemaligen DDR. Die Frau* mir gegenüber im Abteil pendelt beruflich, sagt sie. Die Kinder sind schon aus dem Haus. Sie ist bereits am frühen Morgen in Gesprächslaune und fragt neugierig.
Meine Part-Time-Mutter*-Realitäten öffnen bei meiner Sitznachbar*in spontan eine Gedankenschleuse über Mutter*bilder, -gefühle und -funktionen. Mir fließen Kindheitserinnerungen und ihre Reflektionen über instabile familiäre Beziehungen entgegen.
Sie erzählt mir, dass ihre Mutter* sie kurz nach der Geburt in eine Wochenkrippe gegeben hatte, eine staatliche Institution der DDR, die der werktätigen (oft schichtarbeitenden) Frau eine kinderlose Arbeitswoche ermöglichte – bzw. sie erzwang, je nach Perspektive. Erst heute finden vorsichtige Gespräche mit ihrer Mutter* über dieses Getrenntsein statt. Ein gemeinsames Herantasten an vergangene Enttäuschungen, Verluste, Sehnsüchte, gesellschaftliche, ökonomische, ideologische Zwänge, Entscheidungen, an das (Nicht-)Verbundensein und Verzeihen scheint für beide erst fünfzig Jahre später möglich und nötig.
Nach einem hundert Kilometer langen, offenen, weitestgehend wertfreien Gespräch verabschiedet sich meine Sitznachbar*in mit den Worten: „Sie machen das schon ganz richtig so.“
Was? Hatte ich etwa den Eindruck vermittelt, dass ich Gutheißung, Trost, Absolution benötigte? Oder bin ich nur die Spiegelfläche ihres Mutterbildes*, mit dem sie in Verhandlung ist?
Ob der Rhythmus meiner eigenen Mutterpräsenz und -abwesenheit richtig oder falsch ist, weiß ich nicht. Er ist. Es fühlt sich auch nicht gut an. Es fühlt sich eben an.

 

Theo Hoffnungsthal, aufgewachsen in den Siebzigern der ehemaligen BRD, mit Mutter*, die selbstverständlich Hausfrau zu sein hatte und physisch immer da war, führt manchmal mit diesem erlebten Mutter*bild einen heimlichen inneren Dialog, während außen das laute Gekreische der Mutter*konstruktionswahnsinne tobt.

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heimspiel: Sexualerziehungs-Zuckerl für Schulen https://ansch.4lima.de/heimspiel-sexualerziehungs-zuckerl-fuer-schulen/ https://ansch.4lima.de/heimspiel-sexualerziehungs-zuckerl-fuer-schulen/#respond Mon, 05 Feb 2018 14:25:54 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=9333 "My Fertility Matters" als neue Sexualkunde im Unterricht. Von THEO HOFFNUNGSTHAL]]>

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Wenn die katholische Kirche, phobische Sexualpädagog*innen und ein Pharmakonzern sich in Bayern zu einem flotten Dreier zusammenfinden, kommt das dabei raus, – eine deutschland- und österreichweite weiße-hetero-binäre-Reproduktions-Veraufklärung.
My Fertility Matters” heißt das Programm, das nun „Mädchen und Jungen in die Pubertät begleiten” will und Workshops an Schulen anbietet.
Ich bin froh, dass unserer Tochter* das MFM-Mitmachtheater „KörperWunderWerkstatt“ in ihrer vierten Klasse erspart bleibt. Ihre andere Mutter* hat Eltern und Lehrerin* überzeugt, sich gegen den fast schon gebuchten Workshop auszusprechen.
Die MFM-Dreifaltigkeit (1) preist ihre Sexkunde als progressive Körperkompetenz bildende Vertiefung zum Biologieunterricht an, kann dabei jedoch nicht über ihren weißen binären Schatten springen und verkauft stur tradierte hetero Zwei-Geschlechter-Körperbilder als funktionierende Reproduktionsapparaturen. „Sich nicht vor der Fruchtbarkeit schützen, sondern sie zu beschützen!“ – so der Leitspruch, der vor allem durch eine „wertschätzende Sprache“ von den Kids verinnerlicht werden soll. Die Östrogene werden so zu den „besten Freundinnen der Frau“ (ich habe meine Androgene eigentlich viel lieber!) – und die Gebärmutter ist die „Bühne des Lebens“. Wo spielt nochmal die Musik? Im Großraum Klitoris, Anus, Finger, Ohrläppchen, Zehenzwischenraum, im Kopf oder lieber vorerst gar nicht?
Homo-/Bi-/Trans-/Inter-Körper, -Identitäten und Sexualitäten existieren – auf explizite Nachfrage – nicht im Programm, weil sie die Schüler*innen „verunsicherten“.
Mit so einem klerikalen Apotheken-Cocktail werden die Lebensrealitäten und das Wissen von zum Beispiel muslimischen und jüdischen Schüler*innen einfach runtergespült. Und progressiv vertiefen lassen sich mit MFM nur die ohnehin im staatlichen Unterricht verordneten Rassismen, Homophobien und Körpernormierungen.

 

Theo Hoffnungsthal ist pendelnde Mutter* zwischen zwei Ländern und bedankt sich bei ihrer Ex für ihre Überzeugungsarbeit und Suche nach wertschätzender Sexpädagogik vor Ort und für ihre Nerven aus Stahl.

 

(1) Klerus, Homo-/Bi-/Trans-/Inter-Phobie und Boehringer Ingelheim GmbH & Co KG

 

 

Illustration: Nadine Kappacher
Illustration: Nadine Kappacher

 

 

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heimspiel: Life is a Rollercoaster https://ansch.4lima.de/heimspiel-life-is-a-rollercoaster/ https://ansch.4lima.de/heimspiel-life-is-a-rollercoaster/#respond Wed, 22 Nov 2017 18:14:27 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=9166 Illustration: Sabrina WegererEs gibt das Gefühl, dass unser Modell Vorbild sein kann. Von KRISTINA BOTKA]]> Illustration: Sabrina Wegerer

leben mit kindern

 

Der uralte Nachbar, der die Kinder des Hauses mit Schlecker versorgt: „Wo ist denn ihre Tochter immer, ich seh’ sie ja so selten?“ Die Verwandte einer Freundin: „Auch praktisch, wenn das Kind mal beim Vater ist!“ Der Betreuer im Kindergarten: „Ah, fahren Sie auf Urlaub, weil Sie sich erst nächste Woche wieder sehen?“ Ein Kollege: „Schade, dass ich nicht Alleinerzieher bin, da gibt’s so tolle Urlaubsangebote!“ Die Tante: „Schau mal, die Seifenblasen sind zu dritt – wie Mama, Papa, Kind!“ Jetzt reicht es mir aber – DAS SIND SEIFENBLASEN! Die sind jetzt auch schon FAMILIE? Geht’s noch? Mein Kind lebt Halbzeit bei dem einen Elternteil und Halbzeit beim anderen. Nein, das ist nicht dauernd total cool, weil ich so viel „frei“ hab, sondern manchmal fühl ich mich wie eine halbe Person ohne sie. Neulich musste ich im Kaffeehaus heulen, weil ein süßes Kind neben mir gespielt hat und meines nicht da war. Meine Tochter erzählt gerne von ihren drei Wohnungen und zwei Autos, die unterschiedlichen Routinen und Ortswechsel sind normal geworden und es passt gut für sie. Ich bin mit Mitte Dreißig auf Identitätssuche. Eigentlich denke ich, dass ich doch ohnehin nie die war für Vater-Mutter-zwei-Kinder-Haus-Hund-Bausparvertrag-Marillenknödel. Manchmal krieg’ ich panische Zustände, aus lauter Angst vor der alleinigen Verantwortung für mein Kind. Was, wenn das Kind zu wenig Vitamine gegessen hat, die Gummistiefel plötzlich zu klein sind oder es in der Früh mal keine Milch gibt? Wenn meine Tochter mit großer Spannung meine Grenzen austestet, um mir dann beim Auszucken zuzusehen, weiß sie mittlerweile, dass möglicherweise kurz darauf Hilfe gerufen wird und dann steht schon mal meine beste Freundin oder der Papa vor der Tür, um uns das Leben zu retten. Ich lerne dazu, sie lernt dazu. Beim Fortgehen freue ich mich, dass ich machen kann, was ich will, und am nächsten Tag niemand um sieben Uhr etwas von mir braucht. Abends mit dem Freund die neue Gegend erkunden, unkompliziert woanders übernachten, Zeitung lesen, spontan wem aushelfen, mal länger arbeiten. Es gibt Freiheit. Möglichkeiten. Es gibt eine neue Liebe mit allem Drum und Dran. Es gibt Sehnsucht. Es gibt das Gefühl, dass niemand mich versteht. Es gibt das Gefühl, dass unser Modell Vorbild sein kann. Es gibt Wut auf die Bilderbuch-Familien. Es gibt wunderbares unverhofftes Glück. Riesenstolz auf dieses unglaubliche Kind. Lachtränen werden plötzlich zu Verzweiflungstränen. Die Bekannte: „Wie geht’s dir denn?“ Ich: „Mal so, mal so!“

 

Kristina Strauß-Botka ist Politikwissenschaftlerin und Elementarpädagogin sowie getrennt erziehende Mutter einer Dreijährigen.

 

Heimspiel. Leben mit Kindern
Illustration: Nadine Kappacher

 

 

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heimspiel: Drei Eltern ist eine_r zu viel! https://ansch.4lima.de/heimspiel-drei-eltern-ist-eine_r-zu-viel/ https://ansch.4lima.de/heimspiel-drei-eltern-ist-eine_r-zu-viel/#comments Thu, 29 Jun 2017 07:30:13 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=8786 HeimspielKindern mit polyamoren Eltern sind allerlei neugierigen Fragen ausgesetzt. Von SABRINA]]> Heimspiel

leben mit kindern

 

„Das ist meine Sabrina!“. Das sagt das Kind, gestern sechs Jahre alt geworden, zu jedem, der mich fälschlicherweise wieder einmal als Tante oder, noch schlimmer, als Kindermädchen bezeichnet hat.
Zur Erklärung: Das Kind ist unser kleines Polykül (kleine Masse entstanden aus lustvollen chemischen Verbindungen mehrerer großer Massen). Als sie gezeugt wurde und auf die Welt kam, lebten wir in einer Dreier-Poly-Beziehung: Ihr Papa, ihre Mama und ich.
Polyamor sind wir alle geblieben, auch wenn sich unsere Beziehungskonstrukte mittlerweile verändert haben. Julia bleibt ein Poly-Kind und als solches ist sie öfters mit Menschen konfrontiert, die ihre Nase gerne in anderer Leute Angelegenheiten stecken, und hinterrücks, über das Kind versuchen herauszubekommen, in welchem Verhältnis ich zu ihrer Mama und ihrem Papa („ist das überhaupt der leibliche?“) stehe. Zum Beispiel wenn wir drei Eltern mit ihr eine Schultasche einkaufen gehen und wieder eine Verkäuferin fragt: „Na, was sagt deine Tante denn zu der Farbe?“ Oder: „Freust du dich, dass dein Kindermädchen mitgekommen ist?“
Julia wirft ihr dann ihren „Ihr Erwachsenen habt aber auch von gar nichts eine Ahnung“-Blick zu und antwortet in einem Tonfall, der keine weiteren Fragen zulässt, mit: „Das ist NICHT meine Tante – das ist meine Sabrina!“
Meistens ist das Thema dann auch tatsächlich durch. Die wenigen Male, in denen es jemand wagt, danach noch weiter zu fragen, springe ich helfend ein und erkläre je nach Situation: „Wir leben polyamor; ich bin die Freundin der Mutter; ich bin eine Freundin der Familie.“
Doch nun habe ich einmal eine Frage: Wenn die wissen, dass wir wissen, was sie eigentlich wissen wollen, nämlich, warum dieses Kind ein Eltern zu viel hat, warum fragen sie dann das eine Kind und nicht die drei Eltern? Für Julia jedenfalls ist es – noch – ganz normal, dass sie von uns allen betreut und geliebt wird. Und wir hoffen, dass sie auch in Zukunft so natürlich und leicht mit ihrem und unserem Leben umgeht, wie sie das im Moment tut.

 

Sabrina, 31 Jahre alt, ist Teilzeitmutter einer sechsjährigen Tochter, mit der sie nicht biologisch verwandt ist. Den anderen Teil ihrer Zeit verbringt sie im Büro und organisiert anderer Menschen Chaos.

 

Heimspiel. Leben mit Kindern
Illustration: Nadine Kappacher

 

 

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heimspiel: Realer als ein Trickfilm https://ansch.4lima.de/heimspiel-realer-als-ein-trickfilm/ https://ansch.4lima.de/heimspiel-realer-als-ein-trickfilm/#respond Fri, 17 Mar 2017 23:53:47 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=8480 HeimspielÜber ein Familienprojekt mit der eigenen Tochter. Von THEO HOFFNUNGSTHAL]]> Heimspiel

leben mit kindern

 

In einem ruhigen Moment während der letzten Ferien erzählt meine Tochter T. (damals acht), Mitschüler*innen hätten zu ihr gesagt, sie sei eine Lügnerin, weil sie behaupte, dass sie vier Mütter habe. „Das gibt es nicht! Und dein Papa ist tot!“ Doch eigentlich wissen alle Kinder aus der Klasse Bescheid. T. erzählt allen, die es wissen wollen (oder auch nicht), wie sich ihre vielmüttrige Familie zusammensetzt, samt Spende aus der Samenbank.
Eine dieser Mütter machte auch einen Schulbesuch und hat der Klasse das Buch „Alles Familie“ mit unterschiedlichsten Familienmodellen vorgestellt und dabei auch von unserer Familie erzählt. T.s Freund*innen kennen uns. Doch trotz dieses Vorwissens bleibt meine Tochter in den Augen mancher Mitschüler*innen eine Lügnerin. Es braucht also stichhaltige Beweise. Was kann T. solchen Verleumdungen sprachlich und bildlich entgegensetzen?
Einen Trickfilm über unsere Familie! Was ist realer als eine gut gemachte Animation? Griffbereit auf ihrem Tablet! Filmemachen ist schließlich mein Beruf. T. ist sofort begeistert. Wir beginnen die Arbeit an den Figuren, den Requisiten, feilen am Drehbuch. Doch je leidenschaftlicher ich in unser Filmprojekt „Das ist unsere Familie“ reinkippe, desto mehr lässt T.s Interesse nach. Bis sie schließlich viel lieber einen Astronautinnen-Film machen will. T. entwickelt das Drehbuch spontan vor der Kamera, während die Wickeldraht-Klebeband-Astronautinnen an Nylonschnüren ihre Abenteuer erleben: drohender Sauerstoffmangel, Abdriften des Raumschiffs, Rettung in letzter Minute.
Während der Bastel-Dreh-Schnitttage mit neuer Rollenverteilung (Buch, Regie, Schnitt: T., Produktionsassistenz: ich) haben wir beide viel Zeit, uns über die abertausend möglichen Familienkonstellationen und die ahnungslosen Erdenbewohner*innen auszutauschen.

 

Theo Hoffnungsthal hofft heimlich weiter, das Familien-Filmprojekt mit ihrer Tochter fertigzustellen. Dafür muss sie aber noch lernen, ihre eigenen Visionen nicht zu sehr in den Vordergrund zu stellen und stärker auf die Ideen ihrer Filmpartnerin einzugehen.

 

Heimspiel. Leben mit Kindern
Illustration: Nadine Kappacher

 

 

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