Gesellschaft – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de Mon, 27 Oct 2025 12:57:42 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.0 https://ansch.4lima.de/wp-content/uploads/2024/10/cropped-favicon-32x32.png Gesellschaft – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de 32 32 „Wir brauchen jetzt schon Hilfe“ https://ansch.4lima.de/wir-brauchen-jetzt-schon-hilfe/ https://ansch.4lima.de/wir-brauchen-jetzt-schon-hilfe/#respond Tue, 21 Oct 2025 12:55:40 +0000 https://anschlaege.at/?p=130141 In Österreich leiden mehr als 70.000 Personen an ME/CFS. Die Covid-19-Pandemie hat der Erkrankung Aufmerksamkeit verschafft – die Betroffenen aber werden weiterhin mit ihren Beschwerden und finanziellen Sorgen allein gelassen. Von Salme Taha Ali Mohamed Mit einem geblümten Gehstock in einer Hand und dem festen Griff ihres Freundes an der anderen, steigt Magdalena* aus dem […]]]>

In Österreich leiden mehr als 70.000 Personen an ME/CFS. Die Covid-19-Pandemie hat der Erkrankung Aufmerksamkeit verschafft – die Betroffenen aber werden weiterhin mit ihren Beschwerden und finanziellen Sorgen allein gelassen. Von Salme Taha Ali Mohamed

Mit einem geblümten Gehstock in einer Hand und dem festen Griff ihres Freundes an der anderen, steigt Magdalena* aus dem Zug. Eingehüllt in einen langen Mantel, ausgestattet mit einer speziellen Sonnenbrille, gewaltigen Kopfhörern und einer FFP2-Maske wirkt es so, als versuche sie sich vor der Welt zu verstecken. Die Sonne brennt auf den Bahnsteig am Westbahnhof, die Temperaturanzeige zeigt mehr als 30 Grad und trotzdem bleibt Magdalena vollkommen bedeckt. Nicht, weil ihr kalt ist, sondern um sich auf ihrem Weg zur Fachärztin vor der Sonne zu schützen. Magdalena zählt zu den mehr als 70.000 Menschen in Österreich, die am Myalgischen Enzephalomyelitis/Chronischen Fatigue Syndrom leiden.
Bei der Krankheit, die unter der Abkürzung ME/CFS bekannt ist, handelt es sich um eine chronische neuroimmunologische Multisystemerkrankung. Die Betroffenen – zu rund zwei Dritteln Frauen – leiden unter schwerer körperlicher und mentaler Dauererschöpfung, die nicht mit alltäglicher Müdigkeit verglichen werden kann. Ihre Leistungsfähigkeit ist drastisch eingeschränkt, wobei die Schwere der Symptome sehr unterschiedlich ausgeprägt ist. Selbst Aktivitäten wie Lesen oder Kochen werden für manche plötzlich zur Herausforderung. In schweren Fällen ist es unmöglich, sich weiterhin selbst zu versorgen.
Diese Verantwortung übernehmen dann Familie und Partner*innen, wie das auch bei Magdalena der Fall ist. Ihre Gesundheit hat sich seit der Infektion mit SARS-CoV-2 und dem darauffolgenden Ausbruch von Post-Covid und ME/CFS vor knapp drei Jahren derart verschlechtert, dass die 29-Jährige inzwischen bettlägerig geworden ist. „Ich war viermal geimpft, als ich mich ansteckte. Es war das erste und einzige Mal, dass ich Corona hatte“, erinnert sie sich. Nach zwei Wochen werde die Infektion überstanden sein, war sie damals noch überzeugt. „Aber die Symptome klangen nie wieder ab. Ich war noch Wochen danach ständig erschöpft und hatte Gliederschmerzen.“ Schlimmer noch: Je mehr Zeit verging, desto schlechter ging es ihr. Mittlerweile bewegt sich Magdalena hauptsächlich im Rollstuhl fort. Den Traum vom Doktoratsstudium musste sie aufgrund der Krankheit aufgeben.

Nicht ernst genommen. Die Ursachen für ME/CFS bleiben weitgehend ungeklärt. Bislang konnten virale Infektionen, wie Epstein-Barr oder SARS-CoV-2, als Auslöser für die chronische Krankheit identifiziert werden. Laut der Österreichischen Gesellschaft für ME/CFS und der Medizinischen Universität Wien können u. a. auch bakterielle Infekte oder Schädel- und Halswirbelsäulentraumata dazu beitragen. In Österreich wird die Zahl der Betroffenen nicht offiziell erfasst. Das Nationale Referenzzentrum für postvirale Infekte geht auf Grundlage von internationalen Studien davon aus, dass rund 0,8 Prozent der Bevölkerung an der Erkrankung leiden. Die ÖG ME/CFS berechnete, dass das eine Betroffenenzahl von 73.600 Personen für das Jahr 2025 in Österreich bedeutet. Hinzu kommt eine hohe Dunkelziffer, da ME/CFS oft falsch diagnostiziert wird. „Da so viele junge Frauen daran erkranken, werden die Betroffenen von den Ärztinnen häufig nicht ernst genommen. Man wird schnell in die Psycho-Ecke gesteckt“, weiß Barbara. Die Journalistin musste ihren Beruf aufgrund der Erkrankung graduell aufgeben. Heute betreibt sie einen Online-Blog über Post-Covid und ME/CFS, recherchiert und schreibt, wenn sie ein bis zwei Stunden die Kraft dafür hat. Aus ihren eigenen Erfahrungen und derer von Bekannten weiß sie, dass nicht nur mutwillige Ignoranz zur Unterversorgung der Betroffenen beiträgt – es gibt schlichtweg nicht genug Ärztinnen in Österreich, die sich auf die Krankheit spezialisiert haben. „Und die Spezialistinnen sind privat zu bezahlen und so überlaufen, dass man monatelang auf einen Termin wartet.“

Schleichender Rückzug. Dementsprechend lange kann die Diagnose in Anspruch nehmen: durchschnittlich 18 Monate, wie das Meinungsforschungsinstitut „Patientenstimme“ und die Partnerorganisation „NichtGenesen“ 2024 bei einer Umfrage mit 1.026 Personen aus dem deutschsprachigen Raum herausfand. Betroffene werden so nicht nur allein gelassen. Es kommt auch vor, dass sie falsche Behandlungsmethoden verordnet bekommen, die dauerhafte Schäden hinterlassen. „Nachdem ich auf der Reha war, die mir mein Arzt verordnet hat, ging es mir nur noch schlechter. Ich erlebte dort meinen ersten Crash“, erzählt Barbara. Mittlerweile leidet sie an konstanter körperlicher und geistiger Erschöpfung, Muskel- und Halsschmerzen sowie an „Post-Exertioneller-Malaise“ (PEM). PEM wird umgangssprachlich als „Crash“ oder Belastungs-Erholungsstörung bezeichnet und ist das Leitsymptom der Krankheit. Sie tritt auf, nachdem die Betroffenen eine Tätigkeit ausgeführt haben, die ihre Belastungsgrenzen überschreitet. Je nach Schwere der Erkrankung kann das ein Spaziergang, ein Arzttermin oder auch nur zu viel Lärm sein. „Meine Familie und Freundinnen sehen mich nur an meinen guten Tagen und denken dann, dass es mir eh nicht so schlecht geht. Aber sie sehen nicht, wie lange ich mich nach ihrem Besuch im Bett ausruhen muss und mir nicht einmal etwas zu essen machen kann“, berichtet Barbara. Das Achten auf die eigenen Grenzen ist das A und O zur Linderung der Symptome. Gleichzeitig bedeutet es, dass viele Erkrankte aus der Öffentlichkeit verschwinden – nicht nur, weil sie ihre Berufe nicht mehr wie zuvor ausüben können, sondern auch, weil sie in ihrem Privatleben zurückstecken müssen. Zunehmende Vereinsamung ist die Konsequenz.

Mit Einsamkeit hat auch die 27-jährige Janis* seit rund einem Jahr zu kämpfen. Sie kannte die Symptome von ME/CFS bereits von ihrem Ex-Partner, als sie erstmals bei ihr selbst ausbrachen. „Ich habe ihn gegen Ende unserer Beziehung noch viel begleitet. Deswegen konnte ich es relativ schnell zuordnen“, sagt sie.
Durch ihn kam Janis auch an Fachärzt*innen und eine Diagnose. „Ich hatte einfach Glück“, resümiert die Grafikerin. „Ansonsten hätte ich wahrscheinlich erst nach Monaten realisiert, was mit mir passiert.“ Das ermöglichte Janis auch, ihren Alltag frühzeitig an ihre neuen Grenzen anzupassen und eine weitere Verschlechterung zu vermeiden. „Dadurch, dass ich nur leicht betroffen bin, kann ich mich gut selbst versorgen“, erzählt sie. Ihre sozialen Kontakte aber haben sich mit der Zeit verringert, weil sie immer wieder Einladungen ausschlagen musste. Janis lebt alleine in der Wohnung, in der sie sich die meiste Zeit aufhalten muss. „Mittlerweile kann ich wieder mehr Sachen unternehmen, wie mich mit Freundinnen in einem Café zu treffen oder spazieren zu gehen. Aber es ist schwer, sich wieder ins soziale Leben zurückzukämpfen. Dieses Jahr der Vereinsamung hat viel mit mir gemacht“, schildert sie. Sie habe etwa das Gefühl verloren, wie man mit Menschen umgeht und verlernt, körperliche Zuneigung zu zeigen – auch, wenn es das ist, was sie manchmal besonders braucht, wenn sie keine Energie zum Sprechen hat.
Zu viele Versorgungslücken. Für die drei Frauen ist klar: Es muss noch viel getan werden, um über ME/CFS und deren Auswirkungen auf die Betroffenen aufzuklären. Besonders im österreichischen Gesundheitswesen besteht dringender Aufholbedarf. Noch 2024 hatte Gesundheitsminister Johannes Rauch einen Nationalen Aktionsplan zu postakuten Infektionssyndromen angekündigt. Dieser beinhalte wichtige Maßnahmen zur Schließung der Versorgungslücken. Schließlich hieß es aber, die Implementierung müsse auf unbestimmte Zeit verschoben werden. Der Grund: Es seien noch weitere Überarbeitungen notwendig. „Wir brauchen jetzt schon Unterstützung und nicht erst in ein paar Jahren“, sagt Janis.
„Zumindest hat es das neue Referenzzentrum für postvirale Syndrome erreicht, dass Medikamente für andere Krankheiten, die auch bei ME/CFS helfen, von Ärzt*innen verschrieben werden können“, sagt Barbara. „So wurde wenigstens in der Praxis der Zugang zu Behandlungen erleichtert.“ Das Zentrum bietet zusätzlich Fortbildungen für Ärzt*innen zu ME/CFS an. Zugleich gibt es bislang keine öffentlichen Anlaufstellen, an die sich die Erkrankten wenden können. Die Erste soll voraussichtlich noch diesen Herbst in Salzburg eröffnet werden.

Salme Taha Ali Mohamed schrieb u. a. für das biber-Magazin, social attitude, die BezirksZeitung und MO – Magazin für Menschenrechte.

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„Auch die besten Typen sind Komplizen des Patriarchats“ https://ansch.4lima.de/auch-die-besten-typen-sind-komplizen-des-patriarchats/ https://ansch.4lima.de/auch-die-besten-typen-sind-komplizen-des-patriarchats/#respond Tue, 21 Oct 2025 12:31:12 +0000 https://anschlaege.at/?p=130135 Die feministische französische Philosophin Manon Garcia hat ein so bahnbrechendes wie packendes Buch geschrieben: „Mit Männern leben. Überlegungen zum Pelicot-Prozess“. Julia Pühringer hat sie zum Gespräch getroffen. Manon Garcia begreift Philosophie als feministisches Werkzeug, um die Strukturen des Patriarchats unter die Lupe zu nehmen. Bereits in „Wir werden nicht unterwürfig geboren. Wie das Patriarchat das […]]]>

Die feministische französische Philosophin Manon Garcia hat ein so bahnbrechendes wie packendes Buch geschrieben: „Mit Männern leben. Überlegungen zum Pelicot-Prozess“. Julia Pühringer hat sie zum Gespräch getroffen.

Manon Garcia begreift Philosophie als feministisches Werkzeug, um die Strukturen des Patriarchats unter die Lupe zu nehmen. Bereits in „Wir werden nicht unterwürfig geboren. Wie das Patriarchat das Leben von Frauen bestimmt“ erkundete sie auf den Spuren von Simone de Beauvoir, wie es um die Wahlfreiheit der Frauen im Patriarchat bestellt ist. „Das Gespräch der Geschlechter“ wiederum widmet sich der Philosophie des sexuellen Konsens und seinen rechtlichen, moralischen und politischen Fragen. Im Zentrum steht bei allen Texten von Garcia die Frage danach, wie sich geschlechtsspezifische Ungerechtigkeiten in unseren täglichen Beziehungen manifestieren. Für „Mit Männern leben“ hat Manon Garcia den Fall Pelicot begleitet. Garcia dokumentiert den historischen großen Prozess, „der zeigt, dass Prozesse niemals ausreichen werden“. Die Frage, die Garcia stellt, ist beängstigend, weil wir die Antwort kennen: „Könnte es sein, dass ein Otto Normalbürger bereitwillig die schlafende Frau seines Nachbarn vergewaltigt, wenn man ihm die Gelegenheit dazu gibt?“ Hätte Gisèle Pelicot ohne die #MeToo-Bewegung den Prozess öffentlich stattfinden lassen? Vermutlich nicht. Hätte ein Opfer ohne Beweise auf Videos eine Chance gehabt? Vermutlich auch nicht.

an.schläge: Je mehr man die Situation von Frauen erforscht, desto mehr klingt man wie eine Verschwörungstheoretikerin, kennen Sie das Gefühl?
Manon Garcia: Ja, das ist wahr. Aber es ist natürlich interessant, dass Männer sagen, es kann doch gar nicht so schlimm sein, wenn sie im Alltag zulassen, dass es so schlimm ist. Auch die besten Typen sind Komplizen des Patriarchats.

Es ist halt irre leicht, „ein guter Typ“ zu sein, die Latte liegt nicht hoch.
Es gibt diesen Witz: „A guy walks into a bar because it is so low.“

Ist der Kampf für Feminismus derselbe wie der gegen den Faschismus? Oder ist das zu vereinfacht dargestellt?
Ich fürchte, das ist zu optimistisch: Es wäre toll, wenn nur die Faschisten klassische Antifeministen wären. Es ist möglich, dass die deutsche Linke nicht so sexistisch ist wie die französische, aber Sexismus ist wirklich überall. Gerade eben war das allererste Mal eine Frau mit ihrem Baby im Bundestag! Als ich mein erstes Kind bekam, hatte ich eine sehr ­fancy Postdoc-Stelle in Harvard, die es seit fast hundert Jahren gibt. Ich und eine Frau, die ihr Kind zwei Wochen vor mir bekam, waren die ersten beiden Frauen, die währenddessen ein Kind bekamen.

In Österreich – und das ist in Frankreich sicher ähnlich – gibt es einige männliche Philosophen, die in Talkshows herumgereicht werden, egal zu welchem Thema. Ich denke mir dann immer, die weiße männliche Perspektive wird uns in den aktuellen Katastrophen nicht weiterhelfen.
Das ist der Unterschied: Ich spreche nicht über Fragen, bei denen ich keine Expertin bin. Es stimmt natürlich, viele Männer haben nicht so viele Bedenken, was die Autorität ihrer Aussagen betrifft. Aber die Lösung ist letztlich nicht, das Selbstbewusstsein eines mittelmäßigen weißen Mannes zu haben, ich will ja nicht, dass mehr Leute so sind, sondern eher weniger.

Auf eine Weise wirkt es, als hätten Ihre früheren Bücher direkt zu diesem geführt. Stimmt das?
Ich habe diesen Gerichtsprozess nicht als Philosophin besucht, sondern als Expertin für die Themen, die er behandelt. Ein Anwalt von Gisèle Pelicot hat sich auch stark auf meine Arbeit bezogen, er meinte, es war das wichtigste Buch bei seiner Vorbereitung. Also dachte ich, ich bin auf eine Weise sowieso Bestandteil des Prozesses und ich bin quasi aus der Bibliothek in die richtige Welt gezogen.

Sie zitieren sehr viele Expertinnen in Ihrem Buch und auch die Sprache ist inklusiver – war das Absicht?
Mein Deutsch ist inzwischen besser (lacht), das Buch war das erste, bei dem ich auch die deutsche Übersetzung gelesen habe. Da habe ich dann gesagt, wo es eine inklusivere Sprache braucht. Von wegen Expertinnen: Ganz ehrlich, es arbeiten einfach kaum Männer zu den Themen, die ich interessant finde.

Die Dinge, über die Sie schreiben, sind fürchterlich, gleichzeitig schreiben Sie aber über den Akt des Darüber-Schreibens, darüber, wie man eine adäquate Sprache dafür findet. Wie war das, abends nach dem Prozess auch noch diese neue Sprache zu finden?
Die Frage stellte sich mir eher, weil ich stinksauer war darüber, wie andere über den Prozess geschrieben und gesprochen haben. Wenn man stinksauer ist wegen des Zustands der Welt und die eigene Arbeit als eine Art Wiedergutmachung betrachtet, dann ist das tatsächlich eine beruhigende Tätigkeit.

Auch, den Ärger dazu zu verwenden, die Probleme zu beschreiben, die hinter dem Prozess stehen, die andere Leute gar nicht sehen.
Ich wollte mir eigentlich nur zwei Tage lang die Atmosphäre anschauen. Aber dann ist mir klargeworden, es reicht nicht, den Fall nur über die Zeitungen zu verfolgen, weil diese Journalistinnen und Journalisten nicht sehen, was ich sehe. Sie waren Reporter:innen, aber keine feministischen Philosoph:innen.

Wie können wir die Welt ändern zu einer Gesellschaft, in der so etwas wie der Fall Pelicot nicht länger möglich ist?
Als Philosophin kann ich den Menschen Konzepte geben, die die Gesellschaft so verändern, dass sich die Welt verändert. Meine Mutter hat Deleuze, Foucault und Lacan gelesen – ich habe versucht, das zu verstehen, aber ich bin gescheitert. Ich war 15 und dachte, diese Typen sind angeblich links, aber sie schreiben so, dass man sich ausgeschlossen fühlt. Ich möchte in einer Weise schreiben, die Menschen Werkzeuge gibt, um anderer Meinung zu sein. Das habe ich mit diesem Buch versucht: Werkzeuge zu schaffen, mit denen man diesen Prozess verstehen kann, aber auch andere Dinge im Leben oder auch über eine selbst. Dafür sind die Geisteswissenschaften da.

Ich kenne das Gefühl gut aus dem Kino. Bei all diesen Filmen, die man unbedingt gesehen haben musste, fühlte ich mich als 15-Jährige nicht mitgemeint. Die ganze Nouvelle Vague ist so irre misogyn.
Ich habe in einer Lehrveranstaltung in den USA „Außer Atem“ von Jean-Luc Godard gesehen und habe meine Mutter angerufen und gefragt, was zur Hölle ist los mit deinem Freund. Kino bildet natürlich die Welt ab, in der wir leben. Ich finde das bei all diesen Cancel-Culture-Diskussionen sehr erfrischend: Wie cool ist es, dass wir inzwischen Woody-Allen-Filme sexistisch finden. Das bedeutet, die Welt hat sich geändert. Das, was früher normal schien, wirkt heute völlig bizarr.

Im Buch über die Unterwerfung sprechen Sie auch darüber, warum Frauen manchmal bei diesem Spiel mitspielen. Manchmal lohnt es sich und man wird nicht so gehasst, wie wenn man sagt: Das ist doch alles völliger Mist.
Oder es gibt die dritte Option: Du bist cool, sagst deinem Mann: Ich mach diese ­Sexsachen nicht mehr, die du möchtest. Ich bin zu alt für den Scheiß. Du kannst gern mit anderen Frauen schlafen, lass mich in Ruhe. Und am nächsten Tag beschließt dein Mann, dass er dich unter Drogen setzt. Weil: Wer glaubst du eigentlich, dass du bist? Er hat das wirklich so gesagt, es war sein Ziel, eine nicht unterwürfige Frau zu unterwerfen. Das hat völlig verändert, wie ich darüber denke. Wir werfen Frauen vor, wenn sie sich unterwerfen, aber wenn sie es nicht freiwillig tun, werden sie gezwungen, sich zu unterwerfen. Es gibt Statistiken, die sich damit beschäftigen, warum Frauen Sex akzeptieren, den sie nicht wollen. Und Grund Nummer eins ist, dass sie nicht vergewaltigt werden wollen. Es ist also besser, Sex zu haben, den man nicht will, als dazu gezwungen zu werden. Frauen wissen ganz genau, wenn sie nicht freiwillig den Wünschen der Männer ­nachgeben, wird man sie dazu zwingen.

We are so fucked.
Ich weiß nicht, das ist ganz offensichtlich nicht mein optimistischstes Buch, aber wir hielten vieles davon für unveränderlich, und inzwischen gibt es ganz andere Vorstellungen davon, wie Sex aussehen kann. Es gibt Hoffnung, dass Beziehungen zwischen Mann und Frau anders aussehen können. Wenn konservative Männer ein toxisches Männlichkeitsbild vertreten, liegt das u. a. daran, wie sehr ein anderes Männlichkeitsbild inzwischen Einzug gehalten hat.

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Extrem intim https://ansch.4lima.de/extrem-intim/ https://ansch.4lima.de/extrem-intim/#respond Thu, 11 Sep 2025 16:48:44 +0000 https://anschlaege.at/?p=129405 In Friseursalons geht man nicht nur zum Haareschneiden. Sie sind wichtige soziale Orte und Vertrauensräume – und Arbeitsplätze in einer der am schlechtesten bezahlten Branchen. Von Naz Küçüktekin Die Wände sind pastellrosa. Neben der Tür steht eine mobile Rampe, drinnen ist alles barrierearm. Die Stühle sind breit, tief und belastbar – für Körper, die in […]]]>

In Friseursalons geht man nicht nur zum Haareschneiden. Sie sind wichtige soziale Orte und Vertrauensräume – und Arbeitsplätze in einer der am schlechtesten bezahlten Branchen. Von Naz Küçüktekin

Die Wände sind pastellrosa. Neben der Tür steht eine mobile Rampe, drinnen ist alles barrierearm. Die Stühle sind breit, tief und belastbar – für Körper, die in Standardsesseln keinen Platz finden. Ein Vorhang kann den Raum komplett abschirmen, damit Kund:innen sich ungestört fühlen können. Im Soft & Cut an der Kaiserstraße im siebten Wiener Gemeindebezirk kommt außerdem immer nur eine Person im Salon dran. Das ist kein Zufall, sondern sorgsam kuratiert.
Es ist Teil des inklusiven Konzepts von Ina Holub, seit 16 Jahren Friseurin. „Friseur:innen kommen einem sehr nah – körperlich und emotional. Das ist extrem intim“, erklärt sie, warum all diese Dinge gerade in einem Friseursalon von Bedeutung sind. Bei ihr sollen sich alle wohlfühlen.

Als „fette und lesbische“ Person, wie sie sagt, wisse sie, wie unangenehm es andernfalls werden kann. Das pastellige Farbkonzept soll besonders auf neurodivergente Personen beruhigend wirken, das verstellbare Licht nimmt grelle Reflexe aus dem Spiegel. Wer hierherkommt, kann sogar einen Termin ohne Smalltalk buchen. Ungefragte Tipps oder Empfehlungen, wie „das Gesicht schmaler wirken“ könne, gibt es hingegen nicht. „Bei Haaren und Make-up geht es darum, wie eine Person wirken und wahrgenommen werden möchte. Es ist also auch eine Frage der Identität“, sagt Holub.
Mit Soft & Cut hat sie nicht nur einen Friseursalon geschaffen, sondern den Beruf in diesem Raum auch neu für sich definiert. Viele ihrer Kund:innen sind neurodivergent, viele tragen Locken. Geschnitten wird grundsätzlich trocken, weil so die Struktur besser zu beurteilen sei. „Locken sollte man eigentlich immer im Trockenen schneiden.“ Die österreichische Ausbildung deckt Locken und andere Haartexturen nicht ab, auch in der Meister:innenprüfung fehlt das Thema. Holub hat sich das Wissen in Zusatzausbildungen erarbeitet – bezahlt aus eigener Tasche.
Handwerk & Beziehungsarbeit. Am Bacherplatz im fünften Wiener Gemeindebezirk sind die Wände braun statt pastellfarben, die Einrichtung ist rustikal. Und Smalltalk gehört dazu.

Seit über sechs Jahrzehnten ist der Salon Helga ein Fixpunkt im Grätzl. Mary Radivojević arbeitet seit 1992 hier – damals hat sie als 18-Jährige ihre Lehre begonnen. Seit 2004 führt sie den Salon auch. „Eigentlich wollte ich Polizistin werden, aber mein Vater meinte, das sei nichts für Frauen“, erinnert sich die mittlerweile 49-Jährige.
Und da eine Freundin bereits in dem Salon arbeitete, versuchte sie sich eben im Haareschneiden. Aus dem anfänglichen Plan B wurde ihr Traumberuf. Vor allem das Menschliche an der Arbeit macht es für sie aus. „Die Leute nach einem Besuch hier glücklich herausgehen zu sehen, das ist einfach das Tollste“, betont sie.
Die Kundschaft reicht vom Kleinkind bis zur 94-Jährigen. Der Arbeitstag beginnt um acht Uhr, offiziell endet er um 18 Uhr. Tatsächlich bleibt das Team, das neben Radivojević aus zwei Mitarbeiterinnen besteht, oft bis 20 oder 21 Uhr, wenn Termine es erfordern.

Beide Friseurinnen beschreiben ihren Beruf als Handwerk und zugleich Beziehungsarbeit. Zwischen Waschen, Schneiden und Färben hören sie zu, trösten, beraten. „Oft sind wir Psychologinnen. Wir lachen zusammen, wir weinen zusammen“, sagt Radivojević. „Wen lässt man sonst einfach so mal an seinen Kopf heran, außer einer Friseurin?“ Der Besuch sei also stets auch Vertrauenssache. Über die Jahre entstehen so laut Radivojević tiefe Bindungen, die weit über eine reine Dienstleistung hinausgehen.

Holub ergänzt die politische Dimension: gendersensible Beratung, keine Körperkommentare, kein ungefragtes Anfassen der Haare. Braids und Locks bietet sie bewusst nicht an – aus Respekt vor kultureller Aneignung.
KNAPP ÜBER DER ARMUTSGRENZE. So unterschiedlich beide Salons sind – die strukturellen Probleme sind dieselben. Friseur:innen gehören zu den am schlechtesten bezahlten Berufsgruppen in Österreich. Rund neunzig Prozent sind Frauen, nur bei den Chefs großer Läden und High-End-Salons dominieren Männer. „Es ist wie beim Kochen. In der Küche zu Hause ist es Frauensache, aber die berühmten Köche sind fast nur Männer“, sagt Holub.
Während diese männliche Spitze mit Kreativität und Prestige assoziiert wird, sieht die Realität für den Großteil der weiblichen Beschäftigten anders aus: harte Arbeit bei sehr niedriger Bezahlung.

Laut Fachverbandsstatistik gab es 2021 knapp 8.900 Friseurbetriebe in Österreich. 2022 setzte die Branche rund 845 Millionen Euro um – trotzdem liegen die Löhne knapp über der Armutsgrenze. Der aktuelle Kollektivvertrag sieht im ersten Berufsjahr ein Mindestgehalt von 1.915 Euro brutto vor, ab dem sechsten Jahr 2.115 Euro. Selbst mit 14 Monatsgehältern bleibt das Nettoeinkommen bescheiden, vor allem bei steigenden Lebenshaltungskosten. Lehrlinge verdienen zwischen 782 Euro im ersten und rund 1.313 Euro brutto im vierten Lehrjahr – Beträge, die oft nicht einmal eine eigenständige Wohnung ermöglichen. Und wohl auch der Grund dafür, weshalb die Branche immer mehr mit einem Nachwuchsproblem kämpft.
Arbeiten am Limit. Trinkgelder sind für viele in der Branche überlebenswichtig. Bei Radivojević machen sie mindestens zehn Prozent zusätzlich aus. Ohne diese Beträge wird es für viele eng. In manchen Salons mieten Friseur:innen ihren Stuhl, zahlen Fixkosten und erwirtschaften ihren Umsatz selbst. Wer nicht genug Kundschaft hat, arbeitet ins Minus. Für Holub, die alleine arbeitet, ist die Kalkulation knapp. Förderungen halfen ihr beim Start, doch die Antragsprozesse seien abschreckend.
Die Arbeitszeit ist lang und körperlich belastend: Stehen, Beugen, Arme hoch. Hinzu kommt die fehlende Planungssicherheit: Termine können kurzfristig ausfallen, die Kosten bleiben. Die Hälfte der Beschäftigten arbeitet Teilzeit, 14 Prozent sind geringfügig angestellt. Gleichzeitig steigen Mieten, Energiepreise und Produktkosten – bei Löhnen, die kaum wachsen. Wer bleibt, tut es oft aus Überzeugung, nicht wegen der Arbeitsbedingungen.

Soziale Räume. Steigende Kosten, niedrige Löhne und fehlender Nachwuchs setzen die Branche unter Druck. Auch die von Holub und Radivojević. Doch Friseursalons sind nicht nur Arbeitsplätze, sondern auch wichtige soziale Räume. In Radivojevićs Salon sind es langjährige Beziehungen, die den Ort prägen. „Ich könnte mir nicht vorstellen, etwas anderes zu machen“, betont sie. Manche ihrer Kund:innen betreut sie, seitdem sie ihre Lehre begonnen hat. Holubs Salon ist ein Community-Space, der auch für Panels oder Diskussionsrunden genutzt wird. „Es ist einfach wichtig, zuzuhören, zu verstehen und einen Ort zu schaffen, an dem sich Menschen entspannen können.“


Naz Küçüktekin lebt und arbeitet als freie Journalistin in Wien. Die Darstellung migrantischer und marginalisierter Gruppen gehört zu ihren Arbeitsschwerpunkten. Daher weiß sie, wie wichtig offene Räume wie Friseursalons gerade für diese Gemeinschaften sind.

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„Ich rate allen Frauen, sich zu wehren!“ https://ansch.4lima.de/ich-rate-allen-frauen-sich-zu-wehren/ https://ansch.4lima.de/ich-rate-allen-frauen-sich-zu-wehren/#respond Thu, 11 Sep 2025 11:41:37 +0000 https://anschlaege.at/?p=129359 Elisabeth S. hat Lohndiskriminierung erlebt – und erfolgreich dagegen geklagt. Im Interview mit Chiara Kohlmorgen erzählt sie, wie das ablief und was sie anderen Betroffenen empfiehlt. an.schläge: Wie haben Sie erfahren, dass Sie weniger verdienen als männliche Kollegen?Elisabeth S.: Ich habe in einem Unternehmen gearbeitet, in dem die Bezahlung sehr intransparent war. Es gab keinen […]]]>

Elisabeth S. hat Lohndiskriminierung erlebt – und erfolgreich dagegen geklagt.
Im Interview mit Chiara Kohlmorgen erzählt sie, wie das ablief und was sie anderen Betroffenen empfiehlt.

an.schläge: Wie haben Sie erfahren, dass Sie weniger verdienen als männliche Kollegen?
Elisabeth S.: Ich habe in einem Unternehmen gearbeitet, in dem die Bezahlung sehr intransparent war. Es gab keinen Kollektivvertrag und keine offenen Gehaltsstrukturen. Jährlich gab es Mitarbeitendengespräche samt Gehaltsverhandlungen, in denen nach Sympathie – oder wie ich sagen würde, Geschlechtsorgan – verhandelt wurde. Mit einem neuen Kollegen sprach ich irgendwann über unseren Verdienst. Und da stellte sich heraus, dass es im Betrieb nicht nur viel Geheimniskrämerei ums Gehalt, sondern auch massive Unterschiede gab. Ein Mann, der erst einige Jahre nach mir ins Unternehmen gekommen war und denselben Job machte wie ich, verdiente einige hundert Euro mehr als ich – ohne besser qualifiziert zu sein.
Anfangs hackelte ich rein wie eine Blöde und übernahm zusätzliche Aufgaben. Sicher ein Jahr lang wollte ich beweisen, dass meine Arbeit genauso viel wert ist. In einem Gespräch mit der Geschäftsführung präsentierte ich meine Tätigkeiten, schlug vor, noch mehr zu machen. Ich habe wiederholt dasselbe Gehalt wie der Kollege verlangt, doch es hieß immer, es gäbe kein Geld. Man verstehe meine Kränkung, aber da sei nichts zu machen. Und der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte: Ich bekam eine Rüge, meinen Kollegen unter Druck gesetzt zu haben und Unruhe ins Unternehmen zu bringen.

Sie haben sich entschlossen, dagegen vorzugehen. Wie lief der Prozess vom Antrag bei der Gleichbehandlungskommission bis zum Nachweis der Diskriminierung ab?
Mir ist es psychisch nicht gut gegangen, ich wollte dort nicht mehr hin und habe im Krankenstand gekündigt. Das ist der Klassiker: Frauen wissen, dass sie ungleich behandelt werden. Dann Kämpfen sie um ihr Weiterkommen, werden abgewiesen. Irgendwann hat man keine Kraft mehr, weiterzukämpfen und kündigt. Unternehmen rechnen mit diesem Ablauf. Ich tat zuerst dasselbe. Aber dann sprach ich mit der Gleichbehandlungsanwaltschaft und der Kommission. Mir wurde von der Gleichbehandlungskommission ein Formular zugeschickt, um die Ungleichbehandlung zu beschreiben. Die Gleichbehandlungsanwältin unterstützte mich bei Formulierungen und der Beurteilung einzelner Ereignisse. Schnell geht das alles nicht, man muss schon einen langen Atem haben für so ein Verfahren.
Ab dem Zeitpunkt, an dem ich meinen Fall bei der Gleichbehandlungskommission einreichte, bis zu ihrem Urteil vergingen eineinhalb Jahre – und es ging danach noch weiter. Bis beim Arbeitsgericht der Fall abgeschlossen war – auch in der zweiten Instanz – dauerte es schließlich drei Jahre. Grundsätzlich ist die Arbeit der Gleichbehandlungsanwaltschaft und -kommission aber super und es hat alles sehr gut und professionell funktioniert. Nachdem mein Antrag eingelangt war, wurde beurteilt, ob die Kommission den Fall als Verfahren aufnimmt. Sie prüften die Ungleichbehandlung und schrieben eine Aufforderung an die beschuldigte Partei zur Stellungnahme. Mein ehemaliger Dienstgeber nahm die Kommission nicht ernst. Die Kommission verlangte, dass die Gehälter der Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen in dem Zeitraum, in dem ich dort ­arbeitete, von der Geschäftsführung zum Vergleich offengelegt werden, was diese nicht tat. Meine Anwältin musste dann über die Sozialversicherung die Gehaltseinsicht beantragen. Diese bekommt man anonymisiert, aber das Geschlecht wird offengelegt. Dann verfasste die Kommission einen Abschlussbericht und gab mir in allen Punkten recht. Die Kommission empfahl meinem ehemaligen Dienstgeber, mir die Gehaltsdifferenz auszuzahlen für die Jahre, in denen ich weniger verdient hatte. Dieser sträubte sich zunächst dagegen. Aber ich wollte so lange weitermachen, bis es ein Urteil gab. Denn wenn ein Urteil der Gleichbehandlungskommission zu einem Fall der Ungleichbehandlung vorliegt und vor Gericht geht, hat dieses Urteil auch ein Gewicht. Wenn man über die Arbeiterkammer oder Gewerkschaft einen Rechtsschutz will, ist es gut, dieses zu haben. Die Wahrscheinlichkeit, dann einen teilweisen oder vollen Rechtsschutz zu bekommen, ist hoch und es besteht kein finanzielles Risiko. Es wird ein Anwalt oder eine Anwältin gestellt, die einen vor Gericht begleiten.

Was würden Sie Frauen raten, die Ähnliches erleben?
Ich würde allen Frauen raten, sich zu wehren! Egal, ob sie beim Gehalt oder bei ihrem beruflichen Fortkommen diskriminiert werden, sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz erleben oder aufgrund ihres Geschlechts Ungleichbehandlung erfahren. Das Ausmaß der Diskriminierung, die Frauen am Arbeitsplatz erfahren, ist nach wie vor extrem hoch. Ich würde mir wünschen, dass all diese Frauen diese Fälle bei der Gleichbehandlungskommission melden. Ich glaube, dass es stärkt, wenn man damit nicht allein ist. Gleichzeitig werden Netzwerke männlicher Geschäftsführer geschwächt, wenn es eine Gegenwehr gibt und sie nicht mehr damit durchkommen.
Auch wenn es ein weiter Weg ist: Am Ende zahlt es sich aus. Mein ehemaliger Arbeitgeber hat mir das Geld zurückzahlen müssen – ver­zinst über die Jahre, die das Verfahren dauerte. Ein fünfstelliger Betrag! Kurz vor Weihnachten kam das abschließende Urteil – das war ein tolles Weihnachtsgeschenk.
Man muss sich übrigens auch nicht dafür schämen. Frauen haben im Beruf ein Recht auf gleiche Bezahlung bei gleichwertiger Arbeit und es ist verboten, sie ungleich zu behandeln. Auch das Argument „Sie hat halt schlecht verhandelt“ ist nicht zulässig. Frau kann sich jederzeit an die AK, Gewerkschaft oder den Betriebsrat wenden, sei es auch nur für ein vertrauliches Beratungsgespräch. Man muss nicht gleich vor Gericht ziehen – es gibt Eskalationsstufen und in Österreich tolle Unterstützung. Gewerkschaftsmitglied zu sein zahlt sich da sehr aus. Der Rechtsschutz von Gewerkschaft oder Arbeiterkammer senkt das finanzielle Risiko, es wird ein Anwalt oder eine Anwältin gestellt, die einen vor Gericht begleiten. Wichtig zu wissen ist: Es geht hier um ein Recht, nicht um einen Wunsch.

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Die Demokratie ist eine Überlebenskünstlerin https://ansch.4lima.de/die-demokratie-ist-eine-ueberlebenskuenstlerin/ https://ansch.4lima.de/die-demokratie-ist-eine-ueberlebenskuenstlerin/#respond Thu, 11 Sep 2025 11:33:19 +0000 https://anschlaege.at/?p=129355 Wer Zuversicht verliert, verliert leichter den Glauben an die Demokratie. Die Politikwissenschafterin Tamara Ehs bleibt auch deshalb zuversichtlich. Interview: Brigitte Theißl und Lea Susemichel an.schläge: Demokratien sind eine junge Errungenschaft – und sie stehen weltweit unter Druck. Haben wir in Europa unterschätzt, wie fragil Demokratien sind?Tamara Ehs: Demokratie, wie wir sie heute kennen, ist an […]]]>

Wer Zuversicht verliert, verliert leichter den Glauben an die Demokratie. Die Politikwissenschafterin Tamara Ehs bleibt auch deshalb zuversichtlich. Interview: Brigitte Theißl und Lea Susemichel

an.schläge: Demokratien sind eine junge Errungenschaft – und sie stehen weltweit unter Druck. Haben wir in Europa unterschätzt, wie fragil Demokratien sind?
Tamara Ehs: Demokratie, wie wir sie heute kennen, ist an den Fortschrittsglauben, das Aufstiegsversprechen und somit an ein bestimmtes Wirtschaftsmodell gebunden, das aber immer krisenanfälliger wird. Das System erfüllt seine Versprechen von Gleichheit und Freiheit nicht mehr für die breite Bevölkerung, sondern vertieft gesellschaftliche Schieflagen. Die Bindung der Demokratie ans Wirtschaftswachstum macht sie in einer postindustriellen Dienstleistungsgesellschaft fragil. Der Gesellschaftsvertrag wird brüchig. Inflation, Realeinkommensverluste, Kriege etc. begründen Zukunftsängste und lassen die Überzeugung schwinden, dass man gut regiert wird und im Alltag von demokratischer Herrschaft profitiert. Die Zuversicht auf eine positive Zukunft ist aber eine wichtige demokratische Ressource. Wenn sie fehlt, findet die autoritäre Versuchung Raum.
Hinzu kommt, dass die politische Bildung seit jeher nur oberflächlich greift. Das Bevölkerungswissen über die Funktionsweise einer liberalen, rechtsstaatlich eingebetteten Demokratie ist mangelhaft. Solange Wahlen stattfinden und man politisch Andersdenkende demonstrieren sieht, könne es so schlimm nicht sein. Dieses Wissensniveau ist ausreichend, solange man mit dem System zufrieden ist. Aber warum sollte man die Demokratie verteidigen, wenn sie nicht liefert? Eine aktuelle Studie von Sergi Ferrer belegt, dass Menschen sich zwar stark für freie Wahlen einsetzen, aber bereit sind, andere demokratische Grundsätze wie Medienfreiheit oder Unabhängigkeit der Justiz zu opfern, wenn sie dafür höhere Einkommen erhalten, man ihnen also bessere Lebensverhältnisse verspricht.

Erleben wir heute eine neue Frontstellung zwischen liberaler Demokratie und autoritärem Nationalismus –vielleicht sogar vergleichbar mit dem Kalten Krieg?
Ich betrachte Autokratisierung und autoritäre Tendenzen – ob nun in Russland oder Österreich – als Vexierbild: Man erblickt eine gescheiterte, nicht abgeschlossene Demokratisierung. Die autoritäre Versuchung besteht, weil sie Entschlossenheit, schnelle Steuerung und Gestaltungsmacht verspricht, wohingegen die Demokratie mit ihren zeitintensiven, rechtsstaatlichen Einhegungen als langsam, einengend und ineffizient empfunden wird. Dies trifft auf eine Bevölkerung, die nach all den Krisenjahren erschöpft ist – der Soziologe Steffen Mau spricht von einer „Veränderungserschöpfung“ – und eigentlich nur gut regiert werden will, egal von wem. Der neue Systemkonflikt besteht nicht mit Russland, sondern mit dem chinesischen Modell eines „lernenden Autoritarismus“. Ich befasse mich mit Bürgerbeteiligung und beobachte, dass zahlreiche chinesische Städte Bürgerhaushalte mit gelosten Teilnehmer:innen durchführen, also partizipative Bürgerinnenbeteiligungen, wie wir sie aus europäischen Städten kennen; denken wir nur an die Wiener Klimateams. China verfolgt damit ein Ziel, das auch in Demokratien zentral ist: good governance. Das Beispiel verdeutlicht, dass das Überleben der Demokratie nicht bloß von mehr Beteiligungsinstrumenten abhängt, sondern wir ihre grundlegenden Versprechen wieder erfüllen müssen.

Die Demokratieverdrossenheit in der Bevölkerung ist groß. Eine neue Studie, die Daten von mehr als 89.000 Befragten aus elf westeuropäischen Ländern analysiert hat, kommt zu dem Schluss: Rechtspopulistinnen wählen vor allem jene Menschen, die im Vergleich zu ihren Eltern einen Statusverlust erleben.
Die einen Statusverlust erleben oder in Zukunft befürchten. Es geht abermals um düstere Zukunftsaussichten. Nachweislich erhöht die Unzufriedenheit mit öffentlichen Dienstleistungen, die unter dem Motto „Sparen im System“ abgebaut werden, den Zuspruch zu rechtsautoritären Parteien. Eine aktuelle Studie von Tarik Abou-Chadi und Kollegen berechnet, dass der Stimmenanteil der AfD bei Geringverdienenden um bis zu vier Prozent zulegt, wenn die Miete um einen Euro pro Quadratmeter steigt. Und das muss nicht einmal die eigene Miete sein, sondern kann die Nachbarn betreffen. Thema sind Ohnmachtsgefühl und Angst vor Statusverlust. Dagegen führt die Ökonomin Isabella Weber eine antifaschistische Wirtschaftspolitik ins Treffen. Eine Mietpreisbremse ist somit eine demokratieverteidigende Maßnahme.
Eindrücklich finde ich auch die Interviews, die Carolin Amlinger und Oliver Nachtwey für ihre Studie „Gekränkte Freiheit“ führten. Darin war der innerhalb nur einer Generation fühlbare Niedergang stets Thema. Für viele Interviewte war die Agenda2010, die Reform des deutschen Sozialsystems und Arbeitsmarkts, eine Zäsur. Weitere Einschnitte brachte die Coronakrise in Bezug auf das Versprechen auf Freiheit und die Inflationskrise bezüglich des Versprechens auf Gleichheit. Jene Brüche innerhalb nur weniger Jahre sind für viele Menschen zu Belegen für die Dysfunktionalität nicht nur des politischen Systems, sondern mitunter für die Demokratie an sich geworden.

Gibt es demokratietheoretische Konzepte, die Sie besonders überzeugend finden und die Antworten auf die gegenwärtigen Herausforderungen bieten?
Neben der antifaschistischen Wirtschaftspolitik muss es darum gehen, diejenigen (wieder) in den politischen Prozess zu holen, die – teilweise zurecht – überzeugt sind, wenig Einfluss zu haben. Der Demokratiemonitor veranschaulicht, dass sich die Zufriedenheit mit dem politischen System zwar zuletzt erholte, jedoch nur bei Menschen im oberen und mittleren Einkommensdrittel. Im unteren Drittel denken nur mehr 21 Prozent, dass das System gut funktioniere. Ich plädiere für ein Konzept, das John Dewey schon vor über hundert Jahren vorstellte: Demokratie als Lebensform. Wir müssen die Demokratie im Alltag verankern, in Schulen, Betrieben, Lehrwerkstätten. Außerdem müssen wir Begegnungsorte schaffen, an denen wir moderiert miteinander sprechen. Dies können Bürgerräte als Ergänzung der repräsentativen Demokratie leisten. Sie bringen Menschen unterschiedlichster Weltanschauungen zusammen. Wenn wir nämlich im Homeoffice arbeiten, online einkaufen, Amtswege in der App erledigen und Essen liefern lassen, fehlen uns beiläufige, aber für die demokratische Gesellschaft wichtige Begegnungen: Interaktionen mit Fremden. Für die Demokratie ist es höchst bedeutsam, dass Menschen anderer Lebensrealitäten und anderer Lebensziele einander zu Kenntnis nehmen und sich austauschen.

Ihr aktuelles Buch trägt den Titel „Verteidigung der Demokratie“. Was gibt Ihnen Zuversicht, dass sie gelingen könnte?
Die Demokratie ist eine Überlebenskünstlerin: Die Geschichte zeigt uns, dass Autokratisierung gestoppt und umgekehrt werden kann – und dass dieser Prozess nicht selten sogar zu einer verbesserten Demokratie führt. Die Datenbank des V-Dem-Instituts weist nach, dass 52 Prozent aller Autokratisierungsepisoden einen „demokratischen U-Turn“ erfuhren. Der Anteil erhöht sich sogar auf 73 Prozent, wenn man sich auf die letzten dreißig Jahre konzentriert. Autokratisierungswellen können prodemokratische Gegenreaktionen auslösen und letztlich eine Verbesserung der Demokratiequalität nach sich ziehen – wenn wir uns darum kümmern. Aufrufe wie „Demokratie verteidigen“ oder „Gegen Rechts“ sind als Empörung verständlich, aber sie müssen politisch konkret werden. Was ist die demokratische Utopie für das Jahr 2050? Die Rechtsextremen haben eine greifbare Vision (Stichwort „Remigration“). Doch welche schöne Zukunft stellen andere Parteien in Aussicht? Wir benötigen eine Zukunftserzählung, die Zuversicht generiert. Demokratien überleben, indem sie das Bild einer gelingenden Zukunft malen.

Tamara Ehs ist Politikwissenschafterin und Demokratieberaterin in Wien und Brüssel sowie Fellow an der Academy of International Affairs in Bonn.

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#SkinnySummer https://ansch.4lima.de/skinnysummer/ https://ansch.4lima.de/skinnysummer/#respond Tue, 17 Jun 2025 14:13:03 +0000 https://anschlaege.at/?p=128019 #SkinnyTok bringt den Magerwahn zurück. Von Elisabeth Lechner Auf „SkinnyTok“ erzählen „Skinny Girls“ vom „Skinny Mindset“. Elisabeth Lechner ist entsetzt von der Rückkehr des Magerwahns, gibt aber die Hoffnung nicht auf. Wer sich dieser Tage auf sozialen Medien bewegt, sieht sich mit einer Form von Dickenfeindlichkeit konfrontiert, die selbst die Resolutesten unter uns mit vor […]]]>

#SkinnyTok bringt den Magerwahn zurück. Von Elisabeth Lechner

Auf „SkinnyTok“ erzählen „Skinny Girls“ vom „Skinny Mindset“. Elisabeth Lechner ist entsetzt von der Rückkehr des Magerwahns, gibt aber die Hoffnung nicht auf.

Wer sich dieser Tage auf sozialen Medien bewegt, sieht sich mit einer Form von Dickenfeindlichkeit konfrontiert, die selbst die Resolutesten unter uns mit vor Entsetzen offenstehenden Mündern zurücklässt. Tief einatmen, wir tauchen kurz gemeinsam ab in die Untiefen von #SkinnyTok, also dem Diät-Content junger, fast ausschließlich weißer Influencerinnen auf TikTok, die die berüchtigten „nothing tastes as good as skinny feels“-Körperideale der 2000er-Jahre – ältere Leserinnen werden sich mit Schaudern daran zurückerinnern – im Vergleich blass erscheinen lassen.

Cleane Girls. Die archetypische Protagonistin von #SkinnyTok ist jung, able-bodied, weiß, mädchenhaft und superfeminin im Auftreten, immer perfekt geschminkt und gertenschlank. Wie sie dahin kam, zeigt sie nicht, denn ein #CleanGirl schwitzt nur abseits von ­Kameras. Ihre Vergangenheit als „ex-fatty“ oder „retired big girl“ taucht nur in einzelnen, unscharfen Bildern eines nicht näher bestimmten „Vorher“ auf, das zur reichweitenstarken Währung in hyper-individualistischen Transformationsnarrativen auf sozialen Medien wird. Wenn das ihr „Nachher“ ist, wenn sie es geschafft hat, kann ich es doch auch – oder? Disziplin und Kontrolle braucht es in allen Lebensbereichen, so das „brutal ehrliche“ Skinny Girl. In „#WhatIEatInADay“-Videos erfahren wir, was das „Skinny Mindset“ für den Bereich der Nahrungsaufnahme bedeutet: Gegessen wird wenig (das Stichwort lautet „Portion Control“) und immer alleine, aber mit Fokus auf Proteine. Wasser und Zitronen-­Brausepulver helfen gegen den Hunger und wer gerade Streifen zur Zahnaufhellung trägt, kann auch nicht essen. Pro-Tipp! Wie ­praktisch.

„Food Freedom“. Ermächtigende Konzepte wie „Food Freedom“, Selbstliebe und intuitives Essen werden in den Videos auf perfide Arten vereinnahmt – wer sich und seinen Körper liebt, fastet und optimiert. In den Hashtags geht es dann aber nicht mehr um #SelfLove, sondern darum, wie man mit einem #CalorieDeficit zum #SkinnySummer kommt. Mit der richtigen Metrik (Minimum 10.000 Schritte am Tag), dem richtigen Content (Fitfluencern folgen! Food Content entfolgen!) und der richtigen Mentalität („Manifestiere! Denke wie ein #SkinnyGirl!“) kannst auch du es schaffen! Manche der Accounts begleiten dich durch motivierendes „Empowerment“ beim Abnehmen, andere schimpfen dich via „Tough Love Fitness“ mit krassen Schuld- und Beleidigungslogiken dünn. 2025 zeichnet sich in Sachen Körpern ein widersprüchliches Bild: Einerseits hat die Body-Positivity-Bewegung der 2010er-Jahre erreicht, dass eine bestimmte Form von kommerziell verträglicher Diversität zur Norm in Werbung und Popkultur geworden ist. Andererseits sehen wir uns konfrontiert mit einem Backlash in Sachen Diversität und einer immer stärker werdenden Welle von Ess- und Körperwahrnehmungsstörungen, gerade unter jungen Frauen, dem Hype um sogenannte „Abnehmspritzen“ sowie digitale Face-Filter und porenfreie KI-Avatare, die verunsichern. Ja, auf der Repräsentations­ebene haben wir Erfolge gefeiert, doch ganz offensichtlich übersetzt sich mehr Sichtbarkeit für unterschiedliche Körper – fast alle absolut normschön und in maximal einem Merkmal abweichend – nicht automatisch in strukturellen Wandel, also mehr Selbstbewusstsein und Körperakzeptanz bei jungen Menschen.

skinny privilege. Lookistische Diskriminierung dominiert weiterhin unseren Alltag. Der Zugriff auf Körper ist in Zeiten von digitalem Kapitalismus, einer krisengebeutelten Gegenwart und dem von den USA bis nach Europa spürbaren Rechtsruck sogar noch drastischer geworden – nicht-weiße, nicht-dünne (und damit vermeintlich nicht-leistungsfähige), queere Körper werden zur Zielscheibe für Angriffe, die reproduktionswillige, häusliche, schöne, weiße cis Frau ist das Ideal. Das haben auch die Skinny Girls auf TikTok erkannt: „Imagine how far pretty AND skinny privilege will get you!“, heißt es zur Motivation in ihren Videos. Schade, dass sie damit die repressiven Strukturen zwar hellsichtig analysieren, aber keine widerständigen Schlüsse daraus ziehen. Stattdessen werden mit immer neu erfundenen Makeln – ganz aktuell „Cortisol-Face“ und „Toebesity“ (googelt lieber nicht) – Unsicherheiten verschärft, und über Beschämungslogiken immer neue Produkte verkauft. Niemand genügt einfach so, der Körper ist immer Arbeit und zu bearbeitendes Projekt. Lookismus wird auf einer individuellen Ebene nicht aufzulösen sein und Schönheitsarbeit kann sich für Einzelne daher immer nur widersprüchlich anfühlen: Einerseits kann es ein Ausdruck von Selbstfürsorge sein und Freude machen, zum Workout zu gehen oder sich zu schminken. Andererseits passiert diese Arbeit am Selbst nicht im luftleeren Raum: Wer in den Körper investiert, macht das nie unabhängig von gesellschaftlichen Schönheitsidealen und hat dadurch Vorteile in allen Lebensbereichen. Doch selbst für die Normschönsten unter uns ist das ein Glücksspiel mit hohem Einsatz und Ablaufdatum – Altern und Krankheit kommt schließlich niemand aus.

Belegbare Nachteile. Gerade für Frauen gilt: Es gibt im Patriarchat keine richtige Art, Frau zu sein. Über immer neue, niemals zu erreichende Ansprüche an unser Äußeres werden wir unter Kontrolle gehalten, mit unseren Gefühlen von Unzulänglichkeit die Profite von Unternehmen der Schönheitsindustrie in die Höhe getrieben. Gewinnerinnen gibt es keine: Wer versucht, sich mit Unmengen an Zeit, Schmerzen, Disziplin, Versagen und Geld diesen irrwitzigen Idealen zu nähern, leidet. Für Genuss, für Miteinander, für Ausgelassenheit ist in diesem strengen Konzept normativer, weiblicher Körperlichkeit kein Platz. Wer sich widersetzt und auf die Standards pfeift, muss mit empirisch belegbaren Nachteilen im Dating, im Job, in der Gesundheitsversorgung und am Wohnungsmarkt rechnen. Und wer kann sich Widerstand überhaupt leisten? Während eine junge, dünne, weiße Frau mit haarigen Achseln vielleicht noch als edgy und rebellisch durchgeht, sind Schwarze Frauen in rassistischen Gesellschaften mit schlimmsten Beleidigungen und Tiervergleichen konfrontiert, wenn ihr Körperhaar-Management als „ungepflegt“ gelesen wird.
Auch wenn uns nun noch mit – teuren – „Abnehmspritzen“ wie Ozempic oder Mounjaro suggeriert wird, jede*r könnte auf Dauer schlank sein, bleibt Gesundheit politisch und nur verstehbar durch das Mitdenken sozio­ökonomischer Rahmenbedingungen. Entgegen der einsamen Realität, die Skinny Girls auf TikTok abbilden, sind wir alle eingebunden in – zutiefst durch Ungleichheit gekennzeichnete – gesellschaftliche Verhältnisse, aus denen sich unterschiedliche Möglichkeiten ergeben, Einfluss auf den eigenen Körper, die Gesundheit und Schönheit zu nehmen: Wer kann sich frisches, nährstoffreiches Essen leisten? Wer hat Zeit für Sport?
Trotz neuer Kulturtechniken zum Abnehmen ist Gesundheit komplex und in kapitalistischen Gesellschaften erschütternd ungleich verteilt.
„Weight Release“. Nach zehn Jahren Forschung zum Thema komme ich zu dem Schluss: Zu Selbstliebe gibt es keinen Shortcut. Wir können Body-Freedom nur erreichen, wenn wir uns dem Schmerz stellen, der all dem Körperoptimierungs-Content auf sozialen Medien zugrunde liegt. Je mehr Kontrolle auf uns ausgeübt, je mehr digitale Medien autokratischen und faschistoiden Überwachungs- und Datenextraktionslogiken folgen, je mehr Rückzug in die Optimierung gefordert wird, desto mehr müssen wir die Vereinzelungslogik von Scham durchbrechen. Desto mehr brauchen wir verstärkt im Analogen Räume für geteilte Verletzlichkeit, das Erzählen und Überwinden unserer Scham-Geschichten und die solidarische Organisierung gegen repressiven Magerwahn.
Für mich gilt auch jetzt, wo Lizzo sich mit „Weight Release“ (etwa Gewichtsbefreiung) statt #BodyPositivity brüstet, was immer schon galt: #RiotDon’tDiet! Es sind düstere Zeiten, aber vielleicht können wir aus einem unverstellten, nüchternen Blick auf die Verhältnisse genug Mut und Wut sammeln, um uns zusammenzutun, den radikalen Spirit der ursprünglichen Fat-Liberation-Bewegung der 1960er und -70er zu bündeln und die Epidemie der Körperunsicherheit an der Wurzel zu packen. Wir können nicht noch eine Generation an den Magerwahn verlieren! Es reicht!

Elisabeth Lechner ist Literatur- und Kulturwissenschaftlerin. Ihre Dissertation zur Body-Positivity-Bewegung erschien 2021 auf Deutsch als „Riot Don’t Diet! Aufstand der widerspenstigen Körper“ bei Kremayr & Scheriau.

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Rechte Influencerinnen ködern junge Frauen mit Promi-Klatsch und Beauty-Tipps – erschreckend erfolgreich. Von Sophia Krauss

Wer ist hier der Bösewicht? Als sich Schauspielerin Blake Lively und Regisseur Justin Baldoni nach dem Dreh des gemeinsamen Dramas „It Ends With Us“ im vergangenen Jahr eine öffentliche Schlammschlacht lieferten, sorgte dies auf sozialen Medien wochenlang für hitzige Debatten. Lively verklagte schließlich Baldoni und warf ihm sexuelle Belästigung und eine Verleumdungskampagne vor, die von der PR-Strategin Melissa Nathan orchestriert wurde. Sie hatte bereits Johnny Depp im Prozess gegen Ex-Frau Amber Heard unterstützt. Frauenhass kommt im Netz gut an, das demonstrierte Nathan einmal mehr: Ein Großteil der Nutzerinnen schlug sich auf die Seite des Regisseurs. Eine von ihnen war Candace Owens, rechtsextreme Meinungsmacherin und ehemalige Moderatorin der einflussreichen US-amerikanischen Plattform „The Daily Wire“.

Verschwörungserzählungen und Workouts. Auf YouTube veröffentlichte Owens stundenlange Analysen des Falls, jede einzelne dieser Folgen verzeichnete mindestens 1,5 Millionen Aufrufe. 65 Prozent ihrer Zuschauenden von Dezember 2024 bis Februar diesen Jahres waren weiblich – ungewöhnlich für Owens’ politische Inhalte. Online ist Candace Owens längst eine – rechte – Marke. Neu jedoch ist ihre Breitenwirkung. Schon 2017 debütierte sie als rechtskonservative Online-Kommentatorin. Seitdem hat sie die jüdische Religionsausübung der Kabbala öffentlich mit Pädophilie verglichen und antisemitische Ritualmordlegenden verbreitet, wonach Jüdinnen christliche Kinder rituell töten würden. Dokumentierte NS-Verbrechen seien „bizarre Propaganda“ und sie behauptete auch, George Floyd sei an einer Überdosis Drogen und nicht an Erstickung gestorben. Die LGBTQIA+-Bewegung nannte sie „satanisch“. Heute will Owens mit ihrer neuen Marke „Club Candace“ Lifestyle-Influencerin werden. Sie hat eine Fitness-App für junge Frauen entwickelt, insbesondere für Mütter nach der Entbindung. Ihr neuestes Buch, das im September erscheinen wird, trägt den Titel „Make Him a Sandwich: Why Women Don’t Need False Feminism“. Aus einem rechtsextremen Milieu hat Owens sich so erfolgreich hinein in den Mainstream katapultiert. Im Interview mit dem Magazin „The Cut“ sagte eine junge US-Amerikanerin, die sich als liberal einstuft, dass sie erst durch die Berichterstattung rund um Blake Lively begonnen hätte, Owens Content zu konsumieren. „Sie will uns zeigen, dass dies überhaupt kein feministisches Thema ist, sondern dass es darum geht, Gerechtigkeit für denjenigen zu erlangen, dem hier Unrecht widerfährt. Sie vereint Linke und Rechte.“

Schön und fruchtbar. Zu einem ähnlichen Befund kommt das rechte US-Frauenmagazin „Evie“: Owens habe es durch ihre Podcasts zum Fall Lively/Baldoni geschafft, Menschen aller politischen Hintergründe zu versammeln. Owens’ antisemitische, rassistische und transfeindliche Inhalte werden dabei gekonnt ausgeklammert. Man zelebriert hingegen, dass Owens Zuseherinnen erreiche, die zwar ihre politische Haltung ablehnten, aber von ihrer Promi-Berichterstattung begeistert waren. Überhaupt würde sich die Rechte zu wenig mit Popkultur beschäftigen und nicht verstehen, wie stark Medien, Kunst und Klatsch Gesellschaften beeinflussen. Man überlasse dieses Feld einfach der Linken. Das will auch das Magazin „Evie“ nicht. Auf den ersten Blick wirkt es wie ein gewöhnliches Hochglanzmagazin. Es geht um Nagellack und Frisuren von Sabrina Carpenter. Es gibt Sextipps wie in der Cosmopolitan – versehen mit dem Zusatz, dass diese „nur für verheiratete Frauen“ seien. Während in anderen Lifestyle-Magazinen in den letzten Jahren auch Body-Positivity und diverse Körperbilder Einzug hielten, setzt „Evie“ auf „objektive weibliche Schönheit“. Man will weg von „woker Akzeptanz“, symbolisiert durch „stark tätowierte, blauhaarige, fettleibige, geschlechtsneutrale Personen“, zurück zur Dominanz weißer, cis-normativer, gebärfähiger Körper. Hinter dem Magazin steht das Ehepaar Hugoboom, die auch eine von Peter Thiel unterstützte Menstruationszyklus-App betreiben, die zur Fruchtbarkeitsplanung anregen soll. „Unsere Fortpflanzungsorgane sind genau dafür gemacht – neues Leben zu erschaffen“, ist in „Evie“ zu lesen, wo auch vor den Gefahren hormoneller Verhütungsmittel gewarnt wird.

Rechts ist jetzt cool. Für den „Guardian“ hat Autorin Anna Silman zu „Evie“, Candace Owens und anderen rechten weiblichen Influencerinnen recherchiert. In ihrer Reportage nennt sie deren Universum die „Womanosphere“: Es sei das Äquivalent zur Manosphere, jener Online-Welt voller Bro-Podcaster wie Theo Von oder Joe Rogan, die junge männliche Nutzer oft mit vergleichsweise unpolitischen Themen wie Wrestling oder Drogen anziehen und sie dann in ein Rabbithole voller Antifeminismus und Verschwörungsideologien führen. Junge Menschen würden online nach authentischen, edgy Stimmen suchen, die ihnen helfen, Meinungen zu entwickeln und ihnen Perspektiven aufzeigen, schreibt Silman – auch junge Frauen. Viele Medienschaffende haben das mittlerweile verstanden und versuchen über Themen wie Popkultur, Wellness, Beauty oder Dating junge Nutzerinnen an ein konservatives Weltbild heranzuführen. „Heute ist es für Jugendliche cool, konservativ zu sein“, sagt Brett Cooper, rechte Influencerin auf YouTube. Die Linke hätte in der Popkultur schon lange genug den Ton angegeben.

Turning Point. All diese Influencerinnen vermitteln immer auch eine konservative Vorstellung von Geschlecht. Oft lehnen sie trans und queere Personen als vermeintlich woke Modeerscheinungen ab. Und sie wünschen sich eine Gesellschaft, in der Frauen und Männer ungestört vom Feminismus endlich wieder ihren „natürlichen“ Eigenschaften nachgehen können. Frauen müssten endlich wieder fürsorglich und schutzbedürftig sein dürfen. Dabei deckt sich ihre Ideologie mit jener der Trump-Regierung: Reproduktive Rechte sollen abgebaut werden, ebenso der Schutz von queeren Personen. Die rechtskonservative Organisation Turning Point, die laut Silman die letzte US-Wahl maßgeblich beeinflusst hat, förderte nach eigenen Angaben rund 350 rechtsgerichtete Influencer*innen. In den letzten Jahren steckte Turning Point mehrere Millionen US-Dollar in den Aufbau rechter Medien. Angesichts des schwindenden Vertrauens der Bevölkerung in tradierte Nachrichtenmedien scheint dies ein erfolgreicher Weg zu sein, rechte Propaganda immer populärer zu machen. Das schlug sich auch bei der US-Wahl nieder: Während junge Frauen 2024 immer noch mehrheitlich demokratisch wählten, schrumpfte Joe Bidens Vorsprung von 35 Punkten im Jahr 2020 auf 24 Punkte für Kamala Harris.
Währenddessen arbeitet Candace Owens an einem neuen Thema: dem Fall Harvey Weinstein. Im Februar enthüllte sie, dass sie den verurteilten Vergewaltiger monatelang im Gefängnis interviewt habe. Ihr Fazit: Er sei das Opfer der MeToo-Bewegung, die „aus so etwas wie einem kriminellen Netzwerk besteht“.

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Die meisten Frauenfiguren sind ziemlich beschissen https://ansch.4lima.de/die-meisten-frauenfiguren-sind-ziemlich-beschissen/ https://ansch.4lima.de/die-meisten-frauenfiguren-sind-ziemlich-beschissen/#respond Tue, 17 Jun 2025 14:12:23 +0000 https://anschlaege.at/?p=128029 Schauspielerin Mavie Hörbiger im Interview über Elfriede Jelineks Stück „Burgtheater“, das sich mit der Geschichte ihrer Familie auseinandersetzt, ihren neuen feministischen Film und eigenartige Rollenangebote. Von YOLA PELLICCIA und LEA SUSEMICHEL an.schläge: Elfriede Jelineks Theaterstück „Burg­theater“, das sich mit Ihren Großeltern Attila Hörbiger und Paula Wessely sowie Paul Hörbiger beschäftigt, hatte mehr als vierzig Jahre […]]]>

Schauspielerin Mavie Hörbiger im Interview über Elfriede Jelineks Stück „Burgtheater“, das sich mit der Geschichte ihrer Familie auseinandersetzt, ihren neuen feministischen Film und eigenartige Rollenangebote. Von YOLA PELLICCIA und LEA SUSEMICHEL

an.schläge: Elfriede Jelineks Theaterstück „Burg­theater“, das sich mit Ihren Großeltern Attila Hörbiger und Paula Wessely sowie Paul Hörbiger beschäftigt, hatte mehr als vierzig Jahre nach seiner Entstehung kürzlich Uraufführung am Burgtheater. In einem Interview sagten Sie, dass Sie zwar Bauchweh hatten, an der Inszenierung mitzuwirken, Sie so aber das Narrativ kontrollieren könnten. Welche Geschichte wollen Sie denn gerne erzählen?
Damit meine ich nicht nur, was ich erzähle, sondern wie die ganze Geschichte erzählt wird. Ich konnte an einigen Stellen sagen: „Das geht zu weit“ – oder „Hier kann man noch tiefer reingehen.“ Attila und Paula haben ja in diesem furchtbaren NS-Propagandafilm „Heimkehr“, der wirklich seinesgleichen sucht, mitgespielt. Darin passiert eine perfide Umkehrung der historischen Tatsachen: Deutsche als Opfer in einem polnischen „KZ“, die angeblich nur friedlich leben wollen – und das kurz vor dem Einmarsch in Polen. Diese Form der Propaganda ist erschreckend effektiv.
Meinen Großvater Paul Hörbiger kennt man vor allem durch lustige Unterhaltungsfilme wie „Hallo Dienstmann“, die ebenfalls während des Dritten Reichs entstanden. Zwar ohne antisemitische Inhalte, aber trotzdem Teil desselben Systems. Der Unterschied liegt eher in der Wirkung: Das eine ist das Aufputschmittel, das andere wie Valium – eine vorgespielte heile Welt.

Sie haben mit dem Zwang gehadert, sich öffentlich mit Ihrer Familiengeschichte auseinandersetzen zu müssen. Dennoch haben Sie es immer wieder getan. Das Ensemble des Stücks hat sich öffentlich gegen Kickl ausgesprochen, Sie persönlich waren Teil der Initiative #ActOut, die sich für die Gleichstellung von queeren Menschen einsetzt. Wieso ist Ihnen das ein Anliegen?
Ich sehe es als Teil meiner Aufgabe – vielleicht sogar als meine Pflicht – meine Stimme zu nutzen, weil mir Menschen zuhören. Für mich gehört das zum Beruf der Schauspielerin: Themen anzusprechen, die mir wichtig sind, und Dinge zu unterstützen, hinter denen ich stehe. Ich bin dankbar, dass ich das darf.

Ihr letzter Film „Die geschützten Männer“ handelt von einer feministischen Revolution, und er zeigt auch, dass es ohne eine fundamentale Änderung gesellschaftlicher, auch kapitalistischer, Verhältnisse nicht gehen wird. Würden Sie das unterschreiben?
Der Film zeigt aber auch, dass es schief gehen kann. Den Begriff Fundamentalismus finde ich persönlich schwierig, aber natürlich wissen wir alle, dass ein Wandel notwendig ist. Ich glaube, jede Frau spürt, dass tiefgreifende Veränderungen anstehen – und auch dringend gebraucht werden. Gleichzeitig bin ich mir bewusst, dass ich viele dieser Entwicklungen wohl nicht mehr vollständig miterleben werde. Aber hoffentlich meine Tochter. Was mir Hoffnung gibt, ist die junge Generation. Ich bin voller Bewunderung für sie, sie sind reflektierter, geradliniger und kämpft mit einer Entschlossenheit, die wir in diesem Alter oft nicht hatten.

Welche Impulse würden Sie mit dem Film gerne setzen?
Was mir an dem Film besonders wichtig ist: Man kann auch lachen. Trotz der ernsten Themen ist es eine Satire – und das hat etwas Befreiendes. Der Film ist auf eine wunderbare Weise verrückt. Meine eigene Rolle ist dabei eine besondere Herausforderung, denn ich spiele eher die Gegenseite – den „Bösewicht“, wenn man so will. Was ich aber besonders spannend finde, sind die unterschiedlichen Figuren und ihre Herangehensweisen. Da ist z. B. eine ältere Politikerin, die fast etwas Donna-­Haraway-artiges hat und versucht, ökologische Aspekte in ihre Politik einzubinden. Dann gibt es die Hauptfigur, die mit ihrem Partner ein alternatives Lebensmodell lebt. Diese Vielfalt zeigt, wie unterschiedlich Frauen denken, handeln und Zukunft gestalten können.

Im Film werden die Machtverhältnisse ziemlich auf den Kopf gestellt. Wie erleben Sie aktuell Machtverhältnisse in der Filmbranche und hat #MeToo dort etwas verändert?
Ich arbeite vor allem in Österreich und hauptsächlich am Theater. Dort beginnen sich die Dinge langsam zu verändern – sehr langsam. Noch immer gibt es meist eine Person, oft ein Mann, der die volle Kontrolle hat. Aber es tut sich etwas. Vor allem, wenn man auf Menschen trifft, mit denen man wirklich ins Gespräch kommt – und wenn der Zusammenhalt unter Schauspielerinnen wächst. Gerade am Theater spüre ich, dass dieser Zusammenhalt stärker geworden ist. Mir ist es wichtig, besonders auf die jüngere Generation zu achten. Ich möchte, dass sich junge Frauen sicher fühlen. Wenn jemand (noch) nicht in der Lage ist, Nein zu sagen, will ich da sein und für sie dieses Nein aussprechen können. Es geht nicht schnell, aber es geht in die richtige Richtung. Und das macht Hoffnung.

Aber es formiert sich auch Widerstand und wir erleben einen Backlash, siehe etwa den Aufschrei wegen des Schuldspruchs von Gérard Depardieu.
Mit dem Begriff Backlash hadere ich etwas – denn vieles von dem, was heute kritisiert wird, war doch immer schon da. Die Machtverhältnisse, das Schweigen, die Strukturen. Was sich geändert hat, ist, dass wir heute offener darüber sprechen. Bewegungen wie #MeToo haben Mut gemacht, Dinge sichtbar zu machen und sich zu solidarisieren.
Während sich gesellschaftlich viel in Bewegung setzt, erleben wir aber tatsächlich ein Wiedererstarken von Nationalismus und rechtem Gedankengut – und da ist die Rolle der Frau meist klar festgelegt: zurück an den Herd. Das hängt für mich direkt zusammen. Mit dieser politischen Entwicklung wächst auch der Druck auf Frauen, sich wieder traditionellen Rollenbildern unterzuordnen.

Sie sagen im Interviewpodcast „Film des Lebens“, dass es mit 45 als Frau in der Filmbranche schwieriger wird, weil „die Angebote weniger und die Rollen immer eigenartiger werden“.
Ich soll Mütter spielen von Schauspielerinnen, die gerade mal 30 sind – total absurd! Es gibt einfach kaum Rollen für Frauen zwischen 40 und 50. Deren Geschichten interessieren offenbar niemanden. Für dieses Jahr habe ich noch kein einziges Drehangebot. Und dann hat sich die Branche so verändert – Castings sind jetzt E-Castings. Ich muss mich selbst filmen, technisch bin ich da aber echt schlecht. Wahrscheinlich habe ich schon Videos geschickt, bei denen die Leute denken: Was macht die da im Dunkeln, total überschminkt, die lachen sich wahrscheinlich tot über mich! Ich frage mich, wie es älteren Kolleginnen damit geht.

Am Theater ist es nicht besser mit den Rollen für ältere Frauen, oder?
Der Theaterkanon ist aus der Sicht eines weißen jungen Mannes entstanden. Für Frauen gibt’s da oft nur die Mutter von Hamlet oder die Amme. Gretchen, Ophelia, Solveig – die werden einem als tolle Rollen verkauft. Aber wenn man genau hinschaut, sind die meisten Frauenfiguren ziemlich beschissen. Sie opfern sich, bleiben sitzen, lieben sich kaputt. Da macht die Amme mehr Spaß – aber man will ja nicht nur die Amme spielen. Zum Glück gibt’s Autorinnen wie Elfriede Jelinek, eine mahnende, starke Stimme. Aber wie man sie hier behandelt hat – gerade der Skandal rund ums Burgtheater – das war unter aller Sau, so etwas wäre einem Mann niemals passiert. Die Geschichte offenbart viel darüber, wie dieses Land mit klugen, unbequemen Frauen umgeht. Jelinek ist eine Göttin, ich bin so froh, dass wir sie in Österreich haben.

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Lesbenparadiese https://ansch.4lima.de/lesbenparadiese/ https://ansch.4lima.de/lesbenparadiese/#respond Mon, 26 May 2025 09:14:37 +0000 https://anschlaege.at/?p=127496 Die Comic-Autorin ULLI LUST hat eine Graphic Novel über den Anfang der Geschichte geschrieben. Spoiler: Es war anders als gedacht. Von Lea Susemichel Bei den Bonobos haben die Weibchen das Sagen. Eine Studie der US-Universität Harvard und des Max-Plank-Instituts für Verhaltensbiologie, bei der die Menschenaffen über dreißig Jahre lang beobachtet wurden, hat nun herausgefunden, wieso […]]]>

Die Comic-Autorin ULLI LUST hat eine Graphic Novel über den Anfang der Geschichte geschrieben. Spoiler: Es war anders als gedacht. Von Lea Susemichel

Bei den Bonobos haben die Weibchen das Sagen. Eine Studie der US-Universität Harvard und des Max-Plank-Instituts für Verhaltensbiologie, bei der die Menschenaffen über dreißig Jahre lang beobachtet wurden, hat nun herausgefunden, wieso das so ist. Es sind Allianzen mit anderen weiblichen Tieren, durch die Bonoboweibchen ihre Macht sichern können, obwohl die Männchen stärker und physisch überlegen sind. „Weibchen unterstützen andere Weibchen, unabhängig davon, wie nah sie sich sonst innerhalb der Gruppe stehen und auch unabhängig davon, welche Gruppenzugehörigkeit sie haben“, so die Bilanz der Wissenschaftler:innen.
Auch die Autorin und Comiczeichnerin Ulli Lust, die sich 2009 mit „Heute ist der letzte Tag vom Rest deines Lebens“ im Graphic-Novel-Genre einen Namen machte, widmet sich in ihrer neuesten Veröffentlichung „Die Frau als Mensch“ u. a. den Bonobo-Gemeinschaften. Im Grunde seien es „Lesbenparadiese“, die Äffinnen würden einander sogar beim Sex vorziehen. Gruppenvergewaltigungen oder Säuglingstötungen, wie sie beispielsweise bei den Schimpansen vorkommen, gibt es bei den Bonobos nicht, dafür Bisswunden und verletzte Penisse bei Männchen, die sich nicht unterordnen.
Ähnlich wie bei den Bonobos sei es wohl auch bei vielen unserer Vorfahr:innen gewesen, zeigt Lust in ihrem detailreich illustrierten Buch. Die Menschheitsgeschichte sei von Matriarchaten und gleichberechtigten Gesellschaften geprägt. Unser Bild vom Steinzeitmenschen als bärtigem Wilden mit Keule, und die Mär von den aggressiven Jägern und den häuslichen Sammlerinnen verdanken wir der androzentrischen und von Männern dominierten Geschichtsschreibung, die von der patriarchalen Gegenwart fälschlich auf die Vergangenheit schloss.
Es sind kleine Figuren wie die der berühmten Venus von Willendorf, die Zeugnis davon ablegen, dass stattdessen Frauen gehuldigt wurden. Und zwar über die allerlängste Zeit. Das Gebiet, in dem sich diese Figurinen finden, erstreckt sich über den halben Globus und über einen Zeitraum von 30.000 Jahren. Es ist die auf 43.000 bis 35.000 v. Chr. datierte Venus vom Hohlefels, die prägend für die Kunst der folgenden dreißigtausend Jahre werden wird. Sie ist das erste Zeugnis einer ikonischen Frauenfigur, die ohne Scham Brüste, Bauch und Vulva präsentiert.
Dass diese selbstbewusste Geste später im Kunstkanon der europäischen Kulturgeschichte männlichen Figuren wie Michelangelos David vorbehalten war, während nackte Göttinnen kauernd ihre Blöße verstecken mussten, hat der Autorin seit frühester Kindheit Rätsel aufgegeben, wie sie im autobiografisch grundierten Kapitel „Scham“ schreibt. Denn schon als Mädchen habe sie angesichts des schutzlos baumelnden Genitals spontan „Penismitleid“ empfunden.

Ulli Lust schreibt keine stringente, feministische Frühgeschichte der Menschheit, sondern springt in den in sich geschlossenen Kapiteln von Menschenknochen zu Menstruationsblut oder der Bedeutung der aus Ocker gewonnenen Farbe Rot. Und sie springt auch in die Gegenwart, wenn sie sich den perfektionierten Jagdkünsten der Khoisan-Buschleute in Botswana und ihrer Vertreibung aus der Khalahari widmet. Trotz Gerichtsbeschluss, wonach die Umsiedlungen rechtswidrig waren, müssen sie dort nun um Jagdrechte und den Zugang zu Wasser kämpfen – während es gleichzeitig Bewilligungen für Safari-Tourismus und Rohstoffabbau gibt.
Zentrales Thema der lesenswerten Graphic Novel ist nicht nur die These, dass es jahrtausendelang die Darstellung einer weiblichen Figur war, die den Menschen an sich repräsentierte. Mit Verweis auf die Forschungen der Anthropologin Sarah Blaffer Hrdy zeigt Lust außerdem, dass es insbesondere die Fähigkeit zu Empathie ist, die den „ultrasozialen“ Menschen erfolgreicher gemacht hat als andere Primaten. Die Menschheitsgeschichte ist demzufolge also gar nicht von Konkurrenz und Aggression geprägt, sondern von Solidarität, so wie sie von freigiebigen Wildbeuter-Gemeinschaften bis heute gelebt wird. Und von den Bonoboweibchen.

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Wir müssen besser werden https://ansch.4lima.de/wir-muessen-besser-werden/ https://ansch.4lima.de/wir-muessen-besser-werden/#respond Mon, 26 May 2025 09:09:07 +0000 https://anschlaege.at/?p=127492 Interview: Regisseurin und Drehbuchautorin Kurdwin Ayub tötet in ihrem Kulturkampf-Musical jeden Tag einen weißen Mann. Im Jahr 2666 regiert Königin Aliah den islamischen Staat Europa. Jeden Tag tötet sie einen weiteren weißen Mann – weil sie alle nerven. Kurdwin Ayub hat für die Volksbühne Berlin ein provokant-pompöses Kulturkampf-Musical erschaffen. Es ist auch eine Reaktion auf […]]]>

Interview: Regisseurin und Drehbuchautorin Kurdwin Ayub tötet in ihrem Kulturkampf-Musical jeden Tag einen weißen Mann.

Im Jahr 2666 regiert Königin Aliah den islamischen Staat Europa. Jeden Tag tötet sie einen weiteren weißen Mann – weil sie alle nerven. Kurdwin Ayub hat für die Volksbühne Berlin ein provokant-pompöses Kulturkampf-Musical erschaffen. Es ist auch eine Reaktion auf Kuratoren, die ihr sagten, ihre Kunst schüre „Angst vor anderen Kulturen“. Und es wird auch bei den Wiener Festwochen gespielt werden. SOPHIA KRAUSS hat mit ihr gesprochen.

an.schläge: In deinem Theaterstück greifst du ähnliche Themen wie in deinen Filmen auf. Was hat die weiblichen Hauptfiguren in „Weisse Witwe“, die Königin Aliah und ihre Tochter, inspiriert? Sie wirken manchmal eher wie eine Satire gegenwärtiger Kulturkämpfe und nicht wie realistische Figuren.
Kurdwin Ayub: Die Königin Aliah ist das Sinnbild althergebrachter rassistischer Erzählungen. Sie ist die Angst der europäischen Gesellschaft vor der Zukunft ihrer Welt – in Form der muslimischen Frau. Aliah personifiziert all das, wovor sich diese Gesellschaft fürchtet: eine männermordende, bauchtanzende, orientalistisch überzeichnete Muslima. Ihre Tochter hingegen steht sinnbildlich für die Gegenwart junger migrantischer Frauen der Gen Z. Sie wollen mit rassistischen Klischees und Vorurteilen brechen. Und doch können auch sie sich nicht gänzlich dem europäischen Blick entziehen. Denn viele dieser antirassistischen Phrasen und Trends – und ich sage ganz bewusst Trends – spiegeln trotzdem die Sichtweise der europäischen Dominanzgesellschaft wider. Und akzeptieren oft nur eine bestimmte Darstellung von BIPoCs. Vielleicht ist also auch Aliahs Tochter ein orientalistisches Bild des Westens, nur auf eine neue Weise. Man merkt, es bleibt kompliziert.

An einigen Stellen im Stück wird eine weiße Linke kritisiert, die sich davor scheut, Kritik an marginalisierten Gruppen zu üben. Auch wenn diese von Betroffenen selbst kommt, erfährt sie oft wenig Solidarität. Hast du damit auch eigene Erfahrungen gemacht?
Deswegen ist das Stück entstanden. Ich komme aus Simmering. Simmering ist ein Wiener Randbezirk – und rechts. Ich habe immer Alltagsrassismus erlebt und komme dann in eine linke Kultur-Bubble, der ich mich natürlich auch selbst zuordnen würde. In den letzten Jahren fiel mir jedoch immer mehr eine Strömung auf, die Personen mit Migrationshintergrund diktiert, wie sie zu sein haben oder welche Kunst sie machen dürfen und welche nicht. Diese Haltungen kommen auch von rassifizierten Personen, und nicht nur von weißen Linken. Ich finde, dass es kein Diktat geben sollte, was Kunst darf. Es entstehen immer mehr Werke von BIPoCs, die exakt jene Kunst machen, die sich der weiße Kulturbetrieb von ihnen wünscht – von ihnen verlangt. Ich finde das tragisch. Mir fällt dabei auf, dass Festivaljurys oft aus weißen Europäerinnen bestehen, die Preise besonders divers vergeben wollen, und wählen dann aus, welche Kunst sie besonders „klischeebefreit“ finden. Und so bestimmen also wieder weiße Europäerinnen, was die „richtige“ Kunst ist: Sie entscheiden, welche migrantische Kunst klischeebefreit und welche problematisch ist. Man muss aber akzeptieren, dass all diese Menschen ihre Geschichten auf ihre Weisen erzählen wollen.

Beeinflusst auch deine kurdische Herkunft deine Kunst und deine Auseinandersetzung mit den Themen Islam, Patriarchat und Rassismus?
Das spielt auf jeden Fall eine Rolle. In der postkolonialen Theorie wurde Ghandi viel diskutiert. Von Aktivisten, die nicht nur die britische Kolonialwelt verurteilt und Unabhängigkeit gefordert haben, hört man hingegen kaum. Es wurde schließlich auch gegen das Kastensystem und die Ungleichheiten in der indischen Gesellschaft angekämpft. All diese Kämpfe werden heute oft vergessen. Es ist unglaublich wichtig, weiße Vorherrschaft zu kritisieren. Aber es gibt auch Schuld und Ausbeutung im Osten. In arabischen Filmen und Serien werden Kurd*innen immer noch als Vergewaltiger und Kriminelle dargestellt, Ungleichheit gibt es nicht nur im Westen. Ich selbst würde mich jedoch weder als Kurdin noch als Österreicherin identifizieren, mir fehlt die kulturelle Verbundenheit. Ich setze mich vielleicht gerade deshalb mit all diesen Widersprüchen aus­einander, weil mir die Identifikation mit jeder dieser Gruppen fehlt.

Du hast in einem Interview gesagt, dass du deine eigene Bubble aufwühlen willst. Du willst weg von dem Anspruch, das Kunst niemanden verletzen darf. War das auch bei „Weisse Witwe“ dein Ziel und hast du es erreicht?
Ich weiß es nicht. Alles, was ich weiß, ist, dass man auch solche Stimmen wie meine hören muss. Ich bin keine Mainstreamkünstlerin. Ich weiß, wer meine Zielgruppe ist, und diese ist kein Querschnitt der deutschen oder österreichischen Gesellschaft. Wir alle leben in Bubbles – und ich habe auch nicht den Anspruch, meine linke Kultur-Bubble fertig zu machen. Ich bin selbst Teil dieser. Aber ich finde es ziemlich schade, nur Kunst zu machen, bei der sich das Publikum auf die Schulter klopft und sich danach sagt: „Wir sind alle gute Menschen. Wir alle haben gute Moralvorstellungen – und das Stück hat das bewiesen.“ Wir müssen besser werden.

Deine Werke behandeln dabei auch immer Themen voller politischer Sprengkraft, gerade in Zeiten eines globalen rassistischen Backlash. Siehst du hier eine eigene aktivistische Verantwortung?
Ich passe stark auf, was aus meinen Filmen oder meinem Stück aus dem Kontext entrissen wird und an die Öffentlichkeit kommt. Bei „Weisse Witwe“ gibt es nur einige Passagen, die in der Presse und im Fernsehen besprochen werden dürfen. Ich will nicht, dass meine Ideen verkürzt und verdreht werden. Wo ich kann, versuche ich Einfluss darauf zu nehmen, welche Headlines entstehen. Oft gibt es reißerische Darstellungen meiner Kunst – komplett aus dem Kontext gerissen. Bei meinem letzten Film MOND will ich z. B. nicht, dass sich Rezensionen nur um die Rolle von Frauen im arabischen Raum drehen. Auch bei meinem Theaterstück achte ich darauf, sensibel mit dem Thema Islam umzugehen. Ich überlege mir sehr genau, was ich wie inszeniere. In dem geschützten Raum eines Theaters oder Kinos sieht man ein ganzes Werk und es wirkt auf einen. Einzelne Stellen, die aus ihrem Kontext entfernt sind, können missverstanden werden. Und ich möchte nicht, dass meine Werke auf effekthascherisches Clickbait heruntergebrochen werden.

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Den Blick zurückwerfen https://ansch.4lima.de/den-blick-zurueckwerfen/ https://ansch.4lima.de/den-blick-zurueckwerfen/#respond Mon, 31 Mar 2025 05:14:08 +0000 https://anschlaege.at/?p=126098 Die Schriftstellerin Mareike Fallwickl hat für die Schauspielerin Stefanie Reinsperger ein Stück über Sisi geschrieben. Lea Susemichel hat die beiden bei Probenstart zum Interview am Burgtheater getroffen, wo „Elisabeth!“ unter der Regie von Fritzi Wartenberg im April uraufgeführt wird. an.schläge: Im Stück gibt es den Satz, dass Sisi nur als „Cash Cow“ funktionieren kann, wenn […]]]>

Die Schriftstellerin Mareike Fallwickl hat für die Schauspielerin Stefanie Reinsperger ein Stück über Sisi geschrieben. Lea Susemichel hat die beiden bei Probenstart zum Interview am Burgtheater getroffen, wo „Elisabeth!“ unter der Regie von Fritzi Wartenberg im April uraufgeführt wird.

an.schläge: Im Stück gibt es den Satz, dass Sisi nur als „Cash Cow“ funktionieren kann, wenn sie je nach Zeitgeist immer wieder neu erzählt wird. Und deswegen gäbe es jetzt auch eine Neuerzählung von Sisi als feministischer Galionsfigur. Tatsächlich war sie ja eigentlich Antifeministin, es gibt Statements von ihr, wonach Frauen sich nicht in politische Geschäfte einmischen sollten und sie selbst sich nicht für Politik interessiert. Wie wollen Sie die Figur erzählen?
Stefanie Reinsperger: Aus der Sicht einer Schauspielerin, die eine Figur spielt, wäre meine Antwort: Es gibt nicht nur zwei Seiten, es gibt sehr, sehr viele. Wenn ich an Rollen rangehe, versuche ich es mir, aber auch einem Publikum, nicht einfach zu machen. Elisabeth ist eine historische Figur, zu der alle eine Meinung haben. Für mich besteht der Kern des Stücks darin, dass Mareike sagt: Es gibt so viel, was auf diese geschichtliche Figur schon draufgepappt wurde, wir versuchen das jetzt eher abzutragen.
Fallwickl: Wir wollen sie eher aus Schubladen rausholen, als sie da jetzt wieder reinzustecken.

Sie beide haben Bücher über die Wut und das Wütendsein geschrieben. Welche Rolle spielt Wut in diesem Stück?
Fallwickl: Was hat eigentlich nicht mit Wut zu tun? Ich glaube, wenn ich schreibe, spielt Wut immer eine Rolle. Wut ist ein völlig legitimer Grund, etwas zu tun als Frau im Patriarchat, oder?
Reinsperger: Absolut. Für mich hat alles zumindest immer mit Spielwut zu tun. Als Schauspielerin ist dieses Auswüten auf einer Bühne mit einem fantastischen Text für mich immer ein toller Spielantrieb.

Ist Elisabeth eine wütende Figur?
Fallwickl: Ist sie wütend? Ja. Aber sie ist auch traurig und enttäuscht, alles. Ein Anliegen des Textes ist sicher, sie einfach menschlich zu zeigen. Man darf auch rausgehen nach diesem Theaterabend und anfangen, das zu erforschen. Was hat das in mir ausgelöst und warum?
Reinsperger: Wir proben ja erst seit einer Woche, da machst du etwas heute so und morgen so. Genauso, wie es unendlich viele Möglichkeiten gibt, sich dieser Figur textlich zu nähern, gibt es unendlich viele Möglichkeiten, etwas zu spielen. Diese Suche – sie ist ja das Tolle am Proben! Und das Tolle am Theater ist, dass es Fragen aufwirft und keine Antworten liefert, ich bin ja auch nicht gescheiter als irgendwer da im Publikum. Ich will vielmehr alle Menschen dazu ermutigen: Das, was du im Theater siehst und spürst und erfährst, das ist wahr! Eine ganz falsche Erwartung ans Theater ist: Ihr müsst auf alles Antworten haben und Lösungen anbieten.

Es gibt von Liv Strömquist die Graphic Novel „Im Spiegelsaal“, in der sie darlegt, dass Sisi verfolgt, regelrecht „tyrannisiert vom eigenen Bild“ war, von diesem ikonischen Bild mit dem Diadem im Haar, das wir alle kennen. Strömquist zeigt, wie rigide ihr Schönheitsregiment war, das quälende Prozedere mit den langen Haaren, die zur Gewichtsentlastung angebunden wurden, ihre Sportsucht, im Stück ist von „Schönheitssucht“ die Rede. Dieser Kampf gegen den eigenen Körper verhindert den Kampf gegen das Patriarchat: Lässt sich das auch für die Gegenwart noch so sagen?
Fallwickl: Ja, genau. Das Stück ist ein Versuch, diesen Blick auf sie zurückzuwerfen. Die ganze Zeit schreiben wir und drehen Filme über sie, machen sie auch gerne ein bisschen lächerlich mit ihrem Schlankheitswahn und dem Sportwahn und so weiter. Jetzt soll sie sich auch einmal hinstellen dürfen und das zurückwerfen und fragen: Und was ist mit euch? In welcher Form ist das denn heute irgendwie anders oder besser?

Stefanie Reinsperger, Sie sind immer wieder öffentlich gegen Bodyshaming und Gewichtsdiskriminierung aufgetreten. Hat Sie die Figur auch deswegen interessiert, weil es bei Elisabeth so stark um den Körper und seine Disziplinierung ging?
Reinsperger: Ich bin in allererster Linie Schauspielerin und freue mich, mich darin auch zu verlieren. Aber natürlich gibt es Themen oder Passagen, die sehr nah an einem dran sind, das Thema gehört dazu. Aber ich war selber überrascht beim Lesen, dass es auch ganz andere Themen sind, die mir nahegehen, man verändert sich ja auch, wird älter, blickt anders auf die Dinge.

Sehr selten wird ja die politische Wirksamkeit von Kunst so schön deutlich, wie bei dem Fall eines Salzburger Landespolitikers, der nach der Lektüre von „Die Wut, die bleibt“ tatsächlich seine Karriere beendet hat, um sich mehr um sein Kind kümmern zu können. Bei Ihnen beiden hat Ihre Arbeit immer auch mit gesellschaftspolitischem Engagement zu tun, also Dinge anstoßen und verändern zu wollen, oder?
Reinsperger: Ja, ohne den Glauben, dass Theater eine kathartische Wirkung hat, könnte ich gar nicht da rausgehen. Das ist für mich der Ur-Antrieb beim Theatermachen, um etwas laut zu machen, etwas darstellen und sich in den Dienst eines Themas, einer Figur, einer Sache zu stellen, eben mit dem Wesen, dem Körper und Mensch, der man so ist.
Fallwickl: Ich werde in Interviews oft gefragt, warum ich politische Literatur schreibe, warum ich es mir so schwer mache und den Lesenden auch. Erstens finde ich, das spricht allen ab, dass sie mündige, gesellschaftskritische Menschen sind. Es stimmt ja nicht, dass die Leute sich nicht für die eigenen Lebensumstände interessieren, weil die eh nur am Handy scrollen und Netflix schauen wollen. Sie sind da, sie hören zu und sie füllen alle unsere Säle.
Und ich finde es auch scheinheilig, dass bei allen, die was verändern wollen, alles sofort politisiert wird. Dabei ist jede patriarchale Erzählung genauso politisch! Die tut nichts anderes, als die gängigen Machtstrukturen zu zementieren in einer ewigen Reproduktion dieser Erzählmuster.

Es gibt im Stück Parallelsetzungen mit historischen Figuren und Personen, Rosa Parks und Gisèle Pelicot kommen z. B. vor. Die Analogie wird dabei immer über den Körper vollzogen, über „die liliengleichen Hände“, die Rosa Parks z. B. nicht hatte.
Fallwickl: Diese Parallelsetzungen zeigen: Es hat sich nie geändert. Es war immer dasselbe, egal wo, egal in welchem Jahrhundert, egal welche Frau. Ich will den Blick weiten, sodass es nicht nur dieser Spot auf Elisabeth ist, sondern sie sagen kann: Ich bin die eine Frau, die ihr dauernd anschaut, aber ich bin eigentlich alle Frauen und alle Frauen sind ich.
Es geht dabei nicht nur ums Körperliche, sondern auch darum, die Muse sein zu müssen, während die Männer die Genies sind, die über Jahrhunderte Reichtum, Erfolg und Ruhm auf sich versammeln, während es ja – ganz egal, in welchem Bereich, von Wissenschaft über Kunst bis hin zur Literatur – oft genug Frauen waren, die Ideen, Entdeckungen usw. geliefert haben. Daraus erwächst ja auch eine Wut hoffentlich.
Reinsperger: Ja, darum geht es im Kern, dass sie zurückblickt. Und vor allem ist das eine Elisabeth, die seit 127 Jahren verstorben ist und mit diesem Blick auf die Welt schaut. Die sagt: Ihr seid so dran gewöhnt, mich anzuschauen – heute schaue ich mal zurück.

Stefanie Reinsperger ist eine österreichische Film- und Theaterschauspielerin. Sie gehörte dem Berliner Ensemble an, kehrte 2024 aber ans Wiener Burgtheater zurück. 2022 veröffentlichte sie ihr erstes Buch „Ganz schön wütend“.
Mareike Fallwickl ist eine österreichische Autorin, deren 2022 erschienener Roman „Die Wut, die bleibt“ bereits als Theaterstück adaptiert wurde. Zuletzt von ihr erschienen: „Und alle so still“.

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Die Gebärmaschinerie https://ansch.4lima.de/die-gebaermaschinerie/ https://ansch.4lima.de/die-gebaermaschinerie/#respond Sat, 23 Nov 2024 00:43:32 +0000 https://anschlaege.at/?p=121565 Dammrisse, Inkontinenz von Stuhl und Harn, Einrisse in der Beckenbodenmuskulatur: Viele Frauen werden nach der Geburt schlecht nachversorgt. Darüber gesprochen wird selten, die Patientinnen damit oft alleingelassen. Von Julia Pühringer Regina K. (Name von der Redaktion geändert) ist Physiotherapeutin. Sie betreut Frauen nach einer Geburt: Sie kommt dort zum Einsatz, wo das System versagt hat. […]]]>

Dammrisse, Inkontinenz von Stuhl und Harn, Einrisse in der Beckenbodenmuskulatur: Viele Frauen werden nach der Geburt schlecht nachversorgt. Darüber gesprochen wird selten, die Patientinnen damit oft alleingelassen. Von Julia Pühringer

Regina K. (Name von der Redaktion geändert) ist Physiotherapeutin. Sie betreut Frauen nach einer Geburt: Sie kommt dort zum Einsatz, wo das System versagt hat. Ihre Klientinnen kommen mit Diagnosen in die Praxis, über deren Bedeutung sie nie aufgeklärt wurden, oft haben sie bei der Geburt Schlimmes erlebt. Vielen fehlen die Worte, um zu beschreiben, was während der Geburt passiert ist und wie es ihnen geht. Häufig zieht Regina eine Psychotherapeutin hinzu. Sie erklärt alles, was sie tut, Schritt für Schritt, bittet für jede einzelne Berührung um Erlaubnis.
Es greift ein System des Beschönigens und Verschweigens. Gesellschaftlich aufrechterhaltene Trugbilder von perfekten vaginalen Geburten, wunderbaren Stillbeziehungen und binnen Tagen wundersam verheilenden Frauen­körpern sorgen dafür, dass sich viele Mütter als Versagerinnen wahrnehmen: Nur bei ihnen scheint nicht zu funktionieren, was die Natur doch so schön und glücklich machend eingerichtet hat. „Es kann sich physiologisch nicht ausgehen, was von Müttern erwartet und auf Instagram propagiert wird: eine ausgeschlafene, fröhliche Frau mit flachem Bauch, an deren Körper und Seele sowohl Schwangerschaft als auch Geburt und die darauffolgende komplette Lebensumstellung völlig spurlos vorübergegangen sind“, sagt Regina.

IN FLIPFLOPS AUF DEN GROSSGLOCKNER. Viele Frauen wissen nicht, was bei einer vaginalen Geburt auf sie zukommen kann. Auch im Geburtsvorbereitungskurs werden mögliche Komplikationen selten thematisiert. „Vor jeder Operation werden Patient:innen aufgeklärt. Niemand würde einer Operation zustimmen, ohne die Risiken zu kennen oder abgewogen zu haben. Vor jeder Bergtour informiert man sich über die Route, mögliche Schwierigkeiten und entscheidet danach. So sollte es bei Geburten auch sein. Man muss sein persönliches Risiko kennen, um darauf reagieren und die richtigen Entscheidungen treffen zu können. Es wäre die Aufgabe von Ärzt:innen und Hebammen, sachlich, unaufgeregt und ehrlich mit den Schwangeren zu kommunizieren“, so beschreibt eine Patientin von Regina, was sie gebraucht hätte. „So wie es jetzt läuft, ist es so, als würde man in Flipflops auf den Großglockner gehen“, bleibt Regina bei der Metapher.

„FREU DICH DOCH!“ „Es gibt ein Tabu, darüber zu reden, dass etwas scheiße läuft, dass der Körper nicht funktioniert und dass es Frauen deshalb auch einfach sehr schlecht geht“, sagt Regina. Bei ihr sitzen die Patientinnen dann mit Tränen in den Augen in der Praxis. „Dammriss 3“ steht auf ihrem Befund. Ab dem dritten Grad ist beim Dammriss, einer Verletzung des Bereichs zwischen Scheidenrückseite und Darmausgang, der anale Schließmuskel teilweise oder ganz gerissen. Es braucht Mut, davon zu erzählen. Vom herabwürdigenden Erlebnis, in der Öffentlichkeit plötzlich Stuhl an ihren Beinen entlangrinnen zu spüren und ihn auch zu riechen. Von der Hilflosigkeit. Dabei hätte die dazu führende Verletzung manchmal verhindert werden können. Bei Faktoren wie einem Kindsgewicht über vier Kilogramm steigt das Risiko für Dammverletzungen. „Das Gewicht meiner Tochter wurde falsch eingeschätzt. Bei dem Gewicht hätte man mich über das Risiko einer natürlichen Geburt aufklären und zumindest einen Kaiserschnitt ‚anbieten‘ müssen“, erzählt eine von Reginas Patientinnen. Der Ablauf der Geburt hat sie verstört und traumatisiert zurückgelassen. Sie spricht von einer „Schockstarre“, dem „Gefühl des Ausgeliefertseins“. Auch das Umfeld reagiert oft mit Unverständnis. „Freu dich doch!“, heißt es dann.
Diese Vereinzelung kennt Regina aus ihrer Praxis gut. Die Tabuisierung des Themas verhindert zusätzlich, dass sich Frauen austauschen oder auch Rechenschaft vom Krankenhaus fordern. Dafür, sich zur Wehr zu setzen, lässt ihnen ihre aktuelle Lebenssituation meist nicht die Kraft. Selbst wenn Patientinnen, um sich Klarheit zu verschaffen, den Geburtsbericht anfordern, steht oft nicht darin, was sie erlebt haben. Da fehlt dann beispielsweise die Anwendung des Kristeller-Griffs, bei dem Druck auf den Bauch ausgeübt wird, um das Kind herauszudrücken. Er wird inzwischen nicht mehr empfohlen, aber immer noch angewendet. Ein mündlich bestätigter Dammriss vierten Grades ist im Protokoll plötzlich nur mehr „3b“. Wenn Fehler passieren, werden sie oft nicht protokolliert. „Es existiert nicht, dass man einen Fehler macht“, erzählte ihr eine Gynäkologin aus dem Krankenhaus. „Und wenn, dann dürfen wir es unter gar keinen Umständen zugeben.“ Eine Patientin bekommt vom zugezogenen Gutachter, der gar nicht vom Fach ist, zu hören: „Glauben Sie wirklich, dass ein Kollege von mir einen Fehler gemacht hat?“

AUF BIEGEN UND BRECHEN. Was muss sich ändern? „Im Grunde beginnt das im Kindergarten. Schon Mädchen müssen Begriffe für ihre Sexualorgane haben. Das ist eine wichtige Prophylaxe generell. Frauen müssen ihren Körper richtig wahrnehmen können“, sagt Regina. „Wir müssen über den Vorgang der Geburt ehrlich reden, damit Frauen informiert Entscheidungen treffen können.“ Sie rät werdenden Eltern, sich selbst schlau zu machen, mit einer umfassenden Aufklärung dürfe man nicht rechnen.
Ein weiteres Problem: „Wir pressen diesen biologisch komplexen Vorgang, der auf verschiedene Weisen ablaufen kann und seine eigene Zeit braucht, in eine rigorose Struktur, der er sich auf Biegen und Brechen anzupassen hat.“ „Ich hatte das Gefühl, eine Nummer zu sein, die nach Zeitplan ein Kind gebären soll“, erzählt eine Patientin. „Mir hat der Arzt, der sich nicht einmal vorgestellt hat, zuerst in die Vagina gegriffen, bevor er mir überhaupt ins Gesicht geschaut hat“, erzählte eine andere. Krankenhäuser haben zudem einen streng hierarchischen Aufbau, an dem die, die oben sind, gerne festhalten, auch aus finanziellen Gründen. Wünschenswert wären interdisziplinäre Führungsteams. „Im Mittelpunkt muss die Frau stehen, schon in der Schwangerschaft, und so betreut werden, wie sie es braucht, da gehören die Hebammen dazu, die Ärzt:innen, die Physiotherapeut:innen, auch die Psycholog:innen und die Pflege natürlich“, fasst es Regina zusammen.
Stattdessen werden Personen, die Missstände aufzeigen und ansprechen, bedroht. Ohne Fehlerkultur und genaue Dokumentation ist keine Veränderung in der Praxis möglich. Auch eine gewisse Abstumpfung den Gebärenden und ihrer Schmerzen gegenüber macht sich bemerkbar – anders kann dieses System gar nicht aufrechterhalten werden.

„WIE BEIM FLEISCHHAUER.“ Zum Tragen kommt auch die ständige Abwertung des weiblichen Körpers. Es ist nicht selbstverständlich, dass auf die korrekte anatomische Rekonstruktion des Körpers von Müttern überhaupt Wert gelegt wird – als hätte es keine Bedeutung, dass Frauen mit ihrem Körper, ihren Vulven, weiterhin Freude und Wohlbefinden empfinden wollen. Regina hat auch schon schief zusammengenähte Vulvalippen in ihrer Praxis erlebt. Andere Patientinnen haben starke Schmerzen, weil Muskeln oder Schleimhaut nicht gut vernäht wurden. Einmal hat sie sich bei einer vaginalen Untersuchung gestochen, weil sich noch ein Nadelfragment im Körper der Patientin befand. Oder es wurde so viel Nahtmaterial verwendet, dass die Gleitfähigkeit des Gewebes nicht mehr gegeben war. „Es ist wie beim Fleischhauer“, sagt sie, wenn sie sich erinnert. „Dass dieser wichtige und große Moment in so einer Weise abläuft, ist ein Armutszeugnis für unsere Gesellschaft.“

Lektüreempfehlung:
Martina Lenzen-Schulte:
„Untenrum Offen: Der Beckenboden nach der Geburt. Verharmlost – ignoriert – tabuisiert“

Medizinische Kontinenzgesellschaft Österreich: kontinenzgesellschaft.at

Berichte über den früheren Umgang mit Frauen in Krankenhäusern, gesammelt von Wiener Feministinnen der 70er-Jahre,
finden sich im Sammelband

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Unlocked https://ansch.4lima.de/unlocked/ https://ansch.4lima.de/unlocked/#respond Thu, 10 Oct 2024 07:45:59 +0000 https://anschlaege.at/?p=120623 Die Tänzerin und Performerin Iris Omari Ansong verarbeitet in ihren Performances Hoffnung, Emanzipation und Pleasure. Von HANNAH SCHMIDT. Unser Körper ist ein Medium. Durch ihn nehmen wir wahr und werden wahrgenommen. Alle Situationen, denen wir durch, in und mit unserem Körper ausgesetzt sind, schreiben sich in ihn ein, sagt Iris ­Omari Ansong: „Dadurch spiegeln sich […]]]>

Die Tänzerin und Performerin Iris Omari Ansong verarbeitet in ihren Performances Hoffnung, Emanzipation und Pleasure. Von HANNAH SCHMIDT.

Unser Körper ist ein Medium. Durch ihn nehmen wir wahr und werden wahrgenommen. Alle Situationen, denen wir durch, in und mit unserem Körper ausgesetzt sind, schreiben sich in ihn ein, sagt Iris ­Omari Ansong: „Dadurch spiegeln sich in jeder kleinen oder noch so unauffällig scheinenden Situation auch politische Systeme und unsere Gesellschaft wider.“ Wenn jemand als weiblich gelesene Person auf die Straße geht und Menschen diese Person z. B. nicht durchlassen, ihr nicht ausweichen, „dann mag das wirken wie eine Feinheit, aber das ist es nicht. Man spürt immer eine gewisse Rolle, die einem zugeschrieben wird, eine Sichtbarkeit oder Unsichtbarkeit.“ Und selbst, wenn man zu Hause chillt oder sich in einem sicheren Raum bewegt, wird diese kollektive Erfahrung spürbar.

In ihrer Arbeit als Tänzerin und Performerin legt Iris Omari Ansong den Finger in genau diese Wunde: „Meine aktive Arbeit besteht darin, diese Unterdrückungen und Repressionen wegzunehmen und aufzubrechen“, sagt sie. „Es geht darum, sich Dinge zu erlauben und zurückzuholen“, und zwar ganz konkret, physisch, körperlich. Im Laufe ihres Studiums der zeitgenössischen Tanzpädagogik in Wien, während eines Auslandssemesters in Istanbul, begann sie sich an tänzerische Traditionen und Bewegungen heranzutasten, die sie bis dahin unbewusst von sich ferngehalten hatte: „Ich habe in Lucille Aires‘ Tanzklassen begonnen, Female Dancehall und Afro House zu tanzen, und die Begegnung mit ihr war ein unlocking moment“, erzählt sie und lacht. Sie hat sich dort, wie sie erzählt, eine ganze tänzerische Ausdruckswelt zurückerobert.

In ihrem letzten Projekt „BUNX – dripping in the jelly of the black atlantic“ zelebrierte sie diese Erfahrung zusammen mit Andrea Vezga Acevedo, mirabella paidamwoyo* dziruni und Yours Izundu auf der Bühne: In einer kraftvollen Performance, einem regelrecht „verkörperten Manifest“, forderten die Tänzer*innen ihre physische Freiheit, ihre Sinnlichkeit und Sexualität zurück. Im Mittelpunkt stand das Twerking als Tanzform, mit der alle vier regelmäßig arbeiten – eine Praxis mit langer Geschichte: „Die Bezeichnung ‚Twerk‘ ist noch recht jung“, sagt Iris Omari Ansong. „Man findet diese Art von Hüftbewegungen viel in afrikanischen und afrodiasporischen Kontexten seit Generationen. Twerk ist eine Tanzform mit einer langen Geschichte und Verbindung zu afrodiasporischen Traditionen. Gleichzeitig ist es eine Schwarze Tanzform der Gegenwart.“ Wenn sie Twerk unterrichtet, erzählt sie weiter, „gehen die Leute jedes Mal mit einem Strahlen aus der Tanzstunde. Diese Erfahrung macht was mit einem – sowohl der Tanz an sich als auch die Entscheidung, eine sensual oder sexual Seite von sich zuzulassen, in einem Raum, in dem man sich sicher fühlt. Das ist sehr empowernd und emanzipierend.“ In BUNX verbanden die Performer*innen ihre geteilten Erfahrungen, Verletzungen und Kämpfe auf Grundlage der Idee des Black Atlantic: „Ein Konzept, eine Methode, ein Tool, das davon ausgeht, dass es eine Kultur gibt, die afrikanisch, amerikanisch, karibisch und europäisch zugleich ist“, sagt Iris Omari Ansong, „verbunden durch die Route des trans­atlantischen Sklavenhandels – eine Kultur, die all das umfasst und gleichzeitig ist.“ Das daraus entstandene Black Atlantic Thinking reflektiert verschiedene diasporische Perspektiven und ist wirkungsvoll: „Es verschafft mir einen Zugang zu schweren Themen, kollektiven Traumata, Schmerz, aber auch Hoffnung“, sagt Iris Omari Ansong.

Als Schwarze Person, die im mehrheitlich weißen Österreich Kunst macht, sei ihr besonders wichtig, sich immer wieder bewusst zu machen, dass die migrantische Kulturszene wächst – und dass sowohl Ausführende als auch das Publikum von der Vorstellung wegkommen müssen, dass es sich bei PoC- und Schwarzen Künstler*innen um eine „Minderheit“ handle: „Dieses Minderheitendenken hat so etwas Kleinmachendes“, sagt sie, „dabei haben wir es mit der globalen Mehrheit zu tun.“

Aus BUNX ist dementsprechend ein Verein hervorgegangen, gegründet von Iris Omari Ansong und Andrea Vezga Acevedo, „weil wir unbedingt in diesem Team weiter zusammenarbeiten wollen“: Milk and Thorns ist der sprechende Name – Milch und Dornen. Nährendes und Schützendes. Der Titel beschreibt eine reale Utopie: einen Ort, an dem Menschen ihre volle individuelle, kollektive und körperliche Kraft entdecken und entfalten können.

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Mal nicht das ­Einhorn sein https://ansch.4lima.de/mal-nicht-das-einhorn-sein/ https://ansch.4lima.de/mal-nicht-das-einhorn-sein/#respond Thu, 10 Oct 2024 07:45:17 +0000 https://anschlaege.at/?p=120621 Was Frauen* mit Behinderungen brauchen, um ihre Rechte einfordern zu können, und wie der neue Verein FmB versucht, Strukturen für Crip-Futures zu schaffen.Von EVA ROTTENSTEINER Um seine Rechte einfordern zu können, brauchen Frauen* zwei Dinge: materielle Sicherheit und ein eigenes Zimmer. Was Virginia Woolf eigentlich für Schriftstellerinnen postuliert hat, lässt sich auch auf den Kampf […]]]>

Was Frauen* mit Behinderungen brauchen, um ihre Rechte einfordern zu können, und wie der neue Verein FmB versucht, Strukturen für Crip-Futures zu schaffen.
Von EVA ROTTENSTEINER

Um seine Rechte einfordern zu können, brauchen Frauen* zwei Dinge: materielle Sicherheit und ein eigenes Zimmer. Was Virginia Woolf eigentlich für Schriftstellerinnen postuliert hat, lässt sich auch auf den Kampf im Patriarchat übertragen. Viele Frauen* mit Behinderungen haben jedoch weder materielle Sicherheit noch ein eigenes Zimmer, etwa wenn sie in Heimen oder WGs leben. Auch im übertragenen Sinne fehlen Räume, in denen sie sich politisch vernetzen können. Das will der Verein FmB, die Interessensvertretung Frauen* mit Behinderungen, ändern. Es ist der bislang einzige unabhängige politische Zusammenschluss von Frauen* mit Behinderungen in Österreich. „Wenn nicht wir, dann macht es keiner“, so der Gedanke der Gründerinnen Heidemarie Egger, Julia Moser und Eva-Maria Fink.

Safer Spaces ohne Selbsterhöhung. Auch Schwarze Feministinnen wie bell hooks betonten die Bedeutung von Safer Spaces gegen rassistische und sexistische Unterdrückung und zur Förderung kollektiver Resilienz. Gerade jene Mitglieder, die beruflich für die Rechte von Menschen mit Behinderungen kämpfen, schätzen den geschützten Raum: „Auch mal darüber reden, was schwerfällt und mal nicht die starke Person sein zu müssen, weil man sonst nicht ernst genommen wird oder es Bewunderung regnet.“ Übertriebene Komplimente und Bewunderung für ganz normale Handlungen erleben Menschen mit Behinderungen häufig. „Inspiration Porn“ nannte das die verstorbene behinderte Aktivistin und Komikerin Stella Young. Dabei störe weniger die Bewunderung, schließlich ist es ein Kraftakt, in einer ableistischen Welt zu navigieren. Was aber mitschwingt: „Behindert zu sein muss miserabel sein, zum Glück bin ich normal.“ „Bei FmB können wir uns gut ohne Selbsterhöhung untereinander bewundern“, sagt Egger.

Für Frauen* mit Behinderungen sind aktivistische Räume, in denen es um ihre Rechte geht, oft mit Ausschlüssen verbunden. „Die typische Person, die Menschen mit Behinderungen vertritt, ist ein Mann mit Behinderungen zwischen vierzig und fünfzig“, sagt Egger. Man habe übersehen, sich als Bewegung mit Themen wie Sexismus oder Rassismus auseinanderzusetzen. Das zeige sich auch in einem fehlenden Verständnis für intersektionale Diskriminierung. Heidemarie Egger erklärt es so: „Wenn ich in meinem Alltag Abwertung erlebe, frage ich mich oft, ob ich die erlebe, weil ich eine Frau bin oder weil ich eine Behinderung habe oder wegen beidem kombiniert.“

Auch in feministischen Räumen fällt es oft schwer, sich in die Lebensrealität behinderter Frauen* hineinzuversetzen. Heidemarie Egger überrascht das nicht. Während Frauen* ohne Behinderungen etwa gleichen Lohn oder faire Aufteilung von Sorgearbeit fordern, kämpfen Frauen* mit Behinderungen nebenbei noch für die Basics: um einen Ausbildungsplatz, barrierefreie gynäkologische Untersuchungen oder einfach selbst entscheiden zu dürfen, wann man duscht. „Es ist anstrengend, immer das behinderte Einhorn zu sein, mit dem niemand relaten kann“, sagt Heidemarie Egger.

WERTVOLLE WERKZEUGE. Dazu kommen andere Barrieren. ÖGS-Dolmetschung, barrierefrei zugängliche Vernetzungslokale oder ein Austausch in Leichter Sprache muss oft erst eingefordert werden. „Barrierefreiheit wird als belastend wahrgenommen, als etwas, das man extra organisieren muss und wofür kein Budget eingeplant war“, erzählt Egger. Man wird schnell als mühsam abgestempelt oder gleich selbst zur Beauftragten für Barriere­freiheit.

Das kostet viel Kraft und Ressourcen, die man oft nicht hat. Auch Frauen* mit Behinderungen übernehmen zu Hause die meiste Sorgearbeit und müssen dazu noch ihre Behinderung managen. Je nach Behinderung oder chronischer Erkrankung bedeutet das etwa, Anträge für Finanzierungen stellen, das Persönliche-Assistenz-Team koordinieren, Therapietermine wahrnehmen, mit den begrenzten „Spoons“ (siehe Glossar) haushalten. FmB-Treffen finden nur in barrierearmen Gebäuden statt. Schriftdolmetschung und ÖGS wird nach Bedarf organisiert. „Barrierefrei heißt auch, Pausen zu machen und sich zu überlegen, wie man Gespräche in kleineren Runden fördert“, sagt Egger.

Durch erschwerte Zugänge zu feministischen Räumen bleibt auch der Zugang zu Strategien beschränkt. „Dabei böten gerade feministische Diskurse wertvolle Werkzeuge für Frauen* mit Behinderungen“, sagt Egger. Etwa könnten Bewältigungsstrategien von BIPoC-Frauen* für erlebte Mikroaggressionen im Alltag hilfreich sein: Wenn eine blinde Frau* mal wieder ohne ihre Zustimmung über die Straße gezerrt, eine Frau* mit Lernschwierigkeit mal wieder als einzige geduzt oder mal wieder nur mit der Begleitperson gesprochen wird.

EMPOWERMENT THROUGH WELLNESS. Ein Blick in Schwarze Geschichtsbücher zeigt die in Vergessenheit geratenen solidarischen Kontinuitäten zwischen Schwarzen Aktivist:innen und Menschen mit Behinderungen. Nach dem Leitsatz „Empowerment through Wellness“ entstanden im Rahmen des nationalen „Black Women’s Health Projects“ der 80er-Jahre unterstützende Räume für Schwarze Frauen* und Mädchen, in denen sie sich über gesundheitliche Herausforderungen austauschen konnten. Auch Frauen* mit Behinderungen erhielten hier Unterstützung durch die Gruppe. Außerdem wären das berühmte „504 Sit-in“ von 1977, bei dem behinderte Aktivist:innen für 25 Tage das Gebäude des US-Sozialministeriums in San Francisco besetzten und die Verankerung ihrer Rechte einforderten, ohne die tägliche Versorgung mit Suppe durch die Black Panthers nicht möglich gewesen. Auch bei FmB spürt man diese Solidarität und erzählt von dem wertvollen Austausch mit feministischen BIPoC-Gruppen.

VON CRIP-WISSEN PROFITIEREN. Feministische Diskurse wiederum könnten von Crip-Wissen profitieren, gerade in Bezug auf kollektive Fürsorge und solidarische Netzwerke. Menschen mit Behinderungen werden in unserer Leistungsgesellschaft vielfach als wirtschaftlich nicht verwertbar und somit als wertlose, verzichtbare Körper markiert. Noch immer brauchen Jugendliche mit sonderpädagogischem Förderbedarf eine Genehmigung, um die Matura machen zu dürfen. Vor allem jungen Menschen mit ­Lernschwierigkeiten bleibt oft einzig die Möglichkeit, in einer Werkstätte für ein kleines Taschengeld anstatt für Lohn zu arbeiten. Ein eigenes Zuhause außerhalb von Heimen können sie sich niemals leisten. Frauen* mit Behinderungen werden in ihrem Leben oft klein gemacht, erzählt Egger: „Vielen von uns wurde nie etwas zugetraut.

Es ist deshalb Teil der Vereins-DNA, einander Wertschätzung zu zeigen und ein bestärkendes Netzwerk zu sein.“ Bei FmB-Treffen steht die gegenseitige Unterstützung im Vordergrund, ob durch Tipps für Ämterkontakt, den Umgang mit Mobbing am Arbeitsplatz oder durch tröstende Worte, wenn der Arzt oder die Ärztin einem mal wieder nicht glaubt.

REVOLUTIONS BEGİN WITH REST. In einer Gesellschaft, die bestimmte Körper systematisch vernachlässigt, ist es eine Form des Widerstands, Gemeinschaften kollektiver Fürsorge zu schaffen. Auch bei FmB versuchen die drei Gründerinnen, eine neue Art der Zusammenarbeit zu schaffen. „Manchmal müssen wir Projekte absagen, weil uns doch die Ressourcen fehlen. Oft geht es sich mit all den Barrieren im Alltag nicht aus. Wir tragen das gemeinsam und versuchen, nachsichtig mit uns zu sein“, sagt Egger.

Mehrfachmarginalisierte Crips wie Frauen* mit Behinderungen brauchen barrierefreie Räume, die anerkennen, dass alle Menschen in ihrem Dasein aufeinander angewiesen sind und Bedürfnisse wie menschliche Fürsorge teilen. Und sie brauchen Räume, in denen man Pausen machen kann, wieder zu Kräften kommt, um sich Crip-Futures vorzustellen. Oder wie die queere, behinderte Autorin und Assistenzprofessorin für Gender und Sexuality Studies Shayda Kafai schreibt: „Revolutions begin with rest, with time to think, feel, and create our way into dreaming new realities.“

Eva Rottensteiner ist freie Autorin, sie schließt aktuell ihren Master in Politikwissenschaft und Gender Studies ab. Sie ist Mitglied beim Verein FmB.

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»Wir brauchen eine Gesamtschule« https://ansch.4lima.de/wir-brauchen-eine-gesamtschule/ https://ansch.4lima.de/wir-brauchen-eine-gesamtschule/#respond Mon, 02 Sep 2024 11:35:42 +0000 https://anschlaege.at/?p=120026 Der Film „Favoriten“ beobachtet feinfühlig den Alltag einer Lehrerin und ihrer Klasse an Wiens größter Volksschule. Zum Kinostart hat CLEMENTINE ENGLER mit ILKAY IDISKUT über ihren Beruf gesprochen und darüber, wie Chancengleichheit im Bildungssystem aussehen könnte. Der zehnte Wiener Gemeindebezirk ist nicht nur der bevölkerungsreichste, sondern wird nicht erst nach den Messerattacken auf dem Reumannplatz […]]]>

Der Film „Favoriten“ beobachtet feinfühlig den Alltag einer Lehrerin und ihrer Klasse an Wiens größter Volksschule. Zum Kinostart hat CLEMENTINE ENGLER mit ILKAY IDISKUT über ihren Beruf gesprochen und darüber, wie Chancengleichheit im Bildungssystem aussehen könnte.

Der zehnte Wiener Gemeindebezirk ist nicht nur der bevölkerungsreichste, sondern wird nicht erst nach den Messerattacken auf dem Reumannplatz auch als der gefährlichste bezeichnet. In Favoriten sprechen fast vierzig Prozent der Bewohner*innen Deutsch nicht als Muttersprache. Drei Jahre lang begleitete die österreichische Filmemacherin Ruth Beckermann in diesem multikulturellen Umfeld eine engagierte Lehrerin und ihre Volksschulklasse. Das Ergebnis ist der subtile und gleichzeitig tief berührende Dokumentarfilm „Favoriten“, der seine Weltpremiere auf der diesjährigen Berlinale feierte und danach die Diagonale eröffnete. Aus dem Blickwinkel der sieben- bis zehnjährigen Schüler*innen erzählt der Film von Ängsten und Wünschen, von Herausforderungen und Zusammenhalt. Trotz seiner konsequenten Zurückhaltung gelingt es dem Film, die gravierenden Probleme im österreichischen Bildungssystem deutlich sichtbar zu machen.

an.schläge: Welche Rolle spielen Volksschulen im Lebenslauf eines Menschen?

Ilkay Idiskut: Eine sehr wichtige. Ich glaube, diese Zeit prägt am meisten, denn hier werden die Grundsteine gelegt. Und wenn die nicht gut gelegt sind, können die Schüler*innen oft die nächsten Schritte ihres Bildungswegs nicht gut meistern. Es fehlt ihnen etwas Wesentliches. Das erkennen sie dann in der Mittelschule und im Gymnasium.

Wie sind Sie an die Volksschule in Favoriten gekommen?

Ich habe während meines Lehramtsstudiums im 13. Gemeindebezirk Hietzing an einer Volksschule begonnen. Damals gab es schon einen Personalmangel, daher kam die Jobzusage sehr schnell. Die Klasse war toll, aber im Vergleich zu meiner Schule in Favoriten auch komplett anders, weil in Hietzing alle Kinder Deutsch als Muttersprache hatten und zu Hause gefördert wurden. Genau genommen war es eine „Vorzeigeklasse“. Die Kinder haben Klavier und Violine gespielt, waren im Fußballverein oder beim Turnen. Die Eltern haben ihre Kinder in allem unterstützt, weshalb sie sehr viel konnten. Was wir dort in einer Stunde durchgenommen haben, würde in Favoriten niemals so funktionieren. Nach einem Jahr habe ich aus verschiedenen Gründen gewechselt und bin in Favoriten gelandet. Hier habe ich Kinder kennengelernt, die mehr Unterstützung von mir brauchen.

Sie reden viel über das aktuelle Weltgeschehen und damit verbundene Werte. Was möchten Sie den Kindern mitgeben?

Wir müssen einander respektieren, um Konflikte zu vermeiden. Ich begegne den Kindern auf Augenhöhe, um ihnen diesen Respekt zu vermitteln, und wünsche mir das im Gegenzug von ihnen, auch untereinander. Deshalb lasse ich sie aussprechen, egal ob ich ihre Meinung richtig finde oder nicht. Wenn ein Kind äußert, dass es Krieg gut findet, versuche ich, nicht negativ zu reagieren. Ich möchte niemanden bloßstellen, sonst könnte es passieren, dass sich das Kind mir nie wieder öffnet. So möchte ich ihnen ein respektvolles Miteinander beibringen und zeigen, wie man respektvoll diskutieren kann, egal ob das Gegenüber ein Kopftuch oder ein Kreuz um den Hals trägt, Schweinefleisch isst oder nicht. Diese Themen gibt es bei uns. Und wenn so Respekt geschaffen wird, kann es auch in der Gesellschaft funktionieren.

Der Film zeigt Missstände im Bildungssystem auf, mit denen Sie zu kämpfen haben. Was bräuchten insbesondere die Volksschulen?

Wir bräuchten mehr helfende Hände in den Schulen. Aufgrund des Personalmangels gibt es keine Lehrer*innen, die angestellt werden können. Unsere Schüler*innen verkehren sehr oft in ihrer eigenen Community. In Favoriten gibt es viele Geschäfte, in denen auf Türkisch eingekauft werden kann; das Gleiche gilt für bosnisch-kroatisch-serbisch-sprachige und arabischsprachige Kinder. Oft scheitert es daran, dass viele Kinder der deutschen Sprache gar nicht mächtig sind. Deshalb brauchen wir muttersprachliche Personen in den Schulen, die gut Deutsch sprechen und sich um bestimmte Kinder kümmern. Außerdem müssen wir multiprofessionelle Teams an die Schulen holen, denn wir Lehrer*innen sind keine Sozialarbeiter*innen, Ärzt*innen, Psycholog*innen oder Coaches. Wir sind für den Unterricht verantwortlich, aber aktuell machen wir viel mehr. Wir fühlen uns verpflichtet und dabei gehen Deutsch- oder Mathestunden verloren. Die Kinder müssen aber eine angemessene Bildung erhalten, um später als Erwachsene gute Jobchancen zu haben. Sonst kann das zu gesellschaftlichen Konflikten führen.

Welchen Einfluss hatten Ihre Eltern auf Ihre Bildung?

Meine Eltern sind aus der Türkei und meine Muttersprache ist Türkisch. Während der Zeit der Gastarbeiter-Anwerbung ist mein Vater in Europa herumgereist und hat sich dann in Österreich niedergelassen. Nachdem meine Eltern geheiratet hatten, ist meine Mutter nachgekommen. Meine Mutter hat uns oft vorgelesen – auf Türkisch und Deutsch. Meinem Vater war es immer wichtig, dass wir etwas erreichen. Er hat uns deshalb überall hingefahren, egal ob zur Schule oder später während meines Studiums zur weit entfernten Praxisschule. Er hat sich wirklich sehr bemüht.

Was muss sich grundsätzlich am Bildungssystem für mehr Chancengleichheit ändern?

Wir müssen in Österreich einiges verändern und moderner werden, statt hinterherzuhinken. Die Gesetze, auf denen unser Bildungssystem basiert, wurden vor sechzig Jahren verfasst. Es ist eine Tatsache, dass viele Kinder in Österreich mit vielen verschiedenen Sprachen leben. Das muss gesehen werden. Wir brauchen endlich besser durchdachte Konzepte, die gemeinsam mit Fachleuten erarbeitet werden, nicht mit Menschen, die noch nie in einer Volksschule waren. Die Kinder haben hier andere Bedürfnisse.

Wie könnte eine Veränderung konkret aussehen?

Ich bin für die Einführung einer Gesamtschule. Das Selektieren direkt nach der Volksschule halte ich für völlig falsch. Wenn zehnjährige Kinder auf die Mittelschule gehen, statt aufs Gymnasium, stempeln wir sie ab. Oft hängen die Schulnoten auch von den Leistungen der Eltern ab. Wenn mit den Kindern ordentlich gelernt wird, schaffen sie es eher aufs Gymnasium. Mit einem Gesamtschulansatz könnten die Klassen auch besser durchmischt werden. Ein weiteres generelles Problem ist die Klassengröße. Außerdem sollten die Deutschförderklassen für Kinder, die kein Deutsch sprechen, abgeschafft werden. Dort sitzen Kinder in völlig überfüllten Klassen, um Deutsch zu lernen, wobei manche alphabetisiert sind und andere nicht. Oft sind es Flüchtlingskinder. Das ist eine Verschwendung von Ressourcen, weil eigenes Personal eingesetzt wird, aber bei der Klassengröße eine gute Betreuung unmöglich ist.

Kinostart AT: 19. September 2024

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Sind queere Partys noch subversiv? https://ansch.4lima.de/sind-queere-partys-noch-subversiv/ https://ansch.4lima.de/sind-queere-partys-noch-subversiv/#respond Mon, 02 Sep 2024 11:29:57 +0000 https://anschlaege.at/?p=120024 Die queere Partykultur in Wien verändert sich — insbesondere seit der Pandemie. Was bedeutet es für die Community, wenn etablierte Räume verlorengehen? Von VERENA KETTNER. Als ich vor einigen Monaten auf der Website meines Lieblingsclubs herumscrollte, war meine Aufregung groß: Auf dem Programm stand ein queerer Rave – Neuland für den Veranstaltungsort. Gar keine Frage, […]]]>

Die queere Partykultur in Wien verändert sich — insbesondere seit der Pandemie. Was bedeutet es für die Community, wenn etablierte Räume verlorengehen? Von VERENA KETTNER.

Als ich vor einigen Monaten auf der Website meines Lieblingsclubs herumscrollte, war meine Aufregung groß: Auf dem Programm stand ein queerer Rave – Neuland für den Veranstaltungsort. Gar keine Frage, ich musste die Party-Crew zusammentrommeln. So vielversprechend das Event auch klang, so enttäuschend war dann allerdings die Erfahrung vor Ort. Es gab eine Drag Show, ein mit Lichterketten gekennzeichnetes Awareness-Team und eine Crowd, die sämtliche queere Codes draufhatte: viel nackte Haut, ein bisschen kinky Rave-Style mit cuten Accessoires. Cool und soft gleichzeitig. Es gab überdurchschnittlich viele Mullets, rosa Herzen-Sonnenbrillen und Choker, die wir schon in den 90ern um den Hals trugen. Der Style der Partygäste war allerdings auch schon das Queerste, das dieser Rave zu bieten hatte. Weder die Auswahl von DJs und Musik hatte irgendwas mit queerer Partykultur zu tun noch die Atmosphäre oder das Publikum. Es feierten dort dieselben Druffies wie jedes Wochenende, nur eben besser gestylt.

DER VERLUST QUEERER ORTE. Meine Erfahrung deckt sich mit den Ergebnissen des aktuellen Forschungsprojekts „QUEERDEM“ von Soziologin Laura Wiesböck. Ein Teil dieser Untersuchung von queerer demokratischer Praxis spürt der Veränderung der queeren Partykultur in Wien seit Beginn der Covid-Pandemie nach. Queeres Nachtleben ist eng verknüpft mit Befreiungsbewegungen und hat nicht nur historisch betrachtet eine wichtige Rolle für die LGBTQIA+-Community gespielt, sondern erfüllt auch heute Bedürfnisse von Queers nach sicheren Räumen, Kollektivität und Intimität. Im Rahmen der Covid-Pandemie gingen während der Lockdown-Bestimmungen, die sich an einem heteronormativen Familien­bild orientierten, viele dieser Orte verloren. Die pandemiebedingten Effekte wie fehlende Einnahmen sowie steigende Miet- und Energiekosten und die folgende Inflation setzten die Nachtclubszene gehörig unter Druck, zehn Prozent aller Clubs in Wien mussten zusperren. Dem queeren Nachtleben setzten die Maßnahmen besonders zu.

QUEER IST MAL WIEDER MAINSTREAM. Schon lange vor der Pandemie eroberte queere Ästhetik und Subkultur den Mainstream, besonders in linken Kreisen ist sie geradezu schick. „Queerfreundliche“ Partyreihen schossen aus dem Boden. Da allerdings einige explizit queere Orte und Veranstaltungsreihen die Lockdowns nicht überlebten, stellen diese queerfreundlichen Partys inzwischen einen Großteil des queeren Party-Angebots. Im Zuge der Pandemie ist das Party-Angebot zudem insgesamt geschrumpft. Die wenigen Partys, die mit einer queeren Ästhetik werben, ziehen somit ein größeres und durchmischteres Publikum an, auch außerhalb der Queer-Community.

Das Problem: Einen Safer Space für Queers bieten sie nicht. Die ästhetische Aneignung von queerer Kultur führt im Gegenteil dazu, dass nicht mehr klar lesbar ist, wer aus welchem Grund queere Codes trägt und wer deshalb beispielsweise angesprochen werden kann, ohne auf Beleidigungen oder Gewaltandrohungen zu stoßen. Besonders schwule Männer äußerten dieses Bedenken in der Studie, so Laura Wiesböck.

Und auch die sexpositive Szene hat in den vergangenen Jahren in Wien Räume erobert. Was erstmal positiv scheint, führt jedoch dazu, dass queere Partyreihen kurzerhand einfach zu sexpositiven Partys umfunktioniert wurden, die sich als „queerfriendly“ definieren. Hinter vielen dieser sexpositiven Partys steckt allerdings ein unternehmerisches Interesse, weswegen ein größeres und breiteres Publikum angesprochen wird. Explizit queere Clubs und Bars gibt es hingegen kaum, was nicht nur dem Community-Feeling schadet, sondern auch Unwohlsein bei queeren Partygästen auslöst. In einem Club, der nur hin und wieder queere Partyreihen hostet, sind schließlich auch Security und Personal nicht unbedingt sensibel drauf.

GEGEN MANNLICHE DOMINANZ. Der Wunsch nach rein queeren Orten innerhalb der Szene in Wien ist groß, so das Ergebnis von Wiesböcks Forschungsprojekt – doch auch hier unterscheiden sich die Bedürfnisse. ­Queere FLINTA fordern beispielsweise vor allem queerlesbische Räume, um einer männlichen Dominanz, die auch von schwulen Männern reproduziert wird, zu entgehen. Auch ­sichere Party-Räume für hetero cis Frauen sind ihnen ein Anliegen: Heteras würden schließlich besonders gerne auf queeren Partys feiern, um toxischer Männlichkeit beim Feiern zu entgehen. Junge Queers hingegen wünschen sich vor allem mehr konsumfreie Räume zum Feiern. In Wien gibt es zwar solche Räume, allerdings zu wenige, mit zu geringen Förderungen und ohne Inflationsanpassungen – sie kämpfen also permanent ums Überleben. Auch die Akademisierung der queeren Partyszene wird im Forschungsprojekt kritisiert. Als studierende Person wird man auf einer queeren Party erfahrungsgemäß mit mehr Interesse in Gespräche eingebunden, als wenn man einer Lehre nachgeht. Ebenso kritisch besprochen werden das Weißsein vieler queerer Partys und die Trennung der unterschiedlichen Generationen. Ältere Queers kritisieren außerdem eine gewisse Entpolitisierung der jüngeren Partykultur: Sie fürchten, dass ein politisches Communitybuilding verloren gehe und nur noch das Feiern im Vordergrund stehe, was wiederum die queere Mainstreamisierung bestärkt und beispielsweise im Hype um Drag sichtbar werde.

EXKLUSIVITAT ALS POSITIVER BEGRIFF? In einer links-queeren Szene hat Exklusivität zwar einen schlechten Ruf, im Zusammenhang mit queeren Partys ist sie allerdings eine positive Referenz. Da queeres Nachtleben Räume für das Ausprobieren von Identitäten, Begehren und Körperlichkeiten bieten sollte, ohne hegemonialen Normen und dem Male Gaze ausgesetzt zu sein, wird das Mainstreaming von queerer Ästhetik zu einem Sicherheitsproblem. Wenn Menschen sich queere Codes aneignen, ohne die damit verbundene gesellschaftliche Diskriminierung und Gewalt fassen zu können, schafft das mehr Unsicherheiten für Queers. Die Exklusivität bestimmter (Party-)Räume hingegen kann Sicherheiten schaffen. Und das geht aus dem „QUEERDEM“-Projekt ganz deutlich hervor: Ein sicheres queeres Nachtleben ist ein Bedürfnis ganz unterschiedlich verorteter Queers.

Vielleicht werden in den nächsten Jahren viele neue queere Partyreihen entstehen, vielleicht sogar neue Bars oder Clubs. Ich hoffe sehr darauf. Solange das aber noch eine eher entfernte schöne Vorstellung ist, würde ich zumindest gerne mit meinen queeren Liebis auf Partys gehen, die wieder ein bisschen mehr nach Utopie riechen und auf denen ich mich als queere Person sicher fühlen kann. Dabei muss Sicherheit nicht unbedingt Exklusivität bedeuten, aber die neoliberale Aneignung queerer Ästhetik sollte definitiv exkludiert werden. Denn das geht sich einfach nicht aus.

QUEERDEM ist ein Forschungsprojekt, das von der Stadt Wien Kultur finanziert und von März 2023 bis August 2024 am Institut für Höhere Studien durchgeführt wird. Die Wissenschaftler*innen Laura Wiesböck, Ekat Osipova und Ella O’Connor beschäftigen sich darin mit den vielfältigen Ungleichbehandlungen von queeren Personen in deren diversen Lebensrealitäten sowie mit queeren Praktiken, alltagsbezogenen Wahrnehmungen und Perspektiven von LGBTQIA+-Personen in Wien.

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Willenskraft und Bärenspray https://ansch.4lima.de/willenskraft-und-baerenspray/ https://ansch.4lima.de/willenskraft-und-baerenspray/#comments Tue, 18 Jun 2024 10:22:10 +0000 https://anschlaege.at/?p=118764 Betania Bardeleben in der Nähe von Luxor, Ägypten.Ist Alleinreisen für Frauen gefährlich? Betania Bardeleben war auf dem Fahrrad von Ägypten bis nach Wien unterwegs und stellt sich diese Frage immer wieder. Schon seit Stunden bin ich allein auf der Schotterstraße in den Bergen Nordkurdistans unterwegs. Ich bin vor Morgengrauen gestartet, um ein paar Stunden ohne sengende Sonne zu genießen. Außer dem Wind […]]]> Betania Bardeleben in der Nähe von Luxor, Ägypten.

Ist Alleinreisen für Frauen gefährlich? Betania Bardeleben war auf dem Fahrrad von Ägypten bis nach Wien unterwegs und stellt sich diese Frage immer wieder.

Schon seit Stunden bin ich allein auf der Schotterstraße in den Bergen Nordkurdistans unterwegs. Ich bin vor Morgengrauen gestartet, um ein paar Stunden ohne sengende Sonne zu genießen. Außer dem Wind ist alles um mich herum ruhig. Nichts bewegt sich. Schließlich höre ich hinter mir einen Motor, der langsam lauter wird. Ich drehe mich beim Fahren um und sehe, dass sich ein Auto genähert hat. Die zwei Männer darin schauen mich ausdruckslos an und fahren mehrere Minuten langsam hinter mir. Komm schon, fahr vorbei, denke ich mir. Ich will mich auf die steile Bergstraße und die physische Anstrengung konzentrieren. In der kargen Natur zu fahren kann sehr meditativ sein. Die hundert, tausend Kilometer, die ich auf dem Fahrrad ­zurücklege, sollen Spaß machen. Stattdessen bin ich ständig damit beschäftigt, mir Sorgen um meine Sicherheit zu machen. Zu dem Zeitpunkt bin ich bereits vier Monate lang unterwegs, gestartet war ich in Ägypten. Doch erst seit einer Woche ist mein früherer Reisepartner nicht mehr dabei und ich bin – als Frau – allein unterwegs.

Ich habe kein Messer und keinen Pfefferspray dabei. Ich war schon oft allein mit dem Rucksack unterwegs und bin dabei auch getrampt, aber fühlte mich dabei nie unsicher. In keiner Reisesituation habe ich die Bedrohlichkeit von männlich gelesenen Personen so zu spüren bekommen wie auf dieser Fahrradreise. Was bedeutet ein gesundes Gefahrenbewusstsein, wenn man sich nicht von der Angst vor Männern einschränken lassen möchte?

UMWEGE UND KLARE GRENZEN. An einem anderen Tag rufen mir Männer von einer abgelegenen Tankstelle aus etwas auf Türkisch zu. Ich verstehe, dass ich zu ihnen ins dunkle Tankstellenbüro kommen und Tee trinken soll. Ich ignoriere sie, woraufhin sie lauter und verärgerter rufen und mir schwerfällig hinterhertraben. Aber auf dem Rad bin ich schneller. Nach dieser Begegnung entscheide ich mich, einen vierzig Kilometer langen Umweg über eine viel befahrene Autobahn zu nehmen, um zu einem größeren Ort zu kommen. Nur, um nicht zelten zu müssen. Um in einem Zimmer zu schlafen, das man abschließen kann. Diese Entscheidung fühlt sich an wie Versagen und den ganzen Abend denke ich an die Begegnungen, die ich mir durch diese Entscheidung entgehen lasse.

Ist Alleinreisen für Frauen nicht viel zu gefährlich? Sara Qui kann diese Fragen nicht mehr hören. Die Spanierin mit chinesischen Wurzeln ist im April 2022 von ihrer Heimatstadt Saragossa aus in Richtung China gestartet und seitdem allein mit dem Rad unterwegs. Frauen, Männer, Kinder aller Länder fragen: Hast du keine Angst? „Ich kann nicht anders, als etwas traurig zu werden, wenn sie mich das fragen. Natürlich habe ich Ängste und ich habe auch meine Vorurteile. Ich versuche, aufmerksam zu sein, die Ängste zu reflektieren. Wir sind alle von Natur aus risikoscheu“, sagt sie.

„ES WIRD ALLES GUT“. Die Südtirolerin Anna Palmann ist auf einer ihrer Solotouren von ihrer Heimat aus bis nach Georgien geradelt. „Es ist ein Balanceakt zwischen auf der Hut sein und sich trauen. Wenn ich jemanden frage, ob ich im Garten zelten kann, werde ich oft nach Hause eingeladen. Das nehme ich nur an, wenn es auch Frauen im Haushalt gibt. Allein reisen ist schon anders, wenn man kein Mann ist. Beim Trampen am Bein berührt und nach einem Kuss gefragt zu werden, kann schon mal passieren. Da sagt man einfach nein und fertig. Man darf diesen Personen nicht erlauben, sich abschrecken oder traumatisieren zu lassen.“

In manchen Ländern nutzte es, zu behaupten, sie sei verheiratet und einen „Ehering“ am Finger zu tragen. In Ostafrika hat das wenig gebracht. „Da hieß es dann: I don’t care, give me sex“, erzählt Anna. Ihre Abweisung wurde aber respektiert. „Abgesehen von den Gedanken um meine Sicherheit empfand ich das Fahrradfahren als empowernd. Mehr als das Autostoppen, weil man vollkommen unabhängig ist und nicht als hilflos wahrgenommen wird“, findet sie.

Vielleicht bekomme auch ich als Fahrradreisende Respekt, wenn ich erzähle, dass ich den Weg von Ägypten bis hierher aus eigener Kraft gefahren bin. Vielleicht schüchtere ich Männer so ein, vielleicht nicht. Aber ich werde definitiv anders angeschaut.

Auch Hannah Birke ist mit dem Rad unterwegs, von Berlin aus in die Osttürkei. Wenn Hannah abends durch Dörfer in der Balkanregion fährt, in denen nur betrunkene Männer auf der Straße sind, kommen Gefühle des Ausgeliefertseins hoch. Dann versucht sie so zu tun, als ob sie ein Mann wäre. „Wenn hinter mir ein Auto langsam gefahren ist, habe ich mich aufgeplustert und bin gefahren wie ein Mann“, sagt sie grinsend. Nachts im Zelt versucht sie sich einzureden, ihre Ängste seien unberechtigt. „Ich hab mir Ohrstöpsel in die Ohren getan, um keinen Mucks mehr zu hören, alles still zu machen. Mir gesagt: Rational betrachtet gibt es keine Gefahr und Angst ist irrational.“ Dazu überredet sie sich, um den Schlaf nicht den Sorgen zu opfern. Sie will daran glauben, dass alles gut wird.

EINEN GANG RUNTERSCHALTEN. Sich allein auf den Weg zu machen, lohnt sich jedenfalls. Für einige Zeit konnte ich mich so der Schnelllebigkeit der Welt und ihrem Produktivitätsdrang entziehen. Immer noch werden Frauen eher bemitleidet, wenn sie Zeit allein verbringen.

Ich litt viele Jahre lang unter Essstörungen und kann immer noch nicht behaupten, ganz davon weg zu sein. Bewegung und Schreiben wurden für mich zu dem, was einer Therapie am nächsten kam. Diese lange Fahrradtour war perfekt für mich. Nach einigen Wochen auf dem Rad bekam ich erstmals in meinem Leben meine Periode verlässlich jeden Monat. Es tat gut, den ganzen Tag in frischer Luft in Bewegung zu sein und zu staunen, was mein Körper kann, ohne ihn für sein Äußeres zu bewerten. Die Gefühle und Begegnungen des Tages festzuhalten und Zeit zu haben, das Erlebte zu reflektieren. Endlich wieder zu lernen, intuitiv zu essen. Mit jedem Kilometer und Höhenmeter die Kraft des eigenen Willens zu spüren. Die Befriedigung, seine zwei Outfits abends mit der Hand zu waschen. Das Rad selbst zu reparieren. Ein Feuer zu machen, wenn es nachts kalt wird. Endlich wieder durchzuschlafen. Das tat gut.

Es ist ein riesiges Privileg, alleine reisen zu können, die nötigen Mittel und den Reisepass dafür zu haben. Die Gründe, um eine Solotour zu starten, mögen individualistisch motiviert sein. Aber ich stelle schnell den entscheidenden Vorteil des Fahrrads fest: Menschen wollen einem nahekommen. Sie sehen eine Geschichte, sehen die Situation, sind offen für Gespräche und laden in ihre Häuser ein, kommen auf einen zu. Auf diese Weise kann man unabhängig reisen, ohne sich den Leuten aufzudrängen.

Keine Angst zu haben kann helfen, Vorurteile abzubauen. So wurde mir riesiges Vertrauen entgegengebracht. Auch unterwegs mit meinem männlichen Partner durften wir im Raum neben den Kindern der Familie schlafen. Obwohl wir die Menschen nicht kannten. Durch die Nähe zu den Leuten lernten wir ihren Alltag und ihr Leben auch in abgeschiedenen Gemeinschaften kennen und begegneten Menschen, deren Wege sich sonst nicht mit dem unseren gekreuzt hätten. Der ganze Weg nach Hause bis Wien war gepflastert mit unerwartet schönen menschlichen Begegnungen. Etwas Schlimmes ist nie passiert.

Es gibt allerdings Ängste, die durchaus angebracht sind. Entgegen der viralen #ManOrBear-Umfrage, wonach die überwiegende Mehrheit der befragten Frauen lieber mit einem Bären als einem Mann nachts alleine im Wald wäre, meint Hannah: „Die Straßenhunde und in manchen Gebieten die Bären sind eine reale Gefahr. Da ist Wegrennen sinnlos.“ Wer also plant, eine Soloreise zu starten – packt euch Bärenspray ein.

Betania Bardeleben studierte Kultur- und Sozialanthropologie und Türkisch-Deutsch Sozialwissenschaften in Wien, Ankara und Berlin und lebt heute als freie Journalistin und Yogalehrerin wieder in Wien.

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Gönn dir ein bisschen Masturbation https://ansch.4lima.de/goenn-dir-ein-bisschen-masturbation/ https://ansch.4lima.de/goenn-dir-ein-bisschen-masturbation/#respond Tue, 18 Jun 2024 10:20:51 +0000 https://anschlaege.at/?p=118762 Audio-Porno wirbt damit, besonders „frauenfreundlich“ zu sein. Sophia Krauss und Verena Kettner sind nicht überzeugt. Es ist fünf Uhr dreißig. Der Wecker holt dich sanft aus wunderbar erholsamem Schlaf, energiegeladen beschließt du, eine Runde joggen zu gehen, bevor du einen leckeren Grünkohl-Smoothie mixt. Nach der kalten Morgendusche bleibt noch Zeit, bevor du ins Büro musst. […]]]>

Audio-Porno wirbt damit, besonders „frauenfreundlich“ zu sein. Sophia Krauss und Verena Kettner sind nicht überzeugt.

Es ist fünf Uhr dreißig. Der Wecker holt dich sanft aus wunderbar erholsamem Schlaf, energiegeladen beschließt du, eine Runde joggen zu gehen, bevor du einen leckeren Grünkohl-Smoothie mixt. Nach der kalten Morgendusche bleibt noch Zeit, bevor du ins Büro musst. Du grinst in dich hinein und öffnest schnell die Seite deines liebsten Erotikgeschichten-Anbieters.

Deine Hand gleitet zwischen deine Beine, während die keuchende Stimme des Sprechers säuselt, wie geil ihn deine „feuchte Spalte“ macht und wie gerne er in deine „heiße Mitte stoßen“ möchte. Extrem erregt kommst du innerhalb weniger Minuten. Jetzt kannst du voller Energie in deinen Arbeitstag starten. Zufrieden ziehst du deine Hose hoch.
Kennst du das? Nein? Wir auch nicht.

MEDITIEREN UND MASTURBIEREN. Weibliche Masturbation ist mittlerweile ein Lifestyle-Produkt geworden. Heute versucht sich unter anderen das Berliner Start-up femtasy am Female Empowerment qua Orgasmus – für ein monatliches Audio-Porno-Abo für 13,99 Euro. Es ist die weltweit erste Streaming-Plattform für erotische Audioaufnahmen speziell für Frauen. Gegründet wurde femtasy 2018 von Nina Julie Lepique und ihrem Partner Michael Holzner. Bereits zwei Jahre später zählte Lepique zu den deutschen „Forbes 30 under 30“. Unter den Investor*innen tummeln sich Bekanntheiten wie die Influencerin Diana zur Löwen, die femtasy regelmäßig auf all ihren Kanälen bewirbt.

Es scheint, als ob das einstige ­Tabuthema der weiblichen Selbstbefriedigung durch neonpinke Designerdildos und Hochglanz-­Apps wie femtasy aus der Schmuddelecke geholt wurde – und mittlerweile zum Milliardengeschäft geworden ist. Dieses Geschäft hat heute auch nicht mehr vorrangig etwas mit Lust, Begehren und Erotik zu tun. Der Markt hat Porno schon fast hinter sich gelassen, stattdessen wird jetzt in „Sexual Wellness“ investiert. Im 21. Jahrhundert kann Sex endlich eingespeist werden in einen Wellnessmarkt, der vorgibt, Gesundheit zu fördern, Produktivität zu steigern und Individuen mit „Selbstmanagement-Strategien“ auszustatten. Drogerien verkaufen Sprays, die vaginaler Trockenheit entgegenwirken, und Tabletten zur Libido-Maximierung. In Magazinen wird mit dem gesundheitlichen Nutzen von allerlei Sex-Toys geworben, die bei der Behandlung von Wechseljahrsbeschwerden hilfreich sein können und oft hunderte von Euros kosten. Weibliche Lust wird so zum vermarktbaren Self-Care-Akt.

Das Marktforschungsunternehmen The Insight Partner prognostiziert, dass die Sexual-­Wellness-Branche bis zum Jahr 2028 auf einen Marktwert von über achtzig Milliarden Dollar anwachsen wird.

„FEMININE“ LUST. Natürlich birgt diese Entwicklung auch Positives für alle, deren Orgasmen bislang kaum Beachtung fanden. Endlich gibt es ausreichende Forschung und massenhaft Hilfsmittel, um Menschen mit Vulva zum Kommen zu bringen. Es ist auch gerechtfertigt, für erotische Streamingdienste Geld zu verlangen, Mitarbeitende müssen – im besten Fall fair – entlohnt werden. ­Kostenlose Online-Pornoseiten wurden in den letzten Jahren zu Recht kritisiert. Erst 2020 veröffentlichte die „New York Times“ eine ausführliche Recherche unter dem Titel „The Children of Pornhub“: Viele der damals noch unregulierten Inhalte des kanadischen Streamingdienstes zeigten sexuellen Missbrauch und Ausbeutung, auch von Minderjährigen. Ganze zehn Millionen Videos mussten daraufhin gelöscht werden.

femtasy hingegen produziert seine Inhalte selbst, mit der Hilfe von freiberuflichen Schauspieler*innen und Autorinnen. Man hört ihnen beim Stöhnen zu oder beim Erzählen zwanzigminütiger Geschichten. Es gibt queere Inhalte ebenso wie BDSM. Das Design der Seite ist dabei steril, schlicht, stylish. Kein einziges primäres Geschlechtsteil ist zu sehen. Weibliche Lust sei schließlich nicht so visuell wie männliche. Und dann gibt es noch lange Anleitungen zur Selbstbefriedigung. Die meisten von ihnen klingen mit ihren sanften Stimmen, langsamem Tempo und der hinterlegten Lounge-Musik mehr nach Meditationsretreat als nach Sex. Eine Abonnentin berichtet in ihrer Rezension auf YouTube, dass sie die Inhalte auch oft nur zum Entspannen höre.

Nach längerem Scrollen und Lauschen fragen wir uns: Werden hier nicht doch regressive Klischees bedient, die eigentlich gar nicht so viel mit der Ermächtigung weiblicher und queerer Lust zu tun haben?

Als ob sich ausschließlich männliches Begehren im Mainstream-Porno wiederfindet, der von oft verstörenden, schnellen Bildern voller Sperma und großen Brüsten lebt. Als ob die Lust von Frauen nicht mit drastischen und opulenten Videos vereinbar wäre und diese nur durch zärtliche Stimmen und cleane Start-up-Ästhetik erregt würde. Allein die Annahme, dass Frauen Audio-Porno Videoformaten vorziehen, wie femtasy behauptet, scheint wenig schlüssig – oder ist zumindest eine unterkomplexe Zuschreibung von Stereotypen.

FEMINISTISCH WICHSEN. Wie schafft man es aber, die Komplexität weiblicher Lust abzubilden? Im Widerstreit mit antipornografischen Gruppen ­machten sex-positive Feminist*innen dies schon in den USA der Achtzigerjahre vor. Während der sogenannten Sex Wars machten sie weibliche, queere und lesbische Lust sichtbar – auch pornografisch. Dies hatte damals jedoch wenig mit dem Forbes-Magazin oder Diana zur Löwen zu tun. Im Jahr 1984 erschien in San Francisco das erste Erotikmagazin, das von Frauen herausgegeben wurde. Unter dem Titel „On Our Backs“ wurde die Zeitschrift bis 2006 publiziert und beschäftigte sich vornehmlich mit lesbischer Erotik. Schon in der ersten Ausgabe featurte man die Bandbreite des queerfeministischen Undergrounds: Butch- und Femme-Feministinnen, BDSM-„Leatherdykes“, Sexarbeiterinnen, Marxistinnen, Punkmusikerinnen, feministische Theoretiker*innen. Weibliche Lust war hier nicht das Produkt eines neoliberalen Selbstverbesserungsprogramms. Stattdessen war sie aufmüpfig und von politischer Bedeutung im ständigen Kampf gegen Geschlechterrollen.

Natürlich braucht es Alternativen zu kostenlosem Mainstream-Porn. Auch heute gibt es immer wieder erotische Publikationen, die Sex und Körper in ihrer Diversität zeigen, die sexy und kritisch zugleich sind, wie das Schweizer Projekt „Queer Sex – whatever the fuck you want!“. Auf 160 Seiten finden sich hier Fotografien nackter Körper, unterschiedlicher Menschen beim Sex und Gangbang, mit Umschnalldildos oder im Lederoutfit. Dazwischen queere Sex-Education und erotische Geschichten.

Schließlich wollen auch viele weibliche und queere Augen hotte Bilder sehen. Manche von uns erregen auch die standardisierten Aufnahmen der Mainstream-Pornografie. Einige freuen sich hingegen über Anbieter wie femtasy und lassen all ihren Fantasien gerne zu Sex-Erzählungen freien Lauf. Eine dezidierte Einteilung in männliche und weibliche Lust scheint hingegen längst überholt. Deshalb: Porno sollte bitte fair produziert und Solo-Sex nicht zum Lifestyle-Hack degradiert werden.

Sophia Krauss und Verena Kettner masturbieren persönlich lieber weiterhin ohne Audio–Anleitung.

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Sexuell übertragbare Erkrankungen erleben ein ungewolltes Comeback in Europa. Für die Prävention von Syphilis und Co braucht es neue Strategien. Von Verena Kettner

Anna* fühlt sich wie ins 19. Jahrhundert zurückversetzt, als ihre Hautärztin ihr den Grund für die roten, juckenden Punkte auf ihrem Körper nennt: Skabies, umgangssprachlich auch Krätze genannt, ein Parasitenbefall der Haut durch Milben. Sie wird durch intensiven Hautkontakt übertragen und ist in Europa momentan wieder stark auf dem Vormarsch. Was für Anna, ihr Polykül1 und ihre WG folgt, sind wochenlanges exzessives Wäsche­waschen und Putzen sowie das Eincremen mit antiparasitischer Salbe, um die Weiterverbreitung zu stoppen. Anna versucht auch zu rekonstruieren, mit wem sie in den letzten Wochen intensiven Hautkontakt hatte. Sie fühlt sich ein bisschen wie während der Corona-­Lockdowns, nur dass die Nachverfolgung der Kontakte hier privat erfolgt. Es ist anstrengend, sie fühlt sich schuldig und schämt sich. Ihr ist klar: Ein besseres System muss her, um so etwas in Zukunft besser zu handhaben.

Krätze ist nicht die einzige Krankheit, deren Auftreten momentan stark ansteigt, vor allem STIs (Sexually Transmitted Infections) rücken wieder in den Fokus. Alarmierende 17 Millionen Fälle sexuell übertragbarer Erkrankungen bilden den historischen Höchststand in Europa, warnt eine im Herbst 2023 publizierte Studie der WHO. Die Zahl der Syphilis-­Erkrankungen stieg zwischen 2010 und 2019 um satte 87 Prozent, im selben Zeitraum wurden auch doppelt so viele HIV-Diagnosen neu gestellt wie in den Jahrzehnten zuvor. Österreich fällt außerdem durch Höchstwerte bei ­Gonorrhö- und Chlamydien-Infektionen negativ auf. Besonders bitter: Die UN hatte mit der „Agenda 2030“ das Ziel formuliert, alle sexuell übertragbare Erkrankungen bis 2030 so weit zurückzudrängen, dass sie keine Bedrohung mehr für die Weltgesundheit darstellen. Insbesondere mit Blick auf Österreich ist die Entwicklung allerdings nicht überraschend – und sie ist auch nicht auf Dating-Apps zurückzuführen, die es Menschen ermöglichen, schnell und unverbindlich Sex zu haben, wie es österreichische Tageszeitungen suggerieren.

Zu wenig Aufklärung. Die Hauptursache für den starken Anstieg sei ein zunehmendes Hochrisikoverhalten bei sexuellen Kontakten, vor allem mit wechselnden Sexualpartner*innen, heißt es in einer Artikelreihe basierend auf den Ergebnissen der WHO-Studie. Die erhöhte Risikobereitschaft ließe sich vor allem dadurch erklären, dass viele STIs ­mittlerweile sehr gut behandelbar sind und deswegen ihren Schrecken verloren hätten. Bei unkomplizierten und früh entdeckten Erkrankungen lassen sich sowohl Syphilis als auch ­Gonorrhö und Chlamydien gut mit Antibiotika behandeln. Um eine Ansteckung mit HIV zu vermeiden, können HIV-negative Menschen ein Medikament zur sogenannten Präexpositions-Prophylaxe (PrEP) in Tablettenform einnehmen, außerdem ist auch eine Infektion mit HIV in Österreich gezielt und gut therapierbar.

Aus medizinischer Perspektive mag das eine plausible Analyse sein, sie geht aber implizit davon aus, dass die Verantwortung für ausreichende Information und Prävention beim Individuum liegt. Fehlende Aufklärung über sexuell übertragbare Erkrankungen spielt dabei aber eine entscheidende Rolle. Wenn beispielsweise auf Ratgeber-Websites zu sexueller Gesundheit oder auch in Artikeln über HIV informiert wird, richten sich die Tipps meist hauptsächlich an schwule Männer bzw. wird über das Ansteckungsrisiko bei ­schwulem Sex geschrieben. Aber nicht nur schwule Männer haben gerne Analsex. Und nicht nur beim Analsex können Menschen sich mit HIV infizieren. Während es in den 1990er- und 2000er-Jahren zumindest staatliche Aufklärungskampagnen für die Risiken von HIV gab, wird mittlerweile im öffentlichen Gesundheitsdiskurs kaum mehr über die Erkrankung gesprochen. Das homofeindliche Stigma hingegen gibt es immer noch. Auch über andere sexuell übertragbare Erkrankungen gibt es sowohl zu wenig niederschwellig zugängliche Informationen als auch zu wenig aktuelle Forschung. In Österreichs Schulen beispielsweise ist Sexualpädagogik nicht im Lehrplan verankert, sie bleibt dem guten Willen der Lehrkräfte überlassen. Das Problem fehlender Information wäre hier sehr einfach zu lösen: Insbesondere für Schulklassen gibt es gute Angebote von externen Bildungseinrichtungen. Prävention ist teuer. Was bei der Rede vom „individuellen Hochrisikoverhalten“ außerdem gerne ausgeblendet wird:

Prävention ist teuer. Regelmäßige umfassende STI-Screenings werden in Österreich nicht von den Krankenkassen bezahlt. Ärztliche Überweisungen für kostenlose Tests gibt es nur bei konkreten Symptomen und Verdachtsfällen, was für das Verhindern einer Weiteransteckung oft zu spät ist. Eine empfehlenswerte und kostengünstige Adresse für Testungen auf die häufigsten STIs sowie kompetente Beratungen sind in einigen österreichischen Bundesländern die AIDS-Hilfen. Auch hier ist allerdings nicht möglich, sich beispielsweise auf verschiedene bakterielle oder Pilz-Infektionen testen zu lassen. Diese sind zwar weniger gefährlich, aber sehr unangenehm und ebenfalls ansteckend. Auch die Impfung gegen HPV ist für Personen über 21 Jahre nicht gratis. Dabei zählt HPV zu den häufigsten sexuell übertragbaren Erkrankungen, die meisten Menschen infizieren sich zumindest einmal im Leben. Auch die besten Präventionsmaßnahmen für direkten Sexualkontakt, Kondome und Lecktücher, sind teuer. Lecktücher können außerdem nicht in herkömmlichen Drogerien erworben werden, sondern müssen in Apotheken gekauft oder online bestellt werden. Kostenlose, regelmäßige STI-Screenings sowie gratis Dental Dams und Kondome wären eine erfolgversprechende Strategie, um die Zahl der Ansteckungen zu senken.

Wechselnde Partner*innen. Auch mehr wechselnde Sexualpartner*innen müssten dann nicht zum Problem werden. Zwar steigt selbstverständlich statistisch gesehen die Wahrscheinlichkeit einer Ansteckung mit jedem neuen sexuellen Kontakt. Aber sexuelle Kontakte sind eben nicht nur Statistiken, es sind Menschen, die achtsam miteinander umgehen können. Insbesondere bei konsensueller Nicht-Monogamie, also wenn Menschen mehrere romantische und sexuelle Beziehungen führen und alle Beteiligten darüber Bescheid wissen, bewährt sich die Praxis des regelmäßigen Testens.

Nach dem Krätze-Schock setzt sich auch Anna mit den Lieben in ihrem Polykül zusammen. Sie vereinbaren, dass jede Person sich alle sechs Monate bei der AIDS-Hilfe testen lässt. Falls Symptome auftreten oder es ungeschützten Sexualkontakt mit Personen außerhalb des Polyküls gibt, soll ein Test baldmöglichst erfolgen. Die Ergebnisse wollen sie dann jeweils auf einem Pirate Pad teilen, zu dem alle Zugriff haben. So ist es möglich, eine potenzielle Ansteckung zeitnah nachzuverfolgen und entsprechend zu handeln, vor allem, da nicht alle Personen im Polykül gleich viel Kontakt miteinander haben und im Alltag nicht unbedingt über ihr Sexualverhalten sprechen. Am Ende des Abends fühlt Anna sich erleichtert. Beim nächsten Verdachtsfall würde zumindest nicht mehr die gesamte Verantwortung auf ihr alleine lasten.

Verena Kettner findet geteilte Verantwortung mindestens genauso schön wie geteilte Lust.

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Feministische Frauen, rechte Männer? https://ansch.4lima.de/feministische-frauen-rechte-maenner/ https://ansch.4lima.de/feministische-frauen-rechte-maenner/#respond Fri, 26 Apr 2024 01:43:13 +0000 https://anschlaege.at/?p=117573 Zuletzt war in vielen Medien von einer Spaltung der Geschlechter zu lesen, die in unterschiedlichen Ländern vor allem junge Menschen voneinander entfremde. Was ist dran? Von SOPHIA KRAUSS »Eine neue globale Spaltung zwischen den Geschlechtern zeichnet sich ab.« Mit dieser Headline ging der „FinancialTimes“-Journalist John Burn-Murdoch Ende Januar viral. Ganze 27 Millionen Mal wurde sein […]]]>

Zuletzt war in vielen Medien von einer Spaltung der Geschlechter zu lesen, die in unterschiedlichen Ländern vor allem junge Menschen voneinander entfremde. Was ist dran? Von SOPHIA KRAUSS

»Eine neue globale Spaltung zwischen den Geschlechtern zeichnet sich ab.« Mit dieser Headline ging der „Financial
Times“-Journalist John Burn-Murdoch Ende Januar viral. Ganze 27 Millionen Mal wurde sein Tweet angesehen. Burn-Murdoch versucht Entwicklungen in vier sehr verschiedenen Staaten zusammenzufassen – den USA, Großbritannien, Deutschland und Südkorea. Sie alle eint nämlich: Die dort lebenden 18- bis 29-jährigen Männer seien zunehmend konservativ, gleichaltrige Frauen hingegen immer mehr links eingestellt. „Gen Z ist eigentlich zwei Generationen, nicht eine“, attestiert Burn-Murdoch. US-Medien prognostizierten eilig verheerende Folgen. Schon im November letzten Jahres hatte die „Washington Post“ einen ähnlich alarmierenden Meinungsbeitrag veröffentlicht. Man schrieb vom drohenden Ende der amerikanischen Ehe, herbeigeführt durch linke Frauen, die keine konservativen Trump-Wähler daten wollen – und umgekehrt.

GENDER WARS IN SÜDKOREA. Südkorea dient in solchen überspitzten Darstellungen schon fast als Warnung für andere Länder. Burn- Murdoch schreibt auf X: „Die [südkoreanische, Anm.] Gesellschaft ist in zwei Teile gespalten. Die Heiratsrate ist drastisch gesunken und die Geburtenrate ist so stark zurückgegangen, dass sie die niedrigste der Welt ist.“

Und es stimmt: Noch 1960 bekamen Koreaner*innen im Durchschnitt sechs Kinder. Heute sind es 0,78. Im letzten Jahrzehnt bildeten sich online radikale, feministische Gruppen, die sich mit einer misogynen Gesellschaft anlegen. Viele, möglicherweise zehntausende Frauen haben sich der Bewegung 4B angeschlossen. „4B“ steht für 4 Neins: Nein zum Daten von Männern, Nein zum Sex mit Männern, Nein zur Ehe, Nein zum Kinderkriegen. Es ist ein Boykott der südkoreanischen Männer, die mit Groll reagieren und 2022 Yoon Sukyeol zum Präsidenten wählten – einen Mann, der den Feminismus für die niedrige Geburtenrate des Landes verantwortlich macht und das Ministerium für Familie und Geschlechtergleichstellung abschaffen möchte. Fast sechzig Prozent aller Männer zwischen 18 und 29 stimmten für Yoon. Südkoreanische Medien schreiben von „Incel-Wahl“ und „Gender War“.

ZWISCHEN TRUMP UND METOO. Manche glauben nun, globale Anzeichen für einen Geschlechterkrieg erkennen zu können. So ergab die Harvard-Jugendumfrage, dass sich in den USA 2016 erst 33 Prozent der weißen Männer zwischen 18 und 24 als Republikaner bezeichneten. Im Jahr 2023 sind es bereits 41 Prozent. Viele unterstützen Präsidentschaftskandidat Donald Trump, während dessen letzter Amtszeit Frauenrechte massiv beschnitten wurden. Umfragewerte zeigen auch, dass Männer der Gen Z (geboren zwischen 1997 und 2012) sich selbst seltener als Feministen bezeichnen als es Millennials (geboren in den frühen 1980ern bis zu den späten 1990ern) tun. Im Gegensatz dazu erstarkt gerade das progressive, feministische Bewusstsein vieler junger Frauen, ausgelöst auch durch #MeToo. 2022 ergab eine Befragung, dass fast drei Viertel der US-amerikanischen Frauen unter 30 #MeToo unterstützen. Es ist die größte demografische Unterstützer*innengruppe.

Reichen solche Studien aber dafür aus, eine weltweite politische Spaltung der Geschlechter zu prognostizieren? Ein Kampf zwischen Trump-Anhängern und TikTok-Feminist*innen, der zum Niedergang heterosexueller Paarbeziehungen führen wird? Wohl kaum. Ein verkürzter Vergleich so unterschiedlicher Staaten wie Deutschland, den USA und Südkorea mit ihren verschiedenen politischen Systemen und Historien ist ziemlich effekthascherisch. Außerdem kritisieren Wissenschaftler*innen wie Kathleen Dolan von der University of Wisconsin-Milwaukee die Überbetonung des politischen Gender-Gaps. Schließlich sind Frauen keine homogene Wähler*innengruppe, sondern haben verschiedenste politische Interessen. Sie unterscheiden sich stärker untereinander als von Männern. So sind unverheiratete Frauen im Schnitt demokratischer eingestellt als verheiratete. Auch nicht-weiße Frauen wählten mehrheitlich demokratisch, wohingegen die Mehrheit der weißen Frauen 2016 und 2020 für Donald Trump stimmte.

Viele der Erhebungen, die von einer politischen Kluft zwischen Männern und Frauen sprechen, befragen die Teilnehmenden zudem nur zu ihrer politischen Ideologie. Sie forschen oft nicht zu tatsächlichem Wahlverhalten. Das macht eine Untersuchung schwierig: Ab wann bezeichne ich mich selbst als Feminist*in? Nenne ich mich „links“, „liberal“ oder „gemäßigt“? Es gibt keine klaren Definitionen solcher Selbstbezeichnungen. Die Cooperative Election Study, die von YouGov durchgeführt wurde, fragte im US-Wahlkampf 2020 stattdessen, ob man für Biden oder Trump gestimmt hatte. Hier bröckelt die These. So war keinesfalls ein besorgniserregender Rechtsruck junger Männer festzustellen: Fast 68 Prozent der 18- bis 29-jährigen Männer wählten Joe Biden.

RECHTE FRAUEN, LINKE MÄNNER. Trotzdem: Der in bestimmten Altersund Wählergruppen durchaus evidente Gender-Gap hinsichtlich politischer Einstellung und Wahlverhalten ist ein Thema, das dringend besser erforscht werden muss, auch historisch. Noch in den 1950er-Jahren wählten Frauen in westlichen Ländern mit größerer Wahrscheinlichkeit eine konservative Partei als Männer. Frauen waren damals stärker von christlichen Gemeinden beeinflusst und hatten wenig Zugang zu kritischer Bildung. Dieser traditionelle Gender-Gap verringerte sich in den Siebzigern und Achtzigern – und drehte sich in den 1990er-Jahren schließlich vollständig um. Frauen wählten nun im Vergleich zu Männern häufiger links. Die Gründe sind vielfältig. Die feministischen Kämpfe und Errungenschaften der letzten Jahrzehnte haben sicherlich ihren Teil dazu beigetragen.

DEUTSCHER REKORD. Unter dem Titel „Seven Decades of Gender Differences in German Voting Behavior“ wurde 2022 eine einzigartige Studie in Deutschland publiziert. Man wertete dafür eine große Stichprobe an Stimmzetteln aus, die beginnend im Jahr 1953 bei deutschen Bundestagswahlen abgegeben wurden. Diese enthielten Geschlecht und Alter der Wählenden und millionenfache Informationen zu ihrem tatsächlichem Wahlverhalten.

Die Auswertung ergab, dass deutsche Frauen tatsächlich erst ab 2017 linker wählten als Männer, doch der späte Wandel vollzog sich mit außerordentlicher Geschwindigkeit. Im Jahr 2021 erreichte der deutsche Gender-Gap bei der Bundestagswahl einen Rekordwert. In der gesamten Nachkriegszeit der Bundesrepublik war er nur einmal zuvor höher gewesen.

Dieser plötzliche Peak hängt wohl mit dem Aufstieg der AfD in Deutschland zusammen. In anderen europäischen Ländern entstanden rechtsradikale Parteien schon weit früher, und immer ziehen sie eine überwiegend männliche Wähler*innenschaft an. Auch während der deutschen Bundestagswahl 2021 wurde die AfD deutlich häufiger von Männern gewählt. 13 Prozent aller männlichen Wähler stimmten für die Partei von Björn Höcke. Trotzdem lässt sich die Situation in Deutschland oder Österreich kaum mit jener in Südkorea oder auch den USA gleichsetzen. So zu tun, als stünde ein internationaler feministischer Boykott von Sex mit Männern und der Ehe bevor, befeuert konservative Panikmache – und differenzierte Analysen bleiben für Klicks auf der Strecke.

SOPHIA KRAUSS lebt in Wien und hofft, dass alle Geschlechter sich für einen linken Wahlerfolg einsetzen.

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