I / 2015 – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de Sat, 04 Jan 2020 16:02:46 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.0 https://ansch.4lima.de/wp-content/uploads/2024/10/cropped-favicon-32x32.png I / 2015 – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de 32 32 an.künden: Kino im Dutzend https://ansch.4lima.de/an-kuenden-kino-im-dutzend/ https://ansch.4lima.de/an-kuenden-kino-im-dutzend/#respond Sat, 28 Feb 2015 16:19:27 +0000 https://anschlaege.at/?p=5925 Bereits zum 12. Mal finden heuer die Frauenfilmtage in Wien statt.]]>

Bereits zum 12. Mal finden heuer die Frauenfilmtage in Wien statt, die sich cineastisch mit weiblichen Lebensrealitäten auseinan­dersetzen. Besonders spannend: das The­menfeld „Frauen kämpfen für ihre Rechte“ mit internationalen Filmen, in denen sich Frauen gegen Gewalt und soziale Ungerech­tigkeit wehren, sowie ein Publikumsgespräch über „Women without men“, in dem sich mehrere iranische Frauen in ein utopisches Zuhause ohne brutale Männer flüchten. Au­ßerdem wird auch heuer der Ehrenpreis an eine österreichische Filmschaffende verliehen, die Personale ist der Szenenbildnerin Katharina Wöppermann gewidmet. Eröffnet wird im Filmcasino mit Andrea Štakas Co­ming-­of­-age-­Geschichte „Cure – das Leben der Anderen“.

26.2.–5.3.: Frauenfilmtage Wien, diverse Locations, www.frauenfilmtage.at

 

© Pathé Films AG
© Pathé Films AG
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an.künden: Performing Queer! https://ansch.4lima.de/an-kuenden-performing-queer/ https://ansch.4lima.de/an-kuenden-performing-queer/#respond Wed, 25 Feb 2015 19:05:27 +0000 https://anschlaege.at/?p=6094 „Straight to Hell“ ist Wiens erstes internationales Queer Performance Festival. ]]>

„Straight to Hell“ schickt euch Wiens erstes internationales Queer Performance Festival. An drei Abenden wird queere Performancekunst in all ihren Facetten von lokalen Akteur_innen wie auch internationalen Größen präsentiert. Queere Performance stellt gängige Geschlechterrollen und -normen in Fragen, verunsichert, empowert und rüttelt am Althergebrachten.
Macht euch gefasst auf ein abwechslungsreiches Programm, das verzaubernde, verstörende, politische und glamouröse Performances, Musik-Acts und Diskussionen verspricht! Freut euch unter anderem auf Black Cracker, Club Grotesque Fatal, Sadie Lune, Crazy Bitch in A Cave, Jakob Lena Knebl und Bird la Bird!

Straight to Hell © Ute Hölzl
Straight to Hell © Ute Hölzl

26.2.–28.2., 19.30: Straight to Hell – Vienna’s First International Queer Performance Festival, Kosmos Theater, 1070 Wien, Siebensterng. 42, Tickets: € 18, www.kosmostheater.at

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Gegen den Privatisierungswahn https://ansch.4lima.de/gegen-den-privatisierungswahn/ https://ansch.4lima.de/gegen-den-privatisierungswahn/#respond Fri, 30 Jan 2015 16:20:37 +0000 https://anschlaege.at/?p=5898 Interview: KPÖ-Frauensprecherin HEIDI AMBROSCH eröffnet unsere Serie zu Frauenpolitik. Von BRIGITTE THEIßL, Mitarbeit SVENJA HÄFNER ]]>

KPÖ-Frauensprecherin HEIDI AMBROSCH steht zum Auftakt einer sechsteiligen Reihe zu frauenpolitischen Themen Rede und Antwort. Interview: BRIGITTE THEIßL, Mitarbeit: SVENJA HÄFNER

 

an.schläge: In den Statuten der KPÖ ist der Anspruch verankert, dass „in allen Leitungen und Arbeitsgremien“ der Frauenanteil fünfzig Prozent betragen soll. Wie wichtig ist das Thema der Geschlechterparität innerparteilich – sorgt es regelmäßig für Diskussionen?

Heidi Ambrosch: Der Bundesvorstand ist bei uns quotiert, dort ist das Geschlechterverhältnis ausgeglichen, Probleme haben wir im Bundesausschuss. Dieser tagt einmal pro Woche und es ist sehr schwierig, genügend Frauen dafür zu finden. Das ist ein großes Thema bei uns, allerdings nicht nur die Beteiligung der Frauen, sondern auch jene der Jugend. Wir verzeichnen mehr Abgang als Zuwachs und unter den Neuzugängen finden sich wesentlich mehr junge Männer. Das hat wohl mit dem Zugang von Frauen zu Parteien allgemein zu tun, auch andere Parteien haben dieses Problem.

Inwiefern haben Frauen einen anderen Zugang zu Parteipolitik?

Die Parteistrukturen sind nach wie vor patriarchal geprägt, da brauchen wir uns nichts vorzumachen. Die Art und Weise, wie Sitzungen moderiert – oder auch nicht moderiert – werden, die Selbstdarstellung der Männer in den Gremien, all das ist immer wieder Thema bei uns. Wir haben eine eigene Frauenstruktur, die einmal im Monat zusammenkommt, und zweimal pro Jahr ein Frauenseminar, in dem wir Themen bearbeiten, die uns beschäftigen. Am liebsten wäre uns wohl eine eigene Frauenpartei.

Eine kommunistische Frauenpartei also?

Ja, aber es kann auch breiter sein. Wir denken als KPÖ insgesamt, dass es in Österreich ein neues linkes Wahlprojekt braucht. Im Europawahlkampf haben wir das mit dem Bündnis „Europa anders“ ja schon versucht, da gab es mit der Piratenpartei und Der Wandel auch eine neue Qualität der Zusammenarbeit. Ob uns das auch bei der Wien-Wahl gelingen wird, kann ich noch nicht sagen. Es braucht auf jeden Fall politischen Aktivismus „von unten“, der auch in die Partei hineingetragen wird.

In verschiedenen anderen europäischen Ländern gibt es durchaus erfolgreiche linke Parteien. Warum gelingt das in Österreich nicht?

Ich glaube schon, dass es hierzulande spezifische Eigenarten gibt, es ist etwa eine wahnsinnig starke Parteienbindung vorhanden. Selbst die größten KritikerInnen wählen dann doch wieder die Grünen oder die SPÖ – auch wenn sie beim Test auf Wahlkabine.at wiederholt die KPÖ als Ergebnis erhalten. Man verändert sich nicht gerne in Österreich, es ist sehr mühsam. Ich weiß, dass es verschiedene Gesprächskreise von linken MultiplikatorInnen, die der SPÖ nahestehen, gibt. Aber dass sie auch wirklich mit einem politischen Subjekt Verantwortung übernehmen, dazu kommt es dann doch nicht.

Um auf das Thema der Repräsentation zurückzukommen: Braucht es gesetzlich verankerte Frauenquoten in Politik und Privatwirtschaft – und lassen sich diese überhaupt mit einer fundamentalen Kritik an der kapitalistischen Wirtschaftsordnung vereinbaren?

Nun ja, der Sozialismus steht nicht gerade auf der Tagesordnung. Private Wirtschaft ist auch nicht per se etwas Schlechtes, es geht vielmehr um die Bereiche der Grundversorgung, die sollten unbedingt vergesellschaftet werden. Und die Quote muss selbstverständlich auf allen Ebenen durchgesetzt werden, solange es keine Gleichberechtigung von Frauen gibt. Die Quote ist ein Instrumentarium – natürlich ist sie nicht hinreichend, um die gesamte Struktur zu verändern.

Braucht es im Bereich der Quoten auch klare Sanktionsmaßnahmen, wenn sie nicht erfüllt werden?

Auf jeden Fall. Schwammige Konzepte bringen uns nicht weiter.

Die Frauensektion ist nach der letzten Wahl vom Bundeskanzleramt ins Bildungsministerium gewandert. Braucht es aus Sicht der KPÖ ein eigenständiges Frauenministerium?

Natürlich braucht es ein eigenes Ministerium. Man sieht ja jetzt – bei aller Wertschätzung für Gabriele Heinisch-Hosek –, dass, seit sie die Bildungsagenden übernommen hat, noch weniger von Frauenpolitik die Rede ist.

Es gibt andere Stimmen, die meinen, Frauenpolitik ist eine Querschnittsmaterie, die in allen Ministerien verankert sein müsste – und nicht in einem eigenen Ressort.

Es braucht beides, das eine schließt das andere ja nicht aus. Vor allem aber ist ein ordentliches Budget notwendig. Gerade im Finanzbereich braucht es auch eigene Stellen, Gender Budgeting ist zum Beispiel in den Zielvorgaben der Ministerien zu finden, die Umsetzung ist allerdings nach wie vor äußerst mangelhaft.

Wie beurteilen Sie die Arbeit der Frauenministerin insgesamt, wenn Sie auf ihre gesamte Amtszeit zurückblicken?

Ich habe immer gesagt, die Politik der Frauenministerin zeichnet sich dadurch aus, dass alles, was fast kein Geld kostet, angegangen wird, aber wirklich entscheidende Fragen der sozialen Absicherung von Frauen bleiben leider auf der Strecke. Ja, es gibt beispielsweise einen Einkommensrechner. Aber das sind lauter kosmetische Maßnahmen, die nichts an den Tatsachen verändern.

Im Frauenprogramm der KPÖ ist von Frauenpolitik die Rede, nach Diversity oder Gender Mainstreaming sucht man vergebens. Wollen Sie sich bewusst von diesen Konzepten abgrenzen?

Den Begriff des Gender Mainstreamings habe ich immer schon als einen Kampfbegriff gegen den Feminismus erachtet. Unter diesem Vorzeichen werden plötzlich Männerabteilungen gegründet, es finden Männerkonferenzen statt. Ich habe nichts dagegen, dass Männer sich mit sich selbst auseinandersetzen, aber oftmals wird vom zentralen Problem abgelenkt: der strukturellen Diskriminierung, die Frauen betrifft.

Hat die Verankerung von Gender Mainstreaming auf EU-Ebene nicht auch Türen für feministische Politik geöffnet?

Schon, es gibt immer wieder Richtlinien, so wie auch beim Gender Budgeting. Nur was wird dann realpolitisch damit gemacht? Meist bleibt es bei den Schlagworten, ohne konkret etwas in die Tat umzusetzen.

In einem Leitfaden der Frauensektion zu Frauenförderung in Unternehmen heißt es: „Frauenförderung bringt nachweislich positive betriebswirtschaftliche Effekte. Frauenförderungsmaßnahmen sind kein Selbstzweck, sondern Teil einer effizienten und modernen Personal- und Organisationsentwicklung.“ Kapitalistische Effizienz und Frauenpolitik scheinen schon lange kein Widerspruch mehr zu sein.

Was hier steht, hat auch schon der Internationale Währungsfonds vertreten. Frauen sollen hereingeholt werden, es ist eine Strategie des Kapitalismus, das zu tun. Es gibt diesbezüglich eine Debatte, inwieweit der Feminismus nicht auch den Kapitalismus in seiner neoliberalen Ausprägung befördert hat. Ich selbst finde die Diskussion etwas ins Leere gehend. Ja, wir haben Autonomie gefordert, der Neoliberalismus nimmt das auf und macht jede_n zur Ich-AG, wir haben ein Recht auf Arbeit gefordert, der Neoliberalismus will die Frauen in den Arbeitsmarkt integrieren. Deshalb war aber die Forderung nicht falsch, wir müssen nur die Fragen heute anders stellen.

© Fiona Sara Schmidt
© Fiona Sara Schmidt

Tut das Frauenpolitik aktuell?

Vieles greift zu kurz. Das wird auch von marxistischen Feministinnen bzw. feministischen Marxistinnen wie Frigga Haug thematisiert. Sie hat die Vier-in-einem-Perspektive entwickelt und fordert Teilzeit für alle, um auch andere Arbeitsformen in den Blick zu bekommen. Was in feministischen Politiken seit Jahrzehnten ausgeblendet wird, ist der ganze Care-Bereich. Nicht nur die Reproduktionsarbeit, sondern auch die Pflege, die vielfach Schattenarbeit ist. Damit zusammen hängt auch die Forderung nach einer radikalen Arbeitszeitverkürzung für alle bei vollem Lohnausgleich und das bedingungslose Grundeinkommen. Es geht hier um ganz zentrale Fragen, wie sich eine Gesellschaft das Zusammenleben vorstellt. Eine Gesellschaft ist daran zu messen, wie sie mit ihren Schwächsten umgeht – das sind unter anderem die Alten und Pflegebedürftigen.

Welches Konzept des Grundeinkommens würde die KPÖ gerne umgesetzt wissen? Wie hoch soll das Grundeinkommen sein?

Wir vertreten ein Konzept, das nicht sämtliche bestehende Leistungen ersetzt. Wir fordern außerdem eine Energie-Grundsicherung und einen Mieten-Stopp – es muss ein Bündel von Maßnahmen sein. Wir haben keinen fixen Betrag, der muss sich nach anderen Maßnahmen richten. Was nicht – so wie bei der Mindestsicherung jetzt – passieren darf: dass dann plötzlich die Wohnbeihilfe gestrichen wird. Aber man muss sich eben überlegen, was außer einer Ausschüttung monetärer Leistungen umzusetzen ist, etwa eine bestimmte Menge an Energie für jeden Haushalt. Wir unterstützen das Modell, das Attac entwickelt hat und das sogar im bestehenden System realisierbar wäre: Ab einer bestimmten Einkommenshöhe wird das Grundeinkommen teilweise bzw. dann vollständig zurückgezahlt.

Das bedingungslose Grundeinkommen ist auch innerhalb der KPÖ nicht unumstritten. Was spricht aus kommunistischer Sicht gegen ein Grundeinkommen?

Die Gewerkschaften führen die Diskussion noch immer, ob es eine Gesellschaft geben muss, in der jede und jeder das Recht auf Arbeit haben muss, weil Arbeit nicht nur den Zweck erfüllt, ein Einkommen zu generieren, sondern über Arbeit werden ja auch gesellschaftliche Verhältnisse bzw. Verbindungen hergestellt. Und dieser soziale Charakter der Arbeit würde dann einigen Menschen vorenthalten. Es gibt ja auch Studien über Langzeitarbeitslose, deren soziale Kontakte wegbrechen. Dieses Argument hat schon etwas, aber wir stellen uns das Grundeinkommen ja wie gesagt in einem Bündel von Maßnahmen – etwa radikale Arbeitszeitverkürzung auf zwanzig Wochenstunden – vor. Man muss dann entsprechende soziale Einrichtungen realisieren, im Care- und Umweltbereich könnten viele Arbeitsplätze geschaffen werden. Wir sagen aber klar: Wenn eine Person sich aus welchen Gründen auch immer dieser bestehenden Arbeitswelt entziehen möchte, braucht sie in einem Land wie unserem nicht durch alle Netze zu fallen.

Ist eine radikale Arbeitszeitverkürzung derzeit denn realistisch?

In nächster Zukunft nicht. Es wird in Europa nach wie vor versucht, eine radikale neoliberale Politik durchzusetzen. Das bedeutet noch mehr Arbeit für noch weniger Lohn, so wie es in Griechenland passiert ist und in Südeuropa insgesamt, auch über Osteuropa redet niemand: Die soziale Situation in Ländern wie der Ukraine ist fatal. Das heißt aber nicht, dass wir die Forderung nicht immer wieder auf die Tagesordnung bringen. Die Produktivität ist in den vergangenen Jahrzehnten schließlich massiv gestiegen, was eine 20-Stunden-Woche bei vollem Lohnausgleich rechtfertigt.

Am Grundeinkommen gibt es auch feministische Kritik: Es könnte die Zuständigkeit von Frauen für Haus- und Reproduktionsarbeit weiter verstärken.

Wenn es ein Grundeinkommen für alle Frauen gibt, würde das die Autonomie von Frauen stärken – es würde dann wohl auch zu mehr Trennungen kommen. Es ist kein Zufall, dass es in der DDR die höchste Scheidungsrate gab. Ich kann dem Argument also wenig abgewinnen.

Wie stellen Sie sich die Finanzierung des Grundeinkommens vor? Durch Vermögenssteuern?

Nach dem Modell von Attac würde sich das Grundeinkommen wie gesagt im bestehenden System ohne zusätzliche Steuern finanzieren.

Besteuert wird also Arbeit, nicht Vermögen.

Wir treten schon auch für Vermögenssteuern ein, die nach einem bestimmten Schlüssel gestaffelt werden müssen. Die Kritik, dass Arbeit zu hoch besteuert ist, teilen wir durchaus, wir setzen uns aber für eine veränderte Besteuerung ein, nämlich eine Wertschöpfungsabgabe. Wenn ein Betrieb, der voll automatisiert wenige Menschen beschäftigt, ein Vielfaches des Gewinns eines Betriebs generiert, der intensiv mit Menschen arbeitet, ist das ein ungerechtes Verhältnis in Hinblick auf Steuern und Abgaben.

Wie vermögend soll in der Vorstellung der KPÖ eine Privatperson in Österreich sein können?

Also darüber haben wir uns noch nicht wirklich ausgetauscht, ich habe keine konkrete Größenordnung im Kopf. Von mir aus soll eine wohlhabende Person eine Yacht und ein Zweitauto haben – das ist eher ökologisch bedenklich –, aber es ist absurd, dass einzelne Personen über ein Vermögen verfügen, das unmöglich ausgegeben werden kann, sondern als Spekulationsvermögen die nächste Krise mitverursacht. Wir haben auch immer wieder Auseinandersetzungen um Begriffe wie „die Reichen“ oder „die Millionäre“ – es geht nicht um Einzelpersonen, sondern um das System.

In Ihrem Parteiprogramm wird vielfach die Formel „Privat statt Staat“ verurteilt. In Österreich ist allerdings auch der Staat ein denkbar schlechter Arbeitgeber: In der Stadtverwaltung, an den Unis oder beim ORF werden Menschen in prekäre Arbeitsverhältnisse gedrängt.

Das ist eine politische Entscheidung der Verantwortlichen, es gibt hier keinen Automatismus. Die neoliberale Doktrin, die von der EU allen Mitgliedstaaten aufgezwungen wird, sorgt für radikale Sparmaßnahmen, und dafür bedient man sich dann dieser Methoden. Es wird auch kommunales Eigentum verscherbelt, öffentliche Verkehrsmittel geleast – ohne das demokratisch legitimieren zu lassen. Aber wie gesagt, das ist nicht „der Staat“, das sind politisch Handelnde, die einer Partei angehören.

In Österreich dürfen AsylwerberInnen derzeit nicht arbeiten. Wie steht die KPÖ dazu?

Wer eine Beschäftigung sucht, und vielleicht sogar eine findet, muss das Recht haben zu arbeiten. Für uns sind alle Menschen gleich – gleiche Rechte für alle Menschen und ein offensiver Antirassismus sind grundlegende Prinzipien für die KPÖ. Sozialminister Hundstorfer hat sich vor Kurzem wie auch zum Teil die Gewerkschaften gegen diese Forderung gestellt, eine solche Haltung geht ganz klar gegen die Menschenrechte.

Die große Mehrheit der Asylsuchenden in Österreich sind Männer*. Sind spezifische Bedürfnisse von weiblichen Flüchtenden Thema in Ihrer Partei?

Durchaus, wir haben auch einen eigenen Passus dazu im Frauenprogramm. Dagmar Schindler von der KPÖ Burgenland beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit dem Thema. Ich halte das für ein sehr wichtiges Thema, wir müssen uns jedenfalls noch intensiver damit auseinandersetzen.

Kommen wir noch einmal auf die Haus- und Reproduktionsarbeit zurück, die nach wie vor überwiegend von Frauen erledigt wird. Inwieweit soll der Staat deren Organisation und Ausgestaltung regeln? Was soll „Privatsache“ bleiben?

Ich will keiner Frau, die ihre Kinder nicht in eine Betreuungseinrichtung geben möchte, etwas vorschreiben. Wofür wir eintreten, ist ein staatlich gesichertes Recht auf einen Betreuungsplatz. Man kann keiner Frau die Kinder zwangsweise entziehen, das ist absurd – diese Debatte ist auch unnötig zu führen. Aber der Staat muss Betreuungseinrichtungen und Pflegeeinrichtungen bereitstellen und sich auch Gedanken über neue Konzepte machen. Es ist klar eine gesellschaftliche Verantwortung, dass es Kindern gutgeht – dieser Gedanke muss dem Privatisierungswahn entgegengestellt werden. Auch das Bildungssystem muss neu organisiert werden, es liegen so viele kluge Konzepte – ob von NGOs oder einzelnen WissenschaftlerInnen – auf dem Tisch, die aber nicht umgesetzt werden.

Treten Sie für eine Ganztags- und Gesamtschule ein?

Ja, ganz klar, wir wollen eine Schule für alle 6- bis 15-Jährigen. Mit zehn kann man keine Richtungsentscheidung für sein Leben treffen.

Wie sieht es mit dem familiären Zusammenleben aus – braucht es heute die Institution Ehe noch?

Die Abschaffung der Ehe haben wir in den 70er-Jahren gefordert – was wir nicht geschafft haben, schafft heute wohl der Neoliberalismus mit Flexibilisierung und neuen Arbeitsmodellen. Aus meiner Sicht hat es die Ehe als Absicherungssystem nie gebraucht, ich sehe bessere Alternativen, und wir treten auch klar für eine Gleichstellung aller Formen des Zusammenlebens ein.

Auch bezogen auf das Adoptionsrecht für Lesben und Schwule?

Natürlich, sämtliche Gesetze von Adoption bis zum Erbrecht müssen angepasst werden.

Aktuell stehen auch Fortpflanzungstechnologien immer wieder in der Kritik – Stichwort „Social Freezing“. Bringen solche Technologien Frauen nicht auch mehr Freiheit?

Ich sehe das kritisch, bin aber kein Mensch, der für Verbote eintritt – außer wenn sie unbedingt notwendig sind. Ich glaube aber, es braucht eine viel grundsätzlichere Debatte, wie wir uns das Zusammenleben in einer Gesellschaft vorstellen. Es kann nicht ausschließlich die Karriere im Zentrum stehen und soziale Beziehungen jahrzehntelang hintangestellt werden. Die Arbeitswelt zielt immer mehr auf das Vereinnahmen des ganzen Menschen ab. Sollen wir auch unsere Mütter einfrieren, damit das Kind später noch eine Großmutter hat – das hat ein Kabarettist letztens treffend formuliert.

Abtreibung raus aus dem Strafrecht und auf Krankenschein – für die KPÖ eine wichtige Forderung.

Exakt, dafür treten wir schon immer ein, der Abtreibungsparagraf ist ein Klassenparagraf per se – jene, die es sich leisten können, konnten die Angelegenheit schon immer regeln. Und die Verankerung im Strafrecht bietet den radikalen AbtreibungsgegnerInnen die Argumentationsgrundlage, weil hier immer noch der Schutz des Ungeborenen im Mittelpunkt steht.

Unter Frauenpolitikerinnen, die sich für ein Recht auf Schwangerschaftsabbruch einsetzen, gibt es Bedenken, dass die Forderung nach der Streichung aus dem Strafgesetzbuch diesen Radikalen wieder Aufwind geben könnte.

Ich teile diese Befürchtung nicht, diese defensive Haltung ist falsch. Ich glaube in Österreich gibt es durchaus einen breiten Konsens für ein Recht auf Abtreibung. Natürlich haben wir auch hierzulande eine recht große Unterstützung für diese EU-weite Kampagne „One of us“ erlebt, allerdings hat die Kirche hier auch fleißig bei Gottesdiensten Unterschriften gesammelt. Eine defensive Haltung kann nie die richtige Strategie sein. Ministerien könnten doch zum Beispiel Aufklärungs- und Informationskampagnen initiieren – die Frauenbewegung hat dafür keine finanziellen Mittel und kommt auch in den Medien kaum vor. PolitikerInnen würden hier viele Möglichkeiten offenstehen, wenn es denn den Willen gibt.

Das „K“ im Parteinamen der KPÖ sorgt immer wieder für Debatten. Ist für Sie eine linke Partei ohne den Kommunismus im Titel denkbar?

Sicherlich, nur muss das dann ein neues politisches Subjekt sein, von reinen Umbenennungen halte ich nichts. Wenn wir dieselben Personen bleiben und sagen, mit dem K wollen wir nichts mehr zu tun haben, ist das reine Kosmetik. 1991 hat sich die KPÖ schon einmal gespalten, das SprecherInnen-Duo, das eine Umbenennung wollte, ist damals ausgestiegen. Eine Partei hat eine Geschichte und die hat bei uns zwei Gesichter. Einerseits ist es die problematische Geschichte in Zusammenhang mit dem Stalinismus, andererseits ist es auch der antifaschistische Widerstand und der Kampf für soziale Absicherung. Wir müssen uns kritisch mit der eigenen Geschichte auseinandersetzen und uns nicht einfach umbenennen und sagen: Das waren die anderen. Das ist für mich kein Geschichtsbewusstsein.

Die KPÖ feiert nur in der Steiermark beachtenswerte Erfolge, das Verhältnis zwischen Bundespartei und den SteirerInnen ist allerdings konfliktgeladen. Wie erleben Sie das?

Die SteirerInnen verweigern sich den Bundesstrukturen und wollen nicht in den Gremien mitarbeiten. Wir haben große Auseinandersetzungen mit ihnen gehabt in der Frage von Flucht und Migration, bei diesen Dingen halten sie sich sehr bedeckt, Bleiberecht für alle ist etwa keine ihrer Forderungen. Auch in Leoben gab es einen Gemeinderat, der sich gegen die Errichtung eines Asylheims ausgesprochen hat. Das sind grundlegende Fragen, hier geht es wirklich ums Eingemachte. Dass man dadurch WählerInnen anspricht und dauerhaft hält, ist ein großer Irrtum. Wir wollen uns nicht so wie die SPÖ hier der FPÖ annähern. Wer das steirische Parteiprogramm liest, wird auch die Unterschiede erkennen. Wir laden die GrazerInnen bzw. SteirerInnen aber zu jedem Parteitag ein.

Wie haben Sie persönlich zur KPÖ gefunden – waren Ihre Eltern schon in der Partei engagiert?

Mein Vater war gewerkschaftlich organisiert, aber beeinflusst hat mich eher mein älterer Bruder, er war schon in der SchülerInnenbewegung sehr aktiv. 1972 war ich mit 14 das erste Mal bei einer politischen Aktion, als das Jugendzentrum in Goslar besetzt wurde, ich kann mich noch sehr gut an das Konzert von Ton, Steine, Scherben erinnern. Später war es für mich die evangelische Konfirmationszeit, wo wir einen sehr aufgeschlossenen Vikar hatten, der uns die Idee der internationalen Solidarität nähergebracht hat. Als ich dann nach Wien zum Studieren kam, wusste ich bereits, wo mein Platz war.

Also war es nie denkbar für Sie, einer anderen Partei beizutreten?

Nein. Schon in der Basisgruppenarbeit an der Uni Wien hat mich nur der Kommunistische StudentInnenverband angesprochen.

 

Heidi Ambrosch ist Frauensprecherin der KPÖ und Teil des Vorstands von transform!at – Verein zur Förderung linker Diskurse und Politik.

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Nicht einvernehmlich https://ansch.4lima.de/nicht-einvernehmlich/ https://ansch.4lima.de/nicht-einvernehmlich/#comments Fri, 30 Jan 2015 16:20:33 +0000 https://anschlaege.at/?p=5901 Wo Vergewaltigung beginnt, ist für die Gerichte in Österreich und Deutschland Auslegungssache. Von DENISE BEER]]>

Vergewaltigung ist in Österreich und Deutschland verboten. Wo sie beginnt, ist Auslegungssache. Ein Nein der Frau ist gegenwärtig in beiden Staaten nicht ausreichend. Von DENISE BEER

 

Eine Frau liegt abends auf der Couch. Im Zimmer nebenan schlafen die Kinder.
Ihr Mann, der bereits öfters gewalttätig wurde, wünscht sich Analverkehr. Sie lehnt ab, er zwingt sie dazu, drückt sie gegen die Wand. Sie weint und windet sich. Der deutsche Bundesgerichtshof hat im März 2012 die Verurteilung des Mannes wegen eines sexuellen Über­ griffs aufgehoben. Das Landgericht hätte untersuchen müssen, ob die Frau Fluchtmöglichkeiten hatte oder durch Schreie die NachbarInnen alarmieren hätte können.

Ein Nein reicht nicht. Wegen solcher Entscheidungen wird der Paragraf 117 in Deutschland seit Jahren heftig kritisiert. Justizminister Heiko Maas (SPD) soll laut „Spiegel“­Informationen in einem vertraulichen Gespräch zwischen den JustizministerInnen von Bund und Ländern seinen KollegInnen vorgewor­fenen haben, sie sähen das Thema Ver­gewaltigung „zu weiblich“ (1). Nun plant er eine Reformierung des Paragrafen. Allerdings forderte er zuerst die Länder auf, ihm über die Probleme mit dem Gesetz zu berichten. Der Tenor ist klar: Der Paragraf muss geändert werden. Bisher legt er fest, dass eine Vergewal­tigung nur dann vorliegt, wenn jemand eine andere Person mit Gewalt, durch bestimmte Drohungen oder durch Ausnutzen einer schutzlosen Lage zu sexuellen Handlungen nötigt. Es reicht folglich nicht aus, wenn eine Frau ein­deutig Nein sagt. KritikerInnen merken an, dass Vergewaltigungsopfer, die sich aus Angst, beispielsweise vor Verlust ih­res Jobs oder ihrer Aufenthaltsbewilli­gung, nicht wehren, den Tatbestand der Vergewaltigung nicht geltend machen können.

Gefahr für Leib und Leben. Ein Nein muss reichen – das verlangt Artikel 36 der Istanbul­-Konvention, die auch Deutschland unterzeichnet hat. Die Konvention, die vom Europarat im Jahr 2011 initiiert wurde, hat die Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen zum Ziel. Artikel 36 des Über­einkommens verpflichtet die Vertrags­staaten, alle nicht einvernehmlich statt­findenden sexuellen Handlungen unter Strafe zu stellen. Die Rechtsnorm trat am 1. August 2014 in Kraft. Ratifiziert hat die Konvention auch Österreich.

Derzeit ist es für einen Schuld­spruch im Sinne des Paragraf 201 in Österreich nötig, dass der Täter Gewalt ausübt, dem Opfer die persönliche Frei­heit entzieht oder dieses mit Gefahr für Leib und Leben bedroht. Auch in Österreich reicht ein Nein (noch) nicht aus. Darin sieht auch der österreichische Justizminister ein Problem. Gegen­über der Tageszeitung „Der Standard“ sagt Wolfgang Brandstetter, Österreich habe ein grundsätzlich sehr gutes und funktionierendes Sexualstrafrecht. Es gebe aber „einen kleinen Graubereich, in dem wir etwas nachschärfen beziehungsweise präzisieren können“, so der Justizminister. Die für 2015 geplante Strafrechtsreform möchte er nutzen, um den Tatbestand der „Verletzung der sexuellen Selbstbestimmung“ einzu­führen. Damit wären zukünftig auch Fälle strafbar, in denen sich Opfer von sexualisierter Gewalt aus Angst nicht körperlich zur Wehr setzen und auch keinen verbalen Widerstand wagen, aber in für den Täter erkennbarer Weise mit dessen Vorgehen nicht einverstan­den sind.

Sowohl in Österreich als auch in Deutschland wird der Ruf nach einer Anpassung des Strafrechts an die Istan­bul­-Konvention lauter. Die Kampagne und Petition „Ein Nein muss genügen“ des Österreichischen Städtebunds, federführend vom Frauenbüro der Stadt Salzburg geleitet, zielt darauf ab, dass jede sexualisierte Handlung gegen den erkennbaren Willen der betrof­fenen Personen strafbar ist. Auch in Deutschland wird dasselbe gefordert: Die Organisation Terre des Femmes hat Anfang Mai 2014 Justizstaatssekretär Christian Lange eine Petition mit knapp 30.000 Unterschriften überreicht. Auch sie fordert eine Reform des Vergewaltigungsparagrafen und bezieht sich dabei auf die Istanbul­Konvention. „Kaum ein Verbrechen in Deutschland wird so selten bestraft wie eine Vergewalti­gung – obwohl es eine der häufigsten Formen von Gewalt an Frauen ist: Alle drei Minuten wird in Deutschland eine Frau vergewaltigt!“ führt Terre des Femmes an.

lu_wu/flickr
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Ohne Spur kein Beweis? Ein im Zuge der Novellierungsdiskussion häufig genannter Kritikpunkt ist die schwierige Beweisbarkeit von Sexualdelikten ohne Gewaltanwendung. Meist steht Aussage gegen Aussage. Doch auch der Tatbestand einer Drohung hinterlässt keine ärztlich attestierbaren Spuren. Sollen strafwürdige Handlungen straffrei bleiben, wenn es Probleme bei deren Beweisbarkeit aufgrund fehlender Gewalteinwirkung geben könnte? Für Tatjana Härle, Professorin für Strafrecht an der Humboldt-­Universtität zu Ber­lin, ist klar: „An der Strafwürdigkeit von Tätern, die bei Wissen um das fehlende Einverständnis solche Situationen für sexuelle Übergriffe ausnutzen, kann es eigentlich keine ernsthaften Zweifel geben.“

Eine Anpassung der Vergewal­tigungsparagrafen würde aber zur allgemeinen Verständlichkeit der Straftat „Vergewaltigung“ entscheidend beitragen. In ihrer Stellungnahme auf verfassungblog.at schreibt Härle: „Die Botschaft ‚sexuelle Handlungen ohne Einverständnis der anderen Person sind von Rechts wegen verboten‘ dürfte für Bürger und Bürgerinnen sehr viel einfacher und klarer zu verstehen sein als der Inhalt von vielen anderen straf­rechtlichen Normen.“

Einige BefürworterInnen der No­vellierung halten es auch für wahrscheinlich, dass eine klarere Definition dazu beitragen könnte, Opfer sexuali­sierter Gewalt zu ermutigen, Anzeige zu erstatten. Die 2011 veröffentliche „Österreichische Prävalenzstudie zur Gewalt an Frauen und Männern“ geht von einer Dunkelziffer bei Vergewal­tigungen von eins zu elf aus, nur 8,8 Prozent der Vergewaltigungsopfer er­statten demnach Anzeige. Im Jahr 2013 wurden 920 Anzeigen nach Paragraf 201 des Strafgesetzbuches in Österreich getätigt, allerdings wurden nur 104 Verurteilungen ausgesprochen. Auch in Deutschland führten am Ende nicht einmal zehn Prozent der Anzeigen zu einer Verurteilung.

Keine Auslegungssache. Historisch gesehen ist das heutige Strafrecht das Produkt patriarchaler Machtverhältnisse. Wurde Vergewaltigung früher als Eigentums­- und Ehrdelikt gehandhabt – als Angriff auf Ehemann und Familie, später als Angriff auf die Nation – fand seit den 1970er­Jahren die Idee der sexuellen Selbstbestimmung der Frau Eingang in die Gesetzestexte. Die Angst der Männer, eine Frau könne sich mit Hilfe einer vorgetäuschten Vergewalti­gung an ihnen rächen, wiegt allerdings immer noch schwer. Solche Vergewalti­gungsmythen werden gerne wieder aus der Mottenkiste geholt, wenn über eine Reformierung des Sexualstrafrechts diskutiert wird. Die derzeit in Öster­reich laufende Strafrechtsreform bietet ebenso wie die Diskussion in Deutsch­land die Möglichkeit, den jeweiligen Vergewaltigungsparagrafen unter Be­rücksichtigung der Istanbul­-Konvention zu novellieren. Der Konvention folgend wäre damit Sexualkontakt ohne beider­seitiges Einverständnis strafbar.

Die Vergewaltigungsparagrafen in beiden Ländern würden zwar schon heute den Gerichten die Möglichkeit bieten, für das Opfer Recht zu spre­chen. Doch die Gesetze werden von RichterInnen unterschiedlich ausgelegt und somit ist die „schutzlose Lage“ Definitionssache. Der deutsche Bundesgerichtshof gilt dabei als richtungs­weisend. Obwohl die Frau an die Wand gedrückt wurde, kam der Mann frei. Denn wo Gewalt beginnt, ist ebenfalls Auslegungssache.

 

(1) Sexualisierte Gewalt, zu der auch Vergewaltigung zählt, richtet sich haupt­sächlich gegen Mädchen* und Frauen*. Sie ist ein Ausdruck geschlechtsspe­zifischer Diskriminierung. Sexualität wird dabei instrumentalisiert, um Machtbeziehungen zu de­finieren bzw. zu festigen. Auch Männer können Op­fer sexualisierter Gewalt werden. Gegenwärtig ist der überwiegende Anteil der Opfer weiblich. In die­sem Artikel wird explizit auf die Lage von Frauen* eingegangen.

 

Denise Beer ist Politikwissenschaftlerin und hält jede Ausübung sexualisierter Gewalt für strafwürdig. No means no.

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Sourealistische Performance https://ansch.4lima.de/sourealistische-performance/ https://ansch.4lima.de/sourealistische-performance/#respond Fri, 30 Jan 2015 16:20:30 +0000 https://anschlaege.at/?p=5904 Interview: STEFANIE SOURIAL über ihre Performance „Freak“ und ihre Liebe zur „Unterwelt“. Von VERONIKA EBERHART]]>

„Freak“ nennt sich die Soloperformance von STEFANIE SOURIAL, die nach dem Erfolg beim Nachwuchsfestival Freischwimmer jetzt wieder im Wiener brut aufgenommen wird. VERONIKA EBERHART befragte die Regisseurin und Darstellerin zu ihrem Stück.

 

Valerie IX., so wird die Protagonistin genannt, begeht gleich zu Beginn einen Gewaltakt: „Sie dreht durch und schlägt zu.“ In der Folge wird ihr Fall in einer therapeutischen Beichtsituation von hinten aufgerollt. Auf den Spuren ihrer jugendlichen Sozialisation durchlebt sie noch einmal ihre Kindheit in bäuerlicher Umgebung und ihre gedrillte Adoleszenz im bourgeoisen Internat. Dabei entlarvt Sourials detaillierte Darstellung die feinen Unterschiede sozialer Verhaltens­muster in Bourdieu’scher Manier.

In ihren Bann gezogen entführt sie das Publikum mit unglaublicher Körperspannung, akrobatischer Mimik und theatralisch eingesetzter Musik in szenische Welten, in denen sich Grund­verschiedenes wie Operette, Matrix und Michel Jackson wechselseitig die Hand küssen. Klingt verwirrend, aber im „sou­realistischen Universum“ ergibt es auf verblüffende Weise Sinn.

 

an.schläge: Wärst du damit einverstanden, wenn ich dein Stück kurz als eine performative Analyse von Klassenstrukturen zusammenfasse?

Stefanie Sourial: Ja. Besser hätte ich es nicht ausdrücken können. Das muss ich mir merken. Es handelt jedoch auch von dem Versuch einer Person, sich zugehörig zu fühlen, sich einer Gruppe anschließen zu können, und dem damit verbundenen ewigen Scheitern. Es ist der Versuch zu zeigen, dass die Wur­zel eines Traumas nicht immer in der frühen Kindheit liegen muss. Die ersten Kindheitsjahre der Protagonistin sind ihre glücklichsten. Beim Heranwachsen muss sie aber langsam lernen, dass sie – egal in welchem Kontext – immer ein bisschen „zu …“ ist: zu elitär, zu provinzi­ell, zu sehr Junge, zu mädchenhaft und durch ihren migrantischen Hintergrund, egal welchem Adelsrang angehörig, spricht sie nicht einmal ihre eigene Muttersprache „korrekt genug“. Das ist ein Phänomen der dritten Generation. Sie passt nirgendwo dazu.

Faszinierend dabei ist, dass du diese gesellschaftlichen Strukturen durch minimale Bewegungen visualisierst. Wie kommt es zu dieser peniblen Interpretation sozialer Verhaltensmuster?

Einerseits durch das leidenschaftli­che, aber auch obsessive Beobachten der Handlungen anderer Leute. Hier gibt es eine Ambivalenz des (Nicht­-) Hinsehen­Wollens und trotzdem Hinsehen­-Müssens. Ich empfinde die Verhaltensweisen anderer oft als so irritierend, dass ich nicht anders kann, als hinzustarren. Mit diesem Zwiespalt habe ich sehr oft zu kämpfen. Anderer­seits ist es dann noch immer eine große Herausforderung, für die Bühne klare Bewegungen zu schaffen, die für so viele Zuseher_innen wie möglich verständlich sein sollen, ohne mich oberflächlicher Klischees zu bedienen.

Wie hast du gelernt, dich durch deinen Körper so auszudrücken?

Ich habe vieles selbst gelernt, deswe­gen kann ich vieles eben nicht richtig. Theater-­, tanz-­ und vor allem filmfas­ziniert war ich immer schon. Ich habe im Wohnzimmer als Kind tatsächlich die Vorhänge zugezogen und mir Filme Hunderte Male immer und immer wie­ der angesehen.
Meine Hauptausbildung habe ich in Paris in der Theaterschule Jacques Lecoq gemacht. Für mich war die Schule sehr hart, so wie alle anderen Schulen auch. Ich habe vieles in der Zeit der Ausbil­dung nicht verstanden, sondern erst viele Jahre später.

© Gerhard F. Ludwig
© Gerhard F. Ludwig

Mir drängte sich während des Stücks unweigerlich die Frage auf: Ist das eigentlich alles autobiografisch?

Ich gehe schon meistens von mir aus. In weiterer Folge habe ich jedoch einen fiktiven Charakter erfunden, um mich von meiner eigenen Geschichte distanzieren und viel weiter gehen zu können. Ich habe mich dann immer weiter einge­lesen und in Recherchen verloren: Das ging von Bourdieu und vor allem Elias bis hin zu Internetforen, wo Leute sich über ihre Krankheit namens Misophonie (Geräuschintoleranz, Anm.) austauschen. Aber ich habe mich auch mit forensi­scher Psychiatrie beschäftigt, mit Krankenberichten aus den Perspektiven der Patient_innen und der behandelnden Psychiater_innen. Und auch mit Psycho­logie, natürlich mit Freud und Lacan; genauso auch mit Dokumentationen britischer Eliteinternate und Ähnlichem.

Im Gegensatz zu deinen vorherigen Projekten ist „Freak“ nicht nur komisch, sondern auch sehr ernst. Deshalb kann der Humor darin meiner Meinung nach noch mehr aus dem Vollen schöpfen. Würdest du mir zustimmen, dass eine gute Komödie immer auch tragische Elemente beinhaltet?

Oh ja. Weil die Dynamik zwischen den Gegensätzen die Spannung erzeugt. Das ist jetzt banales Blabla und schon tausendmal gesagt, aber: Da, wo wir am meisten lachen, weinen wir auch am meisten. Da, wo wir uns am wohlsten und sichersten fühlen, sind wir am angreifbarsten.
In dem Konzept für mein Stück ist etwa zu lesen: Die Protagonistin wandert ständig auf einem schmalen Grat zwi­schen Selbstbeherrschung und Wahn­sinn, Ekel und Erregung, Selbstüber­schätzung und bitterer Enttäuschung.
Sie katapultiert sich durch ihren Kontrollverlust aus ihrer Welt der obe­ren Zehntausend direkt in die Untersu­chungshaft der forensischen Psychiatrie. Das ist tragisch, hat aber auch etwas Komisches.

In deinen Performances taucht immer wieder die Gestalt einer Superheldin/ eines Superhelden auf, was verbindet dich mit dieser utopischen Figur?

Diese Liebe zur Utopie und zu fiktiven nichtmenschlichen Charakteren ist sehr kontrovers. Mich zieht es immer zu den „Bösen der Unterwelt“ mit ihren zwiegespaltenen Persönlichkeiten. Zu Joker, Batman, Dr. Mabuse, Dr. Caligari, Dr. Frankenstein, Dr. Hannibal Lecter, Mystique …
Zum einen befinden sie sich meistens im Kampf gegen kapitalisti­sche Großmächte, mit ihren speziellen mutantenhaften Mitteln und ihren Superkräften hat dieser endlose Kampf etwas Attraktives.
Zum anderen sind sie beängstigend, denn es handelt sich bei ihnen um z. B. wahnsinnig gewordene, obsessive Wissenschaftler_innen, getrieben von Größen­ und Kontrollwahn, Rachsucht oder auf der Flucht vor einem trauma­tischen Erlebnis. Sie kreieren etwas, von dem klar ist, dass es außer Kontrolle geraten wird. Es ist die Überzeichnung, die Satire, die sich ganz nah an der Realität befindet, die mich so anzieht.

Idee, Regie, Text, Performance – alles stammt von dir. Bist du eigentlich ein totaler Kontrollfreak oder kannst du auch gut in Kollaboration?

Ich bin eher ein „Kontrollverlustfreak“. Die letzten Jahre waren stark geprägt durch die Zusammenarbeit mit anderen Künstler_innen, wie dem Kollektiv „The­atre ad Infinitum“, dem Club Grotesque fatal (2009­-2014 Club Burlesque brutal) und vielen anderen Künstler_innen und Musiker_innen.
In diversen Konstellationen wechsle ich auch oft die Rolle. Dieser Perspektivenwechsel ist extrem wichtig für mich. Genau wegen der vielen Zusammenarbeiten muss ich dann von Zeit zu Zeit ganz alleine arbeiten, um wieder zu sehen, wo ich künstlerisch gerade überhaupt stehe. Ohne die Kollaborati­onen wüsste ich gar nicht, was aus mir geworden wäre. Wahrscheinlich wäre ich am Kabarett Simpl gelandet.

 

Stefanie Sourial ist Performancekünstlerin und lebt hauptsächlich in Wien.

Veronika Eberhart ist Künstlerin und Musikerin und lebt auch meist in Wien.

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an.klang: Pompöse Dramen https://ansch.4lima.de/an-klang-pompoese-dramen/ https://ansch.4lima.de/an-klang-pompoese-dramen/#respond Fri, 30 Jan 2015 16:20:28 +0000 https://anschlaege.at/?p=5906 Kopfhörer auf und raus in die Kälte! Von CHRISTINA MOHR]]>

Lust auf duftende Musik, Rollerdisco und dramatische Balladen? Kopfhörer auf die Ohren und raus in die Kälte! Von CHRISTINA MOHR

 

Zunächst scheint es wahrlich eine kapriziöse Idee, passend zur Platte ein eigens kreiertes Parfum heraus­zubringen. Die vielseitige Potsdamer Musikerin Louise Gold erklärt das ungewöhnliche Goody ganz unkapriziös damit, dass ihr während eines USA­-Auf­enthalts Gerüche aufgefallen seien, die es hierzulande nicht gibt: Kaktusfeigen, heißgefahrene Autoreifen oder Reste vom Barbecue. Ihre Eindrücke auch in einem Duft einzufangen, schien ihr also ganz plausibel. Das Album Terra Caprice (Motor/Good To Go), klingt ganz anders als das salonjazzige „Debut“. Gold ist stets auf der Suche nach dem perfekten Popsong, jetzt kommt sie ihrem Ideal mehr als nah: Wehmütig, nonchalant, immer unterwegs und doch zentriert ist die Musik aus Hammondorgeln, Wurlitzer­-Piano und Surfgitarren, zusammengehalten von einer dunkel­klaren Stimme, die assoziativ­poetische Texte singt. Mehr als einmal denkt man an The Carpenters, an großen, erwach­senen Pop also. Nur im Titelsong lässt Gold ihrer rockigen Ader freien Lauf – kapriziös im besten Sinne.

Ebenfalls perfekten Pop präsentiert All­roundkünstlerin Héloïse Letissier, deren Bandname Christine and the Queens von einer Pariser Drag­-Queen­-Truppe inspiriert ist. Mit ihrem nach einigen EPs und Singles sehnlich erwarteten Debütalbum Chaleur Humaine (Becau­se Music/Warner) unterzieht Letissier das klassische Chanson einem gehöri­gen Update: Mal englisch, mal franzö­sisch gesungen, theatralisch wie ihre Bühnenshows und dabei so leichtfüßig wie Teenie­-Filme aus den 1980ern, wirken die Songs so bezaubernd wie mysteriös. Streicher und Synthesizer gehen elegante, kühne Liaisons ein, das ganze Album ist stimmungsmäßig eine Mischung aus großem Konzertsaal und Rollerdisco. Drag Queens und Queers zollt Christine/Héloïse gleich in mehre­ren Stücken Respekt, zum Beispiel im Opener „It“ oder „Half Ladies“ – „Cha­leur Humaine“ ist für Christine and the Queens Konstatierung und Forderung zugleich.

Susanne Sundfør © NRK P3/flickr, Foto: Tom Øverlie
Susanne Sundfør © NRK P3/flickr, Foto: Tom Øverlie

Eigentlich wollte sie eine Platte über Gewalt machen, entstanden sind zehn Liebeslieder – wobei die Gren­zen zwischen diesen Polen durchaus fließend sein können. In jedem Fall aber steht die Norwegerin Susanne Sundfør musikalisch auf das ganz große Drama: Sie bettet ihre an Klavier und Gitarre entstandenen Songs gern in bombastische Orchesterarrangements, weshalb sie unlängst den Titelsong zum Endzeit­-Blockbuster „Oblivion“ singen durfte. Das Album Ten Love Songs (Kobalt/Good To Go) wirft die Hörerin von einem emotionalen Extrem ins andere, FreundInnen von Zola Jesus im Besonderen und (zuweilen tanzbarem) Neo-­Gothic im Allgemeinen werden sich hier angesprochen fühlen.

Das Album beginnt zwar mit einer Co­verversion des Pixies-­Songs „Caribou“, doch weiter gehen Tanya Tagaqs (Six Shooter) Konzessionen an den Indiepop nicht. Tagaq ist kanadische Inuit und hat den traditionellen Kehlkopfgesang für ihre Kunst perfektioniert. Sie stellt schier unglaubliche Dinge mit ihrer Stimme an, gurrt, seufzt und gibt Gut­turallaute von sich; die Musik dazu ist elektronisch-­industrial-­beeinflusst und doch organisch. Die digitale und die „natürliche“ Welt gehen auf Animism eine faszinierende Verbindung von unmittelbarer Intensität ein, wobei Tanya Tagaq nicht ins Esoterische abdriftet.

Verglichen mit Tanya Tagaq wirkt die Platte mit dem sprechenden Titel Bridges (Tutl/Hoanzl) von Eivør leichter zugänglich: Die von den Faröer Inseln stammende Künstlerin hat sich Singer­/Songwriterpop und Folktronica ver­schrieben und bleibt dieser Linie auch auf ihrem neuen Werk treu. Die Tracks changieren zwischen Sixties­-Anmutun­gen und zeitgenössischem Elektropop. Buchstäblich hervorragendstes Instru­ment ist Eivørs helle Sopranstimme, die in Balladen wie „Remember Me“ am Besten zur Geltung kommt. Durch­gängiges Thema von „Bridges“ ist die Bedeutung von Beziehungen, die bei Eivørs Auftritten rund um die Welt auf die Probe gestellt werden. Von „home, sweet home“­-Kitsch weit entfernt, ist „Bridges“ ein Plädoyer für Liebe und Freundschaft.

 

Louise Gold: Terra Caprice www.iamlouisegold.com

Christine and the Queens: Chaleur Humaine  www.christineandthequeens.com

Susanne Sundfør: Ten Love Songs www.susannesundfor.com

Tanya Tagaq: Animism www.tanyatagaq.com

Eivør: Bridges www.eivor.com

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an.sehen: Motor der Veränderung https://ansch.4lima.de/an-sehen-motor-der-veraenderung/ https://ansch.4lima.de/an-sehen-motor-der-veraenderung/#respond Fri, 30 Jan 2015 16:20:10 +0000 https://anschlaege.at/?p=5909 Der Dokumentarfilm „Private Revolutions“ zeigt feministische Aufbrüche in Ägypten. Von BRIGITTE THEIßL]]>

Der Dokumentarfilm „Private Revolutions“ erzählt von feministischen Aufbrüchen in Ägypten und dem langen Atem, den eine Revolution erfordert. Von BRIGITTE THEIßL

 

Jänner 2011, Kairo. Zehntausende Menschen strömen auf den Tahrir­-Platz, um gegen das Regime des amtieren­den Präsidenten Mubarak zu protestieren, Medien schicken die Bilder des „Arabischen Frühlings“ rund um den Globus. Ein revolutionäres Feuer scheint arabische Staaten ergriffen zu haben, die Ereignisse werden interna­tional mit großer Euphorie kommentiert. Nachdem Präsident Mohammed Mursi, der im Juni 2012 nach dem Sturz Mubaraks als Sieger aus einer Stichwahl hervorgegangen war, ein Jahr später schließlich durch einen Militärputsch abgesetzt wird und sich gewalttätige Proteste mehren, wandelt sich die anfängliche Euphorie im Westen schnell zu Skepsis. „Ist die arabische Revolu­tion gescheitert?“, wird in Leitartikeln großer Medienhäuser gefragt – als ob sich jahrzehntelang gewachsene Macht­strukturen über Nacht in Luft auflösen könnten.

A step back. „Private Revolutions“ stellt sich dieser Deutung entgegen und bringt die aus den Nachrichten größ­tenteils verschwundenen langwierigen Kämpfe mit der nötigen Entschleuni­gung auf die Leinwand. Der Dokumen­tarfilm porträtiert vier Ägypterinnen, die für eine bessere und demokrati­schere Gesellschaft kämpfen, und er­zählt anhand ihrer persönlichen Erfah­rungen die Geschichte der ägyptischen Revolution und ihrer feministischen Aufbrüche. Die in der Schweiz geborene und in Wien ausgebildete Regisseurin Alexandra Schneider begleitete die Protagonistinnen fast zwei Jahre lang. Aus dieser engen Zusammenarbeit ist ein Film entstanden, den Intimität und die Nähe zu den Protagonistinnen beson­ders auszeichnet. Es ist fast unmöglich, sich nicht in die mutigen Frauen und ihren patriarchalen Strukturen trotzen­den Kampfgeist zu verlieben.

Sharbat Abdullah © 2015 Daniela Praher Filmproduktion
Sharbat Abdullah © 2015 Daniela Praher Filmproduktion

Steter Tropfen. Da ist etwa Amani Eltunsi, die einen Verlag und das Frauen­-Internetradio „Banat wa Bas“ gründete. Ihre offenen Berichte über häusliche Gewalt, Diskriminierung und Genitalbeschneidung handeln ihr wiederholt Probleme mit der staatlichen Zensurbehörde und religiösen Führern ein, doch auch bei einer Buchpräsen­tation zum Thema Scheidung begegnet sie den Fragen entrüsteter Zuhörer mit stoischer Gelassenheit. Aber auch ihr Frust und die Enttäuschung über ausgebliebene gesellschaftliche Verän­derungen werden dokumentiert. „Jetzt diskutieren sie darüber, wie sich Frauen kleiden sollen. Das sind unsere Proble­me? Nicht, was wir arbeiten oder essen sollen?“, sagt Eltunsi, während sie sich hinter dem Steuer durch verstopfte und löchrige Straßen kämpft. Als unverhei­ratete Frau erntet sie häufig verstörte Blicke.

Ein hoher Preis. Ähnlich ergeht es der Nubierin May Gah Allah und auch Sharbat Abdullah, die sich gegen den Widerstand ihres Mannes und der Nachbarschaft den Protesten am Tahr­ir­-Platz anschließt.
Ihre Söhne nimmt Abdullah trotz des zunehmenden Risikos mit zu den Demonstrationen, von ihrem Ehe­mann wird sie deshalb mehrfach auf die Straße gesetzt. In ihrer Tasche hat sie immer ihre Schutzausrüstung gegen das Tränengas und eine Sche­re zur Selbstverteidigung – sie weiß von den Übergriffen auf Frauen auf dem Tahrir­-Platz. Abdullah gehört zu jenen Ägypter_innen, für die finanzielle Nöte im Vordergrund stehen. So wie bei den anderen Bewohner_innen ihrer Siedlung fehlt das Geld für eine gute Schulausbildung der Kinder, rund vierzig von insgesamt achtzig Millionen Menschen leben in Ägypten unter der Armutsgrenze.
Völlig konträr dazu ist die Lebens­welt der vierten Protagonistin, Fatema Abouzeid. Als Mitglied der Muslimbrü­der koordiniert sie den Wahlkampf für Mursi und kümmert sich zugleich um Erziehung und Haushalt. Im Laufe der Dreharbeiten bricht sie den Kontakt zur Regisseurin ab – die Präsenz der westlichen Kamerafrau scheint in ihrem Umfeld Verdacht erregt zu haben, auch in anderen Zusammenhängen war Schneider selten ein gern gesehener Gast.
Die Risikobereitschaft und die Be­harrlichkeit der Regisseurin haben sich bezahlt gemacht: „Private Revolutions“ ist ein kostbares Stück Zeitgeschichte und ein Pflichtfilm für alle feministi­schen Aktivistinnen, deren Motivation in den Mühlen der Strukturen verloren zu gehen droht. Der Kampfgeist von Eltunsi, Abdullah und Allah wirkt noch lange nach.

 

„Private Revolutions“ (Österreich 2014, 98 Minuten) startet am 13. Feb­ruar im Wiener Votivkino. Weitere Termine auf www.privaterevolutions­film.com

 

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an.künden: Zum Weinen schön https://ansch.4lima.de/an-kuenden-zum-weinen-schoen/ https://ansch.4lima.de/an-kuenden-zum-weinen-schoen/#respond Fri, 30 Jan 2015 16:19:48 +0000 https://anschlaege.at/?p=5921 Der „Saddest Queer Ball On Earth“ als Gegenveranstaltung zum pseudo­romantischen Valentinstag.]]>

Als „Saddest Queer Ball On Earth“ kündigt sich „Cry­-Baby, Cry“ als Gegenveranstaltung zum pseudo­romantischen Valentinstag an. Als Inspiration für diesen Abend dient der gleichnamige Filmklassiker von John Wa­ters, der „Grease“ und Elvis-­Filme auf die Schippe nimmt. Der Einstieg in die Ballnacht beginnt mit Sekt und Häppchen, es folgt eine rauschende Show aus Tanz, Musik und Performance. Special guests wie Christia­ne Rösinger, eine Schminkstation und die Photobooth sind weitere Zutaten für eine unvergessliche Nacht.

14.2., 21.00: Cry-Baby, Cry!, WUK, 1090 Wien, Währingerstr. 59, www.wuk.at

© Moira Hille
© Moira Hille
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an.sage: „Fix Society. Please.“ https://ansch.4lima.de/an-sage-fix-society-please/ https://ansch.4lima.de/an-sage-fix-society-please/#respond Fri, 30 Jan 2015 16:19:02 +0000 https://anschlaege.at/?p=5914 Geschlecht und Sexualität müssen auf dem Lehrplan stehen. Von BETTINA ENZENHOFER]]>

Ein Kommentar von BETTINA ENZENHOFER

 

Bei dem homophobsten Gespräch, das ich bisher miterlebt habe, bekam ich neben extrem menschenverachtenden Aussagen auch folgende Geschichte zu hören: Eine Frau am Tisch erinnerte sich, wie sie als 20-Jährige in einem Hotel gejobbt und mit einer Runde Touristinnen viel Spaß gehabt hatte. Schließlich wurde sie von einer Frau gefragt, ob sie mit ihr auf deren Zimmer gehen möchte – und ihr wurde klar, dass diese Touristin nicht heterosexuell war. Entsetzt sagte sie zu mir: „Stell dir vor, ich wäre mit ihr mitgegangen – dann hätte mir das vielleicht noch gefallen!“
Gottseidank hat ihr katholisch-konservatives Herz gesiegt und so lebte sie fortan mit Mann und Kindern. Ein Coming-out blieb ihr erspart, denn eine heteronormative Gesellschaft geht ohnehin davon aus, dass du hetero bist, du musst es nicht extra verkünden. Diese Frau musste sich als Jugendliche nie fragen, wo bloß die anderen sind, die ähnlich wie sie empfinden. Sie muss sich nicht die Frage stellen, warum sie in Kultur, Politik und Gesellschaft nicht repräsentiert ist. Und wenn sie mit ihrem Mann auf der Straße Händchen halten oder ihn in einem Café küssen will, tut sie das einfach. Wäre sie mit der Touristin in dieser Situation gewesen, hätte sie sich vorher vergewissern müssen, dass sie an einem sicheren Ort sind.
Denn diese Vorsicht gehört zum Alltag von Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Trans*Personen: Wie die Agentur der Europäischen Union für Grundrechte (FRA) 2013 in einer EU-weiten Studie mit über 93.000 Teilnehmer_innen feststellte, vermeiden es 66 Prozent der befragten LGBTs aus Angst vor Übergriffen, in der Öffentlichkeit Händchen zu halten. Diese Angst ist berechtigt: Ein Viertel der LGBTs wurde in den vorangegangenen fünf Jahren attackiert oder bedroht – in der Trans*Gruppe waren es gar 35 Prozent.

Fast die Hälfte (47 Prozent) der Studienteilnehmer_innen gab an, im zurückliegenden Jahr wegen ihrer Homo-, Bi- oder Transsexualität diskriminiert oder belästigt worden zu sein, unter den lesbischen Frauen waren es sogar 55 Prozent. Und insbesondere die Schule ist ein Ort, an dem Homo-, Bi- und Transphobie äußerst verbreitet sind: 91 Prozent der Befragten erinnern sich an negative Bemerkungen oder Mobbing, zwei Drittel verheimlichten während der Schulzeit ihre sexuelle Orientierung bzw. Geschlechtsidentität. Die FRA fordert in ihrem Bericht von den EU-Mitgliedstaaten, Mobbing gegen LGBTs an Schulen zu unterbinden. Informationen zur Vielfalt von Geschlecht und Sexualität müssten Teil des Lehrplans werden, um für mehr Respekt gegenüber LGBTs zu sorgen.
Genau das war in den letzten Monaten in zwei deutschen Bundesländern geplant. Niedersachsen und Baden-Württemberg hatten vor, die „Akzeptanz sexueller Vielfalt“ fächerübergreifend als Lernziel im Unterricht festzuschreiben. Was folgte, waren bundesweite Proteste und Petitionen von Rechtskonservativen, fundamentalistischen Christ_innen oder „besorgten Eltern“, die sogar in Mord- und Vergewaltigungsdrohungen gegen die Soziologin Elisabeth Tuider gipfelten. Tuider hatte 2008 gemeinsam mit anderen das für Lehrer_innen vorgesehene Handbuch „Sexualpädagogik der Vielfalt“ herausgegeben. Dass Schüler_innen von der Vielfalt gelebter Lebenswirklichkeiten erfahren – und möglicherweise auch davon, mit dem eigenen Gefühl in puncto Geschlecht oder Sexualität nicht alleine zu sein, das kommt für die Kritiker_innen nicht infrage.
Doch es ist allerhöchste Zeit, Kinder und Jugendliche auch in der Schule über verschiedenste Geschlechter, Sexualitäten und Identitäten aufzuklären. Gerade LGBTs, die zu Hause Ablehnung erfahren, könnten so zumindest dort Unterstützung erhalten. Nicht zuletzt die hohe Suizidrate unter LGBT-Jugendlichen zeigt die Dringlichkeit: Laut einer 2014 publizierten US-Studie haben etwa 41 Prozent der befragten Trans*Personen einen Suizidversuch hinter sich (s. an.schläge-Schwerpunkt 11/2014), bei den 18- bis 24-jährigen sind es 45 Prozent. Diese Zahl steigt noch, wenn Trans*Personen von Armut oder Obdachlosigkeit betroffen sind, eine Behinderung haben oder People of Color sind.
Ende 2014 hat sich die 17-jährige Leelah Alcorn aus Ohio umgebracht. Auf ihrem Blog veröffentlichte sie einen erschütternden Abschiedsbrief, in dem sie von der Zurückweisung seitens ihrer evangelikalen Eltern erzählt und
berichtet, zu christlichen Therapeut_innen geschickt worden zu sein. Erst mit 14 stieß sie auf den Begriff „Transgender“: „Nach zehn Jahren der Verwirrung verstand ich endlich, wer ich war.“
In Schulen muss Gender zum Thema gemacht werden, je früher, desto besser, fordert Leelah. Und sie schreibt in ihrem Abschiedsbrief weiter: „Fix society. Please.“

 

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bonustrack: Quit Playing Games https://ansch.4lima.de/bonustrack-quit-playing-games/ https://ansch.4lima.de/bonustrack-quit-playing-games/#respond Fri, 30 Jan 2015 16:18:43 +0000 https://anschlaege.at/?p=5912 Als Vorpubertierende in den Neunzigern. Von ANNA KOHLWEIS]]>

Als Vorpubertierende in den Neunzigern saß ich eines Nachmittags auf meinem Bett unter der Dachschräge mit der Buckelwalpostersammlung, als A. mein Zimmer betrat. A. war jünger als ich, aber dank einer älteren Cousine immer stets irgendwie eingeweihter in die Geheimnisse darüber, was man als Vorpubertierende am besten tun sollte. Mit strahlenden Augen öffnete sie verschwörerisch das CD-Deck meiner kleinen Boombox, legte eine CD ein, drückte „Play“ – und trat eine Lawine los.
Es blieb keine Zeit, um skeptisch zu sein! Das gesamte Marketingteam der Backstreet Boys rieb sich irgendwo anders auf der Erde die Hände, machte einen Strich auf einer geheimen Liste und flüsterte „Eine mehr …“, während meine Hormone mich Kopf voraus in einen Strudel warfen, in dem kein Kinderzimmer groß genug für alle Boybandposter dieser Erde war und es vollkommen inakzeptabel schien, wenn beim „Bravo“-Starschnitt noch zwei Teile fehlten. In meinem Tagebuch findet sich der mit zitternder Hand gekritzelte Eintrag : „AJs LINKES BEIN FEHLT NOCH IMMER WO IST AJs LINKES BEIN?!?“
Die Zeit mit Nick, Kevin, Howie, AJ und Brian war kurz und verwirrend. Meine Schulfreundin C. sagte, ich müsste mir einen Lieblingsboy aussuchen, aber ich konnte mich nicht entscheiden. Wie konnte es sein, dass Nicks Mittelscheitel sonntags am coolsten war, montags allerdings nur Brians Diamantohrring hell genug funkelte? War es okay, Kevin gut zu finden, obwohl er der Älteste war? Und war AJ wirklich so gesetzlos wie alle behaupteten, und wenn ja, würde er mich überhaupt cool finden?
Als ich mir mit 13 eines Sommers in Dublin meine erste eigene Kassette für meinen neuen metallic-grünen Walkman kaufte, griff ich zu Hansons „MMMBop“ und fühlte mich wochenlang wie eine Verräterin. Zu Hause nahm ich BSB still von der Zimmerwand und hielt Nick und Howie dabei die Augen zu. Es tat mir ehrlich leid.

Anna Kohlweis hörte ein Jahr nach der Hanson-Kassette zum ersten Mal Radiohead und ritt selig grinsend mit Thom Yorke auf einem Einhorn in den Sonnenuntergang.

www.annakohlweis.com

Illustration: Anna Kohlweis
Illustration: Anna Kohlweis
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lesbennest: Caught Out There https://ansch.4lima.de/lesbennest-caught-out-there/ https://ansch.4lima.de/lesbennest-caught-out-there/#respond Fri, 30 Jan 2015 16:18:16 +0000 https://anschlaege.at/?p=5911 LesbennestWhen I realized that my love affair with feminism was going to be a lifelong relationship. Von DENICE BOURBON]]> Lesbennest

the fabulous life of a queer femme in action

When I realized that my love affair with feminism was going to be a lifelong relationship, I also opened the door to a fireball of rage. The feminist glasses got superglued to my face and wherever I turned I saw misogyny parading around as if it was its goddamn birthright. Once I opened my mouth to scream I just couldn’t stop. I felt a constant disappointment towards my male friends for not giving up their privileges and joining the strugg­le as allies, and I was sick to the bone of being expected to walk around like a 24/7 information station educating them about sexism and homophobia. “Just read a fucking book for fuck’s sake! If you are really seriously interested in fighting discrimi­nation then just do something! Start your own political groups instead of moping around when we respectfully ask you to not come to our meetings taking up all the space with your feelings of guilt for belonging to the group who gets the most cake although you never asked for it. And no, I am not interested in being the token lesbian feminist at your events so that you can feel better about yourselves for being so supportive and open minded!” I had the right to air my anger without having to add an “except for you, of course” every time I screamed something about male privilege. So it came to me as a shock followed by a very embarrassed red face when I realized I myself behaved like those “nice and decent dudes” whose response to criticism was (is) to feel hurt and wrongfully accused. “Queer Vienna is a nice and cuddly little bubble and everybody is invited to come and play!” (My own words.) Bull. Shit. Yeah, sure, the door is open but you gotta count on a heavy dose of everyday “innocent” ra­cism starting the minute you step in, because that’s just the way things are and people just don’t know better and if you try to call them on it, you are being overly sensitive and just ruining the party!
Allies out there (including myself ): Shut up and listen. Open your mouth and say something. Just learn when to do which. Life is an ongoing learning process, there is no graduation. We are bound to make mistakes, and when that happens we apolo­gize and do (or fail) better next time. Don’t go hide, licking your wounds and behaving like you got your fingers slapped.

 

Denice believes in hilariously funny political satire without assholery. She also wonders when white folks deciding whether a joke is racist or not came back in fashion. WTF?

 

Illustration: Nadine Kappacher
Illustration: Nadine Kappacher
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