Dezember 2014 / Jänner 2015 – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de Sun, 06 Sep 2020 15:21:58 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.0 https://ansch.4lima.de/wp-content/uploads/2024/10/cropped-favicon-32x32.png Dezember 2014 / Jänner 2015 – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de 32 32 an.künden: Bühnen erobern https://ansch.4lima.de/an-kuenden-buehnen-erobern/ https://ansch.4lima.de/an-kuenden-buehnen-erobern/#respond Sun, 30 Nov 2014 22:47:28 +0000 https://anschlaege.at/?p=5813 © Greg Neate / flickrMusikalischer Austausch, Vernetzung und Support bei der Reclaim the Stage Convention.]]> © Greg Neate / flickr

Musikalischer Austausch, Vernetzung und Support sind die Ziele der Reclaim the Stage Convention, die sich an Frauen, Lesben, Trans* und Inter-Personen richtet. Das Wochenende im Ruhrgebiet setzt Akzente gegen den von Cis-Typen dominierten Mainstream und dreht sich ganz ums Musikmachen: in Workshops – vom Songtext schreiben bis zu Tontechnik – und Diskussionen können sich die Teilnehmenden weiterbilden und kennenlernen, um danach gemeinsam die Bühnen zu stürmen.

© Greg Neate / flickr
© Greg Neate / flickr

16.–18.1.: Reclaim the Stage Convention, AZ Mülheim, 45468 Mülheim/Ruhr, Auerstr. 51, www.reclaimthestage.blogsport.eu

]]>
https://ansch.4lima.de/an-kuenden-buehnen-erobern/feed/ 0
an.künden: Porn That Way https://ansch.4lima.de/an-kuenden-porn-that-way/ https://ansch.4lima.de/an-kuenden-porn-that-way/#respond Sun, 30 Nov 2014 22:46:19 +0000 https://anschlaege.at/?p=5811 „Marion in Bed“ (2009), © Émilie JouvetEine Ausstellung über die Geschichte von lesbischer, schwuler, queerer und Trans*-Pornografie.]]> „Marion in Bed“ (2009), © Émilie Jouvet

Erstmals führt in Berlin eine Ausstellung die Geschichten von lesbischer, schwuler, queerer und Trans*-Pornografie zusammen. Von den Anfängen des homosexuellen Pornos des 19. Jahrhunderts über die selbstbewusste Darstellung von schwulem Sex in den 1970er-Jahren bis hin zu den feministischen, frauen*freundlichen und sex-positiven Filmen der letzten Jahre wird die Entwicklung und Emanzipation queerer Sexualität dargestellt. Dabei erwarten die Besucher_innen nicht nur Filme und Videos von damals und heute, sondern auch Skurrilitäten wie historische Dildos und Filmausstattungen.

„Marion in Bed“ (2009), © Émilie Jouvet
„Marion in Bed“ (2009), © Émilie Jouvet

ab 7.12.: Porn that Way, Schwules Museum*, 10785 Berlin, Lützowstr. 73, www.schwulesmuseum.de

]]>
https://ansch.4lima.de/an-kuenden-porn-that-way/feed/ 0
an.künden: Grotesker Jahreswechsel https://ansch.4lima.de/an-kuenden-grotesker-jahreswechsel/ https://ansch.4lima.de/an-kuenden-grotesker-jahreswechsel/#respond Sun, 30 Nov 2014 22:44:38 +0000 https://anschlaege.at/?p=5809 © Ute HölzlAuf in eine glamouröse und rauschende Silvesternacht.]]> © Ute Hölzl

Eine glamouröse und rauschende Silvesternacht versprechen die Performer_innen von Club Grotesque Fatal (ehem. Club Burlesque Brutal), die für diesen Abend die berüchtigte Gruppe Duckie aus London eingeladen haben. Getreu dem Motto „Queer the Year“ wird die gemeinsame Show berauschende, groteske, kritische und dreckige Darbietungen vereinen und ein Feuerwerk der Burlesque entfachen. Anschließend wird mit FM queer und dem Quote-Kollektiv ins neue Jahr getanzt.

© Ute Hölzl
© Ute Hölzl

31.12., 22.00: Club Grotesque Fatal & Duckie, brut , 1010 Wien, Karlsplatz 5, 20/25 Euro, www.brut-wien.at

]]>
https://ansch.4lima.de/an-kuenden-grotesker-jahreswechsel/feed/ 0
an.sage: Yellowface https://ansch.4lima.de/an-sage-yellowface/ https://ansch.4lima.de/an-sage-yellowface/#respond Sun, 30 Nov 2014 21:21:47 +0000 https://anschlaege.at/?p=5796 Burn, elendiges Faschingskostüm, burn! Ein Kommentar von VINA YUN]]>

Burn, elendiges Faschingskostüm, burn! Ein Kommentar von VINA YUN

Als Kind war ich im Fasching am liebsten ein knallroter Fliegenpilz. Meine Altersgenoss_innen verkleideten sich gerne als Prinzessin oder Pirat (schöne heile Genderwelt). Ebenfalls populär (und völlig normal): der „Chinese“. Den Rest des Jahres kam ein „asiatisches“ Äußeres nicht immer so gut an. „Schlitzauge“, „Ratte“ und „Reisfresser“ waren die häufigsten rassistischen Beleidigungen, die ich zu hören bekam, sieht man von einem bekannten Spottreim ab, der mir des öfteren nachgeworfen wurde. Vor allem meine Augen hatten es den anderen angetan: Ob ich denn mit den Dingern überhaupt richtig sehen könne?
Ich kann gar nicht aufzählen, wie oft sich weiße Österreicher_innen bemüßigt fühlten, meine Erscheinung zu beschreiben: mein „flaches Mondgesicht“, meine „olivfarbene Haut“, meine „glatten asiatischen Haare“, meine „zierliche Statur“, die sich offenbar irgendwo unter meinen Extra-Pfunden versteckte. Als ich älter wurde, wurden aus den suspekten „Schlitzen“ des öfteren exotische „Mandelaugen“. Schon gehört? „Schlitz-“ und „Mandelaugen“ gibt es nicht – sie existieren allein im Auge des_der weißen Betrachtenden.
„In weißen Gesellschaften gilt: Menschen, die ihre Augen zu ,Schlitzen‘ verziehen, sind hinterhältig“, zitiert ein Artikel in „Die Zeit“ den Berliner Kulturwissenschaftler Kien Nghi Ha. Er und weitere antirassistische Aktivist_innen unterzeichneten im Februar 2014 einen offenen Brief mit dem Titel „Wir sind keine Schlitzaugen!“, der gegen ein ausgestelltes Bild im Berliner Theaterhaus Heimathafen Neukölln protestierte. Auf jenem Foto war eine weiße blonde Frau in einer fernöstlich anmutenden Parkanlage zu sehen, die ihre Augen mit den Fingern grinsend zu „Schlitzen“ hochzog. Nachdem sich die Beschwerden gehäuft hatten, wurde das Bild abgehängt, und erst nach mehreren Anläufen konnte sich die verantwortliche künstlerische Leiterin dazu durchringen, sich öffentlich zu entschuldigen. (1)

Vina Yun
Vina Yun

Ein Aspekt in der Kritik am „Yellowfacing“ sticht für mich besonders hervor: Wiederholt wird, wie auch schon der Begriff andeutet, eine Parallele zur rassistischen Praxis des Blackfacing gezogen. So heißt es etwa im besagten Protestbrief: „Das Bild vermittelt die Macht, als überlegen fühlende Weiße in Blackfacing-Manier sich über ‚asiatisch‘ Aussehende lustig zu machen und dabei ihr Gesicht zu einer Grimasse zu deformieren. Sowohl die zynische Karikatur (ost)asiatischer Menschen als hinterhältige Untermenschen als auch der Mythos der ,Schlitzaugen‘ als typisch ostasiatische Attribute verfügen über eine jahrhundertalte kolonial-rassistische Tradierung.“
Tatsächlich hat Yellowface ebenso wie Blackface eine lange Geschichte in der „westlichen“ Welt: von der Aufführung von Arthur Murphys Bühnenstück „The Orphan of China“ 1767 über die oscarprämierte Darstellung der O-Lan durch Luise Rainer im Hollywood-Film „The Good Earth“ (1937) bis hin zur fiktiven Figur der dusseligen Ushi Hirosaki, die im niederländischen Fernsehen ihr Unwesen treibt und 2013 gar einen eigenen Kinofilm herausbrachte. Doch lassen sich Yellow- und Blackface tatsächlich einfach ohne weiteres miteinander vergleichen?
Wohl trifft es zu, dass beide als rassistische Darstellungstraditionen einzuordnen sind, die der Belustigung eines weißen Publikums und daher der Reproduzierung von white supremacy dienen. Doch Yellowface mit Blackface gleichzusetzen würde bedeuten, wesentliche Unterschiede zu nivellieren – wie etwa die Einbettung von Blackface in den historischen Kontext der Sklaverei oder die divergierenden Zuschreibungen an Schwarze bzw. „asiatische“ Männlichkeiten und Weiblichkeiten.
Unglücklicherweise leisten vor allem asian-american Aktivist_innen einem zweifelhaften Konkurrenzverhältnis Vorschub: Yellowface sei bis heute weitgehend akzeptiert und kaum aufgearbeitet, während sich bei Blackface ein antirassistischer Konsens durchgesetzt hätte (was natürlich Bullshit ist).
Um den weißen Blick zu dezentrieren, braucht es jedoch solidarische und verbündete Positionen, keinen Wettbewerb der Unterdrückten. Burn, elendiges Faschingskostüm, burn!

(1) Eine detaillierte Zusammenfassung der Ereignisse findet sich auf korientation.de: http://bit.ly/1t0nbpS

]]>
https://ansch.4lima.de/an-sage-yellowface/feed/ 0
medienmix https://ansch.4lima.de/medienmix-6/ https://ansch.4lima.de/medienmix-6/#respond Sun, 30 Nov 2014 21:12:34 +0000 https://anschlaege.at/?p=5794 zeitung_anschlaege_feminismus_oesterreichMobil * Außerordentlich * Inspirierend]]> zeitung_anschlaege_feminismus_oesterreich

computer_anschlaege_feminismus_oesterreich

 

Mobil

Die Berliner Autorin Laura Gehlhaar schreibt auf ihrem Blog Frau Gehlhaar über den Alltag und das Rollstuhlfahren. Beruflich ist sie als Coach und Redakteurin tätig, privat stürzt sie sich ins Nachtleben und berichtet über schöne und skurrile Begegnungen. Außerdem analysiert sie den Umgang mit Behinderung in Medien und Werbung. Frau Gehlhaar wehrt sich gegen Mitleid und will keine Inspiration sein. Stattdessen hat sie sich ein Bullshit-Bingo für Rollstuhlfahrer_innen ausgedacht. https://fraugehlhaar.wordpress.com

 

zeitung_anschlaege_feminismus_oesterreich

 

 

Außerordentlich

Sie ist jung, queer und kommt aus der Schweiz: die Publikation Milchbüechli, die „Zeitschrift für die falschsexuelle Jugend“ herausgegeben vom Zürcher Verein Queere Jugendplattform. In unterschiedlichen Textformaten, mal informierend, mal persönlich, schreiben junge Menschen über Gesellschaft, Politik sowie interessante Veranstaltungen und verweisen auf Anlaufstellen. Ihre Message: „Wir sind stolz drauf, so falsch zu sein. Auch du kannst stolz auf dich sein, so wie du bist.“ Dreimal jährlich, alle Beiträge auch online: www.mibuli.ch

fernseher_anschlaege_feminismus_oesterreich

 

 

 

Inspirierend

Seit Ende Oktober sendet die BBC World Service ein Format von und für Frauen. Darin soll es vor allem um positive Rollenvorbilder aus unterschiedlichen Ländern und mit verschiedenen Hintergründen gehen: Wöchentlich treffen bei The Conversation zwei Frauen aus unterschiedlichen Ländern, moderiert von Kim Chakanetsa, in halbstündigen Sendungen aufeinander, etwa Botschafterinnen von verschiedenen Kontinenten, Wissenschaftlerinnen oder Comedians. Alle Folgen abrufbar auf: www.bbc.co.uk/podcasts/series/conversation

 

 

Fiona Sara Schmidt

]]>
https://ansch.4lima.de/medienmix-6/feed/ 0
positionswechsel: Der Feind in meinem Bett https://ansch.4lima.de/positionswechsel-der-feind-in-meinem-bett/ https://ansch.4lima.de/positionswechsel-der-feind-in-meinem-bett/#respond Sun, 30 Nov 2014 21:02:50 +0000 https://anschlaege.at/?p=5792 Ich falle gleich mit einem Geständnis ins Haus: Ich war im Bett mit einem ÖVPler. Von SUZY FOUNTAIN]]>

eine lady genießt und schreibt

Ich falle gleich mit einem Geständnis ins Haus: Ich war im Bett mit einem ÖVPler. Zugegeben, es ist schon eine ganze Weile her – ich war jung und brauchte Sex (und davon nicht zu knapp). Kennengelernt hatten wir uns in einem Chat. David war respektvoll, hatte Schmäh und war, wie sich schon bald herausstellen sollte, ein verdammt guter Küsser, der mein Hirn in meine Muschi rutschen ließ. Dauergeil, wie ich war, hätte ich ihm bei unserem ersten Treffen am liebsten die Kleider vom Leib gerissen. Obendrein war ich, die sich bis dahin vor allem lesbischen Vergnügungen hingegeben hatte, neugierig und wollte mich in Sachen Hetero-Sex weiterbilden. Wie macht man Sex mit einem Mann? Diese Frage war mir vollkommen ernst und Antrieb, praktische Feldforschung zu betreiben. Warum auch nicht? Schließlich ist auch ein heterosexueller Fick ebenso wenig „natürlich“ wie jeder andere Sex.
David war in vielerlei Hinsicht ein typisch Konservativer: Er glaubte an die Ehe und die traditionelle Familie, ging in die Kirche und fantasierte ausgiebig davon, anal penetriert zu werden. Und trotzdem: Er war nicht das reaktionäre Arschloch, das man sich als politischen Gegner vorstellt, sondern gab sich durchwegs liberal und weltoffen.
„Spinnst du?“, schimpfte mich eine Freundin, als ich ihr meine Affäre beichtete. „Das ist doch der Klassiker: Machen einen auf humanistisch und legen dich dann erst recht aufs Kreuz.“ Ich begann zu grübeln: Sollte man wissen, wen die andere Person wählt, bevor man mit ihr ins Bett steigt? (Ein Sexleben nach Parteibuch, das klingt nach der Hölle auf Erden.) Zeugt es von mangelndem revolutionären Bewusstsein, wenn man mit dem politischen Gegner Körperflüssigkeiten austauscht? (Liebe mit dem Klassenfeind – schuldig im Sinne der Anklage!) Dürfte ich dann in diesem Fall nur mit linken Männern schlafen? (Haha.)
Indes erledigte sich die Sache mit David ohnehin bald von selbst: So wie seine politische Zugehörigkeit hatte er mir einfach nicht schmecken wollen. Und ich keinen Grund mehr, mir länger auf die Zunge zu beißen.

Suzy Fountain verteilt ungern Fragebögen, bevor sie mit jemandem auf Tuchfühlung geht.

positionswechsel_anschlaege_feminismus_kolumne
Illustration: Nadine Kappacher
]]>
https://ansch.4lima.de/positionswechsel-der-feind-in-meinem-bett/feed/ 0
bonustrack: Mama Leonard https://ansch.4lima.de/bonustrack-mama-leonard/ https://ansch.4lima.de/bonustrack-mama-leonard/#respond Sun, 30 Nov 2014 20:57:59 +0000 https://anschlaege.at/?p=5790 Illustration: Anna KohlweisMeine Eltern hatten keine Plattensammlung. Von SQUALLOSCOPE]]> Illustration: Anna Kohlweis

Meine Eltern hatten keine Plattensammlung. Um ehrlich zu sein, habe ich keine Ahnung, welche Musik meine Eltern in meiner Kindheit hörten. Meine Mutter teilte mir irgendwann mit, dass sie Simon & Garfunkel mochte, und an dieser Information klammerte ich mich fest wie an einer Rettungsboje in einem Meer von Radio und „Best Of Andrew Lloyd Webber“-CDs, die in meiner Kindheit irgendwann auftauchten, ohne dass ich so genau weiß, woher sie eigentlich kamen. Nachmittags saßen wir auf Omas Ledercouch und hofften inständig, das nächste Lied bei „Wurlitzer“ würde von David Hasselhoff sein. Oma, ihres Zeichens Fan von großen Männern mit Locken, und ich, meines Zeichens Fan des Dackels im Video zu „Crazy for You“.
Mein Vater stimmte bei guter Laune die Anfangstakte von Opernarien an, meine Mutter sang mit Gitarre Klassiker der Popmusik aus einem Peter-Bursch-Buch. Das Peter-Bursch-Buch hatte neben jedem Lied eine Illustration, und schnell war ich davon überzeugt, „Puff the Magic Dragon“ heiß und innig zu lieben, denn offensichtlich war es das einzige Lied im Buch, das für Kinder geschrieben wurde. Denn Erwachsene hatten mit Drachen nichts am Hut.
Ich war immer etwas neidisch auf Menschen, die bei Eltern mit beeindruckender Plattensammlung aufwuchsen, insgeheim den Verdacht hegend, meine Familie hätte mich um eine Art Geheimwissen beraubt, das mir zugestanden hätte.
Mit Mitte zwanzig hörte ich zum ersten Mal „Songs of Leonard Cohen“, überzeugt, ich würde damit zum ersten Mal Lieder von Leonard Cohen hören. Doch irgendwie kannte ich das schon. Ein bisschen war es so, wie wenn man einen sehr alten, sehr guten Freund nach sehr langer Zeit wiedertrifft. So long, Marianne. It’s time that we began … Mama? Mir wurde bewusst, dass ich mit den Leonhard-Cohen-Cover-Versionen meiner Mutter an der Gitarre aufgewachsen war, ohne es richtig mitbekommen zu haben. Ein Eck Geheimwissen, bloß ums Eck gesungen.

Illustration: Anna Kohlweis
Illustration: Anna Kohlweis

Anna Kohlweis findet Dackel noch immer total gut und wurde im eigenen Songwriting vermutlich gleichermaßen von Dackeln und Leonard Cohen beeinflusst.

www.annakohlweis.com

]]>
https://ansch.4lima.de/bonustrack-mama-leonard/feed/ 0
heimspiel: Bildet Banden https://ansch.4lima.de/heimspiel-bildet-banden/ https://ansch.4lima.de/heimspiel-bildet-banden/#respond Sun, 30 Nov 2014 20:53:28 +0000 https://anschlaege.at/?p=5788 „Seit ich ein Kind hab“ läuft bei uns zu Hause derzeit rauf und runter. Von KRISTINA STRAUß-BOTKA]]>

leben mit kindern

„Seit ich ein Kind hab“ läuft bei uns zu Hause derzeit rauf und runter. Christoph und Lollo singen in diesem Lied sehr humorvoll über das Leben zwischen 37-Grad-Badewasser, Rotz auf der Kleidung und Geschlechtsverkehr nach Termin. Im geschenkten „Vater-im-Karenzchaos“-Buch reiht sich eine „Kind kotzt sich im Amt von oben bis unten voll“-Geschichte an die nächste Story über Tobsuchtsanfälle vor dem Süßigkeitenregal. Alles extrem pointiert und witzig geschrieben. Ein Freund postete dieser Tage über den Spaziergang mit seiner Tochter im Morgengrauen. Die „Likes“ ließen nicht lange auf sich warten. Als Kommentar zum nächtlichen Spaziergang mit der unruhigen Tochter und den vielen „gefällt mirs“ schreibt jemand, dass es von ihr dafür kein Daumen-hoch gibt. Denn die Nächte, die sind zum Schlafen da. Sie wünscht den Eltern, dass auch die Tochter das bald so sieht. Ich bin gerührt. Solidarität! Kein Haha! Spätestens nach den ersten zwei verheulten Nächten ohne Schlaf, nach denen ich mich nicht mehr wie ich selbst fühle, fällt mir ein: Schlafentzug wird in manchen Ländern als Foltermethode angewandt! Als ich mit einer auch-Mama-Freundin bei einem kinderlosen Kaffeehausbesuch über Solidarität unter Eltern sinniere, gibt mir diese den Kommentar einer anderen Mutter zu ihrem freien Nachmittag wieder: „Hast du denn überhaupt noch ein Kind?“ Kinderlose Zeit bei Kaffee und Kuchen, ohne Zahnärztin-Termin oder wichtigen Arbeitseinsatz – ist das moralisch wirklich verwerflich? Wo bleibt die Solidarität? Kinder tauschen! Gemeinsam-sind-wir-stark! Und: Hilfe annehmen! Denn es gibt sie ja, die lieben Mitmenschen, die gerne in ihrer Freizeit stundenweise das Kind betreuen, sich am Lachen und am Quatschen erfreuen, aber auch das Weinen aushalten. Schließlich reden wir vom süßesten Kind der Welt …

Kristina Strauß-Botka, Politikwissenschaftlerin und Pädagogin, übt jetzt als frische Mama selbst das Baby-Verleihen und Fremdbaby-Betreuen.

Heimspiel. Leben mit Kindern
Illustration: Nadine Kappacher
]]>
https://ansch.4lima.de/heimspiel-bildet-banden/feed/ 0
zeitausgleich: What´s my name? Say my name! https://ansch.4lima.de/zeitausgleich-whats-my-name-say-my-name/ https://ansch.4lima.de/zeitausgleich-whats-my-name-say-my-name/#respond Sun, 30 Nov 2014 20:48:40 +0000 https://anschlaege.at/?p=5786 Illustration: Nadine KappacherWieder ist es mir gelungen, die Kolumne rechtzeitig zu schicken. Von MIEZE MEDUSA]]> Illustration: Nadine Kappacher

arbeitsfragen in allen lebenslagen

Wieder ist es mir gelungen, die Kolumne rechtzeitig zu schicken und Feedback zu bekommen. Mit rechtzeitig meine ich zu spät und mit Feedback meine ich die gut gelaunten Nachfragen der werten an.schläge-Redaktion, wann denn bitte der Text endlich käme. Kommt. Genau wie die überfällige Beförderung, die Gehaltserhöhung und der Weltruhm. Es ist nur eine Frage der Zeit. Zeit hab ich ja. Wobei! Die wird ja auch weniger. Fiel mir auf, als meine Kreditkarte kam und das Ablaufdatum im Jahre Schnee mir gar nicht so weit weg zu sein schien. Mit im Jahre Schnee meine ich 2019 und mit gar nicht so weit weg meine ich: kann ich mir vorstellen. Wie die Zeit vergeht, wenn ich mich amüsier. Plötzlich denke ich an meine letzte nichtselbstständige Beschäftigung und daran, dass mein Chef mir eine Gehaltserhöhung angeboten hat. Da kam mir zum ersten Mal der Gedanke, dass meine männlichen Kollegen womöglich jedes Jahr fragen. Über Geld spricht man bei uns nicht. Außer in Schweden. Dort kann man im Grundbuch nachschauen, was der Nachbar verdient. Oder ob der neue Schwarm mit einer Ehefrau, die er verschweigt, zusammenlebt. Die nennen das Öffentlichkeitsprinzip und haben gerade eine feministische Partei ins EU-Parlament gewählt. Keine Ahnung, ob es da einen Zusammenhang gibt.
Apropos, in die Jahre gekommen. Die Tage haben wir uns selbst gefeiert. Wir sind alt. Und mit wir meine ich die großartige an.schläge-Redaktion, die die Arbeit macht, und mit alt meine ich 30 Jahre! Weil wir alle zu bescheiden sind, um so eine Party so großkotzig zu planen, wie wir verdienen, wurde der kleinere Raum gebucht und die Party ist aus allen Nähten geplatzt. Großartig!
Und ich durfte die Redakteurinnen endlich mal kennenlernen. Weil wir ja sonst immer Mails hin und her schicken. Jetzt natürlich meine Angst, sie nicht sofort wiederzuerkennen, wenn wir uns in einer der tollen Nischen der Stadt über den Weg laufen. Aber die Party und die Gesichter merk ich mir wohl. Weil es eine Nacht war, groß wie unsere Ambitionen.

Mieze Medusa ist Pionierin der österreichischen Poetry- Slam- und Rap-Szene. www.miezemedusa.com

Zeitausgleich
Illustration: Nadine Kappacher
]]>
https://ansch.4lima.de/zeitausgleich-whats-my-name-say-my-name/feed/ 0
an.sehen: Dressing up like a man https://ansch.4lima.de/an-sehen-dressing-up-like-a-man/ https://ansch.4lima.de/an-sehen-dressing-up-like-a-man/#respond Sun, 30 Nov 2014 20:42:00 +0000 https://anschlaege.at/?p=5784 © Amazon.deDie Serie „Transparent“ zeigt das Coming-Out einer 70-jährigen Transfrau. Von ARTEMIS LINHART]]> © Amazon.de

In der Serie „Transparent“ muss eine Familie sich nicht nur der neuen Identität der Hauptfigur stellen. Von ARTEMIS LINHART

Der Serientitel ist ein Wortspiel, das zunächst die Hauptfigur Maura beschreibt. Sie ist „trans“ und sie ist „parent“. Aber auch auf einer anderen Ebene ist der Begriff charakteristisch für die Serie, denn sie handelt vom widersprüchlichen Zusammenspiel von Offenheit und Heimlichkeit – sowohl innerhalb einer Familie als auch einer einzigen Person. Maura wurde bei ihrer Geburt das männliche Geschlecht zugewiesen. Nun, endlich in Rente, legt sie ihre jahrelange Verkleidung ab und lebt fortan offen als Frau – nicht mehr nur verstohlen an einem Wochenende im abgelegenen „Camp Camellia“, einem Zufluchtsort für Gleichgesinnte. Der gesamten Familie öffnen sich durch diese Entscheidung plötzlich Türen zu Erkenntnissen und Antworten, nach denen sie bislang nicht einmal bewusst auf der Suche waren.

Female Gaze. Kreiert wurde die Serie von Jill Soloway, der Autorin und Produzentin von „United States of Tara“ und „Six Feet Under“, zwei Serien, bei denen ebenfalls die Familie im Zentrum steht und Geschlechtergrenzen ausgelotet werden. Soloway will den omnipräsenten „Male Gaze“ des Film-Business unterwandern und gemeinsam mit Serienschreiber*innen wie Jenji Kohan („Weeds“, „Orange is the New Black“) stattdessen einen „Female Gaze“ etablieren, der das Leben wie auch Sex und Begierde aus weiblichem* bzw. genderqueerem Blickwinkel zeigt.
Ihr selbst verordnetes „Transfirmative Action Program“ bevorzugt transgender-Bewerber*innen beim Casting. Das Einzige, was die sonst begeisterten Kritiken häufig monierten, war deshalb die Besetzung der Hauptfigur mit dem Cis-Mann Jeffrey Tambor. Transfrau Zackary Drucker und Transmann Rhys Ernst, beide ProduzentInnen von „Transparent“, begründen diese Entscheidung gegenüber Bitch Media u.a. damit, dass Maura zu Beginn der Serie als Mann lebt und sie es als beleidigend empfunden hätten, eine Transfrau zu engagieren, um sie dann in eine männliche Verkleidung zu stecken.

© Amazon.de
© Amazon.de

Beispielgebend. Die Figur der Maura ist nicht nur der Dreh- und Angelpunkt der Serie, sondern auch ihrer Familie. So führt ihre beispielgebende Entscheidung bei anderen Familienmitgliedern dazu, dass auch diese die Bereitschaft und den Mut aufbringen, neue richtungsweisende Lebensentscheidungen zu treffen und neue Facetten ihrer Persönlichkeiten zu entdecken und anzunehmen. Das ist oft schmerzhaft, oft befreiend, meist ist es beides. Zwar macht Maura die scheinbar größte Veränderung durch, doch in vielerlei Hinsicht ist ihre die simpelste, denn sie ist sich ihrer Sache sicher. Auch die anderen durchleben ihre individuellen Verwandlungen, sind jedoch noch von mehr Unsicherheiten geplagt.
„Transparent“ mag als einfache Coming-out-Story beginnen, bietet jedoch viel mehr Aspekte. Soloway driftet dabei nie ins Belehrende ab, auch weil sie Mauras Geschichte nicht symbol- oder gar schablonenhaft inszeniert, sondern als individuelle und sehr persönliche Erzählung. Sie geht liebevoll ins Detail, bietet gleichzeitig aber genügend Identifikationsfläche, indem sie die gesamte Familie als Konfliktfeld miteinbezieht. Es geht um Mauras Ringen um die eigene Identität, deren Herausbildung seit jeher eine sehr fordernde Angelegenheit war. Vom Kampf, sich selbst als trans wahrzunehmen und zu akzeptieren, bis hin zur Herausforderung, Jahre später der Familie gegenüberzutreten und deren heiß ersehnte Akzeptanz zu gewinnen. Es beginnt bei der Verzweiflung, die das kontinuierliche Verstecken und Verstellen für Maura mit sich bringt, und endet beim banalen und doch so bedeutsamen Lernen des richtigen Gebrauchs von Pronomen für den Rest der Familie. Dabei entsteht der Eindruck, als redeten die Familienmitglieder oft völlig aneinander vorbei. Doch genau dieses Unverständnis, die scheinbare Unmöglichkeit des Zueinanderkommens ist vertraut und macht das Realistische der Serie aus.

Verkleidungen. Eine Schlüsselszene, die lange nachklingt, ereignet sich beim ersten Aufeinandertreffen der beiden Welten: Als eine ihrer Töchter Maura fassungslos fragt: „Are you saying that you’re going to start dressing up as a lady all the time?”, antwortet Maura lachend: „No, honey. All my life – my whole life, I‘ve been dressing up like a man. This is me.“

Artemis Linhart hat eine Schwäche für Qualitätsfernsehen.

Transparent. USA 2014
1. Staffel (englisch und deutsch) auf www.amazon.de (Pilotfolge gratis).

]]>
https://ansch.4lima.de/an-sehen-dressing-up-like-a-man/feed/ 0
an.klang: Überraschung! https://ansch.4lima.de/an-klang-ueberraschung/ https://ansch.4lima.de/an-klang-ueberraschung/#respond Sun, 30 Nov 2014 20:36:06 +0000 https://anschlaege.at/?p=5782 Azealia Banks © rtppt/flickrAbgewetzte Jeans, Knaller und Widerstand. Von SONJA EISMANN]]> Azealia Banks © rtppt/flickr

Kurz vor Weihnachten werden in Harlem nicht mehr erwartete Wunder wahr, es gibt sonischen Protest aus der Türkei und straight nach vorne reitenden Rock aus DC. Von SONJA EISMANN

Überraschung! Das Album der New Yorker Rapperin Azealia Banks, seit ihrem Smash-Hit „212“ im Jahr 2012 immer wieder angekündigt und verschoben, ist endlich erschienen. Und das ohne Vorwarnung und vor allem ohne großes Label im Rücken, sondern als Digital-Release auf diversen Musiksites. Denn die selbst ernannte „Cunt Queen“ aus Harlem, erst 23 Jahre alt und Absolventin der berühmten LaGuardia High School of Performing Arts, hat sich von ihrem Label Universal losgesagt, weil diesem das produzierte Material wohl als kommerziell zu wenig erfolgsversprechend erschien. Keine Überraschung jedoch: Broke With Expensive Taste ist der Knaller geworden, der zu erwarten war, und das wohl gerade deswegen, weil nicht mit der Brechstange die Charts erobert werden sollen. Nach abgebrochenen Kooperationen mit verschiedenen Produzenten wie u.a. Disclosure stand zu befürchten, dass das nie mehr etwas wird mit einem ganzen Album. Zumal Banks, wohl auch wegen ihres jugendlichen Alters, zwischenzeitlich in unzählige Twitter-Kriege verwickelt war – Klatsch-Blogger Perez Hilton, der die von ihr als „charcoal bitch“ gedisste Konkurrentin Angel Haze verteidigte, wurde von Azealia als „faggot“ bezeichnet, was sie rückblickend als Kritik nicht an seiner sexuellen Orientierung (Banks ist selbst bisexuell), sondern an seiner Misogynie verstanden wissen will. Doch hier ist es, 16 Tracks stark und brechend voll mit Banks’ Trademark-Raps in halsbrecherischem Tempo, Raphouse-Anleihen, UK Garage, pumpenden Eurodance-Synths, Trap-Gewittern, smoothen R’n’B-Vocals, übercoolem Missy-Elliott-Gerappe in „Heavy Metal and Reflective“, uplifiting Salsa mit spanischem Gesang in „Gimme a Chance“ und sogar einem Cover von Ariel Pinks „Nude Beach-A-Go-Go“ im 1960s Surfstyle. Manchmal hat man das Gefühl, dass nicht nur das Album Genre-technisch ein wenig disparat ist, sondern dass auch die Songs, die aus großartigen Parts bestehen, an manchen Stellen auseinanderstreben oder gar zerfleddern. Dann jedoch ist genau das Pastiche-artige, das Deliziöse an diesem Album einer toughen jungen „Cunt“, die, nach dem Leben mit einer gewalttätigen Mutter und Depressionen, noch so einige Widerstände bezwingen wird.

© rtppt/flickr
Azealia Banks © rtppt/flickr

Um Widerstand geht es auch im neuen Album der türkischen Künstlerin und Musikerin Pinar Üzeltüzenci, die 1979 geboren wurde und sich für ihre musikalischen Produktionen Biblo nennt. Auch wenn Absence mit seinen verhallten Loops, experimentellen Soundscapes und Fieldrecording-Versatzstücken so gar nichts von dem hat, was die meisten Menschen mit dem Genre „Protestsong“ assoziieren, ist die Entstehungsgeschichte der 13 Tracks mit harter Politik verwoben. Denn als während eines Berlin-Aufenthalts Pinars Visum auslief, entschied sie sich Anfang 2013 dafür, nach Istanbul zurückzukehren, wo zu diesem Zeitpunkt die Gezi-Proteste ausbrachen. Auf beinahe gespenstische Weise hallt nun in diesen Stücken, die laut der Künstlerin von einer fundamentalen Abwesenheit – der Abwesenheit von Bedeutung, von Verlangen, von Wurzeln – gekennzeichnet sind, der Sound der Repression nach; der beginnende Einsatz von Wasserwerfern, das Zischen von Tränengas, ein einsam klingelndes Telefon. In seiner hypnotischen, verhaltenen Langsamkeit ist das ebenso bedrückend wie berü- ckend – und auf subtile Weise politisch.
Subtil ist bei Ex Hex, dem neuen Bandprojekt von Indie-Ikone Mary Timony, ab dem allerersten Gitarrenakkord eher nichts. Aber damit muss sich eine Musikerin, die die 1990er-Jahre mit einer Band wie Helium und nachfolgenden Soloveröffentlichungen durch ihren so unnachahmlich ätherisch-unheimlichen Indiesound massiv geprägt hat, wohl auch nicht aufhalten. Mit den ebenfalls in DC lebenden Mitstreiterinnen Laura Harris und Betsy Wright veröffentlicht die Mittvierzigerin das ungestüm nach vorne reitende Rockalbum Rips mit einer Vorliebe für abgewetzte Jeans, die Voidods und Texte über geklaute Geldbörsen. Nur durch die mitunter hallenden, sich frech bis sehnsüchtig umeinanderwickelnden Frauenvocals blitzen dann doch ein paar kleine nostalgische Reminiszenzen an früher auf – ganz subtil.

www.azealiabanks.com
http://biblo.bandcamp.com
www.exhexband.com

]]>
https://ansch.4lima.de/an-klang-ueberraschung/feed/ 0
Ivy-League-Kapitalismus https://ansch.4lima.de/ivy-league-kapitalismus/ https://ansch.4lima.de/ivy-league-kapitalismus/#respond Sun, 30 Nov 2014 20:27:12 +0000 https://anschlaege.at/?p=5780 © HelplingTeilen statt kaufen: Digitale Ökonomie und Sharing-Kapitalismus. Von BRIGITTE THEIßL]]> © Helpling

Von Bettenbörse bis Mitfahrgelegenheit: Die „Share-Economy“ kapitalisiert das Teilen. Von BRIGITTE THEIßL

„Theatre of Dreams“ nennt Mina ihre Wohnung im 3. Wiener Bezirk. Für 62 Euro pro Nacht kann das „Luxus-Loft im Stil der 80er-Jahre“ auf dem Online-Marktplatz Airbnb gemietet werden. Mina ist dort seit über einem Jahr registriert und freut sich, ihre „Sprachkenntnisse auf diesem Weg ein wenig verbessern zu können“, wie in ihrem Profil zu lesen ist. Wer es gerne etwas gediegener mag, kommt für fünfzig Euro in der Bibliothek eines pensionierten Kunsthistoriker_innen-Paars unter, Sisi-Ambiente inklusive. Die Geschäftsidee des 2008 in San Francisco gegründeten Start-ups klingt so simpel wie genial: Privatpersonen mit ausreichend Wohnraum beherbergen Reisende aus der ganzen Welt, der Preis einer Nächtigung liegt meist deutlich unter dem Preisniveau der Hotellerie. Dass sich deren Interessensvertreter_innen wenig erfreut über Airbnb – und viele ähnliche Portale, die mittlerweile auf den Markt drängen – zeigen, ist kaum verwunderlich. Private Gelegenheits-Vermieter_innen starten schließlich mit einem klaren Vorteil in den Wettbewerb: Sie sparen sich Abgaben wie eine Orts- bzw. Kurtaxe und müssen nicht wie professionelle Betriebe eine Reihe von Hygiene- und Sicherheitsbestimmungen erfüllen. Die Auswirkungen von Übernachtungsbörsen wie Airbnb und 9flats bekommt jedoch nicht nur die Hotellerie zu spüren – sie betreffen auch Bewohner_innen der Stadtzentren von touristischen Metropolen wie Berlin, New York oder Barcelona. Eine Wohnung kurzzeitig touristisch zu vermieten verspricht meist ein Vielfaches der Einnahmen aus einer gewöhnlichen Vermietung – ein massives Problem in Stadtgebieten, in denen leistbarer Wohnraum ohnehin knappes Gut ist. Behörden versuchen allerorts bereits, das Geschäft aus der rechtlichen Grauzone zu holen und staatlich zu regulieren – doch für die neuen Formen des digitalen Kapitalismus sind bestehende Gesetze meist nicht gemacht.

Zertrümmern. Auf erfolgte Rechtssprüche reagieren die Geschäftsführer von Airbnb oder dem deutschen Copycat1 Wimdu betont gelassen. Die Verantwortung, sich über lokale Gesetze und Steuerpflichten zu informieren, überlassen die Start-ups großteils ihren Nutzer_innen, die Geschäftsmodelle orientieren sich in den seltensten Fällen an nachhaltigen Prinzipien. „Es wird zwar grundsätzlich nachhaltiger gewirtschaftet als in der Dot.com-Blase im Jahr 2000, aber auch nicht wirklich. Jedes Start-up will das nächste Billion-Dollar-Start-up werden, sie werfen mit Schlagwörtern wie Disrupten, Innovation und ‚changing the world‘ nur so um sich“, erzählt die Österreicherin Elisabeth Oberndorfer, die als freie Journalistin aus dem Silicon Valley berichtet. Disruption hat sich zum Modewort der digitalen Ökonomie schlechthin entwickelt: Es beschreibt eine innovative Technologie, die andere Produkte oder Dienstleistungen verdrängt bzw. das Nutzungsverhalten verändert – das erste massentaugliche Automobil wäre dafür etwa ein Beispiel. Chef-Ideologe der modernen Disruptionstheorie ist Clayton Christensen, Professor an der Harvard Business School. Sein 1997 erschienenes Buch „The Innovator’s Dilemma“ hat sich zu einer Art Bibel für junge Unternehmensgründer_innen entwickelt und könnte von Ideen feministischer Ökonomie, etwa das Gemeinwohl als Maßstab von wirtschaftlichem Erfolg zu betrachten und ethische Urteile in Analysen miteinzubeziehen, nicht weiter entfernt sein. Theorien, die aus Business Schools kommen, ließen sich eben besonders gut vermarkten, schreibt die Historikerin Jill Lepore dazu im „New Yorker“. Modelle, die
für Fortschritt und Innovation stehen, würden zudem sehr zurückhaltend kritisiert – niemand möchte gerne in die Ecke der fortschrittsfeindlichen Kulturpessimist_innen gestellt werden.

© Helpling
Der Online-Marktplatz Helpling verspricht fröhliche Reinigungskräfte zum kleinen Preis. Angestellt sind die „Helplings“ nicht – maximale Flexibilität ist der Grundsatz neuer Online-Dienstleister. © Helpling

Kassieren. Um welchen gesellschaftlichen Fortschritt es sich allerdings handelt, den etwa die „Sharing Economy“ mit Online-Flohmärkten und Bezahlmodellen per Handy schafft, ist diskussionswürdig. Die Popstars der Start-up-Szene, die an Wirtschaftsunis unzählige Nachahmer finden, revolutionieren oft nur die Art des schnellen Geldverdienens. Als Paradebeispiel eines solchen Unternehmens gilt etwa die Taxi-App „Uber“. Die Online-Börse vermittelt Fahrgäste vorrangig an private Fahrer_innen. CEO Travis Kalanick macht keinen Hehl daraus, die traditionelle und aus seiner Sicht überregulierte Taxi-Branche zerstören zu wollen. „Wir befinden uns in einer politischen Kampagne, in der der Kandidat Uber heißt und der Gegner ein Arschloch namens Taxi“, lautet ein berühmtes Zitat von ihm. Google und Goldman Sachs investierten jüngst über eine Milliarde Dollar in das Unternehmen, der Marktwert wird seither auf 17 Milliarden Dollar geschätzt. Erfolgreiche Gründer wie Kalanick studieren meist an US-amerikanischen Eliteuniversitäten – es ist ein White-Boys-Club. Dieser Zirkel von erfolgreichen jungen Gründern in der Digitalwirtschaft sei an der Stanford-Universität entstanden,
sagt Elisabeth Oberndorfer. „Ein Stanford-Absolvent kriegt so gut wie immer Kapital für ein Start-up. Das Problem ist, dass man gerne seinesgleichen pusht, die Männer klopfen sich gegenseitig auf die Schulter, Frauen hingegen werden oft belächelt, wenn sie auf der Suche nach Investoren sind.“

Minimieren. Auch im deutschsprachigen Raum dienen die Gründer aus dem Silicon Valley vielen als Vorbild. Taxi-Apps und Mitfahrbörsen buhlen um Nutzer_innen, der Risikokapitalgeber Rocket Internet hat sich darauf spezialisiert, erfolgreiche Geschäftsmodelle aus den USA zu kopieren und für andere Märkte zu adaptieren. Eines seiner neuesten Projekte ist „Helpling.de“, ein Online-Marktplatz für Reinigungskräfte. Das Unternehmen hat vor Kurzem auch in Österreich gestartet und wirbt mit einem Tarif von 13,90 Euro pro Stunde. Das Reinigungspersonal wird nicht von Helpling angestellt, sondern arbeitet selbstständig mit Gewerbeschein. „Für mich sieht das eher nach Scheinselbstständigkeit aus“, sagt dazu Helga Hess-Knapp von der Arbeiterkammer Wien. „Die versuchen natürlich alles zu tun, damit kein Dienstverhältnis entsteht. Wenn das Unternehmen Angestellte hat, braucht es zudem viel mehr Personal, etwa für die Lohnverrechnung. Dann müssen sie auch höhere Preise verlangen.“ Genaue Zahlen zum Helpling-Personal gibt es nicht, laut eigenen Angaben ist „die Mehrheit der Helplinge in Österreich weiblich“. In Wien wird ein kleines Büro betrieben, der Hauptsitz befindet sich jedoch in Berlin. Von den 13,90 Euro Stundenlohn bleibt nur ein Mindestlohntarif übrig, rechnet Helga Hess-Knapp vor, durch die Selbständigkeit entfallen etwa Urlaubsanspruch und Mutterschutz. „In diesem Fall trifft die Scheinselbständigkeit Haushaltsdienste und damit eine Gruppe der Frauen, die es ohnehin am Arbeitsmarkt sehr schwer hat“, so Hess-Knapp. „Auf der Unabhängigkeit und Flexibilität basiert unser Geschäftsmodell“, erwidert Helpling, die Unternehmensgründer haben wie so viele in der Branche eine wirtschaftswissenschaftliche Ausbildung hinter sich. Was an den Wirtschaftsuniversitäten gelehrt wird, übt unweigerlich Einfluss auf die nächste Generation von Gründer_innen und damit deren Vorstellung von „revolutionären Ideen“ aus. Momentan haben eine Abkehr vom reinen Profit-Gedanken hin zu einer alternativen Organisation von Arbeitsbeziehungen und einer Ausrichtung am Maßstab Gemeinwohl wenig Platz darin. Ein kleiner Anfang könnte das „Manifest gegen die Krise der Ökonomie“ sein, das im Frühjahr von Wirtschaftsstudierenden in 19 Ländern unterstützt wurde und eine Neuausrichtung des Fachs – weg von der einseitigen Orientierung an der neoklassischen Ökonomie – fordert. Bei feministischen Ökonominnen anzuklopfen, könnte auch nicht schaden.

1 Als Copycat werden Unternehmen bezeichnet, die eine Geschäftsidee nachahmen oder kopieren.

]]>
https://ansch.4lima.de/ivy-league-kapitalismus/feed/ 0
„Was soll ich euch erzählen?“ https://ansch.4lima.de/was-soll-ich-euch-erzaehlen/ https://ansch.4lima.de/was-soll-ich-euch-erzaehlen/#respond Sun, 30 Nov 2014 20:18:56 +0000 https://anschlaege.at/?p=5778 Interview: ALINA DOBOSZEWSKA und AGNIESZKA KRÓL über ihre Oral-History-Projektreihe zu Flucht und Zwangsmigration. Von JESSICA BOCK]]>

Frauen, die nach dem Zweiten Weltkrieg in Polen und der Ukraine zwangsumgesiedelt wurden, erzählen in einer feministischen Oral-History-Projektreihe erstmals ihre Geschichten. JESSICA BOCK traf die Projektinitiatorinnen ALINA DOBOSZEWSKA und AGNIESZKA KRÓL zum Gespräch.

Auf den Konferenzen von Jalta (Februar 1945) und Potsdam (August 1945) wurden die Grenzen in Mittel- und Osteuropa von den Alliierten neu gezogen. Zu jener Zeit wurde der „Transfer“ unterschiedlicher Gruppen als ein legitimes Mittel angesehen, um eine „moderne Nation als Gemeinschaft gleicher Staatsbürger, die ein und derselben sprachlich-ethnischen Großgruppe angehören“, zu schaffen. So fanden nach dem Zweiten Weltkrieg auch in den polnisch-ukrainischen Grenzgebieten Zwangsumsiedlungen der Bevölkerung statt. PolInnen aus der Westukraine wurden in das von Deutschen verlassene Nachkriegspolen und in das Oder-Neiße-Gebiet „umgesiedelt“. Zeitgleich wurden die UkrainerInnen aus dem östlichen Teil Polens vertrieben.
Betroffen von Flucht und Zwangsmigration waren vor allem Frauen, die in der offiziellen Geschichtsschreibung jedoch stark unterrepräsentiert sind. Die feministische Oral-History-Projektreihe „Erinnern und Vergessen“ möchte ihren Erfahrungen und Geschichten Öffentlichkeit und Stimme geben.

an.schläge: Wie kam es dazu, eine Projektreihe über Flucht und Zwangsmigration nach 1945 aus der Perspektive betroffener Frauen zu initiieren?

Alina Doboszewska: In den mehr als vierzig Jahren, in denen in den osteuropäischen Ländern totalitäre Regierungen herrschten, war eine öffentliche Diskussion über solche Themen praktisch unmöglich. Erst nach dem Zusammenbruch des Ostblocks Ende der 1980er-Jahre wurde es möglich, diese verborgenen Geschichten zu entdecken und zu untersuchen. Die Projekte, die wir organisiert haben, sind hier und jetzt sehr wichtig, denn es ist bereits sehr viel Zeit vergangen, und die Zeuginnen von damals verschwinden allmählich. Man muss sich beeilen, um möglichst viele Erinnerungen für die nächsten Generationen zu erhalten.

Agnieszka Król: Was in der Nachkriegszeit im Leben „normaler“ Leute passiert ist, wurde lange verschwiegen. In Polen sind Flucht und Zwangsmigration in den Geschichtsbüchern kaum präsent. Während meiner Schulzeit war dieser Teil der Geschichte nie Thema, obwohl die Folgen der Zwangsumsiedlungen bis heute spürbar sind.

Inwiefern haben die Projekte einen feministischen Charakter?

Doboszewska: Bereits beim Zugang zum Thema kommt eine feministische Perspektive zum Ausdruck. Ziel war, die kollektiven Erfahrungen von Frauen, die in der historischen Forschung nur wenig präsent sind, sichtbar zu machen. Denn für gewöhnlich werden diese in ihrer Bedeutung für die geschichtliche Entwicklung systematisch abgewertet.

Król: Die Projekte sind in vielerlei Hinsicht feministisch. Zum einen ging es darum, die bislang verschwiegenen Erfahrungen der Frauen zu erforschen. Wir wollten ihnen die Möglichkeit geben, selbst ihre eigene Geschichte zu erzählen. Für viele Betroffene war es überhaupt das erste Mal, dass sie über ihre Erfahrungen öffentlich sprachen.
Das Schweigen der alten Frauen hängt oft mit ihrer marginalen Stellung innerhalb der Familie bzw. der Gesellschaft zusammen. Sie haben keine starke Position und erhalten wenig Anerkennung und Respekt. Zugleich wird ihnen das Gefühl vermittelt, dass ihre Erfahrungen angesichts der gegenwärtigen Probleme irrelevant sind. In Krasne in der Ukraine trafen wir eine Frau, die zu uns sagte: „Ich habe auf euch gewartet, damit ich meine Geschichte erzählen kann.“

Mariya Podanovska
Mariya Podanovska zeigt ihre Familienfotos.

Wie sehen die Ergebnisse der Projektreihe aus?

Doboszewska: Das materielle Ergebnis war die Sammlung von Videointerviews und die Produktion von mehreren Dokumentarfilmen, die öffentlich gezeigt wurden und die jeweils an eine thematische Fragestellung geknüpft waren. Ebenso wichtig war für uns jedoch das immaterielle Ergebnis. Die Erstvorführung des Filmmaterials fand immer für die lokale Bevölkerung statt sowie in Anwesenheit jener Frauen, die ihre Geschichten mit uns teilten, und deren Familien. Im jeweiligen Ort stellten diese Vorführungen wichtige Ereignisse dar. Die Menschen hatten die Möglichkeit, Geschichten zu hören, die tabuisiert oder nur in der häuslichen Abgeschiedenheit erzählt wurden.
Das hat den Blick auf die betroffenen Frauen verändert. Sie werden nunmehr als Personen wahrgenommen, die den „Alltag im Ausnahmenzustand“ organisiert und gemeistert haben. Die jüngere Generation erkennt, dass die alten Frauen über sehr viel Wissen und wertvolle Erfahrungen über die Vergangenheit verfügen, die auch mit ihrer eigenen Gegenwart zu tun haben, und dass es sich lohnt, ihnen zuzuhören.

Wie werden Flucht und Zwangsmigration in Polen und in der Ukraine diskutiert?

Doboszewska: In Polen und in der Ukraine spricht man nicht viel darüber. In Deutschland ein bisschen mehr, aber meistens auch eher eindimensional. Eine vielschichtige bzw. transnationale Sichtweise ermöglicht es, die Auswirkungen der Zwangsumsiedlungen in ihrer ganzen Komplexität aufzuzeigen. Die Geschichten der zwangsumgesiedelten Frauen durchdringen sich gegenseitig, dessen sind sich die Betroffenen bewusst. Das belegen auch zahlreiche Aussagen der Zeitzeuginnen, wie etwa das starke Mitgefühl der Polinnen gegenüber zwangsumgesiedelten deutschen Frauen, in deren ehemaligen Häusern sie wohnen mussten.

Für die Projekte sind Sie nach Jugów und Cieszyn in Südpolen sowie nach Krasne im Westen der Ukraine gereist. Wie sehr haben sich die Erzählungen der Frauen geähnelt oder voneinander unterschieden?

Doboszewska: Die Frauen haben uns quasi ihr ganzes Leben erzählt. Wichtig in den Frauengeschichten ist die Unmittelbarkeit der Botschaft, das Aufbauen einer persönlichen Beziehung der Erzählerinnen mit den Zuhörerinnen. Zwischen den Erzählerinnen und Zuhörerinnen, und auch denen, die sich später die Aufnahme solcher Gespräche ansehen, entsteht eine besondere Verbindung. Hier wird auch deutlich, wie sich verschwiegene Traumata auf die nächsten Generationen auswirken. Das, was nicht ausgesprochen wurde, wird endlich benannt. Auf diese Weise wird die soziale Isolation, aber auch die Isolation zwischen den Generationen überwunden.

Król: Sicherlich gibt es Ähnlichkeiten, aber auch regionale Unterschiede. Für mich war bezeichnend, dass uns stets Frauen begegnet sind, die ihre Identität in nicht-nationalen Begriffen beschrieben haben, in der Art „Ich bin weder nur das eine noch das andere“, „Vielleicht bin ich Teil von diesem oder jenem“, „Ich bin die Verschmelzung von …“ oder einfach „Ich bin von hier“.

Frau Kowalczyk
Frau Kowalczyk zeigt ihre Familienfotos.

Welche Geschichten bzw. Erzählungen haben Sie am meisten bewegt?

Doboszewska: Meistens waren das für mich jene Momente, in denen ich spürte, dass die Frauen von sehr persönlichen Erfahrungen berichteten, zum Beispiel vom Tod eines nahestehenden Menschen. Das waren Dinge, die tief aus ihrem Herzen kommen. Dies ist nur möglich nach sehr vielen Stunden des Zuhörens und erzeugt eine besondere Beziehung. Dann fühlte ich mich sehr glücklich, an diesem Projekt teilnehmen zu dürfen.

Gibt es etwas, das Sie für sich persönlich aus den Erzählungen der Frauen mitnehmen?

Doboszewska: Viele Frauen sagten uns zu Beginn des Interviews: „Aber was soll ich euch erzählen? Es ist nichts Besonderes.“ Danach trugen sie unglaubliche Geschichten vor. Ich bin zur Überzeugung gelangt: Wenn ich stark daran zweifle, dass das, was ich zu erzählen habe, für andere interessant ist, handelt es sich um eine Art „social silencing“. Diese Frauen haben schwere Momente erfahren und überlebt, da beginnst du zu verstehen, wie stark sie sind. Das wiederum hat auch mich bestärkt.

Sind ähnliche Projekte für die Zukunft geplant?

Doboszewska: Ja. Zum einen möchten wir Berichte sammeln, die Erfahrungen von Frauen während der stalinistischen Ära in der Ukraine, Polen und Ostdeutschland wiedergeben. Zum anderen möchten wir die Rolle der Frauen während des Systemwandels 1989/90 aufzeigen, die ebenso marginalisiert und verschwiegen wird. Diejenigen, die infolge des Umbruchs an die Macht kamen, waren meistens Männer, und sie waren es, die der Gesellschaft ihre eigenen Spielregeln und Sichtweisen aufdrängten.

Alina Doboszewska leitete von 2010 bis 2013 die Projektreihe „Erinnern und Vergessen“ in Jugów, Cieszyn und Krasne. Agnieszka Król hat alle drei Projekte begleitet.

Jessica Bock promoviert über die ostdeutsche Frauenbewegung zwischen 1980 und 2000 am Beispiel Leipzigs und fragt seit ihrer Teilnahme an der Projektreihe gerne ältere Frauen aus.

]]>
https://ansch.4lima.de/was-soll-ich-euch-erzaehlen/feed/ 0
Verkehrte Welt in Ladyland https://ansch.4lima.de/verkehrte-welt-in-ladyland/ https://ansch.4lima.de/verkehrte-welt-in-ladyland/#respond Sun, 30 Nov 2014 20:03:40 +0000 https://anschlaege.at/?p=5774 Trinity (The Matrix)„Sultana’s Dream“ verbannt die Männer ins Haus. Von MELANIE LETSCHNIG]]> Trinity (The Matrix)

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts veröffentlicht Rokeya Sakhawat Hossain „Sultana‘s Dream“ – und damit eine der ersten feministischen Science-Fiction-Erzählungen überhaupt. Von MELANIE LETSCHNIG

Wie wäre es, in einer Welt zu leben, in der Frauen das gesellschaftliche und politische Geschehen lenken, während ihre Ehemänner den Haushalt führen? Die Antwort auf diese Frage bildet den Kern einer Erzählung der 1880 im heutigen Bangladesch geborenen Feministin Rokeya Sakhawat Hossain. „Sultana‘s Dream“ erscheint erstmals 1905 im „The Indian Ladies‘ Magazine“. Es ist dies nicht die erste feministische Schrift der Autorin. Ihr gehen politische Essays voraus, in denen Hossain das Recht auf Bildung für Mädchen und Frauen und das Ende ihres Ausschlusses vom sozialen Leben fordert. Rokeya spricht dabei aus einer privilegierten Position, sie ist Tochter aus gutem Hause. Der Besuch einer Schule bleibt ihr und ihrer älteren Schwester Karimunnessa gesellschaftlich bedingt dennoch verwehrt. Dem Engagement der Schwester und der Unterstützung des Bruders Ibrahim Saber ist es zu verdanken, dass Rokeya nicht nur Englisch lernt, sondern auch Bengali – Zweiteres heimlich, nachts, wenn der Rest der Familie schläft, denn muslimische Töchter der Upper Class Nordindiens sind angehalten, stattdessen Urdu, die Sprache der muslimischen Elite, zu pflegen.
„Sultana‘s Dream“ ist die erste fiktionale Erzählung Hossains, die das Leben von Frauen in Indien reflektiert.
Ihr Ehemann Seyd Sakhawat Hossain, Staatsbeamter und einer ihrer ersten Leser, ermunterte sie, ihre sprachlichen Kenntnisse zu verbessern. Die Bedeutung von „Sultana‘s Dream“ reicht dabei freilich weit über eine linguistische Fingerübung hinaus – das ist auch dem Ehemann bewusst. Die Geschichte zeugt von einem hohen Bewusstsein für die konventionellen Missstände, die Frauen in ein gesellschaftliches Korsett zwängen, das sie von einem selbstbestimmten, öffentlichen Leben und männlichen Selbstverständlichkeiten wie Bildung und Arbeit abschnürt.

Verkehrte Welt in Ladyland

Welcome to Ladyland. Die Erzählung beginnt mit einer Szene, in der die Protagonistin in ihrem Haus auf einem Sessel sitzend einschläft und sich zunächst in einem luziden Zustand befindet, in dem die Grenze zwischen der noch präsenten Realität und dem bereits einsetzenden Traum verschwimmt: „I am not sure whether Idozedoffornot. But, as far as I remember, I was wide awake.“ Diese Zustandsbeschreibung verweist gleich zu Beginn des Textes darauf, dass dieser Traum, den Sultana durchleben wird, geknüpft ist an das reale Begehren nach einer modernen Gesellschaft wie Ladyland. Ladyland – das ist das Traumland, in das Sultanas Schlaf sie führt. Dort trifft sie auf Sister Sara, die Sultana als freundlich gesinnte Reiseleiterin durch einen Staat führt, in dem die gesellschaftliche Ordnung von Rokeyas Welt auf den Kopf gestellt wird. In der Realität – 1905 in Bhagalpur/Indien – ist das Leben von Frauen gekennzeichnet durch Parda. Mit Parda bezeichnet man in muslimischen Gesellschaften Südasiens den Ausschluss von Frauen aus der Öffentlichkeit. Frauen, die Parda leben, gehen verschleiert und halten sich in der Zenana, dem inneren Teil des Hauses auf – der äußere, offene Teil des Hauses, Mardana genannt, ist den Männern vorbehalten.
In Ladyland verkehrt sich nun die räumliche Zuteilung dieser Ordnung mit allen Konsequenzen. Die Frauen sind sichtbar. Sie bestellen das Land, studieren und sind Wissenschaftlerinnen, machen Politik, während die Männer sich im Haus aufhalten, kochen, putzen, die Kinder großziehen. Diese reine Umkehrung der räumlichen und gesellschaftlichen Zuschreibungen mag im ersten Moment ein wenig platt erscheinen. Auf den zweiten Blick bedient sich Rokeya Hossain allerdings probater narrativer Mittel, um dem binären Tausch den banalen Beigeschmack zu nehmen. Die Rahmenhandlung – Sultana, die in Schlaf und Traum verfällt – gibt einen utopischen Raum vor, in dem die Realität einer träumerischen Wunschvorstellung weicht. Der Traum darf bekanntlich alles, auch politische Verhältnisse verkehren. Dass die Männer freiwillig aus der Öffentlichkeit abtreten, ist in der Erzählung der Gewitztheit der Frauen zu verdanken. Müde vom Krieg lassen sie sich gerne auf das Angebot der Isolation ein. Frauen sind in Ladyland keine Militärs. Ziel ist es, jeden Krieg zu vermeiden. Die Bewohnerinnen würden eher Hand an sich legen, als eine_n politischen Flüchtling auszuliefern. Ladyland wird regiert von einer Königin, unter deren Ägide verfügt wird, dass Mädchen zur Schule gehen, die Verheiratung unter 21 Jahren ist verboten, und zwei Universitäten stehen den Frauen offen. So werden von oberster Stelle alle Voraussetzungen geschaffen, die es den Frauen ermöglichen, ein selbstbestimmtes Leben zu führen.

Verkehrte Welt in Ladyland
Rachael (Bladerunner)

Paradiesische Ökologie. Ein wesentliches Element in „Sultana‘s Dream“ sind technische Errungenschaften, die Ladyland zu einem ökologischen Vorzeigestaat machen. Der fundierten Ausbildung der Frauen ist es zu verdanken, dass Erfindungen eingesetzt werden können, die die klimatischen Verhältnisse für eine umweltbewusste Bewirtschaftung nutzen. In Ladyland wird mit Sonnenenergie geheizt, gekocht und Kriegsgerät vernichtet. Zur Wassergewinnung werden an den Universitäten entwickelte Ballons eingesetzt, die mithilfe von Rohren das Wasser über den Wolken abschöpfen und ins Land leiten, um dort Ackerboden und Pflanzen zu bewässern. Die Folgeerscheinungen dieser technischen Progression bewirken, dass es in Ladyland keinen Regen gibt, demzufolge auch keine Naturkatastrophen, genauso wenig wie Epidemien. Die Vorstellung einer Welt, die frei ist von der Bedrohung durch klimatische Unwägbarkeiten, nimmt in Rokeya Hossains Erzählung nicht von ungefähr einen prominenten Platz ein. Indien ist ein Land, das immer wieder von Überschwemmungen und Stürmen heimgesucht wird, die verheerende Folgen für Umwelt und Menschen haben.
Die Religion in Ladyland basiert auf Liebe und Wahrheit. Wer lügt, wird aufgefordert, das Land zu verlassen und nie wieder zurückzukehren. Sultana erfährt all dies durch die Expedition durch Ladyland, bei der ihr nicht zuletzt die freundschaftliche und humorvolle Konversation mit Sister Sara das Herz für die ideologischen Ideen des Staates weit öffnet.

Verkehrte Welt in Ladyland
Trinity (The Matrix)

Zurück zur Realität: Ladyland revisited. Hossains Erzählung endet damit, dass Sultana wortwörtlich aus allen Wolken zurück in die Realität fällt, sie erwacht so, wie sie eingeschlafen ist – auf ihrem Sessel in ihrem Zimmer sitzend. Um den Traum ihrer Romanfigur ein Stück realer werden zu lassen, setzt sich Rokeya im Laufe ihres Lebens mit Leidenschaft für das Recht auf Bildung für Mädchen und Frauen ein. 1909 eröffnet sie mit dem Geld, das ihr von ihrem im selben Jahr verstorbenen Ehemann vererbt wird, eine Schule für Mädchen in Bhagalpur. 1911 folgt die Eröffnung der Sakhawat Memorial Girls‘ School in Kalkutta, die immer noch existiert. 1916 gründet sie den Anjuman-e-Khawatin-e-Islam (the Muslim Women‘s Association), eine Organisation, die nicht nur die schulische Bildung höherer Töchter im Sinn hat, sondern sich speziell um die Unterstützung sozial benachteiligter Frauen kümmert.

Melanie Letschnig träumt aktuell von einem Staat ohne Hymnen, in dem Töchterverweigerer nichts zu sagen haben. Sie wäre stolz drauf.

Literatur:
Sultana‘s Dream. A Feminist Utopia and Selections from The Secluded Ones. Edited and translated by Roushan Jahan. Afterword by Hanna Papanek. New York 1988.
Seit 2013 arbeitet die spanische Animationsfilmemacherin Isabel Herguera an einer Verfilmung von Sultana‘s Dream (A Feminist Utopia in Contemporary India), die sie – basierend auf Workshops – gemeinsam mit Frauen in Indien erarbeitet. Nähere Infos: http://euskadi.goteo.org/project/sultana-s-dream?lang=en

]]>
https://ansch.4lima.de/verkehrte-welt-in-ladyland/feed/ 0
Einfach überirdisch https://ansch.4lima.de/einfach-ueberirdisch/ https://ansch.4lima.de/einfach-ueberirdisch/#comments Sun, 30 Nov 2014 19:48:01 +0000 https://anschlaege.at/?p=5772 Geschlechterkonzeptionen in queer_feministischer Science Fiction. Von DAGMAR FINK]]>

Geschlechterkonzeptionen in queer_feministischer Science Fiction. Von DAGMAR FINK

Science Fiction (SF) ist ein spekulatives Genre. In der SF wird folglich nicht geschildert, was ist oder sein wird, es geht vielmehr um die Frage „Was wäre wenn …?“. Um eine alternative Gegenwart oder Zukunft zu entwerfen, bedienen sich die Autor*innen einer Sprache und Konventionen, die dem Genre eigen sind – SF-Leser*innen wundern sich zum Beispiel nicht, wenn außergewöhnliche Wesen durch die Stadt flanieren und dabei mit Passant*innen in unbekannten Zungen parlieren. Der Maßstab, an dem Plausibilität gemessen wird, leitet sich nicht nur aus der Beobachtung des Lebens, so wie es ist oder war, ab, sondern auch von den Wissenschaften –von der Astronomie bis hin zur Soziologie, der Ethnologie bis hin zur Mathematik. SF ist also auch eine spezifische Lese-und Schreibpraktik. Und, wie die Autor*in und Literaturwissenschaftler*in Joanna Russ (1975) herausstellt, SF ist didaktisch. Denn in der SF geht es darum, Phänomene und Konzepte zu durchdenken und im wahrsten Sinne des Wortes durchzubuchstabieren.

Leerstellen der Zukunft. Grundlage der Spekulationen sind zumeist technologische Entwicklungen und deren (mögliche) Effekte auf gesellschaftliche Verhältnisse bzw. das Zusammenspiel technologischer und gesellschaftlicher Entwicklungen. Derart ausgestattet kann Science Fiction potenziell Bereiche vorstellen, in denen gesellschaftliche, ökonomische und kulturelle Veränderungen stattfinden können.
Und tatsächlich sind im Genre zahlreiche fesselnde und aufschlussreiche Betrachtungen möglicher Effekte technologischer Entwicklungen zu finden. Im Malestream der SF bleiben die Spekulationen über Geschlechter, Sexualitäten, soziale Beziehungen und generative wie gesellschaftliche Reproduktion jedoch weit hinter den Spekulationen über Technologieentwicklungen zurück. So stellt Russ heraus, dass in Bezug auf Geschlechterverhältnisse zumeist intergalaktische Vororte oder aber eine idealisierte und vereinfachte Vergangenheit beschrieben werden, in der feudale Strukturen mit Geschichten über richtige Kerle und deren kosmische Rivalitäten und Eroberungen garniert werden. Interessanterweise,
so Russ, lassen diese Erzählungen die persönlichen und erotischen Beziehungen der Charaktere aus, ebenso wenig wird beschrieben, wie und von wem Kinder groß gezogen werden. Damit stellen sich diese Erzählungen gerade nicht dem Problem, sich eine Gesellschaft vorzustellen, in der Geschlecht keine oder eine andere Rolle spielt:„Das ist die ganze Schwierigkeit der Science Fiction, der echten Kreativität: wie entkommt man den traditionellen Gegebenheiten, die nicht mehr sind als traditionelle Zwangsjacken“, schreibt Russ über das Frauenbild in der SF.

Cyborg-Monster. „Die Cyborg-Monster der feministischen Science Fiction definieren politische Möglichkeiten und Grenzen, die sich stark von den profanen Fiktionen ‚Mann‘ und ‚Frau‘ unterscheiden“ (Haraway, „Manifest für Cyborgs“). In der feministischen SF hingegen werden hegemoniale Geschlechterordnungen bereits seit den späten 1960er-Jahren problematisiert. Das Genre stellt hier ein Experimentierfeld dar, das es ermöglicht, eher abstrakte Geschlechterkonzeptionen in eine fiktive Realität umzusetzen. Es lässt sich hier buchstäblich auskundschaften, wie alternative Geschlechter im Alltag gefühlt und gelebt werden. Und in der Leseerfahrung können sich diese fiktiven Bilder und Erzählungen – anders als theoretische – zu einer imaginären Ressource entwickeln. Technologische Entwicklungen spielen auch hier häufig eine wichtige Rolle, so waren und sind gerade für queer_feministische Spekulationen die Gen- und Reproduktionstechnologien sowie deren gesellschaftliche Regulierung von großem Interesse, haben sie doch Einfluss darauf, wer, wann, in welchen Konstellationen, wie Kinder bekommen kann bzw. darf. Während viele Explorationen der Siebzigerjahre Technologieentwicklungen für Frauen* als Chance betrachteten, wurden die Betrachtungen in den 1980er-Jahren deutlich pessimistischer. Spätestens seit Donna Haraways einflussreichem „Manifest für Cyborgs“ (vgl. S. 16) jedoch geht es darum, die Möglichkeiten wie auch die Grenzen und Risiken technologischer Entwicklungen präzise für unterschiedlichen Subjekte oder Gruppen auszuloten.

Alternative Geschlechter. Zentraler Gegenstand feministischer SF ist die Erkundung möglicher Existenzweisen, insbesondere hinsichtlich Geschlecht, Sexualität und Rassisierung. Untersucht wird, wie Alternativen zu Zweigeschlechtlichkeit und Heteronormativität, zu weißer Norm und Othering aussehen könnten. Hierfür wurden verschiedene narrative Strategien entwickelt, etwa Geschlechter beispielsweise so umgeschrieben, dass sie nicht der Norm entsprechen. Dabei geht es vor allem darum, die eigene Vorstellungskraft aus den Fesseln von Geschlechterstereotypen zu befreien. So schuf Russ bereits 1968 die Agentin und Mörderin Alyx, die klug, intelligent, hart, abgebrüht, sinnlich und definitiv nicht hübsch ist.
Oder es werden alternative Geschlechter erfunden bzw. andere Figuren, wie Vampir*innen, hermaphroditische Spezies, Aliens und seit den frühen 1990ern Cyborgs, die nicht unserem irdischen Vorstellungsvermögen unterworfen sind. Queere und/oder feministische Vampir*innen werden bezeichnenderweise vorwiegend von Autor*innen entworfen, denen die Darstellung Schwarzer oder anderer nicht-weißer Figuren am Herzen liegt – wie z.B. von Jewelle Gomez in „The Gilda Stories“ (1991) oder von Octavia Butler in „Fledgling“ (2005) – und/oder denen es explizit auch um eine queere Erotik und Sexualität geht, wie Patrick Califia in „Mortal Companion“ (2004). Auch Aliens werden vorzugsweise von Autor*innen gestaltet, die explizit Fragen der Rassisierung beleuchten.
So konzipierte die wohl prominenteste Schwarze SF-Autor*in Octavia Butler in der „Xenogenesis“-Serie die Oankali und brachte damit nicht nur eine dreigeschlechtliche Spezies hervor, sondern darüber hinaus auch unsere Vorstellungen von Sexualität und Intimität ordentlich durcheinander. Das Potenzial von Cyborgs hingegen wird zumeist von weißen Autor*innen ausgelotet, wie von Marge Piercy in dem fabelhaften „Er, Sie und Es“(1991) oder von Amy Thompson in „Virtual Girl“ (1993).
Eine weitere Strategie ist die Darstellung von Androgynie bzw. Welten oder Universen, die vermeintlich nicht nach Geschlechtern unterscheiden (viel diskutiert: Marge Piercys „Woman on the Edge of Time“). Diese Strategie war insbesondere in den Anfängen queer_ feministischer SF populär, wird aber auch heute noch verfolgt.

Wider die Zweigeschlechtlichkeit. Ebenfalls seit Anbeginn werden separatistische Welten beschrieben, also Welten, in denen es entweder nur ein Geschlecht gibt, oder in denen die Geschlechter getrennt leben. Auf diese Weise kann das Potenzial eines Geschlechts jenseits der Geschlechteropposition erkundet und den Unterschieden innerhalb eines Geschlechts nachgegangen werden. Wenn wir Teresa de Lauretis‘ Analyse folgen, dass Geschlecht vor allem eine relationale Kategorie ist, Geschlecht also ein Verhältnis zwischen einer Entität und anderen, z.B. einer Frau* mit anderen Frauen*, herstellt und so Unterschiede innerhalb eines Geschlechts unsichtbar macht, dann ist dies eine eminent wichtige Strategie.
Und schließlich werden gerade in queeren Entwürfen Zweigeschlechtlichkeit und Heteronormativität defamiliarisiert, indem sie alternativen Welten und deren Geschlechter- und Sexualitätskonzeptionen gegenübergestellt werden. Ein m.E. herausragendes Werk ist hier Melissa Scotts „Shadow Man“, in dem eine Welt, die – wie wir auch – gegen besseres Wissen nur zwei Geschlechter und eine Form der Sexualität als legal und legitim anerkennt, mit einer Welt konfrontiert ist, die fünf Geschlechter und neun Sexualitäten als „normal“ betrachtet und für die sowohl ein Insistieren auf zwei Geschlechtern wie auch auf Heterosexualität als einzig „normaler“ Sexualität eine Perversion darstellt. Autor*innen wie Scott arbeiten darüber hinaus an der Sprache, um alternative Geschlechter auch auf dieser Ebene angemessen zu repräsentieren: Sie erfinden neue Begriffe sowie einheitliche oder alternative Pronomina, um auf einer sprachlichen Ebene nicht wieder in eine Zweigeschlechterordnung zurückzufallen.

Imaginäre Ressource. Die Bedeutung queer_feministischer SF liegt darin, dass es nicht nur ein Vergnügen ist, diese alternativen Entwürfe beim Lesen zu durchleben und durchdenken. Queer_feministische SF ist vor allem eine imaginäre Ressource, die die Gelegenheit bietet, das Spektrum dessen, was wir uns bezüglich Geschlecht, Sexualität und Rassisierung überhaupt vorstellen können, entschieden zu erweitern. Queer_feministische SF ist nicht nur ein Experimentierfeld, das theoretische Konzepte in nachvollziehbare, in der Leseerfahrung erlebbare Entwürfe transformiert. Queer_feministische SF schafft auch neue Konzeptionen von Geschlecht, Sexualität und Rassisierung.

Dagmar Fink ist Literatur- und Kulturwissenschafter*in. Mit (insbesondere Cyborgs in der) SF beschäftigt sie sich seit nunmehr zwanzig Jahren immer wieder mit großer Begeisterung, ihre zweite theoretische Leidenschaft gilt queeren Weiblichkeiten.

]]>
https://ansch.4lima.de/einfach-ueberirdisch/feed/ 1