bonustrack – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de Sun, 06 Sep 2020 15:36:27 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.0 https://ansch.4lima.de/wp-content/uploads/2024/10/cropped-favicon-32x32.png bonustrack – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de 32 32 bonustrack: Was mir niemand gesagt hat https://ansch.4lima.de/bonustrack-was-mir-niemand-gesagt-hat/ https://ansch.4lima.de/bonustrack-was-mir-niemand-gesagt-hat/#respond Tue, 23 May 2017 14:56:22 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=8695 Illustration: Judith FilimónovaDie allermeiste Zeit auf Tour verbringe ich in Minivans, Bussen, Flugzeugen. Von JUDITH FILIMONOVA]]> Illustration: Judith Filimónova

Ich wollte ganz früh schon Musikerin werden. Ich habe dafür viel geübt, gelernt, geprobt, bin schon als Sechsjährige auf der Bühne gestanden, habe mit zehn Jahren erstes Geld mit Live-Auftritten verdient und mit 14 meine ersten Songs geschrieben. Ich wurde gewarnt, dass es schwer sei, sein Auskommen als Musikerin zu finden, war aber topmotiviert, das Gegenteil zu beweisen.
Ich habe mir das Musiker_innenleben so vorgestellt, dass ich tagsüber lustige Proben mit Freund_innen hab, abends Konzerte mit jubelnden Fans, danach Party bis zum Umfallen. Gar nicht mal so weit entfernt von der Realität, doch gibt es da noch so einige Aspekte, vor denen mich niemand gewarnt hat:
Die allermeiste Zeit verbringe ich in Minivans, Bussen, Flugzeugen. Das Unterwegssein ist meistens fad, mitunter sehr unglamourös, oft unbequem, und nimmt tatsächlich sehr viel Lebenszeit in Anspruch. Dann kommt das Warten – warten auf den Soundcheck, aufs Konzert, warten warten warten. Auf die Party verzichte ich mittlerweile oft, weil eine lange Fahrt nach zu wenig Schlaf und mit ordentlich Restalkohol die Hölle sein kann. (Ich habe es oft genug probiert.)
Mansplaining erlebe ich bei so gut wie jedem Konzert, aber da darf man sich jaaa nicht aufregen, denn das ist schlecht für die Stimmung. Dass ich mich bestens mit meinem Equipment auskenne, genau weiß, was den Elektrizitätsbrumm im Amp abschwächen oder verstärken und was garantiert nichts bringen wird, wird von männlichen* Technikern konsequent ignoriert.
Im Musikgeschäft wurde mir kürzlich auf eine sehr spezifische Frage zu einem bestimmten Synthesizer erklärt, dass ein Synthesizer nicht das Gleiche sei wie ein Klavier (HÄ???).
Was mir aber auch niemand gesagt hat, ist, dass bei langen Autofahrten oft wunderbare Gespräche entstehen, dass beim Warten viel Zeit zum Lesen ist, für die meisten meiner Bandkollegen mein Geschlecht keine Rolle spielt, und dass in seltenen Fällen dann doch mancher Mann kapiert, dass er sich seine gut gemeinten Tipps und Erklärungen in den Arsch schieben kann.

 

Judith Filimónova ist Bassistin, Songwriterin und Produzentin. Sie ist eine Hälfte des Pop-Duos „Fijuka“, tourt regelmäßig mit Bands wie „Bo Candy“, „Gin Ga“, „Kids N Cats“ und produziert momentan gemeinsam mit Mandy Mozart Techno als „Mandy + Judith“.

 

Illustration: Judith Filimónova
Illustration: Judith Filimónova

 

 

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bonustrack: „Talentbefreite 3-Chord-Pampe“ https://ansch.4lima.de/bonustrack-talentbefreite-3-chord-pampe/ https://ansch.4lima.de/bonustrack-talentbefreite-3-chord-pampe/#respond Sat, 18 Mar 2017 00:15:10 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=8470 Illustration: Ankathie KoiEs gibt strengere äußerliche „Auflagen“ für Frauen in der Popmusik als für Männer. Von ANKATHIE KOI]]> Illustration: Ankathie Koi

„Ich hasse das so sehr, dass ich meinen kompletten Verlauf gelöscht habe, damit nichts, was dem ähnlich ist, erneut bei mir angezeigt wird.“ So übersetze ich den Kommentar des Typen auf Youtube unter einem Ankathie-Koi-Video. Solche Kommentare sind recht erheiternd, da vergleichsweise sehr harmlos zu früheren Erlebnissen dieser Art. „Absolut fürchterliche Gestalten“, lautete ein Facebook-Kommentar nach unserem TV-Auftritt bei „Willkommen Österreich“, damit waren die Fijuka-Damen gemeint;
Egal, ich liebe diesen Beruf. Ich liebe es, Musikerin zu sein. Aber was ich immer hasse: Doppelmoral. Denn es gibt definitiv strengere äußerliche „Auflagen“ für Frauen in der Popmusik als für ihre männlichen Kollegen. Als Frau fällt man viel schneller durch das Raster. Fact.
Dass nicht jedes der Outfits von „Koi“ für jeden verträglich ist und auch gerne manchmal ein klein wenig an der Grenze zum Geschmacklosen, nun ja – schrammt, ist mir bewusst. Dass nicht jeder versteht, was ich damit meine, wenn ich sage: „Ich habe es noch nie so genossen, eine Frau zu sein, aber ich habe es auch noch nie so genossen, mich auf der Bühne so männlich zu gebärden wie heute“, ist mir ebenfalls bewusst. Da liegt schon noch Arbeit vor uns. Call me dumb, aber ich verstehe trotzdem nicht, dass es Lady-Gaga-Fans gibt, die meine Kleidung mit „äußerlich absolut drüber, völlig übertrieben, eine menschliche Miss Piggy, was konsumiert die Alte eigentlich?“ kommentieren.
Ein Herr B. hat damals im „Willkommen Österreich“-Chat vorgeschlagen, dass sie doch mal jemand einladen sollen, der nicht so „Kacke“ und „schwer talentbefreite 3-Chord-Pampe“ macht. Ich dachte, vielleicht ist der nette Herr eher im Jazz oder in der E-Musik bewandert. Doch beim ersten Blick auf die laut ihm für dieses Format besser geeignete Band sprang mir sogleich der Song „Dicke Titten“ ins Gesicht. Mir persönlich egal, wie jemand seine Songs tituliert (das hat jetzt auch gar nichts mit jener Band zu tun und tatsächlich ist es sogar ein Anti-Dicke-Titten-Song!), ich bin nicht streng und mit einem äußerst guten Humor gesegnet. Aber bei Herrn B. steig ich irgendwie aus. Und gleichzeitig ist meine Welt auch wieder in Ordnung. Irgendwie.

 

Ankathie Koi ist Sängerin und Komponistin. Als exaltierte Sängerin des Duos Fijuka bekannt geworden, wird sie im April diesen Jahres das Debütalbum „I hate the way you chew“ ihres Soloprojekts „Ankathie Koi“ veröffentlichen.

 

Illustration: Ankathie Koi
Illustration: Ankathie Koi

 

 

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bonustrack: Mehr als Musik https://ansch.4lima.de/bonustrack-mehr-als-musik/ https://ansch.4lima.de/bonustrack-mehr-als-musik/#comments Sat, 14 May 2016 14:45:20 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=7467 Rap ist eine Einladung zum Mitmachen. Von ESRA ÖZMEN]]>

Rap ist eine Stimme, ein Zeichen, um aufzustehen, eine Einladung zum Mitmachen. Rap ist eine lebendige Bibliothek, eine Zeitung, und er ist mächtig. Dennoch wird er oft mit sexistischen und rassistischen Elementen verbunden und verliert seinen emanzipatorischen Ursprung – man denke nur an HC Straches Song zur letzten Wiener Landtagswahl. Um gegen etwas aufstehen zu können, muss man sich der Unterdrückung bewusst sein, eine Stimme finden, die gehört wird, und die eigenen Rechte einfordern.
Rap verschafft Gehör, doch wie viele haben keine Stimme? Im österreichischen „Tschuschen“- oder „Kanaken“-Rap werden uns eher subjektive Situationen geschildert, doch eigentlich geht es um gesellschaftliche Fragen: Was ist Integration? Wem gehört die Stadt?
Womit identifiziere ich mich? Wer bestimmt über mich?
Du wirst in ein System geboren, das es schon gibt und in dem alles schon für dich vorgeplant ist. Ein vorgeschriebener Lebenslauf, den du nur nachleben musst. Du musst dir ein Gewand namens Integration anziehen, doch dafür bist du nie ausreichend gut angezogen oder gut genug ausgerüstet. Ein Schulsystem, das dich zu dem macht, was deine Vorfahren schon waren: Arbeiterklasse bleibt Arbeiterklasse. Denn dieses System hat dich schon von vorneherein kategorisiert. Aber es ist so schlau und subtil konstruiert und funktioniert in sich so stimmig, dass immer du selbst schuld an allem bist. Deine Entscheidung, dein Kampf, deine Defizite, du allein trägst die Verantwortung!
Wie das „Migrantenkind“, das nach der Volksschule in die Hauptschule geht, da „es leider“ Sprachdefizite hat. Nach der Hauptschule gibt dir das Schulsystem ja noch die Chance aufzusteigen, aber dass das tatsächlich passiert, ist ähnlich selten wie ein Sechser im Lotto. Doch das ist dein Problem, denn die Chance wurde dir ja gegeben. Das alles greift dein Selbstbewusstsein an. „Die Stadt gibt sich Mühe, doch es existieren keine Begehren von Migranten“, heißt es immer wieder vonseiten der Politiker*innen.
Rap ist frech, er ist mal der Mittelfinger oder die Faust ans Maul, aber sicher kein Lächeln zur Unterdrückung.

 

Esra Özmen ist Rapperin aus Wien, gemeinsam mit ihrem Bruder tritt sie als EsRap auf.

 

Illustration: Joanna Proksch
Illustration: Joanna Proksch

 

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bonustrack: Wachsfiguren https://ansch.4lima.de/bonustrack-wachsfiguren/ https://ansch.4lima.de/bonustrack-wachsfiguren/#respond Thu, 14 Apr 2016 17:16:45 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=7295 irgendwann groß genug zu sein, um nie mehr in irgendwas hineinwachsen zu müssen. Von ANNA KOHLWEIS]]>

Sie fühlte sich ganz schön lang an, die Zeit, in der ich klein genug war, um bei Schuheinkäufen den Satz „Da wächst du schon noch hinein“ zu hören. Und wie nett war die damalige Vorstellung, irgendwann groß genug zu sein, um nie mehr in irgendwas hineinwachsen zu müssen. Dachte ja niemand daran, darauf hinzuweisen, in was man dann für den Rest seines Lebens trotz erreichter maximaler Körperhöhe hineinwachsen muss. In den eigenen Körper zum Beispiel, die Bauchfalten und Cellulite, die Stirnfalten und Muttermale. Reinwachsen, einziehen, dann im Idealfall mit der Selbstverständlichkeit eines Eigentümers mit abbezahltem Kredit drin wohnen. In die eigenen Wünsche hineinwachsen, die oft viel zu groß scheinen und dann halb versteckt werden, weil man denkt, andere könnten sie ja blöd finden. Wie ein extravaganter Hut, den man lange ganz hinten im Schrank in der Originalverpackung liegen hat, bis er plötzlich gar nicht mehr so verrückt wirkt. Dann geht man damit aus und alle sagen: „Super Hut, ein bisschen komisch, aber du bist eh auch komisch, find ich gut!“ Reingewachsen! Ich bin in den letzten Jahren in Wünsche hineingewachsen, in Bühnenoutfits und Haarschnitte. Momentan ist zuunterst in meinem Stapel an zu ändernden Kleidungsstücken ein grünes, bodenlanges Kleid, das mir zu klein ist und in das ich hineinwachsen muss. Weil es meiner Schwägerin gehörte, die, bevor ich sie kennenlernen hätte können, schon nicht mehr am Leben war, und die in solchen Elfenkleidern mit großen Blumen im Haar auf Bühnen stand und Lieder sang, die nicht ganz von dieser Welt waren, fühlt es sich sehr, sehr groß an.
Dieses Jahr bin ich in Sounds hineingewachsen, und sie wohnen nun in meinen neuen Liedern wie Details einer aufwändigen Wohnungseinrichtung. Vor einem Monat waren sie noch Dekorationsstücke, heute sind sie schon Tischbeine, Schranktüren, Treppengeländer. Egal, ob man Musik oder sonst was macht: Die Zukunft sieht oft viel zu groß aus. Aber ich glaube, da wachsen wir schon noch hinein.

 

Anna Kohlweis verabschiedet sich hiermit aus der bonustrack-Kolumne und dankt allerherzlichst fürs Lesen.

 

Illustration: Anna Kohlweis, www.annakohlweis.com
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bonustrack: Hundemusik https://ansch.4lima.de/bonustrack-hundemusik/ https://ansch.4lima.de/bonustrack-hundemusik/#comments Wed, 02 Mar 2016 10:29:35 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=7095 Illustration: Anna Kohlweis, www.annakohlweis.comEin Leben ohne Hunde und Weltfrieden. Von ANNA KOHLWEIS]]> Illustration: Anna Kohlweis, www.annakohlweis.com

Ich wohne temporär in meinem alten Kinderzimmer in Klagenfurt. Das „temporär“ in diesem Satz ist wichtig, das darf ich nicht vergessen. Ich geh’ bald wieder. Ehrenwort. Ist ja auch schlecht fürs Image, einerseits dauernd von überall wegwollen und dann zwischen der Bullerbü-Gesamtausgabe und Skikursfotoalben sitzen, Vaters Rotwein schlürfen und blöd schaun. Hier hängt ein Foto vom fünfjährigen Ich, die Kinderarme um meinen kleinen Bruder gelegt, und ich schwöre, ich spüre die Kulleraugen überall im Raum im Rücken.
– „Du, Anna …“, sagt die kleine Anna.
– „Was?“
– „Du, wo ist der Hund?“
– „Welcher Hund?“
– „Wollten wir nicht mit zwanzig spätestens einen Husky haben? Oder einen Spaniel. Oderoder … einen Terrier vielleicht.“
– „Du, wir haben keinen Hund. Wir haben Allergien.“
Seit einer Woche nehme ich im Zimmer meines Bruders ein neues Album auf. Mittlerweile schlägt mir niemand mehr vor, ein Studio zu mieten. Vielleicht hat es sich rumgesprochen, dass ich bei meiner Arbeitsweise nicht weiß, was ich dort tun sollte. Manchmal muss ich hier zwischen Bett und Bücherregal das Mikrofon abdrehen, weil sich neben dem Knarren des Bodens noch ein „Anna! Geschirrspüler ausräumen!“ auf die Aufnahme schwindelt. FreundInnen sagen, ich sollte das einbauen. Das ist mir dann aber bei aller Liebe zum Homerecording doch zu viel. Wenn ich schon physisch nicht wieder abhauen kann, dann zumindest musikalisch. War doch die Musik immer in erster Linie dazu da, nirgends hinzugehören. Immer balancierend zwischen einem „Yeah, wir!“ und einem „Ich-will-nichtsmit-euch-zu-tun-haben“, zwischen einem bewussten Befassen mit der Unmöglichkeit der Welt und unterbewusstem Eskapismus. Gestern habe ich mir spontan einen gepackten Koffer tätowieren lassen, weil ich meine Koffer schon zu lang nicht mehr gepackt habe. Ich hab kurz darüber nachgedacht, wie das alles damit zusammenhängt, dass ich mit der Welt momentan einfach nicht umgehen kann. Ich weiß es nicht. Aber wenn mir das Leben schon keine Hunde und keinen Weltfrieden gibt, ist das Sachen-Machen zumindest noch da. Und ich mach einfach mal.

 

Anna Kohlweis ist Squalloscope und ist müde, aber hoch motiviert.

Illustration: Anna Kohlweis, www.annakohlweis.com
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bonustrack: Ode an eine Startpistole https://ansch.4lima.de/bonustrack-ode-an-eine-startpistole/ https://ansch.4lima.de/bonustrack-ode-an-eine-startpistole/#respond Fri, 29 Jan 2016 15:52:25 +0000 https://anschlaege.at/feminismus/?p=6940 Illustration: Anna Kohlweis, www.annakohlweis.comCellokoffer als Waffenkoffer. Guten Flug! Von ANNA KOHLWEIS]]> Illustration: Anna Kohlweis, www.annakohlweis.com

Die Cellistin Zoe Keating reist häufig mit Kind. Das Kind lässt sich schlecht abgeben, also muss das Instrument in den Gepäckraum. Zusätzlich für das Cello auch noch ein Flugticket zu buchen, sei ihr zu teuer, schrieb sie vor einiger Zeit auf ihrem Blog. Das ist aber das empfohlene Prozedere für Instrumente, die größer als eine Gitarre sind. Für Musikerinnen ein Klacks, das Geld kommt uns ja schon bei den Ohren raus.
Für das Einchecken eines Instruments ist ein robuster Koffer vonnöten. Ist dieser schon bei einer Gitarre nicht billig, benötigt ein individuell gefertigtes Cello wie Zoes gar eine Aufbewahrung, die aus zwei ineinanderliegenden Koffern besteht, wobei der innere Koffer in einer Aufhängung aus Elastikbändern hängt, damit das Instrument, mit dem sie ihren Lebensunterhalt verdient und das nicht ersetzbar ist, beim Transport durch gepäckjonglierendes Bodenpersonal nicht gegen die Seitenwände kracht. Bei der Sicherheitskontrolle wird der Koffer allerdings in ihrer Abwesenheit geöffnet und durchsucht. Und so ein Cello wieder einzupacken und den Koffer zu schließen, scheint trotz der an der Deckelinnenseite montierten Anleitung Schwierigkeiten zu bereiten. Am Flugziel ist der Deckel deshalb halb offen, die Elastikbänder sind ausgehängt, und das Cello ist hoffentlich trotzdem noch ganz. Keatings Frage, ob das unbeaufsichtigte Durchsuchen nicht zu umgehen sei, wurde von Fans mit dem Ratschlag beantwortet, sich für U.S.-Inlandsflüge eine Waffe zu kaufen. Wie jetzt? So nämlich: Beim Flugtransport von Waffen müssen selbige eingecheckt werden. Bei der Kontrolle des Waffenkoffers muss der Besitzer oder die Besitzerin anwesend sein. Aber will man sich denn gleich einen Revolver zulegen müssen? Nein, das geht auch mit einer Startschusspistole. Pistole in den Cellokoffer, Cellokoffer wird dadurch umgehend zum Waffenkoffer, Musikerin ist beim Waffenkoffer öffnen, durchsuchen, und wieder schließen persönlich anwesend. Guten Flug! Amerika!

 

Anna Kohlweis ist solidarisch mit Besitzerinnen großer Instrumente, fühlt sich selbst jedoch seit Anfang ihrer Musikkarriere wegen Tragefaulheit ausschließlich zu möglichst kleinen Instrumenten hingezogen.

Illustration: Anna Kohlweis, www.annakohlweis.com
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bonustrack: Pscht https://ansch.4lima.de/bonustrack-pscht/ https://ansch.4lima.de/bonustrack-pscht/#respond Wed, 18 Nov 2015 09:39:17 +0000 https://anschlaege.at/?p=6785 Man muss nicht für alles dankbar sein. Von ANNA KOHLWEIS]]>

Man muss nicht für alles dankbar sein. Wenn JournalistInnen ein unterhaltsames Interview zu tausend Zeichen zurechtstutzen, die mich gleichermaßen fad und deppert dastehen lassen, bedanke ich mich nicht lieb für die Aufmerksamkeit. Wenn ein Blog nach Mailwechsel meinen Namen falsch schreibt, knickse ich nicht brav. Wenn ich für ein Publikum spielen darf, das beim Konzert nicht leise sein kann, macht es mir großen Spaß, schon zu Konzertbeginn Leute zum Gehen aufzufordern. Pscht!
Erstaunlich viele merken nicht, dass die Person auf der Bühne den Inhalt ihrer wichtigen Konversation genauso gut hören kann wie die Reihe hinter ihnen. Nein, ich glaub nicht, dass der Erwin der Babsi die Miete für den Dezember schon überwiesen hat. Ja, vielleicht solltet ihr beide Franzi simsen wegen einem Bier später im Rhiz. Nein, dein Rock hängt nicht im Strumpfhosenbund fest, schaut okay aus, aber dreh dich vielleicht doch nochmal kurz mit dem Popsch zur Bühne um, dann kann ich das auch noch schnell auschecken zwischen dem zweiten Vers und dem Refrain.
Reaktionen auf mein autoritäres Durchgreifen von der Bühne aus höre ich manchmal am Ende des Abends. Einmal hat sich jemand dafür entschuldigt, dass er so laut war. Diverse Kerle kommentierten es mit einem „Oida, du bist urstreng“, schwer zu beurteilen, ob es nur angenervt war oder Ehrfurcht mitschwang, die ich natürlich gerne heraushöre.
Manche behaupten, bei mir käme durch, dass ich mit einer Mutter aufwuchs, die seit vierzig Jahren verhaltenskreativen Teenagern das englische Past Tense beibringt. Da muss man auch schauen, dass einem zugehört wird. Letzte Reihe, Klappe halten, zweite Reihe grüner Schal, leise sein oder raus auf den Gang. Vierte Reihe Mitte, zur Direktorin! Du da hinten, rempel die Reihe davor nicht mit deinem Bier an! Nachsitzen! Extra Hausübung! Zehn Runden um den Turnsaal laufen! Ich bin mir sicher, meine Mutter macht das eleganter. Aber ich muss ja auch niemandem etwas beibringen. Ich will ja nur, dass alle mal für eine Stunde leise sind. Pscht. Danke.

Anna Kohlweis ist sehr dankbar, dass das Publikum bei den meisten Squalloscope-Konzerten ziemlich wunderbar ist.

Illustration: Anna Kohlweis, www.annakohlweis.com
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bonustrack: Die Wettsängerinnen https://ansch.4lima.de/bonustrack-die-wettsaengerinnen/ https://ansch.4lima.de/bonustrack-die-wettsaengerinnen/#respond Thu, 18 Jun 2015 07:25:34 +0000 https://anschlaege.at/?p=6422 Es gibt einen ganzen Haufen Dinge, die ich in Artikeln über Musik nicht lesen will. Von ANNA KOHLWEIS]]>

Es gibt einen ganzen Haufen Dinge, die ich in Artikeln über Musik nicht lesen will: Faktenfehler und Phrasendrescherei. „Bezaubernd“, „elfenhaft“ und „wunderschön“ als einzige Adjektive für musikschaffende Frauen. Was mir außerdem auf den Arsch geht, sind Vergleiche mit anderer Musik. Vergleiche aus Faulheit, Vergleiche aus Einfallslosigkeit, und vor allem Vergleiche, bei denen Musikerinnen ausschließlich mit anderen Musikerinnen verglichen werden. Denn Wettbewerbe waren mir schon immer äußerst zuwider. Kurz bin ich der Illusion erlegen, dass ich diesem ständigen elendigen Wettbewerbsdenken durch mein Bedürfnis, Musik zu machen und dabei Musik zu teilen statt um die Wette zu singen, entwischt sei. Bald merkte ich, dass mich über Musik schreibende Menschen in ein Konkurrenzverhältnis gesetzt hatten, in dem ich mich davor nie sah. Eines Morgens wachte ich also aus unruhigen Träumen auf und fand mich in einer Schublade. Sie war eigentlich nicht so wahnsinnig klein, aber die Anzahl der in dieser Schublade sitzenden Menschen verursachte Panik. In solchen Genreschubladen mit Platzmangel, außen nur mit „Frauen“ beschriftet, fängt man schnell an, mit Ellenbogen zu kommunizieren. Als ob man zwischen sich selbst und jeder anderen entscheiden müsste. So ein Unsinn. Kürzlich habe ich versucht, aus meinem Leben zu schmeißen, was mich stresst. Ich habe mich zurückgelehnt und tagelang nur Musik meiner Schubladenkolleginnen angehört, ohne dabei auch nur für einen Moment lang zu denken, wir stünden im Wettbewerb zueinander. Und die Schublade wurde zur Schatzkiste, ich habe gekramt und gewühlt, gelacht und geschnieft und gejauchzt und gejubelt, mitgesungen und geklatscht. Ellenbogen sind ab jetzt nur noch zum Einhaken da. Weil genug Platz für uns alle ist und Schubladen erbärmliche Orte sind, um Menschen aufzubewahren.

Anna Kohlweis öffnete soeben die nächstbeste Schublade in Reichweite, fand AA-Batterien und eine Taschenlampe, aber keine Frauen.

Illustration: Anna Kohlweis, www.annakohlweis.com
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bonustrack: Komprimierungskompromisse https://ansch.4lima.de/bonustrack-komprimierungskompromisse/ https://ansch.4lima.de/bonustrack-komprimierungskompromisse/#respond Thu, 14 May 2015 07:57:49 +0000 https://anschlaege.at/?p=6250 Ich packe meine Koffer und nehme mit. Von ANNA KOHLWEIS]]>

Ich packe meine Koffer und nehme mit: zehn Jahre Wien, Plastikcontainer voller Musikequipment, gefundene Fotoalben, Sackerl voller Nähgarn, Taschentücher, alte Kinderbücher, Schachteln voller Zines, leere Bilderrahmen und Squalloscope-Merch, Mappen voller Zeichnungen, Drucke, Farben, Werkzeug, Fotos von Menschen, die mir früher näher standen, Stromrechnungen, kuriose Dinge, die ich seit zehn Jahren aufhebe, weil sie irgendwann einfach superwichtig sein werden, zwei Nachtkastln von 1936, zehn Sorten Klebstoff, drei Meter Jersey, fünf Meter Baumwolle, eine Nähmaschine, Säcke voller Kleidung, Schubladen voller Speichermedien, zehn Meter Aquarellpapier und ein Kaffeeservice mit Blümchenmuster.

Die Sache mit dem Sammeln passte noch nie so ganz in meinen Plan, aus drei Koffern leben zu können. Oder: Der Plan, aus drei Koffern leben zu können, passte noch nie so ganz in meinen Plan, hochinteressante Dinge zu sammeln. Ich kann die Umzugskisten kaum tragen und trotzdem bleibe ich bei den Resten des Naschmarkt-Flohmarktes stehen und bin bereit, jedes alte Foto und jedes kuriose Buch vor der Müllabfuhr zu retten. Ich könnte mich selbst in den Arsch beißen. Ich habe die Musiksammlung digitalisiert und besitze fast nur noch Platten von Menschen, die ich kenne, weil ich Musik komprimieren kann und Nachtkastln von 1936 nicht. Ich habe nicht mal mehr Skrupel, nur noch E-Books zu kaufen. Ich würde gern alles andere auch komprimieren: Koffer und Schachteln in eine .zip-Datei packen! Das Bett in die Cloud hochladen. Das Badezimmer am USB-Stick mitnehmen. Ach was, da würde das Klo auch noch draufpassen. Alles digitalisieren! Dann könnte ich auch endlich erfolgreich dem Bedürfnis nachgehen, verlorene Socken zu googeln. Ich würde sie alle wiederfinden, in einem schreibgeschützten Unterordner von „Gwand_02“. Ein feines Leben wäre das. Ein feines, blödes Leben.

Anna Kohlweis zieht um und weiß noch nicht wohin und fühlt sich dabei ähnlich instabil wie eine Software-Testversion.

Illustration: Anna Kohlweis, www.annakohlweis.com
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bonustrack: Quit Playing Games https://ansch.4lima.de/bonustrack-quit-playing-games/ https://ansch.4lima.de/bonustrack-quit-playing-games/#respond Fri, 30 Jan 2015 16:18:43 +0000 https://anschlaege.at/?p=5912 Als Vorpubertierende in den Neunzigern. Von ANNA KOHLWEIS]]>

Als Vorpubertierende in den Neunzigern saß ich eines Nachmittags auf meinem Bett unter der Dachschräge mit der Buckelwalpostersammlung, als A. mein Zimmer betrat. A. war jünger als ich, aber dank einer älteren Cousine immer stets irgendwie eingeweihter in die Geheimnisse darüber, was man als Vorpubertierende am besten tun sollte. Mit strahlenden Augen öffnete sie verschwörerisch das CD-Deck meiner kleinen Boombox, legte eine CD ein, drückte „Play“ – und trat eine Lawine los.
Es blieb keine Zeit, um skeptisch zu sein! Das gesamte Marketingteam der Backstreet Boys rieb sich irgendwo anders auf der Erde die Hände, machte einen Strich auf einer geheimen Liste und flüsterte „Eine mehr …“, während meine Hormone mich Kopf voraus in einen Strudel warfen, in dem kein Kinderzimmer groß genug für alle Boybandposter dieser Erde war und es vollkommen inakzeptabel schien, wenn beim „Bravo“-Starschnitt noch zwei Teile fehlten. In meinem Tagebuch findet sich der mit zitternder Hand gekritzelte Eintrag : „AJs LINKES BEIN FEHLT NOCH IMMER WO IST AJs LINKES BEIN?!?“
Die Zeit mit Nick, Kevin, Howie, AJ und Brian war kurz und verwirrend. Meine Schulfreundin C. sagte, ich müsste mir einen Lieblingsboy aussuchen, aber ich konnte mich nicht entscheiden. Wie konnte es sein, dass Nicks Mittelscheitel sonntags am coolsten war, montags allerdings nur Brians Diamantohrring hell genug funkelte? War es okay, Kevin gut zu finden, obwohl er der Älteste war? Und war AJ wirklich so gesetzlos wie alle behaupteten, und wenn ja, würde er mich überhaupt cool finden?
Als ich mir mit 13 eines Sommers in Dublin meine erste eigene Kassette für meinen neuen metallic-grünen Walkman kaufte, griff ich zu Hansons „MMMBop“ und fühlte mich wochenlang wie eine Verräterin. Zu Hause nahm ich BSB still von der Zimmerwand und hielt Nick und Howie dabei die Augen zu. Es tat mir ehrlich leid.

Anna Kohlweis hörte ein Jahr nach der Hanson-Kassette zum ersten Mal Radiohead und ritt selig grinsend mit Thom Yorke auf einem Einhorn in den Sonnenuntergang.

www.annakohlweis.com

Illustration: Anna Kohlweis
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bonustrack: Mama Leonard https://ansch.4lima.de/bonustrack-mama-leonard/ https://ansch.4lima.de/bonustrack-mama-leonard/#respond Sun, 30 Nov 2014 20:57:59 +0000 https://anschlaege.at/?p=5790 Illustration: Anna KohlweisMeine Eltern hatten keine Plattensammlung. Von SQUALLOSCOPE]]> Illustration: Anna Kohlweis

Meine Eltern hatten keine Plattensammlung. Um ehrlich zu sein, habe ich keine Ahnung, welche Musik meine Eltern in meiner Kindheit hörten. Meine Mutter teilte mir irgendwann mit, dass sie Simon & Garfunkel mochte, und an dieser Information klammerte ich mich fest wie an einer Rettungsboje in einem Meer von Radio und „Best Of Andrew Lloyd Webber“-CDs, die in meiner Kindheit irgendwann auftauchten, ohne dass ich so genau weiß, woher sie eigentlich kamen. Nachmittags saßen wir auf Omas Ledercouch und hofften inständig, das nächste Lied bei „Wurlitzer“ würde von David Hasselhoff sein. Oma, ihres Zeichens Fan von großen Männern mit Locken, und ich, meines Zeichens Fan des Dackels im Video zu „Crazy for You“.
Mein Vater stimmte bei guter Laune die Anfangstakte von Opernarien an, meine Mutter sang mit Gitarre Klassiker der Popmusik aus einem Peter-Bursch-Buch. Das Peter-Bursch-Buch hatte neben jedem Lied eine Illustration, und schnell war ich davon überzeugt, „Puff the Magic Dragon“ heiß und innig zu lieben, denn offensichtlich war es das einzige Lied im Buch, das für Kinder geschrieben wurde. Denn Erwachsene hatten mit Drachen nichts am Hut.
Ich war immer etwas neidisch auf Menschen, die bei Eltern mit beeindruckender Plattensammlung aufwuchsen, insgeheim den Verdacht hegend, meine Familie hätte mich um eine Art Geheimwissen beraubt, das mir zugestanden hätte.
Mit Mitte zwanzig hörte ich zum ersten Mal „Songs of Leonard Cohen“, überzeugt, ich würde damit zum ersten Mal Lieder von Leonard Cohen hören. Doch irgendwie kannte ich das schon. Ein bisschen war es so, wie wenn man einen sehr alten, sehr guten Freund nach sehr langer Zeit wiedertrifft. So long, Marianne. It’s time that we began … Mama? Mir wurde bewusst, dass ich mit den Leonhard-Cohen-Cover-Versionen meiner Mutter an der Gitarre aufgewachsen war, ohne es richtig mitbekommen zu haben. Ein Eck Geheimwissen, bloß ums Eck gesungen.

Illustration: Anna Kohlweis
Illustration: Anna Kohlweis

Anna Kohlweis findet Dackel noch immer total gut und wurde im eigenen Songwriting vermutlich gleichermaßen von Dackeln und Leonard Cohen beeinflusst.

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bonustrack: Die Aussicht vor einem Jahr https://ansch.4lima.de/bonustrack-die-aussicht-vor-einem-jahr/ https://ansch.4lima.de/bonustrack-die-aussicht-vor-einem-jahr/#respond Wed, 01 Oct 2014 21:43:53 +0000 https://anschlaege.at/?p=5508 Illustration: Anna Kohlweis, www.annakohlweis.comVor einem Jahr gab es einen Tag, an dem ich oben auf dem Haus des Meeres stand und Wien fotografierte. Von SQUALLOSCOPE]]> Illustration: Anna Kohlweis, www.annakohlweis.com

Vor einem Jahr gab es einen Tag, an dem ich oben auf dem Haus des Meeres stand und Wien fotografierte, weil die Stadt an diesem Tag nicht da war. Verschluckt von einer Wand aus weißem Nebel war das Einzige, das ich sehen konnte, eine Frau am anderen Ende der Aussichtsplattform, die durch eines dieser schwenkbaren Terrassenferngläser blickte. Aussichtslos.

Illustration: Anna Kohlweis, www.annakohlweis.com
Illustration: Anna Kohlweis, www.annakohlweis.com

„Man möchte nie wieder in diesem Moment sein, in dem jemand sagt ‚Etwas Schlimmes ist passiert‘, man möchte auch nicht selber diejenige sein, die das sagen muss. Es ist der grässlichste Wissensvorsprung “, schrieb meine Freundin Michaela Taschek vor Kurzem über das Trauern.
Ich erinnere mich an die Oktobernebelwand, weil ich jetzt weiß, was ich damals gerade noch nicht wusste und was ich an dem Tag erfahren würde: dass ein guter Freund beschlossen hatte, nicht mehr zu existieren.
David Murobis Tod ist nicht nur eine kleine persönliche Geschichte in meinem kleinen Leben, geprägt von oft bizarren Konversationen mit ihm, in denen wir mit Sprache Pingpong spielten und beide immer das letzte Wort haben wollten. David war mit seiner Kamera da, als Wien für mich zu meiner Musikmachstadt wurde. So sehr er für das Publikum unsichtbar bleiben wollte, so sehr ließ meine latente Nervosität vor Konzerten nach, wenn ich wusste, dass er in der ersten Reihe hockte. Bescherte mir das eigene Lampenfieber Bauchschmerzen und zitternde Knie, sah ich am nächsten Tag in seinen Konzertfotos nur das, was ich nicht fürchterlich fand. Die ersten Jahre des vorsichtigen Fußfassen auf Bühnen waren durch den David-Filter einfacher, er war ein Vergrößerungsglas für Details, für das Spezielle, das ich oft selbst nicht sah. In seinen Fotografien wuchsen wir alle über die Jahre. In seiner sanften Art hinterließ David in vielen von uns tiefe Spuren, und oft hätte ich gern für einen Tag in seinem Hirn gewohnt, um irgendwas Undefinierbares zu verstehen. Wie verrückt, eigentlich, und wie wunderbar, dass wir uns alle so lange durch seine Augen selbst sehen durften.

Anna Kohlweis vermisst David nicht nur in diesem Oktober und arbeitet schon immer gerne zum Thema Tod. Sie kann deswegen aber auch nicht besser damit umgehen.
www.annakohlweis.com

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bonustrack: In Between Two Tall Mountains https://ansch.4lima.de/bonustrack-in-between-two-tall-mountains/ https://ansch.4lima.de/bonustrack-in-between-two-tall-mountains/#respond Sat, 30 Aug 2014 09:37:29 +0000 https://anschlaege.at/?p=5417 Im Jahr 2005 war ich 21 und gerade gefragt worden, ob ich ein Album veröffentlichen möchte. Von SQALLOSCOPE]]>

Im Jahr 2005 war ich 21 und gerade gefragt worden, ob ich ein Album veröffentlichen möchte. Auf einem richtigen Label, in einem greifbaren Kartonschuber, mit Barcode auf der Rückseite. So eine Art Beweis dafür, dass jemand die Musik für wichtig genug befindet, um sie in Läden zu stellen, wo theoretisch die eigenen an einem zweifelnden Verwandten beim Samstagsshoppen im Elektronikgroßmarkt darüber stolpern könnten. Weil ich gut erzogen wurde, sagte ich zu und machte mich daran, ein Album zu produzieren, so hochprofessionell, wie ich es bereits die zwei Jahre zuvor getan hatte. Ich steckte mein erdnussgroßes Diktafon-Ansteckmikro in die Line-in-Buchse meines klapprigen Laptops und verbrachte, von meinem alten Kinderzimmer auf die Kärntner Berge blickend, erst mal zwei Tage mit dem Versuch, einen Viervierteltakt zu klatschen, da ich noch nichts von der Existenz von Drumcomputern oder Samplern wusste und mir das alles auch wurscht war.
Acht Jahre später schickte mir jemand ein Lied mit dem Hinweis, es erinnere ihn an dieses erste Album. Es war „Talkin’ Like You (Two Tall Mountains)“ von Connie Converse, und es beginnt mit einem leisen Rauschen. „What about two tall mountains?“,  fragt eine Männerstimme. Dann schlägt eine Hand einen Akkord an, eine Frau beginnt zu singen: „In between two tall mountains, there’s a place they call lonesome …“
Es hätte eine mit einem erdnussgroßen Mikrofon aufgenommene Jugendzimmer-Aufnahme von 2005 sein können, zumindest für meine Ohren. Als Connie geboren wurde, durften Frauen in den USA allerdings gerade erst seit vier Jahren wählen. Es gibt Menschen, die sagen, Connie Converse passte nicht in die Zeit, in der sie lebte, die 1950-er waren noch nicht bereit für ihre Musik. Ob sie das selbst dachte, bleibt im Ungewissen. Sie packte 1974 ihren VW Käfer und verschwand spurlos aus ihrem Haus in Ann Arbor. Connie bleibt eine dieser endlos mysteriösen Menschen ohne offizielles Sterbedatum. Sie ließ Musik zurück, die zwischen beißendem Humor und sehr tief seufzender Melancholie balanciert und zu ihrer Zeit keine Plattform und kein Label fand. Ebenso wie einen Aktenschrank, in dem sie gesammelt hatte, was ihr wichtig war, und Fans, die sich heimlich wünschen, sie hätte irgendwo, ganz geheim, ein neues, glücklicheres Leben gefunden. Ich wünsche ihr das auch.

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Illustration: Anna Kohlweis, www.annakohlweis.com

Anna Kohlweis ist Squalloscope, produziert, singt, filmt, malt und schreibt ab sofort auch hier. Kürzlich entwarf sie ein Filmposter für „We Lived Alone – The Connie Converse Documentary“.

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bonustrack: Performanz in Grautönen https://ansch.4lima.de/bonustrack-performanz-in-grautonen/ https://ansch.4lima.de/bonustrack-performanz-in-grautonen/#respond Thu, 25 Apr 2013 17:50:21 +0000 https://anschlaege.at/?p=4122 Es ist ein Fehler aufgetreten. Von ELECTRIC INDIGO]]>

Es ist ein Fehler aufgetreten. Gerade wollte ich über meine Verwobenheit im Sein schreiben, über die Erkenntnis, im Loop eines ewigen Winterherbstes gefangen zu sein, als die Wolkendecke riss, ein Sonnenstrahl die Dächer von Berlin erhellte und plötzlich andere Farben als bleierne Grautöne zum Vorschein brachte. Ich hatte es mir schon so gut zurechtgelegt: Wie das Wetter die dem Komponieren gewidmete Eremitage begünstigt, eine Vorliebe grauer Textilien zeitigt, als hätte ich das Bedürfnis, den Himmel widerzuspiegeln, die Flucht nach vorne anzutreten. Wie die braunschwarzen, kahlen Zweige ehemals lieblich begrünter Gewächse mit den spröden Erzeugnissen der granularen Resynthese meiner eigenen Stimme korrelieren. Ich wollte beschreiben, wie sich, unheimlich und betörend gleichzeitig, brüchige Bassfelder unter ächzenden und knarzenden Singularitäten ausbreiten, aus denen wiederum spektrale Schwebungen hervorgehen, eine elysische Traumwelt vorgaukelnd, selbstverständlich flüchtig und durchdrungen von Irritationen und Disharmonien.

Und jetzt? Frühling, frische Farben und erneuertes Leben? Moment, stopp! Ich weiß, es kann ganz schnell gehen. Ich dreh mich einmal um und es ist nichts mehr mit gedeckten Tönen, Schmutz, schroffen Formen und harten Konturen. Aber ich brauche dieses scheinbar feindliche Ambiente noch, meine Notizen mahnen zu Ernst und Arbeitseifer, ungestörte Reflexion und Präzision sind jetzt wichtig, wenige Wochen vor Premiere des neuen Stückes, „de rigueur“! Immerhin, die Dunkelheit bricht ein, das hilft fürs Erste. Heute wird es sehr langsam spät. Das Vergehen und das Werden, die unaufhaltsamen Prozesse des alltäglichen Lebens scheinen für eine Weile stillzustehen. Im Studio leuchten freundlich nüchterne Dioden, ich mache weiter.

Im Übrigen sei festgehalten, dass die Beschäftigung mit radikal philosophischen Opern eine Disposition zu lyrischer Ausdrucksweise enthüllen kann.

Illustration: Lina Walde

Electric Indigo erarbeitete gemeinsam mit Pia Palme, Paola Bianchi und Ivan Fantini die zeitgenössische Oper ABSTRIAL, die am 25. April im KosmosTheater, Wien, uraufgeführt wurde.

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bonustrack: Meine erste Kolumne! https://ansch.4lima.de/bonustrack-meine-erste-kolumne/ https://ansch.4lima.de/bonustrack-meine-erste-kolumne/#respond Thu, 28 Feb 2013 13:27:52 +0000 https://anschlaege.at/?p=3940 bonustrack_electric_indigo_anschlaegeIch schreibe ja gerne und meine Texte werden auch veröffentlicht, in der Vergangenheit allerdings meist zu vorgegebenen Themen relativ sachlicher Natur. Von ELECTIRC INDIGO]]> bonustrack_electric_indigo_anschlaege

Ich schreibe ja gerne und meine Texte werden auch veröffentlicht, in der Vergangenheit allerdings meist zu vorgegebenen Themen relativ sachlicher Natur. Das fällt mir leicht, vor allem, wenn ich in der Materie firm bin. Hier habe ich es – und auch Sie, werte_r Leser_in – mit einem recht kurzen Format zu tun, das dem journalistischen Kanon zufolge meine persönliche Meinung zu einem mehr oder weniger frei wählbaren Sujet auf unterhaltsame und pointierte Weise so präsentieren soll, dass bei Ihnen, höchst verehrte_r Leser_in, Neugier auf die nächste Ausgabe entfacht wird.

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Illustration: Lina Walde

Nach meiner anfänglichen Freude über die schmeichelhafte Anfrage der Redaktion, den bonustrack im üblichen Jahresturnus von Kollegin Vera Kropf zu übernehmen, fühlte ich mich diesbezüglich ein paar Wochen lang so, als hätte ich die Aufforderung bekommen, jetzt lustig zu sein. Kennen Sie das Phänomen? Das Gegenüber sagt „Erzähl was!“, und mit höchster Wahrscheinlichkeit stellt sich eine sofortige und totale geistige Leere ein? Eine Art intellektueller Stupor, vergleichbar einer wüsten, staubigen Landschaft, durch die maximal ein einsamer Steppenläufer rollt? Wie Ihnen, anbetungswürdige_r Leser_in, ganz sicher aufgefallen ist, habe ich mir erlaubt, diese Hürde mittels unverschämter Selbstreferenzialität zu nehmen. Ich verspreche jedoch, ab der nächsten Kolumne kurzweilig und scharfsinnig über die Begebenheiten meines Metiers zu reflektieren. So könnten, unter Berücksichtigung von Genderrelevanz, Themen wie „Übertragbarkeit des Gödelschen Unvollständigkeitssatzes auf die Club- und Veranstaltungswelt“, „Wechselwirkung von Kompetenz und Performanz in der Musik und ihre Bedeutungsszenarien“ oder auch „Generative Transformationen in der künstlerischen Praxis“ aufs Tapet kommen … Darf ich, erlauchteste_r Leser_in, davon ausgehen, damit Ihr glühendes Verlangen nach meinem nächsten bonustrack geweckt zu haben?
Im Übrigen sei festgehalten, dass „tumbleweed“ der viel hübschere Ausdruck als „Steppenläufer“ ist.

Electric Indigo lebt in Wien, zeitweise auch in Berlin, arbeitet an unterschiedlichsten Orten auf dem Globus und nimmt ab 8. März am #femalepressure Tweetstorm teil.

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bonustrack: Mein erster Nervenzusammenbruch on stage https://ansch.4lima.de/bonustrack-mein-erster-nervenzusammenbruch-on-stage/ https://ansch.4lima.de/bonustrack-mein-erster-nervenzusammenbruch-on-stage/#respond Sat, 27 Oct 2012 20:15:42 +0000 https://anschlaege.at/?p=3632 Alles fing so schön an. Von VERA KROPF]]>

Alles fing so schön an: Nach einem euphorischen Wienkonzert am Vorabend fuhren wir im goldenen Herbstlicht gen Süden nach Slowenien, in die verschlafene Kleinstadt Murska Sobota. Der Club befand sich in einem Schloss mitten im Park, freundliche Menschen (Männer) empfingen uns. Erste Probleme gab es beim Soundcheck: Der Raum sei aus Beton, deshalb klinge alles so scharf, ich solle meine Gitarre leiser drehen. Okay. Erfahrungsgemäß wird so was besser, wenn erst Menschen im Saal sind. Die zweite Band des Abends war eine sechsköpfige Truppe aus Ljubljana, vier Typen, zwei Mädels: Sie wollten erst eine Girlband gründen, erzählten sie, aber es sei so schwierig, Frauen zu finden, die Instrumente spielen: „In the end we came to the conclusion that gender doesn’t matter.“ Umso erstaunter war ich, dass bei dem Konzert die beiden Mädels „nur“ sangen und jonglierten, während die Jungs die Instrumente bedienten. Ich ging also auf die Bühne mit dem Gefühl: Jetzt zeigen wir ihnen, wo die Frau Bartl den Most herholt. Der Raum war gut gefüllt, erwartungsvolle Gesichter. Dann die böse Überraschung: Nervtötendes Dröhnen kam aus dem Monitor. Ich drehte die Gitarre leiser, sie begann zu brummen, ich tauschte sie aus, nichts half: Alles wurde überdeckt von einem unheilvollen Summen. Es war zwar nicht meine Schuld, aber mein Problem. Ich hörte mich nicht, verspielte mich, musste Lieder neu beginnen, sah mich hilfesuchend nach der Band um, aber die anderen waren auch ratlos bis genervt. Mit der nicht mehr zu verbergenden Wut der Verzweiflung kämpfte ich mich durch diese Demütigung im Rampenlicht bis zum letzten Lied. Dann schrie ich hinter der Bühne herum und bezichtigte den Schlagzeuger der männlichen Arroganz, die ich im Rücken zu spüren meinte. Während der dennoch gegebenen Zugabe fiel meine Gitarre ganz aus, nachher heulte ich im Park wie ein trotziger Teenager.
Da predige ich den Mädchen auf dem Girls Rock Camp, sich nicht von Besserwissern verunsichern zu lassen, und schmeiße selbst sofort die Nerven weg. Immerhin haben wir uns als Band gleich wieder versöhnt und eine nette junge Dame kennengelernt, die uns auf ihren Friedhof eingeladen hat.

Illustration: Lina Walde

Ein Erlebnisaufsatz von Vera Kropf (Luise Pop, Half Girl), die aus diesem Desaster zwei Lehren gezogen hat: 1. Immer den Humor bewahren, 2. Im Zweifelsfall die Gitarre lauter drehen.

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bonustrack: Sag mir, wo die Groupies sind. https://ansch.4lima.de/bonustrack-sag-mir-wo-die-groupies-sind/ https://ansch.4lima.de/bonustrack-sag-mir-wo-die-groupies-sind/#respond Tue, 26 Jun 2012 09:35:18 +0000 https://anschlaege.at/?p=3186 There is no business like show business. Von VERA KROPF]]>

There is no business like show business. Nirgends sind die Gemüter und Körper erregter. „Iiiiieeeeee“, kreischen die Polka-Dots-Bacchantinnen in Ekstase, bereit, den Opferstier in Stücke zu reißen. So bedrohlich sie in der Horde wirken, ist doch jede für sich ein niedliches Mädchen, lässt sich kichernd auf den Busen signieren. Und die Jungs?
Ich hatte früher die naive Erwartung, dass sich der Spieß umdrehen ließe: Stelle ein paar coole attraktive Mädchen/Frauen auf die Bühne, lass sie Rock’n’Roll spielen, und die Jungs werden wegbrechen. Irrtum! Der Sex der Frauenbands ist, nolens volens, tausendmal queerer als ein Modehipsterhirn es je begreifen kann. Nicht nur, weil sie angezogen Instrumente spielen. Selbst bei sexy Kylie & Co sind es die Schwulen, die abgehen, wohingegen für heterosexuelle Jungmänner die Konzertpublikumssituation einfach kein schicklicher Rahmen zu sein scheint, ihren Begehrensäußerungen freien Lauf zu lassen. Wo gibt es ein Pendant zur weiblichen Groupie-Kultur? Wo dürfen Männer angesichts der Performance von Frauen in kollektive sexuelle Ekstase fallen? Im, äh, Strip-Club? Tja, das ist wohl was anderes. So was machen wir nicht. Wir sind aufgeklärt und reflektiert und würden uns ohnehin nicht zu solch primitiv-sexualisiertem Fan-Verhalten hinreißen lassen. Wir bewundern still aus dem Off, statt in der ersten Reihe zu kreischen. Schade eigentlich. Wir verschenken Plektren, signieren Platten, Sticker, Karten, doch noch nie wurde meinem Edding ein samtener Jungen-Bauch dargeboten. Aber letztens mussten wir auf einem bebenden Busen unterschreiben und ich habe einen Heiratsantrag bekommen. Von einer 16-jährigen Lesbe. Mamma Mia! Ich tue ja, was ich kann. Aber es sind immer die Mädchen. So hetero kann ich gar nicht sein.

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Illustration: Lina Walde

Vera Kropf ist Gitarristin und Sängerin bei Luise Pop (Wien) und Half Girl (Berlin) und hat so was nicht nötig, würde aber, rein aus wissenschaftlichem Interesse, gerne auch mal männliche Teenager in Ekstase sehen.

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bonustrack: Rocken am Spielplatz. Notizen zur Festivalsaison. https://ansch.4lima.de/bonustrack-rocken-am-spielplatz-notizen-zur-festivalsaison/ https://ansch.4lima.de/bonustrack-rocken-am-spielplatz-notizen-zur-festivalsaison/#respond Mon, 28 May 2012 13:44:46 +0000 https://anschlaege.at/?p=3016 bonustrack_anschlaege_juni_2012_Lina_WaldeJa, es ist Sommer! Von VERA KROPF]]> bonustrack_anschlaege_juni_2012_Lina_Walde

Ja, es ist Sommer! Ab ins Kongressbad. Schwimmen bringt die Seele in Fluss. Und seit ich neuerdings diese Altdamenrückenprobleme (sog. Gitarrenschulter, von der einseitigen Belastung) habe, gäbe ich mein letztes Hemd für ein schönes Sportbecken. Schade nur, dass es mir nicht möglich ist, unter Wasser zu musizieren. Auch die Musik bringt doch die Seele zum Fließen, und alles auf einmal zu haben, muss göttlich sein! Dabei stehe ich der Verbindung von Sommervergnügen und Konzertwesen seit jeher skeptisch gegenüber. Ich bin retrospektiv gesehen ungemein froh darüber, dass ich z.B. nicht in Woodstock war. Da wird eine Magie beschworen, an die ich nicht glaube. Nennt mich altmodisch. Bei Musik unter freiem Himmel denke ich an Grillenzirpen unterm Sternenzelt, duftenden Orchester-Tanz beim Fliederbusch, knarzende Mariachi-Kapellen auf der Holzveranda, Bluesgesänge im Schaukelstuhl, Surf-Romanzen bei Sonnenuntergang, Secret-Agent-Thrills im silbernen Mondenschein, Big-Band-Glamour und Noise-Explosionen, Betörung, Ballklei-der, bunte Lampions in den Bäumen.
Es muss vor allem immer Nacht werden, in der Dämmerung, im Zwielicht kommt es heran. An einem heißen Tag im Schatten geht gerade mal Bossa Nova. Aber doch nicht Frontalbeschallung! Zwischen weißen Partyzelten im grellen Sonnenschein, vor oder auf wie gewaltige schwarze Burgen ins Gras drapierten Bühnen, deren powervolle Anlagen aus wurstigen, sich über die Wiese schlängelnden Kabeln gespeist werden, bei schalem Bier aus halbherzig gekühlten Dosen oder mit Werbung bedruckten Plastikbechern, auf denen ein Euro Pfand ist, komme ich nicht recht in Stimmung. Mein schönstes Festivalerlebnis? Der Stromausfall beim „Bock Ma’s“ in der alten Burgruine in Timelkam, als Nachts oben auf dem Berg im Wald ein mächtiges Gewitter losbrach: Es wurde dunkel, und siehe da, es kam Stimmung auf, apokalyptisch-romantisch-magisch. Dagegen: Rock’n’Roll und Sonnenschein, das will mir nicht ins Hirn hinein!

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Illustration: Lina Walde

Vera Kropf ist Gitarristin und Sängerin in den Bands Luise Pop (Wien) und Half Girl (Berlin) und würde sich als Nachtmensch bezeichnen.

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bonustrack: Detouring with Luise Pop https://ansch.4lima.de/bonustrack-detouring-with-luise-pop/ https://ansch.4lima.de/bonustrack-detouring-with-luise-pop/#respond Thu, 26 Apr 2012 20:40:00 +0000 https://anschlaege.at/?p=2899 bonustrack_mai_2012Dienstag, 3:30 p.m., back in Berlin, bei Kaffee am Küchentisch, der schweigsame Pianist aus dem Seitenflügel stimmt eben wieder sein alltägliches impressionistisches Etüdenspiel an. Von VERA KROPF]]> bonustrack_mai_2012

Take me out / And don’t slow down / Let’s leave this town / It’s dangerous to turn around

Dienstag, 3:30 p.m., back in Berlin, bei Kaffee am Küchentisch, der schweigsame Pianist aus dem Seitenflügel stimmt eben wieder sein alltägliches impressionistisches Etüdenspiel an. Am Ostersonntag ist die Time is a Habit/ Čas je zvyk-Spring-Tour 2012 der Gruppe Luise Pop mit einem Abschied am Hauptbahnhof in Dresden zu Ende gegangen. Ja, wir haben auch ein wenig Tschechisch gelernt! In Brno mit Tomás und Mara begonnen, die Setliste zu übersetzen, leider den Zettel tags darauf verloren, den Anfang aber gemerkt: 1. Černá Kočka/Black Cat, 2. Chlapci/Boys. Im Übrigen bin ich der Meinung, dass das Auenland in Tschechien liegt! Das wird mir schlagartig klar, als ich abends in Beroun, einer Kleinstadt südlich von Prag, mit Pepin rauche. Nach der Show schlafen wir wieder in Prag, oberhalb vom Chapeau Rouge, wo wir am Vorabend gespielt haben, gleich hinterm Altstädter Ring: Einfach der TouristInnenherde folgen, dann kommst du zur Karlsbrücke. Ja, Prag ist schrecklich, äh, schrecklich schön. Am nächsten Tag führt uns die Straße nach Ostrava mit seinen rauchen-den Schornsteinen, Fabriksruinen und papierenen Plattenbauten. Das Konzert im Plan B Hardcore Café wird von den Einheimischen unerwartet euphorisch aufgenommen: Mehrere Biere werden auf und neben der Bühne vergossen, Mikroständer verabschieden sich immer wieder, es ist sehr lustig.
Die tschechische Konzertkultur haben wir lieben gelernt: Der Soundcheck ist dort Teil der Show, das Publikum tanzt vom ersten Ton an. Am nächsten Tag geht es über die Grenze in die Slowakei, wo das Licht klarer und die Architektur nüchterner ist als im Auenland, südlich der Tatra entlang, vorbei am majestätischen Spišský Hrad nach Košice. Hmmm, die Farben, der Himmel über der hügeligen Steppe: Am liebsten möchten wir in die Ukraine weiterziehen. Daraus wird diesmal leider nichts. Dafür verfahren wir uns auf dem Rückweg ausführlich in Budapest, wo das Licht golden ist, auch sehr zu empfehlen.

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Illustration: Lina Walde

Vera Kropf ist Gitarristin und Sängerin und verfährt sich mit Luise Pop und Half Girl in und zwischen diversen europäischen Städten.

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bonustrack: Die Hansi-Tant https://ansch.4lima.de/bonustrack-die-hansi-tant/ https://ansch.4lima.de/bonustrack-die-hansi-tant/#comments Tue, 24 Jan 2012 11:44:34 +0000 https://anschlaege.at/?p=2584 Aufregende Zeiten! Das neue Luise-Pop-Album erscheint dieser Tage. Jetzt heißt es tief durchatmen. Von VERA KROPF]]>

Aufregende Zeiten! Das neue Luise-Pop-Album erscheint dieser Tage. Jetzt heißt es tief durchatmen. Wir haben es „Time is a Ha­bit“ genannt, weil wir das mit der Zeit nicht verstehen: Tick-Tock macht die unerbittliche Uhr, gleichzeitig liegen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft vor uns wie ein Zauberspiegel: Sieh hinein, und sage mir, was du siehst! Die Geschichten sind immer ganz persönliche. Es ist Magie! Wie passend, dass wir die Artwork-Frage, halb träumend, mit einem Griff ins Familienal­bum gelöst haben. Das Cover ziert ein Bild der Hansi-Tant, meiner Großtante, mit bürgerlichem Namen Johanna Pories, 1897 in Mürzzuschlag als zweites von sieben Kindern geboren, der Vater war bei der Eisenbahn, die Mutter als Jugendliche aus dem kroatischen Elternhaus ausgebüchst. Reisen, Flucht und Abenteuer lagen ihr, so scheint’s, im Blut. Noch in der Monar­chie arbeitete die Hansi als Küchenmädchen im Hotel Sacher und im Südbahnhotel am Semmering. Wie sie dann, vermutlich in den 1920er Jahren, zum Zirkus kam, weiß niemand mehr. Dort lernte sie ihren Mann Alexander kennen, mit dem sie fortan zusammen durch die Welt tour­te. Sie gab sich als indische Prinzessin aus, legte sich den Künstlerinnennamen Tanit Ikao zu; die Spezialität ihres Programms war, neben Fakir-Nummern wie der berüchtigten „Todesleiter“, die Tierhypnose. So reiste sie stets mit einem Tross von Alligatoren und Riesen­schlangen. Ende der 1930er Jahre lebte sie in Dä­nemark und dürfte im mitteleuropäischen Raum schon recht bekannt gewesen sein, doch Hitler und der Krieg kamen dazwischen: Hansi wan­derte mit ihrem jüdischen Mann in die USA aus und kam nie mehr nach Europa zurück. Alles, was ich von ihr kenne, sind ein paar Fotos, Briefe und ins­pirierende Geschichten über eine wohl sehr liebenswerte Frau, die ein ungewöhnliches und aufregendes Leben geführt hat.

Illustration: Lina Walde

Vera Kropf ist Gitarristin und Sängerin bei Luise Pop. Das neue Album „Time is a Habit“ ist vor kurzem bei Siluh Records erschienen.

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