III / 2015 – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de Sat, 04 Jan 2020 15:51:49 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.0 https://ansch.4lima.de/wp-content/uploads/2024/10/cropped-favicon-32x32.png III / 2015 – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de 32 32 Verarmungsmaschine Hartz IV https://ansch.4lima.de/verarmungsmaschine-hartz-iv/ https://ansch.4lima.de/verarmungsmaschine-hartz-iv/#respond Fri, 03 Apr 2015 18:15:09 +0000 https://anschlaege.at/?p=6157 Interview: KARIN LENHART beklagt den Verfall des Sozialstaates. Von FIONA SARA SCHMIDT]]>

Hartz IV hat eine Verarmungsspirale ausgelöst, von der in besonderer Weise Frauen betroffen sind, sagt die Politikwissenschaftlerin KARIN LENHART im Gespräch mit FIONA SARA SCHMIDT.

 

an.schläge: Die Reformen der rot-grünen Bundesregierung vor zehn Jahren leiteten den größten Sozialabbau in der deutschen Nachkriegsgeschichte ein. Arbeitsministerin Nahles, einst scharfe Kritikerin, und Wirtschaftsminister Gabriel verteidigen die Reformen als gerechtfertigt. Die SPD hat sich bis heute nicht erholt – was bedeutet Hartz IV für die deutsche Sozialdemokratie und die Grünen?

Karin Lenhart: Die Menschen lassen sich keinen Sand in die Augen streuen. Es wird ja nicht nur von der wunderbaren Lage der deutschen Wirtschaft, sondern auch von einem Jobwunder gesprochen, das angeblich die Zahl der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten ansteigen und die Steuereinnahmen sprudeln lässt. Aber dieses „Wunder“ basiert auf einer massiven Zunahme prekärer Beschäftigung und Verarmung. Hartz IV hat für weite Teile der Bevölkerung eine Verarmungsspirale ausgelöst, von der in besonderer Weise Frauen betroffen sind. Viele können mit ihrem Einkommen ihre Existenz nicht auf einem Niveau sichern, das ihnen gesellschaftliche Teilhabe ermöglicht – eigentlich das klassische Versprechen des Sozialstaats. Die SPD hat nach wie vor ein Glaubwürdigkeitsproblem, ihre Wählerschichten sehen in ihrem Alltag, dass dieses Versprechen von der Sozialdemokratie aufgekündigt wurde. Von den Grünen wurde Hartz IV zwar mitgetragen, es gab aber interne Querelen und den Vorwurf, es werde grün gestrichene FDP-Politik für Besserverdienende betrieben. Aber Hartz IV ist in erster Linie mit der SPD verknüpft. Vermutlich konnte nur sie als Regierungspartei einen solchen Niedriglohnsektor durchsetzen. Das gleiche Projekt wäre für eine konservativ oder neoliberal geführte Regierung sehr viel schwerer durchsetzbar gewesen. Dies wird an der Zurückhaltung der Gewerkschaften besonders deutlich.

Wie konnte es überhaupt dazu kommen, dass eine sozialdemokratische Partei diesen Umbau des Sozialstaates vorantreibt?

Wir haben beobachten können, wie Thatcher in Großbritannien und Reagan in den USA in den 1980er-Jahren eine Neudefinition des Sozialen vorgenommen haben. In Deutschland wurde lange gezögert, Schröder hatte dann in Anlehnung an Großbritannien unter Blair einen „dritten Weg“ verkündet. Aber eine breite gesellschaftliche Debatte gab es nicht. Vielmehr wurde extrem schnell von einer externen Kommission ein Gesetz aus dem Boden gestampft, das zudem im Vermittlungsausschuss zwischen Bundestag und Bundesrat unter enormem Zeitdruck buchstäblich über Nacht zusätzliche Veränderungen erfuhr. Bei der hastigen Umsetzung gab es dann massive Probleme, es waren weder MitarbeiterInnen noch Räumlichkeiten oder Computerprogramme usw. vorhanden. Letztlich hat Hartz IV die DNA des Sozialstaates umgeschrieben – auch wenn Hartz IV nur ein, allerdings wesentlicher, Baustein dieser Umgestaltung war.

Diese Umgestaltung hat zu einer massiven Ausweitung des Niedriglohnsektors geführt. Wie beurteilen Sie den kürzlich eingeführten Mindestlohn?

Er ist zumindest ein Anfang, der Abwärtsspirale bei den Löhnen eine Grenze nach unten zu setzen. Angesichts der zahlreichen branchenspezifischen Ausnahmen lässt sich über die gesellschaftlichen Wirkungen der Mindestlohnregelungen noch wenig sagen. Was wir allerdings beobachten, ist eine enorme Phantasie, mit der ArbeitgeberInnen versuchen, den Mindestlohn zu umgehen. Auch die Höhe des Mindestlohns von nur 8,50 Euro bietet keinen Ausstieg aus dem Niedriglohnsektor. Vor allem unter den prekär beschäftigten Frauen steigt der Anteil der sogenannten Aufstockerinnen, die ergänzende Leistungen von den Jobcentern erhalten. Nicht nur unter Teilzeit ist für sie der Mindestlohn ein Tropfen auf dem heißen Stein.

Wie werden Frauen von Hartz IV konkret benachteiligt?

Menschen, die arbeitslos werden, verlieren heute mehr als vor Hartz IV. Vor allem ihren eigenständigen Status, sobald sie mit ihren Angehörigen in einer sogenannten Bedarfsgemeinschaft leben. Der individuelle Anspruch wurde zugunsten eines Konzeptes der Subsidiarität aufgegeben, von dem vor allem Frauen negativ betroffen sind. Da viele von ihnen aufgrund von Partnereinkommen nach dem Sozialgesetzbuch (SGB II) keine Leistungen mehr erhalten, haben sie keinen Anspruch mehr auf Förderung. Hartz IV folgt der Maxime, die Hilfebedürftigkeit von Menschen möglichst schnell zu beenden oder wenigstens zu verringern, um Kosten zu sparen. Männer haben aufgrund der strukturellen Bedingungen bessere Chancen auf Rückkehr in den Arbeitsmarkt. Frauen werden eher in geringfügige Beschäftigungen vermittelt, vor allem wenn sie Kinder haben. Viele werden in wenigen Monaten als Pflegeassistentin „ausgebildet“, oft in Teilzeit vermittelt und schlechter bezahlt als reguläre Kräfte. Das gilt insbesondere für Frauen mit Migrationshintergrund, um die sich jahrelang kaum jemand gekümmert hat. Wir beobachten auch die Zunahme von Zeitarbeit bei Frauen in der Dienstleistungsbranche.

 

© Hannah Stippl
© Hannah Stippl

 

Wie ist die Situation für Alleinerziehende und ihre Kinder?

Eines der großen Versprechen der Politik war ja, es würde Alleinerziehenden besser gehen und sie würden speziell gefördert. Das ist schlicht und einfach falsch. Im Gegenteil hat man Frauen mit kleinen Kindern unter drei Jahren dazu angehalten, sich nicht als arbeitssuchend zu melden. Rund neunzig Prozent aller Alleinerziehenden sind Frauen, rund vierzig Prozent von ihnen erhalten Leistungen nach dem SGB II. Das hat sich über die Jahre kaum verändert. Dabei arbeiten sie häufig, können mit ihrer Arbeit aber die Existenz nicht sichern. Der wirtschaftliche Boom geht an vielen Menschen vorbei. Wir wissen aus einer ganzen Reihe von Studien, was die Armut vor allem auch mit den Kindern macht. Sie fühlen sich ausgeschlossen. Sie verinnerlichen, dass sie ihre Wünsche nicht äußern dürfen, und haben weniger Chancen auf Teilhabe. Ein Leben in Armut ist anstrengend, nervenaufreibend und macht krank. Das ist ein Skandal für ein reiches Land wie Deutschland.

2005 und 2006 haben Sie eine qualitative Studie durchgeführt und dreißig Frauen in Berlin-Mitte befragt. Was waren die wichtigsten Ergebnisse Ihrer Untersuchung?

Was ich damals beobachtet habe, wurde in anderen Studien bestätigt: Frauenfragen galten dort als „Kür“, an die man angesichts der offensichtlichen Mängel des mit heißen Nadeln gestrickten Gesetzes keinen Gedanken verschwendete. Die Frauen in Mitte wurden kaum betreut, von zielgerichteter Förderung keine Spur. Stattdessen entschied der Zufall, wer in welchen Fördermaßnahmen landete oder auch nicht. Sie berichteten von massiver Verunsicherung und von großen Ängsten, weil sie sich einem System ausgeliefert sahen, das ihnen undurchschaubar erschien. Auch ihre materielle Lage war bedrohlich. Der Druck von Hartz IV auf die Betroffenen war enorm, mit entsprechenden physischen und psychischen Folgen. Ich weiß nicht, ob es Zufall war, dass innerhalb eines Jahres drei der von mir befragten Frauen Brustkrebs entwickelten.

Wie können Ihrer Meinung nach die Rechte der BürgerInnen wieder gestärkt werden? Wie sähe für Sie ein gerechter Sozialstaat aus?

Das klingt heutzutage ja schon old-fashioned, aber für mich ist die Grundlage sozialstaatlicher Politik, dass dem „Wohlergehen in grundlegenden Belangen“ der Menschen entsprochen wird. Für mich definiert sich eine gute Politik dadurch, dass die Belange aller BürgerInnen Berücksichtigung finden und dass es ein gewisses Maß an sozialer Gleichheit gibt. Wir haben es mit einer sozialen Entkoppelung zu tun, die den sozialen Zusammenhalt unserer Gesellschaft gefährdet. Wenn die Politik hier nicht massiv gegensteuert, beraubt sie sich ihrer eigenen Grundlagen. Woher nimmt die Demokratie ihre Legitimation, wenn sich ein wachsender Anteil nicht mehr vertreten fühlt? Wir brauchen eine Rückbesinnung auf Grundsätze sozialstaatlichen Handelns in Abkehr vom neoliberalen Mantra, wonach alles „marktkonform“ zu sein hat. Wir brauchen gesellschaftliche Kräfte, die immer wieder den Finger in die Wunde legen und aufzeigen: Ihr könnt nicht machen, was ihr wollt.

 

Karin Lenhart ist Professorin für Politikwissenschaft an der Hochschule Hannover und Autorin von „Soziale Bürgerrechte unter Druck. Die Auswirkungen von Hartz IV auf Frauen“ (Springer VS, 2009).

 

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an.klang: Herz im Stiefel https://ansch.4lima.de/an-klang-herz-im-stiefel/ https://ansch.4lima.de/an-klang-herz-im-stiefel/#respond Fri, 03 Apr 2015 18:11:09 +0000 https://anschlaege.at/?p=6159 Sleater-Kinney sind zurück! Von SONJA EISMANN]]>

Musikalisch bringt uns das noch junge Jahr die Wiederkehr lang Vermisster, außerdem afrofuturistische R’n’B-Lyrik und intelligenten Disco-Punk. Von SONJA EISMANN

 

Zehn Jahre. So lange mussten die treuen Fans auf ein neues Album von Sleater-Kinney warten, die 2006 ihre Auflösung bekannt gegeben hatten. Als es Ende letzten Jahres angekündigt wurde, gab es Jubel, Tränen, Hysterie. Nun ist es schwierig, mit kühlem Kopf über die so heiß erwartete neue Platte eines idolisierten Frauenrocktrios von der amerikanischen Westküste zu schreiben, das für viele so eng mit der Geschichte von Riot Grrrl verknüpft ist (obwohl Sleater-Kinney streng genommen erst groß wurden, als Riot Grrrl bereits Geschichte war). No Cities to Love (Sub Pop/Trost) – ein irgendwie ironischer Titel, da die gesamte Band höchst zufrieden mit dem Alternativ-Paradies Portland als Wohnort zu sein scheint, dem Gitarristin Carrie Brownstein mit ihrer erfolgreichen Comedy-Serie „Portlandia“ liebevolle Denkmäler setzt. Das achte Album in zwanzig Jahren ist eine hochprofessionelle, vor Energie berstende Rockplatte, der die Spielfreude aus jedem Ton tropft. Diese spezielle Chemie zwischen Carrie, Corin Tucker und Janet Weiss führt bei zornigen bis upliftenden Lyrics über Kapitalismus und Freundinnenschaft zu wohligen Wiedererkennungsschauern. Doch neben all den selbstbewusst bretternden und klotzenden Rockgesten, mit denen sich Sleater-Kinney spätestens seit „The Woods“ (2005) den Macker-Rock angeeignet haben, kommen die melancholischen, oft wunderbar dissonanten, schräg umeinander gewickelten Gitarrenlinien der früheren Kompositionen, die eine ganze eigene queere Ästhetik entfalten konnten, dieses Mal ziemlich kurz. Beweisen konnte sich das Trio in der weißen Rockwelt mit dieser fulminanten Rockkutsche alleMal, aber ob sie sich damit nicht ein wenig rough über die eigenen Füße gefahren sind, müssen die Hörerinnen entscheiden.

 

Sleater-Kinney © Brigitte Sire
Sleater-Kinney © Brigitte Sire

 

THEESatisfaction kommen zwar auch von der Westküste, und ihr Wohnort Seattle liegt quasi nur einen Steinwurf von Olympia, dem feministisch-mythenumrankten Gründungsort von Sleater-Kinney, entfernt, doch musikalisch bewohnt das Duo einen anderen Planeten. Ob dieser wirklich Earthee (Sub Pop/Trost) ist, wie die zweite Platte von Cat und Stas heißt, oder doch ein unbestimmter Ort im Outer Space, den die beiden Alternativ-Rapperinnen in afrofuturistischer Tradition möglicherweise aufsuchen möchten, um dem irdischen Rassismus zu entfliehen, bleibt, trotz suggestiv spacigem Cover, unklar. Wie so vieles bei diesen facettenreichen Spoken-Word-R’n’B-Künstlerinnen, die statt einer Presseinfo einen Brief des neuen Albums an die HörerInnen verfasst haben („They made me for you“ – ganz richtig, die Platte spricht zu den Fans). Mit einem smoothen Flow zwischen HipHop, R’n’B, Electro-Funk und Broken Beats wirken viele der Tracks wie lyrische Streams of Consciousness, die jedoch mit Titeln wie „Universal Perspective“, „Planet for Sale“ oder „Post Black Anyway“ erstaunlich konkret werden. Auch wenn eine „Pitchfork“-Rezensentin Plattitüden, die statt afrozentrisch nur simplizistisch in Bezug auf Schwarze Frauen wirkten, in einem Beitrag der kooperierenden männlichen Mitstreiter Shabazz Palaces und Porter Ray bemängelt und generell die Catchiness vermisst, so macht doch genau Letzteres den Reiz von THEESatisfaction aus: dass die Musik wie ein interessantes Gedicht Layer für Layer erschlossen werden muss.

Voll elegant auf die Zwölf geht es dagegen in der Munich Disco, zusammen mit der dort beheimateten Band Pollyester rund um die in Weißrussland geborene Sängerin und Bassistin Polina Lapkovskaja. Stumpf ist der Zweitling des mittlerweile zum Quartett angewachsenen Projekts, der sich mit dem Titel City of O. (Disko B/Schamoni Musik/Indigo) auf ihren Sehnsuchtsort in der marokkanischen Wüste, ein Land-Art-Projekt des Künstlers Hannsjörg Voth, bezieht, dabei in keiner Sekunde. In anregendstem Party-Habitus stampft und tänzelt sich die Band durch coole Referenzen wie 80s-Synth-Pop, Disco-Punk und Diskurs-Elektro. „Wear your heart in your boots“ – wenn das mal keine ebenso party- wie alltagstaugliche Lektion ist!

 

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„Extrem tabuisiertes Thema“ https://ansch.4lima.de/extrem-tabuisiertes-thema/ https://ansch.4lima.de/extrem-tabuisiertes-thema/#comments Fri, 03 Apr 2015 17:47:51 +0000 https://anschlaege.at/?p=6155 Interview: Grünen-Chefin EVA GLAWISCHNIG über heiße Eisen wie Fristenlösung und Vermögenssteuern. Von BRIGITTE THEIßL und LEA SUSEMICHEL]]>

EVA GLAWISCHNIG im Gespräch über die Fristenlösung, Spätabtreibung und wie die Grünen ihr soziales Profil stärken wollen. Ein Interview von BRIGITTE THEIßL und LEA SUSEMICHEL.

 

an.schläge: Die Grünen sind die einzige Partei, die mit fünfzig Prozent Frauen im Parlament vertreten ist und auch eine Parteichefin hat. Würden Sie das mittlerweile auch ohne Quotierung bei der Listenerstellung schaffen?

Eva Glawischnig: Nein, das glaube ich nicht. Es ist uns sehr bewusst, dass die Quote die Parität sicherstellt, und auch nur dann, wenn Länderlisten und Bundeslisten verschränkt sind. Dann kommen noch Gemeinderats- und Regionalebenen dazu. Es ist also schon sehr trickreich, die Parität zu halten. Wir hätten sonst mit Sicherheit mehr Männer, weil sich bei den Listenwahlen tendenziell mehr Männer bewerben – das ist nach wie vor so. Ohne die Quote hätten wir die Parität nicht. Und sie ist parteiweit eine Selbstverständlichkeit.

Beim Grünen Bundeskongress haben Sie sich auf den Vorschlag eines Bonus-Malus-Systems für den Nationalrat geeinigt, um Frauen in der Politik zu stärken. Andere Parteien beklagen, dass sie nicht genügend Interessentinnen finden, um eine Quote zu erfüllen. Was antworten Sie ihnen?

Also mir – oder uns – ist es wichtig, dass Diversität auch im Nationalrat eine Chance erhält. Und der Frauenanteil ist in den letzten zehn, 15 Jahren gleich geblieben, teilweise sogar gesunken. Die Idee, die wir als programmatische Leitidee am Bundeskongress beschlossen haben, ist ein Anreizsystem, damit die Parteien Frauen fördern und auf das Geschlechterverhältnis bei ihren Listenplätzen achten. Wenn eine Partei etwa nur eine einzige Frau im Nationalrat sitzen hat, soll das auch Konsequenzen haben. Also ein Bonus-Malus-System für die Parteienförderung, für die Klubförderung, für die Akademien. Nachdem freiwillige Quoten von den großen Klubs nicht eingehalten werden, bringen wir dieses Konzept auch im Nationalrat als Antrag ein.

Braucht es aus Ihrer Sicht ein eigenständiges Frauenministerium?

Ich war immer für ein eigenständiges Frauenministerium, allerdings auch mit Agenden, die den Schwerpunkt auf die Schieflage in der Gesellschaft legen. Das ist für mich nach wie vor der Arbeitsmarkt. Ich würde Frauen und arbeitsmarktpolitische Fragen zusammenlegen, auch Teile der Erwachsenenbildung hinzugeben. Es sollte ein eigenständiges, auch so betiteltes Ministerium  sein. Das „Frauenministerium“ soll auch tatsächlich so heißen. Bestimmte Teile der Wirtschaftsförderung könnte man eventuell auch noch dazugeben.

Sie wünschen sich ein Frauenministerium – Frauenpolitik soll also nicht etwa in Gleichbehandlung, Anti-Diskriminierung oder Diversity Management aufgehen?

Nein, ich bin sehr dafür, das nach wie vor Frauenpolitik zu nennen. Ich halte wenig davon, das zusammenzuschmeißen – zynisch gesagt als Diskriminierungsschutz für Frauen und andere Minderheiten. Mein feministischer Ansatz geht nicht in die Richtung, Männer zu bekämpfen, sondern patriarchale Strukturen aufzulösen. Und da kämpfen, glaube ich, Männer und Frauen für andere, für gerechtere Verhältnisse.

Als Bildungsministerin haben Sie Gabriele Heinisch-Hosek vor Kurzem für rücktrittsreif erklärt. Wie beurteilen Sie ihre Arbeit als Frauenministerin?

Ich sehe wenig Konkretes. Bis auf die Einkommenstransparenz, die aus meiner Sicht auch missglückt ist, ist eigentlich wenig passiert. Wo sie hingegen meine volle Solidarität hat und hatte, ist bei all diesen Sexismus-Debatten. Rund um die Hymnen-Diskussion wurde eine extreme Aggression z. B. auf ihrer Facebook-Seite sichtbar, ein richtiger Frauenhass war da zu spüren. Hier hat sie einfach als Frau in der Politik meine volle Unterstützung.
Aber frauenpolitisch, muss ich leider sagen, hat sie wenige Akzente gesetzt, gerade in ökonomischen Fragen. In Deutschland wurde ein gesetzlicher Mindestlohn beschlossen, solche Projekte wünsche ich mir auch, die sollen von einer Frauenministerin in der Regierung vorangetrieben werden.

Rund um den Internationalen Frauentag häufen sich die teils auch sehr launigen Kampagnen der Parteien zum Thema Frauenpolitik. Den Rest des Jahres ist es aber leider eher still darum, auch bei den Grünen. Die Agentur Media Affairs hat in ausgewählten Medien untersucht, wie viele frauenpolitische Themen von den Parteien jeweils eingebracht wurden. Die Grünen lagen im vergangenen Jahr bei nur vier Prozent. Im Jahr davor waren es noch 18 Prozent. Wie wichtig ist Ihnen Frauenpolitik insgesamt?

Dieses Jahr war für unsere Frauensprecherin mit Sicherheit ein Ausnahmejahr, weil sie durch ihre persönliche Betroffenheit als kurdisch-stämmige Abgeordnete nach Kobane gereist ist und sich mehrere Monate mit dem IS-Thema und mit der Situation kurdischer Flüchtlinge auseinandergesetzt hat. Sie hat sich sehr um die Frauenprojekte dort gekümmert. Dadurch wurde die klassische innenpolitische Frauenpolitik ein wenig von ihr vernachlässigt, das sage ich in aller Offenheit. Sie ist ja eine der wenigen kurdisch-stämmigen Abgeordneten Europas. Da ist auf ihr einfach ein sehr hoher Erwartungsdruck gelastet. Das soll jetzt keine Entschuldigung sein. Wir haben uns das natürlich angesehen und ich werde mich auch wieder stärker zu Wort melden, was ich sehr gerne tue. Ich habe mich zu frauenpolitischen Fragen immer schon intensiv geäußert.

Gibt es nicht auch strategische Gründe, nachdem Frauenpolitik kein sehr dankbares Thema ist? Wenn man etwa sieht, wie Medien berichten und Shitstorms losbrechen, wenn man sich prononciert feministisch positioniert?

Ja, diese Shitstorms gibt es, aber ich habe trotzdem bei nächster Gelegenheit die Debatte um die Töchter in der Bundeshymne wieder thematisiert im Fall Schröcksnadel. Und zu Recht, finde ich, denn dass ein Skiiverband, der mit österreichischem Steuergeld gesponsert wird, nichts Besseres zu tun hat, als zu intervenieren, damit die Töchter in der Hymne nicht mitgesungen werden – das ist wirklich unerträglich.
Eigentlich haben wir einen sehr positiven Zuspruch aus der Wahlbevölkerung, speziell bei jungen Frauen, bei den unter 29-Jährigen sind wir mittlerweile mit Abstand die Nummer Eins. Ich weiß nicht, woran es genau liegt, ob es vielleicht die Krisenjahre waren, in denen Gerechtigkeitsfragen wieder in den Vordergrund gerückt sind, oder ob es auch unsere Kampagnenformen sind. Vielleicht beides.

Sie haben in der Tageszeitung „Österreich“ eine Koalition mit ÖVP und Neos als „spannende Variante“ bezeichnet. Welche frauenpolitischen Gemeinsamkeiten verbinden Sie mit diesen beiden Parteien?

Meine präferierte Koalitionsvariante, wenn wir von einer Dreiervariante reden, ist Rot-Grün-Neos – obwohl ich es mir mit der ÖVP schon auch vorstellen kann. Es ist nicht so, dass ich sie ausschließe, aber aufgrund von inhaltlichen Überschneidungen im Bildungsbereich und im frauen- und sozialpolitischen Bereich kann man davon ausgehen, dass die Schnittmenge mit der SPÖ größer ist, zumindest programmatisch. Denn mit der jetzigen Besetzung habe ich meine Schwierigkeiten, was die Ernsthaftigkeit und den Willen zur Umsetzung betrifft. Das betrifft sowohl den Bundeskanzler als auch die Frauenministerin.

Im Hinblick auf die Rechte homosexueller Menschen gibt es mit der ÖVP wohl auch weniger Gemeinsamkeiten.

Richtig, ja.

Die Grünen sprechen sich für eine vollkommene Gleichstellung von Homosexuellen aus – plädieren Sie auch für ein Adoptionsrecht von Fremd- und Stiefkindern?

Ja, wir treten für eine Öffnung der Ehe ein und auch für die Fremd- und Stiefkindadoption. Da gibt es im Antidiskriminierungsschutz noch ein Loch.

Sie haben in einem Interview mit dem „Standard“ Feminismus folgendermaßen definiert: „Es ist wichtig, dass man als Frau die Selbstbestimmung als oberstes Prinzip lebt und jede Art von Tradition, Zwang und Rollenklischees hinterfragt. Das ist der Kern von Feminismus.“ Das ist eine sehr liberale Definition. Braucht es für diese Form von Freiheit nicht auch eine ökonomische und soziale Sicherheit?

Wir haben sowohl „selbstbestimmt“ als auch „feministisch“ als Grundwerte in unserem Programm festgeschrieben. Diese damalige Definition ist eher ein persönlicher Zugang. Weil die Reduktion aufs Geschlecht bedeutet, dass du nicht selbstbestimmt leben kannst. Aber mir geht es auch um die Strukturen in der Gesellschaft und die sind sehr stark von wirtschaftlichen Umständen geprägt. Deshalb wollen wir auch einen gesetzlichen Mindestlohn.

Sie kritisieren auch die Steuerreform, weil Männer viel stärker profitieren würden als Frauen, und setzen auf eine Entlastung im Niedriglohnbereich. Soll es auch eine Vermögens- und Erbschaftssteuer geben?

Wir haben  als Gegenfinanzierung zur Entlastung der niedrigen EinkommensbezieherInnen eine Erbschaftssteuer ab einem Vermögensbestandteil von über 500.000 Euro und eine Erbersatzsteuer für Stiftungen vorgeschlagen. Unsere Analyse hat ergeben, dass hauptsächlich Männer  die Erben großer Summen sind .

Aber keine Vermögenssteuern.

Vermögenssteuern haben wir als einzige Partei in dieser Form zumindest noch nicht ganz abgeschrieben. Die Erbschaftssteuer könnte man aber relativ rasch einführen, da sind alle Daten da. Also, wenn man so will, ein pragmatischer Zugang zu einer relativ schnell machbaren, auch rückwirkend einsetzbaren Steuerreform.

Wäre es aus feministischer Perspektive nicht auch interessant, die niedrigsten Einkommen durch die Sozialversicherungsbeiträge in eine Progression einzubeziehen?

Ja, wir haben in unserem Modell einerseits die Tarifreform, bei der wir den Fokus auf die unteren Einkommen legen. Dann haben wir einen zweiten Ast, nämlich unsere alte Vision von einer ökologischen Umsteuerung. Das heißt, Sozialversicherungsbeiträge senken und stattdessen Steuern auf umweltschädlichen Ressourcenverbrauch anheben. Mit den indirekten Steuern, also Massensteuern und Sozialversicherungsabgaben, gibt es derzeit eigentlich eine Flat Tax in Österreich. Da muss bei den Sozialversicherungsbeiträgen etwas gemacht werden.

Wie stehen die Grünen zu einem bedingungslosen Grundeinkommen?

Das vertreten wir nicht. Wir vertreten eine bedarfsorientierte Grundsicherung. Versehen mit Selbstbestimmungselementen, das heißt, man kann über sein Erwerbsleben hinweg immer wieder Auszeiten nehmen – für Ausbildungen oder einfach für eine Pause.

Was spricht denn gegen ein bedingungsloses Grundeinkommen?

Das ist eine schwierige Debatte. Es gibt in Österreich mittlerweile eine starke Segmentierung zwischen sehr hohen und sehr niedrigen Einkommen, sehr hohem und gar keinem Vermögen. Eine bedarfsorientierte Grundsicherung ist aus unserer Sicht daher zielführender. Es stellt sich außerdem die Frage, ob ein Grundeinkommen für alle finanzierbar ist.

 

Eva Glawischnig © Christine Weislein
Eva Glawischnig © Christine Weislein

 

Pensionistinnen und Alleinerzieherinnen sind in Österreich besonders von Armut betroffen. Was kann hier präventiv getan werden?

Wir plädieren für einen eigenständigen Pensionsanspruch für Frauen. In unserem Modell ist vorgesehen, dass jemand eine sogenannte Grundpension erhält, unabhängig davon, wie das Arbeitsleben ausgesehen hat. Hinzu kommt ein versicherungsmathematisch berechneter Anteil, den man sich erarbeitet hat. Für alle, die es geschafft haben, sich privat zu versichern, wäre das schließlich der dritte Anteil der Pension – allerdings nicht mehr steuergefördert. Die steuerliche Förderung privater Pensionsvorsorge macht ja immer noch einiges aus –über zwei Milliarden im Jahr.

Feministische Ökonominnen fordern eine Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohnausgleich, unter anderem, weil die Produktivität seit Jahrzehnten steigt und Reallöhne stagnieren. Wie stehen Sie dazu?

Das ist bei uns eine Position, die nicht ausdiskutiert ist. Was wir vertreten, ist eine Reduktion der Begünstigung von Überstunden. Außerdem fordern wir qualifizierte Teilzeit. Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohnausgleich diskutieren wir aber immer wieder, und es gibt auch einige, die das bei den Grünen vertreten.

Beim Thema Schwangerschaftsabbruch wirkt die Grüne Partei intern gespalten – stimmt diese Beobachtung?

Eigentlich nicht. Leider ist es in den Koalitionen mit der ÖVP nicht möglich, einen Kompromiss oder eine Lösung zu finden. Vor allem in Vorarlberg: Dass Abtreibungen in öffentlichen Spitälern stattfinden können, war dort nicht verhandelbar mit der Volkspartei. Abtreibung ist im Westen nach wie vor ein extrem tabuisiertes Thema und es ist uns nicht gelungen, das in der Koalition zu lösen.

Aus grünen Kreisen hört man, dass unter anderem Ihr Bundesgeschäftsführer Stefan Wallner, der von der Caritas zu den Grünen gekommen ist, Forderungen wie „Schwangerschaftsabbruch raus aus dem Strafrecht und auf Krankenschein!“ nicht gerne hört.

Das höre ich zum ersten Mal. Beides sind grundsätzlich Positionen, die wir vertreten. Wir haben gerade das Fortpflanzungsmedizingesetz im Parlament verhandelt und mein Eindruck war, dass es bei manchen um ethische Grenzen geht. Also zum Beispiel bei der Präimplantationsdiagnostik, unter welchen Voraussetzungen soll diese möglich sein? Bei uns ist dann auch jeder in Abstimmungen freigestellt. Der Bundesgeschäftsführer stimmt hier gar nicht mit – das sind Fragen des Klubs.
Grundsätzlich müssen diese Themen sehr behutsam diskutiert werden. In Wahlkampfzeiten sind differenzierte Debatten darüber einfach nicht möglich, da wird alles missbraucht und dramatisiert. Das soll jetzt nicht heißen, dass ich diese Themen nicht öffentlich vertreten möchte. Aber es gibt einfach gewisse Phasen, in denen man gesellschaftsverändernd diskutieren kann, und andere, wo das nicht möglich ist.

„Schwangerschaftsabbruch raus aus dem Strafrecht und auf Krankenschein“ ist also schon eine grüne Position?

Ja.  Wir diskutieren jetzt auch über die Frage der eugenischen Indikation. Da muss klar sein, dass die Fristenlösung unangetastet bleibt.

Sie haben in einem Interview mit der Tageszeitung „Die Presse“ eine Fristverkürzung für Spätabtreibungen gefordert. Was spricht aus Ihrer Sicht dafür?

Ich habe gesagt, darüber kann man diskutieren. Es ist eine ethische Frage, ob man diesen Herzstich vermeiden kann, wenn sich die Diagnostik so verbessert haben sollte, dass das bei ausreichend Zeit für die Entscheidung seitens der Frau möglich ist. Das spielt sich zwischen der 19. und der 26. Woche ab, wo man de facto die Diagnose auf dem Tisch hat. Auch das muss behutsam diskutiert werden und keine Frau darf in irgendeiner Weise gedrängt werden. Aber die Medizin hat sich bedeutend weiterentwickelt, das muss man in Betracht ziehen .

Beinhaltet das nicht auch die Annahme, dass Frauen Spätabtreibungen derzeit nicht verantwortungsvoll entscheiden?

Es ist eine ethische Frage, wie diese wirklich sehr schwierigen Situationen zu vermeiden sind.

Soll es Verhütungsmittel auf Kassenkosten geben?

Ja,  insbesondere für jüngere Menschen und NiedrigverdienerInnen.

Thema Sexarbeit: Was halten Sie vom sogenannten „schwedischen Modell“, das eine Freierbestrafung vorsieht?

Wie wollen die Rechte von SexarbeiterInnen stärken, um eine sozialversicherungsrechtliche Gleichstellung und einen verbesserten Schutz vor Gewalt zu erreichen. Derzeit dürfen Asylwerberinnen nur als Prostituierte oder Saisonarbeiterinnen tätig sein. Wir fordern den vollen Arbeitsmarktzugang. Ich glaube nicht, dass man Prostitution in irgendeiner Weise verbieten kann. Ich bin eher dafür, die Rechte zu stärken und, vor allem anderen, legale Arbeitsmöglichkeiten für Asylwerberinnen zu schaffen.

Wie stehen die Grünen zu einer verpflichtenden Gesamt- und Ganztagesschule?

Zur gemeinsamen Schule stehen wir sehr positiv, weil eine frühe „Selektion“ das Vererben von Bildungsarmut weiter vorantreibt. Bei den ganztägigen Schulen wollen wir ein flächendeckendes Angebot. Jeder, der einen ganztägigen Platz möchte, soll den auch erhalten. Da geht uns der Ausbau viel zu langsam.

In Ihrem Bildungsprogramm ist sehr viel von optimaler Förderung von Spitzenleistung die Rede. Geht es Ihrer Ansicht nach in erster Linie um eine optimale Vorbereitung auf den Arbeitsmarkt oder hat Bildung auch etwas mit persönlicher Emanzipation und Kritikfähigkeit zu tun?

Wichtig ist vor allem, Chancengleichheit herzustellen, die es in Österreich nicht gibt: sowohl zwischen Burschen und Mädchen und Männern und Frauen als auch zwischen Menschen, die einen Migrationshintergrund haben, und Menschen, die vielleicht österreichische Eltern, aber trotzdem fehlende Deutschkenntnisse haben. Diese Ungleichheiten werden durch das Bildungssystem im Moment nicht ausgeglichen. Da geht es vor allem um Chancengerechtigkeit. An den Universitäten sehe ich aktuell eine extreme Kommerzialisierung. Mit dem Bachelor-Master-System soll für den Arbeitsmarkt „produziert“ werden, es geht nicht mehr darum, auch vor allem Selbstbestimmung zu vermitteln. Wichtige Werte sind mir im Bildungssystem die Freude am Lernen und Entscheidungsfreiheit: Wie viel investiere ich in meine Stärken, wie viel in meine Schwächen? Viele Kinder sind ausschließlich damit beschäftigt, ihre Schwächen auszugleichen. Eine Vision wäre auch, dass alle Kinder mit 18, egal, ob sie eine Lehre gemacht haben, eine berufsbildende Schule oder eine AHS besucht haben, drei Sprachen beherrschen. Das Potenzial dafür ist da. Neben Deutsch und Englisch noch eine dritte Sprache, etwa die Muttersprache – ob das jetzt Türkisch, Russisch oder was auch immer ist. In Wien wird 2020, 2030 die Hälfte der Menschen eine andere Muttersprache als Deutsch haben. Derzeit kann man nicht einmal in Türkisch maturieren. Das ist absurd.

Was halten Sie von dem Vorschlag, feministische Bildung bzw. Frauengeschichte verpflichtend in den Lehrplan aufzunehmen?

Das ist eine spannende Idee – ich glaube, dass wir bei Burschen auch daran arbeiten müssten, Geschlechtsstereotype aufzubrechen. Da gibt es in Deutschland einige Projekte, die unter dem Titel Prävention laufen. Ich halte es für zielführend und spannend, dass man sowohl mit Burschen als auch mit Mädchen – unterschiedlich allerdings – arbeitet und dafür auch Geld zur Verfügung stellt. Das Fach Politische Bildung und auch der Ethikunterricht könnten auch etwas beitragen.

Die Grünen werden immer wieder auf ihre Verortung zwischen links und bürgerlich angesprochen. Welche Partei würden Sie als die größere Konkurrenz sehen, die Neos oder eine neue linke Partei mit Personen wie Sonja Ablinger und Ihrem ehemaligen Abgeordneten Öllinger?

Auf die Frage links oder bürgerlich reagiere ich ein bisschen empfindlich, weil ich schon in so viele Schubladen gesteckt worden bin. Von der Marxistin bis hin zur Bürgerlichen. Ich möchte mich als Grüne nicht zuordnen lassen – wir haben einen programmatischen Kern, wir haben Grundwerte und wir haben mittlerweile schon sehr viel politische Konkurrenz erlebt, von den Piraten bis zum Liberalen Forum, und jetzt die Neos. Es ist bereichernd, wenn es zusätzliche Parteien gibt. Aber ich habe wenig Anlass, mich zu fürchten, weil wir auf einem Weg des nachhaltigen Wachstums sind.

Sie persönlich möchten weder als links noch als bürgerlich festgeschrieben werden.

Natürlich sind wir in gewissem Sinne links, aber auch eine liberale Partei, bürgerliche Freiheiten und Grundrechte sind zentrale Werte der Grünen. Die Freiheitsrechte als liberales Element sind schon ein Gründungskern der Grünen. Deswegen sage ich „linksliberale Ökopartei“.

Klaus-Werner Lobo, derzeit noch Kultur- und Menschenrechtssprecher in Wien, hat den letzten Bundeswahlkampf der Grünen wegen dessen „Lifestyle-Themen“ kritisiert und weil zu wenig gestritten würde. Was sagen Sie zu dieser Kritik?

Es gibt natürlich eine Diskussion über die Verpackung von Inhalten. Ich habe mich dazu entschieden, die Verpackung wirklich Profis zu überlassen und mich nicht mehr einzumischen. Wir haben früher die Plakate in erweiterten Bundesvorständen mit vierzig Leuten diskutiert. Das ist sehr mühsam, das möchte ich nicht mehr haben. Natürlich sind das zugespitzte Verpackungsformen, die wir anwenden, etwa mit dem Slogan „Saubere Umwelt, saubere Politik“. Ich habe im Wahlkampf vor allem zwei Themen vertreten: Das eine ist Korruptionsbekämpfung im Zusammenhang mit dem Hypo-Desaster gewesen, das zweite Thema, das mir wichtig war, war die Bildungsreform.
Es war eine strategische Entscheidung, in den Themen Umwelt, Menschenrechte und Bildung in der Öffentlichkeit wahrgenommen zu werden. Bis 2018 haben wir uns vorgenommen, auch im Sozialbereich stärker an Profil zu gewinnen. Natürlich sind wir nicht in allen Bereichen gleich stark. Aber ich bin froh, dass wir weniger öffentlich streiten, denn Leute mit Streit zu belästigen, ist nicht mein Verständnis von Politik.

Beinhaltet die notwendige Verkürzung im Wahlkampf nicht auch die Gefahr der inhaltlichen Verflachung?

Ich sehe meine Hauptarbeit darin, Dinge so zu übersetzen, dass sie auch die Chance haben, bei vielen Menschen in Österreich anzukommen. Ich wehre mich gegen eine Sprache und einen Diskurs, dem viele Leute nicht mehr folgen können. Das heißt nicht, dass es oberflächlich ist. Es ist eine Kunst, komplexe Dinge durch einen Perspektivenwechsel so darzustellen, dass sie verständlich sind. Ich finde es abgehoben, wenn man Diskurse so führt, dass nur mehr ausgewiesene ExpertInnen folgen können, die sich ausschließlich mit Politik beschäftigen.

 

Eva Glawischnig ist Bundessprecherin der Grünen Österreich und Klubobfrau.

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an.künden: „Lo Fi Dark Disco“ https://ansch.4lima.de/an-kuenden-lo-fi-dark-disco/ https://ansch.4lima.de/an-kuenden-lo-fi-dark-disco/#respond Fri, 03 Apr 2015 17:37:45 +0000 https://anschlaege.at/?p=6172 Die Musikerin, Performerin und Künstlerin Nadia Buyse und ihr musikalisches Projekt DUBAIS.]]>

Die Musikerin, Performerin und Künstlerin Nadia Buyse beschreibt ihr musikalisches Projekt DUBAIS als „Arabfuturist multimeldia“. Ohne klassische Instrumente kreiert sie atmosphärische und düstere Klänge, die an TRUST oder Me and Jane Doe erinnern. Ein wichtiges Thema der Wahlberlinerin aus Olympia/Washington ist die Beschäftigung mit ihrer Identität als Brown Person in einem weißen Umfeld. In Wien wird die Präsentation ihrer ersten EP „Bad Person“ gefeiert, in Innsbruck und Salzburg tritt sie mit Lime Crush auf.

DUBAIS: 9.4. Salzburg/Denkmal, 10.4. Innsbruck/die Bäckerei, 11.4. Wien/Rhiz, 24.4. Berlin/Loophole
www.dubais.bandcamp.com

 

© Stefanie Walk
© Stefanie Walk
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an.künden: Der beste Mensch? https://ansch.4lima.de/an-kuenden-der-beste-mensch/ https://ansch.4lima.de/an-kuenden-der-beste-mensch/#respond Fri, 03 Apr 2015 17:34:14 +0000 https://anschlaege.at/?p=6170 Flüsterzweieck mit ihrem Programm "Menschenkür" im Kabarett Niedermair.]]>
Flüsterzweieck sind Ulrike Haidacher und Antonia Stabinger, die mit ihrem bereits dritten abendfüllenden Programm auf kabarettistische und sehr amüsante Weise gesellschaftskritische Themen anstoßen. In ihrem neuen Programm „Menschenkür“ nehmen sie den grassierenden Casting- und Selbstoptimierungswahn auf die Schippe. Was sind die Bewertungskriterien, um „die Wahl zum besten Menschen“ zu gewinnen? Flüsterzweieck gehen diesen Fragen in zum Teil brüllend komischen Szenen auf den Grund.

25.4., 19.00 / 30.5., 19.30: Flüsterzweieck – Menschenkür,
Kabarett Niedermair, 1080 Wien, Lenaug. 1A, www.niedermair.at,
www.fluesterzweieck.at

 

© Arnold Poeschl
© Arnold Poeschl
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an.frage: Theorie und Praxis https://ansch.4lima.de/an-frage-theorie-und-praxis/ https://ansch.4lima.de/an-frage-theorie-und-praxis/#respond Fri, 03 Apr 2015 17:21:59 +0000 https://anschlaege.at/?p=6161

Seit 2012 ist die Professur für Politische Theorie an der Uni Wien unbesetzt und die Fortführung des feministischen Schwerpunkts der Stelle fraglich. MARLENE RADL befragte GUNDULA LUDWIG und BRIGITTE BARGETZ, Postdocs am Institut für Politikwissenschaft, zum laufenden Besetzungsverfahren.

 

Wurden die Grundsätze der Universität Wien hinsichtlich Gleichstellung und der Förderung von Frauen- und Geschlechterforschung im bisherigen Besetzungsverfahren vernachlässigt?

Bedauerlich ist aus feministischer Perspektive, dass die Professur überhaupt nur als „Politische Theorie“ ausgeschrieben wurde und der vorige Schwerpunkt, feministische politische Theorie, vertreten durch Eva Kreisky, nicht durch einen entsprechenden Fokus in der Ausschreibung gestärkt wurde. Positiv ist, dass zu den Hearings von insgesamt acht Kandidat_innen drei international ausgewiesene feministische politische Theoretikerinnen eingeladen wurden. Wichtig ist nun, dass die Universität ihre eigenen, gesetzlich verankerten Richtlinien – u. a. Kompetenzen in der Geschlechterforschung im Auswahlverfahren positiv anzuerkennen – auch berücksichtigt.

Inwiefern hat die Besetzung dieser Professur aus feministischer Perspektive besondere Relevanz?

Solange Geschlecht gesellschaftskonstituierend ist und Staat, Recht, Demokratie und Wissen nicht neutral, sondern androzentrisch, weiß, heternormativ, klassistisch, ability-zentriert sind, muss auch politische Theorie feministisch-kritisch sein. Die politische Theorie der Uni Wien ist richtungsweisend, da von ihr in den letzten Jahrzehnten wichtige Impulse ausgegangen sind, etwa in der feministischen Staats- und Demokratietheorie. Eine feministische Perspektive ist notwendig, um zu zeigen, dass sich mit der Neoliberalisierung von Staat und Gesellschaft für viele geschlechtsspezifische Ungleichheitsverhältnisse verschärfen.

Weist die fehlende Besetzung auf einen allgemeinen Bedeutungsverlust kritischer und feministischer Gesellschaftstheorie an der Uni Wien hin?

Es gibt hier viele kritische und feministische Forscher_innen. Die fortschreitende Ökonomisierung der Universitäten, das Messen wissenschaftlicher „Leistungen“ an vorgeblich objektiven, letztlich aber androzentrischen Kriterien sowie die zunehmende Prekarisierung von Lehrenden und Studierenden haben in den letzten Jahren jedoch dazu geführt, dass diese erkämpften Räume zum Teil wieder verloren gehen. Die aktuelle Situation ist daher durchaus ein Ausdruck dessen, dass es zunehmend schwerer (gemacht) wird, von den kritischen und auch feministischen Rändern her zu denken.

Petition: http://feministische-wissenschaften.eu

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an.sage: Männerrunde https://ansch.4lima.de/an-sage-maennerrunde/ https://ansch.4lima.de/an-sage-maennerrunde/#respond Fri, 03 Apr 2015 17:07:14 +0000 https://anschlaege.at/?p=6167 Von der Steuerreform profitieren vor allem Männer. Von BRIGITTE THEIßL]]>

Ein Kommentar von BRIGITTE THEIßL

 

„Frausein ist kein Programm“ zählt zum Standard-Repertoire der feministischen Weisheiten. Hin und wieder kommt aber auch eine Feministin ums bloße Köpfezählen nicht herum. So etwa bei der österreichischen Steuerreform, die in den vergangenen Wochen und Monaten verhandelt und nun von der Großen Koalition Mitte März auf den Tisch gelegt wurde. Die Diversität in den Verhandlungsteams von ÖVP und SPÖ reichte von mittelalten weißen Männern bis zu alten weißen Männern – die üblichen Akteure an den Schalthebeln der Macht eben. Es überrascht deshalb wenig, dass die Reform eine „Lohnentlastung von Männern für Männer“ wurde, wie Alexandra Strickner und Elisabeth Klatzer von (Feminist) Attac die präsentierten Ergebnisse zusammenfassen. Laut vorläufigen Berechnungen werden Männer nämlich doppelt so hoch entlastet wie Frauen. Der Grund: Mittlere und hohe Einkommen profitieren stärker von der Senkung des Eingangssteuersatzes in Kombination mit einer neuen Staffelung der Steuersätze, Frauen sind in diesem Einkommenssegment allerdings unterproportional vertreten. Damit sind sie auch diejenigen, die eine Anhebung von Massensteuern wie der Mehrwertsteuer stärker belastet. „Das Verhandlungsteam ist mit sich zufrieden, die Männerrunde wird sich noch einige Tage gegenseitig auf die Schultern klopfen und die Ausgewogenheit des Verhandlungsergebnisses loben“, schreiben Sonja Ablinger und Judith Schwentner auf der neu gegründeten linken Plattform „Mosaik“.

Im Vorfeld der Reformverhandlungen hatten vor allem zwei Interessensvertretungen intensiv kampagnisiert: Der Gewerkschaftsbund forderte „Lohnsteuer runter!“ und sammelte über 800.000 Unterschriften, die Industriellenvereinigung machte Stimmung gegen Vermögenssteuern und legte betroffen dreinschauenden EigenheimbesitzerInnen den Satz „Sie sagen Millionäre und meinen uns“ in den Mund. Die Debatten der Interessensgruppen – in der Diskussionssendung „Im Zentrum“, wo geschlechtsspezifische Effekte kein Thema waren, diskutierten sie zum Beispiel über die Gewinner der Reform – zeigen deutlich, an welche Menschen eigentlich gedacht wird. Der gönnerhafte Großindustrielle, der Arbeitsplätze schafft und mit seinen Stiftungsmillionen die heimische Kunst fördert, sitzt dem vollzeitbeschäftigten Facharbeiter gegenüber. Wenig verwunderlich also, dass die prekäre Einpersonenunternehmerin, die Teilzeit-Reinigungskraft und die Hausangestellte in den Diskussionen nicht auftauchen. Ihnen fehlt die finanzstarke Lobby, um für etwas zu kämpfen, das eigentlich in der österreichischen Verfassung festgeschrieben ist: eine Budgetpolitik, die die tatsächliche Gleichstellung von Frauen und Männern fördert. Konzepte dazu haben nationale und internationale ExpertInnen längst erarbeitet, doch aus der Schublade holen und sie vor allem in die Tat umsetzen, das wollen politische AkteurInnen nicht. Die Gegenfinanzierung der Steuerreform, die auf Erbschafts- und Vermögenssteuern verzichtet, ist vage und unsicher, ExpertInnen befürchten daher drohende Kürzungen in Bildung, Gesundheit und Pflege. Die geschätzte Wertschöpfung der – meist von Frauen – ausgeübten unbezahlten Tätigkeiten in diesen Bereichen beträgt übrigens etwa 35 Milliarden Euro pro Jahr. Die wachsende Ungleichheit in Österreich lässt sich selbstverständlich nicht nur auf den Faktor Geschlecht reduzieren. Der „Mittelstand“, der vor Vermögenssteuern beschützt werden soll, schrumpft beständig. Die reichsten fünf Prozent der Haushalte verfügen über 45 Prozent des Vermögens, die ärmsten fünfzig Prozent teilen sich lediglich vier Prozent. Doch die Regierung feiert ihr Reformpaket als die „größte Steuerreform in der Geschichte der Zweiten Republik“.

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Das illustrierte Werbe-Wäh https://ansch.4lima.de/das-illustrierte-werbe-waeh-2/ https://ansch.4lima.de/das-illustrierte-werbe-waeh-2/#respond Fri, 03 Apr 2015 16:58:34 +0000 https://anschlaege.at/?p=6163 Auf dem Plakat für die Wiener Gemeinderatswahl begeben sich die Frauen der Partei in Abbey Road Pose. Von MELANIE LETSCHNIG]]>

Von MELANIE LETSCHNIG.

 

Illustration: Melanie Letschnig
Illustration: Melanie Letschnig
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Pin-Ups: Off the Rokket https://ansch.4lima.de/pin-ups-off-the-rokket-3/ https://ansch.4lima.de/pin-ups-off-the-rokket-3/#respond Fri, 03 Apr 2015 16:02:18 +0000 https://anschlaege.at/?p=6165 …]]>

Von YORI GAGARIM.

Illustration: Yori Gagarim
Illustration: Yori Gagarim
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