April 2014 – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de Sun, 06 Sep 2020 15:18:32 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.0 https://ansch.4lima.de/wp-content/uploads/2024/10/cropped-favicon-32x32.png April 2014 – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de 32 32 an.sprüche: Betrügen und belügen https://ansch.4lima.de/an-sprueche-betruegen-und-beluegen/ https://ansch.4lima.de/an-sprueche-betruegen-und-beluegen/#respond Fri, 28 Mar 2014 15:32:28 +0000 https://anschlaege.at/?p=4908 Wie haben Frauen ihre Abtreibung erlebt? Und wie sprechen sie darüber? Zwei Erfahrungsberichte von SYLVIA KÖCHL und MARGARETHE TRAPP

Schwanger geworden bin ich durch schiere Unwissenheit und jugendliche Dummheit. Das war Ende der 1980er-Jahre und ich ging noch zur Schule. Deshalb und überhaupt, weil ich immer schon wusste, dass ich weder heiraten noch Kinder bekommen wollte, stellte sich mir nur eine Frage: Wie komme ich an eine Abtreibung?
Ich lebte in Vorarlberg, die nächste Abtreibungsklinik war in Innsbruck. Das größte Problem waren aber die Kosten: 3.000 Schilling. Und obwohl mein damaliger Freund ein bürgerlicher Fuzzi war, bekam auch er nicht annähernd genug Taschengeld, um das zu finanzieren. Ich hatte gehört, dass es beim städtischen Magistrat eine Stelle gab, die für schwangere Frauen in Not Akuthilfe leistete, dass hier ohne viel Federlesens Bargeld ausgegeben werde. Und ich war eine schwangere Frau in Not! Das sagte ich dann auch dem zuständigen Beamten. Ehrlich. Er jagte mich hysterisch schreiend hinaus, er finanziere doch keinen Mord. Am nächsten Tag sprach mein schauspielerisch talentierter Freund vor und schilderte demselben Beamten, wie sehr wir uns auf das Kind freuten, dass wir aber nicht einmal genug Geld für Babykleidung und einen Kinderwagen hätten. Der Beamte griff in eine Schublade und zählte meinem Freund 3.000 Schilling in bar auf die Hand.
Ich bekam also meine Abtreibung – zum Glück auch unbehelligt von „Pro Life“-AktivistInnen und ähnlichem Gesocks. Wäre die Geldbeschaffung nicht gelungen, hätte ich mein gesamtes bisheriges Erwachsenenleben damit verbracht, dieses Kind großzuziehen, und hätte ihm ganz sicher nie verziehen, dass es existiert …
Noch heute stellen sich mir die Nackenhaare auf, wenn ich daran denke, dass es die Fristenlösung 13, 14 Jahre davor noch gar nicht gegeben hat. Ich weiß, dass ich alles getan hätte, um die Schwangerschaft abzubrechen, wirklich alles.
Eine (schulische) Sexualaufklärung, die diesen Namen verdient, hätte mich vielleicht vor dem ganzen Schlamassel bewahrt. Und gäbe es Abtreibungen als Krankenversicherungsleistung, müssten SchülerInnen auch keine Betrugsversuche an städtischen Magistraten unternehmen.Schon allein diese Missstände waren für mich immer Grund genug, meine Geschichte zu erzählen, egal, wie die Reaktionen ausfielen. Daher sei v.a. den Sozialdemokratinnen gesagt: Kommt aus der Deckung! Geht offensiv mit dem Thema um und setzt euch endlich für die Abtreibung als Kassenleistung ein! Raus mit der Abtreibung aus dem Strafgesetzbuch!

Sylvia Köchl ist Journalistin und Wissenschaftlerin, lebt aber nicht kinderfrei-egoistisch in Saus und Braus, sondern nur so selbstbestimmt, wie eben möglich.

„Du hast nie abgetrieben, Mama, oder? Das hätte ja ich sein können!“ Das war meine Reaktion auf die erste Konfrontation mit dem Thema Abtreibung. Meine Mutter, die sich kurz zuvor gegen ein zweites Kind und für einen Abbruch entschieden hatte (und dafür wegen der damals in der BRD geltenden Notlagen-Indikationsregelung noch nach Holland fahren musste), war über diese Aussage so erschrocken, dass sie allen verbot, mir gegenüber je von dieser Abtreibung zu sprechen. Erst viele Jahre später erzählte sie mir selbst davon, diese Geschichte voranstellend.
Ich wünschte, sie wäre anders damit umgegangen. Dass sie eine Form gefunden hätte, die einem Kind glaubhaft macht, dass eine befruchtete Eizelle ähnlich wenig mit einem Geschwisterkind oder gar ihm selbst zu tun hat wie eine Monatsblutung. Und dass sie mir vielleicht sogar in altersadäquater Form etwas über das unveräußerliche und unbedingt zu verteidigende Selbstbestimmungsrecht aller Menschen über den eigenen Körper vermittelt hätte.
Gute zehn Jahre nach diesem Vorfall habe ich selbst abgetrieben. Der Eingriff – ich hatte einen medikamentösen Abbruch, bei dem der Wirkstoff in die Scheide eingeführt wurde – war demütigend und schmerzhaft. Kein Gespräch, keine Erklärungen, nur ein genervtes: „Wenn Sie sich so verkrampfen, wird das nichts.“ Der von starken Blutungen begleitete Abgang zu Hause und die Schmerzen trafen mich deshalb völlig unvorbereitet und machten mir Angst.
Dennoch dominiert heute die Erinnerung an die ungeheure Erleichterung, mit der ich als damals 18-Jährige in mein WG-Zimmer zu meinen beiden Katzen zurückkehrte. Das große Glücksgefühl, mit dem ich dachte: Ich bin weiterhin nur für diese beiden Tiere und mich selbst  verantwortlich.
Ich hatte danach immer einen offenen und offensiven Umgang mit meiner Abtreibung. Erst jetzt, beinahe zwanzig Jahre später, ist da erstmals eine leise Befangenheit. Inzwischen bin ich Mutter zweier Kinder und spüre selbst die diffuse Angst, auch sie könnten meinen Schwangerschaftsabbruch auf irgendeine verquere Weise mit sich selbst in Verbindung bringen. Noch sind sie zu klein, um Fragen zu stellen. Ich habe also noch ein bisschen Zeit, mir gute Antworten zu überlegen. Ich bin ganz sicher, es gibt sie.

Margarethe Trapp ist froh, inzwischen Kinder zu haben. Genauso glücklich ist sie darüber, sich früher gegen ein Kind entschieden zu haben.

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an.sage: Celluloid Ceiling https://ansch.4lima.de/an-sage-celluloid-ceiling/ https://ansch.4lima.de/an-sage-celluloid-ceiling/#respond Fri, 28 Mar 2014 15:27:46 +0000 https://anschlaege.at/?p=4905 Hollywoods Heldinnen treten gegen Sexismus auf. Von SILKE PIXNER]]>

Ein Kommentar von SILKE PIXNER

Wer trägt was, warum, wie viel hat es gekostet, und das Wichtigste: Macht es dick? Damit lässt sich die Berichterstattung um die weiblichen Nominierten und Oscar-Gewinnerinnen noch immer über weite Strecken zusammenfassen. Kommentare über das Gala-Outfit lassen jede schauspielerische Leistung in den Hintergrund treten. Doch Hollywoods vermeintliche Modepüppchen scheinen genug zu haben, es regt sich Widerstand. Und zwar nicht nur gegen sexistische Ressentiments, sondern vor allem auch gegen die strukturelle Benachteiligung von Frauen in Hollywood. So sorgte etwa Cate Blanchett mit ihrer diesjährigen Oscar-Rede doppelt für Aufsehen. Nicht nur, dass sie die Auszeichnung als beste Hauptdarstellerin nicht mit der üblichen „Ich-danke-allen-ohne-euch-hätte-ich-das-nie-geschafft-schluchz-heul“-Rede entgegennahm, sondern freudig und selbstbewusst den Preis für ihre außerordentliche Leistung abholte, nein: Sie wagte es sogar, feministische Kritik zu üben! Vor einem Millionenpublikum prangerte sie die paternalistische Sichtweise der Filmindustrie auf Frauen an: „Ich danke allen, die nicht so dumm sind, an der Idee festzuhalten, dass weibliche Filme mit Frauen im Fokus Nischen-Phänomene sind. Sie sind es nicht, das Publikum will sie sehen. Und es lässt sich tatsächlich Geld damit verdienen.“

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Ja, mit Filmen, die sich um weibliche Hauptfiguren drehen, kann tatsächlich Geld gemacht werden. Viel Geld. Und was Blanchett sagt, gilt überdies für alle Kulturbereiche: Theater, bildende Kunst, Fernsehen und Literatur. Es wäre an der Zeit, diesen Markt und seine Zielgruppe ernst zu nehmen und nicht in eine belächelte Nische zu verbannen. Blanchett hat mit ihrer Kritik offenbar einen Nerv getroffen. Ihre 23-jährige Schauspielkollegin Jennifer Lawrence kommentierte ihre Rede mit den Worten „Great speech“ und zeigt damit, dass vor allem auch junge Frauen endgültig genug davon haben, hauptsächlich für hübsche Nebenrollen gebucht zu werden. Aber nicht nur die Rollenauswahl, auch der Vergleich der Gehaltszettel dürfte für Unmut sorgen, wenngleich sich der Paygap freilich in luxuriösen Dimensionen abspielt: 2013 verdiente der bestbezahlte Schauspieler Robert Downey Jr. geschätzte 75 Millionen Dollar, mehr als zweimal so viel wie sein weiblicher Gegenpart, Angelina Jolie, die 33 Millionen Jahressalär einstreifen konnte. Da gibt es freilich auch keinen Grund zur Klage, nichtsdestotrotz ist es bezeichnend, dass gerade in einer Branche, in der Geld offenbar kaum eine Rolle spielt, man es sich offenbar nicht leisten will, Frauen und Männer gleich zu bezahlen.Doch nicht nur im sonnigen L.A. gärt es wegen der Ungleichbehandlung von Frauen in der Filmbranche. „Wir sind stinksauer“, brachte es die Goldener-Bär-Gewinnerin Jasmila Žbanic auf den Punkt. Ihr Ärger richtet sich auf den immer noch skandalös geringen Anteil von Frauen in Schlüsselpositionen bei Filmproduktionen, ein Missstand, der im Rahmen der diesjährigen Berlinale diskutiert wurde. Der aktuelle „The Celluloid Ceiling“-Report der amerikanischen Filmwissenschaftlerin Martha Lauzen etwa zeigt, dass die Anzahl der für Hollywood-Produktionen hinter der Kamera engagierten Frauen seit den 1990er-Jahren stagniert. Nur sechs Prozent der 250 kommerziell erfolgreichsten US-Filme des Jahres 2013 wurden von Regisseurinnen realisiert. Alleine im Vergleich zum Vorjahr ein Rückgang um drei Prozent. Neben einer Reihe von gesetzlichen Maßnahmen zur Frauenförderung, wie sie etwa 2007 in Spanien und Schweden eingeführt wurden, Gender-Quotierung von Fördersummen oder Sensibilitäts-Trainings zu kultureller Diversität, gibt es auch eine sehr angenehme Möglichkeit zur Frauenförderung, die wir alle ganz einfach umsetzen können: Auch mal außerhalb von Frauenfilmfestivals ins Kino gehen, um Filme mit Frauen vor und hinter der Kamera anzuschauen, und sich dabei das Popcorn schmecken lassen. Damit die Gala-Robe garantiert nicht passt!

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an.künden: Filmemacherinnen im Fokus https://ansch.4lima.de/an-kuenden-filmemacherinnen-im-fokus/ https://ansch.4lima.de/an-kuenden-filmemacherinnen-im-fokus/#respond Fri, 28 Mar 2014 15:23:16 +0000 https://anschlaege.at/?p=4900 Internationales Frauenfilmfestival Dortmund/Köln]]>

Bereits zum 31. Mal rückt das Frauenfilmfestival sechs Tage lang das internationale und nationale Filmschaffen von Frauen in den Blickpunkt der Öffentlichkeit. Aus einer Vorauswahl von über 800 Filmen von Regisseurinnen aus aller Welt werden in dieser Woche 106 Filme aus 37 Ländern gezeigt. Im Fokus stehen diesmal vor allem Dokumentar- und Experimentalfilme sowie Werke zum Länderschwerpunkt Türkei. Begehren und queerer Widerstand sind weitere Themen, die diesmal in Filmhäusern in Köln und dem Kino im Dortmunder U gezeigt werden.

© IFFF
© IFFF

8.–13.04.: Internationales Frauenfilmfestival Dortmund/Köln, 50678 Köln, Altes Pfandhaus, Kartäuserwall 20, www.frauenfilmfestival.eu

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an.künden: Rap auf Tour https://ansch.4lima.de/an-kuenden-rap-auf-tour/ https://ansch.4lima.de/an-kuenden-rap-auf-tour/#respond Fri, 28 Mar 2014 15:20:47 +0000 https://anschlaege.at/?p=4897 Purple Velvet International Female Hip Hop Tour]]>

Im Mai und Juni sind unsere an.klang-Autorin Sookee, Vocalist Shirlette Ammons und female Rapstar Lex Lafoy gemeinsam unterwegs. Dem Label Springstoff ist es gelungen, die Musikerinnen aus den USA, Südafrika und Deutschland für dieses Projekt zusammenzubringen und so den rar gesäten weiblichen Hip Hop zu zelebrieren. Die drei werden fünf Wochen lang durch Deutschland, Österreich und die Schweiz touren, um das Publikum garantiert zu begeistern. Hierbei erhalten sie immer wieder von DJs und lokalen Acts Unterstützung. Für die insgesamt 18 Auftritte, die ihren Anfang in Berlin nehmen und dort auch wieder enden, sind Tickets bald online erhältlich.

Shirlette Ammons © Bentley
Shirlette Ammons © Bentley

7.5.–7.6.: Purple Velvet International Female Hip Hop Tour, Deutschland–Österreich–Schweiz, www.sookee.de/show/purple-velvet-international-female-hiphop-tour oder www.springstoff.de

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lesbennest: The Ballad of the Creepy Old Lady https://ansch.4lima.de/lesbennest-the-ballad-of-the-creepy-old-lady/ https://ansch.4lima.de/lesbennest-the-ballad-of-the-creepy-old-lady/#respond Fri, 28 Mar 2014 15:17:10 +0000 https://anschlaege.at/?p=4892 LesbennestSince last autumn yours truly, the self-proclaimed Queen of the Sluts, has made out with 0 women*. Von DENICE]]> Lesbennest

the fabulous life of a queer femme in action

Since last autumn yours truly, the self-proclaimed Queen of the Sluts, has made out with 0 women*. Zero!! Catastrophe! It already started in the summer when I began to notice that I didn’t really check out people anymore, not to mention major failure in charming anyone (aka trying to get into their pants). First I blamed this on a lack of mojo. A drought in Coochieland, if you will. It’s been known to happen. Nothing strange about that. But as the months passed by and I didn’t even think about doing something as innocent and basic as kissing someone, I started to worry. Where did it all go? And, as so many times before, it were my publishers (who needs a therapist when you have a publisher?) who helped me dig out the brutal truth: it turns out that I am deadly afraid of being “the creepy old lady”. It’s super silly. It’s a product of an ageist, sexist environment and I should know better than that. But fears aren’t exactly famous for being logical. The issue I’m facing is that, as the years have gone by while I’ve been out partying like the Groovy Granny I am, the (age) gap between me and the (baby) butches has grown bigger and bigger, until I’ve realized that I could be their mother. How sexy. “Why don’t you just find women* your own age then, Miss Bourbon?” Well. I fucking would! If it weren’t for the fact that “they” are all busy going to bed early to be fit the next morning for lord knows what horrible healthy reasons. Besides, “those people” are as interested in decadent, boozing, punk femmes as I am in Sunday brunches: Not. At. All. Regarding the few brave ones left … well … how should I put it … let’s just say it’s a lesbian duck pond out there. The thing is, I can live with people thinking I’m loud, obnoxious and superficial, even though it’s not fair. But old and desperate? Hell no!

Kolumne Lesbennest Österreich Deutschland Feminismus
Illustration: Nadine Kappacher

Denice knows that people hook up in other places than bars, like at work and in yoga studios. But since going out is basically her job and lifting a wine glass is the only exercise she practises, she will now brush herself off and try again. Reclaim her wrinkles and own them! Total Diva Style!

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lebenslauf: Vierzigwerden, vierzig sein https://ansch.4lima.de/lebenslauf-vierzigwerden-vierzig-sein/ https://ansch.4lima.de/lebenslauf-vierzigwerden-vierzig-sein/#respond Fri, 28 Mar 2014 15:12:35 +0000 https://anschlaege.at/?p=4888 LebenslaufVon heute an will ich nicht älter werden. Von CHRISTIANE ERHARTER]]> Lebenslauf

auch feministinnen altern

„Von heute an will ich nicht älter werden / vom Älterwerden krieg ich nur Beschwerden / da läuft die Nase, ich hab ein Raucherbein / die Zähne fallen aus, ich krieg ’nen Heiligenschein …“ Im Radio er-öffnen Bärchen und die Milchbubis mit dem Song „Ich will nix älter werden“ einen Beitrag über ein neues Buch, das in 36 Interviews vom Älterwerden prominenter Punks erzählt. Zwar nicht von einem Raucherbein, aber doch von Rückenschmerzen und einer laufenden Nase – Nebenhöhlenprobleme! – kann ich auch bereits berichten. Ich bin nämlich frische vierzig! Und damit in bester Gesellschaft! Mein soziales Umfeld ist überzeugt, dass vierzig sein o.k. ist. Auch eine Freundin, die zwei Wochen vor mir Geburtstag hat, versichert mir, dass der runde Geburtstag gar nicht so schlimm sei. Sie muss es wissen, denn ihr Vater hat ihr eine Geburtstagstorte in Form eines Männertorsos geschenkt – inklusive eines gepiercten Marzipanpenis! Während ich ein Stück Hoden verspeiste, ziehe ich kurz Bilanz: Ich habe noch keinen Doktortitel, kein Buch geschrieben und keine Biennale kuratiert, aber immerhin bei einer ausgestellt. Auf einer internationalen Website, auf der zeitgenössische Künstler_innen nach Erfolg bewertet werden, belege ich Platz 46.895. Zum Vergleich: Andy Warhol belegt Platz eins, ist allerdings bereits tot, und Cindy Sherman Platz sieben. Von Beruf prominente Künstlerin zu sein, bleibt wohl eher unerreicht. Positiv bilanziere ich, dass ich, seit ich die Haare färbe, nie für vierzig gehalten werde, fast immer positiv bin, nicht schnell aufgebe, in einer aufregenden Beziehung lebe, von den besten Freundinnen der Welt umgegeben bin und meine Eltern so geschmackssicher sind, dass mir mein Vater nie im Leben einen Gag-Kuchen mit einer Vagina aus Marzipan schenken wird.

Kolumne Lebenslauf
Illustration: Nadine Kappacher

Christiane Erharter wurde am 19. März 1974 geboren und ist im Sternzeichen Fisch, Aszendent Jungfrau. Sie ist seit Dezember verpartnert und keine Jungfrau mehr, aber immer noch ein bisschen Punk.

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heimspiel: Echt krank! https://ansch.4lima.de/heimspiel-echt-krank/ https://ansch.4lima.de/heimspiel-echt-krank/#respond Fri, 28 Mar 2014 15:07:52 +0000 https://anschlaege.at/?p=4885 Das Türschild „Wir haben Windpocken!“ hat in vielen Kinderbetreuungseinrichtungen derzeit Hochkonjunktur. Von BARBARA TINHOFER und KRISTINA BOTKA]]>

leben mit kindern

Das Türschild „Wir haben Windpocken!“ hat in vielen Kinderbetreuungseinrichtungen derzeit Hochkonjunktur. Kinder mit abgeheilten Pünktchen kommen zurück, andere werden mit frischen Pünktchen nach Hause geschickt: Rote Punkte sind allgegenwärtig. Und Kindergartenpädagoginnen lieben rote Pünktchen! Nicht etwa, weil die gepunkteten Kinder gar so süß aussehen, sondern weil das Schild verspricht, was das Gesetz verhindert: kleinere Gruppen in den nächsten Wochen! Viele Eltern bringen zwar auch ihre noch nicht gesundeten Kinder, weil sie den Pflegeurlaub schon im Februar verbraucht haben – dennoch: Zeit für Ausflüge, Zeit für individuelle Anliegen der Kids, Zeit zum Vorlesen und Beobachten, Zeit endlich wieder mal einen Buben-Mädchentag zu machen.

Heimspiel. Leben mit Kindern
Illustration: Nadine Kappacher

Wäre da nicht das Kratzen im Hals, das seit dem letzten Waldtag nicht mehr weggehen will. Zu viel und zu laut bei kalter Luft geredet. Kopfweh macht sich auch noch breit. Aber jetzt zu Hause bleiben? Wo die Kollegin sich um ihre eigenen gepunkteten Kinder kümmern muss? Wer macht dann den Frühdienst? Wer schließt am Abend den Betrieb? Lieber noch eine Tablette nehmen, geht schon irgendwie. Schließlich ist auch noch die Kollegin aus der Nachbargruppe in Urlaub, Ersatz gibt’s nicht, die Gruppen werden zusammengelegt. Der Mädchen-Bubentag fällt dann eben doch wieder aus, und die Rollenspiele, bei denen Mädchen davonlaufen und Buben hinter ihnen her, können nur kurzfristig entschärft werden. Für Gesprächsrunden oder kooperative Spielanregungen fehlt die Zeit. Die Krippenkinder verlangen schließlich jede Aufmerksamkeit. Und ja, solange der Zeichentisch besetzt ist, sind zu-mindest diese sechs Kinder beschäftigt – hoppla – ausschließlich Mädchen – na egal. Zumindest die sind die nächste Zeit vertieft und verlangen aktiv keine Aufmerksamkeit. Und beim Aufräumen sind es wieder vorwiegend Mädchen, die ihr Zeug und gleich auch das der anderen wegräumen. Auch wenn es der feministisch gesinnten Pädagogin widerstrebt: Ohne ausreichend Zeit geht sich eine geschlechtergerechte Kindergartenwelt selten aus.

Barbara Tinhofer und Kristina Botka finden Pünktchen grundsätz-lich super. Sie sind richtige i-Pünktchen-Reiterinnen, wenn es um geschlechtergerechte Kindergartenpädagogik geht!

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Die unsichtbare Vulva https://ansch.4lima.de/die-unsichtbare-vulva/ https://ansch.4lima.de/die-unsichtbare-vulva/#comments Fri, 28 Mar 2014 15:00:17 +0000 https://anschlaege.at/?p=4880 LARS VON TRIER zeigt eine Nymphomanin ohne Möse. Von SOPHIE CHARLOTTE RIEGER]]>

Der unter Feministinnen nicht unumstrittene Regisseur LARS VON TRIER widmet sich in seinem neuesten Zweiteiler dem Thema Nymphomanie. Doch obwohl es filmisch explizit um die Sexualität einer Frau gehen soll, scheut „Nymphomaniac I“ das weibliche Genital. Von Sophie CHARLOTTE RIEGER

„Nymphomaniac“ präsentierte sich schon im Entstehungsprozess fleißig als filmischer Skandal des Jahrhunderts. Oder anders formuliert: Die berichterstattende Presse schnappte nur zu bereitwillig nach dem Knochen, den ihr Lars von Trier vorwarf. Achtung, Achtung: Wir werden echten Sex von echten Menschen mit echten Genitalien sehen! Deutlich interessanter – vielleicht auch „skandalöser“ – als die vermeintlich pornografischen Szenen ist jedoch das Vorhaben des Films, die Sexualentwicklung einer Nymphomanin von der Kindheit bis ins mittlere Alter zu veranschaulichen: Hauptfigur Joe, je nach Altersabschnitt von Stacy Martin oder Charlotte Gainsbourg verkörpert, erzählt über insgesamt zwei Spielfilme hinweg ihren nymphomanischen Werdegang von kindlichen Spielen über wilde Teenager-Experimente bis hin zu Sadomasochismus und ihrem körperlichen und seelischen Verfall. Dabei drängt sich bezüglich der bei der Berlinale präsentierten Langfassung des ersten Teils, „Nymphomaniac I“, eine kritische Beobachtung auf: die frappierende Abwesenheit der Vulva. Vor dem Hintergrund des viel diskutierten und kritisierten Frauenbilds im Ouevre Lars von Triers vielleicht weniger überraschend, steht diese visuelle Aussparung doch im eklatanten Gegensatz zum medial inszenierten Skandal um die explizite Darstellung von Sexualität auf der Leinwand.

Brötchen-ähnlicher Schlitz. Die Vulva, Vagina, Muschi, Möse oder wie wir sie auch nennen wollen ist das primäre weibliche Geschlechtsorgan. Hier befindet sich die Klitoris, die auch hinsichtlich ihrer Größe einen mit dem Penis vergleichbaren Schwellkörper darstellt. Die Vorzeigemuschi jedoch, wie sie in Mainstream-Pornos zu sehen ist und wie Schönheitschirurgen sie aktuell auf der ganzen Welt als Idealbild etablieren wollen, versteckt dieses Potenzial: Schamlippen sind pfui, der sensible Kitzler idealer Weise ebenfalls unsichtbar. Am besten Mann sieht nichts außer eine Brötchen-ähnlichen Schlitz – ein Bild, das zugleich kindlich wie auch auf paradoxe Weise asexuell wirkt. Die Vagina wird also selbst dann versteckt, wenn sie gezeigt wird, bzw. ihre Darstellung dient der ästhetischen Befriedigung des männlichen Auges, nicht aber der Sichtbarmachung der weiblichen Sexualität. Claudia Richarz und Ulrike Zimmermann gehen in ihrem Dokumentarfilm „Vulva 3.0“ gar so weit anzudeuten, der Unterschied zwischen einer Labioplastik und der auch als Genitalverstümmelung bekannten genitalen Beschneidung der Frau sei nur ein definitorischer. Diese Dokumentation ist wie die US-amerikanische Satire „Teeth“ hilfreich bei der Analyse der vaginalen Lücke, die in von Triers Film klafft. Bissige Muschi. In „Teeth“ steht die konservativ erzogene Protagonistin ihrer sexuellen Entwicklung weitgehend ratlos gegenüber, zumal sich ihre Muschi als äußerst bissig erweist. Die Vagina Dentata ist hier eine Metapher für die als Bedrohung empfundene Sexualität der Frau. Dahinter steht vermutlich dieselbe Angst, die die Menschheit befiel, als Frauen in die Arbeitswelt und Politik eintraten. Die durch das Patriarchat aufrecht erhaltene Stabilität der heteronormen Gesellschaftsordnung gerät durch Entwicklungen dieser Art gefährlich ins Wanken. Die Folgen der weiblichen Selbstbehauptung, ob nun beruflich, politisch oder sexuell, sind Chaos und Anarchie, Mord und Totschlag und schließlich der Untergang der Zivilisation.
Ein Weg, der mösealen Bedrohung Herr zu werden, um diese gesellschaftliche Apokalypse zu vermeiden, ist ihre Unsichtbarmachung. So stößt die Besitzerin der Vagina Dentata im Film „Teeth“ schon bei ihrer Recherche auf Widerstände, denn im Biologiebuch ihrer Schule ist selbst die schematische Darstellung der Vagina mit einem Sticker überklebt. „Amerikanische Prüderie und ihre Folgen“, könnte hier ein Fazit lauten, würde uns der Dokumentarfilm „Vulva 3.0“ nicht vor Augen führen, dass unsere eigene Gesellschaft im Umgang mit der Vulva kaum fortschrittlicher ist.

© Concorde Filmverleih GmbH
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Eine Möse in voller Pracht. Wie aber geht nun Lars von Trier bei der Darstellung der pathologischen Sexualentwicklung seiner Heldin mit dem weiblichen Genital um? Trotz explizit gedrehter Sexszenen, inklusive mehrerer deutlich sichtbarer Penisse in unterschiedlichen Härtegraden, darf der_die Zuschauer_in auch in der Langversion von „Nymphomaniac I“ nur zweimal einen ausgiebigen Blick auf eine Vagina werfen. In den übrigen erotischen Passagen ist der Blick durch Winkel, Kleidung oder männliche Genitalien verstellt. Eine der zwei explizit präsentierten Vulven jedoch befindet sich auf einem OP Tisch – ein Setting, das wahrlich nicht als Ausdruck lustvollen Sexualerlebens gewertet werden kann. Die zweite Szene schließlich zeigt eine Möse in voller Pracht, inklusive aufklaffender Labien und Kitzler. Und nicht nur das: Die Nahaufnahme fängt sogar die orale Befriedigung der Protagonistin und somit einen einzig auf sie fokussierten Moment der Lust ein.
In der geschnittenen Kinofassung wird diese Großaufnahme fehlen. Das weibliche Geschlecht ist wohl zu aufdringlich, vielleicht zu bedrohlich für das breite Publikum. Bereits in der Festivalfassung marginalisiert, wird die Vulva in „Nymphomaniac I“ für das Kinopublikum umso unsichtbarer bleiben. Das ist Lars von Trier schwerlich anzukreiden, hat er sich doch deutlich von der gekürzten Fassung seines Films distanziert. Vielmehr ist diese Zensur Ausdruck der von Richarz und Zimmermann dargelegten Unsichtbarmachung des weiblichen Geschlechts.

Möseale Abstraktion. Dass in einem Film über die sexuelle Entwicklung einer Frau nur ein einziges Bild ihres Sexualorgans zu sehen ist, bleibt jedoch unabhängig von den Gründen dieser Auslassung bemerkenswert bis absurd, insbesondere in Hinblick auf das Kinoplakat von „Nymphomaniac I“. Dieses wirbt mit der mösealen Form des Buchstaben „O“, während der Film dem Phallus klar Priorität einräumt. Auch wenn das männliche Glied hier ohne Frage als Objekt der Begierde eine gerechtfertigte Sichtbarmachung erfährt, gibt es keinen Grund, der Vagina diese Bühne vorzuenthalten. Michael Fassbenders Penis beispielsweise hat durch den thematisch ähnlich gelagerten, aber maskulin zentrierten Film „Shame“ geradezu Berühmtheit erlangt. Warum also nicht mehr solcher Szenen, die uns die Lust der Nymphomanin ganz plastisch durch die Abbildung ihres Geschlechts vor Augen führen? Absurderweise ist es ausgerechnet „Nymphomaniac II“, in dem es unter anderem um den Verlust der Libido geht, der vor der Darstellung der Vagina weit weniger zurückschreckt als der erste Teil des Films.
So drängt sich abschließend die Frage auf, wie „Nymphomaniac I“ die sexuelle Entwicklung einer Frau betrachten kann, wenn er das Organ ihrer Lust visuell negiert? Die Antwort ist ganz einfach: Er kann es nicht. Und vielleicht will er es auch gar nicht. In „Nymphomaniac I“, der einer Trilogie namens „Depression“ angehört, geht es um vieles – Sucht, Trauma, Schuld – jedoch nicht um die Sexualität einer Frau. Das Selbstmarketing der vergangenen Monate hat viele erfolgreich davon abgelenkt, dass dieser Film eigentlich einen ganz anderen Skandal birgt als die kleine Handvoll expliziter Sexszenen. Und der besteht darin, dass ein Film über eine weibliche Nymphomanin nicht in der Lage ist, dem sexuellen Lustempfinden seiner Heldin visuell Ausdruck zu verleihen.

Sophie Charlotte Rieger ist freie Journalistin und Filmkritikerin sowie Chefredakteurin des Blogs filmosophie.com. Ihr besonderes Interesse gilt der Darstellung von Geschlecht und Sexualität im zeitgenössischen Film sowie der feministischen Filmkritik.

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Fehlende Frauen https://ansch.4lima.de/fehlende-frauen/ https://ansch.4lima.de/fehlende-frauen/#respond Fri, 28 Mar 2014 14:48:40 +0000 https://anschlaege.at/?p=4876 Geschlechtsspezifische Abtreibungen finden weltweit statt. Von LAURA RAHM]]>

Geschlechtsspezifische Abtreibungen haben sich nicht nur im asiatischen, sondern auch im europäischen Raum zu einem gravierenden Problem entwickelt. Von LAURA RAHM

Bei ungewollter Schwangerschaft Zugang zu einem legalen und sicheren Schwangerschaftsabbruch zu haben, ist ein global hart umkämpftes Frauenrecht. Abseits der Konfliktlinien zwischen Pro-Choice- und Pro-Life-VertreterInnen ist seit den 1980er-Jahren ein neues Phänomen aufgetreten: geschlechtsspezifische Abtreibungen. Denn der kulturell verankerte Wunsch nach Söhnen führt dazu, dass in weiten Teilen Asiens, dem Südkaukasus und vereinzelt in Südosteuropa gezielt weibliche Föten abgetrieben werden. Das Ungleichgewicht wird bei den Geburten deutlich. Während das biologische Geschlechterverhältnis bei der Geburt gewöhnlich etwa 105 männliche Säuglinge zu hundert weiblichen beträgt, werden in China, Indien, Vietnam, Armenien, Aserbaidschan und Georgien (um nur einige der betroffenen Länder zu nennen) zwischen 110 und 117 Männer pro hundert Frauen geboren. Insgesamt hat sich dadurch das weltweite Geschlechterverhältnis bei der Geburt auf 108 zu 100 erhöht. Laut internationalen Schätzungen „fehlen“ heute aufgrund von Geschlechterselektion zwischen 117 und 160 Millionen Frauen – allein in Asien. Das entspricht etwa der Anzahl der weiblichen Bevölkerung im Euroraum. Jüngste Studien belegen, dass MigrantInnen asiatischer Herkunft diese Praxis in Ländern wie Italien, Griechenland, England, Kanada oder den USA mitunter fortsetzen.
Für diese mädchendiskriminierende Praxis sind vor allem drei Faktoren ausschlaggebend: Sohnpräferenz, sinkende Geburtenraten und der Zugang zu Reproduktionstechnologien.

Summer Of Trust / Summer Of Choice im US-amerikanischen Germantown/Maryland 2011 worldcantwait / flickr
Summer Of Trust / Summer Of Choice im US-amerikanischen Germantown/Maryland 2011
Foto: worldcantwait / flickr

Stammhalter. Sohnpräferenz herrscht vor allem in patriarchalen, patrilinearen und patrilokalen Gesellschaften vor, wo Söhne aufgrund familiärer Pflichten und Privilegien bevorzugt werden: Der Familienname und das Erbe werden traditionsgemäß von Vater zu Sohn weitergegeben; von Jungen wird erwartet, die Familie wirtschaftlich zu unterstützen und Sicherheit im Alter zu gewährleisten. Mädchen werden als weniger „rentabel“ erachtet (wegen etwaiger Mitgiftzahlungen oder dem Verlassen der Familie nach der Eheschließung). Daher lastet ein großer Druck auf Frauen, mindestens einen männlichen Stammhalter zu gebären.Sinkende Geburtenraten haben geschlechtsspezifische Abtreibungen noch verstärkt. Statistisch gesehen ist ab der sechsten Geburt mindestens ein Sohn garantiert. Die sogenannte stopping rule ist eine weit verbreitete Methode, nach der Paare so lange Nachwuchs zeugen, bis das Letztgeborene dem gewünschten Geschlecht entspricht. Während in China und Indien Anfang der 1970er-Jahre durchschnittlich noch über fünf Kinder pro Frau geboren wurden, hat sich dort die durchschnittliche Geburtenrate bis 2010 mehr als halbiert. Der Wunsch nach kleineren Familien, gepaart mit einer Sohnpräferenz, führt dazu, dass Eltern sich bei steigenden Geburtenfolgen für pränatale Geschlechterselektion entscheiden: Während das erste Kind noch ein Mädchen sein darf, muss bei der zweiten oder spätestens dritten Geburt ein Sohn folgen.

Technologien. Schließlich ermöglichen es Ultraschall-Untersuchungen, ab der 12. Schwangerschaftswoche das Geschlecht des Fötus zu bestimmen. Mit rasantem technologischem Fortschritt werden medizinische Methoden vielfältiger und erschwinglicher; so kann heute bereits durch einen einfachen Bluttest ab der siebten Schwangerschaftswoche das Geschlecht des Fötus bestimmt werden. Ungewünschte (weibliche) Föten können dann entweder medikamentös oder durch einen operativen Eingriff (Absaugmethode oder Ausschabung) abgetrieben werden. Geschlechtsspezifische Abtreibung ist nur eine mögliche Form, wie Eltern das Geschlecht der eigenen Nachkommen bestimmen. Generell wird in der wissenschaftlichen Literatur zwischen drei Formen der Geschlechterselektion unterschieden: Präkonzeption (selektive Befruchtung mit X- oder Y-Spermien), Präimplantation (selektive Übertragung männlicher oder weiblicher Embryonen) und pränatal (geschlechtsspezifische Abtreibung), wobei Letzteres aufgrund von flächendeckendem Ultraschall-Zugang die am häufigsten angewandte Methode darstellt. In verarmten Regionen mit geringem Zugang zu modernen Reproduktionstechnologien ist auch geschlechtsspezifische postnatale Kindstötung oder Vernachlässigung verbreitet. Es ist wahrscheinlich, dass sich das Phänomen fehlender Frauen noch verstärken wird, sofern sich soziokulturelle Normen in den betroffenen Regionen nicht verändern.

Kontrolle. Diese Entwicklung hat Auswirkungen auf die Abtreibungsdebatte. Denn offenkundig handelt es sich hierbei nicht mehr allein um einen Grundkonflikt zwischen dem Selbstbestimmungsrecht der Frau und dem Lebensrecht des Fötus. Vielmehr liegt es im öffentlichen Interesse, soziodemografischen Fehlentwicklungen (wie der Überrepräsentation eines Geschlechts) vorzubeugen. AbtreibungsgegnerInnen erhalten somit weitere Argumente, die staatliche Eingriffe zum Schutz des Gemeinwohls legitimieren.
Zahlreiche Regierungen haben daher gesetzliche Maßnahmen zur Bekämpfung pränataler Geschlechterselektion ergriffen, und immer mehr Länder stehen – nicht zuletzt durch internationale Rahmenabkommen – unter Druck, neue Maßnahmen einzuleiten bzw. existierende zu verschärfen. Dazu zählt zum einen die gesetzliche Kontrolle des Angebots, wie die Regulierung von Reproduktionstechnologien und das Verbot vorgeburtlicher Geschlechterbestimmung und geschlechtsspezifischer Abtreibungen aus nicht-medizinischen Gründen. Geschlechterselektion aus medizinischen Gründen, etwa um die geschlechtsspezifische Vererbung von Krankheiten an die nächste Generation zu verhindern, ist in den meisten Ländern hingegen legal.
Eine weniger an Restriktionen orientierte Politik setzt stattdessen auf die Stärkung der Frauenrechte und Gleichstellung der Geschlechter, bietet monetäre Anreize für Eltern von Mädchen oder zielt durch mediale Aufklärungskampagnen darauf ab, traditionelle Rollenbilder zu hinterfragen und die Wertschätzung für Mädchen zu steigern.
Es bleibt jedoch fraglich, inwieweit die genannten Maßnahmen geeignet sind, das Geschlechterverhältnis wiederherzustellen. Als einziges „Erfolgsbeispiel“ ist Südkorea bekannt. Dem Land gelang es, das Geschlechterverhältnis bei der Geburt von 114 Männern zu hundert Frauen Anfang der 1990er-Jahre auf 107 zu hundert im Jahr 2010 zu reduzieren. ÄrztInnen, die das Geschlecht des Fötus mitteilten oder geschlechtsspezifische Abtreibungen durchführten, mussten mit hohen Geldstrafen oder Lizenzentzug rechnen. Eine Reihe von Gleichstellungs- und Antidiskriminierungsgesetzen wurden erlassen und eine rigorose Implementierung und Überwachung sichergestellt. Zugleich wird die größere Ausgeglichenheit im Geschlechterverhältnis mit dem enormen Wirtschaftswachstum und der Urbanisierung des Landes in Verbindung gebracht. Diese Folgerung irritiert, da zahlreiche Statistiken belegen, dass Geschlechterselektion überwiegend in urbanen und wohlhabenden Familien praktiziert wird.

Grenzverwischung. Verschiedene europäische Institutionen haben angesichts dieser Entwicklung Stellung bezogen. 2010/11 wurde die Problematik erstmals im Europarat unter Federführung der ehemaligen Schweizer Abgeordneten Doris Stump behandelt. Die daraus entstandene Resolution verpflichtet die Partnerländer des Europarats (darunter Armenien, Georgien und Aserbaidschan) dazu, Rahmenbedingungen zur Bekämpfung pränataler Geschlechterdiskriminierung zu etablieren. Im Oktober 2013 stimmte das Europaparlament dem Beschluss „Genderzid: die fehlenden Frauen?“ zu. „Genderzid“ wird dort als „systematischer und vorsätzlicher Massenmord an Menschen aufgrund ihres Geschlechts“ definiert. Der verwendete Terminus ist jedoch höchst problematisch, da die Grenzen zwischen pränataler und postnataler Selektion verwischen, wenn Abtreibungen als „Massenmord“ deklariert und „Kindstötungen“ mit „Gewalt durch Geschlechtsselektion“ gleichgesetzt werden. Und erneut besteht die Gefahr, das Recht von Frauen auf sichere und legale Abtreibungen zu unterminieren. Parallel dazu scheiterte der Vorstoß des Frauenausschusses, der im EU-Parlament mit dem „Bericht über sexuelle und reproduktive Gesundheit und die damit verbundenen Rechte“ für eine europaweite Legalisierung der Abtreibung warb und sich differenziert mit der Thematik Geschlechterselektion auseinandersetzte.
Wie ist die Ablehnung dieser Vorlage zu deuten? Die konservativen Strömungen im EU-Parlament nehmen einen nicht unerheblichen Einfluss auf die Abtreibungsdebatte. Kurz vor der anstehenden Europawahl ist es also wichtiger denn je, genau hinzuhören, die Positionen der RepräsentantInnen zu hinterfragen, vom eigenen Stimmrecht kritisch Gebrauch zu machen. Denn zwischen dem unbedingt zu verteidigenden Recht auf Abtreibung und der Instrumentalisierung von Reproduktionstechnologien zum Erhalt patriarchaler Familien- und Gesellschaftsstrukturen muss sorgfältig unterschieden werden.

Laura Rahm ist Diplom-Kulturwirtin und Doktorandin am Pariser Institut für Bevölkerung und Entwicklung (CEPED/ Université Paris Descartes). Ihre Arbeitsschwerpunkte sind Politik, Gender und Entwicklung. Sie beschäftigt sich seit 2006 mit dem Recht auf Abtreibung im internationalen Kontext.

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Rezeptfreie Hilfe https://ansch.4lima.de/rezeptfreie-hilfe/ https://ansch.4lima.de/rezeptfreie-hilfe/#comments Fri, 28 Mar 2014 14:36:25 +0000 https://anschlaege.at/?p=4872 Interview: Die Gründerin von Women on Waves hilft auf See und zu Land. Von LEONIE KAPFER]]>

Die Organisationen Women on Waves und Women on Web bieten auch Frauen in Ländern mit restriktiven Abtreibungsgesetzen Zugang zu sicheren Abtreibungen. LEONIE KAPFER hat die Gründerin REBECCA GOMPERTS befragt.

an.schläge: Wie arbeiten Women on Web? 

Rebecca Gomperts: Die Women on Web verstehen sich als eine Vernetzungs- und Informationsplattform. Wir bringen die hilfesuchenden Frauen mit ÄrztInnen und lokalen Frauenorganisationen in Kontakt und geben den Frauen die notwendigen Informationen weiter. Sie erhalten so Zugang zu den Abtreibungspillen Mifepristone oder Misoprostol. Vor allem das Medikament Misoprostol, das auch bei Magen-Darmerkrankungen eingesetzt werden kann, ist in einigen Ländern, wie zum Beispiel Marokko, rezeptfrei in den Apotheken verfügbar. Die Frauen können die Tabletten kaufen und durch die Einnahme einen Abgang einleiten. Sie brauchen dazu keine medizinische Hilfe, nur Informationen über die Einnahmedosen, Nebenwirkungen und das richtige Verhalten bei Komplikationen.
Auf unsere Homepage findet sich hierzu ein Fragebogen, den die Frauen zu Beginn ausfüllen sollen. Wir müssen vor allem über das Stadium der Schwangerschaft Bescheid wissen, denn medikamentöse Abbrüche sind nur bis zur neunten Schwangerschaftswoche sicher. Die Frauen werden dabei von unseren MitarbeiterInnen betreut. Natürlich sowohl vor als auch nach dem Abbruch.

Neben den Women on Web haben Sie auch die Women on Waves gegründet. Was unterscheidet denn die beiden Organisationen und was hat Sie dazu bewogen, sich für reproduktive Rechte einzusetzen?

Die Women-on-Waves-Kampagne habe ich 1999 gegründet, wir wollten uns den Umstand zunutze machen, dass auf Schiffen in internationalen Gewässern die Rechte des Herkunftslandes gelten, in unserem Fall die der Niederlande. So konnten wir in Länder reisen, in denen Abtreibungen illegal sind, dort Frauen vom Hafen abholen und die Abtreibung mittels Abtreibungspille durchführen. Mit dem positiven Nebeneffekt, dass durch die mediale Kontroverse, die diese Aktionen ausgelöst haben, das bislang totgeschwiegene Problem sichtbar gemacht wurde. Denn obwohl Abtreibungen zu den am häufigsten ausgeführten medizinischen Eingriffen gehören, sind sie extrem tabuisiert. Für die betroffenen Frauen ist das fatal. Etwa die Hälfte aller Abtreibungen werden illegal durchgeführt, ca. zwanzig Millionen sind es jährlich, und eine von vierhundert endet tödlich. Das ist aber nicht nur ein riesiges Gesundheitsproblem, sondern auch ein soziales. Immerhin sind es vor allem ökonomisch benachteiligte Frauen, die unter den Folgen rigider Gesetzgebungen leiden. Sie können nicht ins Ausland reisen, um dort legale Abtreibungen durchführen zu lassen, oder einen teuren Arzt in der Nähe bezahlen. Sie verfügen auch meist über weniger Informationen über reproduktive Gesundheit. Illegale Abbrüche manifestieren so soziale Ungleichheiten und verstärken die Benachteiligungen noch weiter, mit denen die Frauen leben müssen.

Wie viele Frauen suchen jährlich Kontakt über Ihre Website?

Die Women on Web beantworten jährlich etwa 100.000 E-Mails, allerdings kommen auf eine Frau oft mehrere E-Mails, ich schätze es sind ca. 70.000 Personen. Interessant dabei ist, dass uns die Anfragen wirklich von überall her erreichen, selbst von den kleinsten Inseln, deren Namen ich davor noch nie gehört hatte.

Das klingt nach viel Arbeit, wie genau organisiert sich eine so internationale Plattform?

Früher nur durch Freiwillige, jetzt können wir allen MitarbeiterInnen zumindest eine Aufwandsentschädigung zukommen lassen. Wichtig bei der Organisation ist natürlich, dass sich Frauen aus vielen verschiedenen Ländern engagieren und wir zumindest die wichtigsten Sprachen abdecken.

Frauendemonstration 1984 in Wien STICHWORT. Archiv der Frauen- und Lesbenbewegung / Foto: Burgi Hirsch
Frauendemonstration 1984 in Wien
STICHWORT. Archiv der Frauen- und Lesbenbewegung / Foto: Burgi Hirsch

Mit welchen Schwierigkeiten sehen Sie sich in Ihrer täglichen Arbeit konfrontiert?

Ein großes Problem bereitet uns manchmal der Zoll. Es kann schon vorkommen, dass er Pakete stoppt, in denen sich die Abtreibungspillen befinden. Das ist besonders schlimm, denn in manchen Regionen ist der Postweg die einzige Möglichkeit für Frauen, an die Medikamente zu kommen. Ihnen wird so die einzige Möglichkeit einer sicheren Abtreibung genommen. Ein anderes Problem ist natürlich, dass viele Frauen nichts von unserer Plattform wissen. Die Informationsverbreitung ist extrem schwierig, obwohl wir mit lokalen Frauenorganisationen zusammenarbeiten. Die Plattform zu bewerben ist generell schwierig, zumal Google in einigen Ländern Werbung für Abtreibungen sperrt. Wir sind also viel auf Mundpropaganda angewiesen.
Sehr besorgniserregend ist auch die Tatsache, dass es viele Websites mit Falschinformationen gibt. Diese geben vor, den Frauen zu helfen, senden dann aber falsche oder gar keine Medikamente. Die Frauen sind ja oft in sehr verzweifelten Situationen und viele Menschen versuchen, damit Geld zu verdienen.

Aber auch die medikamentöse Abtreibung ist ein Eingriff, welche Erfahrungen gibt es mit den Abtreibunsgpillen? 

Den medikamentösen Abbruch muss man sich wie eine Fehlgeburt vorstellen, und immerhin enden zwanzig Prozent aller Schwangerschaften in einem spontanen Abort. Die betroffenen Frauen brauchen aus medizinischer Sicht kaum Nachsorge, da der Vorgang meist völlig komplikationsfrei verläuft. Medizinische Betreuung ist also nicht notwendig, was aber gegeben sein muss und worauf die Women on Web auch großen Wert legen ist, dass die Frauen wissen, wo sie im Fall von Komplikationen Hilfe finden können. Denn natürlich stellt jeder Eingriff ein Risiko dar, auch eine Fehlgeburt kann medizinischer Nachsorge bedürfen. Was es jedoch zu bedenken gilt: Eine Geburt stellt für eine Frau statistisch gesehen ein weitaus höheres Gesundheitsrisiko dar als eine Abtreibung.

Wurden Sie bereits strafrechtlich verfolgt?

Auch die medikamentöse Abtreibung ist schließlich häufig illegal.
In Ländern, in denen Abtreibung verboten ist, brechen die Frauen natürlich ein Gesetz und in vielen Ländern wie Chile, Peru oder Brasilien werden sie für Abbrüche auch tatsächlich verurteilt. Eine Frau, die selbst einen medikamentösen Abbruch eingeleitet hat und danach medizinische Hilfe benötigt, kann aber kaum strafrechtlich verfolgt werden, da sich der eingeleitete Abgang ja nicht von einer Fehlgeburt unterscheidet. Das Medikament ist auch nicht nachweisbar. Das ist auch der große Vorteil dieser Abtreibungsmethode, da es häufig das Krankenhauspersonal ist, das die Frauen anzeigt. Die Frauen können bei Komplikationen ein Krankenhaus aufsuchen, ohne Sanktionen fürchten zu müssen.

Wird sich Ihrer Meinung nach an den strengen Abtreibungsgesetzen demnächst etwas ändern? Braucht es die Women on Web vielleicht bald nicht mehr?  

Ich hoffe es! Aber es ist natürlich nicht sehr wahrscheinlich. Und selbst wenn die Länder ihre Gesetze ändern würden, hieße das noch lange nicht, dass die Frauen dann einen sicheren Zugang zu Abtreibungen hätten. In den USA lässt sich das beobachten, dort ist ein Abbruch zwar legal, aber in manchen Bundesstaaten wie Texas nicht mehr möglich, da dort keine Kliniken und auch keine sonstigen AnbieterInnen existieren. Das Problem kann also nicht allein durch Legalisierung gelöst werden. Abtreibungen sind immer noch ein Tabu und daran wird sich, denke ich, leider so schnell nichts ändern. Deshalb finde ich die Möglichkeit eines medikamentösen Abbruchs auch so wichtig, denn dadurch werden die Frauen unabhängig, sie sind nicht mehr auf Kliniken oder ÄrztInnen angewiesen, sondern können den Eingriff allein durchführen.

Rebecca Gomperts führte als Ärztin nach Abschluss ihres Medizinstudiums Abtreibungen durch und arbeitete einige Jahre als Ärztin und Umweltaktivistin auf dem Greenpeace Schiff Rainbow Warrior. Konfrontiert mit dem Leid zahlloser Frauen, die keinen Zugang zu reproduktiver Gesundheit haben, gründete sie die Women on Waves, später auch die Women on Web.

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an.sage: Die Zeitung für LeserInnen https://ansch.4lima.de/an-sage-die-zeitung-fuer-leserinnen/ https://ansch.4lima.de/an-sage-die-zeitung-fuer-leserinnen/#comments Wed, 26 Mar 2014 15:18:53 +0000 https://anschlaege.at/?p=4854 Ein Kommentar von LEA SUSEMICHEL

Die Tageszeitung „Der Standard“ plant aufgrund der „aktuellen Branchenkrise“ Sparmaßnahmen und will die Personalkosten um zehn Prozent reduzieren. Von etwa dreißig Kündigungen ist die Rede. Wie aus „Standard“-Kreisen bekannt wurde, steht deshalb auch die feministische Online-Zeitung „dieStandard.at“ vor dem Aus. Bereits in der jüngeren Vergangenheit war deren Redaktion von Einsparungen betroffen und wurde kontinuierlich verkleinert, wie sich auch dem zuletzt beständig schrumpfenden Impressum entnehmen ließ. In den kommenden Monaten soll sie nun offenbar vollständig aufgelöst werden, was offiziell jedoch nicht bestätigt wurde.
Am 8. März 2000 gegründet hat das Online-Medium in den vergangenen vierzehn Jahren in vielerlei Hinsicht Einzigartiges geleistet. „dieStandard.at“ hat feministisch relevante Nachrichten gebündelt sowie gesellschaftliche Entwicklungen und politische Ereignisse kritisch kommentiert. Es wurden eigene Themen lanciert, Geschichten recherchiert und dies alles einer für ein feministisches Medium exzeptionell großen Anzahl an LeserInnen niederschwellig zugänglich gemacht. Ein vergleichbares Format, sprich ein Portal mit klar feministischem Profil, das von einer etablierten Tageszeitung getragen und herausgegeben wird, gibt es weit und breit nicht.
Gerüchteweise sollen die Pläne vorsehen, dieStandard.at weiterhin online zu lassen. Doch dies darf nicht darüber hinwegtäuschen, welch einschneidenden und zutiefst bedauernswerten Verlust dieser Schritt für die feministische Medienlandschaft bedeuten würde. Denn ohne Redaktion kann die Seite schwerlich weiterhin das tagesaktuelle Medium sein, das mit seiner großen Bandbreite an eigenen Inhalten eine zentrale und unersetzliche Informationsquelle für frauenpolitische Themen im deutschsprachigen Raum ist. Auch auf an.schläge-Anfrage hieß es aus der Chefredaktion lediglich: „dieStandard.at wird es weiterhin geben.“
Dieser Scheinerhalt wäre besonders ärgerlich: Mit der Marke „dieStandard.at“ sichert man sich ein Alleinstellungsmerkmal, das gut zur werbewirksamen Attitüde des unbequemen Kritikers passt, die sich die Tageszeitung „Der Standard“ bekanntlich gerne gibt. Redaktionelle Ressourcen darf das in Zukunft aber eben keine mehr kosten.
Diese Ressourcen braucht es jedoch unbedingt. Denn frauenpolitische Inhalte kommen in Österreichs Medien sonst kaum vor. Nur punktuell werden dort Meldungen und Zahlen zu Themenklassikern wie etwa der Gehaltsschere oder zu Gewalt gegen Frauen gebracht. Engagierte Analysen und Aufarbeitungen solcher Nachrichten hingegen oder gar generell eine geschlechtssensible Betrachtung gibt es in aller Regel nicht. Diese Aufgaben erfüllen nach wie vor einzig feministische Medien. Ihnen alleine obliegt es, sich für eine Steigerung des Nachrichtenwerts „weicher Frauenthemen“ stark zu machen und somit das Spektrum dessen, was als relevante Meldung gilt und was nicht, stetig zu erweitern und zu verschieben; sie begegnen sexistischen Bildern und boulevardesker Berichterstattung mit ambitionierten und in den vergangenen Jahrzehnten beständig professioneller werdenden Alternativen; sie kritisieren die eklatante Schieflage bei der Machtverteilung in den Redaktionen und kompensieren sie – im ganz Kleinen freilich nur – zugleich; sie bieten ein Forum für innerfeministische Debatten ebenso wie sie Quelle zahlloser Berichte über Missstände und Diskriminierungen sind, die sich sonst tatsächlich nirgendwo finden.
Die ungebrochene Notwendigkeit all dessen zeigt nicht nur der bis zuletzt  anhaltende antifeministische Ansturm im LeserInnen-Forum von „dieStandard.at“ deutlich. Dort bieten bereits vermeintlich längst mehrheitsfähige Forderungen wie z.B. die nach dem Ausbau von Kinderbetreuungseinrichtungen oder nach mehr Lohngerechtigkeit ausreichend Anlass für untergriffige Attacken ganzer Horden höchst umtriebiger User.
Auch die Bilanz gleichstellungspolitischer Bemühungen und der allgemeine Status Quo in Sachen Gleichberechtigung hierzulande fällt auf ziemlich allen Ebenen weiterhin so dürftig aus, dass eine feministisch motivierte mediale Kontrolle der Politik gar nicht hoch genug geschätzt werden kann. dieStandard.at erfüllt diese Funktion in beispielloser Weise. Es ist also keine reine Budget-Entscheidung, wenn sich „Der Standard“ das künftig nichts mehr kosten lassen will. Mit diesem Schritt wird vor allem auch über die künftige Blattlinie entschieden. In medienstrategisch  und medienpolitisch so beklagenswerter wie kläglicher Weise.

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