April 2012 – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de Wed, 11 Apr 2012 07:50:22 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.0 https://ansch.4lima.de/wp-content/uploads/2024/10/cropped-favicon-32x32.png April 2012 – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de 32 32 David Healy, Roseanne. https://ansch.4lima.de/david-healy-roseanne/ https://ansch.4lima.de/david-healy-roseanne/#respond Wed, 11 Apr 2012 07:50:22 +0000 https://anschlaege.at/?p=2863 davidhealy_maenner_april_2012
Illustration: Lina Walde

Der schüchterne Softie von nebenan, im Slacker-Look und mit langen Haaren, steht auf Kunst und Comics. Kriegt den Job als: Boyfriend von Roseannes Tochter Darlene. Er ermuntert sie, sich auf der Kunsthochschule zu bewerben, wird aber selbst nicht angenommen. Das Happy End nach zwischenzeitlicher Trennung: Darlene macht David einen Heiratsantrag.

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Dale Cooper, Twin Peaks. https://ansch.4lima.de/dale-cooper-twin-peaks/ https://ansch.4lima.de/dale-cooper-twin-peaks/#respond Wed, 11 Apr 2012 07:48:16 +0000 https://anschlaege.at/?p=2859 dalecooper_maenner_april_2012
Illustration: Lina Walde

Sleeker, softer FBI-Agent mit einer Schwäche für Kirschkuchen und guten, heißen Kaffee („Nothing like a great cup of black coffee“). Gibt Wohlfühl- und Wellness-Tipps („Every day, once a day, give yourself a present“), ist einfühlsam, macht Yoga und kann gut zuhören. Daumen hoch!

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Millhouse van Houten, The Simpsons. https://ansch.4lima.de/millhouse-van-houten-the-simpsons/ https://ansch.4lima.de/millhouse-van-houten-the-simpsons/#respond Wed, 11 Apr 2012 07:43:56 +0000 https://anschlaege.at/?p=2854 millhouse_maenner_april_2012
Illustration: Lina Walde

Blauhaariger Junge mit dicker Brille und einer unerwiderten Leidenschaft für Lisa Simpson. Gehört weder zu den Strebern noch zu den Coolen und wird deshalb von allen gleichermaßen schikaniert. Kann kochen, Italienisch und über seine Gefühle sprechen.

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Albert „Al“ Borland, Hör mal, wer da hämmert. https://ansch.4lima.de/albert-al-borland-hor-mal-wer-da-hammert/ https://ansch.4lima.de/albert-al-borland-hor-mal-wer-da-hammert/#respond Wed, 11 Apr 2012 07:42:20 +0000 https://anschlaege.at/?p=2850 alborland_maenner_april_2012
Illustration: Lina Walde

Assistent des selbst ernannten Heimwerker-Kings Tim Taylor in dessen TV-Show „Tool Time“, leidenschaftlicher Flanellhemden-Träger und bester Freund der eigenen Mutter. Eine Bombenfigur von Teddybär und treue Seele, mit dem ausgeprägten Bedürfnis, der Umwelt seine Gefühle zu offenbaren. Lieblingssatz an seinen Macho-Chef: „Das glaube ich nicht, Tim.“

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an.sprüche: Ich sehe was, was du nicht siehst … https://ansch.4lima.de/an-spruche-ich-sehe-was-was-du-nicht-siehst/ https://ansch.4lima.de/an-spruche-ich-sehe-was-was-du-nicht-siehst/#comments Tue, 10 Apr 2012 09:30:23 +0000 https://anschlaege.at/?p=2814 dove_ansprueche_april_2012Dove feiert die „echte“ Schönheit der unperfekten Durchschnittsfrau. Was ist davon zu halten? Von ALEXANDRA SCHMIDT und MELANIE LETSCHNIG]]> dove_ansprueche_april_2012

Auch mit seiner neuesten Kampagne feiert das Kosmetikunternehmen Dove die „echte“ Schönheit der unperfekten Durchschnittsfrau. Was ist davon zu halten? ALEXANDRA SCHMIDT und MELANIE LETSCHNIG diskutieren.

 

Alexandrea Schmidt: Dove wirbt neuerdings mit „realistischen“ Frauenbildern – ganz „normale“ Frauen sollen ihre Schönheit entdecken und zu ihren Körpern stehen. Ziel der Kampagne ist es, Frauen dabei zu unterstützen, selbstbewusster mit dem eigenen Äußeren umzugehen und ein gesundes Schönheitsbewusstsein zu entwickeln. Der Hintergrund: Nur ein Prozent aller Frauen würde sich selbst als „schön“ beschreiben, so das Ergebnis einer eigens weltweit durchgeführten Dove-Studie, immerhin auch mit 500 Frauen aus Österreich.

Die Bilder der Kampagne heben sich wohltuend von den gewohnten Abbildungen von Frauen in der Werbung ab. Die Frauen sind zum Teil mit ihren Freundinnen zu sehen, sie sind fröhlich, in aktiven Posen und ohne unnötige Freizügigkeit dargestellt. Sie vermitteln einen selbstbewussten und selbstbestimmten Eindruck. Sicherlich sind auch diese Bilder nachbearbeitet – aber was zählt, ist ein dargestelltes Frauenbild abseits von Sexismus und Diskriminierung. Hier ist ein Bewusstsein für den sensiblen Umgang mit Bildern erkennbar.

Wir von der Salzburger Watchgroup gegen sexistische Werbung begrüßen das. Denn die Werbelandschaft ist nach wie vor voll von frauenverachtenden Darstellungen, von Diskriminierung und einem unrealistischen Schönheitsideal. Natürlich will Dove auch etwas verkaufen und signalisiert den potenziellen Kundinnen: „Macht euch schön!“ Doch die Botschaft ist hier nicht „schön für einen Mann“, sondern Pflege, um sich in der eigenen Haut wohlzufühlen und das eigene Äußere anzunehmen. Ein positives Beispiel für uns – leider unter vielen negativen, mit denen wir uns immer wieder beschäftigen müssen.

Alexandra Schmidt ist Projektkoordinatorin des Frauenbüros der Stadt Salzburg und beteiligt sich aktiv bei der Salzburger Watchgroup gegen sexistische Werbung: www.watchgroup-salzburg.at.

 

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Illustration: Bianca Tschaikner

Melanie Letschnig: Bereits Jahre vor „Brigitte“ hat Dove die echte Frau als Testimonial für sich entdeckt. Im Gegensatz zum professionellen Model darf die echte Frau trotz beachtlicher Retuschierleistung den einen oder anderen, von der Kosmetikindustrie als solchen identifizierten Makel behalten. Die Produktlinie von Dove für Frauen eines gewissen Alters heißt nicht „Anti“, sondern „Pro Age“, deswegen zeigen die (nackten) Frauen auf den Plakaten und in den Fernsehspots auch Mut zur Falte. Ebenso findet sich an den jüngeren Werbeträgerinnen mit Bindegewebsschwäche die eine oder andere Delle an Bauch und Oberschenkel – logischerweise, denn irgendwo muss die Lotion ja einschreiten.

Das Motto der aktuellen Werbekampagne von Dove lautet: „Ich sehe was, was du nicht siehst – und das ist schön.“ Sie ist Teil von Doves „Initiative für wahre Schönheit“, einem mehrformatigen Programm, das durch Workshops an Schulen, Selbsttests im Internet, Arbeitshefte etc. vor allem Mädchen und jungen Frauen helfen soll, „ihre Definition von Schönheit zu erweitern“ (so zu lesen auf der Webseite von Dove). Der dazugehörige TV-Werbespot fußt auf einer von Dove durchgeführten Studie, laut der sich nur zwei Prozent der deutschen Frauen als schön bezeichnen. Dieses Ergebnis verillustriert die Fernsehwerbung. Zu sehen sind – jeweils in Zweierkonstellation und auf der Straße abgepasst – Mutter und Tochter, Schwestern, Freundinnen unterschiedlicher Altersstufen, von denen zunächst eine befragt wird, was sie an sich selbst schön finde. Dazu fällt den Interviewten nichts ein, auf die Frage allerdings, was sie an ihrer Schwester/Freundin/Tochter denn schön fänden, sprudeln die Komplimente für Bauch, Beine, Po und Gesicht nur so raus aus den 98 Prozent. Die Produkte, die es von Dove zu kaufen gibt, kommen im Spot nicht vor. Müssen sie auch nicht, denn das Produkt bin ich, die echte Frau. Ich bin der Posten, den sich Dove mit Facebook als Kapitalakkumulator teilen möchte. Das ist, was mir der Spot von Dove bewusst macht, nicht meine eigene Schönheit. Danke dafür, Dove!

Melanie Letschnig liebt alle Cremes dieser Welt, wenn sie nicht an Tieren getestet wurden, kein Palmöl enthalten und nicht in perfide an ihrer Emotionalität rüttelnden Monsterwerbekampagnen beworben werden.

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lesbennest: I spy with my little eye … https://ansch.4lima.de/lesbennest-i-spy-with-my-little-eye/ https://ansch.4lima.de/lesbennest-i-spy-with-my-little-eye/#respond Tue, 10 Apr 2012 09:19:34 +0000 https://anschlaege.at/?p=2809 LesbennestWhen I’m writing this I’m on a well deserved vacation in northern Italy. Von DENICE]]> Lesbennest

the fabulous life of a queer femme in action

When I’m writing this I’m on a well deserved vacation in northern Italy. My choice of where to go when I finally have time off from work is usually very functional. A five week trip through south east Asia is simply not gonna happen. Something I talk about, yes. Something I would actually plan, pay for and do; nope. I go to California because things have to be done there, Chicago or Barcelona to see friends and this time to Meran to see a friend’s parents and where she grew up. Every bloody year I tell people that I will go on a last minute trip to a Mediterranean island by myself to just relax and write. Never happens. Said it last time yesterday and already I know; fat chance.
One specific thing that has been topping my list of “ but this year I will REALLY go there!” is a good ol’ lesbian holiday. I even made a drunk promise last week to go and perform at Femö this summer … Femö = the Danish island where dykes from all over the map gather in the summer to join each other in ancient sacred sapphic rituals such as workshops, collective cooking and being naked on the beach. And for fuck’s sake; I still haven’t managed to get my flamboyant ass to Lesbos.
However, dears, your favourite columnist had yet another one of her legendary epiphanies today; EVERY holiday is a queer holiday! Each time I go on a trip I google “gay bars and clubs”. If I’m going anywhere, it SHALL be gay. And although I didn’t find many queer places on the Estonian country side or in Monaco, the intentions were always good.
My solution: tireless queerspotting, like counting cows on a five hour drive to nowhere. At the end of the day my first sentence to sum up my experiences is rarely about the beautiful basilica, but to proudly announce how many queers I saw walking the streets of Firenze. On this trip it already started when we changed trains in Innsbruck and a dyke was eavesdropping on us talking about Rita Mae Brown. I KNEW that she was listening to our conversation, totally lesbian style, while the others said that she was simply a German teacher, alas the dyke-look. But what do they know. They don’t have the same queer travelling experience that I do. And for the record, no. I haven’t learned nothing since my last column.

Kolumne Lesbennest Österreich Deutschland Feminismus
Illustration: Nadine Kappacher

Denice hopes that her precious lesbian mafia crew won’t un-invite her to Femö after having put them in a quite prejudice dyke cliché context. She means it with love.

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neuland: Must have of the season: Sonnenbrille https://ansch.4lima.de/neuland-must-have-of-the-season-sonnenbrille/ https://ansch.4lima.de/neuland-must-have-of-the-season-sonnenbrille/#respond Tue, 10 Apr 2012 09:12:49 +0000 https://anschlaege.at/?p=2802 NeulandIch freue mich über die ersten Sonnenstrahlen. Ganz ehrlich. Von BELINDA KAZEEM]]> Neuland

entdeckungen im alltag

Ich freue mich über die ersten Sonnenstrahlen. Ganz ehrlich. Es ist toll, wieder auf der Parkbank sitzen zu können, ohne Haube, dicken Schal. Alle lachen, sind kontaktfreudig und endlich wieder besser drauf. Tatsache ist jedoch, dass es im Park meiner Wahl so wenige Bänke in der Sonne gibt, dass wir – mein Sohn und ich – sie immer mit anderen Menschen teilen müssen. Und das ist der Punkt, an dem es meist nicht mehr so fein für mich ist. Unbehaglich rutsche ich hin und her, immer in Erwartung einer dummen Ansage. Meist dauert es nicht lange, bis diese, begleitet von einem supersüßen Lächeln, auch kommt: „Sie sprechen so ein schönes Deutsch. Toll.“ Die Oma gestern konnte sich kaum noch halten vor Begeisterung. Beide Daumen hoch gestreckt, schrie sie mir entgegen: „Echt super!“ Darauf mein Sohn: „Was ist das?“ Mit Blick auf die Alte sage ich: „Das wüsste ich auch gerne.“ Mein fragender Blick hat sie leider dazu motiviert, den Satz nochmals zu wiederholen, diesmal mit dem Zusatz: „Sie sprechen so ein schönes Deutsch, es ist eine Freude, Ihnen zuzuhören.“
Wie darauf immer wieder reagieren? Sauer? Wütend? So tun, als hätte ich nichts verstanden? Höflich mit einem „Danke“ auf den Lippen wegdrehen?
Langsam sollte ich wirklich einen Umgang damit finden, schließlich muss ich auch noch meinem Sohn beibringen, wie er in Zukunft solchen Mist parieren kann. Ahhhhhhhh … Ich wollte doch nur in der Sonne sitzen, Kieselsteine werfen, Bagger auf- und abladen. Was soll der Scheiß? Ja, ich lebe schon lange genug in diesem Land, um zu wissen, dass solche Szenen noch zu den harmloseren gehören. Oftmals ist’s ja auch schlimmer: Fragen nach der Heimat – Heimat, what the fuck? –, nach der Rückkehr dorthin, nach dem Kind und seinem Vater, dazwischen ein paar FPÖ-Stammtisch-Ansagen loswerden und so weiter und so fort. Heute habe ich zu einem alten Trick gegriffen: Blickdicht. Schwarz. Verspiegelt. Die gute alte Sonnenbrille. Und weil der Frühling gerade erst begonnen hat und der Sommer noch vor der Türe steht, werde ich mir noch ein paar zulegen, in allen Farben des Regenbogens. Hauptsache blickdicht.

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Illustration: Nadine Kappacher

Belinda Kazeem ist freie Autorin und lebt in Wien.

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Keine Heulsusen https://ansch.4lima.de/keine-heulsusen/ https://ansch.4lima.de/keine-heulsusen/#comments Tue, 10 Apr 2012 09:05:03 +0000 https://anschlaege.at/?p=2798 endometriose_anschlaege_april_2012Die Erkrankung Endometriose ist weit verbreitet, aber weitgehend unbekannt. Von BETTINA ENZENHOFER]]> endometriose_anschlaege_april_2012

Endometriose ist die zweithäufigste Erkrankung bei Frauen im gebärfähigen Alter und trotzdem unter Frauen weitgehend unbekannt. Bis zur Diagnose vergehen oft viele Jahre. Von BETTINA ENZENHOFER

 

Wäre der Befund nicht so erschütternd, könnte man sich über eine derartige Ehrlichkeit fast amüsieren: „Die Endometriose ist eine für Ärzte und betroffene Patientinnen gleichermaßen verwirrende Erkrankung.“ So lautet der erste Satz im Vorwort der aktuellen medizinischen Endometriose-Leitlinie. „Endometriose“ heißt: Endometriumartige Zellen – also Zellen der inneren Gebärmutterschleimhaut – finden sich nicht nur innerhalb der Gebärmutterhöhle, sondern auch an anderen Orten im Körper, etwa an den Eierstöcken, Ei- oder Harnleitern, in Darm, Blase oder Vagina. Diese Zellen werden, genauso wie in der Gebärmutter, von Hormonen gesteuert: Es kommt zyklusbedingt zu Blutungen, doch anders als bei Gebärmutterblutungen (der Menstruation) kann dieses Blut nicht abfließen. Dadurch können wiederum Zysten und Entzündungen entstehen – für Betroffene äußert sich das oft in sehr starken Schmerzen. Vielen Endometriose-Patientinnen ist aber neben diesen Schmerzen vor allem eines gemein: ein jahrelanger Leidensweg mit unzähligen Fehldiagnosen.

Schmerzhafte Normalität. So erging es auch Michelle: Zehn Jahre lang wurde sie im Unterbauch immer wieder von massiven Schmerzen geplagt. Die Ärzte tippten im Laufe der Jahre u.a. auf eine Blinddarmentzündung, einen Leistenbruch, das Reizdarmsyndrom oder eine Fehlstellung der Lendenwirbel. In den folgenden Untersuchungen fanden sie aber nie etwas Diagnosebestätigendes, und dann hieß es: „Ihre Beschwerden sind psychosomatisch. Haben sie schon mal an Psychopharmaka/Antidepressiva gedacht?“ Denn Menstruationsbeschwerden gelten in unserer Gesellschaft – unter Ärzt_innen ebenso wie unter Frauen – auch dann noch als „normal“, wenn sie sehr stark sind. Genau das ist ein fundamentales Problem, wie Rita Hofmeister und Kathrin Steinberger, Obfrauen der Endometriose Vereinigung Austria (EVA), bestätigen: „Viele Frauen denken selber lange Zeit nicht, dass sie krank sein könnten. Sie leben in dem Glauben, eine Menstruation verursache starke Schmerzen – das haben sie auch schon bei ihrer Mutter so erlebt. Wenn sie nun vom Arzt bzw. der Ärztin hören, dass er ihren Schmerzen keinen organischen Befund zuordnen kann, zweifeln sie an ihrer Wahrnehmung. Sie fragen sich, ob sie sich etwas einbilden oder möglicherweise wehleidiger als andere sind.“ Deshalb setzt EVA auf Aufklärung und Information. In der aktuellen Werbekampagne prangen Begriffe wie „Heulsuse“, „Mimose“ oder „frigide“ auf den Stirnen von Frauen, begleitet vom Aufruf, sich nicht von Bekannten diagnostizieren zu lassen – extreme Regelschmerzen können ein Zeichen von Endometriose sein.

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„Lass dich nicht von deinen Bekannten diagnostizieren. Extreme Regelschmerzen können ein Zeichen von Endometriose sein“, betont die Endometriose Vereinigung Austria (EVA) in ihrer aktuellen Plakat-Kampagne.

Michelle stieß zufällig in einer Zeitschrift auf das Krankheitsbild der Endometriose und sprach ihren Arzt darauf an – dieser schickte sie zu Spezialist_innen, die den Verdacht bestätigten. Eine definitive Diagnose steht bei Michelle aber immer noch aus, denn die kann nur mittels Bauchspiegelung (Laparoskopie), bei der Gewebe entnommen und analysiert wird, gestellt werden. Und genau das stellt ein weiteres Problem dar: Es sei, wie die Frauen von EVA erklären, nicht möglich, jede Frau mit Menstruationsschmerzen einer solchen Operation zu unterziehen. Abgesehen davon, dass nicht jede Frau mit starken Schmerzen an Endometriose leidet, äußert sich die Erkrankung nicht bei allen Frauen gleich: Manche haben Schmerzen, manche nicht. Hinzu können Schmerzen während des (penetrativen) Geschlechtsverkehrs, eine erhöhte Infektanfälligkeit und Blutungsstörungen kommen. Ein weiteres Symptom, das immerhin bei vierzig Prozent der Endometriose-Patientinnen auftritt, ist ein unerfüllter Kinderwunsch.

Die Lebensqualität vieler Endometriose-Patientinnen ist (nicht zuletzt wegen Krankenständen, ständigem Rechtfertigungsdruck und dem Gefühl der Hoffnungslosigkeit) stark beeinträchtigt. In manchen Fällen kann es auch zu Organschäden kommen, die einen operativen Eingriff unabdingbar machen.

Von der Diagnose zur Behandlung. Steinberger ist pragmatisch: „Ich will gar nicht, dass alle GynäkologInnen Endometriose-ExpertInnen sind. Aber ich will, dass alle GynäkologInnen an die Möglichkeit einer Endometriose denken. Am allerliebsten wäre mir eine gute Anamnese, in der danach gefragt wird. Wenn ÄrztInnen richtig tasten, spüren sie etwas, bei richtigem Ultraschall sehen sie etwas. Und dann soll die Patientin an gute KollegInnen überwiesen werden.“ Doch selbst wenn das der Fall ist und eine definitive Diagnose gestellt wurde, ist das Problem noch lange nicht gelöst. Denn genauso wie sich eine Endometriose individuell unterschiedlich äußern kann, sprechen auch die Betroffenen auf die Behandlungsmöglichkeiten unterschiedlich an.

Es gibt keine kausale, d.h. eine Ursachen bekämpfende, Therapie, da die Ursache der Endometriose nach wie vor ungeklärt ist. Michelle war zwar nach ihrer Diagnose „erstmal wahnsinnig erleichtert, weil ich endlich wusste, was ich habe“. Seither geht es ihr aber aus anderen Gründen schlecht: „Ich will endlich wissen, was mir helfen kann! Ich habe Homöopathie und Osteopathie probiert, im Moment gehe ich zu einer TCM-Ärztin. (1) SchulmedizinerInnen wollen mir die Pille verschreiben, aber die vertrage ich nicht.“

Neben der Laparoskopie, bei der im Idealfall alle Endometriose-Herde entfernt werden, ist die Hormontherapie eine klassische Behandlungsmethode, bei der die Symptome aber höchstens unterdrückt werden können. Andere, komplementärmedizinische Behandlungsarten wie z.B. TCM, Homöopathie, Luna Yoga, Shiatsu, Autogenes Training und nicht zuletzt eine bewusste Ernährung wirken sich für viele Endometriose-Patientinnen positiv aus. Allerdings muss auch hier jede Frau für sich selbst herausfinden, was ihr hilft. Martina Schröder vom Feministischen FrauenGesundheitsZentrum Berlin sieht in der Vermittlung eines ganzheitlichen Behandlungskonzepts den größten Handlungsbedarf: „Für jede Frau sind unterschiedliche Aspekte im Heilungsprozess wichtig, d.h. für die eine ist die körperspezifische Therapie zentraler, für die andere die Bewältigung von Belastungssituationen etc. Es braucht eine Beratung, die alle Faktoren vorstellt und die Frau ermutigt, herauszufinden, was ihr hilft. Die Beschränkung auf die schulmedizinischen Verfahren reicht nicht aus.“

Forschungsdefizite. Obwohl etwa zehn bis 15 Prozent aller Frauen zwischen der ersten Menstruation und den Wechseljahren von einer Endometriose betroffen sind (EVA geht in Österreich von ca. 300.000 Frauen aus), ist sie „in der klinischen und basiswissenschaftlichen Forschung unterrepräsentiert“, wie auch in der deutschen Leitlinie zugegeben wird. Paradoxerweise sind die Gründe dafür laut Schröder darin zu suchen, dass die Endometriose eine gutartige Erkrankung ist, denn finanziert würden vor allem (bösartige) Krebserkrankungen. Außerdem gebe es im deutschsprachigen Raum nur sehr wenige Expert_innen, die zu dem Thema arbeiten.

„Man könnte böse sein und sagen: Mit der Erforschung der Endometriose kannst du nicht berühmt werden“, verdeutlichen die EVA-Obfrauen. „Das Leitsymptom, d.h. die Menstruationsbeschwerden, gelten als ,normal‘. Über andere Schmerzen, etwa beim Geschlechtsverkehr oder Stuhlgang, wird gar nicht gesprochen. Es gibt also wenig Aufmerksamkeit für das Thema, deshalb auch wenig Lobby und umso weniger gesundheitspolitischen Druck, auf die Forschung einzuwirken.“

Organisierte Selbsthilfe. Umso wichtiger ist es für betroffene Frauen, sich in Selbsthilfeorganisationen mit anderen Endometriose-Patientinnen austauschen zu können. EVA blickt mittlerweile auf zehn Jahre Aufklärungsarbeit zurück – und es haben sich, wie Steinberger berichtet, auch Dinge bewegt: „Vor ein paar Jahren hat man in Österreich mit der Zertifizierung begonnen, d.h. die Stiftung Endometriose Forschung zeichnet kompetente ÄrztInnen und Krankenhäuser aus. Mittlerweile ist EVA an der Zertifizierung beteiligt, und wir schauen sehr genau, welche Häuser für die Patientinnen wirklich gut sind. Es wird außerdem immer mehr zu Endometriose publiziert, es finden viele Veranstaltungen statt, und ich glaube, die Situation wird besser werden.“ Noch nicht gebessert hat sich das Problem der Rehabilitation: Diese gilt in Österreich noch immer nicht als selbstverständliche Kassenleistung. „Die Reha wäre mein größter Traum“, sagt Steinberger und erzählt von der Ignoranz eines Pensionsversicherungszuständigen: „Warum brauchen Sie denn eine Reha bei einer gynäkologischen Erkrankung – das wird rausgeschnitten und gut ist’s.“

Aufklärung ist auf allen Ebenen notwendig – nicht zuletzt bei den Patientinnen selbst, so die EVA-Obfrauen: „Es ist wichtig, dass man eine mündige Patientin wird. Man darf das nicht an die ÄrztInnen abgeben. Frauen sollen aktiv auf ihre ÄrztInnen zugehen, sich selbst informieren und auf ärztliche Gespräche vorbereiten. Nach dem ersten Schock hast du eine Handlungsmöglichkeit.“

Fußnote
(1) TCM: Traditionelle Chinesische Medizin

Links
Endometriose Vereinigung Austria: www.eva-info.at
Endometriose Vereinigung Deutschland: http://endometriose-vereinigung.de
Europäische Endometriose Liga: www.endometriose-liga.eu
Stiftung Endometriose Forschung: www.endometriose-sef.de
World Endometriosis Society: http://endometriosis.ca
Endometriose-Broschüre des Feministischen FrauenGesundheitsZentrums Berlin, zu beziehen unter: www.ffgz.de

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https://ansch.4lima.de/keine-heulsusen/feed/ 2
Emanzipation von der Männlichkeit https://ansch.4lima.de/emanzipationvon-der-mannlichkeit/ https://ansch.4lima.de/emanzipationvon-der-mannlichkeit/#respond Tue, 10 Apr 2012 08:52:25 +0000 https://anschlaege.at/?p=2791 Der Verein POIKA betreibt in und außerhalb von Schulen gendersensible Bubenarbeit. VINA YUN sprach mit den „Poikaistas“ PHILIPP LEEB und EMANUEL DANESCH über die Herausforderung, sich von patriarchalen Männlichkeitsbildern zu lösen.

 

an.schläge: im deutschsprachigen Feuilleton ist vor kurzem eine Debatte über die neuen „Schmerzensmänner“ aufgeflammt. Dabei wird immer wieder darüber geklagt, dass Männer heutzutage in der Krise seien. Findet denn aus eurer Sicht tatsächlich eine Erosion von Männlichkeit statt?

Philipp Leeb: Ich Finde es interessant, dass Männer immer dann eine Krise haben sollen, wenn das Patriarchat in Gefahr ist. Wovor sollen wir Männer Angst haben? Jegliche Abkehr von patriarchalen Strukturen kann nur ein Gewinn sein. Nicht nur Frauen profitieren davon, sondern auch all jene Männer, die in der Hegemonie keinen Platz haben. Und genauso alle Kinder, um etwas freier von Geschlechternormen entspannt aufwachsen zu können.

Emanuel Danesch: Das Problem, das ich bei dieser Debatte sehe, ist, dass sie wieder nur von zwei Männlichkeitstypen ausgeht: vom Macho und vom sogenannten Softie. Der Artikel von Nina Pauer in der Wochenzeitung „Die Zeit“, den du ansprichst, ist ein nicht besonders reflektierter, aber unterhaltsamer Versuch, dem Problem der „alternativen Männlichkeiten“ auf den Grund zu gehen. Ich persönlich kann dieser Panik und der Rede von einer Krise der Männlichkeit wenig abgewinnen außer, dass ein Diskurs gehalten wird, der aber an sich schon problematisch ist, weil damit die Gefahr einer Remaskulinisierung, also ein Rückgriff auf traditionelle Männlichkeitsmodelle, einhergeht.

Eine Erosion der Männlichkeit kann ich so gesehen nur begrüßen, weil damit auch Platz für alternative Männlichkeitskonstruktionen gemacht wird. Ich verstehe zwar die Angst vieler Männer, wenn sie zusehen müssen, wie ein Teil ihrer patriarchalen Identität flöten geht, aber die Formen des Zusammenlebens verändern sich nun einmal.

Von welcher Männlichkeit ist hier eigentlich die Rede?

Leeb: Es gibt nicht nur eine Männlichkeit, sondern eine Vielzahl …

Danesch: Von Männlichkeiten, die nicht mehr in tradierten Rollenbildern Anerkennung finden können. Von emanzipatorischen Männlichkeiten, die nicht mehr mit obsolet werdenden Attributen punkten wollen. Von Männlichkeiten, die sich von „der Männlichkeit“ emanzipieren. Emanzipation ist, wie wir wissen, ein Prozess, der nicht von heute auf morgen passiert. Ich finde es sehr spannend, die Diskussion um die „Schmerzensmänner“ zu verfolgen, weil sich daran sehr schön ablesen lässt, wo die Probleme eines Veränderungsprozesses in Richtung eines emanzipierten Zusammenlebens liegen.

Der Verein Poika steht für emanzipatorische Bubenarbeit. Was ist darunter zu verstehen, auf welchen Prinzipien beruht diese?

Leeb: Poika steht für gendersensible Bubenarbeit, die durchaus emanzipatorischen Charakter haben kann. „Haltungen“ finde ich ein weniger strenges Wort als „Prinzipien“. Unsere Haltung in den Workshops mit Jungs ist eine offene und respektierende. In Gesprächen erkunden wir ihre Lebenswirklichkeit: Was erleben sie als Burschen in der Gruppe? Wie ist ihr Kontakt mit Mädchen? Welche Sanktionen begegnen ihnen in ihrem Alltag? Wo fühlen sie sich unfair behandelt? Als junger Bursch wäre ich froh gewesen, wenn ich die Gelegenheit bekommen hätte, dass mir ein Mann zuhört und sich auch ehrlich für mich interessiert.

Danesch: Emanzipatorisch bedeutet, Möglichkeiten anzubieten, um Prozesse der Loslösung von verkrampften Rollenbildern und ihren Ausdrucks- und Denkarten zu unterstützen. Raewyn Connells Modell der „hegemonialen Männlichkeit“ beschreibt sehr gut, warum es so schwer ist, sich als Mann von alten Rollenbildern zu lösen. Es ist im Prinzip und vereinfacht gesagt wie bei der Mafia: Es gibt eine Übereinkunft, welche Art der Männlichkeit das Sagen hat, und diese hat ihre Unterstützer und Mitläufer. Wer sich nicht dem Diktat einer heteronormativen Chefmännlichkeit fügt, wird – und das ist systemimmanent – sofort bewusst oder unbewusst von seinen männlichen und weiblichen Kolleg_innen sanktioniert. Es handelt sich also um ein sich selbst erhaltendes System, das schwer zu durchbrechen ist.

Die Tätigkeiten unseres Vereins umfassen die Bereiche Gewalt(-prävention), Sexualität, Berufsorientierung, Vaterschaft und Medien. In diesen Bereichen arbeiten wir an Schulen, in Jugendzentren, in der Erwachsenenbildung und auch in Frauenhäusern daran, erfahrbar zu machen, dass es nicht mit Angst verbunden sein muss, neue Sichtweisen auf ein Mannsein zu entwickeln und neue Wege zu gehen.

Wie wird euer Angebot angenommen?

Leeb: Den meisten Jungs machen die Workshops Spaß, und viele wünschen sich ein Follow Up. Natürlich gibt’s auch manchmal Bröseln, wenn die Gruppe überhaupt keine Mitte hat und ständig geflucht und gerempelt wird. Da können wir nichts ausrichten, das ist ein Problem der Gruppenbildung innerhalb von Schulen. Im Großen und Ganzen aber sind die Jungs ganz lieb und kämpfen halt mit den Rollenerwartungen von innen und außen. Das ist nicht leicht. Mädchen geht es da überhaupt nicht anders.

Danesch: Unsere Arbeit wird, abgesehen von einigen Angsthasen des rechten Randes, durchwegs positiv angenommen. Es bedarf einer eingehenden Auseinandersetzung und auch einer Offenheit, um Neues in sich zu entdecken, aber wir machen oft sehr gute Erfahrungen.

Die Rede vom „neuen Mann“ wird derzeit vor allem als Opferdiskurs geführt – da geht es etwa um die „entsorgten“ Väter oder Jungs als die neuen „Bildungsverlierer“. obwohl die Männerbewegung der 1970er Jahre einem emanzipatorischen Gedanken entsprungen ist, tummeln sich heute zahlreiche Männeraktivisten und -forscher im Umfeld rechter Maskulinisten, die erfolgreich lobbyieren und den medialen Diskurs bestimmen. Wie sehen hier die Interventionen linker, pro-feministischer Männer aus?

Leeb: Die „Männerbewegung“ ist immer noch sehr klein. Die Zahl der Männer, die versuchen, sich von herkömmlichen Rollenbildern zu emanzipieren, wird dagegen stets größer. Natürlich gibt es nicht wenige Männeraktivisten; die aber einer „Männerbewegung“ zuzuschreiben, Finde ich seltsam, da ihre ganze Energie in die entgegengesetzte Richtung geht. Die einzige Männerforschung, die seriös ist, ist die kritische Männerforschung, die sich eben auch mit Gender- und Queer-Theorien beschäftigt. Herrschende Diskurse werden natürlich von seltsamen Protagonist_innen aus konservativen Kreisen dominiert, da sie mit ihren „Erziehungsratgebern“ gern und schnell Zuschreibungen am Geschlecht festmachen. Bis auf wenige Ausnahmen in der Erziehungsliteratur besteht der Eintopf Buben aus Fußball spielenden, raufenden, machtorientierten und triebgesteuerten Kreaturen. Ich sehe diese Buben auch, aber gar nicht so häufig, wie das Werbungen und Gazetten ständig suggerieren. In unseren Workshops gibt es natürlich übergriffige Jungs, aber auch intellektuelle, verschlossene, fröhliche, interessierte und reflektierte Burschen.

Unsere Interventionen sind unsere Arbeit und unsere Haltung. Besser, als etwa ein Buch zu schreiben, finde ich nachhaltige Gespräche mit den Menschen meiner Umgebung und den Leuten, mit denen wir arbeiten. Das führt gar nicht selten zu Umdenkprozessen.

Danesch: Es stimmt schon, dass es im rechten Lager rumort und die Angstmaschine angelaufen bzw. nie ausgelaufen ist. Aber wir sind guter Dinge, weil die Notwendigkeit einer Veränderung nicht mehr wegzuleugnen ist und es glücklicherweise zunehmend mehr Männer und Frauen gibt, die das ähnlich sehen.

Mir scheint, dass die (rhetorische) Distanzierung von bestimmten Männlichkeitsbildern zunehmend als klassenspezifische Distinktion funktioniert: gewaltbereit und traditionellen Rollenbildern verhaftet – das wird aktuell insbesondere Männern mit Migrationshintergrund und aus „bildungsfernen“ Schichten angelastet. Demnach beinhaltet die Kritik an „hegemonialer Männlichkeit“ nicht nur die Auseinandersetzung mit Geschlechterverhältnissen …

Leeb: Stimmt, wenn ein österreichischer Mann seine Familie ausradiert, wird das „Familiendrama“ genannt. Ein türkischer Mann begeht „Blutrache“. Die Hintergründe sind nicht immer ganz unähnlich. Das sollte uns sehr wohl zu denken geben. Ich finde den Begriff „gewaltbereit“ auch recht furchteinflößend, da müsste ich in jeder Schulklasse Angst haben, weil solche Jungs gibt es ja angeblich überall. Ich kann den Umstand nicht leugnen, ein biologischer Mann zu sein. Die Zuschreibungen, die mir begegnen, beziehen sich recht schnell auf mein Äußeres. Ein Beispiel: Wenn ich mit meinen Kindern unterwegs bin, gelte ich als liebevoller und sorgender Vater. Würde ich äußerlich als Frau identifiziert werden, würde ich in derselben Rolle wahrscheinlich nicht einmal auffallen.

Welche Rolle spielen soziale und andere Herkünfte in eurer Praxis mit den Jungs?

Leeb: Für mich keine. Wenn mich einer nicht gut versteht, muss ich Rücksicht nehmen.

Danesch: Es ist zwar mit einer gewissen Herausforderung verbunden, die Lebenswelten der jungen Männer generell und ganz unabhängig ihres sozialen Hintergrundes zu verstehen, aber die Jugendlichen lehren uns sehr viel. Es ist ja nicht so, dass die jungen Männer nichts zu sagen hätten, ganz im Gegenteil, sie gestalten ihre Lebenswelt aktiv mit.

Was bedeutet denn Männlichkeit bzw. Mannsein für euch persönlich?

Leeb: Dass ich biologisch ein Mann bin. Meine Geschlechtsidentität bekommt jedoch mehr Raum.

Danesch: Die Frage sollte eher lauten: Was nicht?

 

Philipp Leeb ist Obmann des Vereins Poika und u.a. als Portalbetreuer für Gender und Bildung beim Unterrichtsministerium tätig.

Emanuel Danesch arbeitet u.a. als Filmemacher, ist Vorstandsmitglied und Trainer zu gendersensibler Bubenarbeit bei Poika sowie als Vorstandsmitglied beim Verein EXIT in unterschiedlichen Projekten gegen Menschenhandel und Zwangsprostitution aktiv.

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Seit 2008 kämpft die feministische Protestgruppe FEMEN aus der Ukraine gegen patriarchale und sexistische Unterdrückung in der post-sowjetischen Gesellschaft. Ihre Mittel: blosse Brüste und auf Körper und Schilder geschriebene Slogans. PAULA PFOSER traf die Aktivistinnen INNA & SASHA SHEVCHENKO, die Anfang März auf Einladung der Grünen in Wien waren.

 

an.schläge: „EURO 2012 ohne Prostitution“ lautet der Slogan beim Protest gegen die kommende Fussball-EM in Polen und in der Ukraine. Wie sieht die Situation rund um Sexarbeit derzeit aus? Was sind eure Forderungen?

FEMEN: Wir sehen jetzt ziemlich erschreckende Zeichen davon, was in der Euro-Zeit auf uns zukommt: Die Sexindustrie in der Ukraine entwickelt sich rasant, es werden massenhaft Massage-Salons und Strip-Bars gegründet. Wenn man durch die Straßen geht, sieht man immer wieder Anzeigen, in denen „Tänzerinnen“ oder „Masseurinnen“ gesucht werden. Die UEFA hat im Zuge der Vorbereitungen zur Europameisterschaft die Forderung gestellt, die Prostitution zu legalisieren. Prostitution ist in der Ukraine zurzeit noch verboten, aber auch im Parlament will man schon die Legalisierung.

Es ist unrealistisch, etwas gegen die Verschärfung der Situation während der EURO 2012 zu tun – wir können deswegen nur utopische Slogans in die Menge werfen, damit das Wellen schlägt.

Warum nicht befürworten, dass Prostitution legalisiert wird? Die Illegalisierung unterstützt ja in der Regel versteckte Sexarbeit unter gefährlichen Arbeitsbedingungen.

Ich widerspreche hier einem bei uns weit verbreiteten Sprichwort, „Man soll zwischen zwei Übeln das geringere wählen“, und würde stattdessen sagen, wir sollten nicht nach dem geringeren Übel suchen, sondern nach einem anderen Weg. Prostitution ist die schlimmste Form der Diskriminierung von Frauen. Wir sind überzeugt, dass der einzige richtige Ausweg im Kampf gegen die Prostitution der Kampf gegen die Kunden ist. Wir haben deswegen ein Gesetz zur Kriminalisierung der Kunden vorgeschlagen, was natürlich als Gesetz nicht verabschiedet werden wird … Denn wir wissen ja, wer hinter dem Geschäft mit der Prostitution steht – und dass diese Leute nicht gegen ihre eigenen Interessen handeln.

Aktionistische Auftritte, bloße Brüste – das Mittel, auf das FEMEN setzt, sind die Bild produzierenden Medien. Was sagt ihr zur Kritik, dass diese Bilder die Sexualisierung und Objektivierung von Frauen reproduzieren?

Der Effekt, tatsächlich wie ein Sexualobjekt auszusehen, wird von uns sehr bewusst erzeugt. Wir wollen, dass Frauen in einer patriarchal denkenden Gesellschaft endlich als Besitzerinnen ihrer Körper wahrgenommen werden. Der Körper ist sozusagen meine eigene Ware, mit der ich machen kann, was ich will – das heißt auch, den Körper für die eigenen politischen Ziele einsetzen zu können.

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FEMEN

Unsere Bewegung hatte diesbezüglich sicher schon Erfolg: Als wir begonnen haben, wurden wir eher als Sexualobjekte besprochen, zum Beispiel mit Aussagen wie: „Die hat schönere Brüste.“ Jetzt aber bewegen sich die Diskussionen schon wieder davon weg, nämlich hin zur Frage, ob wir das Recht haben, „oben ohne“ zu protestieren. Wenn darüber diskutiert wird, haben wir unser Ziel schon erreicht. Und wenn jemand sagt, wir sehen wie Sexualobjekte aus, haben wir nichts dagegen – eine protestierende Frau soll auch sexuell sein.

Eine protestierende Frau soll sexuell sein, weil damit medial Aufmerksamkeit erregt werden kann?

Ja, das ist „basic instinct“. (lacht) Indem wir uns vor der ganzen Welt entblößen, können wir auch der ganzen Welt etwas mitteilen. In der gängigen Wahrnehmung entblößt sich eine Frau nur vor einem Mann irgendwann abends. Wenn das aber am Tag in der Öffentlichkeit passiert, dann wirkt es auf ganz andere Weise. Mit uns gab es eine kleine Revolution in den Medien: Frauenbrüste werden nicht nur in erotischen Programmen gezeigt, sondern jetzt auch in den Nachrichten, zur Prime Time – und nicht nur als Sexobjekte, sondern als Protestmittel.

Seid ihr mit eurer Darstellung in den Medien einverstanden? Eine internet-Suche nach FEMEN ergibt Bilder, Bilder, Bilder und wenig andere Inhalte…

Wir haben keine Angst vor dieser Bilderflut. Alles was wir mit unseren Aktionen sagen wollen, wird durch Körperhaltungen ausgedrückt, durch Plakate oder durch Slogans, die direkt auf uns geschrieben sind. Es sind sehr kurze Slogans, die aber gut passen für die heutige Welt, die eher Informationshappen gewohnt ist. Diese „Fast-Food-Gesellschaft“ wird auf diese Weise unsere Nachrichten viel schneller und leichter verstehen.

Warum eigentlich die Strategie, Protestbilder zu inszenieren, statt viele zu mobilisieren?

Wir gehen ganz bewusst den Weg der provokativen Bilder. Ich bin mir sicher, dass Sie hier nicht sitzen würden, wenn Sie nicht auf die Bilder reagiert hätten. (lacht) Die Ukraine ist außerdem ein postsowjetisches Land, Frauen oder die Menschen insgesamt sind Massendemonstrationen nicht gewohnt. In der Sowjetunion fanden Demos nur am 1. Mai oder zum Jahrestag der Revolution statt. Deswegen sehen wir es als Aufgabe, erst einmal in die Gehirne der Menschen zu gelangen und zu zeigen, dass Protest möglich ist.

In einem interview vor einem Jahr war davon die Rede, eine Partei und eine internationale Bewegung zu gründen. Wie sieht diesbezüglich der Stand der Dinge aus?

Der Gedanke, eine Partei zu gründen, wurde uns eher von JournalistInnen und SympathisantInnen aufgedrängt, die gesagt haben: „Ihr müsst in die Politik gehen, da könnt ihr vieles ändern.“ Inzwischen sind wir auch selbst wirklich dafür, wir sehen aber, dass es heute in der Ukraine fast nicht möglich ist, eine mit ehrlichen Mitteln arbeitende Partei zu gründen. Deshalb ist uns die Idee der Internationalisierung viel näher. In mehreren Orten und Ländern sind spontan oder auf unsere Initiative hin Bewegungen entstanden, die uns ähnlich sind. Es gibt FEMEN in den USA, es gibt Schweizer Aktivistinnen, bulgarische, italienische, holländische … Nachfolgerinnen-Bewegungen von FEMEN sind außerdem die Slut-Walks und die Gruppe Pussy Riot in Russland – wir können also von der Eroberung der ganzen Welt sprechen. (lacht)

Kürzlich las man von der brutalen Misshandlung dreier Aktivistinnen durch die weißrussische Polizei. Inwieweit seid ihr als Bewegung mit Repressionen konfrontiert?

In letzter Zeit gab es zwei Fälle von Repression: Der eine war in Weißrussland, der andere betrifft die Aktion auf dem Balkon der indischen Botschaft in Kiew. Die Geschichte mit der indischen Botschaft war folgende: Das Außenministerium Indiens hat an die Botschaften in der ganzen Welt die interne Anweisung erteilt, dass man genauer auf die Besucherinnen aus den sogenannten Russ-Ländern achten soll, weil diese eine Neigung zur Prostitution hätten. Das wurde über die Medien und damit auch bei FEMEN bekannt. Wir haben dann sehr schnell reagiert, Aktivistinnen kletterten auf den Balkon der indischen Botschaft und standen dort mit Bannern mit dem Text: „Wir sind keine Prostituierten“ und „Die Ukraine ist kein Bordell.“ Die Aktion war Mitte Januar, Mitte Februar wurden dann zwei Frauen angeklagt, und zwar wegen „Störung der gesellschaftlichen Ruhe“ und der „Beleidigung des nationalen Heiligtums Indiens“, weil sie die indische Fahne in der Hand hatten. Jetzt sind wir sehr besorgt um die beiden, weil es so aussieht, als würde man diese Gelegenheit nutzen, um sie zum Schweigen zu bringen. Wir können behaupten, dass die Rezeption unserer Aktivitäten ein Demokratie-Test ist – das Land, das dabei eindeutig durchgefallen ist, ist Weißrussland, wo drei Aktivistinnen von Geheimdienstmitarbeiterinnen verschleppt wurden. Sie wussten nicht, wo sie sind, ihnen wurden alle Dokumente weggenommen, sie wurden körperlich und psychisch schikaniert, es war sehr erniedrigend, mit Haare-Abschneiden und Vergewaltigungsdrohungen. Es gibt immer wieder Repressionen gegen uns. Mit der Machtübernahme der jetzigen Regierung begannen auch Schikanen gegenüber der Frauenbewegung, nach jeder Aktion werden jetzt Teilnehmerinnen verhaftet.

War das unter der Regierung der vorherigen Präsidentin Juljia Timoschenko anders?

Ja, es war anders. Wir wurden zwar bewacht, aber niemals verhaftet. Unsere Proteste sind absolut legal, wir verletzen keines der ukrainischen Gesetze. Es ist umgekehrt: Das, was seitens der Gesetzeshüter geschieht, ist gesetzwidrig.

 

Paula Pfoser ist Sozialarbeiterin und u.a. als Redakteurin der Zeitung „MALMOE“ tätig.

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