an.schläge 2012 – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de Tue, 30 Oct 2012 22:25:25 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.0 https://ansch.4lima.de/wp-content/uploads/2024/10/cropped-favicon-32x32.png an.schläge 2012 – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de 32 32 an.künden: Gewaltfrei leben https://ansch.4lima.de/an-kunden-gewaltfrei-leben/ https://ansch.4lima.de/an-kunden-gewaltfrei-leben/#respond Tue, 30 Oct 2012 22:25:25 +0000 https://anschlaege.at/?p=3663 Frauen auf der ganzen Welt sind nach wie vor mit struktureller, physischer, psychischer, sexualisierter oder sexueller Gewalt konfrontiert. Die internationale Kampagne „16 Tage gegen Gewalt an Frauen“ macht auf dieses globale Problem aufmerksam und bietet Information und Unterstützung. Der Verein Autonome Österreichische Frauenhäuser beteiligt sich auch in diesem Jahr wieder mit einem umfassenden Programm, u.a. können Filme, Seminare und Vorträge besucht werden.

25.11–10.12.: 16 Tage gegen Gewalt an Frauen, div. Veranstaltungsorte, Programm unter www.aoef.at

]]>
https://ansch.4lima.de/an-kunden-gewaltfrei-leben/feed/ 0
an.künden: Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein https://ansch.4lima.de/an-kunden-ich-mochte-teil-einer-jugendbewegung-sein/ https://ansch.4lima.de/an-kunden-ich-mochte-teil-einer-jugendbewegung-sein/#respond Tue, 30 Oct 2012 22:22:57 +0000 https://anschlaege.at/?p=3660 justfriendsandlovers_Christian-SundlYOUKI in Wels]]> justfriendsandlovers_Christian-Sundl

Das Internationale Jugend Medien Festival findet heuer bereits zum 14. Mal in Österreich statt. Kernstück des Festivals ist der jährliche Filmwettbewerb, der mit drei lukrativen Hauptpreisen lockt. Selbst aktiv werden können junge Medienbegeisterte bei Workshops zu den Themen Hörspiel, Sportfilm und Sounddesign. Auch das Begleitprogramm lohnt den Besuch: „Missy Magazine“-Herausgeberin und an.schläge-Autorin Sonja Eismann wird zum Thema Popkultur und Liebe vortragen, abends kann dann noch zu Plaided und Just Friends and Lovers getanzt werden.

justfriendsandlovers_Christian-Sundl
Foto: Christian-Sundl

20.–24.11.: YOUKI – 14. Internationales Jugend Medien Festival, Medien Kultur Haus, 4600 Wels, Pollheimerstr. 17, u.a. Orte,T. 0664/4088299, www.youki.at

]]>
https://ansch.4lima.de/an-kunden-ich-mochte-teil-einer-jugendbewegung-sein/feed/ 0
an.künden: Feminism will rock you https://ansch.4lima.de/an-kunden-feminism-will-rock-you/ https://ansch.4lima.de/an-kunden-feminism-will-rock-you/#respond Tue, 30 Oct 2012 22:17:23 +0000 https://anschlaege.at/?p=3655 firstfatalkiss_anschlaege_november_2012First Fatal Kiss im rhiz]]> firstfatalkiss_anschlaege_november_2012

First Fatal Kiss haben allen Grund zum Feiern! Nämlich nicht nur das zehnjährige Bandjubiläum, sondern auch die neue Platte, die sie gemeinsam mit Ex Best Friends eingespielt haben – die wiederum der erste Release des Labels Unrecords ist! Die Release- und Geburtstagsparty der „Queer Kitsch Punk“-Band findet mit Special Guests wie Bernhard Schnur, bulbul, chra, Karin Depp, Mikrokurac, MuttTricx u.v.m. statt, durch den Abend führt Frau Letschnig. Keinesfalls verpassen!

firstfatalkiss_anschlaege_november_2012
Foto: Jo Peesan

2.11.: First Fatal Kiss, rhiz, 1080 Wien, U-Bahnbogen 37, Tickets: € 5, T. 01/4092505, http://rhiz.org

]]>
https://ansch.4lima.de/an-kunden-feminism-will-rock-you/feed/ 0
Eine wahre Blüte https://ansch.4lima.de/eine-wahre-blute/ https://ansch.4lima.de/eine-wahre-blute/#comments Sat, 27 Oct 2012 21:08:05 +0000 https://anschlaege.at/?p=3639 Rula AsadInterview: RULA ASAD prophezeit der Frauenbewegung in Syrien einen Frühling. Von PASCALE MÜLLER]]> Rula Asad

Es gibt keine Alternative zu einer eigenständigen und starken Frauenbewegung in Syrien, die RULA ASAD gerade im Aufschwung begriffen sieht. Denn sonst geht es Frauen weiterhin schlecht – egal wer an die Macht kommt. ­PASCALE MÜLLER traf die syrische Journalistin und feministische Aktivistin zum Gespräch.

 

Ihren Nachnamen trägt Rula Asad gegenwärtig nicht nur mit Stolz. Denn es ist nicht nur der Name ihrer Familie, sondern auch der des syrischen Präsidenten Bashar Al-Assad. Deshalb ist es ihr sehr wichtig zu betonen, dass sie nicht zur selben Familie gehören. Rula Asad ist Journalistin und Frauenrechtsaktivistin. Nach Abschluss ihres Journalismus-Studiums in Damaskus arbeitete sie als freie Journalistin für „Syria Today“, ein Kulturmagazin, um anschließend ins Pressebüro des syrischen Parlaments zu wechseln – bis sie dort ohne Erklärung entlassen wurde.
Während eines Aufenthalts in Deutschland erfuhr sie 2011, dass sie aufgrund ihrer Arbeit und ihrer Kritik an der Regierung unter Beobachtung des syrischen Geheimdienstes steht. Eine Rückkehr nach Syrien kam daher nicht mehr infrage. Asad arbeitet nun als freie Journalistin für „Deutsche Welle“, den deutschen Auslandsrundfunk, und ist für mehrere syrische Frauenrechtsprojekte und deren weltweite Vernetzung tätig. Zurzeit lebt sie in den Niederlanden, wo Pascale Müller sie traf.

an.schläge: Wann hast du begonnen, dich für die politischen Vorgänge in Syrien zu interessieren?

Rula Asad: Von 2007 bis Anfang 2009 war ich im Pressebüro des syrischen Parlaments angestellt. 2009 wurde ich plötzlich vom Präsidenten des Parlaments zusammen mit sechs anderen Frauen grundlos gefeuert. Ich habe versucht, ihn deswegen zu verklagen, aber der Fall wurde ad acta gelegt. Das war der Moment, an dem ich anfing zu verstehen, dass das System nicht ehrlich ist.
Es klafft eine Lücke zwischen dem, was in der Verfassung steht, und dem, was wirklich passiert. Danach habe ich mich in einem Projekt für Dürre-Flüchtlinge engagiert, die in Camps außerhalb von Damaskus leben. Das war natürlich Menschenrechtsarbeit, aber niemand von uns hätte sich getraut zu sagen: „Wir sind Menschenrechts-AktivistInnen.“ Wir hatten ohnehin schon einige Schwierigkeiten mit dem syrischen Geheimdienst, der zu uns in die Camps kam und uns ausgefragt hat. So wurde mein Interesse für Politik, für gesellschaftliche Entwicklungen geweckt. Damals habe ich außerdem weiter als Journalistin gearbeitet. Im September 2011 bin ich dann durch ein Praktikum des Instituts für Auslandsbeziehungen (ifa) nach Deutschland gekommen und habe dort für Amica gearbeitet, eine Frauenrechtsorganisation aus Freiburg. Jetzt konzentriere ich mich mehr auf Frauenrechte, besonders natürlich auf syrische Frauenrechte. Durch meine Arbeit bei Amica habe ich ein Bewusstsein dafür bekommen. Frauen waren in Syrien niemals präsent, ihre Rechte werden nach wie vor ignoriert. Deshalb versuche ich mich dafür zu engagieren. Meine Rolle ist die einer Vermittlerin zwischen Frauenrechtsorganisationen in Holland oder auch Europa, die die syrischen Frauen unterstützen wollen, sowie den Organisationen und Projekten in Syrien. Ich bringe beide Seiten zusammen und stelle den Kontakt her.

Wie hast du Ungleichheit, auch Geschlechterungleichheit, und Unterdrückung in deinem alltäglichen Leben wahrgenommen bevor es zu dem Schlüsselerlebnis der Kündigung im Parlament kam?

Vor meiner Erfahrung mit dem syrischen Parlament hatte ich nichts als vage Gefühle. Da ich ein Mädchen bin, wollten meine Eltern mich daran hindern, Journalismus zu studieren. Sie meinten, ich sollte lieber Lehrerin werden. Denn als Lehrerin hätte ich feste Arbeitszeiten, als Journalistin hingegen muss ich auch manchmal spät abends arbeiten. Als ich dann als Kulturreporterin tätig war, wurde das wirklich zum Problem. Zum Beispiel war es unmöglich, zu einem Konzert zu gehen, über das ich etwas schreiben wollte, wenn es erst spät endete. Denn in den Augen meiner Familie war ich eine Frau, und die hatte früh zu Hause zu sein. Ganz im Gegensatz zu meinem Bruder, der die ganze Nacht wegbleiben konnte. Ich wollte aber diesen Job machen! Das sind natürlich Dinge, die viel mit Geschlechterungleichheit zu tun haben. Abgesehen davon konnte ich mich aber auch nicht frei äußern, weil ich, wie die gesamte syrische Gesellschaft, ständig überwacht wurde. Die „normalen Repressionen“, muss man das wohl nennen, die noch dazu kamen. So wurde mir langsam klar, dass sich dieses System gegen die Menschen selbst richtet.

Rula Asad
Foto: Pascale Müller

Wenn du die Situation von Frauen unter Assads Regime vergleichst mit ihrer Situation während der Revolution und dem, was möglicherweise danach kommt: Wie verändert sich das Frauenbild? Könnte die Lage für Frauen sich nicht noch verschlechtern, falls das überhaupt möglich ist, wenn die fundamental-religiösen Kräfte an die Macht kommen?

Tatsächlich gab und gibt es gar keine Veränderungen, was das Frauenbild betrifft. In Assads Regime wurden Frauen zwar in der Regierung, im Parlament und auch als Richterinnen eingesetzt, aber das nur, um sagen zu können: Schaut her, wir geben Frauen Rechte. In Wahrheit hatten diese Frauen keinerlei Einfluss. Das Frauenbild, das in den Oppositionsparteien vertreten wird, unterscheidet sich nicht von dem des Regimes. Sogar die wenigen Frauen in diesen Parteien sagen: Wir können Frauenrechte jetzt nicht diskutieren. Auf der Straße werden Menschen getötet. Für Frauenrechte ist jetzt keine Zeit.
Ein islamistisches Regime wird nicht zwangsläufig auch mehr Diskriminierung von Frauen bringen – denn es gibt diese Diskriminierung schon jetzt! Ich sage das nicht gerne, aber es ist so. Die Frauen fürchten sich nicht allzu sehr vor einer islamistischen Regierung, weil sie sich genauso vor der politischen Opposition fürchten, die nicht glaubt, dass Frauenrechte ein Thema sind. Natürlich würde eine islamistische Regierung den Frauen enorm schaden. Doch schon heute ist das syrische Rechtssystem in einigen Punkten aus der Scharia abgeleitet. Diese rechtliche Diskriminierung ist wirklich ein wesentliches Problem. Allerdings wird sie von keiner der Oppositionsparteien thematisiert. Und was es noch schlimmer macht: Die Frauen innerhalb dieser Parteien machen es auch nicht zum Thema. Sie haben das Gefühl, dass sie so etwas nicht ansprechen können, weil es dringendere Probleme gibt.

Doch später ist es dann oft zu spät …

Das stimmt. Wenn wir mit den Veränderungen nicht jetzt sofort anfangen und unsere Stimme als Frauen hörbarer machen, wird es sie auch danach nicht geben. Aber die Frauen wehren sich. Sie haben Kampagnen gegründet, Projekte und Organisationen ins Leben gerufen und sind als Frauen näher zusammengerückt. Wenn die Revolution in die Hand der bewaffneten Opposition fällt, werden Frauen verlieren. Wenn die Revolution in die Hand islamistischer Kräfte fällt, werden Frauen verlieren. Und sogar, wenn die Revolution sich zugunsten der traditionellen Oppositionsparteien entscheidet, werden Frauen verlieren. Das wissen sie, und deshalb gibt es keine Alternative zu einer eigenständigen und starken Frauenbewegung. Es gibt im Moment eine wahre Blüte von Frauenrechtsprojekten. Das Problem ist nur, dass wir in Syrien wenig Erfahrung haben im Aufbau von NGOs und Netzwerken.
Doch dieses Wissen bekommen wir von außerhalb. Es gibt ja weltweit viele Organisationen, die sich für Frauenrechte und Gender-Equality einsetzen, und ich versuche, sie mit den syrischen Organisationen in Kontakt zu bringen, damit diese ihre Projekte besser voranbringen können.

Denkst du, dass dieser feministische Aktivismus etwas bewirken kann? Oder ist er eher etwas, das eine kleine Gruppe von Frauen in Bewegung gesetzt hat, aber die Gesamtgesellschaft nicht wirklich berührt?

Ich gebe dir ein Beispiel: Wenn ich von einer Frau weiß, die vergewaltigt wurde, dann gibt es zwei Möglichkeiten. Zum einen die islamischen Frauenorganisationen, die ihr Hilfe anbieten, indem sie dafür sorgen, dass sie einen guten Mann findet, den sie heiraten kann. Aber es gibt auch unsere Organisationen. Bei uns entscheidet sie, was sie tun möchte, und die Lösung ist nicht, dass sie heiratet. Sie ist nicht schuld an der Vergewaltigung, der Mann und die Situation sind es. Sie ist mutig und sollte sich nicht schämen müssen. Bis diese Ansicht akzeptiert wird, braucht es natürlich eine lange Zeit. Manche Familien verstoßen ihre Töchter, Ehemänner lassen sich scheiden, und es gibt auch immer wieder Frauen, die von ihrer Familie oder ihrem Ehemann umgebracht werden, weil sie vergewaltigt wurden. Aber es gibt auch Familien und Ehemänner, die ihrer Tochter oder Frau beistehen. Parallel dazu gibt es langfristige und breiter angelegte Projekte, die dafür sorgen wollen, dass Frauen rechtlich besser behandelt werden und die Verfassung Frauen besser schützt.

Wo hat dieses Frauenbild und diese Diskriminierung von Frauen in der syrischen Gesellschaft ihren Ursprung? Kann man das nur mit Religion erklären?

Um ganz ehrlich zu sein – das ist jetzt meine persönliche Meinung und viele Menschen werden mich deswegen kritisieren –: Für mich kommt es von der Religion. Im Koran gibt es viele Regeln und Gesetze, die besagen, dass ein Mann so viel wert ist wie zwei Frauen. Es gibt im Arabischen aber auch ein Sprichwort, das in etwa bedeutet: „Eine Frau ist nur ein halber Mensch.“ Das ist tief in der Kultur verwurzelt. Man muss mehrere Schichten freilegen, um es von ganz unten zu verändern.

Wie stehen deiner Ansicht nach die Chancen, dass sich in naher Zukunft etwas verändert? Du selbst kannst ja auch nicht mehr nach Syrien zurück. Werden Frauen wieder frei in Syrien leben und arbeiten können?

Alles, über das wir gesprochen haben, ist zwar Realität, aber es ist die dunkle Seite. Es gibt auch eine helle Seite. Zum Beispiel haben Frauen in Syrien Zugang zu einer akademischen Ausbildung. Ich bin zwar Muslima, aber ich wurde niemals gezwungen, einen Hijab zu tragen, und ich war frei darin zu wählen, wen ich heiraten möchte und wen nicht. Frauen waren an jedem Detail dieser Revolution beteiligt. Sie haben verstanden, dass sie eine Stimme haben und für sich selbst entscheiden können. Selbst wenn eine islamistische Regierung an die Macht kommt: Sie wird nicht lange bleiben!

Was macht dich da so sicher?

Die Menschen waren schon einmal mit einem schrecklichen Regime konfrontiert. Was immer auch kommen wird, sie werden es nicht akzeptieren, wenn es nicht ihrem Willen entspricht. Und sie werden wissen, dass sie dafür verhaftet werden, dass man sie foltern wird und sie vielleicht sterben. Doch diese Veränderungen werden nicht in zwei oder drei Jahren vonstattengehen, sie werden Zeit brauchen.

Sollten europäische FeministInnen der Frauenbewegung in Syrien mehr Aufmerksamkeit schenken?

Leider gibt es auch in Ländern wie Deutschland, von denen ich immer dachte, Frauen hätten dort alle Rechte, viele Dinge, die noch nicht gut laufen. Da die Frauen auch in Europa immer noch daran arbeiten, ihre Situation zu verbessern, kann ich verstehen, dass sie manchmal Frauen in anderen Ländern aus dem Fokus verlieren. Aber ich glaube fest an Frauen. Wenn es ein starkes Netzwerk gäbe zwischen der feministischen Bewegung in Syrien und etwa der feministischen Bewegung in Deutschland und sie sich gegenseitig unterstützen könnten, dann wäre das natürlich wunderbar! Denn von anderen Frauen verstanden und unterstützt zu werden, ist ungeheuer motivierend. Allein wenn ich es mir vorstelle, fühle ich mich schon sehr aufgebaut! Und ich vertraue darauf, dass Frauen sich immer helfen werden.

Pascale Müller ist freie Journalistin in Berlin und im deutschen Sprachraum die Anlaufstelle für Vernetzung zwischen syrischen und hiesigen Organisationen. Wer Kontakt zu Feministinnen in Syrien sucht, kann sich an sie wenden: mllr.pascale@gmail.com
Übersetzung aus dem Englischen: Pascale Müller

]]>
https://ansch.4lima.de/eine-wahre-blute/feed/ 2
bonustrack: Mein erster Nervenzusammenbruch on stage https://ansch.4lima.de/bonustrack-mein-erster-nervenzusammenbruch-on-stage/ https://ansch.4lima.de/bonustrack-mein-erster-nervenzusammenbruch-on-stage/#respond Sat, 27 Oct 2012 20:15:42 +0000 https://anschlaege.at/?p=3632 Alles fing so schön an. Von VERA KROPF]]>

Alles fing so schön an: Nach einem euphorischen Wienkonzert am Vorabend fuhren wir im goldenen Herbstlicht gen Süden nach Slowenien, in die verschlafene Kleinstadt Murska Sobota. Der Club befand sich in einem Schloss mitten im Park, freundliche Menschen (Männer) empfingen uns. Erste Probleme gab es beim Soundcheck: Der Raum sei aus Beton, deshalb klinge alles so scharf, ich solle meine Gitarre leiser drehen. Okay. Erfahrungsgemäß wird so was besser, wenn erst Menschen im Saal sind. Die zweite Band des Abends war eine sechsköpfige Truppe aus Ljubljana, vier Typen, zwei Mädels: Sie wollten erst eine Girlband gründen, erzählten sie, aber es sei so schwierig, Frauen zu finden, die Instrumente spielen: „In the end we came to the conclusion that gender doesn’t matter.“ Umso erstaunter war ich, dass bei dem Konzert die beiden Mädels „nur“ sangen und jonglierten, während die Jungs die Instrumente bedienten. Ich ging also auf die Bühne mit dem Gefühl: Jetzt zeigen wir ihnen, wo die Frau Bartl den Most herholt. Der Raum war gut gefüllt, erwartungsvolle Gesichter. Dann die böse Überraschung: Nervtötendes Dröhnen kam aus dem Monitor. Ich drehte die Gitarre leiser, sie begann zu brummen, ich tauschte sie aus, nichts half: Alles wurde überdeckt von einem unheilvollen Summen. Es war zwar nicht meine Schuld, aber mein Problem. Ich hörte mich nicht, verspielte mich, musste Lieder neu beginnen, sah mich hilfesuchend nach der Band um, aber die anderen waren auch ratlos bis genervt. Mit der nicht mehr zu verbergenden Wut der Verzweiflung kämpfte ich mich durch diese Demütigung im Rampenlicht bis zum letzten Lied. Dann schrie ich hinter der Bühne herum und bezichtigte den Schlagzeuger der männlichen Arroganz, die ich im Rücken zu spüren meinte. Während der dennoch gegebenen Zugabe fiel meine Gitarre ganz aus, nachher heulte ich im Park wie ein trotziger Teenager.
Da predige ich den Mädchen auf dem Girls Rock Camp, sich nicht von Besserwissern verunsichern zu lassen, und schmeiße selbst sofort die Nerven weg. Immerhin haben wir uns als Band gleich wieder versöhnt und eine nette junge Dame kennengelernt, die uns auf ihren Friedhof eingeladen hat.

Illustration: Lina Walde

Ein Erlebnisaufsatz von Vera Kropf (Luise Pop, Half Girl), die aus diesem Desaster zwei Lehren gezogen hat: 1. Immer den Humor bewahren, 2. Im Zweifelsfall die Gitarre lauter drehen.

]]>
https://ansch.4lima.de/bonustrack-mein-erster-nervenzusammenbruch-on-stage/feed/ 0
heimspiel: Meins und Deins im Park https://ansch.4lima.de/heimspiel-meins-und-deins-im-park/ https://ansch.4lima.de/heimspiel-meins-und-deins-im-park/#respond Sat, 27 Oct 2012 20:06:12 +0000 https://anschlaege.at/?p=3625 Die etwa Zweijährige schnappt sich im Vorbeigehen das Fahrrad meiner Tochter und rast damit schnurstracks in die nächste Pfütze. Von BEAT WEBER]]>

leben mit kindern

Die etwa Zweijährige schnappt sich im Vorbeigehen das Fahrrad meiner Tochter und rast damit schnurstracks in die nächste Pfütze. „Ich steh auf diesen spontanen Kommunismus am Spielplatz“, seufzt eine Bekannte versonnen, deren Sohnes Sandkübel soeben ungefragt auf Leihe in die Hände meiner Tochter gewandert ist. „Alle nehmen sich einfach was sie wollen, und niemand fragt nach der Eigentümerschaft.“ Welch verlockende Interpretation!
Doch auf dem Spielplatz ist es halt auch nicht anders als im übrigen Leben: Nicht alle Eltern sehen das so, und es ist v.a. bei spontanen Parkbekanntschaften schwer festzustellen, wer wie drauf ist. Und wenn es sich schließlich herausstellt, ist es meist schon zu spät – zumindest zu spät, um den tadelnden Blick zu vermeiden, der sich in der Regel beim Aufeinanderprallen besitzbürgerlicher und gemeinschaftsgüterlicher Vorstellungen einstellt. Es ist der Blick, der dein Kind zum übergriffigen Rowdy und dich zum verantwortungslosen Sonntagsvater stempelt, wenn du deinem in Fremdbesitz marodierenden Kind nicht Einhalt gebietest. Und auch die Kinder sind keineswegs durchwegs begeistert von diesen Verhältnissen, wie permanent ausbrechende Schlammschlachten um Objekte und ihre Benützung bezeugen.
Manche Eltern lösen das durch Sektierertum: Nur noch auf Spielplätze und an Orte gehen, wo ein bestimmtes pädagogisches Konzept verbindendes Element ist – etwa die Welt der alternativpädagogischen Kindergärten. Wer nicht in diese gated communities abtauchen möchte, steht vor einem Koordinationsproblem: Soll ich bei jeder sich anbahnenden Auseinandersetzung in der Sandkiste den betroffenen Eltern eröffnen, dass ich auf Basis höchst selektiver Erziehungsratgeberlektüre gemäß dem Ratschlag zu handeln versuche, Kinder sollen ihre Konflikte möglichst untereinander ausmachen und Eigentum solle nicht überbewertet werden – und somit alle fünf Minuten eine Grundsatzdiskussion anzetteln? Oder entdeckt jemand endlich die Markt- bzw. Parklücke und verteilt am Eingang T-Shirts oder Armbinden, die die Angehörigen pädagogischer Fraktionen füreinander gut sichtbar kennzeichnen und so uns allen viel Stress ersparen?

Heimspiel. Leben mit Kindern
Illustration: Nadine Kappacher

Beat Weber ist eine Autoren-Leihgabe der Zeitung MALMOE.

]]>
https://ansch.4lima.de/heimspiel-meins-und-deins-im-park/feed/ 0
an.klang: Welt raus, Musik an! https://ansch.4lima.de/welt-raus-musik-an/ https://ansch.4lima.de/welt-raus-musik-an/#respond Sat, 27 Oct 2012 19:52:13 +0000 https://anschlaege.at/?p=3622 Ob die eigenen vier Wände zum Dancefloor umgewandelt werden oder das Sofa zur Solo-Cocooning-Insel wird – in diesem Monat gibt es genug musikalische Gründe, um einfach mal drin zu bleiben. Von SONJA EISMANN

 

Sie hat das Zeug, der nächste Star der queeren, experimentierfreudigen und dennoch auch im Mainstream erfolgreichen HipHop-Szene zu werden. Nach dem Internet-Hype um die Rapperinnen Azealia Banks und Iggy Azalea ist Kreayshawn die erste der drei oft in einem Atemzug genannten Newcomerinnen, die mit Somethin ’Bout Kreay (Columbia/Sony) ein komplettes Album auf den Markt bringt. Jedoch wurde der erst Anfang-zwanzig-jährigen Kreayshawn, die sich in ihrem Internet-Hit „Gucci Gucci“ mit ikonischen Symbolen schwarzer Popkultur schmückte und als Abschlepperin und Disserin von „Bitches“ gerne eine klischiert männliche Sprechposition einnimmt, bereits mehrfach vorgeworfen, sich als Weiße parasitär bis parodistisch an Black Culture zu bedienen. Ein ernstzunehmender Vorwurf, mit dem die Kritik jedoch, so der Eindruck, bei weiblichen Akteuren schneller zur Hand ist, da diese per se als „Anomalien“ im Rap-Feld wahrgenommen werden. Doch was hat es denn nun mit der Musik der jungen Hipsterin auf sich? Schnell und frech gerappter Bubble-Gum-Electro-Rap, der an unvergessene Girl Crews wie JJ Fad denken lässt (deren Hit „Supersonic“ wird in „K234YSONIXZ“ auch unüberhörbar referenziert) und mit balleriger Unterstützung von Global Stars wie Diplo, 2Chainz und Kid Cudi ordentlich in die Ohren knallt. Wie lang die Halbwertszeit von so eingängigen wie cheesy 80s-Synthlines und „Lalala“-Chören aus der selbstbewussten Gören-Perspektive letztlich sein wird, muss sich noch zeigen – ein großer Partyspaß ist es jetzt gerade allemal.
Auch bei Catarina Aimée Dahms alias Cata Pirata und ihrem Global-Beats-Projekt Skip&Die ist es zunächst die Hautfarbe, die ins Auge sticht. Wieso betitelt ausgerechnet eine weiße südafrikanische Künstlerin, im Team mit ihrem ebenso weißen niederländischen Kollaborateur Jori Collignon, ihr erstes Album Riots in the Jungle (Crammed Discs/Indigo/Pias), den Opener darauf „Jungle Riot“ und Track 5 „Love Jihad“? Zwei Monate lang fuhren Cata und Jori dafür durch Südafrika und trafen zahlreiche MusikerInnen aus Genres wie Rap, Rock, Elektronik und Traditional. Mit ihnen nahmen sie das Grundmaterial für die zwölf Tracks der Platte auf, sodass „Riot in the Jungle“ maßgeblich durch die lokalen Kollaborationen geprägt ist. Dennoch, so verrät die Platteninfo, sähen Catarina und Jori das Endergebnis, das sie in Amsterdam mit Mitgliedern der Amsterdam Klezmer Band fertig arrangierten, „im Kern als ihr Projekt“. Globaler Folk als Ersatzteillager für First-World-Hipster? Oder wichtiges Engagement für eine postkoloniale Sicht auf Pop? Das muss wohl jedeR HörerIn beim Stöbern durch diese eklektische Sammlung selbst entscheiden. Ein willkommener Kontrapunkt zum okzidentalen Mainstream-Pop ist die catchy Platte ohne Frage.
Eine ganz andere Baustelle bedient die Norwegerin Susanne Sundfør mit ihrem dritten Album The Silicone Veil (Grönland Records/Rough Trade) – nämlich die des bombastischen Zauberwaldpops, in dem sie höchstselbst als singende Magierin herumgeistert. Auch wenn man zunächst den Eindruck hat, so viel überbordende Emotionalität und sanfte Düsternis (mit Sternenstaub versetzt, allerdings) sei schlicht nicht auszuhalten, schafft es die in ihrer Heimat extrem erfolgreiche Musikerin doch, für sich und ihr märchenhaftes Songwriting einzunehmen. Die zuckersüß wehmütigen, filmmusikartigen Kompositionen sind eben genau das Richtige, um sich zu Hause in eine warme Decke zu hüllen und leise melancholisch den Blättern beim Fallen zuzusehen.
Auch Chelsea Wolfe aus Nordkalifornien kann sich offensichtlich für die melancholischeren Aspekte des Lebens erwärmen, wie ihre erste reine Akustikplatte, Unknown Rooms: A Collection of Acoustic Songs (Sargent House/Cargo) beweist. Die in L.A. lebende Singer-Songwriterin, die für ihre doch recht ungewöhnliche Trademark eines dronigen Metal-Art-Folk bekannt ist, lässt hier die Geigen aufbranden, ihre Stimme aufseufzen, die Gitarren klimpern und die Frauenchöre jauchzen, all das gespeist aus einem riesigen Topf Honig mit einem Schuss brennenden Brandy – also perfekt für die Jahreszeit und eine Runde asoziales Cocooning. Ganz alleine im Lehnstuhl.

http://gohard.kreayshawn.com
http://catapirata.withtank.com
www.susannesundfor.com
www.chelseawolfe.net

]]>
https://ansch.4lima.de/welt-raus-musik-an/feed/ 0
Pflegevater-Pflegemutter-Kind https://ansch.4lima.de/pflegevater-pflegemutter-kind/ https://ansch.4lima.de/pflegevater-pflegemutter-kind/#comments Sat, 27 Oct 2012 19:46:20 +0000 https://anschlaege.at/?p=3619 Ein Großteil der Kinder wächst bei den Baatombu nicht bei ihren biologischen Eltern auf, sondern bei Pflegeeltern. In ganz Westafrika ist die Ansicht weit verbreitet, dass die Erziehung durch andere sehr förderlich für die Kinder ist. Von ERDMUTE ALBER

 

Wer hat keine eigenen Erinnerungen an das Rollenspiel „Vater-Mutter-Kind“, bei dem Kinder nachspielen, wie sie die Welt der Familie erleben oder sich eine heile Familienwelt vorstellen. Europäische Kinder spielen bei „Vater-Mutter-Kind“ fast stets Szenen aus vollständigen, zusammenlebenden und meist friedlichen Kleinfamilien nach. Sie verbringen den Alltag gemeinsam, nur das Kind, das den Vater spielt, steht irgendwann auf und geht zur Arbeit. Als ich ein Kind war, wollte ich meistens den Vater spielen, der seine Aktentasche nehmen und gehen konnte.
Dieses Familienbild wird, allen tiefverwurzelten Vorstellungen und Erwartungen zum Trotz, früher wie heute nicht von allen Menschen gelebt. Mein Blick über den europäischen Tellerrand hinweg nach Westafrika zeigt, dass dort andere Familienmodelle seit Jahrhunderten existieren. Sie waren für die Menschen ebenso selbstverständlich wie das Vater-Mutter-Kind-Modell des 20. Jahrhunderts in Mitteleuropa. Und wie dieses sind auch die anderen Familienmodelle Wandlungsprozessen unterworfen, die oftmals langsamer verlaufen als eine sich schnell verändernde gelebte Realität.

Bei anderen als den leiblichen Eltern aufwachsen. In Westafrika gehört die Vorstellung, dass Kinder möglichst bei ihren leiblichen Eltern aufwachsen sollen und nur im Krisenfall weggegeben werden, nicht zu den grundlegenden Elternschaftsvorstellungen. Vielmehr wird das Weggeben eines Kindes an andere, für eine Zeit oder für viele Jahre, als selbstverständlich und durchaus normal angesehen. Wenn ein Kind in einer anderen Familie aufwächst, so die Vorstellung vieler, kann es Dinge lernen, die es zuhause nicht lernt. Es kann dort besser erzogen werden, Zugang zu Schulen haben, oder es kann dadurch auch einfach eine besondere Beziehung zwischen den sozialen Eltern – den Pflegeeltern – und den leiblichen Eltern des Kindes aufgebaut werden.
Und schließlich wird die Zuständigkeit für Kinder als die wichtigste Aufgabe der sozialen Gemeinschaft angesehen – weswegen Onkel und Tanten als ebenso berechtigt zur Erziehung der Kinder gelten wie die leiblichen Eltern.
Aus diesen und anderen Gründen ist die Kindspflegschaft in Westafrika besonders weit verbreitet. Zwischen zehn und dreißig Prozent der Kinder wachsen je nach Land, Region, Geschlecht und Ethnie nicht bei ihren biologischen Eltern auf. Diese Praxis wird nicht als negativ für die Kinder, ihre Entwicklung und ihren weiteren Lebensweg angesehen; weit verbreitet ist die Ansicht, dass die Pflegschaft bei anderen als den biologischen Eltern der Erziehung der Kinder förderlich sei.

Um ein Kind bitten. Die Baatombu in Nordbenin sind eine Gruppe von Ackerbauern, die innerhalb des westafrikanischen Kontinuums einen Extrempunkt darstellen. Bei ihnen war die Kindspflegschaft bis vor wenigen Jahrzehnten nicht nur eine Möglichkeit unter mehreren, sondern das vorherrschende Modell von Elternschaft: Fast alle Baatombu-Kinder wuchsen nicht bei den biologischen Eltern auf, sondern bei Pflegeeltern.
Die meisten Kinder kamen in der Zeit zwischen dem Abstillen und dem siebten Lebensjahr zu ihren Pflegeeltern (meist Onkeln bzw. Tanten oder die Großeltern, sowohl mütter- als auch väterlicherseits). Zu dieser Norm der frühen Übergabe gehörte die Vorstellung, dass ein Kind idealerweise gar nicht die Namen seiner leiblichen Eltern kennen sollte. Es hielt also die Pflegeeltern für die „richtigen“ Eltern. Mädchen wurden von Frauen zu sich genommen, Jungen von Männern. Die soziale Mutter oder der soziale Vater erfüllte dabei nahezu alle Funktionen von Elternschaft (z.B. Erziehung, Essen, Kleidung).
Charakteristisch für diese Beziehung ist die Vorstellung (die noch heute im dörflichen Kontext weit verbreitet ist), dass die biologischen Eltern nicht das Recht haben, ihre Kinder für sich zu beanspruchen. Ein weiteres zentrales Merkmal der sozialen Elternschaft bei den Baatombu ist, dass die biologischen Eltern nicht die sozialen Eltern für ihre Kinder auswählen, sondern dass diese selbst um ein Kind bitten. Vergleichbar ist dieser Vorgang mit der Bitte um die Hand einer Tochter, nur dass er mit weniger Gaben und Gütertransfers verbunden und auch insgesamt weniger ritualisiert ist. Ähnlich wie bei der Heirat ist mit der sozialen Elternschaft die Übergabe von bestimmten Verfügungsrechten verbunden: hier ist es die Verfügung über ein Kind, über dessen Arbeitskraft, seine Zukunftschancen, seine potenziellen Versorgungsleistungen, sowie die Übernahme der Pflicht, das Kind in das Erwachsenendasein zu begleiten und ihm dafür die notwendigen Qualifikationen zu geben.
Es gibt einen wichtigen Unterschied zwischen der Annahme von Jungen durch Männer und der von Mädchen durch Frauen: Soziale Elternschaft ist für die Frauen wichtig, um ihre Position im Ehegehöft zu stärken und um jemanden aus der „eigenen“ Familie bei sich zu haben. Da Frauen in den Gehöften ihrer Ehepartner als „Fremde“ leben und ihre biologischen Kinder ihnen nicht gehören, sind die angenommenen Kinder Garanten von Loyalität, aber auch von gestärkten Verwandtschaftsbeziehungen zur Herkunftsfamilie. Aus diesem Grund halten Frauen wesentlich stärker als Männer an der sozialen Elternschaft im traditionellen Sinne fest.

Wandlungsprozesse. Die soziale Elternschaft existiert im dörflichen Kontext der Baatombu heute als eine von mehreren Formen von Kindheit, hat sich jedoch im Laufe der Kolonisierung und der post-kolonialen Entwicklung stark verändert. Die sozioökonomische Grundlage der sozialen Elternschaft war, dass die Lebenschancen von Kindern nicht davon abhingen, bei wem sie aufwuchsen. In Nordbenin wurden Land und andere Produktionsmittel der bäuerlichen Wirtschaft nicht vererbt, sondern standen nahezu unbegrenzt zur Verfügung. Dadurch war für den ökonomischen Erfolg von Menschen relativ unwichtig, bei wem sie ihre Kindheit und Jugend verbrachten.
Mit der Möglichkeit, durch schulische Bildung alternative Laufbahnen einzuschlagen und sozial aufzusteigen, hat sich dies grundlegend geändert. Für den wirtschaftlichen Erfolg von Erwachsenen ist wichtiger geworden, welche Bildungseinrichtungen ein Kind besucht – und damit begannen innerfamiliäre Auseinandersetzungen, wer über diese Zukunftschancen entscheidet. Unter dem Einfluss von christlichen Kolonialherrn und französischer Verwaltung, die das europäische Familienmodell favorisierten, setzte sich auch in den Dörfern mehr und mehr der Gedanke durch, dass die Lebenschancen der Kinder von den biologischen Eltern mitbestimmt werden sollen. Da jedoch auch viele vorkoloniale Praktiken und Regelungen beibehalten wurden, entstand eine Vielzahl von Meinungen zur Elternschaft.  Ein massiver Wandlungsprozess der sozialen Elternschaft, der zur Herausbildung neuer Formen geführt hat, die alte und neue Elemente integrieren, setzte jedoch nicht so sehr innerhalb der dörflichen Bevölkerung ein, sondern zwischen Dorf und Stadt. Seit etwa vierzig Jahren werden Kinder aus der Stadt nicht mehr von DorfbewohnerInnen angefragt. Allgemein wird davon ausgegangen, dass Stadtkinder durch Schulbildung Zugang zu den neuen Aufstiegsmöglichkeiten haben, und ihre städtischen Eltern ein Familienbild bevorzugen, bei dem die biologischen Eltern für ihre Kinder sorgen.
Im Verhältnis zwischen Stadt und Land geht der Austausch von Kindern heutzutage in eine Richtung: Nur die Menschen in der Stadt bekommen Landkinder angeboten oder fragen nach ihnen. Diese Kinder gehen in der Stadt zur Schule oder machen dort eine Ausbildung und arbeiten zugleich in den städtischen Haushalten mit. Diese Aufnahme von Kindern in der Stadt hat für beide Seiten Vorteile: Die ländlichen Haushalte können ihren Kindern Zugang zu Bildungseinrichtungen besorgen, die städtischen haben Arbeitskräfte.
Manchen städtischen Haushalten, die Kinder aufnehmen, wird jedoch auch nachgesagt, dass sie sie nehmen, um Arbeitskräfte zu haben – womit sie sie letztendlich ausbeuten. Daher gibt es inzwischen auch Institutionen, die die soziale Elternschaft als eine Form des Kinderhandels ansehen und Eltern davor warnen, ihre Kinder wegzugeben. Zugleich werden auch im städtischen Kontext manche alten Normen beibehalten. So sind StädterInnen wie DorfbewohnerInnen fest davon überzeugt, dass es gut für Kinder ist, nicht ausschließlich bei den biologischen Eltern aufzuwachsen. Jahrelange, aber gleichwohl temporäre Abwesenheiten der Kinder wegen Schulbesuch, Ausbildung oder nur, „um Erfahrungen zu machen“, werden von allen Beteiligten gutgeheißen. Die europäische Vorstellung, dass der Wechsel von Bezugspersonen Schaden anrichten könne, wird nicht geteilt.
Im Zuge dieses Wandlungsprozesses sind Kindheiten in Nordbenin heutzutage vielfältiger geworden, und es wird gerade auch über die sich wandelnden Normen unablässig gestritten und verhandelt. Dass Baatombu-Kinder „Vater-Mutter-Kind“ spielen, habe ich jedoch nie beobachtet, nicht einmal bei denen, die mit ihren leiblichen Eltern aufwachsen.

Erdmute Alber ist Professorin für Sozialanthropologie an der Universität Bayreuth Erdmute und erforscht Prozesse gesellschaftlicher Veränderungen vor allem in Westafrika.

 

]]>
https://ansch.4lima.de/pflegevater-pflegemutter-kind/feed/ 1
an.sage: Das FLOTUS-Phänomen https://ansch.4lima.de/das-flotus-phanomen/ https://ansch.4lima.de/das-flotus-phanomen/#respond Sat, 27 Oct 2012 19:36:28 +0000 https://anschlaege.at/?p=3617 First Ladys sollten sich ein Beispiel an JOACHIMM SAUER nehmen. Von FIONA SARA SCHMIDT]]>

Ein Kommentar von FIONA SARA SCHMIDT

 

Eine alte feministische Erkenntnis variierte Michelle Obama kürzlich in ihrer vielgelobten Rede, in der sie um die Wiederwahl ihres Mannes warb: „Für Barack sind diese Probleme nicht nur politische, sondern auch persönliche.“ FLOTUS (First Lady of the United States) erläuterte, wie sehr ihr aus ärmlichen Verhältnissen aufgestiegener Ehemann als Person selbst den amerikanischen Traum verkörpere. Auch andere Frauen stärken Barack den Rücken: In der Kampagne „Women for Obama“ bekennt sich neben Stars aus der Unterhaltungsbranche auch die Feministin Gloria Steinem zu ihm.
Bis Ende September hat Obamas Partei einen Spendenrekord von bislang 181 Millionen Dollar eingefahren – das ist vor allem der wohl besten PR-Arbeit der Welt zu verdanken, mit perfekten Fotos auf Facebook und grotesk persönlich anmutenden E-Mails. „Michelle“ schreibt darin z.B., wie sie „Barack“ wegen seiner ergrauten Haare aufzieht – obwohl er sich jedes einzelne hart verdient hätte. Sie sei immer wieder erstaunt, wie er seine Pflichten als Präsident, Ehemann und Vater unter einen Hut bekäme. Manchmal bräuchte allerdings selbst einer wie er Hilfe – und zwar finanzielle. „Friend …“, beginnen diese E-Mails, und sie enden mit der Bitte um „drei Dollar oder was immer du geben kannst“, unterzeichnet von „Michelle“.
Im Wahlkampf 2008 musste die zukünftige FLOTUS noch um Vertrauen werben, die Juristin galt als zynisch und verkopft. Inzwischen darf sie selbstbewusster auftreten und bekennt im Wahlkampf offen, dass die sexuelle Orientierung im Militär keine Rolle mehr spielen dürfe. Ihr Mann stehe außerdem dafür ein, dass Frauen selbst über ihren Körper entscheiden dürfen.
Doch inhaltlich eine eigene Position zu vertreten oder gar in bestimmten Fragen auf kritische Distanz zum Programm ihres Mannes zu gehen, ist natürlich weiterhin nicht drin, solange die Wahlkampfmaschine läuft. Diese verlangt Boulevard und Kitsch: Michelle steht um halb fünf morgens auf, kümmert sich um den präsidialen Gemüsegarten und dicke Kinder, hält ihre trainierten Oberarme und den Demokraten-blauen Nagellack in die Kamera, feiert den Geburtstag ihres Hundes Bo und holt mit Barack das romantische Abendessen zum zwanzigsten Hochzeitstag nach, das wegen des TV-Duells ausfallen musste.


Die 48-Jährige wirkt mit zwei Töchtern im Teenageralter und Designerkleidern eine ganze Generation jünger als die 63-jährige Hausfrau und Mutter Ann Romney. Das republikanische Gegenstück zu Michelles „Women for Obama“ sind Anns „Moms for Mitt“. Ann hat einen Abschluss in Französisch, auf eine eigene berufliche Karriere verzichtete sie aber bewusst und sogar gegen den Widerstand von Eltern und FreundInnen. Die Mutter von fünf Söhnen hat zwei schwere Krankheiten überwunden, heute ist sie fulltime als „Mitt-Stabilizer“ und karitativ tätig. In ihrer Rede lobte sie vor allem den seit über vierzig Jahren treu sorgenden Familienmenschen Romney. Beim Wettbacken konnte Ann Michelle allerdings trotz ihrer Erfahrung im Haushalt nicht schlagen: Obamas schwarz-weiße Schoko-Cookies gewannen gegen Romneys M&M-Kreation.
Seit Hillary Clinton (die gegen Barbara Bush einst das Wettbacken eröffnete) Karriere gemacht hat und Michelle Obama zu Everybody’s Darling wurde, steigen die Erwartungen an die First Ladies. Heute sind sie längst mehr als lächelnde Beisteherinnen, aber eben doch auf ihre Rolle als Ehefrau festgelegt. Die Frage ist nun, ob die erste Dame im Staat – nach einiger Zeit immer beliebter als der Präsident – auch als Politikerin, Richterin oder in anderen öffentlichen Ämtern so angesehen bleiben kann. Als Alternative (allerdings in den USA kaum vorstellbar) bliebe sonst nur das Modell Joachim Sauer. Der deutsche Kanzlerinnengatte nimmt nur manchmal am Damenprogramm teil, das nur für ihn in Partnerprogramm umbenannt wurde. Ansonsten äußert sich der renommierte Chemieprofessor und „prima Kerl“ (Merkel) in Interviews nur zu wissenschaftlichen Themen.

]]>
https://ansch.4lima.de/das-flotus-phanomen/feed/ 0
an.künden: Medienkompetenz https://ansch.4lima.de/an-kunden-medienkompetenz/ https://ansch.4lima.de/an-kunden-medienkompetenz/#respond Tue, 02 Oct 2012 16:08:40 +0000 https://anschlaege.at/?p=3534 Linke Medienakademie erstmals in Wien]]>

Die Linke Medienakademie (LiMA) macht erstmals Station in Wien und bietet Medienkompetenz-Training für kritische Köpfe. Spannende Vorträge und Diskussionen zu Themen wie Urheberrecht, Medienaktivismus oder Datenjournalismus regen zum Nachdenken, zahlreiche Workshops zum Mitmachen an: Neben Interviewführung, Rhetorik und Social Media werden dort die an.schläge gemeinsam mit migrazine.at das ABC feministischer Medienarbeit erklären.

6.–7.10.: Linke Medienakademie, Neues Institutsgebäude, Universitätsstr. 7, 1010 Wien, www.linke-journalisten.de/LiMAwien12/events.de.html

]]>
https://ansch.4lima.de/an-kunden-medienkompetenz/feed/ 0
an.künden: Queere Tage https://ansch.4lima.de/an-kunden-queere-tage/ https://ansch.4lima.de/an-kunden-queere-tage/#respond Tue, 02 Oct 2012 15:55:00 +0000 https://anschlaege.at/?p=3527 Queerfeministisches Festival und Queerfilm Festival in Bremen]]>

Gleich zwei queere Festivals finden Anfang Oktober in Bremen statt: Diskussionen, Workshops, Partys und Konzerte warten auf die Besucher_innen des queerfeministischen Festivals „Q*Flash“. Für Filmfreund_innen präsentiert das „Queerfilm Festival“ eine unterhaltsame Mischung aus Spiel-, Dokumentar- und Kurzfilmen zum Thema schwule, lesbische und transgender Lebensweisen. Insgesamt also zehn Tage lang queeres Programm in Bremen!

4.–7.10.: Q*Flash: Queerfeministisches Festival Bremen, 28195 Bremen, div. Veranstaltungsorte, Programm und Info unter http://Qflash.blogsport.de
9.–14.10.: Queerfilm Festival Bremen, 28195 Bremen, div. Veranstaltungsorte, Einzelticket € 7/ 5, Programm und Info unter T. 0421/449 635 85, www.queerfilm.de

]]>
https://ansch.4lima.de/an-kunden-queere-tage/feed/ 0
„Sehr, sehr wütend“ https://ansch.4lima.de/sehr-sehr-wuetend/ https://ansch.4lima.de/sehr-sehr-wuetend/#comments Tue, 02 Oct 2012 13:21:40 +0000 https://anschlaege.at/?p=3509 Warum wir alle gemeinsam mit den Frauen, die von Armut betroffen sind, an den Strukturen unserer Gesellschaft rütteln sollten. Ein Plädoyer für eine Neuverteilung von Arbeit und Vermögen. Von MARTINA MADNER

 

Einmal von Armut betroffen zu sein, das hätte sich weder Maria Stern noch Susanne Stockinger früher vorstellen können. Die Armut kam trotzdem: bei Maria Stern nach ihrer Scheidung, bei Susanne Stockinger als sie ihren Job verlor und nach einer langen Phase der Arbeitslosigkeit in Pension ging.

Andere leben von Beginn an in Armut, weil schon ihre Eltern zu wenig zum Bestreiten ihres Lebensunterhalts hatten und die Armut an die nächs­te Generation weitervererbt wurde. Einige geraten in Armut, weil ihnen der Einstieg in die bezahlte Erwerbsarbeit nicht gelingt, entweder wegen mangeln­der Bildung oder weil der Arbeitsmarkt trotz guter Ausbildung nur prekär bezahlte Jobs bietet – um nur einige Beispiele zu nennen. Armut trifft aber auch jene, die sich selbst der Mittel­schicht der Gesellschaft zurechnen und lange Zeit durchaus ein gutes Auskom­men fanden: mit Familie, solider Ausbil­dung und gut bezahlten Jobs, Urlaub, Auto und Wohnung. Jene, die, materiell scheinbar gut abgesichert, einen ganz traditionellen Lebensverlauf gewählt haben. Aber auch dieser Lebensentwurf kann zu Armut führen, insbesondere bei Frauen. Und das nicht obwohl, sondern weil sie allen Konventionen, die ein konservativ nach klassischem Muster gelebtes Frauenleben so vorsieht, ent­sprochen haben.

Zehn bis zwanzig Euro im Monat für Essen. Maria Stern lebte nach ihrer Scheidung als Alleinerziehende mit ihren drei Kindern, alle noch im Kin­dergarten und in der Volksschule. Sie arbeitete halb­tags als Lehrerin. Mit dem Unterhalt für die Kinder ging es sich finan­ziell aus, Miete, Schulkos­ten, Klei­dung, Essen waren leistbar. Dann stellte ihr Ex-Mann die Unterhaltszahlungen ein, er hatte den Job verloren. Das Jugendamt, das Unterhaltszahlungen vorstrecken sollte, sträubte sich, einen Vorschuss zu leisten. Im Raum stand, dass der Ex dauerhaft erwerbsunfähig sein könnte und das Jugendamt das Geld vom dreifachen Kindsvater deshalb möglicherweise nicht eintreiben würde können. Eine Gesetzeslücke, nach der Kinder von erwerbsunfähigen Vätern im Vergleich zu jenen, bei denen zumin­dest die Chance auf eine neuerliche Erwerbsarbeit besteht, benachteiligt werden – und die die Bundesregierung nach wie vor nicht geschlossen hat.1

Damit hatte Maria Stern plötzlich neunhundert Euro weniger pro Monat zum Leben. Rückblickend bezeichnet sie sich und ihre Familie als von abso­luter Armut Betroffene. „Ich musste überlegen, ob ich neue Gummistiefel für die Kinder besorge, weil sie schon eine Nummer zu klein sind oder es doch noch hinausschiebe, weil ich das Geld für Essen brauche“, sagt Maria Stern. In Zahlen bedeutet das, dass ihr und ihren drei Kindern nach Abzug aller Fixkosten, Energie, Miete, Telefon, nur noch zehn bis zwanzig Euro im Monat für Essen übrig blieben. Eventuelle Reserven sind in solchen Situationen rasch weg und das Minus auf dem Konto wächst bedrohlich. Der Kampf mit den Behörden um eventuelle soziale Unterstützung und den Unterhaltsvor­schuss zog sich währenddessen weiter hin. „Das bedeutet Stress, immer mehr Isolation, Verzweiflung, Depressionen, mein Nervenkostüm war sehr dünn“, erklärt Stern. Von den Behörden erhielt sie immer wieder andere Auskünfte, was zu tun sei. Das Warten machte sie ohnmächtig. Dann wurde sie wütend. „Sehr, sehr wütend“, sagt sie, „ich habe lange gebraucht, bis ich die Schuld nicht mehr bei mir gesucht, sondern erkannt habe, dass die Strukturen dafür sorgen, dass ich selbst als Akademikerin mit einer guten Ausbildung an den Rand der Gesellschaft gedrängt wurde.“ Damit ging es ihr besser, sie setzte sich zur Wehr und versuchte, einen neu­en Arbeitsvertrag mit mehr Stunden zu bekommen, was ihr gelang. Stern versteckte sich nicht mehr und sprach offen über ihre finanzielle Situation – auch bei öffentlichen Veranstaltungen, mit Medien und mit PolitikerInnen. Sie rüttelte an den Strukturen und macht das heute noch als Künstlerin mit ihren Liedern, obwohl sie selbst mittlerweile nicht mehr von Armut betroffen ist.2

Jede Menge unbezahlter Arbeit. Dass Armut von gesamtgesellschaftlichen Strukturen verursacht wird, steht außer Frage. Diese Strukturen gaukeln Frauen (und Männern) vor, dass sie mit Leistungsbereitschaft ihre Existenz absichern können. Zugleich wird aber die Leistung in der Erziehungs-, Pfle­ge- und Hausarbeit weiterhin gering geschätzt. Diese unbezahlte Arbeit wird immer noch zu zwei Dritteln von Frauen erledigt und Berufe in diesen Berei­chen deutlich unter dem Durchschnitt entlohnt. Frauen bleibt dabei häufig nur das Modell des bloßen Dazuverdienstes, denn eine Vollzeiterwerbsarbeit wird vor allem durch fehlende Kinderbetreu­ungsangebote erheblich erschwert. Es sind Strukturen, die Vermögenswerte als rechtens erwirtschaftet und als nicht antastbar definieren, aber bei Erwerbs­arbeit mit hohen Steuersätzen und Sozialabgaben zugreifen. Strukturen, in denen Arbeits­lose ab 45 bzw. Frauen schon ab vierzig Jahren für den Arbeits­markt zu „alt“, aber für den Pensionsantritt zwanzig Jahre zu jung sind, und die vielen Frauen wegen einer deutlich zu geringen Pension auch im Alter kein ei­genständiges Leben erlauben. Die Folge davon ist, dass in Österreich mindestens 281.000 Frauen von Armut betroffen sind und eine weitere halbe Million Frauen als von Armut gefährdet gilt.

Armut im Alter. Susanne Stockinger ist eine dieser Pensionistinnen, die von sich sagt, dass sie armutsgefährdet ist. Sie kann sich z.B. ihre Wohnung nur deshalb leisten, weil einer ihrer erwachsenen Söhne bei ihr wohnt und zu den Mietkosten beiträgt. Nach einer sieben Jahre andauernden Arbeitssuche ist die heute 62-Jährige seit 2000 in Invaliditätspension. „Ich habe bei einer Bank gearbeitet und ganz gut verdient. Als ich bei einer Umstrukturierung mit 43 ‚ausgeschieden‘ wurde, dachte ich, dass es kein Problem sein wird, einen neuen Job zu finden“, sagt Stockinger rückblickend. „Da habe ich mich sehr getäuscht.“ Eine neue Arbeitsstelle als Großhandelskauffrau zu finden, erwies sich bald als utopisch. „Ich habe dann vom Empfang über Portierstellen bis hin zu befristeten Vertretungsjobs alles angenommen, was irgendwie nach Büro klingt. Ich dachte, wenn ich einen Fuß in einer Firma drin habe, kann ich mich beweisen, und dann wird es was mit einer fixen Stelle.“ Aber als es in einer Firma tatsächlich offene Stellen gab, wurde Jüngeren der Vorzug gegeben: „Es hat mir zwar niemand direkt gesagt, aber ich habe gespürt, dass ich mit Mitte vierzig offenbar als zu alt galt.“ Stockinger versuchte es trotzdem immer wieder von Neuem, gründete den Verein „AhA – Arbeitslose helfen Ar­beitslosen“, um andere in der gleichen Situation ehrenamtlich zu unterstützen und ihnen genau wie sich selbst Mut zu machen.3

Auf Anraten des AMS-Beraters stellte sie schließlich einen Pensionsantrag. Mit einem siebzigprozentigen Behin­derungsgrad wegen einer Sehschwä­che – den sie bei der Arbeitssuche immer verschwiegen hatte, um ihre Jobchancen nicht zu mindern – wurde ihr die Invaliditätspension gewährt: „Das Problem dabei ist nur, dass diese Pension eben sehr klein ist und ohne die Witwenpension und die Unterstützung der Kinder Neuanschaffungen wie eine Waschmaschine nicht drin wären.“ Pro­blematisch ist aber auch, dass sie selbst mit Arbeit bis zum regulären Pensi­onsalter nicht viel mehr Geld erhalten hätte. Stockinger hatte wegen ihrer vier Kinder lange Arbeitsunterbrechungen und in jungen Jahren immer nur Teilzeit gearbeitet. Heute ist es ihr deshalb wichtig, jüngere Frauen auf diese Teil­zeitfalle aufmerksam zu machen.

Vollzeit alleine ist keine Lösung. Das typische Frauenerwerbsleben rächt sich: Die Arbeiterkammer zeigt auf, dass ein Jahr Arbeitsunterbrechung die Pension um zwei Prozent vermindert, ein Jahr Teilzeit reduziert die Pension um ein Prozent. Eine Unterbrechung von fünf Jahren und 15 Jahre Teilzeit reduziert eine Pension am Ende des Erwerbsle­bens von 1.250 Euro auf 1.000 Euro, im Vergleich zu einer Frau mit demsel­ben Einkommen, die nur drei Jahre mit ihren Kindern in Karenz war und sonst Vollzeit gearbeitet hat.

Schon dieses Beispiel zeigt, dass es im Kampf gegen Frauenarmut um eine Neuverteilung von Einkommen und Arbeit gehen muss. Neben der Umver­teilung von bezahlter und unbezahlter Arbeit könnte eine Verkürzung der regulären jährlichen und wöchentlichen Erwerbsarbeitszeit neue Stellen schaf­fen. Bei gleich bleibenden Löhnen er­hielten ArbeitnehmerInnen damit auch einen höheren Anteil am erwirtschafte­ten Erfolg der Unternehmen. Theore­tisch, denn in der politischen Praxis bestimmen das Wirtschaftswachstum und damit die Rücksichtnahme auf die Unternehmen den Diskurs. Und die momentane Diskus­sion um Zuschuss-Renten in Deutsch­land zeigt, dass die Neuverteilung von Erwerbsarbeit nur ein Teil der Lösung ist. Ausgangspunkt war schließlich Arbeitsministerin Ursula von der Leyens Erkenntnis, dass Alters­armut auch jene treffen kann, die 35 Jahre lang Vollzeit gearbeitet hätten, aber weniger als 2.500 Euro brutto monatlich verdienen. Das zeigt, dass Er­werbsarbeit zur Alterssicherung alleine oft nicht reicht.

Diskutiert werden muss also auch über neue Standbeine für die soziale Absi­cherung: über den Anteil, den private Vermögenswerte dazu beitragen könn­ten; den Ausbau von öffentlicher Infra­struktur wie Kinderbetreuung, Pflege, aber auch leistbarem Wohnraum und öffentlichem Verkehr, der insbesondere Frauen finanziell und zeitlich entlastet und außerdem Arbeitsplätze schafft – und das sind nur ein paar Beispiele. Es geht jedenfalls darum, individuelle Probleme von einzelnen wie Maria Stern und Susanne Stockinger als jene der gesamten Gesellschaft zu begrei­fen – und sie gegen die verursachenden Strukturen nicht alleine ankämpfen zu lassen.

Martina Madner ist freie Journalistin und Autorin in Wien.

Fußnoten:

1 Sechzig Prozent der Kinder und Jugendlichen in Österreich bekommen zu wenig, 17 Prozent gar keine Alimente. Kinder und Jugendliche von Alleiner­ziehenden sind doppelt so oft von Armut betroffen wie andere Kinder. Maria Stern sammelt deshalb mit anderen Engagierten Un­terschriften, um damit von der Regierung einzufordern, für jedes Kind ein Recht auf Unterhaltsvorschuss zu gewährleisten. Petition „Kindesunterhalt? Ja, Bitte!“ www.npobase.com/kindesun­terhalt-ja-bitte

2 Maria Stern ist Allein­erzieherin, Lehrerin und Songwriterin. Bekannt wur­de sie mit dem „Swarovski Song“, ihrer Antwort auf Fiona Swarovskis Ratschlag, die Armen sollten doch Gemüse auf der Terrasse pflanzen. Mehr über ihre Musik auf www.myspace.com/mariastern.

3 Der Verein „AhA – Arbeitslose helfen Arbeitslo­sen“ in Linz bietet kostenlo­se Beratung für Arbeitsu­chende, speziell für jene ab vierzig Jahren. Es geht um die Vermittlung zwischen AMS und Arbeitsuchenden bei persönlichen Problemen, aber auch darum, sich unter Betroffenen auszutauschen und mit der eigenen Ar­beitslosigkeit besser fertig werden. www.vereinaha.at

]]>
https://ansch.4lima.de/sehr-sehr-wuetend/feed/ 1
zeitausgleich: Teambuilding https://ansch.4lima.de/zeitausgleich-teambuilding/ https://ansch.4lima.de/zeitausgleich-teambuilding/#respond Tue, 02 Oct 2012 12:28:18 +0000 https://anschlaege.at/?p=3505 Illustration: Nadine KappacherG. muss mit seiner Firma zwei Tage auf Teambuilding-Seminar. Von IRMI WUTSCHER ]]> Illustration: Nadine Kappacher

arbeitsfragen in allen lebenslagen

G. muss mit seiner Firma zwei Tage auf Teambuilding-Seminar. Er ist nicht begeistert. Die dort gerne praktizierten Wir-reden-uns-alles-von-der-Seele-und-können-uns-dann-mit-allen-Schwächen-und-Stärken-annehmen-Sitzungen werden in Wahrheit ja gerne dazu verwendet, die Schwächen anderer auszuspionieren und sie später unbarmherzig gegen sie zu verwenden. Mein Lieblingssatz zu diesem Thema von einem Kollegen nach einer Mediation ist: „Was früher ein schwelender Konflikt war, ist jetzt erbitterter Krieg.“ Teambuilding-Seminare sollte man also nicht auf die leichte Schulter nehmen.
G. soll für den ersten Tag eine Power-Point-Präsentation über sich selbst vorbereiten, genauer: über seine Aufgaben und seine Schwachpunkte. Ganz klar: In so einem Fall können nur Schwächen aufgeschrieben werden, die eigentlich Stärken sind. Ich schlage ihm vor: „Ich bin zu engagiert und opfere mich immer zu sehr für die Firma und die KundInnen auf.“ Mir würde das gut gefallen, gemeinsam mit einer Clipart oder einem lustigen Comic, in dem ein Männchen fröhlich Aktenberge schupft o.Ä. Das Ganze in einer effektbeladenen Präsentation, in der alles mit einem „Wuuusch“-Geräusch auf den Folien erscheint. G. will aber nicht so dick auftragen. Schade. Aber dann schreibt er als Schwäche „KundInnenzufriedenheit vs. Effizienz“ auf. Soll signalisieren: Ich würde gerne ALLES für die KundInnen tun, gleichzeitig für die Firma möglichst viel in kurzer Zeit leisten und dieses Dilemma ist mein großer Schwachpunkt. Gar nicht schlecht. Zurück vom Teambuilding erzählt G., dass sich seine KollegInnen gar nicht so geziert hätten, was Schwächen betrifft. Angeführt wurde etwa „Ich kann mir gar nix merken“ genauso wie: „Ich stinke“. Wobei bei letzterem Geständnis ein Bravourstück der Schwäche-zu-Stärke-Umdeutung demonstriert wurde: „Ein Kunde hat mir gesagt, ich stinke“, berichtete der Seminarteilnehmer, der im Verkauf tätig ist. „Das beweist, dass ich schon so eine Nähe zu den KundInnen aufgebaut habe, dass sie mir so etwas Intimes sagen können!“

Irmi Wutscher hat für diese Kolumne mit G. ein Team gebildet, indem sie schamlos Geschichten aus seinem Arbeitsleben geklaut hat.

]]>
https://ansch.4lima.de/zeitausgleich-teambuilding/feed/ 0
lesbennest: Will It Smell Like Teen Spirit? https://ansch.4lima.de/lesbennest-will-it-smell-like-teen-spirit/ https://ansch.4lima.de/lesbennest-will-it-smell-like-teen-spirit/#respond Tue, 02 Oct 2012 12:13:51 +0000 https://anschlaege.at/?p=3499 LesbennestSo, I got the invitation for my 20th highschool reunion. Von DENICE ]]> Lesbennest

the fabulous life of a queer femme in action

So, I got the invitation for my 20th highschool reunion. And I can’t make up my mind whether to go or not. To help me with my decision I decided to do the old „pros and cons“-list. Because, you see, if there is one thing I hate, it is making the wrong call. And I’m always taking it to the extreme. I can be found rocking back and forth crazy-lady-style for having ordered the „wrong“ pizza (after having eaten it all, I should add). And, since the reunion is kind of a „once in a lifetime“-thing and not a disgusting Pizza Cipolla with too many onions, there is a huge risk of a complete meltdown in Bourbon Town if I don’t get it right this time.

Cons:

• It is in a town in the middle of nowhere in the middle of Sweden. In November. Cleaning my ears in the morning is more exciting than that godforsaken dump. This means that I would have to invest in flights and trains and precious time to even get there. And oh, did I say it’s in November? Do you know what the middle of Sweden is like in November? Drape yourself in a wet, stinking wool blanket, crawl into your fridge and close the door. There! Difference is, your fridge probably has more interesting and colourful inhabitants.

• I have actually not seen 99% of my former classmates in the last 20 years. Most likely for a reason.

Pros:

• I will glide into the bowling hall (Yes. The bowling hall. Don’t ask …) being the decadent diva I am, dazzling everybody with my oh-so-exciting life while they will show pictures of their snotty babies. Me vs All the rest – 10:0.

• I will finally find out who turned out queer. And I will have my gaydar set on full blast for this one.

• I will smooch up at least three sad unfulfilled housewives, giving them a moment of lesbian bliss. That is a plan that I am very sure will go my way since I will pack my Shane-moves and some lube. Question is, is it worth 500 bucks to explore this slightly arrogant plan of mine? Or will I end up in a corner, wearing ugly bowling shoes, sipping moonshine from a plastic cup while watching straight people who can’t dance do the „Lambada“?

Illustration: Nadine Kappacher

Denice was quite the Queen of her highschool. That is how she remembers it, so it must be true.

]]>
https://ansch.4lima.de/lesbennest-will-it-smell-like-teen-spirit/feed/ 0
lebenslauf: Ladyfriends https://ansch.4lima.de/lebenslauf-ladyfriends/ https://ansch.4lima.de/lebenslauf-ladyfriends/#respond Tue, 02 Oct 2012 12:02:37 +0000 https://anschlaege.at/?p=3492 lebenslauf_anschlaege_juni_2012Ich bin in dem Alter, in dem für vieles, was mir früher wichtig war, nicht mehr genug bzw. gar keine Zeit ist und in dem neue Prioritäten gesetzt werden müssen. Von CHRISTIANE ERHARTER]]> lebenslauf_anschlaege_juni_2012

auch feministinnen altern

Ich bin in dem Alter, in dem für vieles, was mir früher wichtig war, nicht mehr genug bzw. gar keine Zeit ist und in dem neue Prioritäten gesetzt werden müssen. Früher bin ich stundenlang durch Plattenläden gestreunt und habe mich durch unzählige Tonträger gehört, bevor ich dann ein, zwei neue erworben habe. Mehr konnte ich mir sowieso nicht leisten, und manchmal habe ich auch gar nichts gekauft. Stundenlang, auch tagelang habe ich Musik gehört. Jetzt fehlt mir dazu die Freizeit und die mit ihr einhergehende Muße. In der mir verbleibenden freien Zeit ist es mir wichtiger, mich mit Freundinnen und Freunden zu treffen. Doch seit mein bester Freund – ich kannte ihn zwanzig Jahre – vor einem Jahr verstorben ist, habe ich eigentlich fast nur noch Freundinnen. Alle sind in einem Alter, in dem sie zeitintensive Jobs haben: Einige sind vollbeschäftigt, einige in mehreren prekären Jobs gleichzeitig tätig und andere arbeiten, um sich das Kunstmachen zu finanzieren. Oder ihre Lebensmittelpunkte haben sich verlagert: Eine ist nach Rotterdam, eine in die Nähe von Athen und eine nach Berlin gezogen, eine ist in Oslo geblieben. Teilweise sind sie in lesbischen oder heterosexuellen Beziehungen und haben Familien gegründet und Kinder bekommen. Manche haben Job, Kind und Partnerschaft. Mit manchen muss ein gemeinsamer Termin – wenn wir uns zu dritt oder viert treffen wollen – zwei Monate im Voraus abgestimmt werden. An dem einen Wochenende ist eine auf Geschäftsreise oder nimmt an einer Konferenz im In- oder Ausland teil. An dem anderen Wochenende besucht eine ihre Eltern oder muss auf eine Familien- oder Geburtstagsfeier. Optimistisch stimmt mich die Tatsache, dass meine Mutter mittlerweile keine Zeit mehr hat, weil sie sich ständig mit ihren ehemaligen Schulfreundinnen trifft. In der Pension haben sie wieder zueinander gefunden. Und müssen sich erst mal erzählen, womit sie die letzten vierzig Jahre so ihre Zeit verbracht haben.

Christiane Erharter hat für die besten Freundinnen und Freunde weniger Zeit als ihr lieb ist.

]]>
https://ansch.4lima.de/lebenslauf-ladyfriends/feed/ 0
an.lesen: Mach mal! https://ansch.4lima.de/an-lesen-mach-mal/ https://ansch.4lima.de/an-lesen-mach-mal/#respond Tue, 02 Oct 2012 11:51:26 +0000 https://anschlaege.at/?p=3456 Ein neues Buch für eine neue DIY-Zielgruppe: Mädchen. Von BETTINA ENZENHOFER ]]>

Die Dinge selbst in die Hand nehmen? Für SONJA EISMANN und CHRIS KÖVER keine Frage. Ihre neue DIY-Zielgruppe: Mädchen. BETTINA ENZENHOFER hat die Anleitung zur Rezension gleich mal ausprobiert.

 

Da will man ja sofort selbst loslegen! Die Frage ist nur noch: Will ich beatboxen lernen? Die Fahrradkette ölen? Oder doch lieber eine Rezension schreiben? Egal wie die Entscheidung ausfällt: Von wem lernt man diese Dinge lieber als von Sonja Eismann und Chris Köver, den Herausgeberinnen des „Missy Magazine“? Denn Selbermachen heißt für die beiden: Es gibt ein gutes Gefühl und somit auch Selbstbewusstsein. Man kann selbst bestimmen, was genau passieren soll. Man kennt die Produktionsbedingungen. Und außerdem macht es unabhängig: „Denn um eure eigene Meinung zu veröffentlichen, eine Radiosendung, eine Platte oder einen Comic rauszubringen, seid ihr nicht darauf angewiesen, dass andere Leute (große Verlage, Radiosender, Plattenfirmen …) eure Sachen für wichtig halten. Ihr macht einfach, was ihr gut findet. Ha!“

So geht das! Dann also eine Rezension schreiben: Die besteht aus Einstieg, Hauptteil und Schluss – und aus einer eigenen Bewertung, ist hier zu lernen. Und obwohl es sinnvoll scheint, erst die Inhaltsangabe und danach die Bewertung abzugeben, müsse der Aufbau nicht zwingend diesem Schema folgen. Hauptsache die Leser_innen werden gut informiert, der Text ist nicht langweilig und die Argumentation nachvollziehbar. Das ganze kann man alleine machen, es kostet nichts und dauert „ein paar Stunden bis einige Monate“. Na dann? Klingt bewältigbar. „Mach’s selbst. Do it Yourself für Mädchen“ richtet sich an 14- bis 16-jährige Mädchen und besteht aus hundertfünfzig bunten Seiten. Denn auch die dritte „Missy“-Herausgeberin Daniela Burger ist mit dabei und diesmal für die Illustrationen und das Layout verantwortlich.

Illustration: Daniela Burger

 

Natürlich wird hier durchgehend die weibliche Anrede verwendet – obwohl sich die Burschen, wie die Herausgeberinnen klar machen, gerne mitgemeint fühlen dürfen, denn „do it yourself ist für alle“. Wem das alles jetzt noch nicht feministisch genug ist, der_die wird spätestens bei den einzelnen, insgesamt 47 DIY-Anleitungen fündig: Neben Klassikern aus dem Crafting-, Musik- oder Handwerksbereich (Wie bohre ich ein Loch? Wie funktioniert DJing? Wie kann ich mir aus einer alten Bluse eine Tasche nähen?) ist nämlich v.a. das Kapitel „Reagieren + Analysieren“ lehrreich. Hier finden sich z.B. Anregungen zum schlagfertig Kontern und dazu, was man gegen Mobbing tun kann. Die Antirassismustrainerin ManuEla Ritz zeigt einen ersten wesentlichen Schritt im Kampf gegen Rassismus – sich nämlich der eigenen Positionierung und den eigenen Erfahrungen bewusst zu werden. Und auch der vierte Punkt dieses Kapitels – „öffentlich sprechen“ – bringt Ideen, wie man bestimmte Situationen besser bewältigen kann. Expertinnen kommen auch an anderen Stellen zu Wort: Die Musikerin Bernadette La Hengst etwa, Bloggerin Annina Luzie Schmid oder Poetry-Slammerin Elisabeth R. Hager. Besonders toll: Comic-Autorin Jule Kruschke zeichnet einen Comic darüber, wie man einen Comicstrip zeichnet. Und das war noch längst nicht alles! Guerilla-Gardening, das eigene WLAN absichern (was war noch mal die „MAC- Adresse“?), die Privatsphäre im Netz schützen, eine Stereoanlage verkabeln undundund – da gibt’s genug zu lernen, nicht nur für Jugendliche. Gedämpft wird die Euphorie über dieses DIY-Buch einzig durch die Anleitung zum „sozialen Engagement“: „Denn für viele Dinge, die gesellschaftlich wichtig sind, ist zu wenig Geld da“. Deshalb sei es wichtig, ehrenamtliche Aufgaben zu übernehmen, steht hier kritiklos. In einer Arbeitswelt, in der Frauen aber ohnehin überproportional oft unbezahlt arbeiten, ist das wahrlich kein notwendiger Hinweis, und der Zielgruppe des Buches wäre stattdessen wohl eher mit einer Anleitung für Lohnverhandlungen geholfen.

Fertig! Nach einigen Stunden des Schreibens sind nun Einstieg, Hauptteil und eigene Bewertung abgehakt, übrig bleibt der schwierige Schluss – er sollte „deine Leserinnen mit etwas Spannendem zum Weiterdenken entlassen“. Nicht nur weiterdenken, liebe Leser_innen. Weitermachen!

Sonja Eismann, Chris Köver: Mach’s selbst. Do it Yourself für Mädchen.
Beltz & Gelberg 2012, 17,50 Euro

]]>
https://ansch.4lima.de/an-lesen-mach-mal/feed/ 0
an.sage: Beyond Price https://ansch.4lima.de/an-sage-beyond-price/ https://ansch.4lima.de/an-sage-beyond-price/#respond Tue, 02 Oct 2012 11:47:59 +0000 https://anschlaege.at/?p=3459 Judith Butler hat den Adorno-Preis mehr als verdient. Von LEA SUSEMICHEL ]]>

Ein Kommentar von LEA SUSEMICHEL

 

2006 hat die Philosophin Judith Butler bei einer Diskussionsveranstaltung Hamas und Hisbollah als „progressiv“ und als „Teil der globalen Linken“ bezeichnet. Diese Aussage ist kritikwürdig, ohne Frage. Doch schon damals hat Butler präzisiert, keineswegs mit den beiden Bewegungen zu sympathisieren und sich stets für gewaltfreie Politik einzusetzen. „Ich habe weder Hamas noch Hisbollah jemals unterstützt“, stellt sie nun auch in Erwiderung auf die heftigen Anschuldigungen klar, die es als Reaktion auf ihre Auszeichnung mit dem Adorno-Preis gab. Denn der Jüdin wird Antisemitismus und Israel-Hass vorgeworfen, auch wegen ihres Engagements bei einer pro-palästinensischen Boykott-Kampagne. Butler erklärte hierzu, sie lehne zwar tatsächlich „Vorträge an israelischen Institutionen ab, die sich nicht eindeutig gegen die Besetzung aussprechen“, sei deswegen aber keineswegs mit sämtlichen Zielsetzungen der Kampagne einverstanden. Es ist natürlich legitim, stattdessen vor jedweder Form eines Boykotts jüdischer Einrichtungen zu warnen, und Butlers Position deshalb trotz ihrer Klarstellungen zu kritisieren. Definitiv nicht legitim ist es jedoch, dies in der vollkommen unverhältnismäßigen und diffamierenden Weise zu tun, in der dies im Vorfeld der Preisverleihung geschehen ist. „Israel-Hasserin“ wurde Butler etwa von Stephan Kramer, dem Generalsekretär des Zentralrats der Juden, genannt. Als „Vollidiotin“ wurde sie vom Soziologen Detlev Claussen bezeichnet. Weniger ausfällig, dafür besonders aberwitzig in der Argumentation war auch ein Artikel in der Wochenzeitung „Jungle World“. Da für Judith Butler und die ganze dekonstruktivistische Queer-Theorie „die Idee der Emanzipation ja überhaupt obsolet“ geworden sei, wäre „es nur konsequent, in Israel als der staatgewordenen Emanzi- pation der Juden den Hauptfeind zu entdecken“. Während dieser These bei aller Absurdität zumindest eine gewisse Originalität nicht abgesprochen werden kann, zeichnen sich die Ausführungen von Alex Gruber und Tjark Kunstreich ansonsten vor allem durch eine langatmige Wiederholung altbekannter Anwürfe aus: Butler lasse reale menschliche Leiderfahrungen zu bloßen Signifikanten werden und den Leib samt jeder Materialität zum fleischlosen Produkt diskursiver Praxis.

Dass in solchen Debattenbeiträgen die antideutsche Abwehr jeder Form von Israel-Kritik als Analyse von Antisemitismus verkauft wird, ist so bekannt wie ärgerlich. Mindestens genauso verärgert sollte man aber darüber sein, dass dabei nebenbei nun auch ungeniert auf Judith Butler als feministische Theoretikerin eingedroschen wird. Man muss im Gegenzug vielleicht nicht allen kritischen Stimmen sofort Antifeminismus unterstellen, sollte aber zumindest darauf aufmerksam machen, mit welcher Brachialgewalt dem Antisemitismus- Vorwurf gleich auch die Diskreditierung von Butlers Lebensleistung hinterher geschossen wird. Und so ist es nur folgerichtig, dass sich auf der Protestdemo vor der Frankfurter Paulskirche zur Preisverleihung unter die Israel-Fahnen auch Schilder gemischt haben, auf denen Slogans wie „Zwangsneurose: Akute Genderitis“ zu lesen waren. Einen Angriff auf ihre akademische Integrität stellt auch der zitierte Vorwurf dar, Butler habe sich mit ihrer Theorie von jedem Emanzipationsstreben verabschiedet. Wie fraglos auch in Claussens Pamphlet, in dem Butler neben Idiotie auch „selbstreferenzieller Akademismus“, den „kaum einer versteht, der nicht in ihren Spezialsprachen geschult ist“, attestiert wird. Eine solch gewaltige Verkennung der sowohl theoretischen Zielsetzungen wie auch des konkreten Einflusses von Butlers Werk kann nur als absichtsvolle Böswilligkeit interpretiert werden.

Butler war, das lässt sich ohne jede Übertreibung sagen, die zentrale Impulsgeberin der weltweit wichtigsten sozialen Bewegung der letzten Jahrzehnte: des Feminismus. Und immer geht es in ihrem Werk letztendlich um Emanzipation. Es gibt in diesem Zeitraum keinen „Akademismus“, der trotz „Spezialsprache“ emanzipatorisch so fruchtbar gemacht werden konnte wie die Ideen von Judith Butler: Queer-feministischer Aktivismus ist ohne „Gender Trouble“ nicht denkbar. Denn erfreulicherweise muss man als junge Feministin das Wort „Intelligibilität“ nicht gleich flüssig aussprechen können, um mit „Genderfuck“-Button am Kragen auf Ladyfeste zu gehen. Man muss nicht alle Austin- oder Lacan-Bezüge Butlers verstehen, um sich Vokabel wie „Heteronormativität“ und „Genderperformativität“ anzueignen und so gerüstet männerdominierte Uni-Diskussionen aufzumischen.

Butlers Bücher waren für mein eigenes Leben und meine Politisierung ungeheuer wichtig. So wie für unzählige andere Feministinnen meiner Generation auch. Wir alle gratulieren ihr zum Adorno-Preis. With love.

]]>
https://ansch.4lima.de/an-sage-beyond-price/feed/ 0
an.klang: „Do You Love Your Life? We say L Yeah!“ https://ansch.4lima.de/an-klang-do-you-love-your-life-we-say-l-yeah/ https://ansch.4lima.de/an-klang-do-you-love-your-life-we-say-l-yeah/#comments Tue, 02 Oct 2012 11:38:23 +0000 https://anschlaege.at/?p=3451 Jede Menge neues, feinstes Free-Download-Rap-Material. Von SOOKEE]]>

Musikerinnen aus Großbritannien, den USA und Kartoffelland liefern feinstes Free-Download-Rap-Material. Von SOOKEE

 

Die Hamburgerin TemmyTon ist, was in der Szene als HipHop-Head bezeichnet wird: Eine, deren Herz für diese Subkultur schlägt, und die Leidenschaft ist so groß, dass es sich anfühlt, als würde sich daran nie wieder etwas ändern. Keine besonders moderne Haltung in der Rap-Szene, aber eine, die die Nummer eins im HipHop-Wertekatalog im Rücken hat: Realness. TemmyTon rappt mit souveränen Flows und einer Stimme, der sicherlich nicht so leicht nachgesagt wird, sie klinge wie eine der anderen drei bis acht Rapperinnen*, die man im deutschsprachigen Raum nennen kann. Sie berichtet davon, wie das so ist im Leben mit dem Erfahrungen-Sammeln, Scheitern, An-sich-glauben, und Weitermachen. Alle, die noch gerne davon berichten, dass Rap ein kreativer Kanal ist, auf dem mensch sich Ausdruck verleihen kann, werden mit geschlossenen Augen zustimmend nicken. Die Nachvollziehbarkeit ist groß, an manchen Stellen wird es der Hörerin allerdings zu einfach gemacht beim Mitdenken. Wenn TemmyTon in dieser albumförmigen Liebeserklärung an HipHop rappt „Du befriedigst mich wie Onanie“, dann lässt sich das als Ausdruck ihrer Unabhängigkeit begreifen. Es gibt bei ihr kein Jungs-Team, was sie dazu bewegt, an den gängigen Koolness-Standards anzuknüpfen und sich an möglichst zahlreiche Trends zu assimilieren, damit der Erfolg vermeintlich gesichert ist. Alles wirkt ein bisschen oldschool, und genau eben so gewollt. TemmyTons Free-Download-Album Momo klingt, als hätte sie ein Album gemacht, wie sie es sich zu hören wünscht.

Lady Leshurr enterte bei ihrem ersten Deutschland-Konzert mit folgendem Satz die Stage: „Some people say I am the female Busta Rhymes!“ Eine Art Ankündigung ihres naturgewaltartigen Flow-Talents. Mit diesem Statement zeigt sich aber auch, dass sie sich nicht von männlichen Maßstäben löst, obwohl ihr sagenhafter Output einem Paradigmenwechsel gleichkommt. Diese junge Britin hat dermaßen Feuer unter dem Arsch, dass mir beim Konzert immer mal wieder vor Begeisterung schwindelig wurde. Obwohl ich es eigentlich besser wissen sollte, kann ich mir die Präzision ihrer abgefahrenen Flowgeschwindigkeit nur darüber erklären, dass sie heimlich Kiemenatmung praktiziert. Ihr aktuelles Mixtape L Yeah, das wie vier weitere Veröffentlichungen kostenlos auf ihrer Homepage zum Download zur Verfügung steht, ist thematisch nicht spezifisch – muss es auch nicht, denn ihr Thema sind Reimvirtuosität, Flows, Intonierungen und stimmliche Experimente. Eine nennenswerte Ausnahme bilden die Tracks „I will“ und „Depression“. Zwei Songs, die von der Unabhängigkeit im Musikbusiness und der Schwierigkeit im Umgang mit Fame, Karriere und dem Wiederfinden der eigenen Person darin handelt. Beide Tracks zeigen, wie stark dieser Pfad für Frauen* im HipHop noch ausgetrampelt werden muss, damit die Anstrengung, darauf zu spazieren, nicht mehr so groß ist.

New York City gilt als die Geburtsstätte des HipHop. Ständig gebiert dieser Großstadtmythos neue Artists – aktuell dürfen wir uns über Angel Hazes Debüt Reservation freuen. Ein Album, das eigentlich alles kann, was von einer Veröffentlichung erwartet wird, wenn der dahinterstehenden Musikerin* großflächiger Erfolg zu wünschen ist. Es ist arschtrittig tanzbar („Werkin Girls“, „Drop It“), erfreulich klug („Smile n Hearts“) und angemessen großschnäuzig („Realest“). Die Tracks wirken selbsttherapeutisch ehrlich („Castle on a Cloud“, „Sufferings First“), sind angenehm Hipster-kompatibel („Jungle Fever“), liefern jede Menge anrührendes Identifikationspotenzial („It’s me“) und berühren romantische Seiten auf die schöne Art („Hot Like Fire“). Mit „Gypsie Letters“ findet sich dann auch der von mir diesen Sommer nicht grundlos am meisten gehörte Song auf genau jenem Album. Das Besondere an „Reservation“ ist in meinen Ohren das Recording und Mixing der Stimme. Es gibt immer wieder Parts, in denen das Atmen und Seufzen Teil der Aussage zu sein scheint. Definitiv gelungen.

Links

http://temmyton.de

http://ladyleshurr.com

http://whenitraeens.com

]]>
https://ansch.4lima.de/an-klang-do-you-love-your-life-we-say-l-yeah/feed/ 1
Die Straßen sind leer https://ansch.4lima.de/die-strasen-sind-leer/ https://ansch.4lima.de/die-strasen-sind-leer/#comments Tue, 02 Oct 2012 11:31:56 +0000 https://anschlaege.at/?p=3462 Interview: JEANNA KRÖMER über postsowjetischen Feminismus. Von IRMI WUTSCHER ]]>

Wie feministisch sind die Vorzeige-Aktivistinnen Pussy Riot und Femen eigentlich wirklich? Und was tut sich in den postsowjetischen Ländern noch in Sachen Feminismus? IRMI WUTSCHER hat die Journalistin JEANNA KRÖMER nach postsowjetischen Frauenkämpfen gefragt.

 

Als eines der ersten Länder weltweit führte die Sowjetunion bereits 1917 das Frauenwahlrecht ein, wenig später folgte das Recht auf Abtreibung. 1936 hieß es, die Gleichstellung von Mann und Frau sei nun offiziell erreicht. Mit dem Niedergang des Sozialismus geriet jedoch auch der von oben verordnete Feminismus in Verruf. Zunehmend wurde die „natürliche“ Rolle der Frau wieder in einer Rückkehr ins Private und in die Familie gesehen. Einen Mann zu finden, der nicht trinkt und der nicht schlägt, wie es in einem Lied der Putin-Jugend heißt, scheint für viele Frauen in den postsowjetischen Ländern inzwischen zum bescheidenen Lebensziel geworden zu sein.

Von Feminismus hörte man aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion zuletzt eher wenig – bis in den letzten Jahren Pussy Riot und Femen auch in der westlichen Medienöffentlichkeit aufgetaucht sind. Die einen kennt man wegen spektakulärer Oben-Ohne-Proteste gegen Prostitution, die anderen wurden gerade nach einem Aufsehen erregenden Prozess hinter Gitter gebracht.

 

an.schläge: Pussy Riot gehören derzeit wohl zu den bekanntesten Feministinnen überhaupt – aber wie feministisch ist ihr Protest? Das europäische Feuilleton zweifelt ja gerade an der Aufrichtigkeit dieses Feminismus.

Jeanna Krömer: Pussy Riot zählen sich selbst zu den Feministinnen der Dritten Welle. Sie werden von den meisten russischen Feministinnen, die ich zu dem Thema befragt habe, auch als feministisch wahrgenommen. Pussy Riot sprechen in ihren Punk-Liedern die Themen Macht, Gleichberechtigung, Klerikalismus und Homophobie an. Ihre aktuellen Texte sind für mich eindeutig feministisch. Allerdings haben zwei der für ihr „Punk-Gebet“ verurteilten Frauen von Pussy Riot vor einigen Jahren an einer Aktion der Künstler_innengruppe „Wojna“ teilgenommen, die sich schwer mit emanzipatorischen Werten verknüpfen lässt: Die Aktivistinnen haben Polizistinnen überfallen, um sie zu küssen, und ein Video darüber gedreht. Das ist vielleicht ein Symbol des Kampfes gegen Polizeigewalt, die Gewalt gegen Frauen, die der Aktion innewohnt, ist aber nicht zu übersehen. Die Vergangenheit der Pussy Riot-Mitglieder ist für mich persönlich also nicht eindeutig. Was aber in den letzten ein bis zwei Jahren von den Pussys zu hören und zu sehen war – nachdem sie zu einer selbstständigen Frauengruppe gereift sind –, kann ich als Sache zugunsten der Frauen und der Freiheit bewerten, auch wenn Punk nicht meinem privaten Musikgeschmack entspricht.

Pussy Riot, Foto: Igor Mukhin

 

Bekannt sind im Westen – wegen ihrer medienwirksamen Oben-Ohne-Aktionen – auch Femen aus der Ukraine. Wie feministisch ist diese Gruppe Ihrer Meinung nach?

Nicht jeder Frauenaktivismus ist Feminismus, es gibt auch patriarchale bzw. antifeministische Aktivistinnen – besonders wenn es um die Ex-Sowjetunion geht. In Russland gibt es z.B. eine „Frauenpartei“, die vor ein paar Monaten registriert wurde. Die Frontfrau der Partei sagt öffentlich, dass sie keine Feministin ist, und deutet an, dass Männer besser als Frauen und daher außer Konkurrenz sind.

Dorthin gehört für mich auch die Frauengruppe Femen. Femen hat sich nie als feministisch bezeichnet, bei direkter Nachfrage streiten sie den unterstellten Feminismus sogar ab, teilweise mit Begründungen wie „Wir sind keine Feministinnen, wir hassen doch die Männer nicht“. Nur auf der Website der Gruppe, die auf Englisch und somit für Ausländer_innen gedacht ist, gibt es feministische Andeutungen – was jedoch völlig dem widerspricht, was die Damen in russischsprachigen Interviews sagen. Diese Diskrepanz in der Message nach „Innen“ und nach „Außen“ ist meiner Meinung nach ein beunruhigendes Zeichen. Das Hauptziel von Femen ist die Bekämpfung der Prostitution. Was ihre Aktionen angeht: Sie kämpfen nicht einfach mit nackten Brüsten, sondern mit sexy performten Körpern. Weißblond gefärbte lange Haare, Pumps und rote Lackstiefel, kurze Röcke, auffälliges Make-Up auf den meist jungen Model-Körpern. Das einzige mollige Mitglied der Gruppe habe ich auf keinem Foto der Europa-Reisen der Gruppe gesehen. Ich möchte wirklich wissen, wie viele Sex-Touristen ihre „Proteste“ von der Ukraine ferngehalten und wie viele sie angelockt haben – so wie sie sich präsentieren. Denn die Kommentare der Männer in den Internetforen lauten meistens: „Was für sexy Bitches! Ich muss mal in die Ukraine fahren!“ Egal, was auf den Plakaten der Aktivistinnen steht, visuell wird etwas ganz anderes vermittelt.

Als Femen dann noch – angeblich zur Unterstützung für Pussy Riot – in Kiew ein Kreuz umgesägt haben, habe ich gedacht: So naiv kann man doch nicht sein! Denn so kurz vor dem Prozessen- de konnte das nur schaden. Ich habe zwar keine Beweise, vermute aber, dass Femen – bewusst oder auch nicht – als Provokateurinnen zu einem Mittel der Geheimdienste geworden sind.

Was tut sich abseits dieser bekannten zwei Gruppen? Welche anderen Frauenorganisationen gibt es?

Leider sind Frauen bzw. Feministinnen in unseren Ländern schlecht organisiert. Oft kämpft man als Frau ums Überleben und hat wenig Zeit und Möglichkeit, sich hinsichtlich eigener Rechte zu bilden und Solidarität zu entwickeln. Das Lebensniveau ist schlechter als in der EU, und es ist viel gefährlicher, sich öffentlich zu engagieren. In Belarus1 kann man schon für harmlose Flashmobs wie „gemeinsames Schweigen auf den Straßen als Protest“ oder „Eis essen“ im Gefängnis landen (beide Beispiele sind nicht erfunden). Unter solchen Umständen ist jede Aktion, jede Demo oder jedes Unterschriften-Sammeln gefährlich. Deswegen gibt es in unseren Ländern sehr wenig Aktivismus auf der Straße.

Es gibt aber Wissenschaftlerinnen, Journalistinnen, Aktivistinnen und Gruppen, die sich trotzdem trauen, etwas zu tun. Meistens ist ihr Engagement aber auf Aufklärung, Wissenschaft und Cyber-Aktivismus beschränkt. Deswegen fallen solche Gruppen wie Femen und Pussy Riot wohl auch so stark auf, denn die Straßen sind ansonsten leer. Ich persönlich leite zum Beispiel die junge feministische Gruppe „Belarussische Brennessel“.2 Uns gibt es seit zwei Jahren und wir geben eine Netz-Zeitschrift zu Fragen der Gleichberechtigung heraus3, verleihen „Antipreise“ an Sexisten und versuchen, unsere eigene Podcasting-News-Site FEM.FM zu machen.

Was sind aktuell die wichtigsten frauenpolitischen Themen?

Besonders „brennende“ Themen im postsowjetischen Raum sind meiner Meinung nach die reproduktiven Rechte der Frauen, häusliche Gewalt – in Belarus gibt es z.B. keine einzige Einrichtung, in der Gewaltopfer Unterkunft finden können –, Alkoholismus (der viele Gender-Probleme verschärft), Beteiligung der Männer am Familienleben sowie natürlich LGBT-Rechte, die vor allem in Russland gerade massiv bedroht werden. So kann mittlerweile jede bloße Erwähnung von Homosexualität als „Propaganda“ und als „jugendgefährdend“ betrachtet werden und zu einer Strafe führen.

Übrigens ist die LGBT-Community in den Ländern der Ex-Sowjetunion immer wieder selbst ziemlich patriarchal. So werden Lesben von der eigenen LGBT-Umgebung gedrängt, unbedingt zu gebären, um sich als Frau „zu verwirklichen“. Wenn man von „Schwulenrechten“ spricht, sind tatsächlich nur Männer gemeint, Lesben und Bisexuelle bleiben oft sogar in der eigenen Community unsichtbar.

Was für ein Standing haben denn feministische Themen in der Bevölkerung?

Es gibt nicht viele Feministinnen in den Ex-UdSSR-Ländern. Das F-Wort ist immer noch ein Schimpfwort. Die meisten Frauen und sogar Männer sind in privaten Gesprächen zwar der Meinung, dass eine Frau arbeiten darf und für gleiche Arbeit den gleichen Lohn bekommen sollte. Aber umgekehrt hält man häusliche Gewalt immer noch für „eine besondere Art der Liebe und Leidenschaft“ und eine „rein private Sache“. Man diskutiert wenig darüber, dass sich Männer mehr an Haushalt und Kindererziehung beteiligen sollten, und bei einer Vergewaltigung ist die Hauptfrage: „Womit hat sie ihn provoziert?“ Geschirr waschen oder Windeln wechseln ist in unseren Ländern immer noch fast ausschließlich Frauensache. Frauen studieren genauso oft wie Männer, sie sind laut Gesetz gleichberechtigt. Aber in der Realität wird kein Mann bei einem Vorstellungsgespräch gefragt, ob er Kinder hat, und falls er noch keine Kindererziehung hat, wann er denn vor hat, zu heiraten und welche zu bekommen. Es ist wirklich eine Ausnahme, wenn ein Mann mit seiner Frau die Haushaltspflichten und die Kindererziehung gerecht teilt oder gar übernimmt. Dafür werden diese Ausnahmemänner dann häufig schikaniert und von Kollegen und Freunden ausgelacht. Ich kenne nur zwei Männer in Belarus, die sich öffentlich als Feministen bezeichnen. Nach den Angaben der ukrainischen Kolleginnen sind die Männer dort schon etwas fortschrittlicher, wenigstens was die Vaterrolle angeht.

Immer öfter und lauter hört man aber in den postsowjetischen Ländern die Forderung, dass Frauen zurück zur Familie und zum Herd sollen. Besonders stark ist diese antifeministische Debatte in Russland. Aber weißrussische und ukrainische Gesetzgeber kopieren die Initiativen ihrer russischen Kollegen meist, das ist also nur mehr eine Frage der Zeit.

Jeanna Krömer (Yamaykina), geb. 1980 in Belarus, wohnt derzeit in Berlin. Sie ist Journalistin, Koordinatorin der feministischen Gruppe „Belarussische Brennessel“ und Redakteurin des Online-Magazins „AMPHI“.

 

Fußnoten:

1 Belarus, früher auch bekannt unter dem Namen Weißrussland. Die Belaruss_innen erinnert dieser Name an die sowjetische Herrschaft, sie nennen ihr Land lieber Belarus.

2 http://krapiva.org

3 „AMPHI“: http://opensocium.com/archive

 

Wichtige feministische Initiativen in der Ukraine, Belarus und Russland:

Ukraine:

Feministische Offensive“: http://ofenzyva.wordpress.com

Sehr aktiv, mit vielen Aktionen, z.B. Proteste gegen das „antischwulen Gesetz“, das Abtreibungsgesetz

Gender-analytisches Zentrum Krona: www.krona.org.ua

Kharkovsker Gender-Zentrum: www.gender.univer.kharkov.ua

Maria Dmytriyeva ist Gründerin und Moderatorin der Online-Community http://feminism-ua.livejournal.com

Oksana Kis‘ leitet den Verband der Forscher der Frauengeschichte in der Ukraine

Wichtige ukrainische Feministinnen: Maria Maerchik, Olga Plachotnik, Tamara Slobina, Galina Jarmanova, Natalia Chermalych, Solomia Pavlichko, Oksana Sabuzhko, Vira Ageeva

 

Russland:

Moskauer Feministische Gruppe (http://ravnopravka.ru) mit Nadia Plungian, Vera Akulova, Anna Brjus, Bloggerin mit dem Nickname „Frau Derridahttp://frau-derrida.livejournal.com

Initiative „Für Feminismus“ (www.zafeminizm.ru) mit ihrer Koordinatorin Natalia Bitten

Komitee für Arbeitsinternationale: http://socialistworld.ru

Eine sehr bedeutende Rolle für die feministische Bewegung im russischsprachigen Bereich spielt die Online-Community http://feministki.livejournal.com. Elisaveta Morosova ist Gründerin dieser Community sowie auch von der Anti-Gewalt-Website http://dorogaksvobode.ru

Kluge Mascha“ ist eine Comiczeichnerin und Aktivistin zum Thema Gleichberechtigung. Ihr Blog: http://smartmary.livejournal.com

Rima Sharifullina, Koordinatorin der Gender-Politik von der Konföderation der Arbeit Russlands (Verbindung der Gewerkschaften Russlands www.ktr.su), Präsidentin der Menschenrechtsorganisation „Petersburger Ägide“ (http://spb-egida.ru)

 

Belarus:

Irina Solomatina – Wissenschaftlerin, Kulturologin

Politikerinnen Olga Karatsch, Julia Mickiewicz und Ljudmila Petina

Russja (Sängerin, Journalistin)

Natallia Vasilevich (christlich-feministische Aktivistin)

Lana Rudnik (regionale Projekte, z.B. Bildung für ältere Menschen)

Elena Gapova (Soziologin)

Svieta Kurs (Journalistin, Schriftstellerin) u.a.

 

]]>
https://ansch.4lima.de/die-strasen-sind-leer/feed/ 1
an.künden: Wessen Normalität? https://ansch.4lima.de/an-kunden-wessen-normalitat/ https://ansch.4lima.de/an-kunden-wessen-normalitat/#comments Sat, 25 Aug 2012 19:06:27 +0000 https://anschlaege.at/?p=3346 schwulesmuseum_anschlaege_ankuenden_feminismusNoch bis 19.11. ist die Ausstellung „Trans*_Homo“ in Berlin zu sehen.]]> schwulesmuseum_anschlaege_ankuenden_feminismus

Was bedeuten „schwul“ und „lesbisch“, wenn die Bezeichnungen „Mann“ und „Frau“ nicht mehr klar zuzuordnen sind? Die Ausstellung „Trans*_Homo“ in Berlin wirft mit internationalen künstlerischen und aktivistischen Beiträgen Schlaglichter auf Trans* und seine Beziehungen und Konflikte mit schwulen und lesbischen Szenen. Das Ausstellungsprojekt untersucht Diskriminierungen und strukturelle Gewalt samt ihrer historischen Hintergründe in Gesetzgebung und in der Sexualwissenschaft. Begleitet wird die Ausstellung von u.a. Filmen, Lectures, Performances und Workshops.

bis 19.11.: Trans*_Homo, Schwules Museum, 10961 Berlin, Mehringdamm 61, tägl. außer Di 14 – 18.00, Sa bis 19.00, T. 030/69 59 90 50, www.schwulesmuseum.de, www.transhomo.de

]]>
https://ansch.4lima.de/an-kunden-wessen-normalitat/feed/ 1