an.schläge 2011 – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de Tue, 24 Jan 2012 11:43:40 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.0 https://ansch.4lima.de/wp-content/uploads/2024/10/cropped-favicon-32x32.png an.schläge 2011 – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de 32 32 Radikal, sexy, aktuell! https://ansch.4lima.de/radikal-sexy-aktuell-feminismus-in-historischer-perspektive/ https://ansch.4lima.de/radikal-sexy-aktuell-feminismus-in-historischer-perspektive/#respond Tue, 24 Jan 2012 11:43:40 +0000 https://anschlaege.at/?p=2587 Radikal, sexy, aktuell!
Feminismus in historischer Perspektive
Eine studentisch organisierte Konferenz
Samstag, 4.2.2012, 10–19 Uhr im Rautenstrauch-Joest-Museum/Köln
 
Pünktlich zum Ende des Wintersemesters wird im Rahmen des Hauptseminars „Geschichte des Feminismus“ die erste von Studierenden der Universität zu Köln organisierte und durchgeführte Konferenz zum Thema stattfinden. Mehr als zwanzig Studierende des Historischen Instituts stellen die im Seminar erarbeiteten Inhalte auf einer ganztägigen Konferenz nacheinander auf drei Panels mit je drei Vorträgen vor. Diese Vorträge werden anschließend von eingeladenen Expert*innen kom mentiert und diskutiert.
Thematisch wird es im ersten Panel um die Frauenwahlrechtsbewegung in den USA und ihr Ver hältnis zur Frage von race gehen, um das Phänomen des hedonistischen Flapper Girls der 1920er Jahre so wie um feministische Momente während und im Nationalsozialismus. Das zweite Panel beleuchtet die SingleGirl-Bewegung der Nachkriegszeit, feministische Interventionen afro-ame ri ka ni scher Fil me macherinnen und wirft einen ungewohnten Blick auf die zweite Frauenbewegung in der BRD wäh rend der 60er und 70er Jahre. Das letzte Panel beginnt mit der Kritik von feministischen Theo re ti kerinnen der sog. Dritten Welt an der westlichen weißen Frau en be we gung, gefolgt von einer Be trach tung derRiotGrrrl-Bewegung der 90er Jahre und wird abgeschlossen mit der Geschichte der Por nographie von den zahlreichen Anti-Porno-Initiativen ab den 70er Jahren bis zu gegenwärtigen queeren Post-Porn-Konzepten. Vortragende, Expert*innen und Gäste haben zum Ende der Konferenz die Möglichkeit, in einer offenen Abschlussdiskussion über die verschiedenen Perspektiven der Feminismen gemeinsam zu diskutieren.
Die Konferenz, die mit Mitteln der Gleichstellungskommission und des AStA der Universität zu Köln finanziell unterstützt wird, möchte die verschiedenen feministischen Strömungen, ausgehend vom 19. Jahrhundert bis heute, in ihrer Komplexität und ihren Unterschiedlichkeiten kritisch beleuchten. Ziel ist es, den Begriff des Feminismus, über den gegenwärtig einerseits kaum Wissen existiert, der andererseits aber häufig Abwehrreflexe hervorruft, jenseits von ahistorischen „Lila latz ho sen kli schees“ als lohnenswerte und spannende Geschichte wieder ins Gespräch zu bringen.
Eingeladen sind alle Studierenden und Lehrenden der Universität zu Köln sowie alle Interessierten außerhalb der Uni. Da es sich um eine studentische Veranstaltung handelt, bietet sich die Chance, auch jenseits von abgehobenen, akademisch geführten Debatten miteinander über verschiedene Feminismen zu reden. Explizit möchten wir daher auch jüngere Menschen ansprechen. Wir wollen zeigen, was Feminismus sein kann: radikal, sexy, aktuell!
 
Veranstalter: Seminar Feminismus 
Kontakt: hs_geschichte_feminismus@lists.riseup.net
Das vollständige Programm ist einzusehen unter femsem.phil-fak.uni-koeln.de
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an.sage: Herrenschokolade und Frauenbier https://ansch.4lima.de/an-sage-herrenschokolade-und-frauenbier/ https://ansch.4lima.de/an-sage-herrenschokolade-und-frauenbier/#respond Mon, 31 Oct 2011 11:11:32 +0000 https://anschlaege.at/?p=2186 Ein Kommentar von LEA SUSEMICHEL]]>

Ein Kommentar von LEA SUSEMICHEL

 

Vielleicht hat alles mit dem Cola-Light-Mann angefangen. Im Original-Werbespot versammelt sich eine Gruppe weiblicher Angestellter zum „11.30-Termin“ vor dem Panoramafenster ihres Manhattan-Bürotowers, um einem sehr ansehnlichen Fensterputzer mit nacktem Oberkörper bei der Arbeit zuzusehen. Eine Sekretärin streicht, versunken in den Anblick, lasziv über den Rand einer Dose Diet Coke. Auch der junge Mann vorm Fenster trinkt Cola, mit zurückgeworfenem Kopf und hervorquellendem Adamsapfel, Männerkörper wie Getränkedose sind mit verheißungsvollen Feuchtigkeitsperlen bedeckt. Die Hauptzielgruppe für das Getränk ohne Zucker und Kalorien waren zweifellos Frauen.

2005 kommt dann „Coke Zero“ auf den Markt. Es ist quasi dasselbe drin, doch nun sollen auch Männer angesprochen werden, die sich trotz sexy Rolemodel offenbar geziert hatten, zum diätischen Frauenprodukt zu greifen. In der Coke-Zero-Werbung werden deshalb nun Männerträume wahr: Sex, Action und Hubschrauber, „Echter Geschmack, Zero Zucker“. Mit dem Versprechen von Genuss ohne Reue werden dabei zugleich andere Phantasien bedient: „Warum dann nicht auch eine Freundin und Zero Drama?“, lautet der Slogan eines Spots.

Geschlechtsspezifische Ernährungsgebote gab es freilich schon vor der Einführung von kalorienarmen Erfrischungsgetränken und Yogi-Tee. Das blutige Steak war immer schon Männersache, den Frauen blieb der Kirschlikör. Fallweise werden kulinarische Geschlechtergrenzen inzwischen sogar durchlässiger. Der Griff zur ehemaligen „Herrenschokolade“ etwa wird auch der gesundheitsbewussten Frau längst in allen Magazinen empfohlen, seit bekannt ist, dass Bitterschokolade gut für die Cholesterinwerte ist. Doch fette Schokobarren wie Mars oder Snickers sind weiterhin kein Mädchenkram.

Auch wenn die Nahrungsmittelindustrie also stets auch geschlechtssegregiert produziert hat (immer noch beinahe undenkbar, dass zwei heterosexuelle Männer sich gemeinsam einen Piccolo-Sekt aufmachen), einen boomenden und scheinbar höchst zukunftsträchtigen Markt mit „Genderfood“ gibt es erst seit wenigen Jahren. Und ist die geschlechtsexklusive Verzehrsempfehlung bei Mars und Cola noch – mehr oder weniger subtiler – Subtext, erfolgt sie bei anderen Produkten ganz direkt. „Finally a beer just for women!“, lautet der Werbespruch für „Chick-Beer“. Die Verpackung des neuen Frauenbiers ist pink, der Inhalt natürlich „light“, milder im Geschmack und kohlensäureärmer als normales Bier. Man geht wohl davon aus, dass die Konsumentinnen selbst abgestandenen Geschmack in Kauf nehmen, wenn sie dafür dann nicht rülpsen müssen. Auch bei der Schokolade ist man mitunter ganz unverhohlen: So hat Nestlé den XXL-Riegel „Yorkie“ entwickelt, auf dessen Verpackung „It’s not for Girls!“ steht. Das „O“ im Namen ersetzt eine runde Grafik mit durchgestrichener Frauenfigur. Sogar heimische Bäckereien folgen dem Trend und bieten „Eva-“ und „Adam-Brot“ an. Das Frauenbrot soll bei regelmäßigem Verzehr das Brustkrebsrisiko senken, der Männerlaib die Prostata schützen.

So fragwürdig solche Versprechen aus ernährungswissenschaftlicher Perspektive sind, so vielversprechend sind sie aus marketingstrategischer. Frauen treffen 90 Prozent aller Kaufentscheidungen bei Gütern des täglichen Bedarfs. Sprich: Sie sind weiterhin für den Lebensmitteleinkauf und die Planung der Mahlzeiten zuständig. Und bringen den Männern dann auch den Kürbiskern-Snack gegen nächtlichen Harndrang mit, nachdem sie sich selbst einen fettarmen Abführjoghurt eingepackt haben, so das Kalkül. Wie sich die Verkaufsstrategie für Genderfood jedoch trotzdem unweigerlich immer wieder selbst persifliert, demonstriert eine Snickers-Werbung. Sie zeigt eine Autofahrt, bei der eine glamouröse Lady drei junge Männer mit ihren ständigen Beschwerden nervt. „Jeff, iss ein Snickers“, rät ihr schließlich einer ihrer jugendlichen Mitfahrer, „immer wenn du hungrig bist, wirst du zur Diva.“ In der nächsten Einstellung ist die Lady zum kauenden Mann geworden. „Du bist nicht du, wenn du hungrig bist“, tönt der identitätsrigide Schluss-Slogan. Doch die eigentliche Message ist eine andere: Diven können auch männlich sein. Und noch viel wichtiger: Ganz gleich, welchen Geschlechts sie sind – sie dürfen große Schokoriegel essen.

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an.künden: Das Leben der toten Dinge https://ansch.4lima.de/an-kunden-das-leben-der-toten-dinge/ https://ansch.4lima.de/an-kunden-das-leben-der-toten-dinge/#respond Mon, 31 Oct 2011 11:02:54 +0000 https://anschlaege.at/?p=2182 Auf unorthodoxe Weise beschäftigt sich die Künstlerin Antje Majewski mit Objekten. Kann man unbelebte Objekte zum Sprechen bringen, sie am Ende gar durch belebte Wesen ersetzen? Können Dinge denken? In ihrer Ausstellung im Rahmen des Steirischen Herbst in Graz setzt sie Objekte zueinander in Beziehung und versucht, ihnen ein paar Sätze und Geheimnisse zu entlocken.

bis 15.1.2012: Antje Majewski: Die Gimpel-Welt. Wie man Dinge zum Sprechen bringt. Kunsthaus Graz, 8020 Graz, Lendkai 1, Di–So 10–18.00, T. 0316/80179200, www.kunsthausgraz.at

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zeitausgleich: Krank https://ansch.4lima.de/zeitausgleich_krank/ https://ansch.4lima.de/zeitausgleich_krank/#respond Mon, 31 Oct 2011 10:57:30 +0000 https://anschlaege.at/?p=2175 Krankheit, die schlimmste Feindin der Prekären. Von IRMI WUTSCHER]]>

arbeitsfragen in allen lebenslagen

Krankheit, die schlimmste Feindin der Prekären. Jetzt hat sie auch mich wieder einmal erwischt. Ich tippe diese Zeilen schnupfig, im Pyjama und in die Decke eingewickelt, mit Kräuterteekanne auf dem Schreibtisch. Gestern habe ich noch mit Aspirin aufgeputscht einen Radio-Schwerpunkt über Drogen (wie passend) finalisiert und auf Schiene gebracht. Das musste noch sein, und auch diese Kolumne will rechtzeitig an Redaktion und Grafikerin geschickt werden.
Zu Hause bzw. im Bett bleiben und nicht arbeiten, ist immer die allerallerletzte Option. Ich hatte zuvor schon vier Tage lang versucht, Schnupfen und Halsweh mit Kräutertees, Tropfen u.Ä. loszuwerden. Die Erkältung bleibt aber leider hartnäckig. Trotzdem wäge ich immer noch ab: „Wenn ich morgen zu Hause bleibe, kann ich übermorgen dann vielleicht drei Artikel fertig kriegen“ (nicht sehr wahrscheinlich); „Vielleicht halte ich noch ein, zwei Tage durch, mach die Sachen alle fertig und bleib dann gegen Ende der Woche daheim“ (genauso unwahrscheinlich); oder „Vielleicht ist morgen der Schupfen eh schon vorbei“. So verlaufen die Verhandlungen mit mir selbst, bis irgendwann die Erkenntnis reift: Es geht nicht. Ich muss kürzer treten. Es muss sich halt irgendwie ausgehen mit der Kohle.
Ob und was ich für diese zwei Tage bezahlt bekomme, weiß ich nicht so genau. Vielleicht ein Abschlagshonorar für geplante Beiträge oder Artikel, vielleicht einen Durchschnittswert der letzten Monate, vielleicht nichts. Das ist ein Ermessensspielraum von ich weiß nicht welchen Faktoren. Der wichtigste dabei ist: Krankengeld oder Abschlagshonorar bekommt nur, wer sich aufregt. Da bin ich, ich weiß, tausenden anderen Freien, die einfach gar nichts bekommen und für die jede Krankheit, die mehr als eine Woche dauert, zur Existenzkrise wird, schon einen Schritt voraus. Aber eigentlich sollte die Möglichkeit einer Existenzsicherung über Krankheitstage hinweg selbstverständlich sein – nicht Aushandlungssache oder gar Privileg.

Illustration: Nadine Kappacher

Irmi Wutscher kann es sich selten leisten, krank zu sein.

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an.sehen: Brave new vision https://ansch.4lima.de/an-sehen-brave-new-vision/ https://ansch.4lima.de/an-sehen-brave-new-vision/#respond Mon, 31 Oct 2011 10:49:49 +0000 https://anschlaege.at/?p=2170 Mit einer Vintage 4×5-Kamera dokumentiert MOLLY LANDRETH „alternative bodys“ und „alternative couples“. ANDREA HEINZ hat sich ihr Projekt „Embodiment“ angesehen.

 

Die USA sind ein riesiges Land mit fast zehn Millionen Quadratkilometern. Und wenn es in der Nationalhymne heißt, dass dieser riesige Brocken an Fläche das „Land of the Free“ beherbergt, dann ist das gelogen. Auch symbolisch gesehen ist dieses Land ein Brocken; es ist die Verkörperung von immenser, fast obszön großer Macht. Wie jede anständige Großmacht setzt auch diese Normen – und produziert dabei Ausschlüsse aus diesem Bereich des Normalen, des Akzeptierten.  Molly Landreth fährt mit ihrer Vintage 4×5-Kamera durch dieses Land und fotografiert seine Bewohner_innen, Einzelpersonen ebenso wie Paare. Es sind nicht einfach irgendwelche Leute, es sind allesamt queere Menschen – Lesben und Schwule, Bisexuelle und Transgender. Molly Landreth nennt sie „alternative bodys“ und „alternative couples“, ihr Projekt „Embodiment“ trägt den Untertitel „A Portrait of Queer Life in America“. 80 Porträts mit persönlichen Statements und 18 Kurzfilme sind auf der Homepage Embodimentusa.com zu finden, sie werden episodisch veröffentlicht und ausgetauscht. Molly Landreth hofft, dass diese Bilder so etwas wie ein bleibendes Archiv für kommende Generationen werden. „Brave new vision of what it means to be queer in America today“, steht darüber. Tatsächlich ergeben diese Bilder ein Porträt des „anderen“ Amerika – zugleich aber auch eines des gewöhnlichen Amerika und wie es mit diesen alternativen Lebensformen umgeht. Zum einen zeigen die Bilder das klassische Setting US-amerikanischer Romanzen, wie man sie aus den Hollywood-Studios kennt. Hier aber werden sie neu erzählt, neu gedeutet. Ein lesbisches Pärchen in ihrem Auto mit Blick auf das nächtliche Seattle. Eine Frau mit ihrem Mann, den Kindern und ihrer Lebensgefährtin vor einem Holzhaus im Wald. Oder ein junger Mann auf einer Rollschuhbahn. Es sind die Orte, an denen sich auch die klassischen Liebesnarrative abspielen, doch auf Molly Landreths Bildern werden sie von anderen, von queeren Lebensformen bevölkert. Diese Menschen erzählen Molly Landreth ihre Geschichte; und nicht selten ist diese Geschichte eine von Unterdrückung, Identitätskämpfen und Schmerzen.

„Me Me Me. Sometimes even discussing my own identity creates boundaries and constraints that I am not entirely comfortable with“, heißt es unter dem Bild von Elliot, aufgenommen 2007. „Queer is probably the most suitable name for my identity because it allows for Auidity, but even Queer has it’s expectations and associations that I don’t feel represent me.“ 2011 hat Elliot seine Geschichte ergänzt. Er hat nun die letzte seiner OPs hinter sich, aber immer noch weigert er sich, eine einzige Identität vollständig anzunehmen. Sprache, sagt er, könne nicht angemessen beschreiben, wie er sich selbst in der Welt fühlt und situiert.

Dyiamond (sic!) Dynasty aus Saint Louis fotografierte Molly 2009. Als das Bild aufgenommen wurde, habe er sich verwirrt und verängstigt gefühlt, sagt Dyiamond 2011. Er trägt darauf ein Shirt mit stilisierten Einschusslöchern. Im Video erzählt er von befreundeten Transgender, die ermordet wurden.

Molly hat auch zahlreiche Paare fotografiert. Es sind intime Einblicke in die Beziehungen, oft liegen die Partner_innen in ihrem Bett, oder sie sitzen gemeinsam am Küchentisch. „Es liegt viel Stärke darin, die Mitglieder dieser marginalisierten Community zu zeigen, die so stark sein müssen und miteinander doch so zart umgehen“, sagt Molly dazu. „Statt völlig übersexualisierte Bilder zu machen, geht es in meinen Fotos um Stärke und Ehrlichkeit – ohne jede Scham oder Verlegenheit.“ Bei all der Stärke aber will Molly Landreth die Enttäuschungen und die Einsamkeit, die das Anderssein und ein Leben nach dem Outing mit sich bringen können, in ihren Bildern nicht verschweigen. Ihre Bilder sind Porträts von Menschen, und sie zeigen alles, was diese Menschen bewegt: Schmerz und Verzweiflung, Angst und Wut ebenso wie Liebe, Glück und Geborgenheit. „Ich will eine große Spanne an Emotionen und eine große Spanne an Leben abbilden“, sagt sie, und tatsächlich ist jedes einzelne Bild genau das: ein ganzes Leben. 

http://embodimentusa.com

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an.klang: Big Noises https://ansch.4lima.de/big-noises/ https://ansch.4lima.de/big-noises/#respond Mon, 31 Oct 2011 10:40:58 +0000 https://anschlaege.at/?p=2164 Belebendes, Hoffnungsvolles, Verhextes und Gruseliges hat CHRISTINA MOHR zusammengetragen.

 

Lange angekündigt, jetzt endlich da: das Album von Wild Flag (Wichita/Cooperative), der Post-Riot Grrrl-Allstarband von Mary Timony (Helium), Carrie Brownstein (Sleater-Kinney), Rebecca Cole (The Minders) und Janet Weiss (Sleater-Kinney, Quasi). Und es tut so gut, sie zu hören: „Romance“, „Electric Band“ und die Single „Future Crimes“ verbinden Punkrock, Grunge und Garage mit Girlgroup-Gesang – super! Wild Flag beschränken sich keineswegs auf leicht verdauliche Dreiminüter: Songs wie „Glass Tambourine“ oder „Endless Talk“ zerren an den Nerven und treten in den Hintern; Carrie Brownsteins Stimme galt stets als „anstrengend“, und, yeah, das ist sie immer noch! Dass Brownstein überdies vom „Rolling Stone“ als einzige Frau zu den „25 unterschätztesten Gitarristen“ gezählt wird, ist zwar eine zweifelhafte Auszeichnung, aber bei Wild Flag zeigen sie und Mary Timony, wie man tonnenschwere Riffs elegant und ohne Mackergehabe spielt. Wild Flag beleben Riot Grrrlsm neu – keine Frage des Alters, sondern der attitude.

Alle paar Wochen wird eine andere junge Sängerin als neue Soul-Hoffnung angepriesen – aber Soul ist mehr als mit dickem Eyeliner garnierter Retro-Schubidu. Soul kommt von tief drinnen, ist ein Gefühl, süß und schwer. Die nigerianisch-deutsche Songwriterin Nneka nennt ihr neues Album Soul Is Heavy (Four Music/Sony), und es hat kaum etwas mit angesagtem Neo-Soul gemein. Seit dem Hit „Heartbeat“ gilt Nneka als ernstzunehmende Schwester Lauryn Hills und Erykah Badus; „Soul Is Heavy“ zeigt, dass diese Vorschusslorbeeren verdient sind. Unterstützt von Ms Dynamite und Rapper Black Thought von The Roots zelebriert Nneka ihr eigenes Soul-Update. Sie mixt HipHop, Motown-Soul, afrikanische Beats und Reggae, in den Texten verhandelt sie die ewig gültigen Themen Liebe, Schmerz, Krieg, Gott und Tod. Über allem schwebt Hoffnung, besonders schön in „Shining Star“.

Wer No Wave-Ikone Lydia Lunch als zornige Spoken Word-Performerin kennt und einem Gig ihrer Band Big Sexy Noise beiwohnt, wird überrascht sein, wie viel Spaß sie auf der Bühne hat – jawohl Spaß, der so weit geht, dass La Lunch nach dem Konzert Bandlogo-Slips signiert. Lunchs Indie-Supergroup – Terry Edwards (PJ Harvey), Ian White und James Johnston (Gallon Drunk) – fabriziert grollenden, tiefschwarzen Blues-Punkrock-Lärm, der in die Magengrube fährt. Weil Lunch keine halben Sachen macht, klingen Big Sexy Noise auf ihrem zweiten Album Trust the Witch (Indie Europe/Zoom) ein bisschen overdone, zumindest, was den Gesang angeht. Bei „Ballin’ the Jack“ und „Mahakali Calling“ presst Lunch das Hardrockmonster aus sich heraus, röhrt und faucht wie eine Doro Pesch from hell. Was ihr mehr liegt und der Musik besser tut, ist kaputt-laszives, unheilschwangeres Leiern wie bei „Not Your Fault“ und das Rap-Stakkato von „Where You Gonna Run“. Selbstverständlich lässt Lunch es sich nicht nehmen, mit ihrer Hexenhaftigkeit zu kokettieren (Trust the Witch!) und singt von Tod und Teufel – Mummenschanz, aber tolle Musik: Big Sexy Noise eben.

Die Multiinstrumentalistin und Opernsängerin Yvonne Cornelius alias Niobe nahm für ihren Künstlerinnennamen eine Figur der griechischen Mythologie zum Vorbild, der schreckliche Dinge widerfuhren, die sie durch ihren Hochmut provoziert hatte. Niobes neues Album The Cclose Calll (Tomlab) beschäftigt sich damit, wie es wäre, wenn alles schlimm enden würde: Wenn der Stalker plötzlich im Zimmer stünde. Wenn der Erfolg als Künstlerin ausbliebe und sie ihr Dasein als Hotelbarsängerin fristen müsste. Wenn der Autopilot versagte. Die Musik zu diesen Schreckensvisionen ist von eigentümlicher Schönheit: Niobe baut die Stücke wie Hörspiele auf, schichtet Spur auf Spur, illustriert sie mit gruseligem Telefonklingeln wie in „Stop! You Send For Me“ und singt mit verfremdeter Stimme. Auf ihrem letzten Album dekonst-ruierte sie Swing und Jazz, „The Cclose Calll“ widmet sich der düsteren Seite des Rock’n’Roll: Niobes musikalischer Partner St. Lindemer spielt verhallte Bass- und Gitarrenparts und sorgt bei „Does He Gallop O Walk“ oder dem an Suicide erinnernden „Stuck To The Fact“ für Horrorfilmambiente. Melodien bleiben Fragmente, Ahnungen, die geisterhaft zur Tür hinauswehen, und sich doch festhaken.

Links:
www.facebook.com/wildflag
www.nnekaworld.com
http://lydia-lunch.org/www.myspace.com/niobeniobe

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Hebammenarbeit für die Toten https://ansch.4lima.de/hebammenarbeit-fur-die-toten/ https://ansch.4lima.de/hebammenarbeit-fur-die-toten/#comments Mon, 31 Oct 2011 10:31:38 +0000 https://anschlaege.at/?p=2159 Gut und liebevoll mit den Toten umgehen. Den Angehörigen genügend Zeit und Rituale für den Abschied geben – das bietet das Bestattungsunternehmen DIE BARKE. Mitbegründerin AJANA HOLZ und ihre Kollegin MERLE VON BREDOW schilderten SVENJA HÄFNER ihre ganz eigenen Arbeitsweisen.

 

an.schläge: Aus welchen Beweggründen heraus habt ihr euer eigenes Bestattungsunternehmen gegründet? Was waren eure persönlichen Motive, euch so intensiv mit dem Thema Tod zu beschäftigen?

Ajana Holz: Mir wurde das während einer dreijährigen schamanischen Ausbildung bei Ute Schiran klar. Im Gespräch mit meiner damaligen Gefährtin Brigitte wurde dann 1995 die Idee geboren, ein Bestattungsunternehmen zu gründen. In dieser Zeit sind auch zwei Freundinnen gestorben, und ich erlebte zum ersten Mal, wie wenig Unterstützung es hier gibt. Ich wollte als junge Frau Hebamme werden, und plötzlich fügte sich alles zusammen: Übergänge – Geburt – Leben – Tod – Sterben, also die andere Seite der Geburt, eine notwendige Hebammenarbeit für die Toten, die aus diesem Leben hinaus geboren werden. So wurden wir „Seelen-Hebammen“ für die Toten, Übergangsbegleiterinnen, erst nur für Frauen und Kinder, um ihnen den notwendigen Schutz für ihre Würde zu geben, später dann für alle. Nach vier Jahren Vorbereitungszeit haben wir 1999 „Die Barke“ gegründet, ohne Eigenkapital und ohne Sicherheiten. Meine Großmutter, die ich sehr geliebt habe, war die zweite Tote, die wir bestattet haben. Die erste war Gita Tost, eine bekannte feministische Lesbe, die damit zu unserer „Patin“ wurde. Und mittlerweile haben wir auch Freundinnen bestattet. Jedes Mal habe ich erfahren, dass ohne Zeit für den Abschied bei den Toten ein Begreifen überhaupt nicht möglich ist.

Sich innerhalb der Normen zu bewegen und gleichzeitig auch außerhalb des Systems, das ist die Meisterinnenleistung jeder radikal feministischen Lesbe. Das machen wir mit der BARKE jetzt schon seit zwölf Jahren.

Welche Erwartungen haben eure Kund_innen an euch?

Merle von Bredow: Wir werden oft gerufen, weil wir empfohlen wurden oder weil unsere Internetseite gefiel. Die meisten, die uns rufen, rufen uns deswegen, weil sie mehr Raum haben und mehr Zeit mit ihren Toten verbringen möchten, und weil sie wissen, dass wir gut und liebevoll mit ihren Toten umgehen. Manche rufen uns auch gerade deswegen, weil sie wissen, dass bei uns ausschließlich Frauen arbeiten und sie ihre Mutter oder Freundin von Frauen gewaschen und versorgt wissen wollen.

Was unterscheidet euch von den herkömmlichen Bestattungsunternehmen? Was ist euch an eurer Arbeit besonders wichtig?

A. Holz & M. von Bredow: Wir sind auch ein ganz „normales“ Bestattungsunternehmen. Wir haben zwei dunkelrote Bestattungswägen, die von Schreinerinnen als Leichenwagen ausgebaut wurden. Wir übernehmen den ganzen Formalitätenkram und organisieren alles bei Ämtern, Behörden, Friedhöfen etc. Wir haben ökologische Särge und alles, was für Bestattungen, Hausaufbahrungen und Trauerfeiern nötig ist. Die Unterschiede finden sich in jedem Detail: unsere Sorgfalt, unser Umweltbewusstsein und dass die Wünsche der Toten und ihrer Lieben immer im Mittelpunkt unseres Handelns stehen. Wir bieten Hausaufbahrungen an, bringen die Toten auch vom Sterbeort noch einmal nach Hause und finden dabei auch in engen Treppenhäusern (die alle behindern, die nicht auf zwei Beinen unterwegs sein können) einen Weg. Wir empfehlen den Menschen, bei der Totenwaschung dabei zu sein: ein uraltes Menschheitsritual, in Deutschland schon lange in Vergessenheit geraten. Mit der Zeit haben wir erfahren, welche Wirkung und welch ein Zauber sich dabei entfalten kann: Durch die sanfte warme Berührung unserer Hände in Achtsamkeit und mit ganzem Respekt für ihren Körper können wir jedes Mal sehen, wie sich in kurzer Zeit die Gesichtszüge der Toten entspannen, wie sich die Leichenstarre auslöst, wie sich Schock, Schmerz oder Anstrengung aus den Körpern lösen, verkrampfte Hände loslassen – die Hingabe an den neuen Zustand. Ihren Körpern wird die letzte Ehrung gegeben, was besonders bei Frauen etwas ist, was schon zu Lebzeiten so selten oder nie geschieht. Und dann sind übliche Vorstellungen vom Totsein egal, wie z.B. „Das ist doch nur noch die Hülle.“ Ein Körper ist nie „nur“. Und es tut den Angehörigen gut, wenn sie mit uns waschen, einölen, behutsam die Lieblingskleidung anziehen. Sie können noch etwas tun für die Toten. Das ist eine wichtige Voraussetzung, um mit der Trauer leben zu können, um etwas vom großen Mysterium Tod zu begreifen, von diesem ungeheuer lebendigen Zustand und der Präsenz der Toten, die wir und die Angehörigen jedes Mal spüren.

Aber diese Präsenz braucht einen geschützten Raum und Herzensberührung, um sich entfalten zu können. Wenn wir die Toten aus den Kühlfächern eines Krankenhauses holen, nackt, kalt, erstarrt, ihrer Würde beraubt, oder wenn wir verletzte Unfalltote aus ihren Plastiksäcken befreien, dann müssen wir sie erst einmal lange berühren, waschen, eventuell Wunden verbinden, mit ihnen in Kontakt sein und diesen Körpern ihre Würde zurückgeben. Und dann passiert es immer, selbst da, wo wir selbst nicht mehr daran geglaubt haben: Sie „erwachen“ wieder, werden lebendig auf diese nur mit dem ganzen Körper begreifliche, tief berührende Weise, und alle haben das Gefühl, dass sie jeden Moment wieder atmen. Dann, so paradox es klingen mag, beginnen sie ihren Weg weiterzugehen. Und die abschiednehmenden Lebenden können sie gehen lassen. Durch diese Präsenz und Lebendigkeit lehren uns die Toten über den Tod, und damit „helfen“ die Toten den Lebenden beim Abschied. Unsere Arbeit ist es, das auf jede Art und Weise zu unterstützen.

Wir achten übrigens im Besonderen bei Frauen, aber auch bei Männern, immer darauf, dass sie nie ganz nackt liegen, und das Waschen im Intimbereich übernehmen in den meisten Fällen wir selbst, ohne sie zu entblößen, weil solch eine Nähe für die uns begleitenden Angehörigen und für die Verstorbenen nur sehr selten stimmt.

Wie erlebt ihr den gesellschaftlichen Umgang mit dem Tod?

A. Holz & M. von Bredow: Tod wird noch immer verdrängt. Die irrationale Angst und der Ekel vor dem Kontakt mit den Toten hat dazu geführt, dass Tote in der Regel wie giftiger Müll entsorgt werden. Mit Chemikalien und Desinfektionsmitteln werden die Toten oft erst giftig gemacht, was schädlich für uns und die Umwelt ist. Nichts an Toten ist zu keinem Zeitpunkt giftig oder schädlich für Lebende. In der gewaltsamen patriarchalen Abspaltung und Trennung von Leben und Tod wurde vergessen, dass aus allem, was stirbt, fruchtbare Erde entsteht, aus der alles neu wächst. Ohne Tod kein Leben.

Wie viel Raum wird der Trauer um einen Menschen heute noch gegeben und zugestanden?

M. von Bredow: In unserer Gesellschaft wird grundsätzlich den Menschen nicht viel Zeit zugestanden. Das erleben wir immer wieder, wenn wir in Großstädten Trauerfeiern organisieren. Auf vielen Friedhöfen werden Trauerfeiern im 20-Minutentakt abgehalten. Wenn die Menschen es sich leisten können, dann buchen wir schon auch mal die zwei- bis dreifache Zeit, damit für die Abschiedsfeier angemessen Zeit ist.

Für diejenigen, die sich das nicht leisten können, organisieren wir es so, dass sie stattdessen mehr Zeit am Grab haben oder dass die Trauerfeier an einem anderen Ort stattfindet. Je nach Verwandtschaftsverhältnis bekommen die Menschen oft nicht mal einen Tag frei, um sich verabschieden zu können, und müssen Urlaub nehmen. Wir müssen funktionieren, da hat der Tod keinen Platz und muss „nebenher“ bewältigt werden.

Trauern Frauen anders bzw. brauchen Frauen und Männer ihre jeweils eigene Art von Trauerbegleitung?

M. von Bredow: Gesellschaftlich bedingt ist es schon so, dass wir Unterschiede wahrnehmen. Männer haben oft mehr Angst davor, dem geliebten gestorbenen Menschen zu begegnen. Frauen tun sich da leichter und sind sehr froh über unsere Angebote, beim Waschen und Versorgen ihrer Toten dabei zu sein oder selbst mit Hand anzulegen. Wir geben aber allen Menschen die Sicherheit, alles tun zu können, was sie selber tun möchten. Andererseits müssen sie aber nichts tun.

Der trauernde Ehemann oder Vater geht dann manchmal lieber selber zum Standesamt, um die Sterbeurkunden und Papiere für seine Ehefrau oder sein Kind zu holen. Aber insgesamt heben sich diese unterschiedlichen Herangehensweisen oft auch auf, weil wir den Menschen so viel Sicherheit geben.

Da sagen uns Sohn und Tochter, die ihre Mutter mit uns behutsam gewaschen und sanft eingeölt haben, schon auch mal, dass ihnen dieses Erlebnis eine lange Therapie erspart hat, oder die Ehefrau, die ihren Ehemann jahrelang gepflegt hat, freut sich, dass wir ihr das Versorgen und Waschen ihres Mannes abnehmen und sie sich einfach nur daneben setzt und uns währenddessen von dem Leben mit ihrem Mann erzählt.

 

DIE BARKE, Bestattung & Begleitung in Frauenhänden. Mobiles bundesweites Bestattungsunternehmen, www.die-barke.de, info@die-barke.de

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Käthe erklärt die Krise https://ansch.4lima.de/kathe-erklart-die-krise/ https://ansch.4lima.de/kathe-erklart-die-krise/#respond Mon, 31 Oct 2011 10:18:53 +0000 https://anschlaege.at/?p=2154 Käthe Knittler Feminismus AnschlägeDie „Krise“ war doch schon vorbei, warum gehen jetzt Staaten bankrott? Wer und was ist eigentlich in der Krise und warum? Die feministische Ökonomin KÄTHE KNITTLER hat Antworten für alle, die bei komplizierten Wirtschaftsberichten längst ausgestiegen sind. Protokolliert von GABI HORAK]]> Käthe Knittler Feminismus Anschläge

Die „Krise“ war doch schon vorbei, warum gehen jetzt Staaten bankrott? Wer und was ist eigentlich in der Krise und warum? Die feministische Ökonomin KÄTHE KNITTLER hat Antworten für alle, die bei komplizierten Wirtschaftsberichten längst ausgestiegen sind. Protokolliert von GABI HORAK

Käthe Knittler Feminismus Anschläge
Käthe Knittler, Foto: Lisa Bolyos

an.schläge: Was ist diese „Krise“? Warum spielt die Wirtschaft seit 2008 verrückt?

Käthe Knittler: Um den Ursachen für die Krise auf den Grund zu gehen, müssen wir weiter zurückschauen: In den Nachkriegsjahren bis in die 1970er Jahre war ein Wirtschaftssystem dominant, das als Fordismus bezeichnet wird. Das hat für 30 Jahre, zumindest für einen Teil der Welt, ganz gut funktioniert: Wirtschaftswachstum, relativ niedrige Arbeitslosigkeit, aufbauend auf Massenproduktion und Massenkonsum. Dieses System ist in den 1970er Jahren in die Krise gekommen, Massenproteste haben zugenommen. Ende der 70er kam es zur Ölkrise, und das System fixer Wechselkurse ist zusammengebrochen, insgesamt hat sich das negativ auf die Gewinne ausgewirkt. War die Politik bis dahin noch von einem Denken geprägt, das Staatsinterventionen ebenso wie wirtschaftliche Ankurbelungsmaßnahmen erlaubte, kam es in den 1980er Jahren zu einem wirtschaftspolitischen Umschwung hin zum Neoliberalismus, wie wir ihn heute kennen: Zurückdrängen von Gewerkschaften, eine Erstarkung von Unternehmensinteressen. Zugleich gibt es einen starken Anstieg an Gewinnen aus Finanztransaktionen, d.h. Gewinne werden weniger mit realen Gütern, Dienstleistungen, Rohstoffen gemacht, sondern damit, dass das Geld sich am Finanzmarkt scheinbar durch sich selbst vermehrt, durch den Handel über Spekulationsgeschäfte und Wechselkursgeschäfte u.Ä. – der Finanzsektor hat in den letzten zehn bis zwanzig Jahren immer mehr an Bedeutung gewonnen.

Und was ist passiert, dass dieses System nun nicht mehr funktioniert? Wie war der Krisenverlauf?

Zunächst gab es in den USA die „sub prime“-Krise oder „Immobilien-Krise“. Sub-Primes sind Wertpapiere mit niedriger Bonität, „schlechten“ Gläubigern oder Gläubigerinnen. Das waren in den USA diese Hypothekarkredite, die massenhaft an Personen vergeben wurden, obwohl klar hätte sein müssen, dass sie die Kredite schwer zurückzahlen können. Die Banken blieben dann auf diesen Krediten sitzen, als der Immobilienmarkt zusammengebrochen ist. Der Grund, warum aber so ein großer Bedarf für diese Kredite bestanden hat, war, dass die Löhne in den USA für den Großteil der Menschen so niedrig sind, dass sie ohne Kredite nicht leben können oder keine Häuser bauen können, weil es auch keinen staatlichen Wohnungsbau gibt. Das hat mit der neoliberalen Umstrukturierung zu tun: Die Lohneinkommen sind gesunken. Ähnliche Symptome finden sich auch in Spanien. Im Laufe der Immobilien-Krise gab es noch die leise Hoffnung, dass sich die Krise auf das eine Marktsegment in den USA beschränkt. Aber die Krise hat doch auf die Banken übergegriffen, das war der Beginn der „Finanzkrise“. Die Banken untereinander haben das Vertrauen verloren, spätestens als die große US-Bank „Lehman Brothers“ in Konkurs gegangen war. Die Banken verleihen ja untereinander Geld und handeln mit Krediten, und wenn dann das Vertrauen nicht mehr da ist, verlangen sie mehr Zinsen voneinander. Dadurch wird es immer schwieriger und teurer, sich Geld auszuborgen. Damit werden aber auch Kredite für KundInnen und Unternehmen teurer. So ist die Krise übergeschwappt auf den sogenannten realen Sektor; 2008/2009 kam es zu ersten großen Firmenpleiten und Entlassungen. Damit hatten auch Privathaushalte weniger Geld, sie konnten weniger konsumieren, und auch das wirkte sich für die gesamte Wirtschaft nachteilig aus. Somit kam es von der „Finanzkrise“ zur „Wirtschaftskrise“. Die „Wirtschaftskrise“ 2009 führte zu einem beispiellosen Rückgang des Wirtschaftswachstums. Das BIP ist kleiner geworden, anstatt – wie üblich – größer, je nach Land in unterschiedlichem Ausmaß, und die Arbeitslosigkeit ist in allen Ländern massiv angestiegen. Plötzlich haben die ganzen neoliberalen Wirtschaftsbosse und Bankenbosse nach Hilfe vom Staat gerufen. Diese Hilfe gab es auch, die Staaten haben viel Geld zugeschossen. Zugleich sind durch die „Wirtschaftskrise“ die Lohneinkommen, Konsumausgaben etc. gesunken, d.h. in all den Bereichen hat der Staat über Steuern weniger eingenommen, hatte aber höhere Ausgaben durch die Konjunktur-Maßnahmen und höhere Ausgaben in der Arbeitslosenversicherung. So landeten wir beim vierten Schritt, bei dem wir heute sind, bei der „Staatsschuldenkrise“.

Was heißt denn „neoliberale Wirtschaftspolitik“ genau?

Neoliberale Wirtschaftspolitik fordert: Privatisierungen, Deregulierungen, Flexibilisierung des Arbeitsmarkts und auch des Finanzmarkts, möglichst wenige Staatsinterventionen – kurzum neoliberale Wirtschaftspolitik ist ein großer Umverteilungsmechanismus. Die Wirtschaft an sich sei stabil, wird da behauptet, und führe von sich heraus nicht zu Ungleichgewichten und  Wirtschaftskrisen – wenn es dazu kommt, dann seien externe Faktoren daran schuld. Deshalb Rückzug des Staates aus allen Bereichen, außer zum Schutz des Privateigentums, zur Sicherstellung der Rechtsverträge, Landesverteidigung u.Ä.

Neoliberale Wirtschaftspolitik ist seit den 1980er Jahren dominant: vertreten in Großbritannien durch Margret Thatcher, in den USA durch Ronald Reagan. Zur Durchsetzung der Politik kam immer die Drohung: Wenn das nicht passiert, dann wandern die Unternehmen ab. Ähnliche Drohungen gibt es heute noch, allerdings kommen durch die Krise neue Durchsetzungsmechanismen hinzu. Griechenland wird de facto erpresst: Entweder die Sparmaßnahmen im öffentlichen Bereich und Privatisierungen etc. werden umgesetzt, oder es gibt kein Geld. Dieselben Forderungen wurden in den 1980er Jahren über IWF und Weltbank übrigens auch an verschuldete Länder Afrikas und Lateinamerikas gestellt – mit massiven Verarmungsfolgen für die Bevölkerung.

Wurde neoliberale Wirtschaftspolitik durch die Krise sogar noch gestärkt?

Als die Wirtschaftskrise die Unternehmen und Banken direkt stark betroffen hatte, war es nicht so. Da wurde sogar nach staatlicher Unterstützung und Regulierung gerufen. Kaum hatte sich die Wirtschaft aber wieder erholt, erstarkte das neoliberale Denken erneut und ist heute wahrscheinlich institutionell sogar noch stärker verankert.

Der Kapitalismus ist also nicht in der Krise?

Für den Großteil der Menschheit war und ist der Kapitalismus schon immer – auch ohne Krise – eine Katastrophe. Jetzt sind Teile der industrialisierten Welt in einer substanziellen Krise, und die Aufregung ist viel größer. Finanzkrisen hat es in den 1980er Jahren in Ländern Afrikas und Lateinamerikas massiv gegeben, wo wahrscheinlich sogar mehr Menschen leben als in den Regionen, die jetzt betroffen sind, und da hat niemand von einer Weltwirtschaftskrise geredet.

Wieso muss der Staat eigentlich Banken retten? Was wäre so schlimm daran, wenn die einfach pleitegehen?

Wenn eine Bank bankrottgeht, wie es ja manchen ergangen ist, ist das gesamtwirtschaftlich nicht so schlimm, die Angestellten der Bank werden arbeitslos, und ein paar beteiligte Leute haben Verluste. Wenn aber alle Banken bankrottgehen, dann ist der Kapitalismus gestorben. Banken verwalten das Geld, und ohne Geld gibt es keinen Kapitalismus. Unternehmen und Staaten brauchen Kredite, das ist etwas ganz Normales im Wirtschaftsprozess. Das war auch die Befürchtung in den USA zu Beginn der Finanzkrise: Wenn die Staaten eine Bank nach der anderen bankrottgehen lassen (die „Lehman Brothers“-Pleite war der Anfang), könnte das einen Domino-Effekt auslösen, alle Leute wollen ihre Spareinlagen abheben, aber dann bricht das gesamte Bankensystem ein, denn so viel Geld hat keine Bank. Banken leben ja davon, dass sie das Geld, das sie bekommen, auch wieder verborgen bzw. andere Geschäfte damit machen.

In Griechenland wird massiv gespart, weil der Staat eigentlich bankrott ist. die Menschen wehren sich gegen den sozialen Kahlschlag. Kann so eine Situation auch in Österreich entstehen?

Wie krisengefährdet ein Land ist, hängt von sehr vielen Faktoren ab. Die Staatsverschuldung alleine ist nicht ausschlaggebend. Griechenland hat im Vergleich zu anderen europäischen Ländern zwar einen hohen Schuldenstand, aber nicht den höchsten. Was in Griechenland aber passiert ist: Wie alle Länder nimmt Griechenland Kredite auf zur Refinanzierung. Nun haben die Rating-Agenturen die Bonität herabgestuft, mit der Folge, dass Griechenland wesentlich mehr Zinsen für neue Kredite zahlen muss, sodass es sich die Kredite nicht mehr leisten kann. Bei der Herabstufung spielen viele Wirtschaftsindikatoren eine Rolle: das Budgetdefizit, aber auch das Wirtschaftswachstum, Arbeitslosigkeit, Leistungsbilanzdefizit u.Ä. Und bei allen diesen Indikatoren ist Österreich relativ gut aufgestellt. Was übrigens auch heißt, dass Österreich wie auch Deutschland von der Griechenland-Krise über die Handelsverflechtungen durchaus auch profitiert hat, wie auch einige Banken und andere Gläubiger und Gläubigerinnen, weil sie nun sehr hohe Zinsen bekommen. Ob es auch in Österreich zu einer massiven Krise kommen kann, hängt davon ab, wie es sich insgesamt weiterentwickeln wird. Das ist schwer vorauszusagen, aber durchaus möglich.

Die Gehälter von ManagerInnen steigen, die Reichen werden immer reicher, die Armen immer ärmer. Gleichzeitig wird der Bevölkerung erklärt, dass nun alle sparen müssen, Sozialleistungen werden gekürzt, Strom und Gas werden immer teurer, „Leistung“ wird eingefordert. Ist es nicht längst Zeit für einen Generalstreik?

Die Streikkultur in Österreich schaut – etwa im Vergleich zu Griechenland – ganz anders aus: „Wir“ sind viel braver, die Gewerkschaften sind braver und eingebunden in den Staatsverwaltungs-Apparat. Umgekehrt gibt es die Kultur des Jammerns, aber am Biertisch, und von dem rührt man sich dann nicht weg. Andererseits haben Protestbewegungen oft auch eine Dynamik, die nicht vorhersehbar ist. Das hat sich zuletzt bei den Studierendenprotesten gezeigt – das waren massive Proteste, mit denen niemand vorab gerechnet hat. Insofern kann ich mir gut vorstellen, dass es auch in Österreich zu größeren Protesten kommt. Und es ist klar, dass es die braucht, damit das System sich grundlegend ändert. Das hat sich ja zuletzt in vielen Ländern gezeigt. Weltweit betrachtet sind die Proteste mittlerweile größer als 1968.

Investieren oder sparen: die einen sagen, Staat und Gesellschaft müssen sparen, damit die Schulden weniger werden. die anderen sind überzeugt davon, dass eine Wirtschaftskrise nur durch Investitionen zu überwinden ist, denn nur so wird die Wirtschaft angekurbelt, Arbeitsplätze geschaffen, Konsum gesteigert etc. Wer hat recht?

Prinzipiell sind sich alle einig, dass investiert werden soll, die Streitfrage ist nur: Wer soll investieren? Soll der Staat investieren oder private Unternehmen? Eine kapitalistische Wirtschaft funktioniert nur über Investitionen, doch die Neoliberalen schränken ein: Der Staat soll es nicht tun, weil der macht lauter Fehler.

Welche spezifischen Auswirkungen hat die Krise auf Frauen?

Grundsätzlich und auch bei den Auswirkungen der Krise wird im Normalfall immer nur der monetäre Bereich betrachtet: Staatsverschulden, Unternehmensgewinne, manchmal auch die Einkommen. Da ist man aber schon progressiv, wenn auch die sinkenden Einkommen mitbedacht werden. Aber es wird nie geschaut, was mit der unbezahlten Arbeit passiert, oder was passiert, wenn in einem Haushalt die Einkommen sinken – beispielsweise wegen der staatlich subventionierten Kurzarbeit oder der steigenden Arbeitslosigkeit. Dadurch wird die materielle Basis des Haushaltes geschwächt, was u.a. dadurch ausgeglichen werden kann, dass mehr selber gekocht wird, mehr selber repariert etc. – das wird zu 80 Prozent von den Frauen geleistet. Genauso der Pflegebereich: Wenn Krankenhaus und Pflegeheim nicht mehr leistbar sind, übernehmen das die Frauen. Noch dazu sind bei Kürzungen im Gesundheitsbereich v.a. Frauenjobs betroffen. Das ist in der Diskussion um die Krise völlig unsichtbar. Denn unbezahlte Arbeit ist in den Wirtschaftswissenschaften kein Faktor, es fließt ja kein Geld, deshalb taucht es in den Bilanzen nicht auf. Eine ganz andere Frage ist noch, inwiefern es zu einem Anstieg von physischer oder psychischer Gewalt gegen Frauen kommt. Das wird auch kaum diskutiert. Jedenfalls wird in Arbeitsstunden gemessen in Österreich mehr unbezahlt gearbeitet als bezahlt. Würden wir die unbezahlte Arbeit niederlegen, würde die Wirtschaft innerhalb kürzester Zeit zusammenbrechen.

Ein bedingungsloses Grundeinkommen, d.h. ein existenzsicherndes Einkommen für alle Menschen ohne Voraussetzungen und in jeder Lebenslage: Ist das eine Lösung gegen die Armutsspirale?

Auf jeden Fall. Es steht und fällt jedoch mit der Höhe des Grundeinkommens, es muss tatsächlich mindestens existenzsichernd sein. Gefordert wird eine Höhe, die ein gutes Leben ermöglicht. Das hat zwei große Vorteile: Erstens, dass die ganze unbezahlte Arbeit zumindest symbolisch anerkannt wird. Zweitens befreit es die Menschen vom Zwang der Lohnarbeit, d.h. ich muss den Niedriglohn-Job nicht annehmen. Und wenn den dann keiner mehr macht, wird sich das Lohnniveau automatisch steigern. Das macht das Grundeinkommen so attraktiv: Es fangen mehrere Räder aus unterschiedlichen Wirtschaftsbereichen zugleich an, sich zu drehen. In Kanada wurde das Grundeinkommen in den 1980ern in einer Region mal probeweise eingeführt, und sofort ging die Scheidungsrate nach oben, weil plötzlich die ökonomische Unabhängigkeit der Frauen höher war.

 

Käthe Knittler ist feministische Ökonomin. Lebt und arbeitet in Wien. Hat Volkswirtschaft studiert und hält Lehrveranstaltungen zu feministischer Ökonomie. www.forschungswerkstatt.org

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medienmix https://ansch.4lima.de/medienmix-2/ https://ansch.4lima.de/medienmix-2/#respond Fri, 30 Sep 2011 09:05:48 +0000 https://anschlaege.at/?p=1746 zeitung_anschlaege_feminismus_oesterreichFrauenwörter * Mutterschaft * Mediencheck]]> zeitung_anschlaege_feminismus_oesterreich

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Frauenwörter

Das britische Literaturmagazin Mslexia erscheint viermal im Jahr und richtet sich an Frauen, die schreiben. Das literarische Pendant zur Legasthenie sei bei Autorinnen die häufig auftretende Störung, nicht gedruckt zu werden, wogegen das Magazin nun mit bereits 50 Ausgaben aktiv vorgehen will. Eigene Wettbewerbe, Interviews, Gegenwartsliteratur, Buchmarkt und Neuerscheinungen richten sich an erfolgreiche Autorinnen genauso wie an Anfängerinnen. Bestellung oder Online-Abo unter http://mslexia.co.uk.

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Mutterschaft 

(Queer-)Feminismus hört am Kinderbett nicht auf! Seit einem halben Jahr beleuchten die Fuckermothers Mutterschaft feministisch. Die Autorinnen (mit und ohne Kinder) dekonstruieren das Mutterideal, indem sie aus ihrem Alltag berichten, auf interessante Veröffentlichungen hinweisen oder sich satirisch mit

dem auferlegten Mutter-Perfektionismus auseinandersetzen. Der Blog bestärkt undogmatisch und humorvoll unterschiedlichste Lebensmodelle von Müttern. http://fuckermothers.wordpress.com.

 

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Mediencheck

Ein Zwiegespräch mit Popkultur führt die US-amerikanische Medienkritikerin und bekennende Serienjunkie Anita Sarkeesian mit ihren Clips. Auf Feministfrequency.com präsentiert sie unakademisch und kritisch Gedanken zu Gender und Popkultur. Über Youtube wurde so etwa der Bechdel-Test zu Frauen in Kinofilmen einem jungen Publikum bekannt, in der Reihe „Tropes vs. Women“ für das Bitch Magazine erläutert sie z.B. anschaulich das Hollywood-Prinzip „Schlumpfine“ in TV und Film.

Fiona Sara Schmidt

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Verniedlichter Aufstand https://ansch.4lima.de/massenproteste-chile-camilla-vallejos/ https://ansch.4lima.de/massenproteste-chile-camilla-vallejos/#respond Fri, 30 Sep 2011 08:56:12 +0000 https://anschlaege.at/?p=1741 Wortführerin der chilenischen Massenproteste gegen die neoliberale Bildungspolitik ist eine Frau. Doch der Erfolg der Mobilisierung wird immer häufiger mit ihrem guten Aussehen statt mit der Überzeugungskraft der Forderungen begründet. Von PAULA RIVEROS AHUMADA 

 

Gegenwärtig entwickelt sich in Chile eine der größten sozialen Bewegungen seit der Rückkehr zur Demokratie. Die chilenische Studierendenbewegung formierte sich im Mai dieses Jahres gegen die strukturellen Missstände im gegenwärtigen Bildungssystem, das noch ein Erbe von Augusto Pinochet ist. Dieser hatte die Basis für breite Privatisierungen im Bildungssektor geschaffen, womit ansehnliche Gewinne erzielt, gleichzeitig jedoch zwei wesentliche Bedingungen für eine gute Bildungsentwicklung im Land vernachlässigt wurden: die Qualität und die Bildungsgerechtigkeit.

Strukturell ungelöst. Seit 1990 hatte es immer wieder Demonstrationen aufgrund dieser Bildungspolitik gegeben, allerdings mit weit weniger Vehemenz. Es waren damals nur die Studierenden der Universitäten, die eine staatliche Finanzierung der höheren Bildungseinrichtungen forderten und es nicht nur für unzureichend, sondern auch für ungerecht hielten, dass nur denjenigen der Zugang zu höherer Bildung offensteht, die sich eine universitäre Laufbahn auch leisten können. Erst 2006 mit der sogenannten „Revolution der Pinguine“ (in Anspielung auf die schwarz-weißen Schuluniformen), einer von SchülerInnen initiierten Bewegung während der Regierungszeit von Michelle Bachelet, organisierte sich eine Arbeitskommission, die sämtliche betroffene AkteurInnen miteinbezog. Als Ergebnis wurde das noch aus der Diktatur stammende Bildungsgesetz (Ley Orgánica Constitutional de Enseñanza, LOCE) durch ein neues ersetzt (Ley General de Educación, LGE). Substanzielle Reformen des Bildungssystems wurden damit aber leider nicht umgesetzt.

Dass diese strukturellen Probleme im Bildungssystem weiter unverändert bestehen blieben und sich trotz eines gesetzlichen Verbots offensichtlich weiterhin viel Gewinn mit der Bildung machen ließ sowie auch die enorme Verschuldung, in die viele Familien deshalb gerieten, waren der Anlass für die Gründung der Konföderation der Studierenden Chiles (Conferderación de Estudiantes de Chile, Confech). Dieser schlossen sich auch die SchülerInnen, die privaten Universitäten und andere wichtige Teile der Zivilgesellschaft an.

Irrelevante Aspekte. Eine der auffälligsten Figuren dieser Bewegung ist Camila Vallejos. Sie ist Vorsitzende der chilenischen Studierendenföderation (FECh), Geografiestudentin und Aktivistin der Kommunistischen Jugend. Sie ist erst die zweite Frau, die den Posten der Vorsitzenden innehat. Ihr Erscheinen macht nun unleugbar deutlich, dass eine Frau mittlerweile solch einen durch Macht und Entscheidungsgewalt ausgezeichneten Ort besetzen kann. Dennoch hat die Figur Camila Vallejos in Chile, einer durch die Dominanz von Männern in Machtpositionen gekennzeichneten Kultur, nicht nur wegen ihrer Führungsstärke, ihrer Verdienste und ihrer Intelligenz die Aufmerksamkeit der Medien auf sich gezogen. Stattdessen präsentierte die Presse diese Frau vor allem als außergewöhnliche Schönheit und führte allein darauf auch den Erfolg der Bewegung zurück. Mit anderen Worten: Sie erklärten die große Unterstützung, die die Bewegung gewinnen konnte, einzig und allein mit Camila Vallejos Charisma und gutem Aussehen. Den vollkommen irrelevanten Aspekt, dass Vallejos sehr hübsch ist, derart zu lancieren, garantierte den Medien besondere Aufmerksamkeit, und nachdem sich gleich mehrere Boulevardblätter nur noch auf Berichte über ihre äußere Erscheinung verlegt hatten, wurde der eigentliche Gegenstand der Debatte vollständig aus dem Fokus der Öffentlichkeit verdrängt. Eine ähnliche Dynamik konnte bereits 2006 beobachtet werden, als Michelle Bachelet Präsidentin wurde und in den Medien nur ihr Aussehen, ihr Kleidungsstil und ihre Frisur diskutiert wurden. Undenkbar, dass einem männlichen Präsidenten so etwas passieren würde.

Nun bleibt es selbstverständlich jedem/r selbst überlassen, sich ein Urteil über die Attraktivität von Camila Vallejos zu bilden. Aber diese Form der Berichterstattung, die Vallejos führende Rolle in der Bewegung – wie auch die Bewegung selbst – derart bagatellisiert, entspricht genau der Art von Bildung, die wir in Chile erhalten: einer Bildung ohne Ernsthaftigkeit, bei der Themen nur noch oberflächlich behandelt werden und bei der eine gründliche Reflektion und Analyse nicht mehr vorgesehen ist. Dies muss unweigerlich zu einer Trivialisierung der Kultur, der Politik, der Ideen und des Sozialen führen. Die eigentlichen Ursachen des Konflikts und der darin verhandelten Themen werden verschleiert. So wird die Chance auf tatsächliche Veränderungen in Chile nicht nur bei der gegenwärtigen Bildungspolitik vertan, sondern auch was Reformen im Wirtschaftssystem, die Rolle des Staates oder der Verfassung anlangt. Und wir werden damit außerdem um die Gelegenheit gebracht, irgendwann in einer Gesellschaft größtmöglicher sozialer Gleichheit zu leben.

 

Paula Riveros Ahumada ist Psychologin und lehrt an der Universität von Santiago de Chile.
Übersetzung aus dem Spanischen: Jens Kastner

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Undenkbares passiert https://ansch.4lima.de/israel-tentifada/ https://ansch.4lima.de/israel-tentifada/#respond Fri, 30 Sep 2011 08:51:52 +0000 https://anschlaege.at/?p=1739 Die israelische „Tentifada“ hat die Gesellschaft schon jetzt verändert, nicht zuletzt aufgrund der zentralen Rolle, die Frauen in der Protestbewegung einnehmen. Von SYLVIA KÖCHL

 

„Darauf habe ich mein Leben lang gewartet.“ Hannah Safran, 61-jährige Veteranin der israelischen Frauenbewegung und feministische Wissenschaftlerin aus Haifa, erzählte bei ihrem Wienbesuch am 8. September mit glänzenden Augen von der gegenwärtigen Protestbewegung, die ihresgleichen in der israelischen Geschichte sucht. Am 12. Juli hatte sich die 25-jährige Videocutterin Daphne Leef entschieden, im Zentrum von Tel Aviv ein Zelt aufzustellen, weil sie sich ihre Wohnungsmiete nicht mehr leisten konnte. Mit ein paar FreundInnen startete sie via Facebook einen Protest- Aufruf, dem immer mehr Menschen mit eigenen Zelten folgten – am 3. September waren dann sogar 450.000 auf den Straßen, die ihre vielen verschiedenen Forderungen formulierten und ihrem Ärger über die Sozial- und Bildungspolitik freien Lauf ließen.

Neue Beziehungen. Das Themenspektrum der Bewegung, die sich zunächst auf die unmittelbarsten Probleme wie Lebenshaltungskosten, Arbeitslosigkeit und das erodierte Sozialsystem bezog, wird praktisch täglich erweitert. Und die Form, wie marginalisierte Gruppen, vor allem Frauen und arabische Israelis, inzwischen eingebunden sind, verändere die Gesellschaft schon jetzt: „Es war davor schlicht undenkbar“, so Hannah Safran, „dass ein Araber oder eine Palästinenserin auf einer israelischen Demo spricht oder sich Israelis positiv auf ein arabisches Land beziehen, wie etwa mit den Plakaten, auf denen ,Das ist unser Tahrir-Platz‘1 steht. Genauso begeistert bin ich von den jungen Frauen, die als Sprecherinnen auftreten und dabei feministisch argumentieren, obwohl sie sich selbst nicht als Feministinnen bezeichnen.“ Auch anderen, wie dem Schriftsteller Assaf Gavron, fällt das auf: „Bemerkenswert ist die zentrale Rolle der Frauen – und das in unserer machogeprägten, militaristischen Gesellschaft. Bislang sprechen auf den Demonstrationen vor allem Frauen“, schreibt er in einem Kommentar für die „Süddeutsche Zeitung“.

Die Protestkultur ist insgesamt sehr ungewöhnlich. „Die Leute gehen einfach auf die Straße, stehen in Gruppen zusammen und diskutieren“, schildert Safran. „Dabei lassen sie sich gegenseitig ausreden – eine durch und durch un-israelische Angewohnheit.“ Für größere Versammlungen wurde eine Zeichensprache von anderen Bewegungen, z.B. in Spanien, übernommen, dadurch lassen sich Zustimmung, Ablehnung und Kritik am Gesagten auf eine Weise äußern, die kaum Streit und keine Wortgefechte zulässt.

Neue Sichtbarkeiten. Die Frauenbewegung in Israel sei eher schwach, sehr zersplittert und habe nur wenige gemeinsame Themen, so Hannah Safran, und auch die bekannte Friedensbewegung „Peace Now“ habe sich immer sehr resistent gegen feministische Einflüsse gezeigt. Der alles beherrschende und vorwiegend von Männern geführte Sicherheitsdiskurs führe zur Unsichtbarkeit von Frauen in der Öffentlichkeit. Daphne Leef selbst, erzählt Safran, musste sich dafür rechtfertigen, warum sie ihren Militärdienst nicht abgeleistet hatte, und war sehr wütend, dass sie öffentlich erklären musste, sie leide an Epilepsie und habe stattdessen einen Sozialdienst absolviert.

Im Jahr 2000, als die zweite Intifada ausbrach, verschwand jegliche Hoffnung auf Veränderung. Die Menschen seien völlig desillusioniert gewesen, erschüttert davon, dass ein solcher Rückschritt im Friedensprozess überhaupt möglich war, beschreibt Hannah Safran die Ausgangslage. In den letzten Jahren habe die Regierung Netanyahu zudem „den Staat komplett ausverkauft“.

Sie sei sich aber sicher, dass es der Protestbewegung um weit mehr als nur Wohnungsprobleme geht, eben durchaus auch um eine neue politische Kultur

im Land. Der große Protest-Slogan, der sich von „Das Volk verlangt soziale Gerechtigkeit“ in „Soziale Gerechtigkeit für alle“ gewandelt hat, zeige, so Safran, dass jene 20 Prozent arabischer Israelis, die von den sozialen Problemen besonders stark betroffen sind, ganz selbstverständlich dazugehören. Eine Einschätzung, die von zahlreichen anderen KommentatorInnen geteilt wird, etwa von der Journalistin Dahlia Scheindlin: „In der Vergangenheit waren es Kriege und Sicherheitsfragen, die die Gesellschaft zusammengebracht haben, aber hier entsteht ein neues, kraftvolles Band, das diese polarisierte Gesellschaft zusammenführen kann.“ Das Mindeste, das sich viele erwarten, ist ein ziviles Leben, das es überhaupt wert ist, militärisch verteidigt zu werden. Wie geht es weiter? In der Nacht auf den 7. September wurde ein Teil der Zeltstadt am Rothschild-Boulevard in Tel Aviv – „Da kannst du 20 Minuten lang an den Zelten entlanggehen“, so Hannah Safran – polizeilich geräumt. Doch egal, was passiert, hinter diese kollektive Erfahrung könne niemand mehr zurück.

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sprechblase https://ansch.4lima.de/sprechblase/ https://ansch.4lima.de/sprechblase/#respond Thu, 29 Sep 2011 19:47:18 +0000 https://anschlaege.at/?p=1719 sprechblase_okt_2011_feminismusHARALD MARTENSTEIN, „Zeit“-Kolumnist mit der Mission „Männer zu verteidigen“, fordert einen Slutwalk für den „Schlamper“. Von LEONIE KAPFER]]> sprechblase_okt_2011_feminismus

sprechblase_okt_2011_feminismus
Harald Martenstein, „Zeit“-Kolumnist mit der Mission „Männer zu verteidigen“, fordert einen Slutwalk für den „Schlamper“. Denn diese männliche Gattung würde „von ihren Partnerinnen oder ihren Müttern“ wahrlich terrorisiert, da sie „ihr Zeug überall herumliegen lassen, nie aufräumen“.
Lieber Herr Martenstein! Ja, es nervt, wenn Männer denken, Haushalt sei Frauensache.
Und es nervt noch viel mehr, wenn jemand eine Demonstration gegen sexuelle Gewalt derart ignorant kommentiert.

Leonie Kapfer

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neuland: Du oder du? https://ansch.4lima.de/neuland-du-oder-du/ https://ansch.4lima.de/neuland-du-oder-du/#respond Thu, 29 Sep 2011 19:43:48 +0000 https://anschlaege.at/?p=1717 Neuland„Ich finde, diese Schuhe sehen bei dir am besten aus,“ sagte die Stimme hinter mir. Von BEATE HAMMOND]]> Neuland

entdeckungen im alltag

„Ich finde, diese Schuhe sehen bei dir am besten aus,“ sagte die Stimme hinter mir. Sie hatte Recht. Die Verarbeitung war gut, und der Schuh verlieh mir das gewisse, hippe Etwas. Ebenfalls nicht ganz unwichtig war der Preis, diese Schuhe kosteten immerhin 30 Euro weniger als die anderen, die ich anprobiert hatte. Nur eine Sache störte mich, und sie hatte mit den Schuhen nichts zu tun: das „Du“ der Verkäuferin. Zwar hatte ich bemerkt, dass in diesem Geschäft alle KundInnen geduzt wurden, aber es gefiel mir trotzdem nicht. Ja, ich weiß, auch Werbungen schwedischer Möbelhäuser oder deutscher Elektrohandelsketten duzen auf Plakaten ihre KundInnen, aber eben nur auf Plakaten, nicht, wenn man die Geschäfte betritt und tatsächlich dort einkauft. Allerdings duze ich auch nicht gerade wenige. Nicht nur Familienmitglieder oder FreundInnen, sondern auch deren FreundInnen, selbst wenn ich ihnen zum ersten Mal begegnete. Ich duze die meisten meiner KollegInnen und Chefs bei der Arbeit und grundsätzlich alle Leute beim Sport. Ich duze alle auf der Universität, obwohl ich vom Alter her den Lehrenden näherstehe als den Studierenden. Was hatte es mich deprimiert, als mich eine Studentin einmal gesiezt hatte! Und wie hatte ich mich geehrt gefühlt, als ich einmal über einen Freund einen semiprominenten Schauspieler kennenlernte, der mich gleich duzte, so als kenne er mich seit Jahren. Auch bei Friseuren habe ich schon spontan geduzt. Asymmetrisch Duzen ist gewissen Familien in gewissen Kreisen vorbehalten, wo Kinder ältere Verwandte siezen, aber von diesen geduzt werden. Oder Leuten, die ihr schwaches Selbstwertgefühl dadurch stärken, dass sie ihre angestellten Putzfrauen oder BabysitterInnen, die meist aus dem Ausland stammen, duzen und von diesen gesiezt werden wollen. In dieser Anrede schwingt ein Hauch von Beleidigung mit, ebenso wie bei Kindern, die wahllos alle Leute duzen, weil sie angeblich kein Sie lernen können. Die Schuhe habe ich übrigens gekauft. 

Kolumne Neuland
Illustration: Nadine Kappacher

Beate Hammond macht ihre Entdeckungen in Wien.

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an.sage: In Sluts We Trust? https://ansch.4lima.de/an-sage-in-sluts-we-trust/ https://ansch.4lima.de/an-sage-in-sluts-we-trust/#respond Thu, 29 Sep 2011 19:39:19 +0000 https://anschlaege.at/?p=1712 vina_yun_anschlaege_feminismus_slutwalk_kommentarEin Kommentar von VINA YUN]]> vina_yun_anschlaege_feminismus_slutwalk_kommentar

Ein Kommentar von VINA YUN

 

Seit im April dieses Jahres der erste Slutwalk in Toronto initiiert wurde, sind die „Schlampenmärsche“ zu einem globalen Phänomen herangewachsen: Von Berlin bis Neu Delhi versammeln sich Feminist_innen auf der Straße, um „gegen Sexismus, sexualisierte Gewalt, Vergewaltigungsmythen und -verharmlosungen“ zu protestieren, wie es etwa in den Demo-Aufrufen aus Deutschland heißt. Wir erinnern uns: Auslöser für den Slutwalk in Toronto war der „Ratschlag“ eines Sprechers der kanadischen Polizei, sich „nicht wie Schlampen anzuziehen, um nicht Opfer sexueller Gewalt zu werden“. Für die wohlbekannte Strategie, die Betroffenen selbst für die Übergriffe verantwortlich zu machen, gibt es im Englischen eine eigene Bezeichnung: Victim Blaming. Ganz oben auf der Liste der „Selber Schuld“-Mythen: „aufreizende“ Kleidung. In „provokanter“ Aufmachung erscheinen daher auch zahlreiche Demonstrant_innen zu den Schlampendemos – was die deutschen Slutwalk-Orga- nisator_innen wiederholt dazu veranlasst, den „performativen“ Charakter einer solchen Selbstdarstellung zu betonen. Noch schwieriger stellt sich die (teils selbst forcierte) mediale Inszenierung als neue feministische Protestkultur dar: Da wird etwa deren dezentrale Organisationsform bestaunt, und einige genieren sich nicht, die junge feministische Generation einmal mehr in Opposition zur angeblich männerhassenden und verschnarchten Frauenbewegung der Mütter zu stellen. Was die (un-)mögliche Aneignung des Begriffs „Slut“ angeht, beziehen sich viele Aktivist_innen im deutschsprachigen Raum auf die Riot-Grrrl-Bewegung der 1990er Jahre. Doch die Strategie dieses Reclaimings ist noch älter – lange vor den Riot Grrrls rappte etwa Roxanne Shanté 1984: „I am one bad bitch.“ Anfang der 1990er gingen afroamerikanische female Rap-Crews wie Bitches with Problems oder Hoes with Attitude in die Offensive und präsentierten sich selbst als „Superschlampen“ – eine Hardcore-Tradition, wie sie später von Lil’ Kim, Foxy Brown und anderen fortgeführt wurde. Von „Performativität“ war/ist hier allerdings nie die Rede, lieber wurde ihre Hypersexualisierung essenzialisiert. „Schlampen“ nannten sich übrigens auch die lesbischen Aktivist_innen der „Schlampagne“, die sich in Deutschland Ende der 1990er als Kritik an der „Homoehe“ bildete und die Vision eines „Schlamputopia“ formulierte, in der Selbstbestimmung nicht nur Sexualität, sondern auch z.B. reproduktive Rechte und Bewegungsfreiheit umfasst. Zwar wird bei den Slutwalks pflichtbewusst auf Differenz- Kategorien wie Klasse und Race hingewiesen – eine tiefergehende Auseinandersetzung mit der Kritik von Women of Color, die der politischen Wirksamkeit des Begriffs „Schlampe“ oder „Hure“ angesichts von rassistisch-kolonialen und klassenspezifischen Implikationen eher skeptisch gegenüberstehen, ist bislang jedoch ausgeblieben. Während weiße Mittelschicht-Frauen mit der ironisch-hedonistischen Affirmation des Schimpfwortes „Slut“ versuchen, gängige Weiblichkeitsbilder zu stören, sind z.B. Schwarze oder Roma-Frauen bereits von vornherein mit der Zuschreibung einer „wilden“, devianten Sexualität konfrontiert. Die Grenzüberschreitung des „Anständigen“ bleibt daher vornehmlich privilegierten (weißen, heterosexuellen) Frauen vorbehalten, die, wie es etwa eine Blog-Autorin des „Crunk Feminist Collective“ formuliert, „nach wie vor damit rechnen können, mit Würde und Respekt behandelt zu werden“. Auch zahlreiche Aktivist_innen aus der Sexarbeiter_innen-Bewegung formulieren Kritik: „In dieser Bewegung spielen konkrete Forderungen für die Rechte von Prostituierten bisher keine Rolle – obwohl doch der Begriff ‚Schlampe‘ seit Jahrhunderten sexuell selbstbestimmte und durch Promiskuität oder Kleidung aus der Rolle fallende Frauen in die Nähe der stigmatisierten Prostituierten rücken soll“, erklärte etwa Juanita Henning vor kurzem in der „Jungle World“. Ob Sluts, Bitches oder Hoes – Subjektpositionen, die sich vornehmlich über eine sexuelle Selbstdefinition in den herrschenden Diskurs einzuschreiben versuchen, sind schon immer zweischneidig gewesen. Denn sie sind nicht entweder hegemonial oder subversiv – sondern beides zugleich. Dass sich einige Mainstream-Medien mit Freude auf die Miniröcke und Dekolletés bei den Slutwalks stürzen, widerspricht demnach nicht unbedingt der Tatsache, dass das Anliegen durchwegs angekommen ist. „Slut“ ist keine universelle Erfahrungskategorie, weil ihr sowohl befreiende als auch repressive Momente innewohnen – für unterschiedliche Personengruppen. An diesem Wider- spruch weiterzuarbeiten, wäre eine Herausforderung für die kommenden – auch in Wien geplanten – Schlampen-Demos.

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an.künden: Mitmach-Revolutionen https://ansch.4lima.de/an-kunden-mitmach-revolutionen/ https://ansch.4lima.de/an-kunden-mitmach-revolutionen/#respond Thu, 29 Sep 2011 19:28:10 +0000 https://anschlaege.at/?p=1709 an.kuenden_okt_2011_feminismus_Blog„DIY. Die Mitmach-Revolution“ nennt sich eine Ausstellung, die derzeit in Frankfurt zu sehen ist.]]> an.kuenden_okt_2011_feminismus_Blog

„DIY. Die Mitmach-Revolution“ nennt sich eine Ausstellung, die derzeit in Frankfurt zu sehen ist. „Do It Yourself“ war auch schon vor dem aktuellen feministischen Handarbeits-Hype eine wichtige politische Strategie, etwa bei der Gründung von Medien. Die Schau bietet also bestimmt auch für Feminist_innen die eine oder andere nützliche Anregung, wie Revolutionen im Eigenbau funktionieren können.

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Do It yourself. Die Mitmach-Revolution.
Bis 19.2.2012, Museum für Kommunikation Frankfurt, 60596 Frankfurt, Schaumainkai 53 (Museumsufer), Di– Fr 9–18.00, Sa+So 11–19.00, www.diy-ausstellung.de

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an.sprüche: Gleichberechtigung und andere Ausflüchte https://ansch.4lima.de/an-spruche-gleichberechtigung-und-andere-ausfluchte/ https://ansch.4lima.de/an-spruche-gleichberechtigung-und-andere-ausfluchte/#comments Wed, 28 Sep 2011 13:51:24 +0000 https://anschlaege.at/?p=1636 ansprueche_anschlaege_Oktober_2011_.feminismus_oesterreichIm Frühjahr 2011 habe ich meine Kinder verlassen. Das hatte persönliche und berufliche Gründe. Von MYRIAM LEVOY]]> ansprueche_anschlaege_Oktober_2011_.feminismus_oesterreich

MYRIAM LEVOY ist für einen Job vorübergehend ins Ausland gegangen. Doch offenbar dürfen das nur Väter.

 

Im Frühjahr 2011 habe ich meine Kinder verlassen. Das hatte persönliche und berufliche Gründe: Das Verhältnis zu meinen Ex-Mann, von dem ich zu diesem Zeitpunkt bereits über ein Jahr getrennt war und mit dem ich mir die Betreuung der Kinder von Anfang an geteilt hatte, war noch immer katastrophal. Zudem musste ich nach Jahren der Unabhängigkeit wieder meine Eltern um Geld fragen, weil es vorn und hinten nicht reichte. Dann bot sich mir überraschend die Möglichkeit, im Ausland eine Zeit lang genau den Job zu machen, den ich immer machen wollte, und bei dem ich mich darüber hinaus genau dafür einsetzen konnte, was mir politisch wichtig war. Ich dachte viel nach, drei, vier Wochen lang. Ich habe eine Entscheidung getroffen. Ich habe sie mir gut überlegt, ich finde bis heute, dass sie richtig ist und bin glücklich dort, wo ich bin.

Ich hatte mich mit dem Thema Mutterschaft und den damit verbundenen gesellschaftlichen Ansprüchen schon die Jahre zuvor herumgeschlagen, war jung und unbekümmert Mutter geworden, ohne jede Ahnung, mit welch eisernem Griff einen die gesellschaftlichen Normen, Rollenbilder, eigene und fremde Ansprüche packen, wenn man das unbeschwerte Studentinnenleben verlässt und nicht mehr länger eine Frau ist, die Rechte hat, sondern eine Mutter, die Pflichten erfüllen muss. Die Erfahrungen der Jahre zuvor waren allerdings harmlos im Vergleich mit den Reaktionen, die ich bekam, als ich Familie und FreundInnen meine Entscheidung mitteilte, zumindest vorübergehend ins Ausland zu gehen – und die Kinder, von denen ich wusste, dass es ihnen bei meinem Ex-Mann und in ihrem gewohnten Umfeld besser gehen würde, nicht mitzunehmen. Ich war auf Diskussionen und Kontroversen gefasst gewesen, aber nie hätte ich gedacht, was für ungebändigte Emotionen, ja welcher Hass mir aufgrund dieser Entscheidung entgegenschlagen würden. Schließlich kannte ich genug Männer, die verheiratet oder getrennt, für einige Monate zum Arbeiten ins Ausland gingen oder von Anfang an ihre Kinder aufgrund einer Arbeit in einer anderen Stadt – oder auch schlicht wegen zu viel Arbeit – nur am Wochenende sahen, ohne dass irgendjemand die Beziehung zu ihren Kindern oder ihre „Vaterschaft“ infrage stellte. Meine Eltern, die mich mein Leben lang ermuntert hatten, auch als Frau selbstständig meinen Weg zu gehen, brachen den Kontakt zu mir ab, nachdem sie mich als „Schande der Familie“ und „furchtbare Egoistin“ bezeichnet und beschimpft hatten.

Noch geschockter war ich jedoch darüber, wie mein (größtenteils linksradikales) Umfeld reagierte: nämlich kein bisschen anders. FreundInnen, die mich bisher immer unterstützt hatten, weigerten sich, mit mir über „dieses Thema“ oder überhaupt weiter zu reden: Dies sei einfach eine absolut unmoralische und egoistische Entscheidung, und ich solle mich nicht vor meiner Verantwortung drücken, indem ich immer mit „Gleichberechtigung“ oder ähnlichen Ausflüchten käme. Leute, die ich kaum kannte, die aber von meinen Plänen gehört hatten, schrieben mir E-Mails, in denen sie mich dazu aufriefen, diese Entscheidung noch mal zu überdenken und an die Kinder zu denken. Manche andere brachen vor mir in Tränen aus und baten mich, bei den „armen Kindern“ zu bleiben. Die Anschuldigungen gingen bis hin zu „geisteskrank“ und „gestört“.

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Illustration von Bianca Tschaikner

Niemand hörte mir zu, fragte mich nach Gründen, niemand unterstützte mich oder respektierte zumindest meine Entscheidung, niemand konnte sachlich mit mir darüber reden. Ich fühlte mich, als hätte ich jemanden umgebracht und nicht, als wäre ich zum Arbeiten für eine Weile weggegangen, in der Sicherheit, dass es meinen Kindern gut ging, sie liebevoll betreut waren und ich regelmäßig Kontakt mit ihnen hatte. Niemand glaubte mir, dass diese Entscheidung auch für mich nicht leicht war, dass ich die Kinder sehr liebe und manchmal schrecklich vermisse. Wenn ich sie lieben würde, wenn ich sie vermissen würde, hieß es, dann wäre ich bei ihnen.

Diese Anschuldigungen, ich würde meine Kinder nicht lieben, haben mich über Monate furchtbar gequält, und sie tun das teils heute noch. Aber ich bin ein politischer Mensch, ich habe mich viele Jahre intensiv mit Rollenmustern, mit Frauen- und Mutterbildern auseinandergesetzt. Und aus diesem Blickwinkel war es erschreckend zu erkennen, was für ein unglaublich konservatives Frauen- und Familienbild in meinem theoretisch so progressiven Umfeld herrschte. Die Mutter hat bei den Kindern zu sein. Dass das Wohlergehen der Kinder nicht an die physische Präsenz der Mutter geknüpft ist, dass es vielleicht andere Familienkonstellationen gibt, die ebenfalls denk- und lebbar sind, stand nicht mehr zur Debatte.

Das Argument „Kindswohl“ macht jeden Versuch, alternative Rollenmuster zu leben oder auch nur zu diskutieren, unmöglich. Haben Frauen sich nicht mühevoll über Jahrzehnte hinweg von einem Verständnis von Mutterschaft befreit, das Liebe mit Selbstaufopferung gleichsetzt? Ich weiß aus eigener Erfahrung, was für belastende psychische Folgen eine solche permanente Unterdrückung eigener Bedürfnisse „für die Kinder“ auf eben diese hat.

Feministinnen, scheint es, dürfen nicht Mutter werden, oder wenn sie Mutter sind, sind sie keine Feministinnen mehr. Muss nicht genau dieser Bruch zum Thema für alle Linken (Frauen) werden?

 

Myriam Levoy arbeitet seit mehreren Jahren als freie Journalistin.
Illustration: Bianca Tschaikner

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heimspiel: Wie machst du das eigentlich? https://ansch.4lima.de/babyschwimmen/ https://ansch.4lima.de/babyschwimmen/#respond Wed, 28 Sep 2011 13:43:47 +0000 https://anschlaege.at/?p=1632 Als Alleinerzieherin eines mittlerweile Zweijährigen falle ich weiterhin nicht auf. Von ALICE LUDVIG]]>

leben mit kindern

Als Alleinerzieherin eines mittlerweile Zweijährigen falle ich weiterhin nicht auf. Wochentags in einem stark frequentierten Wiener Schwimmbad kann ich die amtlich bestätigten 14 Prozent nicht ausfindig machen, die sogenannten „Ein- Eltern-Familien“ mit Kindern unter 15. Ich sehe jedenfalls bis zum Badeschluss eine ganze Masse von mindestens 98 Prozent Frauen im Kinderbereich. Ich werde auch nur noch selten gefragt: „Sag, wie machst du das eigentlich?“, denn die Mütter in meinem Bekanntenkreis sind selbst sehr beschäftigt. Zugegeben, ich spreche hier über AkademikerInnen mit Wohnsitz innerhalb des Gürtels bzw. in gentrifizierten Bezirken. Also echt nicht der Durchschnitt. Von dieser Gruppe bekommen jene, die bisher ohne Job nur ihr Kind betreuten, demnächst das zweite oder haben begonnen, wieder zwei, drei Tage die Woche zu arbeiten. Ich habe mich schon öfters gefragt, wie machen die das eigentlich? Nur Kind wäre mir nämlich viel zu anstrengend gewesen, wenn ich sehe, wie ausgebucht diese Mütter waren: Die Termine führten sie von der Osteopathin über die Beikostberatung in die Elternabende der Pikler-Gruppe und zurück. (Emmi Pikler war die Gründerin einer Bewegungsphilosophie im Ungarn der 1950er Jahre.) Dazwischen gab es noch Baby- Schwimmkurse, und die aktivsten meiner Bekannten haben zudem sogar Gehörlosensprachkurse besucht. Ehrlich, das ist jetzt total in, damit kann frau nämlich mit dem Nachwuchs schon vor der Spracherlernung kommunizieren!
Für den Baby-Schwimmkurs war ich zugegeben zu faul, außerdem fand ich ihn unverschämt teuer. Und wie mache ich das eigentlich? Ich arbeite 31 Stunden, mein Sohn ist im Kindergarten und lebt jeweils zwei Tage pro Woche bei meinen Eltern. Die restliche Zeit ist „quality-time“ für uns, womit ich sehr zufrieden bin. Einige meiner Freundinnen aus „Zwei-Eltern-Familien“ waren unlängst zum ersten Mal abends wieder im Kino. In diesen Kreisen aber eine Frage der Prioritäten und nicht des Geldes. 

heimspiel_illus_01_oktober_2011_feminismus_oesterreich_deutschland
Ilustration von Nadine Kappacher

Alice Ludvig ist seit über zwei Jahren aus freien Stücken Alleinerzieherin und lebt in Wien.

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lesbennest: Meet Ze (green eyed) Monsta https://ansch.4lima.de/meet-ze-green-eyed-monsta-queer-feminism/ https://ansch.4lima.de/meet-ze-green-eyed-monsta-queer-feminism/#respond Wed, 28 Sep 2011 13:34:27 +0000 https://anschlaege.at/?p=1624 LesbennestI have a chronic disease; I am suffering from hard-core envy of cool people. Von DENICE]]> Lesbennest

the fabulous life of a queer femme in action

I have a chronic disease; I am suffering from hard-core envy of cool people. The symptoms are belly-aches, shaking, panic and sudden attacks of crying heavily and feeling sorry for myself as soon as I think that somebody is much cooler than I could ever be. I get a strong compulsive need to grab whatever it is that the person in question possesses and run like hell, screaming, “it’s MINE now!! AAALL MINE!!” Luckily this never works out since the things I so desperately WANT are of a non-grabbable nature. So I start whining, which takes me onto the next level where I feel ashamed and hate myself for not DOING instead of COMPLAINING. And I should use all the potential that I have; but hey! Wait a minute; what if I actually suck?? What if it all turns out to be poop?? Ok. It’s better to not even try at all. At least I don’t have to live with the humilitation of public failure, and it’s safer to just fantasize about all the greatness that I really will achieve one day. And times goes by, and BOOM! One day I stand there at some public event and see all these talented people doing great stuff and I wantwantwantwant, face green and boiling with envy. Just the past month I have experienced severe pain from envy- ing the following people: girlsrockcamp-participants for being younger and better, creative queer people in Berlin in general, two friends leaving for a South America-trip that I’ve always wanted to go on, a friend publishing a really great book, the band Austra, ambitious and good looking 21-year old hipster queer-dykes who make my 20ies look like a commercial for XXXLutz, Beth Ditto, all the feminist artists who sit in the Fett & Zucker-café working on their new awesome projects, my sister for doing great political work and, finally, to put the icing on the self-pity-cake: Madonna’s daughter Lourdes. I “read” her blog and started crying because she HAS EVERYTHING and on top of it all lives in New York. That is when I did realize that I really have a problem.

Kolumne Lesbennest Österreich Deutschland Feminismus
Illustration: Nadine Kappacher

Denice truly enjoys it when other people succeed and promises that she has no voodoo dolls. At least not that many.

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lebenslauf: Miriam in meiner Bank https://ansch.4lima.de/lebenslauf-miriam-in-meiner-bank/ https://ansch.4lima.de/lebenslauf-miriam-in-meiner-bank/#respond Wed, 21 Sep 2011 13:26:51 +0000 https://anschlaege.at/?p=1387 LebenslaufZu der Zeit, als ich mein erstes Girokonto eröffnete, war die Wahl des Geldinstitutes ein politisches Statement. Von CHRISTINE HARTMANN]]> Lebenslauf

auch feministinnen altern

Zu der Zeit, als ich mein erstes Girokonto eröffnete, war die Wahl des Geldinstitutes ein politisches Statement. In den mittlerweile vergangenen vier Jahrzehnten wurde „meine“ Bank mehrmals umbenannt, hat Mitbewerber aufgekauft, wurde – auch mehrmals – fusioniert und schließlich globalisiert. Mein langgedienter Kundenbetreuer fand sich in einem Kleinraumbüro mit anderen langgedienten KollegInnen wieder, wo nun mehrere hundert Jahre Bankerfahrung versammelt und mit Kleinkundengeschäften befasst sind.
Am Schalter hingegen treffe ich auf einen Herrn, den ich auch vor einer Beratungspraxis für Schwangere angetroffen habe, als Sandwich verkleidet mit den bekannten Informationen, gestaltet von „Miriam– Verein fürs Leben“. Ich bin auf die andere Straßenseite ausgewichen und habe mich geistesabwesend gestellt, um ihm nicht grüßend zunicken zu müssen, in einer Kleinstadt kennen wir einander. Überwältigendes Fremdschämen ist steigerbar: Denselben Herrn sichtete ich in der Fußgängerzone als Teil einer Gruppe von Miriam- Jüngern singend und betend und auf dem Boden kniend, umgeben von den erwähnten Antiwerbetafeln. Diesmal war meine Reaktion: Augen zu und vorbei, dabei war ich hochkonzentriert, um die schlagartig aufgetretene starke Übelkeit zu bewältigen.
Gibt’s denn in diesem Arbeitsleben überhaupt keine Unvereinbarkeiten mehr? Beschränken sich Unvereinbarkeiten ausschließlich auf Dresscodes, Piercings und Tattoos? Und wie viele der Schalterangestellten sind noch anzugsgetarnte Extremisten, und ich weiß es nur nicht?
Das Geldinstitut zu wechseln ist auch keine Lösung, denn wer garantiert mir extremistenfreie Geldhallen, und wo nähme man mich als Kundin, die nicht nur von der Krise gründlich gebeutelt wurde, sondern auch, nicht zuletzt deshalb, alt ausschaut?
Anscheinend kann ich besser mit Bankern umgehen, die meine Rentengelder zur Gänze verzockten als mit christlichen Fundamentalisten. Klar ist, dass mir für den Umgang mit den jeweiligen Vertretern derzeit nur Verdrängung hilft.

Kolumne Lebenslauf
Illustration: Nadine Kappacher

Christine Hartmann, Jg. ’53, lebt und arbeitet hauptsächlich in Bregenz und wundert sich je länger umso mehr. www.prozesswissen.at

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an.lesen: Kapitalismus und Königsberger Klopse https://ansch.4lima.de/an-lesen-kapitalismus-und-konigsberger-klopse/ https://ansch.4lima.de/an-lesen-kapitalismus-und-konigsberger-klopse/#respond Tue, 20 Sep 2011 19:39:17 +0000 https://anschlaege.at/?p=1320 Hip-Sein auf Hartz IV. KATJA KULLMANN hat ein Buch über die Kreativszene geschrieben. Von LEA SUSEMICHEL

 

Über die neue Bürgerlichkeit des „Bionade-Biedermeier“ ist zuletzt viel geschrieben und gelästert worden. Denn der Hang zu Retro ist bei den längst nicht mehr nur im Prenzlauer Berg lebenden „Neo-Kons“ bei Brille und Bogenlampe nicht stehengeblieben, auch sonst lässt sich eine Rückkehr zu Altbewährtem beobachten. Die wieder in Mode gekommenen Kinder werden in den Klavierunterricht geschickt, und der große Holztisch in der Küche rückt erneut ins Lebenszentrum. 

Einiges geschrieben wurde auch über das neue Prekariat. Es ist nicht mehr ausschließlich proletarisch, armutsgefährdetsind inzwischen auch viele Gutausgebildete. Doch obwohl Christiane Rösinger schon fragte: „Ist das noch Bohème oder schon Unterschicht?“, wurde die nicht unerhebliche Schnittmenge zwischen Kulturprekariat und den freien Kreativen bislang außerhalb der Mayday-Bewegung wenig zur Kenntnis genommen. Auch Katja Kullmann zitiert die Zeile von Rösinger in ihrem Buch, das sie nun über diese Schnittmenge geschrieben hat. Kullmann war als freiberufliche Journalistin und Autorin durchaus erfolgreich, bevor sie zur Hartz IV-Empfängerin wurde. Damit ist sie nicht die einzige in ihrem Umfeld, und auch die mitfühlende Sachbearbeiterin auf dem Amt bestätigt ihr, dass es mittlerweile sogar Tatort-Schauspieler treffen kann.

In „Echtleben“ – das ausgerechnet beim gerade pleite gegangenen Eichborn-Verlag erschienen ist – erzählt Kullmann davon, wie sich die freelancenden Kreativen, Intellektuellen und Alternativen einst ihr Leben und ihre Arbeit vorgestellt hatten: „Im Karl Marx’schen Sinne nicht zu weit entfremdet, aber im Norbert Blüm’schen Sinne noch halbwegs abgesichert.“ Um dann mit spätestens Vierzig die zur Warenform gewordene Konformität des eigenen Lebensstils und die finanzielle Prekarität der Projektarbeit erkennen zu müssen.

Das aus einzelnen essayartigen Kapiteln bestehende und deshalb nicht immer ganz stringent erzählte und argumentierte Buch liefert über weite Strecken launige Milieustudien und ein pittoreskes Panorama der unterschiedlichsten ProtagonistInnen urbaner (Sub-)Kultur. Die anekdotischen Analysen jener, die „augenzwinkernd Königsberger Klopse kochen“ oder militant vegan leben („Hanf-Mode, Holundersaft, Heimat-Tourismus“) sind durchwegs sehr unterhaltsam. Doch die eigentliche Stärke des Buchs liegt darin, dass Kullmann es bei diesen Szeneschilderungen nicht belässt. Immer wieder sind ihre Beobachtungen auch soziologische Mikrostudien von fast Bourdieuscher Schärfe. Popliterarisch pointiert wird erklärt, wie soziale Distinktion in Zeiten funktioniert, in denen Fußkettchen sowohl von Hippies als auch von der Schickeria getragen werden, oder was das Üble an Gentrifizierung ist. Und es wird vor allem deutlich gemacht, was die neoliberale Politik von Rot-Grün und Agenda 2010 in Deutschland angerichtet haben. Denn obwohl der Untertitel lautet: „Warum es heute so kompliziert ist, eine Haltung zu haben“, positioniert sich die Autorin erfreulich eindeutig. Gegen eine Politik, die wenige reich und viele andere immer ärmer werden lässt, die das Solidarprinzip aufkündigt und für die Hartz IV-BezieherInnen und MigrantInnen Leistungs- oder Integrationsverweigerer sind.

Dass Kullmann, die 2002 „Generation Ally. Warum es heute so kompliziert ist, eine Frau zu sein“ veröffentlicht hat, auch bekennende Feministin ist, wird dabei leider weniger explizit. Denn inwieweit neoliberale Prekarisierung Frauen in besonderer Weise trifft, wird zwar manchmal auf subjektiver, selten aber auf struktureller Ebene zum Thema gemacht. Letztendlich zeigt sich in Kullmanns Kampf für ein gutes Leben und ein gutes Gewissen aber doch auch eine klar feministische Haltung. Und trotz der Schonungslosigkeit, mit der sie ihre Szene seziert, sind ihr die, die weiter nach Alternativen suchen, allemal lieber als die anderen: „Die Leute sind doch eigentlich ganz in Ordnung.“
 

Katja Kullmann: Echtleben.
Warum es heute so kompliziert ist, eine Haltung zu haben.
Eichborn 2011, 17,95 Euro

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