an.sprüche – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de Wed, 12 Feb 2025 08:27:04 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.0 https://ansch.4lima.de/wp-content/uploads/2024/10/cropped-favicon-32x32.png an.sprüche – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de 32 32 In den eigenen vier Wänden https://ansch.4lima.de/in-den-eigenen-vier-waenden/ https://ansch.4lima.de/in-den-eigenen-vier-waenden/#respond Sun, 09 Feb 2025 11:41:19 +0000 https://anschlaege.at/?p=124977 Viele migrantische Mädchen aus der Arbeiter*innenklasse passen zu Hause auf Geschwister auf, statt draußen die Welt zu erobern. Das muss sich ändern, sagt Ionela von unserer jungen an.sage-Redaktion. Als kleines Kind wollte ich unbedingt eine Sportart ausüben. Es war mir fast egal, welche Sportart, aber für mich war es wichtig, dass ich körperlich aktiv bin. […]]]>

Viele migrantische Mädchen aus der Arbeiter*innenklasse passen zu Hause auf Geschwister auf, statt draußen die Welt zu erobern. Das muss sich ändern, sagt Ionela von unserer jungen an.sage-Redaktion.

Als kleines Kind wollte ich unbedingt eine Sportart ausüben. Es war mir fast egal, welche Sportart, aber für mich war es wichtig, dass ich körperlich aktiv bin. Damals hat mir meine Sportlehrerin vorgeschlagen, dass ich mich in einem Verein anmelden sollte, weil sie Potenzial in mir gesehen hat. Ich habe es meinen Eltern voller Aufregung erzählt, aber für sie kam nicht infrage, dass sie dafür monatlich eine für sie beträchtliche Summe hätten zahlen müssten. Das Geld war knapp bei uns.
Geld war dabei aber nur eine von vielen Hürden. Als große Schwester ist es oft meine Verantwortung, in der Familie auch spontan auf meinen kleinen Bruder aufzupassen. Obwohl ich ältere Brüder habe, ist es für meine Eltern trotzdem eine Selbstverständlichkeit, dass ich als Mädchen diese Aufgabe zu übernehmen habe.
Das ist der Grund dafür, dass ich regelmäßige Termine nur schwer einhalten kann. Wenn Geld kein Problem wäre, könnten meine Eltern einen Babysitter für meinen Bruder besorgen und mir somit den Wunsch nach einem Hobbyverein ermöglichen. Aber das ist unrealistisch.
Wenn Freund:innen mir von ihrem Klavierunterricht oder ihren Gymnastikvereinen erzählt haben, dachte ich oft, dass es einen gewaltigen Unterschied in unseren Lebens­realitäten gibt.
Meine Eltern sind nicht allein dafür verantwortlich, dass ich bestimmte Möglichkeiten als Kind und auch als Jugendliche nicht hatte. Es trifft sie nur eine Teilschuld. Es ist vor allem das System, in dem wir leben, das es mir und meiner Familie so schwer macht. Wenn ich heute an meine Kindheit zurückdenke, wird mir bewusst, dass sich wohl weiterhin viele andere Mädchen in meiner Geschichte wieder­erkennen.
Es sind vor allem migrantische Mädchen aus Arbeiterfamilien, die von ihrem Umfeld isoliert werden. Sie haben keine Hobbys, nichts, womit sie sich außerhalb der Schule beschäftigen können. Während die Jungs sich im Park treffen und Fußball spielen, müssen die Mädchen zu Hause Care-Arbeit leisten und ihre Wünsche zurückstellen.
Dabei arbeiten Kapitalismus und Patriarchat Hand in Hand. Reiche Familien können Sorgearbeit einfach auslagern. Sie fühlen sich fortschrittlich und emanzipiert, während die Arbeit auf unterbezahlte, meist migrantische Arbeiterinnen abgewälzt wird.
Für ärmere Familien bleibt die Sorgearbeit innerhalb der Familie. Mädchen übernehmen oft eine klassische Mutterrolle in der Familie. Es bleibt ihnen verwehrt, ihr volles Potenzial auszuschöpfen. Für die Sorgearbeit verantwortlich zu sein, bedeutet oft, an das Haus gefesselt zu sein. Das Leben vieler migrantischer Mädchen spielt sich in der Schule oder in den eigenen vier Wänden ab.
Dadurch können sie weniger soziale Kontakte knüpfen, sich nur sehr eingeschränkt ausleben, körperlich ausprobieren und ihre Stärken und Schwächen kennenlernen. Sorge­arbeit macht aber auch müde – zu müde und erschöpft oft, um den eigenen Zielen und Wünschen nachgehen zu können.
Dass sie oft weniger Möglichkeiten haben, an Freizeitaktivitäten, Ausflügen oder anderen sozialen Veranstaltungen teilzunehmen, hat auch damit zu tun, dass es den Mädchen sehr schwer gemacht wird, Teil der Gesellschaft zu sein. Viele beherrschen die deutsche Sprache noch nicht so gut und fühlen sich deshalb unsicher. Was dazu führt, dass sie sich aus sozialen Aktivitäten zurückziehen, aus einem Mangel an Selbstwertgefühl oder Angst vor Ablehnung.
Ich wünsche mir, dass migrantische Mädchen mehr gefördert werden, um ihre Talente und Interessen zu entdecken. Es braucht mehr kostenlose Angebote wie Sportvereine oder Mentoring-Programme, die ihnen helfen, ihre Stärken zu entfalten, ohne dass die Familien finanziell belastet werden. Wichtig ist auch, dass es Menschen, vor allem Lehrkräfte, gibt, die an sie glauben und ihr Potenzial fördern.

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Angst vor dem Einkauf https://ansch.4lima.de/angst-vor-dem-einkauf/ https://ansch.4lima.de/angst-vor-dem-einkauf/#respond Tue, 18 Jun 2024 10:18:19 +0000 https://anschlaege.at/?p=118774 1,1 Millionen Menschen sind in Österreich von Ernährungsarmut betroffen. Aber was bedeutet das konkret? Daniela Brodesser hat die Nase voll von übergriffigen Belehrungen und klärt auf. Was mich regelmäßig in Rage versetzt? Wenn Menschen, die finanziell gut aufgestellt sind und ein funktionierendes soziales Netzwerk haben, Armutsbetroffenen erklären, wie, was, wann und wo sie einkaufen und […]]]>

1,1 Millionen Menschen sind in Österreich von Ernährungsarmut betroffen. Aber was bedeutet das konkret? Daniela Brodesser hat die Nase voll von übergriffigen Belehrungen und klärt auf.

Was mich regelmäßig in Rage versetzt? Wenn Menschen, die finanziell gut aufgestellt sind und ein funktionierendes soziales Netzwerk haben, Armutsbetroffenen erklären, wie, was, wann und wo sie einkaufen und kochen sollten.

Kaum erscheint in den Medien ein Bericht zu Armut und Ernährung, schon erklären uns die ersten Kolumnist:innen, man könne sich selbst unter der Armutsgrenze lebend billigst und gesund ernähren. Ausgewogenheit? So hohe Ansprüche sollen Betroffene bitte nicht stellen. Sie sollen froh sein, genug am Teller zu haben, wenn sie schon von uns „gesponsert“ werden. So direkt wagt das (fast) niemand zu sagen, doch es kommt so an – und das ist gewollt. Ich werde einen Satz niemals vergessen, als ich wirklich keine Ahnung mehr hatte, wie ich bis zum Monatsende noch genug für meine Familie kochen könnte: „Dann gibt es für die Kinder halt nur Bohnen oder Nudeln mit Ketchup, oder wollen Sie auch noch wählerisch sein?“. Das ist inzwischen acht Jahre her, aber es hat sich eingebrannt.

Kürzlich ist der Bericht zu Ernährungsarmut in Österreich erschienen und er ist, um es gelinde auszudrücken, aufrüttelnd. Mehr als 1,1 Millionen Menschen in diesem Land sind von Ernährungsarmut betroffen, 420.000 davon sogar von schwerer Ernährungsarmut. In einem der wohlhabendsten Länder Europas. Erschreckend viele Menschen können mit dem Begriff überhaupt nichts anfangen. Von „Das kann nicht stimmen, immerhin gibt es Sozialmärkte, also kann jede:r Lebensmittel kaufen“ bis hin zu „Das liegt nur daran, dass diese Menschen nicht kochen können oder ihr Geld für Unwichtiges ausgeben“ war an Reaktionen alles dabei.

Aber was bedeutet Ernährungsarmut eigentlich im Alltag? Ich versuche es anhand der eigenen Erfahrung zu erklären: Als bei uns die finanziellen Mittel immer geringer wurden, waren die ersten Einsparungen jene Dinge, auf die man leicht verzichten kann, z. B. der Friseurbesuch oder Treffen in Cafés. Doch je länger die Armut andauert und je höher die Preise steigen, desto mehr muss man sich beim Grundlegendsten einschränken – bei den Lebensmitteln. Also beginnt man, zu Zeiten einkaufen zu gehen (meist abends), in denen Waren reduziert werden. Man kauft Reduziertes und nicht das, was die Kinder gerne möchten oder was gesund ist. Ich konnte nicht mehr entscheiden, ob Vollkorn oder normale Nudeln, Dinkelbrot oder Weizentoast. Du kaufst nach Preis, nicht nach Qualität. Genau hier beginnt die Ernährungsarmut. In manchen Monaten kommt man mit dieser Strategie bis zum Monatsende, in anderen jedoch, in denen unerwartete Ausgaben wie kaputte Kinderschuhe oder gestiegene Stromkosten zu stemmen sind, ist zur Monatsmitte Schluss mit Einkaufen. So war das bei uns und so geht es heute 1,1 Millionen Menschen.

Und ich habe keine Ahnung, wie die Betroffenen es schaffen, angesichts der Preisexplosion nicht zu verzweifeln. Der Preis von Billignudeln hat sich zum Teil verdoppelt, Obst und Gemüse ist fast nur noch in diesen Retterkisten leistbar. Und trotzdem wird diesen Menschen ausgerichtet, sie könnten doch gesund und billig kochen, wenn sie nur wollten!
Ernährungsarmut bedeutet übrigens nicht nur, zu wenig am Teller zu haben, sie hat auch massive Folgen für die Betroffenen. Menschen fehlt der ausreichende Zugang zu qualitativ hochwertiger und nahrhafter Nahrung. Dies kann verschiedene Konsequenzen haben: von gesundheitlichen Problemen über soziale Auswirkungen bis hin zur Beeinträchtigung von Bildung und Arbeitsfähigkeit.

Vielleicht können wir uns darauf einigen, dass es keine Vorwürfe und Zurechtweisungen braucht, keine Artikel und Kommentare, in denen wir wie kleine Kinder behandelt werden, die vermeintlich keine Ahnung vom Leben haben. Denn eines können Betroffene von Ernährungsarmut definitiv: mit sehr geringen finanziellen Mitteln so gut es geht ein Essen auf den Tisch zaubern. Es braucht vielmehr eine Anpassung von Sozialhilfe, Arbeitslosengeld sowie vom Zugang zu Zuschüssen, damit Betroffene nicht täglich Angst haben müssen vor dem Einkauf. Denn sehr viele haben keinen Anspruch auf Unterstützung, sie wissen es nicht oder sind zu beschämt, um Hilfe zu beantragen. Es macht wütend, dass wir Betroffenen sagen, wie sie sich zu verhalten haben, anstatt dafür zu kämpfen, dass sie sich die grundlegendsten Dinge leisten können.

Daniela Brodesser ist Autorin und Aktivistin und setzt sich gegen Armut und Beschämung ein.

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Normalisierung von Unmenschlichkeit https://ansch.4lima.de/normalisierung-von-unmenschlichkeit/ https://ansch.4lima.de/normalisierung-von-unmenschlichkeit/#respond Fri, 08 Mar 2024 04:23:22 +0000 https://anschlaege.at/?p=116456 Alle reden von „Remigration“. Doch die demokratische Öffentlichkeit darf nicht die Fehler der Vergangenheit wiederholen und solche Begriffe normalisieren. Von NATASCHA STROBL Seit dem Vernetzungstreffen von hochrangigen AfD-Politikern und Neonazis vergangenen November in Potsdam, bei dem Pläne zur Vertreibung von Millionen von Menschen aus Deutschland gewälzt wurden, ist ein Begriff in aller Munde: „Remigration“. Den […]]]>

Alle reden von „Remigration“. Doch die demokratische Öffentlichkeit darf nicht die Fehler der Vergangenheit wiederholen und solche Begriffe normalisieren. Von NATASCHA STROBL

Seit dem Vernetzungstreffen von hochrangigen AfD-Politikern und Neonazis vergangenen November in Potsdam, bei dem Pläne zur Vertreibung von Millionen von Menschen aus Deutschland gewälzt wurden, ist ein Begriff in aller Munde: „Remigration“.

Den Begriff haben allerdings nicht die Neuen Rechten erfunden, er hat vielmehr in den Sozialwissenschaften eine feste Bedeutung und wird vor allem in der Biografieforschung verwendet. Er bezeichnet den Vorgang der freiwilligen Rückkehr in ein Heimatland, nachdem man aus diesem zuvor migriert war. Entscheidend ist, dass er einen individuellen Vorgang in einer Biografie bezeichnet. Es geht also nicht um die Rückkehr in ein Land, aus dem zwar die Vorfahren stammen, aus dem man aber nicht selbst stammt. Zentral ist außerdem, dass es hierbei um eine persönliche und freiwillige Lebensentscheidung geht. Die Gründe für diese Rückkehr können höchst unterschiedlich sein und von Heimweh, ökonomischen Überlegungen bis hin zu Diskriminierung oder familiären Gründen reichen. Dieser Begriff wird nun von der Neuen Rechten zu etwas anderem umgedeutet: der staatlich forcierten Rückkehr. Er wird zum Oberbegriff für eine Reihe an staatlichen Zwangsmaßnahmen. Einerseits meint er Abschiebungen, die unter bestimmten Voraussetzungen schon jetzt vom Gesetz gedeckt sind und die bekanntlich auch jetzt schon stattfinden. Gemeint ist mit Remigration nun aber auch die erzwungene Rückkehr von Menschen mit aufrechtem Aufenthaltstitel oder gar Staatsbürgerschaft. Neben den legalen Abschiebungen sollen nämlich auch Ausweisungen aufgrund von „kultureller Ferne“ oder „Unerwünschtheit“ möglich sein, fantasieren Rechtsextreme.

Im Nachgang der Enthüllungen von „Correctiv“ gab es Versuche, „Remigration“ mit Abschiebungen synonym zu setzen. Für diese Abschiebungen gibt es unterschiedliche Kriterien, vor allem aber sind es mangelnde Fluchtgründe (oder was ein Gericht als solche befindet). Die Umdeutung von Remigration ist aber ein bewusst weiter gefasster Begriff.

In dieser Verwendung handelt es sich klar um einen Kampfbegriff der extremen Rechten. Die Verwendung von pseudowissenschaftlichem Vokabular soll Seriosität vortäuschen. Dasselbe hat man schon beim Begriff „Ethnopluralismus“ versucht. Gemeint ist damit das Phantasma aus ethnisch reinen Kulturen, die ohne jede „Vermischung“ koexistieren. Ein wahnwitziges Konzept, das es in der Menschheitsgeschichte nie gab. Neben „Ethnopluralismus“ und „Remigration“ gehört auch „der große Austausch“ zu den erfolgreichen Begriffsschöpfungen der letzten Jahre. Damit wird ein bewusst gesteuerter Austausch imaginiert, der von dunklen Eliten betrieben würde. Damit verwandt ist auch die Um- und Neudeutung des „Great Reset“ in der Corona-Pandemie, wonach unter dem Deckmantel von Corona eine politische Elite tiefgreifende Veränderungen durchsetzen wolle. Mit „Remigration“ wird erneut versucht, einen Begriff in den demokratischen Diskurs einzubringen, der mit einer Demokratie nicht vereinbar ist. Denn er ist ein Euphemismus für Vertreibung und ethnische Säuberungen. Medien und die demokratische Öffentlichkeit dürfen nicht den Fehler begehen, diesen Begriff als gewöhnliche Bezeichnung zu verwenden und so zu einem diskutierbaren Konzept zu machen. Stattdessen müssen sie den Begriff einordnen und erklären und höchstens unter Anführungsstrichen verwenden. Sonst droht dasselbe wie mit den zuvor erwähnten Begriffen: Die Alltagssprache wird mehr und mehr von rechtsextremer Sprache durchsetzt. Auch so macht man ein autoritäres System möglich.

NATASCHA STROBL ist Politikwissenschafterin und Publizistin.

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Plastik-Hype https://ansch.4lima.de/plastik-hype/ https://ansch.4lima.de/plastik-hype/#respond Mon, 04 Sep 2023 04:29:06 +0000 https://anschlaege.at/?p=111800 An „Barbie“ kommt aktuell niemand vorbei: Schon jetzt ist der Blockbuster an den Kinokassen der erfolgreichste Film einer Regisseurin aller Zeiten. Aber ist „Barbie“ auch feministisch? Lea Susemichel und Brigitte Theißl, die beiden leitenden an.schläge-Redakteurinnen, sind sich da nicht einig. Okay, mal ehrlich: Dass „Barbie“ ein mit 145 Millionen Dollar aufgepumpter Werbefilm für Mattel ist, […]]]>

An „Barbie“ kommt aktuell niemand vorbei: Schon jetzt ist der Blockbuster an den Kinokassen der erfolgreichste Film einer Regisseurin aller Zeiten. Aber ist „Barbie“ auch feministisch? Lea Susemichel und Brigitte Theißl, die beiden leitenden an.schläge-Redakteurinnen, sind sich da nicht einig.

Okay, mal ehrlich: Dass „Barbie“ ein mit 145 Millionen Dollar aufgepumpter Werbefilm für Mattel ist, lässt sich nicht einfach beiseite wischen. Ein Barbie-Drama in Spielfilmlänge, das die Kritik an der normschönen Plastikwelt gleich mitliefert – so gerissen spielt der Late-Stage Capitalism seine Trümpfe aus. „Barbie – The Movie“ hätte aber auch so ausfallen können, wie es sich die zornig schäumenden Fundis (Männerhass! Feministisches Propagandawerk!) wünschen: Eine öde Barbie-Reise durchs Wunderland, die auf ein Traualtar-Finale vor der Kulisse des Malibu Beach hinausläuft.
Was Produzentin Margot Robbie und Regisseurin Greta Gerwig da abgeliefert haben, ist aber tatsächlich ein feministischer Film, eine mal zuckersüße, mal beißende Satire – für ein erwachsenes Publikum. In Barbieland herrscht eine Art Matriarchat, Barbies werkeln auf der Baustelle und im Oval Office, Accessoire Ken bekommt erst durch Barbies Blick Relevanz – und muss sich im Alltag mit, nun ja, „Beach“ ­begnügen. Seine Emanzipation hin zur eigenständigen Persönlichkeit punktet mit Musical-Einlage und einer ganzen Palette an popkulturellen Referenzen, Abrechnung mit der Incel-Macker-Online-Welt inklusive.

Aus dem gewaltigen Budget hat Gerwig definitiv das Beste rausgeholt, den Oscar für die beste Ausstattung dürften die Macher:innen wohl schon fix in der Tasche haben. Herausragend machen Gerwigs Filme aber wie so oft ein ganz banaler Umstand. Die Regisseurin schafft es doch tatsächlich, ebenso spannende wie herzerwärmende Geschichten über Frauen (und ihre Freundinnen) zu erzählen und kommt dabei ganz ohne die ewige Suche nach dem (Hetero-)Liebesglück aus – im Hollywood der 2020er-Jahre immer noch erschreckend revolutionär. Wenn America Ferrera alias Gloria in ihrem jetzt schon berühmten Monolog übers Frausein bei Kinobesucherinnen für feuchte Augen sorgt, mag das im Großen und Ganzen ein neoliberaler Feminismus sein, den Barbie uns da verkauft. Vielleicht sollten wir von einem „Barbie“-Blockbuster aber auch keine Revolution erwarten. Sondern es einfach feiern, dass verdammt viele Frauen sich durch diesen Film offenbar gesehen fühlen. Brigitte Theißl

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Barbie ist böse. Punkt. Meine Mutter weigerte sich nicht nur kategorisch, mir eine zu kaufen, sondern entsorgte auch das Weihnachtspaket meiner Tante Ruth aus Kalifornien – darin eine Crystal-Barbie im Leuchtkleid – ohne mit der Wimper zu zucken. Ich habe diese Familien­tradition eiskalt fortgesetzt. Meine Tochter hat sich vielleicht nur deshalb nie für Barbies interessiert, weil sie sich sicher sein konnte, dass sie sich nichts eingehandelt hätte als oldschool-radikalfeministische Empörung über Körpermaße, mit denen ein Mensch gar nicht lebensfähig wäre. Bei Barbie bin ich so militant wie meine Mama.

Popfeministische Subversionssehnsüchte my ass! Kinder können nicht mit ironischer Distanz mit Barbies spielen. Sie können sie vollkritzeln und ihnen Beine ausreißen, an Herz und Hirn wird ihnen das blonde Plastik dennoch gehen.
Der Barbie-Film zeigt überdeutlich, dass Ironisierung übel nach hinten losgehen kann. Sein Erfolg wirkt eben nicht gegen die Fetischisierung der Barbie und allem, wofür das Dreamhouse in Pantone 219 steht. Er fördert diesen Fetisch gewaltig.
In der Barbie-Biografie feministischer Fans mag es die Nostalgie zärtlicher Verachtung für diesen Spielzeug gewordenen Sexismus geben. Doch im Blockbuster vereindeutigt sich die angekündigte Ambivalenz unversehens zu einer Liebeserklärung an Barbie, in der die Kritik sehr kleinlaut bleibt und am Ende Kens Krise im Mittelpunkt steht.

Selbst die urkomische Kate McKinnon als „Weird Barbie” (die übrigens soeben als neue Barbiepuppe gelauncht wurde, kannste dir nicht ausdenken) ist machtlos gegen den Fluch neoliberaler Kooptation. Der Turbokapitalismus frisst seine Kritikerinnen. Mattel kann nun also ganz zurückgelehnt selbst das feministische Abarbeiten an seinem Produkt kapitalisieren. Das Feminist-Washing bringt ihm Credibility, ohne dass der zweitgrößte Spielzeugkonzern der Welt dafür auch nur das Geringste an seiner Unternehmenspolitik ändern muss. Viele naschen dabei am Milliardengeschäft mit und verkaufen, wie das Modelabel Zara, eigene Barbie-Kollektionen. Barbie ist böse. Punkt. Lea Susemichel •

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Anbaden zum Abgewöhnen https://ansch.4lima.de/anbaden-zum-abgewoehnen/ https://ansch.4lima.de/anbaden-zum-abgewoehnen/#respond Fri, 23 Jun 2023 06:17:16 +0000 https://anschlaege.at/?p=110381 Wien bietet wunderbare Bademöglichkeiten –die einem Spanner und Exhibitionisten regelmäßig vermiesen. Von Laura Kroth. Es gibt eine sportliche Disziplin in Wien, die alljährlich ihren Saison­start feiert, wenn das Thermometer über 25 Grad klettert. In diesem Sport sind mir an den städtischen Gewässern bisher ausschließlich männliche Athleten begegnet. Es handelt sich um das Bespannen von Frauen, […]]]>

Wien bietet wunderbare Bademöglichkeiten –
die einem Spanner und Exhibitionisten regelmäßig vermiesen. Von Laura Kroth.

Es gibt eine sportliche Disziplin in Wien, die alljährlich ihren Saison­start feiert, wenn das Thermometer über 25 Grad klettert. In diesem Sport sind mir an den städtischen Gewässern bisher ausschließlich männliche Athleten begegnet. Es handelt sich um das Bespannen von Frauen, vorzugsweise nackt, inklusive Zurschaustellung des Genitals, wahlweise in erigiertem Zustand.

Mittwoch am späten Nachmittag: Zweieinhalb Stunden habe ich Zeit für mich, am frühen Abend muss ich zu Hause sein, um mein Kind wieder in Empfang zu nehmen. Gemeinsam mit einer Freundin will ich nur mal kurz ins Wasser hüpfen, den Sommer begrüßen, unsere Kinder sind bei ihren Vätern. Wir freuen uns über eine kurze Auszeit. Was wir hätten ahnen können: Eine Pause davon, ein sexualisiertes Objekt zu sein, ist uns nicht vergönnt.

Wir finden ein idyllisches Plätzchen gleich am Wasser. Außer uns nur eine weitere Sonnenanbeterin. Wir grüßen ihr freundlich zu, als wir in einiger Entfernung unsere Handtücher ins Gras legen, bevor wir in den See steigen.

Das Wasser reicht uns bis zum Nabel, unsere Beine werden von ein paar Pflanzen gestreichelt, das weiche Wasser der Lobau ist wärmer als gedacht und fühlt sich gut an. Zurück am Ufer, legen wir uns tropfend auf unsere Handtücher.

In unmittelbarer Nähe lässt sich ein Mann nieder, gefühlt ein bisschen nah, aber gerade nicht so nah, als dass wir ihn bitten, sich einen anderen Platz zu suchen. Schon zieht er sich nackt aus und präsentiert sich breitbeinig.

Wir üben uns darin, ihm so wenig Aufmerksamkeit wie möglich zu schenken. Doch ich spüre, wie unser zuvor offenes, unbeschwertes Gespräch kippt, unsere Stimmen leiser werden, wie allmählich und unweigerlich ein Unwohlsein in uns aufsteigt, das sich genauso wenig ignorieren lässt wie der breitbeinige Typ neben uns.

„Jetzt kriegt er auch noch eine Erektion‘‘, bemerkt Lilith augenrollend und beschließt: „Komm, wir gehen!“ Sie springt auf und packt hastig ihre Sachen zusammen. Ich winde mich, in ein Handtuch gewickelt, aus meinem Badeanzug. Auch die Sonnenanbeterin hat er in die Flucht geschlagen.

„Unnötig!“, ruft Lilith in seine Richtung.
„Ein bisschen Spaß muss sein“, antwortet er.
In Windeseile hat sich mein Unwohlsein in eine bebende Wut verwandelt. Ich zittere, während ich auf einem Bein balancierend in meine Sandale schlüpfe.
„Wir sind nicht hier, damit Sie sich an uns aufgeilen!“, schreie ich ihn an. „Mein Körper gehört mir!“ Ich bin überrascht, dass mir dieser Spruch so spontan über die Lippen kommt.

Wir sitzen im Auto, atmen durch. In zwanzig Minuten müssen wir zurück in der Stadt sein, die Polizei zu rufen, geht sich nicht aus, außerdem hätten wir ihn filmen oder zumindest fotografieren müssen. Nacktbaden ist hier ja kein Strafdelikt. Nachdem ich vor ein paar Jahren am Wienerberg ähnliche Erfahrungen gemacht habe, gehe ich nicht mehr alleine baden.

Auf dem Rückweg erzählt mir Lilith von einem Vorfall sexueller Belästigung, den sie zur Anzeige gebracht hat. In einer fast leeren S-Bahn hat sich ein Typ einen runtergeholt. Als sie ihn ein paar Wochen später bei der Polizei aus einem Stapel dutzender Fotos identifiziert, sagt die Polizistin: „Ach der! Der tut nix!“

Ein bisschen Spaß darf also offenbar wirklich sein. Ich finde es allerdings gar nicht lustig, dass drei Frauen ihr erstes Badevergnügen des Jahres abbrechen müssen, weil das ein Mann spaßig findet. Noch weniger Verständnis habe ich dafür, dass die Polizei sexualisierte Gewalt, die von dem Spanner oder einem übergriffigen Typen in der S-Bahn ausgeht, als harmlose Bagatelle abtut.

Das nächste Mal, so beschließen wir auf der Heimfahrt, werden wir jeden Spanner sofort in seine Schranken weisen, sobald er uns nur einen Zentimeter zu nah kommt. I will grab him by his Spatzi. Ein bisschen Spaß muss sein. •

Laura Kroth arbeitet als Organisationsentwicklerin bei einer großen sozialen Trägerin, hat ein Kind und ist alleinerziehend. Eigentlich will sie die Revolution, ein Care-Streik scheint ihr dazu ein legitimes Mittel.

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Don’t panic! https://ansch.4lima.de/dont-panic/ https://ansch.4lima.de/dont-panic/#respond Thu, 13 Oct 2022 21:32:48 +0000 https://anschlaege.at/?p=85585 Wir müssen nur kurz das Patriarchat zerstören. Ein Kommentar von Marty Huber Was ist eine Frau? Was ist ein Mann? Gibt es nur zwei Geschlechter und wer braucht Schutz vor wem? So die heftig debattierten Fragen der letzten Monate. Dabei geht es jedoch nicht um eine „Debatte“, sondern um Menschenleben, auf deren Rücken politisches Kleingeld […]]]>

Wir müssen nur kurz das Patriarchat zerstören. Ein Kommentar von Marty Huber

Was ist eine Frau? Was ist ein Mann? Gibt es nur zwei Geschlechter und wer braucht Schutz vor wem? So die heftig debattierten Fragen der letzten Monate. Dabei geht es jedoch nicht um eine „Debatte“, sondern um Menschenleben, auf deren Rücken politisches Kleingeld gemacht werden soll. Es werden Ängste geschürt, Falschmeldungen mit verzerrten Statistiken belegt und das Ende von „Frauen“ postuliert. In schon lange nicht mehr dagewesener Intensität wird unter dem Deckmantel des Gewalt- und des Jugendschutzes essenzialistische Politik betrieben, die viele von uns schon von vor Jahrzehnten kennen und überwunden glaubten. Alte Vorwürfe werden neu hochgekocht: Jugendliche werden zu einem queeren Leben „verführt“ und cis Männer dringen in Frauenräume ein, indem sie sich als Frauen verkleiden.

Wenn wir den Feminismus weniger als Welle, sondern als Schraube begreifen, dann ist es kaum verwunderlich, wenn wir immer wieder mal das Gefühl haben, uns beim Bohren harter Bretter zwar vorwärts, aber auch irgendwie im Kreis zu drehen. Eine Naturalisierung der Geschlechterverhältnisse steht also wieder hoch im Kurs. Nicht nur von „wertekonservativer“ Seite, sondern insbesondere durch – nicht nur, aber mehrheitlich – weiße Feministinnen. Wir kennen diese Diskussionen nur zu gut, wenn es um das Erringen von Reproduktionsrechten für lesbische Paare oder die Öffnung der Ehe ging: „Das hat die Natur, das hat Gott nicht so vorgesehen!“ Die Grundfeste der Macht ließen sich mit künstlicher Befruchtung erschüttern, das Ende der Männer würde eingeläutet.

Warum gibt es dieses Beharren auf der Determiniertheit durch Biologie? In diesem hegemonialen Kampf um die Geschlechterverhältnisse gibt es wohl kaum eine radikalere Attacke als die Änderung der Geschlechtsidentität. „Selbstbestimmung“ steht auf den Fahnen, wohl auch Befreiung von der Gefangenschaft der zugeschriebenen Rollen, eben jenen Vorstellungen, die Männer als Profiteure und Frauen als Opfer des Patriarchats verfestigen.

Ja, nicht jede Emanzipation spielt sich im Feld der Geschlechtsidentität ab und nicht jede trans Person ist per se Revolutionär:in. Aber jede:r dieser Grenzgänger:innen verweist auf die Möglichkeit des ultimativen Versagens einer Geschlechterdoktrin.

Für die einen bedeutet dies eine Infragestellung ihrer eigenen Kompliz:innenschaft mit den Verhältnissen, andere wiederum vermuten nur eine weitere Finte des Patriarchats. Manchen bereitet es Angst, andere sehen ihr wohlgenährtes Weltverklärungsmodell, mit dem sie sich gewisse Felle der Macht an Land gezogen haben, wieder davonschwimmen. So liegt der Verdacht nahe, dass es etwa Alice Schwarzer in der Trans-„Debatte“ mehr um Diskursmacht als um Solidarität geht. Da ist es einfacher, die Verhältnisse zu reproduzieren und trans Frauen als Invasor:innen in geschlechtersegregierte Räume zu bezeichnen oder trans Männer als misogyne Verräter, die sich der Pflicht zum Frausein entzogen hätten. Plötzlich treten cis „Feministen“ auf den Plan, die in ihrem Leben noch nie etwas für ein Frauenhaus getan haben, um trans Frauen den Zutritt dort verbieten zu wollen. Sonst schweigen sie, bei den Witzen, die gemacht werden, bei den Übergriffen im Büro.

Dabei ist die Gewalt durch die Geschlechterverhältnisse eine dermaßen umfassende, dass wir angesichts der Übergriffe auf trans Personen und allen, die nicht den gesellschaftlichen Normen entsprechen, innehalten und dem die Stirn bieten müssen, was uns alle kaputt macht.

Wir sollten trauern um die ermordeten Frauen, trauern um Malte, der in einer queerfeindlichen Attacke erschlagen wurde, weil er als trans Mann mit seiner anderen, fürsorglichen Männlichkeit für andere eingetreten ist. Trauern auch um Nuradi, dem Täter, der seine Maskulinität nur im Kampf bestätigt sieht?

Alle müssen vor dieser Gewalt des Patriarchats geschützt werden, insbesondere heranwachsende Jungs. Kein „Boys will be boys“ mehr, sondern viele Generationen zärtlicher, fürsorglicher Männlichkeit, die mehr Emotionen zur Verfügung hat als Wut oder Depression. Die Gefahr geht nicht von trans Personen aus, sondern von biologistischen, reaktionären Festschreibungen, von denen cis Jungs massiv betroffen sind. Die Existenz von trans Personen erinnert uns in fundamentaler Art und Weise daran, dass eine andere, nicht-patriarchale Maskulinität möglich ist.

Marty Huber wurde in queer-feministischen-antirassistischen Kontexten alphabetisiert und arbeitet bei Queer Base – Welcome & Support for LGBTIQ Refugees.

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Frauen und Mädchen: Hinten anstellen https://ansch.4lima.de/frauen-und-maedchen-hinten-anstellen/ https://ansch.4lima.de/frauen-und-maedchen-hinten-anstellen/#comments Thu, 10 Mar 2022 10:29:18 +0000 https://anschlaege.at/?p=64632 Aktuelle Berichte zeigen: Der Umgang mit Fällen sexueller Übergriffe ist in der katholischen Kirche seit Jahrzehnten katastrophal. Weibliche Betroffene sind dabei noch unsichtbarer, weiß Doris Reisinger. Seit vielen Jahren ist die katholische Kirche mit Missbrauchsfällen in den Schlagzeilen. Seit den 1980ern hat sich wenig getan. Es ist immer dasselbe: Betroffene sprechen, Medien berichten, Kirchenverantwortliche versuchen, […]]]>

Aktuelle Berichte zeigen: Der Umgang mit Fällen sexueller Übergriffe ist in der katholischen Kirche seit Jahrzehnten katastrophal. Weibliche Betroffene sind dabei noch unsichtbarer, weiß Doris Reisinger.

Seit vielen Jahren ist die katholische Kirche mit Missbrauchsfällen in den Schlagzeilen. Seit den 1980ern hat sich wenig getan. Es ist immer dasselbe: Betroffene sprechen, Medien berichten, Kirchenverantwortliche versuchen, mit Floskeln wie „Einzelfall“, „Zuhören“, „Lernkurve“ oder „Reformen“ die Öffentlichkeit zu beruhigen. Erst wenn der Druck sehr groß wird, geben sie Gutachten in Auftrag, um danach erneut von „Lernkurven“ und „Reformen“ zu sprechen: das Ritornello der sogenannten Missbrauchskrise.

Anfangs gelang es der Kirchenleitung noch, das Ganze als US-amerikanisches Problem darzustellen. Mit der Causa Groër Mitte der 1990er wurde das im deutschsprachigen Raum schwieriger. Als dann 2010 Missbrauchsfälle am Canisiuskolleg, in Ettal, in der Mehrerau, in Kremsmünster und in immer mehr anderen Einrichtungen, Klöstern und Pfarren bekannt wurden, wurde endgültig sichtbar, dass die Fälle und der katastrophale kirchliche Umgang damit kein amerikanisches, sondern ein institutionelles Phänomen sind.

Aber bis heute hält das Narrativ eines rein männlichen Phänomens. Täterinnen sind ebenso wenig auf dem Schirm wie weibliche Opfer. Die spezifischen Erfahrungen, Risiken, Perspektiven und Traumata von Frauen werden bis heute weitgehend übersehen: von der katholischen Kirche ebenso wie von Medien und Wissenschaftler*innen, die das Thema bearbeiten. Dabei waren und sind sie und ihre Geschichten die ganze Zeit über präsent.

Frauen wie Barbara Blaine, die in den 1990ern zu einer der wichtigsten Führungsfiguren der US-amerikanischen Betroffenenszene wurde, waren unter den Pionier*innen der Vernetzung und Betroffenenarbeit. Frauen wie Maura O’Donohue, die Hunderte Fälle sexualisierter Gewalt gegen Ordensfrauen dokumentierte, wurden zu wichtigen Aufklärerinnen. Frauen wie Noella de Souza erklären im Globalen Süden öffentlich ihre Solidarität mit betroffenen Frauen und gehen damit ein hohes Risiko ein.

Aber es ist, als gäbe es sie nicht. Sie werden nicht nur von der Kirche und den männlichen Klerikern an ihrer Spitze nicht beachtet. Dabei sind ein Drittel aller minderjährigen Betroffenen Mädchen, rund ein Drittel der befragten Ordensschwestern berichten von sexuellen Traumata, und sexuelle Kontakte zwischen Priestern und Frauen sind oft nur scheinbar einvernehmlich: Priester missbrauchen das Vertrauen und die Notlage von Frauen, die eigentlich Rat und Hilfe suchen. Sie sexualisieren Seelsorgebeziehungen, anstatt zu helfen.

Missbrauchsverläufe sind für Mädchen und Frauen oft anders. Täter framen ihre Taten als „normale“ heterosexuelle Liebesbeziehung. Sie arbeiten mit der Figur der Verführerin (und nutzen dafür biblische Texte). Sexistische und misogyne Dynamiken, die in der katholischen Kirche tief verankert sind, tragen dazu bei, dass gerade weibliche Betroffene nicht ernst genommen werden, ihnen nicht geglaubt wird oder sie selbst beschuldigt und verleumdet werden. Bei Frauen wüsste man eben nie, schrieb ein Kleriker in Köln an seinen Vorgesetzten.

Nicht zuletzt leben betroffene Mädchen und Frauen mit dem Risiko, schwanger zu werden. Die Angst davor, die Scham für die ungewollte Schwangerschaft oder für die (oft vom Täter erzwungene) Abtreibung, ist ganz ihre: in den Augen der Gesellschaft, ihrer Familie und der Kirche. „Just don’t get pregnant because your father will kill you“, sagte eine Mutter in Texas, als ihre zwölfjährige Tochter ihr anvertraute, dass ein Priester sie penetriert hatte. Solange die Empathie mit gewaltbetroffenen Mädchen und Frauen in unseren Gesellschaften nicht größer ist, werden sie sich auch in der Kirche hinten anstellen müssen.

Doris Reisinger, wissenschaftliche Mitarbeiterin an der katholisch-theologischen Fakultät der Goethe-Universität in Frankfurt am Main, forscht u. a. zu sexuellem Missbrauch in der katholischen Kirche.

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Die Geister, die ich rief https://ansch.4lima.de/die-geister-die-ich-rief/ https://ansch.4lima.de/die-geister-die-ich-rief/#respond Wed, 13 Oct 2021 14:07:34 +0000 https://anschlaege.at/?p=51329 Apps wie Tinder und Bumble versprechen aufregende Dates mit einem Wisch – und sorgen zugleich für jede Menge Frust. Im queeren wie im hetero Dating-Game gilt: Es ist kompliziert. Vanessa Spanbauer und Sophia Foux Heartbreak, Alleinsein und Dating-Apps – auf der Suche nach Ablenkung und ein wenig Bestätigung, denn Hoffnung auf Liebe scheint unangebracht. Wer […]]]>

Apps wie Tinder und Bumble versprechen aufregende Dates mit einem Wisch – und sorgen zugleich für jede Menge Frust. Im queeren wie im hetero Dating-Game gilt: Es ist kompliziert. Vanessa Spanbauer und Sophia Foux

Heartbreak, Alleinsein und Dating-Apps – auf der Suche nach Ablenkung und ein wenig Bestätigung, denn Hoffnung auf Liebe scheint unangebracht. Wer sich kurz nach einer – kurzen – Beziehung wieder in die hetero Tinder/Bumble/OkCupid-Welt haut, stellt schnell fest: Die Leute, mit denen man vor sechs Monaten geschrieben hat, sind noch da. Die, mit denen man vor sechs Jahren geschrieben hat, sind auch noch immer oder wieder da. Man selbst ja auch. Damn. Es ist für mono­game Menschen wie ein Memory-Spiel, bei dem sich keine Paare finden lassen. Ich bin also ein einzelnes Stück Karton. Dating-Stories werden zu Geistergeschichten, denn das plötzliche, Ghosting genannte, Verschwinden aus Konversationen ist an der Tagesordnung. Was man sich dabei nicht eingesteht: Man wird selbst langsam zum Geist – oder zum Monster. Denn wenn mal eine Woche ohne Date vergeht, fühlt man sich schon schlecht und lechzt nach Bestätigung.

Dabei gibt es so viel Auswahl, auch im App-Game. Dank Bumble können jetzt auch Heteromänner feministischer daten, dort kann nur die Frau den ersten Kontakt starten. Doch hat man(n) natürlich nebenher auch Tinder und der Klick von der einen in die andere App macht nicht feministischer – maximal schreibfauler. Auf Tinder bouldern alle, steigen auf Berge, lieben Pizza und stehen auf #goodvibesonly und 420 (Kiffercode, Anm.). Austauschbar, wie wir alle in diesem Spiel. In der Corona-Zeit gingen alle spazieren. Was an eine Folge „Bridgerton“ erinnerte, hatte den Nachteil, dass dir auf jedem Date im Park das Date von voriger Woche begegnete, mit dem es nicht klappen wollte – er ebenfalls mit einem neuen Date im Schlepptau. Eigentlich könnte man es kurz machen und jede halbe Stunde tauschen. Langsam bin ich ein zerfleddertes Stück Karton, aber jetzt in Bars. Vielleicht. Denn wenn sich ein Typ nach einer Woche Ghosting wieder meldet und dich auf ein – bereits gebuchtes – Hotelzimmer fürs erste Date einlädt, kannst du sicher sein, dass eine andere abgesprungen ist. Wenn du Nein zum Hotel sagst und stattdessen eine Bar vorschlägst, kannst du dir sicher sein, dass er wieder verschwindet und es bei der nächsten versucht. Er spielt ja auch nur Memory.

Vanessa Spanbauer will Dating eigentlich hinter sich lassen und den einen coolen Typen finden – bis dahin verschwendet sie ihre Zeit.

Queeres Onlinedating hat allerlei Tücken. Es beginnt schon bei der ­Frage: Welche App?! Ich habe mich vor Jahren für OkCupid und Tinder entschieden, da die beiden Apps in meinem Wohnort einen relativ großen Nutzer*innenpool hatten und ich die Hoffnung, dort mehr als nur die zehn immer selben Queers zu treffen. OkCupid hat sich schnell als sehr geeignet herausgestellt, um Queers zu treffen, die auch politisch mit mir auf einer Wellenlänge sind. Das einzige Problem dabei: Die Szene in meiner Stadt ist nicht so groß. Die Wahrscheinlichkeit, dieselben Personen zu matchen, die ich auch in Plena, auf Demos und in Seminaren sehe, dafür umso mehr. Das kann zwar auch ganz nett sein, aber manchmal will ich dann doch neue Gesichter sehen und ohne eine Geschichte à la „Wer aus meinem Umkreis hat schon wen ge­datet“ im Hinterkopf in eine Begegnung gehen. Bleibt also noch Tinder. Eigentlich eine ganz furchtbare App. Es ist schwierig einzuschätzen, durch wie viele Dirndlfotos, Unicorn-hunting Heteropaare, perfekt inszenierte Yogafotos am Strand bei Sonnenuntergang, „heteroflexible“ Frauen, die gerne „mal eine neue spannende Erfahrung“ machen möchten, und pathetische Kalendersprüche als Profilbeschreibung ich im Durchschnitt swipen muss, um dann eine tatsächlich queere und eventuell auch ganz cool klingende Person zu finden. Wenn dieser unwahrscheinliche Fall eintritt, gilt eine goldene Regel: unbedingt zuerst schreiben! Wer darauf wartet, dass die andere Person den ersten Schritt macht, bleibt garantiert allein. Das funktioniert vielleicht im Hetero­dating und auf Grindr, nicht aber unter lauter Grenzen respektierenden FLINTA*-Personen, die eigentlich keine Zeit zum Daten haben, weil sie zu beschäftigt damit sind, das kapitalistische Heteropatriarchat zu stürzen. Spannenderweise habe ich aber dennoch vor allem auf Tinder liebe Menschen kennengelernt, die zu wichtigen Freund*innen und Gspusis in meinem Leben geworden sind. Selbst hier gibt es sie also, die Widersprüchlichkeit.

Sophia Foux hätte gerne eine exklusive Dating-App für queere FLINTA*-Personen, die nicht ohnehin im eigenen Umfeld sind.

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Nie wieder hinter der Theke https://ansch.4lima.de/nie-wieder-hinter-der-theke/ https://ansch.4lima.de/nie-wieder-hinter-der-theke/#respond Fri, 03 Sep 2021 09:44:18 +0000 https://anschlaege.at/?p=47314 Seit Ende des Lockdowns klagen Gastronomie und Tourismus besonders laut über fehlendes Personal. Zeit, über prekäre Arbeitsbedingungen zu sprechen, statt arbeitslose Menschen zu schikanieren, findet Alisa Vengerova. Ich gehöre zu jenen Menschen, die vor der Pandemie in der Gastronomie gearbeitet haben und jetzt nicht mehr in ihren Job zurückkehren werden. Vollzeit arbeiten mit einem geringfügigen […]]]>

Seit Ende des Lockdowns klagen Gastronomie und Tourismus besonders laut über fehlendes Personal. Zeit, über prekäre Arbeitsbedingungen zu sprechen, statt arbeitslose Menschen zu schikanieren, findet Alisa Vengerova.

Ich gehöre zu jenen Menschen, die vor der Pandemie in der Gastronomie gearbeitet haben und jetzt nicht mehr in ihren Job zurückkehren werden. Vollzeit arbeiten mit einem geringfügigen Vertrag und unbezahlte Überstunden sind seit jeher Alltag in Gastro-Jobs. Insbesondere bei Frauen kommt oft noch herablassende Behandlung und sexuelle Belästigung hinzu. Im Wissen, dass Kellnerinnen immer freundlich sein müssen, überschreiten viele Gäste jegliche Grenzen. Frauen in der Gastronomie werden oft reduziert auf lächelnde Tablett-Trägerinnen, die gehorsam und freundlich zu sein haben.

Durch die Krise spitzten sich die ohnehin prekären Arbeitsbedingungen weiter zu. Personal wurde trotz Kurzarbeitsregelungen ohne Aussicht auf Wiedereinstellung vor die Tür gesetzt. Wegen des niedrigen offiziellen Gehalts erhielten viele Kellner:innen oder Küchenhilfen kaum Arbeitslosengeld.

Jetzt, wo Cafés, Restaurants und Hotels wieder geöffnet haben, fehlt vielen Betrieben das nötige Personal. Dass so viele ehemalige Mitarbeiter:innen der Branche den Rücken gekehrt haben, verwundert kaum. Die Angst vor schlechten Arbeitsbedingungen ist groß – fast die Hälfte aller Tourismus-Mitarbeiter:innen haben sich während der Pandemie beruflich umorientiert. Die Tourismusbranche beklagt indes mit großem medialen Echo, sie würde trotz Rekordarbeitslosigkeit keine Arbeitswilligen finden. Als ehemalige Gastro-Angestellte kann ich dazu nur sagen: Die Lösung wäre so einfach. Zahlt den Leuten einen vernünftigen Lohn.

Aber davon ist in der aktuellen Debatte wenig zu hören. Anstatt die Frage zu stellen, warum wohl niemand mehr in der Gastronomie arbeiten will, statt bessere Arbeitsbedingungen und höhere Löhne zu fordern, werden arbeitslose Menschen oft pauschal als faul dargestellt. „Viele Arbeitslose liegen entspannt in der sozialen Hängematte“, verlautbarte Mario Pulker, Obmann der Gastronomie in der Wirtschaftskammer, im „Kurier“. Was als Hilferuf getarnt daherkommt, ist im Grunde nichts anderes als eine Kampagne gegen Erwerbsarbeitslose.

Und diese Kampagne fällt bei der Volkspartei auf fruchtbaren ­Boden. Arbeitsminister Kocher möchte mit Verschärfungen der Zumutbarkeitsbestimmungen und niedrigerem Arbeitslosengeld Menschen in unattraktive und schlecht bezahlte Jobs zwingen. Die brutalen Schikanen, zu denen das AMS berechtigt ist, sollen also mit besonderer Härte durchgesetzt werden. Etwa indem das AMS für das Nichtwahrnehmen von (häufig völlig sinnlosen) Schulungsterminen oder das Ablehnen von Jobs – seien sie noch so mies – das Arbeitslosengeld streicht. 

Die Regierung erfüllt so die Wünsche der Unternehmer:innen und lässt die Arbeitenden für die Krise zahlen. Nachdem Konzerne in der Krise Milliarden an Hilfsgeldern bekommen haben und mit Maßnahmen wie Kurzarbeit unterstützt wurden, sollen jetzt Menschen mit Kontrollen und Strafen in miese Jobs gezwungen werden – ein Klassenkampf von oben. 

Und das geht nicht nur die Beschäftigten in der Gastronomie etwas an. Denn der Druck auf Arbeitslose bedeutet in letzter Konsequenz auch mehr Druck auf alle Arbeitnehmer:innen. Prekäre Arbeitsbedingungen werden einzementiert und ein Niedriglohnsektor nach deutschem Vorbild etabliert, mit dessen Gehaltsniveau man kaum mehr über die Runden kommt. Mindestlöhne im neoliberalen Kapitalismus sind nicht hoch genug, um ein menschenwürdiges Leben zu sichern, sondern so gering, wie der Markt es erlaubt. Billige Arbeitsplätze bringen mehr Profit – wenn wir Arbeitenden uns nicht dagegen wehren, werden die Löhne noch weiter sinken. Mit den Grünen im Schlepptau verwirklicht die ÖVP, woran sie seit über dreißig Jahren Regierungs­beteiligung unermüdlich arbeitet: ihren Feldzug gegen die Lohnabhängigen. Trotz dieser Politik können Kurz, Kocher und Co komfortabel auf eine rechte Mehrheit in diesem Land bauen. Allerhöchste Zeit, sich zu organisieren und erbitterten Widerstand zu leisten.

Alisa Vengerova ist Bundessprecherin von Junge Linke und hat ­jahrelang in der Gastronomie gearbeitet.

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Dunkel, lang, dicht https://ansch.4lima.de/dunkel-lang-dicht/ https://ansch.4lima.de/dunkel-lang-dicht/#respond Sun, 27 Jun 2021 22:20:44 +0000 https://anschlaege.at/?p=43281 Ob Unibrow, Achsel- oder Beinhaar: Trotz jahrzehntelanger feministischer ­Fürsprache und Bodypositivity bis in die Gilette-­Werbung ist beim Kampf mit den Körperhaaren kein Ende in Sicht. Von Sam Osborn und Julia Proksch Augenbrauen, Achseln, Beine, Bart. Wie viele unterschiedliche Phasen ich mit meinen Körperhaaren schon durchgemacht habe, kann ich gar nicht mehr sagen. Ich habe relativ […]]]>

Ob Unibrow, Achsel- oder Beinhaar: Trotz jahrzehntelanger feministischer ­Fürsprache und Bodypositivity bis in die Gilette-­Werbung ist beim Kampf mit den Körperhaaren kein Ende in Sicht. Von Sam Osborn und Julia Proksch

Augenbrauen, Achseln, Beine, Bart. Wie viele unterschiedliche Phasen ich mit meinen Körperhaaren schon durchgemacht habe, kann ich gar nicht mehr sagen. Ich habe relativ jung Körperbehaarung bekommen, aber erst relativ spät begonnen, sie zu entfernen. Mit dem ­Rasierer (pink, Einweg) konnte ich nie gut umgehen, ich verwendete ihn dennoch jahrelang. Mit der Pinzette schaffte ich es gerade mal, meine Unibrow zu trennen. Bald folgte die feministische Politisierung und alles spross wieder. Ich mochte die Pflegeleichtigkeit des Nichtrasierens, gleichzeitig ging damit ein gewisses Unbehagen einher: Finde ich mich selber noch schön mit behaarten Beinen, oder ist es nur ein politisches Statement?

Dann die selektive Entfernung, Achseln mal ja, mal nein, Beine nein, Augenbrauen jein, Bart gab’s noch nicht. Die Jahre vergehen, ich beschäftige mich wenig damit, in meinem Umfeld wird Körperbehaarung kaum mehr thematisiert, die meisten haben für sich einen guten Umgang gefunden – keineswegs alle den gleichen.

Erst mit meinem trans*Outing sind sie plötzlich wieder Thema, die alten Körperhaare. Als ich anfange, Hormone zu nehmen, werden meine Beinhaare länger und dichter. Langsam wächst auch mein Bart, zum ersten Mal seit Langem greife ich wieder zum Rasierer (schwarz, elektrisch). Plötzlich ist alles umgekehrt. Kann ich meine Haare am Bein jetzt mehr lieben, weil mich niemand mehr schief anschaut? Möchte ich jetzt erst recht meine Augenbrauen zupfen (lassen), um mit hegemonialer Männlichkeit zu brechen? Was passiert, wenn ich plötzlich mit Behaarung an Stellen zu kämpfen habe, die ich glatt viel lieber mochte?

Und dann auch noch die Wechselwirkungen! Während die Haare am ganzen Körper plötzlich auftauchen, verabschieden sich die dichten Locken auf dem Kopf. Höre ich mit dem Testo auf, kann ich den Haarverlust aufhalten, aber der Bart wird nie dichter, die Menstruation setzt wieder ein. Jetzt steht also meine Eitelkeit meiner Genderdysphorie gegenüber – in einem Kampf ohne Gewinnerin.

Sam Osborn lässt sich gern die Kopfhaare von anderen schneiden und kann es – trotz Lockdowns – leider immer noch nicht selber.

Jede soll und darf mit dem eigenen Körper und den Haaren machen, was sie möchte. Das zumindest gaukelt uns inzwischen die Werbung vor.

Selbst Kosmetikgroßkonzerne erfinden derzeit den Feminismus neu und rufen die Autonomie von Frauen bei den Schönheitsstandards aus. Auch in den Sozialen Medien präsentiert frau ihr Haar immer häufiger in schönster Natürlichkeit – niedliche, feine, blonde Härchen, die sich wie leichter Teint unter die Achsel schmiegen. Meine Körperbehaarung sah mit zwölf schon wilder aus. Dunkel, lang, dicht. Überall kamen sie hervorgeschossen. Meine Sozialisation ließ mir keine Wahl, schnell musste der Rasierer her. Ich merkte allerdings bald: Erstens macht mir das keinen Spaß, vor allem weil, zweitens, nach zwei Tagen alles wiederkommt. Ich will doch nicht viermal die Woche eine halbe Stunde in der Badewanne sitzen und mit meinen Beinhaaren kämpfen!

In der Fernsehwerbung sitzen sie auf der Kante der Badewanne (wie unbequem!) und rasieren ihre pfirsichfarbenen Beine, die allerdings paradoxerweise auch vor der Rasur schon superglatt und haarlos sind.

Diese Werbungen sind weiterhin die Norm, wohlgeformte schlanke Beine, glatt und lang und kein Ende in Sicht. Kein Wunder also, dass rund 98 Prozent der Frauen sich weiterhin rasieren – es wird einfach erwartet. Das machen die Blicke auf der Straße unmissverständlich deutlich, die Kommentare von Verwandten oder die Tinder-Dates, mit denen man sofort eine feministische Grundsatzdebatte führen muss.

Ich habe eigentlich keine Lust, meine kostbare Lebenszeit in die Sisyphusarbeit der Haarentfernung zu stecken. Aber jetzt ist es Sommer, es hat 35 Grad und ich bin zu einem Bewerbungsgespräch eingeladen. Ich trage mein luftiges Schlabberkleid, in dem ich am liebsten den ganzen Sommer verbringen möchte, aber es reicht mir nur bis zu den Knien – darunter der Urwald.

Trotz zahlloser Empowerment-Gespräche mit meinen Freund:innen fühle ich mich al naturelle noch immer nicht wohl. Vor allem nicht beim Kellnern in hohen Schuhen und im kurzen Rock, wenn ich so die High Society mit unrasierten Beinen zum Tisch führen müsste. Nach all den Jahren und Auseinandersetzungen: Es bleibt ein haariges Thema.

Julia Proksch mag rasieren genauso wenig wie blöde Blicke.

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Keine sicheren Orte https://ansch.4lima.de/keine-sicheren-orte/ https://ansch.4lima.de/keine-sicheren-orte/#respond Mon, 31 May 2021 20:50:45 +0000 https://anschlaege.at/?p=40535 Der gesellschaftliche und mediale Umgang mit dem Vierfach-Mord in Potsdam zeigt, wie tief Ableismus in unserer Gesellschaft verwurzelt ist. Von Yuria Knoll und Clara Porak In der Nacht des 28. April 2021 wurden in einem Pflegeheim für Menschen mit Behinderung vier Bewohner:innen getötet, eine fünfte Person wurde schwer verletzt. Die mutmaßliche Täterin ist eine Pflegekraft. […]]]>

Der gesellschaftliche und mediale Umgang mit dem Vierfach-Mord in Potsdam zeigt, wie tief Ableismus in unserer Gesellschaft verwurzelt ist. Von Yuria Knoll und Clara Porak

In der Nacht des 28. April 2021 wurden in einem Pflegeheim für Menschen mit Behinderung vier Bewohner:innen getötet, eine fünfte Person wurde schwer verletzt. Die mutmaßliche Täterin ist eine Pflegekraft. Die Tatverdächtige wurde auf Anweisung der Staatsanwaltschaft in eine psychiatrische Klinik eingeliefert, dort soll ihre Schuldfähigkeit geprüft werden. Es lägen keine „Mordmerkmale“ vor, sagte die Sprecherin der Potsdamer Staatsanwaltschaft. Warum? Dazu wollte sie keine näheren Angaben machen.

Die Gedenkfeier wurde mit vier weißen Rollstühlen inszeniert, die Geschichten der Opfer wurden nicht erzählt, stattdessen ging das Bild der leeren Rollstühle durch die Medien. Der Fokus lag weder auf den Opfern noch auf Schutz und Unterstützung der verbleibenden Bewohner:innen nach der Tat, viel war hingegen von der Belastung des Pflegepersonals die Rede. In Kommentarspalten wimmelte es nur so von problematischen Aussagen („Die hatten doch sowieso kein schönes Leben“) bis hin zum Hashtag #PflegtEuchDochSelbst.

Im Interview zeigte sich der theologische Vorstand des Oberlinhauses Matthias Fichtmüller irritiert, dass die Geschehnisse in seiner Einrichtung nun den Anlass für eine allgemeine Debatte über den Umgang mit Menschen mit Behinderung bieten sollen. Das Thema Gewalt in Heimen sei von Bedeutung, im Oberlinhaus sei man nun aber mit der Trauerbewältigung und Aufklärung beschäftigt. Auch wehre er sich gegen Einmischungen von außen. Doch genau diese Debatte, die Fichtmüller so fürchtet, braucht es. Wir müssen reden, reden über die Institutionalisierung von Menschen mit Behinderung und wie diese zu Gewalt führt. Vier Menschen sind tot. Es braucht dringend Einmischung von außen. Menschen mit Behinderung haben ein Grundrecht auf ein selbstbestimmtes Leben, das ist ein Menschenrecht. Noch immer leben viele Menschen mit Behinderung in Wohngruppen oder Heimen, die Merkmale sogenannter totaler Institutionen haben. Totale Institutionen regeln und kontrollieren alle Lebensbereiche eines Menschen, Kontakt zur Außenwelt besteht kaum. Solche Institutionen begünstigen Gewalt. Sie sind kein sicherer Ort und sie machen es der nichtbehinderten Gesellschaft leicht. Wenn wir behinderte Menschen nicht in unserem Alltag wahrnehmen, nehmen wir auch ihre Diskriminierung nicht wahr. Totale Institutionen schaffen eine klare Abgrenzung zwischen behinderten und nichtbehinderten Menschen.

Eine erste österreichische Studie aus dem Jahr 2019 zeigte, dass Menschen mit Behinderung deutlich häufiger von Gewalt betroffen sind als Menschen ohne Behinderung. Im Fokus der Studie standen Gewalt­erfahrungen von Menschen mit Behinderung, die Einrichtungen der Behindertenhilfe nutzen, in psychosozialen Einrichtungen leben oder sich im Maßnahmenvollzug befinden. Die Studie deutet darauf hin, dass Gewalt besonders häufig ist, wenn das Machtgefälle zwischen Unterstützenden und den Menschen mit Unterstützungsbedarf groß ist: Eine besonders gefährdete Gruppe sind Menschen, die Unterstützungsbedarf bei Grundbedürfnissen wie Körperpflege oder Kommunikation haben. Die Gewalttat in Potsdam ist also kein überraschender Einzelfall, sondern zeigt, wie groß das Problem der Institutionalisierung ist.

Es geht dabei nicht um „bessere Kontrollen“, es geht nicht um den Pflegenotstand oder schlechte Arbeitsbedingungen. Es geht um Deinstitutionalisierung. Jeder Mensch kann mit den richtigen Unterstützungsangeboten ein selbstbestimmtes Leben führen. Doch unsere Gesetze, unsere Gesellschaft machen es Menschen mit Behinderung schwer. Noch immer müssen sie für ein Leben außerhalb von Einrichtungen kämpfen. Darum wird sich diese Tat nicht durch eine Hashtag-­Kampagne und ein paar Artikel aufarbeiten lassen. Es braucht strukturelle Veränderungen wie eine bundesweit einheitliche Lösung für persönliche Assistenz, auch für Menschen mit Mehrfachbehinderung, denn diese ermöglicht ein selbstbestimmtes Leben außerhalb von Institutionen. Persönliche Assistenz gibt es sowohl in Deutschland als auch Österreich, doch die Budgets dafür wurden in den letzten Jahren immer wieder gekürzt, was viele Betroffene zum Umzug in ein Heim gezwungen hat. Dieser politische Missstand geht uns alle an: Wir müssen endlich weg vom christlichen Gedanken der Barmherzigkeit und hin zu Solidarität.

Eine Kooperation mit „andererseits“. Yuria Knoll, 25, ist Schauspielerin, Tänzerin und Rollstuhlfahrerin. Clara Porak, 23, ist freie Journalistin und Teil des Teams der Initiative „andererseits – für Inklusion im Journalismus“.

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Eine Runde weiter https://ansch.4lima.de/eine-runde-weiter/ https://ansch.4lima.de/eine-runde-weiter/#respond Sun, 02 May 2021 20:13:14 +0000 https://anschlaege.at/?p=37331 Castingshows haben einen fixen Platz im TV. Statt auf Erniedrigung setzt auch die Neuauflage von „Starmania“ auf Vielfalt und Respekt. Dabei ist noch viel Luft nach oben, findet Vanessa Spanbauer. Beate Baumgartner berichtet davon, wie es sich anfühlt, über Nacht zum TV-Star zu werden. Ich war 18, als ich mich bei „Starmania“ beworben habe. Gerade […]]]>

Castingshows haben einen fixen Platz im TV. Statt auf Erniedrigung setzt auch die Neuauflage von „Starmania“ auf Vielfalt und Respekt. Dabei ist noch viel Luft nach oben, findet Vanessa Spanbauer. Beate Baumgartner berichtet davon, wie es sich anfühlt, über Nacht zum TV-Star zu werden.

Ich war 18, als ich mich bei „Starmania“ beworben habe. Gerade mal ein halbes Jahr zuvor war ich alleine von Namibia nach Österreich gezogen. 

Keiner, weder der ORF noch die Teilnehmenden, hatte damit gerechnet, dass die Sendung so einschlagen würde. 

In Namibia wurde ich als „die Österreicherin“ wahrgenommen, weil ich äußerlich nicht dazupasste. In der österreichischen Öffentlichkeit war ich hingegen die „Quotenschwarze“, so wurde ich genannt. In einer Reportage wurde ich sogar als Nigerianerin bezeichnet. Als ich den Redakteur darauf hinwies, dass ich aus Namibia komme, erwiderte er, das sei doch eh alles das Gleiche.

In den damaligen „Starmania“-Foren im Netz ließen einige ihrem Rassismus freien Lauf. Plötzlich war man bekannt wie ein Promi, nur verfügte man nicht über die Mittel, die Promis haben, um sich abzuschirmen für ein kleines bisschen Privatsphäre.

Die Kandidat*innen haben sich sehr gut verstanden, fast zu gut, deshalb begann die Redaktion, Situationen und Stories zu inszenieren, um ein bisschen Spannung reinzubringen. Wenn man sich einer Casting-Show aussetzt, muss einem klar sein, dass es nicht nur um Gesang und Bühnenperformance geht. Mir ist dabei die Lust vergangen. Trotzdem bleibt man dabei und strampelt sich durch.

Es ist halt ein Fernsehformat, das einfach Quoten bringen muss. Deshalb werden die Teilnehmenden angehalten, es möglichst spannend und dramatisch zu gestalten. Ich erinnere mich an eine Zeitschrift, die plante, alle zwölf FinalistInnen sexy und halbnackt abzubilden. Ich hatte mündlich zugesagt, aber nach einem Beratungsgespräch machte ich einen Rückzieher. Das kam gar nicht gut an. Mir wurde von dem Medienunternehmen gedroht, dass sie mich nie wieder featuren würden.

Nach der Sendung bin ich erst mal untergetaucht, ich wollte auch nicht mehr singen und beurteilt werden. Jahre später hatte ich dann das Glück, für Parov Stelar singen zu dürfen. Die Band ist an mich he­rangetreten, weil deren Booker mich durch „Starmania“ kannte. Somit hat der ganze Zirkus mir dann doch auch musikalisch was gebracht. 

Ich weiß nicht, ob ich jemandem dezidiert abraten würde, dort mitzumachen. Letztendlich habe ich sehr viel gelernt. Meinen Kindern jedoch würde ich auf jeden Fall davon abraten. Oder ich würde zumindest versuchen, sie bestmöglich darauf vorzubereiten.

Denn wer bei so einer Show mitmachen will, sollte gewappnet sein und ein gutes Support-System haben. Wer als Jugendlicher auf sich allein gestellt ist, kann an dem Druck leicht zerbrechen. 

Beate Baumgartner schaffte es in die Endrunde der ersten Staffel von „Starmania“.

Meine Erwartung als Zuseherin an „Starmania21“ war groß. Als Staffel eins vor 19 Jahren über den Bildschirm flimmerte, war ich ein Riesenfan, mit zehn Jahren allerdings noch nicht in der Lage zu durchschauen, welche Inszenierungen das Erlebnis Castingshow braucht. Wie das öffentliche Shaming der Leider-Nein-Kandidatinnen und späteren Finalistinnen, die teils wirklich unterirdischen Kommentare der Juroren und der unterschwellige Sexismus, der so unterschwellig eigentlich gar nicht war. Was kann ein Castingformat 2021 richtig machen? Passt das noch in unsere Zeit? Diese Fragen stellten sich wohl auch die Macher*innen und der ORF. Die Jury mit zwei Frauen und einem Mann zu besetzen: ein Zeichen. Siehe da, es funktioniert: „Starmania21“ ist weniger sexistisch. „Die sind zu nett!“, liest man auf Social Media, denn es wird fast peinlich darauf geachtet, keine harte Kritik zu äußern. Das entspricht einfach nicht unseren Sehgewohnheiten. Auch gedemütigt sollen die Kandidat*innen eigentlich nicht mehr werden, als Unterhaltungsformat lässt sich das aber offenbar nicht vollständig vermeiden. Sehgewohnheiten also wiederhergestellt. Besonders in den Moderationen und den Vorstellungsclips schimmern die altbekannten Probleme durch – ein queerfeindlicher Kommentar hier, ein rassistischer da, eine Priese Sexismus zum Drüberstreuen. Fraglich deshalb, ob es gelingen kann, Sendungen wirklich weiterzuentwickeln, wenn man nur einige Aspekte erneuert und ansonsten am Küniglberg – der ORF-Zentrale – mit Schema F weitermacht. Denn Diversität ist nicht nur bei den Kandidat*innen relevant, auch die Redaktionen und Sendungsverantwortlichen müssen die Gesellschaft widerspiegeln. Wären die Kandidat*innen zeitgleich Sendungsmacher*innen, müssten wir uns Freitagabend vor dem Fernseher wohl weniger fremdschämen.

Vanessa Spanbauer war „Starmania“-Fan der ersten Stunde.

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Aus dem Wort reißen https://ansch.4lima.de/aus-dem-wort-reissen/ https://ansch.4lima.de/aus-dem-wort-reissen/#comments Thu, 28 Jan 2021 10:50:06 +0000 https://anschlaege.at/?p=27412 Beim Bemühen um geschlechtergerechte Sprache hat nach Binnen-I, Unterstrich und Sternchen nun der Doppelpunkt Konjunktur. Was spricht wofür? Luise F. Pusch und Katharina Meyer zu Eppendorf präsentieren ihre Lösungsvorschläge und Lieblingsvarianten. Bezüglich der „Sichtbarkeit aller möglichen Geschlechter“ habe ich mehrere Ansichten.  Zuerst die linguistische: Es war von Anfang an ein (linguistischer) Fehler der feministischen Community, […]]]>

Beim Bemühen um geschlechtergerechte Sprache hat nach Binnen-I, Unterstrich und Sternchen nun der Doppelpunkt Konjunktur. Was spricht wofür? Luise F. Pusch und Katharina Meyer zu Eppendorf präsentieren ihre Lösungsvorschläge und Lieblingsvarianten.

Bezüglich der „Sichtbarkeit aller möglichen Geschlechter“ habe ich mehrere Ansichten. 

Zuerst die linguistische: Es war von Anfang an ein (linguistischer) Fehler der feministischen Community, auf die Beidnennung („Lehrer und Lehrerinnen“) zu setzen. Das passt für das Englische, wo das generische „he“ durch „she or he“ ersetzt wurde, von dort wurde es aber ungeschickterweise und ohne einen Funken linguistischer Umsicht auf das Deutsche übertragen. Was wir eigentlich brauchen, sind echte neutrale Formen, die sämtliche Geschlechter meinen.

Zweitens meine feministische Ansicht: Da die Beidnennung für das Deutsche keine Lösung ist und unausweichlich zu Aporien führt, plädiere ich für das umfassende bzw. generische Femininum und erkläre es für geschlechtsneutral. Was das generische Maskulinum angeblich kann, muss gerechterweise auch dem generischen Femininum zugebilligt werden. Und wenn das generische Femininum geschlechtsneutral ist, sind auch alle anderen Geschlechter damit gemeint, queer, non binary, genderfluid, transgender.  

Drittens meine politische Ansicht: Die Queer-Community stieg in die Debatte ein, nachdem die Beidnennung und das große I als Abkürzung derselben sich weitgehend durchgesetzt hatten. Zwei Geschlechter genügen ihnen verständlicherweise nicht, also wollten sie einen dritten Raum öffnen. Dieser Raum wurde zuerst symbolisiert durch den Unterstrich: Leser_innen. Der Unterstrich ist inzwischen aus der Mode. Stattdessen wird der Genderstern favorisiert: Leserinnen. Doch auch der Genderstern zerreißt die Personenbezeichnungen in drei Teile: den maskulinen Stamm, den Genderstern und die feminine Endung.

Die Probleme im Singular bleiben alle erhalten bzw. sie werden noch schlimmer, vgl. Sätze wie „Nicht jeder Schriftstellerin schreibt unter seinem/ihrem* eigenen Namen.“

Ich habe einen Kompromiss vorgeschlagen: Der Genderstern und das Binnen-I werden fusioniert zu einem kleinen i mit Sternchen drüber anstelle des I-Tüpfelchens. Bis sich diese Form auf unseren Tastaturen etabliert hat, benutzen wir Ersatzformen wie „Leser!nnen“, „Leser?nnen“, „Leserînnen“, „Leser:nnen“ oder auch „Leser1nnen“.  Die lästigen Verdoppelungen oder Verdreifachungen im Singular werden dadurch gelöst, dass die neuen Formen im Singular als grammatisch feminin interpretiert werden; es gelten die üblichen Kongruenzregeln, genau wie für das generische Maskulinum: Jede eingefleischte Leser!n pilgert zur Frankfurter Buchmesse. 

Luise F. Pusch ist feministische Sprachwissenschaftlerin. Gemeinsam mit Senta Trömel-Plötz gilt sie als Begründerin der feministischen Linguistik in Deutschland.

Als ich vor vier Jahren in der Ticket-Lotterie des Fusion-Festivals gewann, hätte ich nicht gedacht, dass ein paar Jahre später Zeitungen, Universitäten oder sogar Stadtverwaltungen mit dem Doppelpunkt gendern würden. Ich war damals noch Politikstudentin in Marburg und hatte den Doppelpunkt in der Benachrichtungs-Mail des Festivals entdeckt. „Liebe glückliche Gewinner:innen“, hieß es darin. Ich war glücklich. Erst über die Möglichkeit, bald auf der Fusion zu tanzen, dann über eine augenscheinlich sehr viel ästhetischere Möglichkeit, gendergerecht zu schreiben.

Ich bin der Überzeugung, dass es wichtig ist, dass Sprache und damit das Mittel, mit dem wir die Welt beschreiben, so präzise wie möglich ist. Allein aus diesem Grund gibt es für mich kein logisches Argument gegen gendersensible Sprache. Ihre Gegner:innen haben meist, ob unbewusst oder bewusst, politische Gründe. Machterhalt z. B. Denn wenn man Frauen oder trans Menschen weiter hinter Sprache verschwinden lässt, muss man ihnen vielleicht auch in anderen Lebensbereichen nicht so bald Zugeständnisse machen.

Ich bin ehrlich – das Gender-Sternchen, das ich im Studium in jeder Hausarbeit benutzt habe, habe ich trotzdem nie wirklich gemocht. Studentinnen, Freundinnen, Träumer*innen: Der Stern zog das Wort immer so weit auseinander, dass mancher Text so aussah, als hätte man Tinte über ihm ausgekippt. Oder Wörtern die Buchstaben aus dem Leib gerissen. Mit dem Doppelpunkt war das plötzlich anders. Der Doppelpunkt brauchte nicht viel Platz. Der Doppelpunkt hielt seine Worte zusammen. Der Doppelpunkt achtete die Präzision und sah trotzdem gut dabei aus.

Man kann nun finden, dass es andere Satzzeichen gibt, die noch viel schöner sind. Eine befreundete Grafikerin gendert z. B. mit dem ï, schreibt also Kollegïnnen. Man kann auch finden, dass es in politischen Dingen nicht um Ästhetik gehen darf. Man gendere schließlich nicht zum Spaß, sondern um auf marginalisierte Gruppen aufmerksam zu machen. 

Ich bin überzeugt, dass es eben jene Feinjustierungen sind, die es geschafft haben, die Debatte um gendersensible Sprache endlich zu öffnen, ohne ihr die Existenz abzusprechen. Sobald man über das „Wie“ streitet, hat man einen gemeinsamen Konsens. Gibt es einen größeren Erfolg? 

Katharina Meyer zu Eppendorf arbeitet als Redakteurin bei „ZEIT Campus“ und als freie Reporterin. Sie schreibt über Aktivismus, Feminismus und Popkultur.

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an.spruch: Shirt aus? Shirt an! https://ansch.4lima.de/an-spruch-shirt-aus-shirt-an/ https://ansch.4lima.de/an-spruch-shirt-aus-shirt-an/#comments Fri, 09 Oct 2020 18:15:17 +0000 https://anschlaege.at/?p=24997 Ob im Club oder in der Kletterhalle: Typen sind gerne oben ohne. Laura Reti hat genug von schwitzenden Mackern. Im Juni sorgte ein Plakat an den Hamburger Wallanlagen für Aufregung. Darauf forderte die Stadt ihre männlichen Parkbesucher auf, auf die Entblößung ihres Oberkörpers zu verzichten: „T-Shirt bleibt an – alle haben fun.“ Grund genug für […]]]>

Ob im Club oder in der Kletterhalle: Typen sind gerne oben ohne. Laura Reti hat genug von schwitzenden Mackern.

Im Juni sorgte ein Plakat an den Hamburger Wallanlagen für Aufregung. Darauf forderte die Stadt ihre männlichen Parkbesucher auf, auf die Entblößung ihres Oberkörpers zu verzichten: „T-Shirt bleibt an – alle haben fun.“ Grund genug für reichlich Empörung auf Twitter und Co:  Von „neuer Spießigkeit“ war da die Rede, andere befürchteten eine „Gleichmacherei“ oder die Einschränkung ihrer Freiheitsrechte und riefen dazu auf, sich „jetzt erst recht“ des T-Shirts zu entledigen.
Obwohl das Logo der Stadt Hamburg auf dem Plakat prangte, handelte es sich um politische Aktion. Aufgrund der großen Aufregung wurden die Plakate alsbald entfernt, die Stadt distanzierte sich.
Die hitzige Debatte um nackte Oberkörper gehörte für mich schon lange zum Alltag – immerhin habe ich schon in zwei Kletterhallen gearbeitet und musste dort immer wieder schwitzende Sportler dazu bewegen, sich wieder anzuziehen.

Die typischen Einwände: „Ich schwitze so stark, das verstehst du nicht.“ Ja, wir schwitzen alle, gehört beim Sport dazu. Aber ziehen sich deshalb alle aus? Es ist in keinem Sport geduldet, oben ohne zu sein, häufig aus hygienischen Gründen – und weil es einfach lächerlich ist. Ausnahmen sind Wassersportarten (und auch da müsste es nicht sein) und Bodybuilding (wo es explizit um Körperbewertung geht). Selbst in den allermeisten Fitnessstudios ist es ausdrücklich verboten, das Shirt auszuziehen, und diese Läden stehen nun wahrlich nicht im Verdacht, wahnsinnig feministisch und progressiv zu sein. Abgesehen davon, dass sich viele Menschen von Nacktheit belästigt fühlen, ist sie auch schlichtweg ungesund. Ein unbedeckter schwitzender Oberkörper kühlt zu stark aus, das ist schlecht für Muskeln und Immunsystem. Es gibt eine riesige Auswahl an moderner Funktionsbekleidung, die die Körpertemperatur reguliert und den Schweiß auffängt. Und keine Sorge: Die Muskeln bleiben darunter trotzdem sichtbar.

„Von mir aus kannst du auch oben ohne rumlaufen. Wo kommen wir denn hin, wenn wir das Männern jetzt verbieten? Das wäre doch ein Rückschritt!“
Ich kann nirgends einfach oben ohne rumlaufen – außer in der Sauna oder am FKK-Strand. Meine Brüste sind sexualisiert, meine Nippel werden auf Social Media verpixelt. Und nein, ich im Sport-BH ist nicht das Gleiche wie ihr oben ohne. No nipple is free until all nipples are free!

„Dann kannst du ja nie ins Freibad gehen, wenn dich männliche Oberkörper so sehr stören!“
Auch dieser Vergleich hinkt: In Freibädern, am Strand und am Badesee gilt ein anderer Dresscode als in Sportstätten. Beim Baden kann auch ich vielleicht mal oben ohne sein kann, wobei auch hier keineswegs Gleichberechtigung herrscht (Stichwort Männer oben ohne, aber kleine Mädchen im Bikini). Der entscheidende Unterschied ist zudem, dass ich im Freibad weiß, worauf ich mich einlasse und entscheiden kann, ob ich an dem Tag Lust habe, halbnackte Männerkörper zu sehen oder nicht. Aber im Alltag, auf dem Weg zum Einkaufen, wenn wieder einer ohne Shirt an mir vorbeijoggt?

„Du bist doch eine Lesbe, die Männerkörper eklig findet. Stört hier doch sonst niemanden.“
Ja, es gibt sogar Menschen, die Rückschlüsse auf mein Begehren ziehen und mich damit kategorisch entwaffnen wollen. Natürlich ohne sich vorher tatsächlich die Mühe gemacht zu haben, die anderen Hallenbesucher*innen nach ihrem Einverständnis zu fragen. Doch viele, die ein nackter Oberkörper stört, trauen sich nicht, es anzusprechen. Sie gehen einfach, kommen gar nicht erst oder schauen nicht hin. Die Verantwortung wird also auf jene übertragen, die unter dem Verhalten leiden. „So zeugt es von einer typisch antifeministischen Haltung, Frauen die Verantwortung dafür zu übertragen, Freiräume zu schaffen, die von Männern besetzt sind“, schrieb Verena Reygers dazu treffend im „Freitag“. Deshalb: T-Shirt anlassen, bis das Patriarchat gestürzt ist. Dann sprechen wir noch mal darüber.

Laura Reti schreibt aus Berlin, erhofft sich vom Ende des Sommers auch das Ende der Oben-ohne-Saison. Sie sucht stets Verbündete für Safe Spaces im Sport.

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an.spruch: Alles beim Alten https://ansch.4lima.de/an-spruch-alles-beim-alten/ https://ansch.4lima.de/an-spruch-alles-beim-alten/#respond Wed, 26 Aug 2020 18:37:06 +0000 https://anschlaege.at/?p=23872 Alexandra Weiss über das Widerwärtige in der politischen Kultur Tirols. In der Tiroler Landesverfassung ist seit 1980 nicht nur die „Treue zu Gott“, sondern auch die „geordnete Familie als Grundzelle von Volk und Staat“ verankert. Die dominante katholisch-konservative Prägung des Landes stand und steht im Widerspruch zur Demokratisierung – nicht nur – von Geschlechterverhältnissen. Dass […]]]>

Alexandra Weiss über das Widerwärtige in der politischen Kultur Tirols.

In der Tiroler Landesverfassung ist seit 1980 nicht nur die „Treue zu Gott“, sondern auch die „geordnete Familie als Grundzelle von Volk und Staat“ verankert. Die dominante katholisch-konservative Prägung des Landes stand und steht im Widerspruch zur Demokratisierung – nicht nur – von Geschlechterverhältnissen. Dass die Fristenlösung in Tirol nie umgesetzt wurde, ist ein eindrückliches Beispiel für die enge Allianz zwischen Kirche und Landespolitik.

Was als „geordnete Familie“ gilt, haben dabei bis Mitte der 1980er-Jahre Männer weitgehend unter sich ausgemacht. Insofern verwundert es nicht, dass die Familie kaum als Arbeitsplatz (von Frauen) thematisiert wird, sondern als schützenswerter „Rückzugsort“ (von Männern). Anlass, die Familie in die Landesverfassung aufzunehmen, war die Erosion der Kleinfamilie, die Pluralisierung der Lebensformen und die Abschaffung des Patriarchats im Ehe- und Familienrecht durch die sozialistische Alleinregierung. Dass die Familie als bedrohte Lebensform diskutiert wurde, hatte allerdings nicht nur mit Emanzipationsbewegungen zu tun, sondern mit ökonomischen Umbrüchen, die den männlichen Familienlohn abschafften.

Wenn, wie in Tirol, neoliberale Politiken auf ein traditionelles Patriarchat treffen, entsteht eine eigene Mischung dessen, was als „Reorganisation des Patriarchats“ diskutiert wird. Die Integration von Frauen in den Arbeitsmarkt erfolgte nicht nur vor dem Hintergrund einer weitgehenden Deregulierung, sondern auch eines eklatanten Mangels an bedarfsgerechten Kinderbetreuungseinrichtungen.

Die Landespolitik nimmt die Armut von Frauen, ihre ökonomische Abhängigkeit und daraus entstehende Gewalt bewusst in Kauf. Frauen werden als billige Arbeitskräfte für die atypischen Arbeitsverhältnisse vor allem in Tourismus und Handel mobilisiert, weil sie gar keine andere Wahl haben. So bleibt in der Ordnung der Geschlechter alles beim Alten, obwohl sich alles ändert.

Dass Tirol ein Demokratie-Problem hat, ist nicht erst im Zuge der Corona-Krise offensichtlich geworden. Die ÖVP überzieht das Land mit einem engmaschigen Netzwerk. Auch die Landeshauptstadt bildet kein politisches Gegengewicht zum ÖVP-dominierten Land. Allerdings stört das hierzulande wenige, zu ausgeprägt sind dumpfer Regionalismus und autoritäres Denken. Kritik und die ohnehin nur recht oberflächlichen Ansprüche an Geschlechtergleichstellung wurden angesichts der Krise hinweggefegt: Frauen verschwanden schlagartig aus der politischen Öffentlichkeit oder räumten freiwillig das Feld, wie die grüne Landeshauptmann-Stellvertreterin Ingrid Felipe.

Aber nicht nur das: Die Krise zeigte auch, dass die Lebensbedingungen von Frauen politisch nicht interessieren. Ihrer Funktion als Sozialkitt einer entsolidarisierten Gesellschaft sollten sie in der Krise freilich nachkommen und auffangen, was der Staat nicht (mehr) leistet. Die Unterversorgung mit sozialen Diensten, eine geringe Erwerbsquote, die höchste Teilzeitquote in Österreich, Einkommen, die für mehr als die Hälfte der Frauen nicht existenzsichernd sind, sind Garant für die „geordnete Familie“ und sorgen dafür, dass weibliche Autonomie Illusion und Politik Männersache bleibt.

Das Selbstverständnis einer außerordentlich männlich dominierten politischen Elite wurde durch den Fauxpas des Landeshauptmann-Stellvertreters Josef Geisler unabsichtlich öffentlich. Es war aber wohl nicht allein Sexismus, der ihn dazu veranlasste, die WWF-Vertreterin Marianne Götsch als „widerwärtiges Luder“ zu bezeichnen. Denn eine Bürgerin, die nicht verstummt, wenn ein Spitzenpolitiker spricht, irritiert.

Der feudale Gestus (nicht nur) von Politiker_innen wirft ein grelles Licht auf die politische Kultur eines Landes, in dem kaum je verstanden wurde, was Demokratie ausmacht und in der die politische Fantasie von Oppositionsparteien nur so weit reicht, sich als Juniorpartner in einer Koalition mit der ÖVP zu sehen. Kritik bleibt so allenfalls an der Oberfläche, während Entwürfe einer demokratischen Organisierung der Gesellschaft schlicht inexistent sind.

Alexandra Weiss ist Politikwissenschafterin und lebt in Innsbruck.

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an.spruch: Einfach so da sein https://ansch.4lima.de/an-spruch-einfach-so-da-sein/ https://ansch.4lima.de/an-spruch-einfach-so-da-sein/#respond Fri, 26 Jun 2020 07:17:26 +0000 https://anschlaege.at/?p=22013 Am Morgen des 25. Februar 2018, ihrem 32. Geburtstag, findet Jameela Jamil, englische Schauspielerin, Model, Radiomoderatorin und Anorexia-Überlebende, tausende Nachrichten in ihren diversen Posteingängen vor. Unzählige Menschen, viele davon Frauen, teilen ihr darin ihre Unsicherheiten und Ausgrenzungserfahrungen mit und schreiben ihr, wie sehr sie es hassen, auf ihr Gewicht und ihr Aussehen reduziert zu werden. Jamil nennt diesen Tag in einem Blog-Eintrag den „best birthday I’ve ever had.“ Was war passiert?  Einige Tage zuvor stößt Jamil auf Instagram auf ein Foto der Kardashians, auf dem jemand das Gewicht der Frauen vermerkt hatte. Jamil kommentiert, dass es gesellschaftlich ziemlich düster […]]]>

Am Morgen des 25. Februar 2018, ihrem 32. Geburtstag, findet Jameela Jamil, englische Schauspielerin, Model, Radiomoderatorin und Anorexia-Überlebende, tausende Nachrichten in ihren diversen Posteingängen vor. Unzählige Menschen, viele davon Frauen, teilen ihr darin ihre Unsicherheiten und Ausgrenzungserfahrungen mit und schreiben ihr, wie sehr sie es hassen, auf ihr Gewicht und ihr Aussehen reduziert zu werden. Jamil nennt diesen Tag in einem Blog-Eintrag den „best birthday I’ve ever had.“ Was war passiert?  
Einige Tage zuvor stößt Jamil auf Instagram auf ein Foto der Kardashians, auf dem jemand das Gewicht der Frauen vermerkt hatte. Jamil kommentiert, dass es gesellschaftlich ziemlich düster aussähe, wenn Kilogramm die einzige Einheit sind, in der Frauen lernen ihren Wert zu bemessen. Sie ergänzt ihre Kritik mit einer Selfie-Story, in der sie sich mit jenen Dingen „aufwiegt“, die sie abseits von „Fucking KG“ ausmachen: „lovely relationship“, „financially independent“, „I laugh every day“. Ohne es geplant zu haben, war damit die #iweigh-Bewegung geboren, der heute auf Instagram mehr als eine Million Menschen folgen.  
Jamils #iweigh-Aktivismus ist mittlerweile zu einem Aushängeschild der Body-Neutrality-Bewegung geworden, die einen neutraleren Zugang zu Körperlichkeit fordert. Der Körper wird definiert als „Wahrnehmungsmaschine“, als Werkzeug, das uns Interaktion mit der Welt ermöglicht und mehr ist als eine optische Hülle. Körper werden nicht (nur) für ihre Schönheit, sondern für die Mobilität, Gefühle und Interaktionen geschätzt, die sie uns erleben lassen.   
Gerade Frauen, die noch immer vermehrt von Lookismus, also der Diskriminierung aufgrund des Aussehens, betroffen sind, beschert eine Abkehr von Schönheit neue Freiräume. Body Neutrality steht noch mehr als Body Positivity für eine Kritik an unerreichbaren, kapitalistischen Schönheitsidealen, die darauf abzielen, mit der Entdeckung von immer neuen ‚Makeln‘ immer neue Produkte zu verkaufen. Durch das Infragestellen dieser Ideale und die Absage an Schminke, Diäten und Enthaarung werden auch binäre Geschlechterzuschreibungen, die sich durch tagtäglich praktizierte Schönheitsarbeit im und am Körper fortschreiben, brüchiger.  
In gewisser Hinsicht ist Body Neutrality auch als Antwort auf die zu beobachtende Ausdifferenzierung und Kommerzialisierung von Body Positivity zu verstehen, die ihre Wurzeln in der US-Fat-Acceptance-Bewegung der 1960/70er Jahre hat. Body Positivity befasst sich heute neben Körpergewicht auch mit Körperbehaarung und Menstruation und ihre Forderungen werden heute zunehmend von Werbeslogans vereinnahmt.  
Doch auch wenn Body Neutrality – gerade von feministischen Medien – schnell als „die neue, bessere“ Body Positivity dargestellt wurde, so haben beide Bewegungen immer noch ihre Berechtigung. Solange Schönheit ein so hoher Wert zugeschrieben wird und ‚schöne‘ Menschen unzählige Vorteile im Leben genießen, braucht es radikale Body Positivity, die inklusivere Schönheitskonzepte entwirft und mehr Menschen Zugang zu dieser vorteilhaften Kategorie verschafft. Body Neutrality ergänzt diesen Ansatz, indem sie den Wert von Schönheit als solchen in Frage stellt und dazu aufruft, alle Körper ungeachtet ihres Aussehens in ihrem „Da-und-So-Sein“ zu akzeptieren. Besonders für jene Menschen, die stark unter Schönheitsdruck leiden und mit Selbsthass zu kämpfen haben, weil ihre Körper gesellschaftlich als ‚hässlich‘ oder ‚eklig‘ stigmatisiert werden, kann neutrale Körperlichkeit erleichternd sein. Anstatt neue Ideale auszurufen oder rund um die Uhr Selbstliebe praktizieren zu müssen, eröffnet Body Neutrality Räume für ein Hinnehmen von Körpern und ihren Veränderungen ohne Wertung.  Oder um es mit @minusgold zu sagen: „Have a body. nothing more, nothing less.“  

Elisabeth Lechner (@femsista) ist Kulturwissenschafterin. Ihre Arbeitsschwerpunkte liegen an der Schnittstelle von Popkultur-Studien, feministischer Medienwissenschaft, Affect und Body Studies.  

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an.spruch: Kein Zurück https://ansch.4lima.de/an-spruch-kein-zurueck/ https://ansch.4lima.de/an-spruch-kein-zurueck/#respond Sat, 11 Apr 2020 14:10:41 +0000 https://anschlaege.at/?p=20431 Die Corona-Krise kann der Ausgangspunkt für nachhaltigen gesellschaftlichen Wandel werden, hoffen Barbara Stefan und Mahsa Ghafari.  Wir sind schockiert. Die Situation an den griechischen Außengrenzen ist eine sich täglich weiter zuspitzende Katastrophe. Der Gedanke, dass auf Menschen, die Schutz und Hilfe suchen, mit Tränengas und sogar scharf geschossen wird und sie zurückgeprügelt werden, als wären […]]]>

Die Corona-Krise kann der Ausgangspunkt für nachhaltigen gesellschaftlichen Wandel werden, hoffen Barbara Stefan und Mahsa Ghafari. 

Wir sind schockiert. Die Situation an den griechischen Außengrenzen ist eine sich täglich weiter zuspitzende Katastrophe. Der Gedanke, dass auf Menschen, die Schutz und Hilfe suchen, mit Tränengas und sogar scharf geschossen wird und sie zurückgeprügelt werden, als wären es keine Menschen, ist unerträglich. Wir demonstrieren so laut wir können. Die Tatsache, dass die Menschenrechtskonvention wieder einmal außer Kraft gesetzt wird und selbst kleine Kinder angegriffen werden, ist eine weitere Schande für Europa. Wir gehen auf die Straße, sprechen auf Demos. Wir teilen auf Facebook. Wir diskutieren. Wir leisten Widerstand, indem wir widersprechen. Wir umarmen einander, machen halb-ernst gemeinte Witze darüber, ob das wohl bald verboten sein wird und wir alle zu Hause bleiben müssen.
Währenddessen rückt Corona immer näher.
Wenige Wochen später ist die Corona-Krise auch bei uns angekommen und trifft uns mit voller Wucht. Es gibt Ausgangsbeschränkungen, viele sind im Home-Office. UnternehmerInnen sollen entlastet werden, ein Konjunkturpaket wird beschlossen. Und die ArbeitnehmerInnen?
Die Widersprüche des Kapitalismus werden plötzlich in aller Deutlichkeit sichtbar: Kapitalismus und Neoliberalismus bieten keine Lösungen für die Probleme der Menschheit im Gegenteil. Sie sind deren Ursache und verschlimmern sie. Kaputt gesparte Spitäler und Kürzungen beim Gesundheitspersonal erschweren es, mit Pandemien umzugehen. Die Trennung der öffentlichen und privaten Sphäre, die normative Organisierung der Menschen in Kleinfamilien führt nun mit dem Ausfall der staatlichen Betreuungs- und Erziehungseinrichtungen bei vielen Menschen zu extremer Überlastung. Denn Überraschung Kinderbetreuung, vor allem von Kleinkindern, ist tatsächlich Arbeit und zwar harte Arbeit, die keine Einzel- und auch nicht zwei Personen alleine leisten können, ohne überlastet zu sein. Dies drückt sich wiederum in Gereiztheit, Wut, Aggression aus. Sie hindert zudem Menschen am effektiven HomeOffice. Ohne die un– und unterbezahlte Arbeit von Frauen in der Familie, in der Pflege, in den Spitälern, im Handel, in den Sozialversicherungen ließe sich die Krise nicht meistern, denn sie leisten die unsichtbar gemachte und tatsächlich systemrelevante Arbeit. In der Krise wird wie nie zuvor sichtbar, dass die Priorisierung der Gewinne von Unternehmen auf Kosten von Mensch und Umwelt geht.
Der erzwungene Rückgang von wirtschaftlichen Aktivitäten, das Abdrehen der Produktion unnützer und schädlicher Konsumgüter und die Bewegungseinschränkung von Menschen lässt nämlich auch die Natur aufatmen. CO2-Ausstöße werden gesenkt. Zusammenhalt und Solidarität sind zwar plötzlich zu den neuen Lieblingswörtern der Regierung geworden, aber von Solidarität mit den tausenden Geflüchteten, die in Lagern mit katastrophalen hygienischen Zuständen festsitzen, ist nicht die Rede. Auch diese Scheinheiligkeit, die rassistische Politik und die ihr innewohnende, fatale Dummheit wird sichtbar: Solidarität sollte keine nationalen Grenzen kennen, eine Pandemie kennt sie auch nicht und wenn diese Menschen jetzt nicht gerettet werden, droht Griechenland ein weiterer CoronaHotSpot zu werden – und das ist nur eine der vielen möglichen, tragischen Konsequenzen dieses Nichtstuns. 
Ein hoffnungsvoller Sprung nach vorne: Es ist klar – es gibt kein Zurück zur Normalität vor Corona. Die entstandenen Netzwerke der Solidarität und der Nachbarschaftshilfe dienen als Basis für die weitere Organisation von Austausch und gegenseitiger Unterstützung. Die Menschen haben gelernt, worauf es in einer Gesellschaft ankommt: auf ein gesundes Zusammenspiel von Mensch und Natur, auf eine gute Arbeitsteilung und angemessene Bezahlung für gesellschaftlich wirklich relevante Aufgaben, auf Freizeit. Es gibt kein Zurück zu einer Unterordnung unter die Kapitalakkumulation. Viel zu hoch sind ihre Kosten für die Allgemeinheit. Menschen brauchen eine bedingungslose Sicherung ihres Grundbedarfs, eine kollektive Care-Arbeitsteilung, die niemanden überlastet und genug Zeit für sich selbst und für die Beziehungen mit Mitmenschen. Es gibt kein Zurück. 

 Barbara Stefan ist Politikwissenschafterin, Mutter, Aktivistin im Aufstand der Alleinerziehienden und Redaktionsmitglied beim Mosaik-Blog.  

Mahsa Ghafari ist Aktivistin und Schauspielerin. Unter anderem gründete sie den Verein Flucht nach Vorn mit und rief 2017 gemeinsam mit Mitstreiterinnen zum Gobal Women’s Strike auf.  

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an.spruch: Gemeinsam die Kurve kratzen https://ansch.4lima.de/an-spruch-gemeinsam-die-kurve-kratzen/ https://ansch.4lima.de/an-spruch-gemeinsam-die-kurve-kratzen/#respond Sun, 24 Nov 2019 22:48:26 +0000 https://anschlaege.at/?p=15113 llustration: Raffaela SchöbitzUnd plötzlich wusste ich, dass wir die Politik wachrütteln können: Die Studentin und Friday-for-Future-Aktivistin FRANZISKA MARHOLD berichtet über ihren klimapolitischen Weckruf.   Vor einem Jahr hatte ich noch nie für etwas demonstriert. Ich saß brav in der Schule und konzentrierte mich darauf, gute Noten in meinem Maturazeugnis zu bekommen, eine bessere Basketballerin zu werden und […]]]> llustration: Raffaela Schöbitz

Und plötzlich wusste ich, dass wir die Politik wachrütteln können: Die Studentin und Friday-for-Future-Aktivistin FRANZISKA MARHOLD berichtet über ihren klimapolitischen Weckruf.

 

Vor einem Jahr hatte ich noch nie für etwas demonstriert. Ich saß brav in der Schule und konzentrierte mich darauf, gute Noten in meinem Maturazeugnis zu bekommen, eine bessere Basketballerin zu werden und Zeit mit meinen Freund*innen zu verbringen. Politisch interessiert war ich jedoch immer. Dem Thema Klimawandel wich ich aber aus. Für mich war das zu groß, zu abstrakt, zu beängstigend und zu fern von meinem Alltag, um mich ausführlicher damit zu beschäftigen. Außerdem dachte ich naiverweise: Wäre Klimawandel ein Problem, das bereits eine akute Bedrohung darstellt, würden wir doch anders handeln, oder? Politiker*innen würden die Bevölkerung über die Gefahr informieren, Wissenschaftler*innen würden Entscheidungsträger*innen beraten, wie wir das Klima am besten schützen können, und Maßnahmen würden rasch umgesetzt werden, oder? Falsch gedacht.
Trotzdem fing ich an, mich selbst über den Klimawandel zu informieren. Bald sagte ich nicht mehr „Wandel“, sondern Klimakrise. Ich sah, dass man sich international darauf geeinigt hatte, die Erwärmung bei 1,5 Grad zu stabilisieren, wir aber derzeit in Österreich auf drei bis vier Grad zusteuerten. Ich las darüber, welche katastrophalen Auswirkungen dieser Temperaturunterschied haben würde. Arten würden massenhaft aussterben, immer mehr Menschen wären von Naturkatastrophen betroffen, ganze Küstenabschnitte durch die ansteigenden Meeresspiegel vom Untergang bedroht. Das sind nur einige wenige der bekannten Auswirkungen. Ich wollte mir nicht vorstellen müssen, was noch auf uns zukommen könnte.
Was kann man schließlich tun? Ich kann die Arten nicht retten, die Taifune nicht aufhalten oder die Meeresspiegel wieder senken.

 

llustration: Raffaela Schöbitz
llustration: Raffaela Schöbitz

 

Doch dann kam der erste weltweite Klimastreik von Fridays for Future vergangenen März. Dort sah ich Tausende junge Menschen, die in Wien auf die Straße gingen, um für Klimaschutz zu protestieren. Zu Hause im Fernsehen sah ich, dass es weltweit Millionen waren. Und plötzlich wusste ich, dass wir gemeinsam die Kurve kratzen und die Politik wachrütteln können. Es dauerte nicht lange, bis ich selbst Fridays for Future beitrat und dabei mithalf, Massendemonstrationen zu organisieren. Seitdem bin ich so gut wie jeden Freitag auf der Straße.
Genau deswegen ist Klimaaktivismus so wichtig. Durch Aktionen und viel Durchhaltevermögen weckt man nicht nur bei sich selbst, sondern auch bei anderen Hoffnung. Hoffnung allein reicht aber nicht. Der beste Zeitpunkt, an dem die Politik handeln müsste, ist schon längst vorüber. Denn schon seit etwa dreißig Jahren weiß die Wissenschaft über die Klimakrise Bescheid. Dreißig Jahre lang hat die Politik sich geweigert, die Fakten zur Kenntnis zu nehmen: Mit unserer Lebensweise zerstören wir die Zukunft aller nachfolgenden Generationen, die aber keinen Platz am Verhandlungstisch hatten. Doch diese Generationen sind jetzt hier und nehmen das nicht mehr so einfach hin! Der letzte Zeitpunkt zu handeln ist jetzt.
Wir fordern, dass Österreich bis 2030 auf netto-null Emissionen kommt. Das heißt, dass alle ausgestoßenen Emissionen auch wieder von natürlichen Ökosystemen aufgenommen werden können. Um das zu erreichen, brauchen wir u. a. 2020 unbedingt eine ökosoziale Steuerreform und ein Ende klimaschädlicher Subventionspolitik.
Klimaaktivismus hat dieses Jahr vor allem bewirkt, dass das Thema bei allen Leuten ankam. Kein*e Politiker*in entkommt der Klimafrage mehr. Diesem Bewusstsein müssen aber jetzt sofort auch Handlungen folgen, denn die Uhr tickt. Bis dahin werden wir weitermachen – und größer und lauter werden. Und wir fordern alle auf, mitzumachen! Egal ob jung oder junggeblieben – wir brauchen jetzt alle, um die Kehrtwende in der österreichischen Politik einzuleiten. Wir sehen uns alsohoffentlich am Freitag und vor allem auch am 29.11. – dem nächsten weltweiten Klimastreik.

 

Franziska Marhold ist seit Mai 2018 bei Fridays for Future.

 

 

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an.spruch: Braun wie die Kohle in der Lausitz https://ansch.4lima.de/an-spruch-braun-wie-die-kohle-in-der-lausitz/ https://ansch.4lima.de/an-spruch-braun-wie-die-kohle-in-der-lausitz/#respond Fri, 11 Oct 2019 11:04:13 +0000 https://anschlaege.at/?p=13647 Illustration: Raffaela SchöbitzDer Wahlerfolg der AfD im Osten ist hausgemacht. Eine Analyse von NADINE LANTZSCH   Die Ergebnisse der Landtagswahlen in Brandenburg und Sachsen sind desaströs. Durchschnittlich jede_r vierte Ostdeutsche wählt die rechtsextreme AfD, in manchen Regionen sogar jede_r zweite. Das lange Zeit konstruierte Bild des „abgehängten Ossis“, der den Rechten aus Protest seine Stimme leiht, wurde […]]]> Illustration: Raffaela Schöbitz

Der Wahlerfolg der AfD im Osten ist hausgemacht. Eine Analyse von NADINE LANTZSCH

 

Die Ergebnisse der Landtagswahlen in Brandenburg und Sachsen sind desaströs. Durchschnittlich jede_r vierte Ostdeutsche wählt die rechtsextreme AfD, in manchen Regionen sogar jede_r zweite. Das lange Zeit konstruierte Bild des „abgehängten Ossis“, der den Rechten aus Protest seine Stimme leiht, wurde in diesen Wahlen erneut widerlegt. Anders als bei ihren rechtsextremen Vorgängern NPD und DVU vor etlichen Jahren kann die AfD nicht nur diese Wähler_innen für sich gewinnen, sondern auch die Gutverdienenden, sozial Abgesicherten und Studierten. Selbst der öffentlich zelebrierte Schulterschluss mit rechtsextremen Gruppen nach den rassistischen Gewaltausbrüchen im sächsischen Chemnitz stand letztlich nicht im Weg. Die AfD kann weiter ungehindert als parlamentarischer Arm und Versorgerin gewaltbereiter Neonazis dienen – dank des Wahlerfolgs mit noch mehr Ressourcen ausgestattet.
Die Ursachen für den ungebrochenen Aufstieg der AfD sind allerdings nicht allein mit der rassistischen Radikalisierung und Mobilisierung zu erklären, die sich seit der sogenannten Flüchtlingskrise 2015 in der gesamtdeutschen Bevölkerung und besonders in den ostdeutschen Bundesländern Bahn brechen. Denn der Osten wählt vor allem dort braun, wo die Transformation der Arbeitswelt durch Digitalisierung, Automatisierung und Klimabewusstsein am tiefgreifendsten zu Veränderungen führen wird: in den Braunkohlegebieten und auf dem Land. In den Regionen also, die die bis heute spürbaren ökonomischen und sozialen Folgen des Mauerfalls mit voller Wucht trafen und die dennoch drei Jahrzehnte lang aufgrund wahltaktischer Leuchtturmpolitik für die Städte vernachlässigt wurden. In den Regionen, wo Abwarten und Verantwortungsabgabe an die Bundespolitik mit politischem Handeln gleichgesetzt wurden. In denen sich selten politische Vertreter_innen haben blicken lassen seit der Wende, wo Bürger_innen keine Ansprechpartner_innen für ihre Themen vorfanden, wo sich Parteien zu lange auf ihre Stammwählerschaft verließen – die immer älter wird (und stirbt) oder inzwischen zur AfD gewechselt ist.
Als linke_r Ossi macht es wütend, wenn der Wahlkampf mit Themen wie Infrastruktur, Arbeit, Mobilität und Klima bestritten wird, als wären diese nicht schon seit der Wende hochrelevant, als hätten die Parteien die letzten dreißig Jahre in der Opposition verbracht. Der Strukturwandel, der nun „ganz dringend“ passieren muss, wurde zu keinem Zeitpunkt und von keiner demokratischen Partei mit Regierungsverantwortung tatsächlich und spürbar vorangetrieben. Die müssen sich von der AfD jetzt in Dreierbündnisse drängen lassen, die weder sie noch die Wähler_innen wollten – mit einer starken rechtsextremen Partei als Oppositionsführerin. Auf kommunaler Ebene wird sich die Zusammenarbeit enttäuschter CDU-Politiker_innen mit eifrigen, zum Teil sehr weit in die Zivilgesellschaft vernetzten und organisierten AfDlern fortsetzen und intensivieren.
Und während eine der „Gegenstrategien“ noch immer heißt, rechten Rhetoriken und Politiken auf den Leim zu gehen, um die an die AfD verloren gegangenen Wähler_innen wieder ins eigene Lager zu holen, wäre längst eine kritische Auseinandersetzung mit der Tatsache fällig, dass man offenbar jahrzehntelang Rassist_innen und Nazis politisch bedienen konnte. Z. B. durch konsequente Leugnung von Rassismus als gesamtgesellschaftlichem Problem seit den Pogromen der frühen 1990er-Jahre oder durch Unterfinanzierung und Kriminalisierung linker Initiativen, vor allem im Jugendbereich. Die Früchte dieser nach rechts offenen Haltung, die Antifaschismus delegitimiert und Rassismus in berechtigte Sorgen und Ängste umdeutet, erntet die AfD nun auch bei jungen Ossis unter dreißig: Sie wählen anders als im Rest der Republik lieber rechts statt links(-liberal). Jugend ist Zukunft, heißt es so oft. Mit dem nächsten Umwälzungsprozess vor der ostdeutschen Haustür ist die vorerst so braun wie die Kohle in der Lausitz.

 

Nadine Lantzsch ist 1985 in Hoyerswerda geboren und aufgewachsen, hat in der westsächsischen Provinz studiert und lebt in der vergleichsweise linken Enklave Berlin. Sie schreibt und podcastet für das feministische Gemeinschaftsblog maedchenmannschaft.net.

 

 

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an.spruch: Haider reloaded https://ansch.4lima.de/an-spruch-haider-reloaded/ https://ansch.4lima.de/an-spruch-haider-reloaded/#respond Thu, 03 Oct 2019 10:18:20 +0000 https://anschlaege.at/?p=11680 Illustration: Clara Fridolin BillerDrei Monate nach #Ibizagate ist in Österreich alles beim Alten: Das Scheitern von Türkis-Blau perlt an Altkanzler und Erlöserfigur Sebastian Kurz ab. Warum das so ist, erklärt NATASCHA STROBL.   Um den Reiz und den Erfolg von Sebastian Kurz und seinem Wahlkampf zu verstehen, genügt es nicht, auf etwaige Programminhalte oder Wahlkampfversprechen zu schauen. Vielmehr […]]]> Illustration: Clara Fridolin Biller

Drei Monate nach #Ibizagate ist in Österreich alles beim Alten: Das Scheitern von Türkis-Blau perlt an Altkanzler und Erlöserfigur Sebastian Kurz ab. Warum das so ist, erklärt NATASCHA STROBL.

 

Um den Reiz und den Erfolg von Sebastian Kurz und seinem Wahlkampf zu verstehen, genügt es nicht, auf etwaige Programminhalte oder Wahlkampfversprechen zu schauen. Vielmehr ist das Versprechen, das er in diesem Wahlkampf abgibt, er selbst. Der Inhalt von Sebastian Kurz ist Sebastian Kurz. Um also zu verstehen, was ihn so erfolgreich macht, müssen wir uns seine Inszenierung anschauen, die im Wesentlichen auf drei Bausteinen beruht.

Rechtspopulistische Rhetorik. In bewährter Haider-Manier präsentiert sich Kurz als Mann aus dem Volk und als Mann für das Volk. Das zeigt sich vor allem anhand der Kommunikationslinie „Rot-Blau hat bestimmt, das Volk wird entscheiden“. Damit suggeriert er, dass das Parlament eine illegitime und falsche Entscheidung gegen den eigentlichen Willen „des Volkes“ getroffen hat. Das befeuert die von Rechtsextremen verbreitete Sicht, dass im Parlament eine abgehobene Elite sitzt, die gegen die Interessen „des Volkes“ agiert. Kurz ist unbefleckt von dieser Art der Niedertracht, da er sich entschlossen hat, nicht ins Parlament zu gehen, sondern direkt „bei den Menschen“ zu sein. Das ist blanker Anti-Parlamentarismus, der direkt auf der Klaviatur der extremen Rechten spielt.

Neoliberaler Diskurs. Kurz bemüht in seiner Rhetorik klassische bürgerlich-neoliberale Denkmuster, die sich um Leistung und Elite drehen. Die, die nichts arbeiten, sollen auch nichts essen. Er schließt dabei an einen Diskurs gegen Unten an, der sowohl in der extremen Rechten als auch im Konservativismus und im Neoliberalismus beheimatet ist. Die Idee ist, dass Armut etwas mit Faulheit und Unwillen zu tun hat und dass solche Menschen nicht auf Kosten der Allgemeinheit durchgefüttert werden dürfen. Im Sinne des Zeitgeists führt Kurz diesen Diskurs stark rassifiziert, also gegen Migrant_innen gerichtet. Dabei sind aber implizit immer arme Migrant_innen gemeint. Diese Mischung aus glatter Stilfassade, rabiater Rhetorik und autoritärer Einstellung ist das, was der Soziologe Wilhelm Heitmeyer als „rohe Bürgerlichkeit“ bezeichnet. Es ist der Diskurs einer sich manierlich gebenden Elite gegen Unten.

Royaler Gestus. Kurz wird als über den Dingen stehend inszeniert. Jemand, der bescheiden und weise nicht mit der schmutzigen Tagespolitik befleckt ist, sondern direkt für die Menschen da ist. Diese Inszenierung als über der Politik stehend hat sein reales Vorbild in der Figur des Kaisers, der gütig, bescheiden und diszipliniert keine Partikularinteressen, sondern die Interessen des Reiches im Blick hat. (So zumindest das Narrativ. Dass Kaiser vor allem dynastische und Machtinteressen hatten, ist eine andere, aber nicht unpassende Geschichte.) Die Idee eines gütigen, über den Dingen stehenden Mannes, der harte, aber gerechte Entscheidungen trifft und eine Verkörperung „des Volkes“ ist, ist zutiefst antirepublikanisch und antidemokratisch, da er die Person von jeder demokratischen Kontrolle entbindet.
Auffallend ist, dass von allen drei Vorbildern eines nicht übernommen wird: die Körperlichkeit. Weder die, mitunter proletarisch-inszenierte, Macho-Männlichkeit des Rechtspopulismus noch die exzessive Work-hard-play-hard-Mentalität des Neoliberalismus oder der disziplinierte royale Körper finden Niederschlag in der Inszenierung von Kurz. Vielmehr ist es die Anti-Körperlichkeit seiner Inszenierung, die beachtenswert ist. Das liegt wohl daran, dass ihm diese Körperlichkeit schlichtweg nicht entspricht. Es ist ihm dies jedoch kein Nachteil, da er geschickt seine drei Inszenierungsbausteine situationselastisch zu nutzen weiß. In den kommenden Wochen oder Jahren wird sich zeigen, ob dieses strategische Gerüst ausreicht, um einen Staat länger als ein Jahr lang zu führen.

 

Natascha Strobl ist Politikwissenschaftlerin aus Wien und analysiert auf Twitter unter #NatsAnalyse rechte und rechtsextreme Strategien.

 

 

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