7 / 2013 – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de Sun, 06 Sep 2020 11:13:56 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.0 https://ansch.4lima.de/wp-content/uploads/2024/10/cropped-favicon-32x32.png 7 / 2013 – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de 32 32 an.sage: No Steinis https://ansch.4lima.de/an-sage-no-steinis/ https://ansch.4lima.de/an-sage-no-steinis/#comments Mon, 02 Sep 2013 15:47:42 +0000 https://anschlaege.at/?p=4424 SPD: Geschlechterpolitik als Nebenwiderspruch. Von LEONIE KAPFER]]>

Ein Kommentar von LEONIE KAPFER

Wählerinnen unter dreißig mögen ihn nicht. Peer Steinbrück, SPD-Kanzlerkandidat, hat es bei vielen Frauen schwer. Warum? Das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ liefert auf eine komplexe Frage simple Antworten: „Klare Kante, manchmal ruppig, auch mal gegen den Strich.“ Auch sein Äußeres sei „nicht so ansprechend“.
Da hilft es Steinbrück auch nicht, dass die SPD im aktuellen Wahlkampf mit neuem pinken Hintergrund startet. Angeblich wollte die Generalsekretärin Andrea Nahles mit dieser Idee frischen Wind in die Kampagne bringen. Auch Steinbrücks Eigenlob „Ich war einer der ersten, der eine Frau zur Staatssekretärin gemacht hat“ konnte nichts daran ändern, dass ihn laut einer aktuellen „Bild am Sonntag“-Umfrage nur 19 Prozent der Frauen wählen würden. Angela Merkel schafft es in dieser Umfrage auf stolze 59 Prozent. Dass die SPD bei der Analyse so schlechter Umfragewerte nicht tiefer als in Steinbrücks hängende Mundwinkel – angeblich auch ein Grund für die mangelnde Popularität unter jungen Frauen – blicken kann ist symptomatisch. Was aber hält junge Frauen davon ab, Steinbrück und die SPD zu wählen?

Sehen wir uns im sozialdemokratischen Kader genauer um. Da gibt es Frauen, sicherlich, selbstverständlich auch kompetente, aber in den Top-Positionen sitzen vor allem Männer: Peer Steinbrück ist Kanzlerkandidat, Frank-Walter Steinmeier soll allem Anschein nach Außenminister werden, Sigmar Gabriel ist Parteivorsitzender. Oft wirkt Andrea Nahles sehr einsam im sozialdemokratischen Old Boys’ Club. Denkt man an die SPD, dann meist an alte, bäuchige Männer, die sich quasi im Akkord selbst reproduzieren: Auf Rudolf Scharping folgte Gerhard Schröder, auf Schröder Steinmeier, auf Steinmeier Steinbrück – selbst die Namen werden immer ähnlicher. Daneben wirkt Merkel mit ihrer farbenfrohen Garderobe und ihrer bevorzugten Handhaltung der „Merkel-Raute“, die stark an eine Vulva erinnert, wie eine emanzipatorische Offenbarung.
Ob die SPD am starken Männerüberhang etwas ändern will? Klar! Zumindest rhetorische Aufgeschlossenheit findet sich bei den Sozialdemokraten allemal. Auf einer Sitzung führender SPD-Linker am Pichelssee bei Berlin antwortete Steinbrück auf die Frage, wie es um den Frauenanteil seiner Regierung stehe, sollte die SPD an dieser beteiligt sein, er sei „offen für eine möglichst ausgeglichene Zusammensetzung“. Das Team deswegen „aufblähen“ wolle er aber nicht. Auch in dieser Frage bleibt die SPD also traditionsbewusst.
Bereits 1998 kündigte Gerhard Schröder einen „neuen Aufbruch“ in der Frauenpolitik an. Obwohl Schröders Programm vielversprechend klang, ist wenig passiert: Das Ehegattensplitting schaffte die damalige rot-grüne Bundesregierung nicht ab, Kinderbetreuung blieb und bleibt noch immer Luxus, und mit dem §218 hat Deutschland bis heute eines der restriktivsten Abtreibungsgesetze Europas. Gleiches ist bei Steinbrück zu befürchten: Das Programm ist aus frauenpolitischer Sicht gut, was davon umgesetzt wird, aber fraglich. Statt Taten im Heute ruht sich die Sozialdemokratie lieber auf ihren alten – und zwar sehr alten – Erfolgen aus. Im derzeit gültigen Grundsatzprogramm, dem „Hamburger Programm“ von 2007, heißt es etwa: „Viele Rechte für Frauen wurden von Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten erstritten: das Frauenwahlrecht, gleiche Rechte in Ehe und Familie und gleicher Zugang zu Bildung.“ Die SPD beruft sich immer wieder gerne auf ihre frauenpolitische Tradition. Doch anders als sie damit zu verstehen gibt, kann es ganz im Sinne dieser Tradition nach der jetzigen Wahl auch passieren, dass Geschlechterpolitik ein Nebenwiderspruch und Frauen nichts anderes übrig bleibt, als wieder einmal leise zu summen: Wer hat uns verraten? Sozialdemokraten!

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an.künden: Queere Identitäten https://ansch.4lima.de/an-kunden-queere-identitaten/ https://ansch.4lima.de/an-kunden-queere-identitaten/#respond Wed, 28 Aug 2013 18:50:02 +0000 https://anschlaege.at/?p=4409 Tania Witte in Wien]]>

Tania Witte ist endlich wieder in Wien. Sie liest aus „leben nebenbei“, der Fortsetzung ihres Debüts „beziehungsweise liebe“ (2011), das sich in der lesbisch-queeren Community großer Beliebtheit erfreute. Neben der Lesetour, die Witte auch nach Salzburg, Innsbruck und Graz führt, ist die Berliner Autorin auch in Spoken-Word- und Performance-Workshops rund um das Thema (queere) Identität zu erleben. Um Queerness außerhalb der urbanen Metropolen wiederum geht es in der (gemeinsam mit der niederländischen Fotografin Risk Hazekamp konzipierten) Ausstellung „Alice 08/15“, die in den Räumen der Vereinigung bildender Künstlerinnen Österreichs eröffnet wird.

Tania Witte © Reinhard Simon

28.–29.9.: Spoken-Word- und Performance-Workshop, Infos: www.vbkoe.org
30.9., 20.00: Lesung Tania Witte, Löwenherz Buchhandlung, 1090 Wien, Bergg. 59, T. 01/317 298 2, weitere Lesetermine auf www.taniawitte.de
1.10., 19.00: Ausstellungseröffnung „Alice 08/15“ mit Spoken-Word-Performance, Filmprogramm und Open Mic, VBKÖ, 1010 Wien, Maysedergasse 2/4. Stock, www.vbkoe.org

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an.künden: Gender-Film-Musik-Hybrid https://ansch.4lima.de/an-kunden-gender-film-musik-hybrid/ https://ansch.4lima.de/an-kunden-gender-film-musik-hybrid/#respond Wed, 28 Aug 2013 18:47:09 +0000 https://anschlaege.at/?p=4406 My Sound of Music – Musikfilmfestival in Salzburg]]>

Ganz und gar nicht herkömmlich: Das Musikfilmfestival My Sound of Music bietet mit Tanz- und Gesangs-Workshops, Konzerten, Performances, Vorträgen und Filmscreenings ein genreübergreifendes Programm, das die vielfältigen Aspekte von Film und Musik beleuchtet. Die vier Festivaltage stehen jeweils unter einem anderen Motto – besonders interessant ist Tag zwei mit dem Themenkomplex „Globale Musikproduktionen, Orientalismus und Geschlechterstereotype“. Er bietet u.a. Soundpainting und queeren Bauchtanz, ein Konzert von Anbuley, und „I’m Ugly But Trendy“, ein Film über feministische Rapperinnen in den Favelas in Rio de Janeiro.

Filmstill aus I’m Ugly But Trendy (Denise Garcia, BRA 2005)

12.–15.9.: My Sound of Music – Musikfilmfestival, Salzburg, div. Locations, Tickets: 1 Tag VVK € 24, 50/AK € 27, alle Tage VVK € 57/AK € 62, T. 0662/873 100 15, tickets@mysoundofmusic.at, www.mysoundofmusic.at

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an.künden: Druck aufbauen https://ansch.4lima.de/an-kunden-druck-aufbauen/ https://ansch.4lima.de/an-kunden-druck-aufbauen/#respond Wed, 28 Aug 2013 18:43:11 +0000 https://anschlaege.at/?p=4402 Perspectives Festival in Berlin]]>

Warum sind Frauen* in der elektronischen Musikszene noch immer so stark unterrepräsentiert, obwohl es doch genug Künstlerinnen gibt? Um solche und weitere Fragen dreht sich das zweitägige Perspectives Festival in Berlin. Das Netzwerk female:pressure organisiert Workshops, Vorträge und Diskussionen, in denen nicht nur Schlaglichter auf die aktuelle Situation von elektronischen Musikerinnen geworfen werden, sondern auch Strategien für mehr Präsenz diskutiert werden. Am Abend gibt’s natürlich auch jede Menge Party, bei der namhafte Künstlerinnen und DJs (u.a. Sarah Farina, Ada, Gudrun Gut) auftreten und ihre Perspektiven auf elektronische Musik präsentieren.

Sarah Farina © Perspectives Festival

12.–13.9., 12.00: Perspectives Festival – Female Perspectives on Electronic Music and Digital Arts, About Blank, 10243 Berlin, Markgrafendamm 24c, Tickets € 10, http://perspectives-berlin.de

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Das illustrierte Werbe-Wäh https://ansch.4lima.de/das-illustrierte-werbe-wah-3/ https://ansch.4lima.de/das-illustrierte-werbe-wah-3/#respond Wed, 28 Aug 2013 17:28:31 +0000 https://anschlaege.at/?p=4373 Kaffeewerbung 1983. Von MELANIE LETSCHNIG]]>

© Melanie Letschnig

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katzenpost: happy birthday, an.schläge!!!! https://ansch.4lima.de/katzenpost/ https://ansch.4lima.de/katzenpost/#respond Wed, 28 Aug 2013 17:13:53 +0000 https://anschlaege.at/?p=4368 ...]]>

 

 

 

 

 

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heimspiel: Kampf den Kinderverschluckecken! https://ansch.4lima.de/heimspiel-kampf-den-kinderverschluckecken/ https://ansch.4lima.de/heimspiel-kampf-den-kinderverschluckecken/#comments Wed, 28 Aug 2013 17:05:44 +0000 https://anschlaege.at/?p=4362 September! Jetzt noch schnell die wichtigsten Tipps für einen guten Start in Kindergarten oder Krippe. Von KRISTINA BOTKA]]>

leben mit kindern

September! Jetzt noch schnell die wichtigsten Tipps für einen guten Start in Kindergarten oder Krippe: Eine echte Werkbank muss her. Diese steht am besten nicht in einer Bauecken-Auto-Bubenecke, sondern etwa in engem Kontakt zur Verkleidungskiste (Verkleidungsmöglichkeit zu weiblichen sowie männlichen Darstellenden beachtet: check!) oder zur Spielküche (die nicht zwingend rosafarben oder in unmittelbarer Nähe zum Puppenbett sein muss). Für die Puppen mit erkennbaren Geschlechtsmerkmalen wird lautes Aussprechen von Wörtern wie „Klitoris“ oder „Hoden“ geübt, damit dies auch vor staunenden PraktikantInnen problemlos gelingt. In Maltisch-Nähe gibt es weder Puzzles noch Bügelperlen (sonst: Gefahr der Bildung einer „Mädchenecke“, die die weiblichen Kinder nur unter enormer Anstrengung wieder ausspuckt), dafür kreativitätsanregende Materialien wie Papierrollen, Keksschachteln und vielleicht sogar Alufolie für den AstronautInnen-Kit. Für die Erziehungsberechtigten zu Hause: mit dem Kind über den sich verändernden Tagesablauf sprechen, den Kindergarten gemeinsam anschauen, eine „Übergangsphase“ einplanen. Weiters: Auch wenn es schmerzt – „loslassen“ ist für die 3-Jährigen nur machbar, wenn es auch die 30-Jährigen schaffen (hinter der nächsten Ecke kann dann ja gerne ein bisschen geheult werden). Nicht vergessen: Die PädagogInnen werden als ExpertInnen für Kinderbelange behandelt. Das Kind bekommt eine Gatschhose mit – es kann losgehen!

Illustration: Nadine Kappacher

Eins noch, und das gilt für alle Beteiligten: Die nett gemeinten „Bald komme ich in den Kindergarten“-Bücher, ein No-Go! Diese schmeißen alle oben genannten Tipps mit ihren klischeehaften Darstellungen über den Haufen und zeigen vielmehr, wie es im Kindergarten ganz sicher nicht sein wird. Schon gekauft? Vielleicht finden sie Verwendung zwischen Joghurtbechern, Alufolie und Tixo …

Kristina Botka, Politikwissenschaftlerin und Elementarpädagogin, hat einige Jahre im geschlechtssensiblen Kindergarten gearbeitet. Vortrag „Kleinkindpädagogik & Geschlecht“ am 6.11. in Linz, Infos: http://vhskurs.linz.gv.at

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an.lesen: Kämpferischer Kanon https://ansch.4lima.de/an-lesen-kampferischer-kanon/ https://ansch.4lima.de/an-lesen-kampferischer-kanon/#comments Wed, 28 Aug 2013 16:58:09 +0000 https://anschlaege.at/?p=4359 Noch immer aktuell: Klassikerinnen feministischer Theorie. Von LEA SUSEMICHEL]]>

Die dreiteilige Reihe „Klassikerinnen feministischer Theorie“ besticht durch programmatische Texte – auch für die politische Praxis. Von LEA SUSEMICHEL

„Man wird nicht als Frau geboren, man wird es.“ Sätze wie dieses wohlbekannte Diktum aus Simone de Beauvoirs Werk „Le Deuxième Sexe“ („Das andere Geschlecht“), das es auf Buttons, Hauswände und Transparente geschafft hat, zeigen: Feministische Theorie ist mit feministischer Bewegung unmittelbar verbunden. Wie jede soziale Bewegung braucht auch der Feminismus unbedingt seinen Lektüre-Kanon, liefert er doch das Futter für Aktivismus. Schließlich ist und war die Biografie jeder aufrechten Kämpferin zu allen Zeiten nur schwer denkbar ohne eine euphorische erste Begegnung mit emanzipatorischen Schriften. Eine Textsammlung von „Klassikerinnen feministischer Theorie“, wie sie nun im Ulrike Helmer Verlag in drei Bänden erschienen ist, stellt deswegen nicht nur ein Lehrbuch „für Studium und Weiterbildung“ bereit, wie es im Klappentext heißt, sondern ist auch eine wichtige Ressource für aktivistisches Engagement.

Gesellschaftskritik mit Lücken. Folgerichtig definieren die Herausgeberinnen des soeben erschienenen letzten Bandes feministische Theorie auch konsequent als feministische Gesellschaftskritik. Das Buch, das den Zeitraum von 1986 bis heute abdeckt, versammelt Schlüsseltexte von Rosi Braidotti bis Gayatri Chakravorty Spivak und enthält einige erfreulich explizit kapitalismuskritische Positionen. Womit wohl auch dem oft geäußerten Vorwurf einer Entpolitisierung feministischer Theorie seit dem „linguistic“- und „queer turn“ begegnet werden soll. Leider hat dies zur Folge, dass nur die Pionierinnen Judith Butler und Eve Kosofsky Sedgwick als queere Autorinnen vertreten sind. Eine andere Leerstelle wiegt allerdings noch schwerer: Als Vertreterinnen des Black Feminism tauchen in allen drei Bänden der Reihe nur Sojourner Truth – die bereits 1851 an weiße Frauenrechtlerinnen die Frage „Ain’t I a Woman?“ richtete – und Patricia Hill Collins auf, zentrale Impulsgeberinnen wie Angela Davis, Audre Lorde oder bell hooks fehlen.
Jede Auswahl hinterlässt zwangsläufig Lücken – doch zweifelsohne wird mit dem vorliegenden Versuch einer Kanonisierung feministischen Wissens auch ein fundamentaler Gap geschlossen. So wird mit den „Klassikerinnen feministischer Theorie“ nicht nur ein Nachschlagewerk gerade für jüngere Studierende geliefert, sondern zudem die schöne Tatsache belegt, dass feministische Forschung auch über die Grenzen der Scientific Community hinaus immer wieder wirkmächtig war.

Sojourner Truth, Feminist Superheroine in an.schläge 05/2010
Illustration: Lina Walde

Kontextualisierte Debatten. Alle Texte werden mit Kurzbiografien ihrer Verfasserinnen, einem Überblick über deren Werk sowie seiner Rezeption eingeleitet. Die Einführungen bieten Kontextualisierung und auch Kritik, mal überwiegt die Würdigung der Leistung der jeweiligen Theoretikerin, mal ist die kritische Einordnung auch elaborierter.
Während der letzte Band vor allem das Thema Differenz umkreist – die Debatte um die Sex/Gender-Differenz wie auch jene um Differenzen zwischen Frauen – hat es sich der zweite Band (1920–1985) unter anderem zur Aufgabe gemacht, die Zwischen- und Nachkriegsära hinsichtlich ihres feministischen Outputs zu rehabilitieren. Der Zeitraum zwischen Erster und Zweiter Frauenbewegung gilt gemeinhin als feministische Durststrecke, was mit dem Verweis auf z.B. Simone de Beauvoir, Betty Friedan oder Virginia Woolf jedoch relativiert wird. Daran anschließend enthält der Band Schlüsseltexte der „Second Wave“, die nach Kategorien wie etwa „Lesbischer Feminismus“, „Sozialismus“, „Sexualpolitik“ oder „Differenzfeminismus“ gruppiert sind. Eine Fülle an Materialien der Ersten Frauenbewegung und ihrer Vorläuferinnen stellt auch schon der erste Band bereit: Er deckt den Zeitraum 1789 bis 1919 ab und steigt mit Olympe de Gouges und ihrer ebenfalls Transparente-tauglichen Frage ein: „Mann, bist du fähig, gerecht zu sein?“

Ute Gerhard, Petra Pommerenke, Ulla Wischermann (Hg.): Klassikerinnen feministischer Theorie. Grundlagentexte Band 1 (1789–1919), Ulrike Helmer Verlag, 30,80 Euro
Ute Gerhard, Susanne Rauscher, Ulla Wischermann (Hg.): Klassikerinnen feministischer Theorie. Grundlagentexte Band 2 (1920–1985), Ulrike Helmer Verlag, 30,80 Euro
Helma Lutz, Marianne Schmidbaur, Ulla Wischermann (Hg.): Klassikerinnen feministischer Theorie. Band 3, Grundlagentexte ab 1986, Ulrike Helmer Verlag, 30,80 Euro

 
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Kotzen bis zur Geburt https://ansch.4lima.de/kotzen-bis-zur-geburt/ https://ansch.4lima.de/kotzen-bis-zur-geburt/#comments Wed, 28 Aug 2013 16:53:43 +0000 https://anschlaege.at/?p=4354 Hyperemesis Gravidarum: Wenn die „Morgenübelkeit“ nicht aufhört. Von GABI HORAK-BÖCK]]>

Nicht immer hört die „Morgenübelkeit“ nach der zwölften Schwangerschaftswoche auf. Wer an Hyperemesis Gravidarum leidet, kämpft gegen extreme Übelkeit und Erbrechen – und gegen die Ignoranz des medizinischen Personals. Von GABI HORAK-BÖCK

„Geht die Übelkeit wirklich mit der Geburt weg? Geht sie jemals wirklich weg? Ich kann mir ein Leben ohne Kotzerei und Übelkeit gar nicht mehr vorstellen, dabei wünsche ich mir nichts sehnlicher, als wieder ein gesunder Mensch zu sein.“ Das ist nur eines von vielen verzweifelten Facebook-Postings betroffener Frauen, die sich in der geschlossenen „Hyperemesis Gravidarum“-Gruppe austauschen und gegenseitig Mut machen. Sie wurde Ende 2012 gegründet, als Medienberichte rund um die schwangere und an Hyperemesis leidende Kate Middleton der bis dahin kaum bekannten Krankheit viel Öffentlichkeit bescherten. Mittlerweile hat die Gruppe 148 Mitglieder, und es werden täglich mehr. Einigen der Frauen sind PartnerInnen und Familien eine Stütze, manche haben auch mit ÄrztInnen und Krankenhäusern positive Erfahrungen gemacht. Die meisten Betroffenen haben aber reichlich Negatives zu berichten: Familie, FreundInnen und ArbeitgeberInnen, die das Verständnis verlieren, wenn die Kotzerei nach drei Monaten noch immer kein Ende hat. Vor allem die Ignoranz in so manchen Spitälern und gynäkologischen Praxisräumen macht den Frauen zu schaffen.

„Sie bilden sich ein, dass ihnen schlecht sei, um sich vor ihren Pflichten zu drücken“* Hyperemesis Gravidarum (HG) ist eine extreme Form der Schwangerschaftsübelkeit. Die Definition laut Lehrbuch: mehr als fünf Mal täglich Erbrechen, mehr als fünf Prozent des Körpergewichtes verlieren, schwierige Nahrungs- und Flüssigkeitsaufnahme und dadurch Dehydration und Störungen im Elektrolythaushalt. Tatsächlich erbrechen viele Frauen bis zu zwanzig Mal am Tag und/oder sind durch extreme Übelkeit unfähig, alltägliche Aufgaben zu übernehmen. Sie können kaum einen Schluck Wasser bei sich behalten und sich selbst nicht auf den Beinen halten. Oft landen sie mehrmals im Krankenhaus, um intravenös mit Flüssigkeit und Medikamenten versorgt zu werden.
Die Ursache von HG ist weitgehend ungeklärt. Vermutlich besteht ein Zusammenhang mit einem erhöhten HCG-Hormonspiegel, einer Heliobacter-Infektion, Vitaminmangel oder mit einer Fehlfunktion der Schilddrüse, auch erbliche Komponenten scheinen eine Rolle zu spielen (Töchter von HG-geplagten Müttern haben eine höhere Wahrscheinlichkeit, selbst daran zu erkranken). Wie so oft bei „Frauenleiden“ waren lange Zeit psychische Faktoren das bevorzugte Erklärungsmodell: Die Frauen wollten ihr Kind gar nicht, sie seien depressiv und ablehnend der Schwangerschaft gegenüber, deshalb
sei ihnen schlecht. Auch heute noch müssen sich viele Betroffene derartige Sprüche anhören.

Ingwer-Glücksbärchen: Einen Versuch ist es wert.
© Bettina Enzenhofer

„Wenn Sie Ihre Schwangerschaft endlich akzeptieren, wird’s besser.“ Hyperemesis Gravidarum wird bei 0,5 bis drei Prozent der Schwangeren diagnostiziert. Oft klingen die Beschwerden zumindest nach dem zweiten Trimester ab, viele erbrechen aber bis zum Tag der Geburt. Mit den Folgen kämpfen die Frauen – die fast immer gesunde Kinder zur Welt bringen – auch noch lange nach der Schwangerschaft: kaputte Magenschleimhäute, Bluthochdruck, Nierenprobleme, Thrombosen, Risse in der Speiseröhre, Mangelernährung, Rückenbeschwerden, körperliche und psychische Erschöpfung. In Internet-Foren gibt es sogar Erfahrungsberichte von Suiziden und verzweifelten Abtreibungen, um das Martyrium zu beenden – systematisch erfasst und untersucht wird das allerdings nicht. Entsprechend groß war der Ärger, als eine Betroffene
in einem Brief von der Ärztekammer Nordrhein lesen musste, bei HG handle es sich „um eine vorübergehende Beschwerdesymptomatik“ und es könnten „ernsthafte Erkrankungen ausgeschlossen werden“.

„Sie müssen positiv denken, sonst überträgt sich alles aufs Kind.“ Auch die Frage der Therapie ist für Betroffene sehr problematisch. Behandelt werden können nämlich nur die Symptome: Übelkeit und Brechreiz.
In weniger schweren Fällen können eine Ernährungsumstellung, Ingwer und Vitamin-B6-Präperate Linderung verschaffen. Ist eine Frau jedoch zum wiederholten Male im Krankenhaus, um künstlich ernährt zu werden, sind ärztliche Empfehlungen wie „Sie müssen mal an die frische Luft“ der reinste Hohn. Bei schweren Krankheitsverläufen helfen nur mehr Medikamente. Mit Embryotox gibt es seit 25 Jahren ein unabhängiges Beratungszentrum für Embryonaltoxikologie in Deutschland, das die Verträglichkeit von Medikamenten in der Schwangerschaft untersucht. Auf der Website www.embryotox.de können sich Schwangere und MedizinerInnen informieren, für welche Krankheiten in der Schwangerschaft welche Medikamente wirkungsvoll und zu empfehlen sind. Diese Informationen basieren auf aktuellsten Forschungsdaten und stimmen nicht immer mit jenen auf dem Beipackzettel der Medikamente überein – zumal die Pharmaindustrie im Zweifelsfall von Medikamenten während der Schwangerschaft generell abrät. Im „arznei-telegramm“, einer unabhängigen Informationszeitschrift für ÄrztInnen und ApothekerInnen in Deutschland, ist zur Behandlung von HG im Oktober 2009 zu lesen: „Die Zulassungssituation ist unbefriedigend: Wir finden auf dem deutschen Markt kein Präparat, das die Indikation Schwangerschaftserbrechen umfasst. Im Gegenteil: Vermutlich aus Gründen der rechtlichen Absicherung der Hersteller enthalten alle Fachinformationen (…) Einschränkungen in Bezug auf die Schwangerschaft oder geben diese sogar als Kontraindikation an.“

„Sie kotzen, weil Sie nicht zunehmen wollen.“ Der Wirkstoff Meclozin ist laut Embryotox das „Mittel der 1. Wahl“ gegen starkes Erbrechen bei HG. Es sei „altbewährt und gut untersucht“. In Deutschland wurde es im Medikament Agyrax bis 2007 hergestellt, dann wurde die Produktion ersatzlos gestrichen. Kommentar im „arznei-telegramm“ dazu: „Entgegen den sonst von Pharmafirmen betonten ethischen Prinzipien werden kommerzielle Überlegungen (…) in den Vordergrund gestellt.“ Im selben Aufsatz wird Paspertin aufgrund fehlender valider Wirksamkeitsbelege und gewisser Risiken als „Reservemittel“ eingestuft. Embryotox stuft Paspertin als mögliches Medikament ein, jedoch nur für eine kurzfristige Behandlung. Die Österreichische Ärztekammer (ÖÄK) antwortete auf die an.schläge-Anfrage, welche Medikamente in Österreich bei schwerer HG üblich seien: „Paspertin ist ein allgemein bewährtes, auch für werdende Mütter gut verträgliches Medikament und wird daher üblicherweise verschrieben.“ Andere Medikamente sind laut ÖÄK nicht vorgesehen. Erfahrungsberichte vieler Frauen stellen etwa Zofran ein gutes Zeugnis zur Milderung des Brechreizes aus, es wird auch von Embryotox als (kurzfristige) Therapieform empfohlen. Die Ärztekammer allerdings beruft sich auf den Beipackzettel, wonach Zofran für Schwangere dezidiert nicht empfohlen sei. „Möglicherweise bestehen Unsicherheiten vonseiten der Verschreibenden bezüglich der Verordnung von sicheren Medikamenten“, räumt der Gynäkologe Wolfgang Eppel (AKH Wien) ein. „Bei der ersten Schwangerschaft bin ich auf der Intensivstation im AKH Wien gelandet, weil mich niemand ernst genommen hat“, erzählt eine Betroffene. Bedauerliche Einzelfälle, heißt es aus der Ärztekammer. Die Behandlung von HG sei „Teil der für Gynäkologinnen und Gynäkologen gesetzlich vorgeschriebenen Fortbildung zur Schwangerenbetreuung“. Die laut Ärztekammer „leitlinienkonforme Behandlung“ von HG besteht vor allem aus Ernährungstipps und sieht am Ende die medikamentöse Therapie mit Paspertin vor. Spezielle Ambulatorien für HG-Patientinnen gibt es nicht, Wolfgang Eppel zufolge würde sich aber eine Spezialambulanz oder ein Spezialprogramm leicht installieren lassen. Die Ärztekammer betont, dass die Anzahl der HG-Schwangerschaften im „einstelligen Prozentbereich“ liege und sie keinesfalls Frauen mit „normaler“ Schwangerschaftsübelkeit „verängstigen und pathologisieren“ wolle.

„Ihr Verlobter sollte aufhören sich zu kümmern, damit Sie sich nicht immer mehr reinsteigern.“ Hyperemesis, ein vernachlässigbares Minderheitenproblem? Laut dem jüngsten Österreichischen Frauengesundheitsbericht wurde im Jahr 2008 bei 1.018 schwangeren Frauen HG diagnostiziert. Die Dunkelziffer – HG-Betroffene, die nicht in ärztliche Behandlung gingen oder nie diagnostiziert wurden – ist vermutlich hoch: Bis zu drei Prozent der Schwangeren sind betroffen, sagt die Literatur. Bei rund 76.700 Lebendgeburten im Jahr 2008 könnten demnach insgesamt bis zu 2.300 Schwangere unter HG gelitten haben.
„Die Hyperemesis gravidarum ist ein großer Kostenfaktor für das Gesundheitssystem“, stellten K.J. Bühling und H.G. Bohnet 2006 in einem Fachaufsatz für die Zeitschrift „Frauenarzt“ fest. 1999 wurden in Deutschland 17.903 Schwangere mit HG-Diagnose stationär aufgenommen – die Krankenhausaufenthalte kosteten 32 Millionen Euro.
Nur in Einzelfällen berichten Betroffene von GynäkologInnen, die eine (kostengünstigere) Infusionstherapie für Zuhause anbieten. Wirksame Medikamente wie Agyrax müssen Frauen in Österreich und Deutschland seit dem Ende seiner Produktion in Auslandsapotheken bestellen – und natürlich auch selbst bezahlen.
Seit der Überarbeitung der Liste der Freistellungsgründe nach dem österreichischen Mutterschaftsgesetz 2011 ist HG nicht mehr dezidiert erwähnt. Die dafür zuständige Abteilung im Sozialministerium betont, dass diese Liste beispielhaft sei und nur die häufigsten Freistellungsgründe erwähne. „Es ist also bei jedem anderen nicht explizit angeführten Grund bei Gefahr für Leben oder Gesundheit von Mutter und Kind ebenfalls eine Freistellung möglich.“ Wenn die Hyperemesis sich über Monate nicht bessere, sei eine Freistellung begründet und dies von ÄrztInnen entsprechend zu bescheinigen.
Solange die Ursachen der Hyperemesis Gravidarum nicht ausreichend erforscht sind, lassen sich HG-Schwangerschaften nicht verhindern. Es gäbe wirksame Medikamente zur Linderung der Symptome, die jedoch entweder nicht verfügbar sind oder oft widerwillig verschrieben werden. Die Therapie
ist für die Betroffenen in jedem Fall aufreibend und mitunter sehr teuer. Die Entscheidung für ein weiteres Kind fällt entsprechend schwer, denn mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit steht auch eine folgende Schwangerschaft unter den Zeichen der HG.
Embryotox empfiehlt: „Frauen, die in vorherigen Schwangerschaften an HG litten, profitieren unter Umständen von einer frühzeitigen antiemetischen [gg Brechreiz, Anm.] Therapie, die gleich bei Feststellung der Schwangerschaft begonnen werden sollte.“ Informationen wie diese sollten dringend den Weg in die Gesellschaft und in jede gynäkologische Praxis bzw. Ambulanz finden. Frauen, die – anstatt sich auf ihr Kind freuen zu können – monatelang schwer krank sind, sollten sich nicht auch noch mit fehlendem Wissen und Ignoranz herumschlagen müssen.

* Aussagen von medizinischem Personal, mit denen betroffene Frauen konfrontiert waren. Quelle: Facebook-Gruppe „Hyperemesis Gravidarum“

Information und Hilfe:

Buchtipp:
Anna Hubrich, Christiane Braun, Elisabeth Reitinger: Hyperemesis Gravidarum. Fidibus Verlag 2013

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Feminismus und ich: Eine Geschichte unerwiderter Liebe https://ansch.4lima.de/feminismus-und-ich-eine-geschichte-unerwiderter-liebe/ https://ansch.4lima.de/feminismus-und-ich-eine-geschichte-unerwiderter-liebe/#comments Wed, 28 Aug 2013 16:46:06 +0000 https://anschlaege.at/?p=4351 Der Mainstream-Feminismus adressiert vor allem weiße Frauen. Von SHARON DODUA OTOO]]>

Von feministischen Forderungen profitieren keineswegs alle Frauen. Der Feminismus muss endlich seinen Blick erweitern. Ein Kommentar von SHARON DODUA OTOO

Meine Beziehung mit dem Feminismus ist tragisch. Ich bewundere ihn von Weitem, und ich werde ihn in feindseligen Kreisen immer verteidigen. Ja, ich bin verliebt! Doch ich weiß, dass er – obwohl er es niemals zugeben würde – einzig zu der anderen Frau steht. Sie ist es, die seine ganze Aufmerksamkeit und Zuwendung bekommt. Er flirtet zwar mit mir, aber der Feminismus hat mich bisher nie davon überzeugen können, dass wir jemals etwas Ernsthaftes miteinander haben könnten.

Individuelle Selbstverwirklichung. Diese Erkenntnis kam mir schleichend, zuletzt durch die Bilder von Slutwalk- und Femen-Aktivistinnen in Deutschland. Aber auch schon früher: etwa in Diskussionen mit weißen US-Amerikanerinnen, die betonten, dass Schwarze Männer viel besser als sie dastünden, weil sie männliche Privilegien besäßen (zum Beispiel erhielten Schwarze Männer in den Vereinigten Staaten bereits 1870 das Wahlrecht – fünfzig Jahre früher als weiße Frauen). Oder wenn ich an meine weißen britischen Freundinnen denke, die immer wieder von Neuem schockiert sind über den Gender Pay Gap und behaupten, dass sie „genauso gut wie Männer“ seien und daher genauso viel verdienen sollten. Und gar nicht erst von den Kristina Schröders (eine Frau, die Feminismus scharf kritisiert, doch gleichzeitig zugibt, dass sie ihre Karriere ohne seine Existenz niemals hätte machen können) oder Alice Schwarzers (deren Kampf um Gleichberechtigung auf den Körpern von muslimischen Frauen ausgetragen wird) dieser Welt zu sprechen. Sie machen Politik und geben Zeitschriften heraus, die eine Form der feministischen Emanzipation propagieren, bei der die Betonung auf Individualität und Selbstverwirklichung liegt.

Die Farbe des Erfolgs. Was daran falsch ist? In einer Gesellschaft, die von weißen Männern dominiert ist, werden feministische Errungenschaften meistens entlang der Leistungen von weißen Frauen gemessen. Erfolg heißt demnach, dass eine Person Überstunden machen und abends nach der Arbeit mit den anderen erfolgreichen (heutzutage immer noch meist männlichen) Kollegen trinken gehen kann. Dass sich eine Person aussuchen kann, ob sie Kinder bekommt, und wenn ja, wann. Erfolg heißt finanzielle Sicherheit, Anerkennung, akademische Titel und Rechte (vor dem Gesetz) zu haben. In Deutschland hat der Feminismus es geschafft, dass verheiratete Frauen arbeiten dürfen, ohne ihre Ehepartner um Erlaubnis fragen zu müssen. Wir haben Lohnfortzahlung bei Krankheit, Erziehungsurlaub, überhaupt bezahlten Urlaub, sogar Krankheitsurlaub für Kinder. Alles prima.
Dennoch kann ich mich nur zum Teil über diese Siege freuen. Denn obwohl sich dadurch die Lage der Frauen theoretisch verbessert hat, haben in der Realität viele Schwarze Frauen und Frauen of Color nichts davon.

Neuer Feminismus, alter Hut: „Feminismus wird sexy“ und „Feminismus – Die neue Weiblichkeit“, tönen Medien (in diesem Fall: „Cosmopolitan“ und „Petra“) – und bringen wieder einmal mit stereotypen Bildern junge „Postfeministinnen“ und „Altfeministinnen“ gegeneinander in Stellung.
Illustration: Lina Walde

Weiße Privilegien. Meine Sexismus- und Rassismus-Erfahrungen überschneiden sich. Nehmen wir zum Beispiel einen fiktiven weißen Arbeitgeber, der neue Mitarbeiter_innen sucht. Wenn er mich tatsächlich einstellen wollen würde, bräuchte er starke Nerven, denn er müsste (in Hinblick auf die beschriebene Gesetzeslage) neben mein Alleinerzieherinnen-Dasein mit mehreren Kindern auch meine rassifizierte Erscheinung und mangelnden muttersprachlichen Deutschkenntnisse begrüßen (und seinen Kund_innen zumuten). Ich bin sozusagen nicht vermittelbar. Natürlich nicht ausschließlich wegen solcher Gesetze, doch deren Einführung täuscht einen Fortschritt vor, den es so nicht gibt. Feminismus feiert seine Erfolge – aber ganz ohne Frauen wie uns.
Und mir geht es noch relativ gut. Meine Muttersprache ist Englisch, ich werde regelrecht bewundert, weil meine Kinder bilingual aufwachsen. Und ich bin eine, die keinen barrierefreien Arbeitsplatz benötigt. Und die sich überhaupt hier in Deutschland aufhalten und erwerbstätig sein darf.
Rechte sind was für Privilegierte. Die Personen, die sich darüber freuen, dass sie Rechte haben, wissen auch, wie diese einzufordern sind. Rassismus auf dem Wohnungsmarkt besteht weiterhin munter fort, trotz Existenz des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes. People of Color haben wenig (wenn nicht gar keine) Möglichkeiten, wirklich dagegen anzugehen. Die Beweislast liegt bei denen, die diskriminiert wurden, nicht bei den Diskriminierenden. Gleichzeitig werden paradoxerweise das Wissen, die Erfahrungen und die Expertise von Schwarzen Frauen und Frauen of Color von der überwiegend weißen Gesellschaft ignoriert. Solange dies der Fall ist, besteht wenig Hoffnung, dass sich die gesellschaftliche Realität wirklich ändert.

Mythos der Gleichheit. Es sind Schwarze Frauen und Frauen of Color, die dem Mainstream-Feminismus immer wieder vorwerfen, dass er ihre Interessen nicht berücksichtigt. So wurde beispielsweise im September 2011 die weltweite Slutwalk-Bewegung von einer Koalition Schwarzer Frauen und deren Organisationen in einem offenen Brief kritisiert, weil es niemals möglich sein würde, dass Schwarze Frauen die Bezeichnung „Slut“ („Schlampe“) als emanzipatorische Selbstbezeichnung für sich in Anspruch nehmen.(1)
Anfang des letzten Jahrhunderts waren Rassismus und White Supremacy steter Teil der US-amerikanischen Frauenwahlrechtsbewegung. Deren Argument war, dass – da Schwarze Männer wählen durften – „zivilisierte“ weiße Frauen erst recht das Wahlrecht haben sollten, zumal dadurch die Vormacht der Weißen gestärkt werden würde. Bis in die 1960er-Jahre hinein wurden Schwarze Bürger_innen jedoch durch diskriminierende Gesetze und auch direkte Gewalt effektiv in ihrem Wahlrecht behindert.(2)
Die Aussage, dass Frauen „genauso gut wie Männer“ sind und darum genauso viel wie sie verdienen sollen, lässt die Frage offen: Welche Männer? Für Schwarze Frauen und Frauen of Color ist klar, dass Schwarze Männer damit nicht gemeint sind.(3)

#SolidarityIsForWhiteWomen. Bestimmt gibt es weiße Feministinnen, die der Meinung sind, sie seien solidarisch mit Frauen of Color, weil sie doch auch für deren Rechte kämpfen. Die Fokussierung auf das Kopftuch ist ein gutes Beispiel dafür. In der weißen Mehrheitsgesellschaft ist das Kopftuch das Symbol schlechthin für die Unterdrückung muslimischer Frauen. Diskussionen über den Sexismus innerhalb des Islam werden von weißen Feministinnen meist ohne die Beteiligung von muslimischen Frauen (oder nur mit einzelnen Vertreterinnen) geführt: Ihnen wird die Fähigkeit der Selbstbestimmung abgesprochen. Wie effektiv sind aber Kopftuchverbote als Mittel zur Emanzipation, wenn sie bewirken, dass bestimmte Frauen umso mehr aus dem öffentlichen Raum verschwinden? Die logische Konsequenz ist, dass es die Frauen sind, die bestraft werden – die Männer werden in Ruhe gelassen.
Vielleicht ist aber doch auch ein wenig Optimismus geboten. Immerhin gelangen diese Diskurse – die bereits seit Jahrzehnten innerhalb Schwarzer feministischer Kreise geführt werden – immer mehr in den Mainstream (das neueste Beispiel ist das Mitte August auf Twitter „Trending Topic“ #SolidarityIsForWhiteWomen, ein Hashtag, mit dem die Ignoranz des weißen Mainstream-Feminismus aufgezeigt wird). Und ich will nicht, dass der Feminismus seine Liebe zu weißen Frauen gänzlich aufgibt. Die Bitte – oder vielmehr die Forderung – ist eher die nach einer Erweiterung seines Blicks. Damit die Interessen von Trans*Frauen, Frauen of Color, Frauen mit Behinderungen, queeren Frauen, Frauen aus der Arbeiterklasse, muslimischen Frauen und Frauen ohne sicheren Aufenthaltsstatus repräsentiert und nicht gegeneinander ausgespielt werden.

Sharon Dodua Otoo ist Schwarze Britin, Mutter, Aktivistin, Autorin und Herausgeberin der englischsprachigen Buchreihe „Witnessed“ in der edition assemblage. Sie lebt, lacht und arbeitet in Berlin.

Fußnoten:
(1) www.blackwomensblueprint.org/2011/09/23/an-open-letter-from-black-women-to-the-slutwalk
(2) www.gradientlair.com/post/52316045024/examining-race-oppression-gender-intersectionality
(3) bell hooks: Feminism: A Movement to End Sexist Oppression, in: Feminist Theory. From Margin to Center, South End Press 1984

 
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Karriere, Klasse, Konkurrenz https://ansch.4lima.de/karriere-klasse-konkurrenz/ https://ansch.4lima.de/karriere-klasse-konkurrenz/#respond Wed, 28 Aug 2013 16:40:10 +0000 https://anschlaege.at/?p=4348 Der „Elitefeminismus“ der „Top Girls“. Von KIRSTIN MERTLITSCH]]>

Von „Top Girls“ bis „F-Klasse“: Der „neue Feminismus“ geht auf Kosten vieler Frauen. Von KIRSTIN MERTLITSCH

Die Bezeichnung „Elitefeminismus“ ist im deutschsprachigen Kontext spätestens 2007 mit Thea Dorns Buch „Die neue F-Klasse“ bekannt geworden. In ihrer Publikation porträtiert die Journalistin mehr als zehn erfolgreiche Frauen, deren Berufsspektrum von Rechtsanwältin über TV-Köchin bis Weltmeisterin für Eisklettern reicht. Sie schreibt über diese „Klassen-Frauen“: „Denn schließlich diskutiere ich in diesem Buch mit Frauen, die ich für Avantgarde halte. Frauen, die vor dreißig Jahren noch absolute Ausnahmeerscheinungen gewesen wären, jetzt aber – obwohl sie noch immer in der Minderheit sind – anfangen, eine eigene Klasse darzustellen. Warum nicht zugeben, dass es in diesem Buch nicht um Frauensolidarität um jeden Preis geht, sondern um eine bestimmte Klasse von Frauen, die sich allerdings nicht durch privilegierte Herkunft definiert, sondern einzig und allein durch das individuell von ihr Erreichte und Gelebte?“
Dorns Buch ist Teil der Debatten über einen „neuen Feminismus“ und dessen Kehrseite, den Antifeminismus, die nun seit bald zehn Jahren in deutschsprachigen Medien und diversen Sachbüchern verhandelt werden. Zentrale Themen des „neuen Feminismus“ sind Karriere, Vereinbarkeit von Beruf und Familie sowie die Abgrenzung zum „alten“ Feminismus. Dieser sogenannte Elitefeminismus bzw. Alphafeminismus ist eine Facette eines liberalen Feminismus und steht durchaus im Einklang mit neoliberalen Werten. Zudem richtet er sich nicht nur an bestimmte Frauengruppen, sondern geht auch auf Kosten von unterprivilegierten, nicht-normierten und prekären Frauen.

Weibliche Autonomie im Neoliberalismus. Mit einem „neuen Feminismus“ haben sich feministische Wissenschaftler_innen bereits vielfach auseinandergesetzt. Die Soziologin Frigga Haug und die Kommunikationswissenschaftlerin Elisabeth Klaus unterteilen die geführten Diskussionen nach drei Argumentationslinien: in „Elitefeminismen“, in mütterzentrierte und/oder antifeministische Positionen sowie in konservative Feminismen. Charakteristisch für den Elitefeminismus ist, wie Haug zugespitzt in Hinblick auf Thea Dorn formuliert, die Anrufung der „F-Klasse“, der „Klasse-Frauen“: „Dorn wählt den Namen, den die Elite der Mercedeswagen trägt, um zugleich den Anspruch auf Oberklasse zu markieren und zeitgeistig im Slang zu sein, die verschiedenen smockigen Generationsnamen (Golf, Berlin oder Ally) noch einmal zu überbieten. (…) Ruchlos spielt sie mit der Mehrdeutigkeit der Worte: An die Stelle von sozialistischen Klassenkampf und Feminismus setzt sie den ,Klassenkampf‘, an die Stelle des Kollektivs, Einzelne, Frauen der ,Extraklasse‘, eben ,Klasse-Frauen‘.“
Einige feministische Werte, schreibt die britische Kulturwissenschaftlerin Angela McRobbie, seien mittlerweile in vielen Institutionen des Rechts- und Bildungswesens, in der Medizin und im Gesundheitswesen sowie in Medien von erheblicher Relevanz. In ihrer Auseinandersetzung mit den „Top Girls“ und dem Feminismus in der neoliberalen Ära vertritt sie die These, dass der liberale Feminismus, der Chancengleichheit anstrebt, in eben diesen Institutionen durchaus Anerkennung findet. Institutionen, die auf bekannte oder berichtenswerte Leistungen von Frauen verweisen, würden als modern und zeitgemäß erscheinen. (Pseudo-)Feminismus erhält Anerkennung, wenn er im Lichte des Erfolgs und der Karriere zum Strahlen kommt. Dabei geht es aber nach McRobbie weder um eine Sozialkritik noch um eine Verbesserung von Positionen für alle Frauen – Themen, die im „alten“ Feminismus noch im Vordergrund standen. Die Gesellschaftsordnung an sich bleibt in den Spielarten dieses „neuen Feminismus“ unangetastet.

Neoliberale Prinzipien, feministisches Vokabular. Im Neoliberalismus wird der liberale Feminismus hegemonial, weil sich seine Vertreter_innen nur für bestimmte Frauen einsetzen, die entsprechend leistungs- und erfolgsorientiert sind. Das bestätigt sich in den Sachbüchern zum „neuen Feminismus“: Die „Top Girls“ und „Alphamädchen“ werden in einer neoliberalen Gesellschaft durch Medien, staatliche Förderpolitiken oder etwa von einzelnen Journalist_innen gehypet und erst hervorgebracht. Argumentiert wird, wie etwa bei Dorn, dass Frauen allein durch ihr individuelles Vermögen und Können, „durch individuell Erreichtes und Gelebtes“, zum Erfolg gelangen, unabhängig von sozioökonomischen Umständen sowie religiöser und sexueller Zugehörigkeit, Alter oder Ability. Ganz nach dem Motto „Jede/r ist seines/ihres Glückes Schmied/in“ lassen sich feministische Werte wie Selbstbestimmung, Unabhängigkeit, eigenes Einkommen oder Selbstverantwortung bestens mit neoliberalen Prinzipien vereinbaren.
In einer postwohlfahrtstaatlichen Gesellschaft werden feministische Werte ad absurdum geführt und die politischen Forderungen, die sich aus ihnen ergeben, einzig und allein auf den Ruf nach Chancen- und Wahlfreiheit (vor allem für junge Frauen) reduziert. Der „neue Feminismus“ bzw. „Elitefeminismus“ ist ein Produkt eines globalisierten Neoliberalismus, in dem der Arbeitsmarkt radikal verändert wird. Frauen werden vermehrt erwerbstätig – jedoch vorwiegend in unterbezahlten Teilzeitbeschäftigungen und nicht in Top-Positionen, wie es hier den Anschein macht. Stattdessen werden die prekären Arbeits- und Lebensverhältnisse, in denen viele Frauen leben müssen, als selbstbestimmte Emanzipation schöngeredet.

Frauenförderung für Privilegierte. Trotz Selbstbestimmung und Leistungsorientierung bemerken jedoch auch die „Top Girls“, dass sie in männerdominierten Berufsfeldern an Grenzen stoßen. Obwohl sie den „alten“ Feminismus ablehnen, fordern sie Chancengleichheit, wenn der Aufstieg in Spitzenpositionen verhindert wird. Die Journalistinnen Jana Hensel und Elisabeth Räther schreiben in ihren Buch „Neue Deutsche Mädchen“ etwa über ihre Erfahrungen als Praktikantinnen in einer männerdominierten Berufswelt. Sie kritisieren den Ausschluss von Frauen aus der Leitungsebene – Frauen werden, wie sie schreiben, offensichtlich für dümmer gehalten. Auf das Phänomen des „glass ceiling“ („gläserne Decke“), also dass qualifizierte Frauen aufgrund von männlichen Seilschaften oder Vorurteilen nicht in die Top-Positionen der Institutionen oder Organisationen vordringen können, reagieren sowohl diverse Frauenförderungen und Gender-Mainstreaming-Programme als auch Diversity-Management-Ansätze – zumindest im öffentlichen Bereich. Gefördert werden vorwiegend jene Frauen, die bereits einige Stufen auf der Karriereleiter, etwa bis zum mittleren Management, erklommen haben, es dann aber nicht weiter nach oben schaffen. Frauen jedoch, die so sehr benachteiligt sind, dass sie gar nicht so weit kommen konnten, bleiben von vornherein im Kampf um gleiche Karrierechancen unberücksichtigt.

Exzellent weiblich. Damit Frauen im Sinne der Chancengleichheit vermehrt in Führungspositionen aufsteigen können, werden entsprechende „exzellente“ Frauenförderungsprogramme oder Frauenquoten eingerichtet. Dazu zählen die aktuellen Debatten über Frauenquoten in Aufsichtsräten innerhalb der Europäischen Union ebenso wie der prozentuelle Anstieg des Professorinnenanteils an den deutschsprachigen Universitäten. Dass es den Fördergebern dabei nicht unbedingt um das Prinzip der Gleichstellung geht, sondern mehr um eine neoliberale Profitorientierung, zeigt beispielsweise die Bewerbung des Frauenförderungsprogramms „Excellentia“ an österreichischen Universitäten: Argumentiert wird im neoliberalen Jargon, dass Frauen ein enormes Potenzial an Begabung und Know-how hätten, die „die Wissenschaftsstandorte ausschöpfen“ müssten. An anderer Stelle wird die Frauenförderungsschiene damit begründet, dass eine wichtige „Humanressource“ im Lehr- und Forschungsbetrieb nicht ungenutzt bleiben dürfe.

Wahlfreiheit, Aufstiegschancen, Leistungsgerechtigkeit: Der Neoliberalismus verspricht den Frauen ökonomisches Empowerment und Erfolg als eigenständige Subjekte am Arbeitsmarkt. Eine zunehmende Zahl findet sich jedoch in Teilzeitarbeit und prekären Beschäftigungsverhältnissen wieder.
Illustration: Lina Walde

Erfolgreich sichtbar. In den neuen elitären Feminismen besteht die Forderung, dass sozialer Aufstieg jenen vorbehalten sein soll, die besser und leistungsstärker sind als der Durchschnitt: Der Ruf nach „Gleichheit“ und „Emanzipation“ soll lediglich sicherstellen, dass die „Besten“ auch die „Siegreichen“ sind und sich von der Masse abheben können. Eine prinzipielle Gesellschafts- und Kapitalismuskritik bleibt damit außen vor. Die Soziolog_innen Irene Paula-Villa und Sabine Hark problematisieren, wer überhaupt Alphamädchen sein kann, sein darf und sein soll. Die Frage der Sichtbarkeit und des Wahrnehmens, schreiben sie, bestimmen den Diskurs um die „Top Girls“ bzw. „Elitefeministinnen“: „Schließlich macht es einen Unterschied, womöglich ums Ganze, ob Frauen beispielsweise in den Medien als Supermodels, erotisierte beziehungsweise pornografische Werbeträgerinnen und als dekoratives Beiwerk zu wichtigen Männern oder als inkompetente, von staatlichen Transfers lebende, alleinerziehende Mütter und kopftuchtragende Muslima auftauchen oder aber als Nobelpreisträgerinnen, Ministerinnen und entscheidungsmächtige Angehörige ökonomischer Eliten. Sichtbarkeit muss daher nicht zwingend ein feministischer Erfolg sein, im Gegenteil: es ist nicht notwendig ein Erfolg für alle Frauen, (nur) erfolgreiche Frauen zu sehen.“

Leistungsfaktor Self-Empowerment. Der Skandal liegt darin, dass im Elitefeminismus all jene, die nicht im „Bühnenlicht“ stehen und erfolglos bleiben, selbst für ihr Schicksal verantwortlich gemacht werden. Sie dürfen lustvoll als „Leistungsversagerinnen“ und „Schwächlinge“ ohne ausreichenden Ehrgeiz, ohne überdurchschnittliche Fähigkeiten und Motivation verurteilt und verachtet werden. Darüber hinaus, so die Soziologin Birgit Rommelspacher, habe der Machtzuwachs von Frauen nicht zu einer Umverteilung innerhalb der Geschlechterverhältnisse geführt. Ganz im Gegenteil: Er findet auf Kosten von Frauen der „unteren“ Klasse und anderer ethnischer Herkünfte statt.
Inwiefern können wir also von Emanzipation sprechen, wenn sich der berufliche Aufstieg bestimmter Frauen der Diskriminierung anderer Frauen am formellen Arbeitsmarkt, insbesondere Migrantinnen, verdankt? Wenn die Selbstermächtigung der einen auf Kosten anderer Frauen geht? Und schließlich: Wer will von Feminismus sprechen, wenn es um einen weiblichen Elitarismus geht?

Nach den Alphamädchen. Der Fokus des „Elitefeminismus“ wirkt aber auch heteronormativ, denn er schließt nicht nur all jene Frauen aus, die ökonomisch prekarisiert und/oder rassistisch diskriminiert werden, sondern auch lesbische, bisexuelle und Trans*Frauen. Besonders deutlich wurde dies im Buch „Wir Alphamädchen“, das sich dezidiert an weiße, junge, gut ausgebildete, deutsche Frauen gerichtet hat: „Manche werden vielleicht die spezifischen Perspektiven lesbischer Frauen oder etwa Migrantinnen vermissen“, heißt es darin. „Doch dieses Buch hat nicht den Anspruch, sämtliche Sichtweisen zu vereinen. Wir wissen, dass nicht alle junge Frauen in Deutschland gleich leben. (…) Wir konzentrieren uns hier allerdings erst einmal auf Themen, die einen Großteil der jungen Frauen, die heute in Deutschland leben, betreffen.“ Seither hat die Exklusion von vielfältigen weiblichen Lebensrealitäten unter Vertreter_innen des „neuen Feminismus“ zu konfliktreichen Debatten geführt. Im Anschluss an „Wir Alphamädchen“ gründeten die Autorinnen den Blog „Mädchenmannschaft“, an dem sich mittlerweile mehr als ein Dutzend Autor_innen beteiligen. Nach erheblicher Kritik bezüglich Rassismus und Heteronormativität schied 2012 die letzte der „Alphamädchen“-Verfasserinnen aus, und innerhalb des Blogs wird nun vermehrt versucht, unterschiedliche Diskriminierungsformen und Lebensweisen miteinzubeziehen. Dies kann als Zeichen aufgefasst werden, dass Teile des „neuen Feminismus“ sich durchaus kritisch mit gesellschaftlichen Ungleichheiten auseinandersetzen – und damit das „Bühnenlicht“ auch wieder auf die „Überflüssigen“ und „Prekären“ unserer Gesellschaft geworfen wird.

Kirstin Mertlitsch ist Philosophin und Genderforscherin sowie Geschäftsführende Leiterin des Zentrums für Frauen- und Geschlechterstudien an der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt (bis Ende 2013 freigestellt). Derzeit DFG-Stipendiatin am Graduiertenkolleg „Geschlecht als Wissenskategorie“ an der Humboldt Universität zu Berlin.
www.uni-klu.ac.at/gender/inhalt/1970.htm

 
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Neue Parteien, alte Strukturen https://ansch.4lima.de/neue-parteien-alte-strukturen/ https://ansch.4lima.de/neue-parteien-alte-strukturen/#respond Wed, 28 Aug 2013 16:35:17 +0000 https://anschlaege.at/?p=4345 Linke und feministische Inhalte fehlen in Österreichs Parteienlandschaft. Von BRIGITTE THEIßL]]>

Zur diesjährigen Nationalratswahl treten mehrere neue Parteien an. Dennoch findet man in der politischen Landschaft Österreichs nur wenige linke und feministische Inhalte oder gar Frauen an der Spitze. Von BRIGITTE THEIßL

Drei Parteien sind bei der kommenden Nationalratswahl zum ersten Mal österreichweit auf dem Stimmzettel vertreten: Mit dem Team Stronach, den Neos und den Piraten gibt es neue Alternativen zu den etablierten Parlamentsparteien. Protestwähler_innen, die den Regierungsparteien SPÖ und ÖVP den berüchtigten Denkzettel verpassen möchten – laut einer aktuellen Umfrage des Linzer Market Instituts sind 59 Prozent der Wahlberechtigten der Meinung, die Regierung mache ihre Sache eher schlecht – steht damit eine Vielfalt an Möglichkeiten für das Kreuz am Wahlsonntag offen. Doch so unterschiedlich die Neuen auch sein mögen – sie alle eint die Haltung, „weder links noch rechts“ zu stehen, und das Ziel, eine „neue Politik“ umsetzen zu wollen, wie sie selbst immer wieder betonen.
Obwohl auch für die Neos und die Piraten der Einzug ins Parlament laut Umfragen nicht sehr wahrscheinlich ist und das BZÖ ums Überleben kämpft, sieht es links der Mitte noch düsterer aus. Die in Graz sehr erfolgreiche KPÖ konnte zwar abermals die notwendigen Unterstützungserklärungen sammeln und tritt bundesweit an, ihre Chancen, die Vier-Prozent-Hürde zu schaffen oder gar ein Grundmandat zu erreichen, sind jedoch verschwindend gering. Auch für die neue linke Plattform „Der Wandel“, die von unbekannten Gesichtern getragen wird und in Wien und Oberösterreich dennoch genügend Unterstützer_innen fand, liegt der Einzug in den Nationalrat außer Reichweite – ganz zu schweigen von der Sozialistischen Linkspartei, die wie immer nur in der Bundeshauptstadt antritt und statt Reformen gleich eine „revolutionäre Veränderung“ fordert.

Personalnot. Bemühungen, als breite linke Plattform bei der Wahl anzutreten, gab es – zum wiederholten Male – seitens der KPÖ, jedoch ohne Erfolg. „Wir haben uns sehr genaue Kriterien auferlegt“, erzählt Melina Klaus, die von 2006 bis 2012 gemeinsam mit Mirko Messner das Amt der Bundessprecherin innehatte. „Wir wollten sehr viele Kandidatinnen und Kandidaten finden, die nicht von der KPÖ sind, bis zu zwei Drittel – und das ist bei Weitem nicht gelungen.“ Weder prominente Persönlichkeiten, noch bei anderen Parteien Engagierte – immer wieder gebe es SPÖler_innen und Grüne, die ihre Sympathien für die KPÖ kundtun – konnten gewonnen werden. Die Scheu vor einer Kandidatur sei einfach zu groß, meint Klaus. „Es gibt Leute, die zwar interessiert sind, aber aufgrund ihres Jobs bei einer parteinahen Institution Grüne oder SPÖ nicht verärgern wollen.“
Beim „Wandel“ engagieren sich alle Personen aus dem Team zum ersten Mal in einer Partei. „Politik, so wie sie bisher gemacht wurde, war einfach nicht interessant, nicht relevant für uns – es werden einfach die falschen Fragen gestellt“, sagt Daniela Platsch, die als politische Geschäftsführerin neben dem Vorsitzenden Fayad Mulla agiert. Dass Freda Meissner-Blau, Mitte der 1980er erste Parteivorsitzende der Grünen, in einer Videobotschaft ihre Unterstützung für den „Wandel“ verkündet, helfe zwar hinsichtlich der medialen Aufmerksamkeit, es sei jedoch kein Ziel gewesen, möglichst bekannte Gesichter in den eigenen Reihen zu haben. „Wir möchten vielmehr die Themen Chancengleichheit und Verteilungsgerechtigkeit wieder in den politischen Diskurs bringen und auch die Regierungsparteien dazu zwingen, sich diesen Themen zu stellen“, so Platsch.

© Astrid Knie

Männliche Spitze. Was der KPÖ fehle, sei eine integrative Führungsfigur, meint die Politologin Kathrin Stainer-Hämmerle, doch mit hierarchischen Strukturen hätten gerade linke Gruppierungen, die stärker auf Basisdemokratie und Autonomie setzen, ihre Probleme. In der politischen Landschaft Österreichs sind Führungsfiguren nach wie vor männlich – einzige weibliche Parteivorsitzende unter den aktuell im Parlament vertretenen Parteien ist Eva Glawischnig, Bundessprecherin der Grünen. Auch die neuen Parteien geben sich in Sachen Geschlechterrepräsentation konservativ und setzen auf Männer in der ersten Reihe – bevorzugterweise auf solche mit Kapital.
Da wäre etwa Milliardär Frank Stronach, der zwar auch Listenplätze an Frauen vergeben hat, jedoch wie kein anderer sein Team Stronach als unhinterfragbare Führungsfigur verkörpert. Das Gesicht der Neos ist Matthias Strolz, ein Vorarlberger Unternehmer, der als parlamentarischer Mitarbeiter der ÖVP in der Ära Schüssel bereits politische Erfahrung sammeln konnte. Im Zuge der Partnerschaft mit dem Liberalen Forum holten die Neos auch Financier Hans Peter Haselsteiner an Bord. „Die Neos versammeln Personen mit Erfahrung in der Gestaltung politischer Kampagnen und haben mit Matthias Strolz einen professionellen Kommunikator, der weiß, wie das Geschäft läuft. Ein Einzug ins Parlament wäre dennoch ein großer Erfolg“, resümiert Stainer-Hämmerle. In Sachen Medienpräsenz liegen die Neos damit klar vor den linken Parteien. So durfte Matthias Strolz etwa gemeinsam mit Piraten-Chef Mario Wieser in der „Puls4“-Show „Rezept für Österreich“ den Kochlöffel schwingen und ist ein beliebter Interviewpartner in TV und Printmedien. Bei ihren Themen setzen die Neos auf Steuersenkung, Bildungs- und Pensionsreform, Frauenquoten sehen sie laut Online-„Wahlhelfer-Test“ der „Wiener Zeitung“ als „kontraproduktiv für die Anliegen der Frauen“. Wenig überraschend sind auch auf der Liste der Piraten hauptsächlich Männer vertreten. Zumindest aber entgingen sie im Vergleich zu den deutschen Piraten bisher einer Diskussion über parteiinternen Sexismus.

Ideologiefrei. Dass elementare Fragen der Verteilungsgerechtigkeit angesichts von Finanz- und Wirtschaftskrise ebenso wie feministische und frauenpolitische Anliegen im bisherigen Wahlkampf kaum eine Rolle spielen, mag verwundern. „Grundsätzlich wäre links natürlich momentan nicht schlecht, schließlich gibt es rechts weitaus mehr Konkurrenz“, analysiert Stainer-Hämmerle, „außerdem ist die Wähler_innenschaft heute hoch mobil.“ Dennoch: Für einen Wahlerfolg müssen viele Faktoren wie Personalpolitik, Timing, Themensetzung, PR-Strategie und Budget zusammenspielen. Auffallend ist, dass Ideologien heute nur noch eine untergeordnete Rolle spielen. „Es geht darum, die Wählerinnen und Wähler in ihren Bedürfnissen abzuholen und die richtigen Versprechungen zu bieten. Das Links-Rechts-Schema ist vielen mittlerweile egal, gerade junge Menschen sind da sehr pragmatisch“, so Stainer-Hämmerle.

Linke Konkurrenz. Positionen zu Frauen- und Geschlechterpolitik finden sich zwar in nahezu allen Parteien, feministische Politik als Kernanliegen ist jedoch in nur wenigen Programmen vertreten (s. auch Artikel von Maria Mesner auf S. 16–17). In der KPÖ sind feministische Anliegen im Kontext von Umverteilungsfragen zentral, der „Wandel“ setzt auf „Gleichstellungspolitik“, allerdings ohne den Begriff „Feminismus“ bewusst ausklammern zu wollen. „Das ist ein Problem der Linken. Wir diskutieren ewig über die richtigen Begriffe und verharren im Diskurs, ohne etwas weiterzubringen“, sagt Daniela Platsch. In der SPÖ und in den Grünen, wo Frauenpolitik traditionell stark verankert ist, sehen Klaus und Platsch dennoch keine (linke) Konkurrenz. „Sicher gibt es in einigen Bereichen bei den Grünen sehr engagierte Menschen, die progressiv denken, aber insgesamt sehe ich da wenig linke Politik. Nehmen wir das Beispiel Wien – wo sind da die linken Initiativen? Wenn die Grünen etwa das Jahresticket für die Öffis verbilligen und Einzelfahrscheine für Menschen, die sich eine Jahreskarte gar nicht leisten können, verteuern, betreiben sie einfach nur geschickte Klientel-Politik“, sagt Melina Klaus. Bei der SPÖ sehe sie die einzigen Berührungspunkte wiederum in frauenpolitischen Fragen.
Platsch stellt den Sozialdemokrat_innen kein besseres Zeugnis aus: „Die SPÖ wäre vielleicht eine linke Partei, aber sie ist nur noch ein großer bürokratischer Machterhaltungsapparat, da ist es fast schon egal, was in ihrem Programm steht.“ Mit den Grünen teile man zwar ein ähnliches Menschenbild, als „Öko- und Antikorruptionspartei“ würden diese jedoch die soziale Verträglichkeit ihrer Maßnahmen hintanstellen. Die Möglichkeit, die beiden etablierten Parteien öffentlich mit ihren Kritikpunkten zu konfrontieren, werden KPÖ und „Wandel“ nicht haben – in den Fernsehduellen ist kein Platz für sie reserviert. So wird wohl auch nach der Wahl der linke Platz im Parlament frei bleiben.

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