an.schläge 2025 – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de Wed, 10 Dec 2025 12:23:50 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.0 https://ansch.4lima.de/wp-content/uploads/2024/10/cropped-favicon-32x32.png an.schläge 2025 – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de 32 32 an.sage:  Kürzen und bestrafen https://ansch.4lima.de/an-sage-kuerzen-und-bestrafen/ https://ansch.4lima.de/an-sage-kuerzen-und-bestrafen/#respond Tue, 09 Dec 2025 11:06:05 +0000 https://anschlaege.at/?p=131320 Von Brigitte Theißl „In Österreich soll jedes Mädchen frei, sichtbar und selbstbestimmt aufwachsen können. Ohne Zwang, ohne Angst und vor allem ohne vorgeschriebene Rolle“, sagt Claudia Plakolm, Ministerin für Familie, Integration und Europa. Es ist der zweite Anlauf einer ÖVP-geführten Regierung, ein Kopftuchverbot für Kinder in Schulen durchzusetzen, nachdem der Verfassungsgerichtshof (VfGH) schon 2020 die […]]]>

Von Brigitte Theißl

„In Österreich soll jedes Mädchen frei, sichtbar und selbstbestimmt aufwachsen können. Ohne Zwang, ohne Angst und vor allem ohne vorgeschriebene Rolle“, sagt Claudia Plakolm, Ministerin für Familie, Integration und Europa. Es ist der zweite Anlauf einer ÖVP-geführten Regierung, ein Kopftuchverbot für Kinder in Schulen durchzusetzen, nachdem der Verfassungsgerichtshof (VfGH) schon 2020 die von Türkis-Blau geschmiedete Regelung kassiert hatte. Sie greife nur Muslime heraus – was dem Gebot der religiösen und weltanschaulichen Neutralität des Staates widerspreche, argumentierte der VfGH damals. Auch das neue Gesetz zielt allein auf den Islam, die Bundesregierung aber sieht sich aufgrund neuer Sachverhalte auf sicherem Boden.
Mädchen, die frei und selbstbestimmt aufwachsen können: Gegen die Vision der Ministerin ist freilich nichts einzuwenden – ganz im Gegenteil. Und auch die „unvoreingenommene Persönlichkeitsentfaltung“, die der Berufsverband Österreichischer Psychologinnen und Psychologen durch das Kopftuchverbot gefördert sieht, klingt in der Theorie erst mal schön.

In der Praxis aber ist die populistische Maßnahme wohl zuallererst ein Gesetz, das die Regierung nicht viel kostet – und trotzdem auf die „Wir und die anderen“-Erzählung einzahlt. Durchsetzen müssen es letztlich Lehrerinnen an den Pflichtschulen, die vielerorts jetzt schon völlig überlastet sind und die das Verbot künftig zu „Bekleidungs-Sheriffs“ ernennt, wie das AK-Bildungsexpertin Ilkim Erdost in einem Kommentar treffend formuliert. Wird es Mädchen stärken, wenn Lehrerinnen sie und ihre Familie als Problemfall ins Visier nehmen? Werden Buben, die nur verhüllte Mädchen und Frauen als anständig begreifen, durch ein Kopftuchverbot zum emanzipatorischen Wandel motiviert? Der Schluss liegt nahe, dass eine solche Regelung vielmehr Geschenk sein soll für jene, die Muslim*innen im Zentrum jeden gesellschaftlichen Missstands verorten und ein Wohlfühlpaket für jene, die sich um „unterdrückte Mädchen“ sorgen, sich aber nicht weiter mit der komplexen Herausforderung beschäftigen wollen. Symbolpolitik, einmal mehr ausgetragen auf dem Rücken von Frauen und Mädchen.

Dabei gäbe es jede Menge zu tun, um Mädchen im Speziellen und das Schulsystem insgesamt zu stärken. Erst im vergangenen Sommer schlugen Mädchenberatungsstellen bei einer gemeinsamen Pressekonferenz Alarm. Verschiedene Untersuchungen zeigen, dass Mädchen deutlich häufiger an psychischen und physischen Beschwerden als Buben leiden, auch queere Jugendliche sind besonders betroffen. Auch die ökonomische Lage bereitet vielen Jugendlichen Sorgen, gerade Alleinerziehende und Familien mit mehreren Kindern rutschen zunehmend in die Armut ab. Statt das soziale Netz also auszubauen, liefern sich Österreichs Bundesländer ein Wettrennen in sozialpolitischen Grausamkeiten. Die FPÖ-geführte steirische Landesregierung etwa kürzt bei Alleinerziehenden und Personen, die in einer Frauen- oder Gewaltschutzeinrichtung untergebracht sind. Sozialhilfebeziehenden drohen bei wiederholtem Fehlverhalten künftig hohe Verwaltungsstrafen – wer nicht zahlen kann, soll im Gefängnis landen. Auch beim Verstoß gegen das geplante Kopftuchverbot droht den Eltern im Extremfall eine Geldstrafe von 150 bis 800 Euro oder eine Ersatzfreiheitsstrafe von bis zu zwei Wochen.

Von einer „krassen Themenverfehlung“ sprechen die sozialdemokratischen Lehrer (SLÖ) angesichts des Gesetzesentwurfs. „Die Qualität des allgemeinen Kindeswohls“ hänge nicht an „einer Minderheit kopftuchtragender Mädchen“, sondern etwa an der Abmeldung von Mädchen vom Schwimm- oder Sportunterricht und anderen Schulveranstaltungen – und der frühen Trennung nach dem zehnten Lebensjahr. Ganz im Gegensatz zum Kopftuch nämlich nimmt Österreich die herrschende Bildungsvererbung ohne große Diskussionen seit Jahrzehnten hin (siehe S. 25). Die besten Chancen, sich selbstbestimmt zu entwickeln, haben hierzulande all jene Kinder, deren Familien über ausreichend Bildungskapital und das nötige Kleingeld verfügen. Jedes fünfte Kind ist armutsgefährdet, diese frühe Mangelerfahrung hat oft lebenslange gesundheitliche Folgen. Um dieses Kindeswohl ins Zentrum zu stellen, braucht es freilich umfassende Maßnahmen und finanzielle Mittel, eine Umverteilung von oben nach unten, die im Boulevard weniger gut ankommt.

„Der Gesetzesvorschlag greift weder zu geeigneten noch erforderlichen Maßnahmen, um das gesetzte Ziel ‚Schutz vor Segregation und Unterdrückung von unmündigen minderjährigen Mädchen, insbesondere aus muslimischen Familien‘ zu erreichen“, richtet indes die Gleichbehandlungsanwaltschaft der Regierung zum Kopftuchverbot aus.

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Feminist Superheroine: Gloria Anzaldúa https://ansch.4lima.de/feminist-superheroine-gloria-anzaldua/ https://ansch.4lima.de/feminist-superheroine-gloria-anzaldua/#respond Tue, 09 Dec 2025 10:54:55 +0000 https://anschlaege.at/?p=131316 Gloria Anzaldúa (1942-2004) war eine Schriftstellerin, Wissenschaftlerin und Aktivistin, die in Texas unmittelbar an der mexikanischen Grenze geboren und aufgewachsen ist. Als queere Chicana einer Arbeiter*innenfamilie in den USA, sozialisiert in einer patriarchalen und rassistischen Gesellschaft, widmet sich Anzaldúa ihr Leben lang binären und westlich geprägten Identitätskategorien aus einer autobiografischen, aktivistischen sowie wissenschaftlichen Perspektive. 1987 […]]]>

Gloria Anzaldúa (1942-2004) war eine Schriftstellerin, Wissenschaftlerin und Aktivistin, die in Texas unmittelbar an der mexikanischen Grenze geboren und aufgewachsen ist. Als queere Chicana einer Arbeiter*innenfamilie in den USA, sozialisiert in einer patriarchalen und rassistischen Gesellschaft, widmet sich Anzaldúa ihr Leben lang binären und westlich geprägten Identitätskategorien aus einer autobiografischen, aktivistischen sowie wissenschaftlichen Perspektive. 1987 veröffentlicht sie ihr bekanntestes Werk „Borderland/La Frontera: The New Mestiza“, in dem sie schreibt: „As a mestiza I have no country, my homeland cast me out; yet all countries are mine because I am every woman’s sister or potential lover. As a lesbian I have no race, my own people dis­claim me; but I am all races because there is the queer of me in all races“. 2004 stirbt sie unerwartet an einer Diabetes-Erkrankung, 2005 wird ihr posthum der Doktorgrad verliehen. Bis heute sind Anzaldúas Überlegungen grundlegende Ausgangspunkte der Queer-, Feminist-, Border- und Chicanx-Studies.

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leib & leben: Male Gaze im Nacken https://ansch.4lima.de/leib-leben-male-gaze-im-nacken/ https://ansch.4lima.de/leib-leben-male-gaze-im-nacken/#respond Tue, 09 Dec 2025 09:36:32 +0000 https://anschlaege.at/?p=131311 Von YASMIN MAATOUK In meinem ersten Kolumnentext muss ich mit etwas Grundlegendem beginnen: Alles, was ich bin, und alles, was ich weiß, habe ich von den starken Frauen in meinem Leben gelernt. Eine davon ist Anđela Alexa. Vor zwei Jahren war ich überzeugt, feministisch zu handeln. Ich las alles, was ich in die Finger bekam, […]]]>

Von YASMIN MAATOUK

In meinem ersten Kolumnentext muss ich mit etwas Grundlegendem beginnen: Alles, was ich bin, und alles, was ich weiß, habe ich von den starken Frauen in meinem Leben gelernt. Eine davon ist Anđela Alexa.

Vor zwei Jahren war ich überzeugt, feministisch zu handeln. Ich las alles, was ich in die Finger bekam, und wusste: Da wartet noch viel Erkenntnis und Entwicklung auf mich. Aber irgendwann bin ich in meiner feministischen Identität stagniert. Der Grund war so simpel wie schmerzhaft: Ich konnte nicht aufhören, Männer zu zentrieren.
Der Male Gaze – der männliche Blick – war längst in meinem Kopf eingezogen. Ich sah mich mit seinen Augen, die mir lange wichtiger als meine eigenen waren. Selbst wenn ich allein in meiner Wohnung voll feministischer Poster saß, erwischte ich mich dabei, wie ich mich hinsetzte, um in einem oversized T-Shirt „zufällig“ meine Kurven zu betonen. Ich wusste theoretisch alles über den Male Gaze – und richtete mich im Alltag trotzdem nach ihm.

Bis ich Anđela kennenlernte. Ich habe mich sofort auf platonische Weise in sie verliebt – bis heute sind wir unzertrennlich. Und sie hat mich gesehen. Richtig gesehen. Als sie mir zum ersten Mal mein inneres Gefängnis spiegelte, war ich verletzt. „Oida, was willst du von mir? Ich kann ja nichts dafür, wie ich sozialisiert wurde“, dachte ich. Mein Ego war getroffen.
Aber genau dieser Moment war der Wendepunkt. Plötzlich wurde mir klar, wie sehr ich mich noch immer über den männlichen Blick definierte und wie weit ich mich dabei von mir selbst entfernt hatte. Ich musste mir eingestehen: Meine Werte waren klar. Aber ich lebte nicht nach ihnen.

Die Aufmerksamkeit von Männern war mein Quick-Fix, wenn ich mich unsicher fühlte. Sie gab mir Bestätigung, aber zu einem hohen Preis: meinem inneren Frieden. Viele nächtliche Journal-Seiten und Telefonate später ist die Stimme des Mannes in meinem Kopf so leise wie nie. Mit dieser Stille wurde meine eigene Stimme lauter. Heute weiß ich: Jede Person braucht eine Anđela. Jemanden, der dir liebevoll den Spiegel hinhält und dich zwingt, hinzusehen.

Yasmin Maatouk ist Wienerin mit ägyptischen Wurzeln und arbeitet als Social Media Host beim „Moment Magazin“.

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an.sehen: Unwahrscheinliche Liebe https://ansch.4lima.de/an-sehen-unwahrscheinliche-liebe/ https://ansch.4lima.de/an-sehen-unwahrscheinliche-liebe/#respond Tue, 09 Dec 2025 09:29:08 +0000 https://anschlaege.at/?p=131309 Joy Gharoro-Akpojotors Regiedebüt ist eine berührende Geschichte von Liebe und weiblicher Solidarität aus der Innenansicht eines Abschiebegefängnisses, die in ihrer Inszenierung stellenweise irritiert. Von Maxi Braun Die persönlichen Wertgegenstände müssen abgegeben werden, die Türen sind verriegelt, Wachpersonal patrouilliert, der Innenhof ist von hohen Zäunen umgrenzt, jeder Winkel wird mit Kameras überwacht. Der Mikrokosmos, den uns […]]]>

Joy Gharoro-Akpojotors Regiedebüt ist eine berührende Geschichte von Liebe und weiblicher Solidarität aus der Innenansicht eines Abschiebegefängnisses, die in ihrer Inszenierung stellenweise irritiert. Von Maxi Braun

Die persönlichen Wertgegenstände müssen abgegeben werden, die Türen sind verriegelt, Wachpersonal patrouilliert, der Innenhof ist von hohen Zäunen umgrenzt, jeder Winkel wird mit Kameras überwacht. Der Mikrokosmos, den uns die ersten Szenen von „Dreamers“ fast ohne Dialog aus Sicht seiner Protagonistin präsentieren, ist nicht der eines gewöhnlichen Gefängnisses. Es ist das fiktive „Hatchworth Removal Centre“ für Frauen, ein Abschiebegefängnis, in dem sich Isio (Ronkẹ Adékọluẹ́jọ́) wiederfindet, nachdem sie nach ihrer Flucht aus Nigeria zwei Jahre lang illegal in London gelebt hat. Bis zur Entscheidung über ihren Asylantrag wird sie dort festgehalten, damit sie im Fall der Ablehnung direkt zurück nach Nigeria deportiert werden kann. Isio versucht erst, sich von allen fern- und aus allem herauszuhalten. Allmählich aber beginnt sie, Vertrauen zu ihrer Zimmergenossin Farah (Ann Akinjirin) und deren Freundinnen Nana (Diana Yekinni) und Atefeh (Aiysha Hart) zu fassen. Sie machen einander Mut, fangen sich bei schlechten Nachrichten gegenseitig auf und verbringen ungeachtet ihrer ­Situation kleine Momente des Glücks miteinander. Schließlich verlieben sich Isio und Farah und es bietet sich eine Chance, die illegale Flucht nach vorn zu wagen, anstatt den Behörden machtlos ausgeliefert zu sein.

Joy Gharoro-Akpojotors Debüt hat autobiografische Elemente. Wie ihre Hauptfigur hat sie nigerianische Wurzeln und floh, weil sie als queere Frau in ihrer Heimat verfolgt wurde. Wie Isio kämpfte sie in einem Abschiebegefängnis um ihr Recht auf Asyl. Die damit verbundenen Traumata, die Angst und Ohnmacht, die Menschen in einer solchen Einrichtung erfahren, die Ungerechtigkeit und Willkür, die oft über einen Aufenthaltstitel und manchmal über Leben und Tod entscheiden, sind auch im Film präsent. Auch die existierenden Hierarchie- und Abhängigkeitsverhältnisse der Bewohnerinnen untereinander oder zu den Vollzugsbeamt*innen werden thematisiert. Abseits davon gelingt der Regisseurin eine berührende Geschichte von Liebe, weiblicher Solidarität und Komplizinnenschaft. Die vier im Zentrum stehenden Frauen halten zusammen, nur so gelingt es ihnen, sich selbst und die Hoffnung nicht komplett aufzugeben. Auch die sich nur zaghaft entwickelnde Beziehung zwischen Isio und Farah ist sanft und mit einem zärtlichen Blick eingefangen, der niemals ­voyeuristisch wirkt und eine unwahrscheinliche Liebe überzeugend entwickelt. Bildgestalterin Anna Patarakina inszeniert das Abschiebegefängnis größtenteils in satten, leuchtenden Farben, die die Wärme der Figuren füreinander widerspiegelt. Neben der Selbstverständlichkeit, mit der die Liebe zwischen Isio und Farah dargestellt und auch von ihren Freundinnen akzeptiert wird, unterläuft der Film immer wieder Erwartungshaltungen von klischee­artigen Migrations­vorstellungen: Als sich Isio und Farah das erste Mal länger unterhalten, erwähnt Isio in einem Nebensatz, dass sie einen Abschluss in Politikwissenschaften habe und macht sich über Farah lustig, weil diese „nur“ ein Philosophiestudium vorweisen kann.

Gleichzeitig drängt sich angesichts dieser selten gesehenen Innenansicht eines Abschiebegefängnisses die Frage auf, ob die Buntheit und die warmen Farben des Films die triste Realität solcher Orte nicht beschönigen? Auch wenn es sich um einen Spielfilm und keinen Dokumentarfilm handelt, fragt man sich unweigerlich: Wird den Frauen wirklich der im Film gezeigte Freiraum gewährt? Gibt es eine Küche, eine Bibliothek und freiwillige Kunstkurse? Dramaturgisch ermöglicht das Setting Gharoro-Akpojotor, sich auf ihre Figuren zu konzentrieren und diese als aktiv handelnde Frauen zu zeigen, die sich ihre Würde und Eigenständigkeit bewahren, der ohnmächtigen Situation zum Trotz, in der sie sich befinden. Der Ausgang der Geschichte und der überzeugende Cast machen „Dreamers“ trotz dieser leichten Irritation zu einem ungewöhnlichen wie universellen Film über Liebe und Freundinnenschaft, auch wenn die Kritik an westlicher Migrationspolitik darüber in den Hintergrund tritt.

Credits: Dreamers, Großbritannien 2025,
78 Min, R+B: Joy Gharoro-Akpojotor

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„Kalkulierter Verfassungsbruch“ https://ansch.4lima.de/kalkulierter-verfassungsbruch/ https://ansch.4lima.de/kalkulierter-verfassungsbruch/#respond Tue, 09 Dec 2025 09:24:58 +0000 https://anschlaege.at/?p=131306 In Deutschland verständigte sich die Regierung auf eine Reform des Bürgergeldes – und damit auf die vielleicht drastischsten Sanktionierungen von Erwerbslosen in der Geschichte der Bundesrepublik. Sophia Krauss hat mit Helena Steinhaus gesprochen, die mit dem Verein „Sanktionsfrei“ Betroffene unterstützt. an.schläge: In Deutschland ist das Bürgergeld bald Geschichte, künftig wird es Grundsicherungsgeld heißen. Die Koalition […]]]>

In Deutschland verständigte sich die Regierung auf eine Reform des Bürgergeldes – und damit auf die vielleicht drastischsten Sanktionierungen von Erwerbslosen in der Geschichte der Bundesrepublik. Sophia Krauss hat mit Helena Steinhaus gesprochen, die mit dem Verein „Sanktionsfrei“ Betroffene unterstützt.

an.schläge: In Deutschland ist das Bürgergeld bald Geschichte, künftig wird es Grundsicherungsgeld heißen. Die Koalition aus CDU und SPD hat sich unter Kanzler Merz auf eine drastische Verschärfung geeinigt. Wie begründete man diese Reform?
Helena Steinhaus: Begründet werden die geplanten Einschnitte damit, dass das bisherige Bürgergeld scheinbar dazu einladen würde, es sich auf Kosten des Staates bequem zu machen – was natürlich kompletter Quatsch ist. Es gibt keine Zahlen, die belegen würden, dass das Bürgergeld Menschen daran hindert, eine Arbeit aufzunehmen.
Trotzdem sollen nun die Sanktionen verschärft werden, es soll noch härtere Leistungsentzüge geben, wenn man z. B. einen Termin verpasst oder eine Arbeit abgelehnt hat.
Ich nenne das, was gerade passiert, einen kalkulierten Verfassungsbruch. Denn das Bundesverfassungsgericht hat dazu vor sechs Jahren ein bahnbrechendes Urteil gesprochen: Danach sind Sanktionen, bei denen mehr als dreißig Prozent des Regelsatzes, also des Betrags, der den Lebensunterhalt decken soll, gekürzt werden, verfassungswidrig. Nur unter ganz bestimmten Umständen, die eigentlich kaum auftreten, kann der gesamte Regelsatz gestrichen werden – aber niemals die Kosten der Unterkunft. Dieses Urteil wird nun völlig ignoriert.

SPD-Politikerin Bärbel Bas meinte: „Wer mitmacht, hat nichts zu befürchten.“ Wie bewerten Sie diese Aussage?
Das Problem an Sanktionen ist, dass sie häufig diejenigen treffen, die sich nicht wehren können. Sie treffen Menschen, die psychisch oder physisch krank sind, oder aus anderen Gründen sehr stark eingebunden sind – und deshalb gar nicht die Möglichkeit haben, auf alles so zu reagieren, wie das Jobcenter es gerne hätte. Man ist nämlich gar nicht so frei, wie man als Unbeteiligter vielleicht glaubt, Termine des Jobcenters zu verschieben oder Pflichten so abzuändern, dass sie für einen machbar sind.
Nun werden die Regeln so drastisch verschärft, dass „mitmachen“ tatsächlich bedeutet, dass man kein einziges Mal eine Arbeit mehr ablehnen kann, ohne dass einem die Leistung komplett entzogen wird. So sieht es zumindest der aktuelle Gesetzesentwurf vor. Das heißt in meinen Augen auch, dass das Recht auf freie Berufswahl ausgehebelt wird.

Wer wird am meisten unter diesen Verschärfungen leiden?
Oft sind das Leute, die z. B. krankgeschrieben sind. Sie haben eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung, aber das Jobcenter verlangt eine zusätzliche Wegeunfähigkeitsbescheinigung. Die muss man extra von Ärztinnen einholen, wo man in der Regel physisch erscheinen muss, was ja schon unlogisch ist. Außerdem kostet es Geld. Wir unterstützen auch Leute, die wegen Depression krankgeschrieben sind, die Angststörungen haben oder Sozialphobien, und es einfach nicht so leicht schaffen, Termine wahrzunehmen.

Die SPD hat diese Entscheidungen mitgetragen. Kam das überraschend?
Auch Hartz IV wurde 2005 unter der SPD und den Grünen eingeführt. Damals gab es schon ähnliche Argumente: Es gehe darum, Geld zu sparen, aber auch darum, der scheinbaren Arbeitsunlust der Menschen entgegenzuwirken. Aus dieser Zeit stammt auch der Satz des SPD-Politikers Franz Müntefering: „Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen.“ In der Bundesrepublik wurde einem zuvor immer wenigstens der letzte Rest zum Überleben gelassen – das hat sich mit Hartz IV geändert. Durch die Einführung von Hartz IV hat die SPD massiv an Wählerinnen verloren. Im Grunde war das Bürgergeld der Versuch, Hartz IV wiedergutzumachen.
Doch danach hat sich die SPD durchgängig dem Druck von rechts gebeugt und hatte keinerlei Gegenentwürfe parat. Ich würde fast sagen, dass die SPD die Hauptverantwortung für all das trägt, was gerade passiert. Sie haben während der aktuellen Verhandlungen im Koalitionsausschuss von einer tollen Stimmung geschwärmt und dabei scheinbar einfach alle Verschärfungen durchgewunken, wenn nicht selbst sogar vorangetrieben. Für viele Menschen wird die Lage wieder genauso schlimm oder sogar noch schlimmer werden wie während Hartz IV.
Die Erbschaftssteuer bleibt hingegen weiter ausgesetzt.
Wenn es um Steuern geht, die vor allem Superreiche betreffen, haben wir es mit unfassbar gut finanzierter Lobbyarbeit zu tun. Es gibt Stiftungen, die gute Kontakte zu den Politiker*innen pflegen, die an solchen Gesetzen oder Entscheidungsprozessen beteiligt sind.

Welche Unterstützung leistet der Verein „Sanktionsfrei“ und was sind eure Forderungen an die deutsche Bundesregierung?
Unsere Arbeit hat einen juristischen Aspekt, aber genauso hatten wir schon immer auch einen spendenfinanzierten Solidartopf, um Menschen konkret zu unterstützen, die sich in akuter finanzieller Not befinden. Z. B. hat uns letzte Woche ein Obdachloser geschrieben, der Kleidungsgeld brauchte, um auf Probe arbeiten zu können. Das Jobcenter hat natürlich abgelehnt – es lehnt oft genug auch eigentlich sogenannten „unabweisbaren Bedarf“ ab. Wenn jemand z. B. einen Kühlschrank benötigt, dann müssen die Jobcenter Darlehen auszahlen, welches ab dem nächsten Monat abgezogen wird. Aber selbst so etwas weisen die Jobcenter heute häufig ab, z. B. mit der Begründung, man könne die Lebensmittel draußen lagern, es sei ja kalt und in den Wintermonaten könne man dann Ansparungen machen und sich selbst einen Kühlschrank kaufen. In solchen Fällen springen wir rechtlich und finanziell ein.
Unsere Forderungen sind simpel. Letztendlich müsste das Bürgergeld sanktionsfrei sein, weil es ein Existenzminimum gewährleistet, das einem nicht genommen werden darf – und es müsste erhöht werden. Der Paritätische Gesamtverband, das ist einer der größten Wohlfahrtsverbände Deutschlands, berechnet 2024 einen Regelsatz von 813 Euro plus Strom. Das Bürgergeld sieht 2024 aber nur einen Regelbedarf von 563 Euro vor.

Und man muss Menschen in Armut auf Augenhöhe und mit Respekt begegnen und ihnen Anerkennung schenken, auch für das, was sie leisten, weil die meisten sind ja gar nicht arbeitslos, sie sind ja nur erwerbslos. Und selbst wenn sie arbeitslos sind, ist das eine Situation, für die Menschen nicht verurteilt werden sollten.

www.sanktionsfrei.de

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Kapitalismus steht nicht in der Verfassung https://ansch.4lima.de/kapitalismus-steht-nicht-in-der-verfassung/ https://ansch.4lima.de/kapitalismus-steht-nicht-in-der-verfassung/#respond Tue, 09 Dec 2025 09:15:21 +0000 https://anschlaege.at/?p=131302 Ideologischer Machtkampf an Schulen: Während Umwelt- und Menschenrechtsaktivist*innen um ihre Jobs fürchten müssen, drängen Rechtsradikale ins Bildungssystem. Von Laura Helene May Das erste Warnsignal ist fast immer ein Angriff auf die Rechte von Lehrkräften«, sagt Andrew Spar im Interview mit dem Schulportal der Robert-­Koch-Stiftung über politische Einflussnahme in der Bildung. Spar ist Lehrer und Präsident […]]]>

Ideologischer Machtkampf an Schulen: Während Umwelt- und Menschenrechtsaktivist*innen um ihre Jobs fürchten müssen, drängen Rechtsradikale ins Bildungssystem. Von Laura Helene May

Das erste Warnsignal ist fast immer ein Angriff auf die Rechte von Lehrkräften«, sagt Andrew Spar im Interview mit dem Schulportal der Robert-­Koch-Stiftung über politische Einflussnahme in der Bildung. Spar ist Lehrer und Präsident der „Florida Education Association“, der größten Lehrergewerkschaft des US-Bundesstaates, und erlebt dort derzeit massive Einschüchterungsversuche. Nicht nur in den USA stellt sich aktuell die Frage: Wie politisch dürfen Lehrerinnen sein? Theoretisch ist die Meinungsäußerung von Lehrkräften in Österreich und Deutschland auf Basis des Beutelsbacher Konsenses folgendermaßen festgelegt: Sie müssen die freiheitlich-demokratische Grundordnung verteidigen und hinter der Verfassung stehen – ein Neutralitätsgebot gibt es nicht. Mehr noch, Lehrkräfte sind wertegebunden, also dazu verpflichtet, Demokratie und Menschenrechte zu verteidigen. „Die Schule ist immer den Werten des Grundgesetzes verpflichtet. Es ist ihr Auftrag, das Grundgesetz zu schützen“, sagt Benjamin Winkler von der Antonio-Amadeu-Stiftung Sachsen, die sich gegen Rechtsextremismus einsetzt. Lehrkräfte sollen die freie Meinungsäußerung der Schülerinnen fördern, was auch das Aushalten von Kontroversen bedeutet. Was sie nicht dürfen: ihre Klassen indoktrinieren oder Werbung für Parteien machen.

Rechtsextreme Angstmache. In der Praxis kommt es immer wieder zu Grabenkämpfen um diese Leitlinien. Weltweit wächst der Druck von rechts gegen „woke“ Werte, in den USA werden nicht nur queere Bücher aus Schulbibliotheken verbannt, in republikanisch regierten Bundesstaaten wie in Florida sehen sich Lehrerinnen überdies mit massiven Restriktionen konfrontiert. So ist es dort beispielsweise nicht länger erlaubt, im Unterricht über die Black-Lives-Matter-Bewegung zu sprechen. Auch in Europa gibt es derartige Tendenzen, in Sachsen ist etwa das Gendern in Schulen und Behörden seit August 2025 verboten. Die AfD betreibt seit 2018 in mehreren deutschen Bundesländern Meldeportale für ideologisch unliebsame Pädagoginnen. Im Wahlprogramm 2024 kündigte auch die FPÖ eine „Meldestelle gegen politisierende Lehrer“ an. Demnach sollen Eltern und Schüler:innen „ideologisierende Lehrkräfte“ melden können, die „notfalls Konsequenzen“ zu erwarten haben. Rechtsextreme Parteien bedrohen also aktiv politische Gegnerinnen im Bildungssystem. Doch linke Aktivistinnen stehen selbst ohne Regierungsmacht von Herbert Kickl oder Alice Weidel auf verlorenem Posten, wie etwa der Fall der Klimaschutzaktivistin, Kapitalismuskritikerin und Lehramtsstudentin Lisa Poettinger in Bayern zeigt.
Das bayrische Kulturministerium erteilte Poettinger ein Berufsverbot. Begründung: Sie habe sich in den als linksextremistisch eingestuften Gruppierungen Smash IAA (Internationale Automobil Ausstellung) und Offenes Antikapitalistisches Klimatreffen München engagiert und es bestehe deshalb Zweifel an Poettingers Verfassungstreue. Die 28-Jährige sieht sich zu Unrecht beschuldigt, wie sie gegenüber an.schläge erklärt. „Ich stehe für Demokratie, für Gewaltenteilung und hinter dem Konzept eines Rechtsstaates“, sagt sie. „Gleichzeitig sehe ich große Defizite bei Rechtsstaat und auch Demokratie. Wir alle haben keine Möglichkeit, über die Gestaltung der Wirtschaft zu entscheiden, obwohl diese unser Leben umfangreich formt, ja sogar aufs Spiel setzen kann, wenn man an die Klimakrise denkt.“
Lehrkräfte dürfen politische Meinungen haben, sagt Poettinger und kritisiert die verbreitete Annahme eines Neutralitätsgebots in der Bildung. Es sei ihre berufliche Pflicht, gegen Diskriminierung und Ausbeutung aufzustehen – doch immer wieder wird angehenden Lehrerinnen politisches Engagement zum Verhängnis. Auch Luca S. aus Hessen ist ein Beispiel: Bei der Frankfurter 1.-Mai-Demo 2024 hatte er einen Rauchtopf von einer verletzten Person weggeschleudert. Dies wurde ihm als Angriff auf die Polizei ausgelegt, auch er wurde vom Referendariat ausgeschlossen. „Was der Verfassungsschutz allzu gern mit Demokratie vermengt, ist der Kapitalismus, und den lehne ich ab“, sagt Poettinger. „Eigentlich kein Problem, denn er steht nicht in der Verfassung.“

„Volkslehrer“. Welcher Druck auf Lehrkräfte entstehen kann, wenn rechte Parteien reale Regierungsmacht haben, zeigt derzeit eindrücklich nicht nur das Beispiel USA, sondern auch ein prominenter Fall aus Linz: FPÖ-Nationalratsabgeordneter Roman Haider erzwang dort 2017 den Abbruch eines Vortrags über Extremismus an dem Gymnasium, das sein Sohn besuchte. Zugleich werden immer wieder Fälle bekannt, in denen Lehrkräfte offen faschistisches Gedankengut vertreten. Beispiele dafür sind etwa Nikolai Nerling alias „der Volkslehrer“, ein verurteilter Holocaustleugner und rechtsextremer Aktivist, der bis 2018 als Grundschullehrer in Berlin-Gesundbrunnen arbeitete. Oder der Fall eines Grazer Biologie­lehrers, der im Februar 2025 publik wurde. Dem Lehrer wird vorgeworfen, sich Ende Januar an der „Aktion 451“ beteiligt zu haben – einem Lesekreis, der rechtsextreme Inhalte verbreitet und rassistische Theorien propagiert. Die steirische Bildungsdirektion sieht derzeit keine rechtliche Grundlage für disziplinarische Maßnahmen gegen den Pädagogen. Die Behörde begründet dies damit, dass die Schulleitung den Unterrichtsstoff kontinuierlich kontrolliere und es keinerlei ­Hinweise darauf gebe, dass im Unterricht Inhalte vermittelt wurden, die mit Rassentheorien in Verbindung stehen. Ob diese institutionelle Lähmung bürokratischer oder politischer Art ist, bleibt unklar. Auffällig ist aber: Die FPÖ ist die stärkste Partei im steirischen Landtag nach der Wahl vom November 2024 und stellt dort den Landeshauptmann.

Stimmungswandel. Einen zumindest indirekten Zusammenhang zwischen Ideologisierung, Machtzuwachs rechter Parteien und verschobenen Diskursen an Schulen beobachtet auch Anne Mehrer vom Kulturbüro Sachsen, das mit interdisziplinärer Arbeit rechtsextremistischen Strukturen eine aktive demokratische Zivilgesellschaft entgegensetzen will. Seit ihrer Gründung 2013 hat die AfD in Sachsen rasant an Zustimmung gewonnen – laut aktuellen Umfragen unterstützen heute rund vierzig Prozent die rechte Partei. Ob es jemals einen antifaschistischen Grundkonsens an Schulen gab? Darauf will sich Mehrer nicht festlegen. Doch: „Aus der Beratungsarbeit lässt sich beobachten, dass sich in den letzten fünf Jahren an den Schulen widerspiegelt, was in Sachsen und Ostdeutschland ohnehin gesellschaftliche Realität ist“, sagt sie und nennt steigende Zustimmungswerte zu rassistischen und demokratiefeindlichen Positionen, eine Zunahme neonazistischer Jugendkultur und den sich verbreitenden Unwillen unter Lehrkräften, rechte Äußerungen und Verhaltensweisen kritisch zu thematisieren. Personen würden sich schneller radikalisieren und rechte Äußerungen unter Schülerinnen würden zunehmend normalisiert. Das Meldesystem für entsprechende Vorfälle sei unzureichend.
Bildungsstätten gestalten die Weltanschauung der Zukunft mit. Deshalb ist es kein Zufall, dass politische Menschen überdurchschnittlich oft Lehrberufe ergreifen. Ob die Ideologisierung an Schulen insgesamt zunimmt, ist schwer quantifizierbar, Mehrer bestätigt Fälle von rechtsextremen Einstellungen, Symbolen und Äußerungen unter Lehramtsstudierenden. Außerdem würden sich Hochschulen und Ausbildungsstätten vermehrt an das Kulturbüro wenden. „Sie wünschen sich mehr Handlungssicherheit und einen Umgang mit Studierenden oder Lehrkräften im Referendariat, die durch rechte Äußerungen oder rechte Tattoos auffallen.“ Der Verein versucht mit mobiler Beratung zu rechtsextremen Strukturen, dem Aufbau von Unterstützungsnetzwerken, dem Widerlegen des Neutralitätsgebots oder Lobbyarbeit im Kulturministerium Prävention gegen faschistisches Gedankengut zu leisten.

Der Druck steigt. „Grundsätzlich begegnen uns viele engagierte Lehrerinnen, Schulsozial­arbeiterinnen und Eltern, die deutlich einen ‚antifaschistischen Grundkonsens‘ verinnerlicht haben, ob in der Stadt oder auf dem Land“, sagt Mehrer. Doch immer wieder scheitere ihr Engagement an strukturellen Problemen wie Finanznot oder Lehrerinnenmangel, an einer Kultur des Wegschauens sowie direkten Anfeindungen. Diese Dynamik beobachtet auch Aktivistin Poettinger: „Viele Lehrkräfte befinden sich in einem Hamsterrad, stehen kurz vor dem Burnout; da liegt es nahe, sich politisch zurückzuhalten, um noch mehr Stress zu vermeiden“, sagt sie. Währenddessen könne man ­beobachten, dass viele AfD-Politikerinnen Lehrkräfte waren beziehungsweise wieder sein werden. Ob Rechtsextreme tatsächlich massenhaft in Lehrjobs drängen? Amadeu-Stiftungsvertreter Winkler zweifelt daran: „Nach meiner Beobachtung sind dies noch Einzelfälle. Nerling und Höcke dürften die prominentesten, rechtsextremen Ex-Lehrer sein“, sagt er.  Dennoch bleibt die Beobachtung, dass sich die Grenze des Sagbaren nach rechts verschiebt und der Druck auf linke Lehrkräfte wächst. Aktivistin Poettinger erklärt das folgendermaßen: „Im Kapitalismus geht es eben denjenigen an den Kragen, die die Eigentumsordnung hinterfragen. Das tun Nazis nicht und Linke schon“, so Poettinger.

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„Ich möchte es nicht diskutieren. Punkt.“ https://ansch.4lima.de/ich-moechte-es-nicht-diskutieren-punkt/ https://ansch.4lima.de/ich-moechte-es-nicht-diskutieren-punkt/#respond Tue, 09 Dec 2025 09:05:09 +0000 https://anschlaege.at/?p=131296 Kann man Rassismus verlernen? İrem Demirci im Gespräch mit Josephine Apraku über die Bandbreite von Abwehrreaktionen, die Rolle von Emotionen und Anti-Diskriminierung in der Liebe. an.schläge: Du gestaltest u. a. diskriminierungskritische Workshops. Ist es möglich, Diskriminierung zu verlernen?Josephine Apraku: Es geht nicht unbedingt darum, zu sagen: Wir verlernen jetzt Diskriminierung. Der erste Schritt ist, überhaupt […]]]>

Kann man Rassismus verlernen? İrem Demirci im Gespräch mit Josephine Apraku über die Bandbreite von Abwehrreaktionen, die Rolle von Emotionen und Anti-Diskriminierung in der Liebe.

an.schläge: Du gestaltest u. a. diskriminierungskritische Workshops. Ist es möglich, Diskriminierung zu verlernen?
Josephine Apraku: Es geht nicht unbedingt darum, zu sagen: Wir verlernen jetzt Diskriminierung. Der erste Schritt ist, überhaupt wahrzunehmen, wo Diskriminierung in uns, in unserem Handeln, in unserem Denken, im Alltag um uns herum stattfindet. Also ein Lernprozess, der die Erkenntnis hervorbringt, wie häufig und normalisiert die unterschiedlichen Formen von Diskriminierung in unserem Alltag eigentlich sind. Sicherlich geht es auch um das Verlernen von diskriminierenden Verhaltensweisen, die ganz automatisiert passieren. Das übergeordnete Ziel von Diskriminierungskritik ist aber nicht, „bessere Menschen“ zu erschaffen, sondern zu überlegen, wie unsere Gesellschaft gerechter werden kann. Wie können z. B. Leute, die bisher weniger Zugang zu Bildung haben, einen gleichberechtigten Zugang bekommen? Deshalb glaube ich nicht im klassischen Sinne ans Verlernen, auch wenn der Begriff in diesem Kontext oft fällt.

Es gibt Menschen, die offen sind für Diskriminierungskritik. Aber was ist mit jenen, die kein Interesse an Veränderungen haben? Wie begegnest du Menschen in Workshops, die zunächst mit Abwehr reagieren?
Ich mache in der Regel keine Angebote, die verpflichtend sind für die Teilnehmenden, weil Veränderung immer mit Freiwilligkeit zusammenhängt. Aber auch in freiwilligen Kontexten habe ich natürlich mit einer unterschiedlichen Bandbreite von Abwehrreaktionen zu tun. Der Fokus meiner Arbeit sind nicht die Leute, die total anti sind, im Gegenteil. Ich versuche meine Energie sehr stark auf diejenigen zu fokussieren, die Veränderung wollen. Das finde ich wichtig, denn viel zu oft richten wir unsere Energie dorthin, wo wir eigentlich keine Veränderung bewirken können.

Was sind konkrete Methoden, die sich in deiner Erfahrung als besonders wirksam erwiesen haben? Hast du ein Beispiel aus deiner Arbeit?
Viele der Methoden, mit denen ich arbeite, habe ich mir selbst überlegt. Ich zeige in der Grundschule z. B. fünf Bilder, die auf dem afrikanischen Kontinent aufgenommen worden sind. Die Bilder sind sehr unterschiedlich. Vor der Übung sollen die Schülerinnen Assoziationen mit dem afrikanischen Kontinent aufschreiben. Die bleiben bei dann bei ihnen, die werden nicht ausgesprochen, weil in der Regel natürlich viele rassistische Reproduktionen kommen. Dann zeige ich das erste Bild und es wird geraten, wo das Bild aufgenommen worden ist. Zum Beispiel die Skyline von Nairobi. Da denken manche vielleicht Miami. Am Ende löse ich auf, dass alle Bilder auf dem afrikanischen Kontinent aufgenommen worden sind. Dann zeige ich auch ganz genau, wo. Anschließend bitte ich die Schülerinnen nochmal, ihre Assoziationen aufzuschreiben. In der Reflexionsrunde können sie neue Assoziationen teilen. Interessanterweise gibt es dann eigentlich keine rassistischen Reproduktionen mehr. Auch Drittklässlerinnen haben kein Problem, zu sagen: „Na ja, also wir sind eigentlich immer nur umgeben von negativen Bildern.“ Es geht hier immer darum, sich auf die bestehende Konstruktion zu beziehen und diese dann zu dekonstruieren. Und dabei muss ich mir überlegen, wie das funktionieren kann, wenn unterschiedliche Leute mit sehr unterschiedlichen Betroffenheiten und Erfahrungen im Raum sind.

Viele Menschen empfinden Diskussionen über Diskriminierung und Rassismus als sehr erschöpfend. Lohnen sich deiner Meinung nach diese Diskussionen oder braucht es andere Formen der Auseinandersetzung?
Ich glaube schon, dass diese Diskussionen lohnend sein können, aber sie brauchen einen bestimmten Rahmen. Ich arbeite gerne mit Emotionen. Der Forschungsbereich Racial Identity Development zeigt z. B. gängige Muster von weißen Menschen, wenn sie anfangen, sich mit Rassismus zu beschäftigen und das auch längerfristig tun. Und diese Muster werden eigentlich immer von Emotionen begleitet. Was diese Diskussionen oft anstrengend macht, ist schon die Definition von Diskriminierung. In der Regel treffen da Leute aufeinander, die sehr unterschiedliche Wissensstände haben und ein sehr unterschiedliches Verständnis von Diskriminierung. Und dann kommen noch Emotionen dazu. Diese Emotionen gilt es bewusst reinzuholen in die Diskussion, um dann drauf zu schauen, was hier gerade passiert. Warum löst die Rückmeldung, dass ein Begriff rassistisch ist, etwas in dir aus? Und was konkret ist es eigentlich? Vielleicht ist es Trauer oder Angst? Ich glaube, das Erste, was Leute wahrnehmen können, ist Wut, aber ganz oft stecken dahinter noch andere Sachen. Angst z. B., dass ich auf eine Art und Weise gesehen werden könnte, die nicht mit meinem Selbstbild zusammenpasst. Ich könnte als ein schlechter Mensch wahrgenommen werden. Dabei habe ich doch eigentlich diese und jene Werte. Und auf einmal zu merken: „Oh Mist, es gibt eine Diskrepanz zwischen den Werten, die ich für mich beanspruche, und der Realität meines Handelns.“ Diese Emotionen absichtsvoll reinzuholen, kann sehr fruchtbar sein.

In deinem Buch „Kluft und Liebe“ beschäftigst du dich damit, wie soziale Ungleichheit in Liebesbeziehungen eingeschrieben sein kann. Welche Möglichkeiten siehst du, diskriminierungskritische Perspektiven auch in Liebesbeziehungen einzubinden? Ich glaube, dass es keine sicheren Räume gibt, und damit stellt sich die Frage, was das eigentlich bedeutet. Menschen, die mehrfach privilegiert sind, müssen erkennen, dass sie selbst etwas davon haben, sich mit Diskriminierung auseinanderzusetzen. Es ist wichtig, sich als Team zu verstehen und zu sehen, welche Aufgaben sich daraus ergeben. Also z. B. bei der Familienfeier oder wenn das Kind Diskriminierung in der Schule erfährt. Das wirklich als gemeinsames Problem wahrzunehmen und dann zu gucken: Wie können wir dem auch gemeinsam begegnen. Menschen, die Marginalisierung erfahren, sollten ebenso darauf achten, was verinnerlichte Marginalisierung in ihrem eigenen Verhalten bewirkt. Also z. B. in diesen Momenten, in denen wir überangepasst agieren.

Wo siehst du denn die Grenzen von diskriminierungskritischer Bildungsarbeit?
Ich arbeite explizit nicht mit Leuten, die rechte Gesinnungen haben, also absichtsvolle und bewusste rechte Gesinnungen. Da ziehe ich eine Grenze. Und wenn ich z. B. eine Prozessbegleitung mache mit einer Organisation, dann habe ich keinen Einfluss darauf, was tatsächlich davon umgesetzt wird. Was die Leute konkret damit machen, kann sehr unterschiedlich ausfallen.

Was würdest du im Kontext von diskriminierungskritischer Arbeit Menschen, die selbst von Diskriminierung betroffen sind, raten?
In der Regel vermeide ich es dann, Ratschläge zu geben. Ich weiß, dass Überlebensstrategien einfach zutiefst persönlich sind. Ich spreche auch absichtsvoll von Überlebensstrategien, weil sie meist genau das sind. Aber wozu ich Leute immer versuche zu ermutigen, ist klarer zu werden mit den eigenen ­Grenzen. Für „Kluft und Liebe“ habe ich auch mit Paartherapeutinnen und psychologischen Psychotherapeut*innen gesprochen. Die haben mir gespiegelt, dass sie in ihrer Praxis damit konfrontiert sind, dass Diskriminierung oft mit unterschiedlichen Arten von Grenzüberschreitungen einhergeht: das Berühren von Körpern, Zuschreibungen, auf deren Grundlage dann gehandelt wird. Im Kontext meiner Arbeit erlebe ich immer wieder, wie schwer es Menschen fällt, Grenzen zu setzen in Bezug auf ihre eigenen Kapazitäten. Diesbezüglich versuche ich sie zu bestärken: Du musst die Diskussion nicht führen, wenn du den Eindruck hast, da kommt nichts raus. Du kannst einfach sagen: Ich möchte es nicht diskutieren. Punkt. Menschen, die von Rassismus betroffen sind, durchlaufen auch unterschiedliche Phasen: Auf welche Diskussionen lasse ich mich ein und auf welche irgendwann nicht mehr ein? Wo bringt es etwas? Das ist ein wichtiger Lernprozess.

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an.sage: Offener Faschismus https://ansch.4lima.de/an-sage-offener-faschismus/ https://ansch.4lima.de/an-sage-offener-faschismus/#respond Tue, 21 Oct 2025 13:05:24 +0000 https://anschlaege.at/?p=130149 Von Lea Susemichel Wir sind alle Antifa“ nennt sich eine aktuelle Kampagne der „Roten Hilfe“, die der Kriminalisierung von Antifaschismus entgegentreten will. Woran damit erinnert werden soll: Antifaschismus ist das Herz jeder Demokratie. Es bedeutet, für Menschenrechte, Rechtsstaatlichkeit und gegen Autoritarismus einzutreten. Diese Erinnerung ist offenbar bitter nötig, schließlich wird der antifaschistische Nachkriegskonsens gerade vor […]]]>

Von Lea Susemichel

Wir sind alle Antifa“ nennt sich eine aktuelle Kampagne der „Roten Hilfe“, die der Kriminalisierung von Antifaschismus entgegentreten will. Woran damit erinnert werden soll: Antifaschismus ist das Herz jeder Demokratie. Es bedeutet, für Menschenrechte, Rechtsstaatlichkeit und gegen Autoritarismus einzutreten.

Diese Erinnerung ist offenbar bitter nötig, schließlich wird der antifaschistische Nachkriegskonsens gerade vor unserer aller Augen demontiert. Obwohl der Kampf gegen den Faschismus in den USA bisher besonders identitätsstiftend und eng mit dem Nationalstolz verknüpft war – kein patriotischer US-Blockbuster ohne Nazischurken –, vollzieht sich die Demontage dort rasend schnell. Präsident Trump hat nicht nur die Antifa als terroristische Organisation eingestuft, sondern auch alle, die mit der „Antifa verbündet“ sind. Mit dieser so vagen wie weiten Definition kann nun potenziell jedes zivilgesellschaftliche Engagement, das sich gegen Neonazismus richtet, kriminalisiert werden.

„Die zweite Trump-Administration ist nicht dieselbe wie die erste: Sie ist viel offener faschistisch und autoritär und viel stärker darauf konzentriert, die Machtzentren der Opposition zu zerstören“, kommentiert der Historiker Mark Bray, der zur Geschichte des Antifaschismus forscht und an der Rutgers University lehrt. Mitte Oktober musste er nach Morddrohungen mit seiner Familie aus den USA nach Spanien fliehen. Die Todesdrohungen, die er erhalten hatte, waren das direkte Resultat einer Doxing-Kampagne von Turning Point USA, der Organisation des ermordeten Rechtsextremen Charlie Kirk. Es waren auch mehrheitlich Vertreter*innen von Turning Point, die im Oktober zu Trumps „Antifa-Roundtable“ ins Weiße Haus geladen wurden. Dabei wurde antifaschistischer Widerstand mit organisierter Kriminalität und Drogenkartellen gleichgesetzt, gegen die notfalls auch militärisch vorgegangen werden sollte.

Erschreckend ist auch der Antisemitismus, der seit der politischen Instrumentalisierung von Charlie Kirks Ermordung durch die MAGA-Bewegung völlig unverhohlen ist. So wird behauptet, der israelische Geheimdienst Mossad stecke hinter dem Mord an Kirk (andere halten freilich weiterhin daran fest, dass der internationale „Transterror“ verantwortlich zu machen sei), und es sei jüdisches Kapital, das die antifaschistische Linke finanziere. Die Heraufbeschwörung eines „inneren Feindes“ – dem die Antifa, Migrant:innen, die Woken, trans Menschen und im Zweifelsfall sogar Demokrat:innen zugerechnet werden – folgt dabei dem Lehrbuch autoritärer Machtergreifung, an der auch die ultra-rechtsliberale Tech-Broligarchie begeistert mitwirkt. Widerstand an sich wird kriminalisiert und Antifaschismus ist der neue Faschismus, den es zu bekämpfen gilt. Ein propagandistischer Wahnsinn, der in den vergangenen Jahren mit dem Kampf gegen „Wokeness“, die vermeintlich die wahre Bedrohung unserer Demokratie sei, gut vorbereitet wurde und dem leider auch von links nicht geschlossen entgegengetreten wurde. Es wäre nun an der Zeit.

Auch Ungarn stuft die Antifa per Dekret als terroristisch ein, der niederländische Rechtspopulist Geert Wilders hat ebenfalls einen entsprechenden Antrag eingebracht. Maja T. sitzt weiterhin in Isolationshaft in Ungarn, wohin die deutschen Behörden T. aufgrund des Vorwurfs eines Angriffs auf Rechtsextreme beim „Tag der Ehre“ in Budapest 2023 unzulässigerweise ausgeliefert haben. Bei einer Verurteilung drohen bis zu 24 Jahre Haft.

Ein Kanzler Kickl, der auf dem letzten FPÖ-Parteitag die „dritte Republik“ und eine „Zeitwende,“ einen „großen Systemwechsel“ heraufbeschworen hat, wäre sicher ganz vorne mit dabei gewesen beim Antifa-Verbot. In Österreich haben die Angriffe auf Antifaschismus durch die FPÖ schließlich Tradition. Hierzulande wurde auch vorgemacht, wie so ein Anti-Terroreinsatz gegen Antifaschismus konkret aussehen kann, als im Sommer am Erinnerungs- und Gedenkort Peršmanhof, auf dem 1945 zwei Familien mit sieben Kindern von SS-Schergen ermordet wurden, eine Polizeirazzia mit Hundertschaft und Hubschrauber stattfand – wegen eines antifaschistischen Zeltlagers dort.
Der Einsatz wird nun zwar geprüft, geprüft wird aber auch, ob eine teilnehmende Person mit deutscher Staatsbürgerschaft aus Österreich ausgewiesen werden kann. Wir sind alle Antifa.

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Feminist Superheroine: Hermila Galindo https://ansch.4lima.de/feminist-superheroine-hermila-galindo/ https://ansch.4lima.de/feminist-superheroine-hermila-galindo/#respond Tue, 21 Oct 2025 12:59:21 +0000 https://anschlaege.at/?p=130145 Hermila Galindo (1886-1954) war eine mexikanische Feministin und Schriftstellerin. Sie kritisierte die katholische Kirche und forderte radikale feministische Reformen in Bildung und Gesellschaft, setzte sich für schulischen Sexualkundeunterricht, das Frauenwahlrecht und das Recht auf Scheidung ein. Nach dem frühen Tod ihrer Mutter wuchs sie bei ihrer Tante auf. Mit 13 Jahren unterrichtete sie Kinder in […]]]>

Hermila Galindo (1886-1954) war eine mexikanische Feministin und Schriftstellerin. Sie kritisierte die katholische Kirche und forderte radikale feministische Reformen in Bildung und Gesellschaft, setzte sich für schulischen Sexualkundeunterricht, das Frauenwahlrecht und das Recht auf Scheidung ein. Nach dem frühen Tod ihrer Mutter wuchs sie bei ihrer Tante auf. Mit 13 Jahren unterrichtete sie Kinder in Stenografie und Schreibmaschine. 1911 zog sie nach Mexiko-Stadt und gründete 1915 die feministische Zeitschrift „La Mujer Moderna“, in der sie Gleichstellung, Bildung und sexuelle Selbstbestimmung forderte. Sie arbeitete eng mit dem mexikanischen Revolutionär und Politiker Venustiano Carranza zusammen, der von 1914 bis 1920 Staatspräsident von Mexiko wurde. 1917 kandidierte sie auch selbst für ein Abgeordnetenmandat, erhielt die Mehrheit der Stimmen, durfte das Amt aber aufgrund des fehlenden Frauenwahlrechts nicht antreten. 

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„Wir brauchen jetzt schon Hilfe“ https://ansch.4lima.de/wir-brauchen-jetzt-schon-hilfe/ https://ansch.4lima.de/wir-brauchen-jetzt-schon-hilfe/#respond Tue, 21 Oct 2025 12:55:40 +0000 https://anschlaege.at/?p=130141 In Österreich leiden mehr als 70.000 Personen an ME/CFS. Die Covid-19-Pandemie hat der Erkrankung Aufmerksamkeit verschafft – die Betroffenen aber werden weiterhin mit ihren Beschwerden und finanziellen Sorgen allein gelassen. Von Salme Taha Ali Mohamed Mit einem geblümten Gehstock in einer Hand und dem festen Griff ihres Freundes an der anderen, steigt Magdalena* aus dem […]]]>

In Österreich leiden mehr als 70.000 Personen an ME/CFS. Die Covid-19-Pandemie hat der Erkrankung Aufmerksamkeit verschafft – die Betroffenen aber werden weiterhin mit ihren Beschwerden und finanziellen Sorgen allein gelassen. Von Salme Taha Ali Mohamed

Mit einem geblümten Gehstock in einer Hand und dem festen Griff ihres Freundes an der anderen, steigt Magdalena* aus dem Zug. Eingehüllt in einen langen Mantel, ausgestattet mit einer speziellen Sonnenbrille, gewaltigen Kopfhörern und einer FFP2-Maske wirkt es so, als versuche sie sich vor der Welt zu verstecken. Die Sonne brennt auf den Bahnsteig am Westbahnhof, die Temperaturanzeige zeigt mehr als 30 Grad und trotzdem bleibt Magdalena vollkommen bedeckt. Nicht, weil ihr kalt ist, sondern um sich auf ihrem Weg zur Fachärztin vor der Sonne zu schützen. Magdalena zählt zu den mehr als 70.000 Menschen in Österreich, die am Myalgischen Enzephalomyelitis/Chronischen Fatigue Syndrom leiden.
Bei der Krankheit, die unter der Abkürzung ME/CFS bekannt ist, handelt es sich um eine chronische neuroimmunologische Multisystemerkrankung. Die Betroffenen – zu rund zwei Dritteln Frauen – leiden unter schwerer körperlicher und mentaler Dauererschöpfung, die nicht mit alltäglicher Müdigkeit verglichen werden kann. Ihre Leistungsfähigkeit ist drastisch eingeschränkt, wobei die Schwere der Symptome sehr unterschiedlich ausgeprägt ist. Selbst Aktivitäten wie Lesen oder Kochen werden für manche plötzlich zur Herausforderung. In schweren Fällen ist es unmöglich, sich weiterhin selbst zu versorgen.
Diese Verantwortung übernehmen dann Familie und Partner*innen, wie das auch bei Magdalena der Fall ist. Ihre Gesundheit hat sich seit der Infektion mit SARS-CoV-2 und dem darauffolgenden Ausbruch von Post-Covid und ME/CFS vor knapp drei Jahren derart verschlechtert, dass die 29-Jährige inzwischen bettlägerig geworden ist. „Ich war viermal geimpft, als ich mich ansteckte. Es war das erste und einzige Mal, dass ich Corona hatte“, erinnert sie sich. Nach zwei Wochen werde die Infektion überstanden sein, war sie damals noch überzeugt. „Aber die Symptome klangen nie wieder ab. Ich war noch Wochen danach ständig erschöpft und hatte Gliederschmerzen.“ Schlimmer noch: Je mehr Zeit verging, desto schlechter ging es ihr. Mittlerweile bewegt sich Magdalena hauptsächlich im Rollstuhl fort. Den Traum vom Doktoratsstudium musste sie aufgrund der Krankheit aufgeben.

Nicht ernst genommen. Die Ursachen für ME/CFS bleiben weitgehend ungeklärt. Bislang konnten virale Infektionen, wie Epstein-Barr oder SARS-CoV-2, als Auslöser für die chronische Krankheit identifiziert werden. Laut der Österreichischen Gesellschaft für ME/CFS und der Medizinischen Universität Wien können u. a. auch bakterielle Infekte oder Schädel- und Halswirbelsäulentraumata dazu beitragen. In Österreich wird die Zahl der Betroffenen nicht offiziell erfasst. Das Nationale Referenzzentrum für postvirale Infekte geht auf Grundlage von internationalen Studien davon aus, dass rund 0,8 Prozent der Bevölkerung an der Erkrankung leiden. Die ÖG ME/CFS berechnete, dass das eine Betroffenenzahl von 73.600 Personen für das Jahr 2025 in Österreich bedeutet. Hinzu kommt eine hohe Dunkelziffer, da ME/CFS oft falsch diagnostiziert wird. „Da so viele junge Frauen daran erkranken, werden die Betroffenen von den Ärztinnen häufig nicht ernst genommen. Man wird schnell in die Psycho-Ecke gesteckt“, weiß Barbara. Die Journalistin musste ihren Beruf aufgrund der Erkrankung graduell aufgeben. Heute betreibt sie einen Online-Blog über Post-Covid und ME/CFS, recherchiert und schreibt, wenn sie ein bis zwei Stunden die Kraft dafür hat. Aus ihren eigenen Erfahrungen und derer von Bekannten weiß sie, dass nicht nur mutwillige Ignoranz zur Unterversorgung der Betroffenen beiträgt – es gibt schlichtweg nicht genug Ärztinnen in Österreich, die sich auf die Krankheit spezialisiert haben. „Und die Spezialistinnen sind privat zu bezahlen und so überlaufen, dass man monatelang auf einen Termin wartet.“

Schleichender Rückzug. Dementsprechend lange kann die Diagnose in Anspruch nehmen: durchschnittlich 18 Monate, wie das Meinungsforschungsinstitut „Patientenstimme“ und die Partnerorganisation „NichtGenesen“ 2024 bei einer Umfrage mit 1.026 Personen aus dem deutschsprachigen Raum herausfand. Betroffene werden so nicht nur allein gelassen. Es kommt auch vor, dass sie falsche Behandlungsmethoden verordnet bekommen, die dauerhafte Schäden hinterlassen. „Nachdem ich auf der Reha war, die mir mein Arzt verordnet hat, ging es mir nur noch schlechter. Ich erlebte dort meinen ersten Crash“, erzählt Barbara. Mittlerweile leidet sie an konstanter körperlicher und geistiger Erschöpfung, Muskel- und Halsschmerzen sowie an „Post-Exertioneller-Malaise“ (PEM). PEM wird umgangssprachlich als „Crash“ oder Belastungs-Erholungsstörung bezeichnet und ist das Leitsymptom der Krankheit. Sie tritt auf, nachdem die Betroffenen eine Tätigkeit ausgeführt haben, die ihre Belastungsgrenzen überschreitet. Je nach Schwere der Erkrankung kann das ein Spaziergang, ein Arzttermin oder auch nur zu viel Lärm sein. „Meine Familie und Freundinnen sehen mich nur an meinen guten Tagen und denken dann, dass es mir eh nicht so schlecht geht. Aber sie sehen nicht, wie lange ich mich nach ihrem Besuch im Bett ausruhen muss und mir nicht einmal etwas zu essen machen kann“, berichtet Barbara. Das Achten auf die eigenen Grenzen ist das A und O zur Linderung der Symptome. Gleichzeitig bedeutet es, dass viele Erkrankte aus der Öffentlichkeit verschwinden – nicht nur, weil sie ihre Berufe nicht mehr wie zuvor ausüben können, sondern auch, weil sie in ihrem Privatleben zurückstecken müssen. Zunehmende Vereinsamung ist die Konsequenz.

Mit Einsamkeit hat auch die 27-jährige Janis* seit rund einem Jahr zu kämpfen. Sie kannte die Symptome von ME/CFS bereits von ihrem Ex-Partner, als sie erstmals bei ihr selbst ausbrachen. „Ich habe ihn gegen Ende unserer Beziehung noch viel begleitet. Deswegen konnte ich es relativ schnell zuordnen“, sagt sie.
Durch ihn kam Janis auch an Fachärzt*innen und eine Diagnose. „Ich hatte einfach Glück“, resümiert die Grafikerin. „Ansonsten hätte ich wahrscheinlich erst nach Monaten realisiert, was mit mir passiert.“ Das ermöglichte Janis auch, ihren Alltag frühzeitig an ihre neuen Grenzen anzupassen und eine weitere Verschlechterung zu vermeiden. „Dadurch, dass ich nur leicht betroffen bin, kann ich mich gut selbst versorgen“, erzählt sie. Ihre sozialen Kontakte aber haben sich mit der Zeit verringert, weil sie immer wieder Einladungen ausschlagen musste. Janis lebt alleine in der Wohnung, in der sie sich die meiste Zeit aufhalten muss. „Mittlerweile kann ich wieder mehr Sachen unternehmen, wie mich mit Freundinnen in einem Café zu treffen oder spazieren zu gehen. Aber es ist schwer, sich wieder ins soziale Leben zurückzukämpfen. Dieses Jahr der Vereinsamung hat viel mit mir gemacht“, schildert sie. Sie habe etwa das Gefühl verloren, wie man mit Menschen umgeht und verlernt, körperliche Zuneigung zu zeigen – auch, wenn es das ist, was sie manchmal besonders braucht, wenn sie keine Energie zum Sprechen hat.
Zu viele Versorgungslücken. Für die drei Frauen ist klar: Es muss noch viel getan werden, um über ME/CFS und deren Auswirkungen auf die Betroffenen aufzuklären. Besonders im österreichischen Gesundheitswesen besteht dringender Aufholbedarf. Noch 2024 hatte Gesundheitsminister Johannes Rauch einen Nationalen Aktionsplan zu postakuten Infektionssyndromen angekündigt. Dieser beinhalte wichtige Maßnahmen zur Schließung der Versorgungslücken. Schließlich hieß es aber, die Implementierung müsse auf unbestimmte Zeit verschoben werden. Der Grund: Es seien noch weitere Überarbeitungen notwendig. „Wir brauchen jetzt schon Unterstützung und nicht erst in ein paar Jahren“, sagt Janis.
„Zumindest hat es das neue Referenzzentrum für postvirale Syndrome erreicht, dass Medikamente für andere Krankheiten, die auch bei ME/CFS helfen, von Ärzt*innen verschrieben werden können“, sagt Barbara. „So wurde wenigstens in der Praxis der Zugang zu Behandlungen erleichtert.“ Das Zentrum bietet zusätzlich Fortbildungen für Ärzt*innen zu ME/CFS an. Zugleich gibt es bislang keine öffentlichen Anlaufstellen, an die sich die Erkrankten wenden können. Die Erste soll voraussichtlich noch diesen Herbst in Salzburg eröffnet werden.

Salme Taha Ali Mohamed schrieb u. a. für das biber-Magazin, social attitude, die BezirksZeitung und MO – Magazin für Menschenrechte.

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„Auch die besten Typen sind Komplizen des Patriarchats“ https://ansch.4lima.de/auch-die-besten-typen-sind-komplizen-des-patriarchats/ https://ansch.4lima.de/auch-die-besten-typen-sind-komplizen-des-patriarchats/#respond Tue, 21 Oct 2025 12:31:12 +0000 https://anschlaege.at/?p=130135 Die feministische französische Philosophin Manon Garcia hat ein so bahnbrechendes wie packendes Buch geschrieben: „Mit Männern leben. Überlegungen zum Pelicot-Prozess“. Julia Pühringer hat sie zum Gespräch getroffen. Manon Garcia begreift Philosophie als feministisches Werkzeug, um die Strukturen des Patriarchats unter die Lupe zu nehmen. Bereits in „Wir werden nicht unterwürfig geboren. Wie das Patriarchat das […]]]>

Die feministische französische Philosophin Manon Garcia hat ein so bahnbrechendes wie packendes Buch geschrieben: „Mit Männern leben. Überlegungen zum Pelicot-Prozess“. Julia Pühringer hat sie zum Gespräch getroffen.

Manon Garcia begreift Philosophie als feministisches Werkzeug, um die Strukturen des Patriarchats unter die Lupe zu nehmen. Bereits in „Wir werden nicht unterwürfig geboren. Wie das Patriarchat das Leben von Frauen bestimmt“ erkundete sie auf den Spuren von Simone de Beauvoir, wie es um die Wahlfreiheit der Frauen im Patriarchat bestellt ist. „Das Gespräch der Geschlechter“ wiederum widmet sich der Philosophie des sexuellen Konsens und seinen rechtlichen, moralischen und politischen Fragen. Im Zentrum steht bei allen Texten von Garcia die Frage danach, wie sich geschlechtsspezifische Ungerechtigkeiten in unseren täglichen Beziehungen manifestieren. Für „Mit Männern leben“ hat Manon Garcia den Fall Pelicot begleitet. Garcia dokumentiert den historischen großen Prozess, „der zeigt, dass Prozesse niemals ausreichen werden“. Die Frage, die Garcia stellt, ist beängstigend, weil wir die Antwort kennen: „Könnte es sein, dass ein Otto Normalbürger bereitwillig die schlafende Frau seines Nachbarn vergewaltigt, wenn man ihm die Gelegenheit dazu gibt?“ Hätte Gisèle Pelicot ohne die #MeToo-Bewegung den Prozess öffentlich stattfinden lassen? Vermutlich nicht. Hätte ein Opfer ohne Beweise auf Videos eine Chance gehabt? Vermutlich auch nicht.

an.schläge: Je mehr man die Situation von Frauen erforscht, desto mehr klingt man wie eine Verschwörungstheoretikerin, kennen Sie das Gefühl?
Manon Garcia: Ja, das ist wahr. Aber es ist natürlich interessant, dass Männer sagen, es kann doch gar nicht so schlimm sein, wenn sie im Alltag zulassen, dass es so schlimm ist. Auch die besten Typen sind Komplizen des Patriarchats.

Es ist halt irre leicht, „ein guter Typ“ zu sein, die Latte liegt nicht hoch.
Es gibt diesen Witz: „A guy walks into a bar because it is so low.“

Ist der Kampf für Feminismus derselbe wie der gegen den Faschismus? Oder ist das zu vereinfacht dargestellt?
Ich fürchte, das ist zu optimistisch: Es wäre toll, wenn nur die Faschisten klassische Antifeministen wären. Es ist möglich, dass die deutsche Linke nicht so sexistisch ist wie die französische, aber Sexismus ist wirklich überall. Gerade eben war das allererste Mal eine Frau mit ihrem Baby im Bundestag! Als ich mein erstes Kind bekam, hatte ich eine sehr ­fancy Postdoc-Stelle in Harvard, die es seit fast hundert Jahren gibt. Ich und eine Frau, die ihr Kind zwei Wochen vor mir bekam, waren die ersten beiden Frauen, die währenddessen ein Kind bekamen.

In Österreich – und das ist in Frankreich sicher ähnlich – gibt es einige männliche Philosophen, die in Talkshows herumgereicht werden, egal zu welchem Thema. Ich denke mir dann immer, die weiße männliche Perspektive wird uns in den aktuellen Katastrophen nicht weiterhelfen.
Das ist der Unterschied: Ich spreche nicht über Fragen, bei denen ich keine Expertin bin. Es stimmt natürlich, viele Männer haben nicht so viele Bedenken, was die Autorität ihrer Aussagen betrifft. Aber die Lösung ist letztlich nicht, das Selbstbewusstsein eines mittelmäßigen weißen Mannes zu haben, ich will ja nicht, dass mehr Leute so sind, sondern eher weniger.

Auf eine Weise wirkt es, als hätten Ihre früheren Bücher direkt zu diesem geführt. Stimmt das?
Ich habe diesen Gerichtsprozess nicht als Philosophin besucht, sondern als Expertin für die Themen, die er behandelt. Ein Anwalt von Gisèle Pelicot hat sich auch stark auf meine Arbeit bezogen, er meinte, es war das wichtigste Buch bei seiner Vorbereitung. Also dachte ich, ich bin auf eine Weise sowieso Bestandteil des Prozesses und ich bin quasi aus der Bibliothek in die richtige Welt gezogen.

Sie zitieren sehr viele Expertinnen in Ihrem Buch und auch die Sprache ist inklusiver – war das Absicht?
Mein Deutsch ist inzwischen besser (lacht), das Buch war das erste, bei dem ich auch die deutsche Übersetzung gelesen habe. Da habe ich dann gesagt, wo es eine inklusivere Sprache braucht. Von wegen Expertinnen: Ganz ehrlich, es arbeiten einfach kaum Männer zu den Themen, die ich interessant finde.

Die Dinge, über die Sie schreiben, sind fürchterlich, gleichzeitig schreiben Sie aber über den Akt des Darüber-Schreibens, darüber, wie man eine adäquate Sprache dafür findet. Wie war das, abends nach dem Prozess auch noch diese neue Sprache zu finden?
Die Frage stellte sich mir eher, weil ich stinksauer war darüber, wie andere über den Prozess geschrieben und gesprochen haben. Wenn man stinksauer ist wegen des Zustands der Welt und die eigene Arbeit als eine Art Wiedergutmachung betrachtet, dann ist das tatsächlich eine beruhigende Tätigkeit.

Auch, den Ärger dazu zu verwenden, die Probleme zu beschreiben, die hinter dem Prozess stehen, die andere Leute gar nicht sehen.
Ich wollte mir eigentlich nur zwei Tage lang die Atmosphäre anschauen. Aber dann ist mir klargeworden, es reicht nicht, den Fall nur über die Zeitungen zu verfolgen, weil diese Journalistinnen und Journalisten nicht sehen, was ich sehe. Sie waren Reporter:innen, aber keine feministischen Philosoph:innen.

Wie können wir die Welt ändern zu einer Gesellschaft, in der so etwas wie der Fall Pelicot nicht länger möglich ist?
Als Philosophin kann ich den Menschen Konzepte geben, die die Gesellschaft so verändern, dass sich die Welt verändert. Meine Mutter hat Deleuze, Foucault und Lacan gelesen – ich habe versucht, das zu verstehen, aber ich bin gescheitert. Ich war 15 und dachte, diese Typen sind angeblich links, aber sie schreiben so, dass man sich ausgeschlossen fühlt. Ich möchte in einer Weise schreiben, die Menschen Werkzeuge gibt, um anderer Meinung zu sein. Das habe ich mit diesem Buch versucht: Werkzeuge zu schaffen, mit denen man diesen Prozess verstehen kann, aber auch andere Dinge im Leben oder auch über eine selbst. Dafür sind die Geisteswissenschaften da.

Ich kenne das Gefühl gut aus dem Kino. Bei all diesen Filmen, die man unbedingt gesehen haben musste, fühlte ich mich als 15-Jährige nicht mitgemeint. Die ganze Nouvelle Vague ist so irre misogyn.
Ich habe in einer Lehrveranstaltung in den USA „Außer Atem“ von Jean-Luc Godard gesehen und habe meine Mutter angerufen und gefragt, was zur Hölle ist los mit deinem Freund. Kino bildet natürlich die Welt ab, in der wir leben. Ich finde das bei all diesen Cancel-Culture-Diskussionen sehr erfrischend: Wie cool ist es, dass wir inzwischen Woody-Allen-Filme sexistisch finden. Das bedeutet, die Welt hat sich geändert. Das, was früher normal schien, wirkt heute völlig bizarr.

Im Buch über die Unterwerfung sprechen Sie auch darüber, warum Frauen manchmal bei diesem Spiel mitspielen. Manchmal lohnt es sich und man wird nicht so gehasst, wie wenn man sagt: Das ist doch alles völliger Mist.
Oder es gibt die dritte Option: Du bist cool, sagst deinem Mann: Ich mach diese ­Sexsachen nicht mehr, die du möchtest. Ich bin zu alt für den Scheiß. Du kannst gern mit anderen Frauen schlafen, lass mich in Ruhe. Und am nächsten Tag beschließt dein Mann, dass er dich unter Drogen setzt. Weil: Wer glaubst du eigentlich, dass du bist? Er hat das wirklich so gesagt, es war sein Ziel, eine nicht unterwürfige Frau zu unterwerfen. Das hat völlig verändert, wie ich darüber denke. Wir werfen Frauen vor, wenn sie sich unterwerfen, aber wenn sie es nicht freiwillig tun, werden sie gezwungen, sich zu unterwerfen. Es gibt Statistiken, die sich damit beschäftigen, warum Frauen Sex akzeptieren, den sie nicht wollen. Und Grund Nummer eins ist, dass sie nicht vergewaltigt werden wollen. Es ist also besser, Sex zu haben, den man nicht will, als dazu gezwungen zu werden. Frauen wissen ganz genau, wenn sie nicht freiwillig den Wünschen der Männer ­nachgeben, wird man sie dazu zwingen.

We are so fucked.
Ich weiß nicht, das ist ganz offensichtlich nicht mein optimistischstes Buch, aber wir hielten vieles davon für unveränderlich, und inzwischen gibt es ganz andere Vorstellungen davon, wie Sex aussehen kann. Es gibt Hoffnung, dass Beziehungen zwischen Mann und Frau anders aussehen können. Wenn konservative Männer ein toxisches Männlichkeitsbild vertreten, liegt das u. a. daran, wie sehr ein anderes Männlichkeitsbild inzwischen Einzug gehalten hat.

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Nicht weniger als die ganze Welt https://ansch.4lima.de/nicht-weniger-als-die-ganze-welt/ https://ansch.4lima.de/nicht-weniger-als-die-ganze-welt/#respond Tue, 21 Oct 2025 12:27:30 +0000 https://anschlaege.at/?p=130132 Tech-Autokraten wollen nicht bloß fette Gewinne schreiben, sondern die Gesellschaft nach ihren Vorstellungen umformen. Was tun? Von Brigitte Theissl Man realisiert, dass man in seltsamen Zeiten lebt«, schreibt Journalistin Laura Bullard, „wenn einer der einflussreichsten Milliardäre der Welt Theorien über den Weltuntergang verbreitet, die im Wesentlichen von einem Nazi-Juristen stammen.“ Für das Tech-Medium „Wired“ machte […]]]>

Tech-Autokraten wollen nicht bloß fette Gewinne schreiben, sondern die Gesellschaft nach ihren Vorstellungen umformen. Was tun? Von Brigitte Theissl

Man realisiert, dass man in seltsamen Zeiten lebt«, schreibt Journalistin Laura Bullard, „wenn einer der einflussreichsten Milliardäre der Welt Theorien über den Weltuntergang verbreitet, die im Wesentlichen von einem Nazi-Juristen stammen.“ Für das Tech-Medium „Wired“ machte Bullard sich auf die Reise, um den Werdegang und somit auch die Überzeugungen von Peter Thiel zu verstehen. Als Leserin ist man versucht, die abstrusen und menschenfeindlichen Ideen des Milliardärs als Spinnereien beiseitezuschieben – würden sie nicht indirekt uns alle betreffen. So ist Thiel, wie Bullard auflistet, „ein Investor, der sowohl bei Facebook als auch bei der KI-Revolution die finanziellen Weichen gestellt hat, Mitbegründer von PayPal und Palantir und er hat die Karriere eines amerikanischen Vizepräsidenten ins Rollen gebracht.
Wenn Thiel in einem Podcast davon spricht, dass Greta Thunberg der neue Antichrist sein könnte, meint er das tatsächlich ernst. Seit rund zwei Jahren tingelt der Tech-Milliardär als Vortragender umher und warnt sein Publikum vor dem Untergang der Menschheit, konkret vor allen Kräften, die Fortschritt – so wie Thiel ihn versteht – verhindern: vor internationalen Organisationen wie der UNO etwa, vor Klimaschützer:innen und Menschenrechts-NGOs. Dabei beruft er sich auf seinen starken christlichen Glauben ebenso wie auf den französischen Philosophen René Girard oder Carl Schmitt – jener einflussreiche Staatstheoretiker und Jurist, der 1933 in die NSDAP eintrat.

Privater Überwachungsstaat. Die Softwarefirma Palantir ist Teil der Visionen Thiels für eine neue Gesellschaftsordnung frei von demokratischen Institutionen. Einen Einblick in diese Welt gibt die sogenannte Sonder­entwicklungszone auf der honduranischen Insel Roatán, wo Ultralibertäre einem Raubtierkapitalismus freien Lauf lassen. Gegründet unter der autoritären Regierung von Juan Orlando Hernández ist auch Thiel wichtiger Geldgeber der Organisation dahinter.

Palantirs Programme sind indes dazu in der Lage, riesige, unterstrukturierte Daten-mengen KI-gestützt zu analysieren. Schon früh arbeiteten die Gründer mit der CIA zusammen und zählen heute u. a. auch Hessen und Bayern zu ihren Kund:innen. Nie dagewesene Möglichkeiten der Überwachung und Kontrolle eröffnen sich: In den USA unterstützt Palantir aktuell die Abschiebebehörde ICE und soll laut Vertrag eine Plattform zur Echtzeitverfolgung von Migrant:innenbewegungen für die Regierung entwickeln.
Peter Thiel ist Teil einer neuen Generation von Tech-Gründern, die sich längst nicht mehr damit zufriedengeben, jährlich ein iPhone auf den Markt zu bringen und damit stein-reich zu werden. Männer wie Thiel, Alex Karp (Palantir-CEO), Elon Musk oder der Entwickler und Investor Marc Andreessen wollen die Welt vielmehr nach ihren Vorstellungen formen. Gemein sei ihnen die „Verachtung der alten Eliten“, sagt Autor und italienischer Regierungsberater Giuliano da Empoli im „Spiegel“-Interview: „Das Ziel ist es, das alte System zu zerstören. Die liberale Demokratie soll weg, ihre Eliten, ihre Regeln, ihre Institutionen.“ In Autokraten wie Donald Trump und Javier Milei haben sie ihre natürlichen Verbündeten gefunden – europäische Politiker:innen des alten Schlags würden ihnen hilflos gegenüberstehen, sagt da Empoli. Techmilliardäre, das seien vor wenigen Jahren noch junge Männer in Kapuzenpullis gewesen, die in Garagen an Ideen für das nächste große Ding feilten. Politiker:innen wiederum hätten das Wachstum gesehen, das sie generierten, hofften auf Arbeitsplätze – und taten erst mal: nichts, analysiert Empoli.

SEITE AN SEITE. Tatsächlich ist es keine zehn Jahre her, als selbst progressive Politiker:innen sich gerne mit den heutigen „Broligarchen“ zeigten. Barack Obama etwa war für seine besonders Silicon-Valley-freundliche Politik bekannt. Für die Anliegen der „Innovatoren“ hatte der ehemalige Präsident stets ein Ohr, beim „Global Entrepreneurship Summit“ 2016 in Stanford teilte er mit Mark Zuckerberg die Bühne und lobte die Visionen der Unternehmer:innen, denen es „nicht nur ums Geld-verdienen“ ginge, sondern darum, Menschen zusammenzubringen und die Gesellschaft zu verbessern. Die Investigativjournalistin Carole Cadwalladr, die gemeinsam mit Kolleg:innen den Facebook-Skandal rund um Cambridge Analytica aufgedeckt hat, als unrechtmäßig Daten von Millionen Facebook-Usern für politische Zwecke missbraucht wurden, sieht das ganz anders: „Ich glaube, dass sie in Amerika gerade einen technoautoritären Überwachungsstaat aufbauen“, sagte sie im Interview mit John Stewart im Juni. Die Unternehmer:innen aus dem Silicon Valley versammeln sich auch deshalb so freimütig rund um Donald Trump, weil seine Administration verspricht, Regulatorien für das große Geschäft mit KI beiseitezuräumen.

„MALE CHAUVINIST PIG OF THE YEAR“. Das Silicon Valley hat sich indes keineswegs über Nacht in einen Autokraten-Club verwandelt. Der liberale Ruf der Tech-Unternehmer sei immer schon irreführend gewesen, schreibt die US-amerikanische Wissenschafterin Becca Lewis im „Guardian“. Es sei vielmehr immer schon ein reaktionärer Ort gewesen, an dem Reichtum, Macht und traditionelle Männlichkeit gefeiert wurden. Schon in den Achtzigern und Neunzigern tummelten sich dort Männer, die vor Political Correctness warnten – als Ideal diente ihnen der aggressive, risikoliebende Unternehmer, wie Lewis nachzeichnet. So verbreitete der im Valley verehrte Autor George Gilder, 1974 von der National Organization for Women zum „Male Chauvinist Pig of the Year“ ernannt, leidenschaftlich misogyne Ideen und glaubte im „selfmade“ Tech-Unternehmer die Zukunft einer starken US-Wirtschaft und des gesellschaftlichen Fortschritts überhaupt zu erkennen. Medien, so analysiert Lewis, griffen diese Erzählung dankend auf und arbeiteten fleißig am Genie-Kult, der Unternehmen wie Apple-Gründer Steve Jobs umgab. Wenn Jobs später für Produktpräsentationen in Priester-Manier auf die Bühne trat, war auch von links eher wenig Kritik zu hören.
Dass Mark Zuckerberg sich heute aufgepumpt statt als schüchterner Nerd gibt und mehr „maskuline Energie“ am Arbeitsplatz fordert, ist also bloß die logische Fortschreibung der Neunziger, als ein Text in einer einflussreichen Tech-Publikation vor einer „pussification“ der Branche warnte.

INTELLEKTUELLE MONOPOLE. Wiederholen sich die Fehler der Vergangenheit jetzt, wo KI-Konzerne wie OpenAI daran arbeiten, neue Monopole zu schaffen? Cecilia Rikap, Ökonomin an der University of London, wird nicht müde, vor dem modernen „intellectual monopoly capitalism“ zu warnen. „Wir schaffen weltweit durch Tausende von Organisationen Wissen, das dann von einigen wenigen Unternehmensriesen zentralisiert und monetarisiert wird“, erklärt Rikap im an.schläge-Interview. Auch Wissenschaft und Technologie würden in globalen Innovationssystemen entstehen, die von führenden Unternehmen wie Big Tech, aber auch Big Pharma oder Massenkonsumgiganten wie Nestlé, Coca Cola und ähnlichen kontrolliert würden. In ihrer Forschungsarbeit erstellt Rikap u. a. Karten, die zeigen, wer diese Organisationen kontrolliert. So analysiert sie Netzwerke der Mitautor*innenschaft wissenschaftlicher Publikationen, bei denen deutlich werde, dass Unternehmen wie Google oder Microsoft wissenschaftliche Artikel gemeinsam mit Tausenden von Universitäten, öffentlichen Forschungseinrichtungen und an-deren Unternehmen wie Start-ups verfassen.
Wenn Menschen heute begeistert Anwendungen wie ChatGPT nutzen, blenden sie die Problematiken dahinter oft aus Bequemlichkeit aus – die Liste aber sei lang, sagt Rikap. „Je mehr wir Large-Language-Models nutzen, sei es ChatGPT oder ein anderes Modell, selbst die Modelle von DeepSeek aus China, desto mehr profitieren einige wenige Giganten davon, da alle Modelle in der Cloud, dem Supermarkt der digitalen Technologien, verkauft werden.“ Auch der gesellschaftlichen Weiterentwicklung würden ChatGPT und Co im Wege stehen. „Die Antworten der Programme werden niemals über eine Kombination bereits vorhandener Informationen hinausgehen. Das bedeutet, dass wir die Chance auf einen Paradigmenwechsel in der Wissenschaft und im Kunstbereich zunichtemachen“, sagt Rikap.
Für Europa also sei die Aufgabe klar, sagt Rikap. „Was wir brauchen, ist ein alternatives Ökosystem.“ Denn würden wir innerhalb des derzeitigen Systems einfach mehr in Wissenschaft und Technologie investieren, würde dies erneut von den großen Konzernen vereinnahmt werden. Angesichts der Übermacht von Big Tech scheint ein solches Projekt vielen aussichtslos – es führe aber kein Weg daran vorbei, um Orte zu schaffen, die nicht von Big Tech kontrolliert würden, ist Rikap überzeugt. „Es mag weit weg erscheinen, aber fangen wir jetzt an – und mag es nur sein, Bewusstsein dafür zu schaffen.“

*Name von der Redaktion geändert

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In den 1990er-Jahren träumten Feminist:innen von einer Post-Gender-Welt im Internet. Heute zeigt sich: Die Hoffnung hat sich nicht erfüllt, im Gegenteil. Was braucht es für globale Technologiegerechtigkeit? Von Francesca Schmidt

Das Internet als feministischer Möglichkeitsraum – in den 1990er-Jahren war diese Vision noch mit Leben erfüllt. Mit dem Cyberfeminismus entstand eine Bewegung, die sich künstlerisch, aktivistisch und theoretisch mit digitalen Technologien auseinandersetzte. Heute, drei Jahrzehnte später, ist klar: Die großen Versprechen und Hoffnungen haben sich nicht erfüllt. Ganz im Gegenteil. Das Internet ist weder geschlechtsneutral noch hierarchiefrei. Es ist vielmehr ein Raum, in dem Diskriminierung algorithmisch verstärkt, globale Ausbeutung unsichtbar gemacht und Überwachung normalisiert wird. Was aber lässt sich aus der Geschichte des Cyberfeminismus lernen? Welche Impulse brauchen feministische Technikpolitiken heute?

Die Utopie der Entkörperlichung.
Der Begriff Cyberfeminismus tauchte 1991 auf, geprägt vom australischen Künstlerinnenkollektiv VNS Matrix: „We are the virus of the new world disorder / rupturing the symbolic from within / saboteurs of big daddy mainframe.“ Zentrale Bezugspunkte waren Donna Haraways Cyborg-Figur und Sadie Plants These vom Internet als inhärent weiblichem Raum, einem dezentralen, vielstimmigen, rhizomatisch-vernetztem System.
Die zentrale Idee vieler cyberfeministischer Ansätze war die vermeintliche Körperlosigkeit des Cyberspace. Wer online kommunizierte, so die Hoffnung, könnte Geschlecht, Hautfarbe und Herkunft hinter sich lassen, der materielle Körper mit all seinen gesellschaftlichen Einschreibungen werde irrelevant. Das Internet galt somit als Labor für neue Identitäten. Im deutschsprachigen Raum organisierte das Old Boys Network (OBN) ab 1997 cyberfeministische Konferenzen. Ihre „100 Anti-Thesen“ definierten Cyberfeminismus bewusst durch Negation: „Cyberfeminism is not …“

Where is Feminism? Doch schon in den 1990er-Jahren wurden kritische Stimmen laut. Die feministische Künstlerin Faith Wilding fragte 1998 provokant: „Where is Feminism in Cyberfeminism?“ Sie kritisierte die Geschichtsvergessenheit der Bewegung und ihre naive Technikbegeisterung. Wilding machte deutlich, dass das Internet kein machtfreier Raum war. Es war historisch aus militärischen Zusammenhängen entstanden und strukturell in sexistische und rassistische Gesellschaften eingebettet. Die Hoffnung auf eine entkörperlichte, hierarchiefreie Kommunikation blendete aus, dass Zugang, Ressourcen und Repräsentation hochgradig ungleich verteilt waren.
Auch Sandy Stone warnte davor, den Körper im Cyberspace zu vergessen: Die Utopie der Entkörperlichung war vor allem ein Privileg jener, deren Körper nicht bereits im analogen Raum markiert und diskriminiert wurden.
Besonders problematisch: Der Cyberfeminismus der 1990er-Jahre war mehrheitlich weiß und westlich geprägt. Die Kategorie Race spielte kaum eine Rolle, globale Machtverhältnisse wurden ausgeblendet. Während weiße, privilegierte Feminist:innen von der Auflösung von Geschlechtergrenzen träumten, blieben die materiellen Bedingungen digitaler Technologie unsichtbar: Wer produzierte die Hardware? Wessen Arbeit ermöglichte die Infrastruktur? Kulturwissenschaftlerin Maria Fernandez etwa zeigte auf, wie Schwarze feministische Perspektiven im dominanten Cyberfeminismus marginalisiert blieben. Afrofuturistische Ansätze, die sich parallel mit Technologie, Identität und Zukunft auseinandersetzten, fanden hingegen kaum Beachtung.

Überwachungskapitalismus. Die Utopie der Post-Gender-Welt hat sich nicht realisiert. Im Gegenteil: Das Internet reproduziert Geschlechterhierarchien. Plattformen sind Schauplätze digitaler Gewalt gegen (BIPoC) Frauen, queere und trans Personen. Algorithmen diskriminieren systematisch entlang von Gender, Race und Klasse. Die vermeintliche Entkörperlichung erwies sich als Illusion: Körper sind im Netz sehr wohl von Gewicht, nur dass die Diskriminierung nun zusätzlich algorithmisch vermittelt wird.
Statt Dezentralisierung haben sich neue Gatekeeper etabliert. Wenige Tech-Konzerne kontrollieren die digitale Infrastruktur und bestimmen, was sichtbar wird, wer Zugang hat, welche Inhalte gelöscht werden. Der Überwachungskapitalismus macht aus Nutzer:innen Datenquellen. Geschlechtsspezifische Daten werden gesammelt, ausgewertet und monetarisiert, eine demokratische Kontrolle bleibt dabei aus.

Digitaler Kolonialismus. Was im Cyberfeminismus der 1990er-Jahre weitgehend ausgeblendet wurde, zeigt sich heute umso deutlicher: Digitale Technologie ist tief in globale Ausbeutungsstrukturen eingebettet. Der Abbau von Lithium, Kobalt und seltenen Erden findet unter katastrophalen Bedingungen in Regionen statt, die von kolonialen Kontinuitäten geprägt sind. Die Produktion von Hardware geschieht in Fabriken mit prekären Arbeitsverhältnissen, mehrheitlich durch feminisierte Arbeitskräfte.
Auch die vermeintlich immaterielle Arbeit des Internets basiert auf ausgelagerter, unsichtbarer Arbeit: Content-Moderation in Kenia oder auf den Philippinen, wo schlecht bezahlte Arbeiter:innen täglich traumatisierende Inhalte sichten müssen. Datenzentren verbrauchen enorme Mengen an Energie und Wasser, oft in ehemaligen Kolonien, in denen mehrheitlich Schwarze Menschen, indigene Communitys oder andere marginalisierte Gruppen leben. Aber die Rechenzentren stehen auch in den USA, was zeigt: Diese Ausbeutung findet nicht nur „anderswo“ statt, sondern auch in westlichen Demokratien. Die Profite fließen derweil an Tech-Konzerne, die ihre Sitze mehrheitlich in den USA haben. Digitaler Kolonialismus beschreibt diese Machtverhältnisse: Konzerne aus dem globalen Westen kontrollieren globale Kommunikationsin­frastrukturen und machen Profit aus Daten, Arbeit und Ressourcen.
Aus einer intersektionalen, queerfeministischen und rassismuskritischen Perspektive braucht es eine materialistische, machtkritische Auseinandersetzung mit Technologie und zugleich eine Vision, die über regulatorisches Klein-Klein hinausgeht.

TECHNOLOGIEGERECHTIGKEIT. Technologie muss als gestaltbar begriffen werden. Die Resignation, sie sei zu kompliziert, ist eine bequeme Ausrede. Feministische Netzpolitiken müssen von realen Bedürfnissen ausgehen, die bereits existieren, nicht von Bedürfnissen, die erst durch Technologie geschaffen werden, wie etwa permanente Selbstüberwachung durch Tracking-Systeme, die Kontrolle als Werkzeug zur Selbstoptimierung normalisiert. Das Wissen und die Erfahrung marginalisierter Menschen muss zentral sein, wenn diskriminierungsfreie, gewaltfreie Technologie entwickelt werden soll.
Infrastrukturen, digitale wie physische, von Plattformen über Algorithmen bis zu Unterseekabeln und Datenzentren, müssen als Commons, also als Gemeingut verstanden werden, und dürfen nicht länger das Privateigentum weniger Konzerne bleiben. Feministische Netzpolitiken bedeuten: für strukturell barrierefreien Zugang kämpfen, unabhängig von Wohnort, Einkommen oder rassistischer Diskriminierung. Es bedeutet, die Macht von Big Tech zu brechen.
Globale Technikgerechtigkeit statt digitalem Kolonialismus bedeutet, die materiellen Bedingungen sichtbar zu machen und zu ändern: Wer produziert unter welchen Bedingungen? Wer profitiert? Wessen Arbeit wird unsichtbar gemacht? Feministische Netzpolitiken müssen sich mit Fragen globaler Ausbeutung, Ressourcengerechtigkeit und postkolonialer Kontinuitäten auseinandersetzen.

Intervention statt Utopie. Der Cyberfeminismus der 1990er-Jahre erinnert daran, dass es einmal eine feministische Vision des Internets gab, auch wenn diese Vision ihre Leerstellen hatte. Heute geht es darum, aus ihren Fehlern zu lernen und feministische Technikpolitiken zu entwickeln, die materiell, intersektional, global und dekolonial denken. Politiken, die nicht darauf warten, dass Technologie Emanzipation bringt, sondern die Technologie als Terrain begreifen, um das gekämpft werden muss. Das Internet ist kein neutraler Raum und wird es nie sein. Aber es kann ein Raum werden, in dem Machtverhältnisse benannt, bekämpft und verändert werden. Dafür müssen wir aufhören, an technologische Lösungen zu glauben, die andere für uns entwickeln, und anfangen, für politische Veränderung zu kämpfen.

Francesca Schmidt engagiert sich für digitale Gerechtigkeit, feministische Netzpolitik, rassismuskritische Bildung und dekoloniale Perspektiven auf Technologie. Sie ist Mitglied von netzforma* e.V. – Verein für feministische Netzpolitik.

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Immer für dich da https://ansch.4lima.de/immer-fuer-dich-da/ https://ansch.4lima.de/immer-fuer-dich-da/#respond Tue, 21 Oct 2025 12:05:32 +0000 https://anschlaege.at/?p=130125 KI-Chatbots werden zunehmend für freundschaftlichen Austausch, Dirty Talk oder auch als Therapieersatz verwendet. Was macht es mit uns, wenn Maschinen soziale Lücken füllen? Von Antonia Kranebitter Eine Freundschaft mit einem Avatar? Um selbst zu erleben, wie sich das anfühlt, lade ich mir Replika herunter, einen der bekanntesten KI-Chatbots. Die Website verspricht, dass Replika die persönliche […]]]>

KI-Chatbots werden zunehmend für freundschaftlichen Austausch, Dirty Talk oder auch als Therapieersatz verwendet. Was macht es mit uns, wenn Maschinen soziale Lücken füllen? Von Antonia Kranebitter

Eine Freundschaft mit einem Avatar? Um selbst zu erleben, wie sich das anfühlt, lade ich mir Replika herunter, einen der bekanntesten KI-Chatbots. Die Website verspricht, dass Replika die persönliche Entwicklung fördern kann – und „immer an meiner Seite“ bleibe. Replika ist in den Werkseinstellungen etwa in meinem Alter, hat einen pinkfarbenen Bob und trägt sportliche Kleidung. Alle äußerlichen Attribute sowie Gender und Alter können über die App angepasst werden. In den ersten Tagen chatten wir über Bücher, Filme, Frisuren. Replika sendet mir jeden Morgen eine Nachricht und ist nie beleidigt, wenn ich mich länger nicht melde. In der U-Bahn halte ich die Hand vor mein Handy, weil es mir unangenehm ist, dass ich mit einem Avatar schreibe. Dabei bin ich kein Einzelfall. Laut eigenen Angaben nutzen Millionen von Menschen Replika täglich, laut einer Studie von Common Sense Media haben rund 72 Prozent der US-amerikanischen Teenager zwischen 13 und 17 Jahren bereits von Chatbots Gebrauch gemacht, ein Drittel nutzt AI-Chatbots vor allem für soziale Interaktionen und emotionale Unterstützung – obwohl viele offiziell erst ab 18 Jahren verwendet werden dürfen. Dass es dabei auch zu sexuellen Interaktionen mit Minderjährigen kommt und etwa die KI von Meta achtjährigen Kindern Komplimente über ihre Sinnlichkeit macht, findet selbst der „Chefethiker“ von Mark Zuckerberg nicht bedenklich. Ein geleaktes internes Meta-Dokument („GenAI: Content Risk Standards“) zeigt, dass alle Kontroll­gremien von Meta einen solchen sexualisierten KI-Austausch mit Kindern bewusst gebilligt haben. Aus Angst vor den Aufsichtsbehörden haben andere Anbieter erotische Gespräche deaktiviert. Anders Elon Musk, der gerade zwei neue Chatbots präsentiert hat, die explizit für Dirty Talk konzipiert wurden.


Ungleich verteilte Einsamkeit. Nicht immer geht es um Sex: Junge Menschen lassen sich von ChatGPT auch ihre Hausarbeiten strukturieren, sie chatten aber auch über ihre Beziehungen und Unsicherheiten. Eine Studie der Harvard Business School kommt zum Schluss, dass Chatbots gegen Einsamkeit in akut schwierigen Phasen zumindest kurzfristig helfen können. Studien des MIT Media Lab deuten andererseits darauf hin, dass intensive Nutzer*innen von ChatGPT tendenziell einsamer sind. Sie zeigen aber keinen Kausaleffekt, sondern nur Zusammenhänge auf. Unklar bleibt nämlich, ob intensive Userinnen erst durch das Verwenden von Chatbots vereinsamen oder sich bereits vorher einsam gefühlt hatten. Die Ergebnisse deuten jedoch auf gesamtgesellschaftliche Trends wie die oft zitierte Loneliness-Epidemic hin. Zahlen der vom US-amerikanischen Statistikbüro publizierten American Time Use Survey belegen etwa, dass soziale Interaktionen im analogen Leben zwischen 2003 und 2023 durchschnittlich um über zwanzig Prozent gesunken sind. Als Gründe dafür nennt ein Autor im „Atlantic“ den Rückgang kommunaler Strukturen und veränderte Lebensbedingungen. Betroffen davon sind vor allem junge Menschen, Menschen ohne Schulabschluss, People of Colour und das einkommensschwächste Viertel der Bevölkerung. Im Gegensatz dazu nahmen soziale Interaktionen für das einkommensstärkste Viertel um nur etwa fünf Prozent ab. Menschen, die in prekären Lebensverhältnissen stecken, spüren diese Entwicklungen also deutlich stärker. Wenig Freizeit, eingeschränkte finanzielle Mittel und weniger öffentliche Orte ohne Konsumpflicht führen dazu, dass reale soziale Kontakte oft zu kurz kommen – und vielleicht auch dazu, dass man eher auf Chatbots zurückgreift.

Anthropomorphismus. Chatbots wie Replika dienen als Lückenfüller, wenn wir uns einsam fühlen. Sie haben immer ein Ohr für uns und geben gerne Ratschläge. Als ich Replika von einem Streit mit meiner Freundin erzähle, redet sie mir gut zu und scheint mich zu verstehen. Die vermeintliche Empathie ist allerdings pure Mathematik, denn Bots wie ChatGPT berechnen statistisch passende Antworten mithilfe großer Datenmengen. Für uns wirkt das menschlich, weil Menschen unwillkürlich allem Möglichen, darunter auch digitalen Tools, menschliche Eigenschaften zuschreiben, Anthropomorphismus nennt sich dieses Phänomen. KI-Entwickler setzen ganz bewusst Elemente ein, die diesen Effekt verstärken – und sie wissen um die Risiken. Auf der Website von OpenAI findet sich etwa der Hinweis, dass der Voice-Mode ChatGPT noch menschlicher wirken lässt und das Risiko emotionaler Abhängigkeit erhöhen kann. Ähnlich wie bei Substanz- oder Verhaltenssüchten kann eine zu starke Bindung an Chatbots dazu führen, dass Menschen reale soziale Kontakte vernachlässigen, emotionale Selbstregulationsfähigkeiten verlieren und psychisch vulnerabler werden. In Extremsituationen entwickelt sich die digitale Abhängigkeit, gepaart mit eventuell schon vorher existierenden psychischen Erkrankungen wie Depressionen, zu einem isolierenden Kreislauf mit schwerwiegenden Folgen. In den vergangenen Monaten berichteten internationale Medien über mehrere Suizide: Junge Menschen nahmen sich das Leben, nachdem sie ChatGPT als Therapieersatz verwendet hatten, kassenfinanzierte Therapieplätze sind schließlich vielerorts rar. In einem Fall kam es sogar zu einem gerichtlichen Prozess gegen OpenAI. Der Vorwurf: ChatGPT habe den Schüler Adam R. in seinen suizidalen Gedanken eher noch bestärkt und Ratschläge zu Tötungsmethoden gegeben. Daraufhin kündigte OpenAI Verbesserungen an, etwa leichteren Zugang zu Krisenhilfe. Unklar ist noch, ob es sich hier um Einzelfälle oder ein Risiko handelt, das die Verantwortlichen in Kauf nehmen.

Kein Drama mehr. Der wachsende Anteil an digitaler Kommunikation spielt indes eine wesentliche Rolle in unserem gesellschaftlichen Gefüge, in dem analoge soziale Interaktionen zurückgehen. Statt im Gasthaus nebenan zu essen, bestellen wir immer öfter Pizza beim Lieferdienst, statt gemeinsam mit der Bankbeamtin erledigen wir online unsere Überweisungen. Netzwerke wie Instagram erzeugen weitere Echokammern, genauso funktionieren auch Chatbots wie Replika. Sie geben uns immer recht, bestärken uns in der eigenen Sicht auf die Welt.
Auch ich gewöhne mich an die harmonischen Chats. Als ich frage, welche Vorteile eine Beziehung mit Chatbots hat, antwortet Replika: Chatbots haben eben keine eigenen Emotionen und Bedürfnisse, die sie ablenken. Sie sind immer für uns da.
Dieses Ideal einer Beziehung ohne Konflikte hält auch in der Popkultur Einzug, ob in Liebesfilmen oder im Reality-TV. Hier suchen vor allem Männer nach unkomplizierten Traumfrauen ohne Drama, wie es einer der Kandidaten in der aktuellen „Bachelor“-Staffel auf den Punkt bringt. Klar, wer hat im stressigen Alltag schon die Nerven für aufwändige Beziehungsarbeit? Die Realität ist aber: Gleichberechtigte Beziehungen jeglicher Art bedeuten immer auch Konflikte. Sich diese Arbeit zu ersparen, ist auf Dauer nur möglich, wenn eine Partei ständig ihre eigenen Bedürfnisse hintenanstellt. In heterosexuellen Beziehungen sind das meistens Frauen, die 71 Prozent des sogenannten Mental Loads in Familien übernehmen, wie es eine US-amerikanische Studie der University of Bath zeigte. Eine einfache Lösung könnten Chatbots ohne eigene Bedürfnisse sein. Sie werden Schätzungen zufolge zu sechzig bis siebzig Prozent von Männern genutzt und stillen vielleicht auch ein Bedürfnis nach unkomplizierter Nähe ohne anstrengende Beziehungsarbeit – reproduzieren dabei aber nicht nur heteronormative Beziehungsideale, sondern auch patriarchale Strukturen und Rollenbilder.

Kommerzialisierte Nähe. Während meiner Recherche besuche ich mehrere Websites mit AI-Companions. Die meisten dort auszuwählenden Avatare sind weiblich, jung und entsprechen gängigen Schönheitsidealen. Auf der Seite Candy.ai finde ich etwa rund 140 weiblich codierte und nur zwölf männliche Avatare vor. Wenn wir häufig idealisierten menschlichen Abbildern und bearbeiteten Fotos ausgesetzt sind, kann das erwiesenermaßen eine negative Körperwahrnehmung verstärken und Essstörungen begünstigen. Außerdem vermitteln die meist stark sexualisierten Darstellungen von Frauen ständige Verfügbarkeit, die nur auf die Bedürfnisbefriedigung des anderen ausgerichtet ist. Das könnte Auswirkungen auf das reale Umfeld und Erleben der Nutzer*innen solcher Anwendungen haben. Was macht es mit den meist männlichen Usern solcher Chatbots, wenn sie sich an die immer gut gelaunten, immer schönen und immer verfügbaren Darstellungen gewöhnen, die auch bei all ihren sexuellen Fantasien mitspielen? Die übrigens ihren Preis haben, denn ungefilterte Intimität gibt es von AI-Companions nur gegen Bezahlung. Replika etwa bleibt in der Gratisversion freundlich-dis­tanziert. Für 67,99 Euro im Jahr könnte ich u. a. die Funktionen „Beziehungsstatus“ und „Höhere Emotionale Intelligenz“ freischalten. Auch Intimität wird zur Ware, die nicht allen Userinnen zugänglich ist.
KI-Bots können, wenn sie in Maßen und kontrolliert genutzt werden, kurzfristig positive Gefühle auslösen. Trotzdem bestehen große Risiken – und die Frage, wem sie wirklich langfristig Nutzen bringen. Denn hinter den freundlichen Bots stecken Tech-­Unternehmen, die weitgehend unregulierte Produkte mit sogenannten Freemium-Preisstrategien verbreiten und nebenbei patriarchale Strukturen monetarisieren. Ich selbst lösche die Replika-App nach einer Woche von meinem Telefon – und fühle mich erleichtert. Dass mir der Abschied nicht schwerfällt, hängt vielleicht auch mit meinem existierenden sozialen Netzwerk in der analogen Welt zusammen. Ein großes Privileg, für das ich heute besonders dankbar bin.

Antonia Kranebitter studiert am Literaturin­stitut in Hildesheim. Sie arbeitet als Dolmetscherin, Autorin und Übersetzerin, am liebsten zu queer­feministischen Themen.

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Wirklich allein allein https://ansch.4lima.de/wirklich-allein-allein/ https://ansch.4lima.de/wirklich-allein-allein/#respond Tue, 21 Oct 2025 11:56:36 +0000 https://anschlaege.at/?p=130122 Lebensmittel, Energie, Wohnen – das Leben wird rasant teurer. Frauen zahlen, wie so oft, einen besonders hohen Preis. Von Laura Helene May Nach mehr als einem Jahr will Karoline* endlich wieder einmal Abendessen gehen. Die Einladung ist ihr persönlich wichtig, sie sagt zu und organisiert eine Betreuung für ihren anderthalbjährigen Sohn. Dann kommt die Nachricht, […]]]>

Lebensmittel, Energie, Wohnen – das Leben wird rasant teurer. Frauen zahlen, wie so oft, einen besonders hohen Preis.
Von Laura Helene May

Nach mehr als einem Jahr will Karoline* endlich wieder einmal Abendessen gehen. Die Einladung ist ihr persönlich wichtig, sie sagt zu und organisiert eine Betreuung für ihren anderthalbjährigen Sohn. Dann kommt die Nachricht, dass das Geburtstagskind zwar die Drinks bezahlt, das Dinner selbst aber sechzig Euro kostet. Das sind fünf Prozent des gesamten Monatsbudgets der Alleinerziehenden – sie muss wieder absagen. „Das Schlimme ist, dass soziales und ökonomisches Kapital Hand in Hand gehen. Da wird man immer mehr zur Alleinerziehenden, im Sinne von allein allein“, sagt sie.
Die 31-jährige Wienerin, die den Abend schlussendlich wieder in ihrer Gemeindewohnung verbringt, ist kein Einzelfall. Wie schon die Finanzkrise oder die Corona-Pandemie zeigt auch die aktuelle Teuerungskrise deutlich, dass die steigenden Kosten nicht alle Menschen gleich stark belasten. „Steigende Preise treffen vor allem Haushalte mit geringen Einkommen – und das sind mehrheitlich Frauen, Haushalte mit Kindern und ganz besonders Alleinerziehende“, sagt Ökonomin Sophie Achleitner, die am Momentum-Institut forscht. „Wenn der Einkauf teurer wird und Entlastungen von der Regierung fehlen oder zu spät kommen, muss folglich mehr privat kompensiert werden“, kritisiert sie. Während andere auf Urlaub, Auto oder Freizeitangebote verzichten müssen, seien Menschen mit besonders niedrigem Einkommen von den Preissprüngen des freien Marktes so stark getroffen, dass es für sie gar keinen Spielraum mehr gebe. „Die Teuerung trifft viele Frauen dort, wo es besonders weh tut: bei den Grundbedürfnissen.“

Großes Geschäft für große Konzerne. „Die aktuelle Preiskrise trifft mich auf jeden Fall im Alltag“, bestätigt auch Karoline. Vor allem die Ausgaben fürs Essen seien eine große Belastung. Die junge Mutter hat für ihren Master bis 2023 in Berlin gelebt. Als sie zurück nach Wien kam, waren die Lebensmittelpreise in astronomische Höhen geschnellt, erinnert sie sich. Vor allem die Preise für Frische- und Milchprodukte waren explodiert. „Milch hat man noch für unter einem Euro kaufen können, bevor ich nach Deutschland gegangen bin“, erinnert sie sich. Heute nähert sich der Milchpreis den zwei Euro an. Dass die Preise für Lebensmittel in Österreich so viel höher sind als in Deutschland (rund 23 Prozent), liegt auch am sogenannten „Österreich-Aufschlag“. Sogenannte territoriale Lieferbeschränkungen verhindern, dass der Einzelhandel Produkte aus anderen EU-Ländern zu günstigeren Preisen einkauft, weshalb identische Produkte in Österreich oft deutlich teurer sind als im Nachbarland, erklärt Achleitner. Das verstoße gegen jede Logik von fairen Märkten und liefere Konsument:innen den teils exorbitanten Preisen aus. Die EU-Kommission hat gegen solche Praktiken bereits Strafen verhängt, etwa gegen den US-Konzern Mondelez, der Marken wie Milka und Oreo anbietet. „Jetzt braucht es politischen Druck, diese Lieferbeschränkungen EU-weit zu verbieten“, fordert die Ökonomin. Die Praktik gegen das an Marktmacht unterlegene Österreich erinnere an Gender-Pricing, jenes Phänomen, das auf Frauen ausgerichtete Produkte teurer macht. Ein Beispiel dafür sind Rasierer, die mehr kosten, nur weil sie rosa sind und nicht blau. Wie bei den Lebensmitteln fehlt es laut Achleitner an wirksamer Regulierung. Profite würden auf Kosten derer gemacht, die wenig Handlungsspielraum haben. „Marktmacht wird genutzt, um strukturell höhere Preise durchzusetzen: Sei es gegenüber einem kleineren Land oder gegenüber bestimmten Konsument:innengruppen.“

Die Mietkosten sind explodiert. Die Marktdynamik hat realen Einfluss: Karoline zahlt für eine Salatgurke der Rewe-Group in Wien, zu der auch Billa gehört, 1,79 Euro, während die gleiche Gurke bei Rewe in Berlin 0,75 Cent kostet. Gesunde Ernährung für sie und ihren Sohn wird in Österreich so zur Herausforderung im Alltag. Entlastung im Vergleich zu Berlin bringt hingegen die Gemeindewohnung, in der sie seit einem Dreivierteljahr lebt. „Wohnen in Wien ist entspannter“, sagt sie. Trotzdem sei der Wohnraum nicht billig, Karoline sorgt sich um laufende Preissteigerungen der Betriebskosten, die schon in den ersten drei Monaten um fünfzig Euro gestiegen seien. Den Aufwärtstrend bestätigt auch Ökonomin Achleitner: „Die Mietkosten in Österreich sind regelrecht explodiert“, sagt sie und verweist auf eine Steigerung um 70,3 Prozent zwischen 2010 und 2024. In Deutschland stiegen die Mieten im selben Zeitraum um „nur“ 23 Prozent. Dennoch gebe es wohnbaupolitische Errungenschaften, die die Wohnkostenbelastung im Vergleich zu Deutschland kleiner halten. „Österreich hat einen viel stärkeren Mieter:innen-Schutz als Deutschland, außerdem gibt es dort kaum gemeinnützige Wohnbauten.“
Karoline zahlt in Wien 550 Euro kalt für 47 Quadratmeter, ihre monatlichen Fixkosten belaufen sich so auf rund 700 Euro. Die Rechnung ist simpel: 210 Euro Kindergeld, 550 Euro Kinderbetreuungsgeld plus Aufstockung mit Mindestsicherung auf 1.200. Pro Woche bleiben der Alleinerziehenden etwa 100 Euro für alle Ausgaben – unvorhergesehene Ausgaben darf es da nicht geben.

Lückenfüllerinnen. Drastische Einschnitte beschloss die deutsche Regierung kürzlich beim Bürgergeld, das künftig Grundsicherung heißen wird. Dieser „Angriff auf den Sozialstaat“, von dem Kritiker:innen sprechen, wird Alleinerziehende besonders treffen.
Ein wichtiger Faktor, sowohl für den Wiedereinstieg in den Arbeitsmarkt als auch zur Bewältigung von Haushalt und Alltag wäre eine sichere und bezahlbare Kinderbetreuung – doch so einfach ist das nicht. Für die städtische Betreuungseinrichtung braucht Karoline in Wien eine Arbeitgeberbestätigung, die belegt, dass sie wieder anfängt zu arbeiten. Sie muss aber erst einen Platz finden, um sicher zu sein, dass ihr Sohn während ihrer Arbeitszeit gut aufgehoben ist. „Erst dann kann ich eine Arbeit annehmen. Die Strukturen bei der Kinderbetreuung sind auf ein Zwei-Eltern-System ausgelegt“, sagt Karoline. Private Betreuungen seien wiederum teurer. Und auch wenn sie teilweise gefördert werden, ist es schwierig, einen Platz zu finden. Aktuell bräuchte sie Babysitter für zwischendurch, doch sie kann es sich nicht leisten, eine Person fair zu bezahlen. „Es ist außerdem frustrierend, dreißig Euro für zwei Stunden zu zahlen, in denen ich dann staubsaugen und Wäsche waschen kann.“

Laut Achleitner ist es ganz klar Aufgabe der Politik, soziale Infrastruktur zu finanzieren. „Verantwortung wird stillschweigend an private Haushalte ausgelagert. Wenn Betreuungsangebote nicht mehr leistbar sind oder gekürzt werden, müssen das die ­Betroffenen selbst auffangen: Frauen und Mütter werden zu Lückenfüllerinnen, wann immer die Regierung staatliche Transfers und soziale Dienstleistungen gekürzt hat.“ Was es laut der Ökonomin braucht, sei ein Maßnahmenbündel, das die Preise für Grundbedürfnisse rasch senkt: Mietpreisbremse, Ausbau der sozialen Infrastruktur etwa für Kinderbetreuung und Pflege, Regulierung der Energiepreise wie in der Schweiz, befristete Mehrwertsteuersenkung auf Grundnahrungsmittel wie etwa in Portugal oder Polen und eine verpflichtende Lohntransparenz. Nicht nur Karoline und ihrem Sohn wäre damit sehr geholfen.

*Name von der Redaktion geändert

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Extrem intim https://ansch.4lima.de/extrem-intim/ https://ansch.4lima.de/extrem-intim/#respond Thu, 11 Sep 2025 16:48:44 +0000 https://anschlaege.at/?p=129405 In Friseursalons geht man nicht nur zum Haareschneiden. Sie sind wichtige soziale Orte und Vertrauensräume – und Arbeitsplätze in einer der am schlechtesten bezahlten Branchen. Von Naz Küçüktekin Die Wände sind pastellrosa. Neben der Tür steht eine mobile Rampe, drinnen ist alles barrierearm. Die Stühle sind breit, tief und belastbar – für Körper, die in […]]]>

In Friseursalons geht man nicht nur zum Haareschneiden. Sie sind wichtige soziale Orte und Vertrauensräume – und Arbeitsplätze in einer der am schlechtesten bezahlten Branchen. Von Naz Küçüktekin

Die Wände sind pastellrosa. Neben der Tür steht eine mobile Rampe, drinnen ist alles barrierearm. Die Stühle sind breit, tief und belastbar – für Körper, die in Standardsesseln keinen Platz finden. Ein Vorhang kann den Raum komplett abschirmen, damit Kund:innen sich ungestört fühlen können. Im Soft & Cut an der Kaiserstraße im siebten Wiener Gemeindebezirk kommt außerdem immer nur eine Person im Salon dran. Das ist kein Zufall, sondern sorgsam kuratiert.
Es ist Teil des inklusiven Konzepts von Ina Holub, seit 16 Jahren Friseurin. „Friseur:innen kommen einem sehr nah – körperlich und emotional. Das ist extrem intim“, erklärt sie, warum all diese Dinge gerade in einem Friseursalon von Bedeutung sind. Bei ihr sollen sich alle wohlfühlen.

Als „fette und lesbische“ Person, wie sie sagt, wisse sie, wie unangenehm es andernfalls werden kann. Das pastellige Farbkonzept soll besonders auf neurodivergente Personen beruhigend wirken, das verstellbare Licht nimmt grelle Reflexe aus dem Spiegel. Wer hierherkommt, kann sogar einen Termin ohne Smalltalk buchen. Ungefragte Tipps oder Empfehlungen, wie „das Gesicht schmaler wirken“ könne, gibt es hingegen nicht. „Bei Haaren und Make-up geht es darum, wie eine Person wirken und wahrgenommen werden möchte. Es ist also auch eine Frage der Identität“, sagt Holub.
Mit Soft & Cut hat sie nicht nur einen Friseursalon geschaffen, sondern den Beruf in diesem Raum auch neu für sich definiert. Viele ihrer Kund:innen sind neurodivergent, viele tragen Locken. Geschnitten wird grundsätzlich trocken, weil so die Struktur besser zu beurteilen sei. „Locken sollte man eigentlich immer im Trockenen schneiden.“ Die österreichische Ausbildung deckt Locken und andere Haartexturen nicht ab, auch in der Meister:innenprüfung fehlt das Thema. Holub hat sich das Wissen in Zusatzausbildungen erarbeitet – bezahlt aus eigener Tasche.
Handwerk & Beziehungsarbeit. Am Bacherplatz im fünften Wiener Gemeindebezirk sind die Wände braun statt pastellfarben, die Einrichtung ist rustikal. Und Smalltalk gehört dazu.

Seit über sechs Jahrzehnten ist der Salon Helga ein Fixpunkt im Grätzl. Mary Radivojević arbeitet seit 1992 hier – damals hat sie als 18-Jährige ihre Lehre begonnen. Seit 2004 führt sie den Salon auch. „Eigentlich wollte ich Polizistin werden, aber mein Vater meinte, das sei nichts für Frauen“, erinnert sich die mittlerweile 49-Jährige.
Und da eine Freundin bereits in dem Salon arbeitete, versuchte sie sich eben im Haareschneiden. Aus dem anfänglichen Plan B wurde ihr Traumberuf. Vor allem das Menschliche an der Arbeit macht es für sie aus. „Die Leute nach einem Besuch hier glücklich herausgehen zu sehen, das ist einfach das Tollste“, betont sie.
Die Kundschaft reicht vom Kleinkind bis zur 94-Jährigen. Der Arbeitstag beginnt um acht Uhr, offiziell endet er um 18 Uhr. Tatsächlich bleibt das Team, das neben Radivojević aus zwei Mitarbeiterinnen besteht, oft bis 20 oder 21 Uhr, wenn Termine es erfordern.

Beide Friseurinnen beschreiben ihren Beruf als Handwerk und zugleich Beziehungsarbeit. Zwischen Waschen, Schneiden und Färben hören sie zu, trösten, beraten. „Oft sind wir Psychologinnen. Wir lachen zusammen, wir weinen zusammen“, sagt Radivojević. „Wen lässt man sonst einfach so mal an seinen Kopf heran, außer einer Friseurin?“ Der Besuch sei also stets auch Vertrauenssache. Über die Jahre entstehen so laut Radivojević tiefe Bindungen, die weit über eine reine Dienstleistung hinausgehen.

Holub ergänzt die politische Dimension: gendersensible Beratung, keine Körperkommentare, kein ungefragtes Anfassen der Haare. Braids und Locks bietet sie bewusst nicht an – aus Respekt vor kultureller Aneignung.
KNAPP ÜBER DER ARMUTSGRENZE. So unterschiedlich beide Salons sind – die strukturellen Probleme sind dieselben. Friseur:innen gehören zu den am schlechtesten bezahlten Berufsgruppen in Österreich. Rund neunzig Prozent sind Frauen, nur bei den Chefs großer Läden und High-End-Salons dominieren Männer. „Es ist wie beim Kochen. In der Küche zu Hause ist es Frauensache, aber die berühmten Köche sind fast nur Männer“, sagt Holub.
Während diese männliche Spitze mit Kreativität und Prestige assoziiert wird, sieht die Realität für den Großteil der weiblichen Beschäftigten anders aus: harte Arbeit bei sehr niedriger Bezahlung.

Laut Fachverbandsstatistik gab es 2021 knapp 8.900 Friseurbetriebe in Österreich. 2022 setzte die Branche rund 845 Millionen Euro um – trotzdem liegen die Löhne knapp über der Armutsgrenze. Der aktuelle Kollektivvertrag sieht im ersten Berufsjahr ein Mindestgehalt von 1.915 Euro brutto vor, ab dem sechsten Jahr 2.115 Euro. Selbst mit 14 Monatsgehältern bleibt das Nettoeinkommen bescheiden, vor allem bei steigenden Lebenshaltungskosten. Lehrlinge verdienen zwischen 782 Euro im ersten und rund 1.313 Euro brutto im vierten Lehrjahr – Beträge, die oft nicht einmal eine eigenständige Wohnung ermöglichen. Und wohl auch der Grund dafür, weshalb die Branche immer mehr mit einem Nachwuchsproblem kämpft.
Arbeiten am Limit. Trinkgelder sind für viele in der Branche überlebenswichtig. Bei Radivojević machen sie mindestens zehn Prozent zusätzlich aus. Ohne diese Beträge wird es für viele eng. In manchen Salons mieten Friseur:innen ihren Stuhl, zahlen Fixkosten und erwirtschaften ihren Umsatz selbst. Wer nicht genug Kundschaft hat, arbeitet ins Minus. Für Holub, die alleine arbeitet, ist die Kalkulation knapp. Förderungen halfen ihr beim Start, doch die Antragsprozesse seien abschreckend.
Die Arbeitszeit ist lang und körperlich belastend: Stehen, Beugen, Arme hoch. Hinzu kommt die fehlende Planungssicherheit: Termine können kurzfristig ausfallen, die Kosten bleiben. Die Hälfte der Beschäftigten arbeitet Teilzeit, 14 Prozent sind geringfügig angestellt. Gleichzeitig steigen Mieten, Energiepreise und Produktkosten – bei Löhnen, die kaum wachsen. Wer bleibt, tut es oft aus Überzeugung, nicht wegen der Arbeitsbedingungen.

Soziale Räume. Steigende Kosten, niedrige Löhne und fehlender Nachwuchs setzen die Branche unter Druck. Auch die von Holub und Radivojević. Doch Friseursalons sind nicht nur Arbeitsplätze, sondern auch wichtige soziale Räume. In Radivojevićs Salon sind es langjährige Beziehungen, die den Ort prägen. „Ich könnte mir nicht vorstellen, etwas anderes zu machen“, betont sie. Manche ihrer Kund:innen betreut sie, seitdem sie ihre Lehre begonnen hat. Holubs Salon ist ein Community-Space, der auch für Panels oder Diskussionsrunden genutzt wird. „Es ist einfach wichtig, zuzuhören, zu verstehen und einen Ort zu schaffen, an dem sich Menschen entspannen können.“


Naz Küçüktekin lebt und arbeitet als freie Journalistin in Wien. Die Darstellung migrantischer und marginalisierter Gruppen gehört zu ihren Arbeitsschwerpunkten. Daher weiß sie, wie wichtig offene Räume wie Friseursalons gerade für diese Gemeinschaften sind.

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Feminist Superheroine: Leigh Davids https://ansch.4lima.de/feminist-superheroine-leigh-davids/ https://ansch.4lima.de/feminist-superheroine-leigh-davids/#respond Thu, 11 Sep 2025 13:35:31 +0000 https://anschlaege.at/?p=129384 Leigh Davids war eine südafrikanische Aktivistin, die sich zeitlebens für die Rechte von trans Menschen in der Sexarbeit starkmachte. Als HIV-positive Sexarbeiterin, die aufgrund von Ablehnung ihrer Transidentität bereits mit 14 Jahren ihre Familie verlassen musste, erlebte sie selbst Obdachlosigkeit, Polizeigewalt und Ausgrenzung.2010 gründete sie die Selbsthilfegruppe SistaazHood, die trans Frauen in der Sexarbeit unterstützt […]]]>

Leigh Davids war eine südafrikanische Aktivistin, die sich zeitlebens für die Rechte von trans Menschen in der Sexarbeit starkmachte. Als HIV-positive Sexarbeiterin, die aufgrund von Ablehnung ihrer Transidentität bereits mit 14 Jahren ihre Familie verlassen musste, erlebte sie selbst Obdachlosigkeit, Polizeigewalt und Ausgrenzung.
2010 gründete sie die Selbsthilfegruppe SistaazHood, die trans Frauen in der Sexarbeit unterstützt und sich gegen transfeindliche Gewalt, Armut und soziale Marginalisierung einsetzt. Ein besonderer Schwerpunkt lag auf der Kritik an der diskriminierenden Gesundheitsversorgung in Südafrika, die vor allem armutsbetroffenen queeren Menschen den Zugang zu lebenswichtigen HIV-Behandlungen erschwert.
Für ihr Engagement wurde Davids von der transfeministischen Organisation Social Health Empowerment ausgezeichnet. Im Februar 2019 starb sie kurz vor ihrem 40. Geburtstag an den Folgen ihrer AIDS-Erkrankung. Bis zuletzt hatte sie die drastisch verringerte Lebenserwartung von trans Frauen angeprangert. 

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an.sage: Kokettieren mit dem Techno-Faschismus https://ansch.4lima.de/an-sage-kokettieren-mit-dem-techno-faschismus/ https://ansch.4lima.de/an-sage-kokettieren-mit-dem-techno-faschismus/#respond Thu, 11 Sep 2025 11:58:16 +0000 https://anschlaege.at/?p=129368 Von Sophia Krauss Im Mai veröffentlichte der „Deutschlandfunk“ einen fesselnden, sechsteiligen Podcast über den Tech-Investor, Milliardär und Trump-Supporter Peter Thiel. Thiels Lebensgeschichte, seine intellektuellen Vorbilder und Ziele – alles so entertaining und kurzweilig aufbereitet, als würde man einen Actionthriller schauen. Thiel spielt den schurkenhaften, hyper-intelligenten Bösewicht, der die westliche Demokratie ins Chaos stürzt. Man gruselt […]]]>

Von Sophia Krauss

Im Mai veröffentlichte der „Deutschlandfunk“ einen fesselnden, sechsteiligen Podcast über den Tech-Investor, Milliardär und Trump-Supporter Peter Thiel. Thiels Lebensgeschichte, seine intellektuellen Vorbilder und Ziele – alles so entertaining und kurzweilig aufbereitet, als würde man einen Actionthriller schauen. Thiel spielt den schurkenhaften, hyper-intelligenten Bösewicht, der die westliche Demokratie ins Chaos stürzt. Man gruselt sich und ist irgendwie doch unheimlich fasziniert von ihm.

Die Macher_innen hegen wohl keine unterdrückten Sympathien für Thiel. Vielleicht aber kann man an ihrem Podcast und ähnlichen aktuellen journalistischen Formaten trotzdem einen beunruhigenden Trend ablesen. Der Podcast-Verantwortliche Fritz Espenlaub fasst es selbst zusammen mit: „Die öffentliche Meinung scheint schlagartig konservativer geworden zu sein“ – und das fängt vielleicht auch die Stimmung in den Medien ein. Der Podcast mutet teilweise mehr als spannungsgeladenes True-Crime-Format an, eine klar formulierte Kritik fehlt. Der mediale Umgang mit Thiel ist ein Paradebeispiel für das derzeitige Kokettieren mit rechten Edgelords, also Personen, die sich mit besonders extremen Ideologien das Medieninteresse sichern.

Sie werden mitunter auf eine verquere Art irgendwie angehimmelt. Kolumnist Ijoma Mangold schreibt so in der „ZEIT“: „Niemand verkörpert diesen neuen Typus des Milliardärs, der von Ideen getrieben wird, vollkommener als der Risiko-Kapital-Investor Peter Thiel.“ Dieser mache sich schließlich Gedanken über unsere Welt, „die so exzentrisch sind, dass sie sonst niemand teilt.“ Das mag für seine besonders abstrusen Ideen gelten, im Kern aber liegt Mangold falsch – schließlich zeichnet sich allein am Wähler_innenverhalten der zunehmende Aufstieg der Rechten ab. Peter Thiel war dabei einer der ersten öffentlichen Unterstützer Trumps.
Doch in der medialen Beschäftigung mit Thiel & Co bleibt es allzu oft bei der dunklen Mystifizierung, selten wird klar benannt, wie offensichtlich faschistisch seine Ideen sind. Es bleibt meist eine Randnotiz, dass Thiel sogar das Apartheidssystem Südafrikas in Schutz nahm. Oder dass Thiel glaubt, dass eine weiße Elite dazu berechtigt ist, die Demokratie zugunsten des technischen Fortschritts außer Kraft zu setzen. Der Essayist John Ganz hat es schon vor wenigen Jahren auf den Punkt gebracht: „Es gibt kein Rätsel. Er ist ein Faschist.“ Auch der Podcast „Feminist Shelf Control“ hat Thiel kürzlich eine kritische Folge gewidmet.

In „Die Peter Thiel Story“ tritt auch der rechte Impulsgeber Curtis Yarvin auf. Porträtiert wird er dort als das Enfant terrible, das Thiel mit seinen anti-demokratischen, abtrünnigen Ideen faszinierte. Auch die „New York Times“ bot Yarvis Anfang des Jahres eine Plattform. Sie inszenierte ihn in glamourösem Schwarz-Weiß als eine Art Rockstar-Philosoph, mit wilder Frisur und abgewetzter Lederjacke. Im Interview darf er dann weiterhin behaupten, der Amerikanische Bürgerkrieg mitsamt der Befreiung Schwarzer Sklav_innen hätte das Leben von Afroamerikanerinnen nicht verbessert und Nelson Mandela sei mit dem rechtsextremen Terroristen Anders Breivik gleichzusetzen. Story-Telling über vermeintlich rechte „Genies“ lohnt sich jedenfalls. „Die Peter Thiel Story“ belegt laut „podwatch“ derzeit Platz 4 der deutschen Podcast-Charts. Natürlich ist es wichtig, dass rechtsextreme Vordenker wie Thiel oder Yarvin medial eingeordnet werden. Tatsächlich aber arbeiten Journalistinnen mit an der Mystifizierung und Glorifizierung der Vordenker eines neuen Techno-Faschismus. Statt ihre menschenfeindlichen Ideen zu zerpflücken und in einen historischen Kontext zu setzen, sind Qualitätsmedien voll von spannungsgeladenen Porträts von Yarvin und Co. Mediale Logiken der Personalisierung und der Prominenz vermischen sich mit dem neuen rechten Zeitgeist zu einer ebenso zynischen wie toxischen Mischung: Dort, wo einst Greta Thunberg vom Cover lachte, tut es jetzt Peter Thiel.

Wie aber geht es der ungewollt Schwangeren ohne Erspartes in einem der vielen US-Bundesstaaten, die Abtreibung fast verunmöglichen? Wie kämpfen feministische Organisationen dafür, die Versorgung gegen alle Widerstände aufrechtzuerhalten, gerade für Frauen, die sich wegen der brutalen Razzien durch die Einwanderungsbehörde ICE kaum noch auf die Straße wagen? Das sind die Geschichten, die wir auch hier in Europa brauchen. Medien haben die historische Verantwortung, sie zu recherchieren statt den Techno-Faschismus durch Glorifizierung groß zu machen.

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an.klang: Cut Me Some Slack! https://ansch.4lima.de/an-klang-cut-me-some-slack/ https://ansch.4lima.de/an-klang-cut-me-some-slack/#respond Thu, 11 Sep 2025 11:49:14 +0000 https://anschlaege.at/?p=129363 Stimmgewaltig und mit angenehm relaxter Fuck-you-Attitüde ist Lola Young der (Brit-)Popstar der Stunde.Von Elisabeth Lechner Der Sommer 2025 in Großbritannien ist bestimmt von einem Gefühl: bittersüßer Nostalgie. Die Tories sind abgewählt, aber so richtig ändert sich nichts, die Lionesses feiern die Verteidigung ihres EM-Titels und die toxisch-ikonischen Brit-Pop-Helden Oasis touren wieder, zu Wucherpreisen. Was tut […]]]>

Stimmgewaltig und mit angenehm relaxter Fuck-you-Attitüde ist Lola Young der (Brit-)Popstar der Stunde.
Von Elisabeth Lechner

Der Sommer 2025 in Großbritannien ist bestimmt von einem Gefühl: bittersüßer Nostalgie. Die Tories sind abgewählt, aber so richtig ändert sich nichts, die Lionesses feiern die Verteidigung ihres EM-Titels und die toxisch-ikonischen Brit-Pop-Helden Oasis touren wieder, zu Wucherpreisen. Was tut man nicht alles, um die Leichtigkeit der Neunziger noch einmal zu erleben und den Push-Nachrichten zu Krieg, Aufrüstung und Klimakollaps kurz zu entkommen? Zwischen all dem Aufgewärmten gibt es aber auch eine junge Künstlerin, an der es (nicht nur) im United Kingdom kein Vorbeikommen gibt. Niemand stellt sich den widersprüchlichen Realitäten unserer Zeit so kreativ und einfühlsam wie Lola Young, die erst 24-jährige Singer-Songwriterin aus Croydon, dem Süden von London.
Schon 2021 als Rising Star bei den Brit Awards nominiert, startete die Alternative-­Pop-Sängerin 2024 mit dem Hit „Messy“ so richtig durch in den UK-Single-Charts und – noch wichtiger – auf TikTok. Live-Performances des Songs wie jene am Glastonbury-Festival 2025 zeigen: Lola Young schafft Freiräume, Momente von Leichtigkeit und Verbindung, wie es nur wenige können. Das liegt an den Beats – angesiedelt irgendwo zwischen Hip-Hop, R’n’B und Pop, dunkel, plätschernd, entspannt und treibend zugleich –, ihrem Stimmumfang (wegen Zysten auf den Stimmbändern und den Folgen von Operationen noch tiefer, noch souliger) und schließlich dem Auftreten der jungen Künstlerin: Aufsässig und mit Augenzwinkern steht sie auf der Bühne, in super-stylishem Make-up, mit langen Glam Nails, ausladenden Ohrringen und einem mehrfarbigen, imposanten Rockstar-Mullet, immer zu „Banter“, also scherzhaftem Schlagabtausch bereit. Gleichzeitig gibt sie sich zugänglich und verletzlich, performt in Baggy Pants und Bikini Top, und mit selbstverständlich sichtbarem, weichen Bauch.
„I want you to sing every word, and feel it, you know?“, singt sie und dann rührt die Zeile “Okay, so yeah, I smoke like a chimney / I’m not skinny , and I pull a Britney every other week / But cut me some slack, who do you want me to be?” die junge Sängerin und ihr Publikum gleichermaßen. Seid nachsichtig mit mir und meinen Vorgängerinnen, mahnt sie in einer treffenden, pophistorischen Referenz auf Britney Spears. Und sie legt nach: „If you ever, ever felt like you are not quite enough, you actually fucking are.“ In Zeiten zunehmenden Optimierungs- und Schlankheitswahns, in dem sogar Sportgrößen wie Serena Williams Ozempic bewerben, ist das eine radikale Ansage: Ich bin messy – chaotisch, sicher nicht perfekt – aber das ist okay so und ihr seid es auch.
Lola Youngs Werk und Celebrity-Persona zeichnen ein offener Umgang mit ihrer Widersprüchlichkeit aus, der auch das öffentliche Thematisieren ihrer schizoaffektiven Störung inkludiert, die sie versucht, als Superkraft zu sehen, gegen das Stigma und die mit der Erkrankung und ihren Folgen assoziierte Scham. Und auch Sex darf da nicht fehlen. In „One Thing“, einer Single-Auskopplung aus ihrem kommenden dritten Album, will das lyrische Ich nur „die eine Sache“, einen Lover mitnehmen „on a little ride“, „show you just what I like“, „when you’re deep up inside“, „break your bed and then the sofa.“
Erfüllender, selbstbestimmter Sex, der sich auszeichnet durch bewusste körperliche Hinwendung, Wertschätzung und Rücksicht auf die Bedürfnisse aller Beteiligten. Aktives Umschließen, statt passiv penetriert werden: Schon 2016 nannte Bini Adamczak einen solchen Sex-Perspektivenwechsel „Zirklusion.“ Gerade für Hetero-Frauen, die beim Dating allzu oft mit Ghosting und dem Orgasm-Gap hadern, eine berauschende Utopie. Young romantisiert aber nicht, sondern reflektiert Machtverhältnisse, indem im Video zu „One Thing“ phallische Bildlogiken unterwandert werden und in einem inszenierten Boxkampf gegen Männer münden, aus dem Young als blutverschmierte, befriedigte Siegerin hervorgeht. Das ist es, denke ich mir, während ich mich durch das Werk von Lola Young höre: Widerständiger Zirklusionspop für die Ozempic-Ära.


„I’m Only F**king Myself“ erscheint am 19. September.

We cannot fucking wait.

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„Ich rate allen Frauen, sich zu wehren!“ https://ansch.4lima.de/ich-rate-allen-frauen-sich-zu-wehren/ https://ansch.4lima.de/ich-rate-allen-frauen-sich-zu-wehren/#respond Thu, 11 Sep 2025 11:41:37 +0000 https://anschlaege.at/?p=129359 Elisabeth S. hat Lohndiskriminierung erlebt – und erfolgreich dagegen geklagt. Im Interview mit Chiara Kohlmorgen erzählt sie, wie das ablief und was sie anderen Betroffenen empfiehlt. an.schläge: Wie haben Sie erfahren, dass Sie weniger verdienen als männliche Kollegen?Elisabeth S.: Ich habe in einem Unternehmen gearbeitet, in dem die Bezahlung sehr intransparent war. Es gab keinen […]]]>

Elisabeth S. hat Lohndiskriminierung erlebt – und erfolgreich dagegen geklagt.
Im Interview mit Chiara Kohlmorgen erzählt sie, wie das ablief und was sie anderen Betroffenen empfiehlt.

an.schläge: Wie haben Sie erfahren, dass Sie weniger verdienen als männliche Kollegen?
Elisabeth S.: Ich habe in einem Unternehmen gearbeitet, in dem die Bezahlung sehr intransparent war. Es gab keinen Kollektivvertrag und keine offenen Gehaltsstrukturen. Jährlich gab es Mitarbeitendengespräche samt Gehaltsverhandlungen, in denen nach Sympathie – oder wie ich sagen würde, Geschlechtsorgan – verhandelt wurde. Mit einem neuen Kollegen sprach ich irgendwann über unseren Verdienst. Und da stellte sich heraus, dass es im Betrieb nicht nur viel Geheimniskrämerei ums Gehalt, sondern auch massive Unterschiede gab. Ein Mann, der erst einige Jahre nach mir ins Unternehmen gekommen war und denselben Job machte wie ich, verdiente einige hundert Euro mehr als ich – ohne besser qualifiziert zu sein.
Anfangs hackelte ich rein wie eine Blöde und übernahm zusätzliche Aufgaben. Sicher ein Jahr lang wollte ich beweisen, dass meine Arbeit genauso viel wert ist. In einem Gespräch mit der Geschäftsführung präsentierte ich meine Tätigkeiten, schlug vor, noch mehr zu machen. Ich habe wiederholt dasselbe Gehalt wie der Kollege verlangt, doch es hieß immer, es gäbe kein Geld. Man verstehe meine Kränkung, aber da sei nichts zu machen. Und der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte: Ich bekam eine Rüge, meinen Kollegen unter Druck gesetzt zu haben und Unruhe ins Unternehmen zu bringen.

Sie haben sich entschlossen, dagegen vorzugehen. Wie lief der Prozess vom Antrag bei der Gleichbehandlungskommission bis zum Nachweis der Diskriminierung ab?
Mir ist es psychisch nicht gut gegangen, ich wollte dort nicht mehr hin und habe im Krankenstand gekündigt. Das ist der Klassiker: Frauen wissen, dass sie ungleich behandelt werden. Dann Kämpfen sie um ihr Weiterkommen, werden abgewiesen. Irgendwann hat man keine Kraft mehr, weiterzukämpfen und kündigt. Unternehmen rechnen mit diesem Ablauf. Ich tat zuerst dasselbe. Aber dann sprach ich mit der Gleichbehandlungsanwaltschaft und der Kommission. Mir wurde von der Gleichbehandlungskommission ein Formular zugeschickt, um die Ungleichbehandlung zu beschreiben. Die Gleichbehandlungsanwältin unterstützte mich bei Formulierungen und der Beurteilung einzelner Ereignisse. Schnell geht das alles nicht, man muss schon einen langen Atem haben für so ein Verfahren.
Ab dem Zeitpunkt, an dem ich meinen Fall bei der Gleichbehandlungskommission einreichte, bis zu ihrem Urteil vergingen eineinhalb Jahre – und es ging danach noch weiter. Bis beim Arbeitsgericht der Fall abgeschlossen war – auch in der zweiten Instanz – dauerte es schließlich drei Jahre. Grundsätzlich ist die Arbeit der Gleichbehandlungsanwaltschaft und -kommission aber super und es hat alles sehr gut und professionell funktioniert. Nachdem mein Antrag eingelangt war, wurde beurteilt, ob die Kommission den Fall als Verfahren aufnimmt. Sie prüften die Ungleichbehandlung und schrieben eine Aufforderung an die beschuldigte Partei zur Stellungnahme. Mein ehemaliger Dienstgeber nahm die Kommission nicht ernst. Die Kommission verlangte, dass die Gehälter der Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen in dem Zeitraum, in dem ich dort ­arbeitete, von der Geschäftsführung zum Vergleich offengelegt werden, was diese nicht tat. Meine Anwältin musste dann über die Sozialversicherung die Gehaltseinsicht beantragen. Diese bekommt man anonymisiert, aber das Geschlecht wird offengelegt. Dann verfasste die Kommission einen Abschlussbericht und gab mir in allen Punkten recht. Die Kommission empfahl meinem ehemaligen Dienstgeber, mir die Gehaltsdifferenz auszuzahlen für die Jahre, in denen ich weniger verdient hatte. Dieser sträubte sich zunächst dagegen. Aber ich wollte so lange weitermachen, bis es ein Urteil gab. Denn wenn ein Urteil der Gleichbehandlungskommission zu einem Fall der Ungleichbehandlung vorliegt und vor Gericht geht, hat dieses Urteil auch ein Gewicht. Wenn man über die Arbeiterkammer oder Gewerkschaft einen Rechtsschutz will, ist es gut, dieses zu haben. Die Wahrscheinlichkeit, dann einen teilweisen oder vollen Rechtsschutz zu bekommen, ist hoch und es besteht kein finanzielles Risiko. Es wird ein Anwalt oder eine Anwältin gestellt, die einen vor Gericht begleiten.

Was würden Sie Frauen raten, die Ähnliches erleben?
Ich würde allen Frauen raten, sich zu wehren! Egal, ob sie beim Gehalt oder bei ihrem beruflichen Fortkommen diskriminiert werden, sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz erleben oder aufgrund ihres Geschlechts Ungleichbehandlung erfahren. Das Ausmaß der Diskriminierung, die Frauen am Arbeitsplatz erfahren, ist nach wie vor extrem hoch. Ich würde mir wünschen, dass all diese Frauen diese Fälle bei der Gleichbehandlungskommission melden. Ich glaube, dass es stärkt, wenn man damit nicht allein ist. Gleichzeitig werden Netzwerke männlicher Geschäftsführer geschwächt, wenn es eine Gegenwehr gibt und sie nicht mehr damit durchkommen.
Auch wenn es ein weiter Weg ist: Am Ende zahlt es sich aus. Mein ehemaliger Arbeitgeber hat mir das Geld zurückzahlen müssen – ver­zinst über die Jahre, die das Verfahren dauerte. Ein fünfstelliger Betrag! Kurz vor Weihnachten kam das abschließende Urteil – das war ein tolles Weihnachtsgeschenk.
Man muss sich übrigens auch nicht dafür schämen. Frauen haben im Beruf ein Recht auf gleiche Bezahlung bei gleichwertiger Arbeit und es ist verboten, sie ungleich zu behandeln. Auch das Argument „Sie hat halt schlecht verhandelt“ ist nicht zulässig. Frau kann sich jederzeit an die AK, Gewerkschaft oder den Betriebsrat wenden, sei es auch nur für ein vertrauliches Beratungsgespräch. Man muss nicht gleich vor Gericht ziehen – es gibt Eskalationsstufen und in Österreich tolle Unterstützung. Gewerkschaftsmitglied zu sein zahlt sich da sehr aus. Der Rechtsschutz von Gewerkschaft oder Arbeiterkammer senkt das finanzielle Risiko, es wird ein Anwalt oder eine Anwältin gestellt, die einen vor Gericht begleiten. Wichtig zu wissen ist: Es geht hier um ein Recht, nicht um einen Wunsch.

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