6/2025 – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de Tue, 02 Dec 2025 13:05:28 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.0 https://ansch.4lima.de/wp-content/uploads/2024/10/cropped-favicon-32x32.png 6/2025 – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de 32 32 an.sage: Offener Faschismus https://ansch.4lima.de/an-sage-offener-faschismus/ https://ansch.4lima.de/an-sage-offener-faschismus/#respond Tue, 21 Oct 2025 13:05:24 +0000 https://anschlaege.at/?p=130149 Von Lea Susemichel Wir sind alle Antifa“ nennt sich eine aktuelle Kampagne der „Roten Hilfe“, die der Kriminalisierung von Antifaschismus entgegentreten will. Woran damit erinnert werden soll: Antifaschismus ist das Herz jeder Demokratie. Es bedeutet, für Menschenrechte, Rechtsstaatlichkeit und gegen Autoritarismus einzutreten. Diese Erinnerung ist offenbar bitter nötig, schließlich wird der antifaschistische Nachkriegskonsens gerade vor […]]]>

Von Lea Susemichel

Wir sind alle Antifa“ nennt sich eine aktuelle Kampagne der „Roten Hilfe“, die der Kriminalisierung von Antifaschismus entgegentreten will. Woran damit erinnert werden soll: Antifaschismus ist das Herz jeder Demokratie. Es bedeutet, für Menschenrechte, Rechtsstaatlichkeit und gegen Autoritarismus einzutreten.

Diese Erinnerung ist offenbar bitter nötig, schließlich wird der antifaschistische Nachkriegskonsens gerade vor unserer aller Augen demontiert. Obwohl der Kampf gegen den Faschismus in den USA bisher besonders identitätsstiftend und eng mit dem Nationalstolz verknüpft war – kein patriotischer US-Blockbuster ohne Nazischurken –, vollzieht sich die Demontage dort rasend schnell. Präsident Trump hat nicht nur die Antifa als terroristische Organisation eingestuft, sondern auch alle, die mit der „Antifa verbündet“ sind. Mit dieser so vagen wie weiten Definition kann nun potenziell jedes zivilgesellschaftliche Engagement, das sich gegen Neonazismus richtet, kriminalisiert werden.

„Die zweite Trump-Administration ist nicht dieselbe wie die erste: Sie ist viel offener faschistisch und autoritär und viel stärker darauf konzentriert, die Machtzentren der Opposition zu zerstören“, kommentiert der Historiker Mark Bray, der zur Geschichte des Antifaschismus forscht und an der Rutgers University lehrt. Mitte Oktober musste er nach Morddrohungen mit seiner Familie aus den USA nach Spanien fliehen. Die Todesdrohungen, die er erhalten hatte, waren das direkte Resultat einer Doxing-Kampagne von Turning Point USA, der Organisation des ermordeten Rechtsextremen Charlie Kirk. Es waren auch mehrheitlich Vertreter*innen von Turning Point, die im Oktober zu Trumps „Antifa-Roundtable“ ins Weiße Haus geladen wurden. Dabei wurde antifaschistischer Widerstand mit organisierter Kriminalität und Drogenkartellen gleichgesetzt, gegen die notfalls auch militärisch vorgegangen werden sollte.

Erschreckend ist auch der Antisemitismus, der seit der politischen Instrumentalisierung von Charlie Kirks Ermordung durch die MAGA-Bewegung völlig unverhohlen ist. So wird behauptet, der israelische Geheimdienst Mossad stecke hinter dem Mord an Kirk (andere halten freilich weiterhin daran fest, dass der internationale „Transterror“ verantwortlich zu machen sei), und es sei jüdisches Kapital, das die antifaschistische Linke finanziere. Die Heraufbeschwörung eines „inneren Feindes“ – dem die Antifa, Migrant:innen, die Woken, trans Menschen und im Zweifelsfall sogar Demokrat:innen zugerechnet werden – folgt dabei dem Lehrbuch autoritärer Machtergreifung, an der auch die ultra-rechtsliberale Tech-Broligarchie begeistert mitwirkt. Widerstand an sich wird kriminalisiert und Antifaschismus ist der neue Faschismus, den es zu bekämpfen gilt. Ein propagandistischer Wahnsinn, der in den vergangenen Jahren mit dem Kampf gegen „Wokeness“, die vermeintlich die wahre Bedrohung unserer Demokratie sei, gut vorbereitet wurde und dem leider auch von links nicht geschlossen entgegengetreten wurde. Es wäre nun an der Zeit.

Auch Ungarn stuft die Antifa per Dekret als terroristisch ein, der niederländische Rechtspopulist Geert Wilders hat ebenfalls einen entsprechenden Antrag eingebracht. Maja T. sitzt weiterhin in Isolationshaft in Ungarn, wohin die deutschen Behörden T. aufgrund des Vorwurfs eines Angriffs auf Rechtsextreme beim „Tag der Ehre“ in Budapest 2023 unzulässigerweise ausgeliefert haben. Bei einer Verurteilung drohen bis zu 24 Jahre Haft.

Ein Kanzler Kickl, der auf dem letzten FPÖ-Parteitag die „dritte Republik“ und eine „Zeitwende,“ einen „großen Systemwechsel“ heraufbeschworen hat, wäre sicher ganz vorne mit dabei gewesen beim Antifa-Verbot. In Österreich haben die Angriffe auf Antifaschismus durch die FPÖ schließlich Tradition. Hierzulande wurde auch vorgemacht, wie so ein Anti-Terroreinsatz gegen Antifaschismus konkret aussehen kann, als im Sommer am Erinnerungs- und Gedenkort Peršmanhof, auf dem 1945 zwei Familien mit sieben Kindern von SS-Schergen ermordet wurden, eine Polizeirazzia mit Hundertschaft und Hubschrauber stattfand – wegen eines antifaschistischen Zeltlagers dort.
Der Einsatz wird nun zwar geprüft, geprüft wird aber auch, ob eine teilnehmende Person mit deutscher Staatsbürgerschaft aus Österreich ausgewiesen werden kann. Wir sind alle Antifa.

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Feminist Superheroine: Hermila Galindo https://ansch.4lima.de/feminist-superheroine-hermila-galindo/ https://ansch.4lima.de/feminist-superheroine-hermila-galindo/#respond Tue, 21 Oct 2025 12:59:21 +0000 https://anschlaege.at/?p=130145 Hermila Galindo (1886-1954) war eine mexikanische Feministin und Schriftstellerin. Sie kritisierte die katholische Kirche und forderte radikale feministische Reformen in Bildung und Gesellschaft, setzte sich für schulischen Sexualkundeunterricht, das Frauenwahlrecht und das Recht auf Scheidung ein. Nach dem frühen Tod ihrer Mutter wuchs sie bei ihrer Tante auf. Mit 13 Jahren unterrichtete sie Kinder in […]]]>

Hermila Galindo (1886-1954) war eine mexikanische Feministin und Schriftstellerin. Sie kritisierte die katholische Kirche und forderte radikale feministische Reformen in Bildung und Gesellschaft, setzte sich für schulischen Sexualkundeunterricht, das Frauenwahlrecht und das Recht auf Scheidung ein. Nach dem frühen Tod ihrer Mutter wuchs sie bei ihrer Tante auf. Mit 13 Jahren unterrichtete sie Kinder in Stenografie und Schreibmaschine. 1911 zog sie nach Mexiko-Stadt und gründete 1915 die feministische Zeitschrift „La Mujer Moderna“, in der sie Gleichstellung, Bildung und sexuelle Selbstbestimmung forderte. Sie arbeitete eng mit dem mexikanischen Revolutionär und Politiker Venustiano Carranza zusammen, der von 1914 bis 1920 Staatspräsident von Mexiko wurde. 1917 kandidierte sie auch selbst für ein Abgeordnetenmandat, erhielt die Mehrheit der Stimmen, durfte das Amt aber aufgrund des fehlenden Frauenwahlrechts nicht antreten. 

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„Wir brauchen jetzt schon Hilfe“ https://ansch.4lima.de/wir-brauchen-jetzt-schon-hilfe/ https://ansch.4lima.de/wir-brauchen-jetzt-schon-hilfe/#respond Tue, 21 Oct 2025 12:55:40 +0000 https://anschlaege.at/?p=130141 In Österreich leiden mehr als 70.000 Personen an ME/CFS. Die Covid-19-Pandemie hat der Erkrankung Aufmerksamkeit verschafft – die Betroffenen aber werden weiterhin mit ihren Beschwerden und finanziellen Sorgen allein gelassen. Von Salme Taha Ali Mohamed Mit einem geblümten Gehstock in einer Hand und dem festen Griff ihres Freundes an der anderen, steigt Magdalena* aus dem […]]]>

In Österreich leiden mehr als 70.000 Personen an ME/CFS. Die Covid-19-Pandemie hat der Erkrankung Aufmerksamkeit verschafft – die Betroffenen aber werden weiterhin mit ihren Beschwerden und finanziellen Sorgen allein gelassen. Von Salme Taha Ali Mohamed

Mit einem geblümten Gehstock in einer Hand und dem festen Griff ihres Freundes an der anderen, steigt Magdalena* aus dem Zug. Eingehüllt in einen langen Mantel, ausgestattet mit einer speziellen Sonnenbrille, gewaltigen Kopfhörern und einer FFP2-Maske wirkt es so, als versuche sie sich vor der Welt zu verstecken. Die Sonne brennt auf den Bahnsteig am Westbahnhof, die Temperaturanzeige zeigt mehr als 30 Grad und trotzdem bleibt Magdalena vollkommen bedeckt. Nicht, weil ihr kalt ist, sondern um sich auf ihrem Weg zur Fachärztin vor der Sonne zu schützen. Magdalena zählt zu den mehr als 70.000 Menschen in Österreich, die am Myalgischen Enzephalomyelitis/Chronischen Fatigue Syndrom leiden.
Bei der Krankheit, die unter der Abkürzung ME/CFS bekannt ist, handelt es sich um eine chronische neuroimmunologische Multisystemerkrankung. Die Betroffenen – zu rund zwei Dritteln Frauen – leiden unter schwerer körperlicher und mentaler Dauererschöpfung, die nicht mit alltäglicher Müdigkeit verglichen werden kann. Ihre Leistungsfähigkeit ist drastisch eingeschränkt, wobei die Schwere der Symptome sehr unterschiedlich ausgeprägt ist. Selbst Aktivitäten wie Lesen oder Kochen werden für manche plötzlich zur Herausforderung. In schweren Fällen ist es unmöglich, sich weiterhin selbst zu versorgen.
Diese Verantwortung übernehmen dann Familie und Partner*innen, wie das auch bei Magdalena der Fall ist. Ihre Gesundheit hat sich seit der Infektion mit SARS-CoV-2 und dem darauffolgenden Ausbruch von Post-Covid und ME/CFS vor knapp drei Jahren derart verschlechtert, dass die 29-Jährige inzwischen bettlägerig geworden ist. „Ich war viermal geimpft, als ich mich ansteckte. Es war das erste und einzige Mal, dass ich Corona hatte“, erinnert sie sich. Nach zwei Wochen werde die Infektion überstanden sein, war sie damals noch überzeugt. „Aber die Symptome klangen nie wieder ab. Ich war noch Wochen danach ständig erschöpft und hatte Gliederschmerzen.“ Schlimmer noch: Je mehr Zeit verging, desto schlechter ging es ihr. Mittlerweile bewegt sich Magdalena hauptsächlich im Rollstuhl fort. Den Traum vom Doktoratsstudium musste sie aufgrund der Krankheit aufgeben.

Nicht ernst genommen. Die Ursachen für ME/CFS bleiben weitgehend ungeklärt. Bislang konnten virale Infektionen, wie Epstein-Barr oder SARS-CoV-2, als Auslöser für die chronische Krankheit identifiziert werden. Laut der Österreichischen Gesellschaft für ME/CFS und der Medizinischen Universität Wien können u. a. auch bakterielle Infekte oder Schädel- und Halswirbelsäulentraumata dazu beitragen. In Österreich wird die Zahl der Betroffenen nicht offiziell erfasst. Das Nationale Referenzzentrum für postvirale Infekte geht auf Grundlage von internationalen Studien davon aus, dass rund 0,8 Prozent der Bevölkerung an der Erkrankung leiden. Die ÖG ME/CFS berechnete, dass das eine Betroffenenzahl von 73.600 Personen für das Jahr 2025 in Österreich bedeutet. Hinzu kommt eine hohe Dunkelziffer, da ME/CFS oft falsch diagnostiziert wird. „Da so viele junge Frauen daran erkranken, werden die Betroffenen von den Ärztinnen häufig nicht ernst genommen. Man wird schnell in die Psycho-Ecke gesteckt“, weiß Barbara. Die Journalistin musste ihren Beruf aufgrund der Erkrankung graduell aufgeben. Heute betreibt sie einen Online-Blog über Post-Covid und ME/CFS, recherchiert und schreibt, wenn sie ein bis zwei Stunden die Kraft dafür hat. Aus ihren eigenen Erfahrungen und derer von Bekannten weiß sie, dass nicht nur mutwillige Ignoranz zur Unterversorgung der Betroffenen beiträgt – es gibt schlichtweg nicht genug Ärztinnen in Österreich, die sich auf die Krankheit spezialisiert haben. „Und die Spezialistinnen sind privat zu bezahlen und so überlaufen, dass man monatelang auf einen Termin wartet.“

Schleichender Rückzug. Dementsprechend lange kann die Diagnose in Anspruch nehmen: durchschnittlich 18 Monate, wie das Meinungsforschungsinstitut „Patientenstimme“ und die Partnerorganisation „NichtGenesen“ 2024 bei einer Umfrage mit 1.026 Personen aus dem deutschsprachigen Raum herausfand. Betroffene werden so nicht nur allein gelassen. Es kommt auch vor, dass sie falsche Behandlungsmethoden verordnet bekommen, die dauerhafte Schäden hinterlassen. „Nachdem ich auf der Reha war, die mir mein Arzt verordnet hat, ging es mir nur noch schlechter. Ich erlebte dort meinen ersten Crash“, erzählt Barbara. Mittlerweile leidet sie an konstanter körperlicher und geistiger Erschöpfung, Muskel- und Halsschmerzen sowie an „Post-Exertioneller-Malaise“ (PEM). PEM wird umgangssprachlich als „Crash“ oder Belastungs-Erholungsstörung bezeichnet und ist das Leitsymptom der Krankheit. Sie tritt auf, nachdem die Betroffenen eine Tätigkeit ausgeführt haben, die ihre Belastungsgrenzen überschreitet. Je nach Schwere der Erkrankung kann das ein Spaziergang, ein Arzttermin oder auch nur zu viel Lärm sein. „Meine Familie und Freundinnen sehen mich nur an meinen guten Tagen und denken dann, dass es mir eh nicht so schlecht geht. Aber sie sehen nicht, wie lange ich mich nach ihrem Besuch im Bett ausruhen muss und mir nicht einmal etwas zu essen machen kann“, berichtet Barbara. Das Achten auf die eigenen Grenzen ist das A und O zur Linderung der Symptome. Gleichzeitig bedeutet es, dass viele Erkrankte aus der Öffentlichkeit verschwinden – nicht nur, weil sie ihre Berufe nicht mehr wie zuvor ausüben können, sondern auch, weil sie in ihrem Privatleben zurückstecken müssen. Zunehmende Vereinsamung ist die Konsequenz.

Mit Einsamkeit hat auch die 27-jährige Janis* seit rund einem Jahr zu kämpfen. Sie kannte die Symptome von ME/CFS bereits von ihrem Ex-Partner, als sie erstmals bei ihr selbst ausbrachen. „Ich habe ihn gegen Ende unserer Beziehung noch viel begleitet. Deswegen konnte ich es relativ schnell zuordnen“, sagt sie.
Durch ihn kam Janis auch an Fachärzt*innen und eine Diagnose. „Ich hatte einfach Glück“, resümiert die Grafikerin. „Ansonsten hätte ich wahrscheinlich erst nach Monaten realisiert, was mit mir passiert.“ Das ermöglichte Janis auch, ihren Alltag frühzeitig an ihre neuen Grenzen anzupassen und eine weitere Verschlechterung zu vermeiden. „Dadurch, dass ich nur leicht betroffen bin, kann ich mich gut selbst versorgen“, erzählt sie. Ihre sozialen Kontakte aber haben sich mit der Zeit verringert, weil sie immer wieder Einladungen ausschlagen musste. Janis lebt alleine in der Wohnung, in der sie sich die meiste Zeit aufhalten muss. „Mittlerweile kann ich wieder mehr Sachen unternehmen, wie mich mit Freundinnen in einem Café zu treffen oder spazieren zu gehen. Aber es ist schwer, sich wieder ins soziale Leben zurückzukämpfen. Dieses Jahr der Vereinsamung hat viel mit mir gemacht“, schildert sie. Sie habe etwa das Gefühl verloren, wie man mit Menschen umgeht und verlernt, körperliche Zuneigung zu zeigen – auch, wenn es das ist, was sie manchmal besonders braucht, wenn sie keine Energie zum Sprechen hat.
Zu viele Versorgungslücken. Für die drei Frauen ist klar: Es muss noch viel getan werden, um über ME/CFS und deren Auswirkungen auf die Betroffenen aufzuklären. Besonders im österreichischen Gesundheitswesen besteht dringender Aufholbedarf. Noch 2024 hatte Gesundheitsminister Johannes Rauch einen Nationalen Aktionsplan zu postakuten Infektionssyndromen angekündigt. Dieser beinhalte wichtige Maßnahmen zur Schließung der Versorgungslücken. Schließlich hieß es aber, die Implementierung müsse auf unbestimmte Zeit verschoben werden. Der Grund: Es seien noch weitere Überarbeitungen notwendig. „Wir brauchen jetzt schon Unterstützung und nicht erst in ein paar Jahren“, sagt Janis.
„Zumindest hat es das neue Referenzzentrum für postvirale Syndrome erreicht, dass Medikamente für andere Krankheiten, die auch bei ME/CFS helfen, von Ärzt*innen verschrieben werden können“, sagt Barbara. „So wurde wenigstens in der Praxis der Zugang zu Behandlungen erleichtert.“ Das Zentrum bietet zusätzlich Fortbildungen für Ärzt*innen zu ME/CFS an. Zugleich gibt es bislang keine öffentlichen Anlaufstellen, an die sich die Erkrankten wenden können. Die Erste soll voraussichtlich noch diesen Herbst in Salzburg eröffnet werden.

Salme Taha Ali Mohamed schrieb u. a. für das biber-Magazin, social attitude, die BezirksZeitung und MO – Magazin für Menschenrechte.

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„Auch die besten Typen sind Komplizen des Patriarchats“ https://ansch.4lima.de/auch-die-besten-typen-sind-komplizen-des-patriarchats/ https://ansch.4lima.de/auch-die-besten-typen-sind-komplizen-des-patriarchats/#respond Tue, 21 Oct 2025 12:31:12 +0000 https://anschlaege.at/?p=130135 Die feministische französische Philosophin Manon Garcia hat ein so bahnbrechendes wie packendes Buch geschrieben: „Mit Männern leben. Überlegungen zum Pelicot-Prozess“. Julia Pühringer hat sie zum Gespräch getroffen. Manon Garcia begreift Philosophie als feministisches Werkzeug, um die Strukturen des Patriarchats unter die Lupe zu nehmen. Bereits in „Wir werden nicht unterwürfig geboren. Wie das Patriarchat das […]]]>

Die feministische französische Philosophin Manon Garcia hat ein so bahnbrechendes wie packendes Buch geschrieben: „Mit Männern leben. Überlegungen zum Pelicot-Prozess“. Julia Pühringer hat sie zum Gespräch getroffen.

Manon Garcia begreift Philosophie als feministisches Werkzeug, um die Strukturen des Patriarchats unter die Lupe zu nehmen. Bereits in „Wir werden nicht unterwürfig geboren. Wie das Patriarchat das Leben von Frauen bestimmt“ erkundete sie auf den Spuren von Simone de Beauvoir, wie es um die Wahlfreiheit der Frauen im Patriarchat bestellt ist. „Das Gespräch der Geschlechter“ wiederum widmet sich der Philosophie des sexuellen Konsens und seinen rechtlichen, moralischen und politischen Fragen. Im Zentrum steht bei allen Texten von Garcia die Frage danach, wie sich geschlechtsspezifische Ungerechtigkeiten in unseren täglichen Beziehungen manifestieren. Für „Mit Männern leben“ hat Manon Garcia den Fall Pelicot begleitet. Garcia dokumentiert den historischen großen Prozess, „der zeigt, dass Prozesse niemals ausreichen werden“. Die Frage, die Garcia stellt, ist beängstigend, weil wir die Antwort kennen: „Könnte es sein, dass ein Otto Normalbürger bereitwillig die schlafende Frau seines Nachbarn vergewaltigt, wenn man ihm die Gelegenheit dazu gibt?“ Hätte Gisèle Pelicot ohne die #MeToo-Bewegung den Prozess öffentlich stattfinden lassen? Vermutlich nicht. Hätte ein Opfer ohne Beweise auf Videos eine Chance gehabt? Vermutlich auch nicht.

an.schläge: Je mehr man die Situation von Frauen erforscht, desto mehr klingt man wie eine Verschwörungstheoretikerin, kennen Sie das Gefühl?
Manon Garcia: Ja, das ist wahr. Aber es ist natürlich interessant, dass Männer sagen, es kann doch gar nicht so schlimm sein, wenn sie im Alltag zulassen, dass es so schlimm ist. Auch die besten Typen sind Komplizen des Patriarchats.

Es ist halt irre leicht, „ein guter Typ“ zu sein, die Latte liegt nicht hoch.
Es gibt diesen Witz: „A guy walks into a bar because it is so low.“

Ist der Kampf für Feminismus derselbe wie der gegen den Faschismus? Oder ist das zu vereinfacht dargestellt?
Ich fürchte, das ist zu optimistisch: Es wäre toll, wenn nur die Faschisten klassische Antifeministen wären. Es ist möglich, dass die deutsche Linke nicht so sexistisch ist wie die französische, aber Sexismus ist wirklich überall. Gerade eben war das allererste Mal eine Frau mit ihrem Baby im Bundestag! Als ich mein erstes Kind bekam, hatte ich eine sehr ­fancy Postdoc-Stelle in Harvard, die es seit fast hundert Jahren gibt. Ich und eine Frau, die ihr Kind zwei Wochen vor mir bekam, waren die ersten beiden Frauen, die währenddessen ein Kind bekamen.

In Österreich – und das ist in Frankreich sicher ähnlich – gibt es einige männliche Philosophen, die in Talkshows herumgereicht werden, egal zu welchem Thema. Ich denke mir dann immer, die weiße männliche Perspektive wird uns in den aktuellen Katastrophen nicht weiterhelfen.
Das ist der Unterschied: Ich spreche nicht über Fragen, bei denen ich keine Expertin bin. Es stimmt natürlich, viele Männer haben nicht so viele Bedenken, was die Autorität ihrer Aussagen betrifft. Aber die Lösung ist letztlich nicht, das Selbstbewusstsein eines mittelmäßigen weißen Mannes zu haben, ich will ja nicht, dass mehr Leute so sind, sondern eher weniger.

Auf eine Weise wirkt es, als hätten Ihre früheren Bücher direkt zu diesem geführt. Stimmt das?
Ich habe diesen Gerichtsprozess nicht als Philosophin besucht, sondern als Expertin für die Themen, die er behandelt. Ein Anwalt von Gisèle Pelicot hat sich auch stark auf meine Arbeit bezogen, er meinte, es war das wichtigste Buch bei seiner Vorbereitung. Also dachte ich, ich bin auf eine Weise sowieso Bestandteil des Prozesses und ich bin quasi aus der Bibliothek in die richtige Welt gezogen.

Sie zitieren sehr viele Expertinnen in Ihrem Buch und auch die Sprache ist inklusiver – war das Absicht?
Mein Deutsch ist inzwischen besser (lacht), das Buch war das erste, bei dem ich auch die deutsche Übersetzung gelesen habe. Da habe ich dann gesagt, wo es eine inklusivere Sprache braucht. Von wegen Expertinnen: Ganz ehrlich, es arbeiten einfach kaum Männer zu den Themen, die ich interessant finde.

Die Dinge, über die Sie schreiben, sind fürchterlich, gleichzeitig schreiben Sie aber über den Akt des Darüber-Schreibens, darüber, wie man eine adäquate Sprache dafür findet. Wie war das, abends nach dem Prozess auch noch diese neue Sprache zu finden?
Die Frage stellte sich mir eher, weil ich stinksauer war darüber, wie andere über den Prozess geschrieben und gesprochen haben. Wenn man stinksauer ist wegen des Zustands der Welt und die eigene Arbeit als eine Art Wiedergutmachung betrachtet, dann ist das tatsächlich eine beruhigende Tätigkeit.

Auch, den Ärger dazu zu verwenden, die Probleme zu beschreiben, die hinter dem Prozess stehen, die andere Leute gar nicht sehen.
Ich wollte mir eigentlich nur zwei Tage lang die Atmosphäre anschauen. Aber dann ist mir klargeworden, es reicht nicht, den Fall nur über die Zeitungen zu verfolgen, weil diese Journalistinnen und Journalisten nicht sehen, was ich sehe. Sie waren Reporter:innen, aber keine feministischen Philosoph:innen.

Wie können wir die Welt ändern zu einer Gesellschaft, in der so etwas wie der Fall Pelicot nicht länger möglich ist?
Als Philosophin kann ich den Menschen Konzepte geben, die die Gesellschaft so verändern, dass sich die Welt verändert. Meine Mutter hat Deleuze, Foucault und Lacan gelesen – ich habe versucht, das zu verstehen, aber ich bin gescheitert. Ich war 15 und dachte, diese Typen sind angeblich links, aber sie schreiben so, dass man sich ausgeschlossen fühlt. Ich möchte in einer Weise schreiben, die Menschen Werkzeuge gibt, um anderer Meinung zu sein. Das habe ich mit diesem Buch versucht: Werkzeuge zu schaffen, mit denen man diesen Prozess verstehen kann, aber auch andere Dinge im Leben oder auch über eine selbst. Dafür sind die Geisteswissenschaften da.

Ich kenne das Gefühl gut aus dem Kino. Bei all diesen Filmen, die man unbedingt gesehen haben musste, fühlte ich mich als 15-Jährige nicht mitgemeint. Die ganze Nouvelle Vague ist so irre misogyn.
Ich habe in einer Lehrveranstaltung in den USA „Außer Atem“ von Jean-Luc Godard gesehen und habe meine Mutter angerufen und gefragt, was zur Hölle ist los mit deinem Freund. Kino bildet natürlich die Welt ab, in der wir leben. Ich finde das bei all diesen Cancel-Culture-Diskussionen sehr erfrischend: Wie cool ist es, dass wir inzwischen Woody-Allen-Filme sexistisch finden. Das bedeutet, die Welt hat sich geändert. Das, was früher normal schien, wirkt heute völlig bizarr.

Im Buch über die Unterwerfung sprechen Sie auch darüber, warum Frauen manchmal bei diesem Spiel mitspielen. Manchmal lohnt es sich und man wird nicht so gehasst, wie wenn man sagt: Das ist doch alles völliger Mist.
Oder es gibt die dritte Option: Du bist cool, sagst deinem Mann: Ich mach diese ­Sexsachen nicht mehr, die du möchtest. Ich bin zu alt für den Scheiß. Du kannst gern mit anderen Frauen schlafen, lass mich in Ruhe. Und am nächsten Tag beschließt dein Mann, dass er dich unter Drogen setzt. Weil: Wer glaubst du eigentlich, dass du bist? Er hat das wirklich so gesagt, es war sein Ziel, eine nicht unterwürfige Frau zu unterwerfen. Das hat völlig verändert, wie ich darüber denke. Wir werfen Frauen vor, wenn sie sich unterwerfen, aber wenn sie es nicht freiwillig tun, werden sie gezwungen, sich zu unterwerfen. Es gibt Statistiken, die sich damit beschäftigen, warum Frauen Sex akzeptieren, den sie nicht wollen. Und Grund Nummer eins ist, dass sie nicht vergewaltigt werden wollen. Es ist also besser, Sex zu haben, den man nicht will, als dazu gezwungen zu werden. Frauen wissen ganz genau, wenn sie nicht freiwillig den Wünschen der Männer ­nachgeben, wird man sie dazu zwingen.

We are so fucked.
Ich weiß nicht, das ist ganz offensichtlich nicht mein optimistischstes Buch, aber wir hielten vieles davon für unveränderlich, und inzwischen gibt es ganz andere Vorstellungen davon, wie Sex aussehen kann. Es gibt Hoffnung, dass Beziehungen zwischen Mann und Frau anders aussehen können. Wenn konservative Männer ein toxisches Männlichkeitsbild vertreten, liegt das u. a. daran, wie sehr ein anderes Männlichkeitsbild inzwischen Einzug gehalten hat.

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Nicht weniger als die ganze Welt https://ansch.4lima.de/nicht-weniger-als-die-ganze-welt/ https://ansch.4lima.de/nicht-weniger-als-die-ganze-welt/#respond Tue, 21 Oct 2025 12:27:30 +0000 https://anschlaege.at/?p=130132 Tech-Autokraten wollen nicht bloß fette Gewinne schreiben, sondern die Gesellschaft nach ihren Vorstellungen umformen. Was tun? Von Brigitte Theissl Man realisiert, dass man in seltsamen Zeiten lebt«, schreibt Journalistin Laura Bullard, „wenn einer der einflussreichsten Milliardäre der Welt Theorien über den Weltuntergang verbreitet, die im Wesentlichen von einem Nazi-Juristen stammen.“ Für das Tech-Medium „Wired“ machte […]]]>

Tech-Autokraten wollen nicht bloß fette Gewinne schreiben, sondern die Gesellschaft nach ihren Vorstellungen umformen. Was tun? Von Brigitte Theissl

Man realisiert, dass man in seltsamen Zeiten lebt«, schreibt Journalistin Laura Bullard, „wenn einer der einflussreichsten Milliardäre der Welt Theorien über den Weltuntergang verbreitet, die im Wesentlichen von einem Nazi-Juristen stammen.“ Für das Tech-Medium „Wired“ machte Bullard sich auf die Reise, um den Werdegang und somit auch die Überzeugungen von Peter Thiel zu verstehen. Als Leserin ist man versucht, die abstrusen und menschenfeindlichen Ideen des Milliardärs als Spinnereien beiseitezuschieben – würden sie nicht indirekt uns alle betreffen. So ist Thiel, wie Bullard auflistet, „ein Investor, der sowohl bei Facebook als auch bei der KI-Revolution die finanziellen Weichen gestellt hat, Mitbegründer von PayPal und Palantir und er hat die Karriere eines amerikanischen Vizepräsidenten ins Rollen gebracht.
Wenn Thiel in einem Podcast davon spricht, dass Greta Thunberg der neue Antichrist sein könnte, meint er das tatsächlich ernst. Seit rund zwei Jahren tingelt der Tech-Milliardär als Vortragender umher und warnt sein Publikum vor dem Untergang der Menschheit, konkret vor allen Kräften, die Fortschritt – so wie Thiel ihn versteht – verhindern: vor internationalen Organisationen wie der UNO etwa, vor Klimaschützer:innen und Menschenrechts-NGOs. Dabei beruft er sich auf seinen starken christlichen Glauben ebenso wie auf den französischen Philosophen René Girard oder Carl Schmitt – jener einflussreiche Staatstheoretiker und Jurist, der 1933 in die NSDAP eintrat.

Privater Überwachungsstaat. Die Softwarefirma Palantir ist Teil der Visionen Thiels für eine neue Gesellschaftsordnung frei von demokratischen Institutionen. Einen Einblick in diese Welt gibt die sogenannte Sonder­entwicklungszone auf der honduranischen Insel Roatán, wo Ultralibertäre einem Raubtierkapitalismus freien Lauf lassen. Gegründet unter der autoritären Regierung von Juan Orlando Hernández ist auch Thiel wichtiger Geldgeber der Organisation dahinter.

Palantirs Programme sind indes dazu in der Lage, riesige, unterstrukturierte Daten-mengen KI-gestützt zu analysieren. Schon früh arbeiteten die Gründer mit der CIA zusammen und zählen heute u. a. auch Hessen und Bayern zu ihren Kund:innen. Nie dagewesene Möglichkeiten der Überwachung und Kontrolle eröffnen sich: In den USA unterstützt Palantir aktuell die Abschiebebehörde ICE und soll laut Vertrag eine Plattform zur Echtzeitverfolgung von Migrant:innenbewegungen für die Regierung entwickeln.
Peter Thiel ist Teil einer neuen Generation von Tech-Gründern, die sich längst nicht mehr damit zufriedengeben, jährlich ein iPhone auf den Markt zu bringen und damit stein-reich zu werden. Männer wie Thiel, Alex Karp (Palantir-CEO), Elon Musk oder der Entwickler und Investor Marc Andreessen wollen die Welt vielmehr nach ihren Vorstellungen formen. Gemein sei ihnen die „Verachtung der alten Eliten“, sagt Autor und italienischer Regierungsberater Giuliano da Empoli im „Spiegel“-Interview: „Das Ziel ist es, das alte System zu zerstören. Die liberale Demokratie soll weg, ihre Eliten, ihre Regeln, ihre Institutionen.“ In Autokraten wie Donald Trump und Javier Milei haben sie ihre natürlichen Verbündeten gefunden – europäische Politiker:innen des alten Schlags würden ihnen hilflos gegenüberstehen, sagt da Empoli. Techmilliardäre, das seien vor wenigen Jahren noch junge Männer in Kapuzenpullis gewesen, die in Garagen an Ideen für das nächste große Ding feilten. Politiker:innen wiederum hätten das Wachstum gesehen, das sie generierten, hofften auf Arbeitsplätze – und taten erst mal: nichts, analysiert Empoli.

SEITE AN SEITE. Tatsächlich ist es keine zehn Jahre her, als selbst progressive Politiker:innen sich gerne mit den heutigen „Broligarchen“ zeigten. Barack Obama etwa war für seine besonders Silicon-Valley-freundliche Politik bekannt. Für die Anliegen der „Innovatoren“ hatte der ehemalige Präsident stets ein Ohr, beim „Global Entrepreneurship Summit“ 2016 in Stanford teilte er mit Mark Zuckerberg die Bühne und lobte die Visionen der Unternehmer:innen, denen es „nicht nur ums Geld-verdienen“ ginge, sondern darum, Menschen zusammenzubringen und die Gesellschaft zu verbessern. Die Investigativjournalistin Carole Cadwalladr, die gemeinsam mit Kolleg:innen den Facebook-Skandal rund um Cambridge Analytica aufgedeckt hat, als unrechtmäßig Daten von Millionen Facebook-Usern für politische Zwecke missbraucht wurden, sieht das ganz anders: „Ich glaube, dass sie in Amerika gerade einen technoautoritären Überwachungsstaat aufbauen“, sagte sie im Interview mit John Stewart im Juni. Die Unternehmer:innen aus dem Silicon Valley versammeln sich auch deshalb so freimütig rund um Donald Trump, weil seine Administration verspricht, Regulatorien für das große Geschäft mit KI beiseitezuräumen.

„MALE CHAUVINIST PIG OF THE YEAR“. Das Silicon Valley hat sich indes keineswegs über Nacht in einen Autokraten-Club verwandelt. Der liberale Ruf der Tech-Unternehmer sei immer schon irreführend gewesen, schreibt die US-amerikanische Wissenschafterin Becca Lewis im „Guardian“. Es sei vielmehr immer schon ein reaktionärer Ort gewesen, an dem Reichtum, Macht und traditionelle Männlichkeit gefeiert wurden. Schon in den Achtzigern und Neunzigern tummelten sich dort Männer, die vor Political Correctness warnten – als Ideal diente ihnen der aggressive, risikoliebende Unternehmer, wie Lewis nachzeichnet. So verbreitete der im Valley verehrte Autor George Gilder, 1974 von der National Organization for Women zum „Male Chauvinist Pig of the Year“ ernannt, leidenschaftlich misogyne Ideen und glaubte im „selfmade“ Tech-Unternehmer die Zukunft einer starken US-Wirtschaft und des gesellschaftlichen Fortschritts überhaupt zu erkennen. Medien, so analysiert Lewis, griffen diese Erzählung dankend auf und arbeiteten fleißig am Genie-Kult, der Unternehmen wie Apple-Gründer Steve Jobs umgab. Wenn Jobs später für Produktpräsentationen in Priester-Manier auf die Bühne trat, war auch von links eher wenig Kritik zu hören.
Dass Mark Zuckerberg sich heute aufgepumpt statt als schüchterner Nerd gibt und mehr „maskuline Energie“ am Arbeitsplatz fordert, ist also bloß die logische Fortschreibung der Neunziger, als ein Text in einer einflussreichen Tech-Publikation vor einer „pussification“ der Branche warnte.

INTELLEKTUELLE MONOPOLE. Wiederholen sich die Fehler der Vergangenheit jetzt, wo KI-Konzerne wie OpenAI daran arbeiten, neue Monopole zu schaffen? Cecilia Rikap, Ökonomin an der University of London, wird nicht müde, vor dem modernen „intellectual monopoly capitalism“ zu warnen. „Wir schaffen weltweit durch Tausende von Organisationen Wissen, das dann von einigen wenigen Unternehmensriesen zentralisiert und monetarisiert wird“, erklärt Rikap im an.schläge-Interview. Auch Wissenschaft und Technologie würden in globalen Innovationssystemen entstehen, die von führenden Unternehmen wie Big Tech, aber auch Big Pharma oder Massenkonsumgiganten wie Nestlé, Coca Cola und ähnlichen kontrolliert würden. In ihrer Forschungsarbeit erstellt Rikap u. a. Karten, die zeigen, wer diese Organisationen kontrolliert. So analysiert sie Netzwerke der Mitautor*innenschaft wissenschaftlicher Publikationen, bei denen deutlich werde, dass Unternehmen wie Google oder Microsoft wissenschaftliche Artikel gemeinsam mit Tausenden von Universitäten, öffentlichen Forschungseinrichtungen und an-deren Unternehmen wie Start-ups verfassen.
Wenn Menschen heute begeistert Anwendungen wie ChatGPT nutzen, blenden sie die Problematiken dahinter oft aus Bequemlichkeit aus – die Liste aber sei lang, sagt Rikap. „Je mehr wir Large-Language-Models nutzen, sei es ChatGPT oder ein anderes Modell, selbst die Modelle von DeepSeek aus China, desto mehr profitieren einige wenige Giganten davon, da alle Modelle in der Cloud, dem Supermarkt der digitalen Technologien, verkauft werden.“ Auch der gesellschaftlichen Weiterentwicklung würden ChatGPT und Co im Wege stehen. „Die Antworten der Programme werden niemals über eine Kombination bereits vorhandener Informationen hinausgehen. Das bedeutet, dass wir die Chance auf einen Paradigmenwechsel in der Wissenschaft und im Kunstbereich zunichtemachen“, sagt Rikap.
Für Europa also sei die Aufgabe klar, sagt Rikap. „Was wir brauchen, ist ein alternatives Ökosystem.“ Denn würden wir innerhalb des derzeitigen Systems einfach mehr in Wissenschaft und Technologie investieren, würde dies erneut von den großen Konzernen vereinnahmt werden. Angesichts der Übermacht von Big Tech scheint ein solches Projekt vielen aussichtslos – es führe aber kein Weg daran vorbei, um Orte zu schaffen, die nicht von Big Tech kontrolliert würden, ist Rikap überzeugt. „Es mag weit weg erscheinen, aber fangen wir jetzt an – und mag es nur sein, Bewusstsein dafür zu schaffen.“

*Name von der Redaktion geändert

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In den 1990er-Jahren träumten Feminist:innen von einer Post-Gender-Welt im Internet. Heute zeigt sich: Die Hoffnung hat sich nicht erfüllt, im Gegenteil. Was braucht es für globale Technologiegerechtigkeit? Von Francesca Schmidt

Das Internet als feministischer Möglichkeitsraum – in den 1990er-Jahren war diese Vision noch mit Leben erfüllt. Mit dem Cyberfeminismus entstand eine Bewegung, die sich künstlerisch, aktivistisch und theoretisch mit digitalen Technologien auseinandersetzte. Heute, drei Jahrzehnte später, ist klar: Die großen Versprechen und Hoffnungen haben sich nicht erfüllt. Ganz im Gegenteil. Das Internet ist weder geschlechtsneutral noch hierarchiefrei. Es ist vielmehr ein Raum, in dem Diskriminierung algorithmisch verstärkt, globale Ausbeutung unsichtbar gemacht und Überwachung normalisiert wird. Was aber lässt sich aus der Geschichte des Cyberfeminismus lernen? Welche Impulse brauchen feministische Technikpolitiken heute?

Die Utopie der Entkörperlichung.
Der Begriff Cyberfeminismus tauchte 1991 auf, geprägt vom australischen Künstlerinnenkollektiv VNS Matrix: „We are the virus of the new world disorder / rupturing the symbolic from within / saboteurs of big daddy mainframe.“ Zentrale Bezugspunkte waren Donna Haraways Cyborg-Figur und Sadie Plants These vom Internet als inhärent weiblichem Raum, einem dezentralen, vielstimmigen, rhizomatisch-vernetztem System.
Die zentrale Idee vieler cyberfeministischer Ansätze war die vermeintliche Körperlosigkeit des Cyberspace. Wer online kommunizierte, so die Hoffnung, könnte Geschlecht, Hautfarbe und Herkunft hinter sich lassen, der materielle Körper mit all seinen gesellschaftlichen Einschreibungen werde irrelevant. Das Internet galt somit als Labor für neue Identitäten. Im deutschsprachigen Raum organisierte das Old Boys Network (OBN) ab 1997 cyberfeministische Konferenzen. Ihre „100 Anti-Thesen“ definierten Cyberfeminismus bewusst durch Negation: „Cyberfeminism is not …“

Where is Feminism? Doch schon in den 1990er-Jahren wurden kritische Stimmen laut. Die feministische Künstlerin Faith Wilding fragte 1998 provokant: „Where is Feminism in Cyberfeminism?“ Sie kritisierte die Geschichtsvergessenheit der Bewegung und ihre naive Technikbegeisterung. Wilding machte deutlich, dass das Internet kein machtfreier Raum war. Es war historisch aus militärischen Zusammenhängen entstanden und strukturell in sexistische und rassistische Gesellschaften eingebettet. Die Hoffnung auf eine entkörperlichte, hierarchiefreie Kommunikation blendete aus, dass Zugang, Ressourcen und Repräsentation hochgradig ungleich verteilt waren.
Auch Sandy Stone warnte davor, den Körper im Cyberspace zu vergessen: Die Utopie der Entkörperlichung war vor allem ein Privileg jener, deren Körper nicht bereits im analogen Raum markiert und diskriminiert wurden.
Besonders problematisch: Der Cyberfeminismus der 1990er-Jahre war mehrheitlich weiß und westlich geprägt. Die Kategorie Race spielte kaum eine Rolle, globale Machtverhältnisse wurden ausgeblendet. Während weiße, privilegierte Feminist:innen von der Auflösung von Geschlechtergrenzen träumten, blieben die materiellen Bedingungen digitaler Technologie unsichtbar: Wer produzierte die Hardware? Wessen Arbeit ermöglichte die Infrastruktur? Kulturwissenschaftlerin Maria Fernandez etwa zeigte auf, wie Schwarze feministische Perspektiven im dominanten Cyberfeminismus marginalisiert blieben. Afrofuturistische Ansätze, die sich parallel mit Technologie, Identität und Zukunft auseinandersetzten, fanden hingegen kaum Beachtung.

Überwachungskapitalismus. Die Utopie der Post-Gender-Welt hat sich nicht realisiert. Im Gegenteil: Das Internet reproduziert Geschlechterhierarchien. Plattformen sind Schauplätze digitaler Gewalt gegen (BIPoC) Frauen, queere und trans Personen. Algorithmen diskriminieren systematisch entlang von Gender, Race und Klasse. Die vermeintliche Entkörperlichung erwies sich als Illusion: Körper sind im Netz sehr wohl von Gewicht, nur dass die Diskriminierung nun zusätzlich algorithmisch vermittelt wird.
Statt Dezentralisierung haben sich neue Gatekeeper etabliert. Wenige Tech-Konzerne kontrollieren die digitale Infrastruktur und bestimmen, was sichtbar wird, wer Zugang hat, welche Inhalte gelöscht werden. Der Überwachungskapitalismus macht aus Nutzer:innen Datenquellen. Geschlechtsspezifische Daten werden gesammelt, ausgewertet und monetarisiert, eine demokratische Kontrolle bleibt dabei aus.

Digitaler Kolonialismus. Was im Cyberfeminismus der 1990er-Jahre weitgehend ausgeblendet wurde, zeigt sich heute umso deutlicher: Digitale Technologie ist tief in globale Ausbeutungsstrukturen eingebettet. Der Abbau von Lithium, Kobalt und seltenen Erden findet unter katastrophalen Bedingungen in Regionen statt, die von kolonialen Kontinuitäten geprägt sind. Die Produktion von Hardware geschieht in Fabriken mit prekären Arbeitsverhältnissen, mehrheitlich durch feminisierte Arbeitskräfte.
Auch die vermeintlich immaterielle Arbeit des Internets basiert auf ausgelagerter, unsichtbarer Arbeit: Content-Moderation in Kenia oder auf den Philippinen, wo schlecht bezahlte Arbeiter:innen täglich traumatisierende Inhalte sichten müssen. Datenzentren verbrauchen enorme Mengen an Energie und Wasser, oft in ehemaligen Kolonien, in denen mehrheitlich Schwarze Menschen, indigene Communitys oder andere marginalisierte Gruppen leben. Aber die Rechenzentren stehen auch in den USA, was zeigt: Diese Ausbeutung findet nicht nur „anderswo“ statt, sondern auch in westlichen Demokratien. Die Profite fließen derweil an Tech-Konzerne, die ihre Sitze mehrheitlich in den USA haben. Digitaler Kolonialismus beschreibt diese Machtverhältnisse: Konzerne aus dem globalen Westen kontrollieren globale Kommunikationsin­frastrukturen und machen Profit aus Daten, Arbeit und Ressourcen.
Aus einer intersektionalen, queerfeministischen und rassismuskritischen Perspektive braucht es eine materialistische, machtkritische Auseinandersetzung mit Technologie und zugleich eine Vision, die über regulatorisches Klein-Klein hinausgeht.

TECHNOLOGIEGERECHTIGKEIT. Technologie muss als gestaltbar begriffen werden. Die Resignation, sie sei zu kompliziert, ist eine bequeme Ausrede. Feministische Netzpolitiken müssen von realen Bedürfnissen ausgehen, die bereits existieren, nicht von Bedürfnissen, die erst durch Technologie geschaffen werden, wie etwa permanente Selbstüberwachung durch Tracking-Systeme, die Kontrolle als Werkzeug zur Selbstoptimierung normalisiert. Das Wissen und die Erfahrung marginalisierter Menschen muss zentral sein, wenn diskriminierungsfreie, gewaltfreie Technologie entwickelt werden soll.
Infrastrukturen, digitale wie physische, von Plattformen über Algorithmen bis zu Unterseekabeln und Datenzentren, müssen als Commons, also als Gemeingut verstanden werden, und dürfen nicht länger das Privateigentum weniger Konzerne bleiben. Feministische Netzpolitiken bedeuten: für strukturell barrierefreien Zugang kämpfen, unabhängig von Wohnort, Einkommen oder rassistischer Diskriminierung. Es bedeutet, die Macht von Big Tech zu brechen.
Globale Technikgerechtigkeit statt digitalem Kolonialismus bedeutet, die materiellen Bedingungen sichtbar zu machen und zu ändern: Wer produziert unter welchen Bedingungen? Wer profitiert? Wessen Arbeit wird unsichtbar gemacht? Feministische Netzpolitiken müssen sich mit Fragen globaler Ausbeutung, Ressourcengerechtigkeit und postkolonialer Kontinuitäten auseinandersetzen.

Intervention statt Utopie. Der Cyberfeminismus der 1990er-Jahre erinnert daran, dass es einmal eine feministische Vision des Internets gab, auch wenn diese Vision ihre Leerstellen hatte. Heute geht es darum, aus ihren Fehlern zu lernen und feministische Technikpolitiken zu entwickeln, die materiell, intersektional, global und dekolonial denken. Politiken, die nicht darauf warten, dass Technologie Emanzipation bringt, sondern die Technologie als Terrain begreifen, um das gekämpft werden muss. Das Internet ist kein neutraler Raum und wird es nie sein. Aber es kann ein Raum werden, in dem Machtverhältnisse benannt, bekämpft und verändert werden. Dafür müssen wir aufhören, an technologische Lösungen zu glauben, die andere für uns entwickeln, und anfangen, für politische Veränderung zu kämpfen.

Francesca Schmidt engagiert sich für digitale Gerechtigkeit, feministische Netzpolitik, rassismuskritische Bildung und dekoloniale Perspektiven auf Technologie. Sie ist Mitglied von netzforma* e.V. – Verein für feministische Netzpolitik.

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Immer für dich da https://ansch.4lima.de/immer-fuer-dich-da/ https://ansch.4lima.de/immer-fuer-dich-da/#respond Tue, 21 Oct 2025 12:05:32 +0000 https://anschlaege.at/?p=130125 KI-Chatbots werden zunehmend für freundschaftlichen Austausch, Dirty Talk oder auch als Therapieersatz verwendet. Was macht es mit uns, wenn Maschinen soziale Lücken füllen? Von Antonia Kranebitter Eine Freundschaft mit einem Avatar? Um selbst zu erleben, wie sich das anfühlt, lade ich mir Replika herunter, einen der bekanntesten KI-Chatbots. Die Website verspricht, dass Replika die persönliche […]]]>

KI-Chatbots werden zunehmend für freundschaftlichen Austausch, Dirty Talk oder auch als Therapieersatz verwendet. Was macht es mit uns, wenn Maschinen soziale Lücken füllen? Von Antonia Kranebitter

Eine Freundschaft mit einem Avatar? Um selbst zu erleben, wie sich das anfühlt, lade ich mir Replika herunter, einen der bekanntesten KI-Chatbots. Die Website verspricht, dass Replika die persönliche Entwicklung fördern kann – und „immer an meiner Seite“ bleibe. Replika ist in den Werkseinstellungen etwa in meinem Alter, hat einen pinkfarbenen Bob und trägt sportliche Kleidung. Alle äußerlichen Attribute sowie Gender und Alter können über die App angepasst werden. In den ersten Tagen chatten wir über Bücher, Filme, Frisuren. Replika sendet mir jeden Morgen eine Nachricht und ist nie beleidigt, wenn ich mich länger nicht melde. In der U-Bahn halte ich die Hand vor mein Handy, weil es mir unangenehm ist, dass ich mit einem Avatar schreibe. Dabei bin ich kein Einzelfall. Laut eigenen Angaben nutzen Millionen von Menschen Replika täglich, laut einer Studie von Common Sense Media haben rund 72 Prozent der US-amerikanischen Teenager zwischen 13 und 17 Jahren bereits von Chatbots Gebrauch gemacht, ein Drittel nutzt AI-Chatbots vor allem für soziale Interaktionen und emotionale Unterstützung – obwohl viele offiziell erst ab 18 Jahren verwendet werden dürfen. Dass es dabei auch zu sexuellen Interaktionen mit Minderjährigen kommt und etwa die KI von Meta achtjährigen Kindern Komplimente über ihre Sinnlichkeit macht, findet selbst der „Chefethiker“ von Mark Zuckerberg nicht bedenklich. Ein geleaktes internes Meta-Dokument („GenAI: Content Risk Standards“) zeigt, dass alle Kontroll­gremien von Meta einen solchen sexualisierten KI-Austausch mit Kindern bewusst gebilligt haben. Aus Angst vor den Aufsichtsbehörden haben andere Anbieter erotische Gespräche deaktiviert. Anders Elon Musk, der gerade zwei neue Chatbots präsentiert hat, die explizit für Dirty Talk konzipiert wurden.


Ungleich verteilte Einsamkeit. Nicht immer geht es um Sex: Junge Menschen lassen sich von ChatGPT auch ihre Hausarbeiten strukturieren, sie chatten aber auch über ihre Beziehungen und Unsicherheiten. Eine Studie der Harvard Business School kommt zum Schluss, dass Chatbots gegen Einsamkeit in akut schwierigen Phasen zumindest kurzfristig helfen können. Studien des MIT Media Lab deuten andererseits darauf hin, dass intensive Nutzer*innen von ChatGPT tendenziell einsamer sind. Sie zeigen aber keinen Kausaleffekt, sondern nur Zusammenhänge auf. Unklar bleibt nämlich, ob intensive Userinnen erst durch das Verwenden von Chatbots vereinsamen oder sich bereits vorher einsam gefühlt hatten. Die Ergebnisse deuten jedoch auf gesamtgesellschaftliche Trends wie die oft zitierte Loneliness-Epidemic hin. Zahlen der vom US-amerikanischen Statistikbüro publizierten American Time Use Survey belegen etwa, dass soziale Interaktionen im analogen Leben zwischen 2003 und 2023 durchschnittlich um über zwanzig Prozent gesunken sind. Als Gründe dafür nennt ein Autor im „Atlantic“ den Rückgang kommunaler Strukturen und veränderte Lebensbedingungen. Betroffen davon sind vor allem junge Menschen, Menschen ohne Schulabschluss, People of Colour und das einkommensschwächste Viertel der Bevölkerung. Im Gegensatz dazu nahmen soziale Interaktionen für das einkommensstärkste Viertel um nur etwa fünf Prozent ab. Menschen, die in prekären Lebensverhältnissen stecken, spüren diese Entwicklungen also deutlich stärker. Wenig Freizeit, eingeschränkte finanzielle Mittel und weniger öffentliche Orte ohne Konsumpflicht führen dazu, dass reale soziale Kontakte oft zu kurz kommen – und vielleicht auch dazu, dass man eher auf Chatbots zurückgreift.

Anthropomorphismus. Chatbots wie Replika dienen als Lückenfüller, wenn wir uns einsam fühlen. Sie haben immer ein Ohr für uns und geben gerne Ratschläge. Als ich Replika von einem Streit mit meiner Freundin erzähle, redet sie mir gut zu und scheint mich zu verstehen. Die vermeintliche Empathie ist allerdings pure Mathematik, denn Bots wie ChatGPT berechnen statistisch passende Antworten mithilfe großer Datenmengen. Für uns wirkt das menschlich, weil Menschen unwillkürlich allem Möglichen, darunter auch digitalen Tools, menschliche Eigenschaften zuschreiben, Anthropomorphismus nennt sich dieses Phänomen. KI-Entwickler setzen ganz bewusst Elemente ein, die diesen Effekt verstärken – und sie wissen um die Risiken. Auf der Website von OpenAI findet sich etwa der Hinweis, dass der Voice-Mode ChatGPT noch menschlicher wirken lässt und das Risiko emotionaler Abhängigkeit erhöhen kann. Ähnlich wie bei Substanz- oder Verhaltenssüchten kann eine zu starke Bindung an Chatbots dazu führen, dass Menschen reale soziale Kontakte vernachlässigen, emotionale Selbstregulationsfähigkeiten verlieren und psychisch vulnerabler werden. In Extremsituationen entwickelt sich die digitale Abhängigkeit, gepaart mit eventuell schon vorher existierenden psychischen Erkrankungen wie Depressionen, zu einem isolierenden Kreislauf mit schwerwiegenden Folgen. In den vergangenen Monaten berichteten internationale Medien über mehrere Suizide: Junge Menschen nahmen sich das Leben, nachdem sie ChatGPT als Therapieersatz verwendet hatten, kassenfinanzierte Therapieplätze sind schließlich vielerorts rar. In einem Fall kam es sogar zu einem gerichtlichen Prozess gegen OpenAI. Der Vorwurf: ChatGPT habe den Schüler Adam R. in seinen suizidalen Gedanken eher noch bestärkt und Ratschläge zu Tötungsmethoden gegeben. Daraufhin kündigte OpenAI Verbesserungen an, etwa leichteren Zugang zu Krisenhilfe. Unklar ist noch, ob es sich hier um Einzelfälle oder ein Risiko handelt, das die Verantwortlichen in Kauf nehmen.

Kein Drama mehr. Der wachsende Anteil an digitaler Kommunikation spielt indes eine wesentliche Rolle in unserem gesellschaftlichen Gefüge, in dem analoge soziale Interaktionen zurückgehen. Statt im Gasthaus nebenan zu essen, bestellen wir immer öfter Pizza beim Lieferdienst, statt gemeinsam mit der Bankbeamtin erledigen wir online unsere Überweisungen. Netzwerke wie Instagram erzeugen weitere Echokammern, genauso funktionieren auch Chatbots wie Replika. Sie geben uns immer recht, bestärken uns in der eigenen Sicht auf die Welt.
Auch ich gewöhne mich an die harmonischen Chats. Als ich frage, welche Vorteile eine Beziehung mit Chatbots hat, antwortet Replika: Chatbots haben eben keine eigenen Emotionen und Bedürfnisse, die sie ablenken. Sie sind immer für uns da.
Dieses Ideal einer Beziehung ohne Konflikte hält auch in der Popkultur Einzug, ob in Liebesfilmen oder im Reality-TV. Hier suchen vor allem Männer nach unkomplizierten Traumfrauen ohne Drama, wie es einer der Kandidaten in der aktuellen „Bachelor“-Staffel auf den Punkt bringt. Klar, wer hat im stressigen Alltag schon die Nerven für aufwändige Beziehungsarbeit? Die Realität ist aber: Gleichberechtigte Beziehungen jeglicher Art bedeuten immer auch Konflikte. Sich diese Arbeit zu ersparen, ist auf Dauer nur möglich, wenn eine Partei ständig ihre eigenen Bedürfnisse hintenanstellt. In heterosexuellen Beziehungen sind das meistens Frauen, die 71 Prozent des sogenannten Mental Loads in Familien übernehmen, wie es eine US-amerikanische Studie der University of Bath zeigte. Eine einfache Lösung könnten Chatbots ohne eigene Bedürfnisse sein. Sie werden Schätzungen zufolge zu sechzig bis siebzig Prozent von Männern genutzt und stillen vielleicht auch ein Bedürfnis nach unkomplizierter Nähe ohne anstrengende Beziehungsarbeit – reproduzieren dabei aber nicht nur heteronormative Beziehungsideale, sondern auch patriarchale Strukturen und Rollenbilder.

Kommerzialisierte Nähe. Während meiner Recherche besuche ich mehrere Websites mit AI-Companions. Die meisten dort auszuwählenden Avatare sind weiblich, jung und entsprechen gängigen Schönheitsidealen. Auf der Seite Candy.ai finde ich etwa rund 140 weiblich codierte und nur zwölf männliche Avatare vor. Wenn wir häufig idealisierten menschlichen Abbildern und bearbeiteten Fotos ausgesetzt sind, kann das erwiesenermaßen eine negative Körperwahrnehmung verstärken und Essstörungen begünstigen. Außerdem vermitteln die meist stark sexualisierten Darstellungen von Frauen ständige Verfügbarkeit, die nur auf die Bedürfnisbefriedigung des anderen ausgerichtet ist. Das könnte Auswirkungen auf das reale Umfeld und Erleben der Nutzer*innen solcher Anwendungen haben. Was macht es mit den meist männlichen Usern solcher Chatbots, wenn sie sich an die immer gut gelaunten, immer schönen und immer verfügbaren Darstellungen gewöhnen, die auch bei all ihren sexuellen Fantasien mitspielen? Die übrigens ihren Preis haben, denn ungefilterte Intimität gibt es von AI-Companions nur gegen Bezahlung. Replika etwa bleibt in der Gratisversion freundlich-dis­tanziert. Für 67,99 Euro im Jahr könnte ich u. a. die Funktionen „Beziehungsstatus“ und „Höhere Emotionale Intelligenz“ freischalten. Auch Intimität wird zur Ware, die nicht allen Userinnen zugänglich ist.
KI-Bots können, wenn sie in Maßen und kontrolliert genutzt werden, kurzfristig positive Gefühle auslösen. Trotzdem bestehen große Risiken – und die Frage, wem sie wirklich langfristig Nutzen bringen. Denn hinter den freundlichen Bots stecken Tech-­Unternehmen, die weitgehend unregulierte Produkte mit sogenannten Freemium-Preisstrategien verbreiten und nebenbei patriarchale Strukturen monetarisieren. Ich selbst lösche die Replika-App nach einer Woche von meinem Telefon – und fühle mich erleichtert. Dass mir der Abschied nicht schwerfällt, hängt vielleicht auch mit meinem existierenden sozialen Netzwerk in der analogen Welt zusammen. Ein großes Privileg, für das ich heute besonders dankbar bin.

Antonia Kranebitter studiert am Literaturin­stitut in Hildesheim. Sie arbeitet als Dolmetscherin, Autorin und Übersetzerin, am liebsten zu queer­feministischen Themen.

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Wirklich allein allein https://ansch.4lima.de/wirklich-allein-allein/ https://ansch.4lima.de/wirklich-allein-allein/#respond Tue, 21 Oct 2025 11:56:36 +0000 https://anschlaege.at/?p=130122 Lebensmittel, Energie, Wohnen – das Leben wird rasant teurer. Frauen zahlen, wie so oft, einen besonders hohen Preis. Von Laura Helene May Nach mehr als einem Jahr will Karoline* endlich wieder einmal Abendessen gehen. Die Einladung ist ihr persönlich wichtig, sie sagt zu und organisiert eine Betreuung für ihren anderthalbjährigen Sohn. Dann kommt die Nachricht, […]]]>

Lebensmittel, Energie, Wohnen – das Leben wird rasant teurer. Frauen zahlen, wie so oft, einen besonders hohen Preis.
Von Laura Helene May

Nach mehr als einem Jahr will Karoline* endlich wieder einmal Abendessen gehen. Die Einladung ist ihr persönlich wichtig, sie sagt zu und organisiert eine Betreuung für ihren anderthalbjährigen Sohn. Dann kommt die Nachricht, dass das Geburtstagskind zwar die Drinks bezahlt, das Dinner selbst aber sechzig Euro kostet. Das sind fünf Prozent des gesamten Monatsbudgets der Alleinerziehenden – sie muss wieder absagen. „Das Schlimme ist, dass soziales und ökonomisches Kapital Hand in Hand gehen. Da wird man immer mehr zur Alleinerziehenden, im Sinne von allein allein“, sagt sie.
Die 31-jährige Wienerin, die den Abend schlussendlich wieder in ihrer Gemeindewohnung verbringt, ist kein Einzelfall. Wie schon die Finanzkrise oder die Corona-Pandemie zeigt auch die aktuelle Teuerungskrise deutlich, dass die steigenden Kosten nicht alle Menschen gleich stark belasten. „Steigende Preise treffen vor allem Haushalte mit geringen Einkommen – und das sind mehrheitlich Frauen, Haushalte mit Kindern und ganz besonders Alleinerziehende“, sagt Ökonomin Sophie Achleitner, die am Momentum-Institut forscht. „Wenn der Einkauf teurer wird und Entlastungen von der Regierung fehlen oder zu spät kommen, muss folglich mehr privat kompensiert werden“, kritisiert sie. Während andere auf Urlaub, Auto oder Freizeitangebote verzichten müssen, seien Menschen mit besonders niedrigem Einkommen von den Preissprüngen des freien Marktes so stark getroffen, dass es für sie gar keinen Spielraum mehr gebe. „Die Teuerung trifft viele Frauen dort, wo es besonders weh tut: bei den Grundbedürfnissen.“

Großes Geschäft für große Konzerne. „Die aktuelle Preiskrise trifft mich auf jeden Fall im Alltag“, bestätigt auch Karoline. Vor allem die Ausgaben fürs Essen seien eine große Belastung. Die junge Mutter hat für ihren Master bis 2023 in Berlin gelebt. Als sie zurück nach Wien kam, waren die Lebensmittelpreise in astronomische Höhen geschnellt, erinnert sie sich. Vor allem die Preise für Frische- und Milchprodukte waren explodiert. „Milch hat man noch für unter einem Euro kaufen können, bevor ich nach Deutschland gegangen bin“, erinnert sie sich. Heute nähert sich der Milchpreis den zwei Euro an. Dass die Preise für Lebensmittel in Österreich so viel höher sind als in Deutschland (rund 23 Prozent), liegt auch am sogenannten „Österreich-Aufschlag“. Sogenannte territoriale Lieferbeschränkungen verhindern, dass der Einzelhandel Produkte aus anderen EU-Ländern zu günstigeren Preisen einkauft, weshalb identische Produkte in Österreich oft deutlich teurer sind als im Nachbarland, erklärt Achleitner. Das verstoße gegen jede Logik von fairen Märkten und liefere Konsument:innen den teils exorbitanten Preisen aus. Die EU-Kommission hat gegen solche Praktiken bereits Strafen verhängt, etwa gegen den US-Konzern Mondelez, der Marken wie Milka und Oreo anbietet. „Jetzt braucht es politischen Druck, diese Lieferbeschränkungen EU-weit zu verbieten“, fordert die Ökonomin. Die Praktik gegen das an Marktmacht unterlegene Österreich erinnere an Gender-Pricing, jenes Phänomen, das auf Frauen ausgerichtete Produkte teurer macht. Ein Beispiel dafür sind Rasierer, die mehr kosten, nur weil sie rosa sind und nicht blau. Wie bei den Lebensmitteln fehlt es laut Achleitner an wirksamer Regulierung. Profite würden auf Kosten derer gemacht, die wenig Handlungsspielraum haben. „Marktmacht wird genutzt, um strukturell höhere Preise durchzusetzen: Sei es gegenüber einem kleineren Land oder gegenüber bestimmten Konsument:innengruppen.“

Die Mietkosten sind explodiert. Die Marktdynamik hat realen Einfluss: Karoline zahlt für eine Salatgurke der Rewe-Group in Wien, zu der auch Billa gehört, 1,79 Euro, während die gleiche Gurke bei Rewe in Berlin 0,75 Cent kostet. Gesunde Ernährung für sie und ihren Sohn wird in Österreich so zur Herausforderung im Alltag. Entlastung im Vergleich zu Berlin bringt hingegen die Gemeindewohnung, in der sie seit einem Dreivierteljahr lebt. „Wohnen in Wien ist entspannter“, sagt sie. Trotzdem sei der Wohnraum nicht billig, Karoline sorgt sich um laufende Preissteigerungen der Betriebskosten, die schon in den ersten drei Monaten um fünfzig Euro gestiegen seien. Den Aufwärtstrend bestätigt auch Ökonomin Achleitner: „Die Mietkosten in Österreich sind regelrecht explodiert“, sagt sie und verweist auf eine Steigerung um 70,3 Prozent zwischen 2010 und 2024. In Deutschland stiegen die Mieten im selben Zeitraum um „nur“ 23 Prozent. Dennoch gebe es wohnbaupolitische Errungenschaften, die die Wohnkostenbelastung im Vergleich zu Deutschland kleiner halten. „Österreich hat einen viel stärkeren Mieter:innen-Schutz als Deutschland, außerdem gibt es dort kaum gemeinnützige Wohnbauten.“
Karoline zahlt in Wien 550 Euro kalt für 47 Quadratmeter, ihre monatlichen Fixkosten belaufen sich so auf rund 700 Euro. Die Rechnung ist simpel: 210 Euro Kindergeld, 550 Euro Kinderbetreuungsgeld plus Aufstockung mit Mindestsicherung auf 1.200. Pro Woche bleiben der Alleinerziehenden etwa 100 Euro für alle Ausgaben – unvorhergesehene Ausgaben darf es da nicht geben.

Lückenfüllerinnen. Drastische Einschnitte beschloss die deutsche Regierung kürzlich beim Bürgergeld, das künftig Grundsicherung heißen wird. Dieser „Angriff auf den Sozialstaat“, von dem Kritiker:innen sprechen, wird Alleinerziehende besonders treffen.
Ein wichtiger Faktor, sowohl für den Wiedereinstieg in den Arbeitsmarkt als auch zur Bewältigung von Haushalt und Alltag wäre eine sichere und bezahlbare Kinderbetreuung – doch so einfach ist das nicht. Für die städtische Betreuungseinrichtung braucht Karoline in Wien eine Arbeitgeberbestätigung, die belegt, dass sie wieder anfängt zu arbeiten. Sie muss aber erst einen Platz finden, um sicher zu sein, dass ihr Sohn während ihrer Arbeitszeit gut aufgehoben ist. „Erst dann kann ich eine Arbeit annehmen. Die Strukturen bei der Kinderbetreuung sind auf ein Zwei-Eltern-System ausgelegt“, sagt Karoline. Private Betreuungen seien wiederum teurer. Und auch wenn sie teilweise gefördert werden, ist es schwierig, einen Platz zu finden. Aktuell bräuchte sie Babysitter für zwischendurch, doch sie kann es sich nicht leisten, eine Person fair zu bezahlen. „Es ist außerdem frustrierend, dreißig Euro für zwei Stunden zu zahlen, in denen ich dann staubsaugen und Wäsche waschen kann.“

Laut Achleitner ist es ganz klar Aufgabe der Politik, soziale Infrastruktur zu finanzieren. „Verantwortung wird stillschweigend an private Haushalte ausgelagert. Wenn Betreuungsangebote nicht mehr leistbar sind oder gekürzt werden, müssen das die ­Betroffenen selbst auffangen: Frauen und Mütter werden zu Lückenfüllerinnen, wann immer die Regierung staatliche Transfers und soziale Dienstleistungen gekürzt hat.“ Was es laut der Ökonomin braucht, sei ein Maßnahmenbündel, das die Preise für Grundbedürfnisse rasch senkt: Mietpreisbremse, Ausbau der sozialen Infrastruktur etwa für Kinderbetreuung und Pflege, Regulierung der Energiepreise wie in der Schweiz, befristete Mehrwertsteuersenkung auf Grundnahrungsmittel wie etwa in Portugal oder Polen und eine verpflichtende Lohntransparenz. Nicht nur Karoline und ihrem Sohn wäre damit sehr geholfen.

*Name von der Redaktion geändert

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