5/2025 – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de Tue, 09 Dec 2025 09:36:33 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.0 https://ansch.4lima.de/wp-content/uploads/2024/10/cropped-favicon-32x32.png 5/2025 – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de 32 32 leib & leben: Male Gaze im Nacken https://ansch.4lima.de/leib-leben-male-gaze-im-nacken/ https://ansch.4lima.de/leib-leben-male-gaze-im-nacken/#respond Tue, 09 Dec 2025 09:36:32 +0000 https://anschlaege.at/?p=131311 Von YASMIN MAATOUK In meinem ersten Kolumnentext muss ich mit etwas Grundlegendem beginnen: Alles, was ich bin, und alles, was ich weiß, habe ich von den starken Frauen in meinem Leben gelernt. Eine davon ist Anđela Alexa. Vor zwei Jahren war ich überzeugt, feministisch zu handeln. Ich las alles, was ich in die Finger bekam, […]]]>

Von YASMIN MAATOUK

In meinem ersten Kolumnentext muss ich mit etwas Grundlegendem beginnen: Alles, was ich bin, und alles, was ich weiß, habe ich von den starken Frauen in meinem Leben gelernt. Eine davon ist Anđela Alexa.

Vor zwei Jahren war ich überzeugt, feministisch zu handeln. Ich las alles, was ich in die Finger bekam, und wusste: Da wartet noch viel Erkenntnis und Entwicklung auf mich. Aber irgendwann bin ich in meiner feministischen Identität stagniert. Der Grund war so simpel wie schmerzhaft: Ich konnte nicht aufhören, Männer zu zentrieren.
Der Male Gaze – der männliche Blick – war längst in meinem Kopf eingezogen. Ich sah mich mit seinen Augen, die mir lange wichtiger als meine eigenen waren. Selbst wenn ich allein in meiner Wohnung voll feministischer Poster saß, erwischte ich mich dabei, wie ich mich hinsetzte, um in einem oversized T-Shirt „zufällig“ meine Kurven zu betonen. Ich wusste theoretisch alles über den Male Gaze – und richtete mich im Alltag trotzdem nach ihm.

Bis ich Anđela kennenlernte. Ich habe mich sofort auf platonische Weise in sie verliebt – bis heute sind wir unzertrennlich. Und sie hat mich gesehen. Richtig gesehen. Als sie mir zum ersten Mal mein inneres Gefängnis spiegelte, war ich verletzt. „Oida, was willst du von mir? Ich kann ja nichts dafür, wie ich sozialisiert wurde“, dachte ich. Mein Ego war getroffen.
Aber genau dieser Moment war der Wendepunkt. Plötzlich wurde mir klar, wie sehr ich mich noch immer über den männlichen Blick definierte und wie weit ich mich dabei von mir selbst entfernt hatte. Ich musste mir eingestehen: Meine Werte waren klar. Aber ich lebte nicht nach ihnen.

Die Aufmerksamkeit von Männern war mein Quick-Fix, wenn ich mich unsicher fühlte. Sie gab mir Bestätigung, aber zu einem hohen Preis: meinem inneren Frieden. Viele nächtliche Journal-Seiten und Telefonate später ist die Stimme des Mannes in meinem Kopf so leise wie nie. Mit dieser Stille wurde meine eigene Stimme lauter. Heute weiß ich: Jede Person braucht eine Anđela. Jemanden, der dir liebevoll den Spiegel hinhält und dich zwingt, hinzusehen.

Yasmin Maatouk ist Wienerin mit ägyptischen Wurzeln und arbeitet als Social Media Host beim „Moment Magazin“.

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Extrem intim https://ansch.4lima.de/extrem-intim/ https://ansch.4lima.de/extrem-intim/#respond Thu, 11 Sep 2025 16:48:44 +0000 https://anschlaege.at/?p=129405 In Friseursalons geht man nicht nur zum Haareschneiden. Sie sind wichtige soziale Orte und Vertrauensräume – und Arbeitsplätze in einer der am schlechtesten bezahlten Branchen. Von Naz Küçüktekin Die Wände sind pastellrosa. Neben der Tür steht eine mobile Rampe, drinnen ist alles barrierearm. Die Stühle sind breit, tief und belastbar – für Körper, die in […]]]>

In Friseursalons geht man nicht nur zum Haareschneiden. Sie sind wichtige soziale Orte und Vertrauensräume – und Arbeitsplätze in einer der am schlechtesten bezahlten Branchen. Von Naz Küçüktekin

Die Wände sind pastellrosa. Neben der Tür steht eine mobile Rampe, drinnen ist alles barrierearm. Die Stühle sind breit, tief und belastbar – für Körper, die in Standardsesseln keinen Platz finden. Ein Vorhang kann den Raum komplett abschirmen, damit Kund:innen sich ungestört fühlen können. Im Soft & Cut an der Kaiserstraße im siebten Wiener Gemeindebezirk kommt außerdem immer nur eine Person im Salon dran. Das ist kein Zufall, sondern sorgsam kuratiert.
Es ist Teil des inklusiven Konzepts von Ina Holub, seit 16 Jahren Friseurin. „Friseur:innen kommen einem sehr nah – körperlich und emotional. Das ist extrem intim“, erklärt sie, warum all diese Dinge gerade in einem Friseursalon von Bedeutung sind. Bei ihr sollen sich alle wohlfühlen.

Als „fette und lesbische“ Person, wie sie sagt, wisse sie, wie unangenehm es andernfalls werden kann. Das pastellige Farbkonzept soll besonders auf neurodivergente Personen beruhigend wirken, das verstellbare Licht nimmt grelle Reflexe aus dem Spiegel. Wer hierherkommt, kann sogar einen Termin ohne Smalltalk buchen. Ungefragte Tipps oder Empfehlungen, wie „das Gesicht schmaler wirken“ könne, gibt es hingegen nicht. „Bei Haaren und Make-up geht es darum, wie eine Person wirken und wahrgenommen werden möchte. Es ist also auch eine Frage der Identität“, sagt Holub.
Mit Soft & Cut hat sie nicht nur einen Friseursalon geschaffen, sondern den Beruf in diesem Raum auch neu für sich definiert. Viele ihrer Kund:innen sind neurodivergent, viele tragen Locken. Geschnitten wird grundsätzlich trocken, weil so die Struktur besser zu beurteilen sei. „Locken sollte man eigentlich immer im Trockenen schneiden.“ Die österreichische Ausbildung deckt Locken und andere Haartexturen nicht ab, auch in der Meister:innenprüfung fehlt das Thema. Holub hat sich das Wissen in Zusatzausbildungen erarbeitet – bezahlt aus eigener Tasche.
Handwerk & Beziehungsarbeit. Am Bacherplatz im fünften Wiener Gemeindebezirk sind die Wände braun statt pastellfarben, die Einrichtung ist rustikal. Und Smalltalk gehört dazu.

Seit über sechs Jahrzehnten ist der Salon Helga ein Fixpunkt im Grätzl. Mary Radivojević arbeitet seit 1992 hier – damals hat sie als 18-Jährige ihre Lehre begonnen. Seit 2004 führt sie den Salon auch. „Eigentlich wollte ich Polizistin werden, aber mein Vater meinte, das sei nichts für Frauen“, erinnert sich die mittlerweile 49-Jährige.
Und da eine Freundin bereits in dem Salon arbeitete, versuchte sie sich eben im Haareschneiden. Aus dem anfänglichen Plan B wurde ihr Traumberuf. Vor allem das Menschliche an der Arbeit macht es für sie aus. „Die Leute nach einem Besuch hier glücklich herausgehen zu sehen, das ist einfach das Tollste“, betont sie.
Die Kundschaft reicht vom Kleinkind bis zur 94-Jährigen. Der Arbeitstag beginnt um acht Uhr, offiziell endet er um 18 Uhr. Tatsächlich bleibt das Team, das neben Radivojević aus zwei Mitarbeiterinnen besteht, oft bis 20 oder 21 Uhr, wenn Termine es erfordern.

Beide Friseurinnen beschreiben ihren Beruf als Handwerk und zugleich Beziehungsarbeit. Zwischen Waschen, Schneiden und Färben hören sie zu, trösten, beraten. „Oft sind wir Psychologinnen. Wir lachen zusammen, wir weinen zusammen“, sagt Radivojević. „Wen lässt man sonst einfach so mal an seinen Kopf heran, außer einer Friseurin?“ Der Besuch sei also stets auch Vertrauenssache. Über die Jahre entstehen so laut Radivojević tiefe Bindungen, die weit über eine reine Dienstleistung hinausgehen.

Holub ergänzt die politische Dimension: gendersensible Beratung, keine Körperkommentare, kein ungefragtes Anfassen der Haare. Braids und Locks bietet sie bewusst nicht an – aus Respekt vor kultureller Aneignung.
KNAPP ÜBER DER ARMUTSGRENZE. So unterschiedlich beide Salons sind – die strukturellen Probleme sind dieselben. Friseur:innen gehören zu den am schlechtesten bezahlten Berufsgruppen in Österreich. Rund neunzig Prozent sind Frauen, nur bei den Chefs großer Läden und High-End-Salons dominieren Männer. „Es ist wie beim Kochen. In der Küche zu Hause ist es Frauensache, aber die berühmten Köche sind fast nur Männer“, sagt Holub.
Während diese männliche Spitze mit Kreativität und Prestige assoziiert wird, sieht die Realität für den Großteil der weiblichen Beschäftigten anders aus: harte Arbeit bei sehr niedriger Bezahlung.

Laut Fachverbandsstatistik gab es 2021 knapp 8.900 Friseurbetriebe in Österreich. 2022 setzte die Branche rund 845 Millionen Euro um – trotzdem liegen die Löhne knapp über der Armutsgrenze. Der aktuelle Kollektivvertrag sieht im ersten Berufsjahr ein Mindestgehalt von 1.915 Euro brutto vor, ab dem sechsten Jahr 2.115 Euro. Selbst mit 14 Monatsgehältern bleibt das Nettoeinkommen bescheiden, vor allem bei steigenden Lebenshaltungskosten. Lehrlinge verdienen zwischen 782 Euro im ersten und rund 1.313 Euro brutto im vierten Lehrjahr – Beträge, die oft nicht einmal eine eigenständige Wohnung ermöglichen. Und wohl auch der Grund dafür, weshalb die Branche immer mehr mit einem Nachwuchsproblem kämpft.
Arbeiten am Limit. Trinkgelder sind für viele in der Branche überlebenswichtig. Bei Radivojević machen sie mindestens zehn Prozent zusätzlich aus. Ohne diese Beträge wird es für viele eng. In manchen Salons mieten Friseur:innen ihren Stuhl, zahlen Fixkosten und erwirtschaften ihren Umsatz selbst. Wer nicht genug Kundschaft hat, arbeitet ins Minus. Für Holub, die alleine arbeitet, ist die Kalkulation knapp. Förderungen halfen ihr beim Start, doch die Antragsprozesse seien abschreckend.
Die Arbeitszeit ist lang und körperlich belastend: Stehen, Beugen, Arme hoch. Hinzu kommt die fehlende Planungssicherheit: Termine können kurzfristig ausfallen, die Kosten bleiben. Die Hälfte der Beschäftigten arbeitet Teilzeit, 14 Prozent sind geringfügig angestellt. Gleichzeitig steigen Mieten, Energiepreise und Produktkosten – bei Löhnen, die kaum wachsen. Wer bleibt, tut es oft aus Überzeugung, nicht wegen der Arbeitsbedingungen.

Soziale Räume. Steigende Kosten, niedrige Löhne und fehlender Nachwuchs setzen die Branche unter Druck. Auch die von Holub und Radivojević. Doch Friseursalons sind nicht nur Arbeitsplätze, sondern auch wichtige soziale Räume. In Radivojevićs Salon sind es langjährige Beziehungen, die den Ort prägen. „Ich könnte mir nicht vorstellen, etwas anderes zu machen“, betont sie. Manche ihrer Kund:innen betreut sie, seitdem sie ihre Lehre begonnen hat. Holubs Salon ist ein Community-Space, der auch für Panels oder Diskussionsrunden genutzt wird. „Es ist einfach wichtig, zuzuhören, zu verstehen und einen Ort zu schaffen, an dem sich Menschen entspannen können.“


Naz Küçüktekin lebt und arbeitet als freie Journalistin in Wien. Die Darstellung migrantischer und marginalisierter Gruppen gehört zu ihren Arbeitsschwerpunkten. Daher weiß sie, wie wichtig offene Räume wie Friseursalons gerade für diese Gemeinschaften sind.

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Feminist Superheroine: Leigh Davids https://ansch.4lima.de/feminist-superheroine-leigh-davids/ https://ansch.4lima.de/feminist-superheroine-leigh-davids/#respond Thu, 11 Sep 2025 13:35:31 +0000 https://anschlaege.at/?p=129384 Leigh Davids war eine südafrikanische Aktivistin, die sich zeitlebens für die Rechte von trans Menschen in der Sexarbeit starkmachte. Als HIV-positive Sexarbeiterin, die aufgrund von Ablehnung ihrer Transidentität bereits mit 14 Jahren ihre Familie verlassen musste, erlebte sie selbst Obdachlosigkeit, Polizeigewalt und Ausgrenzung.2010 gründete sie die Selbsthilfegruppe SistaazHood, die trans Frauen in der Sexarbeit unterstützt […]]]>

Leigh Davids war eine südafrikanische Aktivistin, die sich zeitlebens für die Rechte von trans Menschen in der Sexarbeit starkmachte. Als HIV-positive Sexarbeiterin, die aufgrund von Ablehnung ihrer Transidentität bereits mit 14 Jahren ihre Familie verlassen musste, erlebte sie selbst Obdachlosigkeit, Polizeigewalt und Ausgrenzung.
2010 gründete sie die Selbsthilfegruppe SistaazHood, die trans Frauen in der Sexarbeit unterstützt und sich gegen transfeindliche Gewalt, Armut und soziale Marginalisierung einsetzt. Ein besonderer Schwerpunkt lag auf der Kritik an der diskriminierenden Gesundheitsversorgung in Südafrika, die vor allem armutsbetroffenen queeren Menschen den Zugang zu lebenswichtigen HIV-Behandlungen erschwert.
Für ihr Engagement wurde Davids von der transfeministischen Organisation Social Health Empowerment ausgezeichnet. Im Februar 2019 starb sie kurz vor ihrem 40. Geburtstag an den Folgen ihrer AIDS-Erkrankung. Bis zuletzt hatte sie die drastisch verringerte Lebenserwartung von trans Frauen angeprangert. 

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an.sage: Kokettieren mit dem Techno-Faschismus https://ansch.4lima.de/an-sage-kokettieren-mit-dem-techno-faschismus/ https://ansch.4lima.de/an-sage-kokettieren-mit-dem-techno-faschismus/#respond Thu, 11 Sep 2025 11:58:16 +0000 https://anschlaege.at/?p=129368 Von Sophia Krauss Im Mai veröffentlichte der „Deutschlandfunk“ einen fesselnden, sechsteiligen Podcast über den Tech-Investor, Milliardär und Trump-Supporter Peter Thiel. Thiels Lebensgeschichte, seine intellektuellen Vorbilder und Ziele – alles so entertaining und kurzweilig aufbereitet, als würde man einen Actionthriller schauen. Thiel spielt den schurkenhaften, hyper-intelligenten Bösewicht, der die westliche Demokratie ins Chaos stürzt. Man gruselt […]]]>

Von Sophia Krauss

Im Mai veröffentlichte der „Deutschlandfunk“ einen fesselnden, sechsteiligen Podcast über den Tech-Investor, Milliardär und Trump-Supporter Peter Thiel. Thiels Lebensgeschichte, seine intellektuellen Vorbilder und Ziele – alles so entertaining und kurzweilig aufbereitet, als würde man einen Actionthriller schauen. Thiel spielt den schurkenhaften, hyper-intelligenten Bösewicht, der die westliche Demokratie ins Chaos stürzt. Man gruselt sich und ist irgendwie doch unheimlich fasziniert von ihm.

Die Macher_innen hegen wohl keine unterdrückten Sympathien für Thiel. Vielleicht aber kann man an ihrem Podcast und ähnlichen aktuellen journalistischen Formaten trotzdem einen beunruhigenden Trend ablesen. Der Podcast-Verantwortliche Fritz Espenlaub fasst es selbst zusammen mit: „Die öffentliche Meinung scheint schlagartig konservativer geworden zu sein“ – und das fängt vielleicht auch die Stimmung in den Medien ein. Der Podcast mutet teilweise mehr als spannungsgeladenes True-Crime-Format an, eine klar formulierte Kritik fehlt. Der mediale Umgang mit Thiel ist ein Paradebeispiel für das derzeitige Kokettieren mit rechten Edgelords, also Personen, die sich mit besonders extremen Ideologien das Medieninteresse sichern.

Sie werden mitunter auf eine verquere Art irgendwie angehimmelt. Kolumnist Ijoma Mangold schreibt so in der „ZEIT“: „Niemand verkörpert diesen neuen Typus des Milliardärs, der von Ideen getrieben wird, vollkommener als der Risiko-Kapital-Investor Peter Thiel.“ Dieser mache sich schließlich Gedanken über unsere Welt, „die so exzentrisch sind, dass sie sonst niemand teilt.“ Das mag für seine besonders abstrusen Ideen gelten, im Kern aber liegt Mangold falsch – schließlich zeichnet sich allein am Wähler_innenverhalten der zunehmende Aufstieg der Rechten ab. Peter Thiel war dabei einer der ersten öffentlichen Unterstützer Trumps.
Doch in der medialen Beschäftigung mit Thiel & Co bleibt es allzu oft bei der dunklen Mystifizierung, selten wird klar benannt, wie offensichtlich faschistisch seine Ideen sind. Es bleibt meist eine Randnotiz, dass Thiel sogar das Apartheidssystem Südafrikas in Schutz nahm. Oder dass Thiel glaubt, dass eine weiße Elite dazu berechtigt ist, die Demokratie zugunsten des technischen Fortschritts außer Kraft zu setzen. Der Essayist John Ganz hat es schon vor wenigen Jahren auf den Punkt gebracht: „Es gibt kein Rätsel. Er ist ein Faschist.“ Auch der Podcast „Feminist Shelf Control“ hat Thiel kürzlich eine kritische Folge gewidmet.

In „Die Peter Thiel Story“ tritt auch der rechte Impulsgeber Curtis Yarvin auf. Porträtiert wird er dort als das Enfant terrible, das Thiel mit seinen anti-demokratischen, abtrünnigen Ideen faszinierte. Auch die „New York Times“ bot Yarvis Anfang des Jahres eine Plattform. Sie inszenierte ihn in glamourösem Schwarz-Weiß als eine Art Rockstar-Philosoph, mit wilder Frisur und abgewetzter Lederjacke. Im Interview darf er dann weiterhin behaupten, der Amerikanische Bürgerkrieg mitsamt der Befreiung Schwarzer Sklav_innen hätte das Leben von Afroamerikanerinnen nicht verbessert und Nelson Mandela sei mit dem rechtsextremen Terroristen Anders Breivik gleichzusetzen. Story-Telling über vermeintlich rechte „Genies“ lohnt sich jedenfalls. „Die Peter Thiel Story“ belegt laut „podwatch“ derzeit Platz 4 der deutschen Podcast-Charts. Natürlich ist es wichtig, dass rechtsextreme Vordenker wie Thiel oder Yarvin medial eingeordnet werden. Tatsächlich aber arbeiten Journalistinnen mit an der Mystifizierung und Glorifizierung der Vordenker eines neuen Techno-Faschismus. Statt ihre menschenfeindlichen Ideen zu zerpflücken und in einen historischen Kontext zu setzen, sind Qualitätsmedien voll von spannungsgeladenen Porträts von Yarvin und Co. Mediale Logiken der Personalisierung und der Prominenz vermischen sich mit dem neuen rechten Zeitgeist zu einer ebenso zynischen wie toxischen Mischung: Dort, wo einst Greta Thunberg vom Cover lachte, tut es jetzt Peter Thiel.

Wie aber geht es der ungewollt Schwangeren ohne Erspartes in einem der vielen US-Bundesstaaten, die Abtreibung fast verunmöglichen? Wie kämpfen feministische Organisationen dafür, die Versorgung gegen alle Widerstände aufrechtzuerhalten, gerade für Frauen, die sich wegen der brutalen Razzien durch die Einwanderungsbehörde ICE kaum noch auf die Straße wagen? Das sind die Geschichten, die wir auch hier in Europa brauchen. Medien haben die historische Verantwortung, sie zu recherchieren statt den Techno-Faschismus durch Glorifizierung groß zu machen.

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an.klang: Cut Me Some Slack! https://ansch.4lima.de/an-klang-cut-me-some-slack/ https://ansch.4lima.de/an-klang-cut-me-some-slack/#respond Thu, 11 Sep 2025 11:49:14 +0000 https://anschlaege.at/?p=129363 Stimmgewaltig und mit angenehm relaxter Fuck-you-Attitüde ist Lola Young der (Brit-)Popstar der Stunde.Von Elisabeth Lechner Der Sommer 2025 in Großbritannien ist bestimmt von einem Gefühl: bittersüßer Nostalgie. Die Tories sind abgewählt, aber so richtig ändert sich nichts, die Lionesses feiern die Verteidigung ihres EM-Titels und die toxisch-ikonischen Brit-Pop-Helden Oasis touren wieder, zu Wucherpreisen. Was tut […]]]>

Stimmgewaltig und mit angenehm relaxter Fuck-you-Attitüde ist Lola Young der (Brit-)Popstar der Stunde.
Von Elisabeth Lechner

Der Sommer 2025 in Großbritannien ist bestimmt von einem Gefühl: bittersüßer Nostalgie. Die Tories sind abgewählt, aber so richtig ändert sich nichts, die Lionesses feiern die Verteidigung ihres EM-Titels und die toxisch-ikonischen Brit-Pop-Helden Oasis touren wieder, zu Wucherpreisen. Was tut man nicht alles, um die Leichtigkeit der Neunziger noch einmal zu erleben und den Push-Nachrichten zu Krieg, Aufrüstung und Klimakollaps kurz zu entkommen? Zwischen all dem Aufgewärmten gibt es aber auch eine junge Künstlerin, an der es (nicht nur) im United Kingdom kein Vorbeikommen gibt. Niemand stellt sich den widersprüchlichen Realitäten unserer Zeit so kreativ und einfühlsam wie Lola Young, die erst 24-jährige Singer-Songwriterin aus Croydon, dem Süden von London.
Schon 2021 als Rising Star bei den Brit Awards nominiert, startete die Alternative-­Pop-Sängerin 2024 mit dem Hit „Messy“ so richtig durch in den UK-Single-Charts und – noch wichtiger – auf TikTok. Live-Performances des Songs wie jene am Glastonbury-Festival 2025 zeigen: Lola Young schafft Freiräume, Momente von Leichtigkeit und Verbindung, wie es nur wenige können. Das liegt an den Beats – angesiedelt irgendwo zwischen Hip-Hop, R’n’B und Pop, dunkel, plätschernd, entspannt und treibend zugleich –, ihrem Stimmumfang (wegen Zysten auf den Stimmbändern und den Folgen von Operationen noch tiefer, noch souliger) und schließlich dem Auftreten der jungen Künstlerin: Aufsässig und mit Augenzwinkern steht sie auf der Bühne, in super-stylishem Make-up, mit langen Glam Nails, ausladenden Ohrringen und einem mehrfarbigen, imposanten Rockstar-Mullet, immer zu „Banter“, also scherzhaftem Schlagabtausch bereit. Gleichzeitig gibt sie sich zugänglich und verletzlich, performt in Baggy Pants und Bikini Top, und mit selbstverständlich sichtbarem, weichen Bauch.
„I want you to sing every word, and feel it, you know?“, singt sie und dann rührt die Zeile “Okay, so yeah, I smoke like a chimney / I’m not skinny , and I pull a Britney every other week / But cut me some slack, who do you want me to be?” die junge Sängerin und ihr Publikum gleichermaßen. Seid nachsichtig mit mir und meinen Vorgängerinnen, mahnt sie in einer treffenden, pophistorischen Referenz auf Britney Spears. Und sie legt nach: „If you ever, ever felt like you are not quite enough, you actually fucking are.“ In Zeiten zunehmenden Optimierungs- und Schlankheitswahns, in dem sogar Sportgrößen wie Serena Williams Ozempic bewerben, ist das eine radikale Ansage: Ich bin messy – chaotisch, sicher nicht perfekt – aber das ist okay so und ihr seid es auch.
Lola Youngs Werk und Celebrity-Persona zeichnen ein offener Umgang mit ihrer Widersprüchlichkeit aus, der auch das öffentliche Thematisieren ihrer schizoaffektiven Störung inkludiert, die sie versucht, als Superkraft zu sehen, gegen das Stigma und die mit der Erkrankung und ihren Folgen assoziierte Scham. Und auch Sex darf da nicht fehlen. In „One Thing“, einer Single-Auskopplung aus ihrem kommenden dritten Album, will das lyrische Ich nur „die eine Sache“, einen Lover mitnehmen „on a little ride“, „show you just what I like“, „when you’re deep up inside“, „break your bed and then the sofa.“
Erfüllender, selbstbestimmter Sex, der sich auszeichnet durch bewusste körperliche Hinwendung, Wertschätzung und Rücksicht auf die Bedürfnisse aller Beteiligten. Aktives Umschließen, statt passiv penetriert werden: Schon 2016 nannte Bini Adamczak einen solchen Sex-Perspektivenwechsel „Zirklusion.“ Gerade für Hetero-Frauen, die beim Dating allzu oft mit Ghosting und dem Orgasm-Gap hadern, eine berauschende Utopie. Young romantisiert aber nicht, sondern reflektiert Machtverhältnisse, indem im Video zu „One Thing“ phallische Bildlogiken unterwandert werden und in einem inszenierten Boxkampf gegen Männer münden, aus dem Young als blutverschmierte, befriedigte Siegerin hervorgeht. Das ist es, denke ich mir, während ich mich durch das Werk von Lola Young höre: Widerständiger Zirklusionspop für die Ozempic-Ära.


„I’m Only F**king Myself“ erscheint am 19. September.

We cannot fucking wait.

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„Ich rate allen Frauen, sich zu wehren!“ https://ansch.4lima.de/ich-rate-allen-frauen-sich-zu-wehren/ https://ansch.4lima.de/ich-rate-allen-frauen-sich-zu-wehren/#respond Thu, 11 Sep 2025 11:41:37 +0000 https://anschlaege.at/?p=129359 Elisabeth S. hat Lohndiskriminierung erlebt – und erfolgreich dagegen geklagt. Im Interview mit Chiara Kohlmorgen erzählt sie, wie das ablief und was sie anderen Betroffenen empfiehlt. an.schläge: Wie haben Sie erfahren, dass Sie weniger verdienen als männliche Kollegen?Elisabeth S.: Ich habe in einem Unternehmen gearbeitet, in dem die Bezahlung sehr intransparent war. Es gab keinen […]]]>

Elisabeth S. hat Lohndiskriminierung erlebt – und erfolgreich dagegen geklagt.
Im Interview mit Chiara Kohlmorgen erzählt sie, wie das ablief und was sie anderen Betroffenen empfiehlt.

an.schläge: Wie haben Sie erfahren, dass Sie weniger verdienen als männliche Kollegen?
Elisabeth S.: Ich habe in einem Unternehmen gearbeitet, in dem die Bezahlung sehr intransparent war. Es gab keinen Kollektivvertrag und keine offenen Gehaltsstrukturen. Jährlich gab es Mitarbeitendengespräche samt Gehaltsverhandlungen, in denen nach Sympathie – oder wie ich sagen würde, Geschlechtsorgan – verhandelt wurde. Mit einem neuen Kollegen sprach ich irgendwann über unseren Verdienst. Und da stellte sich heraus, dass es im Betrieb nicht nur viel Geheimniskrämerei ums Gehalt, sondern auch massive Unterschiede gab. Ein Mann, der erst einige Jahre nach mir ins Unternehmen gekommen war und denselben Job machte wie ich, verdiente einige hundert Euro mehr als ich – ohne besser qualifiziert zu sein.
Anfangs hackelte ich rein wie eine Blöde und übernahm zusätzliche Aufgaben. Sicher ein Jahr lang wollte ich beweisen, dass meine Arbeit genauso viel wert ist. In einem Gespräch mit der Geschäftsführung präsentierte ich meine Tätigkeiten, schlug vor, noch mehr zu machen. Ich habe wiederholt dasselbe Gehalt wie der Kollege verlangt, doch es hieß immer, es gäbe kein Geld. Man verstehe meine Kränkung, aber da sei nichts zu machen. Und der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte: Ich bekam eine Rüge, meinen Kollegen unter Druck gesetzt zu haben und Unruhe ins Unternehmen zu bringen.

Sie haben sich entschlossen, dagegen vorzugehen. Wie lief der Prozess vom Antrag bei der Gleichbehandlungskommission bis zum Nachweis der Diskriminierung ab?
Mir ist es psychisch nicht gut gegangen, ich wollte dort nicht mehr hin und habe im Krankenstand gekündigt. Das ist der Klassiker: Frauen wissen, dass sie ungleich behandelt werden. Dann Kämpfen sie um ihr Weiterkommen, werden abgewiesen. Irgendwann hat man keine Kraft mehr, weiterzukämpfen und kündigt. Unternehmen rechnen mit diesem Ablauf. Ich tat zuerst dasselbe. Aber dann sprach ich mit der Gleichbehandlungsanwaltschaft und der Kommission. Mir wurde von der Gleichbehandlungskommission ein Formular zugeschickt, um die Ungleichbehandlung zu beschreiben. Die Gleichbehandlungsanwältin unterstützte mich bei Formulierungen und der Beurteilung einzelner Ereignisse. Schnell geht das alles nicht, man muss schon einen langen Atem haben für so ein Verfahren.
Ab dem Zeitpunkt, an dem ich meinen Fall bei der Gleichbehandlungskommission einreichte, bis zu ihrem Urteil vergingen eineinhalb Jahre – und es ging danach noch weiter. Bis beim Arbeitsgericht der Fall abgeschlossen war – auch in der zweiten Instanz – dauerte es schließlich drei Jahre. Grundsätzlich ist die Arbeit der Gleichbehandlungsanwaltschaft und -kommission aber super und es hat alles sehr gut und professionell funktioniert. Nachdem mein Antrag eingelangt war, wurde beurteilt, ob die Kommission den Fall als Verfahren aufnimmt. Sie prüften die Ungleichbehandlung und schrieben eine Aufforderung an die beschuldigte Partei zur Stellungnahme. Mein ehemaliger Dienstgeber nahm die Kommission nicht ernst. Die Kommission verlangte, dass die Gehälter der Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen in dem Zeitraum, in dem ich dort ­arbeitete, von der Geschäftsführung zum Vergleich offengelegt werden, was diese nicht tat. Meine Anwältin musste dann über die Sozialversicherung die Gehaltseinsicht beantragen. Diese bekommt man anonymisiert, aber das Geschlecht wird offengelegt. Dann verfasste die Kommission einen Abschlussbericht und gab mir in allen Punkten recht. Die Kommission empfahl meinem ehemaligen Dienstgeber, mir die Gehaltsdifferenz auszuzahlen für die Jahre, in denen ich weniger verdient hatte. Dieser sträubte sich zunächst dagegen. Aber ich wollte so lange weitermachen, bis es ein Urteil gab. Denn wenn ein Urteil der Gleichbehandlungskommission zu einem Fall der Ungleichbehandlung vorliegt und vor Gericht geht, hat dieses Urteil auch ein Gewicht. Wenn man über die Arbeiterkammer oder Gewerkschaft einen Rechtsschutz will, ist es gut, dieses zu haben. Die Wahrscheinlichkeit, dann einen teilweisen oder vollen Rechtsschutz zu bekommen, ist hoch und es besteht kein finanzielles Risiko. Es wird ein Anwalt oder eine Anwältin gestellt, die einen vor Gericht begleiten.

Was würden Sie Frauen raten, die Ähnliches erleben?
Ich würde allen Frauen raten, sich zu wehren! Egal, ob sie beim Gehalt oder bei ihrem beruflichen Fortkommen diskriminiert werden, sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz erleben oder aufgrund ihres Geschlechts Ungleichbehandlung erfahren. Das Ausmaß der Diskriminierung, die Frauen am Arbeitsplatz erfahren, ist nach wie vor extrem hoch. Ich würde mir wünschen, dass all diese Frauen diese Fälle bei der Gleichbehandlungskommission melden. Ich glaube, dass es stärkt, wenn man damit nicht allein ist. Gleichzeitig werden Netzwerke männlicher Geschäftsführer geschwächt, wenn es eine Gegenwehr gibt und sie nicht mehr damit durchkommen.
Auch wenn es ein weiter Weg ist: Am Ende zahlt es sich aus. Mein ehemaliger Arbeitgeber hat mir das Geld zurückzahlen müssen – ver­zinst über die Jahre, die das Verfahren dauerte. Ein fünfstelliger Betrag! Kurz vor Weihnachten kam das abschließende Urteil – das war ein tolles Weihnachtsgeschenk.
Man muss sich übrigens auch nicht dafür schämen. Frauen haben im Beruf ein Recht auf gleiche Bezahlung bei gleichwertiger Arbeit und es ist verboten, sie ungleich zu behandeln. Auch das Argument „Sie hat halt schlecht verhandelt“ ist nicht zulässig. Frau kann sich jederzeit an die AK, Gewerkschaft oder den Betriebsrat wenden, sei es auch nur für ein vertrauliches Beratungsgespräch. Man muss nicht gleich vor Gericht ziehen – es gibt Eskalationsstufen und in Österreich tolle Unterstützung. Gewerkschaftsmitglied zu sein zahlt sich da sehr aus. Der Rechtsschutz von Gewerkschaft oder Arbeiterkammer senkt das finanzielle Risiko, es wird ein Anwalt oder eine Anwältin gestellt, die einen vor Gericht begleiten. Wichtig zu wissen ist: Es geht hier um ein Recht, nicht um einen Wunsch.

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Die Demokratie ist eine Überlebenskünstlerin https://ansch.4lima.de/die-demokratie-ist-eine-ueberlebenskuenstlerin/ https://ansch.4lima.de/die-demokratie-ist-eine-ueberlebenskuenstlerin/#respond Thu, 11 Sep 2025 11:33:19 +0000 https://anschlaege.at/?p=129355 Wer Zuversicht verliert, verliert leichter den Glauben an die Demokratie. Die Politikwissenschafterin Tamara Ehs bleibt auch deshalb zuversichtlich. Interview: Brigitte Theißl und Lea Susemichel an.schläge: Demokratien sind eine junge Errungenschaft – und sie stehen weltweit unter Druck. Haben wir in Europa unterschätzt, wie fragil Demokratien sind?Tamara Ehs: Demokratie, wie wir sie heute kennen, ist an […]]]>

Wer Zuversicht verliert, verliert leichter den Glauben an die Demokratie. Die Politikwissenschafterin Tamara Ehs bleibt auch deshalb zuversichtlich. Interview: Brigitte Theißl und Lea Susemichel

an.schläge: Demokratien sind eine junge Errungenschaft – und sie stehen weltweit unter Druck. Haben wir in Europa unterschätzt, wie fragil Demokratien sind?
Tamara Ehs: Demokratie, wie wir sie heute kennen, ist an den Fortschrittsglauben, das Aufstiegsversprechen und somit an ein bestimmtes Wirtschaftsmodell gebunden, das aber immer krisenanfälliger wird. Das System erfüllt seine Versprechen von Gleichheit und Freiheit nicht mehr für die breite Bevölkerung, sondern vertieft gesellschaftliche Schieflagen. Die Bindung der Demokratie ans Wirtschaftswachstum macht sie in einer postindustriellen Dienstleistungsgesellschaft fragil. Der Gesellschaftsvertrag wird brüchig. Inflation, Realeinkommensverluste, Kriege etc. begründen Zukunftsängste und lassen die Überzeugung schwinden, dass man gut regiert wird und im Alltag von demokratischer Herrschaft profitiert. Die Zuversicht auf eine positive Zukunft ist aber eine wichtige demokratische Ressource. Wenn sie fehlt, findet die autoritäre Versuchung Raum.
Hinzu kommt, dass die politische Bildung seit jeher nur oberflächlich greift. Das Bevölkerungswissen über die Funktionsweise einer liberalen, rechtsstaatlich eingebetteten Demokratie ist mangelhaft. Solange Wahlen stattfinden und man politisch Andersdenkende demonstrieren sieht, könne es so schlimm nicht sein. Dieses Wissensniveau ist ausreichend, solange man mit dem System zufrieden ist. Aber warum sollte man die Demokratie verteidigen, wenn sie nicht liefert? Eine aktuelle Studie von Sergi Ferrer belegt, dass Menschen sich zwar stark für freie Wahlen einsetzen, aber bereit sind, andere demokratische Grundsätze wie Medienfreiheit oder Unabhängigkeit der Justiz zu opfern, wenn sie dafür höhere Einkommen erhalten, man ihnen also bessere Lebensverhältnisse verspricht.

Erleben wir heute eine neue Frontstellung zwischen liberaler Demokratie und autoritärem Nationalismus –vielleicht sogar vergleichbar mit dem Kalten Krieg?
Ich betrachte Autokratisierung und autoritäre Tendenzen – ob nun in Russland oder Österreich – als Vexierbild: Man erblickt eine gescheiterte, nicht abgeschlossene Demokratisierung. Die autoritäre Versuchung besteht, weil sie Entschlossenheit, schnelle Steuerung und Gestaltungsmacht verspricht, wohingegen die Demokratie mit ihren zeitintensiven, rechtsstaatlichen Einhegungen als langsam, einengend und ineffizient empfunden wird. Dies trifft auf eine Bevölkerung, die nach all den Krisenjahren erschöpft ist – der Soziologe Steffen Mau spricht von einer „Veränderungserschöpfung“ – und eigentlich nur gut regiert werden will, egal von wem. Der neue Systemkonflikt besteht nicht mit Russland, sondern mit dem chinesischen Modell eines „lernenden Autoritarismus“. Ich befasse mich mit Bürgerbeteiligung und beobachte, dass zahlreiche chinesische Städte Bürgerhaushalte mit gelosten Teilnehmer:innen durchführen, also partizipative Bürgerinnenbeteiligungen, wie wir sie aus europäischen Städten kennen; denken wir nur an die Wiener Klimateams. China verfolgt damit ein Ziel, das auch in Demokratien zentral ist: good governance. Das Beispiel verdeutlicht, dass das Überleben der Demokratie nicht bloß von mehr Beteiligungsinstrumenten abhängt, sondern wir ihre grundlegenden Versprechen wieder erfüllen müssen.

Die Demokratieverdrossenheit in der Bevölkerung ist groß. Eine neue Studie, die Daten von mehr als 89.000 Befragten aus elf westeuropäischen Ländern analysiert hat, kommt zu dem Schluss: Rechtspopulistinnen wählen vor allem jene Menschen, die im Vergleich zu ihren Eltern einen Statusverlust erleben.
Die einen Statusverlust erleben oder in Zukunft befürchten. Es geht abermals um düstere Zukunftsaussichten. Nachweislich erhöht die Unzufriedenheit mit öffentlichen Dienstleistungen, die unter dem Motto „Sparen im System“ abgebaut werden, den Zuspruch zu rechtsautoritären Parteien. Eine aktuelle Studie von Tarik Abou-Chadi und Kollegen berechnet, dass der Stimmenanteil der AfD bei Geringverdienenden um bis zu vier Prozent zulegt, wenn die Miete um einen Euro pro Quadratmeter steigt. Und das muss nicht einmal die eigene Miete sein, sondern kann die Nachbarn betreffen. Thema sind Ohnmachtsgefühl und Angst vor Statusverlust. Dagegen führt die Ökonomin Isabella Weber eine antifaschistische Wirtschaftspolitik ins Treffen. Eine Mietpreisbremse ist somit eine demokratieverteidigende Maßnahme.
Eindrücklich finde ich auch die Interviews, die Carolin Amlinger und Oliver Nachtwey für ihre Studie „Gekränkte Freiheit“ führten. Darin war der innerhalb nur einer Generation fühlbare Niedergang stets Thema. Für viele Interviewte war die Agenda2010, die Reform des deutschen Sozialsystems und Arbeitsmarkts, eine Zäsur. Weitere Einschnitte brachte die Coronakrise in Bezug auf das Versprechen auf Freiheit und die Inflationskrise bezüglich des Versprechens auf Gleichheit. Jene Brüche innerhalb nur weniger Jahre sind für viele Menschen zu Belegen für die Dysfunktionalität nicht nur des politischen Systems, sondern mitunter für die Demokratie an sich geworden.

Gibt es demokratietheoretische Konzepte, die Sie besonders überzeugend finden und die Antworten auf die gegenwärtigen Herausforderungen bieten?
Neben der antifaschistischen Wirtschaftspolitik muss es darum gehen, diejenigen (wieder) in den politischen Prozess zu holen, die – teilweise zurecht – überzeugt sind, wenig Einfluss zu haben. Der Demokratiemonitor veranschaulicht, dass sich die Zufriedenheit mit dem politischen System zwar zuletzt erholte, jedoch nur bei Menschen im oberen und mittleren Einkommensdrittel. Im unteren Drittel denken nur mehr 21 Prozent, dass das System gut funktioniere. Ich plädiere für ein Konzept, das John Dewey schon vor über hundert Jahren vorstellte: Demokratie als Lebensform. Wir müssen die Demokratie im Alltag verankern, in Schulen, Betrieben, Lehrwerkstätten. Außerdem müssen wir Begegnungsorte schaffen, an denen wir moderiert miteinander sprechen. Dies können Bürgerräte als Ergänzung der repräsentativen Demokratie leisten. Sie bringen Menschen unterschiedlichster Weltanschauungen zusammen. Wenn wir nämlich im Homeoffice arbeiten, online einkaufen, Amtswege in der App erledigen und Essen liefern lassen, fehlen uns beiläufige, aber für die demokratische Gesellschaft wichtige Begegnungen: Interaktionen mit Fremden. Für die Demokratie ist es höchst bedeutsam, dass Menschen anderer Lebensrealitäten und anderer Lebensziele einander zu Kenntnis nehmen und sich austauschen.

Ihr aktuelles Buch trägt den Titel „Verteidigung der Demokratie“. Was gibt Ihnen Zuversicht, dass sie gelingen könnte?
Die Demokratie ist eine Überlebenskünstlerin: Die Geschichte zeigt uns, dass Autokratisierung gestoppt und umgekehrt werden kann – und dass dieser Prozess nicht selten sogar zu einer verbesserten Demokratie führt. Die Datenbank des V-Dem-Instituts weist nach, dass 52 Prozent aller Autokratisierungsepisoden einen „demokratischen U-Turn“ erfuhren. Der Anteil erhöht sich sogar auf 73 Prozent, wenn man sich auf die letzten dreißig Jahre konzentriert. Autokratisierungswellen können prodemokratische Gegenreaktionen auslösen und letztlich eine Verbesserung der Demokratiequalität nach sich ziehen – wenn wir uns darum kümmern. Aufrufe wie „Demokratie verteidigen“ oder „Gegen Rechts“ sind als Empörung verständlich, aber sie müssen politisch konkret werden. Was ist die demokratische Utopie für das Jahr 2050? Die Rechtsextremen haben eine greifbare Vision (Stichwort „Remigration“). Doch welche schöne Zukunft stellen andere Parteien in Aussicht? Wir benötigen eine Zukunftserzählung, die Zuversicht generiert. Demokratien überleben, indem sie das Bild einer gelingenden Zukunft malen.

Tamara Ehs ist Politikwissenschafterin und Demokratieberaterin in Wien und Brüssel sowie Fellow an der Academy of International Affairs in Bonn.

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„Ja, nein, vielleicht“ heißt der neue Roman von Doris Knecht. Die Protagonistin verhandelt darin mit sich selbst, ob sie eine neue Beziehung eingehen soll. Ein Gespräch über das publizistische Patriarchat und das Glück, mit Frauen zusammenzuarbeiten. Interview: Julia Pühringer

Mit „Gruber geht“ (2011) hat es begonnen: Journalistin und Kolumnistin Doris Knecht wurde zur Romanautorin. Es folgten u. a. „Wald“ (inzwischen verfilmt von Elisabeth Scharang), „Alles über Beziehungen“ und „Die Nachricht“. Mit ihren Kolumnen im „Falter“ und in den „Vorarlberger Nachrichten“ (und früher im „Kurier“) ist Knecht eine feministische Stimme, kämpferisch und lustig. In ihren Büchern spielen sie natürlich auch eine zentrale Rolle: Frauen und ihre Entscheidungen, Frauenkörper und was sie aushalten

an.schläge: Lohnt es sich für Frauen vom Energiehaushalt her, sich auf einen Mann einzulassen?
Doris Knecht: Meine Erzählerin ist in einer sehr privilegierten ­Lebenssituation, wo sie eigentlich keinen Mann mehr braucht. Also, meine Meinung: Wenn man es sich leisten kann, als Frau ohne Mann zu leben und es einem gefällt, dann braucht man sich auch keinen suchen. Aber natürlich sieht sich meine Protagonistin auch unter einem gesellschaftlichen Druck, die Gesellschaft feiert und priorisiert Paare. Und das Patriarchat sieht es natürlich nicht gerne, dass Frauen gut alleine zurechtkommen, weil sie dann für die Männer nicht mehr zur Verfügung stehen.

Das Buch trifft einen Nerv, Bücher wie „Entromantisiert euch!“ von Beatrice Frasl behandeln aktuell diese eigentlich alte feministische Forderung.
Das habe ich gerade zu lesen angefangen und finde es sehr spannend. Das ist ein Thema von uns Frauen dieser Generation, die von vornherein gesagt hat, wir wollen autonom bleiben und deswegen können wir jetzt auch autonom leben. In der Generation meiner Mutter gab es diese Möglichkeit vielfach gar nicht. Man hat unbezahlt Care-­Arbeit geleistet und dafür keine Pension bekommen. Viele Frauen wollen da nicht mehr mitmachen, auch nicht einen kranken Partner pflegen, mit dem sie sich vielleicht längst auseinandergelebt haben. Aber das Patriarchat lässt diese Dienerinnen natürlich ungern ziehen. Ich kenne auch Frauen, die sich jetzt mit Mitte fünfzig noch scheiden lassen, und ja: Ich sehe, da holt sich eine Frau eine Freiheit, eine Unabhängigkeit, die sie vorher noch nicht hatte.

Wir kommen beide aus einer Zeit, wo man in unserem Beruf oft die einzige Frau am Tisch war, damit war man ja auch einer Rotte von wilden Weibern beraubt.
Das Problem war, dass man da in so eine Situation gedrängt wurde. Es war klar, eine Zweite würden die nicht am Tisch sitzen lassen und dann musste man seinen Platz halt verteidigen. Ich bin schon froh, dass das besser geworden ist, auch wenn ich sehe, dass es natürlich in vieler Hinsicht überhaupt nicht besser geworden ist.

Die schreckliche Erkenntnis, sobald man Kinder hat, dass doch nicht alles inzwischen ganz anders geworden ist.
Das ist auch in meinen Büchern ein großes Thema: Dieses Dilemma der alleinerziehenden Mutter. Mein ­letztes Buch („Eine vollständige Liste aller Dinge, die ich vergessen habe“, Anm. d. Red.) handelt von einer, die auszieht, um dieses Kümmern zu verlernen, weil man das so intus hat, wenn man viele Jahre alleinerziehend war. Da muss man nach diesem schönen, aber halt auch aufreibenden Familiending, sich auch wieder selbst finden.

Im Roman gibt es einen Medienmann aus den Neunzigerjahren, der steht für diesen Typ Mann, den viele von uns miterlebt haben, der plötzlich nicht mehr mit uns befreundet ist, wenn wir uns feministisch äußern. Ich habe das immer als sehr schmerzvollen Prozess empfunden, als Verrat.
Ja, absolut. Das Problem ist, dass sie den Verrat nicht sehen. Das war auch ein bisschen die Idee, in dem Buch diesen Verrat aufzuzeigen und den paar Männern, die das lesen, auch mal zu erklären: Schau, ihr habt es damals so gemacht und ihr habt es damals richtig gefunden. Aber wir müssen jetzt sagen: Es war nicht richtig. Einige haben in der Zwischenzeit begriffen, dass vieles nicht mehr geht, was sie sich damals geleistet haben. Aber leider kapieren sehr viele nicht, warum es falsch war.

Ich nehme an, viele Frauen fühlen sich in deinen Büchern verstanden.
Ich bin sehr happy mit meinem Publikum aus überwiegend älteren Frauen, die sich von mir gesehen, wahrgenommen fühlen und auf eine gute Art abgebildet. Ich werde oft nach Lesungen angesprochen, bekomme Mails, das finde ich total schön. Es zeigt eben, dass man mit seinen Gefühlen und seinen Unsicherheiten und dem, was total nervt, nicht alleine ist.

Ich frage mich schon, wie der Kulturjournalismus ausgesehen hätte, wenn am Tisch zur Hälfte Frauen gesessen wären. Über welche Musik hätten wir geredet, welche Filme? Ich habe manchmal den Eindruck, wir haben Jahrzehnte verschissen mit der Kunst sudernder Männer, in den Büchern, den Alben, den Filmen.
Ich war kürzlich mit meinen Töchtern auf einem Konzert von My Ugly Clementine und es war so schön. Es war so selbstverständlich, dass dort lauter Frauen auf der Bühne waren vor der ausverkauften Open Air Arena. Ich freue mich so, dass meine Töchter das erleben dürfen, weil ich es kaum erleben konnte.

Gibt es Dinge, von denen du dir denkst, du hättest sie gern früher gewusst?
Oft hilft einem das Wissen allein ja nicht weiter. Ich hätte gern früher gehabt, dass sich Dinge ändern. Und ich hätte gern früher mit mehr Frauen zu tun gehabt in meiner Arbeit, mit mehr Chefinnen, mehr Abteilungsleiterinnen. Ich habe vor ein paar Jahren den Verlag gewechselt, unter anderem deswegen, weil ich unbedingt mit Frauen arbeiten wollte. Ich habe jetzt das Gefühl, dass diese Bücher nicht mehr von mir allein geschrieben und dann Männern zur Beurteilung vorgelegt werden, sondern wir machen das gemeinsam, meine Verlegerin und Lektorin, meine Agentin und ich. Ich bin jetzt eine glückliche Schriftstellerin. Letztlich sieht das auch meine Protagonistin so: Eine Freundschaft mit Frauen ist oft viel tragfähiger als Partnerschaften, viel stabiler, viel vertrauenswürdiger, viel sicherer, hält viel mehr aus.

Aufmerksamkeit von Männern ist für Frauen tatsächlich gar nicht so lohnend.
Es macht das Leben so viel einfacher, wenn das aufhört. Und ich merke das auch am Älterwerden. Das wird ja Frauen immer als schreckliches Schicksal verkauft: Du wirst unsichtbar! Ich bin ganz froh, dass ich unsichtbar werde. Wenn ich gesehen werden will, dann sieht man mich schon. Aber sonst fallen diese ganzen Beurteilungen und Abwertungen weg, die ewigen Kommentare zu deinem Körper, es ist sehr befreiend.

Du hast einmal erzählt, du hast begonnen, Romane zu schreiben, „weil ich es kann“. Das hat mich sehr beeindruckt.
Ich war ja davor eher so die Meisterin der kurzen Form. „Gruber geht“ war ein Versuch: Kann ich auch einen langen Text schreiben? Und habe ich dann auch die Nerven, dass das jemand mit seinem Urteil zerstört? Mir hat einmal ein fremder Typ in einem Lokal erklärt, wie er eine meiner Kolumnen viel besser geschrieben hätte. Ich habe ihn dann gefragt, was er denn so veröffentlicht hat. Er so: Ach, nichts bisher. Der fand das ganz normal. Es ist wichtig, dass Frauen sich trauen zu sagen: Ich mache das, weil ich es gelernt habe und weil ich es kann. Weil ich dieses Handwerk richtig gut beherrsche.

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