4/2025 – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de Mon, 27 Oct 2025 12:57:42 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.0 https://ansch.4lima.de/wp-content/uploads/2024/10/cropped-favicon-32x32.png 4/2025 – an.schläge – Das feministische Magazin https://ansch.4lima.de 32 32 Dieses Versprechen kann verlockend sein https://ansch.4lima.de/dieses-versprechen-kann-verlockend-sein/ https://ansch.4lima.de/dieses-versprechen-kann-verlockend-sein/#respond Tue, 17 Jun 2025 14:13:10 +0000 https://anschlaege.at/?p=128006 Interview: Die renommierte Friedens- und Konfliktforscherin Cynthia Enloe erklärt im Interview, warum der amerikanische Militarismus eng mit Männlichkeit verbunden ist. Cynthia Enloe gilt als eine der bedeutendsten feministischen Friedens- und Konfliktforscherinnen der Gegenwart. Zahlreiche ihrer Bücher behandeln den Zusammenhang von Macht, Geschlecht und Militarismus. Im Gespräch mit Irem Demirci erklärt sie, wie der amerikanische Militarismus […]]]>

Interview: Die renommierte Friedens- und Konfliktforscherin Cynthia Enloe erklärt im Interview, warum der amerikanische Militarismus eng mit Männlichkeit verbunden ist.

Cynthia Enloe gilt als eine der bedeutendsten feministischen Friedens- und Konfliktforscherinnen der Gegenwart. Zahlreiche ihrer Bücher behandeln den Zusammenhang von Macht, Geschlecht und Militarismus. Im Gespräch mit Irem Demirci erklärt sie, wie der amerikanische Militarismus eng mit Männlichkeit verbunden ist und warum Mütter zum Problem für Rekrutierer der Armee werden können.

an.schläge: Trump hat angekündigt, den 8. Mai, den Tag der Befreiung als die Nazis zur Kapitulation gezwungen wurden, in „Tag des Sieges“ umbenennen zu wollen und „die unvergleichliche Macht, Stärke und Kraft des amerikanischen Militärs“ zu feiern. Was sagt das über den amerikanischen Militarismus und die Politisierung von Erinnerung aus?
Wladimir Putin hat eine Militärparade inszeniert, um den sowjetischen Sieg über die Nationalsozialisten zu feiern. Aber sie wurde diesen Mai in Moskau nicht nur veranstaltet, um den sowjetischen Sieg im Zweiten Weltkrieg in Europa zu feiern, sondern auch, um Putins eigene illegale Militärinvasion in die Ukraine als legitim erscheinen zu lassen. Die meisten Amerikaner feiern keinen Tag des Sieges in Europa. Die Tage, die sie mit lokalen Stadtparaden feiern, sind eher der Memorial Day Ende Mai und der 4. Juli. Präsident Trump scheint jedoch neidisch auf Putin zu sein. Er will seine eigene Militärparade. Eine Militärparade zu veranstalten ist jedoch sehr teuer, so dass das Pentagon, das auf sein eigenes Budget achten muss, nicht so begeistert ist. Im Gegensatz zu den vom Präsidenten ernannten zivilen Beamten des Pentagons wollen Berufsoffiziere keine teure Parade veranstalten, nur um einen Präsidenten, der sich Sorgen um seine Männlichkeit macht, gut aussehen zu lassen.

Da kommt mir der Begriff der militarisierten Männlichkeit oder Weiblichkeit in den Sinn. Sie haben über „militarisierte Männlichkeiten und Weiblichkeiten“ geschrieben. Was ist damit gemeint?
Der Begriff „Militarisierung“ mag etwas technisch klingen, aber er ermöglicht es uns, die Veränderungen von Individuen und Gruppen im Laufe der Zeit zu verfolgen – von ihrer relativen Nichtmilitarisierung bis zu ihrer zunehmenden Militarisierung. Sie vollzieht sich in ihren Überzeugungen, Werten, Loyalitäten, Abhängigkeiten und Bestrebungen. In ähnlicher Weise sind „Maskulinisierung“ und „Feminisierung“ Begriffe, die uns dazu ermutigen, Veränderungen im Laufe der Zeit zu beobachten. Ich habe mit jungen Männern gesprochen, die sagten: „Mein Onkel war bei der Armee und möchte, dass ich zur Armee gehe, um ein ‚richtiger Mann‘ zu werden. Aber ich mache mir eigentlich keine Sorgen um meine Männlichkeit. Ich muss der Armee nicht beitreten, um etwas zu beweisen.“ Das ist eine Gegenreaktion auf die Militarisierung der Männlichkeit. Um ihre monatlichen Quoten zu erfüllen, nutzen die Rekrutierer des Militärs die Unsicherheiten der Jungen und jungen Männer aus. Das ­Versprechen an einen wenig selbstsicheren jungen Mann lautet: Wenn du einmal Soldat geworden bist, wird niemand mehr daran zweifeln, dass du ein „richtiger Mann“ bist. Dieses Versprechen kann verlockend sein.

Und bei der militarisierten Weiblichkeit?
Die Freundin eines Soldaten kann militarisiert werden, wenn sie beginnt, einen Mann in Uniform zu bewundern. Eine Mutter kann militarisiert werden, wenn sie beginnt, mütterlich-patriotischen Stolz auf die Einberufung ihres Sohnes zu empfinden. Mit anderen Worten: Das Gefühl einer zivilen Frau oder eines zivilen Mädchens für ihre eigene Weiblichkeit kann militarisiert werden, wenn ihr persönlicher Maßstab für ihre eigene Weiblichkeit an ihre militärische Unterstützerrolle gekoppelt wird. Und für manche Frauen bedeutet Weiblichkeit, sich beschützt zu fühlen, beschützt von einem Mann oder einem männlichen Beschützer, sei es ein Ehemann oder eine staatliche Institution. Wer ist die vermeintlich beschützte Person und wer übernimmt den Schutz? Diese Frage zu stellen, hilft mir immer dabei, eine Gesellschaft zu verstehen. Wer sich heute dafür einsetzt, öffentliche Gelder von der Gesundheitsfürsorge in die Verteidigung umzuschichten, kann nur erfolgreich sein, wenn mehr Frauen davon überzeugt werden, ihre eigenen Vorstellungen von ziviler Weiblichkeit zu militarisieren. Andererseits sehen viele junge Frauen, mit denen ich gesprochen habe, in der Einberufung zum Militär eine Möglichkeit, aus konventionellen weiblichen Geschlechterkategorien ausbrechen zu können, die sie als so beengend empfinden. Wenn wir also die Militarisierung von Frauen und Mädchen verfolgen, sollten wir bereit sein, uns überraschen zu lassen. Einige weibliche Freiwillige beim Militär mögen den Eindruck erwecken, als würden sie das Patriarchat herausfordern.

Ihr Buch „Bananas, Beaches and Bases“ beginnt mit dem Kapitel „Gender Makes the World Go Round“. Warum ist ein feministischer Fokus für das Verständnis internationaler Politik so wichtig?
Nun, ich erinnere mich an die Zeit, als ich noch keine Genderperspektive hatte. Wenn ich zurückblicke, ist das peinlich. Als ich begann, mich mit Militarismus auseinanderzusetzen, war mir gar nicht bewusst, dass ich mich mit Männern beschäftigte. Ich dachte, ich würde mich mit unterschiedlichen Soldaten, Offizieren, Verteidigungsministern und der militarisierten Polizei beschäftigen. Ich habe mich nicht einmal gefragt, ob es eine Rolle spielt, dass sie zu fast 95 Prozent Männer sind. Zu Beginn fragte ich sicherlich nicht nach ihren Schwestern, Ehefrauen oder Müttern, und es kam mir nicht einmal in den Sinn, die Sexarbeiterinnen, zu denen sie gingen, ernst zu nehmen. Da ich noch nicht neugierig auf die Politik der Männlichkeit oder die Politik der Weiblichkeit war, verstand ich nicht wirklich, wie Militarisierung funktionierte. Dieses Verständnis setzte erst ein, als ich begann, eine feministische Neugierde zu entwickeln.

In Ihrem Buch zeigen Sie, wie ­sogenannte „private“ Räume – wie das Zuhause oder Beziehungen – zutiefst politisch sind. Könnten Sie ein Beispiel dafür nennen, wie dieses vermeintlich Private mit globaler Militärmacht zusammenhängt?
Ein Erlebnis, das mir immer noch im Gedächtnis geblieben ist, ist ein Interview, das ich mit einem Rekrutierer der britischen Armee führte. Ich verbrachte eine Woche damit, diesen Rekrutierer in Schottland zu beobachten, als er versuchte, eine schottische Mutter davon zu überzeugen, ihren Sohn im Teenageralter in die britische Armee aufzunehmen. Diese Frau traf ihre mütterliche Entscheidung, indem sie abwog, was für ihre ganze Familie wirtschaftlich besser wäre: der Eintritt ihres Sohnes in die Armee oder seine Arbeit für den örtlichen Großgrundbesitzer in den Highlands. Und im Hinblick auf die langfristige Sicherheit der Familie und die beruflichen Aussichten ihres Sohnes sagte sie dem Anwerber der Armee, dass sein Angebot nicht ausreiche. Sie hielt es für wirtschaftlich sinnvoller, dass ihr Sohn bei dem Landbesitzer angestellt war.
Väter gelten als eher bereit, ihre Söhne zum Militär zu schicken – das ist zumindest das Klischee. Für Militärrekrutierer in vielen Ländern sind aber tatsächlich die Mütter der Stolperstein.

In den USA wird militärische Stärke oft als patriotische Pflicht dargestellt, während eine Infragestellung des Militärs als unpatriotisch angesehen wird. Wem dient das?
Nun, die USA sind ein dramatischer Fall für diese kulturelle Verschmelzung von Patriotismus mit Männlichkeit und Soldatentum. Z. B. werden alle möglichen Produkte verkauft, als ob sie Patriotismus verkaufen würden. Obwohl es heute in den USA kein Gesetz gibt, das Kritik am Militär unter Strafe stellt, schaffen diese populärkulturellen Dynamiken ein soziales Klima, in dem die Kritik am Militär oder sogar an den Handlungen bestimmter Soldaten vielen normalen Menschen als „unpatriotisch“ erscheint. Doch es lohnt sich, einen geschärften feministischen Blick auch auf andere Länder zu werfen. Putins Regime ist noch weiter gegangen und hat Kritik am Militär zu einem Verbrechen erklärt. In Verbindung mit den russischen Medien, die immer mehr unter die Kontrolle des Regimes geraten, ist die Militarisierung in diesem Land in vollem Gange. Es ist kein Wunder, dass russische Feministinnen heute angegriffen werden. Die Militarisierung des Patriotismus verengt und vermännlicht den zivilen Raum.

Aber im Fall von Trump haben wir sowohl eine Verherrlichung des Militärs als auch eine öffentliche Missachtung von Veteranen erlebt. Was sagt das über Männlichkeit, Macht und Patriotismus aus?
Donald Trump schätzt die Loyalität zu seiner Person. Er versteht wirklich nicht, dass es einen tiefgreifenden Unterschied gibt zwischen dem Loyalitätseid eines US-Militäroffiziers, der geschworen hat, die Verfassung zu wahren, und der Loyalität gegenüber einer bestimmten Person, die die Präsidentschaft innehat. Weil Trump sich weigert, diesen Unterschied zu begreifen, fühlte er sich offenbar „verraten“ – und entließ mindestens vier Militärs, die seine Entscheidungen infrage stellten – während seiner ersten Amtszeit hatte er sie zuvor absichtlich in hohe zivile Ämter berufen. Damit will ich nicht sagen, dass die wichtigsten Stützen der US-Verfassung professionelle Militärgeneräle sind. Das sind sie gewiss nicht. Eine integrative, engagierte und verantwortungsbewusste Zivilbevölkerung ist es. Aber das, was wir heute alle lernen, ist, dass ein US-Präsident, der persönliche Loyalität über die Loyalität zur Verfassung stellt, eine Gefahr für die Demokratie ist.

Geschlecht, aber auch Klasse und race, sind relevant in der Betrachtung des US-Militärs. Das US-Militär rekrutiert z. B. in hohem Maße aus der Arbeiterklasse und rassifizierten Gemeinschaften. Wie prägt das dieses System?
Richtig. Doch das Militär bekommt nicht so leicht die Art von Personal, die es sich wünscht. Das bedeutet, dass wir immer ein intersektionales, feministisches Auge darauf haben sollten, was die Militärstrategen eines Landes tun, um ihre Reihen zu füllen. Werden sie die Bildungsstandards für den Eintritt ins Militär senken? Werden sie höhere Antrittsprämien anbieten? Werden sie – widerwillig – mehr Posten in Uniform für Frauen öffnen? In den Jahren 2021 bis 2023 konnte weder das Heer, die Luftwaffe oder Marine ihre jährlichen Rekrutierungsziele erreichen. Als sich die zivile Wirtschaft unter Präsident Biden von der Pandemie erholte, gab es mehr zivile Arbeitsplätze für junge Menschen, insbesondere für junge Männer. Das Militär hat es überall schwer, seine Reihen zu füllen, wenn die zivile Wirtschaft einen gesunden Arbeitsmarkt mit Arbeitsplätzen für junge Männer hat. Außerdem zeigen einige Umfragen, dass in afroamerikanischen Familien heute ein weniger positives Bild vom US-Militär vorherrscht als noch vor einer Generation. Dadurch sinkt die Attraktivität des Militärdienstes für afroamerikanische Teenager. Jetzt, Mitte 2025, erfüllen die US-Militärs wieder ihre Rekrutierungsquoten, aber das liegt nicht daran, dass die amerikanischen jungen Männer wieder besonders militarisiert sind. Wahrscheinlicher ist, dass die Rekrutierer ihre jährlichen Zielvorgaben gesenkt, ihre Antrittsprämien erhöht und die Bildungsstandards für neue Rekruten gesenkt haben.

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#SkinnySummer https://ansch.4lima.de/skinnysummer/ https://ansch.4lima.de/skinnysummer/#respond Tue, 17 Jun 2025 14:13:03 +0000 https://anschlaege.at/?p=128019 #SkinnyTok bringt den Magerwahn zurück. Von Elisabeth Lechner Auf „SkinnyTok“ erzählen „Skinny Girls“ vom „Skinny Mindset“. Elisabeth Lechner ist entsetzt von der Rückkehr des Magerwahns, gibt aber die Hoffnung nicht auf. Wer sich dieser Tage auf sozialen Medien bewegt, sieht sich mit einer Form von Dickenfeindlichkeit konfrontiert, die selbst die Resolutesten unter uns mit vor […]]]>

#SkinnyTok bringt den Magerwahn zurück. Von Elisabeth Lechner

Auf „SkinnyTok“ erzählen „Skinny Girls“ vom „Skinny Mindset“. Elisabeth Lechner ist entsetzt von der Rückkehr des Magerwahns, gibt aber die Hoffnung nicht auf.

Wer sich dieser Tage auf sozialen Medien bewegt, sieht sich mit einer Form von Dickenfeindlichkeit konfrontiert, die selbst die Resolutesten unter uns mit vor Entsetzen offenstehenden Mündern zurücklässt. Tief einatmen, wir tauchen kurz gemeinsam ab in die Untiefen von #SkinnyTok, also dem Diät-Content junger, fast ausschließlich weißer Influencerinnen auf TikTok, die die berüchtigten „nothing tastes as good as skinny feels“-Körperideale der 2000er-Jahre – ältere Leserinnen werden sich mit Schaudern daran zurückerinnern – im Vergleich blass erscheinen lassen.

Cleane Girls. Die archetypische Protagonistin von #SkinnyTok ist jung, able-bodied, weiß, mädchenhaft und superfeminin im Auftreten, immer perfekt geschminkt und gertenschlank. Wie sie dahin kam, zeigt sie nicht, denn ein #CleanGirl schwitzt nur abseits von ­Kameras. Ihre Vergangenheit als „ex-fatty“ oder „retired big girl“ taucht nur in einzelnen, unscharfen Bildern eines nicht näher bestimmten „Vorher“ auf, das zur reichweitenstarken Währung in hyper-individualistischen Transformationsnarrativen auf sozialen Medien wird. Wenn das ihr „Nachher“ ist, wenn sie es geschafft hat, kann ich es doch auch – oder? Disziplin und Kontrolle braucht es in allen Lebensbereichen, so das „brutal ehrliche“ Skinny Girl. In „#WhatIEatInADay“-Videos erfahren wir, was das „Skinny Mindset“ für den Bereich der Nahrungsaufnahme bedeutet: Gegessen wird wenig (das Stichwort lautet „Portion Control“) und immer alleine, aber mit Fokus auf Proteine. Wasser und Zitronen-­Brausepulver helfen gegen den Hunger und wer gerade Streifen zur Zahnaufhellung trägt, kann auch nicht essen. Pro-Tipp! Wie ­praktisch.

„Food Freedom“. Ermächtigende Konzepte wie „Food Freedom“, Selbstliebe und intuitives Essen werden in den Videos auf perfide Arten vereinnahmt – wer sich und seinen Körper liebt, fastet und optimiert. In den Hashtags geht es dann aber nicht mehr um #SelfLove, sondern darum, wie man mit einem #CalorieDeficit zum #SkinnySummer kommt. Mit der richtigen Metrik (Minimum 10.000 Schritte am Tag), dem richtigen Content (Fitfluencern folgen! Food Content entfolgen!) und der richtigen Mentalität („Manifestiere! Denke wie ein #SkinnyGirl!“) kannst auch du es schaffen! Manche der Accounts begleiten dich durch motivierendes „Empowerment“ beim Abnehmen, andere schimpfen dich via „Tough Love Fitness“ mit krassen Schuld- und Beleidigungslogiken dünn. 2025 zeichnet sich in Sachen Körpern ein widersprüchliches Bild: Einerseits hat die Body-Positivity-Bewegung der 2010er-Jahre erreicht, dass eine bestimmte Form von kommerziell verträglicher Diversität zur Norm in Werbung und Popkultur geworden ist. Andererseits sehen wir uns konfrontiert mit einem Backlash in Sachen Diversität und einer immer stärker werdenden Welle von Ess- und Körperwahrnehmungsstörungen, gerade unter jungen Frauen, dem Hype um sogenannte „Abnehmspritzen“ sowie digitale Face-Filter und porenfreie KI-Avatare, die verunsichern. Ja, auf der Repräsentations­ebene haben wir Erfolge gefeiert, doch ganz offensichtlich übersetzt sich mehr Sichtbarkeit für unterschiedliche Körper – fast alle absolut normschön und in maximal einem Merkmal abweichend – nicht automatisch in strukturellen Wandel, also mehr Selbstbewusstsein und Körperakzeptanz bei jungen Menschen.

skinny privilege. Lookistische Diskriminierung dominiert weiterhin unseren Alltag. Der Zugriff auf Körper ist in Zeiten von digitalem Kapitalismus, einer krisengebeutelten Gegenwart und dem von den USA bis nach Europa spürbaren Rechtsruck sogar noch drastischer geworden – nicht-weiße, nicht-dünne (und damit vermeintlich nicht-leistungsfähige), queere Körper werden zur Zielscheibe für Angriffe, die reproduktionswillige, häusliche, schöne, weiße cis Frau ist das Ideal. Das haben auch die Skinny Girls auf TikTok erkannt: „Imagine how far pretty AND skinny privilege will get you!“, heißt es zur Motivation in ihren Videos. Schade, dass sie damit die repressiven Strukturen zwar hellsichtig analysieren, aber keine widerständigen Schlüsse daraus ziehen. Stattdessen werden mit immer neu erfundenen Makeln – ganz aktuell „Cortisol-Face“ und „Toebesity“ (googelt lieber nicht) – Unsicherheiten verschärft, und über Beschämungslogiken immer neue Produkte verkauft. Niemand genügt einfach so, der Körper ist immer Arbeit und zu bearbeitendes Projekt. Lookismus wird auf einer individuellen Ebene nicht aufzulösen sein und Schönheitsarbeit kann sich für Einzelne daher immer nur widersprüchlich anfühlen: Einerseits kann es ein Ausdruck von Selbstfürsorge sein und Freude machen, zum Workout zu gehen oder sich zu schminken. Andererseits passiert diese Arbeit am Selbst nicht im luftleeren Raum: Wer in den Körper investiert, macht das nie unabhängig von gesellschaftlichen Schönheitsidealen und hat dadurch Vorteile in allen Lebensbereichen. Doch selbst für die Normschönsten unter uns ist das ein Glücksspiel mit hohem Einsatz und Ablaufdatum – Altern und Krankheit kommt schließlich niemand aus.

Belegbare Nachteile. Gerade für Frauen gilt: Es gibt im Patriarchat keine richtige Art, Frau zu sein. Über immer neue, niemals zu erreichende Ansprüche an unser Äußeres werden wir unter Kontrolle gehalten, mit unseren Gefühlen von Unzulänglichkeit die Profite von Unternehmen der Schönheitsindustrie in die Höhe getrieben. Gewinnerinnen gibt es keine: Wer versucht, sich mit Unmengen an Zeit, Schmerzen, Disziplin, Versagen und Geld diesen irrwitzigen Idealen zu nähern, leidet. Für Genuss, für Miteinander, für Ausgelassenheit ist in diesem strengen Konzept normativer, weiblicher Körperlichkeit kein Platz. Wer sich widersetzt und auf die Standards pfeift, muss mit empirisch belegbaren Nachteilen im Dating, im Job, in der Gesundheitsversorgung und am Wohnungsmarkt rechnen. Und wer kann sich Widerstand überhaupt leisten? Während eine junge, dünne, weiße Frau mit haarigen Achseln vielleicht noch als edgy und rebellisch durchgeht, sind Schwarze Frauen in rassistischen Gesellschaften mit schlimmsten Beleidigungen und Tiervergleichen konfrontiert, wenn ihr Körperhaar-Management als „ungepflegt“ gelesen wird.
Auch wenn uns nun noch mit – teuren – „Abnehmspritzen“ wie Ozempic oder Mounjaro suggeriert wird, jede*r könnte auf Dauer schlank sein, bleibt Gesundheit politisch und nur verstehbar durch das Mitdenken sozio­ökonomischer Rahmenbedingungen. Entgegen der einsamen Realität, die Skinny Girls auf TikTok abbilden, sind wir alle eingebunden in – zutiefst durch Ungleichheit gekennzeichnete – gesellschaftliche Verhältnisse, aus denen sich unterschiedliche Möglichkeiten ergeben, Einfluss auf den eigenen Körper, die Gesundheit und Schönheit zu nehmen: Wer kann sich frisches, nährstoffreiches Essen leisten? Wer hat Zeit für Sport?
Trotz neuer Kulturtechniken zum Abnehmen ist Gesundheit komplex und in kapitalistischen Gesellschaften erschütternd ungleich verteilt.
„Weight Release“. Nach zehn Jahren Forschung zum Thema komme ich zu dem Schluss: Zu Selbstliebe gibt es keinen Shortcut. Wir können Body-Freedom nur erreichen, wenn wir uns dem Schmerz stellen, der all dem Körperoptimierungs-Content auf sozialen Medien zugrunde liegt. Je mehr Kontrolle auf uns ausgeübt, je mehr digitale Medien autokratischen und faschistoiden Überwachungs- und Datenextraktionslogiken folgen, je mehr Rückzug in die Optimierung gefordert wird, desto mehr müssen wir die Vereinzelungslogik von Scham durchbrechen. Desto mehr brauchen wir verstärkt im Analogen Räume für geteilte Verletzlichkeit, das Erzählen und Überwinden unserer Scham-Geschichten und die solidarische Organisierung gegen repressiven Magerwahn.
Für mich gilt auch jetzt, wo Lizzo sich mit „Weight Release“ (etwa Gewichtsbefreiung) statt #BodyPositivity brüstet, was immer schon galt: #RiotDon’tDiet! Es sind düstere Zeiten, aber vielleicht können wir aus einem unverstellten, nüchternen Blick auf die Verhältnisse genug Mut und Wut sammeln, um uns zusammenzutun, den radikalen Spirit der ursprünglichen Fat-Liberation-Bewegung der 1960er und -70er zu bündeln und die Epidemie der Körperunsicherheit an der Wurzel zu packen. Wir können nicht noch eine Generation an den Magerwahn verlieren! Es reicht!

Elisabeth Lechner ist Literatur- und Kulturwissenschaftlerin. Ihre Dissertation zur Body-Positivity-Bewegung erschien 2021 auf Deutsch als „Riot Don’t Diet! Aufstand der widerspenstigen Körper“ bei Kremayr & Scheriau.

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Edgy, schön, rechts https://ansch.4lima.de/edgy-schoen-rechts/ https://ansch.4lima.de/edgy-schoen-rechts/#respond Tue, 17 Jun 2025 14:12:57 +0000 https://anschlaege.at/?p=128025 Rechte Influencerinnen ködern junge Frauen mit Promi-Klatsch und Beauty-Tipps – erschreckend erfolgreich. Von Sophia Krauss Wer ist hier der Bösewicht? Als sich Schauspielerin Blake Lively und Regisseur Justin Baldoni nach dem Dreh des gemeinsamen Dramas „It Ends With Us“ im vergangenen Jahr eine öffentliche Schlammschlacht lieferten, sorgte dies auf sozialen Medien wochenlang für hitzige Debatten. […]]]>

Rechte Influencerinnen ködern junge Frauen mit Promi-Klatsch und Beauty-Tipps – erschreckend erfolgreich. Von Sophia Krauss

Wer ist hier der Bösewicht? Als sich Schauspielerin Blake Lively und Regisseur Justin Baldoni nach dem Dreh des gemeinsamen Dramas „It Ends With Us“ im vergangenen Jahr eine öffentliche Schlammschlacht lieferten, sorgte dies auf sozialen Medien wochenlang für hitzige Debatten. Lively verklagte schließlich Baldoni und warf ihm sexuelle Belästigung und eine Verleumdungskampagne vor, die von der PR-Strategin Melissa Nathan orchestriert wurde. Sie hatte bereits Johnny Depp im Prozess gegen Ex-Frau Amber Heard unterstützt. Frauenhass kommt im Netz gut an, das demonstrierte Nathan einmal mehr: Ein Großteil der Nutzerinnen schlug sich auf die Seite des Regisseurs. Eine von ihnen war Candace Owens, rechtsextreme Meinungsmacherin und ehemalige Moderatorin der einflussreichen US-amerikanischen Plattform „The Daily Wire“.

Verschwörungserzählungen und Workouts. Auf YouTube veröffentlichte Owens stundenlange Analysen des Falls, jede einzelne dieser Folgen verzeichnete mindestens 1,5 Millionen Aufrufe. 65 Prozent ihrer Zuschauenden von Dezember 2024 bis Februar diesen Jahres waren weiblich – ungewöhnlich für Owens’ politische Inhalte. Online ist Candace Owens längst eine – rechte – Marke. Neu jedoch ist ihre Breitenwirkung. Schon 2017 debütierte sie als rechtskonservative Online-Kommentatorin. Seitdem hat sie die jüdische Religionsausübung der Kabbala öffentlich mit Pädophilie verglichen und antisemitische Ritualmordlegenden verbreitet, wonach Jüdinnen christliche Kinder rituell töten würden. Dokumentierte NS-Verbrechen seien „bizarre Propaganda“ und sie behauptete auch, George Floyd sei an einer Überdosis Drogen und nicht an Erstickung gestorben. Die LGBTQIA+-Bewegung nannte sie „satanisch“. Heute will Owens mit ihrer neuen Marke „Club Candace“ Lifestyle-Influencerin werden. Sie hat eine Fitness-App für junge Frauen entwickelt, insbesondere für Mütter nach der Entbindung. Ihr neuestes Buch, das im September erscheinen wird, trägt den Titel „Make Him a Sandwich: Why Women Don’t Need False Feminism“. Aus einem rechtsextremen Milieu hat Owens sich so erfolgreich hinein in den Mainstream katapultiert. Im Interview mit dem Magazin „The Cut“ sagte eine junge US-Amerikanerin, die sich als liberal einstuft, dass sie erst durch die Berichterstattung rund um Blake Lively begonnen hätte, Owens Content zu konsumieren. „Sie will uns zeigen, dass dies überhaupt kein feministisches Thema ist, sondern dass es darum geht, Gerechtigkeit für denjenigen zu erlangen, dem hier Unrecht widerfährt. Sie vereint Linke und Rechte.“

Schön und fruchtbar. Zu einem ähnlichen Befund kommt das rechte US-Frauenmagazin „Evie“: Owens habe es durch ihre Podcasts zum Fall Lively/Baldoni geschafft, Menschen aller politischen Hintergründe zu versammeln. Owens’ antisemitische, rassistische und transfeindliche Inhalte werden dabei gekonnt ausgeklammert. Man zelebriert hingegen, dass Owens Zuseherinnen erreiche, die zwar ihre politische Haltung ablehnten, aber von ihrer Promi-Berichterstattung begeistert waren. Überhaupt würde sich die Rechte zu wenig mit Popkultur beschäftigen und nicht verstehen, wie stark Medien, Kunst und Klatsch Gesellschaften beeinflussen. Man überlasse dieses Feld einfach der Linken. Das will auch das Magazin „Evie“ nicht. Auf den ersten Blick wirkt es wie ein gewöhnliches Hochglanzmagazin. Es geht um Nagellack und Frisuren von Sabrina Carpenter. Es gibt Sextipps wie in der Cosmopolitan – versehen mit dem Zusatz, dass diese „nur für verheiratete Frauen“ seien. Während in anderen Lifestyle-Magazinen in den letzten Jahren auch Body-Positivity und diverse Körperbilder Einzug hielten, setzt „Evie“ auf „objektive weibliche Schönheit“. Man will weg von „woker Akzeptanz“, symbolisiert durch „stark tätowierte, blauhaarige, fettleibige, geschlechtsneutrale Personen“, zurück zur Dominanz weißer, cis-normativer, gebärfähiger Körper. Hinter dem Magazin steht das Ehepaar Hugoboom, die auch eine von Peter Thiel unterstützte Menstruationszyklus-App betreiben, die zur Fruchtbarkeitsplanung anregen soll. „Unsere Fortpflanzungsorgane sind genau dafür gemacht – neues Leben zu erschaffen“, ist in „Evie“ zu lesen, wo auch vor den Gefahren hormoneller Verhütungsmittel gewarnt wird.

Rechts ist jetzt cool. Für den „Guardian“ hat Autorin Anna Silman zu „Evie“, Candace Owens und anderen rechten weiblichen Influencerinnen recherchiert. In ihrer Reportage nennt sie deren Universum die „Womanosphere“: Es sei das Äquivalent zur Manosphere, jener Online-Welt voller Bro-Podcaster wie Theo Von oder Joe Rogan, die junge männliche Nutzer oft mit vergleichsweise unpolitischen Themen wie Wrestling oder Drogen anziehen und sie dann in ein Rabbithole voller Antifeminismus und Verschwörungsideologien führen. Junge Menschen würden online nach authentischen, edgy Stimmen suchen, die ihnen helfen, Meinungen zu entwickeln und ihnen Perspektiven aufzeigen, schreibt Silman – auch junge Frauen. Viele Medienschaffende haben das mittlerweile verstanden und versuchen über Themen wie Popkultur, Wellness, Beauty oder Dating junge Nutzerinnen an ein konservatives Weltbild heranzuführen. „Heute ist es für Jugendliche cool, konservativ zu sein“, sagt Brett Cooper, rechte Influencerin auf YouTube. Die Linke hätte in der Popkultur schon lange genug den Ton angegeben.

Turning Point. All diese Influencerinnen vermitteln immer auch eine konservative Vorstellung von Geschlecht. Oft lehnen sie trans und queere Personen als vermeintlich woke Modeerscheinungen ab. Und sie wünschen sich eine Gesellschaft, in der Frauen und Männer ungestört vom Feminismus endlich wieder ihren „natürlichen“ Eigenschaften nachgehen können. Frauen müssten endlich wieder fürsorglich und schutzbedürftig sein dürfen. Dabei deckt sich ihre Ideologie mit jener der Trump-Regierung: Reproduktive Rechte sollen abgebaut werden, ebenso der Schutz von queeren Personen. Die rechtskonservative Organisation Turning Point, die laut Silman die letzte US-Wahl maßgeblich beeinflusst hat, förderte nach eigenen Angaben rund 350 rechtsgerichtete Influencer*innen. In den letzten Jahren steckte Turning Point mehrere Millionen US-Dollar in den Aufbau rechter Medien. Angesichts des schwindenden Vertrauens der Bevölkerung in tradierte Nachrichtenmedien scheint dies ein erfolgreicher Weg zu sein, rechte Propaganda immer populärer zu machen. Das schlug sich auch bei der US-Wahl nieder: Während junge Frauen 2024 immer noch mehrheitlich demokratisch wählten, schrumpfte Joe Bidens Vorsprung von 35 Punkten im Jahr 2020 auf 24 Punkte für Kamala Harris.
Währenddessen arbeitet Candace Owens an einem neuen Thema: dem Fall Harvey Weinstein. Im Februar enthüllte sie, dass sie den verurteilten Vergewaltiger monatelang im Gefängnis interviewt habe. Ihr Fazit: Er sei das Opfer der MeToo-Bewegung, die „aus so etwas wie einem kriminellen Netzwerk besteht“.

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neuland: Mama weiß Bescheid https://ansch.4lima.de/neuland-mama-weiss-bescheid/ https://ansch.4lima.de/neuland-mama-weiss-bescheid/#respond Tue, 17 Jun 2025 14:12:46 +0000 https://anschlaege.at/?p=128035 Neulich sprach ich mit meinem Partner über Kindergeburtstagspartys und die kleinen Tütchen mit Süßigkeiten, die dort zum Abschied an uns Kinder verteilt wurden.Mein Partner – der Deutscher ist – kannte diese Tütchen gar nicht. Mich überraschte das. Für mich waren sie etwas sehr Deutsches. Denn in Japan, wo meine Mutter herkommt, gibt es diese Gewohnheit […]]]>

Neulich sprach ich mit meinem Partner über Kindergeburtstagspartys und die kleinen Tütchen mit Süßigkeiten, die dort zum Abschied an uns Kinder verteilt wurden.
Mein Partner – der Deutscher ist – kannte diese Tütchen gar nicht. Mich überraschte das. Für mich waren sie etwas sehr Deutsches. Denn in Japan, wo meine Mutter herkommt, gibt es diese Gewohnheit nicht. War ich in Japan auf einem Kindergeburtstag eingeladen, winkten wir uns lediglich zum Abschied.
Nach unserem Umzug nach Deutschland saugte meine Mutter sämtliche Bräuche auf, die über das Jahr zirkulierten: An Nikolaus hingen rote Socken am Wohnzimmerfenster, gefüllt mit kleinen Spielzeugen und Naschereien. Zu Ostern war der Hase da, der überall kleine Schokokugeln versteckt hatte. An Silvester gab es Fleisch-Fondue, das im Laufe der Jahre Platz machen musste für Raclette. Und irgendwann hatte ich dank Mama eine Sammlung an Stickern und Notizblättern, die ich mit Mädchen aus der Klasse tauschte. Als Kind schien es mir selbstverständlich, dass bei uns alles genauso lief wie bei meinen deutschen Klassenkamerad:innen. Dass dahinter stets meine Mama stand, die alle Besorgungen erledigte und fleißig Tütchen füllte, erfuhr ich erst Jahre später. Dabei sprach Mama anfangs kaum Deutsch, mein Vater war nie da. Neben ihrer anstrengenden Hausarbeit muss sie also nach Informationen gesucht haben, damit wir Kinder in der Schule mitreden konnten und nicht ausgegrenzt wurden.
Einmal verpasste Mama aber tatsächlich etwas Wichtiges. Eines Montags schliefen meine Schwester und ich seelenruhig, als sie plötzlich panisch in unser Zimmer gerannt kam. Die Schule hatte angerufen, weil wir beide fehlten. Mama hatte vercheckt, dass die Zeit umgestellt wurde. Wir hatten den gesamten Sonntag in Winterzeit verbracht.
Meine Lehrerin schüttelte damals augenrollend den Kopf. Aber Mutter zu sein ist ein harter Job. Erst recht in einem Land, in dem die Sprache und Gewohnheiten völlig fremd sind. Give them a break.

Shoko Bethke möchte dieses Jahr zu ihrer Geburtstagsparty im November für jede:n Freund:in ein Süßigkeitentütchen basteln und überlegt jetzt schon, was da alles rein könnte.

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Die meisten Frauenfiguren sind ziemlich beschissen https://ansch.4lima.de/die-meisten-frauenfiguren-sind-ziemlich-beschissen/ https://ansch.4lima.de/die-meisten-frauenfiguren-sind-ziemlich-beschissen/#respond Tue, 17 Jun 2025 14:12:23 +0000 https://anschlaege.at/?p=128029 Schauspielerin Mavie Hörbiger im Interview über Elfriede Jelineks Stück „Burgtheater“, das sich mit der Geschichte ihrer Familie auseinandersetzt, ihren neuen feministischen Film und eigenartige Rollenangebote. Von YOLA PELLICCIA und LEA SUSEMICHEL an.schläge: Elfriede Jelineks Theaterstück „Burg­theater“, das sich mit Ihren Großeltern Attila Hörbiger und Paula Wessely sowie Paul Hörbiger beschäftigt, hatte mehr als vierzig Jahre […]]]>

Schauspielerin Mavie Hörbiger im Interview über Elfriede Jelineks Stück „Burgtheater“, das sich mit der Geschichte ihrer Familie auseinandersetzt, ihren neuen feministischen Film und eigenartige Rollenangebote. Von YOLA PELLICCIA und LEA SUSEMICHEL

an.schläge: Elfriede Jelineks Theaterstück „Burg­theater“, das sich mit Ihren Großeltern Attila Hörbiger und Paula Wessely sowie Paul Hörbiger beschäftigt, hatte mehr als vierzig Jahre nach seiner Entstehung kürzlich Uraufführung am Burgtheater. In einem Interview sagten Sie, dass Sie zwar Bauchweh hatten, an der Inszenierung mitzuwirken, Sie so aber das Narrativ kontrollieren könnten. Welche Geschichte wollen Sie denn gerne erzählen?
Damit meine ich nicht nur, was ich erzähle, sondern wie die ganze Geschichte erzählt wird. Ich konnte an einigen Stellen sagen: „Das geht zu weit“ – oder „Hier kann man noch tiefer reingehen.“ Attila und Paula haben ja in diesem furchtbaren NS-Propagandafilm „Heimkehr“, der wirklich seinesgleichen sucht, mitgespielt. Darin passiert eine perfide Umkehrung der historischen Tatsachen: Deutsche als Opfer in einem polnischen „KZ“, die angeblich nur friedlich leben wollen – und das kurz vor dem Einmarsch in Polen. Diese Form der Propaganda ist erschreckend effektiv.
Meinen Großvater Paul Hörbiger kennt man vor allem durch lustige Unterhaltungsfilme wie „Hallo Dienstmann“, die ebenfalls während des Dritten Reichs entstanden. Zwar ohne antisemitische Inhalte, aber trotzdem Teil desselben Systems. Der Unterschied liegt eher in der Wirkung: Das eine ist das Aufputschmittel, das andere wie Valium – eine vorgespielte heile Welt.

Sie haben mit dem Zwang gehadert, sich öffentlich mit Ihrer Familiengeschichte auseinandersetzen zu müssen. Dennoch haben Sie es immer wieder getan. Das Ensemble des Stücks hat sich öffentlich gegen Kickl ausgesprochen, Sie persönlich waren Teil der Initiative #ActOut, die sich für die Gleichstellung von queeren Menschen einsetzt. Wieso ist Ihnen das ein Anliegen?
Ich sehe es als Teil meiner Aufgabe – vielleicht sogar als meine Pflicht – meine Stimme zu nutzen, weil mir Menschen zuhören. Für mich gehört das zum Beruf der Schauspielerin: Themen anzusprechen, die mir wichtig sind, und Dinge zu unterstützen, hinter denen ich stehe. Ich bin dankbar, dass ich das darf.

Ihr letzter Film „Die geschützten Männer“ handelt von einer feministischen Revolution, und er zeigt auch, dass es ohne eine fundamentale Änderung gesellschaftlicher, auch kapitalistischer, Verhältnisse nicht gehen wird. Würden Sie das unterschreiben?
Der Film zeigt aber auch, dass es schief gehen kann. Den Begriff Fundamentalismus finde ich persönlich schwierig, aber natürlich wissen wir alle, dass ein Wandel notwendig ist. Ich glaube, jede Frau spürt, dass tiefgreifende Veränderungen anstehen – und auch dringend gebraucht werden. Gleichzeitig bin ich mir bewusst, dass ich viele dieser Entwicklungen wohl nicht mehr vollständig miterleben werde. Aber hoffentlich meine Tochter. Was mir Hoffnung gibt, ist die junge Generation. Ich bin voller Bewunderung für sie, sie sind reflektierter, geradliniger und kämpft mit einer Entschlossenheit, die wir in diesem Alter oft nicht hatten.

Welche Impulse würden Sie mit dem Film gerne setzen?
Was mir an dem Film besonders wichtig ist: Man kann auch lachen. Trotz der ernsten Themen ist es eine Satire – und das hat etwas Befreiendes. Der Film ist auf eine wunderbare Weise verrückt. Meine eigene Rolle ist dabei eine besondere Herausforderung, denn ich spiele eher die Gegenseite – den „Bösewicht“, wenn man so will. Was ich aber besonders spannend finde, sind die unterschiedlichen Figuren und ihre Herangehensweisen. Da ist z. B. eine ältere Politikerin, die fast etwas Donna-­Haraway-artiges hat und versucht, ökologische Aspekte in ihre Politik einzubinden. Dann gibt es die Hauptfigur, die mit ihrem Partner ein alternatives Lebensmodell lebt. Diese Vielfalt zeigt, wie unterschiedlich Frauen denken, handeln und Zukunft gestalten können.

Im Film werden die Machtverhältnisse ziemlich auf den Kopf gestellt. Wie erleben Sie aktuell Machtverhältnisse in der Filmbranche und hat #MeToo dort etwas verändert?
Ich arbeite vor allem in Österreich und hauptsächlich am Theater. Dort beginnen sich die Dinge langsam zu verändern – sehr langsam. Noch immer gibt es meist eine Person, oft ein Mann, der die volle Kontrolle hat. Aber es tut sich etwas. Vor allem, wenn man auf Menschen trifft, mit denen man wirklich ins Gespräch kommt – und wenn der Zusammenhalt unter Schauspielerinnen wächst. Gerade am Theater spüre ich, dass dieser Zusammenhalt stärker geworden ist. Mir ist es wichtig, besonders auf die jüngere Generation zu achten. Ich möchte, dass sich junge Frauen sicher fühlen. Wenn jemand (noch) nicht in der Lage ist, Nein zu sagen, will ich da sein und für sie dieses Nein aussprechen können. Es geht nicht schnell, aber es geht in die richtige Richtung. Und das macht Hoffnung.

Aber es formiert sich auch Widerstand und wir erleben einen Backlash, siehe etwa den Aufschrei wegen des Schuldspruchs von Gérard Depardieu.
Mit dem Begriff Backlash hadere ich etwas – denn vieles von dem, was heute kritisiert wird, war doch immer schon da. Die Machtverhältnisse, das Schweigen, die Strukturen. Was sich geändert hat, ist, dass wir heute offener darüber sprechen. Bewegungen wie #MeToo haben Mut gemacht, Dinge sichtbar zu machen und sich zu solidarisieren.
Während sich gesellschaftlich viel in Bewegung setzt, erleben wir aber tatsächlich ein Wiedererstarken von Nationalismus und rechtem Gedankengut – und da ist die Rolle der Frau meist klar festgelegt: zurück an den Herd. Das hängt für mich direkt zusammen. Mit dieser politischen Entwicklung wächst auch der Druck auf Frauen, sich wieder traditionellen Rollenbildern unterzuordnen.

Sie sagen im Interviewpodcast „Film des Lebens“, dass es mit 45 als Frau in der Filmbranche schwieriger wird, weil „die Angebote weniger und die Rollen immer eigenartiger werden“.
Ich soll Mütter spielen von Schauspielerinnen, die gerade mal 30 sind – total absurd! Es gibt einfach kaum Rollen für Frauen zwischen 40 und 50. Deren Geschichten interessieren offenbar niemanden. Für dieses Jahr habe ich noch kein einziges Drehangebot. Und dann hat sich die Branche so verändert – Castings sind jetzt E-Castings. Ich muss mich selbst filmen, technisch bin ich da aber echt schlecht. Wahrscheinlich habe ich schon Videos geschickt, bei denen die Leute denken: Was macht die da im Dunkeln, total überschminkt, die lachen sich wahrscheinlich tot über mich! Ich frage mich, wie es älteren Kolleginnen damit geht.

Am Theater ist es nicht besser mit den Rollen für ältere Frauen, oder?
Der Theaterkanon ist aus der Sicht eines weißen jungen Mannes entstanden. Für Frauen gibt’s da oft nur die Mutter von Hamlet oder die Amme. Gretchen, Ophelia, Solveig – die werden einem als tolle Rollen verkauft. Aber wenn man genau hinschaut, sind die meisten Frauenfiguren ziemlich beschissen. Sie opfern sich, bleiben sitzen, lieben sich kaputt. Da macht die Amme mehr Spaß – aber man will ja nicht nur die Amme spielen. Zum Glück gibt’s Autorinnen wie Elfriede Jelinek, eine mahnende, starke Stimme. Aber wie man sie hier behandelt hat – gerade der Skandal rund ums Burgtheater – das war unter aller Sau, so etwas wäre einem Mann niemals passiert. Die Geschichte offenbart viel darüber, wie dieses Land mit klugen, unbequemen Frauen umgeht. Jelinek ist eine Göttin, ich bin so froh, dass wir sie in Österreich haben.

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Wer will hier Frieden? https://ansch.4lima.de/wer-will-hier-frieden/ https://ansch.4lima.de/wer-will-hier-frieden/#respond Tue, 17 Jun 2025 14:12:15 +0000 https://anschlaege.at/?p=128002 Ukraine-Krieg und Aufrüstungspolitik spalten progressive Kräfte. Muss der Pazifismus unter allen Umständen hochgehalten werden? Von BRIGITTE THEISSL In Kriegsnarrativen werden Frauen oft als Opfer dargestellt. In Wirklichkeit spielen sie aber auch eine Schlüsselrolle in den Widerstandsbewegungen.« Widerständig, so sehen sich auch die ukrainischen Feministinnen hinter dem Manifest „The right to resist“, das sie im Sommer […]]]>

Ukraine-Krieg und Aufrüstungspolitik spalten progressive Kräfte. Muss der Pazifismus unter allen Umständen hochgehalten werden? Von BRIGITTE THEISSL

In Kriegsnarrativen werden Frauen oft als Opfer dargestellt. In Wirklichkeit spielen sie aber auch eine Schlüsselrolle in den Widerstandsbewegungen.« Widerständig, so sehen sich auch die ukrainischen Feministinnen hinter dem Manifest „The right to resist“, das sie im Sommer 2022 veröffentlichten. Vier Monate liegt der Überfall Russlands auf die Ukraine zu diesem Zeitpunkt zurück, Putin hat seine Truppen bereits aus dem Großraum Kiew abgezogen. Der ukrainische Widerstand ist stark, es zeichnet sich ab, dass der Krieg ein langer werden könnte.

„The right to resist“ ruft Feministinnen weltweit dazu auf, den Kampf gegen den russischen Aggressor und für die Wahrung der Menschenrechte zu unterstützen.
Es sei ein Kampf für einen „gerechten Frieden“, der auf der „Selbstbestimmung des ukrainischen Volkes“ beruhe, „sowohl in den von der Ukraine kontrollierten Gebieten als auch in den vorübergehend besetzten Gebieten, in denen die Interessen von Arbeiter*innen, Frauen, LGBTIQ+-Personen, ethnischen Minderheiten und anderen unterdrückten und diskriminierten Gruppen berücksichtigt werden.“ Dieses Recht auf Selbstverteidigung, so formulieren es die Autorinnen, schließe auch die Verteidigung mit Waffengewalt mit ein.
Das Manifest, publiziert auf „Commons“, einem linken ukrainischen Medienportal, erscheint nicht aus heiterem Himmel. Es ist eine Reaktion auf ein vorangegangenes Papier, das viele ukrainische Feministinnen vor den Kopf gestoßen hat. „Feminist Resistance Against War – A Manifesto“ richtete sich im März an eine globale Öffentlichkeit – unterzeichnet von einer ganzen Reihe prominenter Feministinnen: US-Philosophin Nancy Fraser etwa, ihre Kollegin Cinzia Arruza oder die argentinische Aktivistin und Wissenschafterin Luci Cavallero. „Wir fordern eine mutige Neuausrichtung der Situation, um die von Russland initiierte und von der NATO unterstützte militaristische Spirale zu durchbrechen“, schreiben die Unterstützerinnen. Krieg, so ist darin zu lesen, sei unvereinbar mit den Werten und Zielen einer feministischen Bewegung: „Wir stehen für Frieden, Koexistenz der Völker und eine demokratische Lösung von Konflikten.“
Dass es für Krieg keine feministischen Mehrheiten gibt, darüber müssen wohl nicht erst Debatten geführt werden. Für die ukrainischen Feministinnen, die das „right to resist“ einfordern, ist er aber Alltag. „Unser Eindruck ist, dass feministische Theorien und Positionen benutzt werden, um eine Ablehnung des ukrainischen Widerstands zu kaschieren“, sagt Oksana Dutchak, eine der Initiatorinnen, im Interview mit Medico International. Einen Dialog mit Aktivist:innen in der Ukraine habe es nicht gegeben, kritisiert Dutchak, unter den Unterstützerinnen des Anti-Kriegs-Manifests findet sich keine einzige. „Was hat es mit Feminismus zu tun, andere über eine Situation zu belehren, von der man selbst nicht betroffen ist?“, fragt sie.

„Moralisch überlegen“. Drei Jahre liegt die Veröffentlichung der beiden Manifeste inzwischen zurück, der zentrale Konflikt aber ist nach wie vor brandaktuell. Die weltpolitische Lage hat sich deutlich zugespitzt: In Washington regiert nicht mehr Joe Biden, sondern ein unberechenbarer Faschist, in Europa stellt sich die Frage, ob die USA noch ein Verbündeter ist. Welche Strategie muss eine feministische Friedensbewegung nun verfolgen – und hält ein abstrakter Pazifismus den realpolitischen Anforderungen stand?
„Ich sehe feministische Friedenspolitik nicht als eine pazifistische Haltung. Ich glaube an das Recht der unterdrückten Völker auf Widerstand“, sagt Selin Cagatay im an.schläge-Interview. Cagatay ist interdisziplinäre Forscherin an der Central European University in Wien und hat das Manifest der Ukrainerinnen unterzeichnet. Weil sie sich solidarisch zeigen und auch ein Zeichen setzen wollte, sagt sie, gegen das Anti-Kriegs-Manifest, das „eine moralisch überlegene Position“ formuliere, während es „nichts Konkretes über die Lebensrealitäten der Menschen im Krieg“ aussage. Der Nato-Politik stehe sie selbst sehr kritisch gegenüber, betont Cagatay, aber eine Initiative, die russischen Imperialismus nicht als Problem sehe, könne sie nicht unterstützen.
Mit ihrer Absage an den Pazifismus vertritt Cagatay innerhalb – linker – feministischer Bewegungen keinen besonders populären Standpunkt. Auch wenn Feministinnen eine Marginalisierung friedenspolitischer Positionen innerhalb des Feminismus beklagen – die Opposition zu Krieg und Gewalt, zu Waffen und Rüstungsindustrie ist geradezu in seine DNA eingeschrieben und historisch gut begründet.
Eine Debatte zu realpolitischen Verhältnissen, die über Appelle an eine Friedenssicherung hinausgehen, macht das jedoch bisweilen schwierig.
Der Friedensbegriff selbst ist indes seit Jahren auf politischer Bühne heiß umkämpft. Es sei „verstörend“, dass der „einzige laut zu vernehmende Friedensdiskurs“ von rechts komme, sagt Zeithistorikerin Lucile Dreidemy im Interview mit „Tagebuch“ – und kritisiert die gegenwärtige Aufrüstungspolitik ebenso wie ein Infragestellen der österreichischen Neutralität scharf.

Braune Friedenstaube. Tatsächlich gerieren sich Rechte neuerdings als friedensbewegt. „Echte Friedenspolitik gibt es nur mit der FPÖ!“, postete Parteichef Herbert Kickl vergangenen Herbst auf Facebook und erinnerte an „wichtige Persönlichkeiten“ in der Geschichte, die die Welt vor einer Katastrophe bewahrt hätten. Einreihen will sich dort ausgerechnet jene FPÖ, die 2016 einen Freundschaftsvertrag mit Putins Partei „Einiges Russland“ schloss.
Mit Friedenstaube auf dem Profilfoto inszeniert sich indes auch Björn Höcke im Frühjahr 2022: „Die Kriegsrhetorik auf allen regierungsnahen Medien ist unerträglich geworden. Der Krieg in der Ukraine ist schrecklich — aber es ist nicht unser Krieg!“, so der nationalistische Pseudo-Pazifismus der Marke AfD, der auch auf Stimmenmaximierung setzt. Auch abseits der Sympathien für den russischen Autoritarismus, der Frauen- und LGBTIQ-Rechte mit Füßen tritt, kommt nationaler Egoismus schließlich gut an unter den Wähler:innen – wie nicht zuletzt Trump mit seinem Schwenk hin zu einer nicht-interventionistischen „America first“-Politik demonstrierte.

Grüne Bewaffnung. Auf der anderen Seite haftet indes ausgerechnet den deutschen Grünen das Image der kriegslüsternen Partei an. Alice Schwarzer, die gemeinsam mit Sahra Wagenknecht mit ihrem „Friedensappell“ durchs Land zieht, bezeichnete Annalena Baerbock in einem Interview mit der „NZZ“ als „Kriegsministerin“. Tatsächlich unterstützten 72 Prozent der Grünen-Anhänger:innen im Frühjahr 2022 die Lieferung schwerer Waffen in die Ukraine – mehr als in jeder anderen Partei. Das mag überraschen angesichts der Bilder von Friedensmärschen und Anti-­Atom-Aufnähern, die immer noch eng verbunden sind mit der Öko-Partei. Tatsächliche Pazifist:innen (wie etwa Petra Kelly) hätten jedoch stets nur eine Minderheit gestellt, sagt Ralf Fücks dazu in der „ZEIT“. Unterstützung für Freiheitskämpfe und den gewaltsamen Widerstand gegen Diktaturen habe es hingegen immer gegeben, so formuliert es der 2024 aus dem Bundestag ausgeschiedene Jürgen Trittin. Wenn Russland nicht besiegt wird, wird Putin auch vor den baltischen Staaten nicht Halt machen, so die Befürchtung.

DRITTER Weltkrieg? In der Linken wird freilich scharfe Kritik geübt am Kurs der Grünen. Nichts fürchte Außenministerin Baerbock mehr als die Kriegsmüdigkeit, sagt Ingar Solty, Referent für Friedens- und Sicherheitspolitik am Institut für Gesellschaftsanalyse der Rosa-­Luxemburg-Stiftung, in einem Vortrag im November 2022.
„Jeder Krieg in der Geschichte hat die Linke gespalten“, sagt Solty, und spielt in dreißig Minuten zentrale Konflikte seit 1914 durch. Seine Kritik gilt einer „individuellen, an Menschenrechten orientierten, moralischen“ Sicht auf Krieg, dem gegenüber stehe eine friedens- und sicherheitspolitische Perspektive. Wenn Deutschland und Europa sich nicht für Verhandlungen statt für Waffenlieferungen einsetzen, warnt Solty, bestehe die Gefahr, wie einst 1914 „in einen dritten Weltkrieg schlafzuwandeln.“ Die Aufrüstung geschehe aus wirtschaftlichen Interessen, die vermeintliche Bedrohung durch Putins Politik für ganz Europa ist für Solty hingegen vorrangig ideologische Angstmacherei.
„Trump nach Telefonat mit Putin: Kein sofortiger Frieden“, so die Schlagzeile Anfang Juni, die fast schon zynisch anmutet. Während uns Militärexperten im Frühjahr 2022 täglich in Kriegsstrategie schulten, ist der Ukrainekrieg inzwischen in den Hintergrund gerückt – zumindest die Geschichten der Getöteten, Verletzten, Geflüchteten. Laut Schätzungen westlicher Geheimdienste wurden bisher bis zu 100.000 ukrainische Soldat:innen getötet. Auf der russischen Seite geht ein Nato-Beamter von rund 250.000 Toten aus. Sich als Feminist:innen darauf zurückzuziehen, dass das Militär als patriarchale Institution abzulehnen sei, wird schlichtweg nicht reichen.

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Interview: Drei Kommandantinnen der kurdischen Frauenmiliz YPJ sprechen über das Fortwirken der IS-Ideologie und die Situation in Syrien nach dem Sturz von Langzeitdiktator Baschar al-Assad.

Es war die kurdische Frauenmiliz YPJ, die den Sieg gegen die Terrororganisation Islamischer Staat (IS) errang. Neben militärischer Verteidigung kämpft die YPJ (Yekîneyên Parastina Jin, „Frauenverteidigungseinheiten“), die 2013 in Rojava (Nordostsyrien) gegründet wurde, für Frauenrechte und gegen patriarchale Strukturen. Durch ihre einzigartige Verbindung von bewaffnetem Widerstand mit feministischer Gesellschaftspolitik gilt sie weltweit als Symbol für Frauenbefreiung. Drei YPJ-Kommandantinnen* erzählen im Interview vom Fortwirken der IS-Ideologie, den Herausforderungen der IS-Camps und Frauenrechten in Syrien nach dem Sturz von Langzeitdiktator Baschar al-Assad. Von Judith Götz

an.schläge: Die YPJ hat eine bedeutende Rolle in der Bekämpfung von Daesh1, wie der IS auch bezeichnet wird, eingenommen. Wie bewerten Sie die Lage, seit dieser besiegt wurde?
Lana Hisen: Daesh ist noch immer erfolgreich – nicht militärisch, aber ideologisch. Dass wir ihn besiegen konnten, ist international bekannt, auch wenn es niemand laut sagt: Weder nationale Armeen noch Staaten haben diese Aufgabe geschafft. Das waren wir und wir tun es weiter. Denn solange diese Mentalität weiter existiert, bleibt sie eine Gefahr für alle – insbesondere Frauen, Kurd*innen, Jesid*innen, demokratische Kräfte.
Die eigentliche Gefahr ist die ungebrochene Radikalität. Selbst die 2014 gegründete Anti-IS-Koalition, der sich zahlreiche Staaten angeschlossen haben, konnte das nicht stoppen. Warum? Weil ihr Handeln widersprüchlich ist: Einerseits bekämpft man den Terror, andererseits lässt man zu, dass Regime wie das von Assad oder Gruppen wie die HTS2, die nun Syrien regiert, an der Macht bleiben oder an die Macht kommen. Manche Kräfte nutzen den „Kampf gegen den IS“ nur für eigene Interessen. In Nordostsyrien haben wir bewiesen, dass es anders geht: Unser Projekt der Demokratischen Nation vereint Kurd*innen, Araber*innen, Armenier*innen, Assyrer*innen – trotz unterschiedlicher Sprachen und Kulturen. Während in den letzten Monaten im Süden Syriens Massaker und Chaos herrschten, bleibt unser Gebiet stabil. Das ist kein Zufall: Wo Menschen gleichberechtigt zusammenleben, breitet sich Hass nicht so einfach aus.

In Nordostsyrien gibt es nach wie vor Gefangenenlager, in denen zigtausende IS-Kämpfer*innen festgehalten werden – darunter viele ausländische Jihadist*innen, deren Familien und Kinder. Europa scheint Rojava mit diesem Problem weitgehend alleine zu lassen. Könnten Sie konkret beschreiben, mit welchen Herausforderungen Sie in den IS-Camps täglich konfrontiert sind?
Viyan Adar: Unsere Hauptaufgabe ist jetzt, mit der internationalen Koalition die Rückführung von IS-Familien zu organisieren. Doch schon die Herkunftsbestimmung ist schwierig: Frauen machen falsche Angaben. Ein weiteres Problem ist, dass europäische Staaten nur Kinder zurückholen wollen, nicht die Mütter. Für uns ist diese Trennung unethisch – aber die Verhandlungen ziehen sich über Jahre. Jeder Besuch in den Camps ist lebensgefährlich. Ich selbst wurde mit einem Messer angegriffen; meine Kollegin verletzt. Was wir in diesen Camps erleben, ist die Fortsetzung des IS-Terrors durch seine Ideologie. Kinder – manche erst vier Jahre alt – lernen nicht spielen oder malen, sondern das Köpfen von Puppen. Als wir eine Operation im Camp gemacht haben, hat ein vierjähriges Kind den Finger hochgehalten und gezeigt „Wir werden euch alle köpfen“. Wir haben aber auch miterlebt, dass Kinder zu uns gerannt kommen und sagen: „Nimm mich mit“, „Schütz uns vor dem Grauen“.
Im Frauencamp wollen die Gefangenen weiterhin Kinder bekommen, um so die Zukunft des Islamischen Staates zu sichern. Dort gibt es eigentlich keine Männer, aber sie benutzen sogar Müllarbeiter, die ins Camp kommen, oder auch die männlichen Kinder, um neue Kämpfer zu zeugen. Wir haben daher entschieden, die zwölf bis 13-jährigen Jungen von dort wegzubringen – in einen anderen Bereich. Die Frauen verstecken jetzt die Kinder vor uns, bringen sie jeden Abend in ein anderes Zelt. Sie glauben, dass sie etwas Heiliges, etwas Gutes tun und damit Daesh unterstützen. Das ist die größte Ungerechtigkeit den Kindern gegenüber. Die internationalen Organisationen, die die Kinderrechte verteidigen, müssten alles auf den Kopf stellen, um das zu verhindern. Aber die internationale Gemeinschaft schaut weg. Jeder Tag, der vergeht, ist ein weiterer Tag, an dem eine neue Generation im Namen von Daesh vergiftet wird.

In Syrien hat sich in den letzten Monaten einiges getan. Mazlum Abdi, der Anführer des Militärbündnisses der kurdischen Volksverteidigungseinheiten in Nord- und Ostsyrien SDF (Syrian Democratic Forces) hat im März mit dem islamistischen neuen Präsidenten Syriens, Ahmed al-Scharaa, ein Rahmenabkommen mit mehreren Bestimmungen zur Zukunft Syriens unterzeichnet, allerdings ohne die weibliche Co-Vorsitzende der Selbstverwaltung einzubeziehen und ohne jegliche Erwähnung von Frauenrechten. Wie erklärt die YPJ diesen Widerspruch zu ihren eigenen Prinzipien der paritätischen Demokratie? Sehen Sie darin ein bewusstes Zurückdrängen feministischer Errungenschaften zugunsten realpolitischer Kompromisse?
Viyan Adar: Natürlich wurde das kritisiert. Aber wir können uns nicht an allem festklammern. Nicht alles ist entweder richtig oder falsch – nicht alles ist schwarz oder weiß. Es kann nicht immer alles genau so laufen, wie wir es uns vorstellen. Es ist wichtig, irgendwo anzufangen. Wenn man versucht, alles von Beginn an perfekt umzusetzen, besteht die Gefahr, dass am Ende gar nichts passiert. Eines ist für uns aber klar: Wenn unsere Rechte als Frauen nicht anerkannt werden, dann werden wir diesen Weg nicht mitgehen. Solange Frauenmörder wie Abu Hatem Shaqra, Anführer der Jihadistenmiliz, die 2019 die kurdische Politikerin Hevrîn Xelef ermordete, in der Regierung sitzen, können wir als YPJ nicht einfach mitmachen. Erst wenn die Verfassung Frauenrechte garantiert und solche Mörder zur Rechenschaft gezogen werden, ist eine echte Zusammenarbeit möglich. Alles andere wäre Verrat an unseren Prinzipien.
Aber das hier war ein erster Schritt. Diese Vereinbarung soll Syrien endlich Demokratie bringen. Dafür kämpfen wir seit Jahren, schon unter Assad. Jetzt werden Komitees eingerichtet, in denen die einzelnen Punkte konkret verhandelt werden. Erst dann können wir über die Details sprechen. Aber bevor wir als Frauen etwas unterzeichnen, müssen diese Punkte genau und gemeinsam diskutiert werden. Das ist entscheidend – auch um die Errungenschaften der Frauenbewegung zu schützen.

Die neue syrische Regierung strebt die Integration verschiedener bewaffneter Gruppen in eine nationale Armee an. Ziel ist es, alle Milizen aufzulösen und ihre Kämpfer dem Verteidigungsministerium zu unterstellen, um die staatliche Kontrolle über das gesamte Land wiederherzustellen. Ist das auch für die YPJ möglich und könnten Sie sich vorstellen, unter den Voraussetzungen mit HTS-Kämpfern – die Frauenrechte wie auch Frauen im Militär ablehnen – gemeinsam zu operieren?
Beritan: Als YPJ – nicht nur persönlich, sondern als gesamte Einheit – können wir uns das nicht vorstellen. Die Ideologie der HTS schließt Frauen aus. Klar können wir jetzt sagen, vielleicht gibt es die Möglichkeit, dass sich das verändert. Aber die ist sehr klein. Die patriarchale Mentalität, die auch der HTS vertritt, ist unser größter Feind. Unser Kampf heute wird nicht mit Waffen geführt, sondern in den Köpfen. Und diesen Kampf werden wir entschlossen weiterführen. Wir führen diesen Kampf nicht nur für Kurd*innen, Nordostsyrien, Syrien, sondern insgesamt für die ganze Welt. Die patriarchale Mentalität gibt es schließlich überall und in allen Staaten. Wichtig ist jetzt, dass sich Frauen in ganz Syrien – nicht nur die YPJ – zusammenschließen. Wir sind nur ein Teil dieser Bewegung. Aber wir akzeptieren weder die HTS-Ideologie noch ihre Verfassung. Wir werden mit dieser Mentalität keinen Tag und keine Stunde leben.

Judith Götz ist Politikwissenschaftlerin und war Teil einer Solidaritätsdelegation aus Österreich, die Anfang April 2025 nach Rojava reiste und dort neben vielen anderen Frauenorganisationen auch Vertreterinnen der YPJ zum Gespräch traf.

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Feminist Superheroine: Mary Ann Shadd Cary https://ansch.4lima.de/feminist-superheroine-mary-ann-shadd-cary/ https://ansch.4lima.de/feminist-superheroine-mary-ann-shadd-cary/#respond Tue, 17 Jun 2025 14:12:01 +0000 https://anschlaege.at/?p=128039 Mary Ann Shadd Cary (*1823) war eine amerikanisch-kanadische Aktivistin, die ihr Leben dem Kampf für Frauenrechte, für die Abschaffung der Sklaverei und die Rechte der afroamerikanischen Bevölkerung widmete. Aufgrund des Unterrichtsverbotes für Schwarze Kinder in ihrer Heimat Delaware zog ihre Familie nach Pennsylvania. Mit 16 Jahren kehrte Mary Ann Shadd Cary zurück und organisierte eine […]]]>

Mary Ann Shadd Cary (*1823) war eine amerikanisch-kanadische Aktivistin, die ihr Leben dem Kampf für Frauenrechte, für die Abschaffung der Sklaverei und die Rechte der afroamerikanischen Bevölkerung widmete. Aufgrund des Unterrichtsverbotes für Schwarze Kinder in ihrer Heimat Delaware zog ihre Familie nach Pennsylvania. Mit 16 Jahren kehrte Mary Ann Shadd Cary zurück und organisierte eine Schule für Schwarze Schüler:innen. In den Folgejahren lehrte sie an diversen Schulen und begann auch journalistisch zu arbeiten. Shadd schloss sich den US-amerikanischen Suffragetten an und gab 1853 erstmalig ihre Zeitung The Provincial Freeman heraus. Damit wurde sie zur ersten weiblichen Schwarzen Herausgeberin und Verlegerin in Nordamerika und eine Pionierin der „Black Press“, eigenen Medien, die Schwarzen eine Stimme in ihrem Kampf für Gleichheit und Gerechtigkeit gaben. Shadd erlangte außerdem als eine der ersten Schwarzen Frauen einen Abschluss in Rechtswissenschaften. [chk]

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Am Zug https://ansch.4lima.de/am-zug/ https://ansch.4lima.de/am-zug/#respond Tue, 17 Jun 2025 14:11:50 +0000 https://anschlaege.at/?p=128043 Lea SusemichelKommentar: Eine nächtliche Zugfahrt wird zum antifeministischen Albtraum – bei Tageslicht betrachtet, ist die politische Lage kaum besser. Von LEA SUSEMICHEL „F*tzen, verlogene Schl*mpe … verf*cktes Maul gestopft … tot gef*ckt …“Bei einer nächtlichen Zugfahrt im Großraumabteil werde ich von einem durch den Wagen dröhnenden Schwall brutaler sexistischer Tiraden geweckt. Im ersten schlaftrunkenen Moment glaube […]]]> Lea Susemichel

Kommentar: Eine nächtliche Zugfahrt wird zum antifeministischen Albtraum – bei Tageslicht betrachtet, ist die politische Lage kaum besser. Von LEA SUSEMICHEL

„F*tzen, verlogene Schl*mpe … verf*cktes Maul gestopft … tot gef*ckt …“
Bei einer nächtlichen Zugfahrt im Großraumabteil werde ich von einem durch den Wagen dröhnenden Schwall brutaler sexistischer Tiraden geweckt. Im ersten schlaftrunkenen Moment glaube ich, ich höre eine gehackte Lautsprecherdurchsage. Es ist stattdessen eine Gruppe besoffener Typen, die gemeinsam in voller Lautstärke ein Video anschaut. Meine beiden Kinder schlafen einige Meter davon entfernt, viele andere Leute sind wach – doch niemand sagt oder tut etwas, bis ich selbst aufstehe und die Männer auffordere, das Handy auszuschalten.
Meine ungeschützt schlafenden Kinder, die Gedankengespenster, die der „Mind after Midnight“ produziert – tagsüber hätte mich ein ähnlicher Vorfall vielleicht weniger mitgenommen. Aber in den folgenden Stunden zwischen München und Wien schwanke ich zwischen blutigen Rache-Fantasien, in denen ich die Typen aus dem fahrenden Zug prügle, und dem angsterfülltem Ausmalen der antifeministischen Apokalypse, in dem so eine Männermeute bald schon nicht mehr das Video ausschalten könnte, wenn sie dazu aufgefordert werden, sondern mich stattdessen überwältigt, während der Rest der Menschen im Waggon wegschaut oder weiterschläft.
Ich habe gerade erlebt, wie schnell die Brutalität und der Hass von Typen wie Andrew Tate in die analoge Realität einbrechen kann. Wie fragil womöglich all das ist, was Feminist*innen in den letzten Jahrzehnten erkämpft haben und für einigermaßen gesichert hielten. Wie furchterregend schnell die Normalisierung des frauenverachtenden politischen Backlash vonstattengeht, den wir gerade erleben.
„Was #MeToo a movement or a moment?“, fragt die Autorin Xochitl Gonzalez im „Atlantic”. In ihrem Kommentar über „Diddy’s Defenders“ erinnert sie daran, was Sean „Diddy“ Combs vorgeworfen wird, der in den USA gerade vor Gericht steht: rohe, sexualisierte Gewalt, von deren expliziter Beschreibung ich im Zug geweckt wurde. Es gibt zig Vergewaltigungsvorwürfe gegen den US-Rapper, Zeugenaussagen für die Todesdrohungen, die er ausgesprochen haben soll, Fotos seiner Waffen. Verstörende Videobeweise wurden im Prozess vorgespielt, die zeigen, wie er seine Ex-Freundin Cassie Ventura durch einen Hotelflur zerrt, auf sie einprügelt und eintritt, als sie bereits am Boden liegt. Dennoch wird er von vielen verteidigt, nicht trotz, sondern gerade wegen dieser Gewaltexzesse und seiner aggressiven Hypermaskulinität, glaubt Gonzalez. Ihre These ist bestürzend plausibel, schließlich wird auch die Gewaltverherrlichung zahlreicher maskulinistischer Influencer auf Social Media von hunderttausenden männlichen Jugendlichen gefeiert. Junge Männer, die im Zug Gewaltpornos schauen, vielleicht auch Musks Hitlergruß edgy und cool finden und in ihrer Generation mit rechtskonservativen bis rechtsextremen Ansichten zur Mehrheit zu werden drohen.
Donald Trump, selbst wegen sexueller Gewalt verurteilt, denkt laut über eine Begnadigung Diddys nach – aus demselben Grund, aus dem er die „Proud Boys“ nach dem Sturm aufs Kapitol wieder freigelassen hat: Weil es viele seiner Wähler glücklich macht.

Dass Gérard Depardieu trotz Schuldspruchs von seinen Anhänger:innen als vermeintlich eigentliches Opfer bedauert oder Kevin Spacey in Cannes für sein Lebenswerk geehrt wird, ist also genau wie die grausigen Kommentare zum Diddy-Prozess bloß der logische popkulturelle Ausdruck einer globalen politischen Entwicklung. Denn die neuen Faschisten sind die alten Antifeministen. Wenn der argentinische Präsident Javier Milei in Davos den „Kampf gegen Wokeness“ ausruft, bedient er damit eine global erfolgreiche ideologische Agenda, die für erschreckend viele anschlussfähig ist. Sie bleibt nicht folgenlos, sondern übersetzt sich allerorten unmittelbar in einen Anstieg von männlicher rechter Gewalt gegen Minderheiten. Aggressiver Antifeminismus bildet dabei nicht zufällig den ideologischen Kern dieses neuen Autoritarismus. Mit der Behauptung, dass Wokeness längst in Tyrannei umgeschlagen sei und ihr deshalb entschlossen entgegengetreten werden müsse, lässt sich schließlich auch im linken Lager Wahlkampf machen. Doch wer Rechtspopulismus nachhaltig bekämpfen will, muss im Gegenteil die uralte Misogynie ausmerzen, die eines seiner zentralen Fundamente bildet. Und alles daransetzen, dass #MeToo nicht nur ein Moment gewesen sein wird. Dazu gehört unbedingt auch im Zug – und überall sonst – aufzustehen, wenn Sexisten laut werden.

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